Ich gegen mich - Kulturradio

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Ich gegen mich - Kulturradio

Abteilung: Kirche und Religion Redaktion: Anne Winter

Sendereihe: Gott und die Welt Autor/-in: Elena Griepentrog

Sendedatum: 30.06.2013 Sendezeit: 9.04-9.30 Uhr/kulturradio

Prod.: 24.06.2013

9.15-17.00 Uhr/T9

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Insbesondere darf das Manuskript weder ganz noch teilweise abgeschrieben oder in sonstiger Weise vervielfältigt werden.

Eine Verbreitung im Rundfunk oder Fernsehen bedarf der Zustimmung des RBB (Rundfunk Berlin-Brandenburg).

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GOTT UND DIE WELT

Ich gegen mich

Der heimliche Krieg gegen sich selbst

Sprecherin:

Regie:

Regina Lemnitz

Ralph Schäfer


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Musik Harald Genzmer, Sieben Studien für Oboe solo, Track 10, darauf

O-Ton 1 - Finke*: Das ist so ein Virus, der sagt: Es das darf nicht sein, dass ich glücklich

bin. Oder es darf nicht sein, dass ich aufsteige. Ich muss auch irgendwie im Leid

zuhause sein.

O-Ton 2 - Müller: Alles ist schlecht, keiner liebt mich. Alle sind sie böse zu mir. So ne

Sachen kenne ich zur Genüge.

O-Ton 3 - Selnow*: Also, das, was ich sage, ist nicht wichtig, und ich bin eigentlich auch

gar nicht wichtig.

O-Ton 4 - Finke: Oh, ich kann mich gut antreiben, schneller, höher, weiter, das

Leistungsprinzip, das funktioniert bei mir.

O-Ton 5 - Müller: Och, du bist doch nichts wert. Bist doch bloß ne Frau.

O-Ton 6 - Selnow: Man verinnerlicht das, ja, es wird zum Eigenen. Zum eigenen

Saboteur, den hat man dann in sich. Und der ist hartnäckig. (Lachen)

Titelsprecherin: Ich gegen mich – der heimliche Krieg gegen sich selbst.

Eine Sendung von Elena Griepentrog

Autorin:

Er kann ein beinahe niedliches Tierchen sein, mit spitzen, kleinen Zähnchen. Er kann

aber auch wachsen und sich aufblähen und einem bleischwer im Genick sitzen. Und er

kann sogar ein übermenschliches Monster werden, das einen in die Knie zwingt und

nicht mehr aufstehen lässt. Der innere Saboteur. In vielen Menschen haust ein solcher.

Manchmal kennen wir ihn, nicht selten führt er aber auch ein Leben im Verborgenen.

Denn dort, im Dunkeln, kann er besonders gut seinen Machenschaften nachgehen –

und seinen Wirt in chronischen Pessimismus, giftige Unzufriedheit oder panische

Ängste stürzen.

O-Ton 7 - Müller: Wenn ich schlecht drauf bin, sehe ich in jedem Krankenwagen ein

enge Person von mir liegen. Kann ich hervorragend mir vorstellen, so richtig in diese

Katastrophenstimmung reinzufallen und das mir auszumalen, in allen Farben, Blut

überall und so weiter, bis ich dann sage: Stopp, so nicht!

Autorin:

Sabine Müller, Ende der 1940er geboren. Als Kind ist sie kleiner und zarter als die

Anderen, sie steht immer am Rand, in der Schule wird sie viel verspottet, hat keine

beste Freundin. Ihre Eltern geben ihr als Aussteuer zwar eine gute Schulbildung.


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Trotzdem lernt sie als Mädchen: Die äußere Fassade ist das Wichtigste - bloß brav sein,

bloß nicht auffallen, bloß nichts falsch machen. Wenn Sabine sich als junge Frau mit

einer Freundin im Café trifft, ist sie so angespannt, dass sie Nackenschmerzen

bekommt. Noch heute fällt es ihr schwer, an die Tür zu gehen, wenn sie nicht

geschminkt ist – geschweige denn, aus dem Haus.

O-Ton 8 - Müller: Ich kann sagen, dass ich mich dann nicht attraktiv genug fühle oder

dass ich nicht perfekt bin. Es muss immer noch ein bisschen mehr sein, dann reicht es.

Aber dieses bisschen mehr erreiche ich nie. Wie so eine Mohrrübe, die man einem Esel

vorhält... die Mohrrübe rückt immer weiter voraus.

Autorin:

Wenn sie irgendwo dazu gehören will, muss sie sich das verdienen. Sabine Müller lernt

früh: Sie selbst sein, genügt nicht.

Schon als Kind singt sie gern, liebt es, Theater zu spielen. Doch sie soll etwas

Vernünftiges lernen, Bibliothekarin. Sie heiratet einen ruhigen, nüchternen Mann,

bekommt eine Tochter. Erst mit Mitte 50 fängt sie an, ihren großen Traum zu leben –

die Bühne! Obwohl sie nun seit rund zehn Jahren als Schauspielerin und Sängerin

regelmäßig auftritt, zweifelt sie noch an ihren Fähigkeiten.

O-Ton 9 - Müller: Ich kann doch nicht singen! Ich kann doch nicht schauspielern. Das

geht doch gar nicht! Ich habe auch Angst vor meiner eigenen Kraft. Habe ich panische

Angst vor. Vielleicht bin ich deshalb manchmal so wütend. 16 0,12 Es könnte was

Positives passieren, ich könnte Erfolg haben, ich könnte toll sein, ich könnte berühmt

sein, ich könnte was weiß ich....sonst was sein. Aber das darf ich ja alles nicht sein.

Warum darf ich nicht Erfolg haben, warum darf ich nicht mein Leben genießen?

Musikzäsur 1, Arnold Schönberg, Drei Klavierstücke, Take 2, ab Anfang

Autorin:

Selbstsabotage. Der subtile Krieg gegen sich selbst, mal im Großen, mal im Kleinen.

Fast jeder kennt dieses Phänomen, viele im Privatleben, Andere eher im Beruf.

„Mindfuck“ lautet der geradezu aggressive Titel eines Wirtschafts-Bestsellers. Ein

unfeiner, aber pointierter Ausdruck für Selbstsabotage. Autorin Petra Bock kennt aus

ihrer langjährigen Praxis als Managementberaterin allein sieben Hauptarten, sich zu

sabotieren - von der Selbstverleugnung über das Sich-selbst-Einkerkern in einem

System von willkürlichen Regeln bis hin zur Übermotivation und ständigem Bewerten

Anderer. Unter „Mindfuck“ versteht Petra Bock eine Art Filter, durch den wir die


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Realität verzerrt wahrnehmen und dann entsprechend ungesund handeln. Das kann als

aggressiv-attackierende oder als depressiv-jammernde Form auftreten. Das Ergebnis

ist jedoch das Gleiche.

O-Ton 10 - Bock: Das Problematische ist, dass wir in Mindfuck-Muster ganz stark unter

unseren eigenen Möglichkeiten bleiben. Wir agieren in selbst gezogenen Grenzen, die

so gar nicht mehr existieren. Und uns kleiner reden, unser Leben und unsere

Möglichkeiten kleiner reden, als sie tatsächlich sind.

Autorin:

Lebensfreude, eine natürliche Lust, Neues auszuprobieren und zu lernen, ein

entspanntes, erfülltes Privat- und Berufsleben rücken in weite Ferne. Dahinter steht in

der Regel ein System aus so genannten Glaubenssätzen. Sprüche und echte oder

vermeintliche Weisheiten, die wir in jungen Jahren eingebrannt bekommen. „Die

Menschen sind schlecht“, „Ohne Fleiß kein Preis“, „Erst die Arbeit, dann das

Vergnügen“. Oder auch Etiketten, die uns jemand aufgedrückt hat, „Du bist eben keine

Schönheit“, „So was gibt’s in unserer Familie nicht“, „Das kannst du doch gar nicht“.

Der innere Saboteur liebt solche Sprüche. Sein Weltbild ist einfach, seine Botschaften

sind voller Stereotypen, und vor allem sind sie unumstößlich wie ein Naturgesetz. Die

Saboteure sind das Wachpersonal unseres inneren Gefängnisses. In Petra Bocks

Coaching-Praxis kommen häufig Top-Manager, die übermäßig die Peitsche schwingen.

O-Ton 11 - Bock: Das ist eine interessante Welt, die da zu Tage kommt, Denkwelt, die

sich da zeigt, die damit zu tun hat, dass ein Mensch den Eindruck hat, nur mit Druck

gehen Dinge weiter. Und nur, wenn man laut wird, wenn man Andere im Grund erpresst

mit sehr engen Zeitbudgets, dann würde überhaupt etwas funktionieren. Die

Grundvorstellung ist die, das Leben kann nicht entspannt und gelassen ablaufen,

sondern Leistung hat immer mit Druck zu tun.

Musikzäsur 2, Schönberg, Take 3, ab Anfang

O-Ton 12 - Selnow: Dieses Ruhelose, dieses Rastlose. So...immer machen und tun. Ich

kenne mich, dass ich nachts um neun, im Herbst, wo es schon dunkel war, Fenster

geputzt habe, (Lachen) aber, weil es dunkel war und ich von innen nichts mehr gesehen

habe, bin ich aufs Fensterbrett gekrochen und habe die von außen geputzt, also so was

Absurdes würde ich heute gar nicht mehr machen, weil das ja auch sehr gefährlich war.

Aber mussten irgendwie noch die Fenster geputzt werden, es musste irgendwie noch

gemacht werden.

Autorin:

Olaf Selnow, Jahrgang 1962, Erzieher. Träumen, in sich hineinhorchen, seinen


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Gefühlen folgen, einfach mal nichts tun – das ist nicht erlaubt. So ist er groß geworden,

immer bekam er eine Aufgabe, von Betten machen bis Kohlen schleppen. Doch

Selnows innere Saboteure piesacken nicht nur, sie sind ausgewachsene

Lebenssaboteure.

O-Ton 13 - Selnow: Ich glaube, … nicht zur Ruhe kommen dürfen. Weil da hätte

Bedrohliches hochkommen können. Deswegen immer dieses hohe Anspannungsniveau.

Und immer mit was beschäftigt sein. Ich glaube, das war doch eher die Ängste vor

Gefühlen.

Autorin:

Einsamkeit, Angst, Verzweiflung, vor allem aber ohnmächtige Wut. Gefühle, von denen

sich Olaf Selnow bedroht fühlt. Bei ihm zu Hause waren Gefühle jeder Art Fremdwörter.

Sein Vater, ein Maurer, arbeitet viel und ist selten zu Hause, ist vor allem fürs

Verprügeln zuständig. Seine Mutter ist kalt, lobt nicht, tröstet nicht, nimmt ihn und

seine drei Geschwister nie in den Arm.

O-Ton 14 - Selnow: Also, ich musste halt sauber machen und die Öfen heizen und habe

mich total angestrengt, jeden Tag mehr, und wenn meine Mutter dann kam, die hatte

einen Putzjob, und wenn sie dann nach Hause kam, hat sie es alles noch mal gemacht.

Und hat mich ausgeschimpft, weil das nie genug war, nie sauber genug war, nicht

richtig war. Bis hin zu Ohrfeigen.

Autorin:

Mit 18 macht Selnow Abitur und flieht dann regelrecht von zu Hause. Doch aus dem

Lehramtsstudium wird nichts, Beziehungen scheitern, der Traum von einer eigenen

Familie platzt. Er hat Panikattacken, bis heute kann er kaum unter Brücken oder

Kränen durchgehen, aus Angst, sie würden über ihm zusammen brechen. Vor allem hat

er das Gefühl, in seinem Leben ständig zu versagen.

Musikzäsur 3, Schönberg, Take 2, ab 3,28

O-Ton 15 - Finke: Also, ich habe inzwischen drei Berufe, und es ist mir durch

verschiedene Umstände oft nicht gelungen, da, wo ich war, wo ich auch erfolgreich war,

wirklich Fuß zu fassen.

Autorin:

Kerstin Finke, Anfang der 1960er Jahre geboren. Immer wieder ist sie beruflich eine

Weile erfolgreich, dann bricht sie ein. Und muss wieder einmal von vorne anfangen.

O-Ton 16 - Finke: Ja, das bin ich. Irgendetwas triggert da und lässt mich irgendwie in


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die Irre laufen. Und sorgt nicht dafür, dass es in gerade Bahnen kommt, Ich bin wirklich

nicht erfolglos, keine Frage. Dennoch könnte es mehr sein. Wenn dieser Saboteur nicht

irgendwo hier in meinen Genen wäre.

Autorin:

Kerstin Finke hat viel Lebenskraft, lacht gern, hat einen Partner und gute Freunde. Als

Mediatorin, Coach und Dozentin arbeitet sie diszipliniert und gewissenhaft. Doch bei

einem ihrer Seminare macht sie einen Fehler.

O-Ton 17 - Finke: Und dann dachte ich, da habe ich mich selber bestraft, ich darf für die

nicht mehr arbeiten. Weil ich dachte, ich bin da gleich unten durch. Und das hat sich

jetzt heraus gestellt, dass das meine Fantasie war und überhaupt nicht gestimmt hat.

Autorin:

Fehler machen ist nicht erlaubt. So hat sie es gelernt, als Schülerin in der DDR und zu

Hause. Wer einen Fehler macht, der bekommt schnell zu hören: Du taugst nichts. Auch

an der renommierten Schauspielschule. Zwei Jahre studiert sie dort als junge Frau.

Dann wird sie rausgeworfen, aus Gründen, die bis heute im Dunkeln liegen. Doch der

mysteriöse Rauswurf haut in eine schon vorhandene Kerbe. Und hinterlässt eine

Wunde, die Kerstin Finke noch dreißig Jahre später im Weg steht. Zum Beispiel bei

ihrer Arbeit als Regisseurin einer Theatergruppe.

O-Ton 18 - Finke: Das sind lauter Laien, mache ich sehr gern, schätze ich sehr viel Wert,

und ich habe jetzt aber heraus gefunden, dass ich Lust habe, mit Profis zu arbeiten.

Und das traue ich mich aber nicht. Stattdessen habe ich mir eine jugendliche

Theatergruppe gesucht. Weil da kann mir nicht so viel passieren. Und ich gehe dann

den Weg nicht.

Musikzäsur 4, Schönberg, Take 2, ab 1,06

Autorin:

Ganz normale, erfolgreiche Menschen stellen sich immer wieder selbst ein Bein. Doch

woher kommt dieses so weit verbreitete Phänomen? Oft sind es Erziehungsmuster und

vorgelebte Lebensprinzipien aus frühester Kindheit. Manche dieser Botschaften haben

uns ursprünglich Orientierung geboten. Oder Schutz vor Blamage und Verletzung.

Heute verengen sie uns uns oft extrem den Blick. „Wir sind Flüchtlinge, uns steht das

gar nicht zu“, „Nur körperliche Arbeit ist richtige Arbeit.“ „Glaub bloß nicht, du wärst

was Besseres.“ „Du musst das schaffen, sonst bist du ein Versager“. „Die braucht das

nicht, die ist doch bloß ein Mädchen.“


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O-Ton 19 - Müller: Ich habe mit Mitte zwanzig den Führerschein gemacht und und dann

hat mich mein Vater Auto fahren lassen. Da ist meine Mutter ausgestiegen. Ich kann

doch nicht Auto fahren! Mein Bruder, der durfte sie fahren, ich nicht.

Autorin:

Die Stimmen der Eltern und Großeltern, der Lehrer oder Pfarrer kriechen mit ihren

Botschaften in unser Inneres. Noch heute hat Sabine Müller große Mühe, einfach mal

dazusitzen und zu sinnieren.

O-Ton 20 - 14 0,03 Müller: Da ist dann immer so die Stimme meines Vaters im

Hintergrund: Hast Du nichts zu tun? Tja...

Autorin:

Sinnieren, gar Nachdenken ist zu Hause nicht erwünscht, wie bei vielen Familien im

Deutschland der 1950er und 60er Jahre. Jeder hat zu funktionieren, auf Fragen folgt

Schweigen, bei Familienfeiern machen Vater und Onkel Witze über ihr lustiges

Kriegsabenteuer. Lebensgenuss, Freude, Ausgelassenheit gibt es dagegen nicht. Vor

allem bei Sabines Mutter.

O-Ton 21 - Müller: Ich habe nie erfahren, was sie im Krieg gemacht hat, ich weiß nur,

dass sie praktisch immer psychisch krank war. Sie war unglaublich angstkrank

eigentlich, und eben auch depressiv, und das war natürlich wahnsinnig schwierig, da

Lebensfreude aufzubauen. Man musste ja immer alle Emotionen unterdrücken, dieses

vornehme Englische, niemals zeigen, was man wirklich fühlt, was man wirklich denkt,

sondern immer dieses Lächeln – Fassade. Fassade ist das richtige Wort!

Musikzäsur 5, Schönberg, Take 3, ab 1,55

O-Ton 22 - Selnow: Ich war früher immer der Meinung, dass es an mir lag, an mir selbst.

Das ich nicht klug genug bin, nicht schön genug bin, nicht fleißig genug und bin nie auf

die Idee gekommen, dass es andere Ursachen haben kann, habe immer an mir selber

gezweifelt, bis zum Verzweifeln.

Autorin:

Olaf Selnow ist fast fünfzig, als es ihm seelisch wie gesundheitlich so schlecht geht,

dass er eine Therapie beginnt. Seitdem entdeckt er, wie stark seine Versagensangst

und das ständige Scheitern seiner Beziehungen mit dem Familiengeflecht

zusammenhängen. Und wie viel die Lieblosigkeit und seelische Grausamkeit seiner

Mutter mit der Vergangenheit zu tun haben.

O-Ton 23 - Selnow: Dass meine Eltern durch den Krieg so traumatisiert sind, dass die

einfach mir so ein Vertrauen, so ein Wohlwollen, so ein Selbstbewusstsein nicht


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zugestehen konnten. Beziehungsweise auch daran gearbeitet haben, das noch weiter

kaputt zu machen.

Autorin:

Selnow fängt an, die Familiengeschichte zu recherchieren – vom geliebten Vater der

Mutter und den Onkeln, die alle nach und nach einfach verschwinden. Von den

gewalttätigen Russen, die stattdessen kommen. Von dem damals sechsjährigen kleinen

Mädchen, das miterleben muss, wie seine Mutter vergewaltigt wird. Von

Bombennächten, Hungertyphus, dem Verlust der Wohnung und einem Neu-Anfang in

einer ehemaligen KZ-Baracke. Als Selnow sich intensiv mit der Lebensgeschichte

seines Großvaters befasst, spürt er dessen Angst vor der Front geradezu körperlich.

O-Ton 24 - Selnow: Dass ich morgens am Tisch saß, habe mir meinen Kaffee gemacht,

meinen Pott Kaffee, meine zwei, drei Zigaretten geraucht, und saß da, ganz

verkrümmt, mein Herz war am Rasen, die Hände waren verschwitzt und ich hatte

immer so Gedanken wie: Das schaffst du nicht, das ist ja furchtbar, das ist ja

schrecklich, oh Gott oh Gott, wie krieg ich das nur hin, was mach ich nur, wie soll ich

den Tag schaffen. Also, das war dann so mein Morgenritual.

Musikzäsur 6, Schönberg, Take 2, ab 7,04

Autorin:

Auf der Couch des Arztes und Psychotherapeuten Christoph Seidler liegen immer

wieder Patienten, die sich auf verschiedene Weise selbst im Weg stehen. Schon vor

vielen Jahren ist Seidler aufgefallen: Viele seiner Patienten haben Eltern, die als kleine

Kinder massive Schäden im Krieg bekommen haben.

O-Ton 25 - Seidler: Man nennt das sozusagen seelische Zentralisation, so ähnlich wie

beim Schock, wenn der Blutkreislauf nur noch Herz, Hirn und Lunge übernimmt, und

der Rest, Extremitäten beispielsweise faulen ab oder werden nicht durchblutet. So

ähnlich ist es, dass diese Situation für diese Kinder kein Wachstumserlebnis ist und für

emotionale Differenzierung und Entwicklung denkbar schlimm ist, kann man sich

vorstellen. Und solche Kinder werden jetzt Eltern. Was müssen die Kinder machen?

Diese Kinder müssen die ganze emotionale Undifferenziertheit der Eltern, das, was

Hoffnung ist, Zuversicht, das müssen sie ihnen zur Verfügung zu stellen. Sind

verpflichtet, Sonnenschein zu sein. Sind verpflichtet, die Eltern zu beeltern sozusagen.

Und auf diese Weise sind sie überfordert von Anfang an und einseitig sozusagen

ausgebeutet und dann werden sie dreißig. Und nun fangen sie an, selber ihr Leben zu

gestalten und stellen fest, wie streng sie sind zu sich.

Autorin:

Können Eltern ihren Kindern nicht genug Liebe und Geborgenheit geben, sei es, weil

sie traumatisiert sind, oder weil sie ständig betrunken, unter Drogen oder krank sind,


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dann fühlen sich die Kinder oft daran schuldig – ein Paradies für innere Saboteure.

Auch für begabte Kinder aus einfachen Verhältnissen hat der soziale Aufstieg nicht

selten einen hohen Preis gehabt. Ihre oft lebenslange Scham für die Herkunft ist ein

ausgewachsener innerer Saboteur, das Leben wird zu einer Reise mit angezogener

Handbremse.

Bei Christoph Seidler stehen inzwischen immer öfter auch Führungskräfte und

Manager vor der Tür, mit ihren ganz eigenen Saboteuren. Eine Folge der

wirtschaftlichen Entwicklung seit den 1990er Jahren – hin zu Globalisierung, Neo-

Liberalismus und Entgrenzung der Arbeit.

O-Ton 26 - Seidler: Dass Leute sich verantwortlich fühlen für etwas, was sie gar nicht

schaffen können. Also, Ideale haben, was sie alles machen müssten. Und sich auf diese

Weise, Perfektionismus, Leistungsstärke, so was von überfordern, dass sie zusammen

brechen. Das ganze Thema Burn-out in dieser Massivität hat damit zu tun.

Musikzäsur 7, Schönberg, Take 2, 2,00

Autorin:

Kerstin Finke wähnt sich in ihrem Leben oft auf unsicherem Terrain, das Gefühl von

Sicherheit und festem Boden unter den Füßen ist ihr fremd.

O-Ton 27 - Finke: Ich habe sehr viel Selbständigkeit und Freiheit gelebt als Kind. Was

ein großes Plus ist. Es gab nicht viele Reglement, es gab keine großen Ängste, und ich

konnte machen, was ich wollte. Was ich vermisst habe, ist: Dass es jemand richtig gut

findet und jemand Anteil daran nimmt und sagt, Mann, das hast du toll gemacht, mach

mal noch mehr oder weiter. Oder das interessiert mich, was du machst, erzähl mal oder

zeig uns mal. Und das ist einfach ausgeblieben. Und daher kommt mein Gefühl, es ist

irgendwie egal, was ich mache und das Gefühl, na ja, so doll ist es nicht. Und das ist

schon ein bitterer Punkt.

Autorin:

Nestwärme und bedingungslose Liebe hat Kerstin Finke zu Hause nicht erlebt. Sie

stammt aus einer Familie, die in der Nazi-Zeit im kommunistischen Widerstand war. Und

verraten wurde. Die Mutter, eine intelligente und engagierte, aber emotional

verpanzerte Frau, nutzt Kerstin unbewusst für ihre eigenen, nie gestillten Bedürfnisse.

Wenn sie als Kind zu lebhaft ist, wird sie auch mal mit Kontaktabbruch bestraft.

Musikzäsur 8, Schönberg, Take 2, ab 7,58

Autorin:

Der innere Saboteur muss kein ständiger Begleiter im Leben bleiben. Viele Experten


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raten, ihm vor allem ein Gesicht zu geben. So wird er identifizierbar, seine Sprüche

überprüfbar, letztlich lässt er sich so auch abschieben. Petra Bock, Autorin des Buches

„Mindfuck“, hat eine eigene Methode entwickelt, möglichst jeder soll sich damit selbst

befreien können aus dem inneren Gefängnis.

O-Ton 28 - Bock: Der erste Schritt ist, dass man ein Gefühl dafür bekommt, wann man

in sich selbst blockierenden Denkmustern verharrt. Sie können davon ausgehen, dass

Sie immer dann, wenn sie sich schlecht fühlen, vorher irgendeinen Mindfuck hatten.

Und das ist ganz interessant zu merken, Mensch, jetzt fühl ich mich gerade irgendwie

komisch und nicht so in meiner Kraft, was habe ich denn eigentlich gerade gedacht.

Und in der Regel finden Sie dann einen der sieben Verdächtigen, manchmal auch in

irren Kombinationen, weil die sich gegenseitig auch hochschaukeln können und

verzahnen können, und dass die bei wichtigen Themen auch zusammen arbeiten.

Autorin:

Dann folgt der nächste Schritt zur Befreiung von den Saboteuren:

O-Ton 29 - Bock: Da geht es drum, eine erwachsene Lebenshaltung einzunehmen. Und

das klingt vielleicht erst mal provokativ, weil jeder von uns ist ja erwachsen. Mir ist

aufgefallen, dass dann, wenn wir nicht in unserer Kraft sind, in Muster abrutschen, die

man vergleichen könnte mit einem kindlichen Zustand oder mit einem strafenden

Eltern-Ich-Zustand, so nenne ich das. Und es ist sehr, sehr gut, für sich zu merken,

wann bin ich eigentlich in meiner Kraft als erwachsener, gestandener Mensch und

wann nicht. Und was würde ich über die Sache, die mich gerade beschäftigt, denken,

wenn ich in diesem Erwachsenen-Zustand bin. Wenn ich in meiner vollen Kraft bin, ist

es ganz erstaunlich, dass jeder Mensch, der in diesen Zustand geht, sofort ganz neue

eigene Lösungen entwickelt.

Autorin:

Schließlich rät Petra Bock, sich bewusst zu entscheiden, sogar dann, wenn es einem

gerade schlecht geht. Für eine neue Lebenshaltung: neugierig sein – Vertrauen in sich

selbst und in Andere wagen – neue Erfahrungen mit Freude angehen. Fehler und

Scheitern sind erlaubt.

Nur, wenn die Saboteure dauerhaft die Führung übernommen haben, dann, wenn

man nicht mehr in der Lage ist, seine Gefühle, Gedanken und sein Verhalten bewusst

zu steuern, empfiehlt sie eine Psychotherapie.

Olaf Selnow hat sich bei einer auf die Spätfolgen des Kriegs spezialisierten

Therapeutin der Vergangenheit gestellt. Und gelernt, Gefühle zuzulassen. Nicht nur

gewaltige Wut kam ans Tageslicht, sondern auch Freude, Lebenslust und Genuss. Die

Saboteure verlieren an Kraft, stellt er bei einem Spaziergang in der Stadt fest.

O-Ton 30 - Selnow: Die Sonne schien und auf der anderen Kanalseite war orientalischer


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Markt und eine Jazz-Band spielte und spielte Musik von Gershwin, Liebeslieder, und

das war so schön, hätte heulen können vor Glück (Lachen). Und früher, ich glaube, vor

zwei Jahren, hätte ich mich in der gleichen Situation noch über irgendjemanden

geärgert, über einen Fahrradfahrer, der Staub aufwirbelt, irgendwas hätte ich schon

gefunden, wo ich mich dann wieder ärgern könnte.

Autorin:

Kerstin Finke hat ein offenes Erzähl-Café für die Nachkommen von Kriegskindern

gegründet. Ein Mal im Monat diskutieren hier rund 15 Menschen über ein bestimmtes

Thema, erzählen, weinen, lachen. Und trinken hinterher Wein.

O-Ton 31 - Finke: Das ist ein ausgesprochenes Glücksgefühl, ich fühlte mich ewig und

Jahrzehnte unverbunden, trotz Freunde, trotz sozialer Kontakte, also, es ist nicht so,

dass ich irgendwie seelisch oder geistig oder emotional verarmt bin, überhaupt nicht.

Trotzdem ist es was Anderes, mit Kriegsenkeln zusammen zu sein, mit Kriegsenkeln

Geschichten zu teilen, Emotionen und auch genau diese Miste durchzugehen, weil

sofort jeder andockt und zu erzählen weiß. Und da gibt es einfach eine große Nähe und

eine große Solidarität.

Autorin:

Sabine Müller ist dabei, behindernde Glaubenssätze aus längst vergangenen Zeiten

aufzulösen.

O-Ton 32 - Müller: Im letzten Jahr hatte ich so eine heftige Erkältung. Und da habe ich

mich auf unsere Terrasse gesetzt, und da war auch noch Sonne und relativ warm. Und

habe wirklich eine Stunde auf der Terrasse gesessen und habe einfach nur in die Luft

gestarrt. Und ich fand das toll. Und das war irgendwie so etwas wie eine Initialzündung,

wo ich mir gesagt habe: Warum hetzt du wie eine Blöde durch dein Leben, um doch

bloß immer wieder unzufrieden zu sein? Pausen machen!

Autorin: Die inneren Saboteure, die putzigen wie die ausgewachsenen, sie müssen sich

warm anziehen. Denn Menschen können sie erkennen, ihre falschen oder veralteten

Botschaften entlarven. Und ihnen dann die Tür weisen, allein oder mit Hilfe.

Musik Harald Genzmer, Sieben Studien für Oboe solo, Track 10, darauf

Titelsprecherin:

Ich gegen mich – der heimliche Krieg gegen sich selbst

Sie hörten eine Sendung von Elena Griepentrog

Es sprach: Regina Lemnitz

Ton: Kaspar Wollheim

Redaktion: Anne Winter

Regie: Ralph Schäfer


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Das Manuskript zur Sendung können Sie bei unserer Serviceredaktion bestellen aus

Berlin oder Potsdam unter 97993-2171 – oder per e-mail, religion@rbb-online.de. Und

zum Nachhören oder Lesen finden Sie die Sendung auch im Internet unter

Kulturradio.de.

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* Name der Redaktion bekannt

Musik:

Harald Genzmer, Sieben Studien (Capricci) für Oboe Solo, gespielt von Christian Wetzel

Arnold Schönberg, Drei Klavierstücke op 11, gespielt von Glenn Gould

Buchhinweise:

Petra Bock: „Mindfuck“, Knaur-Verlag

Christoph Seidler (Hrsg.): „Traumatisierung in Deutschland“, Psychosozial-Verlag

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