Der Mensch und die Kultur

ktu.linz.ac.at

Der Mensch und die Kultur

Der Mensch und … - eine Selbstvergewisserung

Vortragsreihe des IKP im Studienjahr 2008/09

Birgit Recki, Hamburg:

Der Mensch und die Kultur

In ungewöhnlicher Form fand am Mittwoch, dem 21. Jänner 2009, der für das Wintersemester

letzte Vortrag der Reihe „Der Mensch und… - eine Selbstvergewisserung“ statt.

Aufgrund einer witterungsbedingt erheblichen Verspätung im Flugverkehr war es Professorin

Birgit Recki nicht möglich, zeitgerecht in Linz zu sein. So wurde der Vortrag nicht von Recki

selbst, sondern von Prof. Michael Hofer referiert, dem Recki das Manuskript übermittelt

hatte.

Mensch und Kultur, wie ist das zu verstehen? Ausgehend von dieser Frage - Handelt es sich

um zwei unabhängig nebeneinander stehende Dinge? Ist Kultur etwas später Hinzukommendes,

dem Menschen bloß irgendwie Angelagertes? - macht Recki deutlich, dass es sich

bei Kultur nicht um etwas Äußeres, gleich einem Überzug, einer Firniss, einer (auch entbehrlichen)

Verschnörkelung, handelt, sondern um die durch den Menschen immer schon stattfindende

Funktion produktiver Lebensgestaltung; Mensch und Kultur stehen in einem Verhältnis

inniger und vor allem auch wechselseitiger Durchdringung - eine Grundgegebenheit

menschlichen Lebens, die mit der philosophischen Anthropologie bzw. Kulturphilosophie

(stichwortartig sind etwa Simmel, Scheler, Plessner, Gehlen zu nennen) als „Unhintergehbarkeit

der Kultur" festzuhalten ist.

Bewusst keinen Streifzug durch diese Denktraditionen will Recki bieten, sondern stattdessen

zwei Denker näher beleuchten, die Bestimmungen dieses Verhältnisses versucht haben und

bei denen offenbar wird, dass und wie Kulturphilosophie notwendigerweise als philosophische

Anthropologie zu verstehen ist.

Ernst Cassirer hat in seiner „Philosophie der symbolischen Formen" (1923-1929) formgebende

geistigen Energien - das Verstehen und Erzeugen von Symbolen als Vermittlung von

Sinnlichem und Geistigem („symbolische Prägnanz") - herausgearbeitet. Dies ist so grundlegend

für den Menschen, dass der Mensch ohne diese bedeutungshervorbringende freie und

befreiende Tätigkeit des Geistes, mithin der Mensch bar jeder kulturellen Erscheinung (Sprache,

Ritual, Mythos, Geschichte, Kunst, Wissenschaft...) überhaupt nicht gedacht werden

kann. In diesem Sinn sei es nach Cassirer auch verfehlt, mit Rousseau von der „Entfremdung"

des Menschen durch Kultur zu sprechen; nicht dass es z.B. knechtende Kultur nicht

geben könne; aber wie sollte man dieses Verdikt über Kultur an sich verhängen, wo Mensch

und Kultur schlicht nicht zu trennen sind - und auch der erträumte Naturzustand des Menschen

sich bei genauerem Zusehen als kulturdurchtränkt offenbart.

In Hans Blumenbergs nachgelassener „Beschreibung des Menschen" (2006) werden diese

Überlegungen Cassirers bis zu dem Moment zurückgeführt, wo der Mensch entwicklungsgeschichtlich

auftritt. Eben weil sich dies aber nicht rein naturgeschichtlich ableiten lasse,

könne man diesen Moment nur als Kryptogenese fassen. Wie sich dieser Kairos rekonstruieren

lässt und welche Definitionen des Menschen sich daraus ergeben, gewinnt in der präzisen,

eigentümlich verdichteten Sprache Blumenbergs mitunter geradezu poetische Qualität.

„Einsparung von Konfrontation mit der Wirklichkeit", „Fähigkeit zur Distanznahme": nur zwei

der Kurzformeln, die den Menschen nach Blumenberg kennzeichnen - in ihrem Auftreten

spannt sich momentartig und unverlierbar zugleich der Horizont auf, in dem Mensch und

Kultur erst möglich sind.


War auch eine Diskussion mit Recki nicht möglich, so hat Prof. Michael Hofer doch die Möglichkeit

eines Meinungsaustauschs geboten. Ausführlich wurde diskutiert, ob die fehlenden

Differenzierungen innerhalb der „symbolischen Formen" bei Cassirer nicht zu monieren

seien, stünden bei ihm doch z.B. Sprache, Kunst und Wissenschaft nebeneinander. Zumindest

eine Unterscheidung von Kultur und Zivilisation scheint sinnvoll. Dass in der Tat etwa

Sprache als Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation und damit von kulturellen Formationen

diesen nicht nebengeordnet sondern vorgelagert (gewissermaßen also transzendental)

gedacht werden müsse, gab auch Hofer als eines der Hauptprobleme bei Cassirers

Entwurf zu bedenken.

Prof. in Dr. in Birgit Recki ist Professorin am Department Philosophie der Universität

Hamburg und zugleich Sprecherin des Departments sowie Leiterin der Ernst-Cassirer-

Arbeitstelle; ihre Arbeitsfelder sind Ethik, Ästhetik und Kulturphilosophie –schwerpunktmäßig

des 18. Jahrhunderts und der neueren Moderne.

Kurzbiographie

• 1984/ 1995 Promotion/ Habilitation an der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster

• 1985-1992 Lehrtätigkeit an der FH Münster (FB Design) und der Kunstakademie Münster

• 1985-1997 Lehrtätigkeit am Phil. Seminar der Westfälischen Wilhelmsuniversität Münster

• 1993-1997 Dozentin an der Universität Lüneburg (FB Kulturwissenschaften)

• 1997- Professorin für Philosophie an der Univ. Hamburg; Leiterin der Ernst-Cassirer-

Arbeitsstelle, Herausgeberin des zu Lebzeiten veröffentlichten Werkes von Ernst

Cassirer (Ernst Cassirer Gesammelte Werke - Hamburger Ausgabe, 1998-2007)

Jüngste Publikationen

Kultur als Praxis. Eine Einführung in Ernst Cassirers Philosophie der symbolischen

Formen, Berlin (Akademie-Verlag) 2004

• (Hg.), Kant lebt! Sieben Reden und ein Kolloquium zum 200. Todestag des Aufklärers,

Paderborn (mentis Verlag) 2006

• Die Vernunft, ihre Natur, ihr Gefühl und der Fortschritt. Aufsätze zu Immanuel Kant,

Paderborn (mentis Verlag) 2006

• (Hg.), Ernst Cassirer, Gesammelte Werke (Hamburger Ausgabe in 25 Bänden), Hamburg

(Meiner Verlag) 1998-2007

• Freiheit, Stuttgart (UTB) 2009 (angekündigt)

• Weiters zahlreiche Beiträge in Sammelwerken und Zeitschriften zu Ethik, Ästhetik,

Kulturphilosophie (Kant, Nietzsche, Frankfurter Schule, Cassirer; moralische

Orientierung, ästhetische Erfahrung, Kunst, Filmästhetik) sowie Lexikonartikel (u. a. in

„Religion in Geschichte und Gegenwart“ –RGG).

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