Die Neuvermessung der Welt

audi.reports.de

Die Neuvermessung der Welt

Moderne Pioniere

Navigation der Zukunft

Die Neuvermessung

der Welt

Weil es noch immer weiße Flecken

auf der Weltkarte gibt, wird die

Erde derzeit von Satelliten neu

vermessen. Auf zwei Meter genau

und in 3-D. Eine Revolution – auch

für Navigationssysteme.

FOTO | DEUTSCHES FERNERKUNDUNGSDATENZENTRUM DES DLR

46


Formationsflug: Die Satelliten

TerraSAR-X (links) und TanDEM-X vermessen

die komplette Landoberfläche

innerhalb von nur drei Jahren.

Eigentlich unglaublich, dass

das Buch „Die Vermessung der

Welt“ ein Bestseller wurde.

Zwei Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts

bereisen darin die Erde, um

Landkarten zu zeichnen. Mehr als 300

Seiten lang. Wen sollte diese Geschichte

schon interessieren in Zeiten von Navigationssystemen

und Google Earth,

in denen jeder Quadratkilometer Erde

vermeintlich vermessen, fotografiert

und kartografiert ist?

Offenbar erstaunlich viele. Daniel

Kehlmanns Erfolgsroman über die

deutschen Forscher Alexander von

Humboldt und Carl Friedrich Gauß verkaufte

sich allein in Deutschland seit

2005 mehr als zwei Millionen Mal. Das

Thema, von dem der deutsche Autor

erzählt, fasziniert die Menschen. Denn

auch in Zeiten, in denen fast 1.000

aktive Satelliten unseren Globus umkreisen,

wissen wir noch längst nicht

alles über die 150 Millionen Quadratkilometer

Landoberfläche, die die Erde

bedecken. Die Vermessung der Welt

geht weiter. Aufwendiger, vollständiger

und präziser denn je. Profitieren

werden davon auch Audi Kunden, die

mit zukünftigen Navigationssystemen

Gebäude, Plätze und Straßen noch

besser finden können.

Sucht man den Ort, von dem aus diese

Vermessung gesteuert wird, findet

man ihn mitten in Oberbayern. In Oberpfaffenhofen,

Landkreis Starnberg,

einer Gemeinde zwischen München und

dem Ammersee. Direkt neben einer

Flugzeuglandebahn hat das Deutsche

Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)

einen seiner 13 Standorte: ein Neubau

aus Glas und Beton, in dem gewissermaßen

die „navigatorischen“ Nachfahren

von Humboldt und Gauß arbeiten.

Rund 150 Jahre nach deren Tod könnte

ihr Traum – hochgenau navigieren zu

können – erfüllt werden. In Oberpfaffenhofen

steuern 200 DLR-Mitarbeiter

die beiden bedeutendsten Navigationsund

Erdbeobachtungs- bzw. Kartierungsprojekte

der Gegenwart.

Einer von ihnen ist Manfred Zink.

Der Abteilungsleiter beim DLR hat – im

übertragenen Sinn – die zwei Satelliten

im Auge, die die Welt aus mehr als 500

Kilometern Höhe neu vermessen sollen.

TerraSAR-X erstellt gemeinsam mit seinem

nur 200 Meter entfernt fliegenden

Zwilling TanDEM-X ein dreidimensionales

Höhenmodell der Landoberfläche.

So präzise, dass die Topografie der Erde

mit einer vertikalen Genauigkeit von

zwei Metern erfasst wird.

Zink ist mit seinem Team verantwortlich

für die Steuerung der Mission – von

der Überwachung der beiden Satelliten

bis zur Datenerstellung. „Bauchkribbeln“

habe er bekommen, als die

beiden Satelliten im vergangenen

Herbst in den engen Formationsflug

gingen, denn das war zuvor nie gewagt

worden. „Die beiden Satelliten wissen

sozusagen nicht, dass es den anderen

gibt. Eine besondere Schwierigkeit liegt

deshalb darin, die zwei Radarsysteme

perfekt aufeinander abzustimmen und

47


Moderne Pioniere

Das neue Audi

Navigationssystem plus

Die Darstellung – hier ein Kartenausschnitt

von Venedig – greift auf Google Earth

zurück. Gebäude, Plätze und Straßen sind

noch besser als bisher zu erkennen.

Das Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen:

In dem Neubau aus Glas und Beton

werden zukünftig die Satelliten des

Galileo-Systems gesteuert.

laufend miteinander zu syn-

chronisieren“, erläutert Zink.

Bis 2013 sollen die Daten aus

dem All beim DLR

in Ober-

pfaffenhofen einlaufen. Es

werden so viele sein, wie auf

200.000 DVDs passen.

Einige Gebäude weiter

befindet sich das Hauptquar-

tier des zweiten Projekts, das

die Navigation revolutionieren

könnte. Es heißt Galileo und

ist

ein europäisches

Gemeinschaftsprogramm.

30 operative Satel-

liten sollen einmal Navigationssignale

auf drei Frequenzen aussenden. Damit

wird es beispielsweise möglich sein,

jede Position bis auf drei Meter genau

zu bestimmen. Das derzeit

übliche

GPS-System ist mit seinen 24 Satelliten

nur halb so genau.

Im Galileo-Kontrollzentrum hat die

DLR Gesellschaft für Raumfahrtanwendungen

(GfR) mbH, ein Unternehmen

des DLR e.V., ihren Sitz. Ihre Kernaufgaben

sind die Vorbereitung und der

Betrieb von Galileo. Christian Arbinger

ist Projektleiter für die Operations Services

im Oberpfaffenhofener Kontrollzentrum.

Ähnlich wie sein Kollege Zink

verfolgt er gegenwärtig in Simulationen

und Testkampagnen auf den Bildschirmen

im Kontrollraum den Zustand

der Galileo-Satelliten. Zwei Testsatelliten

sind schon in der Umlaufbahn,

der Start der ersten beiden Satelliten

für die künftige Galileo-Konstellation

steht unmittelbar bevor. 2014 sollen

18 Satelliten erste Navigationsdienste

ausstrahlen. Anschließend wird Galileo

auf seinen vollen Umfang von 30 Satelliten

ausgebaut. Arbinger ist stolz

auf sein Projekt. 100 Wissenschaftler

werden mit der Steuerung aller Satelliten

beschäftigt sein. „Galileo ist neben

dem amerikanischen GPS und dem

russischen Glonass bereits das dritte

globale Navigationssystem“, sagt

Arbinger, „allerdings ist es das erste

zivile dieser Art, gewissermaßen das

Leuchtturmprojekt Europas.“

Und eines, das künftigen Navigationssystemen

neue Möglichkeiten bieten

wird. Sie werden in der Lage sein,

sowohl GPS- als auch Galileo-Signale

zu verarbeiten. Damit stehen ihnen

mehr als 50 Navigationssatelliten zur

Verfügung. Das ist wichtig, damit sie

nicht mehr wie heute in Häuserschluchten

von Großstädten regelmäßig die

Verbindung nach oben verlieren.

Die künftigen 3-D-Höhenmodelle

und die Galileo-Satelliten werden auch

für die Navigationssysteme in Audi

Fahrzeugen von Vorteil sein. „Dann

wissen wir noch genauer, wann eine

Straße ansteigt oder abfällt“, sagt

Dr. Stephan Reitzner, Teamkoordinator

Navigation bei Audi. Der Kraftstoffverbrauch

könne gesenkt, die Reichweite

des Autos erhöht werden. „Mit genauen

Höhendaten werden wir auch in der

Lage sein, die Getriebeeinstellungen an

den Wagen zu verbessern und sparsame

Routen zu berechnen.“ Insbesondere

für Elektrofahrzeuge sind sparsame

Routen von großer Bedeutung, da jede

Tankpause eine zeitintensive Angelegenheit

darstellt. „Somit wären eine

Hin- und Rückfahrt eventuell mit einer

einzigen Batterieladung möglich“, so

Reitzner.

Er und sein Team verwenden zudem

ein „Back-up-System“, das gerade in

Städten wie New York oder Chicago seine

Stärken zeigt. Dort liegt die mittlere

Häuserhöhe bei 40 Stockwerken. Dank

verschiedener zusätzlicher Sensoren

verliert ein Audi Navigationssystem

dennoch nicht die Orientierung, selbst

wenn der Kontakt zum GPS eine längere

Zeit unterbrochen ist. „Der Wagen

navigiert sich quasi von allein“, sagt

Reitzner. Humboldt und Gauß hätte

das bestimmt gefallen.

OLIVER RICHARDT

Informieren Sie sich über die

Navigation der Zukunft unter:

www.audi.de/gb2010/navigation

FOTOS | DEUTSCHES FERNERKUNDUNGSDATENZENTRUM DES DLR; AUDI AG (2); ISTOCKPHOTO.COM

48

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine