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Kirmes Spezial 2 Schausteller und Volksfeste der DDR (Vorschau)

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SONDERBAND DER KIRMES & PARK REVUE<br />

€ 9,90<br />

SCHAUSTELLER UND VOLKSFESTE DER <strong>DDR</strong>


IMPRESSUM<br />

<strong>Kirmes</strong> Special<br />

erscheint bei<br />

■ Gemi Verlags GmbH<br />

Pfaffenhofener Straße 3<br />

85293 Reichertshausen<br />

Tel.: 0 84 41/40 22-0<br />

Fax: 0 84 41/718 46<br />

Internet: www.kirmesparkrevue.de<br />

eMail: info@gemiverlag.de<br />

■ Verlagsleiter<br />

Gerd Red<strong>der</strong>sen, Rudolf Neumeier<br />

■ Redaktion<br />

Rolf Orschel<br />

■ Titel<br />

Andrea Höhne<br />

■ Lithos, Satz & Herstellung<br />

Markus Westner<br />

Grafischer Betrieb<br />

■ Druck<br />

Kössinger AG, Schierling<br />

■ Vertrieb<br />

Gerd Red<strong>der</strong>sen<br />

■ Titelfotos<br />

Archive: Franzelius, Seiferth, Winkler, Eckermann<br />

Heiko Schimanzik, Rolf Orschel<br />

■ Fotos Rückseite <strong>und</strong> unten<br />

Archiv H. Sachs, Archiv Hartmann,<br />

■ Textbeiträge<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue, Ausgaben 1 - 110.<br />

Die Originalbeiträge mit Autorenbenennung sind<br />

in den einzelnen Kapiteln jeweils unter „Quelle”<br />

genannt.<br />

■ ISBN-Nummer<br />

3-9808913-5-6


EDITORIAL<br />

Diese zweite Ausgabe des <strong>Kirmes</strong> Special<br />

widmet sich ausschließlich <strong>der</strong> <strong>Kirmes</strong>- <strong>und</strong><br />

<strong>Schausteller</strong>szene eines Landes, das es seit nunmehr<br />

16 Jahren gar nicht mehr gibt: <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>.<br />

Regelmäßig haben wir in <strong>der</strong> <strong>Kirmes</strong> Revue über<br />

einzelne Fahrgeschäfte <strong>und</strong> Belustigungen, Beson<strong>der</strong>heiten<br />

<strong>und</strong> Kuriositäten aus <strong>der</strong> <strong>Kirmes</strong>szene<br />

des selbsternannten ehemaligen „Arbeiter<strong>und</strong><br />

Bauernstaates“ berichtet. Die interessantesten<br />

Stories sind in diesem Son<strong>der</strong>band, teilweise<br />

ergänzt <strong>und</strong> aktualisiert, noch einmal zusammengefasst.<br />

Darüber hinaus wurde eine Vielzahl von<br />

bisher unveröffentlichten Fakten <strong>und</strong> Daten, Fotos<br />

<strong>und</strong> Dokumenten zusammengetragen, die das<br />

Gesamtbild über 40 Jahre <strong>Schausteller</strong>geschichte<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> erweitern, ergänzen <strong>und</strong> bei den unmittelbar<br />

Beteiligten wohl manche Erinnerungen<br />

wecken werden.<br />

Bei <strong>der</strong> Auswahl <strong>und</strong> Konzeption für diesen Son<strong>der</strong>band<br />

wurde ein Schwerpunkt auf den gesellschaftlichen<br />

Stellenwert sowie die tatsächlichen<br />

Arbeits- <strong>und</strong> Lebensbedingungen <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

innerhalb <strong>der</strong> sozialistischen Gesellschaft <strong>und</strong><br />

des Herrschaftssystems <strong>der</strong> SED gelegt. Daneben<br />

werden neben den in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisenden „Standard“-Geschäften<br />

auch bemerkenswerte Eigenbauten<br />

vorgestellt. Weiter wird an die in den fünfziger<br />

Jahren noch in großer Vielfalt reisenden<br />

Schaubuden erinnert. Für das Kapitel „Anhang“<br />

wurden einige typische Volksfestplakate aus den<br />

fünfziger Jahren, Dias für die Kinowerbung <strong>und</strong><br />

Anzeigen von <strong>Schausteller</strong>betrieben ausgewählt,<br />

die in Verbindung mit den abgebildeten Fotos in<br />

den einzelnen Kapiteln ein möglichst realistisches<br />

Bild des <strong>Schausteller</strong>gewerbes in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> vermitteln<br />

sollen.<br />

Obwohl bisher in noch keinem Medium so umfassend<br />

über dieses Thema berichtet <strong>und</strong> die Geschichte<br />

aufgearbeitet wurde, erhebt <strong>der</strong> vorliegende<br />

<strong>Kirmes</strong> Special-Band keinen Anspruch auf<br />

Vollständigkeit. Einige wichtige Aspekte konnten<br />

aus Platzgründen nur am Rande erwähnt werden.<br />

An<strong>der</strong>e, zu denen keine exakten Informationen<br />

<strong>und</strong>/o<strong>der</strong> Fotos beschafft werden konnten, wurden<br />

nicht explizit erwähnt.<br />

Zu guter Letzt: Herzlichen Dank an alle <strong>Schausteller</strong>,<br />

Marktmeister <strong>und</strong> Redaktionskollegen, die mir<br />

bei meinen Recherchen halfen, Informationen <strong>und</strong><br />

Fotos zur Verfügung stellten <strong>und</strong> somit diesen Son<strong>der</strong>band<br />

erst möglich machten.<br />

Rolf Orschel<br />

3


INHALT<br />

NACHKRIEGSZEIT<br />

SOWJETISCHE BESATZUNGSZONE . . . . . . . . . . . . . . 6<br />

SPALTUNG DEUTSCHLANDS. . . . . . . . . . . . . . . . . 12<br />

SCHAUSTELLER IN DER <strong>DDR</strong><br />

FÜNFZIGER JAHRE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14<br />

SECHZIGER JAHRE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20<br />

SIEBZIGER JAHRE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26<br />

ACHTZIGER JAHRE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30<br />

REISELEBEN<br />

GEWERBESCHEIN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37<br />

ALLTAG DER SCHAUSTELLER. . . . . . . . . . . . . . . . . 38<br />

SCHAUSTELLERGEHILFEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42<br />

LOGISTIK<br />

BAHNVERLADUNG. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46<br />

ZUGMASCHINEN. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48<br />

WOHN- UND PACKWAGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . 58<br />

SCHAUSTELLERISCHES VERGNÜGUNGSANGEBOT<br />

ÜBERSICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64<br />

SCHAUBUDEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66<br />

RAKETENFAHRT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68<br />

SPINNE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69<br />

BERG- & TALBAHN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70<br />

WALZERFAHRT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73<br />

SCHLICKERBAHN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76<br />

4


KETTENFLIEGER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78<br />

RIESENRÄDER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80<br />

AUTOSKOOTER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82<br />

INHALT<br />

EIGENBAUTEN<br />

HALLE-SAALE-SCHLEIFE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84<br />

KOSMOPLANE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85<br />

DISNEY-JET. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86<br />

VENUS CLIPPER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88<br />

FLYER. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90<br />

WIKINGER . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92<br />

SPACE JET . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94<br />

CALYPSO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94<br />

KLIMBIM . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95<br />

SAFARI-EXOTIK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95<br />

GONDELN UND CHAISEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96<br />

DIVERSE GESCHÄFTE IM ÜBERBLICK<br />

REIHENGESCHÄFTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98<br />

LAUFGESCHÄFTE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100<br />

GEISTERBAHNEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101<br />

KINDERGESCHÄFTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102<br />

VEB-GESCHÄFTE<br />

STAATSZIRKUS . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104<br />

PLÄNTERWALD. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108<br />

ANHANG<br />

PLAKATE. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111<br />

WERBUNG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112<br />

5


NACHKRIEGSZEIT<br />

Bescheidener Neuanfang<br />

auf dem Magdeburger<br />

Domplatz nach dem Krieg<br />

FOTOS<br />

Archiv VSG Magdeburg,<br />

Archiv Orschel<br />

Inmitten von Ruinen:<br />

ein Weihnachtsmarkt in Berlin<br />

SOWJETISCHE BESATZUNGSZONE<br />

Deutschland im Mai 1945: Nach <strong>der</strong> bedingungslosen<br />

Kapitulation Hitlerdeutschlands <strong>und</strong> <strong>der</strong> Stationierung<br />

des Alliierten Kontrollrates wurde das Land<br />

in eine britische, französische, amerikanische <strong>und</strong> sowjetische<br />

Besatzungszone eingeteilt. In <strong>der</strong> sowjetischen<br />

Besatzungszone (SBZ), die aus den Län<strong>der</strong>n<br />

Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen <strong>und</strong> Thüringen<br />

sowie <strong>der</strong> Provinz Sachsen gebildet wurde, betrieben<br />

die Russen zunächst eine Politik des wirtschaftlichen<br />

Kahlschlags. Ohne einen effektiven Nutzen zu erzielen,<br />

wurden die meisten noch existierenden Betriebe<br />

<strong>und</strong> Gleise <strong>der</strong> Deutschen Reichsbahn demontiert <strong>und</strong><br />

als Reparationsleistungen in die Sowjetunion transportiert.<br />

Da bis zum Sommer 1953 komplette Betriebe,<br />

Lokomotiven, Lastkraftwagen, Unmengen von Material<br />

<strong>und</strong> wertvoller Stahlschrott im Gesamtwert von<br />

15,8 Milliarden Dollar abtransportiert wurden, betitelte<br />

die Bevölkerung damals die SBZ <strong>und</strong> spätere <strong>DDR</strong><br />

sarkastisch als „Deutsche Demontierte Republik“. Kurioserweise<br />

blieben aber die Geschäfte <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

unbehelligt, da die Russen mit den Karussells<br />

<strong>und</strong> Buden nichts anfangen konnten. Dennoch<br />

war die Situation des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

nach dem Krieg ziemlich hoffnungslos, da es sich,<br />

wie <strong>der</strong> Rest <strong>der</strong> Bevölkerung, erst einmal von den<br />

schlimmsten Kriegsfolgen erholen musste. Die Zeit<br />

unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war für<br />

die <strong>Schausteller</strong>betriebe durch schwierigste<br />

Aufbauarbeit gekennzeichnet, da <strong>der</strong> Krieg das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe bis ins Mark erschüttert hatte.<br />

Viele <strong>Schausteller</strong>, die für Führer, Volk<br />

<strong>und</strong> Vaterland in den Krieg ziehen mussten,<br />

befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft.<br />

An<strong>der</strong>e hatten als Totalkriegsgeschädigte<br />

ihre Heimat verloren <strong>und</strong> mussten<br />

sich ohne Hab <strong>und</strong> Gut irgendwie<br />

durchschlagen. Obwohl die <strong>Schausteller</strong><br />

ihre Geschäfte größtenteils versteckt hatten,<br />

wurden durch Kriegseinwirkungen viele<br />

Karussells <strong>und</strong> Frontgeschäfte zerstört.<br />

Die meisten Festplätze glichen Schlachtfel<strong>der</strong>n<br />

o<strong>der</strong> Schutthalden <strong>und</strong> konnten nicht<br />

genutzt werden. Viele waren so zerstört,<br />

dass sie erst Jahre später wie<strong>der</strong> hergerichtet<br />

werden konnten. Die <strong>Schausteller</strong><br />

mussten unter primitivsten Verhältnissen<br />

ganz von vorn anfangen <strong>und</strong> waren trotz<br />

aller Schwierigkeiten bemüht, ihr Gewerbe<br />

wie<strong>der</strong> aufzubauen. Wie sich aber <strong>der</strong> Einfluss<br />

<strong>der</strong> sowjetischen Besatzungsmacht<br />

auswirkte <strong>und</strong> wie sehr die Zeit des „Dritten<br />

Reiches“ den <strong>Schausteller</strong>n geschadet hatte,<br />

wurde ihnen bereits kurz nach dem Krieg<br />

bewusst. Mit großer Sorge verfolgten sie,<br />

wie ihr Vaterland <strong>und</strong> das Wan<strong>der</strong>gewerbe<br />

in Zonen, Sektoren <strong>und</strong> Län<strong>der</strong> auseinan<strong>der</strong>gerissen<br />

wurde. Jeden beschäftigte deshalb damals<br />

beson<strong>der</strong>s die Frage, wie die <strong>Schausteller</strong> wie<strong>der</strong><br />

zusammenfinden können. Ihr wichtigstes Ziel war<br />

deshalb, für ein vereinigtes Wan<strong>der</strong>gewerbe in Ost<br />

<strong>und</strong> West in Einheit <strong>und</strong> Geschlossenheit zu kämpfen.<br />

Das noch zu erleben, war einer <strong>der</strong> innigsten Wünsche<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> in <strong>der</strong> SBZ. Trotz <strong>der</strong> unvorstellbaren<br />

Not führten einige <strong>Schausteller</strong> auf Befehl <strong>der</strong> sowjetischen<br />

Militäradministration bereits im Mai 1945 in<br />

Berlin-Treptow das erste Nachkriegsvolksfest durch.<br />

Schwieriger Neubeginn<br />

Auch die <strong>Schausteller</strong> auf dem Territorium <strong>der</strong> SBZ begannen<br />

so schnell wie möglich wie<strong>der</strong> mit <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>ei.<br />

Sie richteten zunächst notdürftig ihre im Krieg<br />

versteckten <strong>und</strong> unversehrt gebliebenen Geschäfte<br />

wie<strong>der</strong> her. Kurz nach dem Krieg war es aber so gut<br />

wie aussichtslos, Farben, Glühlampen o<strong>der</strong> Planen-<br />

6


NACHKRIEGSZEIT<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Archiv Härtel<br />

Malfertheiners<br />

Fahrt ins Blaue 1946<br />

stoff zu beschaffen. Doch wer achtete damals schon<br />

auf den Zustand <strong>der</strong> Karussells <strong>und</strong> Buden? Wichtiger<br />

war, dass die <strong>Schausteller</strong> nach den schrecklichen<br />

Kriegsjahren endlich wie<strong>der</strong> etwas Farbe <strong>und</strong> Zerstreuung<br />

n den trostlosen Alltag <strong>der</strong> zerbombten Städte<br />

brachten <strong>und</strong> den Menschen etwas Ablenkung von<br />

ihren Sorgen <strong>und</strong> Nöten boten. Auf den Nachkriegsvolksfesten<br />

ging es aber sehr bescheiden zu, meistens<br />

konnten nur ein Karussell <strong>und</strong> ein paar Spielgeschäfte<br />

mit heißbegehrten Waren des täglichen Bedarfs,<br />

die als Gewinne ausgespielt wurden, aufgebaut<br />

werden. Für den Strom mussten die <strong>Schausteller</strong> Son<strong>der</strong>genehmigungen<br />

mit den Elektrizitätswerken <strong>und</strong><br />

<strong>der</strong> Militärregierung aushandeln. Das dürftige Imbiss<strong>und</strong><br />

Getränkeangebot bestand lediglich aus so genannter<br />

Schaumspeise, Kaffee-Ersatz <strong>und</strong> an<strong>der</strong>en,<br />

häufig <strong>und</strong>efinierbaren „Heißgetränken“.<br />

Im November 1945 wurden in Cottbus unter <strong>der</strong> Leitung<br />

des <strong>Schausteller</strong>s Franz Baer die ersten <strong>Volksfeste</strong><br />

organisiert. Dank seiner unermüdlichen Arbeit<br />

konnte sogar ein kleiner Weihnachtsmarkt durchgeführt<br />

werden. Für den ersten Nachkriegs-Frühjahrsmarkt<br />

konnten ein paar Fahrgeschäfte <strong>und</strong> Händlerstände<br />

aufgebaut werden, die auch das Schützenfest<br />

beschickten. Wie überall in <strong>der</strong> SBZ herrschte noch<br />

große Warenknappheit <strong>und</strong> aufgr<strong>und</strong> von Waggonmangel<br />

durfte die Eisenbahn noch keine <strong>Schausteller</strong>transporte<br />

durchführen. So konnten nur <strong>Schausteller</strong>,<br />

die noch eine einsatzbereite Zugmaschine <strong>und</strong><br />

Kraftstoff besaßen, in an<strong>der</strong>e Städte reisen. Fast alle<br />

Geschäfte waren noch ohne Leinwand <strong>und</strong> Dach,<br />

ohne Aufmachung <strong>und</strong> Prunk, ohne leuchtende Farben<br />

<strong>und</strong> glitzernde Perlendekoration. Spröde <strong>und</strong> einfach,<br />

so wie <strong>der</strong> Krieg die Menschen gezeichnet hatte,<br />

boten sich die Geschäfte den Besuchern dar.<br />

Unterstützung durch die Kommandantur<br />

In Bad Freienwalde bei Berlin nahmen die <strong>Schausteller</strong><br />

im August 1945 ihre Geschäfte wie<strong>der</strong> in Betrieb.<br />

Dabei wurden sie unbürokratisch<br />

<strong>und</strong> großzügig durch die<br />

sowjetische Kommandantur<br />

unterstützt, mit <strong>der</strong>en Hilfe die<br />

Schäden, die durch die erbittert<br />

umkämpfte O<strong>der</strong>front entstanden<br />

waren, behoben werden<br />

konnten <strong>und</strong> Fehlendes<br />

ersetzt wurde. Außerdem wurden<br />

Traktoren zur Verfügung<br />

gestellt, die die Wagen zum<br />

Festplatz transportierten. Im<br />

Frühjahr 1946 konnte wie<strong>der</strong><br />

ein Frühlingsfest durchgeführt<br />

werden. Anschließend konnten<br />

die Beschicker durch die<br />

Autoskooter<br />

von Ernst Gratz nach 1945<br />

7


NACHKRIEGSZEIT<br />

Ernst Malfertheiner<br />

baute sich 1945 dieses<br />

Belustigungsgeschäft<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Malfertheiners Fahrt<br />

ins Blaue in Jena-Gries 1949<br />

Unterstützung des Landrates nach Wriezen weiter reisen.<br />

Die bereitgestellte Zugmaschine musste die circa<br />

20 Kilometer lange Strecke mehrmals fahren, da 20<br />

Pack- <strong>und</strong> Wohnwagen nach Wriezen transportiert<br />

werden mussten. In Zwickau feierte man vom 27. Juli<br />

bis 11. August 1946 das erste Friedens-Volks- <strong>und</strong><br />

Bergfest auf dem mitten in <strong>der</strong> Stadt gelegenen „Platz<br />

<strong>der</strong> Arbeit“, das groß aufgezogen werden konnte. Den<br />

Besuchern wurden 8 Fahrgeschäfte, 6 Kin<strong>der</strong>karussells,<br />

1 Auto-Steilwand <strong>und</strong> 5 Schaubuden geboten.<br />

Dazu gesellten sich 8 Ausspielungen, 7 Imbissbetriebe,<br />

1 Ausschank, 1 großes Bierzelt, 1 Hippodrom <strong>und</strong><br />

eine reisende Tanzbar. Das Fest wurde an allen Tagen<br />

von unzähligen Besuchern gestürmt, die die Kassen<br />

ordentlich klingeln ließen. Im Harz organisierte Paul<br />

Traue 1946 eine Volksfesttournee, an <strong>der</strong> sich zwölf<br />

<strong>Schausteller</strong> beteiligten. Die Geschäfte liefen an den<br />

Fahrgeschäften gut, während die Spiel- <strong>und</strong> Verkaufsgeschäfte<br />

ständige Warenengpässe hinnehmen mussten.<br />

Trotz zeitweiliger Treibstoffsperren konnten die<br />

Geschäfte nur per Achse umgesetzt werden, wodurch<br />

<strong>der</strong> Terminplan völlig durcheinan<strong>der</strong> kam. Solche o<strong>der</strong><br />

ähnliche Verhältnisse kennzeichneten die ersten<br />

Nachkriegsvolksfeste in <strong>der</strong> SBZ, wobei auf vielen<br />

Plätzen zusätzlich akuter Strommangel den <strong>Schausteller</strong>n<br />

zu schaffen machte.<br />

Pioniere <strong>der</strong> ersten St<strong>und</strong>e<br />

Im russisch besetzten Teil von Berlin gehörte unter an<strong>der</strong>em<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> Ludwig Rausch aus Treptow<br />

zu den Aktivisten <strong>der</strong> ersten St<strong>und</strong>e. Er baute bereits<br />

kurz nach dem Waffenstillstand die ersten Rummelplätze<br />

wie<strong>der</strong> auf. Mit Berufskollegen, die ihre Zugmaschinen<br />

o<strong>der</strong> Hänger freiwillig zur Verfügung stellten<br />

<strong>und</strong> uneigennützig mit anpackten, richtete er geeignete<br />

Trümmergelände für die geplanten <strong>Volksfeste</strong><br />

her. Sie füllten die Bombentrichter <strong>und</strong> Schützengräben,<br />

rissen Trümmer ab <strong>und</strong> fuhren den Schutt weg.<br />

Ludwig Rausch stellte bei Bedarf sein eigenes<br />

Stromaggregat kostenlos zur Verfügung, kümmerte<br />

sich um die Finanzen, die Werbung <strong>und</strong> vieles mehr.<br />

Durch sein großes <strong>und</strong> uneigennütziges Engagement<br />

wurde er zum „Vater“ <strong>der</strong> Rummelplätze im russisch<br />

besetzten Teil von Berlin. Später organisierte er für die<br />

„III. Weltfestspiele <strong>der</strong> Jugend <strong>und</strong> Studenten“ einen<br />

großen Vergnügungspark, auf dem allein 64 Fahrgeschäfte<br />

aufgebaut waren. Die an<strong>der</strong>en <strong>Schausteller</strong><br />

begannen im russischen Sektor mit großem Enthusiasmus<br />

ihre traditionellen Plätze in Pankow, Weißensee<br />

<strong>und</strong> an<strong>der</strong>en Stadtteilen wie<strong>der</strong> herzurichten. Weitaus<br />

schwieriger war es aber, die durch Kriegseinwirkung<br />

schwer beschädigten Karussells <strong>und</strong> Buden wie<strong>der</strong><br />

einsatzbereit zu bekommen. Da dreiviertel aller Geschäfte<br />

durch den Krieg vernichtet wurden <strong>und</strong> dadurch<br />

vielen <strong>Schausteller</strong>n die Existenzgr<strong>und</strong>lage genommen<br />

wurde, herrschte nach dem Kriegsende eine<br />

starke Nachfrage nach neugebauten o<strong>der</strong> fachmännisch<br />

wie<strong>der</strong> hergerichteten Geschäften. Die noch existierenden<br />

Karussellbauer hatten alle Hände voll zu<br />

tun <strong>und</strong> hätten nach dem Krieg Tag <strong>und</strong> Nacht arbeiten<br />

können, wenn sie das erfor<strong>der</strong>liche Material gehabt<br />

hätten. Außer den Firmen Heyn <strong>und</strong> G<strong>und</strong>elwein<br />

gab es in <strong>der</strong> SBZ damals noch einige kleinere Betriebe<br />

wie die 1917 von Karl Backhaus gegründete Karussell-<br />

<strong>und</strong> Maschinenfabrik in Berlin-Hohenschönhausen.<br />

Nachdem im März 1945 das Fabrikgebäude<br />

durch Kriegseinwirkung schwer beschädigt wurde,<br />

hatte man es notdürftig wie<strong>der</strong> hergerichtet. Zwei Jahre<br />

später lagen auf dem Hof <strong>der</strong> Firma bereits wie<strong>der</strong><br />

8


iesige Zahnrä<strong>der</strong>, Wellen, schwere Stahlteile <strong>und</strong><br />

Bretter herum. Außerdem war ein halbfertiger Wohnwagen<br />

abgestellt. In <strong>der</strong> Werkstatt befand sich seit längerer<br />

Zeit ein großer Trümmerhaufen, <strong>der</strong> sich aus Gestängen,<br />

Achsen, verkohlten Gondeln, Auslegern <strong>und</strong><br />

angesengten Säulen sowie den Überresten von Fußböden<br />

<strong>und</strong> Umzäunungen zusammensetzte. Außerdem<br />

befand sich eine Spinne aus Treptow in <strong>der</strong> Werkstatt,<br />

die dort längere Zeit lagerte <strong>und</strong> 1947 generalüberholt<br />

wurde. Karl Backhaus erlernte den Beruf des<br />

Karussellbauers zu Beginn des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts in<br />

<strong>der</strong> Karussellfabrik von Fritz Bothmann im thüringischen<br />

Gotha <strong>und</strong> spezialisierte sich auf Tischler- <strong>und</strong><br />

Schmiedearbeiten. Vor dem Krieg arbeiteten in seiner<br />

Werkstatt 27 Mitarbeiter, die hauptsächlich Toboggane,<br />

Schaukeln <strong>und</strong> elektrische Antriebe anfertigten.<br />

Nur wenige Wochen nach dem Waffenstillstand öffnete<br />

Karl Backhaus wie<strong>der</strong> seinen Berieb <strong>und</strong> führte<br />

zunächst überwiegend Reparaturen an Karussells<br />

aus. Durch die gute Auftragslage konnte er 1947 bereits<br />

wie<strong>der</strong> sieben Arbeiter beschäftigen. Die Aufträge<br />

kamen aus allen Gegenden Deutschlands, von<br />

München, Leipzig <strong>und</strong> Bremen bis Hamburg. Beson<strong>der</strong>s<br />

gefragt waren damals Kin<strong>der</strong>karussells, Kettenflieger,<br />

Shimmy-Treppen <strong>und</strong> Berg- <strong>und</strong> Talbahnen. Ein<br />

Kin<strong>der</strong>karussell mit acht Autos kostete 1947, je nach<br />

Ausstattung, bis zu 8.500 Reichsmark (RM), ein Kettenflieger<br />

12.000 RM <strong>und</strong> eine Shimmy-Treppe kostete<br />

circa 28.000 RM.<br />

Rummel in <strong>der</strong> Schönhauser Allee<br />

Kurz nach dem Kriegsende kam William Lois nach<br />

tagelangem Fußmarsch wie<strong>der</strong> nach Berlin, wo er sein<br />

Kettenkarussell notdürftig unter <strong>der</strong> Bornholmer Brücke<br />

versteckt hatte. Das Karussell hatte bis auf leichte<br />

Beschädigungen des Packwagens den Krieg unbeschadet<br />

überstanden <strong>und</strong> befand sich in einem betriebsfähigen<br />

Zustand. Als Lois hörte, dass ein Kollege<br />

einen kleinen Rummel in <strong>der</strong> Schönhauser<br />

Allee organisiert, baute er seinen<br />

Kettenflieger dort mit auf. Er erzählte<br />

später: „Ich habe mich nur hingestellt<br />

<strong>und</strong> die Hand aufgehalten. Auf dem von<br />

Ruinen gesäumten <strong>und</strong> trostlos wirkenden<br />

Platz war die Hölle los. Die ausgehungerte<br />

<strong>und</strong> nach Entspannung gierenden<br />

Menschen hatten ja keine an<strong>der</strong>e<br />

Ablenkung von ihrem Elend. Ich ließ<br />

deshalb mein Karussell bis November in<br />

<strong>der</strong> Schönhauser Allee stehen <strong>und</strong> baute<br />

es danach in <strong>der</strong> Müllerstraße auf.<br />

Dort blieb ich den ganzen Winter. Egal<br />

ob es regnete o<strong>der</strong> schneite <strong>und</strong> bitterkalt<br />

war, ich hatte jeden Tag von 15 Uhr<br />

bis 22 Uhr geöffnet. Da viele Besucher<br />

kein Geld hatten, erhielt ich Naturalien<br />

in Form von Brot, Eiern o<strong>der</strong> Zigaretten“.<br />

In Thüringen gehörten Ernst Malfertheiner<br />

<strong>und</strong> Georg Berger mit zu den aktivsten<br />

<strong>Schausteller</strong>n, die nach dem Krieg<br />

die Volksfestszene wie<strong>der</strong> aufbauten. Als Ernst Malfertheiner<br />

aus <strong>der</strong> Kriegsgefangenschaft heimkehrte,<br />

existierten nur noch ein paar Reste von <strong>der</strong> einst<br />

berühmten Tierschau, mit <strong>der</strong> sein Vater vor dem Krieg<br />

reiste. Aus den Restbeständen des elterlichen Geschäftes<br />

baute er sich mit großer Mühe das Belustigungsgeschäft<br />

„Honolulu“, mit dem er wie<strong>der</strong> auf die<br />

Reise ging. Er kümmerte sich uneigennützig um die<br />

Probleme <strong>der</strong> Kollegen <strong>und</strong> half ihnen, wo er konnte.<br />

Durch seine Verdienste wurde er 1950 zum Fachberater<br />

<strong>der</strong> Industrie- <strong>und</strong> Handelskammer Gotha berufen.<br />

NACHKRIEGSZEIT<br />

Plakat für die erste Annaberger<br />

Kät nach dem Krieg<br />

FOTOS<br />

Archiv Karl Kuntz, Archiv<br />

Orschel, Archiv VSG Magdeburg<br />

Das Rudolstädter<br />

Vogelschießen auf dem<br />

Festplatz „Anger“ 1947<br />

9


NACHKRIEGSZEIT<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche,<br />

Archiv Katzschmann<br />

Frankes Atlantis Revue<br />

war nach dem Krieg legendär<br />

Toboggan von<br />

Ludwig Rausch auf einem<br />

Nachkriegs-Rummel in Berlin<br />

Später gehörte er dem Zentralen Arbeitskreis <strong>Schausteller</strong><br />

beim Ministerium für Kultur an, wo er in <strong>der</strong><br />

Arbeitsgruppe „<strong>Volksfeste</strong>“ viele neue Impulse einbrachte.<br />

Georg Berger war einer <strong>der</strong> eifrigsten Verfechter<br />

für den Wie<strong>der</strong>aufbau <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong><br />

SBZ. Durch den Aufbau eines Industriegebietes wurde<br />

ihm sein Lagerplatz in Leipzig gekündigt, worauf er<br />

mit Ernst Malfertheiners Unterstützung in Ohrdruf ein<br />

geeignetes Gr<strong>und</strong>stück erwarb <strong>und</strong> sein neues Domizil<br />

aufschlug. Bevor er wie<strong>der</strong> reisen konnte, musste<br />

er die zwei Riesenrä<strong>der</strong>, mit denen Bergers vor dem<br />

Krieg auch durch die Schweiz, Norwegen, Afrika <strong>und</strong><br />

Ägypten tourten, neu aufbauen. Durch seine Erfahrungen<br />

half er mit Rat <strong>und</strong> Tat seinen<br />

Kollegen. Nachdem er die Reise aufgab,<br />

gönnte er sich aber noch lange<br />

keine Ruhe. Die Liebe zu seinem Beruf<br />

gab ihm immer wie<strong>der</strong> Gelegenheit,<br />

seine enge Verbindung zu den<br />

<strong>Schausteller</strong>n aufrecht zu halten.<br />

In Sachsen war Heinz Müller einer<br />

<strong>der</strong> aktivsten Mitstreiter <strong>der</strong> ersten<br />

St<strong>und</strong>e. Er begann die Reise wie<strong>der</strong><br />

mit dem Riesenrad, das er 1937 als<br />

18-Jähriger mit seiner Mutter nach<br />

dem plötzlichen Tod seines Vaters<br />

neben einem Kin<strong>der</strong>karussell <strong>und</strong><br />

einer Schießbude betrieb. Dann gelang<br />

ihm 1953 mit einem Aalwürfeln<br />

<strong>der</strong> große Durchbruch. Die „Aalbude“<br />

<strong>und</strong> „Aalmüller“ wurden zu einem<br />

Begriff <strong>und</strong> für fast ein Jahrzehnt<br />

zu einem Platzmacher. Große<br />

Verdienste <strong>und</strong> Anerkennung erwarb<br />

sich Heinz Müller jedoch durch<br />

seinen engagierten Einsatz für das <strong>Schausteller</strong>gewerbe<br />

<strong>und</strong> durch sein Auftreten gegenüber den<br />

Behörden, das ihn als eine ausgeprägte Persönlichkeit<br />

mit kompetentem Fachwissen auswies.<br />

Für den komplizierten <strong>und</strong> schwierigen Neuaufbau <strong>der</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> gibt es heute nur noch wenige Zeitzeugen.<br />

Zu ihnen gehört <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> Kurt Münch aus Brotterode<br />

in Thüringen, <strong>der</strong> sich noch gut an diese Zeit<br />

voller Not <strong>und</strong> Entbehrungen erinnert: „Im Herbst<br />

1945, die Menschen waren noch schwer von den<br />

Kriegsereignissen gezeichnet, fand am ersten Sonntag<br />

im November in Suhl <strong>der</strong> erste freie Markt nach<br />

dem gottverdammten Krieg statt. Zu diesem Anlass<br />

durften wir unser von Kriegsbeschädigungen verschontes<br />

<strong>und</strong> damals bereits 50 Jahre altes Bodenkarussell<br />

auf dem Schützenplatz aufbauen. Für den<br />

Transport von Brotterode nach Suhl schickte die Stadt<br />

die Speditionsfirma Weimann. Karusselltransporte waren<br />

1945 für die meisten <strong>Schausteller</strong> noch nicht möglich,<br />

da es kaum einsatzbereite Zugmaschinen <strong>und</strong><br />

Kraftstoff gab. Zu unserem Erstaunen besaß die Firma<br />

Weimann einen sehr gepflegten <strong>und</strong> 100 PS starken<br />

Hanomag, <strong>der</strong> unser Karussell ohne Mühe zog.“<br />

Erster freier Markt in Suhl<br />

Kurt Münch weiter: „Der erste freie Markt in Suhl wurde<br />

von Beginn an regelrecht gestürmt, weshalb die<br />

Feuerwehr den Zustrom zu unserem Karussell regulieren<br />

musste. Die Kameraden waren aber mit dieser<br />

Aufgabe hoffnungslos überfor<strong>der</strong>t <strong>und</strong> wurden nicht<br />

Herr <strong>der</strong> Lage. Beim Anhalten des Karussells waren<br />

die Feuerwehrleute stets die ersten, die von <strong>der</strong> enorm<br />

drängelnden Masse aufs Karussell geschoben wurden.<br />

Bei den ersten Fahrten war das Kassieren un-<br />

10


möglich, da das Karussell völlig überfüllt war <strong>und</strong> die<br />

Kassierer keinen Platz zum Einsammeln des Geldes<br />

hatten. Die meisten Kin<strong>der</strong> sahen zum ersten Mal in<br />

ihrem Leben ein Karussell <strong>und</strong> waren nicht mehr zu<br />

bändigen. Ein Jahr später bauten wir unser Karussell<br />

dann zu einem Sologastspiel auf dem Meininger Volkshausplatz<br />

auf. Dort war <strong>der</strong> Andrang genau so stark<br />

<strong>und</strong> bis zum Schluss kaum zu bewältigen. Die Sitzplätze<br />

auf den Pferden <strong>und</strong> in den Kutschen reichten<br />

nicht aus, weshalb sich die Kin<strong>der</strong> einfach zwischen<br />

die Besatzung stellten. In den folgenden Jahren fanden<br />

die <strong>Volksfeste</strong> in Suhl bereits mit einem Autoskooter,<br />

einem alten Riesenrad, einer Schiffschaukel, einer<br />

Schau- <strong>und</strong> einer Eisbude statt. Die Eisproduktion<br />

war damals allerdings viel aufwändiger als heute. Zur<br />

Kälteerzeugung musste aus <strong>der</strong> Brauerei o<strong>der</strong> dem<br />

Schlachthof Trockeneis geholt <strong>und</strong> um die rotierende<br />

Trommel <strong>der</strong> Eismaschine gepackt werden. Mit <strong>der</strong><br />

Getränkeversorgung – an Bratwürste, Fischbrötchen<br />

<strong>und</strong> an<strong>der</strong>e <strong>Spezial</strong>itäten war damals überhaupt nicht<br />

zu denken – wurde eine Verkäuferin aus einer Betriebsverkaufsstelle<br />

beauftragt. Das Bier hatte aber so<br />

gut wie keine Stammwürze <strong>und</strong> zwang zu sehr häufigem<br />

Aufsuchen <strong>der</strong> Toiletten. Eigentlich hätte man sich<br />

den Umweg durch den Körper sparen können“.<br />

Die <strong>Schausteller</strong>in Ruth Köhler aus Königswalde bei<br />

Annaberg-Buchholz berichtete über den beschwerlichen<br />

Neuanfang: „Als mein<br />

Vater aus dem Krieg heimkehrte,<br />

mussten wir ganz von<br />

vorn anfangen. Auf unserem<br />

Gr<strong>und</strong>stück wurde deshalb<br />

eifrig gewerkelt. Die noch vorhandenen<br />

<strong>und</strong> verwendbaren<br />

Teile unseres Hängekarussells,<br />

das mein Vater 1927<br />

nach eigenen Entwürfen<br />

selbst gebaut hatte, mussten<br />

erst wie<strong>der</strong> hergerichtet werden.<br />

Eigentlich haben wir aus<br />

nichts wie<strong>der</strong> ein provisorisches<br />

Kin<strong>der</strong>karussell zusammengebaut.<br />

Wir waren dann 1951 zum ersten Mal mit<br />

unserem Karussell wie<strong>der</strong> auf <strong>der</strong> Annaberger Kät, wo<br />

wir in <strong>der</strong> Festhalle verpflegt wurden. Eines Tages mussten<br />

wir in einem an<strong>der</strong>en Raum essen, da <strong>der</strong> Wirt für<br />

die <strong>Schausteller</strong> Bratkartoffeln gemacht hatte. Dazu<br />

gab es für jeden noch ein Ei. Es durfte aber niemand<br />

merken, da uns das Essen ohne Lebensmittelkarten<br />

ausgegeben wurde. Das war damals streng verboten<br />

<strong>und</strong> wurde von den Behörden mit harten Strafen geahndet“.<br />

Wie in Annaberg-Buchholz wurden die <strong>Schausteller</strong><br />

damals in fast allen Städten <strong>und</strong> Gemeinden von <strong>der</strong><br />

Bevölkerung mit offenen Armen empfangen <strong>und</strong> tatkräftig<br />

unterstützt. Der <strong>Schausteller</strong> Karl Kuntz aus<br />

NACHKRIEGSZEIT<br />

Hamburger R<strong>und</strong>schaukel<br />

von Rudolf Nitzschke, Leipzig<br />

QUELLE<br />

Der Komet Nr. 3072,<br />

Rolf Orschel: Berliner<br />

Rummel Teil 3, <strong>Kirmes</strong> Revue<br />

5/2004, Seiten 16-20<br />

Ponybahn von Josef Raab<br />

<strong>und</strong> Sobczyks Lachhaus<br />

Pößneck erinnert sich noch an die Steinacher<br />

Kirchweih des Jahres 1949: „Zur ersten Kirchweih<br />

nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges konnten lediglich<br />

vier <strong>Schausteller</strong>betriebe anreisen <strong>und</strong> ihre Geschäfte<br />

aufbauen. Den in Massen herbeieilenden Besuchern<br />

standen nur ein Kettenflieger, eine Raketenbahn,<br />

zwei Luftschaukeln <strong>und</strong> zwei Kin<strong>der</strong>karussells<br />

zur Verfügung, die dem Ansturm kaum gewachsen<br />

waren. Da die Wohnwagen damals we<strong>der</strong> mit fließend<br />

Wasser noch Toiletten ausgestattet waren, durften wir<br />

die Toiletten im Rathaus benutzen <strong>und</strong> im Rathauskeller<br />

sogar richtig baden. Das war in dieser Zeit voller<br />

Entbehrungen fürstlicher Luxus“.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche,<br />

Archiv Eckermann<br />

11


NACHKRIEGSZEIT<br />

DIE SPALTUNG DEUTSCHLANDS<br />

FOTOS<br />

Archiv Seiferth,<br />

Archiv Hartmann,<br />

Archiv Riesche<br />

Volksfest in Zwickau<br />

auf dem heutigen „Platz<br />

<strong>der</strong> Völkerfre<strong>und</strong>schaft“<br />

Der Kettenflieger<br />

von Seiferth 1948 auf<br />

<strong>der</strong> Kleinmesse in Leipig<br />

Nach dem Krieg waren schon bald die gegenseitigen<br />

Beziehungen <strong>der</strong> Besatzungsmächte von<br />

großem Misstrauen geprägt. Aufgr<strong>und</strong> ihrer unterschiedlichen<br />

Ausgangspositionen entstanden erhebliche<br />

Missstimmungen zwischen den Alliierten. In Folge<br />

des Kalten Krieges wurden die Gegensätze zwischen<br />

den ehemaligen Verbündeten<br />

so groß, dass sich die direkte Trennung<br />

<strong>der</strong> westlichen <strong>und</strong> <strong>der</strong> östlichen<br />

Besatzungszone anbahnte. Obwohl<br />

bei den westlichen Siegermächten<br />

<strong>und</strong> den Russen keine bewusste Spaltungsabsicht<br />

bestand, führten die<br />

verschiedenen politischen Entscheidungen<br />

zur gr<strong>und</strong>verschiedenen Entwicklung<br />

<strong>und</strong> somit zur direkten Spaltung<br />

Deutschlands.<br />

In beiden Teilen Deutschlands waren<br />

die Siegermächte von <strong>der</strong> Richtigkeit<br />

iher Politik <strong>und</strong> von <strong>der</strong> Wi<strong>der</strong>wärtigkeit<br />

des eingeschlagenen Weges <strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Seite<br />

überzeugt. Diese Denkweise <strong>und</strong> an<strong>der</strong>e Faktoren veranlassten<br />

die Sowjetunion bereits 1946 dazu, die Strategie<br />

ihrer Deutschlandpolitik schrittweise zu än<strong>der</strong>n<br />

<strong>und</strong> sich mehr auf ihre Besatzungszone zu konzentrieren.<br />

Der Misserfolg <strong>der</strong> Außenministerkonferenz<br />

<strong>der</strong> Großmächte im März <strong>und</strong> April 1947 in Moskau <strong>und</strong><br />

die unüberbrückbaren Differenzen auf <strong>der</strong> Pariser<br />

Konferenz im Juni <strong>und</strong> Juli 1947 waren Meilensteine<br />

für den Beginn des Kalten Krieges <strong>und</strong> <strong>der</strong> radikalen<br />

Verschlechterung <strong>der</strong> Beziehungen zwischen <strong>der</strong> Sowjetunion<br />

<strong>und</strong> den USA. In <strong>der</strong> SBZ hatten die Kommunisten<br />

bereits so großen Einfluss, dass für sie <strong>der</strong><br />

Machterhalt wichtiger als die gesamtdeutsche Entwicklung<br />

wurde. Die neue sowjetische Politik <strong>der</strong> Abgrenzung<br />

lag somit voll in ihren Interesse. Die „bürgerlichen“<br />

Politiker Westdeutschlands interessierten<br />

die Zustände in <strong>der</strong> SBZ nur zweitrangig <strong>und</strong> die meisten<br />

hatten zu dieser Zeit die „bolschewistische Ostzone“<br />

bereits abgeschrieben.<br />

Unter dem Druck <strong>der</strong> herrschenden Verhältnisse hatten<br />

die westlichen Siegermächte vor allem die Einheit<br />

<strong>der</strong> „westlichen Besatzungszone“ im Auge. Deshalb<br />

verwies 1948 US-General Clay die deutschen Politiker,<br />

dass die Verantwortung für eine politische Teilung<br />

Deutschlands von den USA <strong>und</strong> Großbritannien nicht<br />

übernommen werden kann. So blieb die Wie<strong>der</strong>vereinigung<br />

zwar Ziel deutscher Politik, doch Schritte in dieser<br />

Richtung wurden im Osten wie im Westen für die<br />

jeweilige Politik instrumentalisiert. Nach dem Scheitern<br />

<strong>der</strong> Außenministerkonferenzen brach die Alliierte<br />

Verwaltung für Deutschland auseinan<strong>der</strong>, worauf im<br />

März 1948 die Sowjets den Kontrollrat verließen <strong>und</strong><br />

somit das gemeinsame oberste Machtorgan Deutschlands<br />

handlungsunfähig machten. Die im Juni 1948<br />

separat durchgeführten Währungsreformen zerissen<br />

Deutschland auch als Wirtschaftsgebiet <strong>und</strong> führten<br />

zur Spaltung Berlins. Durch die von den Sowjets inszenierte<br />

Berlin-Blockade kam es dann zur Spaltung<br />

<strong>der</strong> ehemaligen Reichshauptstadt.<br />

Als sich die B<strong>und</strong>esrepublik nach den B<strong>und</strong>estagswahlen<br />

im September 1949 konstituierte, zogen die<br />

SED-Machthaber die längst vorbereiteten Pläne zur<br />

Schaffung des „ersten sozialistischen Staates auf<br />

deutschem Boden“ aus <strong>der</strong> Schublade <strong>und</strong> gründeten<br />

am 7. Oktober die Deutsche Demokratische Republik.<br />

12


NACHKRIEGSZEIT<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche<br />

Die Krinoline<br />

von Sachs auf <strong>der</strong><br />

Annaberger Kät 1951<br />

Die Entscheidung über die Gründung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, die ein<br />

deutliches Signal wachsen<strong>der</strong> Spannungen im Ost-<br />

West-Konflikt war, hatte allerdings die Sowjetunion getroffen.<br />

Bereits am 19. September legten die SED-Führer<br />

Pieck, Grotewohl, Ulbricht <strong>und</strong> Oelßner Stalin in<br />

Moskau ein Papier vor, in dem sie um die Zustimmung<br />

für die Bildung einer provisorischen<br />

deutschen Regierung<br />

in <strong>der</strong> SBZ baten. Nach einer<br />

Woche erhielten sie dann die<br />

Genehmigung zur Gründung<br />

des zweiten deutschen Teilstaates.<br />

Die lange vor <strong>der</strong><br />

Gründung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> eingeleitete<br />

sozialistische Umwälzung in<br />

<strong>der</strong> SBZ fand nun eine verschärfte<br />

<strong>und</strong> beschleunigte<br />

Fortsetzung. Zur massiven<br />

ideologischen Beeinflussung<br />

<strong>der</strong> Bevölkerung gesellte sich<br />

<strong>der</strong> ökonomische Kampf gegen<br />

die noch bestehenden,<br />

nicht sozialistischen Eigentums-<br />

<strong>und</strong> Produktionsformen,<br />

dessen Ziel die Überführung<br />

<strong>der</strong> noch existierenden privaten<br />

Betriebe in genossenschaftliches<br />

o<strong>der</strong> „volkseigenes“<br />

(staatliches) Eigentum<br />

war. Durch diesen Plan mussten<br />

sich die <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

bald mit enormen<br />

<strong>und</strong> existenzbedrohenden<br />

Problemen auseinan<strong>der</strong>setzen.<br />

Verschärfend kam hinzu,<br />

dass sie damit allein fertig<br />

werden mussten, da <strong>Schausteller</strong>verbände in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

verboten waren <strong>und</strong> somit auch kein Dachverband gegründet<br />

werden konnte, <strong>der</strong> die Interessen <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

gegenüber dem Staatsapparat, <strong>der</strong> nach <strong>der</strong><br />

Regierungsbildung im Oktober 1949 ausgebaut wurde,<br />

hätte vertreten können.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Hermann Weber:<br />

Geschichte <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

Seiten 91-127<br />

Die Pferdebahn<br />

von Familie Christiansen<br />

Wilde Jagd, Petzold<br />

13


<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

DIE FÜNFZIGER JAHRE<br />

Walzerfahrt von<br />

Franz Schönemann, 1953<br />

FOTOS<br />

Archiv Splitt,<br />

Archiv Riesche<br />

Die obere Straße auf<br />

dem Kätplatz in Annaberg, 1952<br />

Die Bimmelbahn<br />

von Hans Schmidt auf <strong>der</strong><br />

Kät in den fünfziger Jahren<br />

Das <strong>Schausteller</strong>gewerbe hatte sich gegen Ende<br />

<strong>der</strong> 1940er-Jahre von den schlimmsten Kriegsfolgen<br />

erholt <strong>und</strong> blickte nach <strong>der</strong> Gründung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

zunächst hoffnungsvoll in die Zukunft. Doch kurz darauf<br />

zogen, bedingt durch die „Diktatur des Proletariats“,<br />

dunkle Wolken am <strong>Schausteller</strong>himmel auf. Wie<br />

alle noch existierenden privaten<br />

Betriebe bekamen auch die<br />

<strong>Schausteller</strong> die existenzbedrohenden<br />

Auswirkungen <strong>der</strong> verschärften<br />

sozialistischen Umgestaltung<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Planwirtschaft zu<br />

spüren. Die privaten <strong>Schausteller</strong><br />

passten nach Meinung <strong>der</strong> Staats<strong>und</strong><br />

Parteiführung nicht mehr in die<br />

von Vorurteilen geprägten Vorstellungen<br />

<strong>der</strong> sozialistischen Gesellschaft.<br />

Durch die 1945 begonnene<br />

antifaschistisch - demokratische<br />

Umgestaltung in <strong>der</strong> Kulturszene<br />

wurde nun auch <strong>der</strong> Unterhaltungsbereich<br />

einbezogen. Beson<strong>der</strong>e<br />

Aufmerksamkeit widmete<br />

man deshalb den Unterhaltungsansprüchen<br />

<strong>der</strong> Werktätigen, denn<br />

die sozialistisch arbeitenden <strong>und</strong><br />

lebenden Menschen sollten sich<br />

mit „richtiger Kultur“ in Form von<br />

schöngeistiger Literatur, Kino, Theater<br />

<strong>und</strong> Konzerten beschäftigen.<br />

Da bei den <strong>Volksfeste</strong>n unklar war,<br />

ob sie überhaupt <strong>und</strong> in welcher<br />

Form erhalten bleiben sollten <strong>und</strong><br />

ob sie in einer sozialistischen Gesellschaft<br />

überhaupt noch zeitgemäß<br />

sind, wurden sie von beson<strong>der</strong>s linientreuen<br />

Scharfmachern als plumpes <strong>und</strong> niveauloses Massenvergnügen<br />

abgestempelt. Obwohl den <strong>Schausteller</strong>betrieben<br />

durch die Gewerbegenehmigungen ein<br />

volkswirtschaftliches Bedürfnis attestiert wurde, wurden<br />

sie wie alle privaten Unternehmer als „Kapitali-<br />

14


sten“ charakterisiert <strong>und</strong> in sämtlichen Bereichen benachteiligt<br />

<strong>und</strong> gegängelt. Gesteuert von einigen Kultur-Funktionären,<br />

begann im Sommer 1950 eine aus<br />

Regierungskreisen inszenierte Pressekampagne gegen<br />

die <strong>Schausteller</strong> <strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong>.<br />

Eine inszenierte Pressekampagne<br />

In den regionalen Tageszeitungen tauchten nun regelmäßig<br />

diskriminierende Berichte auf, die die Stimmung<br />

gegen die privaten <strong>Schausteller</strong>betriebe <strong>und</strong><br />

die Rummelplätze anheizen sollten. So wurde in einem<br />

Artikel <strong>der</strong> Neuen Zeit am Montag vom 3. Juli 1950 die<br />

Existenzberechtigung <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> in Frage gestellt,<br />

da „den Besuchern auf den niveaulosen Rummelplätzen<br />

nur durch platte Betäubung <strong>und</strong> <strong>der</strong> Vortäuschung<br />

falscher Tatsachen das Geld aus den Taschen gezogen<br />

wird.“ In an<strong>der</strong>en Tageszeitungen wurden die traditionellen<br />

<strong>Volksfeste</strong> in diffamieren<strong>der</strong> Art <strong>und</strong> Weise<br />

als „extrem jugendgefährdend“ dargestellt. Heftig kritisiert<br />

wurden auch die Geisterbahnen. Am 24. Juli<br />

1950 schrieb eine Thüringer Tageszeitung zu diesem<br />

Thema: „In Bezug auf die Geisterbuden ist folgendes<br />

zu sagen: Vernünftige Erwachsene besuchen diese<br />

maroden Buden ohnehin nicht <strong>und</strong> werden es auch<br />

ihren Kin<strong>der</strong>n verbieten,<br />

ihr Geld für<br />

solchen Unsinn auszugeben.<br />

Wenn diejenigen,<br />

die sich etwas<br />

Neues, etwas<br />

Sensationelles von<br />

diesem Budenzauber<br />

versprachen,<br />

aufgeklärt <strong>und</strong> durch<br />

Schaden klug geworden<br />

sind, dann<br />

lasst die Geisterbuden<br />

gewähren, so<br />

lange sie wollen – sie<br />

werden in Kürze von<br />

selbst eingehen.“ Noch härter traf es die Besitzer, die<br />

mit einer Schaubude, einem Wachsfigurenkabinett<br />

o<strong>der</strong> einem Panorama reisten. Ihre Geschäfte wurden<br />

als billigster Rummel, plumper Klamauk, Nepp o<strong>der</strong><br />

Ramschbuden herabgewürdigt, in denen die Besucher<br />

lediglich an <strong>der</strong> Nase herumgeführt werden. So<br />

schrieb beispielsweise die Thüringer Landeszeitung<br />

gegen Ende <strong>der</strong> fünfziger Jahre unter an<strong>der</strong>em über<br />

die Illusionsschau „Walhalla-Theater“, die auf einem<br />

Sommerfest in Suhl gastierte: „Es begrüßt uns das Walhalla-Theater.<br />

Was für ein bescheidener Name für eine<br />

Jahrmarktsbude. Mit ehrfürchtigem Schauer (o<strong>der</strong><br />

Schau<strong>der</strong>?) betreten wir, an <strong>der</strong> Kasse um eine Mark<br />

ärmer geworden , das ‘Theater’. Man muss sagen,<br />

dass sich diese Unternehmen bemühen, rentabel zu<br />

wirtschaften. Jedes Mitglied füllt mehrere Planstellen<br />

aus. So kommt das junge Mädchen, das draußen als<br />

Ausruferin fungierte, rasch hinein, als die Bude – Verzeihung,<br />

die Walhalla – voll ist, <strong>und</strong> wird zur ‘Conferencieuse’.<br />

‘Illusionen’ wolle sie uns sehen lassen, sagt<br />

sie. Sie führen ein paar kleine Tricks vor. Dazwischen<br />

‘das Spiel <strong>der</strong> tausend Farben’. Ein Kaleidoskop im<br />

großen. Und mit ganz einfachen Mitteln. Ein Mädchen<br />

zieht einen weiten Umhang mit geflügelten Ärmeln an<br />

<strong>und</strong> schwingt damit, während mit einem Bildwerfer<br />

<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

Annaberger Kät<br />

im Lichterglanz<br />

<strong>der</strong> fünfziger Jahre<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche<br />

Seiferts Raketenfahrt<br />

zum Mond <strong>und</strong> <strong>der</strong> Globus<br />

von Schüttwolf & Seuthe<br />

15


<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

Die Geisterbahn<br />

von Otto Heep jun. 1953<br />

FOTOS<br />

Archiv Hünniger,<br />

Archiv Eckermann<br />

Die Gondelbahn<br />

von Margot Böttger<br />

bunte <strong>und</strong> bunteste Farbmuster ein ständig wechselndes<br />

Farbenspiel erzeugen. ‘Und das war das<br />

Ende unserer Vorstellung!’ Das hört man schon, wenn<br />

man denkt, es soll richtig anfangen. Aber dass man<br />

hier für sein Geld nicht viel zu sehen bekommt, hat man<br />

ja vorher gewusst. Bessere Leistungen können in einem<br />

solchen Unternehmen höchsten ansatzweise erbracht<br />

werden.“<br />

Mit solchen Presseberichten wurde nicht das Ziel verfolgt,<br />

durch staatliche Hilfe das Niveau <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong><br />

zu steigern, vielmehr sollte damit <strong>der</strong> Boden für verschärfte,<br />

gewerberechtliche Verordnungen gegen das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe vorbereitet werden.<br />

Die Kampagne war ein Rohrkrepierer<br />

Die Kritik des Staatsapparates befasste sich hauptsächlich<br />

mit <strong>der</strong> angeblich schlechten <strong>und</strong> monotonen<br />

Gestaltung <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong>, mit den kitschigen Gewinnen<br />

<strong>der</strong> Warenausspielungen <strong>und</strong> dem steigenden Alkoholkonsum<br />

auf den Festplätzen. Gebetsmühlenartig<br />

wurde auf das tief gesunkene Niveau <strong>der</strong> Veranstaltungen<br />

hingewiesen, „von denen niemand abstreiten<br />

könne, dass sie nur noch billigen,<br />

niveaulosesten Rummel bieten<br />

würden“. Mit Nachdruck wurden<br />

„neue, sozialistische <strong>Volksfeste</strong>“<br />

gefor<strong>der</strong>t, die dem wachsendem<br />

Lebensstandard <strong>und</strong> <strong>der</strong> zunehmenden<br />

Kaufkraft <strong>der</strong> Bevölkerung<br />

entsprechen sollten. Regelmäßig<br />

erschienen in <strong>der</strong> Presse<br />

Berichte, die dringend neue <strong>und</strong><br />

mo<strong>der</strong>ne Fahrgeschäfte, hochwertige<br />

Gewinne <strong>und</strong> besser gestaltete<br />

Festplätze for<strong>der</strong>ten. Die initiierte<br />

Pressekampagne entpuppte sich allerdings als<br />

Rohrkrepierer. Die <strong>Schausteller</strong> stellten nämlich klar,<br />

dass die For<strong>der</strong>ungen nach mehr Abwechslung <strong>und</strong><br />

höherem Niveau <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> nie hätten gestellt werden<br />

müssen, wenn die Behörden besser mit den<br />

<strong>Schausteller</strong>n zusammengearbeitet hätten <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

Staat ihnen großzügiger <strong>und</strong> hilfsbereiter entgegen gekommen<br />

wäre. Die Ausgestaltung <strong>der</strong> Festplätze war<br />

größtenteils Aufgabe <strong>der</strong> jeweiligen Industrie- <strong>und</strong><br />

Handelskammern (IHK) – aber die zuständigen Mitarbeiter,<br />

die sich Gedanken über die Gestaltung <strong>und</strong> Belebung<br />

ihrer <strong>Volksfeste</strong> machten, konnte damals je<strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong> an den Fingern einer Hand abzählen.<br />

Eintönig gestaltete Festplätze bewiesen hauptsächlich<br />

die Unfähigkeit <strong>der</strong> dafür zuständigen IHK-Mitarbeiter.<br />

Die Ausspielung hochwertiger Gewinne hing<br />

nicht vom „Wollen o<strong>der</strong> Möchten“, son<strong>der</strong>n hauptsächlich<br />

vom „Können <strong>und</strong> Dürfen“ <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> ab. Da<br />

noch genügend Fachkräfte <strong>und</strong> <strong>Spezial</strong>isten für die<br />

Herstellung von Fahrgeschäften in den Karussellfabriken<br />

arbeiteten, wurde schon lange vom <strong>Schausteller</strong>gewerbe<br />

<strong>der</strong> Bau von Achterbahnen <strong>und</strong> neuen Fahrgeschäften<br />

gefor<strong>der</strong>t. Die vom Staat benachteiligten<br />

16


<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

Eröffnung des Berliner<br />

Weihnachtsmarktes um 1950<br />

Privatfirmen waren aber nicht mehr in <strong>der</strong> Lage, neue<br />

Attraktionen herzustellen, da das dafür erfor<strong>der</strong>liche<br />

Material nur für volkswirtschaftlich notwendige Projekte<br />

genehmigt wurde. Außerdem wurden Halbstarke<br />

<strong>und</strong> Alkoholiker nicht auf den Rummelplätzen gezüchtet,<br />

<strong>und</strong> die <strong>Schausteller</strong> hätten es sehr begrüßt,<br />

wenn die Ordnungshüter diese Elemente von den <strong>Kirmes</strong>plätzen<br />

ferngehalten hätten. Da diese f<strong>und</strong>amentalen<br />

Tatsachen von <strong>der</strong> Presse <strong>und</strong> den Machthabern<br />

ignoriert <strong>und</strong> verschwiegen wurden, schrieben einige<br />

couragierte <strong>Schausteller</strong> Leserbriefe an verschiedene<br />

Tageszeitungen <strong>und</strong> lösten eine generelle Diskussion<br />

um die Existenzberechtigung <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> aus. So<br />

schrieb am 26. Oktober 1956 die Zeitung Der Morgen<br />

unter <strong>der</strong> Überschrift „Wir wollen <strong>Volksfeste</strong>, keine<br />

Rummelplätze“ unter an<strong>der</strong>em: „Beson<strong>der</strong>s wesentlich<br />

ist aber, dass Neuheiten entwickelt werden. Da <strong>der</strong><br />

Neubau eines Fahrgeschäftes erhebliche Materialmengen<br />

<strong>und</strong> Geldmittel erfor<strong>der</strong>t, bedürfen diese Fragen<br />

einer gr<strong>und</strong>sätzlichen Klärung. Wer plant <strong>der</strong>artiges<br />

Material ein, <strong>und</strong> wie kann ein <strong>Schausteller</strong> dafür<br />

Kredite erhalten? Diese Fragen sind deshalb schwer<br />

zu lösen, weil es immer noch keine zentrale Regierungsstelle<br />

gibt, die sich für die <strong>Schausteller</strong> <strong>und</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> verantwortlich fühlt.“<br />

Kaum Wirkung bei <strong>der</strong> Bevölkerung<br />

Die groß angelegte Stimmungsmache gegen die<br />

<strong>Schausteller</strong> zeigte aber bei <strong>der</strong> Bevölkerung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

fast keine Wirkung. Nur sehr wenige Menschen teilten<br />

die Meinung des Staates, <strong>der</strong> größte Teil <strong>der</strong> Bevölkerung<br />

amüsierte sich durchaus gern <strong>und</strong> nach Herzenslust<br />

auf den <strong>Kirmes</strong>plätzen, da man fern <strong>der</strong> Bibliotheken,<br />

Bühnen <strong>und</strong> an<strong>der</strong>en Stätten, die nur geistige<br />

Kost vermittelten, für ein paar St<strong>und</strong>en die Nöte<br />

<strong>und</strong> Sorgen des Alltags vergessen <strong>und</strong> <strong>der</strong> penetranten<br />

sozialistischen Ideologie entfliehen konnte. Die<br />

Menschen empfanden es keinesfalls als konservativen<br />

Hang zum Althergebrachten, wenn sie für die Daseinsberechtigung<br />

<strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> plädierten.<br />

Trotz <strong>der</strong> ungewissen Zukunft des Gewerbes begann<br />

in <strong>der</strong> Hauptstadt <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> in den fünfziger Jahren ein<br />

regelrechter Boom für die <strong>Schausteller</strong>, die mit Großveranstaltungen<br />

<strong>der</strong> Sozialhilfe in Verbindung mit Vergnügungsplätzen<br />

eingeleitet wurde. Den Auftakt bildete<br />

bereits im Jahr 1949 die „Weißenseer Verkaufswoche“,<br />

die dem Massenansturm kaum gewachsen<br />

war. Die Veranstaltung brach damals sämtliche Rekorde<br />

<strong>und</strong> ließ die Kassen <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> ordentlich<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche,<br />

Archiv Katzschmann,<br />

Sammlung Orschel<br />

Erinnerungsfoto vom<br />

Martinimarkt in Parchim 1957<br />

17


<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

Walzerfahrt Stoll,<br />

Kin<strong>der</strong>karussell <strong>und</strong><br />

Schießen Hainlein,<br />

Schaukel Nicke in Eisenach<br />

Malfertheiners<br />

Fahrt ins Blaue 1956<br />

Reihengeschäften aus: Da <strong>der</strong>en Betreiber kaum ansprechende<br />

Ware besorgen konnten <strong>und</strong> Lebensmittel-Ausspielungen<br />

wie im Westteil <strong>der</strong> Stadt wegen <strong>der</strong><br />

noch herrschenden Lebensmittelengpässe nicht möglich<br />

waren, herrschte an diesen Geschäften größtenteils<br />

gähnende Leere. Ihre Besitzer konnten nur zusehen,<br />

wie die Kollegen den Ansturm kaum noch bewältigen<br />

konnten.<br />

Neue Form <strong>der</strong> Benachteiligung<br />

FOTOS<br />

Archiv Moschkau, Archiv<br />

Malfertheiner, Archiv Riesche<br />

Rauschs Toboggan<br />

mit festlicher Beleuchtung<br />

klingeln. An den Haupttagen drehten sich die Karussells<br />

unermüdlich vom Morgen bis weit nach Mitternacht,<br />

stets voll besetzt <strong>und</strong> von einer beängstigenden<br />

Menschenmasse umlagert. Auf den Rummelplätzen<br />

waren die Fahrgeschäfte dem Andrang kaum<br />

noch gewachsen: Egal ob Autoskooter, Kettenflieger,<br />

Geisterbahn, Überschlag-<br />

Sportschaukel, Riesenrad,<br />

Walzerfahrt, Kin<strong>der</strong>schaukel<br />

<strong>und</strong> -karussell, Fahrt ins Blaue,<br />

Toboggan o<strong>der</strong> Spinne, auf<br />

dem „Stralauer Fischzug“<br />

o<strong>der</strong> „Treptow in Flammen“,<br />

dem Volksfest auf dem Alexan<strong>der</strong>-Platz<br />

<strong>und</strong> den vielen<br />

an<strong>der</strong>en Veranstaltungen war<br />

an den Fahrgeschäften die<br />

Hölle los <strong>und</strong> die Kassierer<br />

konnten nur mit Not <strong>und</strong> Mühe<br />

das Fahrgeld kassieren. Ganz<br />

an<strong>der</strong>s sah es dagegen bei<br />

den Verlosungen <strong>und</strong> an<strong>der</strong>en<br />

Der Magistrat von Berlin überrumpelte 1956 die<br />

<strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> mit dem Beschluss, westdeutsche<br />

<strong>Schausteller</strong> für den lukrativen Weihnachtsmarkt <strong>und</strong><br />

zukünftig auch für die großen Berliner <strong>Volksfeste</strong> zu<br />

verpflichten, um so endlich ein <strong>der</strong> Zeit entsprechendes<br />

Niveau <strong>der</strong> Veranstaltungen gewährleisten zu können.<br />

Auf die zahlreichen Proteste <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong><br />

gegen diesen ungeheueren Plan wurde vom<br />

Vizepräsidenten <strong>der</strong> IHK von (Ost)Berlin im Presseorgan<br />

Der Morgen folgende Begründung zur Zulassung<br />

westdeutscher <strong>Schausteller</strong> für Veranstaltungen in<br />

Berlin angegeben: „Seit Jahren bemühen wir uns, den<br />

Kulturaustausch zwischen den getrennten Teilen<br />

18


Deutschlands zu för<strong>der</strong>n. Wir sind <strong>der</strong> Ansicht, dass<br />

auch aus diesem Gr<strong>und</strong> auf sämtlichen großen <strong>Volksfeste</strong>n<br />

beson<strong>der</strong>s in (Ost)Berlin westdeutsche <strong>Schausteller</strong><br />

zugelassen werden müssen. Die Begründung,<br />

dass dadurch die Verdienstmöglichkeiten <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-<br />

<strong>Schausteller</strong> geschmälert würden, erscheint nicht<br />

stichhaltig. Im Gegenteil, da es sich um beson<strong>der</strong>e Attraktionen<br />

handeln wird, werden letzten Endes alle<br />

<strong>Schausteller</strong> davon profitieren“. Deutlicher hätte die<br />

staatlich geplante Benachteiligung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>,<br />

die gegen die westliche Konkurrenz kaum<br />

Chancen hatten, wohl<br />

nicht formuliert werden<br />

können. Nachdem man<br />

die staatlichen Marktdirektionen,<br />

die seit geraumer<br />

Zeit für die Belange<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> zuständig<br />

waren, wie<strong>der</strong> aufgelöst<br />

hatte, wurde im Juni<br />

1956 mit <strong>der</strong> „Verordnung<br />

über die Regelung <strong>der</strong><br />

Gewerbetätigkeit in <strong>der</strong><br />

privaten Wirtschaft“ die<br />

Entscheidung in sämtlichen<br />

Gewerbeangelegenheiten<br />

an die Räte <strong>der</strong><br />

Bezirke <strong>und</strong> Kreise übertragen. In <strong>der</strong><br />

Anlage 1 zur ersten Durchführungsbestimmung,<br />

im September des selben<br />

Jahres, wurden die <strong>Schausteller</strong> dem Bereich<br />

Kultur unterstellt <strong>und</strong> ihre Einbeziehung<br />

in die Planung <strong>und</strong> Gestaltung <strong>der</strong><br />

sozialistischen <strong>Volksfeste</strong> sowie <strong>der</strong>en<br />

Einglie<strong>der</strong>ung in das gesellschaftliche<br />

Leben beschlossen, um endlich die Voraussetzungen<br />

für klare Verhältnisse zwischen<br />

den <strong>Schausteller</strong>n <strong>und</strong> dem Staat<br />

zu schaffen. Obwohl diese Beschlüsse<br />

überfällig waren, dauerte es noch Jahre,<br />

bis sich das angespannte Verhältnis normalisierte.<br />

Mit dem wachsenden Lebensstandard<br />

wuchsen gegen Ende <strong>der</strong> 50er-Jahre<br />

auch die Ansprüche <strong>der</strong> Bevölkerung.<br />

Die kontinuierlich steigende Kaufkraft<br />

des <strong>DDR</strong>-Geldes bedingte, dass die Besucher<br />

auch wählerischer ihr Geld auf<br />

den <strong>Volksfeste</strong>n ausgaben. Das wirkte<br />

sich spürbar auf die Umsätze <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

aus. Ein weiteres Problem war die<br />

ungenügende Abstimmung <strong>der</strong> Volksfesttermine,<br />

unter <strong>der</strong> viele Veranstaltungen<br />

qualitativ <strong>und</strong> quantitativ litten. Außerdem<br />

bedingte die monopolistische<br />

Beherrschung kleinerer Plätze durch<br />

<strong>Schausteller</strong> eine gewisse Eintönigkeit des Vergnügungsangebotes.<br />

Wenig zufrieden war das <strong>Schausteller</strong>gewerbe<br />

auch mit <strong>der</strong> Entlohnung <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>gehilfen,<br />

die nur als ungelernte Arbeiter eingestuft<br />

waren, während sie früher nach dem Transportarbeiter-Tarif<br />

entlohnt wurden. Das Kernproblem <strong>der</strong><br />

Diskussionen im <strong>Schausteller</strong>gewerbe war zur damaligen<br />

Zeit aber die progressive Besteuerung, durch die<br />

<strong>der</strong> Staat den größten Teil <strong>der</strong> Einnahmen abschöpfte<br />

<strong>und</strong> die <strong>Schausteller</strong> dadurch keine Rücklagen für die<br />

dringend notwendigen Investitionen bilden konnten.■<br />

<strong>DDR</strong> / 50er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche<br />

1951 bei den<br />

Weltfestspielen in Berlin:<br />

die Spinne von Saalfel<strong>der</strong><br />

QUELLE<br />

NZ am Morgen v. 3. Juli<br />

1950, Der Morgen v. 24.<br />

Oktober 1956, Thüringer<br />

Landeszeitung v. 6. Juni<br />

1959<br />

Ponybahnen waren<br />

damals zahlreich vertreten<br />

19


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

DIE SECHZIGER JAHRE<br />

FOTOS<br />

Archiv Härtel.<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Raketenfahrt zum Mond<br />

<strong>und</strong> Schießbude von Härtel<br />

Ernst Gratz beim Aufbau<br />

seiner Raketenfahrt zum Mond<br />

Die sechziger Jahre waren ein Einschnitt in <strong>der</strong> weiteren<br />

sozialistischen Entwicklung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>. Ständige<br />

Versorgungsengpässe, <strong>der</strong> verschärfte politische<br />

Kurs des Staates <strong>und</strong> die versuchte Umformung<br />

des Bewusstseins <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Bürger im Sinne <strong>der</strong> sozialistischen<br />

Ideologie<br />

ließen den<br />

Strom <strong>der</strong> Bürger,<br />

die ihrem Staat für<br />

immer den Rücken<br />

kehrten, zu Beginn<br />

dieses Jahrzehnts<br />

zu einer Massenflucht<br />

in den Westen<br />

anwachsen,<br />

durch die <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

<strong>der</strong> baldige ökonomische<br />

<strong>und</strong> gesellschaftliche<br />

Kollaps<br />

drohte. Ungeachtet<br />

dieser drohenden<br />

Gefahr bekamen<br />

nun <strong>Schausteller</strong>,<br />

die mit Schaugeschäften reisten, neuen Ärger mit <strong>der</strong><br />

Staatsmacht.<br />

Ärger mit den Schaugeschäften<br />

Diese Geschäfte waren einigen Kulturfunktionären ein<br />

Dorn im Auge <strong>und</strong> sollten so schnell wie möglich von<br />

den <strong>Volksfeste</strong>n verschwinden. Am 17. Mai 1961 veröffentlichte<br />

die Tageszeitung des Bezirkes Erfurt, Das<br />

Volk, ein Feuilleton, das sich mit diesem Thema ausführlich<br />

befasste <strong>und</strong> nicht mit Kritik an <strong>Schausteller</strong><br />

Hoppes „Neuer Weltschau“ sparte. Unter an<strong>der</strong>em<br />

konnte man lesen: „Menschenfisch im Südchinesischen<br />

Meer’, ‘Riesenhai verschlang Ozeanriesen’,<br />

‘Kolibri rettet sich aus einem Taifun’ – das sind keine<br />

Schlagzeilen aus <strong>der</strong> westdeutschen Bildzeitung, aber<br />

Schlagzeilen, die wie die Bildzeitung unwahre Meldungen<br />

ankündigen. Man konnte sie in Erfurt, also mitten<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, <strong>und</strong> zwar auf dem Rummel vor <strong>der</strong><br />

Thüringenhalle lesen.“<br />

Nach einigen Sätzen über den pädagogisch wertvollen<br />

Gorkipark in Moskau kam <strong>der</strong> Verfasser dann zur<br />

Sache: „Billiger Rummel <strong>und</strong> Klamauk, kommen Sie<br />

spaßeshalber mit in Hoppes „Neue Weltschau“, <strong>der</strong> wir<br />

die anfangs zitierten Schlagzeilen zu verdanken<br />

haben. Der erste Eindruck in Hoppes Etablissement:<br />

Ramschbude – vom Pariser Trödelmarkt zusammengetragen.<br />

Ausgestopfte Kreaturen, mit falschen Bezeichnungen<br />

versehen, teilweise mit grauer Gartenfarbe<br />

angestrichen. In einigen Vollglasaquarien<br />

schnappen Goldfische nach Sauerstoff. Als Kabinettstück<br />

hängt ein Menschenfisch an <strong>der</strong> Wand, <strong>der</strong> im<br />

südchinesichen Meer gesichtet worden sein soll. Wo<br />

wohl Hoppes das ausgestopfte Exemplar herhaben?<br />

Wer lachen will, sieht sich in <strong>der</strong> zweiten Abteilung in<br />

Spiegeln: dick, dünn, lang, klein, kugelr<strong>und</strong> <strong>und</strong> mit<br />

riesengroßer Nase; aber es lacht niemand. Man hat<br />

das Gefühl, an <strong>der</strong> Nase herumgeführt zu sein. Muss<br />

man sich darüber ärgern? Eigentlich war das ja schon<br />

immer so. Gibt es nichts Besseres auf unseren Rummelplätzen<br />

als Hoppes ‘Neue Weltschau’? Die Karussells<br />

sind noch die selben wie vor dreißig Jahren. In<br />

dem Getränkezelt wird noch immer nicht für die Gar<strong>der</strong>obe<br />

Haftung übernommen, <strong>und</strong> die sechs Schießbuden<br />

als Clou zu bezeichnen, wäre auch übertrieben.<br />

Es gibt also nichts, was wirklich besser wäre! Angesichts<br />

<strong>der</strong> Tausenden von Jugendlichen, die täglich<br />

20


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

Aufbau <strong>der</strong> Berg- <strong>und</strong><br />

Talbahn von Malfertheiner<br />

bei erschwerten Bedingungen<br />

Stammgast sind, müsste man fragen: Oh, Fre<strong>und</strong>e,<br />

habt ihr noch nicht das Kommuniqué des Zentralkommitees<br />

über Jugendfragen gelesen? Werden wir es<br />

den Jungen Pionieren (staatliche Schülerorganisation)<br />

zum Pioniertreffen in Erfurt zumuten, in diesen Vergnügungspark<br />

zu gehen, o<strong>der</strong> könnte man einmal sagen:<br />

‘Erfurter, im NAW (Nationales Aufbauwerk – unentgeldliche,<br />

gemeinnützige Arbeit) habt ihr schon tolle<br />

Leistungen vollbracht, jetzt geht daran <strong>und</strong> baut euren<br />

Jugendlichen einen Vergnügungspark.’ Könnte<br />

man das? – Man könnte!“<br />

Soweit einige Auszüge aus diesem Feuilleton, die<br />

deutlich machen, wie die staatliche Propaganda zu<br />

Beginn <strong>der</strong> sechziger Jahre immer noch die Stimmung<br />

gegen das <strong>Schausteller</strong>gewerbe anheizen wollte. Man<br />

hätte stattdessen bessere Voraussetzungen zur Ausübung<br />

des Gewerbes schaffen sollen. Der gefor<strong>der</strong>te<br />

Vergnügungspark konnte übrigens nie gebaut werden,<br />

da we<strong>der</strong> die finanziellen<br />

noch die materielltechnischen<br />

Voraussetzungen vorhanden<br />

waren. Ganz im Gegenteil,<br />

zwei Jahre später steckte <strong>der</strong><br />

Staat zig Millionen Mark in die<br />

Sicherung <strong>und</strong> den Ausbau<br />

seiner Grenze. Große Teile <strong>der</strong><br />

Bevölkerung ahnten damals<br />

bereits, dass die Regierung<br />

um Ulbricht etwas unternehmen<br />

würde, um das Ausbluten<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> durch die sprunghaft<br />

angestiegenen Massenfluchten<br />

zu verhin<strong>der</strong>n. Das kaum<br />

Vorstellbare geschah dann in<br />

<strong>der</strong> Nacht zum 13 August<br />

1961, als in Berlin die Straßen zu den Westsektoren mit<br />

Stacheldraht <strong>und</strong> spanischen Reitern hermetisch abgeriegelt<br />

wurden <strong>und</strong> <strong>der</strong> Bau <strong>der</strong> Mauer begann.<br />

Politisches Tauwetter<br />

Der Mauerbau war einerseits <strong>der</strong> tiefste <strong>und</strong> menschenverachtendste<br />

Einschnitt in <strong>der</strong> Geschichte <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>, an<strong>der</strong>erseits aber die einzige Möglichkeit, den<br />

völligen Zusammenbruch des Staates zu verhin<strong>der</strong>n.<br />

Die Bevölkerung musste sich nun gezwungenermaßen<br />

mit dem SED-Staat arrangieren. Dies bewirkte eine<br />

vorher kaum vorstellbare positive Entwicklung, wodurch<br />

sich die Beziehungen zwischen <strong>der</strong> Staatsgewalt<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Bevölkerung schrittweise verbesserten.<br />

Von diesem politischen Tauwetter profitierten in gewissem<br />

Sinne auch die <strong>Schausteller</strong>. Zuvor holte <strong>der</strong><br />

Staat aber zu einem gewaltigen Schlag gegen die<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold,<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Blick vom Riesenrad<br />

auf die Kin<strong>der</strong>eisenbahn<br />

von Preuß <strong>und</strong> die Fahrt ins<br />

Blaue von Malfertheiner<br />

21


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

Die Spinne war auf<br />

allen Plätzen gern gesehen<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold,<br />

Archiv Seiferth,<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Bei Platzmangel<br />

wurde <strong>der</strong> Fuhrpark<br />

auf <strong>der</strong> Staße abgestellt<br />

noch existierenden Privatbetriebe aus, die auf demagogische<br />

Art <strong>und</strong> Weise immer wie<strong>der</strong> für die bestehenden<br />

Wirtschaftsprobleme <strong>und</strong> ständigen Versorgungsengpässe<br />

verantwortlich gemacht wurden.<br />

Nach <strong>der</strong> schrittweisen Verstaatlichung <strong>der</strong> Landwirtschaft,<br />

die 1955 begann <strong>und</strong> sich später durch tief<br />

greifende sozialpolitische Maßnahmen <strong>und</strong> günstige<br />

Arbeitsbedingungen durchaus auch vorteilhaft auf die<br />

Bauern auswirkte, rollte mit Beginn <strong>der</strong> sechziger Jahre<br />

die erste große Enteignungswelle durch die <strong>DDR</strong>,<br />

durch die die meisten privaten Handwerksbetriebe<br />

<strong>und</strong> Zulieferbetriebe enteignet <strong>und</strong> verstaatlicht wurden.<br />

Bei dieser Gelegenheit sollte endlich auch das<br />

<strong>Schausteller</strong>problem gelöst werden.<br />

Aus diesem Gr<strong>und</strong> wurde beim Ministerium für Kultur<br />

eine Arbeitsgruppe gebildet, die die Vorraussetzungen<br />

für die Bildung so genannter „<strong>Schausteller</strong>-Genossenschaften“<br />

schaffen sollte. Neben Vertretern des<br />

Staatsapparates <strong>und</strong> <strong>der</strong> IHK durften auch wenige,<br />

speziell ausgewählte <strong>Schausteller</strong> über die Zukunft ihres<br />

Gewerbes mit beraten. Für die Bezirke Erfurt, Gera<br />

<strong>und</strong> Suhl waren drei solcher Genossenschaften vorgesehen.<br />

Man beabsichtigte, künftig an Stelle <strong>der</strong> „billigen<br />

Rummelplätze“ in größeren Orten ständig geöffnete<br />

Vergnügungsparks mit kontinuierlich wechselnden<br />

Attraktionen einzurichten. Im Januar 1960 wurden<br />

diesbezüglich ein Arbeitsplan beschlossen <strong>und</strong> Fragen<br />

<strong>der</strong> Vorstände <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>-Genossenschaften<br />

sowie die Auszahlung <strong>der</strong> Mitglie<strong>der</strong>-Anteile erörtert.<br />

<strong>Schausteller</strong>-Genossenschaften<br />

Durch die zu gründenden Genossenschaften sollte die<br />

„billige <strong>und</strong> niveaulose Volksbelustigung“ endgültig<br />

<strong>der</strong> Vergangenheit angehören. Die Vertreter des<br />

Staatsapparates erkannten aber schnell, dass für die<br />

Realisierung dieses Ziels den <strong>Schausteller</strong>n die Möglichkeit<br />

zur Beschaffung von mo<strong>der</strong>nen Geschäften,<br />

hochwertigen Gewinnen <strong>und</strong> zur Schaffung einer wesentlich<br />

besseren materiell-technischen Basis gegeben<br />

werden musste. Da <strong>der</strong> Staat dies jedoch nicht<br />

wollte (o<strong>der</strong> konnte), wurde <strong>der</strong> „Genossenschaftsplan“,<br />

<strong>der</strong> sich als Eigentor entpuppen würde, schnell<br />

wie<strong>der</strong> verworfen. Kurz darauf sollte mit <strong>der</strong> Bildung<br />

des volkseigenen Zentralzirkus, <strong>der</strong> mit dem „sozialistischen<br />

Veranstaltungswesen <strong>der</strong> Zirkuskunst <strong>und</strong><br />

ähnlicher Genre“ beauftragt wurde, auch ein vertragliches<br />

Verhältnis zwischen den <strong>Schausteller</strong>n <strong>und</strong> dem<br />

22


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

Planetenbahn von<br />

Oswald Thieme um 1969<br />

„sozialistischen Sektor des Veranstaltungswesens“<br />

angestrebt werden. Größere <strong>Schausteller</strong>betriebe sollten<br />

eine staatliche Beteiligung aufnehmen, wobei <strong>der</strong><br />

Volkseigene Betrieb (VEB) Zentralzirkus die Funktion<br />

des Kommandisten übernehmen sollte. Mit kleineren<br />

Betrieben sollten Kommissionsverträge mit dem Zirkus<br />

abgeschlossen werden, wodurch die <strong>Schausteller</strong><br />

praktisch zu dessen Angestellten geworden wären. Da<br />

sich <strong>der</strong> Zirkus auf keinen Fall mit den überwiegend<br />

vor dem Krieg gebauten <strong>und</strong> reparaturanfälligen Geschäften<br />

herumplagen wollte, landete dieser Plan<br />

dann ebenfalls im Papierkorb.<br />

Nach all den Irrungen <strong>und</strong> Wirrungen <strong>und</strong> <strong>der</strong> Einsicht,<br />

dass die <strong>Schausteller</strong>betriebe unter den gegebenen<br />

Vorausetzungen nicht verstaatlicht werden konnten,<br />

wurden dann in den sechziger Jahren schrittweise die<br />

Gr<strong>und</strong>lagen für ein normales Verhältnis zwischen den<br />

Behörden <strong>und</strong> den <strong>Schausteller</strong>betrieben geschaffen.<br />

Die erste zentrale <strong>Schausteller</strong>konferenz<br />

Mit <strong>der</strong> Anweisung Nr. 5 des Ministeriums für Kultur<br />

vom 20. Januar 1964 wurde das <strong>Schausteller</strong>gewerbe<br />

dem Ministerium für Kultur in Berlin unterstellt. Kurz<br />

darauf folgte in Leipzig die erste zentrale <strong>Schausteller</strong>konferenz,<br />

auf <strong>der</strong> die Weichen für die Zukunft des<br />

privaten <strong>Schausteller</strong>gewerbes gestellt wurden. Wichtigstes<br />

Ergebnis dieser <strong>Schausteller</strong>konferenz war <strong>der</strong><br />

Beschluss zur Bildung eines Zentralen Arbeitskreises<br />

(ZAK) <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> beim Ministerium für Kultur <strong>und</strong><br />

von Bezirksarbeitskreisen (BAK) bei den Räten <strong>der</strong><br />

Bezirke. Mit <strong>der</strong> Bildung dieser Arbeitskreise <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

Überarbeitung <strong>der</strong> „Anweisung über das <strong>Schausteller</strong>wesen“<br />

wurden die Gr<strong>und</strong>lagen für eine zukunftsorientierte<br />

Entwicklung des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

<strong>und</strong> ein entspanntes Verhältnis zwischen den <strong>Schausteller</strong>n<br />

<strong>und</strong> den staatlichen Organen geschaffen. Entgegen<br />

<strong>der</strong> Volksweisheit: „Wenn man nicht mehr weiter<br />

weiß, bildet man einen Arbeitskreis“, war die Gründung<br />

dieser Gremien einer <strong>der</strong> wichtigsten Meilensteine<br />

in <strong>der</strong> Geschichte des <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>gewerbes.<br />

Der Zentrale Arbeitskreis beim Ministerium für<br />

Kultur hatte die Aufgabe, das Ministerium<br />

bei <strong>der</strong> Lösung von Gr<strong>und</strong>satzfragen des<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbes zu beraten. Die<br />

Mitglie<strong>der</strong> dieses Arbeitskreises wurden<br />

vom Leiter des Sektors Veranstaltungswesen<br />

beim Ministerium für Kultur berufen.<br />

Die Bezirksarbeitskreise wurden<br />

durch die Stellvertreter <strong>der</strong> Vorsitzenden<br />

<strong>der</strong> Räte <strong>der</strong> Bezirke, Abteilung Kultur, gebildet.<br />

In <strong>der</strong> Regel gehörten ihnen ein<br />

Vertreter des Rates des Bezirkes, Abteilung<br />

Kultur (als Vorsitzen<strong>der</strong>), ein Vertreter<br />

<strong>der</strong> Industrie- <strong>und</strong> Handelskammer des<br />

Bezirkes (als Stellvertreter des Vorsitzenden)<br />

<strong>und</strong> drei <strong>Schausteller</strong> an, die von <strong>der</strong><br />

Abteilung Kultur des Rates des Bezirkes<br />

berufen wurden.<br />

Funktion <strong>der</strong> Arbeitskreise<br />

Die Arbeitskreise waren „politisch-fachliche<br />

Beratungsgremien“. Sie hatten hauptsächlich die<br />

Aufgabe, die kulturelle Wirksamkeit des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

spürbar zu erhöhen <strong>und</strong> verstärkt in das kulturelle<br />

Leben <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> zu integrieren. Die Beschlüsse<br />

<strong>der</strong> Arbeitskreise trugen empfehlenden Charakter <strong>und</strong><br />

mussten durch die zuständigen Organe bestätigt werden.<br />

Sie arbeiteten nach Arbeitsplänen, die ebenfalls<br />

Das Riesenrad<br />

von Schubert<br />

23


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

Überschlagschaukeln<br />

waren in den sechziger<br />

Jahren noch spektakulär<br />

FOTOS<br />

Archiv Eckermann,<br />

Rolf Orschel<br />

„abgesegnet“ werden mussten. Zur Lösung spezieller<br />

Aufgaben konnten zu den Arbeitskreisen Fachberater<br />

wie <strong>Schausteller</strong>, <strong>Schausteller</strong>gehilfen, Marktmeister<br />

o<strong>der</strong> Vertreter <strong>der</strong> Industrie- <strong>und</strong> Handelskammern<br />

hinzugezogen werden. Der Zentrale Arbeitskreis wurde<br />

in die Arbeitsgruppen <strong>Volksfeste</strong>, Betriebswirtschaft,<br />

technisch-organisatorische Gr<strong>und</strong>satzfragen,<br />

Fahrgeschäfte, Spielwesen <strong>und</strong> Versorgung unterglie<strong>der</strong>t.<br />

Je<strong>der</strong> Arbeitsgruppe konnten sechs Fachberater,<br />

die durch den Arbeitskreis vorgeschlagen wurden,<br />

durch den Leiter des Sektors Veranstaltungswesen<br />

des Ministeriums für Kultur zugeordnet werden.<br />

Nach diesen Gr<strong>und</strong>sätzen war auch die Tätigkeit <strong>der</strong><br />

Bezirksarbeitskreise geregelt. Durch die schöpferische<br />

<strong>und</strong> zielstrebige Arbeit <strong>der</strong> Arbeitskreise, in denen<br />

sehr kompetente <strong>Schausteller</strong> aktiv waren, konnte<br />

sich das <strong>Schausteller</strong>gewerbe <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> in den sechziger<br />

Jahren kontinuierlich entwickeln. Nach <strong>der</strong> Gründung<br />

des Bezirksarbeitskreises Karl-Marx-Stadt (heute<br />

wie<strong>der</strong> Chemnitz) wurde auf Anregung <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

ein Arbeitsplan erarbeitet, <strong>der</strong> Termine für die<br />

Durchführung einer Bezirkskonferenz, <strong>der</strong> Vorbereitung<br />

<strong>und</strong> Durchführung von <strong>Schausteller</strong>lehrgängen,<br />

dem Erfahrungsaustausch mit Veranstaltern <strong>und</strong><br />

Marktmeistern, Begutachtungen von <strong>Volksfeste</strong>n <strong>und</strong><br />

Beratungen mit <strong>der</strong> Abteilung Handel <strong>und</strong> Versorgung<br />

festlegte. Durch die Industrie- <strong>und</strong> Handelskammer<br />

des Bezirkes Karl-Marx-Stadt wurde durch diesen Arbeitsplan<br />

1964 <strong>der</strong> erste Internatslehrgang für <strong>Schausteller</strong><br />

durchgeführt, dessen inhaltliche Schwerpunkte<br />

vom Bezirksarbeitskreis erarbeitet wurden. Als Anerkennung<br />

<strong>der</strong> beispielhaften <strong>und</strong> uneigennützigen Arbeit<br />

des Bezirksarbeitskreises Karl-Marx-Stadt fand im<br />

Februar 1966 im Auftrag des Ministeriums für Kultur<br />

die zweite zentrale <strong>Schausteller</strong>konferenz im „Kulturpalast<br />

<strong>der</strong> Werktätigen“ in Karl-Marx-Stadt statt. Im<br />

Verlauf dieser <strong>Schausteller</strong>konferenz wurden mehrere<br />

Arbeitsgruppen gebildet, um die anstehenden Probleme<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> zielstrebig <strong>und</strong> unbürokratisch<br />

lösen zu können. Durch die entschlossene Arbeit <strong>der</strong><br />

Zielstrebige Arbeit <strong>der</strong> Arbeitskreise<br />

Die Turmrutschbahn<br />

von Edgar Schrö<strong>der</strong> auf<br />

<strong>der</strong> Messe in Magdeburg<br />

24


<strong>DDR</strong> / 60er-JAHRE<br />

QUELLE<br />

Handbuch des <strong>Schausteller</strong>s<br />

– Taschenbuch des<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>, Das Volk, Ausgabe<br />

Erfurt, 17.05.61<br />

Münchs Bodenkarussell<br />

war in den Sechzigern<br />

bereits über 70 Jahre alt<br />

gebildeten Arbeitsgruppen, in denen ebenfalls sehr<br />

aktive <strong>Schausteller</strong> tätig waren, konnte bereits 1966<br />

<strong>der</strong> Tarifvertrag für das <strong>Schausteller</strong>gewerbe, ein Meilenstein<br />

für die weitere Entwicklung des Gewerbes, in<br />

Kraft treten. Außerdem wurde die Gültigkeit <strong>der</strong> Gewerbescheine<br />

auf fünf Jahre verlängert <strong>und</strong> beschlossen,<br />

regelmäßig Internatslehrgänge <strong>der</strong> Industrie- <strong>und</strong><br />

Handelskammer für die <strong>Schausteller</strong>, ihre Angehörigen<br />

<strong>und</strong> Mitarbeiter durchzuführen. Das Ministerium<br />

für Kultur organisierte Lehrgänge für die Mitglie<strong>der</strong> des<br />

Zentralen Arbeitskreises, die Vorsitzenden <strong>der</strong> Bezirksarbeitskreise,<br />

<strong>der</strong>en Sekretäre <strong>und</strong> für die Fachberater.<br />

Eine Arbeitsgruppe des Bezirksarbeitskreises<br />

Karl-Marx-Stadt übergab 1968 eine überarbeitete<br />

Preisliste an das Ministerium für Kultur, die die Gr<strong>und</strong>lage<br />

für Verhandlungen mit dem Amt für Preise bildete.<br />

Nach <strong>der</strong> staatlichen Gängelei <strong>und</strong> Bevorm<strong>und</strong>ung<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> nach <strong>der</strong> Gründung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> herrschte<br />

seit Mitte <strong>der</strong> sechziger Jahre eine vielversprechende<br />

<strong>und</strong> fruchtende Zusammenarbeit mit den<br />

staatlichen Organen.<br />

Neue Töne in <strong>der</strong> Presse<br />

Mit einer bis dahin nicht für möglich gehaltenen Berichterstattung<br />

reagierte die Presse schnell auf die<br />

neue Zusammenarbeit <strong>der</strong> staatlichen Organe mit den<br />

<strong>Schausteller</strong>n. In den nun erschienenen Berichten<br />

wurden die <strong>Schausteller</strong> als „wichtige, aktive Mitgestalter<br />

<strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> in Stadt <strong>und</strong> Land“ vorgestellt.<br />

Außerdem konnte man jetzt lesen, dass die <strong>Schausteller</strong><br />

ein Recht auf volle Anerkennung <strong>und</strong> die Unterstützung<br />

ihrer Anliegen durch die Behörden haben<br />

<strong>und</strong> dass sie als Teil des Mittelstandes einen sehr<br />

wichtigen Beitrag bei <strong>der</strong> sozialistischen Bewusstseinsbildung<br />

<strong>der</strong> Bevölkerung leisten. Die kritische Berichterstattung<br />

in <strong>der</strong> Tagespresse befasste sich nun<br />

erstmals mit <strong>der</strong> teilweise noch recht stiefmütterlichen<br />

Behandlung <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> durch einige Behörden,<br />

den vielerorts unmöglichen <strong>und</strong> zum Teil unzumutbaren<br />

Platzverhältnissen <strong>und</strong> <strong>der</strong> Unfähigkeit von einigen<br />

zuständigen Mitarbeitern<br />

<strong>der</strong> Räte <strong>der</strong> Städte <strong>und</strong><br />

Gemeinden. Des Weiteren<br />

wurden Versorgungsengpässe<br />

<strong>und</strong> die zu beobachtende<br />

Geschäftemacherei<br />

einiger ortsansässiger<br />

Händler auf den <strong>Volksfeste</strong>n<br />

unverblümt angeprangert.<br />

Völlig neu waren<br />

auch Berichte über das<br />

Alltagsleben <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>.<br />

Unter dem Motto<br />

„Was dem Laien verborgen<br />

bleibt“ wurde in regelmäßigen<br />

Abständen über<br />

die gehobenen Ausstattungen<br />

<strong>der</strong> Wohnwagen,<br />

den personalintensiven<br />

Auf- o<strong>der</strong> Abbau <strong>der</strong> Geschäfte, die Traditionen <strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong>betriebe <strong>und</strong> über die Reparaturen <strong>und</strong><br />

Überarbeitungen <strong>der</strong> Geschäfte im Winter berichtet.<br />

Durch diese Berichte erhielt die Bevölkerung informative<br />

Einblicke vom unromantischen Leben <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Münch,<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Berliner Ring von<br />

Egon <strong>und</strong> Hans Heimann<br />

25


<strong>DDR</strong> / 70er-JAHRE<br />

DIE SIEBZIGER JAHRE<br />

Kleines Volksfest<br />

in den 1970er-Jahren<br />

FOTOS<br />

Archiv Eckstein,<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Erfurter Sommerfest<br />

zu Beginn <strong>der</strong> 1970er-Jahre<br />

Obwohl die <strong>Schausteller</strong> nach den <strong>Schausteller</strong>konferenzen<br />

in den Jahren 1964 <strong>und</strong> 1966 gesellschaftsfähig<br />

wurden <strong>und</strong> danach eine vielversprechende<br />

Zusammenarbeit zwischen ihnen <strong>und</strong><br />

den Behörden begann, trat ab 1971 eine nicht erklärbare<br />

Stagnation ein. Sämtliche anstehenden Fragen –<br />

unter an<strong>der</strong>em zur quantitativen<br />

<strong>und</strong> qualitativen Absicherung <strong>der</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> – wurden „von oben“<br />

we<strong>der</strong> beantwortet noch geklärt,<br />

son<strong>der</strong>n einfach ignoriert. Es kamen<br />

keine neuen Impulse vom Ministerium<br />

für Kultur, wodurch die<br />

Bezirksarbeitskreise auf <strong>der</strong> Stelle<br />

traten. Auf den Festplätzen <strong>und</strong> in<br />

den Aussprachen auf den <strong>Schausteller</strong>-Lehrgängen<br />

wurde zwar<br />

ohne Schönfärberei über die anstehenden<br />

Probleme diskutiert,<br />

aber von den zuständigen Behörden<br />

<strong>und</strong> vom Ministerium kamen<br />

keine Antworten.<br />

<strong>Volksfeste</strong> vor, das im stillen Kämmerlein <strong>und</strong> ohne die<br />

Mitarbeit von <strong>Schausteller</strong>n erstellt wurde. Deshalb<br />

w<strong>und</strong>erte sich niemand, dass dieser Organisationsplan<br />

mit den anstehenden Problemen des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

nicht das Geringste zu tun hatte. Erst<br />

nach <strong>der</strong> Gründung des Beirates zur Entwicklung des<br />

Das Ministerium schwieg<br />

Pfingstfest in Weimar<br />

Obwohl mit ihren Problemen allein<br />

gelassen, arbeiteten die Bezirksarbeitskreise<br />

während dieses Stillstands<br />

konsequent weiter. Nach einem<br />

Vorstoß des Bezirksarbeitskreises<br />

Karl-Marx-Stadt beim Ministerium<br />

für Kultur besuchte ein Mitarbeiter<br />

des Ministeriums den Bezirksarbeitskreis<br />

<strong>und</strong> stellte lediglich<br />

ein unakzeptables Konzept<br />

für die weitere Entwicklung des<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbes <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

26


<strong>Schausteller</strong>wesens beim Ministerium für Kultur, am<br />

21. März 1979, endete das eiserne Schweigen, eine<br />

regere Zusammenarbeit ließ aber weiter auf sich warten.<br />

Da sich neben den angehäuften Problemen <strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong> die zu diesem Zeitpunkt herrschende<br />

weltweite wirtschaftliche Rezession <strong>und</strong> Ölkrise – die<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> eine bis dahin unvorstellbare Preisexplosion<br />

auslösten – mussten sämtliche Ministerien unverzüglich<br />

reagieren <strong>und</strong> entsprechende Rahmenbedingungen<br />

schaffen.<br />

Neues Selbstbewusstsein<br />

In den siebziger Jahren verän<strong>der</strong>te sich schrittweise<br />

das Selbstbewusstsein <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Bürger. Die ständig<br />

gepriesenen Vorzüge <strong>der</strong> sozialistischen Gesellschaft<br />

<strong>und</strong> die tägliche Realität klafften immer weiter auseinan<strong>der</strong>.<br />

Doch so gleichgeschaltet, wie sie heute oft <strong>und</strong><br />

gern dargestellt wird, war die <strong>DDR</strong>-Gesellschaft nicht.<br />

Trotz ihres teilweise eintönigen Alltags konnten die<br />

Bürger selbstbewusst leben <strong>und</strong> lieben, richteten sich<br />

in <strong>der</strong> Gesellschaft ein <strong>und</strong><br />

fanden Nischen, in denen sie<br />

<strong>der</strong> staatlich verordneten sozialistischen<br />

Moral <strong>und</strong> Lebensweise<br />

entfliehen konnten.<br />

Zu diesen Nischen gehörten<br />

auch die <strong>Volksfeste</strong>, die in den<br />

siebziger Jahren wie Pilze aus<br />

dem Boden zu schießen begannen<br />

<strong>und</strong> zur beliebtesten<br />

Form <strong>der</strong> Freizeitgestaltung<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Bürger wurden. Eine<br />

<strong>der</strong> Hauptursachen für den<br />

Volksfest-Boom war zu diesem<br />

Zeitpunkt die gefestigte neue<br />

Denkweise <strong>der</strong> Staatsmacht über den gesellschaftlichen<br />

Stellenwert <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>.<br />

Durch ihre ungebrochene Beliebtheit wurden die<br />

Volks- <strong>und</strong> Heimatfeste zu Beginn <strong>der</strong> siebziger Jahre<br />

zum Objekt des staatlich verordneten Frohsinns <strong>und</strong><br />

durch die Kulturpolitik <strong>der</strong> Sozialistischen Einheitspartei<br />

(SED) großzügig geför<strong>der</strong>t. Da die Staatsmacht<br />

vom bis dahin vorherrschenden Kunstzentrismus abrückte,<br />

gewann das so genannte volkskulturelle Erbe<br />

immer größere Bedeutung, wurde wie<strong>der</strong> gepflegt <strong>und</strong><br />

verbreitet. Durch diese neue Situation erlangte <strong>der</strong><br />

Umgang mit <strong>der</strong> traditionellen Volkskultur eine neue,<br />

große kulturpolitische Bedeutung.<br />

Lawinenartige Zunahme <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong><br />

Die gestiegene Bedeutung regional geb<strong>und</strong>ener Folklore<br />

verursachte eine lawinenartige Zunahme <strong>der</strong><br />

Volks- <strong>und</strong> Heimatfeste, die von <strong>der</strong> Bevölkerung in<br />

allen Bezirken <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> regelrecht gestürmt wurden.<br />

Bald darauf zählte man jährlich mehr als 3.500 Veran-<br />

<strong>DDR</strong> / 70er-JAHRE<br />

Auf den großen Plätzen<br />

herrschte stets reger Betrieb<br />

FOTOS<br />

Archiv Rainer Jacobi,<br />

Archiv Hölzel<br />

Wollmarkt auf <strong>der</strong><br />

Hammerwiese in Arnstadt<br />

27


<strong>DDR</strong> / 70er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Rummel auf<br />

dem Domplatz in Erfurt<br />

Die Festzelte waren<br />

zu <strong>DDR</strong>-Zeiten stets prall gefüllt<br />

staltungen, die von mehr als 60 Millionen Menschen<br />

besucht wurden <strong>und</strong> nur zu einem Bruchteil von den<br />

<strong>Schausteller</strong>n beschickt werden konnten. Im seit den<br />

fünfziger Jahren von <strong>der</strong> IHK <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> herausgegebenen<br />

<strong>und</strong> jährlich erscheinendem „Verzeichnis <strong>der</strong><br />

Märkte <strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“ tauchten nun auch<br />

vermehrt Anzeigen von Städten <strong>und</strong> Gemeinden auf,<br />

die für ihre Veranstaltungen hän<strong>der</strong>ingend <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

suchten. „Wir erwarten Ihre Platzanfragen<br />

für unser Volksfest vom... bis..., Fahrgeschäfte bevorzugt.<br />

Ihre Anfragen richten Sie bitte an…“.<br />

Auswirkungen des Volksfest-Booms<br />

Diese o<strong>der</strong> ähnlich formulierte Annoncen deuteten auf<br />

den sich anbahnenden Mangel an Fahrgeschäften<br />

<strong>und</strong> an<strong>der</strong>en <strong>Schausteller</strong>einrichtungen hin. In <strong>der</strong><br />

zweiten Hälfte <strong>der</strong> siebziger Jahre entwickelte sich<br />

eine breit gefächerte Palette von <strong>Volksfeste</strong>n, die von<br />

politisch orientierten Veranstaltungen wie dem 1. Mai,<br />

dem Tag <strong>der</strong> Republik bis zu den sehr beliebten Pressefesten<br />

– die in den Sommermonaten in sämtlichen<br />

Bezirksstädten <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> stattfanden <strong>und</strong> zu denen<br />

„von oben“ finanzierte zentrale Festprogramme quer<br />

durch die gesamte Republik geschickt <strong>und</strong> aufgeblähte<br />

Kommissionen mit <strong>der</strong> regional angepassten<br />

Ausgestaltung <strong>der</strong> Pressefeste in den jeweiligen Bezirksstädten<br />

beauftragt wurden – über Heimatfeste bis<br />

zu den <strong>Volksfeste</strong>n, die sich aus alten Traditionen entwickelten,<br />

reichte. Es entwickelten sich aber auch völlig<br />

neuartige <strong>Volksfeste</strong> wie Gemeindeverbands-, Kooperations-<br />

<strong>und</strong> Wohngebietsfeste, mit denen die Heimatverb<strong>und</strong>enheit<br />

<strong>der</strong> Bevölkerung <strong>und</strong> die fortgeschrittene<br />

gesellschaftliche Entwicklung zum Ausdruck<br />

gebracht werden sollten. Mit <strong>der</strong> explosionsartigen<br />

Zunahme <strong>der</strong> Volks- <strong>und</strong> Heimatfeste waren die<br />

28


<strong>DDR</strong> / 70er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Geisterbahn <strong>und</strong><br />

Spinne in Weimar, um 1973<br />

<strong>Schausteller</strong> hoffnungslos überfor<strong>der</strong>t. Die größten<br />

Probleme bereiteten ihnen die immer älter werdenden<br />

Fahr- <strong>und</strong> Belustigungsgeschäfte <strong>und</strong> die tägliche<br />

Mühe, die dringend benötigten tausend kleinen Dinge,<br />

die für die Ausübung des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

Gr<strong>und</strong>voraussetzung waren, irgendwie <strong>und</strong> irgendwoher<br />

aufzutreiben. Durch die herrschende Planwirtschaft<br />

wurde es nämlich immer schwieriger, Glas-,<br />

Porzellan- <strong>und</strong> Plüschware o<strong>der</strong> einfache Papierlose<br />

für die Warenausspielungen, dringend benötigte Ersatzteile<br />

für die Zugmaschinen <strong>und</strong> Geschäfte o<strong>der</strong> so<br />

banale Dinge wie Serienlampen, Magazine <strong>und</strong> Munition<br />

für die Luftgewehre, Abschießröhrchen <strong>und</strong> an<strong>der</strong>es<br />

Zubehör offiziell zu beschaffen.<br />

Statistische Angaben<br />

In <strong>der</strong> wöchentlich erschienenen Wochenpost wurden<br />

1978 zum ersten Mal aktuelle Zahlen zum Thema<br />

„Jahrmärkte <strong>und</strong> <strong>Schausteller</strong>“ veröffentlicht. Aus diesen<br />

Angaben geht hervor, dass<br />

gegen Ende <strong>der</strong> siebziger Jahre in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> 643 <strong>Schausteller</strong> registriert<br />

waren <strong>und</strong> dass damals in<br />

diesem Gewerbe insgesamt 1904<br />

Personen tätig waren. Es gab 466<br />

mitreisende Ehepartner, 246 im Arbeitsverhältnis<br />

stehende Familienangehörige<br />

sowie 548 festangestellte<br />

Arbeitskräfte. Die <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

reisten mit 1.540<br />

Geschäften, die sich im Privatbesitz<br />

befanden. Es existierten damals<br />

noch 557 Fahrgeschäfte <strong>und</strong><br />

298 Kin<strong>der</strong>karussells. Außerdem<br />

betrieben die <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong><br />

310 Schießhallen, 530 Spielgeschäfte aller Art <strong>und</strong> 143<br />

Belustigungsgeschäfte. Interessant waren auch die<br />

Angaben über den Jahresbedarf <strong>der</strong> Los- <strong>und</strong> Schießbuden.<br />

Pro Saison benötigten diese <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

circa 75 Millionen Lose, 35 Millionen Tonröhrchen,<br />

100 Millionen Luftgewehrkugeln <strong>und</strong> Diabolos<br />

sowie 1.000 neue Gewehre. Einschließlich <strong>der</strong> Presse-,<br />

Heimat- <strong>und</strong> Kulturparkbesucher wurden 1977 circa<br />

50 Millionen Besucher gezählt, die sich 1977 auf<br />

3.000 <strong>Volksfeste</strong>n nach Herzenslust vergnügt hatten.<br />

Zu den am meisten besuchten <strong>Volksfeste</strong>n <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

zählten in den siebziger Jahren unter an<strong>der</strong>em die<br />

Leipziger Kleinmessen, die Dresdner Vogelwiese, die<br />

Annaberger Kät, <strong>der</strong> Eisleber Wiesenmarkt, das<br />

Girschdurfer Schiss’n in Neugersdorf <strong>und</strong> das Rudolstädter<br />

Vogelschießen. Des Weiteren strömten die Besucher<br />

in Massen auf den Zwiebelmarkt in Weimar,<br />

den Dresdner Striezelmarkt <strong>und</strong> zum krönenden<br />

Abschluss des Jahres auf den Weihnachtsmarkt in<br />

Berlin.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Marina Moritz <strong>und</strong> Dieter<br />

Demme: Der „verordnete“<br />

Frohsinn. <strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>, Seiten 4-7, Handbuch<br />

des <strong>Schausteller</strong>s –<br />

Taschenbuch des <strong>Schausteller</strong>wesens<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

Wartungsarbeiten an<br />

den Fahrzeugen von<br />

Malfertheiners Berliner Ring<br />

29


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

DIE ACHTZIGER JAHRE<br />

Blick auf den<br />

Wollmarkt in Arnstadt<br />

in den achtziger Jahren<br />

Kleine Dorfkirmes<br />

in Thüringen, um 1985<br />

Die achtziger Jahre wurden<br />

für die <strong>Schausteller</strong> in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> von enormen Ersatzteilproblemen,<br />

Stillegungen von<br />

Fahrgeschäften, einem spürbaren<br />

Aufbruch in eine neue<br />

Epoche mit exotischen Eigenbauten,<br />

mo<strong>der</strong>nen Pack- <strong>und</strong><br />

Wohnwagen, dem Zeitgeist<br />

angepassten Karussells <strong>und</strong><br />

Reihengeschäften <strong>und</strong> dem<br />

sich allmählich anbahnenden<br />

Untergang <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> geprägt.<br />

Da Ersatzteile für die teilweise über 50 Jahre alten<br />

Fahrgeschäfte nicht im Handel erhältlich waren <strong>und</strong><br />

immer öfter mit riesigem finanziellen <strong>und</strong> personellen<br />

Aufwand in Einzelteilfertigung hergestellt werden mussten<br />

o<strong>der</strong> die Sicherheit <strong>der</strong> Fahrgäste nicht mehr gewährleistet<br />

war, mussten immer öfter Fahrgeschäfte<br />

stillgelegt werden. Sie konnten dann aber nur durch<br />

Reihengeschäfte ersetzt werden. Durch den daraus<br />

resultierenden Fahrgeschäftsmangel gelang es Veranstaltern<br />

von kleineren <strong>Volksfeste</strong>n immer seltener,<br />

große Karussells für ihre Veranstaltungen vertraglich<br />

binden zu können. Diese für die Veranstalter prekäre<br />

Situation hatte allerdings für die <strong>Schausteller</strong>, die mit<br />

beliebten Fahrgeschäften reisten, einen angenehmen<br />

FOTOS<br />

Archiv Rolf Schmidt,<br />

Rolf Orschel<br />

Auto-Corso von<br />

Schard auf dem Wollmarkt<br />

in Arnstadt, achtziger Jahre<br />

30


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

Herrmanns Riesenrad<br />

im vorgebauten Zustand, 1986<br />

FOTOS<br />

Archiv Rolf Schmidt,<br />

Rolf Orschel<br />

Oft wurden<br />

Geschäfte vorgebaut<br />

Nebeneffekt: Durch die sinkende Anzahl <strong>der</strong> Karussells<br />

konnten sie sich zunehmend Reiserouten nach<br />

Wunsch zusammenstellen. Ein schriftlicher Hinweis an<br />

die Abteilung Kultur <strong>der</strong> örtlichen Räte, „dass man im<br />

nächsten Jahr mit seinem Fahrgeschäft an <strong>der</strong> o<strong>der</strong><br />

<strong>der</strong> Veranstaltung teilnehmen werde“, genügte, um<br />

rasch einen Vertrag zu bekommen. Durch den Fahrgeschäftsmangel<br />

konnten sich die <strong>Schausteller</strong>, die<br />

ihre Karussells mo<strong>der</strong>nisiert hatten, in den achtziger<br />

Jahren die lukrativsten Veranstaltungen <strong>und</strong> <strong>DDR</strong>-<br />

Grandplätze aussuchen o<strong>der</strong> durch die landschaftlich<br />

reizvollsten Regionen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisen. Dort wurden sie<br />

stets mit offenen Armen von den Stadt- o<strong>der</strong> Gemein<strong>der</strong>äten<br />

empfangen.<br />

Umfangreiche Mo<strong>der</strong>nisierungen<br />

Einige <strong>Schausteller</strong> investierten in dieser Zeit für <strong>DDR</strong>-<br />

Verhältnisse ungewöhnlich hohe Summen <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nisierten<br />

ihre betagten, aber bestens gepflegten Karussells<br />

<strong>und</strong> Reihengeschäfte. Dabei wurden<br />

für einige Fahrgeschäfte mo<strong>der</strong>ne Mittelbauwagen<br />

angefertigt, die den Auf- <strong>und</strong> Abbau<br />

wesentlich erleichterten. Die Lichtanlagen<br />

wurden auf Lauf- <strong>und</strong> Wechsellicht umgerüstet<br />

<strong>und</strong> mit leistungsstarken Scheinwerfern<br />

<strong>und</strong> Disco-Lichteffekten ausgerüstet. Teilweise<br />

wurden neue Gondeln aus Gießharz angefertigt<br />

<strong>und</strong> die alten Holzsohlen <strong>und</strong> -böcke<br />

wurden durch Stahlkonstruktionen ersetzt.<br />

Nach Abschluss <strong>der</strong> Mo<strong>der</strong>nisierungen <strong>und</strong><br />

Umbauten, bei denen einigen innovativen<br />

<strong>Schausteller</strong>n das in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> technisch <strong>und</strong><br />

optisch Machbare gelang, hinterließen einige<br />

Geschäfte wie<strong>der</strong> einen fast fabrikneuen Eindruck.<br />

Trotz dieser beachtlichen Erfolge gab<br />

es in den achtziger Jahren verschiedene Ungereimtheiten,<br />

die das <strong>Schausteller</strong>gewerbe in seiner weiteren<br />

Entwicklung hemmte. Aus diesem Gr<strong>und</strong> wurde<br />

Anfang Februar 1985 eine Arbeitstagung <strong>der</strong> Schau-<br />

Verlosung Christiansen,<br />

Fahrt ins Blaue Kuntz, 1984<br />

31


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

Weltes Walzerfahrt, 1987<br />

FOTOS<br />

Archiv Moschkau,<br />

Rolf Orschel<br />

Thiemes Walzerfahrt<br />

steller im Bezirk Karl-Marx-Stadt durchgeführt. Sie bot<br />

nach zwölfjähriger Pause endlich die Möglichkeit, verantwortlichen<br />

Personen von staatlichen Institutionen<br />

die Probleme <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> vorzutragen.<br />

Auslöser <strong>der</strong> 3. <strong>Schausteller</strong>konferenz<br />

Diese Arbeitstagung wurde zum Auslöser <strong>der</strong> 3.<br />

<strong>Schausteller</strong>konferenz des Ministeriums für Kultur, die<br />

zwei Jahre später, im Februar 1987, in <strong>der</strong> Stadthalle<br />

von Karl-Marx-Stadt stattfand. Auf dieser Konferenz<br />

wurden in einer erstaunlich offenen <strong>und</strong> ehrlichen Diskussion,<br />

ohne sozialistische Phrasen <strong>und</strong> Lobeshymnen<br />

auf die Partei- <strong>und</strong> Staatsführung, über die anstehenden<br />

Probleme des <strong>Schausteller</strong>gewerbes von den<br />

delegierten <strong>Schausteller</strong>n <strong>und</strong> Bodo Zabel, dem Leiter<br />

<strong>der</strong> Abteilung Unterhaltungskunst <strong>und</strong> Vorsitzen<strong>der</strong><br />

des Beirates für die Entwicklung des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

beim Ministerium für Kultur, diskutiert. Noch<br />

ungewöhnlicher war die Tatsache, dass anschließend<br />

die mitunter sehr kritischen Konferenzprotokolle unzensiert<br />

<strong>und</strong> in voller Länge in einer Broschüre für das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe veröffentlicht wurden. Durch die<br />

dritte <strong>Schausteller</strong>konferenz konnten die bestehenden<br />

Engpässe <strong>und</strong> Probleme natürlich nicht gelöst werden.<br />

Es kam für die <strong>Schausteller</strong> aber einem W<strong>und</strong>er<br />

gleich, dass zum ersten Mal so offen <strong>und</strong> ehrlich über<br />

ihre Sorgen gesprochen wurde.<br />

In seinem Referat analysierte Bodo Zabel das im privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>sektor Erreichte <strong>und</strong> gab ausführliche,<br />

das Gewerbe betreffende statistische Angaben<br />

bekannt. Da seit Anfang <strong>der</strong> sechziger Jahre die<br />

<strong>Schausteller</strong>betriebe erfasst wurden, ermöglichte diese<br />

Statistik ein einigermaßen reelles Bild über das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>. Bodo Zabel verwies<br />

in seinem Rechenschaftsbericht darauf, dass<br />

1986 in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> 5.200 <strong>Volksfeste</strong> stattfanden, die<br />

von über 80 Millionen Menschen besucht wurden.<br />

Detaillierte Angaben<br />

Dies bedeutete im Vergleich zu 1968 eine Steigerung<br />

auf das Viereinhalbfache. Ein absoluter Rekord<br />

– <strong>der</strong> deutlich machte, dass die <strong>Volksfeste</strong><br />

auch in den achtziger Jahren unangefochten die<br />

Nummer 1 <strong>der</strong> Freizeitgestaltung <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Bevölkerung<br />

waren. An<strong>der</strong>e Kultur- <strong>und</strong> Sportveranstaltungen<br />

hätten von solch enormen Steigerungen<br />

<strong>der</strong> Besucherzahlen nicht einmal zu träumen gewagt.<br />

Er gab bekannt, dass dem volkseigenen<br />

Sektor des Staatszirkus mit 7 Fahrgeschäften im<br />

Reisebetrieb sowie den 11 betriebseigenen Karussells<br />

im Kulturpark Berlin 650 private Schau-<br />

32


Weitere Angaben bezogen sich auf das<br />

hohe Alter <strong>der</strong> Karussells. Zu diesem Thema<br />

sagte Bodo Zabel unter an<strong>der</strong>em:<br />

„Die in unserer Republik betriebenen<br />

Fahrgeschäfte sind sehr veraltet“.<br />

<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

stellerbetriebe gegenüberstanden. Sie reisten 1987<br />

mit 543 Fahrgeschäften, 97 Verkaufswagen <strong>und</strong> 898<br />

Spielgeschäften. Diese Zahlen belegten, dass 96,8<br />

Prozent <strong>der</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> vorhandenen<br />

Fahrgeschäfte <strong>und</strong> 100 Prozent<br />

<strong>der</strong> Spielgeschäfte in den<br />

achziger Jahren von den privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>n betrieben wurden<br />

<strong>und</strong> lediglich 3,2 Prozent <strong>der</strong> Fahrgeschäfte<br />

dem volkseigenen<br />

<strong>Schausteller</strong>sektor des Staatszirkus<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> <strong>und</strong> dem Kulturpark<br />

Berlin gehörten. Insgesamt befanden<br />

sich noch 101 R<strong>und</strong>fahrgeschäfte<br />

<strong>und</strong> Bodenkarussells, 77<br />

Kettenflieger, 24 Riesenrä<strong>der</strong>, 60<br />

Luftschaukeln, 19 Autoskooter,<br />

221 Kin<strong>der</strong>karussells, 27 Ponybahnen,<br />

6 Geisterbahnen <strong>und</strong> 8 Laufgeschäfte<br />

im betriebsfähigen Zustand.<br />

174 Verlosungen, 273<br />

Schießhallen o<strong>der</strong> -wagen, 48 Würfelspiele,<br />

34 Blinker, 88 Tisch- <strong>und</strong><br />

Drehrä<strong>der</strong>, 184 Wurfspiele, 47 diverse<br />

Spielgeschäfte <strong>und</strong> 49 Automatengeschäfte<br />

mit 1618 Spielautomaten<br />

machten das enorme<br />

Überangebot in dieser Sparte<br />

mehr als deutlich.<br />

Veraltete Karussells<br />

„154 Karussells, das sind fast 30 Prozent,<br />

sind bereits über 50 Jahre alt. Die Fahrgeschäfte<br />

entstanden in den Jahren 1930<br />

bis 1959. Dort sind knapp 60 Prozent zwischen<br />

25 <strong>und</strong> 30 Jahren im Einsatz. Nur<br />

jedes 10. heute im Bereich des privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens eingesetzte Fahrgeschäft<br />

ist unter 25 Jahre im Einsatz“. Zum<br />

Überhandnehmen <strong>der</strong> Spielgeschäfte<br />

führte er weiter aus: „Im Gegensatz zur<br />

wachsenden Qualität <strong>und</strong> Quantität <strong>der</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> vollzog sich im privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>wesen eine Entwicklung, die<br />

den kulturpolitischen Erfor<strong>der</strong>nissen – die<br />

Attraktivität <strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong>, damit ihrem<br />

Erlebniswert <strong>und</strong> ihre Vielfalt für die Besucher<br />

nachhaltig zu erhöhen – zuwi<strong>der</strong>läuft.<br />

Sie findet ihren Ausdruck darin,<br />

dass seit Jahren die Tendenz einer rückläufigen<br />

Entwicklung im Fahrgeschäftsbereich – bei<br />

gleichzeitigem schnellen Anwachsen <strong>der</strong> Geschäftsanzahl<br />

im Bereich des Spielwesens zu verzeichnen<br />

FOTOS<br />

Archiv Moschkau,<br />

Rolf Orschel<br />

Die Großglocknerbahn<br />

von Stoll in voller Fahrt<br />

Disney-Jet von<br />

Bernd Schleinitz<br />

Auto-Skooter<br />

von Sachs<br />

33


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

Der Eiswagen<br />

von Fugmann, 1987<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Impressionen vom Pfingstfest<br />

in Ohrdruf, 1985<br />

ist“. Zahlreiche Fahrgeschäftsarten, speziell solche,<br />

die dem Fahrgast Mut- o<strong>der</strong> Scheingefahreffekte vermitteln,<br />

wie die ehemalige Kosmosgondel, Ro<strong>und</strong> Up,<br />

Toboggan o<strong>der</strong> Achterbahn, sind im privaten <strong>Schausteller</strong>wesen<br />

nicht mehr existent. An<strong>der</strong>e Geschäfte,<br />

wie verschiedene Fahr- <strong>und</strong> Belustigungsgeschäfte,<br />

Schiffschaukel, Lustige Tonne <strong>und</strong> Lachkabinett werden<br />

kaum noch betrieben“.<br />

Wi<strong>der</strong>sprüchliche Argumente<br />

Diese kritischen Worte von Bodo Zabel enthielten allerdings<br />

Wi<strong>der</strong>sprüche: Er bemängelte die größtenteils<br />

veralteten Fahrgeschäfte – wusste aber gleichzeitig,<br />

dass die Wirtschaftspolitik <strong>der</strong> SED die Herstellung<br />

von mo<strong>der</strong>nen <strong>und</strong> spektakulären Karussells<br />

nicht vorsah. Und zahlreiche Anträge <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>,<br />

gebrauchte Anlagen aus dem Westen käuflich zu<br />

erwerben, wurden stets abgelehnt, da man sich mit<br />

<strong>der</strong> Reaktivierung <strong>der</strong> stillgelegten Fahrgeschäfte die<br />

Lösung des Problems versprach. Dies hätte allerdings<br />

zur Folge gehabt, dass die Anzahl veralteter Geschäfte<br />

weiter zugenommen hätte. Außerdem gehörte<br />

<strong>der</strong> Saturnus „Kosmosgondel“ zum Inventar des Kulturparks<br />

Plänterwald, <strong>und</strong> <strong>der</strong> Ro<strong>und</strong> Up ähnliche<br />

„Kosmos-Rotator“ wurde für den VEB Staatszirkus von<br />

mehreren <strong>DDR</strong>-Betrieben gebaut. Obwohl sich viele<br />

<strong>Schausteller</strong> für diese Geschäfte interessierten, wurde<br />

die Kosmosgondel verschrottet <strong>und</strong> den „Kosmos-Rotator“<br />

verkaufte man 1968 an die Stadt Rostock. Die<br />

privaten <strong>Schausteller</strong> hatten keine Chance, diese<br />

„VEB-Geschäfte“ käuflich zu erwerben.<br />

In seinem Referat nannte Zabel allerdings auch einige<br />

Gründe, die zu <strong>der</strong> misslichen, materiell-technischen<br />

Situation führten. Wörtlich sagte er: „Ein Großteil <strong>der</strong><br />

heute noch tätigen <strong>Schausteller</strong> verzichtet aus betriebswirtschaftlichen<br />

Gründen auf den aufwandsintensiven<br />

Betrieb von Fahrgeschäften. Außerdem<br />

zeigt die Praxis, dass <strong>der</strong>zeit wenig Interese besteht,<br />

vorhandene restaurierungsfähige Fahrgeschäfte zu<br />

reaktivieren o<strong>der</strong> eine Gewerbegenehmigung für<br />

diesen Bereich des <strong>Schausteller</strong>wesens zu beantragen.<br />

Wir müssen deshalb sehr bald dafür sorgen, dass<br />

die Rahmenbedingungen für die Sicherung <strong>der</strong><br />

betriebswirtschaftlichen Rentabilität im Fahrgeschäftsbereich<br />

geän<strong>der</strong>t werden, um die <strong>Schausteller</strong><br />

in dieser Beziehung materiell zu interessieren. Neben<br />

dieser Aufgabe geht es vor allem um die Erhaltung<br />

des vorhandenen Bestandes an Fahrgeschäften im<br />

staatlichen <strong>und</strong> privaten Sektor des Volksfestwesens<br />

34


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Topfs Walzerfahrt auf<br />

dem Frühlingsfest in Suhl, 1986<br />

sowie maximal mögliche Reaktivierung von nicht in<br />

Betrieb befindlichen, stillgelegten <strong>und</strong> nicht zugelassenen<br />

Fahrgeschäften des privaten Sektors“.<br />

Mit diesen Worten stellte Bodo Zabel klar, dass an<br />

eine Wie<strong>der</strong>aufnahme <strong>der</strong> Produktion von neuen<br />

Fahrgeschäften vorläufig nicht zu denken war.<br />

Vielmehr stellte er fest: „Eine Untersuchung des<br />

Magistrats von Berlin im Jahre 1985 ergab, dass 24<br />

Fahrgeschäfte, darunter 12 Kin<strong>der</strong>fahrgeschäfte,<br />

stillgelegt sind. Und je<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> weiß, dass ein<br />

Fahrgeschäft, das stillgelegt ist, in seiner Substanz<br />

nicht besser wird. Die 24 Fahrgeschäfte in Berlin<br />

könnten mit einem Aufwand von 850.000 Mark reaktivierungsfähig<br />

werden. Nimmt man noch die in <strong>der</strong><br />

Republik stillgelegten Fahrgeschäfte hinzu, so müssen<br />

diese stillgelegten <strong>und</strong> nicht mehr zugelassenen<br />

Fahrgeschäfte als wesentliche Reserve angesehen<br />

werden.“<br />

Reaktivierung vor eigener Produktion<br />

„Die Aufgabe, sie im maximal möglichen Umfang zu<br />

reaktivieren, muss deshalb die erste Maßnahme vor<br />

<strong>der</strong> Aufnahme einer eingenen Produktion von Fahrgerschäften<br />

zur Erhöhung des Bestandes an <strong>Volksfeste</strong>inrichtungen<br />

sein. Zu einem späteren Zeitpunkt ist<br />

<strong>der</strong> Bedarf an Fahrgeschäften im staatlichen <strong>und</strong> privaten<br />

Sektor des Volksfestwesens für den perspektivischen<br />

Zeitraum zu ermitteln <strong>und</strong> damit die Voraussetzungen<br />

<strong>und</strong> den Beginn <strong>der</strong> Produktion von zunächst<br />

einfachen Fahrgeschäften zu schaffen“.In <strong>der</strong> anschließenden<br />

Debatte wurde von den Diskussions-<br />

QUELLE<br />

Konferenzprotokolle zur<br />

<strong>Schausteller</strong> - Konferenz<br />

des Ministeriums für Kultur<br />

am 2. Februar 1987 in Karl-<br />

Marx-Stadt, Seiten 10-20<br />

Gebrauchte elektronische<br />

Videospiele aus dem Westen<br />

waren auch auf dem Wollmarkt<br />

in Arnstadt ein Renner, 1988<br />

35


<strong>DDR</strong> / 80er-JAHRE<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Marionetten-Variete<br />

von Sterl auf dem Brunnenfest<br />

in Bad Langensalza, 1988<br />

Belustigungsgeschäft<br />

von Gustav Meyer in<br />

Bad Langensalza, 1989<br />

rednern schonungslos<br />

<strong>der</strong><br />

Katalog ungelöster<br />

Probleme,<br />

die bereits<br />

lange – um<br />

nicht zu sagen:<br />

viel zu lange –<br />

ihrer Lösung<br />

harrten, angesprochen.<br />

Das<br />

Hinauszögern<br />

<strong>der</strong> Problematik<br />

belastete wesentlich das Vertrauensverhältnis zwischen<br />

den Staatsorganen <strong>und</strong> den <strong>Schausteller</strong>n. Sie<br />

drängten vor allem auf die Klärung <strong>der</strong> preis- <strong>und</strong> steuerrechtlichen<br />

Fragen, <strong>der</strong>en Lösung einen jahrzehntelangen<br />

Klärungsprozess ohne Ergebnisse auslöste.<br />

Trotz aller Probleme gelang es den <strong>Schausteller</strong>n<br />

während des Bestehens <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, sich erfolgreich als<br />

Domäne <strong>der</strong> privaten Unternehmen zu behaupten. Im<br />

Vergleich zu ihren Berufskollegen in Westdeutschland<br />

konnten sie sich einen bescheidenen, für <strong>DDR</strong>-Verhältnisse<br />

aber überdurchschnittlichen Wohlstand erarbeiten.<br />

Obwohl die von ihnen betriebenen Geschäfte<br />

größtenteils nicht mehr dem Zeitgeist entsprachen,<br />

konnten die meisten <strong>der</strong> betagten <strong>DDR</strong>-Fahrgeschäfte<br />

aufgr<strong>und</strong> ihres makellosen Pflegezustandes, ihrer<br />

Aufmachung <strong>und</strong> Gestaltung mit durchschnittlichen<br />

West-Geschäften allemal mithalten. Nachdem sich die<br />

Situation des <strong>Schausteller</strong>gewerbes nach <strong>der</strong> ersten<br />

<strong>Schausteller</strong>konferenz <strong>und</strong> <strong>der</strong> Bildung <strong>der</strong> Arbeitskreise<br />

in kleinen Schritten verbesserte, verließen<br />

nicht wenige <strong>Schausteller</strong> den SED-Staat <strong>und</strong><br />

bauten sich in Westdeutschland – mehr o<strong>der</strong><br />

weniger – erfolgreich eine neue Existenz auf. Sie<br />

mussten nach ihrer Übersiedlung noch einmal<br />

ganz von vorn anfangen, da sie entwe<strong>der</strong> ohne<br />

Hab <strong>und</strong> Gut aus <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> flüchteten o<strong>der</strong> nach<br />

<strong>der</strong> genehmigten Ausreise nur wenige persönliche<br />

Sachen mitnehmen durften. Ihre Geschäfte<br />

<strong>und</strong> den kompletten Fuhrpark mussten sie vorher<br />

weit unter Wert verkaufen. Manchmal wurden<br />

die Geschäfte auch entschädigungslos eingezogen.<br />

Mit den politischen Ereignissen am Ende <strong>der</strong><br />

achtziger Jahre wurden auch die bis dahin unlösbaren<br />

materiell-technischen Probleme <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> buchstäblich über Nacht<br />

gelöst. Der größte Teil <strong>der</strong> bis dahin aufwändig,<br />

liebevoll gepflegten <strong>und</strong> zum Teil umfangreich<br />

mo<strong>der</strong>nisierten Geschäfte wurde stillgelegt<br />

o<strong>der</strong> verschrottet.<br />

■<br />

36


GEWERBESCHEIN<br />

Die Gewerbeausübung <strong>der</strong> privaten <strong>DDR</strong>-Unternehmen<br />

wurde umfassend überwacht. Um den erfor<strong>der</strong>lichen<br />

Verwaltungsaufwand zu minimieren <strong>und</strong><br />

die Eigenverantwortlichkeit <strong>der</strong> staatlichen Organe<br />

stärken zu können, trat am 1. Januar 1957 eine überarbeitete<br />

„Verordnung über die Regelung <strong>der</strong> Gewerbetätigkeit“<br />

in Kraft. Sie diente als Gr<strong>und</strong>lage für die<br />

Erteilung einer Gewerbegenehmigung. Anträge zur<br />

Ausübung eines Gewerbes wurden gr<strong>und</strong>sätzlich nur<br />

genehmigt, wenn dafür ein volkswirtschaftliches Bedürfnis<br />

bestand. Der Antragsteller musste seine Eignung<br />

<strong>und</strong> persönliche Zuverlässigkeit nachweisen<br />

können. Im § 3, Absatz c <strong>der</strong> Gewerbeverordnung wurde<br />

festgelegt, „dass die Voraussetzungen zur Ausübung<br />

eines Gewerbes nur dann gegeben sind, wenn<br />

dem Antragsteller die erfor<strong>der</strong>lichen Räumlichkeiten,<br />

Einrichtungen o<strong>der</strong> sonstigen Betriebsmittel zur Verfügung<br />

stehen <strong>und</strong> er die arbeitsschutzmäßigen, baugesetzlichen<br />

sowie hygienischen Voraussetzungen<br />

nachweisen konnte“. Für die Ausübung des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

bedeutete das, dass <strong>der</strong> Antragsteller<br />

bereits bei <strong>der</strong> Antragstellung den Nachweis über<br />

ein vorhandenes Geschäft, mit genauen Angaben<br />

über den Erwerb <strong>und</strong> die Geschäftsart, erbringen<br />

musste. Dadurch wurden Genehmigungen für das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe ab 1957 eingeschränkt. Außenstehende<br />

hatten kaum noch eine Chance, einen<br />

<strong>Schausteller</strong>betrieb zu gründen, da die Antragsteller<br />

nun auch den Nachweis erbringen mussten, dass Familienangehörige<br />

bereits in diesem Gewerbe tätig waren.<br />

Hierzu mussten genaue Angaben, seit wann welche<br />

Geschäfte betrieben wurden, gemacht werden.<br />

Für <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong> war es bis in die siebziger Jahre<br />

hinein auch nicht einfach, die Gewerbeerlaubnis zu<br />

bekommen, da die Gründung von neuen privaten Unternehmen<br />

bis dahin nur noch in Ausnahmefällen genehmigt<br />

wurde. Ein makelloser Leum<strong>und</strong> <strong>und</strong> die richtige<br />

Geschäftsart waren wichtige Vorraussetzungen<br />

für eine Genehmigung des Antrags. Der Gewerbeschein<br />

musste am Wohnort des Antragstellers beantragt<br />

werden. Der Rat des Bezirkes überprüfte dann<br />

genauestens die gemachten Angaben. Falls ein Überangebot<br />

in <strong>der</strong> beantragten Geschäftsart bestand,<br />

wurde <strong>der</strong> Antrag abgelehnt. Die erteilte Gewerbegenehmigung<br />

war damals für jeweils ein Kalen<strong>der</strong>jahr<br />

gültig, konnte aber je<strong>der</strong>zeit wi<strong>der</strong>rufen werden, falls<br />

die Voraussetzungen für die Genehmigung von vornherein<br />

nicht bestanden o<strong>der</strong> nachträglich wegfielen.<br />

Falsche Angaben o<strong>der</strong> Nichteinhaltung <strong>der</strong> erteilten<br />

Auflagen sowie die Unterbrechung <strong>der</strong> Gewerbetätigkeit<br />

ohne Erlaubnis hatten ebenfalls den Entzug <strong>der</strong> Erlaubnis<br />

zur Folge. Nach dem Tod des Inhabers des<br />

Gewerbebetriebes erlosch die Genehmigung automatisch<br />

nach sechs Monaten. Der Ehepartner o<strong>der</strong> die<br />

Erben waren berechtigt, in diesem Zeitraum den Betrieb<br />

weiterzuführen. Konnte nur ein an<strong>der</strong>er Verwandter<br />

den Betrieb weiterleiten, musste dieser erst<br />

eine Ausnahmegenehmigung beantragen.<br />

In den achtziger Jahren wurden die Regelungen zur<br />

Ausübung <strong>der</strong> Gewerbetätigkeit gelockert, da die<br />

staatlich gelenkte Industrie <strong>und</strong> <strong>der</strong> Handel immer weniger<br />

in <strong>der</strong> Lage waren, die Wünsche <strong>der</strong> Bevölkerung<br />

zu befriedigen. Für den <strong>Schausteller</strong>nachwuchs<br />

bedeutete die Lockerung zwar weniger Bürokratie <strong>und</strong><br />

staatliche Gängelung, aber auch Einschränkungen,<br />

durch die das Gewerbe gar nicht ausgeübt werden<br />

konnte. Lutz Hofmann erinnert sich beispielsweise,<br />

dass sein Gewerbeantrag in den achtziger Jahren nur<br />

„ohne Anspruch auf Dieselkraftstoff“ genehmigt wurde.<br />

Da allerdings die zuständige Behörde auf die Frage,<br />

wie er mit seinem Laufgeschäft ohne Kraftstoff reisen<br />

solle, keine Antwort wusste, wurde sein Betrieb mit<br />

REISELEBEN<br />

QUELLE<br />

Handbuch des <strong>Schausteller</strong>s<br />

– Taschenbuch des<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong><br />

Anspruch auf Dieselkraftstoff genehmigt. ■ Siegfried Härtels<br />

Gewerbeerlaubnisschein<br />

37


REISELEBEN<br />

ALLTAG DER SCHAUSTELLER<br />

Typischer Waschtag<br />

in den sechziger Jahren<br />

Die <strong>Schausteller</strong> <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> lebten in einer nach<br />

außen isolierten, eigenen Welt. Sie bildeten durch<br />

die unliebsamen Erfahrungen nach <strong>der</strong> Gründung <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> eine sehr misstrauische, abgekapselte Gesellschaftsschicht<br />

<strong>und</strong> gewährten nur in ganz seltenen<br />

Fällen Außenstehenden tiefere Einblicke in ihren Alltag.<br />

Hatte man aber ihr Vertrauen erworben, nahmen<br />

sie manchmal „Private“ fast familiär auf.<br />

Fester Zusammenhalt im Gewerbe<br />

Durch ihre selbstständige Tätigkeit hatten die <strong>Schausteller</strong><br />

in <strong>der</strong> sozialistischen Gesellschaft einen beson<strong>der</strong>en<br />

Status, <strong>der</strong> zu einem festen Zusammenhalt<br />

untereinan<strong>der</strong> <strong>und</strong> innerhalb ihres Gewerbes führte.<br />

Gegenseitige Hilfe <strong>und</strong> Unterstützung waren im<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe selbstverständlich. Für die meisten<br />

<strong>DDR</strong>-Bürger war <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>beruf etwas<br />

Exotisches, Ungewöhnliches, <strong>und</strong> nur wenige wussten,<br />

wie die <strong>Schausteller</strong> lebten o<strong>der</strong> was <strong>und</strong> wie sie<br />

arbeiteten. Noch in den sechziger Jahren waren große<br />

Teile <strong>der</strong> Bevölkerung <strong>der</strong> Meinung, dass die <strong>Schausteller</strong><br />

wie „herumziehende Gaukler“ leben, <strong>und</strong><br />

rümpften verächtlich ihre Nasen, wenn die ersten bunten<br />

Wagen das Kommen <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> ankündigten.<br />

Nicht wenige waren damals sogar <strong>der</strong> Meinung,<br />

„dass man sich vor ihnen in Acht nehmen müsse“.<br />

In <strong>der</strong> Regel reisten die <strong>Schausteller</strong> von Ostern bis<br />

Oktober durch die Republik, wobei <strong>der</strong> Termin des<br />

Osterfestes den Verlauf <strong>der</strong> neuen Saison beeinfluss-<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner<br />

Momentaufnahme<br />

vom Aufbau <strong>der</strong> „Fahrt ins<br />

Blaue“ von Malfertheiner<br />

38


REISELEBEN<br />

Ernst Malfertheiner<br />

(Mitte) <strong>und</strong> Kollegen bei<br />

einer Pause, sechziger Jahre<br />

te. Ostern im März bedeutete eine gute Saison, fand<br />

das Fest aber erst im April statt, ging die Saison zu<br />

spät los. Eine Fixierung <strong>der</strong> Frühlingsfeste auf Anfang<br />

März wurde deshalb öfter diskutiert, konnte sich aber<br />

nicht durchsetzen. Zum Saisonschluss bauten einige<br />

Betriebe ihre Geschäfte gern noch auf Weihnachtsmärkten<br />

auf. Sämtliche <strong>Schausteller</strong> hatten feste<br />

Wohnsitze mit Gr<strong>und</strong>stücken, Hallen <strong>und</strong> Werkstätten,<br />

in denen sie die Wintermonate verbrachten. Die meisten<br />

Familien gingen bereits seit mehreren Generationen<br />

im Familienverband ihren Geschäften nach. Ihr<br />

Beruf erfor<strong>der</strong>te viel Liebe <strong>und</strong> Enthusiasmus, da es<br />

keine Kleinigkeit war, von März bis Dezember die Geschäfte<br />

in mühseliger Handarbeit auf 14 bis 18 Plätzen<br />

auf- <strong>und</strong> wie<strong>der</strong> abzubauen. In den Wintermonaten<br />

fanden für die <strong>Schausteller</strong> turnusmäßig Weiterbildungskurse<br />

<strong>und</strong> Lehrgänge für den Erwerb des „Befähigungsnachweises<br />

für den Arbeits- <strong>und</strong> Brandschutz“<br />

<strong>und</strong> berufsspezifische Weiterbildungen statt.<br />

Außerdem wurden die Geschäfte generalüberholt <strong>und</strong><br />

die Zugmaschinen sowie die Wohn- <strong>und</strong> Packwagen<br />

gründlich gereinigt, instand gesetzt <strong>und</strong> für die neue<br />

Saison vorbereitet.<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

Kaum Zeit zum Erholen<br />

Die <strong>Schausteller</strong>, die mit Warengeschäften reisten, verbrachten<br />

in den Wintermonaten die meiste Zeit mit <strong>der</strong><br />

Beschaffung von Ware. Sie fuhren von Betrieb zu Betrieb<br />

<strong>und</strong> waren ständig auf <strong>der</strong> Suche nach fehlerhafter<br />

Exportware, die es für die Bevölkerung nicht zu<br />

kaufen gab. Die <strong>Schausteller</strong>frauen hatten ebenfalls<br />

kaum Zeit zum Ausruhen <strong>und</strong> Erholen. Im Winterquartier<br />

mussten sie sich erst wie<strong>der</strong> an die vielen Zimmer<br />

gewöhnen. Die Hausarbeit war ungewohnt, da ein<br />

Wohnwagen viel schneller <strong>und</strong> leichter zu putzen war<br />

als ein ganzes Haus. Neben den Hausarbeiten mussten<br />

sich die Frauen auch im Winter um die Büroarbeiten<br />

<strong>und</strong> die Buchführung kümmern <strong>und</strong> spätestens<br />

Anfang März musste <strong>der</strong> Wohnwagen für die neue Saison<br />

wie<strong>der</strong> eingeräumt werden.<br />

Auf <strong>der</strong> Reise waren die Arbeitstage für die <strong>Schausteller</strong>familien<br />

<strong>und</strong> ihre Mitarbeiter lang <strong>und</strong> komplett<br />

durchorganisiert. In <strong>der</strong> Regel wurde morgens um sieben<br />

Uhr aufgestanden. Nach dem Frühstück, das bei<br />

Herbert Otto (links)<br />

betrieb seine Eisenbahn<br />

stets in gepflegter Uniform<br />

39


REISELEBEN<br />

Das Personal bei <strong>der</strong><br />

Vorbereitung <strong>der</strong> Autos<br />

des „Berliner Rings“, um 1970<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

Für ein gutes Fernsehbild<br />

sorgten Teleskopmasten<br />

einigen Betrieben von den <strong>Schausteller</strong>frauen für die<br />

gesamte Belegschaft zubereitet wurde, begannen die<br />

Männer mit ihren Mitarbeitern mit den Vorbereitungen<br />

für den Spielbetrieb. Die Geschäfte wurden gründlich<br />

gewartet, Verschleißteile wurden ausgewechselt o<strong>der</strong><br />

notwendige Reparaturen durchgeführt. Die Frauen,<br />

die auch in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> für alles zuständig waren, „was<br />

sich drinnen abspielte“, erledigten am Vormittag meistens<br />

den anfallenden Schriftverkehr, die Bankangelegenheiten,<br />

kochten für die gesamte Belegschaft, betreuten<br />

die Kin<strong>der</strong> <strong>und</strong> erledigten<br />

sämtliche häuslichen<br />

Arbeiten. Viele Jahre<br />

lang wurde in den meisten<br />

<strong>Schausteller</strong>betrieben von<br />

den Frauen auch die Wäsche<br />

<strong>der</strong> Mitarbeiter gewaschen<br />

<strong>und</strong> gebügelt. Nach<br />

dem Mittagessen gönnten<br />

sich die <strong>Schausteller</strong>familien<br />

<strong>und</strong> ihre Angestellten in<br />

<strong>der</strong> Regel noch eine Pause,<br />

bevor ab 14 Uhr die Musik<br />

ertönte <strong>und</strong> die Karussells<br />

wie<strong>der</strong> ihre R<strong>und</strong>en drehten.<br />

Die letzte Fahrt begann,<br />

territorial verschieden,<br />

zwischen 21 <strong>und</strong> 23<br />

Uhr, auf einigen Plätzen erst<br />

nach Mitternacht. In <strong>der</strong><br />

Saison hatten die <strong>Schausteller</strong><br />

kein freies Wochende,<br />

keinen Sonn- o<strong>der</strong> Feiertag,<br />

denn da brummte<br />

das Geschäft.<br />

Trotz <strong>der</strong> anstrengenden Arbeit herrschten an<strong>der</strong>swo<br />

selten so geordnete Zustände wie bei den <strong>Schausteller</strong>betrieben.<br />

Je<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> musste viele<br />

handwerkliche Fähigkeiten beherrschen <strong>und</strong> möglichst<br />

Schlosser, Elektriker, Maler <strong>und</strong> Tischler in einer<br />

Person sein, da an den Geschäften fast alles selbst gemacht<br />

werden musste. Nur selten konnte die Hilfe von<br />

Handwerksbetrieben in Anspruch genommen werden,<br />

da sie durch die Planwirtschaft kaum in <strong>der</strong> Lage waren,<br />

zusätzliche Aufträge zu erfüllen. Deshalb erwarben<br />

viele <strong>Schausteller</strong> auf Volkshochschulen auch den<br />

Schweißerpass, um etwa Metallkonstruktionen selbst<br />

instandsetzen zu können.<br />

Hilfsbereitschaft <strong>und</strong> Gastfre<strong>und</strong>schaft<br />

Durch den festen Zusammenhalt in ihrer Branche gingen<br />

die meisten <strong>Schausteller</strong> kollegial <strong>und</strong> gesellig<br />

miteinan<strong>der</strong> um <strong>und</strong> halfen sich gegenseitig, wo sie<br />

konnten. Falls ein Kollege erkrankte o<strong>der</strong> Geschäfte<br />

durch Naturgewalten beschädigt wurden, packte man<br />

ohne große Worte mit an <strong>und</strong> bei Bedarf wurden auch<br />

Transporte für die Kollegen gefahren. Neben ihrer solidarischen<br />

Hilfsbereitschaft zeichnete die <strong>Schausteller</strong><br />

vor allem ihre sprichwörtliche Gastfre<strong>und</strong>schaft<br />

aus, die <strong>der</strong> Autor bei vielen <strong>Schausteller</strong>familien auch<br />

als „Privater“ erleben <strong>und</strong> genießen konnte <strong>und</strong> je<strong>der</strong>zeit<br />

herzlich willkommen war. Da die meisten Familienfeiern<br />

auf den Festplätzen stattfanden, wurde meistens<br />

mit den Kollegen ausgelassen gefeiert. Man feierte<br />

wie eine Großfamilie, schließlich war man ja auch<br />

irgendwie miteinan<strong>der</strong> verwandt. In den Sommermonaten<br />

fanden die <strong>Schausteller</strong> auf jedem Platz stets einen<br />

Gr<strong>und</strong> für spontane Feiern o<strong>der</strong> Grillpartys, für die<br />

jede Familie etwas Ess- o<strong>der</strong> Trinkbares beisteuerte.<br />

40


REISELEBEN<br />

<strong>Schausteller</strong>treffen<br />

in den sechziger Jahren<br />

Aufbau des Dachstuhls<br />

von Malfertheiners „Fahrt<br />

ins Blaue“,1960er-Jahre<br />

Der Alltag <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong> unterschied sich nur<br />

unwesentlich von dem <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> „privater Familien“<br />

<strong>und</strong> dem <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> westdeutscher <strong>Schausteller</strong>. Ihre<br />

Gewöhnung an das unstete Leben erfolgte bereits im<br />

Kleinkindalter.<br />

Ständiger Wechsel <strong>der</strong> Schule<br />

Nach anfänglichen Benachteiligungen (bis in die<br />

sechziger Jahre erhielten die <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong> nach<br />

erfolgreicher Berufsausbildung kein Abschlusszeugnis)<br />

standen ihnen dann sämtliche Bildungswege offen.<br />

Die meisten Kin<strong>der</strong> gingen in den Orten <strong>der</strong> Reiseroute<br />

ihrer Eltern zur Schule <strong>und</strong> gewöhnten sich<br />

ziemlich schnell daran, alle paar Tage eine an<strong>der</strong>e<br />

Schule zu besuchen, wobei sie an den Transporttagen<br />

vom Unterricht befreit waren. Während ihrer Schulzeit<br />

profitierten sie, trotz <strong>der</strong> ständigen Schulwechsel, vom<br />

Schulsystem in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> mit einheitlichen Lehrplänen<br />

<strong>und</strong> Schulbüchern. Egal, in welcher Region sie mit<br />

ihren Eltern reisten, an sämtlichen Schulen wurde nach<br />

den selben Lehrplänen unterrichtet. Abweichungen<br />

gab es lediglich durch die unterschiedliche Einhaltung<br />

<strong>der</strong> Lehrpläne. In <strong>der</strong> Regel glichen sich die Unterschiede<br />

aber immer aus, wodurch die <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong><br />

eine sehr gute <strong>und</strong> vielseitige Allgemeinbildung<br />

hatten. Es gab in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> auch einige Internate für<br />

<strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong>, in denen aber nur wenige Kin<strong>der</strong><br />

untergebracht waren. An<strong>der</strong>e wuchsen auf Wunsch<br />

<strong>der</strong> Eltern – <strong>und</strong> meistens gegen ihren Willen – bei Verwandten<br />

auf, damit sie eine geregelte Kindheit genießen<br />

konnten. Am Nachmittag spielten die <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong><br />

mit ihren neuen Spielkameraden auf dem<br />

„interessantesten Abenteuerspielplatz <strong>der</strong> Welt“: zwischen<br />

den Wohnwagen <strong>und</strong> Karussells. Im Vergleich<br />

mit den Stadt- <strong>und</strong> Landkin<strong>der</strong>n<br />

wurden sie wesentlich früher<br />

selbstständig <strong>und</strong> arbeiteten<br />

beizeiten im Betrieb <strong>der</strong> Eltern<br />

mit, wobei sie den <strong>Schausteller</strong>beruf<br />

von <strong>der</strong> Pike auf erlernten.<br />

Es gab in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> aber auch<br />

<strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong>, die zunächst<br />

kein Interesse am Beruf<br />

ihrer Eltern hatten. Ihnen gefiel<br />

das unstete Leben auf Rä<strong>der</strong>n<br />

nicht, weshalb sie lieber in einem<br />

„ordentlichen Beruf“ arbeiten<br />

wollten. Während <strong>der</strong> Ausbildung<br />

o<strong>der</strong> des Studiums bemerkten<br />

aber oft nicht wenige,<br />

welches Blut in ihren A<strong>der</strong>n<br />

floss. Der Abschied von den Eltern<br />

nach den Wochenenden<br />

o<strong>der</strong> den Ferien fiel sehr schwer<br />

<strong>und</strong> wurde immer tränenreicher.<br />

Und eines Tages brachen sie<br />

die Lehre ab <strong>und</strong> blieben dann<br />

für immer auf <strong>der</strong> Reise. Es gab<br />

insgesamt nur ganz wenige <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong>, die<br />

sich von Anfang an nicht für das Leben auf <strong>der</strong> Reise<br />

begeistern konnten. Die Betreffenden absolvierten<br />

nach <strong>der</strong> Schule eine solide Ausbildung, studierten<br />

<strong>und</strong> heirateten eine(n) „Private(n)“. Im Laufe <strong>der</strong> Zeit<br />

wurden sie angesehene Ingenieure, Chirurgen <strong>und</strong><br />

Fachärzte, Industrie-Formgestalter o<strong>der</strong> gründeten erfolgreich<br />

einen Handwerksbetrieb. Die Kin<strong>der</strong>, die die<br />

<strong>Schausteller</strong>tradition weiterführten, reisten zunächst<br />

mit ihren Eltern o<strong>der</strong> Schwiegereltern <strong>und</strong> gründeten<br />

dann ihren eigenen <strong>Schausteller</strong>betrieb.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

41


REISELEBEN<br />

SCHAUSTELLERGEHILFEN<br />

Kurze Pause für die<br />

Mitarbeiter eines Twisters, 1989<br />

Vorbereitungen zum<br />

Tauchen <strong>der</strong> Serienlampen<br />

<strong>Schausteller</strong>, die mit größeren<br />

Geschäften in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten,<br />

waren auf fremde Hilfskräfte angewiesen.<br />

Trotz einigermaßen guter<br />

Bezahlung, freier Kost <strong>und</strong> Unterkunft<br />

haben sich allerdings kaum<br />

verlässliche <strong>und</strong> ausdauernde Arbeitskräfte<br />

für diese Tätigkeit interessiert<br />

<strong>und</strong> die Personalfluktuation<br />

war bei den <strong>Schausteller</strong>betrieben<br />

stets beson<strong>der</strong>s hoch. Die schwere<br />

körperliche Arbeit, so gut wie<br />

keine freien Tage in <strong>der</strong> Saison <strong>und</strong><br />

die Unterkunft in beengten Mannschafts-<br />

o<strong>der</strong> nur wenige Quadratmeter<br />

großen Einzelabteilen lockten<br />

kaum jemand, mit auf die Reise<br />

zu gehen. Junge, ledige Männer, für die sich das<br />

Mitreisen aus dem Alltäglichen heraushob <strong>und</strong> durch<br />

den bunten Lichterzauber verklärte, hörten häufig<br />

schon nach kurzer Zeit desillusioniert wie<strong>der</strong> auf. Sie<br />

hatten die berufsspezifischen Arbeitsbedingungen<br />

völlig unterschätzt. Eine weitere Ursache für den häufigen<br />

Arbeitskräftemangel im <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>gewerbe<br />

war <strong>der</strong> anfangs noch häufig allgegenwärtige<br />

<strong>und</strong> rüde Umgang mit den meist ungelernten <strong>Schausteller</strong>gehilfen.<br />

Als „Knechte“ o<strong>der</strong> „Kadetten“ herabwürdigend<br />

betitelt, hatten sie in manchen <strong>Schausteller</strong>betrieben<br />

nichts zu lachen <strong>und</strong> mussten unter<br />

unwürdigen Lebensbedingungen <strong>und</strong> bei miserabler<br />

Entlohnung schwer schuften. Das sprach sich natür-<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Kuno Plaenerts Mitarbeiter<br />

bauten in <strong>der</strong> Freizeit<br />

ein Modell des Tropical Jet<br />

aus Streichhölzern, 1986<br />

42


REISELEBEN<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Bei schönem Wetter<br />

wurde im Freien gegessen<br />

<strong>und</strong> zwischendurch geduscht<br />

lich herum <strong>und</strong> schreckte viele junge Männer ab. Es<br />

gab aber auch Ausnahmen. Junge Männer, denen das<br />

ständige Herumreisen <strong>und</strong> die Arbeit Spaß machten<br />

<strong>und</strong> die mitunter jahrzehntelang in einem <strong>Schausteller</strong>betrieb<br />

arbeiteten.<br />

Gleichberechtigte Mitarbeiter<br />

Diese in <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>branche ungewöhnlich seltene<br />

Treue kam allerdings nicht von ungefähr. Diese Gehilfen<br />

wurden von den <strong>Schausteller</strong>n von Anfang an<br />

nicht als „Knechte“, son<strong>der</strong>n als Mitarbeiter betrachtet,<br />

fair behandelt, gewissenhaft eingearbeitet <strong>und</strong> für<br />

gute Arbeit zusätzlich entlohnt. Sie wurden sehr gut<br />

verpflegt, ihre Wäsche wurde mit gewaschen <strong>und</strong> gebügelt<br />

<strong>und</strong> ihre Geburtstage sowie Weihnachten wurden<br />

häufig gemeinsam gefeiert. Eine dieser seltenen<br />

Ausnahmen war <strong>der</strong> gelernte Bäcker Klaus Göring aus<br />

Gotha, <strong>der</strong> über 50 Jahre lang ununterbrochen bei <strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong>familie Malfertheiner aus Ohrdruf in Thüringen<br />

arbeitete. Als Kind verbrachte er bereits jede<br />

Klaus Göring (rechts) im<br />

Fahrstand <strong>der</strong> „Fahrt ins Blaue“<br />

Waschtag auf dem<br />

Festplatz in Suhl, 1987<br />

43


REISELEBEN<br />

„Die Fahrkarten bitte!“<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Impressionen<br />

vom Alltag <strong>der</strong> Gehilfen<br />

freie Minute auf dem Schützenplatz, wenn ein Zirkus<br />

o<strong>der</strong> ein Rummel aufgebaut wurden. Nach <strong>der</strong> Lehre<br />

arbeitete er auf dem Gothaer Weihnachtsmarkt als<br />

Aushilfe bei Malfertheiners „Fahrt ins Blaue“ <strong>und</strong> entschloss<br />

sich dann, mit Malfertheiners auf die Reise zu<br />

gehen. So ging sein innigster Wunsch am 19. März<br />

1956 in Erfüllung. Er arbeitete bei Malfertheiners stets<br />

zuverlässig <strong>und</strong> gewissenhaft, bis ihn 2006 eine<br />

schwere Krankheit ans Bett fesselte <strong>und</strong> er kurz darauf<br />

für immer seine Augen schloss.<br />

An<strong>der</strong>e <strong>Schausteller</strong>gehilfen wollten sich ursprünglich<br />

nur mal ein paar Mark nebenbei verdienen <strong>und</strong> reisten<br />

dann doch einige Jahre mit. Zum Beispiel Horst<br />

Leuschner, alias „Bruno“, <strong>der</strong> in Dresden Foto- <strong>und</strong> Kinoapparate<br />

montierte. Vor 39 Jahren fragte er bei <strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong>familie Haeberling auf <strong>der</strong> Dresdner Vogelwiese,<br />

ob er für die Dauer dieser Veranstaltung als<br />

Aushilfe an ihrem Autoskooter arbeiten könne. Als Familie<br />

Haeberling nach <strong>der</strong> Vogelwiese mit ihrem Skooter<br />

weiterzog, war Bruno dabei <strong>und</strong> kümmert sich<br />

heute noch um den Babyflug <strong>der</strong> Haeberlings.<br />

Neben den ungelernten <strong>Schausteller</strong>gehilfen gab es<br />

aber auch einige Burschen, die über eine solide Ausbildung<br />

verfügten <strong>und</strong> trotzdem aus Spaß an <strong>der</strong> Sache<br />

mit <strong>Schausteller</strong>n mitreisten. Diese Mitarbeiter waren<br />

natürlich begehrt. Sie hielten ihre Unterkunft blitzsauber,<br />

konnten nach kurzer Einarbeitungszeit selbstständig<br />

arbeiten, hatten mitunter den Lkw-Führerschein<br />

<strong>und</strong> traten stets korrekt <strong>und</strong> höflich auf. Wenn<br />

sie am Geschäft kassierten o<strong>der</strong> unter Aufsicht des<br />

Chefs am Fahrpult saßen, waren sie adrett gekleidet,<br />

manche in schwarzer Hose, weißem Hemd <strong>und</strong> Krawatte.<br />

Diesen „Edel-Gehilfen“ wurden von den <strong>Schausteller</strong>familien<br />

kleine Privilegien zugestanden, da sie<br />

nur selten ersetzt werden konnten <strong>und</strong> deshalb möglichst<br />

lange in <strong>der</strong> Firma bleiben sollten.<br />

Ein einheitlicher Tarifvertrag<br />

Mit Wirkung vom 1. Oktober 1966 trat ein einheitlicher<br />

Tarifvertrag für das <strong>Schausteller</strong>gewerbe <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> in<br />

Kraft, <strong>der</strong> zwischen dem Zentralvorstand <strong>der</strong> Gewerkschaft<br />

Kunst <strong>und</strong> den Industrie- <strong>und</strong> Handelskammern<br />

<strong>der</strong> Bezirke einschließlich (Ost)Berlins vereinbart wurde.<br />

Dieser Tarifvertrag war für alle privaten <strong>Schausteller</strong>betriebe,<br />

die den Industrie- <strong>und</strong> Handelskammern<br />

angeschlossen waren, bindend <strong>und</strong> regelte bis ins De-<br />

44


tail die Arbeits- <strong>und</strong> Lebensbedingungen <strong>der</strong> dort beschäftigten<br />

Mitarbeiter, womit zum ersten Mal seit dem<br />

Bestehen dieses Berufsstandes einheitliche Regelungen<br />

über die Pflichten, aber auch<br />

die Rechte <strong>der</strong> Mitarbeiter festgelegt<br />

wurden. Dieser, in <strong>der</strong> Geschichte<br />

des <strong>Schausteller</strong>gewerbes<br />

einmalige Tarifvertrag regelte<br />

in neun Paragraphen <strong>und</strong> drei Anlagen<br />

auf <strong>der</strong> Gr<strong>und</strong>lage des sozialistischen<br />

Arbeitsrechts die Leitung<br />

des Betriebes <strong>und</strong> die Mitwirkung<br />

<strong>der</strong> Mitarbeiter. Außerdem<br />

den Arbeitsvertrag, die tarifliche<br />

Entlohnung, den Zuschlag für<br />

Überst<strong>und</strong>en, die Erschwerniszuschläge,<br />

den Anspruch auf einen<br />

arbeitsfreien Tag pro Woche, die<br />

Arbeitszeit, die Fahr- <strong>und</strong> Wegezeit,<br />

den Erholungsurlaub, das gewerkschaftliche<br />

Mitbestimmungsrecht<br />

<strong>und</strong> den Ges<strong>und</strong>heits- <strong>und</strong><br />

Arbeitsschutz. Dieser Tarifvertrag<br />

war zwar ein Meilenstein für die<br />

gerechte Behandlung <strong>und</strong> Entlohnung<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>gehilfen,<br />

aber in vielen Punkten reinste<br />

Theorie, die sich nicht mit den realen<br />

Arbeitsbedingungen <strong>der</strong> Reise<br />

vereinbaren ließen. Freie Tage in<br />

<strong>der</strong> Woche waren zum Beispiel nur<br />

in wenigen <strong>Schausteller</strong>betrieben garantiert <strong>und</strong> Urlaub<br />

konnte überwiegend nur im Januar in Anspruch<br />

genommen werden.<br />

■<br />

REISELEBEN<br />

Kassiert wurde<br />

auch während <strong>der</strong> Fahrt<br />

Mitarbeiter-Gruppenbild<br />

auf dem Skooter von Krebs<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

QUELLE<br />

Handbuch des <strong>Schausteller</strong>s<br />

– Taschenbuch des<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong><br />

Zwei Mitarbeiter von<br />

Plaenerts „Tropical Jet“<br />

im Sommer 1988<br />

45


LOGISTIK<br />

BAHNVERLADUNG<br />

Mit <strong>der</strong> Bahn zur<br />

nächsten <strong>Kirmes</strong>, um 1965<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Archiv Frischbier<br />

Das Riesenrad von<br />

Koppitz bei <strong>der</strong> Ankunft<br />

im Bahnhof Steinach<br />

Von Anfang an wurden in <strong>der</strong> SBZ <strong>und</strong> nachfolgend<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> die meisten Frachttransporte mit <strong>der</strong><br />

Deutschen Reichsbahn (DR) abgewickelt. Ungeachtet<br />

<strong>der</strong> Kriegszerstörungen <strong>und</strong> <strong>der</strong> als Reparationsleistungen<br />

demontierten Bahnanlagen musste die Eisenbahn<br />

die Wirtschaft in diesem Teil Deutschlands<br />

wie<strong>der</strong> in Schwung bringen. Die DR konnte die Transportaufgaben<br />

bis zu Beginn <strong>der</strong> siebziger Jahre aber<br />

nur unter erschwerten Bedingungen <strong>und</strong> häufig mit<br />

Vorkriegstechnik erfüllen. Erhebliche Mängel in <strong>der</strong> Infrastruktur<br />

<strong>und</strong> kaum zu realisierende Transportfor<strong>der</strong>ungen<br />

wirkten sich hemmend auf den gesamten Güterverkehr<br />

aus. Die DR fuhr damals „auf dem Zahnfleisch“:<br />

Über marode Schwellen unter Ausschöpfung<br />

aller Reserven bis an die Kapazitätsgrenze ihres<br />

Streckennetzes. Der Alltag <strong>der</strong> Einsatzleiter glich einem<br />

riesigen Krisenmanagement, das aus r<strong>und</strong> um<br />

die Uhr zu dirigierenden Zugmassen bestand. Die Eisenbahner<br />

standen permanent unter Druck, da von<br />

ihnen das ganze Jahr über Rekordleistungen verlangt<br />

wurden. Obwohl die DR voll auf Verschleiß gefahren<br />

wurde, konnten die Transportaufgaben nicht bewältigt<br />

werden. Nicht nur <strong>der</strong> Mangel an Gleisen, son<strong>der</strong>n<br />

auch an Arbeitskräften<br />

behin<strong>der</strong>ten seit<br />

Beginn <strong>der</strong> 1960er-<br />

Jahre die Zugauflösungen<br />

<strong>und</strong> -bildungen.<br />

Verspätungen,<br />

Rückstauzüge <strong>und</strong><br />

Lokmangel waren<br />

die häufigsten Ursachen<br />

für immer häufigere<br />

Verspätungen<br />

bei <strong>der</strong> DR. Da Kraftstoffe<br />

nach dem<br />

Kriegsende streng<br />

rationiert <strong>und</strong> intakte<br />

Zugmaschinen kaum vorhanden waren, war die Eisenbahn<br />

nach dem Krieg auch für die <strong>Schausteller</strong><br />

<strong>und</strong> Zirkusse das wichtigste Transportmittel. <strong>Schausteller</strong>son<strong>der</strong>züge<br />

waren in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> bis in die siebziger<br />

Jahre üblich. Per Achse wurden oft nur kurze Entfernungen<br />

zurückgelegt. Die Bedingungen für den<br />

Bahntransport waren durch die „Anleitung für die Verladung<br />

von <strong>Schausteller</strong>gut bei <strong>der</strong> Deutschen Reichsbahn“<br />

genauestens geregelt. In ihr war unter an<strong>der</strong>em<br />

festgelegt, dass die gesetzlich festgelegte Ladefrist<br />

(maximal 5 St<strong>und</strong>en für 1 bis 9 Waggons) zu je<strong>der</strong> Tages-<br />

<strong>und</strong> Nachtzeit, auch an Sonn- <strong>und</strong> Feiertagen eingehalten<br />

werden musste. Bei Überschreitung dieser<br />

Frist wurde den <strong>Schausteller</strong>n ein Wagenstandgeld<br />

(10 Mark pro St<strong>und</strong>e <strong>und</strong> Waggon) in Rechnung gestellt.<br />

Die Son<strong>der</strong>züge mussten bei <strong>der</strong> DR beantragt<br />

werden. Die Anträge mussten mindestens 8 Tage vor<br />

dem Transport bei <strong>der</strong> für den Abgangsbahnhof zuständigen<br />

Reichsbahndirektion vorliegen. Diese entschied<br />

dann entsprechend ihren betrieblichen Möglichkeiten,<br />

ob <strong>und</strong> wann <strong>der</strong> Zug bereitgestellt wird.<br />

Kürzere Transportanträge konnten nicht berücksichtigt<br />

werden. Die Tarife für die <strong>Schausteller</strong>- <strong>und</strong> Zirkusson<strong>der</strong>züge<br />

waren im Vergleich zu an<strong>der</strong>en Transportmitteln<br />

bis gegen Mitte <strong>der</strong> fünfziger Jahre gering.<br />

Danach trat eine neue Regelung für die <strong>Schausteller</strong>son<strong>der</strong>züge<br />

in Kraft, nach <strong>der</strong> das Begleiten <strong>der</strong> Züge<br />

unter „Beachtung <strong>der</strong> Erfor<strong>der</strong>nisse <strong>der</strong> Transportsicherheit“<br />

generell verboten wurde. Außerdem verlor<br />

<strong>der</strong> Son<strong>der</strong>zugtarif für die <strong>Schausteller</strong> seine Gültigkeit.<br />

Ihre Züge wurden nur noch als „Stückgut mit<br />

Frachtbrief“, zu wesentlich höheren Preisen berechnet.<br />

Diese neue Regelung galt aber nicht für die Son<strong>der</strong>züge<br />

<strong>der</strong> Zirkusse, für die weiterhin <strong>der</strong> Son<strong>der</strong>zugtarif<br />

gültig war <strong>und</strong> die trotz <strong>der</strong> „Erfor<strong>der</strong>nisse <strong>der</strong><br />

Transportsicherheit“ von den Artisten <strong>und</strong> Tierpflegern<br />

weiterhin begleitet wurden. Mit <strong>der</strong> neuen Regelung<br />

wurden die <strong>Schausteller</strong> vom Staat erneut benachtei-<br />

46


ligt, obwohl in <strong>der</strong> Eisenbahn-Gütertarifverordnung im<br />

Teil I, § 6 (2) eindeutig festgelegt war, „dass Tarifermäßigungen<br />

bei Erfüllung gleicher Bedingungen für<br />

je<strong>der</strong>mann in gleicher Weise genehmigt <strong>und</strong> berechnet<br />

werden“. In <strong>der</strong> Praxis wurde aber <strong>der</strong> Transport<br />

von <strong>Schausteller</strong>gut in planmäßigen „Güterzügen mit<br />

Abfertigungsschein“ verweigert. Für jeden beför<strong>der</strong>ten<br />

Waggon <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>son<strong>der</strong>züge berechnete<br />

die Deutsche Reichsbahn nun eine Achsgebühr (20<br />

Mark pro Achse) <strong>und</strong> die Streckenfracht für 5 Tonnen<br />

nach Wagenklasse drei. Schutzwaggons, die aus Betriebsgründen<br />

eingestellt wurden, beför<strong>der</strong>te die Eisenbahn<br />

aber weiterhin unentgeltlich. Für einen Son<strong>der</strong>zug<br />

von 28 Waggons <strong>und</strong> eine Entfernung von 150<br />

km stellte die DR den <strong>Schausteller</strong>n nach <strong>der</strong> neuen<br />

Verordnung einen Betrag von 1816 Mark in Rechnung.<br />

Der Beför<strong>der</strong>ungsweg wurde nach den Leistungsvorschriften<br />

festgelegt, beson<strong>der</strong>e Beför<strong>der</strong>ungs- <strong>und</strong><br />

Fahrpläne für <strong>Schausteller</strong>transporte gab es nicht.<br />

Da bei <strong>der</strong> DR Güterzüge für den Export, die „Festtagsversorgung“<br />

<strong>und</strong> die Brikettfabriken oberste Priorität<br />

hatten, mussten ihnen alle an<strong>der</strong>en Transportaufgaben<br />

untergeordnet werden. Durch den chronischen<br />

Wagenmangel <strong>der</strong> DR wurden den <strong>Schausteller</strong>n<br />

häufig nur sehr alte Nie<strong>der</strong>bordwagen zur Verfügung<br />

gestellt. So geschah es öfters, dass beim Beo<strong>der</strong><br />

Entladen die morschen Waggonböden brachen.<br />

Wenn die <strong>Schausteller</strong> den Schaden nicht<br />

selbst reparieren konnten, mussten sie <strong>der</strong> Bahn die<br />

Reparatur teuer bezahlen. Die Eisenbahner investierten<br />

viel Zeit, um durch schnelle, aber nicht immer<br />

sachgerechte Reparaturen die Schadwagen<br />

zumindest einigermaßen wie<strong>der</strong> beladefähig zu<br />

machen. Da es Schnittholz <strong>und</strong> Bohlen kaum gab,<br />

konnten die Schadstellen oft nur mit Blechen notdürftig<br />

ausgebessert werden, wodurch die Be- o<strong>der</strong><br />

Entladung mit <strong>Schausteller</strong>gut immer zeitaufwändiger<br />

wurde. Im Laufe <strong>der</strong> Jahre nahm <strong>der</strong> Schadwagenbestand<br />

so enorm<br />

zu, dass sich die Reparaturkapazität<br />

<strong>der</strong><br />

Eisenbahn völlig erschöpfte.<br />

Der „Kampf<br />

um jeden Güterwagen“<br />

nahm dann zum<br />

Nachteil <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

abstruse Formen<br />

an. Durch häufige<br />

Umleitungen von<br />

Güterzügen auf Nebenbahnen<br />

wurden<br />

auf den eingleisigen<br />

Strecken mit marodem<br />

Oberbau <strong>und</strong><br />

vielen Langsamfahrstellen<br />

die Güterzüge<br />

in einer Richtung in so genannten Zugbündeln gefahren.<br />

Da die Strecken für die Güterzüge nicht ausreichten<br />

<strong>und</strong> die volkswirtschaftlich notwendigen Güter absoluten<br />

Vorrang hatten, standen die Züge mit <strong>Schausteller</strong>gut<br />

häufig am Ende <strong>der</strong> Warteliste. Hinzu kam,<br />

dass durch „wildes Rangieren“ <strong>der</strong> Son<strong>der</strong>züge viele<br />

Schäden an den Fahrzeugen <strong>und</strong> <strong>der</strong> Ladung entstanden<br />

<strong>und</strong> auch häufig in die Wohnwagen eingebrochen<br />

wurde. Der Bahntransport wurde dadurch für<br />

die <strong>Schausteller</strong>betriebe allmählich zu einer kosten<strong>und</strong><br />

zeitintensiven Angelegenheit mit unkalkulierbarem<br />

Risiko. Deshalb setzten ab den sechziger Jahren<br />

immer mehr <strong>Schausteller</strong> auf den Lkw, mit dem die<br />

Bahn in punkto Schnelligkeit <strong>und</strong> Flexibilität nicht konkurrieren<br />

konnte.<br />

Auf dem gesamten Betriebsgelände <strong>der</strong> DR <strong>und</strong> dem<br />

Territorium <strong>der</strong> Neben- <strong>und</strong> Industriebahnen war das<br />

Fotografieren bis 1973 verboten. Die Einhaltung dieses<br />

Verbots wurde von <strong>der</strong> Transportpolizei (Trapo) mit<br />

Argusaugen überwacht. Deshalb findet man in den<br />

Alben <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> heute nur ganz selten Aufnahmen<br />

von den <strong>Schausteller</strong>son<strong>der</strong>zügen, die damals<br />

nur heimlich gemacht werden konnten.<br />

■<br />

LOGISTIK<br />

FOTOS<br />

Archiv Frischbier,<br />

Archiv Ludwig<br />

Pionier <strong>und</strong> Packwagen<br />

mit Seitenladung auf<br />

einem Son<strong>der</strong>zug um 1965<br />

Auch zur Steinacher<br />

Kirchweih reiste die <strong>Kirmes</strong><br />

damals oft mit <strong>der</strong> Bahn an<br />

QUELLE<br />

IHK <strong>und</strong> Reichsbahnamt<br />

des Bezirkes Rostock: Anleitung<br />

für die Verladung<br />

von <strong>Schausteller</strong>gut bei<br />

<strong>der</strong> Deutschen Reichsbahn<br />

Bahnverladung<br />

<strong>der</strong> Schlickerbahn von<br />

Horst Ludwig, um 1960<br />

47


LOGISTIK<br />

ZUGMASCHINEN<br />

Härtels Schaukel<br />

<strong>und</strong> Kin<strong>der</strong>karussell 1951<br />

auf dem Weg nach Ilmenau<br />

Hanomag-Zugmaschine<br />

<strong>der</strong> Familie Volklandt<br />

Helmut Vogel reiste<br />

viele Jahre mit einem Pionier<br />

FOTOS<br />

Archiv Lutze-Vogel, Achiv<br />

Kunze, Archiv Härtel<br />

Hanomag „SS 100“<br />

von Siegfried Kunze<br />

in den 1970er-Jahren<br />

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die<br />

<strong>Schausteller</strong> in <strong>der</strong> SBZ für den Transport ihrer Geschäfte<br />

<strong>und</strong> Wohnwagen größtenteils auf kollegiale<br />

o<strong>der</strong> fremde Hilfe angewiesen. Aufgr<strong>und</strong> kaputter<br />

o<strong>der</strong> zerstörter Zugmittel <strong>und</strong> streng rationierter Treibstoff-Kontingente<br />

konnten die <strong>Schausteller</strong> aus eigener<br />

Kraft entwe<strong>der</strong> gar nicht o<strong>der</strong> lediglich im engsten<br />

Umkreis reisen. Ab Juli 1945 wurden<br />

auf Befehl <strong>der</strong> Sowjetischen<br />

Militäradministration in allen größeren<br />

Orten <strong>der</strong> SBZ Fahrbereitschaften<br />

eingerichtet, die nur in<br />

Ausnahmefällen <strong>Schausteller</strong>transporte<br />

fahren durften. Nur wenige<br />

Traktoren <strong>und</strong> Zugmaschinen<br />

konnten rechtzeitig versteckt <strong>und</strong><br />

wie<strong>der</strong> aus ihren Verstecken geborgen<br />

werden. Deshalb wurde<br />

mit einfachsten Mitteln <strong>und</strong> handwerklichem<br />

Geschick versucht,<br />

aus brauchbaren Einzelteilen verschiedenster<br />

Nutzfahrzeuge irgendwie<br />

fahrbereite Vehikel zusammenzubauen.<br />

Ob die Motoren<br />

<strong>der</strong> selbstgebauten o<strong>der</strong> wie<strong>der</strong><br />

hergerichteten Gefährte mit Benzin,<br />

Diesel o<strong>der</strong> Holzgas angetrieben<br />

wurden, war völlig egal. Die<br />

Devise lautete damals: „Egal wie,<br />

Hauptsache das Fahrzeug fährt“.<br />

Die ab September 1946 ausgestellten<br />

Transporterlaubnisscheine<br />

waren auf einen Umkreis von 80 km<br />

beschränkt. Eine Überschreitung<br />

dieser Begrenzung war nur in Ausnahmefällen<br />

<strong>und</strong> mit Son<strong>der</strong>genehmigungen<br />

gestattet. Bei Transportkontrollen<br />

durch die Sowjetische<br />

Militäradministration mussten<br />

stets <strong>der</strong> Kraftfahrzeugschein, die Transportgenehmigung,<br />

<strong>der</strong> Führerschein, <strong>der</strong> Passagierschein, <strong>der</strong> Berechtigungsschein<br />

zur Kfz-Benutzung <strong>und</strong> die Steuerkarte<br />

vorgelegt werden. Wenn die Papiere nicht vollständig<br />

o<strong>der</strong> nicht korrekt waren, wurde die gesamte<br />

Fuhre beschlagnahmt. Außer den selbst zusammengebauten<br />

<strong>und</strong> meist nur wenige Kilometer funktionie-<br />

48


LOGISTIK<br />

Hanomag „SS 60 LN“<br />

von O. Liebold 1982<br />

Überholter Motor<br />

von O. Liebolds Hanomag<br />

renden Gefährten wurden in den Nachkriegsjahren die<br />

<strong>Schausteller</strong>transporte von Traktoren o<strong>der</strong> Zugmaschinen<br />

<strong>der</strong> Marken „Lanz“, „Hanomag“ <strong>und</strong> „Deutz“<br />

aus <strong>der</strong> Vorkriegsproduktion gezogen. Obwohl 1946<br />

die Produktion von Lastkraftwagen wie<strong>der</strong> anlief, vergingen<br />

aber noch einige Jahre, bis die <strong>Schausteller</strong><br />

mit staatlicher Genehmigung ausgemusterte, gebrauchte<br />

<strong>und</strong> größtenteils fast schrottreife Zugmaschinen<br />

erwerben konnten.<br />

Keine Neufahrzeuge für Privatbetriebe<br />

So blieb ihnen zunächst nichts an<strong>der</strong>es übrig, als mit<br />

hohem persönlichem Einsatz, technischen Kenntnissen<br />

<strong>und</strong> Fähigkeiten, viel Zeit <strong>und</strong> Geld aus ausgedienten<br />

Wracks von Traktoren <strong>und</strong> Lastkraftwagen aus<br />

eigener Kraft wie<strong>der</strong> zuverlässige Transportmittel anzufertigen.<br />

Nur auf diese Art bot sich ihnen die Chance,<br />

wie<strong>der</strong> unabhängig reisen zu können. In <strong>der</strong> später<br />

gegründeten <strong>DDR</strong> konnten sämtliche Privatunternehmer<br />

gr<strong>und</strong>sätzlich keine Neufahrzeuge erwerben.<br />

Ihnen stand nur <strong>der</strong> Weg zu gebrauchten Fahrzeugen<br />

über die Vermittlungskontore für Maschinen- <strong>und</strong> Materialreserven<br />

in den einzelnen Bezirken offen, wo ab<br />

<strong>und</strong> zu verschlissene Nutzfahrzeuge <strong>der</strong> volkseigenen<br />

Industrie o<strong>der</strong> aus Polizei- <strong>und</strong> Armeebeständen zum<br />

Kauf angeboten wurden. Bevor jedoch ein <strong>Schausteller</strong><br />

eine Zugmaschine kaufen konnte, musste er, je<br />

nach Wohnort, einen Kaufantrag beim Rat des Kreises<br />

o<strong>der</strong> beim Rat des Bezirkes einreichen. Erst nachdem<br />

dieser Antrag genehmigt wurde, konnte er beim für ihn<br />

zuständigen Vermittlungskontor den Kauf einer Zugmaschine<br />

beantragen. Im Angebot <strong>der</strong> Kontore befanden<br />

sich nur selten brauchbare Zugmaschinen. In<br />

<strong>der</strong> Regel konnten nur Lastkraftwagen mit Speditionspritschen,<br />

Sattelzugmaschinen, Kipper o<strong>der</strong> Unfallwagen<br />

erworben werden. So vergingen oft viele Jahre,<br />

bis eine brauchbare Zugmaschine gekauft werden<br />

konnte, wodurch die Wartezeit je nach Fahrzeugtyp<br />

bis zu 12 Jahren betragen konnte. Nur in ganz seltenen<br />

Ausnahmefällen konnten die <strong>Schausteller</strong> nach<br />

kurzer Wartezeit eine Zugmaschine in Form von ausgemusterten<br />

Kippern o<strong>der</strong> Sattelzugmaschinen<br />

erwerben, die nach<br />

dem Kauf wie<strong>der</strong> hergerichtet <strong>und</strong><br />

umgebaut werden mussten.<br />

Traktoren<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold, Archiv<br />

Orschel<br />

Etwas einfacher war die Beschaffung<br />

eines gebrauchten Traktors,<br />

wodurch viele <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

zunächt mit Traktoren ihre Geschäfte<br />

umsetzten. Von den in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> produzierten Traktoren war<br />

<strong>der</strong> erste gebaute Typ <strong>der</strong> „Pionier“,<br />

<strong>der</strong> zunächst als Radschlepper<br />

(RS) 01/40 <strong>und</strong> später als RS<br />

Der Radschlepper<br />

„RS 14/40 Famulus“<br />

49


LOGISTIK<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold, Archiv<br />

Kunze, Rolf Orschel<br />

Die Zugmaschinen<br />

„S 4000 Z“ waren bei<br />

den <strong>Schausteller</strong>n beliebt<br />

Reparatur am Straßenrand<br />

Hanomag „SS 100“<br />

vor den Transporten<br />

von Kunzes Flugschanze<br />

01/40-1 produziert wurde. Vom Typ RS 01/40 wurden<br />

von 1949 bis 1950 insgesamt 2.605 Exemplare vom<br />

VEB IFA Fahrzeugwerk Horch in Zwickau <strong>und</strong> von <strong>der</strong><br />

Baureihe RS 01/40-1 von 1950 bis 1956 noch einmal<br />

20.123 Stück vom VEB IFA Schlepperwerk in Nordhausen<br />

gebaut (IFA wurde als offizielle Abkürzung für<br />

„Industrie-Verwaltung Fahrzeugbau“ verwendet). Der<br />

Name „Pionier“ stand sinnbildlich für „Wegbereiter“<br />

<strong>und</strong> wurde irrtümlicherweise häufig mit <strong>der</strong> 1948 gegründeten<br />

Kin<strong>der</strong>-Massenorganisation <strong>der</strong> „Jungen<br />

Pioniere“ in Verbindung gebracht. Der robuste Traktor<br />

wurde von einem Vierzylin<strong>der</strong>-Viertakt-Reihendieselmotor<br />

mit einem Hubraum von 5.020 ccm <strong>und</strong> einer<br />

Leistung von 40 PS angetrieben, 1953 wurde die Leistung<br />

des Motors auf 42 PS gesteigert, mit <strong>der</strong> dann<br />

eine Höchsgeschwindigkeit von knapp 18 km/h erreicht<br />

wurde. Der „Pionier“ wurde zum Standard-<br />

Schlepper <strong>der</strong> frühen <strong>DDR</strong>-Jahre <strong>und</strong> bewährte sich<br />

mehrere Jahrzehnte ausgezeichnet als <strong>Schausteller</strong>-<br />

Zugmaschine, weshalb einige <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

diesem Radschlepper mitunter Jahrzehnte die Treue<br />

hielten. Neben dem „Pionier“ wurde von den <strong>Schausteller</strong>n<br />

auch <strong>der</strong> seit 1956 vom Schlepperwerk Nordhausen<br />

produzierte Traktor „Famulus“ verwendet, <strong>der</strong><br />

in den sechziger Jahren die Straßen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> eroberte<br />

<strong>und</strong> vom Volksm<strong>und</strong> „Pflaumenmus“ genannt wurde.<br />

Der zunächst als RS 14/30 „Favorit“ produzierte<br />

Schlepper hatte ein Zweigruppen-Getriebe mit 5 Vorwärtsgängen<br />

<strong>und</strong> einem Rückwärtsgang, eine gefe<strong>der</strong>te<br />

Vor<strong>der</strong>achse <strong>und</strong> eine Lenkbremse. Er wurde<br />

von einem Zweizylin<strong>der</strong>-Viertaktreihenmotor mit Lufto<strong>der</strong><br />

Wasserkühlung <strong>und</strong> einer Leistung von 30 PS angetrieben.<br />

Als Son<strong>der</strong>ausführung wurde <strong>der</strong> „Favorit“<br />

auch mit angetriebener Vor<strong>der</strong>achse angeboten.<br />

Durch Markenstreitigkeiten mit an<strong>der</strong>en Herstellern<br />

wurde die Bezeichnung später in „Famulus“ umgewandelt.<br />

Eine versuchsweise Leistungssteigerung des<br />

Motors durch Aufbohren <strong>der</strong> Zylin<strong>der</strong> <strong>und</strong> <strong>der</strong> Erhöhung<br />

<strong>der</strong> Drehzahl von 400 U/min auf 2000 U/min<br />

verkrafteten die Motoren auf Dauer nicht, da sie thermisch<br />

überfor<strong>der</strong>t waren. Durch die schrittweise Weiterentwicklung<br />

des Motors konnte die Leistung<br />

schließlich auf 40 PS gesteigert werden, wodurch die<br />

Höchstgeschwindigkeit circa 23 km/h betrug. Mit dem<br />

leistungsgesteigerten Motor wurde <strong>der</strong> Traktor „Famu-<br />

50


LOGISTIK<br />

Skoda-Liaz „MTS“ <strong>der</strong><br />

Firma Meyer aus Güterfelde<br />

lus 40“ <strong>und</strong> 1964 – durch die neuen Typencodes <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> – in „RT 315“ umbenannt, von dem von 1964 bis<br />

1965 4.569 Stück gebaut wurden. Tschechische Traktoren<br />

des Typs „Zetor“ waren in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> nur selten anzutreffen<br />

<strong>und</strong> konnten wegen ihrer<br />

geringen Einfuhrzahlen nur vereinzelt<br />

von den <strong>Schausteller</strong>n erworben<br />

werden. Die wendigen <strong>und</strong> solide<br />

gebauten Traktoren fielen im<br />

Straßenbild <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> allein durch<br />

ihre auffällige Farbgebung auf <strong>und</strong><br />

bewährten sich bestens. Mit einem<br />

42 PS starken Dieselmotor mit Direkteinspritzung<br />

in den Kolbenbrennraum<br />

war <strong>der</strong> „Zetor“ bestens<br />

motorisiert. Das Getriebe besaß<br />

fünf Gänge <strong>und</strong> wurde später<br />

mit einem Kriechgang ausgestattet.<br />

Im Vergleich zu den in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

hergestellten Traktoren machte die Zetor-Kabine<br />

durch ihre reichliche Verglasung <strong>und</strong> das verhältnismäßig<br />

gut ausgestattete Armaturenbrett einen recht<br />

mo<strong>der</strong>nen Eindruck. Ab 1961 konnte <strong>der</strong> tschechische<br />

FOTOS<br />

Archiv Herrmann, Archiv<br />

Kunze, Rolf Orschel<br />

IFA W 50 Z<br />

von Klaus Herrmann<br />

Skoda „RT“ <strong>und</strong><br />

Skoda „MTS“ <strong>der</strong> Firma<br />

Kunze in den 1980er-Jahren<br />

51


LOGISTIK<br />

W 50-Zugmaschinen<br />

von Kuno <strong>und</strong> Ralf Plaenert<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Hersteller die Leistung des Motors<br />

auf 50 PS steigern, wodurch die mit<br />

diesem Motor ausgestatteten Exemplare<br />

als „Zetor 50 Super“ angeboten<br />

wurden. Neu war auch<br />

eine Druckluftbremsanlage, durch<br />

die sich <strong>der</strong> „Zetor“ ideal als Zugmaschine<br />

eignete. Die Höchstgeschwindigkeit<br />

dieser Variante betrug<br />

etwa 30 km/h.<br />

Skoda RT mit<br />

Werkstattaufbau<br />

Jelcz-Zugmaschine<br />

vom VEB Zentralzirkus<br />

Lastkraftwagen<br />

Neben den noch fahrbereiten<br />

Lastkraftwagen <strong>der</strong> Vorkriegsjahre<br />

wurden gegen Ende <strong>der</strong> 1950er-Jahre wendige Zugmaschinen<br />

mit kurzem Radstand immer populärer.<br />

Kurz nach dem Krieg stellte das Horch-Fahrzeugwerk<br />

in Zwickau bereits einen Kurzhauben-Lkw <strong>der</strong> 3-Tonnen-Klasse<br />

aus noch vorhandenen <strong>und</strong> neu angefertigten<br />

Einzelteilen her, <strong>der</strong> von Maybach-Benzinmotoren,<br />

die für Halbketten-Zugmaschinen <strong>der</strong> Wehrmacht<br />

entwickelt wurden, angetrieben wurde. Das ab 1950<br />

hergestellte Nachfolgemodell H 3 A hatte einen 80 PS<br />

starken Vierzylin<strong>der</strong>-Reihen-Dieselmotor aus eigener<br />

Produktion. Im Gegensatz zu <strong>der</strong> in großen Stückzahlen<br />

gebauten <strong>und</strong> hauptsächlich als Pritschenwagen<br />

o<strong>der</strong> mit vielen <strong>Spezial</strong>aufbauten produzierten H 3 A-<br />

Standardvariante wurden von <strong>der</strong> Zugmaschine H 3 Z<br />

verhältnismäßig wenige Exemplare hergestellt. Mit<br />

dem 80 PS starken Vierzylin<strong>der</strong>-Wirbelkammer-Dieselmotor<br />

ausgestattet, waren diese Zugmaschinen hoffnungslos<br />

untermotorisiert <strong>und</strong> praktisch nicht geeignet,<br />

zwei lange <strong>und</strong> schwere Packwagen zu ziehen (in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> wurden nach Möglichkeit stets mit zwei Anhängern<br />

umgesetzt, um Dieselkraftstoff einzusparen).<br />

Durch den schwachen Motor musste vor steilen o<strong>der</strong><br />

langen Anstiegen stets ein Hänger abgehängt werden.<br />

An einer verbesserten <strong>und</strong> leistungsstärkeren Variante<br />

des H 3 A arbeitete das Horch-Fahrzeugwerk<br />

bereits seit 1952, die Realisierung scheiterte aber damals<br />

schon an den Hürden <strong>der</strong> sozialistischen Wirtschaftspolitik.<br />

Erst sechs Jahre später konnten die an-<br />

52


LOGISTIK<br />

Der MAS von K. Welte<br />

hatte 300 PS <strong>und</strong> war<br />

eine <strong>der</strong> stärksten<br />

Zugmaschinen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Verschiedene H 3 A<br />

<strong>und</strong> S 4000 Varianten<br />

gestrebte Erhöhung <strong>der</strong> Nutzlast auf 4 Tonnen <strong>und</strong> die<br />

notwendige Leistungssteigerung des Motors schrittweise<br />

in Angriff genommen werden. Der Viertonner,<br />

<strong>der</strong> im Frühjahr 1958 endlich vom Band lief, hieß S<br />

4000 (Sachsenring-Viertonner). Im Herbst lief die verbesserte<br />

Variante S 4000-1 vom Band, bei <strong>der</strong> die Leistung<br />

des 6-Liter-Motors von 80 auf 90 PS gesteigert<br />

werden konnte. Die 90 PS starke Zugmaschine erreichte<br />

solo eine Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h<br />

<strong>und</strong> hatte eine zulässige Anhängelast von 14,4 Tonnen.<br />

Der Radstand betrug 2.500 mm.<br />

Im Jahr 1959 erfolgte die Verlagerung <strong>der</strong> LKW-Produktion<br />

in den 15 km entfernten VEB Lokomotiv- <strong>und</strong><br />

Waggonbau Werdau. Ab Februar 1960 lief dort <strong>der</strong> erste<br />

S 4000-1 vom Band. Bis 1967 wurden von diesen<br />

Lastkraftwagen, die bis gegen Ende <strong>der</strong> sechziger<br />

Jahre das Straßenbild dominierten, 57.764 Stück in unzähligen<br />

Aufbauvarianten gebaut. Neben den weit verbreiteten<br />

Zugmaschinen <strong>der</strong> Viertonnenklasse fuhren<br />

einige <strong>Schausteller</strong> den größeren Sechseinhalbtonner-<br />

Haubenlaster H 6, <strong>der</strong> seit 1951 in Werdau in Serie gebaut<br />

wurde. Der Betrieb erhielt 1952 den Ehrennamen<br />

VEB Kraftfahrzeugwerk „Ernst Grube“, Werdau. Fehlende<br />

Investitionsmittel verhin<strong>der</strong>ten lange den vorgesehenen<br />

Produktionsanlauf <strong>der</strong> dringend benötigten<br />

Sechstonner. Deshalb übernahm die Zentrale Entwicklungsstelle<br />

des <strong>DDR</strong>-Fahrzeugbaus, das Forschungs<strong>und</strong><br />

Entwicklungswerk Chemnitz (FEW), die konstruktive<br />

Fertigstellung, Erprobung <strong>und</strong> Überführung des<br />

H 6 in die Serienproduktion. Während das Horch-Werk<br />

in Zwickau die Motoren lieferte, kamen die Getriebe<br />

aus dem IFA Getriebewerk Liebertwolkwitz. Der<br />

Sechstonner sah dem S 4000 sehr ähnlich, hatte aber<br />

eine längere Haube, um den Sechszylin<strong>der</strong>-Reihen-<br />

Dieselmotor darunter unterzubringen. Das FEW in<br />

Chemnitz konnte bereits 1953 den Prototyp einer Zugmaschine<br />

auf Basis des H 6<br />

herstellen, <strong>der</strong> Serienstart <strong>der</strong><br />

Z 6 musste aber noch einige<br />

Zeit verschoben werden. Da<br />

<strong>der</strong> Bedarf sprunghaft anstieg,<br />

wurde 1955 <strong>der</strong> Serienstart <strong>der</strong><br />

Z 6 „von oben“ angeordnet. Bei<br />

diesem Modell handelte es<br />

sich im Wesentlichen um einen<br />

H 6 mit verkürztem Radstand.<br />

Der Sechszylin<strong>der</strong>-Wirbelkammer-Dieselmotor<br />

hatte einen<br />

Hubraum von 9.036 ccm <strong>und</strong><br />

leistete 120 PS, ab 1959 konnte<br />

die Leistung auf 150 PS gesteigert<br />

werden. Das Fünfgang-Getriebe<br />

war ab 1959<br />

synchronisiert, die Höchstgeschwindigkeit<br />

betrug 50 km/h.<br />

Die Z 6 war für eine Anhängerlast<br />

von 16 Tonnen zugelassen.<br />

Insgesamt wurden von diesem<br />

Typ 7.376 Fahrzeuge gebaut.<br />

Obwohl sich die Zugmaschine<br />

mit dem 150 PS starken Motor<br />

bestens für die <strong>Schausteller</strong><br />

eignete, war sie seltener als<br />

<strong>der</strong> S 4000 verbreitet. Viele<br />

<strong>Schausteller</strong> kamen mit <strong>der</strong><br />

schwergängigen Lenkung, die<br />

ein zupackendes Wesen erfor<strong>der</strong>te,<br />

nicht zurecht <strong>und</strong> hatten<br />

Schwierigkeiten, trotz des<br />

großen Lenkraddurchmessers<br />

von 550 mm, ihre Wagen auf<br />

die vorgesehenen Standplätze<br />

53


LOGISTIK<br />

Skoda MTS<br />

<strong>der</strong> Firma Steffen<br />

FOTOS<br />

Archiv Conrad, Rolf Orschel<br />

Transporte von Conrads<br />

Walzerfahrt mit Hanomag <strong>und</strong><br />

einem S 4000-Bautruppwagen<br />

zu rangieren. Obgleich <strong>der</strong> H 6 schneller vom Straßenbild<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> verschwand als an<strong>der</strong>e Lastkraftwagen<br />

<strong>und</strong> auf den ersten Blick ein Nutzfahrzeug ohne eigene<br />

Identität war, lässt er heute noch die Herzen von<br />

Liebhabern von <strong>DDR</strong>-Lastkraftwagen, speziell durch<br />

seinen kernig-markanten Eindruck, ganz beson<strong>der</strong>s<br />

hoch schlagen.<br />

Der G 5 (Grube-5-Tonner), ein Allrad-Dreiachser, wurde<br />

hauptsächlich für den militärischen Einsatz entwickelt.<br />

Die Konstruktion stammte vom Entwicklungsbüro<br />

<strong>der</strong> Nationalen Volksarmee (NVA) in Hohenstein-<br />

Ernstthal. Sie basierte auf Teilen des H 6-Lastwagens,<br />

von dem auch <strong>der</strong> 120 PS starke Motor eingebaut wurde.<br />

In Ermangelung geeigneter Alternativen im Bereich<br />

schwerer, geländetauglicher Fahrzeuge wurde<br />

<strong>der</strong> G 5 zum Allro<strong>und</strong>-Allradfahrzeug <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Produktion<br />

<strong>und</strong> auch im zivilen Bereich verwendet. Der<br />

Dreiachser mit Zwillingsbereifung an den Hinterachsen<br />

<strong>und</strong> zuschaltbarem Allradantrieb wurde von 1952<br />

bis 1964 in Werdau gebaut. Als konstruktive Schwäche<br />

dieses Fahrzeugs stellte sich die Zwillingsbereifung<br />

an den Hinterrä<strong>der</strong>n, die durch die relativ kleinen<br />

Rä<strong>der</strong> mit 20 Zoll Bereifung<br />

bedingte geringe Bodenfreiheit<br />

<strong>und</strong> die fehlende Differentialsperre<br />

heraus. Als <strong>Schausteller</strong>-Zugmaschine<br />

spielte<br />

<strong>der</strong> G 5 allerdings kaum eine<br />

Rolle. Zu den wenigen <strong>Schausteller</strong>betrieben,<br />

die diesen<br />

Lastkraftwagen nutzten, gehörte<br />

die Familie Sendler aus<br />

Potsdam, die ihre Geisterbahn<br />

mit zwei dieser Zugmaschinen<br />

transportierte, nachdem die<br />

Fahrzeuge entsprechend umgebaut<br />

wurden. Dabei kürzte<br />

man an einem Fahrzeug den<br />

Rahmen <strong>und</strong> die Ladepritsche<br />

hinter <strong>der</strong> dritten Achse. Die<br />

zweite Zugmaschine wurde komplett neu aufgebaut.<br />

Außer Familie Sendler besaß noch die Firma Franke einen<br />

G 5 für ihre Transporte.<br />

Der Frontlenker W 50<br />

Auf <strong>der</strong> Landwirtschaftsausstellung in Markkleeberg<br />

bei Leipzig stellte im Juni 1962 das Kraftfahrzeugwerk<br />

Werdau mit dem ersten Funktionsmuster den Urvater<br />

des später erfolgreichen Frontlenkers W 50 vor. Bei<br />

diesem Lastkraftwagen handelte es sich um eine<br />

heimliche, weil nicht vom Staat genehmigte Fahrzeugentwicklung,<br />

die später über Nacht zu einem Politikum<br />

wurde, da die Regierung einen neuen Lastkraftwagen<br />

for<strong>der</strong>te, den die Fahrzeugindustrie durch<br />

die heimliche Entwicklung unverzüglich vorführen<br />

konnte. Anschließend wurde auf Beschluss <strong>der</strong> Regierung<br />

in einem für die <strong>DDR</strong> beispiellosen Kraftakt ab<br />

April 1963 in Ludwigsfelde ein neues Lastkraftwagenwerk<br />

für den Frontlenker aus dem Boden gestampft.<br />

Der Investitionsaufwand für das Werk mit dem damaligen<br />

aktuellsten technischem Standard betrug stolze<br />

54


LOGISTIK<br />

Zugmaschinen mit<br />

Ladekran, wie diese Z 6 von<br />

O. Liebold, waren eine Rarität<br />

200 Millionen Mark. Mit dem Serienstart des W 50 wurde<br />

aus dem Industriewerk Ludwigsfelde (IWL), in dem<br />

ab 1952 unter an<strong>der</strong>em Schiffsdieselmotoren, Diesel-<br />

Ameisen, Landmaschinen <strong>und</strong> Motorroller produziert<br />

wurden, <strong>der</strong> VEB IFA-Automobilwerke Ludwigsfelde.<br />

In dreieinhalb Jahrzehnten rollten circa 570.000 Exemplare<br />

des W 50 mit vielfältigen Aufbauvarianten aus<br />

den Montagehallen. Der Vierzylin<strong>der</strong>-Dieselmotor mit<br />

einer Leistung von 110 PS war praktisch eine Weiterentwicklung<br />

des aus dem S 4000 bekannten Motors.<br />

1967 erfolgte die Umstellung auf das Direkteinspritzverfahren<br />

mit Mittelkugelbrennkammern nach einer Lizenz<br />

von MAN, womit die Leistung auf 125 PS gesteigert<br />

werden konnte. Die Zugmaschine W 50 Z hatte<br />

keinen kürzeren Radstand, da das Gr<strong>und</strong>modell mit<br />

dem gleichen Achsabstand schon ziemlich kurz gebaut<br />

wurde <strong>und</strong> dadurch sehr wendig war. Die Höchstgeschwindigkeit<br />

betrug 75 km/h. Der W 50 Z besaß in<br />

<strong>der</strong> Regel eine Pritsche mit Ballastgewichten von einer<br />

Tonne, die von einigen <strong>Schausteller</strong>n entfernt <strong>und</strong> gegen<br />

einen Kofferaufbau mit einem Bad o<strong>der</strong> einer<br />

Werkstatt ausgetauscht wurde. Der W 50 zeichnete<br />

sich durch seine einfache <strong>und</strong> sehr robuste Bauweise<br />

aus, durch die man sich auch von den Haubenlastern<br />

verabschiedete. Er war ein beliebter <strong>und</strong> zuverlässiger<br />

Lastesel, <strong>der</strong> im Vergleich zu seinen Vorgängern<br />

wesentlich mehr Komfort bot.<br />

für Autokräne, selbstfahrende Landwirtschaftsmaschinen,<br />

Baufahrzeuge <strong>und</strong> Lokomotiven hergestellt wurde.<br />

Der Schwerpunkt dieses Dieselmotorenwerkes lag<br />

bei <strong>der</strong> Entwicklung <strong>und</strong> Fertigung von Großdieselmotoren.<br />

Unter „Schönebecker-Motor“ verstand man allgemein<br />

einen Sechszylin<strong>der</strong>-Reihenmotor für Lastkraftwagen.<br />

Dieser Motor arbeitete nach dem patentierten<br />

MAN Meurer-Verfahren (Direkteinspritzung mit<br />

Mitten-Kugelbrennkammern) <strong>und</strong> leistete 190 PS.<br />

Nachdem die ersten „Schönebecker“ in H 6-Lastkraftwagen<br />

eingepflanzt wurden, brach eine regelrechte<br />

Epidemie über die verbliebenen <strong>und</strong> noch einsatzbereiten<br />

Fahrzeuge dieses Typs aus. In Kraftfahrer-Kreisen<br />

schwärmte man geradezu euphorisch von diesem<br />

Motor, durch den man nun flott unterwegs war. Der für<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold<br />

Fahrerhauswechsel auf<br />

dem Hof von Familie Liebold<br />

Der Schönebecker-Motor<br />

In den sechziger Jahren reichte die Motorleistung von<br />

150 PS oft nicht mehr, um mit den häufig überladenen<br />

Lastzügen zügig voran zu kommen. Abhilfe schaffte<br />

ein vom VEB Dieselmotorenwerk Schönebeck entwickelter<br />

Bausatzmotor, <strong>der</strong> mit drei bis zwölf Zylin<strong>der</strong>n<br />

55


LOGISTIK<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Jelcz <strong>und</strong> Skoda MTS<br />

mit Spoiler <strong>und</strong> Kuhfänger<br />

Skoda MTS von<br />

Schieck <strong>und</strong> Aschenbach<br />

<strong>DDR</strong>-Verhältnisse bullige Motor wurde auch von<br />

<strong>Schausteller</strong>n in ihre Z 6 <strong>und</strong> in W 50-Zugmaschinen<br />

eingebaut. Diese Zugmaschinen zählten damals neben<br />

den PS-stärkeren Import-Lastkraftwagen zu den<br />

Giganten <strong>der</strong> Straßen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>.<br />

Nachdem die Ersatzteilversorgung für den unter den<br />

<strong>Schausteller</strong>n weit verbreiteten S 4000 immer schwieriger<br />

wurde, bauten viele <strong>Schausteller</strong> die Hinterachse<br />

<strong>und</strong> den Motor vom W 50 in ihre betagten Zugmaschinen<br />

ein, drosselten aber<br />

nicht die Motorleistung wie<br />

vorgeschrieben auf 90 PS.<br />

Die Technik <strong>der</strong> teilweise fast<br />

30 Jahre alten Zugmaschinen<br />

war dem stärkeren Motor<br />

aber nicht gewachsen. Dadurch<br />

kam es häufig zu Rahmenrissen<br />

<strong>und</strong> zu Brüchen<br />

<strong>der</strong> Steckachsen. Außerdem<br />

hielt die Kupplung nicht lange,<br />

weshalb beim Austausch<br />

häufig H 6-Kupplungen eingebaut<br />

wurden. Neben <strong>der</strong><br />

Kupplung musste oft auch<br />

noch das Differentialgetriebe<br />

gewechselt werden, da es<br />

<strong>der</strong> höheren Belastung nicht<br />

standhielt.<br />

Sieben Jahre nach dem Serienstart<br />

des H 6 musste <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>-Lastkraftwagenbau diese<br />

Tonnageklasse aus seinem<br />

Entwicklungsprogramm<br />

streichen. Als fadenscheiniger<br />

Gr<strong>und</strong> wurde ein Beschluss<br />

<strong>der</strong> RGW-Staaten<br />

(Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe),<br />

<strong>der</strong> für den Lastkraftwagenbau<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

nur noch geringere Nutzlasten<br />

vorsah, angegeben. Hauptursache für diese folgenschwere<br />

Entscheidung war allerdings das Unvermögen<br />

des Staates, ein perfekt funktionierendes Wirtschaftssystem<br />

aufzubauen. Man war an einem Punkt<br />

angekommen, wo man sich zwischen dem volkswirtschaftlich<br />

wichtigeren Schwerlastwagenbau <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

ausbleibenden Versorgung <strong>der</strong> Bevölkerung mit<br />

Konsumgütern entscheiden musste. Die Ereignisse<br />

nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 ließen dem<br />

SED-Regime keine an<strong>der</strong>e Wahl, womit die Chance<br />

des Weiterbestehens des erfolgsversprechenden<br />

Schwerlastwagenbaus für immer vertan war. Man war<br />

somit gezwungen, entsprechende Transportmittel aus<br />

den sozialistischen Bru<strong>der</strong>län<strong>der</strong>n zu importieren.<br />

Importierte Lastkraftwagen<br />

Durch diesen beschlossenen Zwang konnten später<br />

auch die <strong>Schausteller</strong> importierte Zugmaschinen erwerben,<br />

nachdem ihre Nutzungsdauer bei den staatlichen<br />

Fuhrunternehmen abgelaufen war. Von den eingeführten<br />

Lastkraftwagen waren bei den <strong>Schausteller</strong>n<br />

beson<strong>der</strong>s die tschechischen LKW-Typen Skoda,<br />

die in Jablonec produziert wurden, <strong>und</strong> Liaz, die in Liberec<br />

vom Band liefen, sowie <strong>der</strong> russische Typ MAS,<br />

<strong>der</strong> in Minsk hergestellt wurde, beliebt <strong>und</strong> mitunter<br />

zahlreich vertreten. Eingeführt wurde auch die polnische<br />

Marke Jelcz, die in Jelczanskie Zaklady Samochodowe<br />

gebaut wurde. Dieser Typ wurde hauptsächlich<br />

vom VEB Zentralzirkus <strong>und</strong> nur vereinzelt von<br />

<strong>Schausteller</strong>betrieben als Transportmittel verwendet.<br />

Der aus Ungarn importierte Csepel spielte als Zugmaschine<br />

bei den <strong>Schausteller</strong>n so gut wie keine Rolle.<br />

In den achtziger Jahren verwendeten einige <strong>Schausteller</strong><br />

auch den Lastkraftwagentyp Roman, eine rumänische<br />

MAN-Lizenproduktion, die in <strong>der</strong> LKW-Fabrik in<br />

Brasov vom den Bän<strong>der</strong>n lief. Da diese Zugmaschinen<br />

mit 215 PS durchaus zugkräftig waren, aber durch<br />

häufige Defekte oft liegen blieben <strong>und</strong> wegen fehlen<strong>der</strong><br />

Ersatzteile häufig längere Zeit ausfielen, sah man<br />

56


LOGISTIK<br />

FOTOS<br />

Archiv Heinz Meyer, Rolf<br />

Orschel<br />

G 5-II <strong>der</strong> Firma Sendler<br />

sie nur vereinzelt vor <strong>Schausteller</strong>transporten. Während<br />

<strong>Schausteller</strong>betriebe, die mit kleinen Geschäften<br />

reisten, hauptsächlich S 4000- o<strong>der</strong> W 50-Zugmaschinen<br />

bevorzugten, waren bei den Karussellbetrieben,<br />

aufgr<strong>und</strong> ihrer stärkeren Motoren, die Marken Skoda<br />

<strong>und</strong> Liaz sowie MAS sehr beliebt. Die „Russenkühe“,<br />

wie die MAS vom Volksm<strong>und</strong> genannt wurden, waren<br />

auch weit verbreitet, da sie von den Vermittlungskontoren<br />

in <strong>der</strong> Regel schnell geliefert werden konnten. Zu<br />

den stärksten <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nsten „Russenkühen“ zählte<br />

unter an<strong>der</strong>em <strong>der</strong> MAS von Karl Welte. Auf <strong>der</strong> Suche<br />

nach einem einsatzbereiten W 50 entdeckte er auf<br />

dem Hof des Kraftverkehrs in Parchim einen abgeschriebenen<br />

MAS, den er erst nach vielen, langen Verhandlungen<br />

kaufen konnte. Der in die Jahre gekommene<br />

Lastkraftwagen wurde anschließend generalüberholt<br />

<strong>und</strong> erhielt einen circa 300 PS starken Turbola<strong>der</strong>-Motor,<br />

<strong>der</strong> hauptsächlich in dem russischen<br />

Großtraktor K 700, einem regelrechten Monster mit Allradantrieb<br />

<strong>und</strong> Knicklenkung, für bärenstarken Antrieb<br />

sorgte. Da dieser Motor nur selten als Ersatzteil zur<br />

Verfügung stand, wurde in einer Kfz-Werkstatt im<br />

thüringischen Ilmenau ein Motor komplett aus Ersatzteilen<br />

zusammengebaut, Karl Welte musste aber vorher<br />

einen Motorblock besorgen. Nach dem Motorwechsel<br />

wurde noch ein neues Fahrerhaus montiert,<br />

das Karl Welte zufällig in Bitterfeld erwerben konnte.<br />

Da die MAS-Fahrerhäuser gr<strong>und</strong>sätzlich ohne Pedalbock<br />

geliefert <strong>und</strong> diese wichtigen Teile wie Gold gehandelt<br />

wurden, musste Karl Welte viele Klinken putzen,<br />

bis ihm von einer Werkstatt in Stendal ein Pedalbock<br />

als Muster zum Nachbau für einen Tag zur Verfügung<br />

gestellt wurde. Ein Magdeburger Feinmechaniker<br />

fertigte anschließend das dringend benötigte Teil<br />

mit großem Aufwand an. Nachdem das neue Fahrerhaus<br />

komplett war, musste es noch aufwändig angepasst<br />

werden, da es für ein an<strong>der</strong>es MAS-Fahrgestell<br />

vorgesehen war. Durch den leistungsstarken Dieselmotor<br />

mit Turbola<strong>der</strong> erhöhte sich <strong>der</strong> Kraftstoffverbrauch<br />

auf 40 bis 50 Liter pro 100 km. Nach dem Umbau<br />

zählte Weltes MAS neben den Lastkraftwagen <strong>der</strong><br />

Firmen Melcher <strong>und</strong> Fischer mit zu den besten <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nsten<br />

<strong>Schausteller</strong>-Zugmaschinen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>.<br />

Dieselmarken<br />

Das Tankstellennetz <strong>der</strong> Vorkriegszeit bildete in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> die Gr<strong>und</strong>lage des Versorgungsnetzes. Für den<br />

gewerblichen Kraftverkehr, zu dem die privaten Fuhrunternehmen<br />

<strong>und</strong> die volkseigenen Kraftverkehrsbetriebe<br />

zählten, regelten ab 1949 sogenannte Tankgutscheine<br />

den Bezug von Kraftstoffen. Diese Gutscheine<br />

wurden 1959 durch Tankkreditscheine abgelöst. Ab<br />

Juli 1975 wurden dann pro Quartal<br />

so genannte Dieselmarken zugewiesen,<br />

die zum Erwerb von<br />

Dieselkraftstoff an den Tankstellen<br />

des VEB Minol berechtigten. Diese<br />

Marken mussten von den<br />

<strong>Schausteller</strong>n bei <strong>der</strong> zuständigen<br />

Industrie- <strong>und</strong> Handelskammer<br />

beantragt werden. Der Bedarf an<br />

Dieselkraftstoff wurde von den<br />

Behörden anhand <strong>der</strong> Reiserouten<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>betriebe berechnet,<br />

wobei Umleitungen <strong>und</strong> zusätzliche Transporte<br />

durch kollegiale Hilfe nie berücksichtigt wurden.<br />

Dadurch reichten die Dieselmarken meistens nur für<br />

ein paar Plätze.<br />

Gegen Vorlage <strong>der</strong> Marken konnte Dieselkraftstoff für<br />

55 Pfennige pro Liter getankt werden. Ohne Marken<br />

konnten ofiziell nur 20 Liter für 1,40 Mark pro Liter in<br />

Kannistern getankt werden. Die Dieselmarken wurden<br />

auf die Rückseite eines Tankscheines geklebt <strong>und</strong><br />

durch den Tankwart entwertet. Die Tankscheinhefte<br />

enthielten 50 Blätter <strong>und</strong> konnten beim VEB Minol-<br />

Tankscheinverkehr in Neustrelitz bestellt werden. Auf<br />

<strong>der</strong> Vor<strong>der</strong>seite <strong>der</strong> Tankscheine standen Artikelnummern,<br />

die den verschiedenen Kraftstoffsorten zugeordnet<br />

wurden.<br />

■<br />

Transport des<br />

Skooters von Heinz Meyer<br />

QUELLE<br />

Christian Suhr / Ralf Weinreich:<br />

<strong>DDR</strong> Traktoren-Klassiker,<br />

Seiten 10-23, 68-75,<br />

Christian Suhr: Nutzfahrzeuge<br />

aus Werdau, Seiten<br />

268-365, Wolfgang Kohl:<br />

Güterkraftverkehr in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>, Seiten 249 - 300<br />

57


LOGISTIK<br />

WOHN- UND PACKWAGEN<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Der Wohnwagen<br />

von Gertrud Härtel wurde<br />

1938 in Thüringen gebaut<br />

Schindelwagen mit verblechter<br />

Außenbeplankung<br />

Die <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> wohnten in <strong>der</strong> Regel neun<br />

Monate im Jahr in ihren rollenden Heimen. Die vor<br />

<strong>und</strong> nach dem Zweiten Weltkrieg gebauten Schindelwohnwagen<br />

unterschieden sich durch ihre Längen<br />

von 5 bis 12 Metern <strong>und</strong> in ihrer Ausstattung. Die Wagenkästen<br />

bestanden aus einem Stahlrahmen <strong>und</strong><br />

Eckverbindungen sowie einem fachwerkähnlichen<br />

Hartholz - Gerippe<br />

<strong>und</strong> aufgeschraubter<br />

Pitchpine-, Oregonpinie-<br />

o<strong>der</strong> Kiefer-Lattenverschalung.<br />

Die Wände<br />

<strong>und</strong> Decken <strong>der</strong><br />

Innenräume waren<br />

mit Sperrholz o<strong>der</strong><br />

Eternitplatten verschalt.<br />

Die Dächer<br />

waren entwe<strong>der</strong><br />

gleichmäßig o<strong>der</strong><br />

zu den Dachkanten<br />

hin stärker gebogen.<br />

Charakteristisch<br />

für die<br />

Schindelwohnwagen<br />

sind die an<br />

den Stirnseiten<br />

leicht überragenden<br />

Dächer mit geraden<br />

o<strong>der</strong> zu den<br />

Stirnseiten hin abger<strong>und</strong>eten<br />

Oberlichtkästen.<br />

Ihre<br />

gedrungene Form<br />

ergab sich aus<br />

dem Bahnprofil, das bei <strong>der</strong> Herstellung sämtlicher<br />

<strong>Schausteller</strong>- <strong>und</strong> Zirkuswagen eingehalten werden<br />

musste. Kurze Wohnwagen hatten meistens eine ausziehbare<br />

Veranda. Verbreitet war auch die Kombination<br />

aus Wohn- <strong>und</strong> Küchenwagen mit Zwischenveranda.<br />

Wohnküche <strong>und</strong> Schlafzimmer<br />

Nach dem Krieg waren die Wohnwagen größtenteils<br />

nur bescheiden eingerichtet. Die Tür befand sich an<br />

einer <strong>der</strong> beiden Stirnseiten <strong>und</strong> führte zur Wohnküche,<br />

die mit einem Herd <strong>und</strong> wenigen, einfachen<br />

Möbeln ausgestattet war. Auf dem Herd wurde gekocht<br />

<strong>und</strong> gleichzeitig das Wasser erwärmt. Der kleinere<br />

Schlafraum war durch eine Tür, häufig aber nur<br />

durch einen Vorhang von <strong>der</strong> Küche getrennt. Zum Inventar<br />

des Schlafraums gehörte neben einem Kasteno<strong>der</strong><br />

Etagenbett <strong>und</strong> einem Klei<strong>der</strong>schrank auch ein<br />

Eimer mit Deckel, auf dem die Notdurft verrichtet werden<br />

musste, wenn keine Toilette in <strong>der</strong> Nähe war. An<br />

fließendes Wasser war nicht zu denken, es musste in<br />

Kannen o<strong>der</strong> Eimern vom nächsten Brunnen geholt<br />

werden. Viele <strong>Schausteller</strong>frauen erinnern sich noch<br />

daran, dass es ihnen vor <strong>der</strong> Wäsche regelrecht graute.<br />

Ohne Waschmaschine <strong>und</strong> fließendes Wasser war<br />

das eine schwere Schufterei. Beson<strong>der</strong>s hart war das<br />

Leben im Wohnwagen zu den Weihnachtsmärkten.<br />

„Das war die schlimmste Zeit des Jahres. Da unsere<br />

Eltern kaum Geld für Kohlen hatten, war es häufig bitter<br />

kalt in unserem Wohnwagen. Am Morgen waren bei<br />

Minusgraden die Fensterscheiben von innen gefroren<br />

<strong>und</strong> es kostete stets viel Überwindung, das warme Bett<br />

zu verlassen“, erinnert sich die <strong>Schausteller</strong>in Kerstin<br />

Sachs an ihre Kindheit.<br />

58


LOGISTIK<br />

Schindelwagen mit<br />

Oberlicht von Kuno Plaenert<br />

Ab den 60er-Jahren än<strong>der</strong>ten sich das Bild <strong>und</strong> die<br />

Ausstattung <strong>der</strong> Wohnwagen gr<strong>und</strong>legend: Sie wurden<br />

länger <strong>und</strong> erhielten einen Seiteneingang, durch<br />

den eine völlig neue Raumaufteilung möglich war. Als<br />

einer <strong>der</strong> ersten <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> ließ sich Lothar Liebold<br />

aus Taucha bei Leipzig 1960 einen Seiteneingang<br />

in seinen Wohnwagen einbauen. Da die Eingangstür<br />

aber höher als die Seitenwände des Wagenkastens<br />

war, drohte das Projekt zu scheitern. Einfach<br />

die Tür abzusägen, kam nicht in Frage, da man<br />

sich dadurch hätte zu sehr bücken müssen, um in den<br />

Wohnwagen zu gelangen. Nach gründlichen Überlegungen<br />

kam dann die zündende Idee: Man baute einfach<br />

eine Stufe hinter <strong>der</strong> Tür ein, womit das Problem<br />

auf elegante Art gelöst war. Mit dem nachträglichen<br />

Anbringen von großen Kellerkästen mussten die<br />

<strong>Schausteller</strong> ein weiteres Problem lösen. Da die Kellerkästen<br />

an den Unterseiten <strong>der</strong> Wagenböden befestigt<br />

wurden, bogen sich die Wagen schnell durch <strong>und</strong><br />

wurden dann von den Kollegen spöttisch „Hängebauchschweine“<br />

genannt. Durch die Montage<br />

von doppelten Hängewerken (Unterzügen o<strong>der</strong><br />

Sprengwerken) mit Spannriegeln, an denen die<br />

Kellerkästen auflagen, konnte schließlich das<br />

Durchbiegen <strong>der</strong> Wagenkästen verhin<strong>der</strong>t werden.<br />

Die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> gebräuchlichsten, 10 bis 12<br />

Meter langen <strong>und</strong> zwei- o<strong>der</strong> dreiachsigen Schindelwohnwagen<br />

mit o<strong>der</strong> ohne Oberlicht hatten<br />

zwar nur eine Gr<strong>und</strong>fläche von maximal 25 Quadratmetern,<br />

enthielten aber alles, was man auch<br />

in einer bequemen Wohnung vorfand: Fließendes<br />

Wasser, Strom, Wohn- <strong>und</strong> Schlafzimmer <strong>und</strong> eine<br />

Einbauküche sowie eingebaute Toiletten wurden<br />

nun allmählich Standard.<br />

Die <strong>Schausteller</strong> mussten auf Annehmlichkeiten<br />

wie Waschmaschine, Kühlschrank, Fernsehgerät,<br />

Polstergarnituren <strong>und</strong> stilvolle Möbel nun nicht<br />

mehr verzichten. Es war für die <strong>Schausteller</strong>frauen<br />

zwar etwas umständlich, in <strong>der</strong> kleinen Küche<br />

für die Familien <strong>und</strong> die Angestellten am Tag mehrmals<br />

das Essen zu zubereiten, doch sie gewöhnten sich<br />

schnell daran. Routiniert bereiteten sie pünktlich die<br />

Speisen zu o<strong>der</strong> hantierten geschickt mit Eimern <strong>und</strong><br />

Schüsseln bei <strong>der</strong> großen Wäsche. Die für die damalige<br />

Zeit gehobene Ausstattung <strong>der</strong> Wohnwagen, speziell<br />

<strong>der</strong> Einbau von Toiletten <strong>und</strong> die Installation von<br />

Wasser- <strong>und</strong> Abwasserleitungen, wurde von den älteren<br />

<strong>Schausteller</strong>n mit Skepsis beobachtet <strong>und</strong> konsequent<br />

abgelehnt, da sie befürchteten, dass sich durch<br />

die Installation von Wasserleitungen Staunässe bildet,<br />

die zu Schimmel- o<strong>der</strong> Schwammbildung führen würde,<br />

da Wasser als größter Feind <strong>der</strong> Schindelwohnwagen<br />

galt. Da die <strong>Schausteller</strong> alle paar Tage von<br />

Platz zu Platz zogen, waren die Frauen versierte Umzugsspezialisten<br />

<strong>und</strong> verstauten geschickt in kurzer<br />

Zeit ihren gesamten Hausrat. Zugeheiratete Frauen<br />

„von privat“ mussten diesbezüglich aber erst Erfahrungen<br />

sammeln.<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Packwagen mit<br />

Wohnabteil für Gehilfen<br />

Bewährte Bauart<br />

<strong>der</strong> Schindelwagen<br />

mit halbr<strong>und</strong>em Dach<br />

59


LOGISTIK<br />

Schindelwagen mit<br />

Doppel-Hinterachse von Pfaff<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Verblechter <strong>und</strong><br />

klassischer Schindelwagen<br />

Vergessene Schranktürhalter<br />

Die ehemalige kaufmännische Angestellte Traute Malfertheiner<br />

folgte ihrem Mann nach <strong>der</strong> Hochzeit in den<br />

<strong>Schausteller</strong>beruf. Sie erinnert sich heute noch mit<br />

Schrecken an ihre erste Fahrt im Wohnwagen: „Ich hatte<br />

alles sorgfältig weggepackt, sämtliche Schlüssel<br />

von den Schranktüren abgezogen <strong>und</strong> war <strong>der</strong> Meinung,<br />

da kann nichts passieren. Während <strong>der</strong> Fahrt<br />

holperte es plötzlich mächtig <strong>und</strong> die verschlossenen<br />

Schranktüren sprangen auf <strong>und</strong> beinahe wäre das<br />

ganze Geschirr herausgefallen. Mir blieb in meiner Not<br />

nichts an<strong>der</strong>es übrig, als mich auf den Fußboden zu<br />

setzen <strong>und</strong> mit Armen <strong>und</strong> Beinen die Schranktüren zu<br />

halten. Meine Nerven lagen blank <strong>und</strong> ich bekam einen<br />

Weinkrampf. Als mich mein Mann sah, lachte er<br />

laut <strong>und</strong> klärte mich auf – ich hatte vergessen, die<br />

Schranktürhalter zu befestigen, die dieses Missgeschick<br />

verhin<strong>der</strong>t hätten.“<br />

Eine gr<strong>und</strong>legende Verbesserung des Lebensstandards<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> begann in den 70er-Jahren, als<br />

die ersten Duschen <strong>und</strong> Bä<strong>der</strong> sowie Zerhacker-Toiletten<br />

in die Wohnwagen eingebaut wurden. Einige<br />

<strong>Schausteller</strong> ließen sich auch ausziehbare Erker in ihre<br />

Schindelwagen einbauen, um somit die Wohnfläche<br />

zu vergrößern. Erhard Mentel aus Leipzig war einer <strong>der</strong><br />

ersten <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>, die mit einem so genannten<br />

„Erker-Wagen“ ganz neue Akzente setzten. Geheizt<br />

wurde damals noch mit Heizsonnen, Bahnheizkörpern<br />

o<strong>der</strong> tschechischen Heizlüftern. In den folgenden Jahren<br />

wurden diese Heizquellen zunehmend von Ölradiatoren,<br />

die aus dem Intershop beschafft wurden, ersetzt<br />

(Intershop war eine im Dezember 1962 gegründete<br />

Handelsorganisation mit begrenztem Warenangebot<br />

aus Westdeutschland. Die Bürger <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

konnten ab 1974 in diesen Läden Nahrungs- <strong>und</strong> Genussmittel,<br />

technische Geräte, Tonträger <strong>und</strong> vieles<br />

mehr gegen konvertierbare Währungen kaufen). Mitunter<br />

wurden gleich mehrere Ölradiatoren in jedem<br />

Raum aufgestellt, wodurch im gesamten Wohnwagen<br />

behagliche Temperaturen herrschten. Aufgr<strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

vielen elektrischen Haushaltsgeräte <strong>und</strong> des Einbaus<br />

von bis zu sechs Radiatoren in den Wohnwagen kam<br />

es vor, dass die rollenden Heime <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> einen<br />

wesentlich höheren Anschlusswert als die Fahrgeschäfte<br />

hatten. Für fließend Warmwasser für die Duschen<br />

o<strong>der</strong> Bä<strong>der</strong> wurden zunächst 5 l Warmwasserboiler<br />

aus <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-Produktion installiert. In den 80er-<br />

Jahren boomte dann <strong>der</strong> Einbau von Durchlauferhitzern<br />

<strong>der</strong> Marke „Stiebel Eltron“, die ebenfalls in den Intershops<br />

erworben wurden. Neu war auch, dass die<br />

Außenwände einiger Schindelwagen verblecht wurden.<br />

Da die Holzverschalung regelmäßige <strong>und</strong> aufwändige<br />

Pflege erfor<strong>der</strong>t, wurden Aluminium-Bleche<br />

auf <strong>der</strong> Holzverschalung angebracht. Außerdem kamen<br />

auch Zierleisten, häufig in Doppelreihe unter den<br />

Fenstern angeschraubt, in Mode. Die Fläche zwischen<br />

60


den Zierleisten wurde oft in den Farben <strong>der</strong> Eisenrahmen<br />

<strong>der</strong> Wagenkästen des <strong>Schausteller</strong>betriebes<br />

lackiert. Da die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> erhältlichen kleinen Campingwagen<br />

schlechte Fahreigenschaften <strong>und</strong> nur einfachsten<br />

Komfort boten, waren sie für die <strong>Schausteller</strong><br />

nur bedingt geeignet. Nur selten wurden deshalb<br />

„Campings“ des Typs „Bastei“ als Kin<strong>der</strong>- o<strong>der</strong> als so<br />

genannte „Leutewagen“ für die Mitarbeiter angeschafft.<br />

Einige <strong>Schausteller</strong> bauten sich im Laufe <strong>der</strong><br />

Zeit mo<strong>der</strong>ne Wohnwagen in raumgewinnen<strong>der</strong> Containerform<br />

<strong>und</strong> mit ausziehbaren Erkern, durch die sich<br />

völlig neue Möglichkeiten <strong>der</strong> Raumaufteilung ergaben,<br />

wodurch <strong>der</strong> Gr<strong>und</strong>riss dem einer stationären<br />

Wohnung ähnelte. Einer <strong>der</strong> Begabtesten auf diesem<br />

Gebiet war <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> Günter Topf aus Erfurt. Er<br />

hatte „goldene Hände“, war technisch sehr versiert<br />

<strong>und</strong> baute seit den sechziger Jahren Erker in Schindelwagen<br />

ein. Anschließend begann er mit dem kompletten<br />

Eigenbau von mo<strong>der</strong>nen Wohnwagen. Auf einem<br />

eigens zu diesem Zweck angefertigten Unterwagen<br />

baute er zunächst einen Wohnwagen mit drei Erkern,<br />

die nachfolgenden Versionen wurden dann mit<br />

vier Erkern versehen.<br />

Die mo<strong>der</strong>n <strong>und</strong> komfortabel eingerichteten Wagen<br />

von Günter Topf waren gut isoliert, mit einem Bad <strong>und</strong><br />

einer Zerhacker-Toilette sowie praktischen Einbaumöbeln<br />

ausgestattet. Günter Topf half<br />

auch beim Bau <strong>der</strong> Wohnwagen<br />

seiner Töchter, die von den<br />

Schwiegersöhnen nach seinen<br />

Plänen <strong>und</strong> Ideen angefertigt<br />

wurden. Außerdem baute er noch<br />

mehrere Mannschafts- <strong>und</strong> Packwagen.<br />

Angeregt durch Fotos <strong>und</strong> Prospekte<br />

von mo<strong>der</strong>nen westdeutschen<br />

Wohnwagen, ließen sich in<br />

den achtziger Jahren die <strong>Schausteller</strong><br />

Wolfgang Sendler <strong>und</strong> Ralf<br />

Plaenert von <strong>der</strong> Stahlbaufirma<br />

Brand in Rostock mo<strong>der</strong>ne Wohnwagen<br />

auf speziell angefertigten,<br />

dreiachsigen Unterwagen bauen.<br />

Der Wagen von Ralf Plaenert wurde<br />

gegen Ende des Jahres 1988<br />

fertiggestellt. Durch die vier Erker<br />

ergibt sich insgesamt eine Wohnfläche<br />

von fast 40 Quadratmetern.<br />

Hinter <strong>der</strong> Tür, die auf <strong>der</strong> rechten<br />

Seite eingebaut ist, befindet sich<br />

<strong>der</strong> Flur, von dem man in das Bad<br />

im Heck des Wagens, in die Küche<br />

<strong>und</strong> das geräumige Wohnzimmer<br />

mit zwei Erkern gelangt. Das Schlafzimmer befindet<br />

sich im Bugerker <strong>und</strong> ist durch eine Tür in <strong>der</strong> Mitte <strong>der</strong><br />

Schmalseite des Wohnzimmers begehbar. Im Herbst<br />

1989, kurz vor <strong>der</strong> Wende in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, konnte auch die<br />

<strong>Schausteller</strong>familie Lorenz aus Berlin in ihren neuen<br />

Wohnwagen in Containerform einziehen, <strong>der</strong> überwiegend<br />

in Eigenregie entstand <strong>und</strong> für nur noch wenige<br />

Monate (bis zur Wie<strong>der</strong>vereinigung <strong>der</strong> beiden deutschen<br />

Staaten) mit zu den komfortabelsten <strong>und</strong> schönsten<br />

Wohnwagen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> zählte.<br />

Die Unterbringung <strong>der</strong> Gehilfen <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> erfolgte<br />

in abgetrennten Wohnabteilen im Bug <strong>der</strong> Packwagen<br />

o<strong>der</strong> in Mannschaftswagen. Die circa 6 qm<br />

großen Packwagenabteile boten auf engstem Raum<br />

nur das Nötigste. Auf einer <strong>der</strong> beiden Längsseiten befand<br />

sich meistens ein Doppelstockbett, an <strong>der</strong> Rückwand<br />

stand ein Spind <strong>und</strong> gegenüber dem Bett be-<br />

FOTOS<br />

LOGISTIK<br />

Zwischenveranda<br />

mit Seitenaufgang an<br />

einem Schindelwohnwagen<br />

Zwei ausgemusterte<br />

<strong>und</strong> unter freiem Himmel<br />

abgestellte Schindelwagen<br />

Rolf Orschel<br />

Packwagen von<br />

Rudi Meyers Autoskooter<br />

Günter Topf baute mehrere Wagen<br />

61


LOGISTIK<br />

Einer <strong>der</strong> ersten<br />

<strong>DDR</strong>-Schindelwagen mit<br />

Erker von Erhard Mentel<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Von <strong>der</strong> Stahlbaufirma<br />

Brand in Rostock 1988<br />

gebauter Wohnwagen für<br />

Ralf Plaenert mit vier Erkern<br />

fand sich in <strong>der</strong> Regel ein Tisch mit zwei Hockern o<strong>der</strong><br />

Stühlen. Ein Waschbecken o<strong>der</strong> eine Toilette für die<br />

Mitarbeiter waren kaum vorhanden. Mehr Komfort boten<br />

die Mannschaftswagen, in die in <strong>der</strong> Regel zwei<br />

größere Wohnabteile (für jeweils 2 Personen) <strong>und</strong> ein<br />

kleiner Waschraum mit Toilette eingebaut war. In <strong>der</strong><br />

kalten Jahreszeit sorgten Bahnheizkörper für etwas<br />

Wärme <strong>und</strong> Behaglichkeit in den Wohnabteilen.<br />

Die Packwagen-Gr<strong>und</strong>typen<br />

Die Packwagen wurden in den siebziger <strong>und</strong> achtziger<br />

Jahren zunehmend bunter. Es gab viele Schindelwagen,<br />

die allerdings immer seltener nur mit markantem<br />

Klarlack o<strong>der</strong> einfarbig mit farblich abgesetzten<br />

Kanten lackiert wurden. Sie wurden nun mit Zierstreifen<br />

o<strong>der</strong> dem Namenszug <strong>der</strong> Familie <strong>und</strong> des Geschäftes,<br />

farbig abgesetzt <strong>und</strong> schwungvoll mit abgesetzter<br />

Schattierung geschrieben, bemalt. Verblechte<br />

Packwagen wurden meist aufwändig <strong>und</strong> mehrfarbig<br />

lackiert sowie mit doppelreihigen Zierleisten versehen.<br />

Es gab nur wenige Gr<strong>und</strong>typen von Packwagen: so<br />

genannte Rollen für sperrige Einzelteile, offene Kastenwagen<br />

(teilweise mit Plane), Rungenwagen <strong>und</strong><br />

hauptsächlich die geschlossenen Packwagen mit Tonnen-<br />

o<strong>der</strong> dem in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> auch typischen Eckdach,<br />

das zum Markenzeichen <strong>der</strong> Fahrzeugbau-Firma Melde<br />

in Vierkirchen-Buchholz wurde. Der Aufbau <strong>der</strong><br />

Packwagen bestand aus einer fachwerkähnlichen<br />

Holzkonstruktion, die die Stabholzwände <strong>und</strong> das<br />

Dach stabilisierte. Unter dem Boden nahmen die Kellerkästen<br />

kleinere Teile, Schrauben, Bolzen <strong>und</strong> Splinte<br />

o<strong>der</strong> das Bauholz auf. Die Mittelbauwagen <strong>der</strong> Karussells<br />

waren zunächst nur einachsig, da auf ihnen<br />

lediglich <strong>der</strong> Motor, das Getriebe <strong>und</strong> <strong>der</strong> Mast montiert<br />

waren. Große Mittelbauwagen, auf denen sich neben<br />

dem Antrieb häufig auch die Kasse befand, ließen<br />

sich einige <strong>Schausteller</strong> erst in späteren Jahren von<br />

spezialisierten Fahrzeugbauern anfertigen. Die größten<br />

<strong>DDR</strong>-Mittelbauwagen waren häufig dreiachsig <strong>und</strong><br />

bis zu 12 Meter lang. Neben den Anhängern wurden<br />

auch einige Mittelbau-Sattelauflieger gebaut. Der Bau<br />

von <strong>Schausteller</strong>wagen <strong>und</strong> Karussells sorgte nach<br />

dem Krieg für einen Aufschwung beim Schumann-<br />

Werk in Werdau <strong>und</strong> füllte die Auftragsbücher. Obwohl<br />

die Fahrzeuge nur mit einfachen Mitteln <strong>und</strong> Materialien<br />

hergestellt werden konnten, war das traditionelle<br />

handwerkliche Können <strong>der</strong> Schumann-Werker beim<br />

Innenausbau <strong>der</strong> Wohnwagen sehr gefragt, da sich<br />

Parallelen zu den prächtig ausgeführten Innenausbauten<br />

von Salonwagen <strong>der</strong> Jahrh<strong>und</strong>ertwende ziehen<br />

ließen. Nach <strong>der</strong> Flucht Schumanns in den Westen<br />

wurde das Werk am 1. Juli 1948 enteignet. Wenige<br />

Jahre später wurde die Produktion von <strong>Schausteller</strong>wagen<br />

<strong>und</strong> Karussells eingestellt.<br />

Wagenbau Pfaff <strong>und</strong> Melde<br />

Der Stellmachermeister Franz Pfaff, 1947 aus Ungarn<br />

vertrieben <strong>und</strong> in den sechziger Jahren in Görlitz tätig,<br />

genoss in <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>branche <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> einen guten<br />

Ruf, da er für das fahrende Volk Wohn- <strong>und</strong> Zirkuswagen<br />

in hervorragen<strong>der</strong> Qualität herstellte. Als er<br />

1968 nach Buchheim bei Leipzig kam, konnte <strong>der</strong><br />

Gr<strong>und</strong>stein für das heute noch erfolgreich tätige traditionsreiche<br />

Familienunternehmen gelegt werden. Von<br />

seinen sechs Kin<strong>der</strong>n, fünf Söhne <strong>und</strong> eine Tochter,<br />

waren bis auf Marko alle in <strong>der</strong> Holzbranche tätig.<br />

Marko Pfaff spezialisiete sich nach seiner Ausbildung<br />

zum Schmied auf den stählernen Unter- <strong>und</strong> Aufbau<br />

von Fahrzeugen. 1982 übernahm Andreas Pfaff den<br />

Betrieb, <strong>der</strong> sich nun dem Innenausbau sowie allen<br />

anfallenden Tischlerarbeiten von <strong>Schausteller</strong>-Wohnwagen<br />

widmete. 1985 machte sich Marko Pfaff als<br />

Schmiedemeister selbstständig <strong>und</strong> gründete sein<br />

Unternehmen im Bereich des Schmiede- <strong>und</strong> Fahrzeugbaus<br />

<strong>und</strong> fertigte Wohn-, Mannschafts-, Verkaufs-<br />

<strong>und</strong> Packwagen an. Heute stellt die Marko Pfaff<br />

& Co. <strong>Spezial</strong>fahrzeugbau GmbH erfolgreich maßgeschnei<strong>der</strong>te<br />

<strong>Schausteller</strong>wagen in <strong>der</strong> üblichen Containerbauweise<br />

her.<br />

62


LOGISTIK<br />

Gondelwagen von<br />

Plaenerts Schlickerbahn<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Die 1889 von August Melde in<br />

Vierkirchen-Buchholz bei Görlitz<br />

gegründete Stellmacherei stellt<br />

inzwischen in <strong>der</strong> vierten Generation<br />

Wohn-, Pack- <strong>und</strong> <strong>Spezial</strong>-<br />

„Plattenwagen“ her, bietet aber<br />

auch noch ganz klassische Schindelwagen<br />

an. Der Familienbetrieb<br />

war zu <strong>DDR</strong>-Zeiten ein von den<br />

<strong>Schausteller</strong>n gern beauftragtes<br />

Unternehmen. Von den gebauten<br />

Schindelwohnwagen mit Tonnendach<br />

<strong>und</strong> Oberlicht sowie seit den<br />

sechziger Jahren auf die Wagenseite<br />

gerückter Tür sind heute<br />

noch einige Exemplare auf <strong>der</strong> Reise.<br />

Die charakteristischen Eckdächer<br />

<strong>der</strong> zu <strong>DDR</strong>-Zeiten gebauten<br />

Packwagen wurden zum Markenzeichen<br />

<strong>der</strong> Firma. Heute werden<br />

die Schindelwohnwagen auf<br />

Wunsch auch mit Erkern hergestellt.<br />

Neben den Zirkussen „Fliegenpilz“<br />

<strong>und</strong><br />

„Roncalli“ sind<br />

<strong>Schausteller</strong>, die<br />

auf Bewährtes<br />

Wert legen <strong>und</strong><br />

sich keine mo<strong>der</strong>nen<br />

Wohnwagen<br />

anschaffen<br />

wollen, treue<br />

K<strong>und</strong>en <strong>der</strong> Firma<br />

Melde, die<br />

auch heute noch<br />

als „Stellmacherei“<br />

firmiert. Neben<br />

diesen bekanntesten Wagenbaufirmen<br />

existierten in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

noch einige Betriebe, die sich auf<br />

die Herstellung von Wohn-, Pack<strong>und</strong><br />

Verkaufswagen für <strong>Schausteller</strong><br />

<strong>und</strong> Zirkusse spezialisiert hatten.<br />

■<br />

Plaenerts dreiachsiger,<br />

offener Kastenwagen für<br />

den Transport <strong>der</strong> schweren<br />

Teile des „Tropical Jet“<br />

QUELLE<br />

Michael Faber: <strong>Schausteller</strong>transporte<br />

Teil 7, <strong>Kirmes</strong><br />

Revue 3+4/03, S. 26-31<br />

Typischer Packwagen<br />

aus <strong>der</strong> Werkstatt Melde<br />

Packwagen von<br />

Härtels Raupenbahn<br />

Packwagen mit<br />

Flaschenzug von Ottos<br />

Kin<strong>der</strong>eisenbahn<br />

Packwagen mit<br />

typischem Eckdach aus<br />

<strong>der</strong> Stellmacherei Melde<br />

63


ÜBERSICHT<br />

SCHAUSTELLERISCHES VERGNÜGUNGSANGEBOT<br />

„Sputnik Bahn“<br />

von Manfred Baumann<br />

FOTOS<br />

Archiv Pilz, Archiv Malfertheiner,<br />

Archiv Weckner,<br />

Archiv Orschel<br />

Verlosung, Automaten<strong>und</strong><br />

Schießwagen<br />

Das schaustellerische Vergnügungsangebot<br />

in <strong>der</strong> Sowjetischen Besatzungszone bau „Kosmoplane“, ein Wellenflieger (<strong>der</strong> später in<br />

tenflieger, Hochturmflieger, <strong>der</strong> Pressluftflieger-Eigen-<br />

(SBZ von 1945 bis 1949) unterschied sich<br />

kaum von dem in Westdeutschland. Bis auf<br />

nicht vorhandene Achterbahnen würde sich<br />

eine Auflistung <strong>der</strong> Karussells fast gleichen.<br />

Ab den fünfziger Jahren verän<strong>der</strong>te sich das<br />

Bild <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>einrichtungen, wobei<br />

bei den Karussells eindeutig die R<strong>und</strong>fahrgeschäfte<br />

dominierten. Sie waren in verhältnismäßig<br />

großer Anzahl <strong>und</strong> Typenvielfalt<br />

vorhanden. Die Angebotspalette reichte von<br />

Krinolinen über Berg- <strong>und</strong> Talbahnen, Walzerfahrten<br />

<strong>und</strong> Schlickerbahnen bis zu Raupenbahnen.<br />

Auf <strong>der</strong> Reise waren außerdem<br />

eine Walzerfahrt umgebaut wurde) waren von den<br />

Hochfahrgeschäften vorhanden. Außerdem gab es<br />

noch „The Whip“, „Waldidyll“ <strong>und</strong> später die vom VEB-<br />

Zentralzirkus betriebenen Geschäfte „Kosmos Rotator“,<br />

Flug Schanze, Twister <strong>und</strong> Satellit. Dazu gesellten<br />

sich im Laufe <strong>der</strong> Zeit noch ein paar bemerkenswerte<br />

Eigen- <strong>und</strong> Umbauten, mit denen beachtliche <strong>und</strong><br />

neue Akzente in <strong>der</strong> Fahrgeschäftsszene <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> gesetzt<br />

wurden.<br />

An Kin<strong>der</strong>fahrgeschäften waren hauptsächlich Boden-,<br />

Sport- <strong>und</strong> Hängekarussells, Kettenflieger, eine<br />

Achterbahn, Autobahnen, Benzin-Autobahn, Raupenbahnen,<br />

Schiffschaukeln, Eisenbahnen, <strong>der</strong> Eigen-<br />

Raketenfahrten zum Mond, Tunnelbahnen<br />

<strong>und</strong> die unterschiedlichsten Varianten<br />

<strong>und</strong> Aufmachungen dieser Karussells<br />

wie „Loch Ness“, „See-Sturm-Bahnen“,<br />

„Sputnikbahn“, „Autobahnen“,<br />

„Planetenbahnen“, „Motorbootbahn“,<br />

„Weltraumfahrt“, „Schlangenbahn“ o<strong>der</strong><br />

„Weißer Traum“. Schaukeln gab es in<br />

Form von Hauruckschaukeln, Rhönradschaukeln,<br />

großen <strong>und</strong> kleinen Schiffschaukeln<br />

<strong>und</strong> einigen Überschlagschaukeln<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>. Von den Selbstfahrgeschäften<br />

waren Autoskooter,<br />

<strong>der</strong> Benzin-Skooter<br />

„Berliner Ring“, eine Motorrollerbahn<br />

<strong>und</strong> später die VEB-<br />

Go-Kartbahn „Sachsenring“<br />

vertreten. Unter Hochbahnen<br />

liefen die Chimmytreppe, Toboggan,<br />

die Teufelskutsche,<br />

zwei Holzachterbahnen <strong>und</strong><br />

VEB - Stahlachterbahnen.<br />

Spinnen, Riesenrä<strong>der</strong>, Ket-<br />

Krinoline von Sachs, Thiemes Walzerfahrt<br />

<strong>und</strong> Karl Weckners selbstgebaute Kin<strong>der</strong>eisenbahn<br />

64


ÜBERSICHT<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche, Archiv<br />

Hartmann, Archiv Eckermann,<br />

Rolf Orschel<br />

„Tivoli“ von Meyer<br />

<strong>und</strong> Hartmanns „Tollhaus“<br />

bau-Verkehrskin<strong>der</strong>garten „Pikkolo Avusbahn“, Ponybahnen<br />

<strong>und</strong> -reiten vorhanden.<br />

Aus <strong>der</strong> Sparte <strong>der</strong> Schau- <strong>und</strong> Belustigungsgeschäfte<br />

standen den Besuchern Schaubuden (bis zu Beginn<br />

<strong>der</strong> 70er-Jahre), H<strong>und</strong>etheater, Marionetten- <strong>und</strong><br />

Puppentheater, mechanische Märchenschau, Panoramen,<br />

Tier- <strong>und</strong> Raubtierschauen, Globus <strong>und</strong> Steile<br />

Wand zur Verfügung. Außerdem gab es aus dieser<br />

Sparte noch Vergnügungspaläste, Hippodrom, die<br />

kleinsten Pferde <strong>der</strong> Welt, Irrgärten, Geisterbahnen,<br />

den Humoristischen Wasserfall, diverse Laufgeschäfte<br />

wie Lachhäuser <strong>und</strong> -kabinette, „Spuk im Spessart“,<br />

„Geisterhölle“ sowie die Lustigen Tonnen <strong>und</strong> das Teufelsrad.<br />

Fast unüberschaubar war das vielfältige Angebot<br />

von Geschicklichkeitsspielen <strong>und</strong> Warenausspielungen,<br />

die auch in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> häufig als Beigeschäft<br />

betrieben wurden. Von den Spiel- <strong>und</strong> Geschicklichkeitsgeschäften<br />

waren in den fünfziger Jahren<br />

die Schieß- <strong>und</strong> Losbuden<br />

beson<strong>der</strong>s gefragt. Auf<br />

ihr Glück mussten die Besucher<br />

beim Karten- <strong>und</strong><br />

Namenblinker, an Tischdrehrä<strong>der</strong>n,<br />

Würfelspielen<br />

<strong>und</strong> Spielautomaten vertrauen.<br />

Seine Treffsicherheit<br />

konnte man außer beim<br />

Schießen noch beim Ball<strong>und</strong><br />

Ringwerfen sowie beim<br />

so genannten „Ping-Pong“ (bei dem Tischtennisbälle<br />

in Trichter, Schalen o<strong>der</strong> Becher geworfen wurden) testen.<br />

Aus den Sparten Imbiss, Ausschank <strong>und</strong> Süßwaren<br />

gab es nur ein paar vereinzelte Geschäfte, da die<br />

Versorgung mit Speisen <strong>und</strong> Getränken auf den<br />

<strong>Volksfeste</strong>n <strong>der</strong> staatlichen Handelsorganisation<br />

(HO) oblag. Von den <strong>Schausteller</strong>n wurden Fischbrötchen,<br />

Eis, Zuckerwatte <strong>und</strong> hauptsächlich<br />

kandierte Äpfel verkauft. Nur auf wenigen Plätzen<br />

wurden auch Lebkuchen, Schmalzkuchen <strong>und</strong><br />

Waffeln zum Verkauf angeboten.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Handbuch des <strong>Schausteller</strong>s<br />

– Taschenbuch des<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong>, Verzeichnis <strong>der</strong><br />

Märkte <strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong> in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, 1957-1974<br />

Müllers Riesenrad, 1953, <strong>und</strong> die Spinne von Böttger, 60er-Jahre<br />

65


SCHAU<br />

SCHAUBUDEN<br />

„Bunte Palette“<br />

von Hans Reich, um 1953<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche, Archiv<br />

Dieter Katzschmann<br />

„W<strong>und</strong>er-Schau“<br />

von Hickmann <strong>und</strong> Wagners<br />

„H<strong>und</strong>etheater“, 50er-Jahre<br />

„Walhalla Theater“<br />

von Erlewein <strong>und</strong><br />

Schaubude „Jonny Ahoi“<br />

Keine an<strong>der</strong>e Geschäftsart trat nach dem<br />

Krieg <strong>und</strong> in den fünfziger Jahren in <strong>der</strong><br />

Volksfestszene <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> so mannigfältig in<br />

Erscheinung wie die Schaubuden. Beim Lesen<br />

von Beschickerlisten aus den Nachkriegsjahren<br />

stellt man fest, dass häufig<br />

mehrere Schaubuden auf den <strong>Volksfeste</strong>n<br />

gleichzeitig gastierten. So waren bereits auf<br />

<strong>der</strong> Herbstmesse in Magdeburg 1946 das<br />

H<strong>und</strong>etheater von William Voigt, das Taucherschiff<br />

von Uphoff, die Cumberlandschau<br />

von Hulda Voigt sowie<br />

eine Afrika-, <strong>und</strong> eine Krokodilschau<br />

aufgebaut. Zu dieser Zeit<br />

reisten außerdem in <strong>der</strong> SBZ die<br />

Tiefseeschau von Hoppe, Wurms<br />

Löwen- <strong>und</strong> Attraktionsschau, die<br />

Raubtierschau von Reinhardt, Kasitas<br />

Zauberschau, die Schaubude<br />

von Steinmetz, Weiffenbachs<br />

Lustige bunte Bühne, die Tierschau<br />

von Stoje, Fre<strong>und</strong>s Schaubude<br />

sowie mehrere Boxbuden,<br />

Artistenschauen, Marionetten<strong>und</strong><br />

Kasperltheater, um nur einige<br />

zu nennen. Überliefert ist, dass<br />

zum 560. Jubiläum des<br />

Rostocker Pfingstmarktes<br />

im Jahr 1950 neben<br />

vielen Karussells auch<br />

elf Schaubuden präsentiert<br />

wurden. Obwohl <strong>der</strong><br />

Anteil <strong>der</strong> Schaustellungen<br />

in den fünfziger Jahren<br />

bereits etwas rückläufig<br />

war, reisten damals<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> noch<br />

auffallend viele Schaubuden.<br />

Zu den bekanntesten zählten unter an<strong>der</strong>em<br />

die Cumberlandschau, die inzwischen von Manfred<br />

Albitz erworben wurde. Die lustigen Paraden dieser<br />

Schau mit Don Rößler, <strong>der</strong> sich selbst „Universalartist<br />

aus Hamburg“ nannte, sorgten stets für Menschenansammlungen.<br />

Rößler betrieb zuvor das Schaugeschäft<br />

„Wovon man spricht“, konnte das Publikum gekonnt in<br />

seinen Bann ziehen <strong>und</strong> trat selbst als Zauberkünstler<br />

auf. <strong>Spezial</strong>ität seiner Darbietungen war die „Schwebende<br />

Jungfrau“, für die stets ein „hypnotisierbares<br />

66


SCHAU<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche, Archiv<br />

Dieter Katzschmann, Archiv<br />

Malfertheiner, Zirkusarchiv<br />

Winkler<br />

Medium“ aus dem Publikum gesucht wurde. Merkwürdigerweise<br />

handelte es sich dabei aber in je<strong>der</strong><br />

Vorstellung um die selbe Person...<br />

Neben Don Rößler traten in <strong>der</strong> Cumberland-Schau<br />

auch Fakire, Artisten, Dompteure <strong>und</strong> Illusionisten auf.<br />

Unvergessen sind auch die Auftritte von Paul Jung, <strong>der</strong><br />

als „Omega – <strong>der</strong> lebende Gasometer“ Gas inhalierte<br />

<strong>und</strong> anschließend durch verschiedene Experimente<br />

das Publikum staunen ließ. Großer Beliebtheit erfreute<br />

sich über viele Jahre auch das H<strong>und</strong>etheater von Wagner.<br />

In den fast stets ausverkauften Vorstellungen führten<br />

dressierte <strong>und</strong> kostümierte Mischlingsh<strong>und</strong>e kurze<br />

Szenen aus dem Alltagsleben <strong>der</strong> Menschen vor.<br />

So gab es Straßenszenen mit fahrenden Autos, Passanten<br />

<strong>und</strong> Polizisten o<strong>der</strong> eine Hochzeitsgesellschaft<br />

mit elegant gekleidetem Brautpaar <strong>und</strong> einem Pfarrer.<br />

Die kleinen vierbeinigen Künstler begeisterten das<br />

Publikum aller Altersschichten. <strong>Schausteller</strong> erinnern<br />

sich heute noch daran, dass sie als Kin<strong>der</strong> sehr gern<br />

hinter <strong>der</strong> Bühne beim Ankleiden <strong>und</strong> Füttern <strong>der</strong> H<strong>und</strong>e<br />

halfen o<strong>der</strong> mit ihnen „Gassi gingen“. Nicht unerwähnt<br />

bleiben darf das „Walhalla Theater“ <strong>der</strong> Firma<br />

Erlewein, das 1959 von Dieter Katzschmann übernommen<br />

<strong>und</strong> zu Beginn <strong>der</strong> 60er-Jahre zur „Illusionsschau“<br />

umgebaut wurde. Den Besuchern<br />

wurden, umrahmt von kleinen Geschichten,<br />

optische Großillusionen wie ein leben<strong>der</strong><br />

Frauenkopf auf einer großen<br />

Blumenblüte, das Verschwinden <strong>und</strong><br />

Verwandeln von Zuschauern, <strong>der</strong> so genannte<br />

„Säbelschrank“, ein Spinnenkörper<br />

mit Frauenkopf <strong>und</strong> ein Schmetterlingstanz<br />

gezeigt. Um das Publikum zu<br />

animieren, wurde auf <strong>der</strong> Parade „Sybilla,<br />

die Frau ohne Unterleib“ präsentiert.<br />

Die Schaubude „Moulin Rouge – Das mo<strong>der</strong>ne Schaugeschäft<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“ von Gerhard Liebe aus Leipzig rief<br />

durch eine harmlose Striptease-Darbietung, bei <strong>der</strong><br />

sich eine Dame wie im Schattentheater hinter einer von<br />

hinten angestrahlten Leinwand entkleidete, die Behörden<br />

auf den Plan. 1961 erhielten sämtliche <strong>DDR</strong>-<br />

Schaubuden Aufbauverbot. Die Programme mussten<br />

erst von einer Prüfkommission genehmigt werden,<br />

bevor sie wie<strong>der</strong> vor Publikum gezeigt werden durften.<br />

Da bei diesen Überprüfungen mehrere Schaubudenprogramme<br />

durchfielen, wurden die betreffenden<br />

Geschäfte auf an<strong>der</strong>e Sparten umgestellt o<strong>der</strong> stillgelegt.<br />

■<br />

„Cumberland-Schau“<br />

von Albitz, Don Rößler (Mitte)<br />

bei <strong>der</strong> Parade, 50er-Jahre<br />

Paul Jung als<br />

„Omega – <strong>der</strong> lebende<br />

Gasometer“<br />

Frau ohne Unterleib <strong>und</strong><br />

„Algea, die W<strong>und</strong>erspinne“ von<br />

Katzschmanns „Illusionsschau“<br />

67


FAHRGESCHÄFTE<br />

RAKETENFAHRT<br />

FOTOS<br />

Archiv Kuntz, Archiv Härtel,<br />

Archiv Riesche, Rolf<br />

Orschel<br />

Die Schrägbahn von<br />

Kuntz, 1956 <strong>und</strong> 1958<br />

Raketenfahrten von<br />

Uhlig, Härtel <strong>und</strong> Seiferth<br />

QUELLE<br />

Ton Koppei: Raketenbahn,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 09/98, Seiten<br />

42-44<br />

„Raketenbahn“<br />

von Alfons Sperlich, 1990<br />

Die Raketenbahnen waren<br />

in <strong>der</strong> Fahrgeschäftsszene<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> bis in die 60er-<br />

Jahre sehr populär <strong>und</strong> wurden<br />

anschließend von den<br />

Berg- <strong>und</strong> Talbahnen <strong>und</strong> den<br />

Walzerfahrten nach <strong>und</strong> nach<br />

fast völlig verdrängt. Sie waren<br />

recht zahlreich <strong>und</strong> in unterschiedlichen<br />

Variationen auf<br />

<strong>der</strong> Reise. Die ersten Exemplare<br />

<strong>der</strong> Schrägbahnen<br />

tauchten in Deutschland um 1936 auf. Diese Karussells<br />

hatten normalerweise eine sehr steil gebaute<br />

schräge Fahrbahn mit beträchtlichem<br />

Höhengefälle. Es gab nicht wenige Exemplare,<br />

die Schienenhöhen von sechs Metern im oberen<br />

Bereich aufweisen konnten. Die hauptsächlich mit<br />

einem Gondelring in Raketenform gebauten<br />

Schrägbahnen wurden hauptsächlich als „Raketenfahrt<br />

zum Mond“, „Marsrakete“ o<strong>der</strong> „Marsbahn“<br />

bekannt. Es gab diese Geschäfte aber<br />

auch mit Alpenmotiven <strong>und</strong> maritimer Aufmachung,<br />

die als „Alpen-Rennbahn“, „Lustige Seefahrt“,<br />

„Spreewald Fahrt“ o<strong>der</strong> „Motorboot Bahn“ reisten.<br />

Die sich entgegen <strong>der</strong> Fahrtrichtung drehende<br />

Auslegerverkleidung, <strong>der</strong> so genannte „Globus“, suggerierte<br />

bei den meisten Schrägbahnen ein höheres<br />

Tempo. Meistens <strong>der</strong> Thematik des Karussells angepasst,<br />

waren die Globusse mit kleinen Raketen – auf<br />

denen Figuren saßen – hohen Leuchttürmen o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en<br />

Figuren versehen. Es gab aber auch einige Exemplare,<br />

bei denen die Ausleger mit einer Plane verkleidet<br />

wurden.<br />

Die Schrägbahnen hatten ihre Blütezeit in den fünfziger<br />

Jahren, wo sie aufgr<strong>und</strong> ihrer (für damalige Verhältnisse)<br />

sehr rasanten Fahrt beson<strong>der</strong>s bei den Jugendlichen<br />

hoch im Kurs standen. Nachdem den<br />

Schrägbahnen dann durch an<strong>der</strong>e Karussells <strong>der</strong> Erfolg<br />

gestohlen wurde, bauten einige <strong>Schausteller</strong> ihre<br />

Geschäfte um, wobei sie auch recht eigenwillige Gondeln<br />

erhielten. Zu den bekanntesten <strong>Schausteller</strong>betrieben,<br />

die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> mit einer<br />

Raketenfahrt reisten, gehörten<br />

unter an<strong>der</strong>em: Paul Uhlig, Karl<br />

Kuntz, Alex Keil, Gertrud Härtel,<br />

Fritz Seiferth, Rolf Weise <strong>und</strong> Herbert<br />

Otto. Eine Variante mit freischwingenden<br />

Gondeln war die<br />

rasantere „Bobbahn“. Mit solch einem<br />

Geschäft reisten in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

die Gebr. Walz (1953 Umbau zu einer<br />

Walzerfahrt), Klaus Rieck sowie<br />

Werner <strong>und</strong> später Alfons<br />

Sperlich (bis 1992).<br />

■<br />

68


SPINNE<br />

FAHRGESCHÄFTE<br />

Spinne von Tino Sperlich<br />

FOTOS<br />

Archiv Liebold, Archiv<br />

Heym, Rolf Orschel<br />

Die Spinne tauchte 1938 zum ersten Mal auf deutschen<br />

Festplätzen auf. Die Konstruktion ging auf<br />

eine Erfindung des Amerikaners Eyerly zurück, die<br />

zwei Jahre vorher patentiert wurde. Am Mittelbau dieser<br />

Fahrgeschäfte waren an zwei übereinan<strong>der</strong>liegenden<br />

Drehkränzen zwölf bewegliche Ausleger angebracht,<br />

an <strong>der</strong>en Enden sich drehbare Blechgondeln<br />

für jeweils zwei Personen befanden. Die Ausleger waren<br />

mit Zugstangen o<strong>der</strong> Stahlseilen mit einem Exzenter,<br />

<strong>der</strong> sich über dem Drehkranzturm befand, verb<strong>und</strong>en.<br />

Während <strong>der</strong> Fahrt drehte sich <strong>der</strong> Exzenter<br />

entgegen <strong>der</strong> Fahrtrichtung. Dadurch än<strong>der</strong>te sich die<br />

Höhenposition <strong>der</strong> Ausleger ständig <strong>und</strong> die Gondeln<br />

drehten sich langsam um die eigene Achse. Der Nachteil<br />

dieser Fahrgeschäfte bestand in ihrer vergleichsweise<br />

geringen St<strong>und</strong>enkapazität. Da die Ausleger<br />

starr mit dem Exzenter verb<strong>und</strong>en waren <strong>und</strong> nicht abgesenkt<br />

werden konnten, befanden sich jeweils nur<br />

zwei Gondeln in <strong>der</strong> unteren Ladeposition. Um diesen<br />

entscheidenden Nachteil <strong>der</strong> Spinne zu beseitigen,<br />

versuchten einige <strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong> in den fünfziger<br />

Jahren in Zusammenarbeit mit <strong>der</strong> Firma G<strong>und</strong>elwein<br />

<strong>und</strong> an<strong>der</strong>en <strong>Spezial</strong>isten, die Ausleger zum Laden<br />

irgendwie absenkbar mit dem Exzenter zu verbinden.<br />

Das ehrgeizige Ziel konnte allerdings durch die zur<br />

Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten<br />

nicht realisiert werden. Das war wahrscheinlich auch<br />

ein Gr<strong>und</strong> dafür, warum in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> nur wenige<br />

<strong>Schausteller</strong> mit einer Spinne reisten, die überwiegend<br />

vor <strong>und</strong> nach dem Krieg von <strong>der</strong> Firma G<strong>und</strong>elwein in<br />

Wutha gebaut wurden.<br />

Unter an<strong>der</strong>em betrieben<br />

die Firmen Müller, Saalfel<strong>der</strong>,<br />

Walz, Schmidt, Böttger,<br />

Rausch, Mirre, Sehning,<br />

Liebold <strong>und</strong> Kröckel<br />

eine Spinne. Einige Exemplare<br />

wechselten aber<br />

mehrmals den Besitzer<br />

<strong>und</strong> die Spinne von Ludwig<br />

Rausch wurde 1961<br />

nach Westdeutschland<br />

verkauft, wodurch nur<br />

noch drei Exemplare in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten. Ab 1971<br />

wurden für mehrere Jahre nur noch zwei Spinnen betrieben.<br />

Sie wurden in den achtziger Jahren überholt, verschiedenen Gondelformen<br />

Zwei Spinnen mit<br />

wobei sie neue Plastegondeln erhielten. Diese Gondeln<br />

waren größer <strong>und</strong> bequemer, hatten aber einen<br />

großen Nachteil. Sie drehten sich während <strong>der</strong> Fahrt<br />

nur selten um die eigene Achse, wodurch <strong>der</strong> typische<br />

Spinne-Fahreffekt verloren ging. ■ Mittelbau <strong>und</strong> Spinne<br />

mit Plastegondeln von Kröckel<br />

69


FAHRGESCHÄFTE<br />

BERG- & TALBAHN<br />

FOTOS<br />

Archiv Pönitz,<br />

Rolf Orschel<br />

Fahrt ins Blaue<br />

mit Polyestergondeln<br />

von Arndt Pönitz<br />

Fahrt ins Blaue von<br />

Caspari <strong>und</strong> Funkes<br />

Schmetterlingsbahn<br />

In <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> existierte eine interessante Berg- <strong>und</strong> Talbahnszene<br />

mit einigen interessanten Exoten. Sie<br />

zählten zu den am meisten vorhandenen R<strong>und</strong>fahrgeschäften<br />

<strong>und</strong> gehörten bis 1990 zu den Stammbeschickern<br />

<strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong>.<br />

Die unterschiedlich großen Karussells hatten Durchmesser<br />

von 11 bis 16 Metern. Sie unterschieden sich<br />

durch ihre Dekorationen, die Anzahl <strong>der</strong> Berge <strong>und</strong><br />

Täler <strong>und</strong> verschiedene Gondelformen, von einfachen<br />

kastenförmigen Gondeln bis zu formschönen, abger<strong>und</strong>eten<br />

Blechgondeln. Einige Exemplare wurden zu<br />

Beginn <strong>der</strong> fünfziger Jahre von den noch existierenden<br />

Karussellbaufirmen gebaut, später kamen noch<br />

einige Eigenbauten dazu. Die Mittelbauten <strong>der</strong> Berg<strong>und</strong><br />

Talbahnen mussten stets aus den Einzelteilen zu<br />

sammen- <strong>und</strong> wie<strong>der</strong> auseinan<strong>der</strong>gebaut werden, da<br />

die Geschäfte keine Mittelbauwagen hatten. Die nach<br />

dem Krieg von Schumann gebauten Exemplare waren<br />

Härtels Raupenbahn <strong>und</strong><br />

die Fahrt ins Blaue von Uwe Schieck<br />

70


FAHRGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Kunze,<br />

Rolf Orschel<br />

Prachtexemplar:<br />

die Libelle von Kunze<br />

beson<strong>der</strong>s gut gelungen. Sie hatten stimmige Proportionen,<br />

formschöne Blechgondeln <strong>und</strong> fuhren sehr<br />

schnell. Durch die Verwendung von vollgummibereiften<br />

Eisenrä<strong>der</strong>n waren diese Bahnen auch ziemlich<br />

leise.<br />

Der Aufbau war allerdings eine zeit- <strong>und</strong> personalintensive<br />

Angelegenheit, da die Sohle <strong>und</strong> <strong>der</strong> Mittelbau<br />

aus sehr vielen Einzelteilen bestanden. Durch die vielen<br />

Holzteile, die vor dem Zusammenbau<br />

auf dem Stellplatz verteilt<br />

werden mussten, wurden diese<br />

Karussells auch scherzhaft „Holzhandlungen“<br />

genannt.<br />

Laut <strong>Schausteller</strong>handbuch <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> reisten in den sechziger Jahren<br />

19 Berg- <strong>und</strong> Talbahnen kreuz<br />

<strong>und</strong> quer durch die Republik. Da<br />

die Angaben in diesem Handbuch<br />

aber nur bedingt aussagefähig<br />

sind – einige <strong>Schausteller</strong> ließen<br />

sich nicht darin erfassen – ist es durchaus möglich,<br />

dass noch mehr dieser damals sehr beliebten R<strong>und</strong>fahrgeschäfte<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten. Außerdem wurden<br />

in den sechziger Jahren noch einige Raketenfahrten<br />

zum Mond <strong>und</strong> Planetenbahnen zu Berg- <strong>und</strong> Talbahnen<br />

umgebaut. Die Bahnen fuhren vor- <strong>und</strong> rückwärts<br />

<strong>und</strong> nur zwei Exemplare drehten sich in <strong>der</strong> Hauptdrehrichtung<br />

gegen den Uhrzeigersinn. Die meisten<br />

Schmetterlingsbahn<br />

von Turbanisch<br />

See-Sturm-Bahn<br />

von Alex Keil <strong>und</strong><br />

Hentrichs Fahrt ins Blaue<br />

71


FAHRGESCHÄFTE<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Berg- <strong>und</strong><br />

Talbahnen, <strong>Kirmes</strong> Revue<br />

12/01, Seiten 22-29<br />

Fahrt ins Blaue unter<br />

<strong>der</strong> Leitung von Malfertheiner<br />

<strong>und</strong> Kröckel (unten)<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

Aufbauetappen<br />

<strong>der</strong> „Fahrt ins Blaue“ von<br />

Malfertheiner in Jena, 1964<br />

älteren Geschäfte wurden im Laufe <strong>der</strong> Jahre mo<strong>der</strong>nisiert,<br />

wobei in <strong>der</strong> Regel auch die alten, sehr lauten<br />

Eisenrä<strong>der</strong> durch gummibereifte Rä<strong>der</strong> ausgetauscht<br />

wurden. Die alten Schienen erhielten eine neue Stahl-<br />

Lauffläche <strong>und</strong> die Holzausleger ersetzte man durch<br />

Stahlkonstruktionen. Die Berg- <strong>und</strong> Talbahn von Arndt<br />

Pönitz aus Mügeln bei Oschatz erhielt als einziges<br />

Karussell dieser Art einen kompletten Satz Gondeln<br />

aus Gießharz. Durch ständige Werterhaltung <strong>und</strong> gute<br />

Pflege waren die meisten Berg- <strong>und</strong> Talbahnen bis in<br />

die neunziger Jahre regelmäßig im Einsatz.<br />

Heute kann man nur noch mit sehr viel Glück<br />

das ein o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>e Exemplar, wie die Fahrt ins<br />

Blaue von Mario Caspari aus Herbsleben bei<br />

Bad Langensalza, auf kleinen Plätzen wie<strong>der</strong><br />

entdecken.<br />

Ein ganz beson<strong>der</strong>es Prachtstück mit prunkvoller<br />

Dekoration war die einzigartige Berg<strong>und</strong><br />

Talbahn „Libelle“ von Siegfried Kunze aus<br />

Meißen, die ursprünglich als Planetenbahn in<br />

Prachtausstattung von <strong>der</strong> Firma Hugo Haase<br />

gebaut wurde. In ihrem Zentrum befand sich<br />

über dem Globus eine aufwändig geschnitzte <strong>und</strong> mit<br />

Blattgold belegte große Krone, die einen Durchmesser<br />

von vier Metern hatte. Die schmucke Dachkante<br />

<strong>und</strong> die Dachriegel waren mit vielen kunstvollen<br />

Schnitzereien versehen. An den Rückseiten <strong>der</strong> mit<br />

Blattsilber belegten <strong>und</strong> aufwändig geschnitzten<br />

Holzgondeln befanden sich unterschiedlich große<br />

<strong>und</strong> geschliffene Zerrspiegel, von denen das Licht<br />

mehrfach zum Stoffhimmel mit Perlstickerei reflektiert<br />

wurde.<br />

■<br />

72


WALZERFAHRT<br />

FAHRGESCHÄFTE<br />

„Walzerfahrt zum Mond“<br />

von Seifert, in Annaberg, 1952<br />

Die Walzerfahrten zählten zu den beliebtesten<br />

R<strong>und</strong>fahrgeschäften in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> <strong>und</strong> boomten wie<br />

kein an<strong>der</strong>es Karussell. Durch ihre überdurchschnittliche<br />

Beliebtheit wurden die Walzerfahrten auch als die<br />

„Breakdancer des Ostens“ bezeichnet. Es gab sie in<br />

verschiedenen Varianten, teils von <strong>Schausteller</strong>n in Eigenbau<br />

gefertigt, teils im Umbau aus an<strong>der</strong>en Karussells<br />

entstanden o<strong>der</strong> von den Karussellbaufirmen<br />

Heyn <strong>und</strong> G<strong>und</strong>elwein hergestellt. Nach dem Krieg<br />

war mit <strong>der</strong> „Walzerfahrt zum Mond“ <strong>der</strong> Firma Seifert<br />

zunächst nur ein Exemplar auf <strong>der</strong> Reise.<br />

Die größte Walzerfahrt in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

Diese Bahn hatte kein Dach, besaß 20 Gondeln <strong>und</strong><br />

war mit einem Durchmesser von 22 Metern auch eine<br />

<strong>der</strong> größten Walzerfahrten, die jemals in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> auf<br />

<strong>der</strong> Reise waren. Durch die beliebten Schnellfahrten<br />

am Abend wurde dieses Karussell zur Hauptattraktion<br />

auf den Volksfestplätzen. Angeregt durch den außerordentlichen<br />

Erfolg <strong>der</strong> „Walzerfahrt zum Mond“,<br />

ließen sich zu Beginn <strong>der</strong> 1950er-Jahre mehrere<br />

<strong>Schausteller</strong> von <strong>der</strong> Karussellbaufirma G<strong>und</strong>elwein in<br />

Wutha bei Eisenach Walzerfahrten in verschiedenen<br />

Varianten <strong>und</strong> mit unterschiedlichen Ausstattungen<br />

<strong>und</strong> Durchmessern bauen. Das bis dahin schönste<br />

<strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nste G<strong>und</strong>elwein-Exemplar or<strong>der</strong>te 1953<br />

die <strong>Schausteller</strong>firma G. Meyer & Söhne. Ein Jahr später<br />

hatte diese Walzerfahrt auf dem Eisenacher Sommergewinn<br />

als „Walzertraum“ eine aufsehenerregende<br />

Premiere. Die erste, von G<strong>und</strong>elwein in dieser Art<br />

gebaute Walzerfahrt war optisch <strong>und</strong> technisch hervorragend<br />

gelungen <strong>und</strong> schlug ein wie eine Bombe.<br />

Das Geschäft lief während des Sommergewinns an<br />

<strong>der</strong> Kapazitätsgrenze <strong>und</strong> war ständig von einer dichten<br />

Menschenmenge, hauptsächlich Jugendlichen,<br />

umgeben. Nachdem <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> G. Hadlok kurz<br />

darauf auch eine mo<strong>der</strong>ne Walzerfahrt or<strong>der</strong>te, ließ<br />

Karl Welte sen. zwischen Mai <strong>und</strong> November 1955 seinen<br />

von G<strong>und</strong>elwein gebauten, jedoch wenig erfolgreichen<br />

Wellenflieger kurzentschlossen in eine Walzerfahrt<br />

umbauen. Da sich sämtliche in den fünfziger<br />

Tanzpaar von Hadloks<br />

Walzerfahrt, G<strong>und</strong>elwein<br />

FOTOS<br />

Archiv Riesche, Archiv<br />

Hadlok, Rolf Orschel<br />

„Walzertraum“<br />

von Klaus Eckstein, 1990<br />

73


FAHRGESCHÄFTE<br />

Walzerfahrt von Welte<br />

mit Polyester-Gondeln<br />

Melanie Welte konzentriert<br />

am Fahrpult <strong>der</strong> Walzerfahrt<br />

Jahren von G<strong>und</strong>elwein gebauten Walzerfahrten aus<br />

dem Stand als Publikumsmagneten entpuppten, lösten<br />

sie eine regelrechte Epidemie aus.<br />

Sprunghaft angestiegene Nachfrage<br />

Viele <strong>Schausteller</strong> wollten nun so schnell wie möglich<br />

ihre vorhandenen Geschäfte von <strong>der</strong> Karussellschmiede<br />

in eine Walzerfahrt umbauen lassen. Der renommierte<br />

Hersteller konnte die sprunghaft angestiegene<br />

Nachfrage aber kaum noch bewältigen. Manche<br />

Umbauten zogen sich durch Materialengpässe unerwartet<br />

in die Länge, wodurch sich die Fertigstellung<br />

<strong>der</strong> begonnenen Aufträge mitunter enorm verzögerte<br />

<strong>und</strong> beträchtliche Wartezeiten entstanden. Aus diesem<br />

Gr<strong>und</strong> griffen einige <strong>Schausteller</strong> zur Eigeninitiative<br />

<strong>und</strong> bauten ihre einfach konstruierten Fahrgeschäfte,<br />

meistens Raketenfahrten zum Mond, in<br />

Zusammenarbeit mit versierten Handwerksbetrieben<br />

in Walzerfahrten um. Die Umbauten erfor<strong>der</strong>ten<br />

von den beteiligten Firmen auf Gr<strong>und</strong> <strong>der</strong> ständig<br />

herrschenden Engpässe viel Engagement <strong>und</strong><br />

Geduld. Einige <strong>Schausteller</strong> gingen noch einen<br />

Schritt weiter <strong>und</strong> wagten sich an den Selbstbau,<br />

wobei sie mitunter erstaunliche Ergebnisse zustande<br />

brachten. Im Jahr 1962 ging <strong>der</strong> gelungene<br />

Eigenbau von<br />

Helmut Vogel ans<br />

Netz. Seine „Walzerfahrt<br />

zum Mond“<br />

bestach durch ihre<br />

sehr leichte Bauweise.<br />

Viele Teile<br />

waren steckbar, <strong>und</strong><br />

für die Schraubverbindungen<br />

benötigte<br />

man lediglich einen<br />

19er- <strong>und</strong> einen<br />

24er- Schraubenschlüssel.<br />

Beson<strong>der</strong>s bemerkenswert war, dass Helmut<br />

Vogel seinen Eigenbau ohne die Hilfe von Fremdfirmen<br />

auf seinem Gr<strong>und</strong>stück herstellte. Kurios: Erst<br />

nach <strong>der</strong> Fertigstellung <strong>der</strong> Bahn ließ Helmut Vogel<br />

durch die Firma Güntner, die vom Ministerium für Bauwesen<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> beauftragte Bau- <strong>und</strong> Sachverständige<br />

für Fliegende Bauten, seine Walzerfahrt statisch berechnen.<br />

Ein Chamäleon unter den Walzerfahrten in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> war <strong>der</strong> selbstgebaute „Holyday Star“ von<br />

Günter Topf, die im Laufe <strong>der</strong> Zeit mehrmals ihr Outfit<br />

komplett verän<strong>der</strong>te. Für seinen Eigenbau verwendete<br />

Topf zunächst den Mittelbau einer stillgelegten Raketenfahrt<br />

zum Mond. Die Bahn wurde anfangs ohne<br />

Dach gebaut, später experimentierte ihr Erbauer mit<br />

verschiedenen Dachformen. Der kleine Mittelbau wich<br />

dann einem großen Mittelbauwagen, auf dem auch <strong>der</strong><br />

FOTOS<br />

Archiv Lutze, Rolf Orschel<br />

Eigenbau-Walzerfahrt<br />

von Helmut Vogel, oben in<br />

den sechziger Jahren <strong>und</strong> 1983<br />

74


FAHRGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Topfs Eigenbau<br />

„Holyday Star“, 1984<br />

<strong>und</strong> nach dem letzten Umbau<br />

Dachstuhl klappbar montiert war. Gegen 1989/90 war<br />

das Karussell kaum noch wie<strong>der</strong>zuerkennen. Günter<br />

Topf überraschte mit einem nochmaligen, Musikexpress<br />

ähnlichem Umbau seiner Walzerfahrt <strong>und</strong> völlig<br />

neuer Aufmachung. Die Bahn präsentierte sich nun mit<br />

neuer Dachkante <strong>und</strong> einem breiten, geraden Eingang<br />

ohne Säulen.<br />

Umfangreiche Mo<strong>der</strong>nisierungen<br />

In den achtziger Jahren mo<strong>der</strong>nisierten einige <strong>Schausteller</strong><br />

noch einmal ihre Walzerfahrten, wobei einige<br />

Bahnen, unter an<strong>der</strong>em die von Topf, Engelbrecht <strong>und</strong><br />

Welte, mit großen Mittelbauwagen ausgestattet wurden.<br />

Im Winter 1989/90 ersetzte Karl Welte jun. aus<br />

Magdeburg die alten Blechgondeln durch neue, chaisenähnliche<br />

aus Polyester. Als „Top Hit-Superbahn“<br />

war dieses Geschäft eine <strong>der</strong> schönsten <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nsten<br />

Walzerfahrten, die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten. Das 12 m<br />

lange <strong>und</strong> dreiachsige Fahrgestell des Mittelbauwagens<br />

wurde von <strong>der</strong> Firma Paselt in Leipzig angefertigt,<br />

auf dem Lagerplatz in Magdeburg wurde anschließend<br />

<strong>der</strong> Mittelbau fertiggestellt. Die große <strong>und</strong><br />

sehr bequem eingerichtete<br />

Kasse konnte mit einem<br />

Getriebemotor <strong>und</strong><br />

Gewindestangen positioniert<br />

<strong>und</strong> hydraulisch<br />

hoch- <strong>und</strong> runtergefahren<br />

werden. Die Bahn war üppig<br />

mit Licht ausgestattet,<br />

viele Lichtleisten, Neonlampen<br />

<strong>und</strong> 34 Scheinwerfer, die Welte vom Magdeburger<br />

Theater erwerben konnte, rückten sie ins rechte<br />

Licht. Die Lampen <strong>und</strong> Scheinwerfer benötigten allein<br />

circa 80 kW Strom. Dieser aus heutiger Sicht minimale,<br />

fast lächerliche Wert war allerdings für ein<br />

<strong>DDR</strong>-Fahrgeschäft rekordverdächtig.<br />

Nach <strong>der</strong> Wie<strong>der</strong>vereinigung erlosch das Interesse<br />

des Publikums an den jahrzehntelang beliebten R<strong>und</strong>fahrgeschäften<br />

schlagartig. Aus diesem Gr<strong>und</strong> wechselten<br />

ab 1990 einige Walzerfahrten die Besitzer <strong>und</strong><br />

tauchten danach auf kleinen Plätzen auf. Nachdem<br />

dort diese Geschäfte aber auch kaum noch eine<br />

Chance hatten, gaben die meisten Besitzer ihre Walzerfahrten<br />

auf, legten sie still o<strong>der</strong> verschrotteteten sie.<br />

Man braucht heute sehr viel Glück,<br />

um auf Plätzen <strong>der</strong> dritten Kategorie<br />

hin <strong>und</strong> wie<strong>der</strong> eine Walzerfahrt<br />

zu entdecken. Von den einst 18<br />

Exemplaren, die kreuz <strong>und</strong> quer<br />

durch die <strong>DDR</strong> reisten, werden<br />

heute nur noch ganz wenige Geschäfte<br />

betrieben. Regelmäßig<br />

bauen heute noch die Firma Exner,<br />

die mit dem Eigenbau von Günter<br />

Topf reist, <strong>und</strong> Thomas Scholz, <strong>der</strong><br />

die Walzerfahrt <strong>der</strong> Firma Schelauske<br />

übernahm, diese <strong>DDR</strong>-<br />

Klassiker auf Plätzen in ländlichen<br />

Gegenden auf.<br />

■<br />

Gondelform <strong>der</strong><br />

Walzerfahrt von Topf<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Walzerfahrten<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, <strong>Kirmes</strong> Revue<br />

11/2000, Seiten 36-42<br />

Walzerfahrt von<br />

Wetzel/Schelauske, 1971<br />

75


FAHRGESCHÄFTE<br />

SCHLICKERBAHN<br />

„Tropenbahn“ von<br />

Kuno Plaenert, um 1961<br />

Simmrows Tropical Jet<br />

FOTOS<br />

Archiv Plaenert, Archiv<br />

Simmrow, Archiv Stoll,<br />

Rolf Orschel<br />

Schlickerbahn<br />

von Wilfried Jehn, 1986<br />

Die ersten Karussells mit steil einiges voraus war. Die Bahn hatte einen freitragenden,<br />

hydraulischen Dachstuhl, für den <strong>der</strong> Hydraulik-<br />

ansteigen<strong>der</strong> Fahrbahn <strong>und</strong> beweglich<br />

zwischen den Auslegern zylin<strong>der</strong> einer LKW-Hebebühne auf dem Mittelbau<br />

eingehängten Gondeln, so genannte<br />

Schlickerbahnen, wurden von <strong>der</strong> komplette Dachstuhl bequem in nur 20 Minuten auf-<br />

montiert wurde. Durch diese Konstruktion konnte <strong>der</strong><br />

Firma Heyn in den 30er-Jahren gebaut.<br />

Durch die ungewöhnlich stei-<br />

bereits ein Jahr später aus familiären Gründen vergebaut<br />

werden. Bruno Eckstein musste das Geschäft<br />

len Berge <strong>und</strong> Täler des Schienenkranzes<br />

pendelkaufen.<br />

Neuer Besitzer war die Firma Lange, später<br />

ten die Gondeln<br />

bei hohem Tempo<br />

über die Horizontale hinaus. Die Großglocknerbahn von Stoll, um 1962 <strong>und</strong> 1988<br />

Diese Weiterentwicklung <strong>der</strong> Berg<strong>und</strong><br />

Talbahn war schnell beliebt<br />

<strong>und</strong> verbreitet.<br />

In <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> blieb die Anzahl <strong>der</strong><br />

Schlickerbahnen allerdings sehr<br />

überschaubar. Gegen Mitte <strong>der</strong><br />

sechziger Jahre reisten nur sieben<br />

Exemplare dieses Karusselltyps<br />

durch die Republik. Sie hießen<br />

„Schlickerbahn“, „Tropenbahn“,<br />

„Großglocknerbahn“ o<strong>der</strong> „Zugspitzbahn“.<br />

Es gab kleine <strong>und</strong> große Varianten,<br />

die sich durch unterschiedliche<br />

Aufmachungen <strong>und</strong> Durchmesser<br />

von 12 bis 20 Metern sowie die<br />

Anzahl ihrer so genannten<br />

„Bananengondeln“<br />

aus Holz<br />

o<strong>der</strong> Blech voneinan<strong>der</strong><br />

unterschieden.<br />

<strong>Schausteller</strong><br />

Bruno Eckstein gelang<br />

1953 ein Eigenbau,<br />

<strong>der</strong> technisch<br />

den <strong>DDR</strong>-<br />

Fahrgeschäften um<br />

76


FAHRGESCHÄFTE<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Schlickerbahnen,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue<br />

10/02, Seiten 32-39<br />

Plaenerts Tropical Jet<br />

mit neuen Gondeln<br />

wurde es dann von Gunter Lange erworben. Zu den<br />

<strong>Schausteller</strong>firmen, die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> mit Schlickerbahnen<br />

reisten, gehörten auch Helmut Huhs, Margarete<br />

Krieg, Horst Ludwig, Kuno Plaenert, Heinz Moll, Alfred<br />

Rinck <strong>und</strong> Walter Stoll. Die großen Schlickerbahnen<br />

wurden bereits in den dreißiger Jahren von <strong>der</strong> Firma<br />

Heyn gebaut. Sie waren baugleich <strong>und</strong> unterschieden<br />

sich lediglich durch unterschiedliche Aufmachungen.<br />

Treue <strong>und</strong> verkaufte es dann an die Firma Uhlworm,<br />

die damit noch drei Jahre in Polen reiste. Die zweite<br />

Bahn, nach dem Krieg die schönste Schlickerbahn in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, erwarb nach dem Krieg die Firma Resch,<br />

1950 wurde sie von Horst Ludwig übernommen. Nach<br />

dreißig Jahren verkaufte er sie an Wilfried Jehn, <strong>der</strong><br />

diese Schlickerbahn mo<strong>der</strong>nisierte <strong>und</strong> 1988 zum<br />

„Feuerstuhl“ umgestaltete. Fünf Jahre später wurde<br />

FOTOS<br />

Archiv Pilz, Rolf Orschel<br />

Die Schlickerbahnen<br />

von Ludwig <strong>und</strong> Jehn<br />

Ihr Durchmesser betrug 20 m, <strong>der</strong> Umbau war 20-teilig<br />

<strong>und</strong> die geschlossenen Kuppeldächer reichten bis<br />

über die mit Spitzböcken verbreiterten Fußböden. Der<br />

Dachstuhl bestand aus zwanzig schweren Dachbin<strong>der</strong>n<br />

mit Strebenausfachung. Der Berg, die Schienenkranzbil<strong>der</strong>,<br />

die Panneaus <strong>und</strong> die Kasse waren entwe<strong>der</strong><br />

mit romantischen Alpenszenen o<strong>der</strong> idyllischen<br />

Winterlandschaften bemalt. Auf Gr<strong>und</strong> ihrer massiven<br />

Bauweise waren diese Fahrgeschäfte sehr schwer<br />

<strong>und</strong> wurden in vier Packwagen verladen. Mit dem Mittelbauwagen<br />

waren somit fünf Transporte zum Umsetzen<br />

nötig. In <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten nach dem Krieg zwei<br />

dieser Schlickerbahnen als „Zugspitzbahn“, die bis<br />

Anfang <strong>der</strong> 1990er-Jahre betrieben wurden. Ein Exemplar<br />

wurde nach 1945 von Paul Grafe <strong>und</strong> später<br />

von Alfred Rinck betrieben <strong>und</strong> 1973 an Horst<br />

Schwarze verkauft. Er hielt dem Gechäft 30 Jahre die<br />

das Geschäft dann stillgelegt <strong>und</strong> danach verschrottet.<br />

Die letzte Heyn-Schlickerbahn wurde 1954 in guter<br />

Qualität, aber nicht mehr mit dem gewohnten Aufwand<br />

als „Tropenbahn“ für den <strong>Schausteller</strong> Erich<br />

Schleinitz gebaut <strong>und</strong> nach<br />

einem Besitzerwechsel <strong>und</strong><br />

längerer Stillegung 1961 von<br />

Kuno Plaernert aus Schwerin<br />

erworben. Unter seiner Regie<br />

wurde das Karussell später<br />

umfangreich mo<strong>der</strong>nisiert<br />

<strong>und</strong> als „Tropical Jet“ zur<br />

schönsten <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nsten<br />

Schlickerbahn <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, die<br />

sogar den damals äußerst<br />

populären Walzerfahrten die<br />

Schau stahl.<br />

■<br />

Jehns Schlickerbahn<br />

als „Feuerstuhl“, 90er-Jahre<br />

77


FAHRGESCHÄFTE<br />

KETTENFLIEGER<br />

Perfekte Proportionen:<br />

die hohen Kettenflieger<br />

von Urban <strong>und</strong> Schu<strong>der</strong><br />

Kettenflieger mit an Ketten aufgehängten Sitzen, die<br />

durch die entstehende Fliehkraft während <strong>der</strong><br />

Fahrt nach außen schwingen, gehören zur Gruppe <strong>der</strong><br />

Fliegerkarussells. Ihre Blütezeit begann zu Beginn<br />

des 20. Jahrh<strong>und</strong>erts, nachdem sie mit Besatzungsteilen<br />

in Form von Flugkörpern auf den Markt kamen<br />

<strong>und</strong> den Zusammenhang zur Frühgeschichte <strong>der</strong> Luftfahrt<br />

verdeutlichten. In <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> beherrschten die Kettenkarussells,<br />

wie sie von <strong>der</strong> Bevölkerung heute noch<br />

genannt werden, mit die Volksfestszene. Sie fehlten<br />

auf keiner Veranstaltung <strong>und</strong> waren auf den großen<br />

Festplätzen o<strong>der</strong> je<strong>der</strong> kleinen <strong>Kirmes</strong> als Aushängeschild<br />

<strong>der</strong> <strong>Volksfeste</strong> unverzichtbar. In den fünfziger<br />

Jahren gab es noch einige Fliegerkarussells mit großen<br />

Flugzeugen o<strong>der</strong> Schwänen als Besatzung, die<br />

durch ihre stolze Höhe <strong>und</strong> ihren weiten Ausflug be-<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Kettenflieger von<br />

Gärtner <strong>und</strong> Voigt<br />

aus <strong>der</strong> Vorkriegszeit<br />

Kettenflieger mit<br />

Landschafts- <strong>und</strong><br />

Dekormalerei, 80er-Jahre<br />

78


eindruckten. Die meisten dieser<br />

beliebten Karussells wurden<br />

in <strong>der</strong> Vorkriegszeit von<br />

den Herstellern G<strong>und</strong>elwein<br />

o<strong>der</strong> Bothmann gebaut. Vereinzelte<br />

Exemplare fertigten<br />

aber auch kleine Firmen wie<br />

die Karussellbauer Sachs in<br />

Gotha o<strong>der</strong> Ohrbach in Ohrdruf.<br />

Typische Dekorationsteile<br />

dieser Fahrgeschäfte sind<br />

<strong>der</strong> Trichter, <strong>der</strong> den Mast verkleidet,<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Plafond an<br />

den Auslegern, die konstruktionsbedingt<br />

leicht nach oben<br />

stehen. Die Kettenflieger unterscheiden<br />

sich durch verschiedene<br />

Höhen, die Form<br />

des Trichters <strong>und</strong> die Anzahl<br />

<strong>der</strong> Stufen des Podiums. Die taillierten Trichter waren<br />

in <strong>der</strong> Regel schmal <strong>und</strong> hoch, es existierten aber auch<br />

Kettenflieger mit breiten, kurzen Trichtern. Es gab<br />

noch einige Exoten, wie das von Bothmann 1910 für<br />

die <strong>Schausteller</strong>in Rosa Pönitz gebaute „Luftschiff Caroussell“<br />

mit ungewöhnlicher Optik. Es wirkte „hoch<br />

wie breit“ <strong>und</strong> hatte keinen Trichter, wodurch es sofort<br />

auffiel. Auffällig war <strong>und</strong> ist auch heute noch die individuelle<br />

Charakteristik des Kettenfliegers <strong>der</strong> Familie<br />

Hammerschmitt. Nachdem in den siebziger Jahren<br />

die Leinwand <strong>der</strong> alten geraden Dachkante verwittert<br />

war, fertigte man eine schräge Dachkante aus Holzrahmen<br />

<strong>und</strong> Hartfaserpappe an, wodurch dieser Kettenflieger<br />

eine ganz persönliche Note erhielt. Die meisten<br />

<strong>DDR</strong>-Kettenflieger waren mit klassischer Dekorationsmalerei<br />

wie Ornamenten, Engeln, Landschafts<strong>und</strong><br />

Blumenmotiven o<strong>der</strong> mit einfachen geometrischen<br />

Formen sowie Farbflächen bemalt. Während<br />

die meisten Exemplare im Laufe <strong>der</strong> Zeit mehrmals mit<br />

neuen Motiven bemalt wurden, gab es auch einige,<br />

<strong>der</strong>en Bemalungen über Jahrzehnte unverän<strong>der</strong>t blieben<br />

<strong>und</strong> so zum Erkennungszeichen dieser Karussells<br />

wurden. Zu Beginn <strong>der</strong> achtziger Jahre tauchte auf<br />

den Plätzen in Sachsen-Anhalt <strong>und</strong> Sachsen ein Kettenflieger<br />

mit ovalem Podium auf. Das Beson<strong>der</strong>e an<br />

ihm war seine ungewöhnliche Fahrweise: Während <strong>der</strong><br />

Fahrt neigte sich <strong>der</strong> Dachstuhl nach vorn <strong>und</strong> hinten.<br />

Der Flieger wurde 1929 von G<strong>und</strong>elwein für Friedrich<br />

Wetzel als normaler<br />

Kettenflieger gebaut.<br />

Nachdem er<br />

über 20 Jahre stillgelegt<br />

war, wurde das<br />

Geschäft von Peter<br />

Backhaus übernommen.<br />

Er beauftragte<br />

die Firma Paselt in<br />

Leipzig mit <strong>der</strong> Rekonstruktion<br />

des heruntergekommenen<br />

Geschäftes, wobei<br />

dann <strong>der</strong> „Taumelkettenflieger“<br />

entstand.<br />

■<br />

FAHRGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Großmann,<br />

Rolf Orschel<br />

Der Schwanenflieger<br />

von Hammer, um 1989<br />

Taumelkettenflieger<br />

von Großmann<br />

QUELLE<br />

Florian Dering: Volksbelustigungen,<br />

Seiten 93-94<br />

Kettenflieger von<br />

Hammerschmitt <strong>und</strong> Topf<br />

79


FAHRGESCHÄFTE<br />

RUSSISCHE SCHAUKEL<br />

Schiecks Riesenrad,<br />

„Wiener Hochrad“ von Bleifuß<br />

FOTOS<br />

Archiv Müller, Rolf Orschel<br />

Grölles Riesenrad<br />

mit Original-Malerei, 1989<br />

Müllers Riesenrad<br />

war in Sachsen Kult<br />

In den achtziger Jahren reisten in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> noch 24<br />

Riesenrä<strong>der</strong>. Sie waren meistens vor dem Krieg, teilweise<br />

kurz nach <strong>der</strong> Jahrh<strong>und</strong>ertwende von vielen<br />

Herstellern gebaut worden <strong>und</strong> hatten 8 bis 12 Gondeln<br />

bei einer Höhe von maximal 16 Metern. Die Riesenrä<strong>der</strong><br />

hatten einen überdachten Vorbau mit Frontdekoration<br />

<strong>und</strong> in einigen stand nach dem Krieg noch<br />

links o<strong>der</strong> rechts neben dem Eingang<br />

eine Orgel. Eine Beson<strong>der</strong>heit<br />

stellten die so genannten<br />

„Alexan<strong>der</strong>-Riesenrä<strong>der</strong>“ dar, von<br />

denen drei baugleiche Geschäfte<br />

sogar heute noch zu beson<strong>der</strong>en<br />

Anlässen aufgebaut werden. Der<br />

Chemnitzer Schmiedemeister Hermann<br />

Alexan<strong>der</strong> gründete 1888<br />

eine Karussell- <strong>und</strong> Wagenbaufabrik,<br />

spezialisierte sich aber bald<br />

auf die Herstellung von Riesenrä<strong>der</strong>n.<br />

In den 1920er- <strong>und</strong> 30er-Jahren<br />

stellte <strong>der</strong> Karussellbauer eine<br />

Serie von baugleichen Riesenrä<strong>der</strong>n<br />

mit jeweils 10 Gondeln <strong>und</strong> einer<br />

Höhe von 14 Metern her, von<br />

denen einige Exemplare nach dem<br />

Krieg zum Wahrzeichen vieler<br />

<strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> wurden.<br />

Während von den drei erhalten gebliebenen<br />

Exemplaren die Riesenrä<strong>der</strong><br />

von Schieck <strong>und</strong> Müller im<br />

Laufe <strong>der</strong> Jahre dem Zeitgeist angepasst<br />

<strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nisiert wurden,<br />

befindet sich das Riesenrad <strong>der</strong><br />

Familie Grölle heute noch fast im<br />

Originalzustand. Es wurde 1927<br />

von <strong>der</strong> Firma Alexan<strong>der</strong> als „Wiener<br />

Hochrad“ gebaut <strong>und</strong> nach mehreren Besitzerwechseln<br />

von Karl-Heinz Grölle vom Naherholungspark<br />

in Vatterode bei Mansfeld erworben. Unter Grölles<br />

Regie wurde das Riesenrad überholt <strong>und</strong> mit viel<br />

Liebe gehegt <strong>und</strong> gepflegt. Durch die behutsame <strong>und</strong><br />

fachmännische Aufarbeitung wurde aus dem Geschäft<br />

ein nostalgisches Prunkstück, das zu den<br />

80


FAHRGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Müller, Archiv Pilz,<br />

Rolf Orschel<br />

„Wiener-Sport-Rad“ von<br />

Taube <strong>und</strong> das „schnellste<br />

Riesenrad <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“, Herrmann<br />

schönsten Riesenrä<strong>der</strong>n <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> zählte. Legendär<br />

<strong>und</strong> ebenfalls eine Augenweide war das Riesenrad <strong>der</strong><br />

Familie Berger. Im Jahr 1930 gebaut, zählte es mit 12<br />

Gondeln <strong>und</strong> einer Höhe von 16 Metern zu den großen<br />

„Russen“, wie diese Geschäfte im Jargon <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong><br />

genannt werden. Da das Geschäft durch<br />

Kriegseinwirkung schwer beschädigt wurde, musste<br />

es von Georg „Schorsch“ Berger wie<strong>der</strong> neu aufgebaut<br />

werden, bevor Familie Berger wie<strong>der</strong> die <strong>Volksfeste</strong><br />

<strong>und</strong> den Weihnachtsmarkt in (Ost)Berlin bereisen<br />

konnte. In den Jahren 1970 <strong>und</strong> 1972 präsentierte<br />

Georg Berger sein Riesenrad im Vidam-Park in Budapest.<br />

Von Ungarn wie<strong>der</strong> zurückgekehrt, ging er nach<br />

einem bewegten <strong>Schausteller</strong>leben in den Ruhestand<br />

<strong>und</strong> übergab das Riesenrad seinem Sohn Richard,<br />

<strong>der</strong>, wie später Eberhard Berger, die Riesenrad-Tradition<br />

<strong>der</strong> Familie weiterführte. Durch seine<br />

barocke Malerei <strong>und</strong> viele aufwändige<br />

Schnitzereien fiel das Riesenrad <strong>der</strong> Familie<br />

Berger sofort ins Auge <strong>und</strong> stach die<br />

Konkurrenz auf dem Berliner Weihnachtsmarkt,<br />

wo mitunter drei Riesenrä<strong>der</strong> aufgebaut<br />

waren, glatt aus. Auf an<strong>der</strong>e Art<br />

berühmt war das 10-gondelige Riesenrad<br />

<strong>der</strong> Familie Herrmann. Um 1900 gebaut,<br />

wurde es nach mehreren Besitzerwechseln<br />

1965 von Klaus Hermann erworben.<br />

Dieser „Russe“ drehte sich nicht konventionell<br />

gemächlich, son<strong>der</strong>n mit einem<br />

atemberaubenden Tempo, wodurch er als<br />

„schnellstes Riesenrad <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“ Furore<br />

machte.<br />

■<br />

Riesenrad mit acht<br />

Gondeln von Weber, 1961<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Alexan<strong>der</strong><br />

Riesenrä<strong>der</strong>, <strong>Kirmes</strong> Revue<br />

2/06, Seiten 30-32<br />

Die Riesenrä<strong>der</strong> von<br />

Schubert <strong>und</strong> Bretschnei<strong>der</strong><br />

81


FAHRGESCHÄFTE<br />

AUTOSKOOTER<br />

Einer <strong>der</strong> Pfostenskooter<br />

<strong>der</strong> Skooter-Dynastie Hoffmann<br />

FOTOS<br />

Archiv Hans Sachs, Archiv<br />

Manfred Sachs, Rolf Orschel<br />

Skooter von Sachs,<br />

50er- <strong>und</strong> 70er-Jahre, rechts:<br />

eine „Rabsche“-Chaise, von denen<br />

nur 12 gebaut wurden<br />

Die Autoskooter fanden auch in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> einen<br />

außergewöhnlichen Anklang beim Publikum. In<br />

den achtziger Jahren reisten 19 Stück, hauptsächlich<br />

in heimatlichen Gefilden, durch das Land. Dabei handelte<br />

es sich bis auf zwei Geschäfte um Pfostenskooter<br />

mit 24 bis 36 Säulen, <strong>der</strong>en Anzahl sich nach<br />

<strong>der</strong> Größe <strong>der</strong> Halle richtete. Die massiven <strong>und</strong> schweren<br />

Dachbin<strong>der</strong> bestanden aus Vierkanthölzern, die<br />

Dachstühle mussten mit hohen Leitern zusammengebaut<br />

werden, was Schwerstarbeit bedeutete. Unterhalb<br />

<strong>der</strong> Dachkonstruktion waren in <strong>der</strong> Größe <strong>der</strong> Halle<br />

stromführende, schwere Eisengitter für den Pluspol<br />

angebracht. Die in Westdeutschland – <strong>und</strong> noch – üblichen<br />

Spannetze gab es in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> nicht. Einige<br />

<strong>Schausteller</strong> stellten deshalb solche Netze<br />

selbst her <strong>und</strong> verwendeten dafür einfachen<br />

Maschendraht, später so genannten<br />

„Karnickeldraht“, <strong>der</strong> engmaschiger war.<br />

Die „Karnickeldraht-Netze“ hielten meist<br />

eine Saison. Nachdem die Hersteller wesentlich<br />

dünneren Draht (staatlich angeordnete<br />

„Materialeinsparung“) verwenden<br />

mussten, hielten sie in <strong>der</strong> Regel zwei Plätze<br />

<strong>und</strong> mussten dann aufwändig repariert<br />

werden. Nach dem Krieg waren hauptsächlich<br />

Chaisen <strong>der</strong> Firma Mosebach vorhanden,<br />

die später überwiegend durch gebrauchte Ihle-<br />

Chaisen ersetzt wurden. Da die <strong>DDR</strong>-Industrie nicht in<br />

<strong>der</strong> Lage war, Skooterchaisen selbst herzustellen,<br />

konnten die Skooterbetreiber gebrauchte Chaisen<br />

o<strong>der</strong> Ersatzteile von Ihle o<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Herstellern aus<br />

dem Nicht-Sozialistischen Wirtschaftsgebiet (NSW)<br />

bei <strong>der</strong> zuständigen staatlichen Behörde anfor<strong>der</strong>n.<br />

Da die gebrauchten Fahrzeuge mitunter teurer als ein<br />

PKW waren, wurden sie weit über ihre Nutzungsgrenze<br />

hinaus betriebsfähig gehalten. Dadurch befanden<br />

sich auf den <strong>DDR</strong>-Skootern überwiegend sehr alte,<br />

aber bestens gepflegte Chaisen. Zu den schönsten<br />

<strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nsten Skootern zählten ab Mitte <strong>der</strong> achtziger<br />

Jahre die 6-Säulen-Anlagen „Automatik Skooter“<br />

82


FAHRGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Rudi Meyer, Archiv<br />

Hans Sachs, Archiv Manfred<br />

Sachs, Rolf Orschel<br />

Mack-Skooter<br />

von Rudi Meyer, um 1987<br />

von Rudi Meyer <strong>und</strong> „Super Skooter“ von Henry Fischer.<br />

Der „Automatik Skooter“ entstand aus zwei gebrauchten<br />

Mack-Skooterhallen. Die schrottreife Sohle<br />

musste komplett überholt <strong>und</strong> anschließend neu verzinkt<br />

werden, bevor <strong>der</strong> Dachstuhl angepasst werden<br />

konnte. Die Panneaus, die Front, die Lichtleisten <strong>und</strong><br />

Dekorationen wurden überwiegend selbst hergestellt.<br />

Für das Publikum waren jedoch am auffälligsten die in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> einmaligen <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>nen „Azurra“-Chaisen<br />

des italienischen Herstellers Barbieri. Der ebenfalls 6-<br />

säulige „Super Skooter“ von Fischer entstand im Eigenbau<br />

aus einer Hälfte <strong>der</strong> ehemaligen „Avusbahn“<br />

von Gibson, die in <strong>der</strong> Mitte „durchgesägt“ wurde, um<br />

zwei Skooter daraus zu bauen. Während einer bei den<br />

Eltern blieb, wurde <strong>der</strong> zweite von <strong>der</strong> Tochter betrieben.<br />

Er bildete später die Gr<strong>und</strong>lage für Fischers 6-<br />

Säulen-Skooter, dem einzigen Skooter dieser Art, <strong>der</strong><br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> gebaut wurde. In zwei Jahren wurde zunächst<br />

für die alte Pfostenhalle eine neue Stahlsohle<br />

<strong>und</strong> anschließend eine komplett neue 6-Säulen-Halle<br />

gebaut. Einige Teile mussten mehrmals angefertigt<br />

werden, da sie sich nicht bewährten. Fischers „Super<br />

Skooter“ bewies, dass man in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> durchaus in <strong>der</strong><br />

Lage war, mo<strong>der</strong>ne Skooter zu bauen.<br />

■<br />

Der „Super Skooter“<br />

war ein Eigenbau von<br />

Henry Fischer, 80er-Jahre<br />

Skooter von<br />

Werner Meyer <strong>und</strong><br />

„Avusbahn“ von Gibson<br />

83


EIGENBAUTEN<br />

HALLE-SAALE-SCHLEIFE<br />

Weihnachtsmarkt in Halle<br />

1956: Adebars Autos auf <strong>der</strong><br />

Motorrollerbahn von Hartmann<br />

FOTO<br />

Archiv Rolf Hartmann<br />

Der Auslöser für den Bau <strong>der</strong> „Halle-Saale-Schleife“,<br />

die 1955/56 vom <strong>Schausteller</strong>ehepaar Liane<br />

<strong>und</strong> Helmuth Adebar aus Halle an <strong>der</strong> Saale gebaut<br />

wurde, war ein industriell hergestelltes Kin<strong>der</strong>auto mit<br />

Benzinmotor. Von einem Fahrradhilfsmotor, <strong>der</strong> im<br />

Magdeburger Armaturenwerk (MAW) hergestellt wurde,<br />

angetrieben, war dieses Auto das Objekt <strong>der</strong> Begierde<br />

<strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong>. Es sorgte aber auch<br />

regelmäßig für Auseinan<strong>der</strong>setzungen <strong>und</strong> Tränen, da<br />

jedes Kind mit diesem Auto fahren <strong>und</strong> freiwillig den<br />

Fahrersitz nicht räumen wollte. Das brachte Helmuth<br />

Adebar auf die Geschäftsidee, mit solchen Autos <strong>und</strong><br />

einer selbstgebauten Fahrbahn in Form einer kleinen<br />

Kartbahn ein für die <strong>DDR</strong> völlig neues Kin<strong>der</strong>fahrgeschäft<br />

zu bauen. Auf einer ebenen, ovalen Fahrbahn<br />

aus Holz mit einer Gr<strong>und</strong>fläche von 14 x 19 m konnten<br />

mehrere Autos gleichzeitig fahren. Die kleinen Fahrzeuge<br />

waren mit Licht ausgestattet <strong>und</strong> entsprachen<br />

in ihrer Karosserieform PKWs, die damals das Straßenbild<br />

mit prägten. Im Zentrum <strong>der</strong> Kartbahn befand sich<br />

ein kleines Podium, das mit Blumen geschmückt war<br />

<strong>und</strong> zum Reparieren <strong>und</strong> Abstellen <strong>der</strong> Autos genutzt<br />

wurde.<br />

„Maff-Hackenwärmer“ mit 1 PS<br />

Eine massive Bande aus Stahl sorgte dafür, dass die<br />

Autos die Fahrbahn nicht verlassen konnten. Die 50<br />

ccm-MAW-Motoren (die am Fahrrad links am Hinterrad<br />

angebracht <strong>und</strong> deshalb „Maff-Hackenwärmer“<br />

genannt wurden) leisteten 1 PS <strong>und</strong> waren mit einer<br />

Fliehkraftkupplung sowie einem Dekompressionsventil<br />

versehen. Die Autos mussten deshalb vor je<strong>der</strong><br />

Fahrt angeschoben werden, was bei Hochbetrieb –<br />

<strong>der</strong> häufig herrschte – zur schweißtreibenden Angelegenheit<br />

für das Personal wurde. Die vollkommen gelungene<br />

Premiere des einzigen <strong>DDR</strong>-Kin<strong>der</strong>fahrgeschäftes<br />

dieser Art fand 1956 auf dem Frühjahrsmarkt<br />

in Halle statt, wo das Geschäft von den Kin<strong>der</strong>n gestürmt<br />

wurde. Trotz langer Warteschlange vor <strong>der</strong> Kasse<br />

ließen sie es sich nicht entgehen, für 50 Pfennige<br />

mit einer Geschwindigkeit von 8 km/h mehrere R<strong>und</strong>en<br />

als kleine Rennfahrer zurückzulegen.<br />

Ungebremst in die Bande<br />

„Es passierte gelegentlich, dass ein Kind vor Aufregung<br />

das Lenken vergaß <strong>und</strong> ungebremst in die Bande<br />

fuhr. Die meisten kamen mit dem Schrecken davon,<br />

aber hin <strong>und</strong> wie<strong>der</strong> schlug ein Kind mit dem Kinn auf<br />

dem Lenkrad auf. Die aufgeregten Eltern rannten dann<br />

Hals über Kopf zu ihrem Kind <strong>und</strong> wurden dabei des<br />

Öfteren von den an<strong>der</strong>en Kin<strong>der</strong>n angefahren. Dann<br />

herrschte das reinste Chaos!“, erzählt Detlef Adebar,<br />

<strong>der</strong> sich heute noch gern an die „Halle-Saale-Schleife“<br />

seiner Eltern erinnert. Die <strong>Schausteller</strong>kin<strong>der</strong> waren<br />

durch die „Halle-Saale-Schleife“ bereits in <strong>der</strong> Aufbauwoche<br />

in heller Aufregung. „Der Packwagen mit<br />

den Autos, den wir genau kannten, wurde am an<strong>der</strong>en<br />

Ende des Platzes abgestellt. Da wir wussten, dass wir<br />

nach dem Aufbau <strong>der</strong> Fahrbahn die Autos zum Geschäft<br />

fahren durften, verfolgte ich mit den an<strong>der</strong>en<br />

Kin<strong>der</strong>n sehr genau das Geschehen. Schließlich wollten<br />

wir diesen Moment nicht verpassen“, erinnert sich<br />

<strong>Schausteller</strong> Werner Meyer an die „Halle-Saale-Schleife“.<br />

Nach <strong>der</strong> Stillegung <strong>der</strong> einzigen reisenden Kin<strong>der</strong>-Kartbahn<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> wurden vier Autos verkauft,<br />

zwei blieben im Besitz <strong>der</strong> Familie Adebar. ■<br />

84


KOSMOPLANE<br />

EIGENBAUTEN<br />

Der Kosmoplane<br />

gastierte noch 1990 auf<br />

dem Eisleber Wiesenmarkt<br />

QUELLE<br />

Der Kosmoplane des <strong>Schausteller</strong>s Walter Seifert<br />

aus Leipzig war die erste große Eigenkreation in<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, die in Zusammenarbeit mit <strong>der</strong> Firma Walter<br />

Hunger im sächsischen Frankenberg entstand. Da<br />

sich die Firma Hunger auf die Herstellung von hydraulisch<br />

betätigten Kipp-Pritschen für Lastkraftwagen<br />

<strong>und</strong> Anhänger spezialisiert hatte, gelang ihr mit<br />

dem Bau des Kosmoplane – dem ersten <strong>und</strong> einzigen<br />

Flugkarussell <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> mit pneumatischer Höhensteuerung<br />

dieser Größe – ein großer Coup. Der Pressluftflieger<br />

war im Gr<strong>und</strong>e ein Nachbau des von <strong>der</strong><br />

Fahrzeugbaufirma Kaspar Klaus in Memmingen gebauten<br />

Luftfliegers Hurricane, <strong>der</strong> zu Beginn <strong>der</strong><br />

1950er-Jahre in Westdeutschland Furore machte. Die<br />

gelungene Realisierung des für die damalige Zeit kühnen<br />

Projektes stellte, unter Berücksichtigung <strong>der</strong> herrschenden<br />

Verhältnisse in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, eine bis dahin beispiellose<br />

technische Meisterleistung dar. Mit dem Bau<br />

des Kosmoplane bewiesen Walter Seifert <strong>und</strong> Walther<br />

Hunger, dass die privaten Handwerksbetriebe in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> in den fünfziger Jahren durchaus in <strong>der</strong> Lage<br />

waren, durch ihr Organisationstalent <strong>und</strong> handwerklichem<br />

Können Karussells mit neuartigen Bewegungsabläufen<br />

zu bauen. Das Geschäft war auf einem Mittelbauwagen<br />

aufgebaut. Wie beim Hurricane waren<br />

am oberen Rand des Drehkörpers die Ausleger beweglich<br />

über den Pressluftzylin<strong>der</strong>n angebracht <strong>und</strong><br />

mit den Kolben <strong>der</strong> Zylin<strong>der</strong> verb<strong>und</strong>en. Die 12 wuchtigen<br />

Ausleger bestanden aus zusammengeschweißten<br />

Kastenprofilen aus Stahlblech, für die illegal Bleche<br />

für Kipper-Pritschen verwendet<br />

wurden (offiziell hätte<br />

man damals keine Bleche für<br />

den Bau eines Karussells erhalten).<br />

Durch ein Steuerventil,<br />

das sich in je<strong>der</strong> Gondel befand,<br />

konnten die Fahrgäste<br />

ihre Flughöhe selbst bestimmen.<br />

Die Kompressoranlage<br />

war in einem Wagen untergebracht<br />

<strong>und</strong> die komprimierte<br />

Luft wurde durch einen Druckschlauch<br />

zum Rotorventil unter<br />

dem Mittelbau weitergeleitet. Der Umbau bestand aus<br />

einem flachen Podium, Eisenzäunen <strong>und</strong> Säulen mit<br />

Lampen. Im Karussellzentrum befand sich ein großer<br />

Globus, <strong>der</strong> später durch einen<br />

Lichtturm ersetzt wurde. Walter<br />

Seiferts Kosmoplane ging auf <strong>der</strong><br />

Dresdner Vogelwiese ans Netz, wo<br />

das Geschäft wie eine Bombe einschlug<br />

<strong>und</strong> von den Besuchern im<br />

Sturm erobert wurde. Kosmoplane<br />

blieb ein Unikat. Nachdem Walter<br />

Seifert Mitte <strong>der</strong> sechziger Jahre<br />

gestorben war, wurde das Geschäft<br />

von dessen Sohn Oskar<br />

übernommen, <strong>der</strong> noch viele Jahre<br />

erfolgreich damit reiste. ■<br />

Karl Ruisinger: Hurricane –<br />

R<strong>und</strong>fliegeranlagen von<br />

Klaus, <strong>Kirmes</strong> Revue 6/97,<br />

Seiten 14 - 23,<br />

Rolf Orschel: Die <strong>Schausteller</strong><br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> <strong>der</strong> 50er<br />

Jahre, <strong>Kirmes</strong> Revue 5/99,<br />

Seite 24<br />

Das Karussell aus<br />

<strong>der</strong> Vogelperspektive<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel, Archiv Weckner,<br />

Archiv Welte<br />

Der Pressluftflieger<br />

im Ursprungszustand<br />

85


EIGENBAUTEN<br />

MINI-WELTRAUMBUMMLER – DISNEY-JET<br />

Der Disney-Jet<br />

von Bernd Schleinitz<br />

Der 1986 neu<br />

gebaute Mittelbauwagen<br />

Auf <strong>der</strong> Frühjajhrskleinmesse in Leipzig hatte 1971<br />

mit dem „Mini-Weltraumbummler“ des <strong>Schausteller</strong>s<br />

Erich Schleinitz das erste hydraulische Kin<strong>der</strong>karussel,<br />

das in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> entworfen <strong>und</strong> gebaut worden<br />

war, Premiere. Das für die damalige Zeit technisch <strong>und</strong><br />

optisch gut gelungene Kin<strong>der</strong>karussell ermöglichte<br />

den kleinen <strong>Kirmes</strong>fans ein vollkommen neues Fahrerlebnis.<br />

Während <strong>der</strong> Fahrt wurde von <strong>der</strong> Kasse aus<br />

gesteuert ein Hydraulikzylin<strong>der</strong> ausgefahren, <strong>der</strong> die<br />

Ausleger des Karussells über Zugstangen auf eine<br />

Höhe von circa 3 Metern anhob. Das einem Babyflug<br />

ähnelnde Karussell wurde von den Kin<strong>der</strong>n gut angenommen<br />

<strong>und</strong> konnte sich auf den Plätzen, wo kein<br />

Babyflug des VEB Staatszirkus aufgebaut war, stets<br />

mühelos behaupten. Nach dem Willen von Schleinitz,<br />

<strong>der</strong> die Jahre zuvor mit einem Kartenblinker, einem<br />

Drehrad, einer Verlosung, einem Fadenziehen, einer<br />

Kin<strong>der</strong>schaukel, einer Schlickerbahn <strong>und</strong> einem Ringwerfen<br />

reiste, sollte <strong>der</strong><br />

Mini-Weltraumbummler ursprünglich<br />

ein Twister werden.<br />

Da es in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> zu<br />

diesem Zeitpunkt aber keine<br />

funktionierende Karussellindustrie<br />

mehr gab,<br />

suchte Erich Schleinitz lange<br />

nach Firmen, die ihm<br />

Einzelteile o<strong>der</strong> Baugruppen<br />

für den Twister bauen<br />

sollten. Durch die herrschenden<br />

Wirtschaftsverhältnisse<br />

<strong>und</strong> Materialengpässe<br />

konnte das Twister-<br />

Projekt trotz intensiver Bemühungen<br />

aber nicht gemeistert werden. Durch die<br />

vielen Verhandlungen mit spezialisierten Firmen kam<br />

allerdings die realisierbare Idee zustande, ein leicht<br />

zu handhabendes, hydraulisches Kin<strong>der</strong>karussell zu<br />

bauen. Nachdem vom Ingenieur W. G<strong>und</strong>elwein die<br />

erfor<strong>der</strong>lichen Zeichnungen <strong>und</strong> Berechnungen angefertigt<br />

wurden, begann Erich Schleinitz im Winter<br />

1968/69 mit großem Elan, den Mini-Weltraumbummler<br />

zu bauen.<br />

<strong>Spezial</strong>isten waren am Bau beteiligt<br />

Der Mittelbau, die Ausleger, die Gondelrahmen <strong>und</strong><br />

die Gitter fertigte in bester Qualität <strong>der</strong> Schmiedemeister<br />

Dietze in Holzhausen an. Die Holzarbeiten übernahm<br />

die Tischlerei Dämmrich in Leipzig. Mit tatkräftiger<br />

Unterstützung von Erich Schleinitz wurden in dieser<br />

Firma die Sohle, die Podeste <strong>und</strong> die Kasse ge-<br />

86


EIGENBAUTEN<br />

Das von J. Uhlmann nach<br />

Plänen von E. Schleinitz<br />

gebaute Karussell unter<br />

<strong>der</strong> Regie <strong>der</strong> Firma Weisheit<br />

baut. Sämtliche Elektroarbeiten wurden anschließend<br />

von <strong>der</strong> Firma Wagner in Leipzig ausgeführt. Die Hydraulikanlage<br />

konstruierte das ebenfalls in Leipzig ansässige<br />

Ingenieurbüro Walter Fronz. Die Stahlgerippe<br />

<strong>der</strong> zehn raketenförmigen Gondeln wurden vom Sohn,<br />

Bernd Schleinitz, eigenständig <strong>und</strong> in mühevoller<br />

Kleinarbeit verblecht. Der Weiterbau des Karussells<br />

musste anschließend für zwei Jahre unterbrochen weden,<br />

wodurch <strong>der</strong> Mini-Weltraumbummler erst im Frühjahr<br />

1971 fertig gestellt <strong>und</strong> in Betrieb genommen werden<br />

konnte. Mit einem Durchmesser von 10 m, 10 Auslegern<br />

mit je einer dreisitzigen raketenförmigen Gondel,<br />

einem 3 m langen Mittelbauwagen <strong>und</strong> einer maximalen<br />

Aufbauzeit von vier St<strong>und</strong>en zählte <strong>der</strong> Mini-<br />

Weltraumbummler mit zu den mo<strong>der</strong>nsten Kin<strong>der</strong>fahrgeschäften,<br />

die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reisten. Nachdem Erich<br />

Schleinitz im Jahr 1981 mit 69 Jahren verstarb, reiste<br />

seine Frau mit Unterstützung ihres Sohnes mit dem Karussell<br />

weiter.<br />

Das Karussell wurde 1986 umgebaut<br />

Nach den Ideen von Bernd Schleinitz <strong>und</strong> mit seiner<br />

Unterstützung wurde <strong>der</strong> Mini-Weltraumbummler 1986<br />

umgebaut. Der Mittelbau erhielt eine hydraulische<br />

Kippvorrichtung, wodurch eine Schrägfahrt ermöglicht<br />

wurde. Anschließend montierte man das komplette<br />

Karussell auf einem 10 m langen Wagen. Die für<br />

den Umbau erfor<strong>der</strong>lichen statischen Berechnungen<br />

führte die Firma Wohllebe in Leipzig aus. Die Anfertigung<br />

des neuen Mittelbauwagens <strong>und</strong> <strong>der</strong> Kippvorrichtung<br />

übernahm in bewährter Weise wie<strong>der</strong> <strong>der</strong><br />

Schmiedemeister Dietze aus Holzhausen. Neu war<br />

nun, dass das komplette Kin<strong>der</strong>karussell auf <strong>und</strong> in einem<br />

Anhänger transportiert werden konnte. Nach dem<br />

Umbau erhielt das Geschäft eine neue Lackierung <strong>und</strong><br />

eroberte mit <strong>der</strong> neuen Fahrweise <strong>und</strong> als „Disney-Jet“<br />

weiterhin die Herzen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong>. Im Jahr 1993 verkaufte<br />

Bernd Schleinitz das Karussell an den <strong>Schausteller</strong><br />

Bernd Kade aus Coswig, <strong>der</strong> es erfolgreich weiter<br />

betrieb.<br />

Die Zeichnungen wurden verkauft<br />

Die Konstruktionszeichnungen <strong>und</strong> die statischen Berechnungen<br />

verkaufte Erich Schleinitz in den 1970er-<br />

Jahren an Jürgen Uhlmann aus Markkleeberg, <strong>der</strong><br />

1979 mit einem nachgebauten <strong>und</strong> baugleichen Mini-<br />

Weltraumbummler auf die Reise ging. Das Uhlmann-<br />

Karussell war ebenfalls optisch <strong>und</strong> technisch hervorragend<br />

gelungen <strong>und</strong> hatte als Gondeln gut aussehende<br />

Polyesterflugzeuge, durch die dieses Karussell<br />

attraktiver <strong>und</strong> mo<strong>der</strong>ner wirkte <strong>und</strong> stets eine geschäftliche<br />

Konkurrenz für den Disney-Jet darstellte.<br />

Da diese Flugzeuge mehr Platz beanspruchten, wurden<br />

neun Stück in entsprechenden Stellagen auf einem<br />

einachsigen Anhänger transportiert, <strong>der</strong> an den<br />

Mittelbauwagen angehängt wurde. Dadurch konnte<br />

dieses Karussell ebenfalls mit einem Transport komplett<br />

umgesetzt werden. Obwohl Jürgen Uhlmanns<br />

Eigenbau auch sehr erfolgreich war, wurde <strong>der</strong> Mini-<br />

Weltraumbummler bereits nach kurzer Zeit verkauft.<br />

Nach einigen Zwischenstationen tauchte dieses Kin<strong>der</strong>karussell<br />

in den 1990er-Jahren dann in Thüringen<br />

auf, wo es unter <strong>der</strong> Regie <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong>firma Weisheit<br />

als „Apollo“ betrieben wurde. Danach verlor sich<br />

die Spur dieses ungewöhnlichen Kin<strong>der</strong>karussells.<br />

Da beim Disney-Jet <strong>und</strong> dem Mini-Weltraumbummler<br />

die Flughöhe von den Kin<strong>der</strong>n nicht selbst gesteuert<br />

werden konnte, waren die Babyflüge des VEB Zentralzirkus<br />

eine enorme geschäftliche Konkurrenz <strong>und</strong><br />

bei den Kin<strong>der</strong>n natürlich wesentlich beliebter. Trotzdem<br />

bereicherten die einzigen hydraulischen Kin<strong>der</strong>karussells<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> das Angebot auf den Plätzen, die<br />

vom Zentralzirkus nicht gehalten wurden <strong>und</strong> waren<br />

ein Beweis für den Tatendrang <strong>und</strong> Ideenreichtum <strong>der</strong><br />

privaten <strong>Schausteller</strong>, die trotz <strong>der</strong> sozialistischen<br />

Planwirtschaft ihren Beruf ausübten.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Schleinitz,<br />

Rolf Orschel<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Mini-Weltraumbummler,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue<br />

5/2000, Seiten 28-29<br />

87


EIGENBAUTEN<br />

VENUS CLIPPER<br />

Der Venus Clipper 1987<br />

auf dem Laternenfest in Halle<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel, Archiv Reno<br />

Sperlich<br />

Die kastenförmigen<br />

Holzgondeln<br />

Inspiriert von <strong>der</strong> Flugschanze, mit <strong>der</strong> Siegfried<br />

Kunze aus Meißen sehr erfolgreich reiste, tüftelte <strong>der</strong><br />

<strong>Schausteller</strong> Klaus Gebhardt aus Teutschenthal seit<br />

Anfang <strong>der</strong> 1970er-Jahre an Plänen für ein ähnliches<br />

Karussell. Obwohl <strong>der</strong> endgültige Entwurf stark von<br />

<strong>der</strong> damals sehr mo<strong>der</strong>nen Flugschanze beeinflusst<br />

wurde, konnte kein direkter Nachbau realisiert werden,<br />

da die Voraussetzungen für den Bau <strong>der</strong> hydraulischen<br />

Auslegerdämpfer nicht vorhanden waren. In<br />

Kooperation mit verschiedenen Handwerksbetrieben<br />

aus Teutschenthal wurde das Karussell 1972 gebaut,<br />

wobei die Ausleger <strong>und</strong> an<strong>der</strong>e Stahlteile von <strong>der</strong> Firma<br />

Brauns angefertigt wurden. Neben den Handwerksbetrieben<br />

war <strong>der</strong> Schwiegersohn von Klaus<br />

Gebhardt, Klaus Dieter Mertens, aktiv an <strong>der</strong> Herstellung<br />

des Geschäftes beteiligt. Mertens war ein talentierter<br />

Stahlbauer, <strong>der</strong> die Ideen seines Schwiegervaters<br />

geschickt <strong>und</strong> in ausgezeichneter Qualität umsetzen<br />

konnte. Nach <strong>der</strong> Fertigstellung erhielt das Geschäft<br />

den außergewöhnlichen Namen „Venus Clipper“.<br />

Aufgr<strong>und</strong> <strong>der</strong> auffallend hohen <strong>und</strong> bunten Rückwand,<br />

den vielen Lichtelementen <strong>und</strong> durch seine einzigartige<br />

Gestaltung wirkte das Geschäft wie eine exotische<br />

Mischung aus <strong>der</strong> Flugschanze <strong>und</strong> einer Cabriolet-Berg-<strong>und</strong>-Talbahn.<br />

Der Venus Clipper hatte zunächst<br />

zwölf Ausleger mit einfachen, kastenförmigen<br />

Holzgondeln, die maximal drei Erwachsenen o<strong>der</strong> fünf<br />

Kin<strong>der</strong>n Platz boten. Die Laufrä<strong>der</strong> bestanden aus einem<br />

Eisenkern mit Hartgummibereifung, die für einen<br />

leisen Lauf des Karussells sorgten. Für die Kasse <strong>und</strong><br />

den Fahrstand wurde ein 3 Meter langer Oberlichtwagen<br />

umgebaut. Durch den Andrang <strong>der</strong> Fahrgäste auf<br />

den meisten Plätzen wurde später noch eine zusätzliche<br />

Chipkasse nach westlichem Vorbild nachgebaut.<br />

Technische Probleme<br />

Aufgr<strong>und</strong> technischer Probleme wurde <strong>der</strong> Mittelbau,<br />

<strong>der</strong> auf einem kleinen, einachsigen Wagen montiert<br />

war, in den folgenden Jahren noch mehrmals umgebaut.<br />

Da durch die technischen Verän<strong>der</strong>ungen des<br />

Antriebs die Probleme aber nicht dauerhaft beseitigt<br />

werden konnten, entschloss sich Klaus Gebhardt später<br />

zu einem nochmaligen Umbau des Karussells. Dabei<br />

wurden zwei Ausleger entfernt <strong>und</strong> ein neuer Mittelbau<br />

gebaut. Anschließend erhielten die Gondeln<br />

noch eine gefälligere Form. Das<br />

Entfernen von zwei Auslegern<br />

brachte dann endlich den erhofften<br />

Erfolg. Das Karussell drehte<br />

nach diesem Umbau zuverlässig<br />

<strong>und</strong> ohne technische Probleme<br />

seine R<strong>und</strong>en. Dennoch war Klaus<br />

Gebhardt mit dem Ergebnis immer<br />

noch nicht zufrieden, da die Gondeln<br />

ziemlich plump aussahen.<br />

Deshalb baute er mit seinem<br />

Schwiegersohn noch einmal komplett<br />

neue Gondeln aus Holz. Diese<br />

hatten ein mo<strong>der</strong>neres Design,<br />

waren einfacher zu montieren <strong>und</strong><br />

erhielten bequeme Sitz- <strong>und</strong> Rü-<br />

88


ckenpolster. An je<strong>der</strong> Stirnseite wurden zwei große<br />

Scheinwerfer vom Moped „Schwalbe“ <strong>und</strong> ein Kühlergrill<br />

vom PKW „Trabant“ angebracht. Die Rückwände<br />

erhielten Rückleuchten vom PKW „Lada“. Zum Abschluss<br />

wurden die Gondeln zweifarbig lackiert, wobei<br />

je fünf einen rot/gelben <strong>und</strong> blau/weißen Anstrich<br />

erhielten. Danach wurde an den vor<strong>der</strong>en Seitenteilen<br />

<strong>der</strong> Gondeln noch ein selbst entworfenes Firmen-Logo<br />

mit den Initialen KM <strong>und</strong> <strong>der</strong> Inschrift Teutschenthal angebracht.<br />

Zum bequemeren Ein- <strong>und</strong> Aussteigen wurden<br />

abschließend extra breite Trittbretter auf den Auslegern<br />

befestigt. Die neuen Gondeln verliehen dem<br />

Venus Clipper ein mo<strong>der</strong>neres <strong>und</strong> zeitgemäßeres<br />

Outfit <strong>und</strong> begeisterten von Anfang an, nicht zuletzt<br />

wegen ihrer guten Polsterung, das Publikum.<br />

Rasantes Fahrgefühl<br />

Die Fahrt mit dem Venus Clipper ähnelte von Anfang<br />

an <strong>der</strong> einer Sprungschanze, allerdings fehlte die charakteristische<br />

Flugphase mit sanfter Landung. Dafür<br />

erzeugte <strong>der</strong> hintere steile Berg bei schneller Fahrt ein<br />

heftiges Magenkribbeln <strong>und</strong> ein ziemlich rasantes<br />

Fahrgefühl. In den achtziger Jahren wurden<br />

von Klaus Dieter Mertens noch einige Teile<br />

des Karussells erneuert. Er ersetzte die<br />

Holzböden des Podiums durch Aluminium-<br />

Böden mit Kastenprofilrahmen <strong>und</strong> baute<br />

noch elegantere Säulenverkleidungen. Danach<br />

wurden noch ein neuer Kassenwagen,<br />

in dem ein kleines Büro <strong>und</strong> ein Bad integriert<br />

wurden, sowie ein 9 Meter langer<br />

Packwagen in Containerform von ihm gebaut.<br />

Für den Packwagen wurden lediglich<br />

die Achsen <strong>und</strong> <strong>der</strong> Drehschemel von einer<br />

Fahrzeugbau-Firma verwendet, das Fahrgestell<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Aufbau wurden selbst gebaut.<br />

Bis zum Jahr 1990 wurden noch <strong>der</strong><br />

Aufgang terassenförmig umgebaut <strong>und</strong> die<br />

meisten Holzteile durch Metallkonstruktionen<br />

ersetzt, wodurch<br />

sich zu diesem Zeitpunkt<br />

nur noch die Rückwand<br />

<strong>und</strong> die Ausleger im Ursprungszustand<br />

befanden.<br />

Sämtliche an<strong>der</strong>en Teile waren<br />

erneuert o<strong>der</strong> überholt worden.<br />

Klaus Gebhardt tourte mit<br />

seinem ungewöhnlichen Unikat<br />

bis kurz nach <strong>der</strong> Wende<br />

erfolgreich durch Sachsen-<br />

Anhalt. Im Jahr 1990 wurde auf<br />

dem Sommermarkt in Halle<br />

das Karussell über Nacht abgebaut<br />

<strong>und</strong> durch den kurzfristig<br />

erworbenen Hully Gully<br />

„Disco Fieber“ ersetzt. Der Venus Clipper wurde auf<br />

dem Gr<strong>und</strong>stück eingelagert. Im Sommer 1992 übernahm<br />

Reno Sperlich aus Jessen das Karussell <strong>und</strong> reiste<br />

acht Jahre damit durch Sachsen <strong>und</strong> Sachsen-Anhalt.<br />

Im Januar des Jahres 2000 verkaufte er das Karussell<br />

an die Firma Schmidt in Battin/Jessen. Danach<br />

verlor sich die Spur dieses exotischen Unikates. In <strong>der</strong><br />

zweiten Hälfte <strong>der</strong> achtziger Jahre spukte Klaus Gebhardt<br />

ein verwegener Plan im Kopf herum, <strong>der</strong> Nachbau<br />

des Schienenschiffes „Santa Maria“. Kurz darauf<br />

wurde mit <strong>der</strong> Verwirklichung dieses ehrgeizigen Plans<br />

begonnen. Bis 1990 hatte Klaus Dieter Mertens das<br />

Schiff (bis auf den Kiel) <strong>und</strong> den Mittelbau im Rohbau<br />

bereits hergestellt. Außerdem waren schon <strong>der</strong> Mittelbau-<br />

<strong>und</strong> ein Packwagen sowie einige Teile des Bahnhofs<br />

<strong>und</strong> dessen Umzäunung gebaut. Durch die völlig<br />

neue Situation nach <strong>der</strong> Wie<strong>der</strong>vereinigung wurden<br />

die Arbeiten nach dem Erwerb des Hully Gully eingestellt.<br />

Da sich kein Interessent für die bereits fertiggestellten<br />

Teile fand, wurden sie bis auf die Bahnhofsumzäunung<br />

innerhalb einer Woche mit dem Schneidbrenner<br />

zerlegt <strong>und</strong> verschrottet.<br />

■<br />

EIGENBAUTEN<br />

FOTOS<br />

Archiv Reno Sperlich<br />

Die dritten Gondeln<br />

waren gut gepolstert<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Venus Clipper,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 7/2000,<br />

Seite 59<br />

Die zweite Gondelform<br />

89


EIGENBAUTEN<br />

FLYER<br />

Premiere des<br />

Flyers in Bautzen, 1981<br />

Holger Hölzel aus Neugersdorf in <strong>der</strong> Oberlausitz<br />

arbeitete in <strong>der</strong> Textilindustrie <strong>und</strong> hatte mit Erfolg<br />

ein Fachschulstudium für Konstruktion <strong>und</strong> Maschinenbau<br />

absolviert. Zu Beginn <strong>der</strong> siebziger Jahre verliebte<br />

er sich auf dem damals bereits überregional bekannten<br />

Neugersdorfer Jacobimarkt in die <strong>Schausteller</strong>-Tochter<br />

Annelie Weise. Familie Weise reiste zu dieser<br />

Zeit mit einer Kin<strong>der</strong>eisenbahn <strong>und</strong> einer Schießbude.<br />

Nach <strong>der</strong> Hochzeit konnte das junge Ehepaar<br />

nur eine Wochenend-Ehe führen, da Holger Hölzel<br />

zunächst in seinem Betrieb weiter arbeitete <strong>und</strong> seine<br />

Frau im Betrieb ihrer Eltern helfen musste. Nachdem<br />

dieser Zustand für beide unerträglich wurde, kündigte<br />

Holger Hölzel, <strong>der</strong> mittlerweile Gefallen am <strong>Schausteller</strong>leben<br />

fand, in seinem Betrieb <strong>und</strong> baute nach eigenen<br />

Ideen <strong>und</strong> selbst angefertigten Zeichnungen<br />

ein elektronisches Glücksrad. Nach <strong>der</strong> Fertigstellung<br />

des Geschäftes gründeten er <strong>und</strong> seine Frau ihren eigenen<br />

<strong>Schausteller</strong>betrieb. Das Geschäft lief gut <strong>und</strong><br />

brachte ordentlich Geld ein – befriedigte Holger Hölzel<br />

aber nicht auf Dauer. Das Glücksrad lastete ihn<br />

nicht aus, wodurch <strong>der</strong> Wunsch nach einem Fahrgeschäft<br />

immer größer wurde. Da aber zu diesem Zeitpunkt<br />

kein Karussell zum Kauf angeboten wurde,<br />

konnte Holger Hölzel seinen Wunsch in absehbarer<br />

Zeit nur durch einen Eigenbau verwirklichen. Nach längeren<br />

Überlegungen hatte er eine Idee, die kurz darauf<br />

konkrete Formen annahm. Der fertige Entwurf wurde<br />

stark von den in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> sehr beliebten „VEB-Twistern“<br />

beeinflusst. Ein direkter Twister-Nachbau konn-<br />

Momentaufnahme<br />

vom Bau des Karussells, 1980<br />

90


EIGENBAUTEN<br />

Der Flyer unter<br />

Mario Kühn auf dem<br />

Dresdner Frühlingsfest 2004<br />

te allerdings aufgr<strong>und</strong> <strong>der</strong> vorhandenen Mittel <strong>und</strong><br />

Möglichkeiten nicht realisiert werden. Dennoch sollte<br />

Hölzels Karussell auf einem Mittelbauwagen montiert<br />

werden, schnell auf- <strong>und</strong> abgebaut <strong>und</strong> umgesetzt<br />

werden können. Die erfor<strong>der</strong>lichen Zeichnungen stellten<br />

für den studierten Konstrukteur keine Herausfor<strong>der</strong>ung<br />

dar. Beim „Flyer“ wurden 16 Ausleger mit „suspended-Sitzen“<br />

während <strong>der</strong> Fahrt hydraulisch auf<br />

eine Höhe von circa sechs Metern angehoben. Das<br />

dreiachsige Fahrgestell des Mittelbauwagens fertigte<br />

die Firma Feuchtemeier in Kamenz an. Danach wurde<br />

das Fahrgestell in den Garten <strong>der</strong> Familie Hölzel gebracht,<br />

worauf im Winter 1979/80 mit dem Bau des Karussells<br />

unter freiem Himmel, teilweise bei klirren<strong>der</strong><br />

Kälte <strong>und</strong> dichtem Schneetreiben, begonnen wurde.<br />

Bei <strong>der</strong> Materialbeschaffung zahlten sich Hölzels ehemaligen<br />

guten Kontakte zu Stahl- <strong>und</strong> Maschinenbaufirmen<br />

aus. So konnte für das Heben <strong>und</strong> Senken <strong>der</strong><br />

Ausleger eine Hydraulikanlage des Autokrans „ADK<br />

170“ verwendet werden. Die Gestelle für die Sitze wurden<br />

von einer Schubkarren-Firma im benachbarten<br />

Ebersbach aus gebogenen Eisenrohren zusammengeschweißt.<br />

Für die Sitzpolster kaufte Hölzel einen<br />

„Ikarus“-Bus, von dem er auch den Motor für die aus<br />

Ungarn stammende „Csepel“-Zugmaschine verwenden<br />

konnte. Der Rest des Busses wurde anschließend<br />

verschrottet. Die Bus-Sitze wurden neu gepolstert <strong>und</strong><br />

bezogen <strong>und</strong> danach in die fertiggestellten Eisengestelle<br />

eingesetzt. Danach folgte die Anfertigung <strong>der</strong><br />

Böcke für das flache, zweistufige Podium, <strong>der</strong> Fußböden<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Begrenzungsgitter. Nach <strong>der</strong> Herstellung<br />

<strong>der</strong> Lichtleisten, dem Bau des Fahrstandes <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

kompletten Verkabelung des Karussells konnten nach<br />

nur einjähriger Bauzeit die ersten Probefahrten durchgeführt<br />

werden. Auf dem Frühjahrsmarkt in Bautzen<br />

ging Hölzels „Flyer“ dann 1981 ans Netz. Zur erfolgreichen<br />

Premiere kamen viele Kollegen, die die Eigenkreation<br />

bestaunten <strong>und</strong> testeten. Das Karussell<br />

kam auf Anhieb beim Publikum an <strong>und</strong> konnte sich gut<br />

behaupten. Trotzdem verkaufte Familie Hölzel das Geschäft<br />

1985 an Steffen Heintze aus O<strong>der</strong>witz im Kreis<br />

Zittau, <strong>der</strong> mit dem „Flyer“ einen geglückten Start in<br />

seine Selbstständigkeit feiern konnte. Nachdem er<br />

genügend Erfahrungen mit dem Geschäft gesammelt<br />

hatte, begann er zielgerichtet einige Teile umzubauen.<br />

Da das Getriebegehäuse durch den starken Elekromotor<br />

immer wie<strong>der</strong> riss, besorgte sich Steffen Heintze<br />

vom Getriebewerk in Penig eine robustere Version.<br />

Die Drehzahl des Motors wurde von einem Wasseranlasser<br />

geregelt, <strong>der</strong> über ein Fußpedal betätigt wurde,<br />

was im Laufe eines Tages mächtig in die Beine ging.<br />

Deshalb baute Heintzes Opa einen Wie<strong>der</strong>standsanlasser<br />

mit Zeitrelais, wodurch <strong>der</strong> Motor automatisch<br />

geregelt wurde. Durch zusätzliche Lichtleisten <strong>und</strong><br />

eine neue Lackierung erhielt <strong>der</strong> „Flyer“ auch ein neues<br />

Outfit. Steffen Heintze reiste mit dem Karussell-Exoten<br />

bis 1992 <strong>und</strong> verkaufte den „Flyer“ nach dem Erwerb<br />

<strong>der</strong> Familienachterbahn „Drachen“ an den<br />

<strong>Schausteller</strong> Mario Kühn aus Weinböhla bei Meißen.<br />

Mario Kühn präsentiert das Geschäft bis heute überwiegend<br />

auf kleinen Plätzen in <strong>der</strong> Dresdner Region,<br />

wo es erstaunlicherweise immer noch vom Publikum<br />

angenommen wird.<br />

Der Eigenbau von Holger Hölzel war zu <strong>DDR</strong>-Zeiten<br />

trotz des eher unspektakulären Fahrablaufs eine willkommene<br />

Bereicherung <strong>der</strong> nur aus wenigen Typen<br />

bestehenden Fahrgeschäftsszene. Der „Flyer“ war unter<br />

den damals herrschenden Bedingungen für seinen<br />

Erbauer das technisch Machbare. Durch den Mittelbauwagen,<br />

schnelles Umsetzen <strong>und</strong> das leichte<br />

Handling war das Karussell für die damalige Zeit<br />

durchaus ein mo<strong>der</strong>nes Geschäft.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Hölzel,<br />

Rolf Orschel<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Flyer, <strong>Kirmes</strong><br />

Revue 9/04, Seiten 18-19<br />

91


EIGENBAUTEN<br />

WIKINGER<br />

Das Karussell 1990<br />

unter Jürgen Uhlmann auf<br />

dem Wiesemnarkt in Eisleben<br />

Der Wikinger unter <strong>der</strong><br />

Regie von Olaf Liebold, 1993<br />

Der „Wikinger“, eine exotische Variante des „Fliegenden<br />

Teppichs“, war das einzige Fahrgeschäft<br />

dieser Art, das seit 1985 in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> reiste <strong>und</strong> durch<br />

seine kompakte Konstruktion <strong>und</strong> Gestaltung neue<br />

Maßstäbe setzte. Das Karussell entstand nach Plänen<br />

des <strong>Schausteller</strong>s Jürgen Uhlmann aus Leipzig-Markkleeberg<br />

in Zusammenarbeit mit mehreren <strong>Spezial</strong>baufirmen.<br />

Jürgen Uhlmann war von Beruf Schlosser<br />

<strong>und</strong> reiste gegen Ende <strong>der</strong> 1970er-Jahre mit dem von<br />

ihm nach Plänen des <strong>Schausteller</strong>s Erich Schleinitz<br />

aus Körlitz gebauten Kin<strong>der</strong>karussell „Mini-Weltraumbummler“.<br />

Der innovative Perfektionist grübelte aber<br />

kurze Zeit später an einem geradezu tollkühnen Plan<br />

für ein in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> noch nicht vorhandenes Fahrgeschäft.<br />

Er wollte ein Fahrgeschäft mit einer an zwei<br />

Schwingarmen befestigten <strong>und</strong> vertikal rotierenden<br />

Gondel, das nur auf einem Anhänger montiert <strong>und</strong><br />

ohne Kran mit wenigen Handgriffen auf- <strong>und</strong> abgebaut<br />

werden konnte, bauen, das dem Fliegenden Teppich<br />

<strong>der</strong> Firma Fähtz ähneln sollte. Da er beim Bau des Mini-<br />

Weltraumbummlers enge Kontakte zu einigen <strong>Spezial</strong>baufirmen<br />

knüpfen konnte, fand er Mittel <strong>und</strong> Wege,<br />

um den Wikinger – wie das Karussell heißen sollte – zu<br />

realisieren. Der Mittelbauwagen <strong>und</strong> wichtige Stahlteile<br />

fertigte die Leipziger Fahrzeugbaufirma Wiewald<br />

an. Die restlichen Stahlarbeiten wurden überwiegend<br />

vom Kirow Werk in Leipzig, das sich auf den Bau von<br />

Eisenbahnkränen spezialisiert hatte, in soli<strong>der</strong> Qualität<br />

hergestellt. Diese Arbeiten waren verhältnismäßig einfach<br />

zu bewerkstelligen, da das erfor<strong>der</strong>liche Material<br />

zum Teil nach gängiger <strong>DDR</strong>-Praxis von an<strong>der</strong>en Projekten<br />

„abgezweigt“ wurde. Die Herstellung des Antriebs<br />

verursachte dagegen erhebliche Kopfschmerzen.<br />

Von Anfang an setzte Uhlmann auf einen robusten<br />

<strong>und</strong> leistungsstarken Hydraulikantrieb. Die Drehbewegung<br />

sollte vom Motor über zwei Getriebe, zwei so<br />

genannte Gall’sche Ketten (Gelenkketten<br />

mit mehreren, nebeneinan<strong>der</strong><br />

angeordneten Kettenglie<strong>der</strong>n)<br />

<strong>und</strong> zwei Kettenrä<strong>der</strong> auf<br />

die Schwingarmwellen übertragen<br />

werden. Da die Gondel für 30 Personen<br />

geplant war, wurde entsprechend<br />

starker <strong>und</strong> möglichst verschleißarmer<br />

Antrieb benötigt. Den<br />

erfor<strong>der</strong>lichen Öldruck lieferte die<br />

stärkste Hydraulikpumpensorte,<br />

die in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> hergestellt wurde.<br />

Diese Pumpe konnte einen Druck<br />

von 380 bar aufbauen <strong>und</strong> maximal<br />

320 l Hydrauliköl pro Minute in<br />

den Ölkreislauf pumpen. Der Betriebsteil<br />

Leipzig-Makranstädt des<br />

Kombinates Orsta Hydraulik stellte<br />

den kompletten Hydraulikantrieb<br />

her. Die größten Probleme traten<br />

bei <strong>der</strong> Herstellung <strong>der</strong> Getriebe<br />

92


EIGENBAUTEN<br />

Der Mittelbau des<br />

Wikinger von beiden Seiten<br />

auf, die vom Getriebewerk Rochlitz als Unikate angefertigt<br />

wurden. Da nur die Getriebegehäuse aus <strong>der</strong><br />

Serienproduktion stammten, mussten sämtliche Wellen<br />

<strong>und</strong> Zahnrä<strong>der</strong> einzeln angefertigt werden. Einzelstücke<br />

waren auch die Zahnrä<strong>der</strong> für den Kettentrieb,<br />

<strong>der</strong>en Zahnflanken den Kettenglie<strong>der</strong>n angepasst<br />

werden mussten. Den konstruktionsbedingten Längenunterschied<br />

beim Rotieren <strong>der</strong> Schwingarme, <strong>der</strong><br />

sich durch Fertigungstoleranzen <strong>der</strong> Getriebe- <strong>und</strong><br />

Kettenrä<strong>der</strong> sowie <strong>der</strong> Kettenglie<strong>der</strong> ergibt, glich Jürgen<br />

Uhlmann durch eine einseitig unter <strong>der</strong> Gondel<br />

angebrachte Gleitschiene aus. Durch diese geniale<br />

Konstruktion erübrigte sich <strong>der</strong> Einbau von veschleißenden<br />

Gummipuffern o<strong>der</strong> -lagern an den Gondel-Schwingarmwellen.<br />

Die Gondel in Form eines Wikingerschiffes musste<br />

zweimal angefertigt werden. Die erste bestand aus einem<br />

Rahmen mit Sperrholzbeplankung. Sie wurde unter<br />

freiem Himmel gebaut <strong>und</strong> verzog sich durch mehrere<br />

Regenschauer so stark, dass sie bei den ersten<br />

Probefahrten an <strong>der</strong> aus Gießharz angefertigten Rückwand<br />

schliff <strong>und</strong> leicht beschädigt wurde. Man baute<br />

die Gondel wie<strong>der</strong> ab, entfernte die Sperrholzbeplankung<br />

<strong>und</strong> stellte einen neuen Schiffsrumpf aus Polyester<br />

her. Nach einer Bauzeit von vier Jahren hatte Jürgen<br />

Uhlmanns Wikinger im Juli 1985 auf dem Felsenfest<br />

in <strong>der</strong> Gemeinde Rothstein, am westlichen Rand<br />

des Naturparks „Nie<strong>der</strong>lausitzer Heidelandschaft“,<br />

seine erfolgreiche Premiere. Dass noch einige Dekorationsteile<br />

wie die vor<strong>der</strong>en Panneaus, <strong>der</strong> Drachenkopf<br />

<strong>und</strong> -schwanz an <strong>der</strong> Gondel <strong>und</strong> die Wikinger-<br />

Figur auf <strong>der</strong> Kasse fehlten <strong>und</strong> das bogenförmige<br />

Neonröhren-Lauflicht über <strong>der</strong> Rückwand nicht funktionierte,<br />

interessierte in Rothstein niemand. Die Nachricht,<br />

dass auf dem Felsenfest ein völig neues Fahrgeschäft<br />

mit einer rasant vor- <strong>und</strong> rückwärts vertikal rotierenden<br />

Gondel ans Netz ging, verbreitete sich wie<br />

ein Lauffeuer <strong>und</strong> sorgte, wie auf den Anschlussplätzen,<br />

für einen Masenansturm <strong>und</strong> extrem lange Warteschlangen<br />

vor <strong>der</strong> Kasse.<br />

Nachdem die noch fehlenden Dekorationsteile fertiggestellt<br />

waren, machte das neuartige Karussell einen<br />

hervorragenden Eindruck <strong>und</strong> wurde von den Besuchern<br />

als ein „Karussell aus dem Westen“ deklariert.<br />

Nach dem ersten Deivierteljahr, in dem <strong>der</strong> Wikinger<br />

problemlos funktionierte, stellte man fest, dass die<br />

Dichtungen des Hydraulikmotors dem enormen Druck<br />

bei Dauerbetrieb nicht gewachsen waren. Da es keine<br />

stärkeren Dichtungen gab, mussten sie regelmäßig<br />

ausgewechselt werden. Um die Reparatur so schnell<br />

wie möglich erledigen zu können, wurde ein Ersatzmotor<br />

beschafft, durch den die unvermeidliche Prozedur<br />

schnell über die Bühne gehen konnte. Nach dem<br />

Wechsel <strong>der</strong> Dichtungen war <strong>der</strong> ausgewechselte Motor<br />

dann wie<strong>der</strong> einsatzbereit. Jürgen Uhlmann reiste<br />

mit seiner Eigenkreation sehr erfolgreich von 1985 bis<br />

1992 kreuz <strong>und</strong> quer durch die <strong>DDR</strong>, präsentierte sie<br />

während dieser Zeit auf sämtlichen Grandplätzen <strong>und</strong><br />

war gern gesehener Gast im Kulturpark „Plänterwald“<br />

in (Ost)Berlin.<br />

1992 verkaufte Uhlmann sein Karussellunikat an den<br />

<strong>Schausteller</strong> Olaf Liebold aus Taucha bei Leipzig, <strong>der</strong><br />

mit diesem Karussell bis zum Juli 1997 ebenfalls erfolgreich<br />

reiste <strong>und</strong> es dann an Wolfgang Jehn aus Eisenach<br />

in Thüringen weiterverkaufte. Seit einigen Jahren<br />

steht das Karussell in dem kleinen Freizeitpark<br />

Plohn im Vogtland, wo es eine neue <strong>und</strong> wahrscheinlich<br />

seine letzte Heimat fand <strong>und</strong> heute noch als „Drachenschaukel“<br />

im japanischen Garten in einem eher<br />

ungepflegten Zustand, aber immer noch zuverlässig<br />

die Besucher vertikal <strong>und</strong> mit gehörigem Kribbeln im<br />

Bauch im Kreis herumwirbelt.<br />

■<br />

FOTOS<br />

Archiv Rolf Orschel<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Wikinger,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 9/2006,<br />

Seiten 38-39<br />

93


EIGENBAUTEN<br />

Der Space Jet auf<br />

dem Parkfest in Meerane<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Space Jet,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 12/99,<br />

Seite 43<br />

(Foto: Rolf Orschel)<br />

SPACE JET<br />

Der „Space Jet“ ist das letzte in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> gebaute<br />

Karussell. Die Eigenkreation wurde vom <strong>Schausteller</strong><br />

Horst Schwarze aus Meerane in Zusammenarbeit<br />

mit mehreren Betrieben gebaut. Das dem „Helikopter“<br />

ähnelnde Karussell wurde 1983 in Anlehnung<br />

an die Babyflüge des VEB Zentralzirkus konzipiert. Die<br />

komplette Hydraulikanlage zum Heben <strong>und</strong> Senken<br />

<strong>der</strong> Ausleger wurde vom Kombinat Orsta Hydraulik,<br />

unter <strong>der</strong> Leitung des Kollegen Reissmann, projektiert<br />

<strong>und</strong> hergestellt. Da die erste Anlage zu groß geraten<br />

war, musste 1985 eine neue Hydraulikanlage gebaut<br />

werden. Der Mittelbauwagen wurde im VEB Kirow<br />

Werk in Leipzig hergestellt, wo <strong>der</strong> Betriebsschlosser<br />

Möller Horst Schwarze mit Rat <strong>und</strong> Tat zur Seite stand<br />

<strong>und</strong> auch aktiv bei<br />

<strong>der</strong> Meisterung<br />

sämtlicher anfallen<strong>der</strong><br />

Schwierigkeiten<br />

half. Der damals<br />

weit über die<br />

Grenzen <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

bekannte Rennwagen-Konstrukteur<br />

<strong>und</strong> Polyesterbauer<br />

Hartmut<br />

Thaßler stellte den<br />

kompletten Satz<br />

Gondeln in ausgezeichneter<br />

Qualität<br />

her. Die elektrische<br />

Anlage <strong>und</strong> Steuerung<br />

des Geschäftes wurde von <strong>der</strong> Firma Patzer in<br />

Reitzdorf entwickelt <strong>und</strong> gebaut. Nachdem <strong>der</strong> „Space<br />

Jet“ 1990 endlich fertig war, war sein Schicksal<br />

durch die Ereignisse <strong>der</strong> Wende in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> bereits<br />

besiegelt. Da das Publikum quasi über Nacht von so<br />

harmlosen Fahrgeschäften nichts mehr wissen wollte,<br />

war es Horst Schwarze nicht mehr vergönnt, die Früchte<br />

seiner mühevollen Arbeit zu ernten. Das Karussell<br />

wurde nach <strong>der</strong> Wie<strong>der</strong>vereinigung noch mit sechs<br />

großen Flugzeuggondeln ausgestattet, die bei <strong>der</strong> Firma<br />

Lutz geor<strong>der</strong>t wurden. Diese zusätzliche Investition<br />

wurde aber vom Publikum nicht mehr honoriert,<br />

worauf <strong>der</strong> „Space Jet“ nur noch sporadisch aufgebaut<br />

wurde.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Ton Koppei: Calypso,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 1+2/2000,<br />

Seite 46<br />

(Foto: H. Schimanzik)<br />

CALYPSO<br />

Dieses Calypso-Unikat <strong>der</strong> ehemaligen <strong>DDR</strong> wurde<br />

gegen Mitte <strong>der</strong> sechziger Jahre gebaut. Es entstand<br />

durch den Umbau einer Bobbahn des <strong>Schausteller</strong>s<br />

Ernst Hainlein aus Erfurt, den die Karussellbaufirma<br />

G<strong>und</strong>elwein in Wutha bei Eisenach mit<br />

erheblichen Schwierigkeiten ausführen konnte. Als<br />

„Bauanleitung“ stand den Karussellbauern lediglich<br />

ein Werksfoto eines Calypso von <strong>der</strong> Firma Mack zur<br />

Verfügung. Nachdem die Firma G<strong>und</strong>elwein aufgelöst<br />

wurde, war das Karussell erst halb fertiggestellt. Da<br />

trotz intensiver Bemühungen des <strong>Schausteller</strong>s kein<br />

Betrieb mit <strong>der</strong> Fertigstellung des Geschäftes beauftragt<br />

werden konnte, musste Hainlein den restlichen<br />

Umbau selbst ausführen. Es dauerte allerdings fast<br />

zehn Jahre, bis <strong>der</strong> Umbau endlich fertig war <strong>und</strong> <strong>der</strong><br />

Calypso mit sämtlichen Lichtleisten, Dekoteilen, Aluminium-Podium<br />

<strong>und</strong> Fußböden fertiggestellt werden<br />

konnte. Nachdem das Karussell mit großem Erfolg ans<br />

Netz gegangen war stellte sich allerdings heraus,<br />

dass das viel zu schwer geratene Geschäft nur bedingt<br />

für die Reise geeignet ist. Der Auf- <strong>und</strong> Abbau<br />

gestalteten sich zeitaufwändig <strong>und</strong> personalintensiv,<br />

wodurch das Karussell nur mit Mühe auf den Anschlussplätzen<br />

pünktlich zur Eröffnung seine R<strong>und</strong>en<br />

drehen konnte. Als sich für Familie Hainlein die Möglichkeit<br />

ergab, mit dem Calypso im Kulturpark „Plänterwald“<br />

zu gastieren, gehörte das Karussell dort von<br />

1977 bis 1990 zu den Attraktionen des Parks. ■


KLIMBIM – DAS DREHBARE HAUS<br />

Bernd Schleinitz aus Körlitz baute diese Illusion<br />

1969 mit dem Schmiedemeister Dietze in Holzhausen<br />

bei Leipzig. Als „Bauplan“ diente ihm eine<br />

Postkarte eines baugleichen Geschäftes. Das für die<br />

Welle vorgeschriebene Rohr in Schiffsmast-Qualität<br />

konnte Schleinitz nach zähen Verhandlungen von einem<br />

im Bau befindlichen Schwimmbad erwerben. Die<br />

Balken für die Lagerböcke wurden aus dem Dachstuhl<br />

eines Abrisshauses gewonnen. Um die Gondel brachte<br />

man ein Gerüst aus Flacheisen an, das mit Planen<br />

bespannt wurde, die als Haus bemalt waren. Die Bemalung<br />

führte W. Mathei aus<br />

Steinach aus. Am Anfang wurde<br />

die Hexenschaukel mit <strong>der</strong> Hand<br />

gedreht, erhielt aber bald einen<br />

elektrischen Friktionsantrieb. Der<br />

Stiftenkranz mit 144 Stiften wurde<br />

von Bernd Schleinitz in allen Einzelteilen<br />

selbst hergestellt <strong>und</strong><br />

handvernietet. Nach <strong>der</strong> gelungenen<br />

Premiere reiste Familie Schleinitz<br />

ab 1974 kreuz <strong>und</strong> quer durch<br />

die <strong>DDR</strong>, präsentierte ihre Illusion<br />

auf fast allen Grandplätzen <strong>und</strong> reiste<br />

1979 <strong>und</strong> 1984 sehr erfolgreich<br />

in Ungarn. Gegen Mitte <strong>der</strong> achtziger<br />

Jahre bereicherte das drehbare<br />

Haus in den Sommerferien für<br />

zwei Monate das Vergnügungsangebot<br />

im Kulturpark Berlin. Nach<br />

<strong>der</strong> Wende erlosch schlagartig<br />

das Interesse des Publikums an dieser alten, aber sehr<br />

wirksamen <strong>und</strong> täuschend echten Illusion, worauf<br />

Bernd Schleinitz das drehbare Haus stillegte. Zum<br />

dreißigjährigen Jubiläum wurde das Geschäft 1999<br />

noch einmal für die Herbstkleinmesse in Leipzig aktiviert<br />

<strong>und</strong> herausgeputzt. Obwohl die Illusionsschaukel<br />

im alten Glanz erstrahlte <strong>und</strong> sehr gut betrieben wurde,<br />

war die Reaktion des Publikums sehr zurückhaltend<br />

<strong>und</strong> eine herbe Enttäuschung für den Erbauer.<br />

Aus diesem Gr<strong>und</strong> wurde das drehbare Haus nach <strong>der</strong><br />

Kleinmesse endgültig stillgelegt.<br />

■<br />

EIGENBAUTEN<br />

FOTOS<br />

Archiv Schleinitz<br />

Das drehbare Haus<br />

von Bernd Schleinitz<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Klimbim –<br />

drehbares Haus, <strong>Kirmes</strong><br />

Revue 11/99, Seiten 50-51<br />

SAFARI-EXOTIK<br />

Nach dem drehbaren Haus baute Bernd Schleinitz<br />

in den siebziger Jahren außer einem Wohn- <strong>und</strong><br />

Packwagen auch das erste elektronische Schießen<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>. Ursprünglich wollte er sich ein einfaches <strong>und</strong><br />

wenig personalintensives Beigeschäft bauen. Da aufgr<strong>und</strong><br />

<strong>der</strong> vielen zugelassenen Reihengeschäfte keine<br />

neuen Spiel- <strong>und</strong> Schießgewerbe-Erlaubnisse genehmigt<br />

wurden, suchte er nach einer realisierbaren<br />

Idee. Nachdem ein Elektroniker in die Familie einheiratete<br />

<strong>und</strong> Schleinitz den Leiter <strong>der</strong> Leipziger Theaterwekstätten,<br />

Siegfried Pitzschel, kennenlernte, entschied<br />

man sich für den Bau einer elektronischen<br />

Schießeinrichtung. Als für dieses neuartige <strong>und</strong> in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> einmalige Geschäft die Gewerbeerlaubnis erteilt<br />

wurde, konnte nach vielen Experimenten <strong>und</strong> Versuchen<br />

1980 auf <strong>der</strong> Leipziger Frühjahrskleinmesse das<br />

elektronische Schießen „Safari-Exotik“ erfolgreich ans<br />

Netz gehen. Auf kleinen Zielscheiben waren die anzuvisierenden<br />

Lichtziele in einem siebenköpfigen Drachen,<br />

einer Riesenspinne, einem Bergmassiv <strong>und</strong> einem<br />

Saurier untergebracht.<br />

Die Lichtempfänger<br />

befanden sich in<br />

umfunktionierten Druckluft-Gewehren.<br />

Damit reflektierendes<br />

Licht die<br />

Treffer nicht beeinflussen<br />

konnte, wurden modulierte<br />

Lichtstrahlen<br />

verwendet. Schuss- <strong>und</strong><br />

Trefferanzeigen für jedes<br />

Gewehr befanden sich<br />

über dem Schaubild im Blickfeld <strong>der</strong> Schützen. Diese<br />

Anzeige konnte fernbedient auf Null zurück gestellt<br />

werden. Wie bei den heutigen Elektronik-Schießen bewegten<br />

sich die Figuren nach jedem Treffer. Die selbstgebaute<br />

Elektronik arbeitete stets zuverlässig. Kleine<br />

Gewinne boten einen zusätzlichen Anreiz: Wer mit 10<br />

Schuss für 1 Mark 10 Treffer erzielte, hatte die freie<br />

Auswahl. Mit seinem außergewöhnlichen Reihengeschäft<br />

landete Bernd Schleinitz einen Volltreffer, <strong>der</strong><br />

den Geschmack des Publikums traf.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Safari-Exotik,<br />

<strong>Kirmes</strong> Revue 5/2002,<br />

Seite 30<br />

(Foto: Archiv Schleinitz)<br />

95


GONDELN<br />

GONDELN UND SKOOTER-CHAISEN AUS POLYESTER<br />

Plastegondel von<br />

Plaenerts „Tropical Jet“<br />

Ralf Plaenert mit Gehilfen<br />

beim Probesitzen in <strong>der</strong> ersten<br />

neuen Gondel, August 1988<br />

1:10 Modell <strong>und</strong><br />

fertige „Wartburg-Chaise“<br />

Wie die meisten <strong>DDR</strong>-Geschäfte,<br />

waren auch die importierten<br />

Ihle-Chaisen <strong>der</strong> Skooter<br />

<strong>und</strong> die Holz- <strong>und</strong> Blechgondeln<br />

<strong>der</strong> Karussells sehr veraltet.<br />

Durch die ständige hohe Belastung<br />

hatten sie ihre angedachte<br />

Nutzungsdauer längst überschritten<br />

<strong>und</strong> konnten nur noch mit hohem<br />

Geld- <strong>und</strong> Materialaufwand<br />

instandgesetzt werden. Nachdem<br />

sich auch in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> die Gießharztechnologie<br />

mit glasfaserverstärkten<br />

Polyesterharzen<br />

zur industriellen Fertigung von<br />

Leichtbaukonstruktionen immer<br />

mehr durchsetzte, fand<br />

dieses Verfahren auch bei den<br />

<strong>Schausteller</strong>n Verwendung.<br />

Da die in Laminiertechnik hergestellten<br />

Polyesterteile bei sehr geringer Dichte<br />

die Festigkeit normalen Stahls erreichten, bot sich<br />

diese Technologie zur Herstellung von neuen<br />

Gondeln regelrecht an. Außerdem war das Material<br />

verhältnismäßig leicht zu beschaffen, da das<br />

Polyesterharz <strong>und</strong> die Fasermatten mit unterschiedlichen<br />

Hauptfaserrichtungen in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

hergestellt wurden.<br />

In den 80er-Jahren konnten somit einige <strong>Schausteller</strong><br />

ihre Karusells mit neuen Gondeln ausstatten.<br />

Die erste Polyester-Besatzung tauchte allerdings<br />

1979 an dem Kin<strong>der</strong>fahrgeschäft „Mini-<br />

Weltraumbummler“ von Jürgen Uhlmann in Form<br />

von zweisitzigen Flugzeugnachbildungen auf.<br />

Danach folgten Skooterchaisen-Karosserien für<br />

die <strong>Schausteller</strong> Hans Sachs <strong>und</strong> Hans Lehrmann, <strong>der</strong>en<br />

Idee am Biertisch entstand. Die fertigen Karosserien<br />

wurden auf gebrauchte Ihle-Chaisenfahrgestelle<br />

aus dem Jahr 1962 montiert. Den Entwurf <strong>und</strong> die Mutterform<br />

für die Karossen stellte <strong>der</strong> Diplom-Industrieformgestalter<br />

(Designer) Detlef Adebar aus Halle/Saale<br />

her, <strong>der</strong> freiberuflich bereits für viele <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

Geschäfte entworfen hatte <strong>und</strong> Fronten sowie<br />

Dekoteile aus Polyester anfertigte. Da Lehrmann, <strong>der</strong><br />

als erster die neuen Chaisen einsetzte, Scheinwerfer<br />

<strong>und</strong> Kopfstützen vom PKW „Wartburg“ verwendete,<br />

wurden diese Fahrzeuge als „Wartburg-Chaisen“ bekannt.<br />

Später erhielt <strong>der</strong> <strong>Schausteller</strong> Werner Meyer für<br />

seinen Skooter ebenfalls Polyester-Karosserien, mit<br />

<strong>der</strong>en Design (hochgezogene Rückenlehnen mit inte-<br />

96


GONDELN<br />

FOTOS<br />

Archiv Adebar, Rolf Orschel<br />

„Mercedes-Chaise“<br />

von Werner Meyers Skooter<br />

grierten Kopfstützen) Detlef Adebar einen neuen Stil<br />

kreierte. Nach <strong>der</strong> Fertigstellung <strong>der</strong> aus Gips hergestellten<br />

Mutterform sollte sie zum Bootsbauer Leonhardt<br />

nach Caputh bei Potsdam gebracht werden. Für<br />

den Transport von Halle zur Firma Leonhardt wurde die<br />

„aalglatt“ <strong>und</strong> auf Hochglanz polierte Urform auf einen<br />

PKW-Anhänger verladen. Damit kam man aber nicht<br />

weit, da sie nach wenigen Kilometern Fahrt über die<br />

holprige <strong>DDR</strong>-Autobahn in zwei Teile zerbrach. Nach<br />

<strong>der</strong> Reparatur klappte <strong>der</strong> zweite Versuch in einem<br />

„Wartburg-Tourist“ dann<br />

problemlos. Die fertigen<br />

Fahrzeuge waren optisch<br />

hervorragend gelungen,<br />

<strong>und</strong> Meyers „Mercedes-<br />

Chaisen“ zählten zu<br />

schönsten Skooterfahrzeugen<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong>. Außerdem<br />

wurden noch Polyestergondeln<br />

für die „Spinnen“<br />

von Roland Schmidt<br />

<strong>und</strong> Fritz Kröckel, die<br />

„Fahrt ins Blaue“ von Arndt<br />

Pönitz, die Schlickerbahnen<br />

von Horst Schwarze<br />

<strong>und</strong> Kuno Plaenert sowie<br />

die Walzerfahrt für Karl Welte jun. als Eigenentwicklungen<br />

in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> hergestellt. Daneben wurden auch<br />

für die Geisterbahn <strong>der</strong> Firma Sendler einige Figuren<br />

<strong>und</strong> große Dekoteile für Fahrgeschäfte aus Gießharz<br />

angefertigt. Einige <strong>Schausteller</strong>, wie Uwe Schieck <strong>und</strong><br />

Wilfried Jehn, stellten aber auch in Kooperation mit Polyesterbauern<br />

Gondeln für ihre Fahrgeschäfte her. Die<br />

Gondeln <strong>der</strong> genannten Fahrgeschäfte wurden überwiegend<br />

vom <strong>DDR</strong>-Rennwagenkonstrukteur Hartmut<br />

Thaßler aus Leipzig angefertigt. Durch seine Erfahrungen<br />

beim Bau von Rennwagen <strong>und</strong> sein großes<br />

Geschick gelangen ihm diese Gondeln in ausgezeichneter<br />

Qualität <strong>und</strong> konnten internationalen Vergleichen<br />

standhalten.<br />

■<br />

Die Mutterform<br />

auf dem PKW-Anhänger<br />

Herstellung des<br />

Gipsmodells <strong>der</strong> Chaise<br />

97


DIVERSE<br />

GLÜCK UND GESCHICKLICHKEIT<br />

FOTOS<br />

Archiv Conrad, Archiv<br />

Malfertheiner, Rolf Orschel<br />

Steinickes Ballwerfen<br />

Namen- <strong>und</strong> Kartenblinker von Elvira Malfertheiner<br />

Schießwagen, Gustav Conrad<br />

Schießbude von Gertrud Härtel<br />

Spielautomaten von Ernst Malfertheiner<br />

98


IMBISS UND SÜSSWAREN<br />

DIVERSE<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Rolf Orschel<br />

Sachsenklause<br />

von Manfred Sachs<br />

Soft-Eis-Bar von<br />

Malfertheiner, Andrang vor<br />

einem Eiswagen<br />

Versorgungsstände<br />

des staatlichen Handels HO<br />

„Knusperhaus zur Hexe“<br />

von Gertraut Rißmann<br />

99


DIVERSE<br />

LAUFGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Weckner,<br />

Rolf Orschel<br />

Spuk im Spessart<br />

von Herbert Krüger<br />

Aus dem Irrgarten<br />

„Haus des Frohsinns“ von<br />

Rothe wurde „Die Mausefalle“<br />

Laufgeschäfte<br />

von Marchee, Topf,<br />

Hammer <strong>und</strong> Lutz Hofmann<br />

100


GEISTERBAHN<br />

DIVERSE<br />

FOTOS<br />

Archiv Hahnemann, Archiv<br />

Hünniger, Rolf Orschel<br />

Sendlers Geistergrotte<br />

Dämonenexpress unter<br />

Weckner <strong>und</strong> Hahnemann<br />

Geister im<br />

Dämonenexpress<br />

Geisterbahn von Hünniger,<br />

50er- <strong>und</strong> 80er-Jahre<br />

101


DIVERSE<br />

KINDERGESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Eckstein,<br />

Rolf Orschel<br />

Kin<strong>der</strong>achterbahn<br />

von <strong>Schausteller</strong> Seile<br />

Eisenbahn Otto <strong>und</strong><br />

Sportkarussell Eckstein<br />

Hängekarussells<br />

verschiedener Bauart<br />

Sportkarussell mit<br />

mo<strong>der</strong>ner Besatzung<br />

<strong>und</strong> Voigts Bodenkarusssell<br />

102


DIVERSE<br />

FOTOS<br />

Rolf Orschel<br />

Verschiedene<br />

Sportkarussells<br />

Besatzungen von<br />

Katzschmanns Karussell<br />

Feuerwehren <strong>der</strong><br />

Karussells von Hans Kuntz<br />

<strong>und</strong> Manfred Sachs, 80er-Jahre<br />

103


VEB-GESCHÄFTE<br />

FAHRGESCHÄFTE DES STAATSZIRKUS DER <strong>DDR</strong><br />

Eine <strong>der</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

gebauten Holzachterbahnen<br />

FOTOS<br />

Zirkusarchiv Winkler,<br />

Archiv Eckermann<br />

Die Achterbahnen<br />

waren stets umlagert<br />

Der 1960 gegründete „VEB Zentral-Zirkus“ <strong>der</strong> <strong>DDR</strong><br />

wurde 1980 in „Staatszirkus <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“ umbenannt.<br />

In <strong>der</strong> 1970er-Jahren wurde die Generaldirektion<br />

auch mit verwaltungsmäßigen Aufgaben für das<br />

<strong>Schausteller</strong>gewerbe beauftragt. Erfahrungen mit<br />

dem Betreiben von Karussells konnte <strong>der</strong> Zirkus bereits<br />

im Jahr 1959 mit <strong>der</strong> ersten in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> gebauten<br />

Holzachterbahn sammeln. Die Idee zum Bau dieser<br />

Achterbahn wurde auf Initiative von <strong>Schausteller</strong>n gegen<br />

Mitte <strong>der</strong> 1950er-Jahre geboren. Nachdem die<br />

Finanzierung <strong>der</strong> Achterbahn endlich gesichert war,<br />

konnte 1958 mit dem Bau begonnen werden. Hergestellt<br />

wurde die Anlage von <strong>der</strong> Baugesellschaft Roßla<br />

KG, einem früheren Betriebsteil <strong>der</strong> Firma Hugo Haase.<br />

Das Holz stammte aus dem Böhmerwald, da Hugo<br />

Haase mit Kiefern aus Böhmen beste Erfahrungen<br />

beim Bau seiner Achterbahnen machte. Die Herstellung<br />

geriet mehrmals ins Stocken, da man mit vielen<br />

Materialproblemen zu kämpfen hatte. Als größtes Problem<br />

stellte sich die Beschaffung <strong>der</strong> Antriebskette<br />

heraus, die in Dresden hergestellt wurde. Im September<br />

1958 erfolgte die erste Bauabnahme, durch erneute<br />

finanzielle<br />

Probleme konnte<br />

die Bahn aber<br />

erst 1959 fertiggestelt<br />

werden.<br />

Am 25. Juli des<br />

selben Jahres<br />

ging die Achterbahn<br />

unter <strong>der</strong><br />

Regie des ehemaligen<br />

Zirkusdirektors<br />

Walter<br />

Stolp auf dem<br />

Sommerfest in<br />

Zwickau erfolgreich<br />

ans Netz. Ein Jahr später fand auf <strong>der</strong> Magdeburger<br />

Herbstmesse die Premiere <strong>der</strong> zweiten, ebenfalls<br />

in Roßla gebauten <strong>und</strong> baugleichen Achterbahn<br />

statt, die anschließend unter <strong>der</strong> Leitung von Max<br />

Gienke betrieben wurde. Beide Bahnen hatten eine<br />

Gr<strong>und</strong>fläche von 35 x 25 Metern, verfügten über drei<br />

Fahrebenen <strong>und</strong> ein quer verlaufendes Tal. Die acht<br />

Wagen baute man aus stabilem Sperrholz, ihre massiven<br />

Stahlrä<strong>der</strong> liefen auf Bohlen, die aus Ahornholz<br />

hergestellt wurden.<br />

Die Überreste wurden später entsorgt<br />

Durch das zeit- <strong>und</strong> personalintensive Auf- <strong>und</strong> Abbauen<br />

<strong>und</strong> viele Reparaturen entschloss sich <strong>der</strong> Zirkus<br />

wenige Jahre später dazu, sich von den Achterbahnen<br />

wie<strong>der</strong> zu trennen. Am 31. Dezember 1966<br />

wurde deshalb die erste Bahn nach Magdeburg in<br />

den Kulturpark Rotehorn umgesetzt. Aufgr<strong>und</strong> des<br />

schlechten Allgemeinzustandes wurde sie elf Jahre<br />

später verschrottet. Die Holzteile wurden an Ort <strong>und</strong><br />

Stelle zersägt <strong>und</strong> an die Bevölkerung abgegeben.<br />

Achterbahn Nr. 2 wurde 1969 stationär im Naherholungsgebiet<br />

Saaleaue in Halle aufgestellt. Aufgr<strong>und</strong><br />

von Wasserschäden durch ein Hochwasser verkaufte<br />

man die Bahn 1970 an die <strong>Schausteller</strong> Gebr. Walz/<br />

Domscheid. Wegen des schlechten Zustandes <strong>und</strong><br />

Transportproblemen (es stand nur ein Bockwagen zur<br />

Verfügung) bauten die <strong>Schausteller</strong> die Bahn 1971 nur<br />

auf drei Plätzen auf. Anschließend wurde sie ebenfalls<br />

entsorgt.<br />

Schon zu Beginn <strong>der</strong> sechziger Jahre waren sich das<br />

Ministerium für Kultur <strong>und</strong> <strong>der</strong> VEB Zentralzirkus einig,<br />

den Volksfestsektor auszubauen. Im Jahr 1964 ging<br />

<strong>der</strong> „Kosmos-Rotator“ auf die Reise, <strong>der</strong> vom Ing. W.<br />

G<strong>und</strong>elwein konstruiert wurde. Das Karussell bestand<br />

aus einer rotierenden Scheibe mit einem Durchmesser<br />

104


VEB-GESCHÄFTE<br />

Kosmos-Rotator<br />

in voller Fahrt, um 1966<br />

von 6,2 m, die hydraulisch in eine Schräglage von 45<br />

Grad gebracht werden konnte. Maximal 33 Personen<br />

konnten auf den Sitzbänken Platz nehmen, die durch<br />

die Fliehkraft bei 20 U/min in die Sitze gepresst wurden.<br />

Verschiedene Firmen waren am Bau des Geschäftes<br />

beteiligt, unter an<strong>der</strong>em die Firma Peuckert<br />

in Freiberg sowie <strong>Spezial</strong>isten im Winterquartier des<br />

Zirkus. Die Hydraulikanlage stellte <strong>der</strong> VEB Orsta Hydraulik<br />

her. Dem Betriebsteil „Achterbahn 1“ zugeteilt,<br />

wurde <strong>der</strong> Kosmos-Rotator bereits nach <strong>der</strong> Saison<br />

1968 an die Stadt Rostock abgegeben. Dort stellte<br />

man ihn im Vergnügungspark am Zoo auf, wo das Geschäft<br />

vom <strong>Schausteller</strong> Rudolf Schäning betrieben<br />

wurde. Nach 1989 wurde <strong>der</strong> Kosmos-Rotator stillgelegt<br />

<strong>und</strong> dann (wahrscheinlich) verschrottet.<br />

Kein Glück mit <strong>der</strong> Flugschanze<br />

Kein Glück hatte <strong>der</strong> Zentral-Zirkus mit einer Mack-<br />

Flugschanze, die 1965 als gebrauchte Anlage erworben<br />

<strong>und</strong> dem Betriebsteil „ Achterbahn 2“ zugeteilt<br />

wurde. Ständige Reparaturen <strong>und</strong> ein Unfall (ohne Verletzte)<br />

führten gegen Ende des Jahres 1969 zur Stillegung<br />

des Geschäftes, das im darauffolgenden Jahr an<br />

den <strong>Schausteller</strong> Siegfried Kunze aus Meißen im desolaten<br />

Zustand verkauft wurde.<br />

Unter <strong>der</strong> Regie von Fritz Preuß ging am 1. Juni 1966<br />

die Go-Kartbahn „Sachsenring“ auf die Reise. Dieses<br />

Geschäft entstand in Eigenregie <strong>und</strong> wurde von verschiedenen<br />

Handwerksbetrieben sowie im Winterquartier<br />

hergestellt. Da eigene Konstruktionen keinen<br />

Erfolg brachten, or<strong>der</strong>te man die Fahrzeuge bei <strong>der</strong><br />

Firma Ihle. Der Sachsenring wurde nur drei Jahre später<br />

zum Saisonende mit <strong>der</strong> zweiten Achterbahn nach<br />

Halle abgegeben, da er für die Reise zu unhandlich<br />

<strong>und</strong> zu schwer war. Die Stadt Halle verkaufte das Geschäft<br />

1971 an Hans-Ulrich Walz. Er reiste bis 1974 damit<br />

<strong>und</strong> verschrottete es nach <strong>der</strong> Saison.<br />

Da <strong>der</strong> VEB Sächsischer Brücken- <strong>und</strong> Stahlhochbau<br />

Dresden geeignete Produktionskapazitäten<br />

für den Bau von<br />

Fahrgeschäften hatte, sollte <strong>der</strong><br />

Betrieb 1964 zwei Geschäfte<br />

bauen. Geplant waren eine „Gondelfahrt“<br />

mit dem Arbeitstitel „Hula<br />

Hoop“ (später „Windrose“), ein<br />

„Schwenkbares Riesenrad“ <strong>und</strong><br />

mehrere Walzerfahrten. Durch<br />

eine „von oben“ angeordnete<br />

Umstrukturierung <strong>der</strong> Dresdner<br />

Stahlbaufirma mussten die Karussellbaupläne 1964<br />

noch zu den Akten gelegt werden. Daran än<strong>der</strong>te<br />

selbst <strong>der</strong> Protest des Ministeriums für Kultur beim<br />

Volkswirtschaftsrat nichts.<br />

Trotz <strong>der</strong> Eigenbau-Vorhaben wurde auch die Beschaffung<br />

von gebrauchten Karussells ins Auge gefasst.<br />

Diesbezügliche Überlegungen gingen darauf<br />

hinaus, mo<strong>der</strong>ne Anlagen aus dem nicht sozialistischen<br />

Wirtschaftsgebiet (NSW) zu importieren. Dies<br />

konnte aber wegen <strong>der</strong> permanenten Devisenknappheit<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> nur schrittweise geschehen. Als erste<br />

Gebrauchtgeschäfte kamen 1969 <strong>der</strong> holländische<br />

Karusselltyp „The Allro<strong>und</strong> Swing“, <strong>der</strong> in „Satellit“ umgetauft<br />

wurde, <strong>und</strong> ein Twister auf die <strong>DDR</strong>-Volksfestplätze.<br />

Beide Geschäfte wurden von <strong>der</strong> Firma Nijmeegs<br />

Lasbedrijf in den Nie<strong>der</strong>landen gebaut, wobei<br />

<strong>der</strong> Satelllit in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> mit einem Podium <strong>und</strong> Licht<br />

ausgestattet wurde. Ein Jahr später erwarb man eine<br />

45 m-Schwarzkopf-Stahlachterbahn <strong>und</strong> einen weiteren<br />

Twister. Die Achterbahn hatte 1970 auf <strong>der</strong> Annaberger<br />

Kät Premiere <strong>und</strong> wurde ab 1979 im Kulturpark<br />

„Plänterwald“ stationär betrieben. Wie <strong>der</strong> Satellit wurde<br />

auch <strong>der</strong> zweite Twister aus Kostengründen in <strong>der</strong><br />

<strong>DDR</strong> nachgerüstet. Zu weiteren Exporten kam es erst<br />

1980/81. Diesmal wurden bei <strong>der</strong> Firma Marcel Lutz<br />

vier Babyflüge geor<strong>der</strong>t, wovon zwei als „Air Tramp“<br />

<strong>und</strong> „Astroid“ den Twister-Betriebsteilen als mo<strong>der</strong>ne<br />

Kin<strong>der</strong>fahrgeschäfte zugeteilt wurden. Das dritte Ex-<br />

Die Flugschanze<br />

vor ihrer Stillegung, 1969<br />

FOTOS<br />

Zirkusarchiv Winkler,<br />

Archiv Malfertheiner<br />

105


VEB-GESCHÄFTE<br />

Twister, Satellit<br />

<strong>und</strong> Stahlachterbahn<br />

in den siebziger Jahren<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner,<br />

Archiv Orschel, Michael<br />

Bonhoff<br />

Der Satellit<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Sachsenring<br />

emplar reiste als „Babyflug“ mit dem zweiten Twister<br />

durch die <strong>DDR</strong> <strong>und</strong> gastierte 1972 im Rahmen einer<br />

<strong>DDR</strong>-<strong>Schausteller</strong>tournee in Ungarn. Der „Saturn“<br />

ging zum Zirkus Busch, reiste aber auch mit dem Zirkus<br />

Berolina <strong>und</strong> wurde1988 dem neu gegründeten<br />

Betriebsteil „Arena-Express“<br />

(eine mo<strong>der</strong>ne<br />

Zeltvermietung mit Chapiteau)<br />

zugeteilt.<br />

Die zwei Holzachterbahnen<br />

<strong>und</strong> die importierten<br />

Karussells, die von den<br />

privaten <strong>Schausteller</strong>n<br />

kurz „VEB-Geschäfte“ genannt<br />

wurden, waren für<br />

das Publikum eine Sensation<br />

<strong>und</strong> entpuppten sich<br />

als wahre „Geld-Druckmaschinen“.<br />

Während die<br />

Holzachterbahnen durch<br />

mangelnde Wartung <strong>und</strong><br />

Pflege ziemlich schnell<br />

verschlissen waren, wurden<br />

die Importgeschäfte<br />

von den Betriebtsteilleitern<br />

stets in Schuss gehalten<br />

<strong>und</strong> gut gepflegt. Als<br />

Gehilfen wurden vom<br />

Staatszirkus regelmäßig<br />

Söhne o<strong>der</strong> gute Vorarbeiter<br />

<strong>der</strong> privaten <strong>Schausteller</strong>betriebe<br />

abgeworben,<br />

um mit <strong>der</strong> komplizierten<br />

<strong>und</strong> ungewöhnlichen<br />

West-Technik zurechtzukommen.<br />

Durch diese Praxis entstanden häufig Spannungen<br />

zwischen den betroffenen Betrieben <strong>und</strong> dem<br />

Staatszirkus. Die aus dem NSW eingeführten, attraktiven<br />

Karussells konnten im Laufe <strong>der</strong> Zeit internationalen<br />

Vergleichen standhalten. Die Fuhrparks, die Arbeits-<br />

<strong>und</strong> Lebensbedingungen <strong>der</strong> Angestellten <strong>und</strong><br />

Betriebsteilleiter sowie die Ausstattung <strong>der</strong> Betriebsteile<br />

mit Technik <strong>und</strong> Personal stellten weltweit alles in<br />

den Schatten <strong>und</strong> setzten völlig neue Maßstäbe im<br />

<strong>Schausteller</strong>wesen. Der Staatszirkus profitierte viele<br />

Jahre von seinen unvergleichlichen Vorteilen bei <strong>der</strong><br />

Material <strong>und</strong> Fahrzeugversorgung gegenüber den<br />

privaten <strong>Schausteller</strong>betrieben. Dementsprechend<br />

reichlich <strong>und</strong> selbst für heutige Verhältnisse pompös<br />

waren die Betriebsteile, die mit den <strong>Volksfeste</strong>inrichtungen<br />

reisten, ausgerüstet worden.<br />

Erinnerungen eines Mitarbeiters<br />

Wolfgang Berger, <strong>der</strong> als Mitarbeiter beim Betriebsteil<br />

Twister 1 arbeitete, erinnert sich noch gut an diese Zeit:<br />

„Als Jugendlicher faszinierte mich das Leben <strong>der</strong> Reisenden.<br />

Da ich aber Wert auf gute Bedingungen legte,<br />

kam für mich nur das Mitreisen beim Zirkus in Frage.<br />

Dort hatten alle Betriebsteile einen Dusch- <strong>und</strong> Toilettenwagen.<br />

Außerdem verdiente man dort mit circa<br />

800 Mark deutlich mehr als bei einem privaten <strong>Schausteller</strong>.<br />

In <strong>der</strong> Saison waren wir in zwei Mannschaftswagen<br />

untergebracht, im Winter wohnten wir in extra<br />

für die Angestellten gebauten Häusern im Winterquartier<br />

des Staatszirkus in Berlin. Es befand sich in Dahlwitz-Hoppegarten,<br />

dort wurden auch die Geschäfte<br />

überholt. Der Fuhrpark bestand außerdem aus Zugmaschinen<br />

<strong>der</strong> Typen „W 50“ <strong>und</strong> „Jelcz“, dem Mittelbauwagen,<br />

einem Gondel- <strong>und</strong> einem Packwagen, ei-<br />

106


VEB-GESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Zirkusarchiv Winkler,<br />

Rolf Orschel<br />

Import: Stahlachterbahn<br />

von Schwarzkopf<br />

nem Werkstattwagen sowie einem Wohn- <strong>und</strong> Bürowagen.<br />

Den Kassenwagen, ein umgebauter „Bastei“-<br />

Campingwagen, zog ein „Barkas-B 1000“-Kleinbus,<br />

<strong>der</strong> auch für den Mannschaftstransport genutzt wurde.<br />

Da damals generell mit zwei Anhängern gefahren<br />

wurde, mussten nur fünf Transporte zum Umsetzen gefahren<br />

werden“. Zur Resonanz <strong>der</strong> VEB-Fahrgeschäfte<br />

sagte er: „Die Karussells, speziell <strong>der</strong> Satellit, die<br />

Twister <strong>und</strong> die Babyflüge, machten sich sehr schnell<br />

bezahlt <strong>und</strong> durch die Einnahmen wurde <strong>der</strong> Staatszirkus<br />

mit subventioniert. Ich weiß noch, dass wir nach<br />

einem guten Wochenende das Kleingeld häufig mit<br />

Handkarren o<strong>der</strong> dem Kleinbus in mehreren Eimern<br />

zur Bank brachten“.<br />

Risse am Hauptarm des Satellit<br />

Durch gute Kontakte konnten die Hydraulikanlagen<br />

<strong>der</strong> Fahrgeschäfte durch den VEB Stahl- <strong>und</strong> Walzwerk<br />

Finow instandgesetzt werden. Nachdem gegen<br />

Ende <strong>der</strong> siebziger Jahre Risse am Hauptarm des Satellit<br />

entdeckt wurden, konnte durch die Privatinitativen<br />

des Betreibsteilleiters, Lutz Hucke, <strong>und</strong> des damaligen<br />

technischen Direktors, Peter Hess, eine Generalüberholung<br />

im Walzwerk Finow durchgeführt werden.<br />

Sonst hätten die Risse, da durch den Devisenmangel<br />

<strong>der</strong> <strong>DDR</strong> ein Ersatzteilimport ausgeschlossen war,<br />

wahrscheinlich die Verschrottung des wohl beliebtesten<br />

Fahrgeschäftes <strong>der</strong> <strong>DDR</strong> bedeutet.<br />

Durch die politischen Ereignisse in den Jahren 1989/<br />

90 wurden die drei Fahrgeschäfts-Betriebsteile <strong>und</strong><br />

die Zeltvermietung mit Genehmigung des Kulturministeriums<br />

privatisiert <strong>und</strong> von ihren ehemaligen Geschäftsführern<br />

käuflich erworben. Danach wechselten<br />

sie mitunter noch mehrmals den Besitzer. Die Twister<br />

<strong>und</strong> <strong>der</strong> Satellit verschwanden nach relativ kurzer Zei<br />

von den großen Plätzen, da sie nun vom Publikum<br />

kaum noch beachtet wurden.<br />

■<br />

QUELLE<br />

Gisela & Dietmar Winkler:<br />

Staatszirkus <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, <strong>Kirmes</strong><br />

Revue 1+2/01, Seiten<br />

34-37, Michael Schottenloher<br />

/ Michael Bonhoff:<br />

The Allro<strong>und</strong> Swing, <strong>Kirmes</strong><br />

Revue 6/97, Seiten<br />

26-28, Dietmar Winkler:<br />

Wie beerdigt man einen<br />

Zirkus?, Seiten 6-22<br />

Diese Mitarbeiter waren<br />

1989 für den „Twister 1“<br />

<strong>und</strong> den „Airtramp“ zuständig<br />

107


VEB-GESCHÄFTE<br />

KULTURPARK BERLIN – PLÄNTERWALD<br />

Der Klassiker<br />

„The Whip“ von Jacobi war<br />

viele Jahre im Kulturpark<br />

Was für die Wiener <strong>der</strong> Prater o<strong>der</strong> die Kopenhagener<br />

ihr Tivoli ist, das war seit 1969 für die<br />

(Ost)Berliner <strong>und</strong> Touristen aus Nah <strong>und</strong> Fern im Stadtteil<br />

Treptow <strong>der</strong> „Kulturpark“ im Plänterwald. Die herrliche<br />

Umgebung <strong>und</strong> einige importierte Westfahrgeschäfte<br />

machten das 16 Hektar große Gelände im<br />

Handumdrehen zu einem <strong>der</strong> beliebtesten Ausflugsziele.<br />

Bis zur Wie<strong>der</strong>vereinigung<br />

im Sommer 1990 besuchten 25<br />

Millionen Gäste den „volkseigenen“<br />

Freizeitpark, <strong>der</strong> Eintritt kostete<br />

bis dahin 1 Mark. Als <strong>der</strong> Kulturpark<br />

seiner Bestimmung übergeben<br />

wurde, hinterließ er einen<br />

unfertigen <strong>und</strong> unfachmännisch<br />

angelegten Eindruck. Das lag daran,<br />

dass die Fahrgeschäfte zum<br />

größten Teil auf einer Seite im hinteren<br />

Bereich des Parks mit großen<br />

Lücken in den Reihen für die Besucher<br />

bereit standen. Die Ursache<br />

für den unfertigen Eindruck lag<br />

darin begründet, dass <strong>der</strong> Park ursprünglich<br />

wesentlich größer geplant<br />

wurde, als tatsächlich realisiert<br />

werden konnte. Das war auch<br />

<strong>der</strong> Gr<strong>und</strong> dafür, dass von Anfang<br />

an attraktive Fahr- <strong>und</strong> Belustigungsgeschäfte<br />

von privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>n zugelassen wurden.<br />

Mit diesen Geschäften konnten die<br />

größten Bebauungslücken geschlossen<br />

werden.<br />

Importierte Geschäfte<br />

FOTOS<br />

Heiko Schimanzik<br />

Der Calypso<br />

<strong>der</strong> Firma Hainlein<br />

Hauptattraktion <strong>und</strong> Wahrzeichen<br />

des Kulturparks war ein circa 43 m<br />

hohes Riesenrad mit 36 drehbaren<br />

Gondeln für jeweils sechs Personen.<br />

Weitere Attraktionen waren: eine Stahlachterbahn,<br />

<strong>der</strong> Pressluftflieger „Kosmodrom“, ein Ramba<br />

Zamba, eine Riesenrutsche, die Bayerkurve „Bobbahn“,<br />

<strong>der</strong> Zwei-Etagen-Skooter „Berliner Ring“, eine<br />

kleine Go-Kartbahn, die Veteranen-Rallye „Alt Berlin“,<br />

<strong>der</strong> Saturnus „Kosmosgondel“ <strong>und</strong> mehrere Kin<strong>der</strong>fahrgeschäfte.<br />

Während das Riesenrad <strong>und</strong> die Ach-<br />

108


VEB-GESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Weckner, Heiko<br />

Schimanzik, Ralf Schmitt<br />

Der Kosmodrom, Hersteller<br />

Spaggiari & Barbieri<br />

terbahn von <strong>der</strong> Firma Schwarzkopf gebaut wurden,<br />

importierte man die übrigen Westgeschäfte über die<br />

Firma Bakker-Denies aus Holland. Zehn Jahre nach<br />

<strong>der</strong> Eröffnung des Kulturparks wurde die Achterbahn<br />

durch ein kleineres Exemplar ersetzt, mit dem vorher<br />

<strong>der</strong> VEB Zentralzirkus reiste. Obwohl die Besucher für<br />

eine Fahrt mit den importierten Fahrgeschäften den für<br />

<strong>DDR</strong>-Verhältnisse hohen Fahrpreis von 1 bis 1, 50<br />

Mark bezahlen mussten, wurden die Geschäfte im<br />

Sturm erobert. Man musste sich in den Ferien – auch<br />

an den Wochentagen – in lange Warteschlangen einreihen<br />

<strong>und</strong> für einen freien Sitzplatz mitunter auch<br />

leichte Gewalt anwenden. Durch die enorme Auslastung<br />

liefen diese Geschäfte häufig an <strong>der</strong> Kapazitätsgrenze.<br />

Diese normalerweise erfreuliche Tatsache<br />

entpuppte sich für den Kulturpark aber bald zu einem<br />

ernsthaften Problem: Durch fehlende Devisen für<br />

dringend benötigte Original-Ersatzteile waren einige<br />

Geschäfte oft wochenlang außer Betrieb. Nach wenigen<br />

Jahren konnte man bereits einen schleichenden<br />

Rückgang <strong>der</strong> importierten Geschäfte beobachten,<br />

da die völlig verschlissenen Fahrgeschäfte allein<br />

durch Improvisationskunst<br />

nicht mehr<br />

zum Laufen gebracht<br />

werden konnten<br />

<strong>und</strong> deshalb verschrottet<br />

werden<br />

mussten. Diese ungeheuere<br />

Tatsache<br />

sprach sich natürlich<br />

schnell unter den privaten<br />

<strong>Schausteller</strong>n<br />

herum, die diese Geschäfte<br />

gern erworben hätten. Das wurde ihnen aber<br />

strikt verwehrt, da man befürchtete, dass die <strong>Schausteller</strong><br />

die Geschäfte irgendwie wie<strong>der</strong> zum Laufen<br />

bringen <strong>und</strong> dann „zu viel Geld damit verdienen“.<br />

Die Karussells wurden verschrottet<br />

Um weitere Kaufanträge auszuschließen, wurden<br />

dann die betreffenden Karussells klammheimlich abgebaut<br />

<strong>und</strong> auf einem streng geheim gehaltenen<br />

Jacobis Glücksrä<strong>der</strong><br />

waren auch im Kulturpark<br />

Gruselspaß:<br />

Thiemes Geisterbahn<br />

109


VEB-GESCHÄFTE<br />

FOTOS<br />

Archiv Jacobi, Archiv Orschel,<br />

Heiko Schimanzik<br />

Die Raupenbahn<br />

von Jacobi<br />

QUELLE<br />

Rolf Orschel: Der Berliner<br />

Plänterwald, <strong>Kirmes</strong> Revue<br />

04/97, Seiten 68-69,<br />

Dietmar Winkler: Wie beerdigt<br />

man einen Zirkus?,<br />

Seite 6<br />

Schrottplatz <strong>der</strong> Altstoffverwertung<br />

zugeführt. Trotz intensivsten <strong>und</strong> einfallsreichen<br />

Bemühungen gelang es<br />

den einheimischen <strong>Schausteller</strong>n<br />

nicht herauszufinden, auf welchen<br />

Schrottplatz die Geschäfte klammheimlich<br />

gebracht wurden.<br />

Sinkende Attraktivität<br />

Um die sinkende Attraktivität zu stoppen,<br />

wurden von den Verantwortlichen<br />

auf den <strong>Volksfeste</strong>n die interessantesten<br />

Fahr- <strong>und</strong> Belustigungsgeschäfte<br />

ausgesucht <strong>und</strong> für den Kulturpark verpflichtet.<br />

Für die Ausgewählten erwies sich diese Praxis<br />

als äußerst lukratives Geschäft. Das Park-Gastspiel<br />

bot den betreffenden <strong>Schausteller</strong>n viele Vorteile.<br />

Außergewöhnlich gute Einnahmen waren garantiert,<br />

man musste keine Transporte fahren, die Geschäfte<br />

waren mehrere Wochen o<strong>der</strong> Monate aufgebaut <strong>und</strong><br />

konnten durch die Hilfe <strong>der</strong> Betriebshandwerker um-<br />

Blick aus <strong>der</strong> Vogelperspektive auf<br />

den Kulturpark in den siebziger Jahren<br />

fangreich überholt werden. Die Kin<strong>der</strong> hatten feste<br />

Kin<strong>der</strong>garten- <strong>und</strong> Schulplätze, die Familien blieben<br />

zusammen <strong>und</strong> konnten die vergleichsweise traumhaften<br />

Einkaufsmöglichkeiten nutzen. Es gab einen<br />

mustergültigen Wohnwagenplatz mit kleinen Vorgärten<br />

vor <strong>der</strong> Veranda. Kurz, es herrschten fast paradiesische<br />

Zustände. Einige <strong>Schausteller</strong>-Geschäfte waren<br />

viele Jahre von April bis Oktober im Kulturpark aufgebaut:<br />

die Amorbahn, The Whip <strong>und</strong> die Modellschau<br />

von Jacobi; <strong>der</strong> Calypso <strong>und</strong> Rollende Tonnen (Hainlein);<br />

Kettenflieger (Noack), Spuk im Schloss, Ponyreiten<br />

<strong>und</strong> -bahn (Deichsel); Dämonenexpress (Thieme)<br />

sowie Spinne <strong>und</strong> Rollende Tonnen (Sehning). Im Juli<br />

<strong>und</strong> August wurde das Angebot duch folgende Geschäfte<br />

ergänzt: Hexenschaukel (Schleinitz), Taifunrad<br />

(Christiansen) <strong>und</strong> Wikinger (Uhlmann). Außerdem<br />

waren auch ein Twister, <strong>der</strong> Satellit <strong>und</strong> ein Babyflug<br />

aufgebaut. Obwohl das angestrebte Niveau <strong>der</strong> importierten<br />

Fahrgeschäfte nie erreicht wurde <strong>und</strong> regelmäßig<br />

Geschäfte privater <strong>Schausteller</strong>, die viele Besucher<br />

bereits von den <strong>Volksfeste</strong>n kannten, präsentiert<br />

wurden, strömte das Publikum in Massen in den<br />

„Plänterwald“, wie <strong>der</strong> Kulturpark von <strong>der</strong> Bevölkerung<br />

genannt wurde.<br />

Die kläglich gescheiterte Privatisierung des Kulturparks<br />

nach <strong>der</strong> Wie<strong>der</strong>vereinigung ist beispielhaft<br />

für den Umgamg <strong>und</strong> die Bewahrung <strong>der</strong> kulturellen<br />

Werte <strong>der</strong> ehemaligen <strong>DDR</strong>. Zeitgleich<br />

aber auch für die Beziehung zum „Volkseigentum“<br />

durch den Senat von Berlin. Trotz eines ausgereiften,<br />

sozialen Konzeptes, das die ehemalige Direktorin<br />

des Parks vorlegte, erhielt Norbert Witte<br />

aus Burgdorf bei Hannover1991 den Zuschlag für<br />

sein Konzept eines „naturgerechten Familien- <strong>und</strong><br />

Erholungsparks“. Seit 1999 bezahlte er keine<br />

Pacht <strong>und</strong> im Januar 2002 platzte mit <strong>der</strong> Meldung,<br />

dass Witte demontierte Fahrgeschäfte bei<br />

Nacht <strong>und</strong> Nebel nach Bremen transportierte <strong>und</strong><br />

nach Peru verschiffen ließ, endgültig die Bombe.<br />

Seitdem dümpelt das Gelände vor sich hin <strong>und</strong><br />

gleicht inzwischen einer Sperrmüllhalde. ■<br />

110


<strong>DDR</strong>-VOLKSFESTPLAKATE AUS DEN FÜNFZIGER JAHREN<br />

ANHANG


ANHANG<br />

KINOWERBUNG<br />

Dias für Kinowerbung<br />

SCHAUSTELLERANZEIGEN<br />

FOTOS<br />

Archiv Malfertheiner, Archiv<br />

Jacobi, Archiv Hans<br />

Sachs, Verzeichnis Märkte<br />

<strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

1970<br />

112


ANHANG<br />

QUELLE<br />

Verzeichnis Märkte <strong>und</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

1970<br />

113


ANHANG<br />

QUELLE<br />

Verzeichnis Märkte <strong>und</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

1970<br />

114


LITERATUR<br />

– Florian Dering: Volksbelustigungen, Nördlingen<br />

1986<br />

– Handbuch des <strong>Schausteller</strong>s: Das Taschenbuch<br />

für das <strong>Schausteller</strong>wesen in <strong>der</strong> Deutschen Demokratischen<br />

Republik, Berlin 1966<br />

– Anleitung für die Verladung von <strong>Schausteller</strong>gut<br />

bei <strong>der</strong> Deutschen Reichsbahn, IHK <strong>und</strong> Reichsbahnamt<br />

Rostock<br />

– Hermann Weber: Geschichte <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>, 1999<br />

– Joachim Rohlfes: Deutschland seit 1945, Stuttgart<br />

1995<br />

– Wilhelm von Sternburg: Deutsche Republiken,<br />

München 1999<br />

– Herbert Mesch: Gäbe es die <strong>DDR</strong> noch, Hildburghausen<br />

1999<br />

– Christian Suhr, Ralf Weinreich: <strong>DDR</strong>-Traktorenklassiker,<br />

Stuttgart 2006<br />

– Christian Suhr: Nutzfahrzeuge aus Werdau, Willich<br />

2003<br />

– Christian Suhr: H6, Der Sechstonner aus Werdau,<br />

Reichenbach/Vogtland 2005<br />

– Wolfgang Kohl: Güterkraftverkehr in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

Berlin 2001<br />

– Bernd Regenberg: Jahrbuch Lastwagen, Brilon<br />

2005<br />

– Christian Suhr: <strong>DDR</strong>-Lastwagen 1945-1990,<br />

Stuttgart 2005<br />

– Peter Kirchberg: Plaste, Blech <strong>und</strong> Planwirtschaft,<br />

Berlin 2000<br />

– Annette Kris-Bonazza: Auf Cranger <strong>Kirmes</strong>,<br />

Münster 1992<br />

– Rainer Schulz, 625 Jahre Simon-Juda-Markt Werne,<br />

Werne 1987<br />

– Industrie- <strong>und</strong> Handelskammer <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>: Verzeichnis<br />

<strong>der</strong> Märkte <strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong> in <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>,<br />

Berlin 1957-1988<br />

– Ministerium für Kultur <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>: Konferenzprotokolle<br />

<strong>der</strong> 3. <strong>Schausteller</strong>konferenz in Karl-Marx-<br />

Stadt 1987<br />

– Ministerium für Kultur <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>: <strong>Schausteller</strong> –<br />

Mitteilungen des Beirats für die Entwicklung des<br />

<strong>Schausteller</strong>wesens, Berlin Dezember 1966, Juni<br />

1987 <strong>und</strong> September 1989<br />

– Thüringer Geschichtsverein Arnstadt: Festschrift<br />

zum 150. Arnstädter Wollmarkt, Arnstadt 1999<br />

– Dietmar Winkler: Abriss einer Geschichte <strong>der</strong><br />

<strong>Volksfeste</strong> <strong>und</strong> des <strong>Schausteller</strong>wesens, Beilage<br />

zur Zeitschrift Unterhaltungskunst Dezember 1983<br />

– Dietmar Winkler: Bummel über den Rummel,<br />

Zeitschrift Unterhaltungskunst November 1971<br />

– Der Komet, diverse Jahrgänge<br />

– <strong>Kirmes</strong> & Park Revue, Ausgaben 1 - 110


Dies ist <strong>der</strong> zweite Son<strong>der</strong>band <strong>der</strong> im Jahr 1996<br />

gegründeten <strong>und</strong> jeden Monat erscheinenden<br />

Zeitschrift <strong>Kirmes</strong> & Park Revue. Das erste <strong>Kirmes</strong><br />

Special, erschienen zum 10-jährigen Geburtstag<br />

dieser Publikation im Jahr 2005, befasste sich<br />

ausschließlich mit den Karussells in <strong>der</strong> B<strong>und</strong>esrepublik<br />

<strong>der</strong> 50er- <strong>und</strong> 60er-Jahre.<br />

Die neue <strong>Kirmes</strong> Special Ausgabe ist dem Thema<br />

„<strong>Schausteller</strong> <strong>und</strong> <strong>Volksfeste</strong> <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>“ gewidmet<br />

<strong>und</strong> dokumentiert ausführlich in Wort <strong>und</strong> Bild<br />

das <strong>Kirmes</strong>geschehen <strong>und</strong> das <strong>Schausteller</strong>leben<br />

während <strong>der</strong> 40-jährigen Epoche des zweiten<br />

deutschen Staates: <strong>der</strong> <strong>DDR</strong>.<br />

ISBN 3-9808913-5-6<br />

4 197061 309909 70002

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