CIHD Magazin 5 08/2008 - Chinesischer Industrie- und ...

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CIHD Magazin 5 08/2008 - Chinesischer Industrie- und ...

08│2008 B – WIRTSCHAFT 7

Im Westen sieht es anders aus. In Amerika

sind die Hälfte der naturwissenschaftlichen

Studenten Asiaten, und das Glück scheint

dort zu sein, wo die Wall Street am Jahresende

die Boni zahlt.

580.000 junge Chinesen studieren im Ausland,

davon 25.000 in Deutschland -leider

nicht, weil die deutschen Universitäten als

besonders gut gelten, obwohl sie es sind,

sondern weil es bei uns bisher noch kein

Geld gekostet hat.

Welches sind unsere Vorteile aus der beschriebenen

Situation? Der Export nach

China boomt. Jährlich gibt es Steigerungsraten

zwischen 10 und 30 %. Die Maschinenbauindustrie

in Deutschland lebt im Moment

vom Boom in China. Wir sind Exportweltmeister

-vielleicht demnächst nicht mehr.

Warum kaufen die Chinesen und die anderen

Asiaten unsere Maschinen? Das tun sie

deshalb, weil unsere Maschinen in der Qualität,

in der Performance gut sind, vor allen

Dingen weil der Service gut ist. Aber unsere

Maschinen sind teuer. Wenn wir die Kaufkraft

eines Chinesen und auch das chinesische

Preisniveau zugrunde legen, müssen

die Maschinen gewaltig gut sein, damit sie

auf Dauer gekauft werden. Ich habe einmal

gesagt: In gewisser Weise sind diese Exporte

eine moderne Art des Kolonialismus.

Denn wir verkaufen unsere Produkte zu unseren

Entstehungskosten, die uns ein gutes

Leben ermöglichen, und verkaufen sie an

arme Länder, die sich diese Produkte nur

leisten können, wenn sie damit rund um die

Uhr produzieren, auch samstags und sonntags,

um maximal viele Produkte absetzen

zu können, möglichst auf den Weltmärkten,

um die Abschreibungen und die Zinsen zu

verdienen.

Ein normaler Chinese, der ein deutsches

Auto kauft, muss dafür zehnmal so lange

arbeiten wie sein deutscher Kollege. Ich

sage das nicht, weil wir die Chinesen dafür

bedauern sollten, sondern weil wir darüber

nachdenken müssen, ob das auf Dauer so

weitergehen kann.

Die Chinesen kopieren wie die Weltmeister,

denn es ehrte schon Konfuzius zufolge, den

Meister, zu kopieren. Dabei sollten wir aber

nicht vergessen, dass dies die Japaner und

die Koreaner genauso getan haben. Die

Japaner tun es heute noch, nur in sehr viel

verfeinerter Form. Die Chinesen bauen auf

den Kopien auf und entwickeln die Dinge

weiter, wie das auch vielfach in Japan geschah.

Wir müssen unsere Innovationen beschleunigen,

um mit unseren Produkten auch in

Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Wir müssen

uns dabei auf unsere eigentliche Wertschöpfung,

auf das Know-how, auf das

Wertvolle der Wertschöpfung immer mehr

beschränken und die einfacheren Dinge von

anderen beziehen, die das genauso gut,

aber billiger machen. Die große Wertschöpfungstiefe,

die einige Unternehmen in

Deutschland haben, ohne dass jedes Teil

wirklich eine ganz spezielle einmalige Leistung

darstellt, steht dem entgegen. So wird

es vermehrt zu Teilverlagerungen ins Ausland

kommen. Wir müssen Produktionen

verstärkt in China aufbauen und das Kern-

Know-how weiter hier in Deutschland behalten.

Das ist das Coca-Cola-Prinzip: Flasche

und Wasser aus China, aber die durch Geheimrezepte

geschützten Ingredienzien zuliefern.

Doch wir müssen auch unsere Kostenstrukturen

hier, wie das in den vergangenen drei

Jahren erfolgreich gemacht wurde, immer

wieder von neuem überarbeiten, um preiswerter

zu werden. Wir hören heute, dass in

China die Arbeitskosten mit zweistelligen

Zuwachsraten steigen, um 10, 15 bis 20 %.

15 % in China sind absolut weniger als 3 %

in Deutschland. 3 % von 3.000 € pro Monat

sind 90 €, 15 % von 500 € im Monat sind 75

€. Die Schere wird sich nicht schließen, vielleicht

in Polen, weil es dort nicht so viele

Arbeitskräfte gibt.

Was können wir verstärkt tun? Alle Handlungsoptionen

sind bekannt: die Ausbildung

verbessern, an den Schulen mehr junge

Leute für die Naturwissenschaften begeistern,

damit sie diese Fächer anschließend

studieren, in den Unternehmen länger arbeiten,

und zwar sowohl in der Woche als auch

im Leben insgesamt.

Wir dürfen das nicht immer nur in Forderungen

an die Politik kleiden. Die Politik ist in

ihren Möglichkeiten beschränkt, gleichgültig

welche Regierung an der Macht ist, wenn es

sich überhaupt noch um „Macht“ handelt. Ich

möchte alle auffordern, selbst mehr zu tun.

Jeder Einzelne von uns hat in der Vergangenheit

viel versäumt. Es waren nicht die

schlechten Lehrer, die unsere Kinder nicht

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