Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-03-31 (Vorschau)

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14

31.3.2014|Deutschland €5,00

1 4

4 1 98065 805008

Die Online-Opfer

Wo droht der Ladenschluss?

Europas Banken

Neue Aufsicht – alte Probleme?

Im Namen des Geldes

Wie Deutschlands Richter nebenbei

Kasse machen

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Wer ist stärker in Konflikten wie derzeit mit Russland

– Demokratien oder autokratische Regimes?

Wem schadet ein Boykott mehr? Von Roland Tichy

Wie Diktaturen fallen

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Sorgenvoll addieren wir die Kosten

eines Russland-Boykotts; Konzerne

bangen um Investitionen und

Märkte. „Zahlen für die Krim?“ –

das erinnert an „Mourir pour Dantzig?“:

Französische Pazifisten signalisierten

1939 damit, dass eine Stadt wie Danzig einen

Krieg mit Hitler-Deutschland nicht

wert sei. Historische Vergleiche sind nie

völlig korrekt. Wladimir Putin ist kein Hitler.

Aber er demonstriert die typischen

Mechanismen autoritärer Regime. Das ist

zuallererst kühl kalkulierte Machtpolitik,

die die Schwäche demokratischer Gesellschaften

für sich auszunutzen weiß: Die

entscheiden schwerfällig und sind damit

kleinen, schnell agierenden Machtzirkeln

unterlegen. Ein europäischer Gipfelprozess

dauert länger als die Krim-Annexion.

Zehn Jahre unzähliger Resolutionen, Friedensmissionen

und Verhandlungsrunden

kostete es, bis der Westen im Kosovo eingriff.

Die Maidan-Krise der Ukraine dagegen

schaute Putin sich nur ein paar Monate

an und nutzte sie für sich. Eine

zersplitterte öffentliche Meinung wirkt

lähmend; straff geführte Staatspropaganda

mobilisiert. Demokratien sind meist

militärisch schwach gerüstet: In den USA

unter Barack Obama wird das Militär geschrumpft

und stattdessen in Gesundheitspolitik

investiert – so wie die Europäer

die Friedensdividende nach dem Ende

des Kalten Kriegs in Sozialleistungen umwidmeten.

Demokratien kaufen sich gern

von blutigen Konflikten frei: Helmut Kohl

zahlte Milliarden, um die Bundeswehr

nicht in den Golfkrieg schicken zu müssen.

So opfern Demokratien zähneknirschend

die vorerst schwächste Position –

Frankreichs Premierminister Édouard

Daladier und Großbritanniens Neville

Chamberlain waren weder vertrottelt

noch feige, als sie 1938 das Sudetenland

und damit die Tschechoslowakei Hitler

überließen – sie waren Realpolitiker, die

Zeit für Aufrüstung kauften.

Aber auch Autokratien haben weiche

Stellen. Eine allmächtige Politik zerstört

die Freiheit, lähmt die Initiative der Menschen,

zerstört die Effizienz der Wirtschaft

zugunsten der Klientel der Machthaber. In

seiner aufsehenerregenden Analyse über

„Hitlers Volksstaat“ zeigt Götz Aly, wie Hitler

Deutschland wirtschaftlich in den Ruin

trieb: Beschäftigungsprogramme, teure Sozialleistungen

und erst recht die Aufrüstung.

Nicht nur Rassenwahn trieb Hitler –

auch beim Blick ins Budget wird klar, „warum

die deutsche Politik außenpolitisch

zur Zerschlagung der Tschechoslowakei

und im Inneren zum Pogrom gegen die Juden

drängte. Der deutsche Fiskus brauchte

Geld. Die Regierung mogelte sich um jeden

Preis am Staatsbankrott vorbei. Als

Ausweg bot sich unentwegter Aktionismus“,

so Aly.

BLUT, SCHWEISS, TRÄNEN

Schon in den Neunzigerjahren warnte Putins

damaliger Wirtschaftsberater Andrei

Illarionow, dass der autoritäre Führungsstil

Putins zugunsten seines Clubs der Oligarchen

die Wirtschaft schwächte, die Entwicklung

bremste, das Land zum reinen

Rohstoffexporteur degradierte. Dieser Prozess

beschleunigte sich; immer mehr unrentable

Betriebe werden von Putin mit

den Gazprom-Milliarden am Leben erhalten.

Russland blieb fast ein Entwicklungsland

– „ein Obervolta mit Atomwaffen“, wie

Helmut Schmidt schon in den Siebzigern

spottete. Eine starke Wirtschaft ist die

Rückseite militärischer Stärke.

Friedrich August von Hayek beschrieb

1944 „den Weg in die Knechtschaft“ – nationaler

oder sowjetischer Sozialismus zerstört

erst die Freiheit und dann die wirtschaftliche

Leistungsfähigkeit. Liberale

Demokratien entwickeln unter Druck Gegenkräfte.

Winston Churchills Regierungsprogramm

1940 versprach nur „Blut,

Schweiß und Tränen“. Er wurde gewählt.

Die USA schalteten nach Pearl Harbour die

Konsumgüterindustrie zur gigantischsten

Rüstungsindustrie der Weltgeschichte um;

zum Dienst in Uniform Verpflichtete organisierten

die effizienteste Militärmaschine.

Kurzfristig wirken Demokratien schwach,

uneinig, lasch. Aber langfristig siegen die

Selbstverteidigungskräfte freier individueller

Gesellschaften.

n

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Das Geschäft mit Marihuana

8 Russland: Unternehmen zerstritten

9 Bosch: Teurer Solarausstieg | Deutsche

Bank: Mehr Fixgehalt

10 Interview: Rodenstock-Chef Oliver Kastalio

denkt über eigene Flagship-Stores nach

11 Trigema: Eigene Läden geplant | Allianz:

Ungewissheit bei Lebensversicherungen |

Drei Fragen zu Kraftwerkszulieferern

12 Großkanzleifusion: Ärger um Eversheds |

Motorola: Lenovo will Marke bewahren |

T-Systems: Tochter wird verkauft

14 Chefsessel | Startup Cleanagents

16 Chefbüro Thomas Schnell, Geschäftsführer

des Chemieunternehmens Dr. Schnell

Politik&Weltwirtschaft

18 Justiz Die fragwürdigen Nebenverdienste

deutscher Richter | Interview: Der Ex-Innenminister

Gerhart Baum fordert die Richter

zu Mäßigung auf

28 Bankenunion So funktioniert die neue

Bankenaufsicht durch die EZB

33 Bildung Der Osten zeigt, dass acht Jahre

Gymnasium fürs Abitur durchaus reichen

35 Berlin intern

Der Volkswirt

36 Streitgespräch BDI-Präsident Ulrich Grillo

und IG-Metall-Chef Detlef Wetzel über

politische Risiken für die deutsche Wirtschaft

40 Denkfabrik Demoskopin Renate Köcher

über die Reformbereitschaft der Deutschen

Unternehmen&Märkte

42 Handel Eine Exklusivstudie zeigt, wen

Online-Angreifer vom Markt fegen könnten |

Interview: Die Chefs von Zalando versprechen

mehr Mode und weniger schrille Töne

50 Deutsche Bank Für einen Strafprozess werden

die Sündenböcke bereits ausgeguckt

51 Air Berlin Was die Machtübernahme durch

Etihad für Fluglinie und Aktionäre bedeutet

52 Gazprom Die Macht des russischen

Energiegiganten in Europa ist endlich

56 Interview: Friedrich Joussen Der TUI-Chef

will bei den Marken des Reiseriesen aufräumen

und die Digitalisierung vorantreiben

59 Hamburger Während McDonald’s schwächelt,

boomen alternative Buletten-Läden

60 Spezial Mittelstand Unternehmerischer

Erfolg durch gesellschaftliches Engagement |

Der Unterschied zwischen Corporate Social

Responsibility und Gutmenschentum

Technik&Wissen

72 Smartphones Noch dominieren Samsung

und Apple die Branche. Jetzt starten kreative

Startups den Angriff gegen die Marktführer

76 Innovationspreis Die 15 Finalisten

78 Auto Jaguar Land Rover macht derzeit alles

richtig – bis auf das lästige Abgasthema

79 Valley Talk

Titel Im Namen des Geldes

Urteilsvermarktung, private Schiedsgerichte,

Vortragshonorare, Rechtsgutachten:

Wie deutsche Richter mit

diskreten Privatgeschäften nebenbei

Kasse machen. Seite 18

Auf neuen

Wegen

Unternehmen

müssen sich wandeln,

Mitarbeiter stehen

Veränderungen oft

skeptisch gegenüber.

Wie Sie Ihr Team

davon überzeugen,

den neuen Kurs zu

unterstützen.

Seite 80

Klick

und weg

Online-Shops setzen

stationären Geschäften

immer stärker zu. Eine

Studie zeigt jetzt, welche

50 deutsche Einzelhändler

am meisten vom Internet

bedroht sind. Seite 42

TITELILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

4 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 14, 31.3.2014

Reich werden mit Ackergold

Profi-Investoren fahren mit Ackerland hohe Renditen ein.

Mit Aktien börsennotierter Landbesitzer können auch

Privatanleger profitieren. Seite 88

Management&Erfolg

80 Veränderungen So begeistern Sie Ihre

Angestellten für den Wandel | Selbsttest:

Wie offen bin ich für Neues? | Osram-Chefkontrolleur

Peter Bauer setzt auf Querdenker

87 Dwight Cribb Der Headhunter über die

Rolle von Führungskräften bei der digitalen

Transformation

FOTOS: ACTION PRESS, ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PEOPLE PICTURE/JENS HARTMANN; ILLUSTRATION: DANIEL STOLLE

Aufstand der Heimatlosen

Im Schatten von Apple und Samsung erfinden kreative Startups das

Smartphone neu: Die nächste Handygeneration wird komfortabler,

flexibler – und spottbillig. Seite 72

n Intros und Extros Die Kommunikationsberaterin

und bekennende Introvertierte Sylvia Löhken

erklärt im Interview, warum in sich gekehrte Menschen

nicht in Großraumbüros gehören, Michelle

Obama ihren Mann nicht versteht und ein extrovertierter

Physiker seinen Tod langweilig fand.

www.wiwo.de/intros-extros

Pionierzeit

So viel Anfang war nie: Die

Architektur der Fünfzigerjahre

wollte leicht sein,

heiter und beschwingt –

wie die Logen in der Kölner

Oper, die zurzeit saniert

wird. Seite 106

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

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plus.google.com/

+wirtschaftswoche

Geld&Börse

88 Agraraktien Super-Reiche kaufen Ackerland.

Wie Anleger es ihnen gleichtun können

95 Apple Das neue iPhone 6 könnte neuer Verkaufsschlager

werden und den Kurs treiben

96 Schwarzgeld Das Bankgeheimnis in Österreich

und Luxemburg ist geknackt, weitere

Steueroasen werden folgen

98 Steuern und Recht Einspruch nach dem

Steuerbescheid | Scheidungskosten | Geschlossene

Fonds | Verunglückte Aprilscherze

100 Geldwoche Kommentar: Aktionärsrechte

weiter ausgedünnt | Trend der Woche: US-Aktien

| Dax-Aktien: BMW | Hitliste: Rohstoffe |

Aktien: Intel, Amgen | Chartsignal: Brent-Öl |

Anleihe: BNP Paribas in Dollar | Investmentfonds:

Deutsche Aktien Total Return

Perspektiven&Debatte

106 Architektur Die Leichtigkeit der Fünfzigerjahre

wird neu entdeckt

110 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 112 Leserforum,

113 Firmenindex | Impressum, 114 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

Videos zum neuen Jaguar F-Type

und den Perlen der Fünfzigerjahre-Architektur

sowie einem interaktiven

Veränderungstest.

wiwo.de/apps

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 5

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Seitenblick

DROGEN

Recht auf

Rausch

An vielen Orten der Welt fallen die Verbote für den

Kauf von Marihuana, das Milliardengeschäft

wird zunehmend legalisiert. Auch in Deutschland

gibt es Versuche, die Prohibition zu beenden.

1Million Dollar gaben die Bürger im US-Bundesstaat

Colorado allein am 1. Januar dieses Jahres für

Marihuana aus; es war der erste Tag, an dem Cannabis

dort legal gehandelt werden durfte. 3,5 Millionen

Dollar nahm der Staat im Januar an Steuern aus den

Deals ein. Auch im Bundesstaat Washington soll der

Verkauf noch in diesem Jahr erlaubt werden, Alaska

hält im August eine Volksabstimmung darüber ab. In

18 US-Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington

ist Marihuana auf Rezept erhältlich.

196Deutsche dürfen mit einer Ausnahmegenehmigung

der Bundesopiumstelle wegen

schwerer Krankheiten Cannabisblüten in der Apotheke

kaufen. Die grüne Bürgermeisterin des Berliner Bezirks

Friedrichshain-Kreuzberg arbeitet an einem Modellprojekt

für einen legalen Coffeeshop dort,

bis September will sie ihn bei der Bundesopiumstelle

beantragen. Auch in anderen Städten gibt es solche

Vorstöße, die Chancen für eine Erlaubnis sind gering.

40Gramm Marihuana dürfen die Bürger

Uruguays laut Gesetz künftig monatlich legal erwerben.

Der Handel soll zum Jahresende starten. Uruguay

ist das erste Land, das Cannabis ganz freigibt und auch

den Anbau staatlich lizenziert. In den Niederlanden,

die Kiffer lange tolerierten, wird die Politik hingegen

restriktiver: Von den 78 Coffeeshops in Amsterdam

droht der Hälfte bis 2016 die Schließung.

oliver.voss@wiwo.de

6 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: BLOOMBERG NEWS (2), LAIF (2), ZOONAR.COM, CINERTEXT, PRISMA, CARO, MAURITIUS IMAGES, SHOTSHOP; INFOGRAFIK: DMITRI BROIDO

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 7

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Menschen der Wirtschaft

Platz zugewiesen

Präsident Putin

und Siemens-

Chef Kaeser

Enge Verflechtung

Russlands Top-Handelspartner

und das

Handelsvolumen 2013

in Milliarden Euro

RUSSLAND-SANKTIONEN

»Nicht in den Hintern kriechen«

Deutsche Unternehmen und Politiker

streiten um den Umgang mit Russlands

autoritärem Staatschef.

Der Besuch von Siemens-Chef Joe Kaeser beim

russischen Präsidenten Wladimir Putin entzweit

Wirtschaft und Politik. In Kanzleramt und Wirtschaftsministerium

richtet sich die Kritik auf die

Naivität, „sich in Putins Propagandamaschinerie

einspannen zu lassen. Da sollte man sensibler

sein.“ Ohne die aktuelle Krim-Krise hätte Kaeser

keine Liveübertragung im russischen Fernsehen

bekommen. Angesichts des Handelsvolumens

„muss man den Russen nicht so in den Hintern

kriechen“. Die Bundesregierung habe aber kein

Interesse, Gespräche und Geschäfte mit Russland

einzuschränken.

Unterstützung erhält der Siemens-Chef von

Freunden und jenen Konzernchefs, die auch starke

Interessen in Russland haben. Dazu zählen Adidas-

Boss Herbert Hainer, für den es der drittwichtigste

Markt ist, und ThyssenKrupp-Chef Heinrich

Hiesinger. Bei ThyssenKrupp gibt es seit Berthold

Beitz eine lange Tradition, sich mit diplomatischer

Vorsicht in Osteuropa zu bewegen. „Wichtig ist,

dass man immer im Dialog bleibt, auch über Wirtschaftskontakte.“

„Einfach nur peinlich“ sei der Auftritt von Kaeser

bei Putin gewesen, heißt es dagegen beim Verband

der Deutschen Automobilindustrie (VDA). Er hält

nichts von Einzelaktionen zum Schutz deutscher

Investitionen in Russland. VW-Chef Martin Winterkorn,

der großes Interesse daran hat, dass „Vernunft

in die Köpfe kommt, auch bei Putin“, hat in der vergangenen

Woche „mehrfach“ direkt mit der Kanzlerin

telefoniert. VW, größter deutscher Investor in

Putins Reich, warnt davor, die Spirale der Sanktionen

zu überdrehen. Im Umfeld von E.On-Chef

Johannes Teyssen aber wurde die Art und Weise des

Kaeser-Auftritts kritisiert:Er habe mit seinen Worten

die Kanzlerin desavouiert.

Brandenburgs ehemaliger Ministerpräsident

Matthias Platzeck (SPD) versteht die Kritik nicht. In

der „schwersten politischen Krise seit dem Mauerfall“,

so der Vorsitzende des Deutsch-Russischen

Forums, könne „jedes Gespräch dazu beitragen, die

Konflikte zu entschärfen“. Kaesers Besuch sei „kein

Störmanöver, sondern ein konstruktiver Beitrag zur

Entspannung“.

Für Siemens ist Russland einer der wichtigsten

Wachstumsmärkte. Das seit Langem geplante

Treffen mit Putin sei mit Merkel vorab besprochen

gewesen, verteidigt sich Siemens. Im Kanzleramt

heißt es dagegen, Merkel habe nicht mit Kaeser

über den Putin-Trip gesprochen, das zuständige

Referat sei erst einen Tag vor dem Treffen informiert

worden.

matthias.kamp@wiwo.de | München, henning krumrey | Berlin,

franz rother, andreas wildhagen, florian willershausen

China

66,8

Niederlande

57,1

Deutschland

56,3

Italien

40,5

Ukraine

29,8

Belarus

25,3

Japan

25,0

Türkei

24,6

Polen

21,0

USA

20,9

WasRussland exportiert

Energieträger

279,5

Metalle und Erzeugnisse

30,7

Chemieerzeugnisse

23,1

Maschinen

21,3

Nahrungsmittel

12,2

WasRussland importiert

Maschinen

116,1

Chemieerzeugnisse

37,7

Nahrungsmittel

32,3

Quelle: Rosstat

8 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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BOSCH

Höhere Solarkosten drohen

Der Ausstieg aus dem Solargeschäft

könnte für Bosch-Chef

Volkmar Denner teurer werden

als befürchtet. 3,7 Milliarden

Euro hat der Stuttgarter

Technologiekonzern seit 2008

schon in die Sparte gesteckt.

Mit weiteren 31 Millionen Euro

musste Denner die Bosch-Solartochter

Aleo aufhübschen,

um sie verkaufen zu können.

Dank dieses Transaktionsausgleichs

erbarmte sich ihrer das

asiatische Firmenkonsortium

SCP Solar. Wie aus den Unterlagen

zur Hauptversammlung

von Aleo-Solar am 15. April hervorgeht,

drohen Bosch hier weitere

Kosten.

Der Konzern verpflichtet

sich nicht nur zu einer Aufstockung

des Transaktionsausgleiches,

sondern auch zu einem

Liquidationszuschuss bis

zu einem Höchstbetrag von

50 Millionen Euro in bar. Die

Zusagen gelten bis zu dem

Zeitpunkt, da Aleo Solar im

Handelsregister gelöscht wird,

längstens jedoch bis 31. Dezember

2017.

Balaton will Sonderprüfung

Bosch-Chef Denner

Die Deutsche Balaton, Minderheitsaktionär

von Aleo Solar,

hat unterdessen eine Sonderprüfung

beantragt. Sie will wissen,

ob im Bosch-Konzern

Quersubventionen auf Kosten

der Solar-Minderheitsaktionäre

getätigt wurden. Bosch hielt

91 Prozent an Aleo. Das Augenmerk

richtet sich vor allem auf

Lieferverträge für Solarzellen.

Denn zu Bosch gehörte auch der

Modulhersteller Bosch Solar.

Den hatte der Konzern in der

vergangenen Woche an Solarworld

verkauft – offenbar einschließlich

einer Mitgift.

mario.brueck@wiwo.de

Aufgeschnappt

Flugverspätung Seit Juni 2013

ist die ungarische Fluglinie Wizz

Air nicht einmal pünktlich von

London Luton Richtung Budapest

gestartet, so die Firma

EUClaim. Die geringste Verspätung

betrug zwei Minuten, die

längste zwölf Stunden und 18

Minuten. Die Airline widerspricht.

Flüge mit einer Verzögerung

von 15 Minuten und weniger

wertet sie als pünktlich.

Gratiswerbung Für Werbung

gibt der US-Elektroautobauer

Tesla kein Geld aus. Einen Werbefilm

gibt es trotzdem. Zwei

Absolventen einer Filmhochschule

haben ihn mit eigenem

Geld gedreht – um Aufsehen für

ihre neue Werbeagentur zu erregen.

Kosten des Spots: 1500

Dollar. Tesla-Gründer Elon Musk

war von dem Werk so begeistert,

dass er den Link zum Filmchen

twitterte und ankündigte, er

wolle die beiden engagieren.

DEUTSCHE BANK

Mehr Fixum

Während die Deutsche Bank in

eine neue Imagekrise rutscht

(siehe Seite 50), zahlt das Institut

einigen Investmentbankern

erst einmal deutlich mehr Fixgehalt.

Die Bank will so verhindern,

dass die Truppe um den

obersten Investmentbanker

Colin Fan aufgrund neuer Regulierungen

mit weniger Geld

heim geht. Denn Boni dürfen

künftig mit Genehmigung der

Hauptversammlung nur noch

maximal das Doppelte des Fixums

betragen. 2013 kassierten

die 1100 wichtigsten Investmentbanker

zusammen rund

320 Millionen Euro fixes und

1,1 Milliarden Euro variables

Gehalt.

Die Anpassung ist eine

Abkehr von einer alten Philosophie.

Bisher verdienten viele

auf der Führungsebene des

Managing Directors mit 265 000

Euro das gleiche Fixum. Nun

steigt das Fixum einzelner

Banker deutlich. „Es ist ein eindeutiges

Signal, wem die Bank

wie viel zutraut“, sagt ein Insider.

Die Änderungen hat die Bank

schon umgesetzt. Sie will zudem

die Vorstandsgehälter prüfen.

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, REUTERS/LISI NIESNER, PR, GETTY IMAGES/NICOECIOE

10

14

Quelle:DHL

12

23

Globale Postboten

Wie sich die wichtigsten

Express-Paketdienste die Welt

aufteilen (in Prozent)

Europa

6813 Mio.

Euro

1

3

DHL

UPS

Andere

FedEx

TNT

16

23

29

Nord-/Südamerika

Osten

Pazifik

Naher

Asien/

41 50

49 6

40

7352 Mio.

330 Mio.

7487 Mio.

3

30 Euro

Euro

10

Euro

9

10

21

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Überalterung

Anders als der aus

Todesanzeigen hinlänglich

bekannte Mitmensch,

der „viel zu

früh gegangen ist“, kann

als eine „überalterte Gesellschaft“

wohl nur eine

solche bezeichnet

werden, die offenbar

insgesamt zu spät geht.

Interessant ist, dass sowohl

die Vorfälligkeit

des einen wie die augenscheinliche

Überfälligkeit

des anderen

Dahingehens nie von

dem Betroffenen selbst

terminiert werden.

Wem also Überalterung

vorgeworfen wird, der

ist gut beraten, dem

dahinter lauernden

Hinscheidewunsch

energisch zu widersprechen.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Oliver Kastalio

»Wir müssen für Frauen

attraktiver werden«

Der Chef des größten deutschen Brillenherstellers

Rodenstock erwägt die Gründung eines Flagship-

Stores und strebt ins Ausland.

Herr Kastalio, unter den deutschen

Optikern legen vor allem

die Filialketten zu. Fielmann

etwa setzte 2013 rund 1,35

Milliarden Euro um, Rodenstock

401 Millionen. Wie stark

ist der Druck auf Sie als Brillenhersteller?

Wir arbeiten mit Filialketten genauso

zusammen wie mit unabhängigen

Optikern. Auch

Fielmann kauft bei uns Fassungen

ein. Aber wir differenzieren

nach Produkt und Service. Die

unabhängigen Optiker haben

den Anspruch, höherwertiger

zu verkaufen. Zudem bieten wir

ihnen Marketingprogramme

und Schulungen an. Der Kontakt

zu den Optikern ist uns sehr

wichtig, denn in der Regel

macht ein Optiker 80 Prozent

seines Glasumsatzes mit nur einem

Hersteller. Und 80 Prozent

unseres Umsatzes erzielen wir

mit Gläsern, 20 Prozent mit Fassungen.

Außerdem ist das Glasgeschäft

ertragreicher.

Wie wirkt sich der wachsende

Internet-Handel auf Sie aus?

Der Internet-Handel mit Brillen

macht nur zwei bis drei Prozent

des Branchenumsatzes aus. Ich

sehe da zwar Wachstumspotenzial,

aber derzeit ist es nicht

möglich, über das Internet

hochwertige Brillengläser, etwa

für Gleitsichtbrillen, zu verkaufen.

Und das ist schließlich der

Bereich, in dem sich Rodenstock

von den Wettbewerbern abhebt.

Eigene Stores, wie sie andere

Markenhersteller zunehmend

einrichten, sind kein Thema?

Denkbar ist ein Flagship-Store,

der eine positive Signalwirkung

haben und unseren Markenauftritt

stärken kann, ohne mit den

Optikern zu konkurrieren.

Wo sehen Sie denn für Rodenstock

die größten Chancen?

Nach Größe und Bedeutung ist

Deutschland unser Hauptmarkt,

DER SANIERER

Kastalio, 49, wurde 2010 Chef

von Rodenstock, als das Unternehmen

in der Krise steckte. Zuvor

hatte für Procter & Gamble

gearbeitet.

hier machen wir ein Drittel des

Umsatzes; ein Drittel machen

wir in anderen europäischen

Ländern und ein Drittel außerhalb

Europas. Die größte Wachstumsdynamik

sehen wir in Brasilien,

Russland, Indien und

China. In China und Russland

rechnen wir mit hohen zweistelligen

Wachstumsraten.

Sie fertigen auch Brillen in

Lizenz für Porsche Design,

Alfred Dunhill, Mercedes-Benz

Style und Baldessarini. Eine

sehr maskulin geprägte Linie?

Ein bisschen weiblicher könnte

unser Portfolio werden. Denn

der Markt besteht zu zwei Dritteln

aus weiblichen und zu einem

Drittel aus männlichen

Kunden. Aber unsere Kunden

sind zu je 50 Prozent Männer

und Frauen. Da haben wir noch

Potenzial, auch für Frauen attraktiver

zu werden. Im Januar

sind wir eine Kooperation mit

Claudia Schiffer eingegangen,

auch unter ihrem Namen

bieten wir jetzt Rodenstock-

Fassungen für Frauen an.

Außerdem haben wir gerade

Verhandlungen mit einer deutschen

und mit einer italienischen

Modemarke im weiblichen

Segment abgeschlossen.

In den nächsten Monaten können

wir mehr darüber sagen.

2013 erzielten Sie erstmals seit

der Firmenkrise 2010 eine

schwarze Null, haben aber

noch Finanzschulden von 340

Millionen Euro. Wann bauen

Sie die ab?

Ein Teil des Kreditpakets läuft

Ende 2014 aus, ein anderer 2015

und einer 2016. Wir verhandeln

über eine neue Finanzierungsrunde.

Noch ist offen, welche

Maßnahmen ergriffen werden.

Wann steigt Ihr Mehrheitseigner,

der britische Finanzinvestor

Bridgepoint, wieder aus?

Das Geschäftsmodell des Investors

sieht vor, dass er nach einer

gewissen Zeit wieder aussteigt.

Wann, kann nur er sagen.

Und dann geht es an die Börse?

Auch da muss ich an den Investor

verweisen.

hermann.olbermann@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

10 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: IMAGO/MARTIN WAGENHAN, PR

TRIGEMA

Erst Berlin, dann in die Welt

Seit Jahrzehnten tönt Wolfgang

Grupp, er sei der Einzige, der in

Deutschland noch T-Shirts und

Freizeitbekleidung fertige. Das

gelingt seinem Unternehmen

Trigema im schwäbischen Burladingen

im Wesentlichen, indem

es gezielt für Firmen produziert,

zum Beispiel für Bosch.

Flagship-Stores

geplant

Trigema-Chef

Grupp

ALLIANZ LEBENSVERSICHERUNG

Kunden blitzen ab

Zudem verkauft Grupp die Klamotten

selbst:über die

Trigema-Internet-Seite, andere

Online-Händler sowie zu Fabrikpreisen

in 46 Outlets zumeist

in Urlaubsregionen der

deutschen Provinz.

Das will Grupp nun ändern.

Auf seine alten Tage wagt der

Auf viele Deutsche kommt die

Frage zu, ob sie ihre Lebensversicherung

lieber schnell kündigen

sollten. Schließlich will die

Bundesregierung die Ausschüttung

sogenannter stiller Bewertungsreserven

an Versicherte

kappen. Wer einen Vertrag hat,

der in wenigen Jahren fällig

wird, benötigt jedoch aktuelle

Zahlen, um entscheiden zu

können, ob solch ein vorzeitiger

Ausstieg aus dem Vertrag

lohnt. Auf den Marktführer Allianz-Leben

kommen bei zehn

Millionen Verträgen jetzt besonders

viele Anfragen zu.

Doch Kunden, die unverbindlich

den Stand des Rückkaufswertes

abfragen, lässt die

Allianz dem Vernehmen nach

abblitzen. Als Ausweg bleibt

deshalb nur die Kündigung.

Dann muss der Versicherer die

Police abrechnen. Die Kündigung

könnten die Versicherten

auf Antrag zurückziehen. Allerdings

müssen sie unbedingt die

Schlussabrechnung abwarten.

Das zeigen der WirtschaftsWoche

bekannt gewordene Fälle.

Bei einem zum 1. April gekündigten

Vertrag teilte die Allianz

Anfang März eine Ablaufleistung

von nur rund 104 000

Euro mit. In der Abschlussrechnung

zehn Tage vor der Auszahlung

stieg die Summe dann

bald 72-jährige Mittelständler

den Sprung in die große weite

Welt, zunächst nach Berlin und

danach vielleicht sogar ins

Ausland. „Wir eröffnen voraussichtlich

Ende April, Anfang

Mai unsern ersten Flagship-

Store“, kündigt Grupp an, „und

zwar in Berlin in der neuen

Shoppingmall am Leipziger

Platz.“ Der knapp 200 Quadratmeter

große Laden diene „als

Testfall für weitere mögliche

Trigema-Stores in Deutschland

und im europäischen Ausland“.

Zudem lägen Trigema Anfragen

von Investoren aus Dubai

und der saudi-arabischen

Hauptstadt Riad vor, die Interesse

an Stores in den Flughäfen

dort bekundet hätten, sagt

Grupp.

Erste Erfahrungen mit einem

edleren Shop sammelte er in seinem

bisher einzigen derartigen

Laden, einer gerade mal 38 Quadratmeter

großen Verkaufsstation

am Stuttgarter Flughafen. Die

habe er vor Jahren allerdings

nicht mit Blick auf die jetzt geplante

Internationalisierung eröffnet,

sondern weil der Airport

nur eine Autostunde von der

Trigema-Zentrale entfernt liege.

reinhold.boehmer@wiwo.de

jedoch auf 114 000 Euro. Und

das soll kein Einzelfall sein.

Zwar ändern sich die für die

Reserven entscheidenden

Wertpapierkurse im Portfolio

des Versicherers täglich. Solch

hohe Differenzen erklärt das

aber nicht.

Betroffene Kunden vermuten

einen Trick des Versicherers:

Kunden, die einen Anspruch

auf hohe Reserven

haben, könnten die Kündigung

nach der ersten Mitteilung zurückziehen,

weil sie vom niedrigen

Ablaufwert enttäuscht

seien. Von der höheren Auszahlungssumme

würden sie

dann nie etwas erfahren.

Die Allianz wollte sich auf

Anfrage nicht zu den Fällen

äußern.

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

DREI FRAGEN...

...zu Zulieferern für

Kraftwerke

Reinhard

Maaß

61, Vorstand

des Fachverbandes

Anlagenbau

n Wie wirkt sich die

Energiewende auf Zulieferer

und Dienstleister von Kohleund

Gaskraftwerken aus?

Die Auswirkungen der Energiewende

in Deutschland

stellt die Unternehmen des

Energieanlagenbaus und die

Kraftwerksserviceanbieter vor

schwierige Marktbedingungen,

da die Auftragsvergabe

fast zum Stillstand gekommen

ist. Viele unserer rund 180

Mitgliedsunternehmen, mit

gut 60 000 Beschäftigten,

sind daher gefordert, neue

Märkte zu finden, um langfristig

Arbeitsplätze zu sichern.

n Fallen Arbeitsplätze weg?

Für die Stromerzeugung in

Deutschland wird langfristig

ein thermischer Kraftwerkspark

von mindestens 70

Gigawatt unverzichtbar bleiben.

Deshalb gehen wir davon

aus, dass der Markt bei entsprechender

politischer Flankierung

demnächst wieder anspringen

wird. Bis dahin gehen

allerdings weitere Arbeitsplätze

verloren, und technisches

Know-how droht ins

Ausland abzuwandern. Betroffen

sind rund 10 000 Arbeitsplätze

deutschlandweit.

n Müssen die Zulieferer

mehr ins Ausland liefern?

Die Internationalisierung findet

bereits statt. Zudem ist die

Nachfrage nach konventioneller

Kraftwerkstechnik weltweit

ungebrochen hoch. Hier kann

mit deutschen Technologien

ein wertvoller Beitrag zum

weltweiten Klimaschutz geleistet

werden.

andreas.wildhagen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 11

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Menschen der Wirtschaft

ANWALTSKANZLEIEN

Briten kaufen

Münchner

Die britische Großkanzlei Eversheds

will ihren Münchner

Partner Heisse Kursawe schlucken,

heißt es in bayrischen Anwaltskreisen.

10 bis 15 Millionen

Euro lässt Eversheds sich

den Deal angeblich kosten. Die

Kanzleien haben sich auf Anfrage

nicht dazu geäußert. Während

die Briten insgesamt 4000

Mitarbeiter beschäftigen, darunter

2000 Rechtsanwälte,

kommt Heisse Kursawe nur auf

170 Mitarbeiter. Die Kanzlei in

München und in Hamburg

gehört zwar seit Langem dem

Eversheds-Netzwerk an, arbeitet

bisher aber wirtschaftlich

und unternehmerisch unabhängig.

Intern löst der Deal Ärger

aus. Denn den Kauferlös

sollen dem Vernehmen nach allein

die Gründer Matthias Heisse

und Stefan Kursawe erhalten.

Ihre 26 Partner würden demnach

leer ausgehen. Eversheds

erzielte im Finanzjahr 2012/13

einen Umsatz von umgerechnet

450 Millionen Euro und einen

Gewinn von 102 Millionen Euro.

Im April wollen die Briten

ein Büro in Berlin eröffnen, ein

weiteres ist in Frankfurt geplant.

harald.schumacher@wiwo.de,

yvonne esterhazy | London

T-SYSTEMS

Tochter IDS

an Aurelius

Zum Umbau von T-Systems, der

Geschäftskundensparte der

Deutschen Telekom, sickern

weitere Details durch: So wird

das Unternehmen die Frankfurter

Tochter Individual Desktop

Solutions (IDS) an die Münchner

Beteiligungsgesellschaft

Aurelius verkaufen. Zudem will

T-Systems-Chef Reinhard

31.03. Tarifrunde In Potsdam gehen

die Tarifverhandlungen für die

Arbeiter und Angestellten der

Kommunen und des Bundes

am Montag in die dritte Runde.

Die Gewerkschaft Verdi fordert

einen Sockelbetrag von 100

Euro und 3,5 Prozent mehr Lohn. In den vergangenen

Tagen hatte sie in mehreren Bundesländern

zu Warnstreiks aufgerufen.

01.04. Energiewende Bundeskanzlerin Angela Merkel

spricht am Dienstag in Berlin mit Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel und den Ministerpräsidenten

über die Reform des Erneuerbaren-

Energien-Gesetzes (EEG). Geplant ist vor allem eine

Drosselung der Förderung. Das Bundeskabinett will

am 8. April darüber entscheiden, am 1. August dieses

Jahres soll die Reform in Kraft treten.

Euro Die EU-Finanzminister beraten in Brüssel

zwei Tage lang über die Auszahlung der nächsten

Kredittranche an Griechenland, über Hilfen für angeschlagene

Banken und die Konjunktur.

Arbeitsmarkt Die Bundesagentur für Arbeit berichtet

über den Arbeitsmarkt. Im März 2013 lag

die Arbeitslosenquote bei 7,3 Prozent, im Februar

2014 ebenfalls bei 7,3 Prozent.

03.04. EZB Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB)

berät am Donnerstag über die Zinspolitik. Janet

Yellen, die Chefin der US-Notenbank, hatte zuletzt

angedeutet, dass sie die Geldpolitik eher strafft als

bis dahin erwartet.

06.04. Hannover Messe Bundeskanzlerin Angela Merkel

und der niederländische Ministerpräsident Mark

Rutte eröffnen am Sonntag in Hannover die größte

Industrieschau der Welt.

Clemens im Ausland 2000 bis

2500 Stellen streichen – rund

zehn Prozent der gut 23000 im

Ausland Beschäftigten. Das berichten

Insider aus dem Umfeld

des T-Systems-Aufsichtsrats.

Die Schritte sind Teil einer

großen Umstrukturierung, mit

der Clemens das IT-Dienstleistungsgeschäfts

profitabler machen

will. T-Systems’ IDS betreibt

mit der Installation und

Wartung von Computersystemen

ein personalintensives Geschäft.

Vom Verkauf an Aurelius,

zu dessen Portfolio etwa der

TOP-TERMINE VOM 31.03. BIS 06.04.

Spirituosenhersteller Berentzen

und die Ex-Bosch-Tochter Blaupunkt

gehören, sind 620 Mitarbeiter

betroffen. Erst kürzlich

wurde bekannt, dass T-Systems

bis Ende 2015 rund 4900 der

zurzeit 29000 deutschen Stellen

streichen will. T-Systems wollte

den IDS-Verkauf nicht kommentieren,

bestätigte aber indirekt

Abbaupläne im Ausland.

„Die Notwendigkeit für den

Umbau unseres Geschäftsmodells

besteht nicht nur in

Deutschland“, teilt das Unternehmen

mit. michael.kroker@wiwo.de

LENOVO

Motorola

ausbauen

Wartet auf Freizeichen

Lenovo-Chef Yang

Langsam klärt sich die Lage: Im

Januar hat der chinesische IT-

Konzern Lenovo angekündigt,

er wolle für 2,9 Milliarden Dollar

die Handysparte Motorola

von Google kaufen. Jetzt wird

deutlich, was Lenovo-Chef

Yang Yuanqing mit der Neuerwerbung

plant. „In den USA

oder Westeuropa, wo Motorola

stark ist, bauen wir die Marke

aus“, kündigt der 49-Jährige an.

Dabei setzt er – wie 2004 beim

Erwerb der PC-Sparte von IBM

– wohl auf eine Koexistenz der

Marken. „Motorola by Lenovo“

sei eine Option, so der Chef. Offenbar

will er speziell die westlichen

Märkte mit einer Huckepack-Strategie

erschließen und

auch Lenovo-Handys unter der

Marke Motorola vertreiben.

„Wir können nicht nur im

Top-Segment aktiv sein, in dem

Motorola aktuell das Modell

Moto X verkauft“, sagt Yang.

Vielmehr wolle er auch in

Deutschland, Frankreich oder

England „alle Preispunkte besetzen“

und „die Portfolios beider

Marken harmonisieren“.

Dass der Kauf von Motorola

an den Wettbewerbshütern

scheitert, glaubt Yang nicht.

„Wir haben bei früheren Akquisitionen

bewiesen, dass wir

kein verschlossenes chinesisches

Unternehmen sind.“ Er

rechnet „in sechs bis neun Monaten“

mit „grünem Licht“.

thomas.kuhn@wiwo.de

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/IMAGEBROKER, LAIF/IMAGINECHINA

12 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

PAYBACK

Alexander Rittweger, 48,

hat sich aus der Geschäftsführung

des Münchner Unternehmens

Loyalty Partner

zurückgezogen, das das

Bonusprogramm Payback

betreibt. Der Betriebswirt

hatte die Managementholding

1998 gemeinsam mit

drei Partnern gegründet.

Im März 2011 übernahm

das amerikanische Kreditkartenunternehmen

Amex

(American Express) für 496

Millionen Euro 75 Prozent

der Anteile. Damals hatte

Rittweger angekündigt, er

bleibe noch fünf Jahre im

Amt und halte auch noch

so lange seinen Anteil. Nun

hat er überraschend die

Rolle eines Angestellten

ohne Zuständigkeiten. In

dieser Funktion will er an

Innovationen und neuen

Geschäftsmodellen tüfteln.

Branchenkennern zufolge

plant er schon ein Dienstleistungs-Startup

außerhalb

des Amex-Konzerns,

das Händlern helfen soll, Kunden

an sich zu binden. Seinen

Anteil von 25 Prozent an Loyalty

Partner hat Rittweger

schon im vergangenen Oktober

an Amex verkauft. Loyalty

Partner hat inzwischen 400

Partnerunternehmen für Payback

begeistert, darunter

Kaufhof, Rewe und Aral. 2014

will Loyalty Partner 390 Millionen

Dollar umsetzen. Die

Geschäftsführung teilen sich

jetzt drei Manager: Bernhard

Brugger, 47, als Chef, Dominik

Dommick, 41, als Digital-

Verantwortlicher und Markus

Knorr, 38, zuständig für die

Finanzen.

MERCK

Annalisa Jenkins, Chefin für

Forschung und Entwicklung bei

Merck, verlässt den Darmstädter

Pharma- und Chemiekonzern

Ende März, ein Nachfolger

wird gesucht. Das Personalkarussell

bei Merck dreht sich derzeit

sehr schnell. Udit Batra, 43,

der bisher erfolgreich das Geschäft

mit rezeptfreien Präparaten

(Consumer Health) geführt

hat, leitet künftig die Sparte für

Biotech-Materialien und Laborreagenzien

(Merck Millipore).

Merck-Managerin Uta Kemmerich-Keil,

47, bisher zuständig

für die Tochtergesellschaft

Allergopharma, folgt Batra bei

Consumer Health nach. Allergopharma-Chef

wird Marco

Linari, 43.

FERNSTRASSENBAU

2 Milliarden Euro

zusätzlich fließen bis 2017 in den Straßenbau. Verkehrsminister

Dobrindt hat beim Finanzer Schäuble erreicht, dass die Mindereinnahmen

aus der Lkw-Maut aus dem allgemeinen Haushalt ausgeglichen

werden. Da wegen der niedrigen Zinsen die Kosten des

Mautsystems sinken, müssen die Mautgebühren reduziert werden.

CLEANAGENTS

Krieg der Putzportale

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung durch den Immobilienscout24-Inkubator

You is Now

25 000 Euro

Kosten zwischen 12 und 15 Euro

Einnahmen Cleanagents behält

einen Anteil von 15 Prozent

Mehr als 1000 Putzfrauen hat Sergiej Rewiakin inzwischen für

seine Online-Plattform Cleanagents rekrutiert. Wie oft sie gebucht

werden, will der Gründer allerdings nicht verraten. „Ich muss aufpassen“,

sagt Rewiakin, „das ist jetzt ein kleiner Krieg.“ Denn auch

die Samwer-Brüder haben mit ihrer Firmenschmiede Rocket Internet

eine Vermittlungsplattform für Reinigungskräfte gestartet:

Helpling ging vor wenigen Tagen online – zunächst für Berlin. „Das

war wie ein Tritt in den Hintern“, sagt Rewiakin, der nun aufs Tempo

drückt. Im Juni 2013 startete er in Berlin; Hamburg folgte nach

einigen Monaten. Vor einer Woche kamen Frankfurt und Köln dazu;

Stuttgart, Bremen und Hannover sollen in diesen Tagen folgen.

„Unser Ziel ist es, bis Ende Mai in allen großen Städten zu sein“,

sagt Rewiakin. Unterstützt wird er dabei von Immobilienscout24.

Um die Expansion zu beschleunigen, sucht er weitere Investoren.

Wie viel Potenzial die Idee hat, zeigt US-Konkurrent Homejoy:

Das Startup erhielt im Dezember von Google und anderen Investoren

38 Millionen Dollar. Das sehen offenbar auch die Samwers.

Im April wollen sie Hamburg, München, Köln und Frankfurt erobern.

„Im Laufe des Jahres

werden wir in allen

deutschen Ballungsräumen

verfügbar sein“, sagt

Helpling-Gründer und

Geschäftsführer Philip

Huffmann, auch „eine

internationale Expansion

ist denkbar“.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR (2), GETTY IMAGES/ULRICH BAUMGARTEN

14 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Thomas Schnell

Geschäftsführer des Chemieunternehmens Dr. Schnell

Wenn Thomas Schnell, 40, morgens

ins Büro kommt, fällt sein

Blick zuerst auf den schneeweiße

Kittel an der Garderobe,

dann auf das Bild mit dem bläulich

schimmernden Eisberg.

„Der Eisberg ist für uns ein

Sinnbild für unberührte Natur,

Reinheit und Nachhaltigkeit“,

sagt Schnell, der Geschäftsführer

des Münchner Chemieunternehmens

Dr. Schnell. Nach

diesen Grundregeln produziert

das um 1830 gegründete Familienunternehmen

im Münchner

Stadtteil Milbertshofen

Reinigungs-, Hygiene-, Desinfektions-

und Hautpflegeartikel

für professionelle Kunden

wie etwa die Deutsche Bahn,

BMW, VW oder den Gebäudedienstleister

Dussmann.

Im vergangenen

Jahr erhielt

Dr. Schnell den Deutschen

Nachhaltigkeitspreis.

Seit 2006

verantwortet Thomas

Schnell das operative

Geschäft, wobei ihn

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

sein Vater, der promovierte

Chemiker und Senior-Chef

Wolfgang Schnell, 70, unterstützt.

„Wir sind ein gut funktionierendes

Team“, sagt der Junior,

der als promovierter Jurist

nach dem Studium zuerst für

den Handelskonzern Metro

und die Unternehmensberatung

Roland Berger gearbeitet

hat, bevor er 2003 ins väterliche

Unternehmen wechselte.

Heute achtet er

auf die eigenen Geschäftszahlen,

„und

die sehen gut aus“,

sagt Thomas Schnell.

50 Millionen Euro

Umsatz erwirtschaftete

das Unternehmen

im Geschäftsjahr 2013,

rund 270 Mitarbeiter beschäftigt

es. Im Arbeitszimmer des

Juniors stehen Möbel der Einrichter

Vitra und USM-Haller,

akkurat ausgerichtet auf 25

Quadratmetern. „Es ist kein

großes, dafür aber ein sehr

funktionales Büro“, sagt Thomas

Schnell, „mit einer klaren

freundlichen Atmosphäre.“ Dazu

passen auch die Werke des

deutschen Landschaftsfotografen

Thomas Wrede. „Sie sind

eine Mischung aus Realität und

Fiktion“, beschreibt Schnell die

Stimmungsbilder, „und spiegeln

treffend meine Liebe zur

Natur wider.“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Nach Recht

und Geschäft

JUSTIZ | Urteilsvermarktung, private Schiedsgerichte, Vortragshonorare, Rechtsgutachten:

Wie deutsche Richter mit diskreten Privatgeschäften nebenbei Kasse machen.

Ein wenig wortkarg sitzt der Star

des Tages auf dem Podium, auf

dem eigentlich eine Diskussionsrunde

stattfinden soll. Dietmar

Gosch wartet, bis er um eine

Einschätzung gebeten wird. Spricht leise,

weil ihm ohnehin jeder zuhört. Für die

jährliche „Hamburger Tagung zur internationalen

Besteuerung“ hat die Hamburger

Handelskammer ihre prachtvollen Räume

in der alten Börse zur Verfügung gestellt,

der große Bankettsaal im Renaissancestil

ist festlich geschmückt. Doch ihre Teilnahmegebühr

haben die versammelten Anwälte,

Unternehmensjuristen und Wissenschaftler

vor allem für den Mann bezahlt,

der sich so unaufdringlich gibt.

Trotzdem ist er für den Veranstalter jeden

Euro Honorar wert. Dietmar Gosch ist

Vorsitzender Richter am Bundesfinanzhof

(BFH), und sein Wort ist quasi Gesetz.

Wenn er und seine Kollegen Urteile fällen,

werden diese im Vierteljahresrhythmus im

Bundessteuerblatt veröffentlicht und damit

für die Finanzämter verbindlich. In keinem

anderen Rechtsgebiet haben Bundesrichter

einen solch unmittelbaren Einfluss

auf die Rechtssetzung wie im Steuerrecht.

Diese Sonderstellung gibt Gosch und seinen

Kollegen die Möglichkeit, auch persönlichen

Profit daraus zu schlagen.

Bereitwillig treten sie auf exklusiven Tagungen

auf. Seit Januar vergangenen Jahres

hatte Gosch Zeit für mindestens 16 Vorträge

und Diskussionsrunden bei Steuerberatern,

Unternehmen und Netzwerkvereinen.

Januar, Hotel Kulm, St. Moritz: Internationales

Steuerseminar, Teilnehmerbeitrag

2450 Schweizer Franken, Redner: Dietmar

Gosch. Im Vorjahr dort anzutreffen:

»Es finden

Grenzüberschreitungen

statt«

Gerhart Baum

BFH-Präsident Rudolf Mellinghoff. September,

Steuerrechtliches Seminar Westerland,

Sylt, Restaurant Luzifer, Teilnehmerbeitrag

1419 Euro, Redner: Hermann-Ulrich

Viskorf, BFH-Vizepräsident.

Die Finanzrichter stehen an der Spitze

einer offenbar ziemlich selbstverständlichen

Verquickung höchstrichterlicher und

höchstpersönlicher Interessen. Im Jahr

2012 besserten nach Recherchen der WirtschaftsWoche

73 Prozent der Richter am

Bundesgerichtshof (BGH) ihre Kasse mit

Nebentätigkeiten auf, am Bundesverwaltungsgericht

waren es 85 Prozent, am BFH

97 Prozent und am Bundesarbeitsgericht

sowie am Bundessozialgericht jeweils 100

Prozent.

MIT GRÖSSTER SKEPSIS

Sie haben Lehraufträge an Universitäten

und schreiben wissenschaftliche Veröffentlichungen,

sie halten aber auch bezahlte

Vorträge in exklusiven Seminaren, vermarkten

ihre Urteile oder entscheiden in

privaten Schiedsgerichten mit. Auf die

können sich beispielsweise Unternehmen

bei einem Vertragsschluss verständigen,

um im Falle von Streitigkeiten eine schnellere

Entscheidung als bei den ordentlichen

Gerichten zu haben. „Ich sehe die hohen

Quoten mit größter Skepsis“, sagt der frühere

FDP-Bundesinnenminister und Bürgerrechtsanwalt

Gerhart Baum (siehe Interview

Seite 25). „Es finden Grenzüberschreitungen

statt, die zu hohen Nebeneinkünften

führen.“

Auch wenn es wenig Vergleichszahlen

gibt, in den vergangenen Jahren sind die

Nebentätigkeiten kräftig gewachsen. Als

1996 der Fall eines besonders geschäftstüchtigen

Richters vom Frankfurter Oberlandesgericht

für Schlagzeilen sorgte, zählte

die Justizministerkonferenz zum bisher

letzten Mal nach: Insgesamt gingen damals

nur 15 Prozent aller Bundesrichter bezahlten

Nebentätigkeiten nach.

Krösus unter den Richtern sind Gosch

und seine Kollegen. Mehr als 28 200 Euro

Zusatzeinnahmen erzielten die BFH-Richter

2012 durchschnittlich pro Kopf. Die Erlöse

der Top-Verdiener liegen noch weitaus

höher, wie das Gericht gegenüber der WirtschaftsWoche

bestätigt. „Bei den durchschnittlichen

Einnahmen aus anzeigepflichtigen

Nebentätigkeiten ist zu berücksichtigen,

dass einige wenige Richter an

sehr erfolgreichen Steuergesetzgebungskommentaren

mitwirken, die einen außerordentlich

hohen Ertrag abwerfen“,

schreibt der BFH. Auf weitere Nachfragen

will er freilich nicht genauer beziffern, wie

hoch der Betrag ist, den der Top-Verdiener

einstreicht.

Das juristische Prekariat sitzt hingegen

am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig,

wo Richter sich mit durchschnittlich 3500

Euro Zusatzeinnahmen pro Jahr begnügen

müssen. Lukrativer sind da schon die

»

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

18 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Bundesfinanzhof (München)

59 Richterinnen und Richter,

57 mit Nebenjobs =

97 Prozent

Durchschnittsnebenverdienst 28 200 €

Bundesarbeitsgericht (Erfurt)

38 Richterinnen und Richter,

38 mit Nebenjobs =

100 Prozent

16 400 €

Bundesgerichtshof (Karlsruhe)

129 Richterinnen und Richter,

94 mit Nebenjobs =

73 Prozent

Bundessozialgericht (Kassel)

10 500 €

46 Richterinnen und Richter,

46 mit Nebenjobs =

100 Prozent

10 100 €

Bundesverwaltungsgericht (Leipzig)

54 Richterinnen und Richter,

46 mit Nebenjobs =

85 Prozent

3500 €

Justizia kassiert

Nebentätigkeiten der deutschen Bundesrichter (2012)*

* Prozent- und Euro-Werte gerundet; eine Figur entspricht fünf Richterinnen/Richtern (gerundet); Quelle: Gerichtsangaben, eigene Recherche

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

durchschnittlichen Nebenverdienste

am Bundessozialgericht (10 100 Euro),

Bundesgerichtshof (10 500 Euro) oder am

Bundesarbeitsgericht (16 400 Euro).

In Hamburg taut Gosch langsam auf. Er

leitet beim BFH den Ersten Senat, alle Fragen

zur internationalen Besteuerung gehen

über seinen Tisch – genau die Fragen,

die deutsche Weltkonzerne und ihre Berater

besonders brennend interessieren.

„Herr Professor Gosch, wie beurteilen Sie

den Kampf der OECD gegen Steuerhinterziehung?“

Man dürfe „nicht aus populistischem

Eifer über das Ziel hinausschießen

und gewöhnliche Geschäftsvorgänge als

missbräuchlich kennzeichnen“, setzt er an.

Insgesamt mache es ihm Sorge, dass „Steuerrecht

nur noch als Ordnungsrecht gesehen

wird“, denn: „Es ist auch Teil eines internationalen

Wettbewerbs, den wir nicht

verlieren dürfen.“ Applaus. Den Konzernjuristen

gefällt, was sie da hören.

Den Moderator dürften die Ausführungen

nicht überraschen. Jürgen Lüdicke ist

Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

PricewaterhouseCoopers (PwC) und Professor

an der Universität Hamburg. Vor allem

aber: Die privat bekannten Gosch und

Lüdicke bilden beruflich ein ziemlich einträgliches

Team. Gosch ist Stammgast bei

Veranstaltungen von PwC, mehrmals hat er

laut Programm für die Weiterbildungsakademie

des Konzerns in Wien Seminare gehalten,

ist auf einer Tagung in Paris aufgetreten.

Neuerdings geben sie zusammen die

Schriftenreihe „PwC-Studien zum Unternehmens-

und Internationalen Steuerrecht“

heraus. Dem einen verhilft das zu mehr Renommee,

dem anderen zu ein paar leicht

verdienten Euro. Über seine Honorare für

die Vorträge will Gosch zwar nicht reden,

doch im Fall Hamburg macht er eine Ausnahme.

„Das war so gering, das kann ich Ihnen

sogar verraten“, erklärt er, „zwischen 500

und 1000 Euro“ habe er bekommen.

GUTES GELD, WENIG AUFWAND

Ein Richter am Landgericht gibt an, für einen

20-minütigen Vortrag eines Kollegen

seiner Kragenweite seien „bis zu 2000 Euro

drin“ – und Bundesrichter sind noch weit

begehrter als die Kollegen von den Landgerichten.

Für besonders einträglich hält er

Podiumsdiskussionen, gerade wenn es um

die eigene Rechtsprechung geht: „Da geht

der Vorbereitungsaufwand gegen null.“

Es ist nicht so, dass Nebentätigkeiten von

Richtern grundsätzlich anstößig wären.

Viele Richter sind in der Nachwuchsausbildung

tätig, lehren an Universitäten, korrigieren

Klausuren und veröffentlichen

Fachaufsätze. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Die Teilnahme an Konferenzen ist

sogar erwünscht: Zwar sollen Richter ihre

Urteile unabhängig fällen, aber sie müssen

auch die Gesellschaft kennen, über die sie

befinden. Darauf beruft sich auch Gosch:

„Gerade im Steuerrecht ist das unerlässlich.

Woher sollen Sie denn sonst die Konstruktionen

kennen, die da bei uns auf den

Schreibtischen landen.“

Richter mit Geschäftssinn

Oberlandesgerichte mitden höchsten

offengelegten Nebeneinkünften

einzelner Richter (in Euro)*

OLG Hamm

OLG Frankfurt/Main

»Das ist ein

jahrzehntealtes

Juristenkartell«

OLG Köln

OLG Schleswig

OLG Celle

*2012; Quelle: eigene Recherche

15 450

11 000

Christoph Schwalb

34 350

27 500

51 000

Klagt gegen das

Verfassungsgericht

Unternehmer Schwalb

Doch dass sie aus diesem Austausch

auch persönlichen Profit schlagen, dafür

gibt es kaum einen einleuchtenden Grund.

Schließlich sind Bundesrichter hinter Ministern

eine der bestbezahlten Berufsgruppen

im öffentlichen Dienst. Im Monat stehen

den Senatsvorsitzenden rund 9600 Euro

zu, einfache Richter erhalten 8700 Euro.

Neben dem Steuerrecht scheinen vor allem

Miet- und Wohneigentumsrecht Felder

zu sein, in denen die wirtschaftlichen

Akteure die Nähe zu Richtern suchen. So

urteilte der Fünfte Zivilsenat des Bundesgerichtshofs

im Herbst, dass Wohnungseigentümer

unter Umständen die mit ihren

Mietern vereinbarten Vorkaufsrechte bei

Grundstücksverkäufen nachträglich einschränken

können. Einer der mitentscheidenden

Richter war Jürgen Schmidt-

Räntsch – zugleich häufiger Gast bei den

Fachtreffen der Wohnungsbranche.

Beim „Kölner Verwalterforum“ referiert

er einmal im Jahr über seine Entscheidungen.

Auf der Tagung

„Wir Wohnungseigentümer“

berichtet der

Grafik

Bundesrichter über

In unserer App- die häufigsten Konfliktfelder

in seinem

Ausgabe finden

Sie Infos zu den Fachgebiet. Auch

Nebenverdiensten

an den 24 OLG beim „Dachverband

Deutscher Immobilienverwalter“

und

beim „Jahrestag des

Deutschen Erbbaurechtsverbands“ trug

Schmidt-Räntsch zuletzt vor. Veranstaltungen

bei Mieterverbänden hingegen sind

nicht überliefert. Schmidt-Räntsch sieht

seine Tagungsauswahl dennoch als unkritisch

an: „Ich beschränke mich darauf, die

20 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ACHIM KAEFLEIN PHOTODESIGN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DDP IMAGES/LUKAS BARTH; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

Top-Jobs

Ein Finanzhof-Senat um

Gerichts-Vize Viskorf (Mitte)

Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs

vorzutragen und zu erläutern.“ Zudem sei

er nur für Wohneigentumsrecht zuständig.

Eine interessante Haarspalterei.

Man kann die Liste solcher Fälle lange

fortsetzen. Umso erstaunlicher, wie wenig

umstritten das Thema in der Richterschaft

selbst ist. Der Deutsche Richterbund hat

2012 einen Ethikkodex verabschiedet, die

stellvertretende Vorsitzende Andrea Titz,

im Hauptberuf Richterin am Oberlandesgericht

München und zuletzt als Gerichtssprecherin

im Fall Uli Hoeneß bekannt geworden,

hat das Werk verantwortet.

„Der ganz überwiegende Teil der Richter

übt keine Nebentätigkeit aus“, sagt sie.

Im Ethikkodex taucht es dann auch nur als

Randaspekt auf. Zehn ethische Grundsätze

hat der Richterbund erarbeitet, in Nummer

fünf – „Mäßigung“ – heißt es: „Sie nutzen

ihre berufliche Position nicht zu ihrem

persönlichen Vorteil und versuchen, jeden

Anschein eines Missbrauchs zu vermeiden.

Bei öffentlichkeitswirksamem

Auftreten, insbesondere mit parteipolitischem

Hintergrund, reflektieren sie mögliche

Konflikte mit ihrem Amt.“ Die meisten

Kollegen, sagt die Ethikbeauftragte, gerieten

nie in solche Konflikte. „Ich bin davon

überzeugt, dass die meisten Richter

diese Grundsätze wirklich verinnerlicht

haben.“

»Steuerkommentare

werfen hohe

Erträge ab«

Sprecherin Bundesfinanzhof

EIN GERICHT VOR GERICHT

Konsequent allerdings scheinen einzig die

Richter des Bundesverfassungsgerichts zu

sein. Auf Nachfrage zu Nebentätigkeiten

verweisen sie energisch auf das Bundesverfassungsgerichtsgesetz,

dort heißt es:

„Mit der richterlichen Tätigkeit ist eine andere

berufliche Tätigkeit als die eines Lehrers

des Rechts an einer deutschen Hochschule

unvereinbar.“

Doch selbst die höchsten deutschen

Richter müssen sich derzeit mit einer delikaten

Angelegenheit in eigener Sache auseinandersetzen.

Es geht um eine möglicherweise

illegale Praxis beim Verkauf von

Verfassungsgerichtsurteilen an Datenbanken

und Verlage. Christoph Schwalb heißt

der Mann, der das Verfassungsgericht vor

Gericht gebracht hat. Der 55-Jährige ist geschäftsführender

Gesellschafter des kleinen

Jura-Fachverlags LexXpress im badischen

Gundelfingen nahe Freiburg. „Ein

jahrzehntealtes Juristenkartell knacken“,

nicht weniger als das ist sein Ziel.

„Die Richter fällen ihre Urteile im Namen

des Volkes, und dafür werden sie vom

Volk auch gut bezahlt“, sagt Schwalb. „Dennoch

versuchen sie, ihre Entscheidungen

zusätzlich zu Geld zu machen.“ Dafür haben

sie sich auf einen merkwürdigen Deal

mit dem weit größeren LexXpress-Konkurrenten

Juris GmbH eingelassen. Die gehört

zur Hälfte der Bundesrepublik, die andere

Hälfte besitzt ein französisch-niederländischer

Verlag.

Was die blanken Urteilstexte für die Datenbanken

erst wertvoll macht, ist die sogenannte

Dokumentation. Dabei werden

die Texte mit digitalen Markierungen versehen

und sind dann sortiert abrufbar, etwa

nach Leitsätzen, Aktenzeichen, Entscheidungsdatum.

Diese Arbeit erledigen

die Dokumentationsstellen der Gerichte.

Als einziger Anbieter erhält Juris die dokumentierten

Urteile. Im Gegenzug stellt das

Unternehmen seine Datenbank den Gerichten

zur Verfügung. Juris muss aber

auch garantieren, die Urteile nur für seine

eigene Datenbank zu verwenden und sie

ohne Zustimmung nicht weiterzugeben an

andere Datenbanken oder Buchverlage.

EIN MILLIONENGESCHÄFT

„Mit dieser Klausel werden die privaten

Nebentätigkeiten der Richter geschützt“,

sagt Schwalb. LexXpress und andere Datenbanken

nämlich bekommen nur die

undokumentierten Rohtexte, und sie müssen

dafür bezahlen – je nach Gericht an

den ansässigen Richterverein oder eigens

gegründete Vermarktungsgesellschaften

der Richter. Auch die jährlichen Entscheidungssammlungen

geben nicht etwa die

Gerichte heraus, sondern die Richter in

privater Nebentätigkeit.

Schwalb ärgert sich über die Ungleichbehandlung,

denn „die Datenbanken sind

ein Millionengeschäft“. Etliche Anwaltskanzleien,

Ministerien und Behörden, juristische

Fakultäten an Universitäten, aber

auch Wirtschaftsprüfer und Steuerberater

brauchen Zugang zur aktuellen Rechtsprechung.

Bei Juris zahlen sie bis zu 1800

Euro für Datenbankzugänge. Juris machte

2012 bei einem Umsatz von 39,3 Millionen

Euro einen Jahresüberschuss von 7,9 Millionen

Euro, eine Umsatzrendite von satten

20 Prozent.

Seit einem Jahrzehnt versucht Schwalb,

gegen die Juris-Privilegierung vorzugehen,

im vergangenen Jahr hatte er erstmals Erfolg:

Der Verwaltungsgerichtshof Baden-

Württemberg verurteilte das Bundesverfassungsgericht

dazu, Schwalb und LexXpress

seine Urteile in derselben Form und

zu denselben Konditionen zur Verfügung

zu stellen wie Juris auch. Das Verfassungsgericht

wie auch Juris legten Revision ein,

jetzt liegt die Sache beim Bundesverwaltungsgericht.

Das sieht sich mit einer pikanten Situation

konfrontiert: Schwalb und seine Anwälte

haben einen Befangenheitsantrag

gegen sämtliche Richter am Bundesverwaltungsgericht

gestellt. „Wenn sie das

»

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

Urteil gegen das Verfassungsgericht bestätigen,

hat das auch Auswirkungen auf

ihre eigenen Nebentätigkeiten“, sagt

Schwalb. Die Verwaltungsrichter haben

den Antrag zurückgewiesen und werden

in den nächsten Monaten entscheiden.

Der Antrag sei zwar nicht offenkundig

rechtsmissbräuchlich, allerdings bleibe

dem Gericht gar nichts anderes übrig, als

zu entscheiden: Da das Bundesverwaltungsgericht

die höchste Instanz ist, steht

kein Richter mehr zur Verfügung, wenn alle

befangen sind. Außerdem seien die Vermarktungserlöse

nicht so hoch, dass sie

die Richter in ihrer Unabhängigkeit beeinflussen

könnten.

So ähnlich äußern sich auf Nachfrage

auch die anderen Gerichte: keine große Sache

mehr. „Die Goldenen Zeiten sind vorbei“,

sagt ein vor nicht allzu langer Zeit ausgeschiedener

BGH-Richter, „auch die Gerichte

bekommen zu spüren, dass bei Verlagen

das Geld nicht mehr so locker sitzt.“

Genaue Zahlen gibt es nicht. Der Richterverein

am Bundesverfassungsgericht teilt

mit, dass er seinen Wirtschaftsbetrieb zum

31. Dezember 2013 sogar eingestellt hat –

weil er sich nicht mehr lohnt. Die Richter

am Bundesgerichtshof aber stritten sich

schon mal darum, wer sich wie viele Krümel

in die Tasche stecken darf.

Die BGH-Richter haben einen gemeinsamen

Richterverein mit der Bundesanwaltschaft.

Als nach den Terroranschlägen

vom 11. September 2001 zehn Sonderermittler

zur Terrorbekämpfung eingestellt

wurden, wollten die Altmitglieder die Neulinge

nicht an ihre Pfründe lassen. Da die

Sonderermittler nicht an Revisionsverfahren

beteiligt sind, sollten sie auch nicht an

den Ausschüttungen der Herausgebergemeinschaft

aus der Urteilsvermarktung

beteiligt werden, vermerkt das Protokoll

der Richterverein-Mitgliedsversammlung

2003. Immerhin, für ein kleines Trostpflaster

waren die Bundesrichter noch milde

genug gestimmt: Wenn die Sonderermittler

schon nicht mit kassieren dürfen, dann

müssen sie auch nur einen ermäßigten

Mitgliedsbeitrag an den Verein zahlen.

PRÄSIDENT MACHT SICH FEINDE

Mäßigung, wie im Ethikkodex des Richterbunds

gefordert, spricht jedenfalls nicht

aus dem Verhalten der BGH-Richter. Intern

gab es zudem immer wieder Auseinandersetzungen

wegen der Nebentätigkeiten,

was durchaus ein Verdienst des im Januar

pensionierten BGH-Präsidenten Klaus

Tolksdorf ist. „Tolksdorf hat versucht, die

»Die Richter

haben die

Grundsätze

verinnerlicht«

Andrea Titz

Nebentätigkeiten einzudämmen“, sagt einer,

der unter dem kürzlich ausgeschiedenen

Präsidenten Senatsvorsitzender war,

„damit hat er sich bei vielen Richtern nicht

gerade beliebt gemacht.“ Es fällt ja auch

schwer, sich von lieb gewonnenen Verdienstmöglichkeiten

zu trennen.

Diese Einstellung steht symptomatisch

dafür, wie erstaunlich leichtfertig weite Teile

der deutschen Richterschaft über die

Problematik der Nebeneinkünfte hinweggehen.

Verhaltensweisen, die Akteuren in

Politik und Wirtschaft mindestens den Vorwurf

der Kungelei, Mauschelei oder Gier

einbrächten, werden vielfach gar nicht als

Problem wahrgenommen. Richterbund-

Vertreterin Titz jedenfalls vertraut auf die

innere Einstellung ihrer Kollegen. „Richter

wissen, welch große Bedeutung der richterlichen

Unabhängigkeit zukommt. Nur

im Bewusstsein dieser Verpflichtung lässt

sich verhindern, dass sich eine Nebentätigkeit

auf die unabhängige richterliche Entscheidung

auswirkt.“

Darauf, schon den Anschein von zu viel

Nähe zu vermeiden, achten allerdings viele

Richter kaum – selbst dann, wenn nicht

einmal Geld im Spiel ist. Alfred Bergmann

Gefragte Frau

Die Münchner OLG-

Sprecherin Titz

zum Beispiel ist Vorsitzender des Zweiten

Zivilsenats am Bundesgerichtshof, in seine

Zuständigkeit fällt das Gesellschaftsrecht.

Zugleich ist er Vorstandsmitglied der „Gesellschaftsrechtlichen

Vereinigung“ (VGR),

wo außer ihm und einem Rechtsprofessor

Vertreter der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

KPMG, der Deutschen Telekom und

der Kanzleien Hengeler Mueller sowie

Schilling, Zutt & Anschütz vertreten sind.

Das ist nicht verboten. Die VGR will laut

ihrer Satzung die „wissenschaftliche Behandlung

aller das Unternehmens- und

Gesellschaftsrecht betreffenden Fragen“

fördern. Sie ist ein eingetragener Verein,

selbstlos tätig, richtet Fachtagungen aus,

gibt Publikationen heraus. Doch sie schafft

auch Kontakte und exklusive Zugangsmöglichkeiten.

„Ich finde das sehr merkwürdig“,

sagt Gerhart Baum. Er habe zwar nichts dagegen,

dass Richter die Vereinigungen als

einfache Mitglieder für den fachlichen Austausch

nutzen. „Aber es geht nicht, dass ein

oberster Richter in einer solchen Vereinigung

eine tragende Aufgabe übernimmt.

Damit macht er sich zu einem exponierten

Vertreter der Gesellschaft, ihrer Mitglieder

und ihrer Interessen.“

MERKWÜRDIGE VEREINIGUNG

Mitglied in der Vereinigung werden können

nicht nur Personen, sondern auch Unternehmen.

Ob Bayer, Lufthansa oder RWE, ob

Deutsche Bahn, Coca-Cola oder gleich der

Bundesverband der Deutschen Industrie,

alle sind dabei. Sie wird geführt von Gerd

Krieger, einem der Staranwälte der noblen

Sozietät Hengeler Mueller, die zu den feinsten

Adressen im deutschen Gesellschaftsrecht

zählt. Keine andere Kanzlei berät so

FOTOS: DDP IMAGES/JOERG KOCH, DDP IMAGES/MICHAEL LATZ; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

22 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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viele Dax-Konzerne, keine engagiert sich so

stark in der VGR und pflegt dort beste Kontakte

zum BGH. Gründungsmitglied war

neben Krieger auch sein nicht minder prominenter

Hengeler-Kollege Michael Hoffmann-Becking.

Bergmanns Vorgänger auf

dem Chefsessel des Zweiten Zivilsenats,

Wulf Goette und Volker Röhricht, waren

beide VGR-Mitglied, Röhricht mit Hoffmann-Becking

zusammen im Vorstand.

Dass die Vereinigung auch der Landschaftspflege

dient, weist Krieger allerdings

zurück. Die Vereinigung VGR „hat

rund 1400 Mitglieder, die sich aus Angehörigen

wohl aller juristischen Berufsgruppen,

die mit Fragen des Unternehmensund

Gesellschaftsrechts befasst sind, zusammensetzen“,

teilt er mit. „Die wesentlichen

Berufsgruppen sollen auch im Vorstand

vertreten sein.“

Unter Krieger allerdings ist die Beziehung

zum BGH so eng wie noch nie zuvor:

Richterin Gabriele Caliebe darf nicht mehr

an allen Entscheidungen des Zweiten Senats

mitwirken – wegen ihrer Liebschaft

mit Krieger beschloss der Senat 2008, dass

sie außen vor bleiben muss, wenn Hengeler

Mueller an einem Verfahren beteiligt

war. Bergmann und Caliebe bestätigen,

dass die Regelung nach wie vor in Kraft ist.

Ansonsten, so Bergmann, werden „zu Fragen

der senatsinternen Geschäftsverteilung

keine Erklärungen abgegeben“.

Wie schnell aus legitimem Austausch

fragwürdige Nähe werden kann, zeigt auch

das Beispiel der Bankrechtlichen Vereinigung.

Sie will ebenfalls die wissenschaftliche

Beschäftigung mit ihrem Rechtsgebiet

fördern – Kritiker sehen in ihr allerdings eine

verkappte Lobbyvereinigung der deutschen

Großbanken. In ihr treffen BGH-

Richter mit Professoren, aber auch führenden

Juristen von Deutscher Bank, Commerzbank,

DekaBank und anderer Institute

aufeinander. Mitgliedertreffen oder

Bankrechtstage finden schon mal in den

Räumen der Deutschen Bank statt, die Verwaltungsarbeit

übernimmt der Verlag

Wertpapier-Mitteilungen, der zu 50 Prozent

der Interessengemeinschaft der

Frankfurter Kreditinstitute gehört. Der Vorstand

betont, dass man „entsprechend unserem

Selbstverständnis den wissenschaftlichen

Dialog über das Bankrecht unter Beteiligung

aller Interessierten“ fördern wolle,

deshalb seien auch Anlegeranwälte in

den Gremien der Vereinigung vertreten.

Gerd Nobbe hatte jedenfalls kein Problem

damit, als Vorsitzender des Elften Zivilsenats

am Bundesgerichtshof, der für

»

BANKRECHTLICHE VEREINIGUNG

Vorstand verzockt Vereinsvermögen

Die Elite der deutschen Bankrechtler hat sich mit Lehman-Brothers-Papieren

verhoben. Für den früheren Chef des Bankensenats am Bundesgerichtshof,

Gerd Nobbe, ist die Affäre besonders peinlich.

Der Elfte Senat des Bundesgerichtshofs

(BGH) hat sich schon reichlich Zorn von

Anlegeranwälten zugezogen. Zu bankenfreundlich

seien viele Urteile, zu feindlich

gegenüber Anlegern. Besonders in der

Kritik stand der von 1999 bis 2009 amtierende

Vorsitzende Gerd Nobbe. Selbst

Kollegen eines anderen BGH-Senats warfen

Nobbes Senat einmal vor, eine EU-

Verbraucherschutzrichtlinie „zu pervertieren“.

Der Grund: Nobbe und Co. hatten

Anlegern mal wieder Schadensersatz verweigert,

nachdem diese von Banken über

den Tisch gezogen worden waren.

ANDERE PERSPEKTIVE

Womöglich sieht Nobbe seine Tätigkeit

jetzt aus einer anderen Perspektive. Von

2001 bis 2013 saß er im vierköpfigen Vorstand

der Bankrechtlichen Vereinigung.

In der versammeln sich die Cracks des

Bank- und Kapitalmarktrechts in

Deutschland, doch der frühere Vorstand

um den damals amtierenden Bankensenats-Vorsitzenden

Nobbe war nicht in der

Lage, die Ausfallrisiken von Finanzprodukten

richtig einzuschätzen.

Der Vorstand schaffte es 2008, mehr

als 70 000 Euro – einen Großteil des Vereinsvermögens

– mit Zertifikaten der

Pleitebank Lehman Brothers zu verzocken

und sich hinterher in der Rolle des

armen Anlegers zu beweinen. Im Protokoll

der Mitgliederversammlung 2009

heißt es, die Postbank mit ihrer schlechten

Beratung sei schuld: Es habe eine

„ausdrückliche Versicherung“ gegeben,

dass es sich um „eine den Vorstellungen

des Vorstands entsprechende konservative

Anlage“ handele. Also zeichnete der

Verein im April 2008 die Zertifikate. Fünf

Monate später war Lehman bankrott und

die Papiere waren nicht mehr viel wert.

„Es ist unfassbar, dass die darauf reinfallen

konnten“, sagt der Göttinger Anlegerschutzanwalt

Reiner Fuellmich. „Ein

Vorsitzender des Bankensenats am BGH

hat ständig Fälle auf dem Tisch, bei denen

es um die Risiken von Finanzprodukten

geht. Natürlich hätte der das Emittentenrisiko

erkennen müssen. Anfang 2008

gab es in den Zeitungen auch schon Berichte

über die heraufziehende Finanzkrise.“

Nobbe scheint die Sache unangenehm

zu sein, er lässt Nachfragen

unbeantwortet. Laut der Protokolle war

die Existenz der Vereinigung wegen der

Fehlspekulationen nicht gefährdet.

Um ihr Geld bangen die Bankrechts-Experten

aber weiter: Welche Quote am Ende

zu erzielen sein wird, steht laut aktuellem

Vorstand noch nicht fest. 2013

wurden die Papiere aus dem Vermögen

ausgebucht – mickrige 1,22 Prozent Kapitalrückfluss

standen in Aussicht. Insofern

hat die Bankrechtliche Vereinigung

einen guten Zweck erfüllt, wenn auch

ganz anders als geplant: Die Mitglieder

bekamen einen Eindruck, wie die Perspektive

geschädigter Anleger aussieht.

Ein vielleicht lehrreicher Einblick – auch

für Nobbe, der immer noch mit Anlegerangelegenheiten

befasst ist: Als Ombudsmann

für den Fonds-Bundesverband BVI

bearbeitet er Beschwerden von Fondszeichnern,

die Verluste erlitten haben.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

Was weg ist, ist weg Ex-Richter Nobbe

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 23

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Politik&Weltwirtschaft

»

Bankenrecht zuständig ist, auch in der

Bankrechtlichen Vereinigung mitzuarbeiten

(siehe Seite 23). Mittlerweile ist Nobbe

im Ruhestand, sein Nachfolger im Vorstand

der Vereinigung wurde Christian

Grüneberg, wieder ein Richter aus dem

Bankensenat des BGH.

Solche Erbhöfe repräsentieren vieles,

aber sicher nicht die richterliche Unabhängigkeit,

das höchste Gut der Richter. Auf

diese im Grundgesetz abgesicherte Garantie

stützen sie ihr besonderes Ansehen in

der Gesellschaft. Anders als Staatsanwälte

sind sie frei von jeglicher Staatsräson und

in keine Hierarchie eingebunden. Aus ihrer

Unabhängigkeit leiten sie zum Teil abstruse

Sonderrechte ab, die für jeden anderen

Beamten unvorstellbar sind. So hat das

Dienstgericht des Bundes Richtern zugebilligt,

dass sie nicht an festgesetzte Dienstzeiten

gebunden werden können. Zudem

dürfen Richter nicht dazu verpflichtet werden,

ihre Arbeit am Dienstort Gericht zu

erledigen, Sitzungen und Beratungen ausgenommen.

Schließlich sollen sie frei bleiben

„von äußeren Zwängen, seien sie auch

nur atmosphärischer Art“.

Aus solch außergewöhnlichen Freiheiten

leitet sich aber auch die besondere

Pflicht ab, schon den Anschein von Interessenkonflikten

zu vermeiden. „Die Unabhängigkeit

ist kein Privileg und Selbstzweck.

Sie ist dem Richter gewährt, um

eine gerechte, von sachfremden Einflüssen

freie Rechtsprechung zu ermöglichen“, formulierte

einmal der ehemalige Präsident

des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen

Papier. Nebentätigkeiten jedoch seien

Richtern grundsätzlich zu gewähren, solange

sie dadurch nicht gehindert sind,

sich „mit voller Hingabe“ ihrem Beruf zu

widmen. Ob das der Fall ist, entscheiden

zumeist sie selbst. Zwar kann der Gerichtspräsident

sein Veto einlegen, doch das passiert

selten. Viel hängt vom Bauchgefühl

des einzelnen Richters ab.

Schweigt

zur Geschäftsverteilung

Der Chef des

Zweiten BGH-

Zivilsenats

Bergmann

»Dazu

werden keine

Erklärungen

abgegeben«

Alfred Bergmann

JEDER HAT SEINEN KODEX

Finanzrichter Gosch zum Beispiel kann sich

furchtbar über die Interessenkonflikte mancher

Kollegen aufregen. Serienvorträge, bei

denen ein Richter an wechselnden Orten

immer wieder das Gleiche referiert? „Geht

gar nicht, das würde ich verbieten.“ Aus einem

Gerichtssenat direkt als Anwalt in eine

Kanzlei wechseln? „Schlimm!“ Schiedsverfahren

leiten? „Lehne ich immer ab.“

So hat jeder seinen eigenen Kodex, doch

das Ergebnis lautet fast überall: Die Nebentätigkeiten

werden mehr, und die Problematik

zieht sich von den obersten Bundesgerichten

durch die Instanzen nach unten.

Im vergangenen Jahr sorgte der Fall einer

auf Mietsachen spezialisierten Richterin

am Landgericht Berlin für Aufruhr. Sie leitete

beim „Bundesverband Freier Immobilien-

und Wohnungsunternehmen“ ein Seminar.

Mieteraktivisten demonstrierten gegen

die Veranstaltung, im Berliner Senat

folgte eine parlamentarische Anfrage zu

den Nebentätigkeiten der Richter. Auch unter

Richtern stoßen die Auswüchse mitunter

auf Kritik: „Bezahlte Vorträge bei Unternehmen

und Kanzleien halte ich grundsätzlich

für problematisch“, sagt ein Richter

an einem der großen Landgerichte, „wie

soll ich denn unabhängig bleiben, wenn ich

mit den gleichen Anwälten, die morgen bei

mir im Gerichtssaal sitzen, heute für viel

Geld ein paar nette Worte wechsele?“

Wie eine Anfrage der WirtschaftsWoche

bei allen 24 Oberlandesgerichten (OLG) ergab,

halten sich die meisten Richter in Sachen

Nebentätigkeiten zurück. Etliche arbeiten,

wenn überhaupt, nur als Kursleiter,

Korrektor oder Prüfer im Rahmen der beiden

Staatsexamen, die der juristische

Nachwuchs ablegen muss. Für die aufwendige

Ausbildungstätigkeit kassieren sie ein

besseres Trinkgeld. „Wir sind froh, dass

sich überhaupt Kollegen finden, die das

machen“, sagt Stephan Haberland, Sprecher

des OLG Bremen. „Ohne dieses Engagement

wäre die Ausbildung gar nicht

möglich.“ Pro Unterrichtsstunde gibt es je

nach Bundesland zwischen 18 und 40 Euro,

pro korrigierter Klausur 8 bis 16 Euro.

Doch es gibt auch OLG-Kollegen, die

über solche Summen nur lachen können.

Richtig Kasse machte ein Richter am OLG

Hamm, er kassierte für ein einziges

Schiedsgerichtsverfahren nebenbei 51 000

Euro. In Frankfurt am Main durfte sich der

Top-Verdiener an einem Nebenverdienst

von 34 350 Euro erfreuen, in Köln lag der

Spitzen-Nebenerlös bei 27 500 Euro.

Neben Vorträgen und Schiedsgerichtstätigkeiten

sind Richter auch als Gutachter

gefragt. Aktuell etwa im Ermittlungsverfahren

gegen Deutsche-Bank-Top-Manager

wegen des Verdachts auf Prozessbetrug bei

der Kirch-Schadensersatzklage. Deutsche-

Bank-Chef Jürgen Fitschen hat zwei Gutachten

verfassen lassen, die ihn entlasten.

Eines davon stammt von Eberhard Stilz,

seines Zeichens Präsident des Staatsgerichtshofs

Baden-Württemberg.

Für Bundesjustizminister Heiko Maas

(SPD) jedoch ist das Thema Nebentätigkeiten

offensichtlich Nebensache, eine Anfrage

ließ er seinen Parlamentarischen Staatssekretär

Christian Lange (SPD) beantworten.

„Das differenzierte und sachgerechte

Regelungswerk hat sich bewährt“, verkündete

der. Denn: „Bei der überwiegenden

Zahl der Nebentätigkeiten handelt es sich

um schriftstellerische, wissenschaftliche

oder Vortragstätigkeiten.“ Kein Wort dazu,

dass gerade Letztere ein Quell von Interessenkonflikten

sein können.

KARRIERE NACH DER KARRIERE

Finanzrichter Dietmar Gosch wird im

nächsten Jahr 65 Jahre alt, dann endet seine

Zeit als Bundesrichter, es beginnt der

Ruhestand. Die Kontakte könnten dann

erst richtig lukrativ werden, denn vielen

Richtern winkt noch eine Karriere nach der

Karriere. Zumindest, wenn Gosch sich an

seinem Vorgänger orientiert: Franz Wassermeyer,

bis 2005 Vorsitzender des Ersten

Senats beim BFH, wechselte schon wenige

Wochen nach Dienstende zur Großkanzlei

Flick Gocke Schaumburg, wo er bis heute

einer der Partner ist. Spezialisierung: Internationales

Steuerrecht.

n

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt,

konrad.fischer@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, LAIF/ANTJE BERGHAEUSER; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

24 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Gerhart Baum

»Das Motiv ist entscheidend«

Richter sollten sich bei Nebentätigkeiten mehr zurückhalten, fordert der frühere Bundesinnenminister.

Vortragshonorare für Richter lehnt der FDP-Politiker und Bürgerrechtsanwalt ab.

DER BÜRGERANWALT

Baum, 81, war von 1978 bis 1982

Bundesinnenminister. Er prägte

über Jahrzehnte die Bürgerrechtspolitik

der FDP und arbeitet als

Anwalt in der Düsseldorfer Kanzlei

Baum, Reiter & Collegen, die geschädigte

Kapitalanleger vertritt.

Herr Baum, der Bundesgerichtshof

hat mit 73 Prozent die niedrigste

Nebentätigkeitsquote der obersten

Bundesgerichte, an der Spitze liegen

das Bundesarbeitsgericht und das

Bundessozialgericht mit jeweils 100

Prozent. Was halten Sie davon?

Das überrascht mich, das hätte ich

nicht gedacht. Es geht bei Nebentätigkeiten

um einen elementaren Punkt:

um die Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit

des Richterstands. Wenn

daran auch nur die kleinsten Zweifel

entstehen, ist die Grenze überschritten.

Jede einzelne Nebentätigkeit muss

daher sehr gut begründet sein. Ich sehe

die hohen Quoten mit größter Skepsis.

Es finden Grenzüberschreitungen

statt, die zu hohen Nebeneinkünften

führen.

Die höchsten Nebeneinkünfte haben

die Richter am Bundesfinanzhof, die

2012 auf durchschnittlich 28 000 Euro

pro Kopf kommen. Ist das akzeptabel?

Es gibt für Richter keine Notwendigkeit,

mehr Geld zu verdienen. Es kommt

aber nicht nur auf die Summe alleine

an. Für mich ist das Motiv entscheidend:

Warum nimmt ein Richter eine Nebentätigkeit

an? Wissenschaftliche Tätigkeiten

sind akzeptabel. Wenn ein Richter

rechtliche Problemstellungen aus seinem

Arbeitsgebiet vertiefen, erforschen, erklären

möchte, ist das okay. Der Gelderwerb

darf aber niemals ein Motiv sein. Daran

habe ich bei dieser Summe allerdings

Zweifel.

Verfahren vor den obersten Bundesgerichten

dauern oft sehr lange, beim

Bundesgerichtshof etwa kommt es nach

der Revision mitunter erst ein oder zwei

Jahre später zum Verhandlungstermin.

Ärgern Sie als Anwalt die vielen Nebentätigkeiten

da besonders?

Die Hauptaufgabe eines Richters ist es, so

schnell wie möglich Recht zu sprechen.

Wenn es eine Wechselwirkung zwischen

den Nebentätigkeiten und den Verfahrensdauern

geben sollte, dann wäre das indiskutabel.

Ob dieser Zusammenhang tatsächlich

besteht, kann ich nicht

beurteilen.

Ist es in Ordnung, wenn Richter für

Vorträge Honorare bekommen?

Nein. Dass Richter Kontakte zu Praktikern

haben und öffentlich auftreten, ist

unerlässlich. Aber das ist in erster Linie

Teil ihrer dienstlichen Aufgaben. Es handelt

sich um Dienstreisen, daher sollten

Vorträge nicht vergütet werden. Falls ein

Honorar gezahlt wird, darf der Vortrag

auf keinen Fall in den Rahmen der

Rechtsmaterie fallen, die die unmittelbare

Zuständigkeit eines Richters betrifft.

Zu Recht oder zu Unrecht entsteht sonst

der Eindruck der Käuflichkeit.

Ein Problem sind auch private Schiedsgerichte.

Ein Richter am Oberlandesgericht

Hamm kassierte 2012 für ein

einziges Schiedsgerichtsverfahren

nebenbei 51 000 Euro. Hinnehmbar?

Ist das überhaupt noch eine Nebentätigkeit?

Bei dieser Summe muss das Verfahren

einen nicht unerheblichen Aufwand

bedeutet haben. Die Arbeitskraft eines

Richters soll aber seinem Richteramt zugutekommen.

Es gibt sicher auch honorarwürdige

Anlässe für Nebentätigkeiten.

Ein Richter sollte jedoch ein Gespür

haben, wo die Grenze liegt.

Bei Vereinen wie der Gesellschaftsrechtlichen

Vereinigung oder der Bankrechtlichen

Vereinigung geht es weniger

ums Geld, weil sie gemeinnützig sind.

Allerdings sitzen jeweils Richter des

Bundesgerichtshofs mit Konzernanwälten

an einem Tisch – was ist davon

zu halten?

Ich finde das sehr merkwürdig, auch das

beschädigt ihre Unabhängigkeit. Bei der

Bankrechtlichen Vereinigung sind viele

Konzernjuristen involviert und Anwälte,

die hauptsächlich für Versicherungen

und Banken arbeiten. Es ist nichts dagegen

einzuwenden, dass Richter diese

Vereinigungen als einfache Mitglieder

für den fachlichen Austausch nutzen.

Aber es geht nicht, dass ein oberster

Richter in einer solchen Vereinigung eine

tragende Aufgabe übernimmt. Damit

macht er sich zu einem exponierten Vertreter

der Gesellschaft, ihrer Mitglieder

und ihrer Interessen.

florian.zerfass@wiwo.de I Frankfurt

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 25

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Politik&Weltwirtschaft

Kämpfer gegen

Zombiebanken

EZB-Präsident Draghi

Auf wackligen Füßen

BANKENUNION | Die neue zentrale Bankenaufsicht in der Euro-Zone hält nicht, was sie verspricht. Die

Banken werden dadurch nicht per se sicherer. Und trotz des gemeinsamen Abwicklungsfonds werden

die Steuerzahler auch bei der nächsten Krise wieder zur Kasse gebeten.

Ein Meilenstein auf dem Weg zur europäischen

Bankenunion sei erreicht,

jubelte Mario Draghi, Präsident der

Europäischen Zentralbank (EZB), vor

knapp zwei Wochen. Kurz zuvor hatten

sich nach monatelangem Streit die Finanzminister

der Euro-Gruppe, die EU-Kommission

und das Europäische Parlament

darauf geeinigt, wie die Abwicklung maroder

Banken in der Euro-Zone künftig erfolgen

soll. Mit diesem Beschluss kann die

europäische Bankenunion an den Start.

Die gemeinsame Aufsicht war längst beschlossen.

Als drittes Element sollte zwar

einmal eine europäische Einlagensicherung

hinzukommen, doch die liegt auf Eis.

Nun ist das Gebäude der Bankenunion

zwar noch nicht komplett – aber zum Einzug

reicht es schon. Es soll, so die Absicht

ihrer Architekten, als Bollwerk dienen – gegen

drohende Bankenpleiten, die im Verlauf

der Euro-Krise ganze Länder an den

Rand des Staatsbankrotts gedrängt haben,

und es soll Europas Bürger davor schützen,

erneut Hunderte von Milliarden Euro an

Steuergeldern in die Rettung maroder Banken

zu stecken.

Noch nie hat die EU in so kurzer Zeit ein

derart ambitioniertes Projekt aus dem Boden

gestampft. Es reifte in weniger als zwei

Jahren von einer schwammigen Idee zur

Vollendung. Doch ist das Ergebnis die „Revolution“,

als die sie der zuständige EU-

Kommissar Michel Barnier preist? Und hält

das Projekt, was es verspricht?

DIE AUFSICHT IN DER EZB

Für EZB-Chef Draghi bedeutet die neue

Aufgabe einen enormen Zuwachs an

Macht. Wie bisher bestimmt er auch künftig

über den Leitzins der 18 Euro-Länder

und nimmt so Einfluss auf das Auf oder Ab

der Preise. Wie bisher versorgt er auch

künftig die Banken im Euro-Raum mit Liquidität

– und hält so zurzeit die Zinsen für

Europas Krisenländer niedrig. Dazu noch

wacht er ab November auch über das Geschehen

in den 130 größten Geldhäusern

der Euro-Länder. So viel Information und

Macht, vereint in einem Amt, hat es in Europa

noch nie gegeben.

Aus Sicht des EZB-Präsidenten ist es von

Vorteil, wenn die Zentralbank den wahren

Zustand der Großbanken kennt. 2008, als

die Finanzkrise ausbrach, war das ganz anders.

Damals musste die EZB mehr oder

weniger blind agieren. Sie verfügte über

viel zu wenig Informationen, und die nationalen

Notenbanken gaben ihre Kenntnisse

aus nationalem Interesse nicht oder

nur bruchstückhaft nach Frankfurt weiter.

Doch mit der Aufsicht geht auch die Verantwortung

für Europas Großbanken auf

FOTO: LUZPHOTO/FOTOGLORIA/CHRISTIAN MANTUANO

28 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Draghi über. Geht seinen Kontrolleuren etwas

Kritisches durch die Lappen, steht er

als Aufseher unter Beschuss. Dann muss er

womöglich das eigene Versäumnis, um eine

ernsthafte Finanzkrise zu vermeiden,

mithilfe der Geldpolitik ausgleichen. Dazu

kommt: Die EZB gibt selbst Kredite an

Banken und hält Staatsanleihen in ihrem

Portfolio oder als Kreditsicherheit. „Bei

Schließung und Abwicklung einer Bank

kann die EZB selbst Verluste erleiden,

wenn etwa Forderungsverzichte notwendig

werden“, sagt Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied

des Bundesverbandes der

Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken

(BVR). Interessenkonflikte wären

dann offenkundig.

Zudem ist die EZB mit ihrer neuen Aufgabe

abhängig von der Politik. Denn in letzter

Konsequenz kann der EZB-Rat die Abwicklung

einer Bank nicht anordnen, sondern

nur empfehlen. Es ist ein politisches Gremium,

das hierüber letztlich die Entscheidung

trifft (siehe Seite 32). Dies erhöht den Druck

auf die Aufsicht, Missstände bei den Geldhäusern

rechtzeitig zu entdecken und es zukünftig

möglichst gar nicht zu Abwicklungen

von Banken kommen zu lassen.

Die drei Säulen

der Bankenunion

1. Die Bankenaufsicht

Ab November überwacht eine neue

Behörde unter dem Dach der Europäischen

Zentralbank die 130 wichtigsten

Banken der Euro-Zone. Kleinere Banken

bleiben unter direkter Aufsicht der

nationalen Behörden.

2. Die Bankenabwicklung

Ein spezielles Gremium, dem Vertreter

der EU-Kommission, der Länder und der

nationalen Aufsichtsbehörden angehören,

wickelt Banken notfalls ab. Aus

einem Abwicklungsfonds, der von den

Banken gespeist wird, werden eventuelle

Ansprüche der Gläubiger bedient.

3. Einlagensicherung

Künftig soll es im Rahmen der Bankenunion

auch einen gemeinsamen Schutz

der Bankguthaben im Euro-Raum

geben. Dieses Projekt liegt auf Eis.

700 Bankenaufseher und 300 Mitarbeiter

für Verwaltung und Administration stellt

die EZB zu diesem Zweck ein. Ihr imposanter

Neubau im Osten Frankfurts ist deshalb

schon zu klein, bevor er fertig wird. Das alte

Hauptquartier im Eurotower, mitten im

Bankenviertel, bleibt der EZB nun erhalten

– die bereits angeheuerten Aufseher ziehen

derzeit gleich um die Ecke in ein Zwischenquartier.

An der Spitze der Bankenaufsicht unter

der Ägide von Draghi steht die Französin

Danièle Nouy. Wenn die kleine, zierliche

Frau in diesen Tagen spricht, nimmt sie

kein Blatt vor den Mund: „Ich hoffe, dass

alle notwendigen Maßnahmen getroffen

werden, damit wir keine Zombiebanken

mehr haben“, betonte sie kürzlich vor dem

Europäischen Parlament in Brüssel. Die

Französin, die aus ihrer Zeit in New York

und den Jahren bei der Bank für Internationalen

Zahlungsausgleich in Basel sehr geläufig,

wenn auch akzentuiert, Englisch

spricht, gilt in Brüssel und Frankfurt als gute

Wahl. Nouy, Jahrgang 1950, bringt als ehemalige

französische Bankenaufseherin

Sachkenntnis mit, tritt ohne Koketterie auf

und zeigt politisches Gespür. So hat sie

»

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Politik&Weltwirtschaft

»

Demonstration

der Macht

Neubau der EZB

in Frankfurt

sich von Anfang an Zeit für die Europaabgeordneten

genommen, die sich in der

Euro-Rettung immer wieder übergangen

fühlten.

PURER STRESS

Damit es die EZB künftig nicht mit Altlasten

in den Bankbilanzen zu tun bekommt,

müssen sich derzeit alle Banken im Euro-

Raum einer Bilanzprüfung und einem

Stresstest unterziehen. Für die EZB ist dies

in ihrer neuen Rolle die erste Bewährungsprobe.

Nur wenn sie Probleme aufzeigt,

kann sie demonstrieren, dass sie es ernst

meint. „Wenn sie zwei Banken schließt, ist

es eher zu wenig“, sagt Guntram Wolff, Direktor

des Brüsseler Thinktank Bruegel,

der die EU-Kommission beim Entwurf der

Bankenunion beraten hat. „Die EZB sollte

10, besser aber 20 Banken zur Rekapitalisierung

bringen.“

Mit Worten hat EZB-Präsident Draghi

den Finanzinstituten den Kampf angesagt.

Banken, die keinen Nutzen für die Wirtschaft

haben und sich nur mit billigem Notenbankgeld

über Wasser halten, soll es

künftig nicht mehr geben. „Zombiebanken

vergeben keine Kredite“, sagt Draghi. Sabine

Lautenschläger, Ex-Vizepräsidentin der

Deutschen Bundesbank und inzwischen

EZB-Direktoriumsmitglied sowie Vize-

130 Teams

der EZB überwachen

künftig die Geschäfte

der Banken

Chefin der neuen Bankenaufsicht, sagt, sie

wolle die „Chance zum Aufräumen“ in den

Bankbilanzen nutzen.

Bei den betroffenen Banken kommt dies

nicht immer gut an. Frankreichs Bankenverband

hat sich wegen der umfangreichen

Abfrage zum Kreditbestand der Banken

beim französischen Notenbankgouverneur

Christian Noyer beklagt. Es sei unerlässlich,

dass die EZB den Aufwand der Erhebung

auf ein vernünftiges Niveau reduziere.

Der EZB-Test setzt auf einheitliche Bedingungen

für alle Banken, dadurch sollen

die Ergebnisse vergleichbar gemacht werden.

Auch das hat seine Tücken. „Gerade

die Vereinheitlichung macht mir Sorgen,

weil die Geschäftsmodelle der Banken so

unterschiedlich sind“, sagt Michael Stölting,

Finanzchef der NRW Bank. Das Institut

ist als staatliche Förderbank nicht vorrangig

auf Gewinne aus und bilanziert

nach deutschem Handelsrecht. „Wir können

den EZB-Aufsehern die Zahlen nach

internationalen IFRS-Standards aufgrund

der völlig unterschiedlichen Zielsetzungen

beider Bilanzierungsnormen nicht ohne

Weiteres liefern und müssen versuchen,

sinnvoll zu übersetzen“, sagt Stölting.

Ungeklärt ist, ob die EZB die Ergebnisse

des großen Stresstests bis zur für Oktober

geplanten Veröffentlichung geheim halten

kann, damit die Banken und ihre Eigentümer

etwaige Lücken in Ruhe stopfen können.

Die Märkte sollen nicht in Unruhe versetzt

werden und Ergebnisse erst erfahren,

wenn die von der EZB aufgedeckten Probleme

gelöst wurden. Dafür wollen die

Aufseher den Banken voraussichtlich im

August vorab mitteilen, wie sie abgeschnitten

haben. Bei börsennotierten Instituten

ist das ein Problem, sie müssen den Kapitalmarkt

sofort per Ad-hoc-Mitteilung über

wichtige Erkenntnisse informieren – das

Abschneiden beim Stresstest dürfte dazugehören.

„Wie wir hier mit den Banken

kommunizieren, dazu werden wir eine juristisch

abgesicherte Lösung im Laufe des

zweiten Halbjahres präsentieren“, heißt es

dazu aus der EZB-Zentrale.

SCHWÄCHEN IM SYSTEM

An Nouy und ihrer Truppe liegt es, den Regulierungs-Flickenteppich

in 18 verschiedenen

Ländern unter einer einheitlichen

europäischen Bankenaufsicht zu bündeln

– nur so kann die gemeinsame Aufsicht

funktionieren. Und wird es dann auch besser?

„Auf jeden Fall besser als die bisherige

Aufsicht der Staaten“, sagt Karel Lannoo

vom Brüsseler Thinktank Centre for European

Policy Studies (CEPS). „Bisher funktionierte

die Aufsicht national nach dem

Motto, man kennt sich. Die Voreingenommenheit

ist nun verschwunden.“ Der Europaparlamentarier

Sven Giegold (Grüne)

stimmt ihm zu: „Der Strukturfehler ist behoben,

dass Standortpflege über die Bankenaufsicht

betrieben werden kann.“

Doch Zweifel sind angebracht. „Ob es tatsächlich

zu einem Quantensprung kommt,

hängt davon ab, wie die EZB handeln wird“,

sagt Wolff vom Brüsseler Thinktank Bruegel.

„Der entscheidende Punkt ist, ob die

EZB eine Umstrukturierung der Banken erzwingen

kann.“ Ein anderes Problem besteht

darin, dass die EZB nationale Gesetze

nicht aushebeln kann. Die Aufsicht könne

deshalb nicht wirklich einheitlich werden,

sagt Bankenexperte Martin Hellwig, Direktor

am Max-Planck-Institut zur Erfor-

»

FOTO: ACTION PRESS/HANS-GÜNTHER OED

30 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

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schung von Gemeinschaftsgütern in

Bonn. „Das anzuwendende europäische

Recht besteht überwiegend aus Richtlinien.

Diese sind nicht unmittelbar anwendbar.“

Die Aufsicht müsse also die jeweiligen nationalen

Gesetze anwenden, die die EU-

Richtlinien umsetzen. „Das heißt, die EZB

muss in Deutschland das Kreditwesengesetz

anwenden, in Frankreich das entsprechende

französische Gesetz.“ Insgesamt gebe

es 18 verschiedene nationale Gesetze zu

beachten, so Hellwig. Dies mache eine einheitliche

Aufsicht unmöglich.

STARKE NATIONALE AUFSEHER

Dazu kommt: Die Aufsicht ist so konstruiert,

dass nach wie vor die nationalen Aufseher

ihre Großbanken überwachen. Pro

Großbank wird es ein Aufsichtsteam geben.

Insgesamt also rund 130 Teams. Für

die Deutsche Bank zum Beispiel wird es

laut EZB-Direktoriumsmitglied Lautenschläger

69 Aufseher geben. Die Leitung

der einzelnen Teams liegt zwar in der Hand

der EZB. Das Gros der Aufseher stellen allerdings

– um beim Beispiel Deutsche

Bank zu bleiben – die Deutsche Bundesbank

und die BaFin – wie bisher. Die schicken

ihre Aufseher in die Aufsichtsteams.

Genauso läuft es bei der Aufsicht über die

französischen, italienischen oder spanischen

Banken. Der Heimvorteil bleibt also

bestehen. „Schon deshalb, weil den EZB-

Leuten die Expertise bei der Aufsicht der

jeweiligen nationalen Großbank fehlt“, sagt

Finanzexperte Bert Van Roosebeke vom

Centrum für Europäische Politik in Freiburg.

Von einem Qualitätssprung bei der

Aufsicht kann also nicht die Rede sein.

Die nationalen Behörden sehen deshalb

der neuen Aufsicht unter der EZB gelassen

entgegen. „Für uns ändert sich nicht viel“,

sagt ein deutscher Aufseher. Anstatt

schlagkräftiger wird die Bankenaufsicht

aufwendiger. Künftig gibt es durch die 130

Teams mehr Schnittstellen, mehr Leute,

die mitmischen – und damit mehr Reibungsverluste.

Viel Zeit werde mit Abstimmungen,

für Workshops und Meetings

draufgehen, sagen deutsche Aufseher.

Das europäische Sprachenwirrwarr

kommt noch hinzu. Zwar ist die Arbeitssprache

Englisch. Alle Entscheidungsvorlagen

müssen in englischer Sprache vorliegen.

Schon wird bei der EZB eine spezielle

Fremdwortdatenbank für die Bankenaufseher

gepflegt. Da wird dann zum Beispiel

die englische Übersetzung des deutschen

Wortes „Umlageverordnung“ genannt und

gleichzeitig erläutert, was damit gemeint

Nord-Süd-Gefälle

Anteil notleidender Kredite in den

Bankbilanzen (in Prozent)*

Griechenland

Italien

Portugal

Spanien

Frankreich

Österreich

Niederlande

Deutschland

22,2

12,0

8,7

6,8

4,6

4,6

2,6

1,9

*Stand 2013;

Quelle:EZB

ist. Nur so kann etwa auch ein italienischer

EZB-Kollege verstehen, worum es geht.

Auch bei der Bankenabwicklung droht

Kuddelmuddel. Wer genau im künftigen

Exekutivausschuss des Abwicklungsgremiums

sitzen wird, steht noch nicht fest. Klar

ist nur, es soll aus fünf ständigen Mitgliedern

bestehen, hinzukommen sollen Vertreter

der Länder, nationale Aufseher und

Mitglieder der EU-Kommission. Sie alle

sollen künftig im Konsens über die Abwicklung

einer Bank entscheiden. Die EZB, auf

deren Vorschlag das Gremium über eine

Abwicklung abstimmt, ist dabei nur als Beobachter

zu Gast.

Damit ist eine Politisierung der Abwicklung

programmiert. Regierungen haben in

der Regel kein Interesse daran, Banken eigener

Nationalität abzuwickeln. Bei großen

Banken, die systemrelevante Aktivitäten

mit rechtlich unabhängigen Tochtergesellschaften

in mehreren Ländern betreiben,

sei das mit einem Sanierungs- oder Abwicklungsverfahren

verbundene Risiko für

das Gesamtsystem viel zu groß, ist sich

Bankenexperte Hellwig sicher. „Deshalb

werden Regierungen die wirklich großen

Banken, wenn sie in eine Schieflage geraten,

immer retten.“ Und sei es, um Konflikten

über die Verlustaufteilung über Ländergrenzen

hinweg aus dem Weg zu gehen.

Falls sich das Abwicklungsgremium doch

auf die eine oder andere Schließung einer

Bank einigen sollte, geht der Streit um die

Finanzierung der Abwicklung los, die mit

55 Milliarden

Euro sollen die Banken

in den Abwicklungsfonds

bis 2024 zahlen

der vermeintlichen Einigung vor knapp

zwei Wochen längst noch nicht gelöst ist.

Zwar müssen die Banken ab 2016 in einen

Fonds einzahlen, der innerhalb von acht

Jahren auf 55 Milliarden Euro anwachsen

soll. Doch „welche Bank wie viel in den Abwicklungsfonds

einzahlen soll, darüber

wird es zwischen den Ländern noch ein

Hauen und Stechen geben“, ist sich Finanzmarktexperte

Van Roosebeke sicher. Die

Politiker haben diese Frage noch nicht gelöst.

Unklar ist zudem, was passiert, wenn

das Geld aus dem Abwicklungsfonds in einer

Krisensituation nicht reicht.

Ohne Steuergelder der Nationalstaaten

wird es dann nicht gehen – und besonders

groß ist dieses Risiko, solange der Fonds

erst aufgebaut wird. Ein Schlupfloch in der

Abwicklungsrichtlinie gibt es sowieso: Artikel

27, Absatz 2d, sieht „außergewöhnliche

öffentliche finanzielle Unterstützung“ vor,

wenn Stresstests anstehen. „Damit besteht

die Gefahr, dass doch wieder Steuergelder

in die Bankenrettung fließen“, kritisiert der

EU-Parlamentarier Giegold.

LÜCKEN STOPFEN

In Deutschland steht den Banken der staatliche

Bankenrettungsfonds Soffin bis Ende

2014 als Auffangbecken bereit, falls die EZB

bei dem gerade laufenden Stresstest Kapitallücken

entdecken sollte. Das Bundesfinanzministerium

hat sogar in Aussicht gestellt,

dass die Laufzeit des Soffin verlängert

werden könnte, um Lücken bis zum Start

des europäischen Abwicklungsfonds zu

stopfen (WirtschaftsWoche 11/2014).

Auch der europäische Rettungsfonds

ESM – ursprünglich als Stütze für notleitende

Staaten gedacht – könnte für die Rettung

von Banken uminstrumentalisiert werden.

Auch so würden Europas Steuerzahler

letztlich doch wieder Geld in den Bankensektor

pumpen. Die Pläne dafür liegen bereits

in der Schublade: 60 Milliarden Euro

ESM-Kapital sind für die Banken reserviert,

eine Tochtergesellschaft des Rettungsfonds

könnte die Hilfen verteilen und dafür zusätzlich

Geld am Kapitalmarkt aufnehmen.

Aus Sicht der EZB wäre der ESM ein verlockender

Topf. Mit seiner hohen finanziellen

Feuerkraft könnte er Kapitallücken stopfen,

bevor der von den Banken zu speisende

Abwicklungsfonds bereitsteht.

Nötig dafür ist noch ein einstimmiger

Beschluss der Finanzminister der Euro-

Gruppe. Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble hat das Thema zuletzt abgeblockt,

das letzte Wort ist allerdings noch

nicht gesprochen. Kurz vor den Europa-

»

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 31

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Politik&Weltwirtschaft

Eine heikle Aufgabe für die Europäische Zentralbank

Wiedie gemeinsame BankenaufsichtimEuro-Raumkünftig organisiertist undwie

Banken im Fall der Fälleabgewickelt werden

Europäische Zentralbank (EZB)

Präsident: Mario Draghi

DerEZB-Rat, bislangzuständig fürdie Geldpolitikim

Euro-Raum,übernimmt ab Herbst2014auchdie gemeinsame

Bankenaufsicht.Wennnötig, kann der Rat

dieAbwicklungmaroder Finanzhäuser vorschlagen.

EZB-Bankenaufsicht

Vorsitzende: Danièle Nouy

Stellvertreterin: Sabine Lautenschläger

(auchMitgliedimEZB-Rat)

DieAufsicht istabHerbst 2014 zuständig fürdie

wichtigsten Banken im Euro-Raum undinbesonderen

Fällen auch fürkleinere Finanzinstitute.

indirekte Aufsicht

Gemeinsame Aufsichtsteams

ausEZB-Leuten undnationalenAufsehern

130 wichtigste Banken

der Euro-Zone zahlen Gebühren an die EZB-Aufsicht

undleisten Abgaben an den Abwicklungsfonds

Restliche Banken der Euro-Zone leistenebenfalls

Abgaben an den Abwicklungsfonds

Abwicklungsgremium

entscheidetauf Vorschlag derEZB über dieAbwicklungstrauchelnder

Banken. Es bestehtaus fünf

ständigen MitgliedernplusVertreternvon EU-

Kommissionund nationalen Aufsehernsowie

Beobachtern ausder EZB.

Nationale Bankenaufsichten

Behörden der Euro-Länder beaufsichtigendie

wichtigsten Banken im jeweiligenLandunter Leitung

undgemeinsam mitder EZBsowie in eigener Verantwortung

diekleinerennationalenFinanzinstitute,

sofern dieEZB dieAufsicht nichtansich zieht.

direkte Aufsicht

über Kapital,

Liquidität und

Führungspersonal

Abwicklungsfonds finanziertdie Abwicklungmaroder Banken im Euro-Raum aufVorschlagder EZBund nach

Entscheidungdurch dasAbwicklungsgremium.Start:2016; Zielgröße:55Milliarden Euro nachachtJahren

Quelle:eigeneRecherche

Klein, zierlich, in

der Sache knallhart

Danièle Nouy,

Chefin der neuen

Bankenaufsicht

unter dem

Dach der EZB

»

wahlen im Mai soll aus Sicht der Politik

wohl erst mal die populäre Nachricht im

Vordergrund stehen, dass die ungeliebten

Banken ihre Risiken mit den Beiträgen

zum Abwicklungsfonds selbst tragen müssen.

Doch schon nach dem Wahltermin

könnte der Widerstand der Bundesregierung

sinken und der ESM auch für direkte

Bankenhilfen geöffnet werden. Das Thema

steht bereits in dieser Woche beim informellen

Treffen der EU-Finanzminister in

Athen auf der Agenda.

„Eigentlich sollen Eigentümer und Gläubiger

für Pleitebanken geradestehen, doch

nationale Regierungen werden immer ein

Interesse daran haben, die Betroffenen in

ihrem Land zu schützen“, sagt Dorothea

Schäfer, Professorin und Finanzwissenschaftlerin

am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung

in Berlin. Bei der Abwicklung

der Hypo Alpe Adria in Österreich etwa

wird eine private GmbH oder eine staatliche

Bad Bank die notleidenden Kredite

und Wertpapiere übernehmen. „Von der

europaweit geforderten Haftungskaskade,

bei der private Eigentümer und Gläubiger

zur Kasse gebeten werden, ist keine Rede“,

so Schäfer.

EIN TRUGSCHLUSS

Sollte die EZB von deutschen Landesbanken

etwa wegen deren notleidenden

Schiffskrediten zusätzliches Kapital verlangen,

wären die Bundesländer und öffentlich-rechtlichen

Sparkassen als Eigentümer

gefragt, sagt Schäfer. „ Im Fall öffentlicher

Banken wären daher bei einer Insolvenz

die Steuerzahler automatisch die Ersten

in der Reihe, selbst wenn die Haftungskaskade

eingehalten wird.“

Damit ist klar: Die Bankenunion allein

macht ab November Europas Bankhäuser

nicht sicherer, die Aufsicht über sie nicht

automatisch besser. Auch ist es ein Trugschluss,

zu glauben, dass Banken künftig

ohne Steuergelder abgewickelt werden

können.

Gegen den ursprünglichen Plan, einen

gemeinsamen Schutz der Bankguthaben

im Euro-Raum, haben sich vor allem deutsche

Sparkassen und Volksbanken erfolgreich

gewehrt. Denn sie fürchten, die Reserven

ihrer Einlagensicherung könnten im

Fall der Fälle für marode Banken anderer

Länder in Anspruch genommen werden.

Sie haben die Einlagen lieber durch eigene

Sicherheitsnetze aufgefangen, brauchen also

keine europaweite Einlagensicherung. n

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt,

mark fehr, silke wettach | Brüssel

FOTO: LUZPHOTO/FOTOGLORIA/LÉA CRESPI

32 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Panik im Westen

TURBOABITUR | Die ersten Bundesländer kehren zum Abschluss

nach neun Jahren zurück. Die G9-Renaissance ist umstritten.

Geteiltes Land

Wasdie Bundesländer mit Blick auf den Gymnasialabschluss planen

G8 bleibt, teilweise bieten

Gymnasien G9 an

Schleswig-Holstein

Jedes zehnte Gymnasium bietet G9

oder Wahl zwischen G8 und G9 an

Hamburg

Elterninitiative fordertOption

für G9 an Gymnasien

Bremen

Niedersachsen

Kehrtals erstes Bundesland

zu G9 zurück

Nordrhein-Westfalen

Ein Dutzend von mehr

als 600 Gymnasien

bietet wieder G9 an

Rheinland-Pfalz

G8 nur an Ganztagsgymnasien.

Abitur traditionell

nach 12,5 Jahren

Saarland

Baden-Württemberg

Jedes zehnteGymnasium

bietet wieder G9 an

*traditionell G8; Quelle: eigene Recherchen

G8 bleibt

G9

Für so manchen Schüler dürfte zumindest

in Hamburg ein Wunsch in Erfüllung

gehen: Hausaufgaben sollen

fast ganz aus dem Lehrplan gestrichen

werden. Bildungssenator Ties Rabe (SPD)

will in den Hauptfächern künftig nur noch

eine Hausaufgabe pro Woche erlauben, in

Nebenfächern sogar nur noch eine alle

zwei Wochen. Der Politiker will damit den

Lernstress für die Schüler reduzieren. „Wir

nehmen die Sorgen der Eltern und Jugendlichen

ernst und wollen den Schulalltag

weiter verbessern“, so Rabe.

Das Turboabitur, das die Hochschulreife

nach acht Jahren anstrebt (G8), steht unter

Druck. Eltern, Lehrer und selbst Ärzte fordern

eine Rückkehr zum Abitur nach neun

Jahren (G9). Den Kultusministern der Länder

scheint keine Methode zu abstrus, ihnen

dabei entgegenzukommen. Sie streichen

Lerninhalte, experimentieren mit

Übergangsjahren oder kehren schleichend

zum alten System zurück. Leidtragende

sind die Schüler, die die Umstellungen

über sich ergehen lassen müssen. Ohnehin

bleibt der Sinn der Reformen zweifelhaft.

Ideologische Grabenkämpfe machen die

gymnasiale Oberstufe zum Spielball der

Interessen. Das G8 sollte die Absolventen

früher ins Berufsleben oder an die Universität

bringen und die demografische Entwicklung

abfedern. Doch weil Schulpolitik

Ländersache ist, macht nun jedes, was es

will. Mit Ausnahme Ostdeutschlands ist

der Vormarsch des G9 an den Gymnasien

kaum noch aufzuhalten (siehe Karte).

G9 bleibt oder

kommt zurück

G9

G9

G9

G9

Volksinitiativen

mit Ziel G9

Mecklenburg-Vorpommern*

G9 als Testbetrieb zwischen

2001 und 2008

Brandenburg*

Berlin

Sachsen-Anhalt*

Sachsen*

Thüringen*

Hessen

Wahlfreiheit der Schulen,

Mehrheit bietet bald

wieder G9 an

Bayern

Gymnasien bieten

zusätzliches Schuljahr

mit Förderangeboten an

(Flexibilisierungsjahr)

Als erstes Bundesland vollzog Niedersachsen

im März eine Rolle rückwärts. Das

von SPD und Grünen geführte Flächenland

kehrt bereits ab Sommer 2015 ganz zu

G9 zurück – mit weniger Wochenstunden,

Klausuren und Pflichtkursen. „Wir steuern

um auf ein Abitur nach 13 Schuljahren

und strecken damit die Schulzeit, aber die

Kerncurricula werden nicht ausgeweitet“,

sagt Kultusministerin Frauke Heiligenstadt

(SPD). Das Abitur nach zwölf Jahren

„wurde in Niedersachsen überhastet eingeführt“

und habe „zu vielen Problemen

geführt“.

HANNOVER ALS VORBILD

In anderen Bundesländern führt die Entscheidung

in Hannover zu hektischer Betriebsamkeit.

In Nordrhein-Westfalen kündigte

Schulministerin Sylvia Löhrmann

(Grüne) einen runden Tisch an. Vertreter

aus Schule, Wissenschaft, Wirtschaft und

Politik sollen darüber reden, ob es sich

lohnt, dem Vorbild Hannover zu folgen

und die Schulzeit zu verlängern. Eigentlich

gilt Löhrmann als Verfechterin des aktuellen

Systems, das den Schulen Wahlfreiheit

zwischen G8 und G9 bietet. Doch offensichtlich

steigt der Druck, etwas zu tun.

Lockerungsbewegungen gibt es auch in

anderen Bundesländern. So findet in Hessen

bereits seit Jahren eine schleichende

Erosion des G8 statt. Die Gymnasien haben

dort wie in NRW die Wahl, den Schülern

das Turboabitur in acht oder den traditionellen

Abschluss nach neun Jahren anzubieten.

Anfangs entschieden sich die meisten

Schulen für G8. Ab Sommer dieses Jahres

werden von 107 hessischen Gymnasien

erstmals wieder mehr als die Hälfte zu G9

wechseln.

Das Problem sind dabei vor allem die Eltern.

„Die Verkürzung der Schulzeit ist bei

ihnen nie auf positive Resonanz gestoßen“,

sagt Klaus Hurrelmann von der Hertie

School of Governance in Berlin. Sie revoltieren

gegen das ungeliebte G8.

In Hamburg zum Beispiel unterstützten

fast 17000 Menschen mit ihrer Unterschrift

die Volksinitiative „G9-Jetzt-HH“, die Wahlfreiheit

zwischen G9 und G8 fordert. Der

Initiatorin Mareile Kirsch geht es, wie sie

sagt, um die „Qualität von Kindheit und Jugend“.

Viele Eltern denken offenbar wie die

promovierte Ethnologin und Bildungsbloggerin.

70 Prozent der Hamburger wünschen

sich eine Rückkehr von G9 an Gymnasien,

so eine Umfrage. Auch in Schleswig-Holstein,

Hessen und Bayern wollen

viele Eltern zum Traditions-Abi zurück. »

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 33

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Politik&Weltwirtschaft

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Intelligenter Osten

Abiturnoten der vergangenen

fünf Jahre (Durchschnitt)

Thüringen

Brandenburg

Bayern

Mecklenburg-Vorpommern

Baden-Württemberg

Hessen

Sachsen

Bremen

Saarland

Berlin

Hamburg

Sachsen-Anhalt

Schleswig-Holstein

Nordrhein-Westfalen

Rheinland-Pfalz

Niedersachsen

Quelle: KMK, eigene Recherchen

2,26

2,38

2,39

2,40

2,42

2,44

2,44

2,45

2,47

2,48

2,49

2,49

2,56

2,57

2,60

2,64

Langsamer zum Abi

Mareile Kirsch von der

Volksinitiative G9-Jetzt-HH

in Hamburg

Kritik entzündet sich vor allem an der

zeitlichen Belastung der Schüler von bis zu

50 Stunden pro Woche. Das Turboabitur

habe zu einem Verlust an Bildungs- und

Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen

geführt. Vollgestopfte Lehrpläne würden

Zeit für Familie und Hobbys rauben.

„Die Einführung des G8“ ist „tatsächlich in

weiten Bereichen misslungen“, sagt Josef

Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Zudem seien die G8-Abiturienten

unreifer als ihre G9-Kommilitonen. Es könne

deshalb nur im Interesse der jungen

Leute und ihrer späteren Abnehmer sein,

zu G9 zurückzukehren.

Doch die Wissenschaft hält die Schlussfolgerung

für falsch. „Die Leistungsfähigkeit

der Schüler leidet durch das Turboabitur

nicht“, sagt Bildungsexperte Hurrelmann.

Man müsse es allerdings „richtig organisieren“.

In den ostdeutschen Bundesländern

mit ihrer jahrzehntelangen Tradition

des G8 „schneiden die Schüler bei Pisa

nicht schlechter ab als im Westen“. Die

Schulabgänger seien ein Jahr jünger, aber

sie hätten ein in sich ausgeruhtes und

durchdachtes Programm durchlaufen. „G8

funktioniert also wunderbar“, so Hurrelmann.

Die Diskussion um die Rückkehr zu

G9 sei eine westdeutsche Debatte. Bei Politikern

macht sich offenbar Panik breit.

Bei bundesweiten Schulvergleichen führen

Länder, die konsequent auf G8 setzen,

die Rankings sogar an. In einer Studie des

Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen

(IQB), die im Oktober 2013

veröffentlicht wurde, bekommen vor allem

Sachsen und Thüringen gute Noten. Beide

Länder setzen bereits seit 1949 – mit kurzen

Unterbrechungen – auf das Abitur

nach acht Jahren. Die IQB-Studie testet die

Schüler in der neunten Jahrgangsstufe, deren

Lehrplan – wie der aller anderen Stufen

nach der Grundschule – von der Umstellung

auf G8 ebenfalls betroffen ist.

So holte Sachsen gar in allen Vergleichen

der Studie, also in den Fächern Mathematik,

Biologie, Chemie und Physik, überdurchschnittlich

viele Punkte und führt

das Ranking fast durchgehend an. Thüringen

folgt an zweiter Stelle. Ein Grund: Für

die Schüler in Ostdeutschland gab es keine

chaotische Umstellung des Schulsystems.

Eine Erklärung für das bessere Abschneiden

der ostdeutschen Schüler liegt auch in

der dortigen höheren Anzahl der Unterrichtsstunden

in den naturwissenschaftlichen

Fächern Biologie, Physik und Chemie.

In Sachsen und Thüringen haben die Schüler

in den genannten Fächern 28 beziehungsweise

29 Jahreswochenstunden in

den Klassen fünf bis zehn – in Nordrhein-

Westfalen sind es 23, Hamburg schreibt nur

19 vor. Eine Umstellung der Lehrpläne

könnte auch in den neuen G8-Ländern die

Ergebnisse verbessern.

Außerdem: In den westdeutschen Ländern

klagt laut IQB-Studie jede fünfte

Schulleitung über einen Mangel an Fachlehrern

in Chemie und Physik. In den ostdeutschen

Flächenländern ist das bei weniger

als zwei Prozent der Fall. Auch das

Lernen der Lehrer trägt seinen Teil zu den

Leistungsunterschieden bei: 89 Prozent

der Lehrer in Thüringen besuchten in den

letzten zwei Jahren eine Fortbildung. In

Hamburg waren es nur 73 Prozent. Die besseren

fachdidaktischen Kenntnisse und

fachlichen Kenntnisse der Lehrer wirken

sich dementsprechend auf die Unterrichtsqualität

und auf den Lernfortschritt der

Schüler aus.

GUTE NOTEN IN THÜRINGEN

Auch die Abiturnoten entkräften den Vorwurf,

G8 ginge pauschal zulasten der Schüler.

In Thüringen erreichten die Abiturienten

in den vergangenen fünf Jahren einen

Notenschnitt von 2,26. In Brandenburg

und Mecklenburg-Vorpommern waren die

Schüler kaum schlechter. Der Schnitt in

westdeutschen Ländern wie zum Beispiel

in Nordrhein-Westfalen liegt dagegen bei

2,57, in Niedersachsen sogar bei 2,64 (siehe

Tabelle).

Um den Druck von Eltern und Schülern

zu nehmen, ließe sich dennoch ein Kompromiss

finden, der bereits in einigen Bundesländern

umgesetzt wird. In den Stadtstaaten

Berlin, Bremen und Hamburg sowie

dem Saarland beispielsweise organisieren

die Gymnasien das Abitur nach acht

Jahren. Für lernschwächere Schüler bietet

sich das Abitur nach neun Jahren an – beispielsweise

an den sogenannten Stadtteilschulen

in Hamburg oder den Integrierten

Sekundarschulen in Berlin. Dort sind die

Lehrpläne berufsorientierter und auf einen

Rhythmus ausgerichtet, der mehr individuelle

Entfaltung zulässt. „Eltern und

Schüler haben also die Wahl zwischen zwei

Geschwindigkeiten“, sagt Hurrelmann. Das

Modell funktioniere gut. „Ich hoffe, dass

die Länder ihre Schulpolitik durchhalten.

Das wäre ein hochattraktives Modell.“

Ähnlich sieht das auch der Präsident des

Deutschen Industrie- und Handelskammertages,

Eric Schweitzer. Er habe „größtes

Verständnis für Unsicherheit und Verärgerung

bei Eltern und Schülern“. Die Umstellung

sei vielfach miserabel gelaufen, aber

aufgrund der guten Ergebnisse in Sachsen

und Thüringen müssten die Länder ihre

Versäumnisse „schonungslos analysieren“

und „erst dann Schlussfolgerungen ziehen“.

Junge Menschen dürften jedenfalls nicht zu

„bildungspolitischen Versuchskaninchen“

gemacht werden. Doch genau das bahnt

sich zum wiederholten Male an.

n

ben bügers | politik@wiwo.de

FOTO: IMAGO/LARS BERG

34 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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BERLIN INTERN | Wirtschaftsminister Gabriel kämpft

für die energieintensive Industrie – nicht nur gegen

EU-Kommissar Almunia, sondern auch gegen seine

neu gewonnenen Beamten. Von Henning Krumrey

Trau, schau, wem?

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/STEFAN THOMAS KROEGER

Für Wirtschaftsminister Sigmar

Gabriel sind es traumhafte Wochen.

Auf ihm, dem Gymnasiallehrer

mit den Fächern Politik, Soziologie

und Germanistik, der nach dem

Studium zwei Jahren lang Erwachsenenbildung

bei der Volkshochschule praktizierte,

ruht auf einmal die Hoffnung der deutschen

Industrie. Verbandsvertreter und Konzernlenker

liegen ihm zu Füßen, preisen seinen

Einsatz, seine Hartnäckigkeit und – vor allem

– sein Verständnis für ihre Belange.

Ganz im Glück Minister Gabriel freut sich

des Lobes aus der Großindustrie

BDI-Präsident Ulrich Grillo hatte schon

bei dessen Amtsantritt erfreut ausgerufen:

„Jetzt hat die Energiewende eine Telefonnummer!“

Inzwischen jubiliert er, wie „ehrgeizig“

die Regierung an die Reform herangehe.

Im Streit mit EU-Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia „kämpft der

Wirtschaftsminister“. Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer

der Wirtschaftsvereinigung

Metalle, sekundiert: „Der Irrglaube der vorigen

Bundesregierung, man könne Energiepolitik

national betreiben, hat die EU-Kommission

provoziert. Ich habe den Eindruck,

dass Wirtschaftsminister Gabriel hart und

positiv für uns verhandelt.“

Die Stahlindustrie setzt dabei auf die

Parteischiene. Sie erhofft sich nicht nur

vom SPD-Vorsitzenden Einfluss auf den

linken Kommissar aus Portugal. Sogar der

Spitzenkandidat aller Sozialisten für das

Europaparlament hilft: „Martin Schulz

hat unsere Sorgen schon mehrfach bei

Kommissar Almunia vorgebracht“, sagt

Kneer.

Auch die Gäste beim „Stahldialog“ in

Berlin vergangene Woche trauten ihren

Ohren kaum. „Der benutzt ja unsere Wortwahl“,

staunten sie. Die Schonung der energieintensiven

Betriebe ist ihm – zumindest

derzeit – wichtiger als sein Versprechen,

den weiteren Kostenanstieg für die Verbraucher

zu stoppen. „Es hilft dem Einzelnen

nichts, wenn seine EEG-Umlage zwar

sinkt, er aber gleichzeitig seinen Arbeitsplatz

verliert.“

Inzwischen beäugt Gabriel mit wachsendem

Misstrauen die Arbeit jener Beamten,

die aus dem Umweltministerium in sein

Ressort gewechselt sind. Schon mehrfach

hat er deren Ausrichtung korrigiert. Ihre Reformbemühungen

für das EEG sind ihm zu

zahm, ihre Attacken auf die Wirtschaft zu

harsch. „Vertrauensschutz für bestehende

Eigenerzeugung wird gewährleistet“, hatten

Union und SPD im Koalitionsvertrag

zwar jenen Firmen garantiert, die ihren

Strom selbst produzieren. Aber die Fachleute

um Abteilungsleiter Urban Rid kamen

auf eine trickreiche Idee: Die Schonung

könne ja nur für jenen Betrag gelten, der

zum Zeitpunkt der Koalitionsverhandlungen

galt – also 5,27 Cent EEG-Umlage. Die

Steigerung des Jahres 2014 dagegen sollten

diese Betriebe voll zahlen.

Das hat Gabriel inzwischen kassiert,

auch nachdem drei Genossen bei ihm vorgesprochen

hatten: die Ministerpräsidentinnen

von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz,

Hannelore Kraft und Malu

Dreyer, sowie der baden-württembergische

Wirtschaftsminister Nils Schmid. Der verkündete

danach, für Eigenerzeuger bestehe

nun „umfassender Vertrauensschutz“,

was also noch mehr ist als Vertrauensschutz.

Vorlagen aus Rids Energieabteilung

lässt Gabriel inzwischen von der Industrieabteilung

seines Hauses gegenprüfen.

Mitarbeiter aus seinem Umfeld interpretieren

den neuen Kurs sowohl als inhaltliche

Überzeugung als auch als taktische Erkenntnis:

„Er bringt der Wirtschaft schon

die neue Sozialpolitik, da muss er sich nicht

noch eine weitere Baustelle leisten.“

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 35

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Der Volkswirt

STREITGESPRÄCH Ulrich Grillo und Detlef Wetzel

»Schleichender Substanzverlust«

Wohin treibt Deutschland? BDI-Präsident Ulrich Grillo und Detlef Wetzel,

der Vorsitzende der IG Metall, streiten über die Investitionsschwäche bei Staat und Wirtschaft,

die Folgen von Mindestlöhnen – und wagen den Schulterschluss in der Energiepolitik.

METALLER 1

Ulrich Grillo, 54, ist

seit Januar 2013

Präsident des Bundesverbands

der

Deutschen Industrie

(BDI). Der Unternehmer

führt seit 2004

die Grillo-Werke in

Duisburg, ein Metallund

Chemieunternehmen

mit rund

1600 Mitarbeitern.

METALLER 2

Detlef Wetzel, 61, ist

seit November 2013

Vorsitzender der IG Metall.

Der gelernte Werkzeugmacher

war zuvor

sechs Jahre Vize-Chef

der größten deutschen

Gewerkschaft. Von 2004

bis 2007 führte der Siegerländer

den einflussreichen

IG-Metall-Bezirk

Nordrhein-Westfalen.

FOTO: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

36 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Herr Grillo, Herr Wetzel, wo steht Deutschland

in fünf Jahren? Bleiben wir die Lokomotive

Europas, oder macht uns die Politik

der großen Koalition, was manche befürchten,

zum neuen kranken Mann in der EU?

Grillo: Wir sind gut in Form – und genau das

ist die Gefahr. Die größten Fehler werden

gemacht, wenn’s einem gut geht. Vieles aus

den ersten 100 Regierungstagen ist schädlich

für den Industriestandort Deutschland.

Ich habe die Sorge, dass wir in die falsche

Richtung marschieren. Dafür bekommen

wir in fünf oder zehn Jahren die Quittung.

Wetzel: Ich teile Ihre Kritik am Koalitionsvertrag

nicht, sehe aber gleichwohl

Deutschland am Scheideweg. Wir haben

qualifizierte Beschäftigte, innovative Betriebe,

aber auch strukturelle Schwächen. Wir

brauchen ein nachhaltigeres Wachstumsmodell.

Bei den Investitionen liegen wir

deutlich unter dem OECD-Durchschnitt,

bei den Unternehmen unterschreiten die

Investitionen sogar die Abschreibungen. Im

staatlichen Bereich sieht es nicht besser

aus. Es fehlen mindestens 20 Milliarden Euro

an öffentlichen Investitionen in die Verkehrs-

und Bildungsinfrastruktur.

Grillo: Da bin ich ganz bei Ihnen. Wir erleben

einen schleichenden Substanzverzehr

am Kapitalstock der Volkswirtschaft. Die

Folgen bemerken wir nicht heute, aber in

einigen Jahren. Genau deshalb ist es ja so

wichtig, dass die Industrie gute Rahmenbedingungen

vorfindet. Die Unternehmen

brauchen von der Politik mehr Planungssicherheit.

Da sehe ich derzeit zu wenig.

Will die deutsche Industrie nicht investieren

– oder kann sie nicht?

Grillo: Die Industrie will. Sie hat auch das

Geld dafür, die Zinsen sind niedrig. Der große

Hemmschuh ist die Unsicherheit. Ein

Unternehmen investiert, wenn sich ein Projekt

wahrscheinlich rechnet. Diese Frage

lässt sich aber – Stichwort Energiepreise –

vielfach nicht beantworten.

Wetzel: Die Investitionsschwäche der Unternehmen

ist doch kein neues Phänomen,

sondern begleitet uns seit 15 Jahren! Es gab

in dieser Zeit Regierungen, die den Unternehmern

jeden Wunsch von den Augen abgelesen

haben. Trotzdem gab es keinen Investitionsboom.

Und wann haben wir

eigentlich die letzte industrielle Großinvestition

gesehen? Wir brauchen mehr Großprojekte,

mehr Leuchttürme. Stattdessen

wandert zu viel Kapital ins Ausland, zu wenig

wird hier investiert.

Grillo: Wollen Sie die Globalisierung zurückdrehen?

Großinvestitionen finden dort

statt, wo die Kunden sitzen und neue Ab-

Wetzel: Die Unternehmen haben zugelassen,

dass in weiten Teilen des Dienstleistungssektors

und einigen Bereichen der Industrie

keine Tarifbindung entstanden ist

und Menschen für sehr wenig Geld arbeiten

müssen. Die Gewerkschaften waren in einigen

Branchen nicht stark genug, die Arbeitgeber

zu Tarifabschlüssen zu zwingen. Deshalb

muss nun der Staat ran. So funktioniert

das Subsidiaritätsprinzip. Gäbe es nicht so

viele weiße Flecken beim Flächentarif,

müssten wir die Debatte um Mindestlöhne

gar nicht führen.

Grillo: Die deutsche Wirtschaft geht am

Mindestlohn nicht zugrunde. Aber er wird

Arbeitsplätze kosten und Menschen den

Einstieg ins Arbeitsleben erschweren. Und

absolut kontraproduktiv ist, wenn ihr Verdi-

Kollege Frank Bsirske jetzt vorprescht und

bereits einen Mindestlohn von zehn Euro

fordert, bevor überhaupt der Mindestlohn

von 8,50 Euro beschlossen ist.

Über künftige Mindestlohnsteigerungen

soll eine neue Kommission entscheiden. Ist

das eine praktikable Lösung?

Wetzel: Ganz wichtig ist es, Erhöhungen

des Mindestlohns staatsfern zu halten. Die

Kommission darf kein Lohnfindungsgremium

sein. Der Mindestlohn muss den Tariflöhnen

folgen, nicht umgekehrt. Es würde

zu starken Verwerfungen führen, wenn der

Mindestlohn stärker stiege als die Tariflöhne

oder wenn zusätzliche Aspekte wie die

Lebenshaltungskosten einfließen würden.

Grillo: Einverstanden. Das ist unter den gegebenen

Umständen wohl eine vernünftige

Lösung. Man könnte mit einer Indexierung

arbeiten oder aus den Tarifabschlüssen den

Durchschnitt bilden. So behalten die Tarifparteien

immerhin die Fäden in der Hand.

Ich weiß aus Gesprächen, dass es auch in

der Politik für eine solche Lösung durchaus

Sympathie gibt.

Wetzel: Im Übrigen halte ich die Angst vor

Jobverlusten für völlig überzogen, auch weil

es großzügige Übergangsfristen gibt.

Das sehen die meisten Ökonomen anders.

Wetzel: Vielleicht fragen Sie die falschen. Es

gibt in Deutschland bereits 14 Branchenmindestlöhne

über 8,50 Euro. Signifikante

Jobverluste gibt es nicht. Deshalb brauchen

wir auch keine Ausnahmen vom Mindestlohn

für einzelne Arbeitnehmergruppen.

Grillo: Einspruch! Auch wenn sich der Mindestlohn

nicht mehr verhindern lässt, so

müssen wir doch die negativen Folgen minimieren.

Dazu gehört ein höheres Einstiegsalter.

Wenn junge Menschen eine

Ausbildung anfangen, sind sie im Schnitt

19,8 Jahre alt. Der Mindestlohn sollte dasatzchancen

entstehen. Das ist nun mal zunehmend

in Asien und Übersee. Neue energie-

und rohstoffintensive Fabriken werden

künftig wegen der hohen deutschen Energiepreise

eher im Ausland entstehen. Es

fehlt leider auch an der notwendigen Akzeptanz

für Großprojekte. Im Übrigen sind

98 Prozent unserer Firmen Mittelständler,

die ohne große öffentliche Aufmerksamkeit

in Deutschland investieren. Wir müssen auf

Innovation, auf Prozessoptimierung und

effiziente Wertschöpfungsketten setzen.

Wer findet nach Ihrer Einschätzung bei der

neuen Regierung denn mehr Gehör – Gewerkschaften

oder Wirtschaft?

Wetzel: Gäbe es nicht eine große Mehrheit

in der Bevölkerung für den gesetzlichen

Mindestlohn und die Rente mit 63, hätten

weder die Union noch die SPD diese Gerechtigkeitsthemen

angepackt. Diese Themen

sind endlich in der Mitte der Gesellschaft

angekommen. Und wir haben dabei

etwas mitgeholfen.

Steckt dahinter nicht eher der Wunsch der

SPD, endlich Frieden mit den Gewerk-

»Die Interessen der

Arbeitnehmer finden

wieder mehr Gehör«

Detlef Wetzel

schaften zu schließen? Der Koalitionsvertrag

ist doch in Teilen fast eine Abschrift

gewerkschaftlicher Forderungen.

Wetzel: Sagen wir es so: Erstmals haben wir

wieder eine Regierung, die sich traut, Gesetze

zu beschließen, von denen Arbeitnehmer

und Rentner profitieren. Früher war es

oft umgekehrt.

Grillo: Vielleicht habe ich Gedächtnislücken,

aber ich erinnere mich an keine Regierung,

die der Wirtschaft alle Wünsche erfüllt

hat. Und ich wundere mich über Ihre

Begeisterung, was den gesetzlichen Mindestlohn

betrifft. Dieser ist für mich eine

Entmündigung der Tarifparteien. Sie werden

es vielleicht nicht glauben, aber ich bin

ein Fan der Tarifautonomie. Alle Welt beneidet

uns um unsere weitgehend funktionierende

Sozialpartnerschaft – und nun

wird sie unterhöhlt.

Wetzel: Ach was! Der Mindestlohn ist doch

ein Phänomen, das die Arbeitgeber kreiert

haben!

Grillo: Bitte? Das müssen Sie mir erklären. »

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 37

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Der Volkswirt

»

her erst ab 21 Jahren gezahlt werden.

Sonst besteht ein Anreiz, einen für junge

Leute zunächst lukrativen Mindestlohn-Job

anzunehmen, statt eine Ausbildung zu machen.

Das gilt insbesondere für Arbeitnehmer,

bei denen jeder Cent zählt.

Wetzel: Warum nicht Mindestlohn erst ab

67? Dann kriegen ihn noch weniger.

Grillo: Nun werden Sie mal nicht zynisch.

Wir sind hier nicht beim Pokern, hier geht

es um ernst zu nehmende ökonomische

Einwände, die Sie nicht so nonchalant wegwischen

sollten. Uns werden 2020 eine Million

Fachkräfte fehlen. Da können wir es

uns nicht leisten, dass junge Menschen keine

Ausbildung machen, weil sie auf den

schnellen Euro schauen.

Wetzel: Es ist meines Erachtens genau andersherum.

Wenn ein 17-Jähriger für die

Unternehmen billiger ist als ein 21-Jähriger,

wird es für ihn mehr Arbeitsangebote

geben. Dann haben Sie genau den Negativeffekt

auf die Ausbildungsbereitschaft,

den Sie vermeiden wollen. Das Problem

ist nicht, dass in der Vergangenheit zu viele

Junge eine ungelernte Tätigkeit angenommen

haben– sondern dass Hunderttausende

keinen Ausbildungsplatz

fanden.

Ein anderes umstrittenes Projekt der

großen Koalition ist die Rente mit 63. Herr

Grillo, warum sind Sie dagegen?

Grillo: Weil die demografische Entwicklung

dagegen spricht. Es ist verständlich, wenn

jemand früher und ohne Abschläge in Rente

gehen will. Aber dass die Mehrheit der

Bürger und drei Parteien die Rente mit 63

toll finden, bedeutet nicht automatisch,

dass diese richtig ist. Wir haben 20 Jahre

lang versucht, die sozialen Sicherungssysteme

krisen- und demografiefest zu machen.

Das machen wir jetzt kaputt, um uns kurzfristig

wohlfühlen zu dürfen.

Wetzel: Es ist paradox, dass die Arbeitgeber

vor sich selber warnen. Die Betriebe

können eine Frühverrentungswelle durch

eigenes Zutun verhindern. Im Übrigen

sind wir eine der reichsten Volkswirtschaften

der Welt und können die Kosten für

höhere Rentenausgaben aufbringen. Unser

Rentensystem geht nicht wegen der

Demografie bankrott, sondern weil die Akzeptanz

der Jungen wegbricht. Sie werden

in prekäre Jobs mit niedriger Bezahlung

abgedrängt, müssen trotzdem hohe Beiträge

zahlen und werden nachher mit geringen

Renten abgespeist.

Grillo: Dieses Argument kann ich nicht

nachvollziehen. Die Regierung hat wegen

ihrer Rentenpläne doch gerade verhindert,

dass die Lohnnebenkosten sinken. Das kostet

die Arbeitnehmer drei Milliarden Euro

pro Jahr! Mich stört, dass die IG Metall so

tut, als sei Vorruhestand ein erstrebenswertes

Ziel. Viele Menschen arbeiten gern. Ich

übrigens auch. Wenn einer bis 70 arbeiten

will – warum nicht?

Wetzel: Wir sind nicht gegen die Rente mit

67 für die, die länger arbeiten wollen. Es

geht um jene, die nicht mehr können. Viele,

die es aus gesundheitlichen Gründen nötig

hätten, früher zu gehen, können es sich wegen

der Abschläge nicht leisten.

Von der Rente mit 63 profitiert aber vor

allem der gut verdienende männliche

Facharbeiter. Man könnte auch sagen: die

Klientel der IG Metall.

»Geht es um die

Existenz der Betriebe,

dürfen Abgaben nicht

sakrosankt sein« Detlef Wetzel

Wetzel: Ich halte dies für einen diskriminierenden

Ansatz. Es ist kein Verbrechen, ein

gut verdienender Facharbeiter zu sein.

Das behauptet auch niemand.

Wetzel: Aber man versucht, lang arbeitende

Träger unseres Wirtschaftssystems mit einer

Neiddebatte zu diffamieren. Ist es den

Männern vorzuwerfen, dass es vor 30 Jahren

das überwiegende Gesellschaftsmodell

war, dass der Mann arbeitete und die Frau

zu Hause blieb?

Grillo: Dass die Rente mit 63 vor allem Facharbeiter

nutzen können, ist ein Problem,

weil die allermeisten Unternehmen sie

brauchen. Schwierig ist, dass die Politik eine

Lösung mit der Gießkanne anstrebt, anstatt

differenzierte Lösungen zu suchen.

Gibt es Unternehmer, die sagen: Die Rente

mit 63 ist gar nicht so übel, weil wir so

Mitarbeiter früher loswerden können?

Grillo: Das ist nicht auszuschließen – vor allem,

wenn es um Betriebe geht, die unter

wirtschaftlichem Druck stehen.

Wie bewerten Sie den Stand der Energiewende?

Setzt sich die Wirtschaft durch –

in Berlin und beim Beihilfeverfahren in

Brüssel?

Grillo: Es ist positiv, wie ehrgeizig die Bundesregierung

das Thema aufgegriffen hat.

Das Brüsseler Verfahren ist gefährlich, aber

der eigentliche Druck entsteht durch die

steigenden Energiekosten, die Industrie wie

private Verbraucher belasten. Die Energiewende

kostet uns pro Jahr 23 Milliarden Euro.

Da muss etwas passieren: bei der Entstehung

und der Verteilung der Kosten. Das

EEG ist wie Babynahrung: Anfangs war es

gut, aber nach 13, 14 Jahren ist es schädlich.

Wetzel: Ich teile die Aussagen von Herrn

Grillo 100-prozentig.

Grillo: Das ist gut. Die Wirtschaft trägt heute

schon die Hälfte der Kosten. Es gibt energieintensive

Betriebe, die Entlastungen bei der

EEG-Umlage erhalten. Wenn ich die streiche,

sind 800 000 Arbeitsplätze bedroht –

nicht alle sofort, aber in einem schleichenden

Prozess. Sollten diese Jobs alle wegfallen,

würde das 16 Milliarden Euro im Jahr

kosten. Die EEG-Entlastung ist mit fünf Milliarden

deutlich günstiger.

Wetzel: Wir müssen nur aufpassen, wie es

weitergeht. Es besteht die Gefahr, dass die

unstreitig zu schützenden Unternehmen

nicht mehr ihre Nachteile ausgeglichen bekommen.

Da geht es um jeden halben Cent.

Das klingt harmlos, aber für manche Unternehmen

macht das 50 Millionen Euro aus.

Es kann hier mit der EU-Kommission keine

Kompromisse geben, weder bei der Befreiung

von der Umlage noch bei der Eigenstromerzeugung.

Grillo: Da kämpft der Wirtschaftsminister.

Und auch der Kanzlerin ist die Tragweite

des Problems klar.

Wetzel: Dennoch wird am Ende eine zusätzliche

Belastung für diese Betriebe bleiben,

die EU-Kommission kann ja nicht 10:0

verlieren. Der Staat muss diese Mehrbelastung

ausgleichen, indem er die Stromsteuer

oder andere Abgaben auf den Strompreis

senkt. Deutschland hat mit den höchsten

Strompreis, die Hälfte davon erhält der

Staat. Wenn es um die Existenz der Betriebe

geht, dürfen Abgaben nicht sakrosankt sein.

Es war ja unverschämt genug, dass auf die

EEG-Umlage noch Mehrwertsteuer gezahlt

werden muss.

Grillo: Ich hoffe, es kommt nicht zu Rückzahlungen.

Das wäre pervers: Zurückzahlen

müssten nur Unternehmen, die künftig

FOTOS: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

38 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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nicht mehr entlastet sind. Sie würden doppelt

bestraft. Wenn jetzt Zusagen zurückgezogen

würden, wäre das Vertrauen in das

Rechtssystem Europa erschüttert.

Droht Deutschland eine Deindustrialisierung,

wie EU-Kommissar Oettinger warnt?

Grillo: Die Lage ist ernst. Die energieintensive

Industrie investiert gerade mal 85 Prozent

ihrer Abschreibungen. Die Glas- und

Keramikbranche hat in den vergangenen

Jahren 30 Prozent der Kapazitäten in

Deutschland verloren. BASF investiert in

energieintensive Ethylenanlagen in Amerika.

Nicht nur, weil da der Kunde sitzt.

Sind die Energiekosten für die IG Metall

auch tarifpolitisch gefährlich? Die Arbeitgeber

könnten ja sagen: Die Energiekosten

sind um acht Prozent gestiegen, daher gibt

es beim Lohn nur zwei Prozent.

Wetzel: Ich weiß nicht, was die Frage soll.

Grillo: Ich halte nichts davon, dass wir uns

gegeneinander ausspielen lassen. Wir wollen,

dass die Energiewende von den Kosten

her erträglich bleibt. Ich hoffe nicht, dass

wir eines Tages mit unseren Belegschaften

vors Kanzleramt laufen müssen. Wir müssen

schnellstens den Ausbau bremsen und

die Kosten reduzieren.

Wetzel: Einen Ausbaustopp will ich nicht.

Aber es ist komisch, wie wir mit der Energiewende

umgehen. Wenn ich eine Frittenbude

hätte, kaufte mir eine neue Fritteuse und

schriebe dran: Fritten 70 Cent teurer wegen

des neuen Geräts – da würde mir jeder ’nen

Vogel zeigen. Denn man würde ja vermuten,

der kauft die neue Fritteuse, damit die

Dinger besser schmecken und vielleicht

fünf Cent billiger werden.

Grillo: In der Industrie geht es um ganz andere

Investitionssummen – um Millionen,

manchmal sogar um Milliarden.

»Viele Menschen arbeiten

gern. Wenn einer

bis 70 arbeiten will –

warum nicht?« Ulrich Grillo

Wetzel: Deshalb wäre ein Fonds für die

Energiewende eine gute Idee. Wir finanzieren

dieses gesellschaftlich bedeutsame Umbauprojekt

in Echtzeit, jetzt. Aber den Nutzen

haben auch folgende Generationen.

Jede Großinvestition wird doch über Jahre

finanziert und abgeschrieben.

Grillo: Das sehe ich kritisch, zumal noch

nicht mal die ersten zarten EEG-Reformvorschläge

verabschiedet sind. Wir dürfen die

Kosten von 300 oder 400 Milliarden Euro

nicht der nächsten Generation aufhalsen.

Wir müssen den Druck auf dem Kessel lassen,

damit die Politik handelt. Wenn der

Preis für die Einspeisung weiter so lange garantiert

wird, bleibt technischer Fortschritt

aus. Die Energiewende hat eine Chance –

wenn sie richtig gemacht wird.

Chancen nutzen – das gilt auch für das

Transatlantische Freihandelsabkommen

TTIP. Herr Grillo, warum sind Sie dafür?

Herr Wetzel, warum sind Sie dagegen?

Grillo: Europa und die USA machen rund

ein Drittel des Welthandels und 50 Prozent

der Weltwirtschaft aus. Funktionierender

Handel setzt viele Kräfte frei. Das können

auf jeder Seite gut 100 Milliarden Euro sein.

Das schafft Wachstum und Beschäftigung.

Gegenwärtig spricht auch die Krim-Krise

dafür, transatlantischer zu denken.

Wetzel: Wir haben eine andere Position,

und die wird sich, so glaube ich, am Ende

durchsetzen. Wir wollen nicht, dass US-Investoren

den deutschen Staat verklagen

und den Steuerzahler hier zur Kasse bitten

können, wenn ihnen etwas nicht passt. Historisch

wurden Investitionsschutzabkommen

geschlossen zum Schutz vor entschädigungsloser

Enteignung...

Grillo: Genau!

Wetzel: ...oder wenn auf einer Seite das

Rechtssystem noch unterentwickelt war.

Das gilt für die USA ja wohl nicht. Warum

möchte die Industrie das? Weil es eine Gewinngarantie

für ausländische Unternehmen

ist. Wozu führt das? Ein französisches

Unternehmen verklagt gerade den ägyptischen

Staat, weil der den Mindestlohn erhöht

hat.

Grillo: Natürlich kann es nicht sein, dass einer

gleich Geld kriegt, weil ihm etwas nicht

passt. Es muss schon um Rechtsverstöße

gehen. Aber gerade weil dieses Risiko in den

USA und Deutschland gering ist, wollen wir

ein Abkommen, das als Maßstab für Gespräche

mit anderen Ländern dienen kann.

Wetzel: Wir sind auch gegen sinkende Standards

im Verbraucherschutz. Wenn etwas in

einem Land zugelassen ist, soll es auch im

anderen gelten. Man kann sich das Land der

niedrigsten Schwelle aussuchen. Das wäre

verheerend. Und auch wenn das polemisch

ist: Wie wollen wir Sozialstandards verhandeln

mit einem Land, das außer der Abschaffung

von Sklaverei und Kinderarbeit

keine Arbeitsverordnung der Internationalen

Arbeitsorganisation ratifiziert hat?

Grillo: Es gibt Ängste, ja. Wir sind klar dafür,

die Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft

bei uns nicht aufzugeben. Das ist

aber auch gar nicht Gegenstand der Verhandlungen.

Bringt mehr Freihandel auch mehr Jobs?

Wetzel: Es gibt dazu drei Studien, die kommen

zu einem Wachstumseffekt in homöopathischen

Dosen von 0,05 Prozent pro

Jahr. Da ist der Einfluss von drei Tagen Frost

auf das Bruttosozialprodukt größer.

Grillo: Alle Studien sagen: Es wird neues

Wachstum und neue Arbeitsplätze geben.

Der eigentliche Grund der Ablehnung

scheint mir der Wunsch nach mehr Transparenz

zu sein. Wir sollten entsprechend

auf die Verhandlungen einwirken. Am Ende

entscheiden die Parlamente, nichts geschieht

im Geheimen. Ich bin ein Mensch,

der erst mal Vertrauen schenkt – auch den

Unterhändlern.

Wetzel: Ich habe dieses Vertrauen nicht.

Grillo: Für Sie ist das Glas eben immer halb

leer – für mich ist es immer halb voll. n

bert.losse@wiwo.de, henning.krumrey@wiwo.de

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 39

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Mehrheit der Bundesbürger glaubt, dass die Rentenpolitik der großen

Koalition zulasten der jungen Generation geht. Trotzdem treffen umstrittene Vorhaben

wie die Rente mit 63 und die Mütterrente auf breite Zustimmung. Die Bürger wollen von

Einschnitten und Verzicht nichts mehr wissen. Von Renate Köcher

Generationenkrieg fällt aus

tigenden Mehrheit zu wenig berücksichtigt

werden. Den meisten

leuchtet nicht ein, warum Mütter,

die ihre Kinder vor einem bestimmten

Stichjahr geboren haben,

schlechter gestellt sein sollen als

Mütter, deren Kinder später geboren

wurden.

Bei der Rente mit 63 hält es eine

große Mehrheit für gerecht, dass

45 Berufsjahre zum Renteneintritt

berechtigen. Dabei spielen bei den

meisten jedoch auch eigene Interessen

und Wünsche eine Rolle:

Die Rente mit 67 ist nach wie vor

unpopulär. Viele möchten vor der

Reformen gefordert

Wie lässt sich Generationengerechtigkeit

schaffen?

Soziale Sicherungssystemereformieren,

zur Entlastung künftiger Generationen

71%

Staatsverschuldung abbauen

60%

MehrGeld fürBildungund Ausbildung

56%

Renteneintrittsalter erhöhen

6%

Jetzigen Rentnern wenigerRente zahlen

4%

Quelle: Allensbacher Archiv

Politik gegen die Jüngeren

Welche Generation wird durch die

Rentenpläne der Regierung am

meisten benachteiligt?

Keine

Angabe

JüngereGeneration

10 %

7%

Ältere

Generation

66%

17 %

Mittlere

Generation

gesetzlichen Altersgrenze aus dem

Beruf ausscheiden.

Dabei weiß die überwältigende

Mehrheit, dass die demografische

Entwicklung die sozialen Sicherungssysteme

zunehmend belastet.

Die meisten sind überzeugt,

dass sich weder das Niveau der Gesundheitsversorgung

noch die

Renten in der heutigen Höhe langfristig

halten lassen und dass das

Rentensystem auf mittlere Sicht

umgebaut werden muss. 71 Prozent

halten es unter dem Aspekt

der Generationengerechtigkeit für

wichtig, das System so umzustelsen

der jungen Generation teilweise

unter die Räder kommen, beeinträchtigt

die gute Stimmung zurzeit

nur wenig.

Die meisten Bürger werden in

der Regel keine Reformen mehr

unterstützen oder gar anmahnen,

die Einschnitte und Verzicht bedeuten.

Sie tendieren eher dazu,

den Status quo zu verteidigen, und

freuen sich über jede Ausweitung

staatlicher Leistungen. Das heißt

nicht, dass den Bürgern die Interessen

der jungen Generation

gleichgültig sind. Doch sie trauen

auf lange Sicht keiner Sicherheits-

Auf den ersten Blick

wirken die Reaktionen

der Bürger auf die

Rentenpläne der Bundesregierung

widersprüchlich

und unverständlich. Zwei Drittel

der Bürger halten das Rentenpaket

für einen Verstoß gegen

die Interessen der jungen Generation.

Die Mehrheit ist auch

überzeugt, dass die Maßnahmen

das Rentensystem

nicht stabilisieren – sondern es

belasten.

Gleichzeitig hält jedoch die

überwältigende Mehrheit die einzelnen

Maßnahmen für richtig.

Die Zustimmungsraten liegen um

die 80 Prozent. Die große Mehrheit

setzt die Mütterrente und die

Rente mit 63 auf die Agenda der

besonders wichtigen politischen

Ziele. Die meisten Bürger gehen

sogar über die Regierungspläne

hinaus und fordern eine Rückabwicklung

der Rente mit 67 und

die Absenkung des allgemeinen

Rentenalters auf 65 Jahre.

Es liegt nahe, aus diesen widersprüchlichen

Reaktionen zu

folgern, dass der großen Mehrheit

die Interessen der jungen

Generation egal sind – bemerkenswerterweise

auch ihr selbst.

Drei Viertel der unter 30-Jährigen

sehen die eigene Generation

durch die Rentenpläne benachteiligt.

Gleichzeitig stimmt auch

die große Mehrheit dieser Generation

den Plänen zu.

Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen sind es konkurrierende

Gerechtigkeitsvorstellungen.

Zwar hält die Mehrheit eine gerechte

Verteilung der Lasten und

Ansprüche der verschiedenen

Generationen für wichtig. Dasselbe

gilt jedoch auch für die Leistung

von Müttern, die insgesamt

nach Überzeugung der überwällen,

dass die Lasten für künftige

Generationen nicht zu groß werden.

Wenn jedoch konkrete Maßnahmen

diskutiert werden, die

Nachteile mit sich bringen, endet

der Reformwillen der meisten.

Zurzeit blicken die Bürger sehr

entspannt auf die Politik, da sie keine

Schnitte in das soziale Netz und

keine höheren Steuern erwarten.

Die Resonanz auf die Politik der

großen Koalition ist nach den ersten

Monaten besser als in der Anfangsphase

der letzten großen Koalition

2005. Die Überzeugung der

großen Mehrheit, dass die Interesgarantie

des Staates für diese

Generation. Stattdessen setzen

die meisten auf die privaten sozialen

Netze, deren Bedeutung

meist unterschätzt wird. Wie die

mittlere und ältere Generation

die Jungen materiell wie immateriell

unterstützt, ist außerordentlich

eindrucksvoll. Die

überwältigende Mehrheit der unter

30-Jährigen ist überzeugt,

dass sie bei finanziellen Engpässen

jederzeit auf Unterstützung

aus der Familie bauen kann. Immer

mehr profitieren auch von

Erbschaften und Schenkungen.

HILFE VON DER FAMILIE

Familien sehen ihre finanzielle

Situation in der Regel nicht isoliert

auf eine Generation bezogen,

sondern generationenübergreifend.

Entsprechend werden

staatliche Maßnahmen, die die

materielle Situation der mittleren

oder älteren Generation verbessern,

durchaus auch von der

großen Mehrheit der jungen Generation

begrüßt – selbst wenn

sie auf der Makroebene als Maßnahme

gegen die eigenen Interessen

bewertet werden. Im Familienverbund

erfolgt der

Ausgleich zwischen den Generationen,

der überwiegend zugunsten

der Jüngeren arbeitet. Dies

ist auch der Grund, warum sich

der oft beschworene Generationenkrieg

nie entwickelt hat. Die

Solidarität der Generationen

wird von den meisten Bürgern im

privaten Bereich gelebt – weniger

dagegen in der Rolle des politischen

Staatsbürgers.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin

des Instituts für

Demoskopie Allensbach und

Mitglied des Aufsichtsrates

mehrerer Dax-Unternehmen.

FOTO: PR

40 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Die rote Liste

HANDEL | Online-Angreifern wie Amazon und Zalando

haben Deutschlands Einzelhändler wenig entgegenzusetzen.

Eine Exklusivstudie zeigt, wo die Wucht der Veränderungen

am stärksten ist und wen die Abwanderung der

Kunden am härtesten trifft: die 50 bedrohtesten Händler.

Der Abschied klingt nach Abrechnung:

„Wir sind es satt!“,

steht in roten Lettern auf einem

Zettel im Schaufenster

des Krefelder Foto-Geschäfts

von Dagmar und Wolfgang Lennertz. Sie

seien es leid, sich von Kunden Preisvergleiche

mit Online-Händlern vorhalten zu lassen

und immer noch „billiger sein zu müssen“,

schreiben die Inhaber. Nach 25 Jahren

werden sie Ende April schließen.

Im Schaufenster des Münchner Surfund

Skateboardshops Boarders hängt eine

ganz ähnliche Mitteilung: Es sei üblich geworden,

sich im Laden ausführlich beraten

zu lassen und „dann seine Kaufentscheidung

abends im Internet“ zu fällen. „So

kann kein Shop überleben“, schreibt der

Betreiber. Ende April wird auch er sein Geschäft

räumen.

ALARMSTIMMUNG IM LADEN

Geschäftsaufgaben, weil Kunden lieber online

ordern. Längst sind nicht mehr nur die

kleinen, inhabergeführten Läden betroffen.

Auch Branchenschwergewichte spüren,

wie sich der Markt dreht und Umsätze

wegfließen aus den Geschäften vor Ort,

rein ins Netz. Der Augsburger Buchhändler

Weltbild meldete im Januar Insolvenz an –

vor allem, weil die Kundschaft lieber bei

Amazon shoppt. Und die Hagener Handels-Holding

Douglas begründete jüngst

Stellenstreichungen in der Zentrale mit

„der zunehmenden Digitalisierung und einem

sich wandelnden Kundenverhalten“.

Brandbriefe, Pleiten, Entlassungen –

schon heute herrscht Alarmstimmung im

Einzelhandel. In den kommenden Jahren

könnte sich die Lage weiter verschärfen,

werden Online-Angreifer die Handelslandschaft

neu sortieren. Doch wo wird die

Wucht der Veränderungen am stärksten zu

spüren sein, welche Unternehmen trifft die

Abwanderung der Kunden am härtesten,

mit welchen Konzepten lässt sich der Online-Angriff

womöglich parieren?

Die Handelsspezialisten Timo Renz und

Johannes Berentzen von der Münchner

Beratung Dr. Wieselhuber & Partner haben

gemeinsam mit dem Marktforscher Facit

Research konkrete Antworten auf die Existenzfragen

der Branche gefunden. Auf Basis

einer repräsentativen Befragung von

insgesamt mehr als 8000 Kunden haben

die Berater herausgefiltert, wo der Handlungsdruck

am größten ist.

Das Resultat ist eine rote Liste des deutschen

Handels, ein Katalog von 50 Unternehmen,

die ob der Schnelligkeit und Tiefe

der Veränderungen letztlich sogar in ihrer

Substanz bedroht sein könnten (siehe Tabelle

Seite 44).

Die Aufstellung, über die die WirtschaftsWoche

exklusiv berichtet, liest sich

wie das Mieterverzeichnis einer typischen

deutschen Fußgängerzone: Prominente

Mode- und Sporthändler wie Wöhrl und

Intersport finden sich ebenso auf der Liste

wie bekannte Elektronikketten à la Expert

oder ElectronicPartner.

Eng wird es laut Studie aber auch für

Spielzeuggeschäfte von Vedes und

Toys"R"Us sowie etliche Möbelhäuser und

Buchhändler. Für betroffene Unternehmen

„stellt der Umbruch ein substanzielles Geschäftsrisiko

dar“, warnt Wieselhuber-Partner

Renz. „Wer seine Hausaufgaben nicht

macht, wird auf der Strecke bleiben“, ergänzt

Studien-Co-Autor Berentzen.

»

2,9 Milliarden

Euro investierte die

Online-Kundschaft in

neue Schuhe, von High

Heels bis Ballerinas

42 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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9 Milliarden

Euro gaben die Deutschen

2013 für Kleidung

und Freizeitartikel bei

Online-Shops aus

5 Milliarden

Euro Umsatz erzielten

Buchhändler im vergangenen

Jahr mit dem

Verkauf im Internet

1,2 Milliarden

Euro Umsatz bescherten

Spielwaren wie

Playmobil-Figuren den

Web-Anbietern

FOTOS: DDP IMAGES/MICHAEL KAPPELER; ACTION PRESS; CARO FOTOAGENTUR/RUPERT OBERHAEUSER; CARO FOTOAGENTUR/PAULUS PONIZAK

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 43

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Unternehmen&Märkte

Klick, klick, weg?

Welche Handelsunternehmen am stärksten von Online-Angreifern bedroht sind

Unternehmen

Vedes

Medimax

expert

Toys"R"Us

Intersport

Mayersche Buchhandlung

Sport2000

Depot

Thalia

idee+spiel

ElectronicPartner

Kaufhof

babyOne

Charles Vögele

Butlers

Hugendubel

Media Markt

Wöhrl

KiK

Euronics

Takko

babywalz

Karstadt

NKD

Saturn

Peek &Cloppenburg

Runners Point

Reno

Quick Schuh

C&A

Jack Wolfskin

Dänisches Bettenlager

Adler

Ernsting’s family

Poco (Domäne)

Deichmann

Globetrotter

Reformhaus

Siemes Schuhcenter

Leiser

Tchibo

SportScheck

Höffner

Breuninger

Segmüller

Alnatura

Conrad Electronic

SB-Möbel Boss

Zara

Drogerie Müller

Spielwaren

Elektronik

Elektronik

Spielwaren

Sport/Freizeit

Bücher

Sport/Freizeit

Möbel/Deko

Bücher

Spielwaren

Elektronik

Warenhäuser

Kinderbedarf

Mode

Möbel/Deko

Bücher

Elektronik

Mode

Mode

Elektronik

Mode

Kinderbedarf

Multisortiment

Mode

Elektronik

Mode

Sport/Freizeit

Schuhe

Schuhe

Mode

Sport/Freizeit

Möbel/Deko

Mode

Mode

Möbel/Deko

Schuhe

Sport/Freizeit

Naturkost

Schuhe

Schuhe

Multisortiment

Sport/Freizeit

Möbel/Deko

Mode

Möbel/Deko

Naturkost

Elektronik

Möbel/Deko

Mode

Drogerien

*auf einer Skala von 1(keine Gefahr) bis 100 (extremes Risiko);

Quelle: Dr.Wieselhuber &Partner, eigene Recherche

Kernsortiment Bedrohungsgrad* Wichtigste Online-Angreifer

84,0

81,2

78,6

78,2

77,7

77,1

76,9

74,6

74,3

73,6

73,0

72,9

72,7

72,5

72,4

71,8

71,6

71,3

70,0

69,9

69,9

69,4

68,5

68,2

68,0

66,4

65,6

65,1

64,6

64,4

63,2

60,5

60,4

60,4

60,0

59,5

59,2

58,4

58,2

58,0

57,8

57,8

57,5

57,4

57,0

56,9

56,5

55,9

55,5

54,2

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Home24, Westwing

Amazon

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Zalando

Home24, Westwing

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Home24, Westwing

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Zalando, Portale von Markenherstellern

Allyouneed.com, Amazon

Zalando, Javari

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Flaconi, Glossybox

»

Der Grad der Bedrohung hängt laut den

Experten im Wesentlichen von zwei Kriterien

ab. Zum einen entscheidet die Sortimentsstruktur.

Für die Studie wurde deshalb

im ersten Schritt das Shopping- und

Informationsverhalten der Kunden unter

die Lupe genommen.

Ergebnis: Bücher und DVDs, Elektronikartikel

und Spielzeug gehören beim Online-

Einkauf erwartungsgemäß zu den Bestsellern,

während die Bereitschaft, Brot und Butter

via Web zu ordern, überschaubar bleibt.

Entsprechend stehen Supermärkte und Lebensmitteldiscounter

von vornherein weniger

stark im Feuer als die Non-Food-Anbieter,

die mit dem Verkauf von PCs, Puppen

oder Pumps ihr Geld verdienen.

Wie stark der digitale Umbruch auf eine

Marke durchschlägt, hängt zum anderen

von der aktuellen Online-Leistung eines

Händlers ab. Auch dazu wurden die Teilnehmer

der Studie befragt. Zusätzlich haben

Experten von Facit die Homepages der

Händler, ihre E-Commerce- und

Smartphone-Angebote, das Online-Marketing

sowie den Auftritt in sozialen Netzwerken

wie Facebook bewertet.

Aus der Online-Relevanz des Sortiments

und der aktuellen Web-Performance haben

die Berater dann für jedes Unternehmen

den individuellen Grad der Bedrohung ermittelt

auf einer Skala von 1 für „keine Gefahr“

bis 100 für „extremes Risiko“.

WIRKLICH GUT GERÜSTET?

In den Chefetagen der potenziellen Online-Opfer

dürfte das Ranking auf wenig

Zuspruch stoßen. Ausgerechnet die Vertreter

von Unternehmen, die auf einen hohen

„Kill-Thrill“-Wert kommen, nach Ansicht

der Experten also massiv bedroht sind, attestieren

sich selbst, gut gerüstet zu sein.

n Beispiel Vedes: Seit 110 Jahren verzücken

Läden, die der Vereinigung Deutscher

Spielwarenfachhändler angehören, ihre

Kundschaft gern mit Bällen und Bären. In

grauer Vorzeit scheint auch das Vedes-Online-Portal

programmiert worden zu sein.

Wuselige Schiebeleisten und reichlich Text

machen den Einkauf zum Puzzlespiel.

„Der Online-Kanal kann niemals die Emotionen,

das Einkaufserlebnis und die Serviceleistungen

eines stationären Spielwarenfachgeschäfts

bieten“, sagt denn auch

Vedes-Marketingleiter Stephan Bercher.

Zumindest für den Vedes-Shop stimmt das.

n Beispiel ElectronicPartner (EP): Die Verbundgruppe,

unter deren Logo rund 700

Elektronikhändler gegen Rivalen wie Amazon

antreten, leistet sich den Luxus, im Jahr

44 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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5,3 Milliarden

Euro flossen 2013 im

Internet für Elektronik

vom Smartphone über

TV-Geräte bis Computer

steigert. Im Interview kündigen die Zalando-Chefs

an, weiter auf Wachstum zu setzen

und die Kundenbindung zu verbessen

(siehe Seite 47). Demnächst sollen neue

Handy-Apps etwa zur Erkennung von Kleidungsstücken

zusätzliche Bestellungen generieren.

Ob des Fabelaufstiegs tröstet sich manch

arrivierter Filialist damit, dass Zalando bisher

noch keinen einzigen Cent verdient

hat. „Die spielen nach eigenen wirtschaftlichen

Regeln“, schimpft etwa ein Hamburger

Mode-Manager. Allein, an den Konsequenzen

ändert das wenig: Die Umsätze

sind weg und werden auch nicht in den

klassischen Handel zurückfließen.

Derweil könnte der Zalando-Effekt auch

in anderen Handelssegmenten Schule machen.

Selbst für Produkte, die noch vor Kurzem

als Internet-untauglich galten, etablieren

sich Online-Marktplätze, werden passende

Smartphone- und Tablet-Angebote

gezimmert – zum Beispiel für Möbel.

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/ANDREA WARNECKE

2014 auf einen Online-Shop zu verzichten.

Im Bedrohungs-Ranking landet EP auf

Platz elf, die zur Gruppe gehörenden Medimax-Filialen

belegt Platz zwei.

EP-Vorstand Friedrich Sobol verteidigt

die E-Commerce-Abstinenz: „Unsere Aufgabe

ist es, den Kunden, die überwiegend

stationär kaufen, das bestmögliche Angebot

zu machen.“ Sorge, dass die Schar der

Shoppingnostalgiker schwindet, teilt die

EP-Spitze offenkundig nicht. Das stationäre

Angebot solle nur „schrittweise“ ins Internet

„verlängert“ werden. Immerhin: EP

hält eine Minderheitsbeteiligung am Online-Händler

Notebooksbilliger.de

n Beispiel Intersport: „Das Geschäftsmodell

sei „in keinster Weise akut bedroht beziehungsweise

am Wanken“, heißt es bei

dem Zusammenschluss von Sportfachhändlern.

Die Sportformation kann auf einen

eigenen Online-Shop verweisen, der

auch die wesentlichen Zusatzfunktionen

erfüllt wie etwa Retouren beim Händler

oder Reservierungen im Laden. Doch das

sind Standards. Und der Wettbewerb

sprintet in Sachen Online-Marketing und

Mobile-Lösungen davon.

Wie groß die Gefahren tatsächlich sind,

wird erst beim Blick auf die zentralen Angreifer

deutlich, die Category Killer. „Viele

dieser Category Killer haben finanzstarke

Geldgeber hinter sich, die massiv in Bekanntheit,

Marktanteile und Service investieren

und den Ertrag kurzfristig hintenanstellen“,

sagt Experte Berentzen.

So wie der amerikanische Internet-Gigant

Amazon den Buchmarkt umkrempelte

und sein Angebot seither auf zig Warengruppen

ausgedehnt hat, stürzt sich eine

Vielzahl weiterer Online-Player ins Geschäft.

Doch vor allem ein Name fällt,

wenn es um den digitalen Generalangriff

geht: Zalando.

Kein anderes Unternehmen schreckt die

City-Platzhirsche so wie die Berliner, die

zuerst den Schuhhandel aufgemischt und

dann auch dem Modewesen eine neue

Kleiderordnung verpasst haben. Binnen

fünf Jahren haben die Berliner ihre Umsätze

von null auf rund 1,8 Milliarden Euro ge-

Sie haben dank digitaler Technologien

Kunden gewonnen, Ihr Geschäftsmodell

weiterentwickelt oder Kosten reduziert?

Dann bewerben Sie sich bis 30. April beim

Digital Transformation Award der WirtschaftsWoche

unter Schirmherrschaft

von Alexander Dobrindt, Bundesminister

für Verkehr und Digitale Infrastruktur.

www.dt-award.de

KILL BILLY

Der Besprechungsraum in der ehemaligen

Zigarettenfabrik in Prenzlauer Berg in Berlin

erinnert eher an eine behagliche Wohndenn

an eine Konferenzlandschaft. Ohrensessel

und Stehlampen haben die Chefs

des Online-Möbelhändlers Home24 aufstellen

lassen, um einen Kontrast zum

Großraum-Gewimmel in den angrenzenden

Büros zu schaffen. Junge Menschen

sitzen dort vor ihren Computerbildschirmen

und fügen den bereits bestellbaren

72000 Sofas, Sideboards und Schuhschränken

weitere Modelle hinzu, beantworten

Kundenfragen oder kümmern sich

darum, dass Online-Nutzer, die bei Google

nach Begriffen wie Kommode suchen,

Home24 finden.

Bis vor Kurzem hing hier eine als Filmplakat

getarnte Kampfansage an der Wand.

„Kill Billy“ stand auf dem Plakat, darunter

der Zusatz: „Garantiert schwedenfrei. Am

Ende“. Gemeint war Ikea, der größte Möbelhändler

der Welt, und dessen bekanntestes

Produkt, das Regal Billy.

Inzwischen wurde das martialische Plakat

abgenommen, die Mission ist auch so

klar: Home24 sei mit rund 100 Millionen

Euro Umsatz 2013 „der größte reine Online-

Möbelhändler in Deutschland“, sagt Geschäftsführer

Domenico Cipolla, und „wir

wollen die Position noch ausbauen“. Die

Berliner Startup-Fabrik Rocket Internet und

der Kölner Handelskonzern Rewe haben in

das Unternehmen investiert. In den kommenden

Monaten solle das Sortiment

»

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 45

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Unternehmen&Märkte

1,2 Milliarden

Euro Umsatz spielte der

Verkauf von Möbeln

und Wohnaccessoires

über das Internet ein

Millionen aus dem Online-Handel. „Zalando

macht mich nicht kaputt“, tönt der

kauzige Mittelständler.

Im Gegenteil. Ob Zalando, Otto, Amazon

oder Ebay: Neben dem Trigema-eigenen

Portal bietet Grupp seine Web- und Wirkwaren

inzwischen auch auf den wichtigsten

E-Commerce-Plattformen feil. „Wenn

mir früher jemand gesagt hätte, die Leute

lassen sich einzeln ein Nachthemd oder einen

Schlafanzug zuschicken, hätte ich ihn

ausgelacht“, sagt Grupp. „Heute weiß ich,

das ist der Zug der Zeit.“

Ähnlich argumentieren die Wieselhuber-Experten

und plädieren für „eine stationäre

Offensive“. Das bedeute nicht, dass

Ladenbetreiber ihr Heil ausschließlich im

Netz suchen sollen. Das Geld werde vorerst

weiter im klassischen Geschäft verdient.

Bei zu viel Online-Aktionismus „besteht

die ernsthafte Gefahr, das eigene Stammgeschäft

zu vernachlässigen und Investitionen

zu verschleppen“, warnt Renz.

»

„noch breiter, der Service noch besser,

die Lieferzeiten noch kürzer“ werden.

Für traditionelle Einrichtungshäuser

heißt das: noch mehr Druck. „Es liegt auf

der Hand, dass die stationären Händler

nicht Hurra schreien, wenn Kunden lieber

bei uns bestellen, als zum Möbelmarkt zu

fahren“, sagt Co-Geschäftsführer Philipp

Kreibohm. Trotzdem hält sich die Gegenwehr

in Grenzen, wirken die Möbel-Granden

in Sachen online oft ähnlich dynamisch

wie Schrankwand-Ensembles des

Typs Eiche rustikal.

Bisher würden gerade mal zwei bis drei

Prozent der Branchenumsätze auf Internet-Händler

entfallen, sagt Kreibohm: „Die

Abwanderung ins Netz hat erst begonnen.“

Im Elektronikhandel ist die Neuverteilung

des Geschäfts hingegen schon seit

Jahren im Gang. Rund ein Viertel des Gesamtumsatzes

erzielt die Branche inzwischen

online. Trotzdem sei ein Ende der

Verschiebungen nicht in Sicht, sagt Arnd

von Wedemeyer, Gründer und Hauptgesellschafter

des Online-Händlers Notebooksbilliger.de,

der 2013 Computer, Kameras

und Handys im Wert von mehr als

500 Millionen Euro verkauft hat. „Selbst ein

Umsatzanteil von 50 Prozent muss im Elektronikhandel

auf Dauer nicht die Grenze

sein“, so von Wedemeyer. „Da dürfte noch

viel Fläche für Wohnraum in den Innenstädten

frei werden.“

Derlei Aussagen dürften Ladenbetreiber

in Rage bringen. Schließlich ist der Handel

einer der wichtigsten Arbeitgeber in

Deutschland, stehen mit den Geschäften

auch Tausende Jobs zur Disposition, drohen

langfristig Innenstädte zu verwaisen

(WirtschaftsWoche 45/2013).

Für das Laden-Lamento vieler Wettbewerber

hat Wolfgang Grupp, Eigentümer

des T-Shirt- und Freizeitbekleidungsherstellers

Trigema im schwäbischen Burladingen,

trotzdem nur Verachtung

übrig. „Wer sagt, online

macht mich kaputt, hat als Unternehmer

versagt“, poltert der

Schwabe. Der Herr über rund

1200 Mitarbeiter ist voll in den

Verkauf über das Web eingestiegen.

Von knapp 90 Millionen

Euro Umsatz im Jahr kämen

mittlerweile rund sieben

online

Die Meinung von

Trigema-Chef Wolfgang

Grupp zum Thema

unter wiwo.de/

100-prozent-grupp

PRODUKT-SERVICE-KOMBINATION

Allerdings sollten die Vertriebskanäle nach

und nach erweitert und dann auch wirklich

eng miteinander verzahnt werden.

„Warum“, fragt Berentzen, „kleben die wenigsten

Elektronikhändler auf sperrige Geräte

wie Fernseher nicht einfach einen abreißbaren

Zettel mit dem Hinweis: ‚Zu

schwer? Dann bestell mich online‘ samt

der Internet-Adresse oder einem per

Handy lesbaren Code, der direkt zum Online-Shop

des Händlers führt.“

Auch die Preisaggressivität und -transparenz

der Onliner sei kein Killerkriterium.

Die Händler sollten verstärkt Produkt-Service-Kombinationen

anbieten. Wer zu

Hause etwa ein Heimkino-System installieren

will, kann sich jedes einzelne Kabel im

Netz bestellen und so ein paar Euro sparen.

Viele Kunden wären aber bereit, mehr zu

zahlen, wenn Aufbau, Ton- und Bildabstimmung

vom Händler mit erledigt würden.

„Für die Kunden geht es oft um Lösungen,

nicht um Produkte“, sagt Berentzen.

Trotz solcher Ansätze dürften die meisten

Händler am Ende aber kaum daran

vorbei kommen, ihr Filialnetz

zu stutzen und alle Sparmöglichkeiten

auszuloten. „Einschnitte

kosten Überwindung

und sind schmerzhaft“, sagt

Renz, „aber es ist noch

schmerzhafter, im Wettbewerb

mit den Online-Angreifern auf

der Strecke zu bleiben.“ n

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTOS: PR; AGENTUR FOCUS/OSTKREUZ/ANNETTE HAUSCHILD

46 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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»Mehr Mode, weniger Lärm«

INTERVIEW | Robert Gentz, Rubin Ritter, David Schneider Die Zalando-Chefs über kreischende Frauen in der

Werbung, den Kostenfaktor Retouren und die Zukunft des Einkaufens in klassischen Läden und im Netz.

Herr Gentz, Herr Ritter, Herr Schneider,

wir vermissen den Zalando-Schrei.

Gentz: Zur Begrüßung?

Nein, in Ihrem neuen TV-Werbespot. Dort

zeigen Sie einen genervten Liebesgott und

reihenweise verliebte Männer – aber die

kreischenden Frauen, die Zalando berühmt

gemacht haben, fehlen. Was ist los?

Gentz: Den Schrei hatten wir jetzt lange genug

in den Spots, unsere Kunden wollen

mal was Neues sehen. Der Schrei ist aber

auch nicht mehr das Erkennungselement,

das noch in dem Maße wie bisher zu Zalando

passt und das wir über die kommenden

Jahre spielen wollen. Der Schrei war

Zeichen unserer extremen Wachstumsphase,

begleitet von hoher Lautstärke.

Und jetzt wollen Sie lieber ruhig und

bedächtig rüberkommen?

Gentz: Wir wollen uns einfach stärker auf

die Produkte konzentrieren, die wir verkaufen,

aber natürlich trotzdem Emotionen

zeigen: mehr Mode und weniger

schrille Töne.

Schneider: Das spiegelt auch die Unternehmensentwicklung

wider. Wir kommen aus

einer Phase sehr starken Wachstums und

haben in den vergangenen fünf Jahren Expansion

und Markenaufbau in 15 europäischen

Ländern gestemmt. Wir haben den

Umsatz seit 2008 von null auf 1,8 Milliarden

Euro gesteigert. Jetzt kommt der nächste

Schritt:Wir wollen Zalando stärker als erste

Fashion-Adresse im Netz präsentieren.

Hat die neue Tonlage auch mit Ihren

Börsenplänen zu tun?

Ritter: Die Neuausrichtung hat so oder so

Sinn. Wir brauchen keinen Börsengang,

um die richtigen Schritte umzusetzen. Die

Diskussion über einen Börsengang ist fast

so alt wie Zalando selbst. Wir bereiten uns

auf viele Möglichkeiten vor – ein Börsen-

»

Vor fünf Jahren starteten die Studienfreunde

Schneider (links), 31, und Gentz

(rechts), 30, ins Schuhgeschäft und gründeten

Zalando. Heute steuern sie Europas

größten Online-Modehändler und sind als

DIE DREI VON DER PAKETSTELLE

Vorstände für alle Einkaufs- beziehungsweise

Verkaufsthemen zuständig. Ritter, 32,

der wie die beiden Gründer an der WHU

Vallendar studiert hat, stieß 2010 dazu und

kümmert sich im Vorstand primär um die

Finanzen des Online-Händlers, der auch

als Kandidat für einen Börsengang gilt.

2013 setzte Zalando in 15 europäischen

Ländern insgesamt rund 1,8 Milliarden

Euro um, schrieb aber weiter rote Zahlen.

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 47

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Unternehmen&Märkte

»

gang wäre eine Option für die weitere

Entwicklung Zalandos, aber im Fokus steht

das operative Geschäft.

Ende 2013 wurde Zalando in eine Aktiengesellschaft

umgewandelt, sie haben ein

Beteiligungsprogramm für Führungskräfte

aufgelegt und einen Kapitalmarktexperten

in den Aufsichtsrat geholt. Das hat

nichts mit Börsenvorbereitungen zu tun?

Ritter: 2013 haben wir einige Verbesserungen

in der Corporate Governance durchgeführt

und viele Strukturen an unsere Größe

angepasst. Ein Börsengang kann irgendwann

kommen und wäre dann ein positiver

Schritt für Zalando. Wir sind seit vier

Monaten eine AG und trotzdem noch nicht

an der Börse gelistet. Sie sehen, das ist kein

Automatismus – zumal wir planen, die

Rechtsform noch mal zu ändern.

Was haben Sie vor?

Ritter: Wir wollen Zalando im Sommer als

SE – also als europäische Aktiengesellschaft

– aufstellen. Im Rahmen der Umwandlung

werden dann auch Arbeitnehmervertreter

in den Zalando-Aufsichtsrat

einziehen.

Das hätten Sie auch über eine deutsche

Aktiengesellschaft umsetzen können. Was

bringt Ihnen die neue Rechtsform?

Ritter: Sie zeigt vor allem den europaweiten

Charakter unseres Unternehmens.

Über die Hälfte des Umsatzes erzielen wir

mittlerweile im Ausland. Zalando beschäftigt

Mitarbeiter aus über 50 Nationen.

Schneider: Und das internationale Geschäft

gewinnt weiter an Bedeutung. Jenseits

unserer Kernregion Deutschland, Österreich,

Schweiz ist der Umsatz 2013 um

mehr als 80 Prozent gestiegen.

Werden Sie 2014 in neue Länder

expandieren?

Gentz: Zunächst wollen wir die bestehenden

Märkte weiterentwickeln. Gerade in

Südeuropa sehen wir noch viel Wachstumspotenzial

für Zalando. Die Online-

Durchdringung und das generelle Vertrauen

in E-Commerce sind in Ländern wie Italien

einfach noch nicht so ausgeprägt wie

in den Niederlanden oder in der Schweiz.

Das macht Südeuropa für die kommenden

Jahre umso spannender für uns. In Skandinavien

haben wir gerade erst in 2012 die

Shops eröffnet, auch da sehen wir noch

großes Potenzial.

Erhöhter Stoffwechsel

Geschäftsentwicklung von Zalando

(Umsatz in Mio.Euro)

1760

6

150

2009 2010 2011 2012 2013

Quelle: Unternehmensangaben

»Umsätze fließen derzeit aus dem klassischen

Einzelhandel in den Online-Markt ab« David Schneider

510

1159

tung: Wir wachsen schneller als der

E-Commerce-Markt insgesamt und gewinnen

Marktanteile. Das ist unser Anspruch

für die kommenden Jahre, genauso wie wir

eine Verbesserung der Marge anstreben.

Vor allem die hohe Zahl der Retouren

kostet Sie Geld. Wie wollen Sie die

Rückschickrate senken?

Schneider: Ein Großteil der Retouren resultiert

ohnehin aus Auswahlbestellungen. Genauso

wie ich im Geschäft verschiedene Artikel

mit in die Umkleidekabine nehme, bestelle

ich online mehrere Produkte. Und so

wie im Handel niemand auf die Idee käme,

die Umkleidekabinen rauszureißen, werden

auch wir unser Modell nicht ändern.

Dass die Leute einzelne Artikel zurückschicken,

gehört zum Geschäftsmodell dazu.

Ritter: Dass es trotzdem funktioniert,

zeigen unsere Kernregionen. In den

deutschsprachigen Ländern schreiben

wir schwarze Zahlen, obwohl die Retourenrate

hier höher ist als in anderen Regionen

und bereits starker Wettbewerb

herrscht. Es spielen eben auch Skaleneffek-

Trotz der Auslandsexpansion lässt Ihr

Wachstumstempo insgesamt aber nach.

Ritter: Unser Umsatz stieg 2013 um mehr

als 600 Millionen Euro, das sind über 50

Prozent plus. Wie viele Unternehmen gibt

es in Europa, die ein ähnliches Wachstum

aufweisen können? Wir kommen aus einer

Phase, in der wir unsere Umsätze jedes

Jahr verdoppelt haben. Es war aber klar,

dass man das nicht auf ewig fortschreiben

kann, dafür haben wir mittlerweile eine zu

große Basis. Trotzdem stimmt die Richte

und Effizienzgewinne in der Logistik eine

Rolle, um ein profitables Geschäft zu

betreiben.

Ende 2018 laufen Ihre Vorstandsverträge

aus. Schreibt Zalando bis dahin Gewinne?

Ritter: Mal sehen. Natürlich wollen wir irgendwann

erreichen, dass sich die Aufbauarbeit

in Sachen Marke, Reichweite und

Logistik auszahlt. Aber es gibt keinen festgelegten

Zeitpunkt, zu dem die Gewinnschwelle

erreicht werden muss. Wenn wir

die Wahl haben zwischen kurzfristiger

Margenoptimierung und langfristigem

Wachstum durch zufriedene Kunden,

dann entscheiden wir uns im Zweifel für

Letzteres, damit Zalando in zehn Jahren

noch erfolgreicher ist.

Zalandos Wachstum bedeutet für viele

stationäre Händler drastische Umsatzeinbußen.

Haben die noch eine Chance?

Schneider: Umsätze fließen derzeit aus

dem klassischen Einzelhandel in den Online-Markt

ab. Aber diese Entwicklung findet

mit oder ohne Zalando statt. Die Vorteile

des Online-Shoppings liegen für die

Kunden einfach auf der Hand.

Ritter: Ich wünsche mir, dass auch der positive

Teil der Entwicklung gesehen wird:

Es gibt beim Kunden den Trend zum

E-Commerce. Da ist es doch besser, wenn

ein Berliner Unternehmen die Entwicklung

mitgestaltet und nicht den Online-Bereich

komplett dem Silicon Valley überlässt.

Wir haben mittlerweile mehr als 2000

Arbeitsplätze in Berlin geschaffen und zusätzlich

mehr als 3000 in der Logistik in

ganz Deutschland.

Schneider: Der klassische Handel steht vor

der Herausforderung, auf den Umbruch zu

reagieren, noch interessantere Angebote

für die Kunden zu finden und die Läden

mit Online-Angeboten zu verzahnen. Viele

unserer Markenpartner betreiben eigene

Läden, trotzdem arbeiten wir eng zusammen

und werden die Kooperationen noch

ausbauen.

In welchen Bereichen?

Schneider: Da ist vieles vorstellbar. Manche

Fashion-Artikel sind zum Beispiel offline

absolute Bestseller, laufen aber online

partout nicht. Das kann an Farben liegen,

die auf dem Bildschirm problematisch darzustellen

sind, oder an sehr formbetonten

Schnitten. Da könnten wir gemeinsam

Produkte entwickeln, die sich bei Zalando

gut verkaufen.

Wie viel Umsatz wird von den Mode- und

Schuhläden ins Netz abwandern?

Gentz: Ich wüsste nicht, warum der Online-Anteil

im Fashion-Bereich in den

48 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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kommenden Jahren nicht auf 30 Prozent

oder mehr steigen sollte. Der Markt ist aber

viel zu dynamisch für eine Prognose. Vor

fünf Jahren hätte auch niemand damit gerechnet,

wie schnell sich der Einkauf via

Smartphone entwickelt hat.

Der Hamburger Otto-Konzern will Ihnen

mit neuen Online-Shops Kunden abjagen

und hat den Einkauf via Handy zur Chefsache

erklärt. Müssen Sie jetzt reagieren?

Ritter: Die Frage ist, wer hier auf wen reagiert.

E-Commerce bedeutet Wettbewerb,

und es gibt jeden Tag neue Mitspieler, das

ist nichts Neues.

Wie wichtig ist das Mobile-Thema für Sie?

Gentz: 35 Prozent aller Kunden besuchen

den Shop über Tablets und Smartphones.

Wir haben ein interessantes Kundenverhalten

beobachtet: Morgens auf dem

Weg zur Arbeit oder zur Schule erreichen

uns viele Kunden via Smartphones, mittags

über die klassischen Desktop-Computer,

die in den Büros stehen, und abends kommen

viele über ihre Tablets. Bei den Kaufabschlüssen

liegen die Tablets gleichauf

mit den Desktop-Rechnern. Bisher ist unser

Mobile-Konzept noch stark auf den

klassischen Online-Shop ausgerichtet.

»Ein Börsengang kann

irgendwann kommen

und wäre dann ein

positiver Schritt für

Zalando«

Rubin Ritter

Demnächst wird es aber eine Menge cooler

Zusatzfunktionen geben.

Woran denken Sie?

Gentz: Es sind ganz andere, auch individuellere

Shoppingtools denkbar. Ähnlich wie

es Handy-Apps gibt, die Radiosongs erkennen,

arbeiten wir an einer App-Lösung, um

Kleidungsstücke aus Fotos zu erkennen.

Wenn Sie in der U-Bahn sitzen, und Ihnen

gefallen die Schuhe Ihres Gegenüber,

reicht ein kurzer Scan mit dem Handy, und

Zalando verrät ihnen, um welches Schuhmodell

es sich handelt – und bietet natürlich

den Kauf an. Und dann ist da noch das

Projekt Shades of Grey.

Sie meinen die Sado-Maso-Buchreihe?

Verkauft Zalando jetzt Sex-Bestseller?

Gentz: Nein, das natürlich nicht. Aber mit

diesem Projekt werden wir zu jedem genauen

Farbton eines Kleidungsstücks die passenden

Zusatzprodukte anzeigen können.

Wann werden Sie die Anwendung starten?

Gentz: Wir sind schon mitten in der Entwicklung,

und in ein paar Monate werden

unsere Kunden Resultate sehen. Zudem

werden wir unseren Kunden demnächst

exaktere Informationen zu Lieferzeiten anbieten.

Die meisten Kunden wollen möglichst

genau wissen, wann ihr Paket eintrifft.

Es wird vor allem im Ausland auch

Expresszustellungen geben, und wir werden

bei Retouren das Geld schneller an die

Kunden zurückerstatten.

In der Startup-Szene wird Zalandos Technologie-

und Wachstumskurs oft als Vorbild

gesehen. Sehen Sie sich auch so?

Schneider: Wir sind die Letzten, die sich zu

Vorbildern stilisieren wollen. Aber natürlich

ist die Entwicklung von Zalando auch

gute Werbung für den Startup-Standort

Berlin. Auch hier können ein paar Studenten

in einer WG ein Unternehmen gründen,

und ein paar Jahre später macht dieses

Milliardenumsätze in ganz Europa. n

henryk.hielscher@wiwo.de, michael kroker

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Unternehmen&Märkte

Die Zerreißprobe

DEUTSCHE BANK | Für den möglichen Strafprozess in München in

Sachen Kirch-Pleite werden bereits Sündenböcke ausgeguckt.

In „Münchens prickelndstem Prozess“,

wie die Lokalpresse ihn taufte, leitete

Christiane Serini vor einigen Jahren die

Anklage gegen die „Champagner-Bande“.

Die hatte gestohlene Edel-Schaumweine

und Schnäpse an Nachtlokale, Discos und

Bordelle verhökert. Weniger prickelnd,

aber dafür weit über München hinaus von

Interesse ist der aktuelle Fall der resoluten

Oberstaatsanwältin: Sie steht womöglich

bald im Prozess Top-Managern der Deutschen

Bank gegenüber. Darauf deuten jedenfalls

die jüngsten, von Serini angeordneten

Durchsuchungen in Räumen der

Bank, der Kanzlei Hengeler Mueller und

dem privaten Wohnsitz eines Bankers hin.

Haben Manager der größten deutschen

Bank und ihre Anwälte versucht, den Prozess

um Schadensersatz für die Pleite des

Medienunternehmers Leo Kirch 2002

durch falsche Aussagen zu ihren Gunsten

zu beeinflussen? Mehr denn je droht ein

Strafprozess gegen frühere und aktuelle

Spitzenbanker – und eine Zerreißprobe

zwischen ihnen. Denn für den möglichen

Prozess zeichnet sich bereits eine Strategie

der Schuldzuweisungen ab. Wie Insider

Die Wahrheit und nichts

als die Wahrheit?

Deutschbanker Fitschen

(links) und Vorvorgänger

Breuer (rechts) beim

Kirch-Prozess 2011

berichten, dürfte Ex-Bankchef Rolf Breuer

zum Sündenbock gemacht werden ebenso

wie Hengeler Mueller, deren Anwälte die

Bank in der Kirch-Sache vertreten hatte.

Insgesamt laufen in München inzwischen

vier Verfahren wegen versuchten

schweren Prozessbetrugs. Die Staatsanwaltschaft

bestätigt nur, dass die Ex-Bankchefs

Breuer, Josef Ackermann sowie der

amtierende Co-Vorstandsvorsitzende Jürgen

Fitschen Beschuldigte sind. Ermittlungen

richten sich auch gegen die früheren

Vorstände Clemens Börsig und Tessen von

Heydebreck, den amtierenden Rechtsvorstand

Stephan Leithner, den früheren Top-

Investmentbanker Michael Cohrs, den als

Zeuge aufgetretenen Ex-Bertelsmann-

Chef Thomas Middelhoff sowie aktuelle

und frühere Mitarbeiter der Rechtsabteilung

der Bank und drei Anwälte.

Ackermann und Co. hatten anders als

Fitschen klar bestritten, dass die Bank ein

Mandat von Kirch wollte. Sie könnten nun

allerdings versuchen, die Schuld allein bei

Breuer abzuladen. Schon bei seiner Aussage

im Sommer 2011 hatte Ackermann sich

deutlich von seinem Amtsvorgänger distanziert

und nahegelegt, dass dieser auf eigene

Faust mit Kirch ins Geschäft kommen

wollte und der übrige Vorstand nichts davon

wusste. Das könnte zumindest teilweise

als Entschuldigung gelten.

Neben Breuer rückt auch die Kanzlei

Hengeler Mueller als vermeintlich Verantwortlicher

stärker in den Fokus. Die hatte

das Kreditinstitut von Beginn an in dem

Verfahren begleitet und stets die Meinung

vertreten, dass es nicht zahlen müsse. So

weist das Umfeld der Banker darauf hin,

dass die Anwälte den vollen Sachverhalt

gekannt und sich die Banker eben auf ihre

Einschätzung verlassen hätten.

Die Vorwürfe aus München gehen noch

weiter. Hengeler-Anwälte sollen die Banker

auf ihre Falschaussagen vorbereitet und

diese im Wissen um deren Unrichtigkeit an

das Gericht weitergeleitet haben.

HEIKLER FALL FITSCHEN

Und einen Widerspruch gibt es zu klären.

So haben die Rechtsberater die Aussage

des damals bei der Bank für Medien zuständigen

Investmentbankers bei Gericht

eingereicht, man habe kein Beratungsmandat

von Kirch gewollt. Bei einer späteren

Vernehmung durch die Staatsanwälte

sagte der Mann jedoch das Gegenteil.

In Justizkreisen gilt es als wahrscheinlich,

dass sich das Verfahren zuerst auf

Ackermann, Börsig, Breuer und von Heydebreck

konzentriert. Und auf Fitschen.

Für ihn ist der Prozess besonders heikel.

Ihm droht nicht nur eine Verurteilung,

sondern auch Ärger mit der Finanzaufsicht

BaFin. Die hat sich bereits Einblick in die

umfangreichen Unterlagen der Münchner

Staatsanwaltschaft beschafft. Fitschens Zuverlässigkeit

als Bankchef wird sie aber

wohl nur infrage stellen, wenn im Verfahren

Zweifel daran aufkommen sollten. In

Fitschens Umfeld heißt es, dass er auch bei

einem Prozess im Amt bleiben werde.

Sein Umfeld weist auch darauf hin, dass

er sich im Kirch-Prozess weniger eindeutig

geäußert hat als seine früheren Kollegen.

Tatsächlich wirft ihm die Staatsanwaltschaft

vor allem vor, dass er die auch von

der Bank intern schon als unrichtig erkannten

Aussagen anderer Vorstände Ende

2012 nicht korrigiert habe.

Die Ermittlungen könnten noch weitere

Kreise ziehen. So vermuten Beteiligte, dass

die Rolle der Verlegerin Friede Springer, die

ebenfalls als Zeugin ausgesagt hatte, noch

näher beleuchtet werden könnte. Ein Ermittlungsverfahren

gibt es bisher nicht. n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: REUTERS/MICHAEL DALDER

50 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: MAURITIUS IMAGES

Fünf tiefe Schnitte

AIR BERLIN | Die Scheich-Airline Etihad dürfte ihre marode

deutsche Tochter verkleinern und deren Anleger ausbooten.

Die künftige Arbeitsteilung ihrer Fluglinien

haben Etihad-Chef James Hogan

und Air-Berlin-Boss Wolfgang

Prock-Schauer schon im Januar vorgestellt,

lange vor den aktuellen Übernahmegerüchten:

in Form eines Airbus in den Farben

beider Airlines. Die Triebwerke waren

rot wie Air Berlin. Das Heck, das die Richtung

des Flugzeuges steuert, trug das Logo

der Staatslinie aus dem Emirat Abu Dhabi.

Diesen Anspruch will Hogan nun auf die

ganze Air Berlin übertragen und dort möglichst

bald die Macht übernehmen. Etihad

will laut Insidern die Linie von der Börse

nehmen, die Kleinaktionäre abfinden und

zusammen mit wohlgesonnenen deutschen

Investoren die Führung übernehmen.

„Dieser Umbau wird Air Berlin von

Grund auf verändern“, sagt ein Insider.

„Die Linie wird saniert, geschrumpft und

zu einer Abteilung im Etihad-Konzern –

nur der Name bleibt noch, vorläufig.“

SCHLANKERE VERWALTUNG

Offiziell steht der Umbauplan noch nicht

fest. „Doch die Richtung ist klar: Alles, was

den Etihad-Verbund zur Weltmarke macht,

wird gestärkt. Der Rest bleibt nur, wenn er

Geld bringt“, sagt der Insider.

Aus Sicht von Kennern umfasst die Liste

von Etihad-Chef Hogan fünf Blöcke und

beginnt beim Management. Das Gerücht,

Air-Berlin-Chef Prock-Schauer werde ersetzt,

will niemand bestätigen. „Dafür dürfte

vom Rest des oberen Dutzends gut die

Hälfte gehen müssen“, so ein Kenner.

Zweiter Schritt ist die Beschneidung des

Flugnetzes. Bleiben sollen Routen für Geschäftsreisende

sowie Zubringer für Etihad

und die Air-Berlin-Drehkreuze Berlin und

Düsseldorf. Dazu könnte Air Berlin auch in

Frankfurt aktiv werden. „Da gibt es Platz

und Kunden, die gut zahlen“, heißt es hinter

den Kulissen. Gekürzt werden dagegen Urlaubsflüge

für Veranstalter, vor allem ans

Mittelmeer. Eine Ausnahme sind Strecken,

auf denen wie nach Mallorca viele Individualreisenden

fliegen. „Die bringen im

Schnitt deutlich höhere Preise“, sagt ein Insider.

Zudem bräuchten Etihad und Air Berlin

die Strecke, um ein attraktives Angebot

zum Einlösen von Bonus-Meilen zu haben.

In der Minderheit

Etihad undBeteiligungen an Airlines

Anteil Etihad

Etihad (Abu Dhabi)

Umsatz in Mrd. Euro

100% 4,0

Air Berlin (Deutschland)

29% 4,3

Alitalia* (Italien)

40% 3,6

Virgin Australia (Australien)

20% 2,9

Jet Airways (Indien)

24% 2,1

Aer Lingus (Irland)

3% 1,4

Air Serbia (Serbien)

49% 0,2

Air Seychelles (Seychellen)

40% 0,1

Etihad Regional (Schweiz)

33% 0,1

*Einstieg geplant;

Quelle: Unternehmensangaben, teilweise geschätzt

Strenge Konzernmutter

Airbus von Etihad

Dritter Ansatzpunkt ist eine schlankere

Verwaltung. Dafür soll der Abbau teurer

Doppelstrukturen sorgen, die etwa bei der

ehemaligen LTU auch fast acht Jahre nach

der Übernahme noch existieren.

Vierte Veränderung ist eine tiefere Einbindung

in Etihad und deren Töchter in aller

Welt (siehe Grafik). „Dabei kann Air

Berlin ruhig Verlust machen, wenn der Gewinn

der Gruppe größer ausfällt“, so ein Insider.

Dazu will Hogan vieles zusammenlegen

sowie zentral aus Abu Dhabi steuern,

etwa die Wartung, das Vielfliegerprogramm

oder den Einkauf von Flugzeugen.

Fünfter Punkt auf Hogans Liste ist angeblich

die Herauslösung von Air Berlin

aus dem bisherigen Allianzsystem Oneworld

um British Airways, American Airlines

und den Lokalrivalen Qatar Airways.

Stattdessen ist offenbar die Annäherung an

Skyteam um Air France-KLM geplant.

ZUUNGUNSTEN DER AKTIONÄRE

Mit größerem Widerstand rechnet keiner

bei Etihad. Die Minderheitsaktionäre, die

rund 38,5 Prozent der Aktien halten, haben

wenig zu melden. Ein reguläres und für sie

lukratives Übernahmeangebot, das fällig

wäre, sobald Etihad über 30 Prozent der

Stimmrechte kontrolliert (aktuell: 29,21

Prozent), können die Araber ihnen nicht

machen. Sie bekämen sonst sicher über 50

Prozent der Aktien angeboten. Damit verlöre

Air Berlin wertvolle Landerechte und

müsste Unternehmens- und Wandelanleihen

bis zu rund 720 Millionen Euro zurückbezahlen,

wenn Anleger dies wünschten,

weil der Eigentümer wechselt.

Um dies zu verhindern, muss Etihad Air

Berlin beherrschen, ohne die Aktienmehrheit

zu übernehmen. Da könnte ein Kurswechsel

der Rechtsprechung helfen, der

faktisch das „Ausbooten von Minderheitsaktionären“

ermöglicht, sagt Peter Dreier,

Partner von Dreier Riedel Rechtsanwälte in

Düsseldorf. Denn Ende November entschied

der Bundesgerichtshof, dass ein Unternehmen

von der Börse genommen werden

kann, ohne dass die Hauptversammlung

zustimmen muss und die Aktionäre

ein Übernahmeangebot erhalten müssen

(siehe Seite 100). Droht dies bei Air Berlin,

dürfte dies viele Aktionäre zum schnellen

Verkauf zwingen und den Kurs drücken.

Keine Möglichkeiten, den Umbau zu verhindern,

haben die Belegschaft oder die

Politik. „Wenn Etihad jetzt nicht mit viel

Geld reingeht, droht uns das Aus“, schwant

einem Air-Berlin-Manager.

n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, hauke reimer | Frankfurt

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 51

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Unternehmen&Märkte

Der Unboykottierbare

GAZPROM | Der russische Energieriese besitzt eine Marktstellung in Deutschland, gegen die niemand

so schnell ankommt. Doch Ineffizienz, strategische Schlafmützigkeit und die EU dürften den Konzern

langfristig um seine Pfründen bringen.

Wie mächtig Gazprom ist, führt der

weltgrößte Gasförderer Besuchern

gern vor, indem er sie in seinem

Kontrollraum empfängt. So groß wie

ein Theater ist die Leitwarte im zweiten der

35 Stockwerke der Konzernzentrale in

Moskau. Auf meterlangen Monitoren und

Anzeigentafeln leuchten unzählige Linien:

dicke, die die großen Pipelines des Energieriesen

markieren; dünne, die das Gas

nach Europa transportieren, in die Ukraine,

nach Bayern, ins Rheinland oder in die

Niederlande.

Über den Linien und über den Köpfen

der Gazprom-Mitarbeiter herrscht Ruh,

fast Langweile. Und doch spürt der Besucher:

Wer hier sitzt, der könnte, so Russlands

Präsident Wladimir Putin dies wollte,

Europa mit links vom Gas abklemmen,

praktisch per Mausklick.

Der imposante Schaltraum in der Nametkina-Straße

16, eine Viertel Autostunde

vom Kreml entfernt – ein Inbegriff der Unbezwingbarkeit

und schieren Stärke? Oder

eher nur Inszenierung und Show, um von

der inneren Verfassung eines kränkelnden

Riesen und seinen verborgenen Schwächen

abzulenken? Für den Energiegiganten

mit knapp 120 Milliarden Euro Umsatz

(2012) und 417 000 Mitarbeitern, der seit

der Krim-Krise zum Angstfaktor Westeuropas

geworden ist, gilt beides.

Auf der einen Seite hat sich der Noch-

Monopolist in Russland eine Marktposition

in der EU und in Deutschland erobert,

die es den Regierungen nicht erlaubt, bei

einer Eskalation der Krise Wirtschaftssanktionen

auf Gazprom auszuweiten.

KURZFRISTIG NICHT ZU ERSETZEN

Energieexpertin Kirsten Westphal von der

Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in

Berlin rät davon dringend ab: „Kurzfristig ist

die EU nicht in der Lage, die Importmengen

aus Russland zu ersetzen.“ E.On-Chef Johannes

Teyssen, dem größten Gazprom-

Kunden in Europa, bleibt deshalb nur, das

Prinzip Hoffnung zu beschwören: „Die Geschäftsbeziehungen

sind auch in den Jahren

des Kalten Krieges konstant gut geblieben.“

Auf der anderen Seite kaschiert die

Machtdemonstration in der Schaltzentrale,

dass die gegenwärtige Dominanz von Gazprom

in Deutschland und Westeuropa vergänglich

ist. Denn mittelfristig droht Gaz-

Brüder im Geiste Konzernchef Miller und Präsident

Putin (rechts) in der Gazprom-Zentrale

prom an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren:

Ineffizienz, Bürokratie und Korruption

sorgen dafür, dass der Konzern schon seit

Jahren daran scheitert, ein moderner Energiekonzern

zu werden, der sich rasch

Marktveränderungen anpasst.

Die Strategie von Gazprom sei eine

„Schande für Russland“, sagt Wladimir Milow,

der Anfang des Jahrtausends unter Putin

Vize-Minister im Energieministerium

war und jetzt in Moskau ein Institut für

Energiepolitik leitet. Der Konzern habe „alle

Trends der globalen Energiewirtschaft

verschlafen“ und sei „der letzte Dinosaurier“

am Markt.

Statt etwa auf Flüssiggas zu setzen oder

den Wettbewerb durch Schiefergas ernst

zu nehmen, lasse Gazprom zu, dass sich

einflussreiche Russen mithilfe des Unternehmens

bereichern. „Die größten Gewinne

machen Tochterfirmen von Gazprom,

die Bauprojekte abwickeln und an denen

persönliche Freunde der Machthaber beteiligt

sind“, sagt Milow. Inzwischen sei

Gazprom durch Vetternwirtschaft so ineffizient,

dass der kurze russische Abschnitt

der Ostsee-Pipeline Nord Stream teurer

wurde als die Verlegung der eigentlichen

Pipeline am Meeresboden.

Zenith überschritten

Umsatz,Nettogewinn undErdgasförderungvon

Gazprom

200

150

100

50

Erdgas

(inMilliarden

Kubikmetern)

Umsatz

(inMilliarden

Dollar)

Gewinn(in Milliarden Dollar)

0

04 05 06 07 08 09 10 11 12

Quelle:Gazprom

550

525

500

475

450

FOTOS: AFP/GETTY IMAGES/ALEXANDER NEMENOV; REUTERS/DENIS SINYAKOV

52 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Gazprom selbst bestreitet die Vorwürfe

und begründet die hohen Kosten mit der

Kompressorstation, die auf russischem Boden

für die Verschickung des Gases habe

errichtet werden müssen.

Ungemach droht Gazprom derzeit auch

von der EU, die ein Verfahren wegen Missbrauchs

einer marktbeherrschenden Stellung

eröffnet hat. Zwar gibt sich EU-Energiekommissar

Günther Oettinger diplomatisch.

„Wir werden das Wettbewerbsrecht

nicht missbrauchen“, sagte er gegenüber

der WirtschaftsWoche. „Aber das Verfahren

dient sicherlich der Autorität der EU. Es

wurde eröffnet, weil es Klagen gab. Jetzt

sind die Experten dran. Die haben keine

politischen Vorgaben.“

Gleichwohl muss Gazprom fürchten, im

Extremfall bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes

als Strafe bezahlen zu müssen.

Bis zum Sommer rechnet Oettinger mit einem

Ergebnis: „Das ist ein Verfahren, das

Priorität hat.“ Von Gazprom kommt dazu

eher eine lakonische Stellungnahme: Das

Verfahren sei politisch motiviert.

Welche Macht Gazprom in Europa besitzt,

drang der breiten Öffentlichkeit bisher

nur wenig ins Bewusstsein. Allenfalls

die Spieler des Fußballbundesligaclubs

Schalke 04 verhalfen dem Konzern mithilfe

seines Namens auf den Trikots zu einer gewissen

Bekanntheit. Was sich hinter dem

blauen Logo mit der Gasflamme verbirgt,

ist den meisten aber verborgen.

Und das ist Gewaltiges. Gazprom ist auf

bestem Weg, Europa von allen Seiten her

mit seinem Gas zu überschwemmen. Bald

werden es gleich zwei große Pipelines sein,

die in Westeuropa enden und die Unternehmen

mit Russengas beglücken – zusätzlich

zu dem Gewirr der Gasleitungen,

die zurzeit über die Ukraine, die Slowakei,

Tschechien bis zur bayrischen Gasverteilungsstelle

in Waidhaus führen.

Die erste der beiden Röhren war die

Ostsee-Pipeline Nord Stream, die 2012 in

Betrieb ging und unter Umgehung von Polen

bis nach Lubmin in Vorpommern

führt, von wo aus das Gas in die Industriezentren

Westeuropas fließt. Nun kommt

von Südrussland die South-Stream-Pipeline

hinzu. Im vergangenen Jahr war Baubeginn

in Anapa, einem russischen Küstenort

am Schwarzen Meer, nördlich der

Winter-Olympia-Stadt Sotschi. Von 2016

an soll das Gas von Gazprom-Förderstätten

durch das Schwarze Meer nach Bulgarien

fließen.

EINGEBUNDENE WESTKONZERNE

South Stream wird die Marktposition von

Gazprom in Europa deutlich stärken, und

das aus zwei Gründen. Erstens werden von

Bulgarien aus Abzweigungen nach Italien

und Österreich bis nach Deutschland gebaut.

Das Investitionsvolumen beträgt 25

Milliarden Euro. Nach Fertigstellung sollen

durch die Pipeline jährlich 63 Milliarden

Kubikmeter Erdgas fließen, die Hälfte des

heutigen deutschen Jahresverbrauchs.

Zweitens bindet Gazprom mit den zangenförmigen

Pipelines durch die Ostsee

und durch das Schwarze Meer gleich

mehrere westeuropäische Energiekonzerne

an sich. Bei Nord Stream hat der Gigant,

mit 51 Prozent größter und beherrschender

Anteilseigner, vier Unternehmen aus

der EU ins Boot geholt: die beiden deutschen

Versorger E.On und Wintershall,

eine Tochter des BASF-Konzerns, die jeweils

15,5 Prozent der Anteile besitzen.

Hinzu kommen der holländische Konzern

Gasunie und der französische Wettbewerber

GDF Suez (je neun Prozent).

HERR ÜBER DEUTSCHES GASLAGER

Ähnlich gut ist es Gazprom bei der künftigen

South-Stream-Pipeline (Anteil: 50 Prozent)

gelungen, namhafte europäische

Großunternehmen wirtschaftlich einzubinden.

So haben sich Italiens Energieriese

Eni mit 20 Prozent sowie der staatlich dominierte

französische Energiekonzern EDF

und die BASF-Tochter Wintershall zu je 15

Prozent an der Röhre gen Südeuropa beteiligt.

Damit dürften die Westkonzerne interessiert

sein, Gazprom anderen Gaslieferanten

vorzuziehen, sollten die gemeinsam

betriebenen Pipelines nicht ausgelastet

sein.

Verstärkt wird die Macht von Gazprom

durch bilaterale Verträge, mit denen sich

der Konzern in Westeuropa unentbehrlich

zu machen versucht. So äußerte sich Christophe

de Margerie, Chef des französischen

Mineralölkonzerns Total, im Wirtschafts-

Woche-Interview (16/2013) stolz über einen

Deal mit Gazprom. De Margerie hat

sich 2011 zu 15 Prozent an dem nordsibirischen

Jamal-Erdgasfeld beteiligt, das bis

dahin Gazprom allein gehörte. Nun will er

von Gazprom ein weiteres Gasfeld kaufen.

Besonders gierig auf russisches Gas sind

die Holländer. Als Putin einen Staatsbe-

»

Eiskaltes Kalkül

Mit seinen

Pipelines bindet

Gazprom Westkonzerne

an sich

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 53

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Unternehmen&Märkte

»

such abstattete, sprach er auch mit dem

Management von Gasunie, dem größten

Gasversorger der Niederlande. Dessen

Chef Paul van Gelder interessierte sich für

weitere Pipeline-Stränge von Nord Stream

und drängte den Russen, Gasunie als

zweitgrößten Aktionär in eine weitere Betreibergesellschaft

mit aufzunehmen.

Der wohl größte Coup in jüngster Vergangenheit

gelang Gazprom-Chef Alexej

Miller im Sommer vergangenen Jahres mit

der BASF-Tochter Wintershall. An deren

Gas-Pipeline-Betreiber Wingas hielt Gazprom

bisher 50 Prozent der Anteile. In den

nächsten Wochen übernimmt Gazprom

die übrigen 50 Prozent – mit weitreichenden

Folgen. Denn durch den Deal verleibt

sich Gazprom einen großen Teil der deutschen

Erdgas-Infrastruktur ein. Zu der gehört

der größte westeuropäische Erdgasspeicher

im niedersächsischen Rheden

südlich von Bremen. Inmitten der Krim-

Krise greift Gazprom damit nach der Herrschaft

über einen großen Teil der deutschen

Gasvorräte, die eigentlich dazu dienen

sollen, ausbleibende Lieferungen etwa

von Gazprom eine Zeit lang aufzufangen.

AM GÄNGELBAND PUTINS

Zu den wirtschaftlichen Banden, die Gazprom

bis zuletzt in Westeuropa knüpfte,

kommen die persönlichen. Aufsichtsratschef

der Ostsee-Pipeline-Gesellschaft

Nord Stream ist Altkanzler Gerhard Schröder

(SPD), der als Putin-Freund gilt und

sich auffällig zurückhält mit Kritik an dem

Krim-Vorstoß. In ähnlicher Mission ist der

frühere Hamburger Bürgermeister Henning

Voscherau (SPD) als Aufsichtsratschef

von South Stream unterwegs.

Teure Rohre

Statt in neue

Gasfelder steckt

Gazprom zu viel

Geld in Pipelines

Aktien-Info Gazprom

ISINUS3682872078

115

105

95

85

75

65

ExxonMobil

Umsatz (in Mio. Euro)

Ebit (in Mio. Euro)

Mitarbeiter (zum 31.12.14)

Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalrendite (in %)

Gasförderung (in Mrd. Kubikmeter)

Nettoverschuldung

KGV

Börsenwert (in Mio. Euro)

Kurs (Stand 26. März) in US$

Quelle:Bloomberg,Unternehmensangaben

Indexiert: seit 1Jahr (=100)

Gazprom

2013 2014

Gazprom Exxon

119421

32233

417000

24,8

14,4

487

26490

2,79

64501

7,523 (ADR)

326141

38817

75000

10,7

19,17

127

1515

12,65

297194

91,91

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Gazprom-Aktien sind aufden ersten Blick erstaunlich

billig, doch dieGewinnaussichten sind vage und

hängen wesentlich vonder politischenGroßwetterlage

ab.Mit kleinemEinsatz isteineSpekulation

möglich,Stoppkursgegen Rückschläge etwa 15

Prozentunter Einstand zu empfehlen.

Fast scheint es, als wären Europa und vor

allem Deutschland damit für immer Gazprom

ausgeliefert. Immerhin stammen fast

40 Prozent der hiesigen Erdgasimporte von

dem Moskauer Giganten, in der EU sind es

immerhin 15 Prozent. Doch dieser Eindruck

täuscht. Langfristig läuft viel, wenn

nicht zu viel gegen den Kraftprotz von der

Moskwa. Trotz aller Kraft nach außen ist

das Selbstverständnis des russischen Riesen

antiquiert. Nicht das Verständnis für

den Wettbewerb in der freien Marktwirtschaft

scheint die Leitlinie des Gazprom-

Managements zu sein, sondern trotz aller

gegenteiliger Beteuerungen der Wille des

Kremls. „Wichtige Entscheidungen werden

nicht in der Zentrale von Gazprom getroffen“,

sagt ein Insider, „sondern im Kabinett

von Putin.“

Das gilt etwa für die Frage, welche Nachbarländer

wie viel bezahlen müssen. In

Weißrussland etwa, wo mit Alexander Lukaschenko

ein Diktator nach Putins Pfeife

tanzt, kostet das Gas halb so viel wie in der

Ukraine. Dort hat Gazprom zwar großzügige

Rabatte eingeräumt, als im November

Präsident Wiktor Janukowitsch die EU-Annäherung

auf Eis legte. Als er vor dem Protest

auf dem Maidan-Platz in Kiew im Februar

kapitulierte und nach Russland floh,

erhöhte Gazprom prompt die Preise für

den nun abtrünnigen Nachbarn vom 1.

April an – und pocht auf die Rückzahlung

von zwei Milliarden Dollar Schulden.

Die Folgen einer solchen Geschäftspolitik

dürften Gazprom auf Dauer mehr schaden,

als die Marktmacht im Westen dem

Konzern hilft. „Wir ärgern uns über den

Einfluss der Politik“, sagt ein Insider, „denn

sie kann unser Image als zuverlässiger Lieferant

gefährden.“

Nicht nur hierin zeigt sich, dass Gazprom

offenkundig über weite Strecken jenes

Ministerium aus Sowjetzeiten geblieben

ist, aus dem der Konzern Anfang der

Neunzigerjahre hervorgegangen war. „Gewinne

aus dem Gasexport täuschen darüber

hinweg, dass Gazprom vor schwierigen

politischen, ökonomischen und strategischen

Problemen steht“, meint der Moskauer

Energieexperte Michail Krutichin. Er

meint damit vor allem die Trägheit des

Gazprom-Managements, sich auf einen

möglichen Weltmarkt für Gas einzustellen,

der die Macht der Pipelines infrage stellt.

In dieser Hinsicht ist das Geschäftsmodell

von Gazprom auf Dauer kaum zukunftsfähig.

Noch immer liefert Gazprom

seinen wertvollen Rohstoff zum festen

Preis per Pipeline und verlangt von seinen

Kunden eine Mindestabnahme, egal, ob sie

das Gas zu diesen Konditionen verkaufen

können, etwa weil Flüssiggas den Marktpreis

nach unten drückt. Mit dieser sogenannten

Take-or-Pay-Klausel knebelte der

Gasriese Abnehmer wie E.On und RWE per

Langfristverträgen. Gazprom rechtfertigt

dies mit Kosten für die Infrastruktur, wobei

eine halbe Million Pipeline-Kilometer

FOTO: DDP IMAGES/JÖRG SARBACH

54 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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schon seit Sowjetzeiten existiert und längst

abgeschrieben ist.

Lange wird Gazprom eine solche Geschäftspolitik

nicht durchhalten. Denn die

Gasfelder, aus denen das Gas nach

Deutschland fließt, neigen sich dem Ende

zu. Doch statt Geld in die Förderung neuer

Vorkommen zu pumpen, hat Konzernchef

Miller das Investitionsbudget 2013 von 40

auf rund 30 Milliarden Dollar reduziert

und kürzlich nur leicht angehoben. Lieber

pflegt der Putin-Freund alternde Pipelines

und verlegt neue, als dass er mehr Geld in

künftige Gasfelder steckt.

Ähnlich viele Fragezeichen machen Experten

hinter dem Versuch, nach China zu

expandieren. Dabei scheint der Energiehunger

im Reich der Mitte schier unerschöpflich,

und die Gasfelder in Sibirien liegen

näher als Europa. Zwar spuckt Konzernchef

Miller große Töne. Ein 30 Jahre

laufender Vertrag mit China sei „praktisch

fertig“, rapportierte er an den russischen Regierungschef

Dmitri Medwedew. Zunächst

werde Gazprom jährlich 38 Milliarden Kubikmeter

aus Ostsibirien nach China liefern.

„Mittelfristig können unsere Lieferungen

nach Asien Ausmaße erreichen, die mit

der Liefermenge nach Europa vergleichbar

sind.“ Das war an jenem Tag, als Brüssel die

Liste mit Russen beriet, gegen die Einreiseverbote

verhängt werden sollen.

GERÜCHTE UM CHEFWECHSEL

In Wahrheit gibt es bis heute zwischen

Moskau und Peking keinen Liefervertrag,

sondern lediglich eine Absichtserklärung.

Chinesen und Russen sind sich über den

Preis uneinig. Wie die WirtschaftsWoche

aus dem Umfeld des Konzerns erfuhr, hat

Gazprom-Chef Miller versucht, Peking auf

Vorauszahlungen für Gaslieferungen festzunageln,

um damit den Pipeline-Bau zu

finanzieren. „Als die Chinesen hörten, dass

der Bau sechs Jahre dauern würde, winkten

sie ab“, so der Insider.

In der Gazprom-Zentrale in der Nametkina-Straße

wird deshalb bereits über eine

mögliche Absetzung von Konzernchef Miller

spekuliert. Als Nachfolger werden zwei

ausgesprochene Promis unter Putins Vertrauten

gehandelt. Der eine ist der Ex-Wirtschaftsminister

und heutige Chef des landesweit

größten Kreditinstituts, der staatlichen

Sberbank, German Gref, der andere

gar Premierminister Dmitri Medwedew.

Ausgewiesene Kenner marktwirtschaftlichen

Managements sehen anders aus. n

florian.willershausen@wiwo.de,

andreas wildhagen

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 55

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Unternehmen&Märkte

DER AUFRÄUMER

Joussen, 50, hat Elektrotechnik

in Aachen studiert.

1988 ging er zu Mannesmann,

zwei Jahre später zur

neuen Mobilfunksparte D2.

Nach der Mannesmann-

Übernahme durch Vodafone

wurde er Leiter des weltweiten

Produktmanagements

in der Zentrale in England.

2005 wurde Joussen Chef

von Vodafone Deutschland.

Im Oktober 2012 wechselte

er zur TUI, seit Februar

2013 leitet er Europas größten

Reisekonzern.

»Unter dem

Strich blieb zu

wenig übrig«

INTERVIEW | Friedrich Joussen Der TUI-Chef hat

beim größten europäischen Reisekonzern mit

einer Kernsanierung begonnen: Er will bei

den Marken aufräumen, Synergien zwischen

den Bereichen heben und die Digitalisierung

des Geschäfts vorantreiben.

FOTO: GÖTZ SCHLESER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

56 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Herr Joussen, im Februar haben Sie für

das Geschäftsjahr 2013/14 ein Wachstum

von zwei bis vier Prozent prognostiziert.

Inzwischen gibt es den Konflikt mit Russland,

außerdem die Reisewarnung des

Auswärtigen Amtes für Ägypten. Wann

korrigieren Sie Ihre Prognose?

Vorerst sehe ich dazu keinen Anlass. Natürlich

bereiten mir die beiden Konflikte Sorgen,

aber unsere Branche ist wesentlich robuster,

als man das im Allgemeinen vermuten

würde. Ich will allerdings nicht verschweigen,

dass ich Ihre Frage bis vor Kurzem

noch zögerlicher beantwortet hätte.

Was ist der Grund für den Sinneswandel?

Ich bin in meinem ersten Jahr bei der TUI

viel herumgereist, habe mit Mitarbeitern,

Kunden und Investoren gesprochen. Von

den Investoren wollte ich vor allem wissen,

warum unser Unternehmen so vorsichtig

bewertet wird und unser Kredit-Rating

nicht besser ist. Ich musste feststellen, dass

die Investoren mehrheitlich der Ansicht

waren, unser Geschäft sei sehr anfällig für

Naturkatastrophen und politische Krisen

und damit sehr volatil. Damals konnte ich

diese Einschätzung nachvollziehen. Nach

gut einem Jahr Erfahrung in der Touristik

glaube ich aber, dass wir nicht so anfällig

sind, wie es scheint. Die Branche ist mittelständisch

geprägt, sie entscheidet extrem

schnell. Wenn irgendwo Probleme auftauchen,

werden die Kapazitäten flexibel angepasst,

sodass sich die wirtschaftlichen

Auswirkungen in Grenzen halten.

Aber dass die Lage in Ägypten sich negativ

auf die deutschen Reiseveranstalter

auswirkt, können Sie schlecht bestreiten.

Das will ich auch gar nicht. Aber die Auswirkungen

für uns sind längst nicht so gravierend,

wie das mediale Echo auf die Reisewarnung

vermuten lässt. Vor Beginn der

Unruhen flogen in den Wintermonaten

rund neun Prozent unserer Kunden nach

Ägypten. Heute hat sich das halbiert. Aber

auf unsere Margen hat das nur begrenzten

Einfluss, weil die Kunden stattdessen auf

die Kanaren oder in der Nebensaison nach

Griechenland ausweichen. Die Auswirkungen

lokaler Krisen auf unser Geschäft

sind also beherrschbar. Selbst das Konjunkturrisiko

relativiert sich: Urlaub ist für

die meisten Menschen ein wichtiges Thema,

darauf verzichtet niemand so einfach.

Sie haben für das Geschäftsjahr 2012/13

(zum 30.9.) erstmals nach vielen Jahren

wieder eine Dividende gezahlt. 15 Cent

pro Aktie haben jedoch eher symbolischen

Wert. Wann können Ihre Anteilseigner mit

mehr Ausschüttung rechnen?

2012/13 war für uns ein Übergangsjahr zur

Dividendenfähigkeit, und die erste Dividende

kam zwei Jahre früher als versprochen.

Wir wollen klar dokumentieren, wir

haben sichtbare Fortschritte gemacht, und

das Management steht ohne Wenn und

Aber zu den Zielen und zu seinem im Restrukturierungsprogramm

oneTUI gegebenen

Versprechen. Im letzten Jahr lag unser

operatives Ergebnis bei gut 760 Millionen

Euro. Für das Geschäftsjahr 2014/15 haben

wir uns eine Milliarde Euro vorgenommen.

Ab 2014/15 wollen wir dann auch nachhaltig

mehr als 100 Millionen Euro Cash bei

der AG generieren. Davon wollen wir die

Hälfte an die Aktionäre ausschütten. Unsere

Aktionäre sollen sich auf eine stabile und

nachhaltige Dividendenpolitik verlassen

können.

Onlinegewinnt

Marktanteile von Reiseveranstaltern

und Internet-Portalen (in Prozent)

Andere

Veranstalter

30

14

TUI

123

Millionen

Gäste*

11 Booking.com

10

32

Thomas Cook

Andere

3

Hotelbetreiber Expedia

*Gäste 2012;Quelle:TUI-Geschäftsbericht2012/13

Wie wollen Sie das erreichen?

Vor dem Start von oneTUI hatten wir das

Problem, dass von den 80 Millionen Euro

Dividende, die TUI Travel...

...Ihre britische Tochter, in der alle Veranstalter-Aktivitäten

gebündelt sind...

...an die AG gezahlt hat, bei uns am Ende

ein Minus von 120 Millionen blieb, weil in

der Zentrale die Kosten und Zinsen zu

hoch waren. Die Folge war ein dramatischer

Vertrauensverlust. Bei Investoren

und Anlegern galt die TUI als Wertvernichter.

Inzwischen haben wir die Zentralkosten

erheblich gesenkt, zum Beispiel

durch einen Personalabbau in der Konzernzentrale,

durch die Kündigung aller

Sponsorenverträge, und wir haben unseren

Firmenjet verkauft. 2014/15 werden wir

die Zentralkosten von heute 73 auf unter 45

Millionen Euro gesenkt haben. Ein weiteres

Element der Restrukturierung ist eine

Umschuldung. Durch die Umstrukturierung

der Finanzierung sinkt die Zinsbelastung

um rund 100 Millionen Euro pro Jahr.

Kosten kappen ist nicht sehr kreativ.

Aber überlebensnotwendig, und das war

nur der erste Schritt. Vor der Kür liegt die

Pflicht. Zur Neuausrichtung gehört vor allem

eine Optimierung unseres Portfolios.

Und wie wollen Sie das ändern?

Indem wir weiter systematisch überprüfen,

ob wirklich alle Aktivitäten zum Kerngeschäft

gehören. Was die Beteiligung an der

Containerreederei Hapag-Lloyd angeht, ist

das Urteil eindeutig: Die gehört nicht zum

Kerngeschäft und wird an die Börse gebracht

oder verkauft. Wir haben damit aber

keine Eile und können abwarten, bis die

Geschäfte dort wieder besser laufen. Dann

erzielen wir auch einen besseren Preis. Die

Erlöse aus Börsengang oder Verkauf sind

nicht in unseren Planungen berücksichtigt

und kommen on top hinzu, wenn eine Einigung

erzielt wird.

Und dafür wären Sie auch bereit, noch

mal in die Tasche zu greifen, etwa wenn

Hapag-Lloyd die chilenische Reederei

CSAV übernimmt?

Keinesfalls. Eine Kapitalerhöhung käme allenfalls

dann infrage, wenn gleichzeitig ein

Exit-Datum für uns fixiert wird.

Was steht noch auf dem Prüfstand?

Die Hotels oder unsere Kreuzfahrtaktivitäten

gehören eindeutig zum Kerngeschäft,

aber nicht alle verdienen genug Geld. Deswegen

haben wir unser Hotelportfolio sehr

genau angesehen und klare Renditeziele

für jedes Engagement festgelegt.

Zum Beispiel?

Unsere Club-Marke Robinson ist zwar extrem

stark, bleibt aber mit einer Eigenkapitalrendite

von nur sechs Prozent deutlich

unter unserer Zielmarke von mindestens

elf Prozent. Unsere größte Hotelmarke RIU

kommt auf 12,5 Prozent. Wir müssen bei

Robinson prüfen, ob wir die richtigen

Clubs an den richtigen Standorten haben

und ob die Betreibermodelle stimmen.

Auch bei unseren Kreuzfahrten gibt es große

Unterschiede: TUI Cruises läuft sehr positiv,

die Rendite ist mit acht Prozent bereits

in der Anlaufphase sehr beachtlich. Bei

Hapag-Lloyd Kreuzfahrten sieht es weniger

gut aus: Die Vorlaufkosten für die „Europa

2“ und die unter den Erwartungen gebliebenen

Buchungen haben zu einem Minus

von 14 Millionen Euro geführt. Aber bis

2014/15 werden wir profitabel sein.

Bisher wurden die Renditen einzelner

Bereiche nicht veröffentlicht.

Damit die TUI für Investoren wieder attraktiv

wird, müssen wir transparenter werden.

Die Veröffentlichung der Ergebnisse einzelner

Segmente und Marken hat aber

»

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 57

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Unternehmen&Märkte

»

auch nach innen eine positive Wirkung:

Diese Transparenz erzeugt erheblichen

Druck, unsere Ziele zu erreichen, und fördert

den internen Wettbewerb.

Was kommt als Nächstes?

Wir müssen uns dringend mit der Digitalisierung

unseres Geschäftsmodells beschäftigen.

Wir sind Händler. Wir kaufen

Produkte und Leistungen ein, veredeln sie

und verkaufen sie mit einem Aufschlag

weiter. Die Online-Touristiker machen im

Prinzip das Gleiche, aber zu niedrigeren

Kosten. Damit bekommen wir ein Problem,

das sich mit einer schönen Internet-

Seite allein nicht lösen lässt. Das ist die

schlechte Nachricht. Wer nicht auf der

Strecke bleiben will, muss sein eigenes

Produkt differenzieren. Differenzierung

funktioniert aber nur, wenn der Kunde bereit

ist, dafür einen Mehrpreis zu zahlen –

also Mehrpreis für Mehrwert.

Und was ist die gute Nachricht?

Diese Differenzierung funktioniert in der

Touristik besser als in vielen anderen Geschäften.

Urlaub ist kein standardisiertes

Massenprodukt. Mehr als 60 Prozent des

Urlaubserlebnisses werden durch das Hotel

oder bei einer Kreuzfahrt durch das

Schiff geprägt: Lage oder Route, Ausstattung,

Verpflegung, Service und das Rahmenangebot

entscheiden darüber, ob der

Urlauber zufrieden ist. Wer dem jeweiligen

Kunden das liefern kann, was er erwartet,

bestenfalls sogar noch mehr, hat gewonnen.

Der kann sein Produkt zu einem höheren

Preis verkaufen und hat gute Chancen,

dass der Kunde wiederkommt.

Das klingt arg theoretisch.

Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Wer heute eine

Reise bucht, kann bei Hotelzimmern

meist nur Größe und Lage aussuchen –

Einzel oder Doppel, mit Meerblick oder

ohne. Der Kunde würde aber vielleicht

gern Zimmer 401 buchen, weil er das

schon kennt. Bisher müssen wir an dieser

Stelle passen, obwohl der Kunde bereit wäre,

für genau dieses Zimmer einen höheren

Preis zu bezahlen. Mit der Differenzierung

unseres Produktes könnten wir also auch

ein lukrativeres Preisbildungsmodell einführen.

Wir brauchen positive Inhalte und

die richtigen Vertriebskanäle, dann verliert

das Internet seinen Schrecken.

Und buchen soll der Kunde sein Zimmer

401 dann auf der TUI-Web-Seite?

Das kommt darauf an. Wenn er nur das

Zimmer bucht, möglicherweise schon.

Plant er eine Pauschalreise, sieht das in

Deutschland ganz anders aus. Pauschalreisen

werden hier immer noch zu rund 85

Aktien-Info TUI

ISINDE000TUAG000

Index: 1.2.2013 =100

350

300

250

200

Thomas Cook

150

TUI

100

50

Umsatz (in Mio. €) 18 477

Mitarbeiter

63 802

Nettoergebnis (in Mio. €) 4,3

Umsatzrendite (Nettoergebnis/Umsatz,

in %) 0,02

Eigenkapitalrendite (in %) 1,7

Kurs in €* (26.03.14) 12,23

KGV 09/14

21,49

Börsenwert (in Mio. €)* 3087

*26.03.14; Geschäftsjahr 2012/13 zum 30.09.2013

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:Unternehmen, Bloomberg,

Thomson-Reuters

2013 2014

TUI AG Thomas Cook

11 086

33593

–236,9

/

–43,5

2,13

15,13

3082

Hoch

Die TUIkann ersteRestrukturierungserfolgevorweisen.

Die Aussichten fürdie Touristiksindgut,

gedämpft wird der Optimismus durch die politische

Unsicherheit.Der seit dem Führungswechsel

gestiegene Aktienkurs signalisiert hohe Erwartungen,

ob diesich schnellbefriedigen lassen, istaberfraglich.

Prozent im Reisebüro gebucht. Der stationäre

Vertrieb wird damit auf absehbare

Zeit der wichtigste Absatzkanal bleiben.

Darum müssen wir unsere Vertriebspartner

bei diesem Transferprojekt zur Digitalisierung

mitnehmen. Wenn dann noch starke

Marken mit ihrer Zugkraft hinzukommen,

müssen wir unsere Kapazitäten nicht

über den Preis in den Markt drücken.

An Marken herrscht bei der TUI ja kein

Mangel: Für die 232 Hotels gibt es 13

Marken, die 130 Jets tragen sieben verschiedene

Airline-Namen am Leitwerk,

dazu gibt es allein in Deutschland mehr

als ein Dutzend Reiseveranstalter.

Sie haben recht, wir haben zu viele Marken,

und die Differenzierung ist in der Touristik

absolut unterentwickelt. Bei manchen

unserer Marken weiß der Kunde

nicht so recht, wofür sie stehen, wodurch

sie sich von anderen unterscheiden und

warum sie eine TUI-Marke sind. Zu unseren

wichtigsten Aufgaben gehört deshalb

die Überprüfung der Markenwelt nach

mehreren Kriterien: Die Marken müssen

sich vom Produkt her ausreichend differenzieren,

aber doch so viele Gemeinsamkeiten

aufweisen, dass sie zur TUI passen.

Jede Marke muss, für sich betrachtet, Geld

verdienen, und zwischen den Marken

müssen sich Synergien ergeben, um den

Bestand unter einem gemeinsamen Konzerndach

zu rechtfertigen.

Warum leistet sich die TUI noch den Luxus

eigener Fluggesellschaften? Es gibt

doch genug freie Kapazitäten im Markt.

Im Allgemeinen ist das auch so, aber wenn

sie Europas Marktführer sind und mit diesem

Anspruch antreten, benötigen sie

auch eigene Flugzeuge. Wenn wir zum Beispiel

eine neue Feriendestination entwickeln

wollen, wie jetzt auf den Kapverdischen

Inseln, brauchen wir eigene Flugzeuge,

weil da bisher keiner hinfliegt. Sonst

können wir gegenüber den Hotels keine

Verpflichtungen eingehen. Die eigene Airline

ist außerdem ein Instrument, um sich

von den Mitbewerbern zu differenzieren.

Aber ob wir dazu Fluggesellschaften unter

sieben verschiedenen Marken brauchen,

da habe ich auch meine Zweifel. Das überprüfen

wir derzeit intensiv. Bei den Synergien

sind wir in den letzten Monaten schon

einen Schritt weitergekommen: Alle TUI-

Airlines bekommen ein gemeinsames Management,

Wartung und Einkauf werden

zusammengelegt.

Eine weitere offene Baustelle ist die

Doppelstruktur des Unternehmens. Die

Konzernzentrale in Hannover hat direkten

Zugriff auf Hotels und Kreuzfahrt, das

Veranstaltergeschäft liegt aber bei der

britischen TUI Travel, an der die AG nur

gut 54 Prozent hält. Wäre es nicht besser,

Sie würden Ihre britische Tochter ganz

übernehmen und integrieren?

Das steht derzeit nicht auf der Agenda.

Noch vor einem Jahr hatten wir das Problem,

dass die Beteiligung an TUI Travel

mehr wert war als der TUI-Gesamtkonzern.

Durch die positive Kursentwicklung

der TUI als Folge der Restrukturierung hat

sich das erheblich entschärft. Zwar gäbe es

bei einer Zusammenführung erhebliche

Synergien durch Steuer-, Kosten- und integrierte

Wertemanagementeffekte, aber im

Moment gibt es noch genügend Möglichkeiten

zur Wertsteigerung in den bestehenden

Strukturen.

Wie lange wird der Umbau dauern?

Das Pflichtenbuch ist erstellt, die meisten

Projekte sind angeschoben. Viele Dinge,

wie die Kostenreduktion, können auch

kurzfristig erreicht werden. Wenn Sie aber

über eine groß angelegte Markenbereinigung

und große Veränderungen im Vertrieb

reden, rechne ich eher mit einem

Zeithorizont von drei Jahren und länger. n

hans-juergen.klesse@wiwo.de

58 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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AM ANFANG WAR

DER ANZUG.


WASSER- UND FLECKENABWEISEND KNITTERFREI SCHUTZ VOR HANDYSTRAHLUNG


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Unternehmen&Märkte

Buletten an Brie

HAMBURGER | Während der Branchenführer McDonald’s in

Deutschland schwächelt, boomen neue alternative Bräter.

ternehmen gelten als Initiatoren der Better-Burger-Bewegung.

Five Guys tastet sich

gerade in Europa vor. Im Vorjahr startete in

London die erste europäische Dependance,

jetzt betreiben die Amerikaner fünf

Filialen in Großbritannien, fürs Frühjahr

sind weitere Eröffnungen geplant.

Holger Beeck, seit vier Monaten

Deutschland-Chef von McDonald’s,

nennt keine Geschäftszahlen

mehr. Seine Vorgänger konnten seit

dem Start in Deutschland 1971 Jahr für Jahr

Erfolge verkünden, abgesehen von einem

kleinen Ausrutscher 2003, als der Umsatz

um 0,4 Prozent sank. Doch 2013 brachen

die Einnahmen nach Schätzungen um fast

fünf Prozent ein, obwohl McDonald’s 28

weitere Läden eröffnete.

Das Schweigen des Buletten-Primus hat

einen erstaunlichen Grund: Wohl noch nie

verspürten die Bundesbürger mehr Appetit

auf Burger – allerdings nicht auf die des

Marktführers, sondern auf die Exemplare

neuer Anbieter, die in Großstädten immer

mehr alternative Burger-Buden eröffnen.

COCKTAILS STATT COLA

Better Burger heißt der Trend. Einer, der

die besseren Fleischklopse anbietet, ist Selim

Varol, der im vergangenen Sommer in

der Düsseldorfer Innenstadt seine erste

Burger-Station aufmachte. Der Laden heißt

What’s Beef und läuft inzwischen so gut,

dass der 40-jährige Deutschtürke auch das

benachbarte Geschäft anmietete. In den

nächsten sechs Monaten will er zudem eine

Filiale im Hamburger Schanzenviertel

eröffnen. „Eine Immobilie habe ich schon

gefunden“, sagt Varol.

Die neuen Anbieter unterscheiden sich

teils deutlich von McDonald’s oder Burger

King. So serviert Thomas Hirschberger,

Gründer der Münchner Kette Hans im

Glück, zwischen echten Birkenstämmen

„Gourmet-Hamburger“, belegt mit Brie,

Preiselbeeren oder Walnussbratlingen.

„Damit sind wir eher eine Alternative

zum Italiener oder Griechen“, sagt der

51-Jährige. Hirschberger hatte zuvor

die Tex-Mex-Kette Sausalitos aufgebaut,

die jetzt seine Frau führt. Wie

dort servieren auch seine Burger-

Läden Cocktails und Wein, die mehr Umsatz

bringen als Cola oder Limo.

Zu den Pionieren der neuen deutschen

Burger-Welle zählt das Berliner Restaurant

Kreuzburger, das schon 1999 – im Schatten

des BSE-Rindfleisch-Skandals – eröffnete

und Brötchen mit Biofleisch anbietet. Inzwischen

betreibt Inhaber Mahir Alkan

Ableger in den Berliner Bezirken Friedrichshain

und und Prenzlauer Berg.

Der Erfolg der Better-Burger-Pioniere

zieht Nachahmer an. „An jeder Ecke eröffnet

ein Burger-Laden“, sagt Alkan, „sogar

ehemalige Kunden sind zu Konkurrenten

geworden.“ Rund 150 alternative Burger-Lokale

dürfte es in Deutschland inzwischen

geben, schätzen Gastronomie-Experten, die

meisten in Berlin und München.

Mit Hans-im-Glück-Betreiber Hirschberger

drängt nun auch einer der erfolgreichsten

Better-Burger-Bräter nach Berlin. Gerade

eröffnete er in der Friedrichstraße eine Filiale,

die 17. seiner 2010 gegründeten Kette.

Bis Ende des Jahres sollen es 30 sein. „Ende

2015 wollen wir 50 bis 60 Restaurants betreiben“,

sagt Hirschberger. Weitere Eröffnungen

stehen in Stuttgart, München, Düsseldorf

und Münster an. „Wir wollen den Markt für

qualitative Burger abseits von Fast Food besetzen,

bevor es ein anderer macht.“

Mögliche Konkurrenten der Aufsteiger

sind weniger die großen Burger-Ketten,

sondern jüngere Anbieter wie In-N-Out-

Burger oder Five Guys. Die US-Un-

MIT MESSER UND GABEL

Auch Kristin Putzke, Geschäftsführerin

von Jim Block, vergleicht ihre Restaurants

eher mit der Pasta- und Pizza-Kette Vapiano

als mit McDonald’s. „Bei uns können

die Gäste mit Messer und Gabel essen“,

sagt Putzke. 19 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete

sie im vergangenen Jahr mit

ihren acht Restaurants, sieben davon in

Hamburg und eines in Hannover. In diesem

Jahr peilt sie 25 Millionen Euro an – allerdings

mit zehn Restaurants. Hans im

Glück kam 2013 mit 16 Filialen auf 14 Millionen

Euro und plant in diesem Jahr mit

30 Ablegern 30 Millionen Euro.

Vom 8. Mai an ist Jim Block auch in Berlin

präsent, nahe der Gedächtniskirche. Im

September folgt ein weiterer Laden in

Hamburg-Altona, neben dem neuen Ikea-

Möbelhaus. Weitere Jim Blocks sind geplant,

vor allem in Berlin; rund eine Million

Euro investiert das Unternehmen in jeden

neuen Laden. Hinter Jim Block steht Eugen

Block, der auch die Steak-Restaurantkette

Block House betreibt.

Viele der anderen Better-Burger-Bräter

haben weniger Rückhalt und Finanzkraft.

Aber vielleicht ahmen die großen Hamburger-Ketten

ja Internet-Konzerne wie Facebook

nach. Die kaufen junge Konkurrenten,

wenn sie zu gefährlich werden. n

oliver.voss@wiwo.de, hermann olbermann

FOTO: PR

Fleisch oder kein

Fleisch?

Burger mit

Bratling bei

Hans im

Glück

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 59

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Spezial | Mittelstand

Engagierter Spender

Phoenix-Chef Zurnieden

unterstützt gemeinnützige

Projekte

Strategie statt

Bauchgefühl

CORPORATE SOCIAL RESPONSIBILITY | Viele Mittelständler

zeigen gesellschaftliches Engagement, aber nur

wenige gehen dabei gezielt vor. Wie können sie CSR

effizienter einsetzen und selbst stärker profitieren?

Als das Auswärtige Amt im vergangenen

Jahr eine Reisewarnung

für Ägypten aussprach,

war den Mitarbeitern von

Phoenix Reisen in Bonn klar,

dass ihr Geschäft einbrechen würde. Bis

dahin setzte der Kreuzfahrtveranstalter

rund 100 Millionen Euro pro Jahr mit Fahrten

auf dem Nil um – bei einem Gesamtumsatz

von 281 Millionen Euro. Für dieses

Jahr rechnet Phoenix nur noch mit 30 Millionen.

Eine Katastrophe auch für Hoteliers, Reiseleiter

und Busfahrer in Ägypten: Die

Partner vor Ort, mit denen Phoenix zum

Teil seit Jahrzehnten zusammenarbeitet,

brauchen das Geld, um den Lebensunterhalt

für ihre Familien zu verdienen. Phoenix-Chef

Hans Zurnieden entschied deshalb,

auf Preiskämpfe verzichten, wie sie

bei anderen Ägypten-Reiseveranstaltern

an der Tagesordnung sind. Er zahlt seinen

Partnern das gleiche Geld wie zuvor.

Der Mittelständler, der jedes Jahr 155 000

Reisende in den Urlaub befördert, praktiziert

damit, was in der Konzernwelt neudeutsch

Corporate Social Responsibility

(CSR) genannt wird – gesellschaftliche Verantwortung.

Nicht nur bei seinen Partnern

in Ägypten: Zurnieden engagiert sich seit

mehr als 40 Jahren für gemeinnützige Projekte,

ist Gründungsmitglied des Misereor

Unternehmerforums und spendet regelmäßig

hohe Beträge an die kirchlichen

Hilfswerke Misereor und Brot für die Welt.

Zum 40-jährigen Firmenjubiläum im vergangenen

November verzichtete er auf ein

rauschendes Fest und bat seine Geschäftspartner

stattdessen um Unterstützung für

die Hilfswerke.

FAIRNESS ZAHLT SICH AUS

Seit den Fünfzigerjahren diskutieren Managementtheoretiker

unter dem Begriff CSR

die Rolle von Unternehmen in der Gesellschaft.

CSR beschreibt die Idee, dass Unternehmen

nicht nur für die ökonomischen,

sondern auch für die sozialen und ökologischen

Folgen ihres Handelns verantwortlich

sind. Eine genaue Definition gibt es allerdings

nicht: Die Einrichtung eines Betriebskindergartens

kann ebenso unter CSR fallen

wie gute Personalführung oder eine faire

Partnerschaft mit Zulieferern, die Umstellung

der Beleuchtung in der Fabrikhalle auf

Energiesparlampen oder großzügige Spenden

für gemeinnützige Zwecke.

Konzerne wissen um den Wert solcher

Maßnahmen, weil Kunden, Investoren und

Arbeitnehmer das erwarten. Bei vielen

»

FOTO: IMAGETRUST/LENA BOEHM

60 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»

mittelständischen Unternehmen besteht

allerdings Nachholbedarf. Das meiste

entsteht mehr aus dem Bauchgefühl heraus

statt als Teil einer ausformulierten

CSR-Strategie.

Phoenix-Chef Zurnieden ist da weiter,

auch wenn die Erwartungen der Öffentlichkeit

nicht der Grund dafür sind, dass er

seine ägyptischen Partner in der Krise unterstützt.

„Wir arbeiten schon lange mit ihnen

zusammen“, sagt Zurnieden. Seine

Strategie der Fairness werde sich langfristig

auszahlen, ist er überzeugt: „Vielleicht

nennt man das CSR, ich halte das aber einfach

für richtig.“

Das gilt für vieles, was bei Phoenix Reisen

gemacht wird, was aber nicht unbedingt

Branchenstandard ist: Die Mitarbeiter

werden übertariflich bezahlt, die Arbeitszeiten

sind flexibel, ein betriebseigener

Kindergarten ist in der Planung. Und

der Chef wird von jedem geduzt.

Wenn Mittelständler Gutes tun, machen

die meisten es wie Zurnieden – am liebsten

sprechen sie gar nicht über ihr Engagement.

Das Institut für Mittelstandsforschung

in Bonn (IfM) hat mehr als 1000

mittelständische Unternehmen zu ihrer

CSR-Strategie befragt: „Fast alle betrieben

mindestens eine CSR-Maßnahme“, sagt

Frank Maaß, wissenschaftlicher Mitarbeiter

des IfM, der die Untersuchung geleitet

hat. Drei Viertel aller Unternehmen gaben

an, besonderen Wert auf flexible Arbeitszeiten

zu legen, andere lassen ihre Mitarbeiter

mitentscheiden oder fördern deren

berufliche Weiterbildung. Aber in fast keinem

Unternehmen liefen solche Maßnahmen

unter dem Begriff CSR.

PRAKTIKA FÜR HAUPTSCHÜLER

Birgit Riess wundert das nicht. Die Leiterin

des Programms „Unternehmen in der Gesellschaft“

der Bertelsmann Stiftung beschäftigt

sich seit zehn Jahren mit dem

Thema. „Obwohl CSR in der Wirtschaft seit

Langem präsent ist, fremdelt der deutsche

Mittelstand mit dem Begriff“, sagt sie.

Dabei ist der Aufwand für kleinere Unternehmen

geringer als für große. Anders

als zum Beispiel der Lasertechnikspezialist

Trumpf in Ditzingen bei Stuttgart können

Mittelständler auf einen Beauftragten oder

eine spezielle CSR-Abteilung verzichten.

Im Trumpf-Konzern dagegen sind alle

CSR-Maßnahmen in der Abteilung „Gesellschaftliche

Verantwortung“ gebündelt.

„So können wir uns voll auf die einzelnen

Initiativen konzentrieren“, sagt Leiterin Sabine

Jüstel.

Eines der zahlreichen Projekte des Laser-Weltmarktführers,

der im Geschäftsjahr

2012/13 einen Umsatz von 2,3 Milliarden

Euro erzielte, ist „Lernen 360 Grad“.

Hauptschüler können in der achten Klasse

statt des normalen Unterrichts ein Langzeitpraktikum

bei Trumpf absolvieren und

so Arbeitserfahrung sammeln. Gleichzeitig

weckt Trumpf Interesse bei den Schülern

und knüpft erste Kontakte zu potenziellen

Auszubildenden. Solche Projekte kosten

zwar, langfristig wird sich das Engagement

aber lohnen, ist Jüstel sicher.

VORZEIGEFIRMEN SIND SELTEN

Nur wenige Unternehmen sind per se CSR-

Vorzeigefirmen, weil ihr Produkt selbst

nachhaltig ist. Zu den Ausnahmen gehören

der Stuttgarter Kosmetikhersteller Speick

(siehe Kasten Seite 66) und WAB Trading

International aus Hamburg. Dort werden

seit 2008 Kleinbauern in Bangladesch in

der Biogarnelenzucht geschult, um die

Meeresfrüchte anschließend gewinnbringend

in den deutschen Handel zu bringen.

„Die Gegebenheiten sind in der Region

optimal und Biogarnelen in Deutschland

sehr gefragt“, sagt WAB-Geschäftsführer

Erdmann Wischhusen. Bis 2020 will das in

der Hamburger Hafencity ansässige Unternehmen

mit einem Jahresumsatz von drei

Millionen Euro dazu beitragen, die Zahl

der Biokleinbauern in Südostasien auf

10 000 zu erhöhen. Das wäre nicht nur gut

für WAB Trading, sondern auch für das

ökologische Gleichgewicht vor Ort. Denn

die konventionelle Garnelenzucht gilt als

extrem umweltschädlich und gerät durch

den Antibiotika-Einsatz immer wieder in

die Kritik von Verbraucherverbänden.

Meist ist es für Mittelständler nicht allzu

schwer, Gutes zu tun und nachhaltig zu

»

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Spezial | Mittelstand

»

wirtschaften: Durch die Nähe zu Mitarbeitern

und Kunden wissen sie, was die

Stakeholder – der Kreis jener, die mit dem

Unternehmen zu tun haben – erwarten.

„Mittelständler reagieren auch darauf, orientieren

sich aber eher an eigenen Überzeugungen

als an abstrakten Konzepten“,

sagt CSR-Expertin Riess von der Bertelsmann

Stiftung. Für sie ist das der Grund,

warum es der Begriff CSR nie bis in den

Mittelstand geschafft hat.

Ihr geht es aber auch gar nicht so sehr

um den Begriff als um die Sache: Professionell

gestaltet, könne CSR Mittelständler

im Wettbewerb stärken, ist Riess überzeugt.

So könnten die Unternehmen sich

besser auf den demografischen Wandel

vorbereiten, effizienter mit knappen Ressourcen

umgehen und dem Fachkräftemangel

entgegenwirken. Noch fehlten den

meisten allerdings die richtigen Strategien,

„und dann verpufft die Wirkung des verantwortlichen

Handelns von Mittelständlern“,

warnt Riess.

Ohne klare CSR-Strategie (siehe Kasten

Seite 68) und die entsprechenden Strukturen

sind Mittelständler im Nachteil,

schlimmstenfalls könnten sie sogar handfeste

Probleme bekommen, warnt Thomas

Streiff, Partner der Züricher Beratung

Brugger and Partners (BHP), die mittel-

Gute Taten

Ohne Antibiotika

WAB Trading schult

Bauern in ökologischer

Garnelenzucht

WieUnternehmen sich gesellschaftlich

engagieren (inProzent)

Ja Geplant Nein

Spenden

85,5 1,5 13,0

EhrenamtlicheTätigkeit der Unternehmensleitung

48,1 1,1 50,8

Freistellung vonMitarbeiternfür ehrenamtliche

Tätigkeiten

34,7 1,2 64,1

Sponsorenverträge

25,9 1,7 72,4

Wasnachhaltige Unternehmensführung

bringt(in Prozent)*

(Sehr) hoch Mittel (Sehr) niedrig

Besseres Image

40,2 31,2 28,6

Langfristiger Unternehmenserfolg

39,5 30,9 29,6

HöhereMitarbeitermotivation/-bindung

35,1 32,6 32,3

BessereKundenbeziehungen

24,7 25,2 50,1

Besserer Zugang zumFinanzmarkt

7,5 10,3 82,2

*subjektive Einschätzungder Unternehmen;

Quelle:BDI-Mittelstandspanel,Befragung von

1034 Industrieunternehmen

ständischen Kunden beim Thema CSR auf

die Sprünge hilft. Denn parallel rüsten immer

mehr Konzerne in Sachen CSR auf. Sie

gestalten etwa ihre Produktion transparenter,

um verschärften internationalen Standards

zu genügen.

Ein Grund für diese Offenheit ist die EU-

Kommission. Die will Unternehmen demnächst

dazu verpflichten, soziale und ökologische

Auswirkungen ihrer Produktion

kenntlich zu machen. Immer mehr Unternehmen

haben sich zudem einen Verhaltenskodex

verordnet. Führt ein Konzern

solche Regeln ein, müssen sich auch die

vielfach mittelständischen Zulieferer von

heute auf morgen umstellen.

Der Druck der Kunden „ist ein häufiger

Grund, warum Kunden zu uns kommen“,

sagt Streiff. Denn nicht alle Mittelständler

werden den hohen Ansprüchen auf Anhieb

gerecht. Eine Wahl haben sie aber

nicht: „Große Unternehmen geben den

Druck ihrer Stakeholder an die Zulieferer

weiter.“

In solchen Fällen kann Michael Röthel

helfen. Der Projektleiter von CS Regio, einem

CSR-Schulungsprogramm für kleine

und mittlere Unternehmen an der Universität

Bayreuth, entwickelt passende CSR-

Strategien für Firmenkunden. „Mittelständler

investieren im Verhältnis zu ihrer

Leistungsfähigkeit häufig mehr in CSR als

große Unternehmen“, sagt Röthel.

WOHLTATEN MIT SYSTEM

Doch weil sie selbst schlecht abschätzen

können, welche Maßnahmen sinnvoll

sind, verschenken sie oft den erhofften

Wettbewerbsvorteil. Röthel schätzt, dass

sich rund 90 Prozent aller mittelständischen

Unternehmen mit CSR-Themen beschäftigen,

das Potenzial aber nicht richtig

nutzen: „Die Unternehmen haben viele gute

Ideen, aber die müssten systematisiert

werden.“

Röthel hat schon rund 200 Unternehmen

im Rahmen seines CS-Regio-Projekts

beraten. Das Projekt ist Teil des Förderprogramms

„Gesellschaftliche Verantwortung

im Mittelstand“ des Bundesarbeitsministeriums

sowie des Europäischen Sozialfonds.

Das Hauptproblem: „Viele Unternehmen

konzentrieren sich bei CSR-Maßnahmen

nicht auf ihr Kerngeschäft“, sagt Röthel. Sie

neigen dazu, sich zu verzetteln.

Im ersten Schritt nimmt der Berater darum

die bisherigen Aktivitäten seiner

Schützlinge unter die Lupe, spricht mit der

Geschäftsführung, mit Mitarbeitern, Zulieferern,

Händlern sowie regionalen Be-

»

FOTO: PR

64 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

BEST-PRACTICE-BEISPIEL

Marken-Pflege

Speick Naturkosmetik wurde 2013 zur nachhaltigsten Marke Deutschlands

gewählt. Das liegt nicht nur an den Naturprodukten.

Bei Speick Naturkosmetik gibt es nur

Biokekse zum Kaffee. Und der ist natürlich

fair gehandelt und verströmt seinen

Duft in energieeffizient beheizten Räumen

in der Firmenzentrale in Stuttgart.

Der Strom für die Fließbänder in der Produktion

stammt teilweise aus den Fotovoltaikanlagen

auf dem Dach, der Rest

wird von regionalen Ökostromerzeugern

dazugekauft. „Ist doch selbstverständlich“,

sagt Gudrun Leibbrand, Leiterin des

Produktmanagements bei Speick. „Wir

leben Nachhaltigkeit und reden nicht nur

darüber.“

Für diese Art der Unternehmensführung

wurde der Kosmetikhersteller im

vergangenen Jahr mit dem Deutschen

Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie

„Deutschlands nachhaltigste Marke“

ausgezeichnet, einem der wichtigsten

CSR-Preise des Landes.

Mit mittlerweile rund 50 Mitarbeitern

produzieren die Stuttgarter seit 1928 Naturkosmetik

– lange bevor es das Wort

überhaupt gab. Basis für die Pflegeprodukte

des Unternehmens mit einem Jahresumsatz

von elf Millionen Euro ist ein

seltenes Kraut, das ihm seinen Namen

gegeben hat: Speick, eine alpine Pflanze,

die in den Kärntner Nockbergen in Österreich

ab einer Höhe von 1800 Metern

wächst.

Rohstoff von der Alm Seifenproduktion aus

„kontrolliert biologischer Wildsammlung“

ter Verwendung der Pflanze her. Allein der

Klassiker Speick-Seife wird in 34 Länder

exportiert, darunter auch nach Japan und

Island.

Um die komplette Produktion nachhaltig

zu machen, werden ausschließlich natürliche

Konservierungs- und Duftstoffe sowie

ätherische Öle verwendet. Die Produktverpackungen

sind aus Glas oder recyceltem

PET, Müll wird getrennt. Sogar die Geschäftspost

wird ausschließlich auf Recyclingpapier

geführt.

Nachhaltigkeit hat auch Tradition beim

Verhältnis zu den Mitarbeitern: Bereits zum

Start 1928 führte der Gründer Walter Rau

eine betriebliche Kinderbetreuung und eine

Arbeitnehmervertretung ein. Die gibt es immer

noch. Inzwischen ist bei dem familieneigenen

Unternehmen mit Rau-Enkel Wik-

BERUHIGENDE WIRKUNG

Das Gewächs soll eine beruhigende Wirkung

haben, steht allerdings unter Naturschutz.

Speick darf die Pflanze nur dank

einer Sondergenehmigung und als einziges

Unternehmen unter strengen Auflagen

sammeln lassen – zwei Kärntner

Almbauern-Familien übernehmen das von

Hand. Die Produkte sind darum mit dem

selten vergebenen Hinweis „aus kontrolliert

biologischer Wildsammlung“ gekennzeichnet.

Nur wenige Mittelständler arbeiten mit

Produkten, die so nachhaltig sind wie der

gewachsene Rohstoff von der Alm. Rund

130 verschiedene Lotionen, Deos und

Waschcremes stellt das Unternehmen unhart

Teuffel die dritte Generation am

Ruder. Aber eines hat sich nicht geändert:

Heute wie damals helfen alle

Angestellten – auch die aus der oberen

Führungsebene – regelmäßig in der Produktion.

„Es fördert das Verständnis für

die Abläufe“, sagt Produktmanagerin

Leibbrand. Auch bei den Mitarbeitern

kommt das gut an: „Fluktuation gibt es so

gut wie keine“, sagt Leibbrand, „außer

man kriegt ein Baby oder geht in Rente.“

Kündigungen kenne das Unternehmen

nicht.

Der Preis für die soziale Einstellung:

Speick produziert zu höheren Kosten als

seine Mitbewerber. Für seine Rohstoffe

aus kontrolliert biologischem Anbau zahlt

der Mittelständler doppelt so viel wie für

normale Rohstoffe. „Aber dafür kennen

wir jedes Bestandteil unseres Produkts“,

sagt Leibbrand. Die Zulieferer kommen

aus der Region.

An Rabattschlachten beteiligt sich

Speick grundsätzlich nicht: „Wir haben

eine Marke – und die pflegen wir.“ Das

funktioniert: Trotz der höheren Preise

konnte das Unternehmen seinen Umsatz

von 2009 bis 2013 von acht auf elf Millionen

Euro steigern.

GESCHÜTZTE BEZEICHNUNG

Nicht immer hat das Unternehmen seine

Grundsätze so offensiv kommuniziert –

und noch immer laufen die Maßnahmen

nicht unter dem Begriff CSR. Doch inzwischen

positioniert sich das Unternehmen

selbstbewusster. Früher war Speick ein

Unternehmen mit Produkten, auf die sich

die Kunden verlassen konnten, wie Leibbrand

es ausdrückt. Doch in den Siebzigerjahren

stieg die Nachfrage nach Naturkosmetik.

Immer mehr Anbieter

schmückten sich mit Labeln wie „Bio“

und „Natur“, allerdings ohne dass sie eine

vergleichbar schonende Produktion

vorweisen konnten wie der Traditionshersteller

aus Baden-Württemberg.

Deshalb setzte sich das Unternehmen

schließlich dafür ein, den Begriff Naturkosmetik

durch den Bundesverband

Deutscher Industrie- und Handelsunternehmen

für Arzneimittel, Reformwaren,

Nahrungsergänzungsmittel und Körperpflegemittel

schützen zu lassen. 2001

war das Ziel erreicht. Seitdem wirbt

Speick selbstbewusst als „die nachhaltigste

Marke Deutschlands“.

lea deuber | unternehmen@wiwo.de

FOTO: FOTOFINDER/WILHELM MIERENDORF; PR

66 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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»

hörden und Vereinen. „Vor allem identifizieren

wir die Probleme der Region“, sagt

Röthel. In Nordbayern etwa sind das Fachkräftemangel

und demografischer Wandel.

„Daraus entwickeln wir dann mit der Geschäftsführung

eine CSR-Strategie, wie das

Unternehmen darauf reagieren kann.“

Häufig fallen bei der Analyse langjährige

Aktivitäten durch den Rost, weil deren Effizienz

selten hinterfragt wird: Familiengeführte

Unternehmen unterstützen zum

Beispiel häufig den örtlichen Fußballverein,

weil der Vater dort schon gespielt hat,

oder die Schule der Tochter. Das kann

sinnvoll sein, muss aber nicht. „Die meisten

Aktivitäten haben sich aus eigenen Interessen

entwickelt und dann verselbstständigt“,

kritisiert Röthel. „Den Unternehmen

fehlt dann die Zeit, ihre Maßnahmen

zu reflektieren.“

Wie bei einem fränkischen Unternehmen,

das Röthel im vergangenen Jahr beraten

hat. Das hatte regelmäßig Geld an die

Diakonie gespendet. Inzwischen wird die

Diakonie immer noch unterstützt – aber

anders und besser: Das Unternehmen hat

einen Behinderten eingestellt, der vorher

in der Diakonie-Werkstatt arbeitete.

Willkommener Nebeneffekt Kirchner Solar

liefert Fotovoltaikanlagen nach Uganda

„Eine Win-win-Situation“, sagt Röthel.

Die Diakonie konnte einem Behinderten

einen dauerhaften Arbeitsplatz verschaffen,

das Unternehmen einen motivierten

Mitarbeiter gewinnen, der durch staatliche

Zuschüsse sogar billiger ist als ein Nichtbehinderter.

Auch auf das Betriebsklima hat

sich die Aktion positiv ausgewirkt.

Soll eine CSR-Strategie funktionieren,

müssen die angestrebten Ziele schriftlich

fixiert werden. Ein Beispiel: die Reduzierung

des CO 2 -Ausstoßes um 30 Prozent innerhalb

eines Jahres. Gemeinsam mit der

Geschäftsleitung entwickelt Berater Röthel

die passenden Einzelmaßnahmen. Bei der

CO 2 -Reduktion könnte eine etwa darin bestehen,

alle Glühbirnen durch LED-Lampen

zu ersetzen. So kann das Unternehmen

seine Ziele schrittweise umsetzen –

und die Mitarbeiter mitnehmen.

Zum Verlustgeschäft dürfen solche Aktionen

aber nicht werden, fordert Carsten

Schmitz-Hoffmann. Er ist bei der Gesellschaft

für Internationale Zusammenarbeit

(GIZ) in Eschborn bei Frankfurt zuständig

für die Kooperation mit der Wirtschaft und

betreut Unternehmen, die CSR mit entwicklungspolitischem

Hintergrund betreiben.

„CSR und verantwortungsvolles Handeln

sind nicht mit Gutmenschentum zu

verwechseln“, betont Schmitz-Hoffmann.

Wenn eine Geschäftsidee einen sinnvollen

Beitrag zur Verbesserung der Situation in

Entwicklungsländern leistet, ist das aber

ein willkommener Nebeneffekt.

Die Kirchner Solar Group aus dem hessischen

Alheim, die 2013 einen Umsatz von

120 Millionen Euro erzielte, ist ein Beispiel,

wie so etwas funktionieren kann. Das Unternehmen

verkauft und installiert in Kooperation

mit der GIZ seit 2012 Fotovol-

»

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Spezial | Mittelstand

CSR

Klare Ziele

Wie sich in fünf Schritten die

richtige Strategie entwickeln lässt.

Schritt 1: Fragen Sie sich, wofür Ihr

Unternehmen stehen soll. Entwickeln

Sie eine Mission und ein konkretes Ziel

– zum Beispiel, innerhalb der kommenden

15 Jahre CO 2 -frei zu produzieren.

Denken Sie dabei in großen Schritten,

und werden Sie sich vorher über die eigene

Motivation klar. Das ist die Basis

einer erfolgreichen CSR-Strategie.

Regionale Gerste Die Privat-Brauerei Strate

kauft Rohstoffe von örtlichen Landwirten

»

taikanlagen in Uganda. „Die Solarzellen

versorgen Mobilfunkmasten mit Strom

statt wie früher umweltschädliche und anfällige

Dieselmotoren“, sagt Geschäftsführer

Lars Kirchner.

Etwa 85 Prozent der Ugander haben keinen

Zugang zur zentralen Energieversorgung,

und auch in den kommenden 20 Jahren

gibt es kaum Chancen, dass sich daran

etwas ändert. Kirchner bietet dafür die Problemlösung,

hat aber auch selbst etwas davon,

denn „für uns ist das ein interessanter

Markt“, sagt der Unternehmenschef. Uganda

ist politisch relativ stabil, hat in einigen

Distrikten ein Wirtschaftswachstum von 15

bis 20 Prozent und dient Kirchner als Ausgangspunkt,

um den gesamten ostafrikanischen

Raum zu erreichen.

UNTERSTÜTZUNG FÜR DIE REGION

„Unternehmen wie Kirchner verbinden betriebswirtschaftliche

Interessen mit entwicklungspolitischen

Zielen“, lobt

Schmidt-Hoffmann. Das Unternehmen hat

in Uganda die Situation der Menschen verbessert

und zugleich einen neuen Markt

erschlossen. Für den Experten ist das der

Kern einer echten CSR-Strategie: Unternehmen

handeln verantwortlich, haben

aber auch selbst etwas davon.

Wenn Unternehmen einfach nur spenden,

sponsern und stiften, ist das dagegen

selten der Fall. Solche milden Gaben können

schlimmstenfalls sogar Schaden anrichten,

warnt Nick Lin-Hi, Juniorprofessor

für Corporate Social Responsibility an der

Universität Mannheim (siehe Interview

Seite 70): „Wenn ein Unternehmen Fehlverhalten

durch Großzügigkeit an anderer

Stelle ausgleichen will, geht das irgendwann

schief.“

Wie man es richtig macht, zeigt die Detmolder

Privat-Brauerei Strate: Das 151 Jahre

alte Unternehmen unterstützte früher

lokale Vereine. Auch heute fördert Strate

noch Sport und Kultur – aber gezielt, um

die Region Lippe als Standort attraktiv zu

halten. Mit der gleichen Intention arbeitet

die Brauerei mit Zulieferern und Dienstleistern

aus der Region zusammen.

Die Braugerste etwa kommt von Landwirten

aus der Umgebung. Als vor einigen

Jahren die Zuckerrübensubventionen wegfielen,

wussten viele Bauern nicht, wie es

für sie weitergehen sollte. Die Brauerei erkannte

die Not, half den Landwirten bei

der Umstellung auf Gerste. Durch die verschiedenen

Maßnahmen stiegen zwar die

Kosten, „aber da die Bewohner aus Lippe

unser Unternehmen und unsere Strategie

sehr schätzen, unterstützen die Menschen

uns“, sagt Geschäftsführerin Simone Strate.

Ähnlich wie bei Biolebensmitteln akzeptieren

sie den etwas höheren Preis für das Bier

aus der Region.

Die familiengeführte Brauerei mit einem

Ausstoß von 131 000 Hektolitern 2013 –

Umsatzzahlen werden nicht genannt –

wirbt heute offensiv mit ihrer CSR-Strategie.

Untypisch für einen Mittelständler,

sagt Expertin Riess von der Bertelsmann

Stiftung. Während große Unternehmen mit

Nachhaltigkeit und Sozialengagement

werben, seien Mittelständler häufig zu bescheiden.

Riess: „Gutes tun, reicht nicht,

man muss auch darüber reden.“

n

lea deuber | unternehmen@wiwo.de

Schritt 2: Analysieren Sie Ihre unternehmerischen

Stärken und Schwächen.

CSR-Maßnahmen müssen zum Geschäft

passen. Wenn Ihr Unternehmen

zum Beispiel vom Fachkräftemangel

bedroht ist, könnten Aktivitäten in der

Talentförderung sinnvoll sein. Untersuchen

Sie nicht nur Ihr eigenes Unternehmen,

sondern auch den Markt,

schauen Sie, was die Konkurrenz und

Ihre Kunden machen.

Schritt 3: Entwickeln Sie Konzepte

nicht allein, sondern mithilfe Ihrer

Stakeholder. Ihr Unternehmen kann von

Außenansichten profitieren. Ein Kunde

kann am besten erklären, was er von

Ihren Produkten erwartet. Gehen Sie

auf die Anmerkungen ein, und nutzen

Sie sie für sich.

Schritt 4: Achten Sie bei der Umsetzung

darauf, dass Ihre Ziele klar formuliert

sind. Nicht alles, was Sie sich vornehmen,

wird sofort umsetzbar sein.

Setzen Sie Zwischenziele, das motiviert

die Mitarbeiter und schützt vor Frust.

Wenn Sie zum Beispiel in den kommenden

15 Jahren CO 2 -frei produzieren

wollen, versuchen Sie im ersten Schritt,

in den nächsten fünf Jahren den

CO 2 -Ausstoß um 30 Prozent zu senken.

Schritt 5: Überprüfen Sie Ziele und Zwischenziele

regelmäßig. Nur so können

Sie nachvollziehen, ob die Veränderungen

sinnvoll waren oder ob einige Ziele

nachjustiert oder völlig neu ausgerichtet

werden müssen. Vergessen Sie dabei

nicht, Erfolge auch zu kommunizieren.

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/TOBIAS HEYER

68 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»Lüge

nicht,

betrüge

nicht«

INTERVIEW | Nick Lin-Hi

Der Mannheimer CSR-Experte

warnt davor, gesellschaftliche

Verantwortung mit Gutmenschentum

zu verwechseln.

Herr Lin-Hi, Sie behaupten, Corporate

Social Responsibility werde in der Praxis

oftmals falsch verstanden. Wieso?

CSR wird leider immer wieder auf Sozialprojekte

reduziert. Es ist lobenswert, wenn

Unternehmen Gutes tun. Aber deswegen

übernehmen sie noch lange nicht Verantwortung.

Viele schmücken sich zu Unrecht

mit dem Begriff CSR.

Und wie wäre es richtig?

Die gesellschaftliche Funktion von Unternehmen

besteht darin, Produkte und

Dienstleistungen anzubieten. CSR bedeutet

im Kern, dass ein Betrieb die hierfür notwendige

Wertschöpfung verantwortlich organisiert

– also fair mit Mitarbeitern, Kunden,

Zulieferern und anderen Partnern umgeht.

Die gesellschaftliche Verantwortung

liegt darin, Gewinne nicht auf Kosten anderer

zu erzielen. Ein Unternehmen, das als

verantwortlich wahrgenommen werden

will, muss Fehlverhalten vermeiden.

Was sind typische Fehler?

Viele Unternehmen wollen ihren Profit

kurzfristig erhöhen. Das ist einer der zentralen

Gründe, warum es zu Fehlverhalten

kommt wie Preisabsprachen, Ausbeutung

von Mitarbeitern, Steuerhinterziehung

oder Täuschung von Kunden. Zudem haben

Unternehmen eine Verantwortung für

ihre Lieferanten. Die Praxis zeigt, dass viele

dieser nicht gerecht werden.

Ein harter Vorwurf. Worin liegt denn das

Versagen?

Die meisten tun zu wenig, um sicherzustellen,

dass etwa Lieferanten aus Ländern wie

China oder Bangladesch die Menschenrechte

nicht verletzen. Unternehmen sollten

wissen, dass ein einziger Skandal aus-

70 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: PR

reichen kann, damit die Öffentlichkeit es

als unverantwortlich wahrnimmt. Wie viele

gute Taten ein Unternehmen vorher vollbracht

hat, interessiert dann nicht mehr.

Was kann ein mittelständisches

Unternehmen tun, um verantwortlich zu

handeln?

Mittelständler tun viel Gutes, etwa im Rahmen

von Spenden oder Sponsoring. Aber

sie müssen zugleich Fehlverhalten vermeiden.

Versäumen sie das, droht bei Fehlern

ein Bumerang-Effekt, und die guten Taten

verstärken die negativen Effekte. Das kann

man auch als „Uli-Hoeneß-Effekt“ bezeichnen:

Hoeneß hat sich als moralische

Instanz inszeniert und durch sein Auftreten

in der Öffentlichkeit eine enorme Fallhöhe

geschaffen. Deshalb war die Reaktion

auf seinen Steuerbetrug so heftig. Im Zweifel

nimmt man die guten Taten eines Unternehmens

dann als Ablasshandel wahr.

Gutes zu tun lässt sich allerdings auch

leichter vermarkten als die Vermeidung

von Fehlverhalten.

Das ist nur auf den ersten Blick richtig. Ja,

ein Engagement für benachteiligte Jugendliche

oder den Regenwald lässt sich gut

kommunizieren. Meine Studien zeigen

aber, dass die Gesellschaft es auch honoriert,

wenn ein Unternehmen Schlechtes

vermeidet und etwa sicherstellt, dass es die

Umwelt nicht verpestet. Das Image von

Unternehmen an sich ist so negativ besetzt,

dass die Menschen schon positiv überrascht

sind, wenn Fehlverhalten aktiv unterbunden

wird. Für Unternehmen kann es

also sinnvoll sein, gezielt zu kommunizieren,

dass sie Fehlverhalten vermeiden.

DER WIRTSCHAFTSETHIKER

Lin-Hi, 33, ist seit 2009 Juniorprofessor

für Corporate Social Responsibility an der

Universität Mannheim. Vorher arbeitete er

als wissenschaftlicher Assistent an der

Forschungsprofessur für Nachhaltigkeit und

Globale Ethik an der Handelshochschule

Leipzig.

Wie sieht eine solche Kommunikation

konkret aus?

Das funktioniert nur dann, wenn Unternehmen

in belastbarer Weise nachweisen

können, dass sie über geeignete Strategien

und Maßnahmen für eine solche Vermeidung

verfügen. Zudem sollten Unternehmen

CSR nicht mit Marketing verwechseln.

Ansonsten besteht die Gefahr, dass

Dinge versprochen werden, die im Alltag

nicht nachgehalten werden können. Üblicherweise

leidet das Ansehen eines Unternehmens,

wenn sich zeigt, dass Worte und

Taten nicht zueinander passen.

Wie können CSR-Maßnahmen umgesetzt

werden?

Es ist wichtig, dass die Unternehmensführung

oder der Inhaber hinter dem Thema

stehen und verantwortliches Verhalten

vorleben. Wenn „die da oben“ Wasser predigen,

selbst aber Wein saufen, merken die

Mitarbeiter das sofort und nehmen CSR

nicht ernst. Ein verantwortliches Unternehmen

braucht Mitarbeiter, die proaktiv

sicherstellen, dass es nicht zu Fehlverhalten

kommt.

Wie lässt sich das verhindern?

Vieles entstammt der guten Kinderstube.

Lüge nicht, betrüge nicht, stehle nicht –

diese Normen sind eigentlich selbstverständlich.

Jeder weiß, dass Korruption oder

Kinderarbeit verboten sind. Die Herausforderung

besteht nicht darin, falsches Handeln

zu erkennen, sondern sich dagegen zu

entscheiden – auch wenn das Geld kostet.

Häufig sind die Kunden aber nicht bereit,

die Mehrkosten zu übernehmen.

Zugegeben, bei Massenprodukten wie

Hemden oder T-Shirts ist das schwierig.

Aber viele Mittelständler sind in Nischen

tätig, und da gelten oft andere Spielregeln.

Immer mehr Kunden sind bereit, verantwortliches

Verhalten zu honorieren. Mittelständler

können sich über CSR im Wettbewerb

differenzieren. CSR ist zudem ein

wichtiger Faktor, um gute Mitarbeiter zu

gewinnen und zu halten. Niemand arbeitet

gern bei einem Unternehmen, das als unverantwortlich

gilt.

n

lea deuber | unternehmen@wiwo.de

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Technik&Wissen

Aufstand der Heimatlosen

MOBILFUNK | Noch dominieren Apple und Samsung die Handywelt. Doch nun greift eine

Generation innovativer Startups die Marktführer an: mit innovativen Bedienkonzepten,

smarter Hardware – und billigen Smartphones für die nächste Milliarde Menschen.

Tim Cook und Jong-Kyun Shin stehen

im Grunde längst auf verlorenem

Posten, wenn sie mit neuen

Super-Smartphones die Massen

begeistern wollen. Was auch immer

der Apple-Chef oder sein koreanisches

Pendant, der Boss der Mobilfunksparte von

Samsung, zuletzt an Handyneuheiten präsentierten

– am Ende blieb Enttäuschung.

Das galt 2013 für Apples iPhone 5s. Und es

war bei Samsung nicht anders, als Shin vor

Kurzem auf dem Mobile World Congress in

Barcelona das Top-Modell Galaxy S5 vorstellte.

Beide sind Getriebene des Erfolgs ihrer

Vorgänger. Selbst wenn die Hersteller ihre

neuen Geräte mit Technik vollstopfen,

die Erwartungen der Mobilfunkwelt können

sie nicht mehr erfüllen. Was zählt da noch,

Web-Seiten per Augenbewegung durchsurfen

zu können, wenn die Fans auf Superrechner

hoffen, die bei Bedarf das Rote

Meer teilen oder Krebs heilen? Und dann

bekommen sie doch wieder nur ein Handy.

DOMINANZ DER LANGEWEILE

Auch Tim Cook wird es kaum anders ergehen,

wenn er im Herbst voraussichtlich das

iPhone 6 vorstellt. Es könnte flacher werden,

das Display größer, vielleicht randlos. Und

es stecken sicher eine bessere Kamera, ein

schnellerer Prozessor und ein stärkerer Akku

drin. Es wird das beste Apple-Handy aller

Zeiten sein, klar. Aber revolutionär, wie das

Ur-iPhone? Oder so lukrativ, wie das Geschäft

mit nachladbaren Apps, das Apple

mit der zweiten Auflage seiner Handysoftware

iOS eingeführt hat? Sicher nicht.

Die Branchengiganten sind in einem

Wettlauf der Superlative gefangen: Knapp jedes

zweite weltweit verkaufte Smartphone

stammt heute von Apple oder Samsung, hat

der US-Marktforscher Gartner ermittelt.

Noch dramatischer sieht es bei den Gewinnen

aus:Seit 2012 sind die beiden Riesen die

einzigen Hersteller, die mit Smartphones

Apple iPhone 5s

Samsung Galaxy S5

Nokia Lumia 1020

Blackberry Z 10

Plattform iOS: Das 2007 erstmals

vorgestellte Betriebssystem

verhalf dem Konzept Smartphone

weltweit zum Durchbruch

Plattform Android: Googles Antwort

auf Apple ist in großen Teilen

Open Source. Es lässt sich

teilweise individualisieren

Plattform Windows Phone: Anders

als iOS und Android setzt

Microsoft auf individuell anpassbare,

aktive Info-Kacheln

Plattform Blackberry OS 10:

Das System wird durch Fingergesten

gesteuert, laufende Apps

zeigt es als Programmfenster

Apps: Gut eine Million im App-

Store. Außer Web-Apps im

Browser funktionieren keine

Programme anderer Systeme

Apps: Rund eine Million Anwendungen

in Googles Playstore und

anderen App-Stores. Daneben

laufen Web-Apps im Browser

Apps: Knapp 150 000 Anwendungen

im Windows Store.

Zudem funktionieren Web-Apps

im Browser

Apps: Knapp 130 000 in der

Blackberry World. Seit Version

10.2.1 lassen sich zudem fast

alle Android-Apps installieren

FOTOS: PR

72 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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überhaupt noch Geld verdienen. Der Rest

der Branche – ob Blackberry, HTC, LG oder

Nokia – schreibt seit Langem mit Highend-

Handys Miese, so der kanadische Finanzdienstleister

Canaccord Genuity.

Wenn aber den Verfolgern das Geld für

radikale Ideen fehlt und den Dominatoren

der Druck, Neues zu wagen, was treibt dann

noch die Branche? Droht der Handywelt gar

Erstarrung auf High-Tech-Niveau?

KREATIVE REVOLUZZER

Mitnichten! Im Schatten von iOS, Android

und den Verfolgern Microsofts Windows

Phone und Blackberry stehen längst dynamische

Startups bereit, um die Branche aufzumischen

(siehe unten): Ob die durch ihren

Firefox-Web-Browser bekannte Mozilla-

Stiftung, die finnische Firma Jolla, die Linux-

Schmiede Ubuntu aus der PC-Welt oder das

von Samsung und Intel unterstützte Tizen-

Bündnis – weltweit arbeiten die Gründer an

kreativen Smartphone-Konzepten.

Was sie entwickeln, wird unseren Umgang

mit Handys tief greifend verändern.

Die Smartphone-Revoluzzer arbeiten etwa

an Geräten die künftig fast ohne Knöpfe,

rein über intuitive Gesten bedienbar

sind. Sie sind dabei, Softwareentwicklung

und -steuerung bei

Telefon, Tablet oder PC zu vereinheitlichen.

Immer mehr reißen die

Grenzen zwischen den Softwarewelten

ein. Bisher waren Handykäufer

an eine Plattform – meist

Android oder iOS – gebunden,

weil Apps aus einer Welt nicht auf

Geräten aus einer anderen funktionierten.

Nun bauen die Neulinge auf oft überraschende

Weise Brücken.

Vor allem aber öffnen die Newcomer der

nächsten Milliarde Menschen mit extrem

günstigen Multimedia-Telefonen erstmals

den Zugang zum Internet. Während in

Deutschland 2013 schon neun von zehn

verkauften Handys Smartphones waren, fiel

zeitgleich – weltweit betrachtet – nicht einmal

jedes dritte Telefon in diese Kategorie,

meldet der Mobilfunkausrüster Ericsson.

Dank neuer Geräte wird sich das nun rasant

ändern, brechen große Teile Afrikas,

Asiens und Südamerikas endlich ins Web-

Zeitalter auf: Schon bis 2019 werde sich der

Smartphone-Anteil am globalen Handy-

Gipfeltreffen

In der App-Ausgabe

lesen Sie einen

Vergleich der neuen

Top-Handys

Samsung Galaxy

S5 und HTC One

absatz laut Ericsson auf 60 Prozent

mehr als verdoppeln.

Treiber des Wandels ist eine Unternehmergeneration

zwischen

Ende 30 und Anfang 40. Es sind

Menschen wie Andreas Gal, Marc

Dillon oder Mark Shuttleworth.

Den Entwicklungschef der Mozilla-Stiftung,

den Mitgründer des

finnischen Startups Jolla und den

südafrikanischen Softwaremultimillionär –

alle eint der Wille, der Smartphone-Welt

neue Faszination zu verleihen.

Zum Beispiel Andreas Gal: Schlank, groß

gewachsen und mit raspelkurzem schwarzem

Haar wirkt der 38-jährige Deutsche, der

2001 in die USA zog, um sein Informatikstudium

abzuschließen, noch immer eher wie

ein Student. Tatsächlich aber ist er treibender

Kopf hinter der Smartphone-Software

Firefox OS von Mozilla. Der „furchtlose Anführer“,

wie ihn Kollegen im Spaß nennen,

hat sich dem Ziel verschrieben, die Technikplattform

für Mobilfunkkunden jenseits der

etablierten Märkte zu schaffen.

Grundlage ist ein effizientes Programmdesign,

das den Bau günstiger Multime-

»

Alcatel OneTouch Fire Jolla Phone Meizu MX3 Tizen Smartphone

Plattform Firefox OS: Das Betriebssystem

ist auf geringen

Leistungs- und Speicherbedarf

optimiert und ermöglicht so den

Bau sehr günstiger Smartphones

Plattform Sailfish: Die Software

basiert auf dem von Nokia

entwickelten Meego. Dessen Entwickler

gründeten nach Nokias

Wechsel zu Windows Jolla

Plattform Ubuntu Touch: Der

Entwickler Canonical will eine gemeinsame

Softwarewelt für PCs,

Tablets und Handys schaffen.

Erste Smartphones ab Herbst

Plattform Tizen: Auch dieses

Betriebssystem basiert auf Meego.

Es läuft auf vernetzten Uhren

von Samsung. Zudem gibt es

Handyprototypen (Foto)

Apps: Statt auf eine geschlossene

App-Welt setzt die Plattform

ausschließlich auf Web-Apps

Apps: Neben eigenen Apps sind

außerdem fast alle Android-Apps

lauffähig

Apps: Geringes Angebot. iOSund

Android-Apps lassen sich anpassen.

Web-Apps funktionieren

Apps: Noch ist offen, ob neben

Tizen- und Web-Programmen,

auch Android-Apps funktionieren

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 73

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Technik&Wissen

»

dia-Telefone ermöglicht, die es doch mit

etablierten Modellen aufnehmen können.

„Die großen Handyplattformen sind viel

zu leistungshungrig“, moniert Gal. Ohne viele

teure Prozessoren und viel Speicher reagierten

die Telefone zäh. Was iOS oder Android

an Hardware benötigten, sei für viele

Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern

zu teuer. „Wir wollen mit Partnern

möglichst bald Einsteigergeräte ab 25 Dollar

auf den Markt bringen – ohne Subventionen

vom Netzbetreiber“, sagt Gal, der mit seiner

Familie – Deutschstämmige aus Ungarn – als

Sechsjähriger in den Westen floh.

SMARTE ALTERNATIVEN

Mit Programmcode kennt sich Gal aus, der

als Jugendlicher selbst Computerspiele

schrieb, nachdem ihm die alten zu langweilig

wurden. Seit 2011 arbeitet er daran, das

Konzept des Firefox-Browsers in die Mobilfunkwelt

zu übertragen. Statt mithilfe komplexer

Software sollen Programme künftig

auch im Handy direkt in einer Art Browser

ablaufen. Das macht Telefone preiswerter,

erfordert aber auch ein neues App-Modell.

Bisher entwickeln Programmierer Anwendungen

meist speziell für iPhones oder

Android-Handys, für Windows Phone oder

für den Blackberry. Firefox OS dagegen

kennt keine geschlossene Softwarewelt. Es

setzt auf Web-Apps, wie sie sich im PC-

Browser schon lange nutzen lassen – von

der Textverarbeitung über Kalender bis hin

zu Rennspielen. Diese Programme laufen

im Browser jedes Smartphones, egal, ob von

Apple oder Samsung. Damit etablieren sich

Web-Apps zunehmend als smarte Alternative

zu den geschlossenen App-Welten.

Gals Strategie scheint schlüssig. „Firefox

OS hat von allen Newcomern die besten

Chancen vom Wachstum in den Zukunftsmärkten

zu profitieren“, sagt Thomas Husson,

Mobilfunkexperte beim Marktforscher

Forrester. „Umso mehr, als Firefox OS mit

Netzbetreibern wie Telefónica und Deutsche

Telekom starke Unterstützer hat.“

Dabei eignet sich Gals Handyalternative

nicht nur für preissensible Märkte. Die

Deutsche Telekom etwa vertreibt Firefox-

Telefone bereits in einigen Ländern Osteuropas

und über die Zweitmarke Congstar in

Deutschland. Fans wie Thomas Kiessling,

Innovationschef der Telekom, begeistert,

dass der Programmcode als Open Source

für alle Entwickler einsehbar ist. Ähnlich

wie in der PC-Welt beim Linux-Betriebssystem

kann auch bei Firefox OS jeder an der

Verbesserung der Plattform mitarbeiten.

„Bei iOS oder Googles Android bekommen

Externe weder echten Einblick in die

Softwaredetails, noch ist die Produktentwicklung

auf Dauer absehbar“, moniert

Kiessling. „Die Firefox-Welt dagegen gestalten

wir aktiv mit.“ Unter anderem arbeitet

ein Telekom-Team an neuen Sicherheitsmechanismen

für die Handys. Die stehen

dann (weil Open Source) zwar allen Partnern

zur Verfügung, „dafür wissen wir, dass

die Technik sicher und frei von Hintertüren

ist“, betont Kiessling. Das ist im Jahr eins

nach den Enthüllungen von Edward Snowden

in den Mobilfunkmärkten des Westens

ein ebenso großes Plus für Firefox OS wie

der niedrige Preis in Entwicklungsländern.

Dass es bei den neuen Betriebssystemen

um mehr geht als nur den Preis, sieht auch

Mark Shuttleworth so. Sein Unternehmen

Canonical treibt seit 2004 Entwicklung und

Vertrieb der Linux-Variante Ubuntu voran –

und will nun das erste Betriebssystem etablieren,

bei dem Programmierung und Bedienung

auf PCs, Tablets und Telefonen einheitlich

ist.

Grenzen verschwimmen

Welche Apps verschiedenerBetriebssysteme auf welchen Handys laufen

Apple

Smartphone-Betriebssysteme

Smartphone-Hersteller

Firefox

OS

Ubuntu

Touch

iOS

Alcatel, ZTE,

Spreadtrum etc.

HTC

Meizu, BQ Blackberry Jolla

Quelle: Unternehmen, eigene Recherchen

Windows

Phone

Blackberry

OS10

Web-

Apps

Android

kann auf allen Geräten

eingesetzt werden

Tizen

Nokia

Lumia X-Serie

Samsung

Sony, LG,

Huawai,

Motorola etc.

Sailfish

COOLNESS STATT MASSENWARE

Wenn, voraussichtlich ab Spätsommer, erste

Smartphones mit der Ubuntu-Touch-Software

in den Handel kommen, sollen die –

trotz günstiger Einstiegspreise von 200 bis

300 Euro – ausdrücklich nicht nur Sparfüchse

begeistern. „Wir wollen Leute mit einem

,digitalen‘ Lebensstil erreichen, die jünger

trendiger, technisch aufgeschlossener sind“,

sagt Shuttleworth. Seine Ubuntu-Handys

seien „hübscher als Android und schneller

sowie flüssiger als Firefox“, verspricht er.

„Unsere Zielgruppen suchen neue, coole

Produkte, nicht Massenware.“ Die Käufer

gibt es vor allem im Fernen Osten, glaubt

Shuttleworth, der Ende 1999 beim Verkauf

seines Internet-Dienstleisters Thawte an

den US-Konzern Verisign mehr als eine halbe

Milliarde Dollar einstrich. „China ist superwichtig

für uns, Europa interessant – und

den US-Markt haben wir im Blick“, erklärt

der 40-Jährige die Wahl der Hersteller Meizu

und BQ, die in China und Spanien

Smartphones produzieren. „Bestellen können

Sie die Geräte überall, aber wir fokussieren

uns auf die beiden ersten Märkte.“

Langfristig aber reicht das nicht, wenn der

Finanzwissenschaftler und Informatiker

Shuttleworth wie geplant wachsen will. Um

die sieben Prozent Marktanteil peilt er für

die Ubuntu-Handys an. Das ist grob so viel,

FOTO: LAIF/SVEN TORFINN

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wie die Nummer drei und vier im Markt, Microsofts

Windows Phone und Blackberry,

im Handyverkauf erreichen – zusammengenommen

wohlgemerkt.

Andererseits haben große Ziele den Softwaremillionär

immer schon eher beflügelt

als abgeschreckt. 2002 flog er als zweiter

Weltraumtourist mit einer Sojus-Rakete zur

Internationalen Raumstation ISS. Neben geschätzt

20 Millionen Dollar fürs Ticket erforderte

der Trip auch ein Jahr Raumfahrttraining,

sieben Monate davon in Russland.

Trotz aller großen Pläne hat Ubuntu ein

Problem: Noch gibt es kaum eigene Apps.

Immerhin funktionieren Web-Apps , die auf

allen Geräten laufen, auch hier. Und zudem

profitiert der Neuling vom gemeinsamen

Erbe, das fast alle Handyplattformen verbindet:

Denn Urahn vieler Betriebssysteme ist

Linux, das es in Shuttelworths Fall sogar ins

Handy geschafft hat. Doch auch in Firefox

OS, Googles Android, Tizen oder Jollas Sailfish

steckt jede Menge genetischer Linux-

Code (Grafik links). Und das erleichtert – zumindest

grundsätzlich – die Anpassung

fremder Apps auch an Ubuntu und Co.

MIT TRICKS GEGEN DIE APP-NOT

Kaum einer aber ging dabei so keck zu Werke

wie Marc Dillon, der Mitgründer und

Softwarechef von Jolla. Er hat kurzerhand

ein als Open-Source-Software frei verfügbares

Programmmodul aus Android in seine

Software implantiert. Nun läuft der größte

Teil der Android-Apps ohne weitere Anpassung

direkt in Sailfish. Einen ähnlichen Softwaretrick

hat Blackberry gerade in sein

jüngstes Betriebssystem-Update integriert.

Wie gut die Welten harmonieren, muss

sich aber noch zeigen, denn schließlich sind

Surfen in der Savanne Neue Handys bringen

Menschen aus Entwicklungsländern ins Netz

Android-Anwendungen in der Regel für die

Bedienung über die drei Steuerknöpfe am

Fuß des Handybildschirms konzipiert. Die

Blackberry-Software, und mehr noch Sailfish

dagegen lassen sich primär per Wischgesten

übers Display steuern.

Dass das Bereitschaft zur Umgewöhnung

erfordert, weiß auch Dillon: „Es braucht ein,

zwei Stunden, die Gesten zu lernen, eine

Woche sie zu verinnerlichen – und zwei, bis

du sie liebst“, sagt Dillon, der 41-Jährige, der

2001 in Kalifornien bei Nokia anheuerte. Vor

acht Jahren zog er nach Finnland, um einen

Nachfolger für Nokias angejahrtes Handybetriebssystem

Symbian zu entwickeln.

Doch als die Meego genannte und gemeinsam

mit Spezialisten des IT-Konzerns

Intel entwickelte Software kurz vor dem

Marktstart stand, vollzog der damalige Nokia-Chef

Stephen Elop die strategische

Kehrtwende: Die Finnen kündigten den

Wechsel zu Microsofts Windows Phone an.

Nokia verkündete zwar, die Software werde

zum Open-Source-Projekt, „doch das

war nur eine nette Umschreibung für das

Ende“, erinnert sich Dillon. „Nach Jahren

Jolla umwirbt

Neugierige mit

einem trojanischen

Pferd fürs Handy

harter Arbeit waren wir heimatlos.“ Die Intel-Truppe

führte Teile von Meego unter eigener

Regie weiter und brachte sie schließlich

in das heute mit Samsung betriebene

Tizen-Projekt ein. Dillon und ein paar Ex-

Kollegen hingegen beschlossen, selbst das

Smartphone zu bauen, das Nokia nicht

mehr wollte. Sie steckten 2012 einen Teil ihrer

Abfindungen ins Startup Jolla (angelehnt

an die flinke Jolle, die dem Tanker Nokia

davonsegelt), gewannen Investoren, unter

anderem aus Hongkong, und schufen

aus den Meego-Resten Sailfish.

Die neuen Jolla-Phones grenzen sich

nicht nur durch ihre Gestensteuerung von

iOS oder Android ab. Zudem lassen sich

Apps – überraschend bequem – parallel in

mehreren, zugleich geöffneten Programmfenstern

managen. Und noch ein smartes

Detail haben sich die Jolla-Gründer ausgedacht:

Sie nennen es „die andere Hälfte“, einen

austauschbaren Rücken fürs Telefon.

DEN RÜCKEN SELBER DRUCKEN

Das ist mehr als nur eine Neuauflage der alten

Wechselschalen fürs Gehäuse. Denn im

neuen Rücken steckt ein Mikrochip. Er verpasst

dem Telefon nicht nur ein neues Hintergrundbild

oder anders gestaltete Programmsymbole.

Beim Austausch-Rücken

von Rovio, dem Entwickler des Spielehits

Angry Birds, gibt es gleich noch das passende

Handy-Game dazu. Und wer noch mehr

Individualismus wünscht, der produziert

sich seine persönliche „andere Hälfte“ fürs

Jolla künftig am 3-D-Drucker selbst.

Solche Hardwarefinessen gibt’s erst einmal

nur für Käufer der realen Smartphones.

Aber wer Sailfish zumindest einmal ausprobieren

will, den wollen die Finnen mit einer

Art trojanischem Pferd locken: Demnächst

wollen sie eine Sailfish-Test-App mit Gestensteuerung

als Gratis-Download in Googles

Playstore einstellen. Sie ersetzt die normale

Android-Oberfläche und macht aus

ordinären Android-Handys Sailfish-Klone.

Wem Optik und System gefallen, dem

wollen die forschen Finnen sogar anbieten,

Android kurzerhand komplett durch ihre

Software zu ersetzen. „Technisch ist das bei

neueren Modellen kein Problem“, sagt Dillon.

So kapert er die Geräte der Konkurrenz

quasi von innen.

Damit ist klar: Wenn die Riesen nicht aufpassen,

machen ihnen die angriffslustigen

Zwerge das Leben noch schwerer. Die

Smartphone-Fans aber dürfen – auch jenseits

von Apple und Samsung – erst recht

mit einer Flut innovativer Ideen rechnen. n

thomas.kuhn@wiwo.de

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Technik&Wissen

Kleine Muskeln, große Fische

WETTBEWERB | Leise Laubbläser, günstige Medizintests, sichere Datenspeicher: 15 geniale Erfindungen

haben es beim Deutschen Innovationspreis in die letzte Runde geschafft. Doch wer gewinnt?

Wer dieses Jahr die eingereichten

Ideen beim Deutschen

Innovationspreis

sieht, muss nicht um den

Standort Deutschland bangen:

Die Unternehmen haben

jede Menge spannende

Ideen, die sie produktiver

oder unser Leben angenehmer machen.

Hier finden Sie die Finalisten; wer gewinnt,

lesen Sie nächste Woche. Und wer

selbst mitmachen will, Infos gibt es unter:

www.der-deutsche-innovationspreis.de

ACTUATOR SOLUTIONS

Draht mit Gedächtnis

Große Ideen kommen manchmal ganz

klein daher. So auch beim Startup Actuator

Solutions aus Gunzenhausen, das im

Markt für Handykameras reüssieren will:

mit einem haarfeinen Draht aus Gedächtnismetall.

Je nach dem, wie lange er unter

Strom steht, dehnt er sich wie ein Muskel

aus oder zieht sich in die Ursprungsform

zusammen. So bewegt er Linsen im Foto-

Handy und stellt das Bild scharf. Die Technik

ist kleiner, leichter und stromsparender

als bisher genutzte Elektromotoren.

AESKU SYSTEMS

Roboter gegen Rheuma

Es passiert immer wieder: Das Immunsystem

greift den eigenen Körper an. Rheuma

und Diabetes sind Beispiele solcher Autoimmunerkrankungen.

Sie zu analysieren

war mühsam. Labormitarbeiter müssen

Patienten-Blutproben mit Farbstoffen behandeln,

die so entstehenden Leuchtmuster

unter dem Mikroskop begutachten und

fotografieren. All das erledigt der Roboter

Helios von Aesku Systems aus Wendelsheim

in Rheinland-Pfalz zeit- und kostensparend

automatisch.

CASH PAYMENT SOLUTIONS

Bargeld im Netz

Bei fast der Hälfte der Web-Bestellungen

brechen Kunden die Order ab – weil ihnen

die Bezahlweise nicht sicher genug erscheint.

Um das zu ändern, setzt das Berliner

Startup Cash Payment Solutions auch

für Online-Käufe auf Barzahlung. Der Verbraucher

bestellt im Netz und erhält einen

Barcode. Den lässt er bei Einzelhändlern

wie dm-Drogerie Markt oder Real einscannen,

zahlt – anonym und sicher – und bekommt

die Ware vom Online-Shop geliefert.

Aber auch der stationäre Händler profitiert,

weil Kunden in die Läden kommen.

DAVID VISION SYSTEMS

Kopierer für Archäologen

3-D-Drucker boomen: Privatleute drucken

defekte Türknäufe oder selbst gestalteten

Schmuck. Profi-Nutzer wie Archäologen

können aus Funden etwa antike Vasen rekonstruieren.

Doch der nötige 3-D-Scanner,

der Gegenstände räumlich erfasst, ist

meist teuer. Eine preiswerte Alternative hat

David Vision Systems aus Koblenz entwickelt.

Der Benutzer fährt mit einem Laserstrahl,

der ein Linienmuster erzeugt, über

das gewünschte Objekt und filmt das mit

einer Web-Cam. Eine Software erzeugt aus

den Aufnahmen das 3-D-Abbild.

DEUTSCHE TELEKOM

Dolmetscher im Haus

So wie einst bei Videorekordern verschiedene

Systeme um die Vorherschaft konkurrierten,

entspinnt sich nun der Systemstreit

im Boom-Markt vernetzter Häuser. Noch

kommunizieren Sensoren, Steuerungen

und Schalter vieler Hersteller mit inkompatiblen

Funktechniken. Einen smarten

Dolmetscher offeriert die Deutsche Telekom

mit der Qivicon-Plattform. Für die hat

der Konzern eine Vielzahl von Hardwarelieferanten

in einer Allianz vereint. Basis ist

eine Steuereinheit, die zwischen den Funktechniken

übersetzt und es dem Hausbesitzer

ermöglicht, von fern unter anderem

Licht oder Heizung zu schalten.

IFM ELECTRONIC

Sensor für produktive Fabriken

Damit die Produktion nicht stockt, müssen

etwa Fertigungsroboter wissen, wann das

Bauteil zur Montage bereitsteht, und Abfüllmaschinen,

wann die Flasche unter die

Einfülldüse fährt. Die Essener Ifm Electronic

hat einen optischen Sensor entwickelt,

der wenig kostet, die Position von Werkstücken

aber dank neuer Messtechnik zuverlässig

wie nie zuvor erfasst. Dabei lässt er

sich weder von Farben noch von spiegelnden

Oberflächen irritieren. Zudem ist er

schnell montiert und aktiviert.

IT-CUBE SYSTEMS

Wächter des Wissens

Geschäftszahlen, Aufträge, vertrauliche

Personaldaten: Solche Informationen dürfen

nicht verloren gehen oder in fremde

Hände geraten. Doch wenn ein Unternehmen

im Lauf der Zeit neue Technik für Vertrieb

oder Buchhaltung installiert, geht

schon mal der Überblick verloren. Da setzt

das Produkt agileSI von iT-Cube Systems

aus München an. Es deckt zum Beispiel auf,

wenn Unbefugte auf Daten zugreifen wollen,

und hilft, Missbrauch zu bekämpfen.

ITHERA MEDICAL

Scharfe Bilder aus dem Körper

Mit Licht Töne zu erzeugen – mit diesem

neuen Trick, der Opto-Akustik, stellen Ärzte

Adern, Gewebe oder Zellen in nie gekannter

Auflösung dar. Sie jagen dazu kurz

getaktete Laserblitze in das Gewebe. Das

erwärmt sich kurz und dehnt sich für einen

Moment ein wenig aus. Diese Minibewegungen

erzeugen akustische Druckwellen.

Detektoren registrieren sie, und eine Software

setzt sie zu einem Bild zusammen.

Erste Geräte hat die Münchner iThera Medical

bereits verkauft, derzeit vor allem für

die Forschung. Analysegeräte, die etwa

Krebszellen aufspüren, sollen folgen.

KARL STORZ

Das iPhone unter den Endoskopen

Schon seit Jahren nutzen Ärzte Endoskope:

Sie schieben Kameras, Lämpchen und Instrumente

wie winzige Scheren in Magen,

Darm oder Lunge. Bisher waren dazu stets

mehrere sperrige Geräte notwendig. Nun

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hat der Medizintechnikspezialist Karl Storz

aus Tuttlingen alle Komponenten in nur einem

sieben Kilogramm schweren Gerät

namens Tele Pack X integriert. Es lässt sich

wie ein riesiges iPhone über den Bildschirm

steuern. Zielgruppe sind nicht nur

Ärzte, sondern auch Techniker, die damit

etwa Flugzeugturbinen kontrollieren.

MERCK

Talente als Erfinder

Im Kampf um die besten Nachwuchskräfte

hat sich die Pharmasparte des Darmstädter

Konzerns Merck etwas Besonderes einfallen

lassen: einen Innovation Cup an

weltweit ausgewählten Eliteuniversitäten.

Teams aus Studenten der Naturwissenschaft

und Betriebswirtschaft treten gemeinsam

mit erfahrenen Merck-Forschern

im Ruhestand gegeneinander an, um konkrete

Probleme, etwa aus der Krebsforschung

oder Sensorentwicklung, zu lösen.

Sieben dieser Konzepte setzt Merck bereits

um, zum Beispiel einen Impfstoff gegen

Krebs. Durch den Cup wirbt das Unternehmen

nicht nur für sich als Arbeitgeber, sondern

nutzt zugleich die Kreativität der Studierenden

zur Produktentwicklung.

MICROBOX

Gedächtnis mit Laser

Wer Daten über Jahrzehnte speichern will,

kann sich nicht auf Festplatten oder Magnetbänder

verlassen. Zu groß ist das Risiko,

dass die Speicher ausfallen oder künftige

Programme alte Datensätze nicht mehr lesen

können. Die Bad Nauheimer Microbox

hat daher ein altbekanntes Verfahren modernisiert

– den Mikrofilm. Sie hat einen

Laserdrucker entwickelt, der Dokumente

in miniaturisierter Form auf den Film überträgt

– schneller und preiswerter als bisher.

Das Gerät, klein wie zwei Schuhkästen,

lässt sich an jeden Computer anschließen.

NEOMAR

Meeresfische an Land

Eine Möglichkeit, die weltweit schrumpfenden

Fischbestände zu schonen, ist die

Großes Aquarium

Die Macher von

Neomar, Jochen

Dahm, Bert Becker,

Uwe Waller (von

links), züchten

Meeresfische

im Binnenland

Zucht. Doch das klappte bisher nur an den

Küsten – was der Anlagenbauer Neomar aus

der Nähe von Hannover nun ändert. Er hat

Systeme mit nahezu geschlossenem Wasserkreislauf

entwickelt, die fern der Meere funktionieren.

Ausscheidungen der Fische filtert

die Technik, sodass die Umwelt nicht belastet

wird. Und auch lange Transporte etwa für

tropischen Fisch entfallen. 100 Tonnen Meerestiere

hat Neomar schon produziert.

OTTO

Software optimiert Verkäufe

Zwei Millionen verschiedene Produkte verkauft

der Handelskonzern Otto via Internet

und Katalog. Bei der Entscheidung, wie viel

Stück von jeder Ware die Einkäufer ordern,

hilft eine neue Software, die Otto entwickelt

hat: Sie prognostiziert laufend die zu

erwartenden Bestellungen, basierend auf

200 Faktoren wie Wetter, Farbe oder Verkäufen

der Vorjahre. Die Vorhersagen sind

bis zu 40 Prozent genauer als früher.

SECOMBA

Sichere Dropbox

Die Spähaktionen der Geheimdienste haben

vergangenes Jahr Manager und Privatleute

alarmiert. Denn viele von ihnen lagern

noch immer sensible Daten unverschlüsselt

auf PCs oder in Cloud-Speichern

im Internet. Einen besseren Schutz bietet

die Software Boxcryptor des Augsburger

Startups Secomba. Das in der Basisversion

kostenfreie Programm richtet auf dem lokalen

Rechner einen gesicherten Bereich

ein. Dort abgelegte Informationen gleicht

es hochverschlüsselt mit Online-Speichern,

anderen PCs oder Smartphones ab.

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

STIHL

Pusten mit Ausdauer

Kettensägen oder Heckenscheren mit Akku

konnten bei der Leistung bisher kaum mit

benzingetriebenen Geräten mithalten. Der

schwäbische Hersteller Stihl hat es nun geschafft,

indem er etwa bei Laubbläsern und

Freischneidern Antrieb, Steuereinheit und

Akkupack als Gesamtsystem für den Elektrobetrieb

optimiert hat. Dank rund 50 Erfindungen

und über 170 Patentanmeldungen

in den E-Maschinen können nun zum

Beispiel Waldarbeiter Bäume fällen – ohne

Gehörschutz und stinkende Abgase. n

lothar.kuhn@wiwo.de, dieter dürand,

thomas kuhn, susanne kutter, andreas menn,

jürgen rees, benjamin reuter

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Technik&Wissen

Sportler auf Diät

AUTO | Der britische Hersteller Jaguar Land Rover macht derzeit

alles richtig. Wenn da nicht das lästige Abgasthema wäre.

Wurzelholz ist das Sinnbild englischer

Gediegenheit. Doch im neuen

Jaguar F-Type Coupé? Keine

Spur. Stattdessen gibt es mit 550 PS aus einem

mächtigen V8-Motor Leistung satt.

Gratis dazu ein Schalter in der Mittelkonsole,

der das Motorengeräusch des Sportwagens

von schon ziemlich laut auf pubertär

lärmend wechselt. Das macht auf jedem

Boulevard etwas her.

Das soll ein Jaguar sein?

Oh ja, und was für einer. Einer, der als

Gegner für Porsche, BMW und Co. taugt.

Der elegante Zweisitzer ist die geschlossene

– und attraktivere – Variante des vor

einem Jahr vorgestellten Cabrios und

kommt am 12. April auf den Markt. Er spekuliert

ganz ungeniert auf die Strahlkraft

seines legendären Vorgängers E-Type,

glücklicherweise ohne den Urahn zu kopieren.

Der kam vor gut 50 Jahren als erster

Sportwagen auf den Markt, der mit einer

Höchstgeschwindigkeit von 250 Kilometern

pro Stunde tatsächlich so schnell war,

wie er aussah. Unvergessen die ellenlange

Kühlerhaube, die ihn heute zu einem der

begehrtesten Oldtimer überhaupt macht.

Jaguar hat wieder einen Lauf. Schlag auf

Schlag folgen in den nächsten Jahren neue

Modelle, die die Erfolgsgeschichte der vergangenen

Jahre – steigende Absatzzahlen,

stolze Gewinne – fortschreiben sollen.

Doch ob die ehrgeizigen Pläne aufgehen,

ist alles andere als sicher. Noch ist der technische

Nachholbedarf enorm. Vor allem

die Abgaswerte der meist großen und leistungsstarken

Fahrzeuge von Jaguar und

der Schwestermarke Land Rover müssen

sinken. Heute gehören sie zu den schlechtesten

der Branche (siehe Grafik).

DANKBARE KUNDEN

Dabei hatten die Fans der britischen Marke

gerade gehofft, Jaguar sei nun endlich über

den Berg. Jahrelang hatten sie genauso wie

das Management darauf gedrängt, den

E-Type, die Stilikone der Sechzigerjahre,

wieder aufleben zu lassen. Dass dies nun

gelang, haben sie einer Person zu verdanken:

dem indischen Großunternehmer Ratan

Tata, Herr über einen riesigen Mischkonzern

mit 72 Milliarden Euro Umsatz.

Schlechte Bilanz

Wie viel Kohlendioxid (CO 2 ) alle Modelle

ausgewählter Oberklassehersteller im

Durchschnitt ausstoßen*

BMW 139,4

Audi 139,7

Mercedes 148,7

Porsche 204,7

Jaguar177,7

*CO 2 -Ausstoß in Gramm pro Kilometer, Stand 2013

Er hat Jaguar und Land Rover 2008 vom

US-Autokonzern Ford für 1,4 Milliarden

Euro übernommen. Er küsste die siechen

Marken wach, investierte noch einmal 1,5

Milliarden Euro und installierte eine neue

Führungscrew, darunter mehrere Deutsche.

Das Führungsteam brachte neue attraktive

Modelle – vor allem bei Land Rover

– auf den Markt. Die Kunden griffen

dankbar zu und verdoppelten den Absatz

in den vergangenen fünf Jahren auf zuletzt

425 006 Fahrzeuge. Alleine 76 668 davon

entfallen auf Jaguar: das beste Ergebnis

seit 2005.

Doch Geländewagen sind durstig, schicke

Sportwagen und Luxuslimousinen

ebenso. Jaguars Modelle stießen 2013 fast

178 Gramm des Klimagases Kohlendioxid

(CO 2 ) pro Kilometer aus, Land Rover sogar

196 Gramm. In Europa weist nur Porsche –

abgesehen von ein paar Exoten – mit 205

Gramm eine noch schlechtere Ökobilanz

als die Briten auf.

Es drohen Strafzahlungen in der Europäischen

Union und auch in Kalifornien,

die für einen kleinen Hersteller existenzbedrohend

sein können. Ab 2015 erlaubt

die EU nur noch einen CO 2 -Ausstoß von

130 Gramm, für Jaguar Land Rover als Gesamtunternehmen

gibt es einen Gewichtsbonus

von 164 Gramm. Aber selbst

von diesem Wert ist der Hersteller noch

weit entfernt. Und am Horizont drohen

die noch strengeren Abgaswerte von 2020,

wenn der EU-Grenzwert gar auf 90

Gramm sinkt.

FLOPS SIND VERBOTEN

Ist das zu schaffen? „Wir erreichen die Klimaziele“,

gibt sich Unternehmenschef Ralf

Speth gelassen. Alle Autos kommen beispielsweise

mit Aluminiumkarossen auf

Diät, die je nach Modell mehrere Hundert

Kilogramm Gewicht spart. Aber das reicht

noch nicht, denn trotz Alu-Diät wiegt

selbst ein zweisitziger Sportwagen wie der

F-Type noch fast 1700 Kilogramm. Das ist

zu viel, um wirklich sparsam zu sein.

Große Hoffnungen setzen die Jaguar-

Leute daher auf die neue selbst entwickelte

Vier-Zylinder-Motorengeneration, die

2015 erstmals im neuen Edel-Geländewagen

C-X17 und im neuen Mittelklassemodell

XE zum Einsatz kommt. Sein Auftrag:

die arrivierten Gegner wie Audi A4, BMW

3er oder Mercedes C-Klasse herauszufordern.

Die neuen Motoren sollen nicht nur

preisgünstiger als die vom französischen

PSA-Konzern (Peugeot, Citroën) gelieferten

Vorgänger sein, sondern vermutlich

dank zweier Turbolader und nur zwei Litern

Hubraum deutlich sparsamer. Unter

100 Gramm CO 2 sollen sie pro Kilometer

ausstoßen, das entspricht einem Normverbrauch

von weniger als fünf Liter Benzin

pro 100 Kilometer.

Auch das genügt für 2020 noch nicht:

Um den CO 2 -Ausstoß noch weiter zu senken,

müssen die Briten schließlich Hybridantriebe

in ihre leistungsstarken Modelle

einbauen, also einen Elektro- mit einem

Verbrennungsmotor kombinieren.

Doch solche Entwicklungen kosten

Geld, mehr als ein kleiner Hersteller wie Jaguar

Land Rover möglicherweise aufbringen

kann. Floppt ein neues Modell, ist die

weitere Finanzierung des Aufschwungs gefährdet,

und die Briten brauchen einen

Partner. Denn ob Besitzer Tata wieder das

Portemonnaie öffnet, ist nicht sicher. n

juergen.rees@wiwo.de

FOTOS: PR

78 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Nur wer Vertrauen hat, teilt seine Daten.

Das aber verspielen gerade die großen IT-Konzerne.

Die Idee von Big Data droht zu scheitern, bevor sie eine

echte Chance hatte. Von Matthias Hohensee

Schuss in den Fuß

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Um zündende Schlagworte war

im Silicon Valley noch nie jemand

verlegen. Trieb in den

Neunzigerjahren der Allgemeinplatz

Dotcom die Internet-Branche an,

folgten im Jahrzehnt darauf die etwas konkreteren

Begriffe Web 2.0 und Social Networking.

Heute reden alle vom Internet der

Dinge, Cloud Computing und Big Data.

Hunderte von Studien versprechen, dass

die eng miteinander verzahnten Megatrends

das Wachstum der Internet-Branche

für mindestens die nächsten 20 Jahre sichern

werden. Die Daten von allzeit mit

dem Internet vernetzten Gegenständen

kontinuierlich zu analysieren, vom Notebook

übers Smartphone bis hin zur heimischen

Steckdose und dem persönlichen

Fitnessmesser am Handgelenk, birgt enormes

Potenzial. Neue Anwendungsmöglichkeiten

für Medikamente, niedrigerer Stromverbrauch,

transparentere Preise und mehr

Wettbewerb durch den Vergleich von Produkten

und Dienstleistungen, exzellenter

Service sowie digitale Softwareagenten, die

rund um die Uhr Bedürfnisse erahnen – an

Versprechungen mangelt es nicht.

Was die vielen Studien zu den neuen

Wohltätern nur am Rande behandeln: All

das passiert nur, wenn die notwendigen

Daten verfügbar sind und sie sich zwecks

Interpretation zumindest ansatzweise ihren

Verursachern zuordnen lassen. Ob etwa ein

Medikament nur jungen oder auch älteren

Patienten hilft, ist ein großer Unterschied.

Damit solche Informationen frei fließen

können, ist Vertrauen erforderlich – dass

niemand diese Daten missbraucht. Doch

das ist momentan gewaltig erschüttert.

Selbst die Macher im fortschrittsoptimistischen

Silicon Valley sorgen sich allmählich

um die so schön definierten neuen Megamärkte.

Die Stimmung ist enorm gereizt.

Sogar Internet-Größen wie Facebook-Chef

Mark Zuckerberg und Googles-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt haben sich

jüngst persönlich bei US-Präsident Barack

Obama beklagt. Zumal sich ihre wichtigsten

Kunden mittlerweile im Ausland befinden.

Es geht nicht nur um die Enthüllungen

über die Lausch- und Spionageaktivitäten

von US-Behörden, bei denen die Rolle und

die Pflichten amerikanischer Internet-Größen

wie Google, Yahoo, Microsoft und Facebook

noch immer nicht klar sind. Vom normalen

Internet-Nutzer ganz abgesehen,

welcher Unternehmer kann noch guten Gewissens

digitale Werkzeuge ausländischer

Herkunft einsetzen, wenn Geheimdienste

oder die Konkurrenz diese anzapfen können?

Besonders, wenn dabei auch noch die

Daten von Kunden betroffen sind.

MICROSOFT SPIONIERT

Damit nicht genug, die Branche schießt

sich auch noch selber in den Fuß – allen voran

Microsoft, dessen neuer Konzernchef

Satya Nadella mit Cloud Computing punkten

will. Die Manager des Softwarekonzerns

wollten dem Verrat von Betriebsgeheimnissen

in den eigenen Reihen auf die Spur

kommen und zapften das E-Mail-Konto eines

Bloggers an. Dieser nutzte Microsofts

Dienst Hotmail. All dies passierte ohne richterliche

Genehmigung, wie jetzt in einem

Gerichtsverfahren publik wurde.

Die Rechtsabteilung von Microsoft verteidigt

sich damit, dass es um das Aufdecken

krimineller Aktivitäten ging und die

Nutzungsbedingungen in diesem Fall einen

solchen Zugriff erlaubten. Zumindest haben

die Verantwortlichen die Brisanz erkannt

und wollen künftig einen externen Juristen

heranziehen. Das ändert aber nichts

daran: Es bedarf offensichtlich in den USA

keiner richterlichen Genehmigung, Nutzerdaten

auszuwerten, wenn Microsoft seine

Geschäftsinteressen bedroht sieht.

Wirkungsvoller lässt sich der Ruf der eigenen

Produkte kaum beschädigen. Wenn

die Internet-Branche so weitermacht, kann

sie Big Data wahrscheinlich bald in No Data

umbenennen.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 79

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Management&Erfolg

Endlich mal was Neues!

CHANGE MANAGEMENT | Unternehmen müssen sich wandeln, Mitarbeiter stehen

Veränderungen aber oft skeptisch gegenüber. Führungskräfte können dieses Dilemma

lösen – indem sie Betroffene zu Beteiligten machen.

ANLEITUNG

Vorsicht, Falle!

Die drei häufigsten Fehler bei

Veränderungen.

ALLES DIKTIEREN

Wer seine Angestellten nicht vergraulen

will, darf keinesfalls autokratische

Befehle erteilen oder den Eindruck erwecken,

dass die oberste Führungsetage

alle Veränderungen von oben herab

diktiert. Führungskräfte sollen zwar das

Ziel vorgeben. Doch am Weg dorthin

muss die Belegschaft mitwirken.

NICHTS ENTSCHEIDEN

Zu viel Basisdemokratie führt zu Aufschieberitis,

Planlosigkeit und Verwirrung.

Ob eine geplante Veränderung

überhaupt sinnvoll ist, sollte zwar unbedingt

geklärt werden – bevor konkrete

Schritte überlegt werden. Doch diese

Entscheidung sollte keinesfalls im Kreis

der Mitarbeiter erörtert werden. Wer

den Sumpf trockenlegen will, fragt

besser nicht die Frösche.

ZU VIEL WOLLEN

Gut gemeint, schlecht gemacht: Wer zu

schnell zu viel verändern will, erregt

Widerstand. Nicht aus Bösartigkeit,

sondern oft aus Gewohnheit. Umso

wichtiger, dass Manager die Angestellten

nicht überfordern – und immer

wieder mantraartig klarmachen, warum

die Veränderung alternativlos ist.

Soll niemand sagen, Joe Kaeser

sei unflexibel. Als er 1995 für Siemens

in die USA ging, hieß er

noch Josef Käser. Doch das

klang zu sehr nach dem Burschen

aus dem 2000-Seelen-Ort Arnbruck

– und zu wenig nach dem Manager eines

Weltkonzerns. Er änderte seinen Namen.

Inzwischen ist Kaeser an der Siemens-

Spitze, auf Veränderungen steht er weiterhin.

Bevor er vom Finanzchef zum Vorstandsvorsitzenden

wurde, rasierte er den

dicken Schnurrbart ab und nahm einige

Kilos ab. Diese Wandelbarkeit verlangt er

nun auch von Siemens.

Sein Vorgänger Peter Löscher hatte das

Geschäft in vier Sektoren gegliedert – Gesundheit,

Energie, Industrie, Infrastruktur

& Städte. Diese Struktur will Kaeser beenden.

So will er Abläufe beschleunigen und

den Kunden näher rücken.

Kaeser verlässt sich vor allem auf seinen

Instinkt und seine Erfahrung: „Man muss

nicht unbedingt Beratungsfirmen beauftragen,

um zu erfahren, welche Dinge verändert

werden müssen.“ 362 000 Mitarbeiter

hoffen, dass er recht behält – und sich

die Veränderungen als richtig erweisen.

„Alles fließt“, schrieb der griechische

Philosoph Heraklit bereits im 5. Jahrhundert

vor Christus. Der Evolutionsbiologe

Charles Darwin sagte im 19. Jahrhundert:

„Weder die stärkste noch die intelligenteste

Spezies überlebt. Sondern jene, die sich

am besten dem Wandel anpasst.“ Das gilt

auch für Unternehmen. Mehr denn je.

Ein Produkt, das sich an einem Tag gut

verkauft, kann am nächsten schon wie Blei

in den Regalen liegen. Ein profitables Geschäftsmodell

wird kopiert, Trends kommen

und gehen. Konzerne fusionieren,

Chefs wechseln, Teams werden ausgetauscht.

Kurzum: Erfolgsrezepte von heute

sind morgen häufig wertlos.

Aber wie können Führungskräfte Veränderungen

sinnvoll planen, kommunizieren

und umsetzen – und zwar so, dass die Mitarbeiter

den Wandel mindestens akzeptieren

und bestenfalls begrüßen? „Ich denke,

dass man Menschen einiges an Veränderungen

abverlangen kann“, sagt Peter Bauer,

Aufsichtsratschef von Osram, „zumindest,

wenn das Management transparent

und ehrlich informiert über die Notwendigkeiten,

unter denen sie diese Entscheidungen

treffen müssen“ (siehe Interview

Seite 84).

PROFESSIONELL BEGLEITEN

Wie wichtig es ist, solche grundlegenden

Veränderungen professionell zu begleiten,

zeigte im vergangenen Jahr die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

PricewaterhouseCoopers.

Die Berater analysierten

Veränderungsprojekte in 68 der umsatzstärksten

deutschen Unternehmen. Das

Ergebnis: 83 Prozent der Konzerne mit systematischem

Change Management erreichten

die meisten Veränderungsziele.

Von den Konzernen ohne Change Management

sagten das nur 39 Prozent.

Klar ist allerdings: Es bringt nichts, nur

an den Verstand der Angestellten zu appellieren.

„Mitarbeiter müssen den Wandel

nicht nur intellektuell verstehen, sondern

emotional“, sagt Imke Keicher, Leiterin der

Change-Management-Sparte bei der Unternehmensberatung

Capgemini. Diese

Fähigkeit wird für Führungskräfte zunehmend

wichtiger.

ILLUSTRATION. DANIEL STOLLE

80 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Das bestätigt der Headhunter Stephan

Penning, geschäftsführender Gesellschafter

von Penning Consulting. Drei Fragen

müssten die Manager beantworten: Warum

ist die Veränderung notwendig? Wohin

soll sie führen? Und was bedeutet das

für jeden einzelnen Mitarbeiter? Die Antworten

müssten die Top-Manager der mittleren

Führungsebene weitergeben. Denn

sie haben täglich Kontakt mit den einfachen

Angestellten. „Diese sollen wissen,

dass es sich lohnt, Zeit und Mühe in die

Veränderung zu stecken“, sagt Penning.

Insofern hat Joe Kaeser vieles richtig gemacht.

An seinem ersten Arbeitstag als

CEO am 1. August 2013 traf er sich mit seinen

Vorstandskollegen. Fragte, wie der

Konzern sich entwickeln solle, und lauschte

den Antworten. Dann bat er die Mitglieder,

ein Blatt Papier und einen Bleistift mit

in den Sommerurlaub zu nehmen und eine

Frage zu beantworten: Angenommen, Siemens

würde Ihnen gehören – was müsste

sich ändern? Aus seinen Erfahrungen destillierte

Kaeser eine Erkenntnis: „Mach es

so, als wäre es dein eigenes Unternehmen.“

Das Beispiel zeigt: Aus Betroffenen müssen

Beteiligte werden, die an eine gemeinsame

Erfolgsgeschichte glauben. Dadurch

sinkt die Angst vor dem Neuland. Und das

ist auch gut so.

Menschen sind Gewohnheitstiere, Veränderungen

sind ihnen zuwider. Die

Macht der Tradition ist stärker als die Lust

an der Innovation. Diese Tendenz zur geistigen

Trägheit bezeichnen Psychologen als

Status quo bias: Wir bleiben einer Entscheidung

selbst dann treu, wenn sich

neue, bessere Möglichkeiten bieten.

»

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 81

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Management&Erfolg

Ein gemeinsames Ziel lindert die

Angst vor der neuen Herausforderung

»

Deshalb ist niemand ständig von Wandel

begeistert. Viele Angestellte reagieren auf

Reformen überrascht, bisweilen geschockt,

schlimmstenfalls blockieren sie. Statt mitzugestalten,

rotten sie sich in Grüppchen

zusammen. Motto: „Nicht schon wieder!“

„Was soll das bringen?“ „Was heißt das für

mich?“ Geteiltes Leid ist halbes Leid.

Theo Wehner hat das selbst oft erlebt.

Der 65-Jährige ist seit 1997 Psychologieprofessor

an der ETH Zürich und berät Unternehmen

bei Veränderungsprojekten. Das

Schwierigste sei, dass die Betroffenen umlernen

müssen: „Das ist viel problematischer,

als etwas neu zu lernen. Denn sie

müssen Gewohnheiten aufgeben.“ Das ist

das Dilemma jedes Wandels: Die Betroffenen

müssen neues Wissen zulassen, ohne

ganz auf das alte zu verzichten.

Dieses Problem kennt auch MVV Energie.

Der Mannheimer Konzern gehört mit

einem Umsatz von etwa vier Milliarden Euro

und 5500 Mitarbeitern zu den führenden

Energieunternehmen in Deutschland.

Seit einigen Jahren setzt er auf ein Netzwerk

von etwa 60 Change Agents. Dahinter

verbergen sich Angestellte aus verschiedenen

Abteilungen, die die Führungskräfte

bei Veränderungsprozessen unterstützen.

Sie tauschen sich ständig mit ihren Kollegen

aus, hören zu, leiten Workshops.

Dort können Mitarbeiter Vorschläge machen,

um die Arbeit effektiver und effizienter

zu gestalten. Die Change Agents sollen

ihren Kollegen Ängste nehmen, Chancen

aufzeigen, Stimmungen aufgreifen, sprich:

die Gerüchteküche auf Sparflamme halten

und den Boden für Veränderungen bereiten.

Das lohne sich für alle Beteiligten, sagt

Liane Schmitt, Leiterin der MVV-Personalentwicklung.

„Change Agents leisten einen

unverzichtbaren Beitrag für die Akzeptanz

von Veränderungen.“

TRÄGE SYSTEME

Zugegeben: Es ist eine Utopie, dass Führungskräfte

ein Klima schaffen, in dem

ständiger Wandel zur Routine wird. Systeme

sind träge, sonst würden sie Krisen

nicht überleben. Doch diese Stärke erweist

sich bei Veränderungen als Schwäche.

Deshalb müssen Führungskräfte vorab

die Attitüde der Angestellten analysieren,

rät Capgemini-Beraterin Keicher. Wer ist

dem Wandel gegenüber positiv eingestellt,

wer negativ? Wer zögert oder ist skeptisch,

wer hat resigniert? Ignorieren die Chefs die

Gemütslage ständig, lassen die Angestellten

die Veränderung scheitern. Nicht unbedingt,

weil sie inhaltlich oder strategisch

falsch ist – sondern weil sie schlecht kommuniziert

wurde.

Das wollte Lutz Schüler unbedingt vermeiden.

Seit Januar 2011 war er CEO des

Telekommunikationskonzerns Unitymedia,

im Jahr 2012 verantwortete er die

Übernahme des Konkurrenten KabelBW

und die Zusammenführung der beiden

Unternehmen. Die Führungspositionen

besetzte Schüler bewusst mit Managern

aus beiden ursprünglichen Unternehmen.

Das Signal: Es sollte eine neue Firma entstehen,

aber gewissermaßen mit dem Besten

aus beiden alten Welten.

Nun trafen sich die 120 Führungskräfte

zu regelmäßigen Workshops. Dort destillierten

sie 13 Aussagen, mit denen sie den

Kulturwandel umsetzen wollten. Darunter:

Offenheit für konstruktiven Dialog, faire

Anreize oder regelmäßigen Austausch.

Für alle Versprechen wurden Paten aus der

Führungsetage benannt. Um deren Engagement

zu verdeutlichen, gaben sie das ihnen

zugeordnete Versprechen in einem internen

Video bekannt. Außerdem verkündete

CEO Schüler öffentlich, dass er bis zu

20 Prozent seiner Zeit dem Wandel widmen

werde.

„Das Change-Projekt war und ist nicht

einfach“, sagt Karl-Heinz Reitz, Leiter der

Personalentwicklung von Unitymedia KabelBW.

Abläufe mussten geklärt, IT-Systeme

vereint, Mitarbeiter entlassen werden.

„Aber die Führungsebene nimmt das Projekt

ernst. Und eine solche dauerhafte Unterstützung

ist das A und O jeder Veränderung“,

sagt Reitz.

Erste Erfolge sind schon zu erkennen:

Der Gewinn stieg im vergangenen Jahr um

neun Prozent auf knapp 1,2 Milliarden Euro,

der Umsatz um sieben Prozent auf 1,9

Milliarden Euro, insgesamt verkauften die

Vertriebler 560 000 neue Abonnements für

Internet, Telefon und Kabelfernsehen.

Auf einen ähnlichen Schub durch seine

Umstrukturierungen hofft Siemens-Chef

Joe Kaeser. Am 8. Mai gibt er in einer Telefonkonferenz

die Bilanz für das zweite

Quartal bekannt. Dort will er Details zur

neuen Strategie nennen. Immerhin: Die

Anleger vertrauen ihm derzeit. Seit Mitte

2013 stieg der Siemens-Kurs um knapp ein

Viertel auf etwa 97 Euro. Natürlich kann

Kaeser nicht garantieren, dass ihm die

Früchte des Umbaus später einmal tatsächlich

schmecken werden. Aber eine Alternative

hat er nicht. Stillstand wäre

gleichbedeutend mit Rückschritt.

Oder, wie es der Physiker Georg Christoph

Lichtenberg einst formulierte: „Ich

weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders

wird. Aber es muss anders werden,

wenn es besser werden soll.“

n

daniel.rettig@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 84 »

ILLUSTRATION. DANIEL STOLLE

82 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

»Dummheit zulassen«

INTERVIEW | Peter Bauer Warum sich der Osram-Chefkontrolleur für Querdenker und gegen

Wohlfühlatmosphäre ausspricht. Und warum ihn Fehler glücklich machen.

Herr Bauer, vor wenigen Tagen hat CEO

Joe Kaeser Siemens einen radikalen

Strukturwandel verordnet, Norbert Reithofer

baut BMW zum Anbieter von Elektromobilität

um, Energieriesen wie RWE

ringen um den Umstieg von Atomkraft auf

alternative Geschäftsmodelle: Ist radikaler

Wandel die neue Konstante für CEOs?

Klar ist zumindest: Wucht und Geschwindigkeit

von Veränderungen haben dramatisch

zugenommen – durch die Multiplikation

von Wissen und effektivere Forschung,

durch Globalisierung und Digitalisierung.

Letztere verändert fast alle Branchen. Internet-basierte

Technologien führen zu einem

regelrechten Paradigmenwechsel –

ob im Handel, in den Medien, im Verkehr,

in allen produzierenden Industrien oder in

der Energiewirtschaft. Traditionelle Geschäftsmodelle

und Prozesse funktionieren

künftig nicht mehr. Während Konzerne

mit mehr als 100-jähriger Tradition ums

langfristige Überleben kämpfen, kann eine

kleine Entwicklerfirma heute mit zehn Mitarbeitern

die gesamte Welt bedienen. Der

Druck steigt für viele Unternehmen, in den

kommenden Jahren Prozesse und Produktportfolio

massiv zu überarbeiten.

Wie gut sind die Unternehmen für diese

Herausforderungen gerüstet?

Die meisten Unternehmen, die in Schwierigkeiten

geraten, leiden nicht nur unter der

Krise ihrer Märkte, sondern insbesondere

darunter, wie die Führungsmannschaft auf

diese Veränderungen reagiert. Menschen

suchen Sicherheit und entscheiden daher

auf Basis ihrer Erfahrungen. In einer Zeit

umwälzender Veränderungen kann dies

sehr hinderlich sein – weil diese Erfahrungen

oft nicht mehr relevant sind.

Wie machen sich Unternehmen in dieser

Situation wetterfest für die Zukunft?

Das Wichtigste ist, schnell und offen zu sein.

Was die Ablösung eines alten Geschäftsmodells

so komplex macht, ist die Gleichzeitigkeit

der Ereignisse: Einerseits schrumpfen

Umsatz und Ertrag des meist größeren, traditionellen

Geschäftes sehr schnell. Andererseits

soll parallel dazu ein anderer, neuer

Arm des Unternehmens stark wachsen. Für

die unterschiedlichen Arten von Geschäften

braucht man neue Strukturen, andere

Methoden der Führung und damit oft auch

sehr unterschiedliches Führungspersonal.

Welche Charaktere und Methoden

empfehlen Sie?

In der Krise darf man nicht dezentral, sondern

muss zentralisiert, nach klaren Vorgaben

und durchaus hierarchisch führen. Für

schrumpfende Geschäfte braucht man

sehr strukturierte, kosten- und liquiditätsorientierte

Manager. Die Komplexität eines

dynamischen Umfelds dagegen braucht

dezentrale Entscheidungskompetenz.

Wie wird man allen Aspekten gerecht?

Etwa durch die Abspaltung von Unternehmensteilen,

wenn die Synergien geringer

sind als die Nachteile, die ich durch die

dauernde Suche nach Kompromissen habe.

Man sollte möglichst wenig Zeit für die

Beschäftigung mit sich selbst benötigen.

Gute Unternehmen passen ihre Organisation

regelmäßig an, weil sie dadurch immer

wieder einen neuen Fokus schaffen.

Was bedeutet das für die Art der Führung?

Man muss eine gewisse Dummheit zulassen,

also Diskussionsräume schaffen, in

denen nicht nur die bisherigen Kompetenzträger

das Sagen haben. Wer schon alles

weiß, ist nicht offen für neue Ideen. Intelligente

Quereinsteiger sollten bereichsübergreifend

über zukunftsfähige Möglichkeiten

nachdenken, die sich ein Unternehmen

auf Basis vorhandener Fähigkeiten

erarbeiten kann. Und es gilt, Input und

Kritik aus diesen Reihen nicht nur auszuhalten,

sondern lieben zu lernen. Das ist

gelebte Innovation – hoch spezialisiertes

Erfahrungswissen neu zu kombinieren

und auf neue Möglichkeiten übertragen, so

wie Spitzenforscher das tun. Oder Unternehmen

wie Apple oder Google.

Was machen diese Unternehmen anders?

Unternehmen in Europa oder Japan sind gute

Optimierer auf hohem technologischem

Niveau, aber risikoscheu. Amerikaner, und

vielleicht künftig auch Chinesen, lassen die

Vergangenheit leichter hinter sich, um sich

unvoreingenommen auf Neues zu stürzen.

Sie gehen mit Risiken und Unsicherheiten

kompetenter um. Wir geben gern denen die

Führung, die die Fachautorität haben.

FOTO: CARO/WAECHTER

BAUERS TIPPS

So gelingt

der Umbau

1

Unterschiede akzeptieren

Sie versuchen, ein zunehmend

unprofitables Geschäft über

Wasser zu halten, und bauen

gleichzeitig einen neuen Zweig

auf, der stark wächst? Trennen

Sie für diese unterschiedlichen

Geschäfte und Geschwindigkeiten

sukzessive Strukturen,

Leitung und Führungsmethoden.

2

Zügig abspalten

Die Synergien unterschiedlicher

Geschäftsfelder sind kleiner als

die Bremswirkung ihrer Kompromisse?

Dann denken Sie über

ein Abspalten des dynamischen

Teils nach. Geschwindigkeit ist

im Wettbewerb oft wertschaffender

als Synergie.

3

Offen im Wachstum

Sie managen ein global-dynamisches,

innovationsgetriebenes

Unternehmen? Dann sind partizipatorische,

dezentrale Entscheidungsstrukturen

besser.

4

Hierarchisch in der Krise

Ihr Unternehmen steckt in einer

Kostenkrise? Setzen Sie auf zentralisierte,

hierarchische Führung,

und machen Sie klare Vorgaben.

5

Strukturen erneuern

Passen Sie die Organisation

Ihres Unternehmen regelmäßig

84 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Was ist daran falsch?

Man braucht Fachautorität, noch mehr aber

soziale und emotionale Führungskompetenz

– Offenheit, Kommunikationsfähigkeit,

das richtige Maß an Vertrauen und die Fähigkeit,

mit Konflikten ohne innere Betroffenheit

umzugehen. Wandel gelingt nur,

wenn ich meine Mitarbeiter ins Boot hole.

Wenn ich klar bin, wo es Klarheit gibt, und

zugeben kann, was ich nicht weiß. Das Führungsteam

muss in der Lage sein, Konflikte

furchtlos und offen auszutragen und eigene

Entscheidungen zu revidieren – sonst läuft

jeder in eine andere Richtung. Manchmal

REFLEKTIERTER MACHER

Bauer, 53, ist seit November

2013 Aufsichtsratschef von

Osram. Von 2000 bis 2008

war er Mitglied im Vorstand

des Halbleiterherstellers

Infineon, dann bis 2012 CEO

des Unternehmens, aus

dem er aus gesundheitlichen

Gründen ausschied. Bauer

arbeitet außerdem als Organisationsberater

und Coach.

braucht man auch neues Führungspersonal

– wenn dieses zu sehr an Macht, Status und

lieb gewordenen persönlichen, finanziellen

Interessen festhält. Das steigert die Komplexität

des Veränderungsprozesses unnötig.

Könnte ein Team aber auch verunsichern.

Transparenz in der Entscheidungsfindung

macht berechenbarer. Wer aber versucht,

große Veränderungsprozesse zu managen,

und gleichzeitig auf Bestnoten in Mitarbeiterumfragen

schielt, wird scheitern.

Oder bei Mitarbeitern auf Granit beißen...

Ich denke, dass man Menschen einiges an

Veränderungen abverlangen kann, auch

wenn diese im Konflikt mit einem sicheren

Arbeitsplatz oder einer planbaren Zukunft

stehen – zumindest, wenn das Management

transparent und ehrlich darüber informiert,

warum es bestimmte Entscheidungen

treffen muss. Mitarbeiter mitnehmen

heißt heute nicht mehr, eine Wohlfühl-

Umgebung zu schaffen, sondern die Realität

ungeschminkt mit ihnen zu teilen.

Warum sollten Mitarbeiter Mitleid mit

Managern haben?

Es geht nicht um Mitleid, sondern um unternehmerische

Haltung. Viele Mitarbeiter

übertragen die Verantwortung für ihr Wohl

auf ihren Chef. Aber jeder Mitarbeiter sollte

seinen kritischen Verstand einbringen.

Chefs müssen erfahren, was ihre Mitarbeiter

erwarten, wenn sie sich führen lassen sollen.

Sind Unternehmen noch steuerbar, wenn

alle mitreden?

Es geht nicht um Basisdemokratie, aber

Führung ist eine Leistung der Organisation

und nicht eines einzelnen Hierarchen. Sich

schnell ändernde Märkte und Unternehmen

brauchen Vertrauen und dezentrale

Führungsstrukturen. Die Komplexität, ein

Unternehmen auf den Wandel als Dauerzustand

einzustellen, ist für einsame Hierarchen

zu groß. Mit dieser Einstellung tun

sich die Top-Manager sogar einen Gefallen.

Indem sie Macht abgeben und ihre eigene

Position schwächen?

Indem sie Verantwortung delegieren und

über Fokussierung führen. Wer Mitarbeitern

detaillierte Vorgaben mitgeben muss,

mehrt Last und Fehlerpotenzial auf seinen

Schultern. Und Führung bedeutet genau

das Gegenteil: die Reduktion von Komplexität.

Wer also das Wissen der Mitarbeiter bis

in den Fertigungsflur anzapft, wird Lösungen

entdecken, auf die das Management allein

nicht kommen kann.

n

manfred.engeser@wiwo.de

an – so schaffen Sie immer

wieder einen neuen Fokus

auf die zentralen Fragen des

Marktes.

6

Fehler zulassen

Vermitteln Sie Freude daran,

Fehler zu machen und deren Ursachen

zu suchen. Lassen Sie

fachliche Dummheit zu, schaffen

Sie Kommunikationsräume,

in denen intelligente Leute frei

von bisherigen Mustern über die

Zukunft des Unternehmens

nachdenken. Führung ist ein sozialer

Prozess und lebt nicht nur

von Fachautorität.

7

Kritik lieben lernen

Lernen Sie, Kritik aus den eigenen

Reihen zu lieben. Das ist gelebte

Innovation – hoch speziali-

siertes Erfahrungswissen neu zu

kombinieren und auf neue Möglichkeiten

übertragen.

8

Wissen anzapfen

Fördern Sie den kritischen Geist

Ihrer Mitarbeiter, und zapfen Sie

deren Wissen an – Sie werden

Lösungen entdecken, auf die Sie

und Ihr Management allein nicht

gekommen wären.

9

Klar kommunizieren

Holen Sie Ihre Mitarbeiter ins

Boot, und teilen Sie Ihren Blick

auf die Realität mit ihnen.

Seien Sie klar, wo Sie Klarheit

haben, und sagen Sie, was Sie

nicht wissen – dann werden

Ihre Mitarbeiter mehr Verständnis

haben und mitziehen.

Lesen Sie weiter auf Seite 86 »

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 85

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Management&Erfolg

SELBSTTEST

Wie offen bin ich für Wandel?

30 Fragen zu Ihrer Veränderungsbereitschaft. Zutreffendes bitte ankreuzen und Anzahl summieren.

Ruhe ist mir lieber als Stress.

Einen Tag ohne Überraschungen

finde ich angenehm.

Denn ich mag es nicht, wenn plötzlich

etwas schiefgeht.

Ordnung ist das halbe Leben.

Improvisieren zu müssen war noch

nie meine Spezialität...

...ebenso wenig wie Spontanität.

Meinen Urlaub verbringe ich am

liebsten immer am selben Ort.

Ich schätze eine bekannte

Umgebung.

Deshalb hat in meinem Zuhause

auch alles seinen Platz.

Auf- und Umräumen kommt dort

nicht infrage.

Habe ich mir eine Meinung einmal

gebildet, halte ich an ihr fest.

Auch wenn viele Argumente dagegen

sprechen.

Trends sehe ich skeptisch.

Meinen Lieblingsmarken halte ich seit

Jahren die Treue.

Meinem Arbeitgeber ebenfalls.

Meine Freunde finden, dass

ich langsam mal den Job wechseln

müsste...

...oder zumindest nach neuen

Aufgaben suchen sollte.

Ich arbeite aber lieber an bekannten

Problemen als an unbekannten

Herausforderungen.

Es fällt mir schwer, mich auf neue

Aufgaben einzulassen.

Deshalb finde ich Routinen völlig in

Ordnung.

Bei neuen Projekten halte ich mich

lieber im Hintergrund.

Denn ich spüre kein Bedürfnis, mich

ständig weiterzuentwickeln.

Allein über Veränderungen nachzudenken

erhöht meinen Blutdruck.

Wenn mein Chef tatsächlich etwas

verändern will, gerate ich beinahe in

Panik.

Selbst wenn die Maßnahme richtig

und wichtig ist...

...und ich davon gar nicht betroffen

bin.

Auch Veränderungen, die letztlich

gut für mich sind, lehne ich ab.

Wer mich dazu zwingt, fördert meine

Unlust nur noch.

Ich denke selten darüber nach, mich

beruflich zu verändern.

Ich möchte mit keinem anderen

Menschen tauschen.

AUSWERTUNG

0 BIS 10 PUNKTE

Sie sind flexibel wie ein Chamäleon, brauchen

Veränderungen wie andere die Luft

zum Atmen. Routinen langweilen Sie, Probleme

sehen Sie als Herausforderung. Die

Chancen stehen gut, dass Sie auch künftig

zu den Gewinnern des Wandels gehören,

denn für Sie ist das sprichwörtliche

Glas immer halb voll. Doch Vorsicht, Ihr

Naturell birgt auch Gefahren. Achten Sie

darauf, dass Sie sich trotz Neugier und

Wissensdurst hartnäckig und konzentriert

einer Aufgabe widmen können. Und machen

Sie sich bewusst, dass längst nicht

jeder so tickt – besonders als Führungskraft

brauchen Sie Fingerspitzengefühl.

Sonst lösen Sie mit Ihrer Attitüde Protest

bei jenen aus, die weniger auf Veränderungen

stehen.

11 BIS 20 PUNKTE

Sie sind gerade noch im grünen Bereich.

Veränderungen versetzen Sie weder in

Panik noch in Ekstase. Bevor Sie sich eine

Meinung bilden, analysieren Sie nüchtern

die Vor- und Nachteile – für Sie persönlich,

aber auch für Ihren Arbeitgeber. Eine

solche Grundskepsis ist erst mal in Ordnung.

Allerdings darf sie nicht in Sturheit

münden. Behalten Sie Ihre pragmatische

Herangehensweise bei. Aber vergessen

Sie dabei nicht den Blick für Neues.

MEHR ALS 21 PUNKTE

Sie sind ein echtes Gewohnheitstier, das

Veränderungen scheut. Deshalb wollen

Sie Wandel bekämpfen, für Sie kehren die

alten Besen am besten. Manchmal

stimmt das natürlich, aber oft auch nicht.

Hinzu kommt: Ihrer Karriere schaden Sie

mit dieser Attitüde eher. Befördert wird

im Zweifelsfall nicht das scheue Reh, sondern

der mutige Hirsch. Das echte Leben

beginnt jenseits der Komfortzone. Geben

Sie Neuem eine Chance.

ILLUSTRATION. CARSTEN STOLLE

86 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

Spätes Erwachen

Headhunter Dwight Cribb über die digitale Transformation und die Illusion der Veränderung.

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFSTWOCHE

Für Beratungshäuser und Forschungsinstitute jeder Couleur

gehört es derzeit zum guten Ton, Unternehmen aller Branchen

und Größen auf ihre Digitalstrategien abzuklopfen.

Das Ergebnis: Zumindest einige Firmen passen ihre Geschäftsmodelle

den neuen Gegebenheiten erfolgreich an. Ein trügerisches

Signal: Denn den Unternehmen wird suggeriert, dass sie ihr

Geschäft bereits dann ausreichend transformieren, wenn sie ihre

Produkte elektronisch absetzen. Denn Brillen, Medikamente oder

Mode kaufe man zukünftig nicht mehr beim Optiker, in der Apotheke

oder in der Boutique, sondern bei Online-Händlern wie Mister

Spex, Doc Morris oder Zalando.

Wer gar aus physischen Produkten

digitale macht, also Zeitungen in

Apps verwandelt, Papiertickets in

elektronische Barcodes umfunktioniert

und die nette Dame aus dem

Reisebüro durch eine Booking Engine

ersetzt, der sei, so die landläufige

Meinung, bei der digitalen

Transformation ganz vorn dabei.

WEITREICHENDER WANDEL

Wer aber ein Unternehmen führt,

das noch über die nächste Dekade

hinaus erfolgreich agieren soll, kann

nicht bei diesen Überlegungen stehen

bleiben. Wie weitreichend digitale

Technologien das Verhalten

von Menschen und die Funktionsweise

von Märkten und Unternehmen

aller Branchen künftig verändern

können, zeigt ein Blick auf

Fluggesellschaften: Die machen einen

erheblichen Teil ihres Umsatzes

mit Geschäftsreisenden. Aber

werden wir im Jahr 2050 wirklich

noch in ein Flugzeug steigen, um

uns mit Geschäftspartnern zu treffen,

anstatt uns über dreidimensionale

Videokonferenzen auszutauschen?

Die aktuell ausgelieferten Airbus A380 werden um 2050 ausgemustert.

Muss sich angesichts einer solchen Investitionsdauer der

Vorstand einer Fluggesellschaft nicht bereits heute Gedanken machen,

wie sich sein Geschäft in den nächsten Dekaden ändern wird?

Ähnlich kurz gedacht scheint der Wettlauf im E-Commerce für

Sehhilfen. Lesen und Autofahren zählen zu den wichtigsten Gründen,

eine Brille oder Kontaktlinsen zu tragen. Womit aber verdienen

Optiker Geld, wenn das Wort nicht mehr gedruckt ist, sondern

auf einem Display angezeigt wird, das die Sehstärke messen und

Cribb, 44, ist Gründer und Geschäftsführer der gleichnamigen

Hamburger Personalberatung und zählt in

Deutschland zu den führenden Vermittlern für Fach- und

Führungskräfte im Bereich Digital Business.

den Text entsprechend anpassen kann, und selbstfahrende Autos

massentauglich werden?

Auch Kleidung wird in Zukunft wohl öfter vom Designer on demand

oder auf dem 3-D-Drucker zu Hause maßgeschneidert gefertigt

– nachdem Konsumenten sie in virtuellen Räumen mit ihrer

digital vorhandenen Garderobe abgeglichen haben. Wozu brauchen

wir dann noch Einkaufszentren, Boutiquen, Online-Shops?

Eine erfolgreiche digitale Transformation beschränkt sich also

nicht darauf, einzelne Geschäftsprozesse zu digitalisieren. Sie bedeutet,

dass Unternehmen – und ihre Lieferketten – sich klar werden

müssen, wie sich ihre gesamte

Wertschöpfungskette verändert.

Warum aber hören wir nicht von

Investitionen in Virtual-Meeting-

Technologien bei Fluggesellschaften?

Oder von der Forschung an

intelligenten Displaytechnologien

bei Optikern? Weil die Entscheidungsgremien

einerseits zu kurzfristig

orientiert und andererseits

falsch besetzt sind. Klar ist: Ein

Vorstand beschäftigt sich primär

mit dem aktuellen Geschäft. Er

muss sich am Ertrag und Börsenwert

messen lassen und Aktionären

gerecht werden, die ihre aktuellen,

kurzfristigen Gewinne höher

bewerten als Investitionen in eine

Zukunft, die 2050 beginnt.

SCHMERZHAFTE SCHRITTE

Lenkungsgremien und Investoren

aber müssen sicherstellen, dass

die notwendigen, schmerzhaften

Schritte Richtung Transformation

nicht von Vorstandsgeneration zu

Vorstandsgeneration weitergegeben

werden wie die Staatsverschuldung

von Regierung zu Regierung.

Sie müssen den Wandel

anstoßen, ohne dabei das aktuelle Geschäft aus den Augen zu verlieren.

Dafür benötigen sie Führungskräfte, die sich mit der Zukunft

der Märkte befassen und die Organisation behutsam in eine

Richtung entwickeln, die für die Transformation bereit ist.

Die meisten aber wachen erst dann auf, wenn ihr Markt bereits

massiv angegriffen wird. Dann ist es oft zu spät – so wie für die Zeitung

„Financial Times Deutschland“, den IT-Verlag und Softwareanbieter

Data Becker oder den Weltbild-Verlag. Ein Online-Shop,

eine App oder ein E-Paper können die auch nicht mehr retten. n

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 87

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Geld&Börse

Mein Stück Acker

AGRARAKTIEN | Superreiche, Pensionsfonds und Agrarkonzerne kaufen Ackerland.

Anleger können über Aktien von börsennotierten Landbesitzern vom Agrarboom

profitieren. Wo die Chancen und Risiken liegen, welche Titel Potenzial haben.

George Soros, milliardenschwerer

Spekulant, hat ein Gespür

für Schnäppchen. 2001, als Argentinien

pleite war, kaufte er

mit anderen Investoren für 54

Millionen Dollar 75 000 Hektar Ackerland.

Damals schafften vermögende Argentinier

ihr Geld ins Ausland und kauften panikartig

Dollar. Argentiniens Gläubiger mussten

einen empfindlichen Schuldenschnitt hinnehmen.

Heute ist das von Soros und seinen

Mitstreitern gekaufte Farmland 700

Millionen Dollar wert – macht 1200 Prozent

plus in 13 Jahren.

So viel Profit schafft Begehrlichkeiten:

Staatsfonds, Pensionskassen, Hedgefonds,

und reiche Privatpersonen machen es Soros

nach und kaufen Aktien von Landbesitzern

– oder direkt Ackerland. Selbst die

konservative deutsche Ärzteversorgung

Westfalen-Lippe hat über einen Fonds 72

Millionen Euro in Agrarland gesteckt. Seit

dem Jahr 2000 sind weltweit Aufkäufe von

Farmland durch ausländische Investoren

von knapp 36 Millionen Hektar dokumentiert

(100 Hektar sind ein Quadratkilometer).

Das entspricht in etwa der Fläche von

Deutschland. Gekauft wird vor allem in

Südamerika, Afrika und Osteuropa.

Die Kaufwelle treibt die Bodenpreise.

Der US-Index für Farmland stieg seit 2009

um 48 Prozent. Auch in Deutschland zogen

die Preise für Ackerland an: 2011 um 14

Prozent und 2012 um 7 Prozent.

Für die wachsende Nachfrage nach

Ackerland gibt es handfeste Gründe:

n Es wird knapper: Durch Erosion, Umweltverschmutzung

und Kriege gehen jedes

Jahr Tausende Hektar verloren, gleichzeitig

wächst die Weltbevölkerung.

n Es bietet Schutz vor Inflation, gegen die

sich viele Anleger langfristig absichern

wollen. Werden Rohstoffe wie Weizen teurer,

steigen die Nachfrage nach Farmland

(siehe Grafik) und die Bodenpreise.

Als Privatanleger selbst Ackerland zu

kaufen ist problematisch. Kleinere Flächen

lohnen den Aufwand für Verwaltung, Zukauf

von landwirtschaftlicher Expertise

und Verpachtung kaum. Als Aktionäre können

Anleger den Kauf von Farmland den

Profis überlassen. Die wissen in der Regel,

wo die besten Äcker liegen und welche

Preise noch angemessen sind. Große, internationale

Agrarkonzerne wie Bunge und

Cargill aber verdienen ihr Geld vor allem

mit Agrarhandel, Logistik und Lebensmittelproduktion,

der Anteil des Ackerlandes

am Börsenwert ist minimal. Anleger, die

Landbesitz wollen, sollten auf kleine und

mittelgroße Unternehmen ausweichen

(siehe Tabelle Seite 93).

Runauf Ackerfolgt Weizenrally

Vonausländischen Investoren gekauftes

Agrarlandund Börsenpreis fürWeizen

10

8

6

4

2

Landkäufe (inMillionen Hektar)

Weizenfuture (inUS-Cent proScheffel)*

0

05 06 07 08 09 10 11 12 13

*ein ScheffelWeizenentspricht27,2Kilogramm;

Quelle:Bloomberg,LandMatrix

1200

1000

800

600

400

200

Wie wichtig ausreichend eigener Landbesitz

für Agrarunternehmen ist, zeigt die

Pleite der argentinischen El Tejar. Noch

2010 beackerte das Unternehmen 800 000

Hektar in Südamerika. Inzwischen ist das

Unternehmen zerschlagen, einige Teile

sind insolvent. Problem von El Tejar war

die große Abhängigkeit von den Pachtpreisen.

Die Pachten zogen 2007 bis 2009 stärker

an als die Preise für Agrarrohstoffe, die

Renditen sanken. 2011 ließ eine Trockenheit

die Felder von El Tejar verdorren. Davon

erholte sich das Unternehmen nicht.

WETTE AUF DIE WENDE

Börsennotierte Landwirte sind gerade jetzt

attraktiv, weil die Aktien die Rally 2013

nicht mitgemacht haben. Weizen, Zucker

und Kaffee standen wegen guter Ernten zuletzt

unter massivem Preisdruck. Langsam

erholen sich die Preise, Landwirte verdienen

wieder mehr. Viele Agrarunternehmen

machen zudem ihr Hauptgeschäft in

Schwellenländern. Deren Börsen litten

massiv unter dem Vertrauensschwund der

Anleger, könnten aber auf niedrigem Niveau

ihren Boden gefunden haben.

Wer Ackeraktien kauft, sollte nicht nur

das Unternehmen im Blick, sondern auch

für Landbesitz und Landwirtschaft typische

Faktoren im Hinterkopf haben:

n Rechtssicherheit: Agrarunternehmen,

die im Ausland Acker- und Weideland halten,

müssen darauf vertrauen, dass ihr Besitz

rechtlich geschützt ist. Insbesondere in

Schwellenländern sollten Landbesitzer jedoch

damit rechnen, dass sie im

schlimmsten Fall enteignet werden. Venezuela

beispielsweise hat seit 2001 mehrere

Millionen Hektar Agrarfläche aus priva-

»

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

88 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Blick nach Osten

20

18

16

14

12

10

in Euro

KTGAgrar

8

08 09 10 11 12 13

Quelle:Bloomberg

Chef Siegfried

Hofreiter auf einem

KTG-Acker bei

Oranienburg. Das

Unternehmen investiert

in Russland,

Angst der Anleger

vor der Krim-Krise

soll die Aktie

belastet haben.

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Geld&Börse

»

tem Besitz konfisziert. Farmen in rechtssicheren

Staaten wie den USA werden daher

an der Börse mit einem deutlich höheren

Wert gehandelt.

n Krisen: Konflikte wie der um die Krim

können börsennotierte Landwirte heftig

treffen. Die schwedische Trigon Agri, die in

Russland und in der Ukraine Agrarland besitzt,

verlor seit Ende Februar, dem Beginn

der Krim-Krise, rund ein Viertel an Wert.

Auch die in Deutschland aufgelegte Anleihe

der Ekosem Agrar, die in Russland

Milchwirtschaft betreibt, stürzte ab.

n Klima: Industrieunternehmen hängen

stark an der Konjunktur. Wie viel Bauern

ernten, hängt vom Saatgut, dem Dünger,

Schädlingen, vor allem aber vom Wetter

ab. Regen, Trockenheit oder Frost haben

den größten Einfluss. Faustregel: Zu 70

Prozent entscheidet das Wetter, ob die Ernte

besser oder schlechter als erwartet ausfällt.

Je breiter die Palette an Produkten

und je stärker die Anbaugebiete regional

gestreut sind, desto stabiler das Geschäft.

n Subventionen: Ohne staatliche Zuschüsse

kommt kaum ein Landwirt aus. Die

deutsche KTG Agrar etwa kassierte 2013

mehrere Millionen Euro aus EU-Kassen. Je

mehr Subventionen, desto größer das Risiko,

sollte die Regierung den Rotstift ansetzen.

Aktionäre der einst hoch subventionierten

Solarbranche können ein Lied davon

singen.

Von 2014 an sollen in Deutschland kleinere

und mittlere landwirtschaftliche Betriebe

mehr Geld aus Brüssel bekommen.

Die börsennotierten KTG und Tonkens

Agrar, die in Ostdeutschland große Flächen

bewirtschaften, müssen sich dagegen auf

weniger Geld aus dem EU-Topf einstellen.

Gewinne abmelken

30

25

20

15

10

5

in Euro

First Farms

0

07 09 11 13

Quelle:Bloomberg

Lars Mayer, Leiter

des Slowakei-

Geschäfts von First

Farms, im Stall einer

Milchfarm in der

Nähe von Bratislava.

Mit mehr Land in der

Slowakei soll auch

der Kurs der Aktie

wieder wachsen.

Kartoffeln und Zwiebeln stammen von

eigenen Anbauflächen. Derzeit bewirtschaftet

das Unternehmen etwa 40 000

Hektar in den neuen Bundesländern und

in Litauen. Ein Viertel besitzt KTG, der Rest

ist gepachtet. In Deutschland wächst KTG

nur noch langsam, Bodenpreise und Pachten

seien zu hoch, sagt Hofreiter. Größere

Flächen werde das Unternehmen nur noch

in Litauen und Russland zukaufen.

DEUTSCHLAND

KTG Agrar, Brandenburg

Es ist stockdunkel, sechs

Grad kalt, die Lüftung

KTG Berlin

Agrar

dröhnt. Nur die Taschenlampe

von Wolfram Rühe-

Linthe

Deutschland Müller ist zu sehen. Der

Geschäftsführer des KTG-

Betriebs im brandenburgischen Linthe

leuchtet in eine der großen Holzkisten, die

bis zu 1,5 Tonnen Kartoffeln fassen können.

Dunkelheit und die Kühlschranktemperatur

in der Lagerhalle sollen dafür sorgen,

dass die Kartoffeln auch sechs Monate

nach der Ernte noch so aussehen, als wären

sie frisch vom Feld. „Erde ist allerdings

das beste Konservierungsmittel“, sagt der

KTG-Manager. Die Knollen vom Typ Belana,

die im September auf Äckern in Brandenburg

geerntet wurden, haben eine dünne

Erdkruste. Waschen verkürze die Haltbarkeit

von Kartoffeln enorm, so Rühe-

Müller. Der Handel akzeptiere aber keine

Ware mit Erde, weil Staub aus den Kartoffelsäcken

die Scanner-Kassen von Edeka

oder Rewe unbrauchbar mache. Deshalb

werden die Kartoffeln in Linthe gewaschen,

gebürstet, poliert und abgetrocknet.

Mehr Gewinne – unabhängig von den

Rohstoffmärkten – seien vor allem mit der

Weiterverarbeitung der Ernte zu machen,

so Vorstandschef Siegfried Hofreiter. So

werden Kartoffeln, die in Linthe aussortiert

werden, bei der KTG-Nahrungsmitteltochter

FZ Foods zu Kartoffelpuffern.

RUSSLAND-ÄNGSTE

In Russland braucht KTG Flächen, um Futter

für die Schweinemast zu produzieren.

KTG und der Fleischkonzern Tönnies wollen

Schweinefleisch für den russischen

Markt produzieren. Als die KTG-Aktie am

25. März massiv einbrach, schob Hofreiter

dies auf die Angst der Anleger vor der

Krim-Krise. Offen bleibt, warum KTG erst

jetzt und nicht schon bei Ausbruch der Krise

Ende Februar unter Druck geriet.

Während die Nahrungsmittelsparte

wachsen soll, ist bei Biogas die Luft raus.

Bereits geplante Biogasanlagen würden

noch vor Inkrafttreten des reformierten Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

(EEG) fertiggestellt,

sagt Hofreiter. Zuwachs gebe es

danach noch über den Kauf von bestehenden

Anlagen anderer Betreiber. Das von

FOTO: LUKAS BECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

90 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel überarbeitete

EEG fördert größere Biogasanlagen

deutlich weniger stark als früher.

Weiteres Problem: Auch wenn Hofreiter

kräftig spart, KTG wächst weiter auf Pump.

Erst im Februar stockte das Agrarunternehmen

eine 2011 emittierte und 2017 fällige

Anleihe mit einem ruinös hohen Zinssatz

von 7,125 Prozent um 20 Millionen Euro

auf 200 Millionen Euro auf. „Inzwischen

beträgt das Verhältnis von Nettoschulden

zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

9,7. Es ist zu hoch für ein Unternehmen

aus dieser Branche“, sagt Alexander

Drews, Analyst beim Hamburger

Researchunternehmen Montega.

Wer in börsennotiertes Ackerland investieren

will, findet am deutschen Aktienmarkt

aber derzeit keine Alternative. Sowohl

Tonkens als auch Agrarius sind sehr

klein und haben zu wenig Flächen.

n Tonkens: Der börsennotierte Landwirt

aus Sülzetal in Sachsen-Anhalt bewirtschaftet

3120 Hektar ausschließlich in den

neuen Bundesländern. Davon hält Tonkens

acht Prozent in eigenem Besitz, der

Rest ist gepachtet. Angebaut werden unter

anderem Getreide, Zuckerrüben und Kartoffeln.

Zusätzliche Einnahmen zieht Tonkens

aus Solarstrom- und Biogasproduktion

sowie aus der Milchviehwirtschaft.

Ähnlich wie KTG Agrar befindet sich

Tonkens im Endspurt um den Bau neuer

Biogasanlagen. Eine derzeit im Bau befindliche

Anlage in Stendal in Sachsen-Anhalt

soll bis Juli 2014 betriebsbereit sein, rechtzeitig

, bevor das neue EEG in Kraft tritt.

Dass Tonkens nur wenig eigenes Land

besitzt, macht sich auch beim Börsenwert

bemerkbar. Derzeit kosten die Aktien nur

15 Millionen Euro. Das entspricht in etwa

dem Umsatz des abgelaufenen Geschäftsjahrs

2012/2013.

n Agrarius: Das Unternehmen aus Bad

Homburg hat fast ausschließlich gepachtete

Agrarflächen, insgesamt 3200 Hektar in

Rumänien. Anders als KTG ist Agrarius

kein reiner Bewirtschafter, sondern will

auch mit der Vermittlung von Agrarflächen

Geld verdienen.

Derzeit wächst das Unternehmen weit

schwächer als geplant. Eine im Januar abgeschlossene

Kapitalerhöhung brachte mit

nur etwa 460 000 Euro deutlich weniger ein

als erhofft. Jetzt fehlt Kapital, um weitere

Flächen kaufen zu können. Mit geringer

Aussicht auf schnelle Expansion und niedrigem

Börsenwert ist Agrarius auf absehbare

Zeit nicht attraktiv für ein privates Aktienportfolio.

»

LANDKAUF

Vertrieben

Wie Staaten und Investoren Ackerland

aufkaufen; warum sie dabei auf

Widerstand stoßen.

Industrie- und Schwellenländer kaufen

Ackerland im Ausland, um die Lebensmittelversorgung

ihrer Bevölkerung zu

sichern. Ganz vorn dabei sind China und

die Golfstaaten. Chinas jüngster Coup:

Das Staatsunternehmen XPCC kauft

vom ukrainischen Agrarkonzern KSG Agro

100 000 Hektar in der Schwarzmeerregion

(1 Hektar = 10 000 qm). China will

in der Ukraine bis zu drei Millionen

Hektar, eine Fläche so groß wie Belgien.

AGRARKOLONIE AFRIKA

Wichtigstes Ziel der Landaufkäufer im

Staatsauftrag ist jedoch Afrika. Laut

Africa Progress Panel, einer Organisation

des früheren UN-Generalsekretärs Kofi

Annan, haben ausländische Investoren

seit dem Jahr 2000 etwa 134 Millionen

Hektar aufgekauft oder gepachtet.

Meist ist nicht der Staat selbst der

Käufer. Der Deal läuft über Firmen, die

Staatsfonds gehören. Der Fonds von Katar

etwa hält das Unternehmen Hassad

Food. Der Agrarkonzern aus dem Wüstenstaat

kauft weltweit Agrarflächen: 2012

unter anderem 250 000 Hektar in Australien

sowie 101 000 Hektar im Sudan.

Wie viel Agrarland weltweit den Besitzer

wechselt, kann nur geschätzt werden.

Die Organisation Land Matrix, bei der

Jagd auf den Acker

Die größten staatlichen Agrar-Deals 1

Investor

Ägypten

Südkorea

Ägypten

China

VAE 2

Katar

China

Saudi-Arabien

Katar

China

Ziel

Uganda

Sudan

Russland

Sudan

Pakistan

Australien

Pakistan

Sudan

Sudan

Ukraine

Agrarland Jahr

(in Hektar)

800 000 2008

690 000 2009

427 000 2010

400 000 2010

324 000 2008

250 000 2012

110 000 2011

105 000 2010

101 000 2012

100 000 3 2013

1 Kauf oder Pacht; 2 Vereinigte Arabische Emirate;

3 bis zu drei Millionen Hektar geplant; 1 Hektar = 10 000

qm; Quelle: Land Matrix, eigene Recherchen

über die GIZ auch das Entwicklungshilfeministerium

involviert ist, hat bereits abgeschlossene

Deals über knapp 36 Millionen

Hektar erfasst, darunter auch

Investments von börsennotierten Agrarkonzernen.

„Lediglich 4,3 von 36 Millionen

Hektar werden für die landwirtschaftliche

Produktion genutzt“, sagt Jann Lay,

Wissenschaftler des German Institute of

Global and Area Studies. Dass Flächen

nicht landwirtschaftlich genutzt werden,

lege den Verdacht nahe, dass es sich um

Spekulation handele, so Lay.

Vor allem Staaten und halbstaatliche

Organisationen kaufen oft ohne Plan und

auf Vorrat. Ausländische Investitionen in

Agrarland sind als sogenanntes „Land

Grabbing“, also das Greifen nach Land,

umstritten: Käufer und Verkäufer nutzen

unklare Besitzverhältnisse und die Anfälligkeit

der lokalen Behörden für Korruption

aus, Bauern werden ohne Entschädigung

von ihrem Land vertrieben.

Regierungen blockieren deshalb zunehmend

den Verkauf von Ackerland an

Ausländer. In Bulgarien beispielsweise

dürfen Investoren aus dem Ausland bis

2020 gar nicht mehr kaufen, in Argentinien

ist der Landerwerb bei 1000 Hektar

gedeckelt. Maximal 15 Prozent des gesamten

Agrarlandes dürfen in ausländischem

Besitz sein, derzeit sind es offiziell

sieben Prozent. Brasilien und Bolivien

haben ebenfalls Beschränkungen eingeführt.

In Ungarn soll zum 1. Mai ein Gesetz

in Kraft treten, das die Pachtverträge

österreichischer Bauern für Ackerflächen

für unwirksam erklärt.

Viel Spekulation, wenig Ackerbau

Wievon Investoren gekauftesAgrarland

genutzt wird (seit 2000,inMio.Hektar)*

Insgesamt

Landwirtschaft

22,5

landwirtschaftlich

genutzt

4,3

36 MillionenHektar

davon

reserviert für

tatsächlich

31,7

einschließlichPacht;

*1Hektar=10000 qm;Quelle:LandMatrix

martin.gerth@wiwo.de

Forst/Tourismus

13,5

liegen brach

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 91

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Geld&Börse

OSTEUROPA

First Farms, Slowakei

First

Farms

Bratislava

Slowakei

Wer eine halbe Autostunde

nördlich von Bratislava,

kurz vor der Kreisstadt

Malacky, links abbiegt,

den führt eine schmale

Straße nach Plavecky

Stvrtok, ein Dorf mit kaum 2500 Einwohnern.

In einer verqualmten Kneipe neben

dem Supermarkt sitzen die Männer schon

morgens um elf vor ihrem Bier. Eine Schule

gibt es, ein Postamt und eine hübsche, beige

gestrichene Kirche, dann ist Plavecky

Stvrtok auch schon fast zu Ende.

Der bedeutendste Arbeitgeber am Ort

hat seine Betriebe etwa einen Kilometer

nördlich des Dorfplatzes: Das dänische

Unternehmen First Farms betreibt hier einen

der größten Bauernhöfe der Slowakischen

Republik. Fast 10 000 Hektar Land

bewirtschaften die Dänen, rund 5000 Stück

Vieh gehören zu den Höfen. Etwa 170 Mitarbeiter

beschäftigt First Farms am Standort

Plavecky Stvrtok.

In den Büros im ersten Stock stehen

Kühe aus Porzellan. Männer in grünen

Latzhosen sitzen vor Laptops. Hinter

einer Glasscheibe brütet Vorstandschef

Anders Norgaard über den Geschäftszahlen.

Der Ex-Banker und Schweinezüchter

ist erstmals seit Langem wieder guter

Stimmung. Vergangene Woche präsentierte

der Däne 1,5 Millionen Euro Gewinn vor

Steuern. 2012 schrieb First Farms noch rote

Zahlen. Relativ stabile Preis, eine bessere

Ernte, vor allem mehr Effizienz bei der

Milchproduktion hätten das Ergebnis

verbessert.

„Wir arbeiten daran, noch effizienter zu

werden“, sagt der Däne. Ein Traktor etwa, der

in Deutschland im Schnitt 750 Stunden pro

Jahr läuft, rollt bei First Farms in der Slowakei

rund 2000 Stunden über die Felder. Verantwortlich

für die Slowakei ist sein deutscher

Vorstandskollege Lars Meyer, ein Landwirt

aus der Nähe von Bremen, der zuvor Bauern

in Osteuropa und Indien beraten hat.

Um Risiken zu streuen, will First Farms

in die Schweinezucht einsteigen. Bisher

betreiben die Dänen ausschließlich Getreide-

und Milchproduktion, die noch sehr

personalintensiv ist. Was den slowakischen

Arbeitern an Know-how fehlt, müssen die

Eigner aus Dänemark über die Masse kompensieren.

Ein Hof, der in Deutschland 50

Angestellte hat, muss in der Slowakei 150

Mitarbeiter haben. Mit vier Euro zahlt First

Farms überdurchschnittlich hohe Löhne.

Der Grund: In der Region herrscht Vollbeschäftigung.

VW, BASF und Ikea haben

große Betriebe. „Wir müssen den Leuten

erklären, dass ein Job auf dem Bauernhof

auch spannend sein kann“, sagt Norgaard.

First Farms ging 2006 an die Börse, steigerte

den Aktienkurs kräftig und stürzte in

der Finanzkrise dann ab. Im Dezember

sammelte Norgaard mit einer Wandelanleihe

umgerechnet 6,7 Millionen Euro ein.

Mit dem Geld wollen die Dänen weitere

1300 Hektar in der Slowakei kaufen. Das

Geschäftsmodell überzeugt, allerdings ist

die in Stockholm gehandelte Aktie noch

nicht liquide genug, das heißt es wechseln

zu wenig Papiere den Besitzer.

n Black Earth Farming: Das 2005 von

schwedischen Investoren gegründete Unternehmen

besitzt 250 000 Hektar in Russland,

davon werden derzeit 220 000 Hektar

bewirtschaftet. Black Earth Farming baut

Weizen an, aber auch Raps, Sonnenblumen,

Kartoffeln und Zuckerrüben.

Bei den Schweden läuft es nicht rund:

Das vierte Quartal schlossen sie wegen einbrechender

Getreidepreise mit Verlust ab.

Die von Black Earth Farming betriebenen

Farmen sind noch nicht produktiv genug.

Seit dem Börsengang im Dezember 2007

geht es für die Schweden fast ausschließlich

abwärts. Derzeit notiert Black Earth

Farming auf Pennystock-Niveau. Anleger

sollten auf eine nachhaltige Wende warten.

SÜDAMERIKA

Adecoagro, Argentinien

Adecoagro

Buenos

Aires

Edmundo Nolan, Agrarökonom

der Farm Carmen,

steht im Sojafeld,

bückt sich und zieht einen

Argentinien armdicken Maisstengel

aus dem Boden. Die Wurzel

ist voll mit Regenwürmern, die Erde ist

tiefschwarz und feucht. Auch noch in zwei

Meter Tiefe ist der Boden locker. Hier werden

sofort nach der Ernte abwechselnd Soja,

Mais oder Weizen gesät. Die nicht geernteten

Pflanzenreste auf dem Acker speichern

die Feuchtigkeit, bilden natürlichen

Humus und schützen vor Erosion. Ein weiterer

Vorteil der Feuchtpampa: „Wir müssen

wegen des natürlich hohen Kali-Gehalts

im Boden nicht düngen“, sagt Nolan.

Die Farm Carmen mit 25 000 Hektar liegt

fünf Autostunden vom Adecoagro-Hauptquartier

in Buenos Aires entfernt. Nur

zwölf Angestellte arbeiten auf der Farm.

Saat, Ernte und Pflanzenschutz sind an

Dritte ausgelagert. Die insgesamt 280 000

Hektar eigenes Farmland in Brasilien, Ar-

FOTOS: BLOOMBERG (3), DDP IMAGES, ULLSTEIN BILD/MALZKORN, MARC DARCHINGER

PROMINENTE LANDWIRTE

Ein paar Hektar mehr Wie Reiche in Ackerland investieren

GEORGE SOROS

Der milliardenschwere Spekulant

beteiligte sich schon

früh an Agrarunternehmen.

In den Neunzigerjahren

investierte er in die argentinische

Cresud, die Acker- und

Weideland in Südamerika

besitzt. Die Anteile an Cresud hat er inzwischen

wieder verkauft. 2001 folgte das Investment

in die luxemburgische Adecoagro,

die Agrarland in Argentinien und Brasilien

besitzt. 2007 wollte er sich an einer 20 000

Hektar großen Palmölplantage in

Indonesien beteiligen, entschied

sich dann aber dagegen.

Bis 2011 hielt er Anteile am

amerikanischen Biotreibstoffunternehmen

Qteros.

LUCIANO BENETTON

Der Chef des Bekleidungskonzerns

Benetton besitzt

900 000 Hektar in Patagonien

und ist damit einer

der größten Landbesitzer in

Argentinien. Sein Bruder Carlo, stellvertretender

Benetton-Vorstandschef, hat in

mehrere Farmen in Ungarn investiert.

JIM ROGERS

Der Rohstoffinvestor ist am brasilianischen

Unternehmen Genagro beteiligt,

das etwa 70 000

Hektar Farmland in

Brasilien besitzt.

Seit 2011 sitzt

Rogers im Genagro-

Vorstand.

92 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Wertvoller Grund und Boden

Aktien und Fonds börsennotierter Agrarlandbesitzer mit dem größten Renditepotenzial

Unternehmen/Land

Adecoagro/Luxemburg

Australian Agricultural/

Australien

Cosan/Brasilien

Cresud/Argentinien

Fonterra Shareholders

Fund 2 /Neuseeland

KTG Agrar/Deutschland

Schwerpunkt

Ackerbau, Viehzucht, Zucker,

Ethanol in Südamerika

Viehzucht, Fleischproduktion

Zucker, Ethanol, Erdgas,

Logistik in Südamerika

Viehzucht, Getreide,

Immobilien in Südamerika

Kooperative von Milchfarmern

Getreide, Gemüse, Biogas in

Deutschland und Baltikum

ISIN

LU0584671464

AU000000AAC9

BMG253431073

US2264061068

NZFSFE0001S5

DE000A0DN1J4

Börsenwert/

eigenes Land

984 Mio. USD/

280000 Hektar

612 Mio. USD/

7,2 Mio. Hektar

2,9 Mrd. USD/

700000 Hektar

498 Mio. USD/

243000 Hektar

8,5 Mrd. USD/

keine Angaben

78,5 Mio. EUR/

10000 Hektar

Kurs/

Stoppkurs

8,05/6,40 USD

1,24/1,00 AUD

10,73/8,60 USD

9,25/7,30 USD

5,75/4,80 AUD

12,58/10,10 EUR

KGV 1

16,6

21,7

14,7

16,6

36,0

14,8

Kommentar

breit aufgestellt, hat mit Soros

einen einflussreichen Aktionär

Verlust wegen fallender Viehpreise,

Fleischnachfrage aus Asien zieht an

profitiert von anziehenden Zuckerund

Energiepreisen

erfolgreicher Farm-Entwickler, Top-

Management, politische Risiken

krisenfestes Geschäftsmodell,

Wachstum in Schwellenländern

hoch verschuldet, gute Perspektiven

für Nahrungsmittelsparte

Chance/

Risiko

9/8

10/9

8/7

10/9

7/6

9/8

1 Kurs-Gewinn-Verhältnis 2015; 2 börsengehandelter Fonds; Quelle: Bloomberg

gentinien und Uruguay sind das wichtigste

Kapital des Agrarkonzerns.

Adecoagro wurde 2001 gegründet, als

ein familiengeführter argentinischer Chemiekonzern

seine Ländereien verkaufen

musste. Eine wohlhabende argentinische

Familie, deren Finanzberater der heutige

Adecoagro-Vorstandschef Mariano Bosch

war, wollte das Farmland aufkaufen. Bosch

gelang es, George Soros als Investor zu gewinnen.

Seit dem Börsengang 2011 hält Soros

über seinen Hegdefonds 21,2 Prozent.

Etwa die Hälfte der Aktien ist gestreut.

Die Händler des Konzerns müssen Getreide

nicht sofort verkaufen. Adecoagro

betreibt Silo-Bolsas, mobile Lager aus Spezialfolie

für jeweils bis zu 250 Tonnen Getreide.

Darin können Soja oder Weizen bis

zu zwei Jahre problemlos auf abgeernteten

Feldern gelagert werden. Adecoagro kann

warten, bis die Weltmarktpreise steigen.

Der Regierung sind die Silo-Bolsas ein

Dorn im Auge: Sie will, dass die Farmer

schnell exportieren, damit Dollar nach Argentinien

fließen. Als „Spekulanten und

Verräter“ beschimpfen Minister von Präsidentin

Cristina Kirchner die Farmer. Die

sind Streit gewohnt. In monatelangen

Streiks vor zwei Jahren wehrten sie sich erfolgreich

gegen noch höhere Exportsteuern.

Von 670 Dollar Gewinn, welche Farmer

pro Hektar Soja etwa einfahren,

nimmt ihnen der Staat 300 Dollar ab.

Die Gefahr politischer Eingriffe ist das

größte Manko von Adecoagro. Mit diesem

Risiko müssen allerdings auch andere börsennotierten

Landwirte der Region leben.

n Cresud: Der argentinische Agrarkonzern

verwaltet in Lateinamerika 34 Farmen mit

fast einer Million Hektar. Zwei Drittel liegen

in Argentinien. Mit knapp 40 Prozent

Anteil am brasilianischen Agrarkonzern

Brasilagro ist Cresud weniger vom Heimatmarkt

abhängig. Auf Brasilien entfallen etwa

20 Prozent der Ländereien, auf Paraguay

und Bolivien der Rest.

Bewirtschaftet wurden zuletzt 324 000

Hektar Acker- und Weideland, davon etwa

ein Viertel in Pacht. Produziert werden Soja,

Mais, Weizen, Sonnenblumenkerne, Zuckerrohr

sowie Fleisch und Milch. Der

Viehbestand umfasst etwa 76 000 Rinder.

Als Entwickler von landwirtschaftlichen

Flächen arbeitete Cresud bisher sehr erfolgreich.

Bei 32 Farmverkäufen in zwei

Jahrzehnten lag der Verkaufspreis im

Schnitt 200 Prozent über dem Einstiegspreis.

Gut 90 Prozent von Cresuds Marktwert

von 450 Millionen Dollar stecken im

Anteil an der Immobiliengesellschaft Irsa.

Cresud und Brasilagro (Marktwert 220 Millionen

Dollar) notieren auch als Hinterlegungsschein

(ADR) an der Nasdaq.

n Cosan: Der Zucker- und Ethanolproduzent

ist einer der größten Landbesitzer Brasiliens.

Über Raizen, ein Joint Venture mit

Royal Dutch Shell, halten die Brasilianer

etwa 600 000 Hektar Land, auf denen Zuckerrohr

angebaut wird. Weitere 100 000

Hektar besitzt Cosan über die Tochter Radar,

die mit Agrarflächen handelt.

Cosan geriet zuletzt unter Druck, weil

die US-Umweltbehörde EPA die Menge an

Bioethanol, die Sprit beigemischt werden

darf, gesenkt hatte. 40 Prozent des in den

»

GRAHAM BIRCH

Der ehemalige

Manager des Black

Rock Agriculture

Hedge Fund hat sich

aus der Londoner

City zurückgezogen

und betreibt

zwei Farmen mit

insgesamt 930

Hektar in der

Grafschaft Dorset im Südwesten

Englands. Zehn Angestellte küm-

mern sich ums Milchvieh sowie den Anbau

von Weizen, Gerste und Raps.

GÜNTHER FIELMANN

Der Brillen-Unternehmer betreibt mehrere

Güter mit biologischer Landwirtschaft

in Schleswig-Holstein und

besitzt Ackerland in Mecklenburg-Vorpommern.

Ökolandwirt

Günther Fielmann

verdient zudem am Vertrieb

von Bioprodukten

seiner Landgüter.

NORBERT RETHMANN

Die Familie Rethmann, die den Entsorgungskonzern

Remondis im westfälischen

Lünen gegründet hat, soll

ein Vermögen von sechs

Milliarden Euro besitzen.

Ein Teil des Geldes haben

die Rethmanns in 7000

Hektar Agrarland im Landkreis

Parchim in Mecklenburg-Vorpommern

investiert.

Um die Landgüter kümmert sich

Clan-Chef Norbert Rethmann.

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 93

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Geld&Börse

INTERVIEW Mariano Bosch

»Soja baut keiner billiger an«

Der Chef des von ihm mit George Soros gegründeten Agrarriesen

Adecoagro investiert in Biosprit und will 2017 Dividende zahlen.

Aufwärts mit Biosprit

10

9

8

7

6

in Euro

5

Adecoagro

4

11 12 13 14

Quelle:Bloomberg

DER ETHANOL-INVESTOR

Bosch, 44, ist seit 2001 Vorstandschef

des in Luxemburg

ansässigen und in Südamerika

operierenden Agrarkonzerns Adecoagro.

Als Finanzberater eines

Family Office knüpfte er Kontakt

zu Investor George Soros, mit

dem er Adecoagro gründete.

Adecoagro könnte

von einem weiter

steigenden Ölpreis

profitieren, weil

dann Bioethanol,

das sie in Brasilien

produzieren, als

Alternative zum

Benzin attraktiver

wird.

Herr Bosch, wie wollen

Sie in Südamerika

wachsen, wenn Ihnen

als ausländisches

Unternehmen gesetzlich

untersagt wird,

weiteres Land dazuzukaufen?

Bosch: Wir können mit

lokalen Pächtern zusammenarbeiten.

Mehr als zusätzliche

Hektar interessieren

mich jedoch die Gewinne.

Wir wollen mit

den weltweit niedrigsten

Kosten produzieren.

Das ist uns bei Soja,

Mais, Weizen,

Sonnenblumen und

Baumwolle gelungen.

Bei Kaffee haben wir

das nicht geschafft,

deshalb bauen wir keinen

mehr an.

Warum hat sich Kaffee

nicht rentiert?

2004 haben wir erstmals 1600 Hektar

Land in Bahia in Brasilien erworben.

Wir wollten dort hochpreisige Kaffeesorten

anbauen, mit starkem Maschineneinsatz

und künstlicher Bewässerung.

Fünf Ernten lang sind wir stark

gewachsen. Dennoch blieb der Ertrag

auf das eingesetzte Kapital unter unserem

Ziel. Dazu kamen niedrige und stark

schwankende Kaffeepreise. Als wir einen

Investor fanden, der uns einen attraktiven

Preis zahlte, haben

wir uns aus der Kaffee-

Sparte verabschiedet.

Warum haben Sie Aktionäre

ins Unternehmen

geholt?

Der Börsengang, der

uns 422 Millionen Dollar

eingebracht hat, war

wichtig, um unsere Aktivitäten

bei Ethanol und

Zucker aufzubauen. Bisher

haben wir insgesamt

900 Millionen Dollar in

dieses Geschäft investiert.

Weitere 400 Millionen

Dollar sollen folgen.

Brasilien zahlt keine

Subventionen für

Biotreibstoffe. Warum

investieren Sie?

Wir können auf preisgünstig

gepachteten Farmen

Zuckerrohr produzieren.

Wenn die

Farmen nicht in den traditionellen

Anbaugebieten

Brasiliens liegen, sind die Pachten

dort bis zu 50 Prozent niedriger. Die Wege

zu unseren Ethanolfabriken sind kurz,

die Transportkosten niedrig. So sind wir

ohne Subventionen wettbewerbsfähig.

Sie hätten den Ausbau der Ethanol-

Sparte mit Krediten finanzieren können.

Zusätzliche Schulden wären zu riskant.

Das Agrargeschäft wird von Faktoren beeinflusst,

die wir nicht kontrollieren können,

vor allem vom Wetter und von den

Energiepreisen. Vor dem Börsengang

haben wir unsere Investitionen deshalb

ausschließlich aus dem Cash-Flow und

dem Eigenkapital finanziert.

Wie wollen Sie attraktiv bleiben, wenn

Sie ausländischen Investoren keine

Dividende zahlen können?

Unser Businessplan zum Börsengang

sah vor, dass wir bis 2016 Gewinne komplett

reinvestieren. Ab 2017 wollen wir

wieder an die Aktionäre ausschütten.

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

»

USA beigemischten Bioethanols kommen

aus Brasilien. Im Gegenzug will jedoch

die brasilianische Regierung die Quote

für Bioethanol im Benzin erhöhen.

Für Cosan sprechen die verbesserten

Aussichten auf dem Zuckermarkt. Nach einer

Rekordernte in der Saison 2012/13

dürften wegen der Trockenheit in Brasilien

jetzt rund eine Million Tonnen weniger geerntet

werden. Gleichzeitig soll die weltweite

Nachfrage nach Zucker um drei Millionen

Tonnen steigen. Das spricht für steigende

Preise und Margen für Cosan – und

für Wettbewerber Adecoagro.

AUSTRALIEN

AACO, Brisbane

US-Farmen, die an der

Börse notiert sind, kosten

Agricultural

bis zum 170-Fachen des

Brisbane

Jahresgewinns. Grund dafür

sind die stark gestiegenen

Preise für Farmland.

Australien

Aktien australischer und neuseeländischer

Landwirte sind eine günstige Alternative.

Beim größten australischen Rinderzüchter

Australian Agricultural (AACO) rechnen

Analysten für 2015 mit einem KGV von

21,7. Zuletzt machte AACO einen Verlust

von 32 Millionen australischen Dollar nach

Steuern. Schuld sei der eingebrochene

Preis für lebende Rinder gewesen. Der

australische Branchendienst Meat & Livestock

meldet jedoch, dass die Preise für

Lebendvieh seit Januar wieder anziehen.

Australian Agricultural hält 600 000 Stück

Vieh auf 7,2 Millionen Hektar. Die Kursfantasie

liegt in Asien. Meat & Livestock meldet

für das letzte Geschäftsjahr 46 Prozent

mehr Exporte von Rindern nach China.

n Fonterrra: Der neuseeländische Milchkonzern

ist eine Kooperative von etwa

10 000 Farmern. Anleger haben Zugang

über den börsennotierten Shareholders

Fund. Fonterra produziert Milch weltweit.

In Lateinamerika vertreiben die Neuseeländer

Milchprodukte mit Nestlé. In China

besitzt Fonterra Milchfarmen.

Dieser Markt zumindest hat Potenzial:

Als Chinas Staatssender CCTV Starbucks

unlängst vorwarf, deren Milchkaffee sei

viel zu teuer, entfachte dies einen Shitstorm

empörter Chinesen im Internet. Die

US-Kette, die 1000 Läden in China hat,

rechtfertigte sich mit den knappheitsbedingt

immer noch hohen Milchpreisen. n

martin.gerth@wiwo.de, alexander busch | São Paulo,

frank doll, matthias kamp | München

FOTO: PR

94 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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Barron’s

Zu neuer Größe

AKTIEN | Das iPhone 6 mit größerem Display könnte für Apple der

ersehnte neue Verkaufsschlager werden – und die Aktie treiben.

tablen Nicht-Hardwaresparten

lieferten 2013 schon 16 Milliarden

Dollar Umsatzbeitrag, 25

Prozent mehr als 2012. Das

iPhone wird weltweit von 260

Millionen Menschen genutzt, eine

immense Nutzerbasis. Bereits

jetzt vereinigt es viele Funktionen

– etwa Telefon, Kamera und Musik-Player

– die zuvor separat gekauft werden

mussten. Nicht alle Services generieren

hohe Umsätze, aber in Summe verschaffen

sie Apple eine hohe Kundenloyalität.

Die Produkttreue liegt bei 90 Prozent,

was keinen rasant wachsenden, aber einen

stetigen Hardwareabsatz sicherstellt.

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

Alle Analysten warten auf das große,

neue Ding, das Apple zu alter Stärke

und der Aktie zur Renaissance verhelfen

soll. Mal soll es die Internet-Armbanduhr

iWatch sein, dann das Apple-TV,

dann ein noch gar nicht existentes Gerät,

das was auch immer für Anwendungen erschließt.

Auf das Naheliegendste kommen

die Experten nicht: das neue iPhone 6. Es

hat das Potenzial, der schwächelnden Aktie

wieder auf die Beine zu helfen.

Denn es behebt ein großes Manko: Das

relativ kleine Display trieb anspruchsvolle

Kunden, die Videos und Apps in vernünftiger

Größe nutzen wollen, scharenweise zur

Konkurrenz. Das iPhone 6 bekommt mindestens

ein 4,7-, wahrscheinlich gar ein

5,6-Zoll-Display. Für iPhone-Fans ist das

ein triftiger Grund für ein Upgrade, nachdem

viele die letzten iPhone-Neuerungen

mangels Alleinstellungsmerkmalen ausgelassen

hatten. Apple könnte sogar einige

abgewanderte Kunden zurückholen.

Das neue iPhone könnte Apples Gewinn

im laufenden Geschäftsjahr (bis Ende September)

um bis zu 15 Prozent treiben. Das

sollte den Kurs der Aktie, die mit hohem

Bewertungsabschlag auf den Rest der Börse

gehandelt wird, beflügeln. Mit einem

Marktwert von rund 470 Milliarden Dollar

ist Apple zwar das wertvollste US-Unternehmen.

Doch Analysten bemängeln stets

die einseitige Abhängigkeit von nur zwei

Produkten: dem iPhone und dem iPad. Tatsächlich

entfallen rund 54 Prozent des Umsatzes

alleine auf das iPhone, 19 Prozent

auf iPads.

Doch es ist falsch, Apple wie einen rein

technikgetriebenen Gerätemacher zu bewerten.

Bei technischen Daten, wie Megapixel

der Kamera oder Geschwindigkeit

der Prozessoren, hat das iPhone zwar nicht

die Nase vorn. Doch Software-as-a-Service

ist ein zukunftsträchtiges Konzept, das

Apple zwar nicht allein beherrscht, aber

perfektioniert hat – vor allem besser macht

als der größte Konkurrent, Samsung.

Denn: Attraktiv für die Käufer sind die

Apple-Geräte nicht allein wegen der Hardwarefunktionen,

sondern wegen der Software,

die Apple stets dazu verkauft, ständig

aktualisiert und anhand des Nutzerverhaltens

verbessert. Die Besitzer der iPhones

etwa bekommen damit Zugang zu App-

Stores, Musik-, Film- und Fotoprogrammen

und zu Service- und Reparaturangeboten.

Die hoch profi-

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

GUT UND TEUER

Wichtig ist wegen des Umsatzanteils des

iPhones dessen Upgrade-Rate: Zuletzt ging

die Zahl der Kunden, die ein altes iPhone

durch ein neues ersetzten, pro Quartal von

elf Prozent noch 2012 auf neun Prozent zurück.

Getrieben von den Geräten mit größerem

Display, sollten die Produkt-Upgrades

wieder auf die alten Spitzenwerte

klettern oder diese übertreffen. Absatzerfolge

beim iPhone 6 könnten den Gewinn

im nächsten und übernächsten Quartal um

mehr als drei Dollar je Aktie steigen lassen.

Wall Street erwartet eine Umsatzsteigerung

um sechs Prozent auf 181,4 Milliarden Dollar

für 2014; keine schlechte Wachstumsrate

für einen riesigen Konzern, aber weniger

als noch vor einigen Jahren, als Apple den

Umsatz binnen drei Jahren vervierfachte.

Der Markt für iPhones scheint zwar gesättigt,

die Kombination aus hohen Verkaufspreisen

und einer Bruttomarge von

38 Prozent machte die Aktie sicher anfällig.

Doch allein seine Größe erlaubt es Apple,

mehr Geld in die Forschung zu investieren

und die Produktionskosten weiter zu senken

als kleinere Konkurrenten. Zwei weitere

Faktoren sprechen für Apple. Der Mobile

World Congress in Barcelona zeigte den

hohen Reifegrad bei teuren Smartphones

und den Mangel an Innovationen bei Android-Modellen.

Das heißt: Apple wird bei

der Markteinführung seiner Modelle auf

weniger Wettbewerb stoßen als zuletzt.

Und es könnte vom erbitterten Wettbewerb

unter US-Mobilfunkanbietern profitieren.

Vorzeitige Vertragsverlängerungen

mit Kunden-Incentives sind wieder häufiger

als zuletzt, so können wieder mehr

Kunden in den Genuss der neuesten, teuersten

Handys kommen.

Zudem ist die Apple-Aktie

günstig. Derzeit notiert sie zum

Zwölffachen des für 2014 erwarteten

Gewinns, im Standard &

Poor’s 500-Index liegt der Durchschnitt

bei 16. Apple besitzt zudem

159 Milliarden Dollar Cash.

Zieht man das vom Unternehmenswert

ab, kommt die Aktie

gar nur auf ein KGV von acht. n

jack hough | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 31.3.2014 Nr. 14 95

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Geld&Börse

Neues aus aller Welt

BANKGEHEIMNIS | Auch Österreich und Luxemburg sind geknackt,

weitere Steueroasen werden folgen. Wer meldet dem Fiskus was?

18 000 Briefkastenfirmen in einem Haus

Selbst Cayman Islands wollen Daten melden

Esklingt wie der Traum eines Finanzbeamten.

Nie mehr teure Daten-CDs

kaufen und auswerten. Nie mehr als

Bittsteller auftreten und ausländische Kollegen

um Hilfe anflehen. Nie mehr am

Bankgeheimnis eines Finanzzentrums verzweifeln.

Einfach abwarten, bis die Namen

derjenigen im Postfach liegen, die irgendwo

auf der Welt Schwarzgeld verstecken.

Klingt unrealistisch? Ist es aber nicht mehr.

Steueroasen in aller Welt haben sich in den

vergangenen Tagen verpflichtet, Informationen

über Kapitalerträge von Ausländern an

deren Heimatstaaten zu liefern – zum Teil

bereits ab 2015, spätestens aber ab 2017.

Aber welche Länder machen mit? Welche

Anleger sind betroffen? Und welche

Schlupflöcher bleiben? Ein Überblick.

SCHWARZ IM KLEINWALSERTAL

Am Abend des 20. März war es so weit.

Nach jahrelangen Verhandlungen lenkten

die Regierungschefs von Luxemburg und

Österreich endgültig ein. Xavier Bettel und

Werner Faymann sagten auf dem EU-Gipfel

in Brüssel zu, dass ihre Banken künftig

Informationen über Kapitaleinkünfte ausländischer

Kunden liefern. Der formelle

Beschluss folgte vier Tage später.

n Im ersten Schritt geht es um Zinsen: Luxemburg

meldet sie bereits ab 2015, Österreich

hat sich noch nicht festgelegt, muss

die neuen Regeln aber bis 2017 umsetzen.

Der Fiskus erhält also in Zukunft automatisch

die Namen deutscher Anleger, die in

Luxemburg oder Österreich Geld auf Sparkonten

bunkern oder in Anleihen investiert

haben. In den beiden Ländern gelten dann

dieselben Regeln wie in den anderen 26

EU-Staaten. Ausländische Anleger kommen

nicht mehr mit einer anonymen Quellensteuer

davon.

Wer noch Schwarzgeld bunkert, etwa im

Kleinwalsertal, muss somit umdenken,

zumal es demnächst noch schwieriger

werden könnte, dieses per Selbstanzeige

zu legalisieren. Die Länderfinanzminister

wollen die Selbstanzeige verschärfen. Ab

Mai drohen höhere Strafzuschläge; die

Schwelle von 50 000 Euro hinterzogenen

Steuern, ab der diese fällig werden, könnte

gesenkt werden.

n Zugleich stimmten Luxemburg und Österreich

zu, mehrere Schlupflöcher zu

schließen. So melden Banken in der EU

künftig nicht nur Zinseinkünfte von Privatleuten,

sondern auch von Firmen. „Damit

wird es schwieriger, die Meldepflicht durch

die Gründung von Stiftungen oder Trusts

zu umgehen“, sagt Jesco Idler, Steuerberater

bei der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg

in Bonn.

UMSCHICHTEN BRINGT NICHTS

Geld in andere Anlageklassen umzuschichten

ist zudem bald zwecklos. Denn

die Meldepflicht wird schrittweise auf Dividenden,

Spekulationsgewinne, Versicherungserträge

und sogar Mieteinnahmen

ausgeweitet.

n Zunächst sind Besitzer von Lebensversicherungspolicen

und Mietimmobilien betroffen:

Laut der 2013 verabschiedeten EU-

Amtshilferichtlinie sind sämtliche Mitgliedstaaten

ab 2015 verpflichtet, andere

Länder ungefragt über Erträge aus Lebensversicherungen

und Mieteinnahmen zu

informieren.

Anlegern, die Schwarzgeld in Versicherungspolicen

oder Immobilien investiert

haben, droht somit die Entdeckung (WirtschaftsWoche

51/2013). Und es ist womöglich

schon zu spät, diese zu verhindern.

„2015 informieren EU-Staaten im Rahmen

der Amtshilferichtlinie über Erträge, die in

diesem Jahr zufließen oder bereits zugeflossen

sind“, warnt Idler.

n Wann Informationen über Dividenden

und Spekulationsgewinne fließen und

somit auch Aktionäre und Fondsanleger

betroffen sind, ist noch nicht klar. Die

„G5“-Staaten Deutschland, Frankreich,

Großbritannien, Spanien und Italien gehen

davon aus, dass ein Informationsaustausch

über sämtliche Kapitalerträge

„bis Ende 2014 in EU-Recht umgesetzt

wird“. So steht es in einer Erklärung vom

19. März.

Viele Länder wollen dann 2015 direkt

loslegen und auch Dividenden und Spekulationsgewinne

melden. Luxemburgs Premier

Bettel drückt ebenfalls aufs Tempo.

„Ab dem 1. Januar 2015 gibt es bei uns kein

Bankgeheimnis mehr“, sagt er. Allerdings

hoffen die Banken im Fürstentum noch auf

eine längere Frist bei Dividenden und Aktiengewinnen.

Österreich hat sich, wie bei

den Zinsen, noch nicht festgelegt.

UND DIE SCHWEIZ?

Aus der Schweiz dürften Informationen

frühestens 2016 fließen. Allerdings ist es für

die EU, die aktuell mit den Eidgenossen

und anderen europäischen Steueroasen

verhandelt, bereits ein großer Erfolg, dass

es nur noch um das „Wann“ geht – und

nicht mehr um das „Ob“. In einem Bericht

an die EU-Finanzminister Anfang März be-

FOTO: REUTERS

96 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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ichtete Steuerkommissar Algirdis Semeta

von „großen Fortschritten“. „Die EU steht

kurz vor einem historischen Abkommen“,

schrieb der Litauer – und zwar mit allen

„fünf Drittstaaten“. Neben der Schweiz sind

dies Andorra, Liechtenstein, Monaco und

San Marino.

Das ist keine Propaganda: Liechtenstein

hat sich längst vom Bankgeheimnis verabschiedet,

und auch die Schweizer legen

keinen Wert mehr auf ihr einstiges Aushängeschild.

Laut Finanzstaatssekretär

Jacques de Watteville soll der Informationsaustausch

gemäß OECD-Standard bereits

im Sommer formell beschlossen werden.

Dies teilte er Anfang März mit.

ERST EUROPA, DANN DIE WELT

Der OECD-Standard sieht einen Austausch

über Zinsen, Dividenden, Spekulationsgewinne

und Versicherungserträge vor, wie

er innerhalb der EU nun ohnehin schrittweise

Realität wird. Mieteinnahmen sind

allerdings noch nicht dabei.

Die OECD hat den Standard im Februar

auf dem Treffen der 20 wichtigsten Industrie-

und Schwellenländer (G20) in Sydney

präsentiert. Parallel hatte die Schweizer Finanzministerin

Eveline Widmer-Schlumpf

ein baldiges Einlenken angekündigt. Es

wäre sicher falsch, „einfach zu warten, bis

alle den automatischen Informationsaustausch

eingeführt haben“, sagte sie in einem

Interview.

Alle? Na ja, fast alle. Tatsächlich haben

sich am 19. März zahlreiche Staaten von

Argentinien bis Island offiziell zum neuen

OECD-Standard bekannt – darunter auch

Bei ihrer Jagd

können Ermittler

auf Hilfe von

Hackern zählen

Offshore-Finanzzentren wie die Bermudas,

die Britischen Jungferninseln und die Caymans.

Sie wollen spätestens 2017 Daten

liefern, die G20 drängen auf 2016. Bald erhält

Deutschland also nicht nur Daten aus

Europa, sondern aus der ganzen Welt. Beliebte

Steueroasen, etwa Singapur und

Panama, fehlen allerdings noch.

Hinzu kommt, dass Schlupflöcher bleiben.

Ein Trick, der derzeit in der Szene die

Runde macht: Anleger können sich in

manchen Ländern „Ansässigkeitsbescheinigungen“

besorgen, etwa, wenn sie dort

ein Ferienhaus kaufen. Danach könnte die

ausländische Bank diese Kunden so behandeln,

als seien sie vor Ort und nicht in

Deutschland steuerpflichtig, berichtet ein

Kenner der Materie. Somit flössen keine

Daten an die deutschen Behörden. Das

passiert auch, wenn Banken nicht feststellen

können, wer hinter einem Trust oder

einer Stiftung steckt, weil Steuerhinterzieher

einen Treuhänder zwischengeschaltet

haben, der offiziell als Eigentümer fungiert.

Allerdings hat das EU-Parlament – ebenfalls

im März – eine Richtlinie beschlossen,

der zufolge im Handelsregister künftig die

echten Hintermänner solcher Firmenkonstrukte

stehen sollen. Zudem ist die Jagd

auf dubiose Treuhänder eröffnet, die als

Strohmänner massenhaft Firmen verwalten.

So sammeln die deutschen Finanzbehörden

die Namen von Treuhändern, die

bei Selbstanzeigen oder Ermittlungen auftauchen.

Inzwischen sei eine ansehnliche

Datei von Personen entstanden, die verdächtig

viele Firmen gründen, heißt es.

Bei ihrer Jagd können Ermittler auf private

Hilfe zählen. So hat der Hacker und

Aktivist Dan O’Huiguinn auf Basis des Online-Firmenregisters

von Panama ein Tool

programmiert (ohuiginn.net), das per Klick

eine Liste sämtlicher Firmen liefert, die ein

Verdächtiger als „Director“ vertritt.

VERDÄCHTIGE TREUHÄNDER

So lassen sich Personen herausfiltern, die

in Panama auffällig viele Unternehmen leiten.

Steuerfahnder in Argentinien hätten

sein Tool bereits erfolgreich genutzt, sagte

O’Huiguinn der WirtschaftsWoche. Derzeit

arbeite er an einer Web-Site (investigativedashboard.org),

auf der Ermittler zahlreiche

Firmenregister aus aller Welt per

Knopfdruck durchforsten können.

Ob die Geheimnisse der Treuhänder –

oft Anwälte, die sich auf ihre Schweigepflicht

berufen – genauso umfassend geknackt

werden wie die der Banken, bleibt

aber abzuwarten. Spätestens wenn es so

weit ist, dürfte der Daten-Traum für manchen

Beamten zum Albtraum werden. Irgendwer

muss die Flut von neuen Informationen

schließlich auch bearbeiten. n

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

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Geld&Börse | Steuern und Recht

PROSPEKTFEHLER

Kosten sind

verbindlich

FINANZAMT

Besser Einspruch einlegen

Steuerzahler sollten Bescheide des Finanzamts sorgfältig auf Fehler prüfen.

Rentner Arnold T. ärgert sich, weil ihm das Finanzamt

seine Krankenkassenbeiträge nicht voll

anerkannt hatte. In der Steuererklärung für

das Jahr 2012 machte er Beiträge zur gesetzlichen

Krankenversicherung geltend. Absetzen kann

er nur, was er selbst gezahlt hat, nicht jedoch

den Zuschuss der Rentenversicherung, der den

Arbeitgeberanteil ersetzt. Das Finanzamt von Arnold

T. hatte jedoch vom Eigenbeitrag den Zuschuss

der Rentenversicherung abgezogen. Der

Fehler fiel dem Rentner erst beim zweiten Hinschauen

auf. Auf Nachfrage gab das Finanzamt

den Fehler zu und begründete ihn damit, dass es

die Angaben der Rentenversicherung automatisch

übernommen hätte. Wie sich herausstellte,

hatte das Finanzamt den gleichen Fehler bereits

RECHT EINFACH | Aprilscherz

Nicht jeder Witz kommt an.

Mancher Schabernack

beschäftigt sogar die Gerichte –

und das nicht nur am 1. April.

§

Bombig. Ein Schwabe

schickte einer Bekannten

ein Paket ins Büro. Darauf

prangte das Emblem einer

arabischen Botschaft und der

Text „important and secret document“.

Als die Botschaft mitteilte,

die Sendung stamme nicht von

ihr, rief die Empfängerin die Polizei.

Der per Hubschrauber ange-

reiste Bombenentschärfer fand im

Paket allerdings nur einen Teller

und einen Zettel mit „schönen Grüßen“.

3690 Euro sollte der Absender

für den Einsatz zahlen. Vor Gericht

fand er Milde: Polizeikosten

könnten nur bei Vorsatz verlangt

werden (Verwaltungsgerichtshof

Baden-Württemberg, 1 S 733/13).

bei der Steuererklärung 2011 gemacht. „Ist

ein Steuerbescheid noch nicht bestandskräftig,

können Steuerzahler innerhalb eines Monats Einspruch

einlegen“, sagt Matthias Arens, Fachanwalt

für Steuerrecht der Kanzlei EHM in Bonn.

Diese Option nutzte auch Arnold T. erfolgreich.

Trotz des Einspruchs müssen die Steuerzahler

zunächst zahlen. Die Zahlung lässt sich verhindern,

wenn die Steuerzahler zusätzlich einen Antrag

auf Aussetzung der Vollziehung des Steuerbescheids

stellen. „Ist der Steuerbescheid schon

bestandskräftig, lässt er sich nur in engen Grenzen

ändern, wenn beispielsweise das Finanzamt

einen Rechen-, aber keinen Rechtsfehler gemacht

hat“, sagt Anwalt Arens. Ob Rentner Arnold T.

Geld für 2011 zurückerhält, ist noch nicht geklärt.

Stechschritt. Für 689 Euro verbrachte

ein Münchner eine Woche

am Roten Meer. Drei Tage vor Abreise

führten Animateure einen

Sketch über Begrüßungen in verschiedenen

Ländern auf. In der

Kategorie „Germany“ paradierten

sie mit Stechschritt, ausgestrecktem

Arm und dem Ruf „Heil“ über

die Bühne. Vor Gericht erhielt der

Urlauber für die verbliebenen Tage

20 Prozent Nachlass, insgesamt

34,50 Euro. Begründung:

Das vermittelte Gefühl, Deutsche

seien „unerwünscht“ stelle einen

Die Eltern einer Siebenjährigen

zahlten für sie 26 500 Euro in einen

geschlossenen Fonds, der

in US-Lebensversicherungen

investierte. Doch der Fonds Ceres

Life Cycle AG & Co. US Life

2012 KG war ein Flop. Da er statt

anvisierter 25 Millionen Euro

nur 5 Millionen Euro einsammelte,

machten die Fixkosten

deutlich mehr als die im Prospekt

angegebenen 6,2 Prozent

aus. Allein die Gründungskosten

verschlangen 9,7 statt vereinbarter

2,0 Prozent des Kapitals.

Die Eltern forderten daher

das Geld ihrer Tochter von den

Gründungsgesellschaftern zurück.

Das Oberlandesgericht

(OLG) Karlsruhe gab ihnen

recht (7 U 112/12). Die Prospektangabe

sei nicht eingeschränkt

oder unter einen Vorbehalt

gestellt worden. Die

Klage einer weiteren Anlegerin

war von einem anderen Senat

des OLG Karlsruhe wegen örtlicher

Unzuständigkeit vor Kurzem

abgewiesen worden – wir

hatten auch hier fälschlicherweise

von einem Anlegererfolg

berichtet (17 U 242/12, Ausgabe

11/2014). „Dort wurde aber die

Revision zum Bundesgerichtshof

zugelassen und auch bereits

eingelegt“, sagt Kai Spirgath,

Anwalt der Heidelberger Kanzlei

Bornemann-von Loeben.

Reisemangel dar (Amtsgericht

München, 281 C 28813/09).

Abtritt. Ein Gerüstbauer aus dem

Rheinland warf im Vorbeigehen einen

Feuerwerkskörper in ein auf

der Baustelle stehendes Dixi-Klo.

Der darin befindliche Kollege erlitt

Verbrennungen und war drei Wochen

krankgeschrieben. Die fristlose

Kündigung für den Gerüstbauer

ging durch. Meinung der

Richter: „Tätlicher Angriff“ mit

„gravierenden Schäden“ (Arbeitsgericht

Krefeld, 2 Ca 2010/12).

FOTOS: PHOTOTHEK.NET/GRABOWSKY, IMAGEBROKER/VARIO IMAGES, BECKER LACOUR

98 Nr. 14 31.3.2014 WirtschaftsWoche

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BONUSAKTIEN UND SPIN-OFFS

Fiskus überrascht Vodafone-Aktionäre

Ein Vodafone-Aktionär aus

Thüringen wunderte sich:

Nachdem Vodafone seinen Anteil

an der US-Tochter Verizon

Wireless für 130 Milliarden Dollar

an den US-Telekomkonzern

Verizon verkauft hatte, bekam

er dafür Ende Februar rund

1800 Euro Bardividende und

Verizon-Aktien für rund 4400

Euro. Doch von beiden Posten

zog die Bank Abgeltungsteuer

ab. Zum Schluss machte der

Gegenwert von Vodafone- und

Verizon-Aktien sowie der verbleibenden

Barzahlung weniger

aus, als die Vodafone-Aktien

vorher wert gewesen waren.

Das hatte er sich anders vorgestellt.

Trotzdem sei der Steuerabzug

richtig, sagt Daniel Sahm,

Steuerberater bei Ecovis in

München. Er bringe Anlegern

auch keinen Steuernachteil, „da
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