Lernen für ein selbständiges Leben - Ministerium für Kultus, Jugend ...

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Lernen für ein selbständiges Leben - Ministerium für Kultus, Jugend ...

SCHULPANORAMA

Lernen für ein selbstständiges Leben

IN DENNACH HABEN SCHÜLER EINE DORFKNEIPE WIEDERBELEBT

Die Pforzheimer Gustav-Heinemann-Schule hat mit zwei ausgelagerten Klassen einen ehemaligen

Gasthof in Dennach bezogen. An dem ungewöhnlichen Ort ist eine Schülerfirma entstanden, die einmal im

Monat für Einheimische und Freunde der Schule die Gasthauspforten öffnet. Die Schülerinnen und Schüler

trainieren dort den Ernstfall Leben.

„Aus dem Weg, aus dem Weg!“, bahnt sich Massimo seinen

Weg durch die Kneipe, zwei volle Gläser mit Spezi in den Händen,

und scheucht dabei auch seinen Schulleiter zur Seite.

Tagsüber lernen Schülerinnen und Schüler der Gustav-Heinemann-Schule

im Gastraum und Nebenzimmer des ehemaligen

Gasthofs Pflug in Dennach, einem Dörfchen mit rund 500 Einwohnern

im Nordschwarzwald, Stadtteil von Neuenbürg. An

diesem Maiabend jedoch sind die Holztische frühlingsfestlich

dekoriert mit grünen Decken und Servietten und selbst gebastelten

Laternen, natürlich mit Maiglöckchenmotiven. Gülbin

und Yannic stehen hinter der Theke, Mariangela und Alinda

helfen Massimo beim Bedienen, Zekerye koordiniert die Bestellungen,

damit jeder Gast sein Essen bekommt, und legt

nebenbei Hand an die Garnitur vom Wurstsalat. Tihomir,

Katrin und Manuel harren in der Küche der Geschirrberge, die

da unweigerlich kommen, wenn über hundert Leute essen und

trinken.

Einmal im Monat ist wieder Stammtisch im Pflug, der einst für

seinen Rostbraten berühmt war. Wenn das Klassenzimmer eine

ehemalige Dorfwirtschaft ist und ein Lehrer gelernter Koch -

da war die Idee für eine Schülerfirma mit dem Namen „Projekt

Gasthaus Pflug“ nicht weit. Nichts Besonderes? Doch, denn die

Schülerinnen und Schüler in den beiden Dennacher Außenklassen

leiden unter Down-Syndrom und Anfallskrankheiten,

Autismus, Verhaltensauffälligkeiten und massiven sozialen Problemen.

Vor allem leiden sie an dem Etikett „Geistigbehinderte“,

weiß Schulleiter Klaus-Peter Böhringer. „Verselbständigung

von Menschen mit besonderen Begabungen und Bedürfnissen“

hat sich deshalb die Gustav-Heinemann-Schule in Pforzheim

auf den Briefkopf geschrieben, wo vorher „Schule für

Geistigbehinderte“ stand.

STOLZ AUF DIE MONATSKARTE

Zwei Oberstufenklassen mit 14 Schülerinnen und Schülern

beherbergt die Außenstelle im Gasthof, davon beteiligen sich

neun am Projekt „Stammtisch“. Nicht alle können mitmachen.

Für autistische Kinder beispielweise bedeutet es zu großen

Stress, wenn ihr gewohntes Umfeld umgeräumt wird, deshalb

werden sie am Stammtisch-Tag in der Stammschule unterrichtet.

Die anderen durften jede Aufgabe in Küche und Gaststube

einmal ausprobieren, inzwischen hat jeder seinen Lieblingsplatz

gefunden.

Für fast alle Schülerinnen und Schüler in Dennach jedoch

gehört zur Verselbstständigung, dass sie als so genannte Selbstfahrer

ganz normal mit einer Monatskarte und öffentlichen

Verkehrsmitteln zur Schule fahren und nicht mit dem organisierten

Transport gebracht werden. Immerhin kommen sie aus

dem ganzen Enzkreis und nehmen bis zu anderthalb Stunden

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einfachen Schulweg auf sich. Was für andere Schülerinnen und

Schüler normal oder sogar lästig ist, ist für die Schülerinnen

und Schüler in Dennach eine bedeutende Errungenschaft.

„Die größte Strafe für sie ist, wenn ihnen die Monatskarte weggenommen

wird“, weiß der Schulleiter.

MICHAEL SCHUMACHER SCHAUT ZU

An der Tafel hängen noch die Bildchen mit Kleidungsstücken,

Pflegeartikeln und Wäsche, eine Zahl daneben gibt an, wie viel

davon für den Landschulheimaufenthalt im Juni eingepackt

werden muss. Poster mit Michael Schumacher und blonden

Pop-Sternchen an den Wänden zeigen, dass hier Jugendliche

zwischen 14 und 19 Jahren mit ganz normalen Interessen

unterrichtet werden. An den Tischen davor drängen sich die

Leute, dass die Teller mit Schweinebraten, Gemüsemaultaschen

und Wurstsalat, dorfkneipentypisch mit Zwiebelringen,

Fächergurke und Salzstängelchen garniert, kaum mehr Platz

finden. Im Oktober hat der Stammtisch zum ersten Mal aufgemacht,

inzwischen ist ohne Reservierung kaum ein Platz zu

bekommen. Eltern von Schülerinnen und Schülern kommen,

auch Ehemalige, Lehrkräfte, Kolleginnen und Kollegen aus der

Schule für Körperbehinderte in Karlsbad, aber auch Nachbarn

aus Dennach und den umliegenden Dörfern. Das Projekt hat

sich herumgesprochen. Am Stammtisch links neben dem Eingang

lässt sich eine Altherrenrunde Viertele und Pils schmecken

und hat an den fleißigen Jugendlichen sichtlich ihre Freude.

SITZEN IN DER ZWEITEN REIHE

Die haben am Stammtisch-Tag, immer der zweite Mittwoch im

Monat, den ganzen Tag zu tun, ehe um 17 Uhr die ersten Gäste

die steile Doppeltreppe zur Gasthaustür erklimmen. Wenn um

8.30 Uhr die Schule beginnt, ist Tische- und Stühleschleppen

und Dekoration der Gaststube angesagt, jedes Mal passend zur

Jahreszeit. In der Küche bereitet Lehrer und Koch Gerd Bossert

die Gerichte vor, die Jugendlichen schneiden Tomaten

und Salatgurken für die Garnitur und waschen Salat. „Letztes

Mal haben wir 160 Essen ausgegeben“, berichtet Bossert. Wie

in alten Pflug-Zeiten saßen die Gäste in zwei Reihen um die

Tische. Gülbin hat wenig angenehme Erinnerungen an den

Fleischkäse mit Kartoffelsalat, hat sie doch mit ihrer Lehrerin

Renate Wollinger-Leyh einen Zentner Kartoffeln geschält.

„Seither mag ich keine Kartoffeln mehr“, sagt Gülbin, die als

Geschäftsführerin der Schülerfirma auch für den Gang zur

Bank zuständig ist. Geldgeschäfte, Essen kochen, Umgang mit

Nahrungsmitteln – in dem Projekt sind viele Tätigkeiten

gebündelt, die in den Klassen zum alltäglichen Lernen gehören.

Alles dient dem Ziel möglichst selbstständigen Lebens.

Drei Lehrkräfte und eine Betreuerin arbeiten in Dennach.

Bevor es überhaupt losgehen konnte, haben sie in den Sommerferien

erst einmal zwei Wochen lang die Räume renoviert

und alles eingerichtet. Auch am Stammtisch-Tag haben sie alle

Hände voll zu tun, Lehrerin Carolin Poser nimmt Bestellungen

auf, Betreuerin Emma Jede hilft in der Küche. Das Lehrkräfte-

Team ist einer der Glücksfälle, die das Projekt erst möglich

machen. Hinzu kommen der Landkreis als „optimaler Schulträger“,

wie der Schulleiter lobt, und einige andere Partner. Die

Familie, die der Schule das Haus zur Verfügung gestellt hat,

besitzt Pferde, die nebenan auf der Weide grasen und von den

Schülerinnen und Schüler versorgt werden. Das Forstamt hat

der Schule eine Blockhütte im Wald überlassen, auf der Wiese

davor können die Jugendlichen Heu machen für die Pferde.

PROJEKTARBEIT LOHNT SICH

„Es gibt ein Riesenbetätigungsfeld für die Schülerinnen und

Schüler“, freut sich Klaus-Peter Böhringer. Als Pädagoge nennt

er das „Lernen in wirklichkeitsnahen Erfahrungs- und Erprobungsfeldern“.

So waren acht Oberstufenschülerinnen und

-schüler der Gustav-Heinemann-Schule über zwei Jahre aktiv

an dem Projekt „Altes Rathaus“ (Leben und Arbeiten auf dem

Bauernhof einschließlich Renovierung eines 333 Jahre alten

Fachwerkhauses) in Knittlingen-Kleinvillars beteiligt. Dort

haben inzwischen drei Schüler einen Arbeitsplatz und eine

Wohnung gefunden. Weitere zwei Klassen sind in Sternenfels-

Diefenbach und in Maulbronn-Zaisersweiher untergebracht,

wo sie sich aktiv in das Leben der Gemeinde einbringen. In

einer Trainingswohnung in Königsbach-Stein können die Schülerinnen

und Schüler den Ernst selbstständigen Wohnens erproben.

Böhringer ist sich sicher, dass die Schülerinnen und

Schüler aus solchen Projekten in das soziale und berufliche

Leben integriert werden können und Chancen auf ein Leben

jenseits der Werkstatt für Behinderte haben: „Wir müssen orientiert

an den Kompetenzprofilen unserer Schüler auf die Betriebe

zugehen und sie dort platzieren. Viele Betriebe sagen

uns, wir sollen für die Schlüsselqualifikationen sorgen, für die

nötige fachpraktische Qualifizierung sorgen sie selbst.“ Eine

ehemalige Schülerin beispielsweise arbeitet inzwischen im

Landratsamt.

Wenn um 20 Uhr für die Schülerinnen und Schüler der Stammtisch

zu Ende geht und sie nach Hause gefahren werden, übernehmen

die Lehrkräfte die Regie im Pflug, Ende offen. Auch

das Projekt Stammtisch ist noch lange nicht am Ende, geschweige

denn an seinen Grenzen. Im ersten Stock über der Wirtschaft

warten drei ehemalige Fremdenzimmer darauf, renoviert

zu werden. „Mit Frühstückmachen und Putzen kämen dann

noch weitere Aufgaben auf unsere Schüler zu“, überlegt Böhringer.

Ein weiteres Stück Wirklichkeit wartet auf Eroberung ...

Weitere Informationen über die Projekte der Schule unter

www.gustav-heinemann-schule-pforzheim.de

www

Simone Höckele-Häfner

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