Nummer 03_2014

blogoftheblues

Nummer 03_2014

Nr. 3/2014

MEHR ALS NUR EINE

RANDNOTIZ:

WOMEN IN BLUES

• Tim Lothar & Holger „Hobo“ Daub in Memphis

• Boleneck John - Paul Bao - Bob Hite - Hands on Strings

• Album des Monats: Ursula Ricks - My Street

• Gedichte von Odile Endres

• Vorabdruck „Der Krieg der Gurken“ von Buchmann & iwi

Mit Blueskalender


Editorial

präsentiert das

23.

Blues

Festival

Schöppingen

Münsterland

live dabei:

Joe Louis Walker & Band (USA)

North Mississippi Allstars (USA)

Mike Zito & the Wheel (USA)

Delta Saints (USA)

Jonathon „Boogie“ Long &

The Blues Revolution (USA)

Mason Rack Band (AUS)

Mr. Sipp

„The Mississippi Blues Child“ (USA)

Lisa Doby (USA)

Frankie Chavez

(PT)

Mountain Men

(F)

and more...

Sa 7. und So 8. Juni 2014

Das 2-Tagesticket (begrenztes Kontingent) wird im Vorverkauf nur

55,- € (inkl. Vvk-Gebühr) kosten. Es kann nur über die Homepage

„www.kulturring-schoeppingen.de“ gebucht werden.

2

© wasser-prawda


Editorial

Editorial

Ein Freund war letztens in Berlin beim Record Release

Konzert für das Doppelalbum „Live In Reitwein“. Auf

der Bühne eine Mixtur von alten Helden der DDR-Bluesszene

und ein paar regionale Acts aus der Umgebung der

Kneipe in Reitwein, wo in den letzten Jahren 100 Konzerte schon

stattgefunden haben. Er erzählte mir folgende Bemerkung aus

dem Publikum: „Freygang klingen ja gar nicht mehr so wie damals

1978!“ Für mich ist das ein entlarvender Satz nicht nur über

die Erwartungen des Publikums im Osten Deutschlands sondern

leider auch zum Stand des Blues in den längst nicht mehr neuen

Bundesländern: Es herrscht Stillstand seit vielen Jahren. Stillstand

zumindest bei den Bands und Musikern, mit denen ich lange Jahre

groß geworden bin als Bluesfan: Mir reicht es einfach nicht

mehr, immer wieder die alten Hits zu hören. Ich will neue Lieder,

Lieder, die ein Spiegel der heutigen Zeit sind. Ich kann einfach

nicht glauben, dass Musiker wie Bodag, Speiche, Jürgen Kerth

und andere sich eingerichtet haben im musikalischen Altersheim.

Aber genau das wurde in Berlin zelebriert. man feierte eine lang

vergangene Geschichte mit Liedern, die alle kennen und keinen

mehr ärgern können.

Wie man heute mit dem Blues aktuelle Geschichten erzählen

kann, ohne die Tradition zu verraten, das machen Musiker wie

Tim Lothar deutlich, der mit seinem deutschen Kollegen Holger

Daub in Memphis bis ins Halbfinale der IBC kam. Ein anderer

Bericht aus Memphis widmet sich speziell den Frauen im Blues.

Beim Showcase „Women In Blues“ präsentieren sich seit einigen

Jahren Bluesladies aus aller Welt. Und das ist genau das richtige

Thema für den März. Schließlich ist am 8. März der Internationale

Frauentag. Aus dem Grund hab ich auch einige bemerkenswerte

Neuerscheinungen von Bluesladies in einem Special

zusammengefasst. Denn unter all den Alben von Männern gehen

sie sonst viel zu leicht unter. Etwa das außerordentliche Debüt

„My Street“ von Ursula Ricks aus Baltimore oder der swingende

Rhythm & Blues von Adrianna Marie aus Kalifornien.

Gerade „My Street“ hat bei uns in der Redaktion einen derartigen

Eindruck hinterlassen, dass wir es im März zum „Album des

Monats“ bestimmt haben. Es hat sich gegen die wirklich bemerkenswerten

Scheiben von Billy Branch & The Sons of Blues und

von Joe Louis Walker durchgesetzt. Denn es sind die Songs von

Ricks, die diese Scheibe zu etwas ganz Besonderem machen: Hier

ist der Blues endlich mal wieder ein ganz aufmerksamer Kommentator

der Gegenwart, besonders der Zustände in Baltimore.

Zwei Autorinnen können wir im März erstmals in der Wasser-

Prawda begrüßen. Memphis Mini, Journalistin aus Hamburg

war mit Tim Lothar und Holger Daub unterwegs bei der IBC

in Memphis. Und die Künstlerin und Festivalorganisatorin Terri

Robbins hat über die zunächst von Michele Seidman gegründete

Initiative „Women In Blues“ und besonders deren Auftritte im

Rahmen der IBC berichtet.

Um noch mal auf Engerling zurück zu kommen. Die wollen

demnächst ihr 40jähriges Bestehen feiern. Ich bin der Meinung,

dass dies mit einem neuen Studioalbum passieren sollte. Live-

Alben gab es schon zu den letzten Geburtstagen.

© wasser-prawda

3


Editorial

Impressum

Die Wasser-Prawda ist ein Projekt des

Computerservice Kaufeldt Greifswald.

Das pdf-Magazin wird in Zusammenarbeit

mit dem freiraumverlag

Greifswald veröffentlicht und

erscheint in der Regel monatlich. Es

wird kostenlos an die registrierten

Leser des Online-Magazins www.

wasser-prawda.de verschickt.

Wasser-Prawda Nr. 01/2014

Redaktionsschluss: 06.. März

2014

Redaktion:

Chefredakteur: Raimund Nitzsche

(V.i.S.d.P.)

Redaktion: Mario Bollinger,

Bernd Kreikmann, Lüder

Kriete, Matthias Schneider,

Dave Watkins

Mitarbeiter dieser Ausgabe:

• Gary Burnett

• Memphis Mini

• Terri Robbins

• Torsten Rolfs

• Darren Weale

Die nächste Ausgabe erscheint am 17.

April 2014.

Adresse:

Redaktion Wasser-Prawda

c/o wirkstatt

Gützkower Str. 83

17489 Greifswald

Tel.: 03834/535664

redaktion@wasser-prawda.de

Anzeigenabteilung:

marketing@wasser-prawda.de

Gerne schicken wir Ihnen unsere aktuelle

Anzeigenpreisliste und die Mediadaten

für das Online-Magazin und

die pdf-Ausgabe der Wasser-Prawda

zu. Anzeigenschluss für das pdf-Magazin

ist jeweils der 1. Werktag des

Erscheinungs-Monats.

Inhalt

Editorial 3

Impressum 4

Auf Tour 6

Clubs 8

MUSIK

Women Sing the Blues in Memphis 10

Von Tischen und Tangas 14

Auf zum Mississippi! 16

Gewinner der IBC 2014 18

Freude am Blues: Ein Interview mit Bottleneck John 21

Gitarrenwald imThüringer Wald 26

Paul Batto und die „neue Auszeit“ 29

Blueskalender

Bob Hite (1943-1981) 36

Blueskalender 38

Album des Monats

Ursula Ricks - My Street 42

Frauen im Blues, Folk, Jazz und Soul

Adrianna Marie - Double Crossing Blues 44

Alexx & The Moonshiners - En Animation 44

Christina Skjolberg - Come And Get It 45

Electric Blue - Born In Sin 45

Gisela Novais & The Blue Summers - The Perfect One 46

Heavy Chevy Band - Open Up 46

JJ Thames - Tell You What I Know 47

Kerri Powers - Kerri Powers 47

Malaya Blue - Bourbon Street 48

Naomi Wachira - Naomi Wachira 48

Rachelle Coba - Mother Blues 48

Tangled Eye - Dream Wall 49

Rezensionen A bis Z

Andy Twyman - Blues You Haven‘t Heard Before 50

Bad Temper Joe - Sometimes A Sinner 50

Billy Branch & The Sons Of Blues - Blues Shock 50

Jens Lysdal - Easy Heart 51

Joe Louis Walker - Hornet‘s Nest 51

John Lyons - Sing Me Another Song 52

Johnny Sansone - Once It Gets Started 53

Maik W. Garthe - Tight Corner 53

Pete Karnes Blues Band - I‘m Still Here 54

4

© wasser-prawda


Editorial

Rosco Levee & The Southern Slide - Get It While You Can 55

Kurz & knapp

Hanggai - Baifang 56

Kim Simmonds & Savoy Brown - Goin To The Delta 56

Paul Rodgers - The Royal Sessions 56

Wille and the Bandits - Grow 56

Yiruma - Blind Film 56

Wiederhören

Eric Bibb - Me To You 57

Morrissey - Your Arsenal 57

FEUILLETON

Koma-Glotzen: House of Cards. Season 2 58

Sprachraum

Odile Endres - Vier Gedichte 60

J. Buchmann & iwi - Der Krieg der Gurken (Vorabdruck) 63

Jürgen Landt: titelersparnis 67

Fortsetzungsroman

Robert Kraft - Die Vestalinnen 70

© wasser-prawda

5


Auf Tour

3 Dayz Whizkey

30.03. München, Rattlesnake

Saloon

07.04. Köln, JVA Köln

19.04. Mengen, Kultkneipe

5. Chemnitzer Blues &

More Festival

Black Kat & Kittens, Josa, Peters

„Dodge“ Schmidt Band, Keith

Dunn Band

10.05. Chemnitz, DAStietz,

Moritzstr. 20

Akkordeonale 2014

23.04. Karlsruhe Tollhaus

24.04. Reutlingen franz k

25.04. Jena Volkshaus

26.04. Greven Kulturzentrum

GBS

27.04.Mülheim Ringlokschuppen

28.04. Bonn Harmonie

29.04. Kassel Adventskirche

30.04. Stuhr Gutsscheune

Varrel

01.05. Dresden Dreikönigskirche

Blue Note Blues Band

11.04. Hohenthann, Hinterholzer

Bar

12.04. Bielefeld, Extra Blues

Bar

26.04. Burckmühl, Auszeit

10.05. Kaufbeuren, Blue Night

im Uncle Satchmo‘s

Danny Bryant

02.05. München, Garage Deluxe

03.05. Rutesheim, Uhlenspiegel

07.05. Eppstein, Wunderbar

Weite Welt

09.05. Torgau, Kulturbastion

10.05. Fritzlar, Kulturscheune

11.05. Kiel, Räucherei

Eddy „The Chief“ Clearwater

29.03. Amsterdam, North Sea

Jazz Club (NL)

Musik

04.04. Mühlheim, Hapa Haole

05.04. Bluezy Blues Festival

Ridderkerk (NL)

06.04. Hoogland, Cafe de

Noot (NL)

07.04. Ruiselede, Banana Pel

(BL)

Engerling

29.03. Lübbenau, Kulturhof

05.04. Singwitz, Kesselhauslager

12.04. Neustadt, Wotufa Saal

30.04. Dresden, Zeitgeist

01.05. Dresden, Bärenzwinger

02.05. Erfurt, Museumskeller

17.05. Wählitz, Erlebniskirche

GProject Blues Band

27.03. München, Theater

Drehleier

10.04. Nürnberg, Brown Sugar

17.05. München, Hide Out

Greyhound George

29.03. Bad Oeynhausen, AK

Bel Etage (m. Andy Grünert)

31.03. Bielefeld, Spökes

Hamburg Blues Band

21.03. Göttingen, Musa

22.03. Bordesholm, Savoy

28.03. Kirchheim/Teck, Bastion

29.03. Metzingen, Hirsch

30.03. Wien, Reigen

11.04. Hamburg, Fabrik

17.04. Marburg, KFZ

19.04. Kulturbastion

02.05. Wangen, Jazzpoint im

schwarzen Hasen

03.05. Habach, Village

Henning Pertiet

22.03. Kiel, Alte Meierei

29.03. Bremen, Brödelpott

04.04. Minden, St. Simeonis

Kirche (Orgelimprovisationen)

11.04. Bremen-Habenhausen,

Simon Petrus Kirche

30.05. Isenrhagen, Kulturkaffe

Rautenkranz (Trio)

Henrik Freischlader

20.03. Hannover, Kulturzentrum

Faust

21.03. Bremen, Kulturzentrum

Lagerhaus

22.03. Hamburg, Grosse Freiheit

36

24.03. Salzburg, Rockhouse

25.03. Wien, Arena

27.03. Zürich, Moods

28.03. Solothurn, Kulturfabrik

Kofmehl

29.03. München, Freiheiz

03.04. Budapest, A38

IRISH SPRING - Festival

of Irish Folk Music 2014

20.03. Roth Kulturfabrik

21.03. Stuhr Gutsscheune

Varrel

22.03. Kerpen Erfthalle

Kerpen-Türnich

23.03. Marbach Stadthalle

24.03. Tübingen Sudhaus

25.03. Waldkraiburg Haus

der Kultur

26.03. Helmbrechts Bürgersaal

28.03. Gersthofen Stadthalle

29.03. Bebra Ellis Saal

30.03. Bensheim Parktheater

31.03. Hildesheim Bischofsmühle

01.04. Altenkirchen Stadthalle

02.04. Mainz Frankfurter Hof

03.04. Offenburg Reithalle

04.04. Lörrach Burghof

Jesper Munk

23.03. Dresden, Puschkin,

25.03. Hamburg, Rock Café

St.Pauli

26.03. Gera, Comma

27.03. Erfurt, Museumskeller

28.03. Nünberg, Stereo

04.04. Lübeck, Rider‘s Café

05.04. Berlin, Frannz

06.04. Hannover, Mephisto

08.04. Köln, die Werkstatt

09.04. Mannheim, Alte Seilerei

10.04. Konstanz, Kulturladen

11.04. Stuttart, Goldmark‘s

17.04. München, Ampere

Jessy Martens

6

© wasser-prawda


28.03. Berlin, Ratskeller Köpenick

(Jessy Martens & Jan

Fischer‘s Blues Support)

29.03. Lehsten, Büdnerei (Jessy

Martens & Jan Fischer‘s

Blues Support)

04.04. Koblenz, Cafe Hahn

05.04. Freudenburg, Ducsaal

11.04. Basel, Bluesfestival (unplugged

feat. Jan Fischer)

19.04. Wedel, Theaterschiff

Batavia (Jessy Martens & Jan

Fischer‘s Blues Support)

24.04. Berlin, Maschinenhaus

25.04. Isernhagen, Bluesgarage

26.04. Hamburg, Fabrik

Layla Zoe

21.03. Eiscafe Temmler,

Chemnitz

22.03.. Seelow, Kreiskulturhaus

(Blues-Rock-Fest)

26.03. Wien, Vienna Spring

Blues Festival

27.03. Velden (Österreich),

Bluesiana

Marius Tilly Band

05.04. Selm, Sunshine

12.04. Winterbach, Lehenbachhalle

(Support Mick

Ralphs Bluesband)

02.05. Lüdenscheid, Panoptikum

03.05. Köln, Torburg

Mike Seeber

29.03. Berlin, Frannz-Club

05.04. Frohburg, Rockclub

20.04. Mühlhausen, Kulturfabrik

25.04. Torgau, Kulturbastion

26.04. Lübeck, Riders-Café

Mitch Kashmar

26.03. Berlin, Yorckschlosschen

27.03. Miltenberg, Beavers

29.03. Staudach, Musikbuhne

30.03. Muhlethurnen, Switzerland

– Alti Moschti

01.04. Emmendingen, Mehlsack

02.04.. Kandern, ChaBah

03.04. Ulm, Charivari Bluesfestival

Musik

04.04. Luzern, Switzerland –

Tschuppis Wonderbar

05.04. Meidelstetten, Adler

06.04. Landshut, Jimmy’s

07.04. Wien, Austria – Bluesfestival

09.04. Rosenheim, Le Pirate

11.04. Dessau, Sonne koppe

Blues

13.04. Grobenbeeren, Bluesfestival

29.04. Kassel, Theaterstübchen

30.04. Twist, Heimathaus

Bluesfestival

Otis Taylor Band

02.04. Münster, Hot Jazz Club

03.04. Leverkusen, Scala Club

04.04. Hannover, Bluesgarage

Popa Chubby

28.03. Erfurt, Museumskeller

29.03. Baden, Baden Blues

Club

31.03. Wien, Reigen

03.04. Roth, Rother Bluestage

04.04. Aargau, Moonwalker

(CH)

05.04. Hannover, Bluesgarage

Sisa Feherova Quartett

25.04. Chemnitz, Eiscafé

Temmler

Speiches Monokel

05.04. Hoyerswerda, KuFa

20.04. Bohnsdorf, Buntzel-

Ranch

THORBJØRN RISAGER

20.03. Lindenwerra, Gemeindesaal

21.03. Wolfsburg, Lindenhof

Nordsteimke

22.03. Minden, Jazz Club

23.03. Dirlos, Alte Piesel

24.03. Weinheim, Muddy‘s

Club

02.04. Hamburg, Downtown

Bluesclub

04.04. Bielefeld, Jazzclub

05.04. Berlin, Quasimodo

23.04. Bremen, Meisenfrei

24.04. Bonn, Rocktimes

25.04. Hildesheim, Bischofsmühle

26.04. Isernhagen, Bluesgarage

Tim Kasher

19.04. Solingen, Wohnzimmer

20.04. Kiel, Hansa 48

23.04. Hamburg, Knust

24.04. Berlin, Ramones Museum

25.04. Braunschweig, Hansa

Kultur-Club w/ Al Burian

26.04. Gießen, Alte Kupferschmiede

27.04. Münster, FachWerk

08.05. Leipzig, Sxmxlde

09.05. Dresden, Beatpol

10.05. München - Feierwerk

11.05. Wiesbaden, Schlachthof

12.05. Berlin, Schokoladen

Todd Wolfe

24.04. Hamburg BeLaMi

25.04. Berlin, Kiste n Blues

26.04. Forst, Manitu Liveclub

27.04. Steyregg, Weissenwollf

28.04. Wien, Vienna Blues

Spring

29.04. Suhl, Gambrinus

30.04. Sömmerda, Piano

09.05. Oldenburg, Charly‘s

Musikkneipe

10.05. Dormagen, Streetlife

13.05. Braunschweig,

Barnaby‘s Blues Bar

14.05. Celle, Herzog Ernst

15.05. Wetzlar, Franzis

17.05. Gaildorf, Kulturkneipe

Häberlen

18.05. Straubing, Raven

23.05. Haiming, Gewölbe Eisching

29.05. Leverkusen, Topos

30.05. Wetter, Earth Music

Hall

Tommy Schneller Band

20.3.2014 Windeck

21.3.2014 Garbsen

22.3.2014 Berlin Wabe

27.3.2014 Oberkochen Jazz

Tage

28.3.2014 Krefeld Kulturrampe

29.3.2014 Köln Torburg

30.3.2014 Velbert „Alldie“

Kunsthaus Langenberg

12.4.2014 Greven

© wasser-prawda

7


Clubs

Barnaby‘s Blues-Bar

(Braunschweig)

21.03.. Modern Earl

22.03.. Bluespower

27.03. Donald Kinsey Band

28.03. The Sharpees

05.04. Krissy Matthews

12.04. Good and dry

19.04. Elizabeth Lee & Cozmic

Mojo

25.04. The Revolutionaires

30.04. Booze Band

Bischofsmühle

(Hildesheim)

20.03. Old Blind Dogs

28.03. The Outside Track

31.03. Irsish Spring Festival

10.04. Andrea Marcelli Trio

11.04. Henning Wolter Trio

25.04. Thorbjörn Risager &

The Black Tornado

02.05. Beoga

Blues im Bahnhof

Bahnhof Mannheim. Eintritt

frei.

28.03. Harriet Lewis & Gregor

Hilden Band

11.04. Paul Lamb & The King

Snakes

16.05. Zydeco Annie & the

Swamp Cats

20.06. Norbert Schneider &

Winestreet Session

05.09. El Ville Blues Band

10.10. Black Cat Bone

07.11. Abi Wallenstein, Dave

Goodman, Oliver Spanuth,

Steve Baker

Bluesgarage

21.03. Classic Rock Road

Show 2014 (Marcus Bonfanti,

Dan Patlansky, Frankie Chavez)

22.03. Vanilla Fudge

27.03. Banned From Utopia

28.03. Gerry McAvos‘s Band

of Friends

29.03. The Black Cadillacs

04.04. Otis Taylor Band

05.04. Popa Chubby & Band

Musik

08.04. Tanita Tikaram

10.04. David Grissom & Band

11.04. King King

17.04. The Mick Ralphs Blues

Band

25.04.. Jessy Martens Band

26.04. Thorbjorn Risager &

The Black Tornado

02.05. JJ Grey & Mofro

Cafe Hahn Koblenz

24.03. Alexandra Lehmler

Quintett

31.03. American Songbirds

01.04. Gianmaria Testa

04.04. Jessy Martens Band

05.04. Frank Out!

24.04. Markus Krebs

26.04. Georg Schroeter &

Marc Breitfelder

Chabah

79400 Kandern

26.03. Kris Pohlmann Band

02.04. Mitch Kashmar

09.04. BluesBones

16.04. T.Bo & The B.Boppers

23.04. The Tim Mitchell Band

30.04. Aynsley Lister

Cotton Club Hamburg

20.03. One Trick Pony

24.03. Billbrook Bluesband

27.03. Jelly Baker

31.03. Blue Silver

04.04. MaCajun

07.04. Paul Garner Band

10.04. Boogie Connection

14.04. Jo Bohnsack

17.04. Stupid White Men

20./21.04. 9. Cotton Club

Easter Blues Nights: Jimmy

Reiter Band, Wellbad, Kat Baloun,

Jan Fischer

28.04. Eight To The Bar

29.04. B3

30.04. Stevie + The Hand Jive

Downtown Bluesclub

Hamburg

22.03. Henrik Freischlader

28,03, TM Stevens Shocka

ZooLoo/Twin Dragons

29.03. Band of Friends

02.04. Thobjorn Risager

04.04. Abi Wallenstein &

Blues Culture

09.04. Latin Quarter

11.04. Albert Lee & Hogans

Heroes

12.04. Layla Zoe

16.04. David Grissom

18.04. Bluespackage

23.04. Larry Garner & The

Norman Beaker Band

25.04. Man

Extra Blues Bar

Bielefeld

29.03. Baby Universal

05.04. Kris Pohlmann

12.04. Blue Note Blues Band

20.04. Michael van Merwyk

26.04. Mudcats Blues Trio

30.04. Pete Anthony Alderton

Frannz Club Berlin

21.03. The Ricochets

27.03. Livingstons

28.03. Michy Reincke

29.03. Mike Seeber Trio

03.04. Keziah Jones

04.04. DEKAdance

05.04. Jepser Munk

Hirsch Nürnberg

20.03. Chi Coltrane

25.03. Albert Lee

03.04. Jon Flemming Olsen

04.04. Kellerkommando

08.04. Ton Steine Scherben

09.04. Monsters of Liedermaching

09.04. Die Happy und Gäste

13.04. Vandenberg‘s Moonkings

14.04. Junior Kelly & The

roots Hamonics Band

15.04. John Mayall

16.04. Luxuslärm

22.04. Julian Le Play

28.04. JJ Grey & Mofro

Kulturbastion Torgau

22.03. Kris Pohlmann & Band

29.03. DEKAdance

05.04. Elisabeth Lee & Cosmic

Mojo

11.04. The Russian Doctors

19.04. Hamburg Blues Band

25.04. Mike Seeber & Band

8

© wasser-prawda


01.05. Wolf Maahn & Band

09.05. Danny Bryant & Band

Kulturspeicher

(Bergstraße, Ueckermünde)

22.03. Maximilian Wilhelm

& Band

06.04. Pianola

03.05. Thilo Martinho

31.05. Captain Crap und Band

Laboratorium

(Stuttgart)

20.03. Liv. & Band

27.03. Blues Company

28.03. Al Jones Blues Band

04.04. Paul Millns & Band

05.04. Julie et moi

10.04. Paul Lamb & The King

Snakes

11.04. Anne Wylie Quartett

13.04. Latin Quarter

27.04. Aynsley Lister

02.05. Ben Prestage

Late Night Blues

(Loev Hotel Binz/Rügen)

22.03. Tommy Harris & Band

Beginn jeweils 21 Uhr

Meisenfrei

(Bremen Hankenstr.)

26.03. Paunchy Lovers

28.03. Off Limits

01.04. Sonic Health Club

02.04. Albert Castiglia

03.04. Jane

08.04. Albert Lee

09.04. Jarome

11.04. Wild Black Jets/Stringtone

Slingers

12.04. Rihm Shots

15.04. Delta Moon

16.04. Natalia Mateo & Band

17.04. Soul Funk Family

18.04. Hardbone

20.04. Backbeat

23.04. Thorbjorn Risager

25.04. Rob Tognoni

26.04. Cats TV

Museumskeller Erfurt

21.03. DeWolff

22.03. Ignatz

26.03. David Munyon

27.03. Jesper Munk

Musik

28.03. Popa Chubby

30.03. Hans Söllner

03.04. John Mayall

06.04. UFO

09.04. Thomas Godoj

10.04. Sebastian Hackel &

Band

16.04. Tim Neuhaus Duo

17.04. Delta Moon

23.04. Katja Werker

25.04. Canned Heat

Music Hall Worpswede

20.03. Pohlmann

21.03. Stoppok plus Artgenossen

28.03. Adjiri Odametey Band

29.03. John Mayall

02.04. Bratsch

05.04. Barclay James Harvest

10.04. Pasadena Roof Orchestra

12.04. Wolf Maahn & Band

24.04. The Hooters

25.04. Merit Becker

26.04. Mokomba

30.04. Saga

Musiktheater Piano

(Dortmund)

23.03. Bjorn Berge

28.03. Lake

30.03. Hugh Cornwell

04.04. Richard Bargel & Dead

Slow Stampede

27.04. Randy Hansen

Musiktheater Rex

(Bensheim)

20.03. Albert Lee & Hoogans

Heroes

21.03. The Shanes

06.04. Roachford

08.04. Stacie Collins Band

24.04. Lisa Doby & Band

25.04. RoxxBusters

26.04. Klaus Major Heuser

Band

O‘Man River

(Friedensstraße, Heringsdorf)

21.03. Gotte Gottschalk

28.03. Eric Lenz

Quasimodo Berlin

21.03. Guitar Crusher & Band

22.03. Fred Wesley & The

New JBs

23.03. Classic Rock Roadshow

27.03. Hugh Cornwell

28.03. moe

29.03. Morblus

05.04. Thobjorn Risager

13.04. Roachford

17.04. Jesse Ballard Band

19.04. The Black Diamonds

25.04. Funk Deliscious

26.04. Schwarzkaffee

Räucherei Kiel

28.03. Ray Cooper

04.04. UFO

12.04. Soulfinger

Schwarzer Adler

(47495 Rheinberg)

22.03. Pigor & Eichhorn

04.04. Band of Friends

Tante JU Dresden

02.04.Oysterband (UK)

04.04.Monokel Kraftblues

05.04. UFO (UK)

06.04. Gazpacho (NOR)

11.04. TM Stevens (USA)

24.04. Poogie Bell Band

26.04. Purple Schulz (D)

Yorkschlösschen

(Yorkstr. 15, Berlin)

21.03. The toughest Tenors

22.03 La Marche

26.03. Mitch Kashmar & Band

28.03. Opera Chaotique

Bruno de Sanctis & Jakkle!

30.03. Sltaim‘band

02.04. Jan Hirte‘s Blue Ribbon

04.04. Roger & The Evolution

05.04. Dizzybirds

06.04. Jo Trio

09.04. Mike Green & Band

11.04. Hattie St. John Band

12.04. The Boogie Blasters

13.04. The Rock m Roll Trio

16.04. Kat Baloun

17.04. Jay Hahn Swinging Allstars

18.04. Lenard Streicher Band

© wasser-prawda

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Musik

Einen herzlichen Dank

an all die talentierten

Frauen im Blues, die

mitgeholfen haben (in

überhaupt keiner Reihenfolge):

Shaun Murphy, Mandy Lemons,

Carlene Perkins Thornton,

Amy Hart, Eleanor Tsaig

with Ori Naftaly Band, Niecie

Blues, Gracie Curran, Tracy

K, Logan Layman, Debra Devi,

Redd Velvet, Erica Brown,

Lauren Mitchell, Annie Mack,

Laura Cheadle, Pam Taylor,

Sunday Wilde, April Mae, Julia

Cruz Magness, Cassie Taylor,

Pat Pepin, Laurie Morvan,

Rhonda Robichaux, Janelle

Frost, Diedra the Blues Diva,

Juke Joint Judy, Hurricane

Ruth, Octavia Blues Harp,

Lady Rose, Bridgette Kelly,

Lucy Hammond, with surprise

guests Markey Blues, Anna

Marie, Brick Fields, Annika

Chambers and Laura Chavez,

and more!

Women Sing the Blues

in Memphis

National Women in Blues war die Idee von Gründerin

und „Chief Bottle Washer“ (CBW) Michele

Seidman. Michele hatte beobachtet, dass Blueskünstlerinnen

zu wenig wahrgenommen und oft

gar übersehen wurden und sah die Notwendigkeit,

das Spielfeld für diese talentierten Frauen

zu verbessern. Das machte sie zu ihrer persönlichen

Mission und ein paar Jahre später beschloss

ich, ihr zu helfen. Von Terri Robbins.

2006 schuf sie mit der Hilfe einer Handvoll Menschen und

Sponsoren im schönen Wilmington (North Carolina) das „National

Woman In Blues Festival“, dessen Einnahmen zur Unterstützung

bedürftiger Bluesmusikerinnen und für Rechtsstreitigkeiten

verwendet wurden. 2007 sah ich, dass diese Frau etwas Hilfe benötigte

und bot sie ihr an. Und wir wurden „Partner“, weil ein

passenderes Wort dafür fehlte. Das Festival wurde von 2006 bis

2008 veranstaltet, als sowohl Micheles als auch meine Gesundheit

für ein paar Jahre die Kontrolle über unsere Leben übernahmen.

Im Herbst 2012 war Michele in meinem Haus und wir unterhielten

uns über die bevorstehende International Blues Challenge

in Memphis (Tennessee). Das ist das größte Zusammentreffen

von Bluesmusikerinnen und Bluesmusikern in der Welt! Ich half

den Organisatoren dieser monumentalen Veranstaltung, der Blues

Foundation, seit 2004. Und so meinte ich: „Michele, was könnte

es für eine bessere Zeit geben, um Frauen im Blues von überall auf

dem Planeten an einem Ort zusammen zu bekommen?“ Unsere

Augen begannen zu leuchten und Michele sagte: „Wir sollten eine

10

© wasser-prawda


Musik

Gracie Curran

Eleanor Tsaig

Logan Layman

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Titelseite: Mandy Lemons

Amy Hart & Tracy K

Redd Velvet

Debra Devi

Lucy Hammond & Mandy

Lemon

Tracy K & Bob Corritore

Musik

Women In Blues Veranstaltung während der IBC haben!“ Damit

begann unser Kreuzzug, um die Operation bis nach Memphis auszudehnen.

Die Blues-Familie ist eng und meistenteils loyal. Da ich für fast

zehn Jahre bei der IBC ausgeholfen hatte, war alles was ich tun

musste (denn wir hatten mit buchstäblich nichts angefangen),

die Idee gegenüber von Michael Powers, Besitzer von Yellow Dog

Records, zu erwähnen und der Ball kam ins Rollen. Er empfahl,

Kontakt zu Judy Peiser vom „Center for Southern Folklore“ aufzunehmen,

die uns den Veranstaltungsort zur Verfügung stellte. Die

gleichermaßen schöne und talentierte Cassie Taylor, Tochter von

Otis Taylor, hörte von der Veranstaltung und fragte, ob sie unsere

Zeremonienmeisterin sein könne.

Aber wir hatten keine Anlage, keinen Soundtechniker, weder Instrumente

noch Geld, ... wirklich nichts, aber innerhalb von nur

zwei Wochen kamen meine Freundin Heidi Knochenhauer und

andere von der Memphis Blues Society und rollten die Ärmel hoch.

Präsident Brian Wells bot uns das Schlagzeug an. Der talentierte

Victor Wainwright lieh uns ein Keyboard. Eric Hughes und Xanadu

Music and Books steuerten je einen Verstärker bei. Vinni Marini

von „Music on the Couch“ gab uns jede Menge Zeit im Radio

für Werbung und promotete die Veranstaltungen. Tim Woitiwitz

von Carlene Perkins and the Juke Rockets Blues Band verdiente

sich sein erstes Paar „Ehreneierstöcke“ durch sein Angebot, unser

Toningenieur zu werden. All das kam so schnell auf uns zu und

brachte Micheles Kopf zum Rotieren, denn es war ihre Aufgabe,

dieses Event zu organisieren.

Wir hatten unseren ersten „WiB All-Star Jam“ im „Center for

Southern Folklore“ während der IBC 2013 und den „WiB Showcase“

während des Wettbewerbs 2014. Dutzende talentierter Frauen

haben unsere Bühnen beehrt, zu viele, um sie aufzuzählen. Und ich

will nicht eine herausgreifen, ohne alle anderen auch zu nennen.

Frauen im Blues haben geholfen, das Genre lebendig und gesund

zu erhalten. Jetzt arbeiten wir daran, mit Veranstaltungen wie diesen

aber auch durch Medien und Airplay im Radio, die Frauen

in dieser Musik zu unterstützen, auszubilden und zu fördern. Zugleich

versuchen wir, den Künstlerinnen wo immer möglich direkte

Kontakte zu vermitteln. Durch die Hilfe und Unterstützung

unserer Freunde, die Frauen im Blues lieben, konnten wir Micheles

Traum am Leben erhalten und wir schauen in eine Zukunft mit

noch größeren und besseren Ereignissen.

Wer sich einen kleinen Eindruck vom „WiB Showcase“ im Jahr

2014 verschaffen will, sollte sich das Feature „Female Blues Singers

Shine In Memphis“ auf der Homepage von Voice of America anschauen.

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© wasser-prawda


Musik

© wasser-prawda

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Musik

Darren Weale’s 5. Brief aus dem Vereinigten

Königreich

Von Tischen und Tangas

Fotos

Erja Lyytinen

Tanga „Voracious Love“ aus

dem Merchandising-Angebot

der finnischen Gitarristin

W L U-

K

Deutsche haben einen Ruf für ihre Effi zienz. Ich hab dafür

einige Beweise gesehen in der Musik. Der beste Merchandising-Tisch,

den ich jemals gesehen habe, gehörte dem deutschen

Gitarristen Henrik Freischlader. Er war wundervoll.

Der Tisch selbst im Beaverwood Club in Chistlehurst in

South-East London ist nicht vielversprechend. Eine Holzbar

in einer Ecke in der Nähe der Tür dicht bei ein paar

stählernen Catering-Regalen. Der Türsteher ist auch in der

Nähe und verkauft manchmal CDs für Bands, die sich

schon belästigt vorkämen, wenn man ihnen die Benutzung

des Merchandising-Tischs vorschlüge.

Oft sehe ich Bands mit bekannten Namen und guter Musik im

Beaverwood Club auftauchen und einen schmuddeligen Zettel

auf den Tisch packen, auf den jemand in Handschrift mit schwarzem

Edding “CDs £10” geschrieben hat. Der Zettel landet direkt

neben einem schiefen Haufen dieser CDs. Dann verschwinden

die Musiker für den Rest der Nacht außer für die Zeit, wo sie auf

der Bühne stehen. Es scheint so, als ob sie ihre CDs nicht wirklich

mögen würden oder es ihnen egal wäre, ob sie eine davon

14

© wasser-prawda


Musik

verkauften. Und es scheint so, als ob sie das Publikum nicht sehen

wollten, das bezahlt hat, um sie auftreten zu sehen.

Hier gibt es natürlich Ausnahmen. Die charmante finnische

Slide-Gitarristin Erja Lyytinen hatte einen gut vorbereiteten

Tisch. In dessen Zentrum lag ein scharlachroter Tanga mit dem

Namen ihres damals neuen Albums drauf: „Voracious Love“. Ich

kaufte einen, aus Forschungsgründen natürlich. Schließlich verdiene

ich tagsüber mein Geld im Marketing. Leider lieh ich den

Tanga einem britischen Bluesmusiker, den ich kenne. Damals

lachte er darüber. Aber heute behauptet er, ihn nie bekommen.

zu haben Trotz allem: Die Vorstellung, die Erja von ihrem Marketing

hatte, war bestechend. Wenn ich sie wieder einmal sehe,

muss ich einen weiteren Tanga für Forschungszwecke kaufen.

Henrik freilich war eine ganz andere Klasse. Ein echter Mensch

stand die ganze Nacht hinter dem Tisch, um Dinge zu verkaufen.

Eine gute Decke bedeckte den Tisch, extra für diesen Anlass mitgebracht.

Da gab es gedruckte Preisschilder. Es gab Tischlampen,

um das Angebot zu beleuchten. Es gab eine große Auswahl an

Artikeln zu kaufen und einige bedruckte Blätter Papier, die man

sich kostenlos signieren lassen konnte.

Hendrik verschwand nicht einfach nach seinem Auftritt (der

übrigens wundervoll war). Er kam geradewegs an, um sich mit

den Besuchern zu unterhalten und ihre Einkäufe zu signieren. Er

hatte auch eine Mailingliste, in die man sich eintragen konnte.

Kurz gesagt: Henriks Brillianz beim Marketing passte zu seinem

überragenden Gitarrenspiel. Ich bewundere seine deutsche Effizienz.

Als weiteren Beleg dafür, warum das wichtig ist, schaue ich

nach Amerika. Muddy Waters Sohn Mud Morganfield sagte mir

einmal auf die Frage, warum er sich für seine Bühnenauftritte so

elegant kleidet: „Die Leute zahlen nicht dafür, einen schlampigen

Typen zu sehen.“ Wenn eine Band ihren Merchandising-Tisch

schlampig behandeln, werden die Leute auch keine Lust haben,

für ihre Alben und anderen Dinge Geld auszugeben.

B

G!

Links

Alistair Cooke - www.bbc.

co.uk/programmes/b00f6hbp

Beaverwood Club and other

Pete Feenstra London venues

- www.feenstra.co.uk

Erja Lyytinen - www.erjalyytinen.com

Henrik Freischlader – www.

henrik-freischlader.de

Mud Morganfield - www.

mudmorganfieldblues.com

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Musik

Fotos:

• Holger Daub & Tim Lothar

am Mississippi

• Ankunft in Memphis

• Unterwegs zum Fluss

• Lothar & Daub beim International

Shocase

• Treffen mit den Suitcase

Brothers aus Spanien

Auf zum Mississippi!

Ein Deutsch-Dänisches Duo im Semifi nale der

IBC in Memphis. Von Memphis Mini.

Was macht einen Solo-Act zum Duo? Wenn der andere auch

da ist... Dass Tim Lothar, hoch dekorierter dänischer Bluesgitarrist,

am Ende einer mehrtägigen Zitterpartie „da“ war,

kostete ihn einiges an Nerven und Optimismus. Denn, ob

er – rechtzeitig oder überhaupt – zur Internationalen Blues

Challenge (IBC) in Memphis/Tennessee – gelangen konnte,

stand kurz vor Start in den Sternen.

Der dänische Blues-Musiker, der vom Baltic Blues e.V. für

die Teilnahme an der IBC nominiert wurde und seinen

Duopartner Holger „HoBo“ Daub einlud, ihn zu begleiten,

saß im Norden Dänemarks fest. Starker Schneefall in

Frederikshavn und Aalborg, gestrichene Zug- und Flugverbindungen

wenige Tage vor Abflug und unklare Wettervorhersagen

zwangen ihn, umzudisponieren. Er buchte einen Flug Hamburg/

Amsterdam, schlug sich mit dem Zug so weit südlich durch, wie

er kam und wurde in Kolding abgeholt. Auf dem Hamburger

Flughafen wollte er sein Ticket dann aktualisieren lassen – trat

er doch die lang gebuchte USA-Reise nicht von Aalborg, sondern

von Amsterdam an. Lapidare Information am Info-Schalter:

„Geht nicht.“ „Sorry?“ „Geht nicht.“ Eine Weiterreise nach Memphis

sei nicht möglich. Reiseantritt ab Aalborg nicht bestätigt,

also Flug nach Memphis nicht zulässig. So seien die Regeln. Ergebnis:

Ein fassungsloser Musiker und eine farblose, gleichgültige

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© wasser-prawda


Musik

weibliche Person, die weder um Hilfestellung noch um Lösung

des Problems bemüht war. Erst die entzückende Angestellte beim

Check-in, bei der das Gepäck wartete, machte wieder Hoffnung:

„Fliegen Sie nach Amsterdam und gehen Sie da direkt zu KLM.

Schildern Sie ihr Problem. Das klappt schon...“

Eineinhalb bange Stunden später: Sie sollte Recht behalten.

Tim Lothar durfte in den Flieger nach Minneapolis/Memphis

und fand am Ende wieder bestätigt, was er zwischendurch

selber fast bezweifelt hatte: „It always works out.“ (Es klappt am

Ende doch irgendwie.) Nach insgesamt 40 durchwachten Stunden,

aber keinerlei weiteren Problemen: glückliche Landung in

Memphis. Hier erstmal Füße hoch, Warten auf Holger Daub,

der kurze Zeit später mit einem anderen Flug eintraf. Tag eins

in Memphis: Einmal den Mississippi sehen, Finger eintauchen,

bei strahlendem Sonnenschein das Programm durchspielen und

sich vorbereiten auf den International Showcase im New Daisy

Theatre, der eineinhalb Tage später stattfi nden sollte: Ausgewählte

IBC-Nominierte durften sich hier Mitmusikern und Zuschauern

schon einmal außerhalb der Challenge präsentieren.

D

as Teilnehmerfeld in diesem Jahr war groß: 255 Blues-Acts

aus der ganzen Welt waren für die IBC gemeldet; 125 unter

der Kategorie „Bands“ (2013: 124), 101 für „Solo/Duo“ (2013:

80), 29 Youngsters in der Kategorie „Youth Showcase“ und damit

beim weltgrößten (Blues-)Musik-Wettbewerb dabei. Tim

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Musik

• Nachts auf der Beale Street

• Tim Lothar beim Viertelfinale

im 152 Club

Gewinner der IBC 2014

• Solo/Duo: Tim Williams

(Calgary Blues Music Association,

Kanada)

• Band: Mr. Sipp (Vicksburg

Blues Society, Mississippi)

Lothars/Holger Daubs Auftritt im New Daisy begann mit zwei

Schrecksekunden – einmal, als Jay Sielemann, Geschäftsführer

der „Blues Foundation“, die beiden völlig überraschend auf Bühne

rief, obwohl noch eine Band vor ihnen spielen sollte. Die professionelle

Planung der IBC sieht einen äußerst straffen Zeitplan vor:

fällt ein Act aus, rückt der folgende nach. Das hieß für die beiden:

Zack, zack – Instrumente greifen und rauf auf die Bühne. Zweiter

Schreck: Holgers Harp-Amp machte Probleme, die aber gelöst

werden konnten, so dass der Auftritt als „stressful but went fine“

abgespeichert wurde. Überwältigend die Reaktion des Publikums

– es gab ehrliche Anerkennung: Von allen Seiten reckten sich Arme,

schüttelten die beiden Hände, gratulierten ihnen Kollegen und

Bluesfans zum gelungenen Auftritt; Sitznachbarn stellten sich als

Fans aus Kanada, Musiker aus Australien (Chris O’Connor und

Familie) oder eben den USA (z.B. The Octavia Blues Band) vor.

Der erste Wettbewerbsauftritt für das Duo Lothar/Daub folgte

dann einen Tag später im Club 152 – natürlich ebenfalls auf

der Beale Street: Die Location – herrlich düster, das Publikum interessiert

und aufmerksam, die Jury taufrisch, der Sound perfekt.

Mit in der Konkurrenz, die sich so aber gar nicht anfühlte, an

diesem Tag alte Bekannte von Tim Lothar: Die spanischen Suitcase

Brothers (Foto vor Club 152 mit Gitarren), die in 2013 bei der

IBC Zweite wurden; Little G Weevil, Sieger des gleichen Jahres

oder Nico Wayne Toussaint & Michel Foizon aus Frankreich. So

zurückhaltend Tim Lothar im Umgang wirkt, so ausdrucksstark

ist er auf der Bühne: Als würde ein Schalter umgelegt, arbeitet er

sich mit seiner Gitarre, einer beeindruckenden, starken Stimme

und Einsatz des ganzen Körpers durch die sehr persönlichen Stükke.

Immer meint er, was er singt, nie fehlen seiner Musik Seele

und Aufrichtigkeit. „HoBo“ Daubs, von Sonny Boy Williamson,

Little Walter oder Rod Piazza beeinflusstes, dynamisches und mitreißendes

Mundharmonikaspiel, seine passgenauen Improvisationen

und die songdienliche, emotionale Spielweise illustriert und

unterstreicht eloquent, was der Gitarrist da liefert. Tim Lothar

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© wasser-prawda


Musik

und Holger Daub legten einen tollen Auftritt hin und bekamen

wieder eine Menge anerkennende Kommentare, die sie direkt zurückgeben

konnten. Tim Lothar: „I want the Suitcase Brothers to

win. They are better than ever.“ Die Suitcase Brothers: „We want

Tim Lothar to win!“ Lothars Urteil über die Quarter Finals: „This

night was fun. The best acts were the Europeans – Spain and

France. Nice to meet all these guys again.“ Wie auch immer – am

Ende waren die beiden weiter. Tom Shakas Bruder (Swamp Shaka

Duo with Tony C) samt Familie stellte begeistert fest, dass mit

Holger ein Hamburger in Memphis dabei war, Buck Hoffmann

vom Duo Buck Hoffmann & Paul McQuade ließ Tim nach dem

Auftritt auf seiner Gibson L1 von 1945 spielen (Foto).

Sowohl im Hotel als auch hier wieder faszinierend zu sehen – die

Solidarität und Freundlichkeit zwischen den Musikern – ob vorher

miteinander bekannt oder nicht. Da wurde sich im Fahrstuhl

kurz unterhalten (Joe Mauldin und Frau, Nico Wayne Toussaint,

diverse Bands) – am Ende traf man seine Hotelnachbarn auf dem

nächsten Auftritt wieder: Die hatten sich die Lothar/Daub-Auftritte

herausgepickt und trotz des eigenen engen Zeitplans alles

daran gesetzt, rechtzeitig dabei zu sein. Ein Radiointerview bei

Vinny Bond Marini von „Music on the Couch“ (Foto) und ihr

großartiger, professioneller TV-Live-Auftritt bei Ditty TV (Foto)

komplettierten die unvergleichlichen musikalischen Erfahrungen

des Dänisch-Deutschen Duos hier in Memphis. Dann, schließlich,

das Halbfinale: Ort der Semi-Finals am Freitag war das „12

bar“ im Jerry Lee Lewis. Hier war es sehr viel lauter, der übergewichtige

junge Mann am Mischpult wirkte leicht desinteressiert,

die Jury von den anstrengenden Tagen zuvor durchaus ermüdet.

Startplatz: Letzter Solo/Duo-Act von acht Auftritten um 22.30

Uhr. Mit im Starterfeld so gute Leute wie Lucious Spiller, The

Suitcase Brothers oder Micah Kesselring, der das Semi-Finale

viermal hintereinander für unterschiedliche Blues Societies erreicht

hat. Klar war: Von den acht starken Teilnehmern würden

an diesem Semi-Abend nur zwei weiter kommen...

Zur Autorin

Memphis Mini, Journalistin

aus HH, im Norden der Republik

regelmäßig unterwegs

für Tageszeitungen, Stadtreiseführer

und Besseressermagazine.

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Musik

• Mike Seeber Trio im

Hardrock Cafe

• Interview bei Music on

the Couch

• Fernsehauftritt bei Ditty

TV

• Buck Hoffmann lässt Tim

seine Gibson L1 aus dem

Jahre 1945 ausprobieren

Spät abends dann die erlösende Info: Tim Lothar und Holger

Daub waren nicht mehr dabei – nun war Freizeit und Sightseeing

angesagt! Von wegen. Tim wurde noch am selben Abend

krank, schlief zwei Tage lang. Holger jammte bis tief in die Nacht

zum wiederholten Male im New Daisy mit sämtlichen Bluesgrößen,

die die IBC aufzubieten hatte; Tim verschlief auch das Finale

im prachtvollen Orpheum, das Tim Williams in der Kategorie Solo

(zweiter Lucious Spiller) und Mr. Sipp mit Band gewann. Aber,

ganz mit sich im Reinen und überglücklich, konnte Tim sich ehrlich

freuen über eine tolle Woche in Memphis und das persönliche

Semifinale: „Our concert went fine – perhaps our best one.“

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© wasser-prawda


Musik

Freude am Blues: Ein

Interview mit Bottleneck

John

Bottleneck John ist einer von Europas besten Vertreter des

Blues. Sein im letzten Jahr beim Opus Label veröffentlichtes

Album „All Around Man“ ist eine wundervolle Sammlung

traditioneller Blues-Songs und drei neuer Stücke. Es

ist ein Album mit einer Menge großartigem Spiel auf akustischen

Gitarren, inklusive exzellentem Slide-Spiel auf alten

und modernen Resonator-Gitarren. Insgesamt ein toll

produziertes und überzeugendes Blues-Fest! Interview von

Gary Burnett (zuerst veröffentlicht auf Down In The Crossroads).

Übersetzung: Raimund Nitzsche

Johan, zuerst Glückwünsche zum neuen Album - es ist fantastisch.

Bist Du zufrieden mit den Reaktionen, die es hervorgerufen

hat?

Vielen Dank! Ja, das Album bekam rund um die Welt wunderbare

Kritiken - und das ist für mich nicht weniger als ein Traum der

in Erfüllung ging! Es gab einfach so viele positive Dinge, die diese

Veröffentlichung ausgelöst hat, Menschen von überall suchen den

Kontakt, um mir zu sagen, was ihnen das Album bedeutet. Ich

bin gerührt und überwältigt, es ist eine Freude, die Musik mit

so vielen zu teilen. Und in den Musikmedien war es das Gleiche,

sowohl was die Soundqualität als auch was die Musik angeht. So

bin ich ein stolzer und glücklicher Mensch!

Wie kommt ein Typ aus Schweden dazu, Blues zu singen. Und

was ist es, was Dich bei den alten Blues-Songs berührt?

Das muss der gleiche Grund wie bei jedem Blues-Musiker irgendwo

auf der Welt sein: Der Blues lässt mich etwas fühlen, was die

meisten anderen Musikstile nicht schaffen. Ich werde von alten

Blues, Gospel & Spirituals, Worksongs usw. berührt. Das ist die

einfache Antwort, aber warum und wie das der Fall ist, das kann

ich mit Worten nicht erklären. Der Blues kennt keine Grenzen

und kümmert sich nicht darum, wo Du her bist. Jeder, der Höhen

und Tiefen im Leben hatte, kann sich durch diese wundervolle

Musik ausdrücken. Es ist alles darin. Und das mag ich!

Mein Herz ist für immer verwurzelt hier in den Wäldern und

Bergen im Norden Schwedens. Meine Seele aber gehört eigentlich

ins Mississippi Delta. Wenn ich dort drüben bin, dann fühle ich

mich in spiritueller Hinsicht zu Hause, dürfte schwer zu erklären

sein, aber ich fühle es in meinen Knochen.

Die alten Blues-Aufnahmen, die wir auf 78er Platten hören, sind

so direkt, so unwahrscheinlich tief, von Herzen kommend und

wahr. Sie sind einfach einzigartig, Das ist das beste Wort, um zu

beschreiben, was ich beim Hören fühle.

Und wenn ich die alten Klassiker live auf der Bühne spiele, dann

klingen sie auf meine Weise, weil ich niemals die alten Bluesmu-

© wasser-prawda

21


Musik

siker und ihre Lieder exakt nachspiele. Es fühlt

sich großartig an, in der Lage zu sein, ein Old-

School-Repertoire für heutige Bluesfans anzubieten.

Wenn ich auftrete, dann singe ich normalerweise

die originalen Texte, mache aber die

Musik ganz zu meiner eigenen, nutze das Original

nur als Plattform für neue Ideen.

Du bist ein äußerst talentierter Gitarrist - erzähl

uns über einige der Bluesgitarristen, die

dich beeinflusst haben, und von denen Du gelernt

hast.

Da sind so viele, die Einfluss drauf hatten, wie

ich ans Gitarrespielen herangehe, nicht im Detail,

aber vom Gesamtgefühl her. Alte Meister

wie Tampa Red, Blind Willie Johnson und Son

House natürlich. Ich glaub, der Typ, der dafür

verantwortlich war, dass ich mit dem Slide-

Spiel begann, war ein Schwede namens Göran

Wennerbrandt, der einige exzellente Sachen auf

paar Alben von Eric Bibb gespielt hat. Da gibt

es wunderbar geschmackvolle Sachen auf Bottleneck

und Lapsteele! In den frühen Tagen meines

Slide-Spiels hörte ich auch eine Menge von

Corey Harris, da gibt es auf seinen ersten Alben

wirklich feines Spiel zu hören.

Die Fähigkeiten von Blind Willie Johnson waren

schlichtweg nicht von dieser Welt. Das ist

die einfache Wahrheit, wie er sein Instrument

beherrschte, war ehrfurchtgebietend. Auch

Robert Johnson brachte die Dinge auf ein neues

22

© wasser-prawda


Musik

Level, und das macht auch Derek Trucks heute. Sein Slide-Spiele

ist schlicht fantastisch!

Akustikblues ist äußerst lebendig zur Zeit - Leute wie Eric Bibb,

Keb Mo, Guy Davis und so weiter sind sehr populär. Welche der

heutigen Künstler hörst Du Dir gern an?

Natürlich die, die Du genannt hast. Aber ich höre auch sehr gern

Doug MacLeod, er ist einfach fantastisch! Die Carolina Chocolate

Drops und Paul Rishell sind andere gute akustische Rootsmusiker

momentan. Es ist immer die Stimme, die mein Interesse

zuerst erweckt, erst dann die Instrumente, die der Künstler spielt.

Ich glaub, Du hast eine interessante Sammlung von Gitarren.

Erzähl uns über einige Deiner Lieblinge.

Ich habe einige alte Gitarren, Mandolinen und Banjos. Die hab

ich in den letzten 15 Jahren oder so gesammelt. Angefangen hat

das Finden und Reparieren dieser alten Stücke als ein Hobby. Inzwischen

ist nicht mehr genug Zeit vorhanden, um nur aus Spaß

zu Restaurieren. So repariere ich diejenigen, auf denen ich spiele.

Es ist cool, das selbst machen zu können, das reduziert einige der

Kosten, die es braucht, um ein Wrack wieder spielbar zu bekommen.

Was ich an diesen historischen Instrumenten mag, ist dass sie eine

„Seele“, oder meiner Meinung nach „Mojo“ haben. Wie auch immer

Du es nennst: sie sprechen zu mir und durch mich ganz anders

als es eine moderne Gitarre kann. Vielleicht passiert das nur

in meinem Kopf, aber so fühle ich es. Meine älteste spielbare Gitarre

stammt ungefähr von 1840. Gebaut wurde sie in Deutschland.

Durch die Jahre und die Gebrauchsspuren der Vergangen-

© wasser-prawda

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Musik

heit, bekomme ich beim Spielen ein großartiges Feeling. Und sie

klingen natürlich auch perfekt für alten Blues.

Für das Album war es mein Ziel, den Hörern neben der guten Musik

so viele verschiedene Gitarren wie möglich vorzustellen. Nicht,

weil es nötig gewesen wäre, sondern weil es Spaß machte!

Ich denke, es kommt nur sehr selten vor, dass eine solche Vielzahl

alter und neuer Resonator- und Akustikgitarren auf einem einzigen

Album aufgenommen werden. Und das kann man in der guten

Soundqualität hören, die das Markenzeichen von Opus 3 Records

ist.

Auf der CD hören wir 19 verschiedene Saiteninstrumente aus meiner

Sammlung neben anderen Instrumenten wie Konzertflügel,

Tuba, Mundharmonika, Hammondorgel und Kontrabass.

Um hier ein paar Favoriten aufzuzählen: Da haben wir eine Dobro

von 1936 mit Metallkörper und Fiddle-Kante, eine wunderbare alte

Gitarre. Eine 1914er Levin mit schönen Einlegearbeiten, eine

in Schweden gebaute Salon-Gitarre. Dann haben wir noch eine

National Duolian von 1933, die ultimative Resonator für Blues

nach Meinung vieler Musiker (mich eingeschlossen). Die gibt einen

tiefen heulenden Ton von sich. Gespielt wird auf dem Album

auch eine 12-saitige Resonator, die ich selbst aus eine sechssaitigen

hergestellt haben. Selbst eine einsaitige Zigarren-Kisten-Gitarre,

ein Diddley-Bow kann man beim letzten Lied von „All Around

Man“ hören.

Da ich mich so sehr für alte Gitarren und Mandolinen interessiere,

wollte ich die Gelegenheit nutzen, diese Klänge mit Blues- und

Gitarrenfans überall zu teilen. Ich hoffe, Ihr steht auf diese Idee!

Wenn ich live spiele, wechsle ich die Instrumente häufig und verwende

für verschiedene Auftritte verschiedene Modelle. Meine historischen

Instrumente bring ich aber nur zu Konzerten mit, wenn

ich weiß, dass sie dort sicher sind. Manche Läden sind in der Beziehung

etwas unsicherer und dort bringe ich dann neuere Versionen,

Klone der alten Nationals und Dobros mit.

Den Blues hat man oft „Musik des Teufels“ genannt. Aber daneben

gibt es auch eine lange Geschichte von Gospel-Blues. Und

einige Lieder auf Deiner neuen Platte sind Gospel-Blues - offensichtlich

fühlst Du dich mit diesen ebenso wohl wie mit Spirituals.

Wie kommt das? Was ist an diesen Songs auch im 21. Jahrhundert

noch relevant?

Des Herrn Antwort auf die Musik des Teufels! Das ist eine Weise,

die alten Gospel-Blues zu bezeichnen.

Es hat etwas von einem Zeitsprung, es ist berührend und großartig,

diese frühen, tief religiösen Lieder zu singen. Und ich mach das

bei jedem Auftritt. Melodien und Texte erzählen von Arbeit, Mühen

und Leiden, das die Menschen aushalten, aber auch von dem

warmen Mitgefühl und dem echten Glauben an Gott, der ihnen

Kraft zum Weitermachen gab.

Damals spielten Musiker am Samstag Blues in den Juke Joints und

am nächsten Morgen spielten die gleichen Musiker Gospelmusik

in der Kirche. Die Texte waren verschieden, aber die Musik blieb

die Gleiche.

Es ist keine religiöse Ursache, welhalb ich Gospel und alte Spirutals

singe sondern ich mach es aus dem wichtigen historischen Anteil,

den sie für diese Musik haben. Und sie verdienen es definitiv, wei-

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© wasser-prawda


Musik

terhin gespielt zu werden. Ich will dabei helfen, die Tradition am

Leben zu halten.

Für mich ist es fast genauso wichtig, die Geschichte und die Hintergründe

der Musik zu kennen und weiterzugeben wie die Musik

selbst zu spielen!

Was hält 2014 für Bottleneck John noch bereit?

Später im Jahr wird es hoffentlich ein neues Album geben, ich

freue mich sehr darauf, mit den Aufnahmen bei Opus 3 anzufangen.

Tourneen und Gigs hier und da gibt es wie üblich. Das ist

überhaupt das Beste daran, ein reisender Musiker zu sein: neue

Orte zu besuchen und neue Zuhörer zu treffen!

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Musik

1. Februar: Hands on Strings im Jazzclub

Eisenach

Gitarrenwald im

Thüringer Wald

Aus dem Thüringer Wald wurde auf der Bühne ein Gitarrenwald

(O-Ton: Thomas Fellow) – Ibanez-E-Gitarre,

Konzertgitarren verschiedenster Korpus- und Saitenformen,

Tweed bezogene Duncan-Verstärker, eine kleine Effekt-Treter-Sammlung,

zwei Stühle … Hands on Strings sind die

Gitarristen Thomas Fellow und Stephan Bormann. Gast

bei ihrer „Prometheus Tour“ war der Mandolinespieler und

Sänger Mike Marshall. Eine Konzertkritik von Torsten

Rolfs.

Am Anfang des gut besuchten Konzertabends stand das Titelstück

der Tour der beiden Gitarristen. Thomas Fellow vermochte

in launigen Ansagen die Schwierigkeit des Findens von Titelbezeichnungen

von Musikstücken zu erklären. So erfuhr das Publikum,

dass das Titelstück nicht durch jahrelanges Studium der

griechischen Mythologie seinen Namen erhalten habe, sondern

einfach ein Katastrophenfilm im Kino den Titel entstehen ließ.

Sei es durch die Einführung zum Thema Film (stellenweise lang,

aber eben auch kurzweilig) oder der Wiedererkennungswert ein-

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© wasser-prawda


Musik

zelner Töne – ein 3-Tonzitat kam mir in den Sinn Lalo Shiffrins

Mission Impossible-Thema). Das mehrfache Intonieren des Themas

des Stückes, abwechselnd oder unisono gemeinsam gespielt,

gefolgt von intensiven Soloparts mit enormer Dynamik entzückte

dies gleich am Anfang das Publikum.

Der Titel „Offroad“ aus einem der vorhergehenden Programme

führte er mit den Worten ein, die Musiker und ihr Gast seien auf

den Spuren Bach´s in Eisenach gewandelt und sie hätten auch die

waldreiche Umgebung entdeckt. So passte es gut, sich das Wandeln

auf waldreichen, steinigen Pfaden vorzustellen.

Die Kino- und Filmbegeisterung steigerte sich dann auch im

Stück Chewbaka (der geneigte Leser vermag sofort die passende

Filmtrilogie auf der Leinwand zu sehen). Thomas Fellow erzeugte

mit Hilfe gekonnt eingesetzter Effekte vom „R2D2“-Pedalboard

mit der Ibanez-Gitarre sphärische Klänge. Das Thema hatte fast

etwas von einem Kinderlied, das in einem Turnaround mit Chorus-

und … effekten gipfelte, bis dann Bormann mit der Konzertgitarre

das Thema aufnahm und in dem heiteren Turnaround

Fellow wieder übernahm und Bormann das Thema vocal unterstützte


So vergingen die ersten 20 Minuten wie im Flug und einer guten

Konzertdramaturgie folgend, spielten die beiden ein wunderschön

besinnliches Stück und die Zuhörer hatten somit Gelegenheit

zu entspannen, Luft zu holen.

Die virtuose Kraft der beiden Gitarristen zeigte sich auch im

nächsten Stück. Hier erzeugte bei mir die Ansage mit der Erklärung

der Rhythmus- und Taktbesonderheiten (in einem geradlinigen

Leben muss man auch mal ungerade Taktarten nutzen)

eine Vorfreude, die sich dann nicht bestätigt fand, wenngleich

das Stück einen enormen Fuss-Wipp-Charakter hatte. Zum Ende

des Sets gab es zwei Stücke, die die Zuhörer in der Alten Mälzerei

besonders mit einbezogen. Zunächst einmal „Erkennen Sie

die Melodie“ mit einer Adaption des Popsongs „Somebody That I

Used To Know“ von Gotye und als letztes (auch hier wieder einer

perfekten Dramaturgie folgend) eine Komposition mit dem Namen

„Loco“, bei der die Besucher aktiv mit einbezogen wurden.

Im 4/4 Takt den Männern die ersten drei Taktzeiten zum Klat-

© wasser-prawda

27


Musik

schen und den Frauen im Publikum die 4 in Achteln … (O-Ton

Bormann: zwei Schwierigkeitsgrade ein leichter für die Frauen und

einen sehr leichten für die Männer) Die Musiker auf der Bühne

konnten sich über ein rhythmus-sicheres Publikum freuen.

Das zweite Set stellte den grandiosen Gast Mike Marshall an der

Mandoline in den Mittelpunkt. Die drei Musiker verstanden sich

musikalisch blind auf der Bühne, wenngleich ihr Minenspiel in

besonderem Maße diese Verbindung deutlich machte. Ein Pophit,

Conga von Gloria Estefan bildete den rhythmisch virtuosen Anfang

des Sets.

Bei The Gator Strut spielte Mike Marshall ein Mandoloncello,

das eine warme Basstonalität erzeugte und somit den Rhythmuscharakter

des Stückes pointierte und die beiden Gitarristen ein

wahres Solistenfeuerwerk abfeuern konnten.

Mike Marshall war ganz beseelt vom Spirit der Stadt Eisenach

mit seinem großen Sohn – Johann Sebastian Bach – und Mike

Marshall vermochte diese Begeisterung in sein Spiel mit einzubeziehen.

In einem Solo-Stück begann er mit einem Zitat Bach´scher

Barockmusik, um dann mit Bluegrass-Elementen in einem organischen

Übergang fortzufahren. Im Gesangspart des Stückes lebte

die Roots-Music Tradition auf, um dann wieder in einer Phrase

klassischer Tonalität zu enden.

Nach zwei weiteren Stücken zum Ende des Sets ging in der von

begeistertem Applaus geforderten Zugabe so richtig die Post ab:

I´m sittin´on top of the world - der beliebte Bluesklassiker - erhielt

in dieser Instrumentierung ein ganz eigenes Gepräge. Auch in diesem

Stück gefiel die Stimme von Mike Marshall mit rauchig warmem

Timbre. Ein letztes Stück gab den drei Musikern noch einmal

Gelegenheit, ihre virtuose Expressivität ausspielen zu können.

Mit ihren Instrumenten in der Hand und weiter spielend verließen

sie unter Beifall die Bühne.

Wie lässt sich diese Gitarrenmusik von Hands on strings schubladisieren?

Ist das Jazz, weil es im Jazzclub stattfand, war es Klassik,

weil aus der klassischen Gitarrenschule kommend die Virtuosität

im Vordergrund steht? Ist es vielleicht doch auch PopMusik, weil

es Freude macht populäre Themen zu adaptieren? Bei dieser Musik

wird klar, dass es nicht um die vermarktungsgerechte Kategorisierung

von Musik geht, sondern der Musiker mit seinem Instrument

die stilistische Diversität bestimmt. Auch wird deutlich, dass von

bestimmten Künstlern Hörgewohnheiten geprägt wurden, und der

Schreiber und ein weiterer Zuhörer sofort Assoziationen zu Al di

Meola, Pacco di Lucia und John McLaughlins Friday Night in San

Francisco hatten.

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© wasser-prawda


Musik

Paul Batto und die

„neue Auszeit“

Paul Batto ist ein in Europa weitgereister Musiker, der seinen

Ursprung in Südosteuropa hat. Geboren in Slowenien

lebt er heute in der Tschechischen Republik, von wo aus er

seiner Konzertreisen in Europa startet. Zum Konzert am

25. Januar 2014 in der Bruckmühler Auszeit gibt es zwei

Novitäten: Erstens ist die Auszeit als Restaurant und Musikbühne

neu konzeptioniert und zum zweiten bringt Paul

Batto seine neue CD „Lonesome Road“ mit. Interview und

Fotos: Mario Bollinger.

Die Auszeit ist ursprünglich ein Eßlokal in Bruckmühl

zwischen München und Rosenheim. Der

Betreiber Mario Oksas hat aber das Lokal Schritt

für Schritt in einen Laden mit Liveveranstaltungen

umgeprägt. Viele lokale und internationale Musiker haben hier

Konzerte gegeben. So haben hier schon Musiker wie „Sir“ Oliver

Mally aus Österreich, Bastian Semm mit seinem CASH – Singerof-Songs-Programm

und die Kabarettisten Franziska Wanninger

und Helmut A. Binser ihr Programm gezeigt. Der neueste Coup

ist aber die optische Umgestaltung des Lokals und der Speisekarte.

Der Look des Lokals ist moderner. Glas, Stein und blaues

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Musik

Licht prägen die Optik. Für die Musiker gibt es jetzt einen besser

ausgewiesenen Bühnenteil mit Bühnenlicht und einem schwarzen

Vorhang als Hintergrund. Die Speisekarte ist fokussierter und

der neue Mann hinter der Theke Muhammer Gül ist an diesen

positiven Änderungen sehr beteiligt gewesen. Die Tische sind

kleiner geworden, locker in Gastraum verteilt und bieten für 40-

60 Personen Sitzplätze. Der Gastraum kann bei der Show jetzt

abgedunkelt werden, die alten UFO-Lampen sind verschwunden

und Muhammer besteht darauf, dass während der Show Ruhe

herrscht und selbst die Espressomaschine hat zu schweigen. Nach

wie vor lockt Mario Oksas mit freiem Eintritt zu den Konzerten

und Kabaretts, jeder Gast kann aber während der Show seine Anerkennung

durch eine Spende in den Hut Ausdruck verleihen.

Paul Batto war bereits letztes Jahr Gast von Mario Oksas und als

er das Lokal betrat, sagte er spontan und begeistert: Das ist aber

nicht das Lokal, wo ich schon mal gespielt habe!

Vor der Show hatte ich Gelegenheit, mit Ondra Kriz (Ondřej

Kříž) zu sprechen, der Paul Batto auf vielen seiner Konzerte

auf dem Klavier begleitet. Ondra Kriz ist mit seinen

26 Jahren bald halb so jung wie sein Partner Batto. Beide haben

sich in Ondras Heimatstadt Tabor südlich von Prag getroffen, als

Paul dort vor einigen Jahren hinzog. Neben Paul Batto begleitet

er noch den Bluesmusiker Rene Trossman und unterrichtet Kinder

am Klavier. Sein Konservatoriumsstudium hat er zu Gunsten

eines frühen Musikerberufs aufgeben, was ihn aber nicht daran

hindert, sein Wissen und Können unkonventionell an Klavierschüler

weiterzugeben und damit seinen Lebensunterhalt mitzuverdienen.

Sie müssen natürlich das Basiswissen erlernen, aber das

nicht zwangsweise an den alten Komponisten wie Bach oder Mozart.

Er erlaubt seinen Schülern zu spielen, was ihnen gefällt und

erhält hier auch die Unterstützung der Eltern. Daneben macht er

z.B. 120 Shows im Jahr mit Paul Batto oder Rene Trossman.

Die Musikszene in der Tschechischen Republik entwickelt sich

stetig, die wahre Musikszene spielt sich in den Theatern und Kulturhäusern

ab, die es noch reichlich aus alten Zeiten gibt. Die Pubs

in Prag dagegen werden vornehmlich von Touristen frequentiert

und sind nicht das Ziel von Musikern wie Ondra Kriz oder Paul

Batto. Auf die Frage, ob sich Auftritte wie in der Auszeit mit einer

Anreise von 500km für Ondra rentieren, antwortet er: „Nun,

ich spiele nicht nur für das Geld, sondern auch für den Spaß“. Er

selber hat zwar Deutsch in der Schule gelernt, aber leider mittlerweile

durch das wesentlich häufiger gebrauchte Englisch fast alles

wieder vergessen.

Paul Batto und Ondra Kriz brauchten kaum 30 Minuten zum

Aufbauen, dann ging das Konzert auch schon los. Paul Battos

eindringliche Stimme, eine Resogitarre, seine Stompbox und Ondras

Klavier sorgen gleich für einen schnellen Opener der Show.

Anfänglich herrschte noch etwas Unruhe im Raum, aber als Paul

Batto einen sehr leisen Song mit spanischen Elementen anstimmte,

herrschte sofort gespannte Ruhe im Publikum. Während Paul

Battos Wesen von Stimme und Spiel geprägt ist und er ansonsten

ein sehr ruhiger Musiker auf der Bühne ist, lebt Ondra auch

körperlich in seiner Musik. Körperhaltung und Gestik unterstrei-

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© wasser-prawda


Musik

chen seine Aussage: „Ich spiele

nicht nur für das Geld sondern

auch für den Spaß“. Paul

Batto hat mir dann hinterher

erzählt, dass er auf der Bühne

nicht allzu viel von sich preisgibt.

Bei dem Song „Garden

of Love“ erzählt er aber dann

doch von seiner neuen Heimatstadt

in Südböhmen, einer

Kirche, eine Haus dahinter

und dem Garten dazu. Bei

einem Pianosolo von Ondra

läßt sich das Publikum dann

doch mal zu einem Szenenapplaus

hinreisen. Paul Batto beschließt

nach 2 Zugaben den

Abend mit Amazing Grace,

einem alten Kirchenlied, das

einen Sinneswandel eines ehemaligen

Sklavenschiff kapitäns

beschreibt. Als allerletzte Zugabe

geben Paul Batto und

Ondra Kriz ihre Version von

„Moon River“, was einmal

mehr die Bandbreite von Paul

Battos Gesang unterstreicht.

Einen besseren Schlussakkord

kann mit sich nach dem Musikprogramm

der Beiden fast

nicht vorstellen.

Nach dem Konzert stand mir

auch Paul Batto zu einigen

Fragen für die Wasser-Prawda

zur Verfügung

WP: Woher kommst Du und wo geht es hin?

PAUL BATTO: Ich weiß es nicht. Ich betrachte das Ganze als

Tomatenpflanzen und -ernten. Ich bin jetzt 47 Jahre alt und plane

nicht mal 6 Monate voraus. Ich bin Großvater geworden, ich

kümmere mich um meine Kinder und es macht mir viel Spaß. Ich

bin in Slowenien geboren, mache seit dem 18. Lebensjahr Musik,

begann zu singen und bediente mich der afrikanisch-amerikanischen

Gospeltraditionen und der Art, wie in Kirchen zu singen.

Wurzeln habe ich keine. Ich bin nicht in einer musikalischen Familie

aufgewachsen, es gab keine Schallplatten und ich hatte nur

das Radio als Quelle. Ich war lediglich einen Monat auf einer

Musikschule. Musik faszinierte mich schnell und ich kam dann

sozusagen über die Hintertür zur Musik. Ich habe Slowenien

mit 20 Jahre verlassen. Ich ging in die Schweiz, mache Spiritual

Music, Blues, spielte in einem Jazztrio, in Big Bands. Ich machte

viel verschiedene Musik und mache es noch, aber es sind immer

Schaffensperioden. Es gibt viele Musiker, die viele Stile spielen,

aber keinen Stil richtig rüberbringen. Ich mache das schon auch

und für ein offenes Publikum ist das eine abwechslungsreiche

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31


Musik

Präsentation. Ich richte mich aber nicht nach dem Anspruch des

jeweiligen Publikums, sondern mache einfach mein Ding. Und

ich mache das in Perioden. In erster Linie spiele ich erst mal für

mich. Die Bühne ist für mich immer noch ein sehr privater Bereich.

Ich habe heute ein breites Spektrum und ich spiele das alles

gerne.

WP: Verfolgst Du auch andere Projekte?

PAUL BATTO: Eigentlich nein. Ich werde viel eingeladen, ich

kann mit Big Bands singen. Ich wurde auch für Musicals wie

Jesus Christ Superstar eingeladen zu singen, aber ich habe abgelehnt,

da es Kraft kostet. Vor einem halben Jahr habe ich von

einem Philharmonischen Orchester die Einladung angenommen,

„Anatevka“ zu singen, aber im Wesentlichen habe ich nicht die

Zeit und die Kraft, sowas zu verfolgen. Ein Orchester erfordert

Proben und Aufwand, was ich nicht bereit bin aufzubringen, obwohl

es immer eine gute Erfahrung ist. Ich habe daher gelernt,

Nein zu sagen, um mich nicht in Dinge zu verlieren, die mir

nichts bringen. Die meisten Leute mögen eigentlich die Musik,

die von mir stammt. Ich schreibe ca. 90% aller Songs selbst und

das ist für mich die ehrlichste Art und Weise, Musik nahezubringen.

Ich kann mich hinsetzen, einen ganzen Abend Jazzstandards

singen. Das ist sicherlich nett und aber der Effekt ist nicht der

Gleiche, als wenn ich meine Songs singe.

WP: Deine letzte CD “aint but one way” ist aus dem Jahr 2010.

Deine neue CD heißt „Lonesome road” . Erzähl uns mehr darüber.

PAUL BATTO: Die CD ist eine reine solo CD und jetzt im Januar

2014 erschienen. Ich habe lediglich meine Stimme und meine

Gitarre aufgenommen. Die letzte CD war von den Mitmusikern

und Instrumente wie die Lapsteel Gitarre dominiert. Dieses Mal

wollte ich nur ein Mikrophon und sonst nichts.

WP: Welche Instrumente spielst Du?

PAUL BATTO: Ich spiele eine Republic Resonator Gitarre, ich

benutze eine custom made Archtop Gitarre und eine hundert

Jahre alte Parlor Gitarre. Sie ist auf dem Cover der neuen CD

abgebildet. Diese Gitarren sind fantastisch und haben ein unendliches

Sustain. Sie sind einzigartig und immer mit einer eigenen

Stimme. Dann benutze ich noch eine Cole Clark aus Australien

und habe ein sehr schöne tschechische Furch Gitarre. Viele Instrumentenhersteller

kommen aus der tschechischen Republik. In

der Gegend von Markneukirchen und aus der tschechischen Seite

kommen Firmen wie C.F. Martin ebenso Höfner und Framus.

Ich habe zwei Furch Gitarren und das sind Weltklasse Akustikgitarren.

WP: Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Ondra Kriz?

PAUL BATTO: Wir leben in der gleiche Stadt Tabor, in die ich

vor ca. 5 Jahren gezogen bin. Wir haben uns da getroffen und seit

dem spielen wir zusammen.

WP: Welche anderen Projekte verfolgst Du mit Ondra?

PAUL BATTO: Wir machen einiges zusammen, aber ich spiele

auch gerne alleine, weil ich dann ganz andere Dinge tun kann.

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Musik

Mein Publikum mag mich solo genau so gerne, weil sie meine

Stimme lieben und ich mich auf sowas konzentrieren möchte

WP: Wie posititionierst Du Dich und Deine Musik?

PAUL BATTO: Ich bin ein Singer/Songwriter, ich schreibe zu

90% meine Songs selber. Ich halte mich von Strömungen fern,

verkehre kaum mit Bluesmusikern, werde deshalb manchmal als

Musikanarchist bezeichnet und halte mich auch fern von Zirkeln.

Ich mache halt einfach mein Ding und fühle mich nicht als ein

Teil einer Szene. Manche Leute fühlen sich verwirrt, wenn ich

mal den Stil wechsle, ich möchte einfach keinem Stil zugehören.

Und ich liebe meine Freiheit.

WP: Hast Du eine Message, welche Du Deinem Publikum nahebringen

möchtest?

PAUL BATTO: Ich möchte keine Message rüberbringen, da sie

politisch sein könnte und das möchte ich nicht. Ich halte es da wie

Randy Newman, der nie einen selbstbeobachtenden Song über

sich selbst schrieb. Alles was er geschrieben hat, hatte nichts mit

ihm zu tun. Ich erzähle nicht viel und erkläre auch nichts auf der

Bühne. Eine sehr introvertierte Art, Musik zu machen. Ich liebe

ein Publikum, das gerne zuhört und nicht viel fragt. Ich antworte

natürlich und man kann mit dem Publikum arbeiten, aber das

ist nicht meine Art. Am Ende des Tages bin ich es, der da auf der

Bühne ist und die Leute akzeptieren mich so.

WP: Wenn Du einen Wunsch hättest, mit jemanden ein Konzert

zu machen – wen würdest Du Dir wünschen?

PAUL BATTO: Ich habe da keine Wünsche

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Paul Batto - Lonesome

Road

Paul Battos neue CD heißt

„Lonesome Road“ und enthält

11 Songs aus seiner Feder. Im

Gegensatz zur vorherigen CD

spielte er diese CD komplett

solo ein. Im Gespräch erwähnte

er, dass die vorherige zu sehr

von den anderen Instrumenten

wie einer Lapsteel dominiert

war. Das wollte er hier

grundlegend ändern. Ein Mikrofon,

eine alte Parlorgitarre

und seine eindringliche Stimme.

Ein Konzept, das auch bei

vielen anderen Musikern im

Singer/Songwriter-Genre Anklang

findet. Die Songs sind

bewusst kurz gehalten, um

unnötige Wiederholungen zu

vermeiden.

Da die Kombination Stimme/akustische

Gitarre nicht

sehr viel Abwechslung bieten,

klingen einige Songs sehr

ähnlich ohne eine Spannung

aufzubauen. Wesentlich interessanter

sind die Stücke, in

den Paul Batto das Tempo erhöht

oder abwechslungsreiche

Rhythmen spielt. Ein solcher

Titel ist “Hey, Hey here comes

a new day”. Auch ungewöhnliche

Einflüsse wie spanische

Melodien lassen den Zuhörer

aufhorchen. In „Storm’s comin‘“

blitzt er dann wieder

durch, der Blues von Paul

Batto: Coole Stimme, tolles

Fingerpicking auf einer ungewöhnlichen

Parlorgitarre. Im

Titelsong „Lonesome Road“

zeigt Paul Batto, dass er auch

ein Könner auf der Resogitarre

ist. Trotzdem ist es kein

typischer Bluessong, bedient

sich lediglich an Fragmenten

des Blues und kombiniert sie

zu einem typischen Song dieser

Solo-CD von Paul Batto.

Musik

WP: Was weißt Du von München?

PAUL BATTO: (Schweigt) - Ist Paulaner aus München? Ich habe

ein oder zweimal im Hide Out gespielt. Ich kenne den ehemaligen

Music Shop, Aber ich gehe auch nicht auf Großveranstaltungen

wie Oktoberfest.

WP: Du bist oft in den Niederlanden?

PAUL BATTO: Ja, ich bin mehrmals in Jahr für 3 bis 4 Wochen

dort.

WP: Auf der Facebookseite sind sehr viele holländische Einträge.

PAUL BATTO: Ja, ich bin da sehr beliebt. Ich wollte erst gar nichts

auf Facebook machen, aber ich kann ja nicht mal meine eigene

Webseite pflegen, daher habe ich angefangen, mehr auf Facebook

zu machen, um schnell Dinge zu posten. Ja, Holland und Belgien

sind sehr interessant für mich. Als ich in die Tschechische Republik

gezogen bin, habe ich erst gar nicht viel da gemacht. Aber seit drei

Jahren machen wir immer eine schöne Tour durch die Republik.

Wir haben immer gute 100 Besucher in den Kulturhäusern und

Theater, die es hier immer noch gibt. Ich spiele nie in Pubs, sofern

mich keiner wirklich dazu einlädt. Es ist für den Künstler nicht

sehr einladend, wenn die Gäste eigentlich nur wegen der Getränke

aber nicht wegen des Künstlers kommen.

WP: Was möchtest Du gefragt werden?

PAUL BATTO: Hm, was möchte ich gefragt werden? Frag mich

das nächste Mal, ob wir zusammen Abendessen.

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Musik

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Literaturempfehlung

So ziemlich der letzte Überlebende

der klassischen Besetzung

von Canned Heat ist

Schlagzeuger Fito de la Parra

(seit 1970 dabei). seine Autobiographie

„Living The Blues“

ist unbedingt empfehlensewrt.

Die deutsche Ausgabe erschien

bereits 2001.

Fito de la Parra: Living

The Blues. Canned

Heat‘s Story zwischen

Musik, Drogen, Tod, Sex

und Überleben

Big Beat Musikverlag Lindenwerra

2001

ISBN 3-00-007020-6

Musik

Bob Hite (1943-1981)

Einige werden sicher fragen Bob Wer? Die eingefl eischten

Blueskenner wissen natürlich sofort, wer da gemeint ist.

Bob Hite – Gründungsmitglied von Canned Heat. Eine

Biographie von Matthias Schneider.

Wegen seines massigen Körpers nannte man ihn „The Bear“. Geboren

wurde Bob Hite am 26. Februar 1945 im Stadtteil Torrance

von Los Angeles. Seine Mutter war Sängerin und sein Vater hatte

in einer Band in Pennsylvania gespielt. Schon mit neun Jahren

fing seine große Leidenschaft als Plattensammler an. Er sammelte

sämtliche Platten aus Jukeboxen, die er bekommen konnte. Später

eröffnete er sogar einen eigenen Plattenladen und gab das Magazin

„Rhythm & Blues Collector“ heraus. Bis 1973 hatte er über

70.000 Schallplatten gesammelt. Er soll oft in Plattenläden sämtliche

Kopien einer Platte aufgekauft und sie bis auf ein Exemplar

vernichtet haben, um den Wert seiner Sammlung zu erhöhen.

Nach seinem Tod 1981 wurde die Sammlung zerschlagen, er hatte

aber vorher schon aufgrund finanzieller Probleme große Teile

verkaufen müssen. Einen Großteil seiner Sammlung besitzen heute

Fito DeLaParra und Walter De Paduwa. Dieser veröffentlichte

2007 in Zusammenarbeit mit Adolfo „Fito“ De La Parra einige

Aufnahmen aus der Sammlung auf dem Sampler Rarities From

The Bob Hite Vaults.“ 1

Die Leidenschaft für klassischen Blues und Rhythm & Blues

spielte auch eine große Rolle für sein Leben als Musiker. 1965

gründete Bob mit Alan Wilson und Henry Vestine Canned Heat.

Hite kam auf den Namen, da eine seiner Schallplatten aus dem

Jahr 1928 von Tommy Johnson einen gleichnamigen Bluessong

enthielt. Der Name ist eine Anspielung auf gelierten Brennspiritus,

der in verdünnter Form oft als billiger Schnapsersatz missbraucht

wurde. Zunächst wollte man eine traditionelle Jugband

sein, bei der Alan Wilson die Slide-Gitarre spielte. Bei Canned

Heat übernahm Hite neben Wilson den Gesang und spielte

ebensfalls Mundharmonika.

Gerade der Kontrast zwischen Hites tiefer und rauher Stimme

und Wilsons einzigartig hoher Gesang trugen zum Erfolg der

Band bei. Auch das Harpspiel der beiden war jeweils einzigartig

und führte zu reizvollen Kontrasten. Über die Kreise der Bluessammler

hinaus wurde die Band vor allem durch ihre Auftritte

bei den beiden legendären Festivals in Montery und Woodstock

bekannt. Canned Heat war auch die Band, die damals unsere

Hymne „Going up the Country“ spielte, ein Titel entstanden

nach dem Bull Doze Blues von Henry Thomas , ein Titel der unseren

Sehnsüchten in der damaligen DDR entsprach.

„I‘m going to leave the city got to get away

I ‚m going to leave the city got to get away

All this fussing and fighting

Man, you know I sure can‘t stay.

„Ich Werde die Stadt verlassen, ich muss hier fort

All diese Aufregung und dieser Kampf

Mensch, mir ist klar, dass ich mit Sicherheit nicht bleiben kann.“

1 http://fakten-uber.de/bob_hite

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Musik

„Neben seiner Rolle als Musiker (co-)produzierte Hite auch Alben

von Canned Heat und anderen Interpreten. Über seine Sammlerleidenschaft

traf er 1969 Albert Collins und half ihm, seine

Karriere aufzuwerten. Collins widmete ihm daraufhin die Single

„Love Can Be Found Anywhere“, dessen Namen aus dem von

Hite geschriebenen Song „Fried Hockey Boogie“ stammt.

1968 war er Co-Produzent des Albums „Slim‘s Got His Thing

Going On“ von Sunnyland Slim, an dem er neben Alan Wilson

auch musikalisch mitwirkte. Als Gage erhielt er ein Piano, welches

bei dem Song „Turpentine Moan“ auf dem Album Boogie With

Canned Heat zu hören ist. Im selben Jahr produzierte er zusammen

mit Skip Taylor das Album „Hooker ’n Heat“, das Canned

Heat mit ihrem großen Idol John Lee Hooker aufnahmen. Das

Album „Hooker ´n Heat“ ist sicherlich eines der wichtigsten und

besten Alben der Bluesgeschichte und Bob hatte einen riesigen

Anteil am Erfolg des Albums. Daneben wirkte und produzierte

er mit Musikern wie Little Richard, Clarence Gatemouth Brown,

Memphis Slim und Ronnie Barron.

Nach dem Tod seines Mitstreiters und Bandgründers Alan Wilson

im September 1970 ließ der Erfolg der Gruppe rapide nach

und Hite verfiel mehr und mehr harten Drogen.

Canned Heat ist die Band, die wahrscheinlich die meisten Mitgliederwechsel

zu verzeichnen hat, aber auch die meisten verstorbenen

Bandmitglieder und das nicht wegen des hohen Alters. Sex

and Drugs and Rock and Roll gehörten genau so zu der Band

wie guter Blues. Sie hetzten nicht nur von Konzert zu Konzert

sondern auch von Vollrausch zu Vollrausch. Ein Wunder, dass da

überhaupt noch jemand lebt. 2 Bob Hite hat es jedenfalls nicht geschafft.

Die Drogenexzesse verbunden mit Alkoholkonsum waren

wahrscheinlich die Ursache für Bobs Gesundheitszustand.

„Am 5. April 1981 spielten Canned Heat im Palmino Club in

Los Angeles unter anderem mit Henry Vestine einen laut ihrem

Schlagzeuger Adolfo „Fito“ De La Parra sehr guten Gig, was

zu dieser Zeit für die Band nicht selbstverständlich war, da sie

aufgrund enormer Drogenprobleme und oft wechselnden Besetzungen

viele Reinfälle erlebte. In der Pause zwischen den beiden

Sets boten ein paar Junkies Hite Heroin an, welches dieser sofort

komplett inhalierte. Von dem Heroin völlig weggetreten war

Hite nicht mehr in der Lage, das zweite Set zu singen. Um ihn

wieder auf die Beine zu bekommen, gaben ihm ein paar Roadies

der Band etwas Kokain, doch das knockte ihn völlig aus und die

Band musste ohne ihn weiter spielen. Sie kümmerte sich nicht

weiter um ihn, da sie so was öfters mit ihm erlebten. Während des

zweiten Sets brachten ihn Freunde nach Hause, wo er einen Herzanfall

hatte. Als nach langer Wartezeit endlich der Krankenwagen

eintraf konnte er zwar noch einmal reanimiert werden doch der

stark übergewichtige Hite verstarb einige Minuten darauf. Seine

letzte Aufnahme war das Lied „Hell‘s just on down the line“ für

das Album „Kings of the Boogie“, das ohne ihn fertiggestellt wurde.

Zu seinem Gedenken brachte der ehemalige Canned Heat-

Bassist Tony De La Barreda ein 1980 aufgenommenes, auf Hites

ausdrücklichen Wunsch unveröffentlicht gebliebenes Album mit

dem Titel „In Memory of Bob „The Bear“ Hite - Don‘t forget to

boogie“ heraus. Bis dato hatte er jedes Konzert mit den Worten

„Don‘t forget to boogie“ beendet.“ 3

2 http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/231218

3 http://de.wikipedia.org/wiki/Bob_Hite

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Musik

Blueskalender

1895: Alberta Hunter *

1897: Lucille Bogan *

1927: Amos Milburn *

1. April

1952: Alex Conti *

2, April

3. April

Lucille Bogan

1932: Leopold von Knobelsdorff *

1958: Adam Gussow *

1970: Rusty Zinn *

2001: Big Daddy Kinsey +

4. April

1896: Marion Harris *

1913: Cecil Gant *

1913: Muddy Waters *

1929: John Dee Holeman *

1952: Gary Moore *

1960: Sylvester Weaver +

1950: Paul Oscher *

5. April

6. April

Big Walter Horton

1919: Big Walter Horton *

1955: Blind Mississippi Morris *

1960: Warren Haynes *

1981: Bob Hite +

1915: Billie Holiday *

7. April

8. April

1908: Tommy McClennan *

1944: Keef Hartley *

1960: Andreas „Andi“ Hofmann *

1895: Mance Lipscomb *

1997: Yank Rachell +

9. April

10. April

Billie Holiday

1922: John Brim *

1928: Rosco Gordon *

1936: Bobby Smith *

38

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Musik

1958: Chuck Willis +

1979: Shemekia Copeland *

2013: Jimmy Dawkins +

1936: Buddy Ace *

1939: Luther Johnson *

11. April

1915: Hound Dog Taylor *

1921: Shakey Jake Harris *

1945: Miller Anderson *

1945: Ann Rabson *

1954: Pat Travers *

12. April

Shemekia Copeland

1944: Jack Casady *

2005: Johnnie Johnson +

13. April

1954: Lil Green +

1992: Sammy Price +

1894: Bessie Smith *

1936: Frank Frost *

1955: Tommy Castro

14. April

15. April

Hound Dog Taylor

16. April

1931: John Littlejohn *

1937: Artie „Blues Boy“ White *

1954: Texas Alexander +

1901: Clifford Gibson *

2003: Earl King +

17. April

18. April

1906: Little Brother Montgomery *

1924: Clarence Gatemouth Brown *

1898: Peter Clayton *

1928: Alexis Korner *

1985: Willie Mabon +

1994: Larry Davis +

19. April

20. April

Earl King

1958: Gary Primich *

1992: Johnny Shines +

2013: Artie „Blues Boy“ White +

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Musik

1943: Albert Lee *

1970: Earl Hooker +

2003: Nina Simone +

21. April

22. April

1919: Bull Moose Jackson *

1922: George „Harmonica“ Smith *

1950: Peter Frampton *

1975: Walter Vinson +

1894: Cow Cow Davenport *

1944: Marion Harris +

23. April

24. April

Nina Simone

1970: Otis Spann +

2013: Bob Brozman +

25. April

1913: Earl Bostic *

1923: Albert King *

1965: Pau Luboš Andršt l Lassey

1886: Ma Rainey *

1915: Johnny Shines *

1926: J.B. Hutto *

1948: Luboš Andršt *

26. April

27. April

Ma Rainey

28. April

1891: Charley Patton *

1940: Phil Guy *

1952: Chuck Leavell *

1974: Gary Pushkin (Igor Vedeneev) *

29. April

1927: Big Jay McNeely *

1935: Leroy Carr +

1935: Otis Rush *

1937: Lefty Dizz *

1967: J.B. Lenoir +

1896: Gary Davis *

1931: Jimmie Lee Robinson *

1983: Muddy Waters +

30. April

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Musik

Leroy Carr

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Platte Des Monats

Ursula Ricks - My

Street

Ursula Ricks legt mit „My Street“ ein Debutalbum

vor, das mich gleich beim ersten

Hören gepackt hat. Ich hae bislang

nichts von oder über Ursula Ricks gehört

und dachte, es handele sich um eine

weitere talenerte Musikerin aus dem

scheinbar unerschöpflichen Topf guter

US-Musiker.

Inzwischen höre ich die CD regelmäßig und bin überzeugt,

daß Ursula das Zeug hat, eine der anerkannt großen Bluessängerinnen

zu werden – schade, dass es so lang gedauert hat, bis

sie sich mit einem Album gemeldet hat.

Ursula stammt aus Baltimore, ist glückliche Großmutter und

sagt, daß sie das Album im Gedenken an ihre vor neun Jahren

verstorbene Mutter Malagash Yemariamfere aufgenommen habe

– sie war als großartige Sängerin und Songschreiberin bekannt,

habe dies aber niemals nach Außen getragen. Malagash wird sich

freuen, daß ihre stimmgewaltige Tochter dies nun nachholt. Auf

dem Album finden sich acht Eigenkompositionen und zwei Coversongs.

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Platte Des Monats

Der Opener „Tobacco Road“ ist an Intensität schwer zu übertreffen,

die übrigen Songs beschäftigen sich dezidiert mit den Zuständen

in und auf Ursulas Straße. Der Text des Titelsongs beschreibt

eine durch Drogenhandel und Bandenkriminalität geprägte Straße,

an deren Himmel die Polizei mit Hubschraubern patroulliert.

Da sie für sich und ihre Kinder keine Alternativen sieht, fühlt

sich eine Mutter gezwungen eine schmerzhafte Entscheidung zu

treffen und zurück in ihre angestammte Heimat zu fliehen. Sie

hofft, dort das Überleben ihrer Familie sichern zu können. Es

lohnt sich, zuzuhören, was Ursula erzählt.

Das Album wurde mit der Severin Hausband (u.a. Johnny Moeller

- Fabulous Thunderbirds) gekonnt eingespielt. Ursula Ricks

setzt ihre ausdrucksstarke Stimme in das rechte Licht – mal heiser,

mal hart – eine echte Diva! Stilistisch bewegt sie sich zwischen

Blues, Soul, Funk, vielleicht auch ein wenig Reggae und Rap. Das

ist die Mischung ihrer Straße, die sie perfekt adaptiert.

Ich hoffe sehr, daß Ursula weitere Alben einspielen wird – besonders

würde ich mich über einen Live-Mittschnitt aus einem

Club freuen. Vielleicht kommt sie ja auch einmal über den Teich

und wir haben das Glück, sie im Konzert zu erleben? (Severn/

in-akustik)

Bermd Kreikmann

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Platten

Frauen im Blues,

Folk, Jazz und Soul

„Hottest Blues Chick“, „Girls With Guitars“ - Stereotype

wie diese und und sexuell aufreizende Plattencover haben

die Künstlerinnen im Blues heutzutage eigentlich nicht nötig.

Jedenfalls dann nicht, wenn es nur nach der künstlerischen

Qualität ginge. Aber im Musikgeschäft zählen ja leider

oft andere Maßstäbe. Aber warum eigentlich? Zwischen

Bluesrock und klassischem Rhythm & Blues, Country , Folk

und akustischer Musik reichen die Alben, die wir allein in

den letzten Wochen auf den Tisch bekamen.

Adrianna Marie - Double Crossing Blues

Wie eine Zeitreise in die Hochzeit des klassischen Rhythm &

Blues kommt einem das Debüt von Adrianna Marie vor. „Double

Crossing Blues“ erinnert an die späten 40er Jahre mehr als an die

Zeiten des elektrischen Blues etwa einer Koko Taylor.

Die Musik swingt, die Stimme erinnert an Dinah Washington

oder Helen Humes - man könnte sich in einen verrauchten

Nachtclub irgendwann kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs

versetzt fühlen. Doch dann knallt einem eine Gitarrenlinie

in die Ohren, die eindeutig vom späteren Albert King inspiriert

ist. Adrianna Marie und ihre Groovecutters haben sich für das

Album eindeutig an den Sounds der späten Bigbands orientiert.

Doch auch wenn sie Klassiker von Helen Humes, Louis Jordan

oder Big Maybelle interpretieren, kommen sie nicht umhin ihre

eigenen Biographien in den Sound einzubringen. Und so hört

man Anklänge an Rockabilly und Country ebenso wie an den

elektrischen Blues der 50er in Chicagoer Clubs, eine deftig röhrende

Bluesharp inklusive.

Als Sängerin ist Adrianna Marie heutzutage allerdings ziemlich

einzigartig: Statt sich wie viele um die Nachfolge von Koko Taylor

zu bemühen, ist sie in jedem Moment elegant, sophisticated

und reserviert. Ebenso wie man es von einer eleganten Nachtclubsängerin

in den 40er Jahren erwarten würde. So ist „Double

Crossing Blues“ eine wunderbar tanzbare musikalische Zeitreise

geworden. Die Nominierung für einen Blues Music Award für

das beste Debüt 2014 ist absolut verständlich.

Raimund Nitzsche

Alexx & The Mooonshiners - En Animaon

Eine Live-DVD der besonderen Art haben Alexx & The Moonshiners

aus Frankreich veröffentlicht. Mitgeschnitten wurde dafür

ein Auftritt der Bluesrocker beim Festival Grésiblues. Dabei

spielen die drei Moonshiners und ihre wie ein Wirbelwind agierende

Sängerin nicht nur Songs von ihrem letzten Studioalbum

Mooonset, Mooonrise sondern auch Stücke von AC/DC, den Sex

Pistols und Willie Dixon. Das macht riesigen Spaß und selbst

„Anarchy In The UK“ ist eigentlich Bluesrock! Alexx ist eine Entertainerin

par excellence - in Deutschland würde man hier wohl

am besten Jessy Martens als Vergleich heranziehen. (Das betrifft

natürlich nicht die jeweiligen Stimmen - hier sind die beiden Sän-

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© wasser-prawda


Platten

gerinnen ziemlich verschieden.) Und wenn Alexx dann zeitweise

eine riesige Puppe ansingt, wird es noch unterhaltsamer als die

großartig dahinstürmende Musik allein es schaffen könnte.

Das Besondere an dieser Veröffentlichung? Die DVD wird nicht

verkauft, sondern an die Käufer anderer Alben der Band als Geschenk

verschickt. Eine gute PR-Aktion - wer aber die Scheibe unbedingt

haben will, dafür werde man schon eine Entschuldigung

finden, meint die Band auf ihrer Homepage. Aber eigentlich kann

man nur empfehlen, eines der anderen vier Alben der Truppe zu

bestellen und sich auf eine gute Live-DVD als Geschenk zu freuen.

Nathan Nörgel

Chrisna Skjolberg - Come And Get It

Zur Zeit ist die norwegische Gitarristin Christina Skjolberg weltweit

mit Rufs Blues Caravan unterwegs, teilt sich die Bühne unter

anderem mit Albert Castiglia. Ruf Records kündigt sie als „Norwegens

am besten gehütetes Geheimnis“ an. „Come And Get It“

ist ihr erstes Studioalbum beim rührigen Label von Thomas Ruf.

Los gehts funky - und das nicht zu knapp: Trockene Gitarrenakkorde,

dezente Keyboarduntermalung und eine druckvolle Rhythmusgruppe

bilden die Grundlage für den Titelsong. Jetzt würde

nur noch eine richtig soulige Stimme fehlen. Doch genau das ist

die Schwäche von Skjolberg. Ihre Gitarre spielt sie auch in den Solos

sehr gut. Doch als Sängerin ist sie noch zu jung oder zu wenig

trainiert, wirkt daher zu bemüht. Und das betrifft leider nicht nur

den Opener sondern zieht sich für meine Ohren durch das ansonsten

wirklich hörenswerte Album.

Musikalisch bleibts nicht nur funkig, meist wird recht amtlich

gerockt. Und hier macht sich die Besetzung der Band positiv bemerkbar:

zwischen Gitarre und Keyboards ergeben sich so immer

wieder reizvolle Kontraste. Ich warte mal ab, was in den nächsten

Jahren von dieser Musikerin noch weiter zu hören sein wird.

Raimund Nitzsche

Electric Blue - Born In Sin

In Israel hätte man jede Menge Grund, den Blues zu singen, meinte

Eleanor Tsaig, Sängerin und Songwriterin der Ori Naftaly Band

letztens. Und es ist nicht zu überhören, dass von dort immer mehr

guter Blues bis nach Europa dringt. Neuestes Beispiel ist Electric

Blue mit ihrem Album „Born In Sin“.

Mancherorts wird schon von der besten Bluesband Israels gesprochen

- das liegt vielleicht auch daran, dass Ori Naftaly und Eleanor

Tsaig mittlerweile einen großen Teil des Jahres auf Tour in den

USA verbringen. Electric Blue könnte da in Israel die Lücke füllen,

hat die Band doch mit Noa Hellinger eine großartige Sängerin und

Mor Benda spielt eine tolle Gitarre zwischen klassischem Blues und

treibendem Bluesrock. Hinzu kommt eine prägnante Harp von

Ofir Venrura und eine immer präzise und druckvolle Rhythmusgruppe

(Itai Rosenzweig - b, Ofer „Soli“ Solomon - dr).

Schon der Titelsong, mit dem das Album beginnt, haut voll rein:

Die Stimme von Noa Hellinger packt einen von Anfang an, der

Bass sorgt mit melodischen Läufen dafür, dass der Rhythmus

gleich ins Blut geht. Und die Harp von Ofir Ventura (die auch

schon mit der Band von Ori Naftaly zu hören war), ist das gewisse

Extra, was aus der Nummer einen echten Bluesohrwurm macht.

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Platten

Mit „Texas Steel“ folgt der erste von einigen längeren Jams des

Albums: fast acht Minuten geben sowohl Gitarre als auch Harp

genügend Zeit für einprägsame Solos.

„Black Joe“ ist punkiger Girl-Group-Blues (wenn es denn so ein

Genre überhaupt gibt). Man könnte auch sagen; Hier wird rotzig

losgerockt und die Band klingt mehr nach den Blackhearts

als nach den Fabulous Thunderbirds. Rotzig, frech - und ziemlich

einzigartig. Auch bei „Color Blue“ geht es wieder in Richtung

des harten Bluesrock: ein erbarmungsloses Riff irgendwo zwischen

den frühen Black Sabbath und Led Zeppelin treibt die Sängerin

vor sich her. Und wenn die verzertte Gitarre dann zu ihrem Solo

ansetzt, ist man vollkommen im Bluesrock der frühen 70er Jahre

gelandet. Nur dass damals nur ganz wenige Frauen in der Ecke zu

hören waren.

Andere Songs des Albums sind da wesentlich traditioneller - leider

auch manchmal zu lang um zu überzeugen. Aber das ist der einzige

Schwachpunkt eines ansonsten toll rockenden Bluesalbums. Und

eines ist klar: Die Ori Naftaly Band hat wirklich ernstzunehmende

Konkurrenz in ihrer Heimat!

Raimund Nitzsche

Gisela Novais & The Blue Summers - The Perfect One

Elegant und spritzig, geeignet für Cocktail-Parties ebenso wie für‘s

Jazzfestival, für James-Bond-Soundtracks wie für Tanzbars mit

Stil: Gisela Novais & The Blue Summers sind Retro-Soul in italienischer

Eleganz. In der Stimme von Sängerin Novais und den

Instrumenten hört man immer auch die Liebe zu den swingenden

Rhythm&Blues-Sounds der 40er und 50er Jahre.

Es dauert eine Weile, bis diese Musik wirklich mal sämtliche Handbremsen

löst. Aber spätestens beim heftig dahin rockenden „Don‘t

Wanna Hear“ sind die letzten Hemmungen auch beim kritischen

Hörer gefallen. „The Perfect One“ ist zeitweise so verdammt schön

und makellos, dass man unwillkürlich nach der Made sucht. Aber

genau das ist die falsche Einstellung zu dieser retroseligen Mixtur

aus Soul, Jazz, Rock&Roll und Blues.

Die Band empfiehlt ihre Musik als Untermalung zu Serien wie

„Mad Men“. Und ein Kritiker meinte, das wäre Musik wie ein

trockener Martini. Beides stimmt so ziemlich. Hier ist kein Dreck

zu finden. Der Glanz der Produktion gehört hier ebenso her wie

das Fehlen irgendwelcher präpubertärer Rockfantasien. Die große

Kunst ist es, dass dabei noch so viel echter Soul in dieser Musik

steckt: „The Perfect One“ ist wirklich verdammt nah dran an einem

perfekten Album. Ich suche jetzt noch ne Bar, wo eine solche

Band zum Tanz aufspielt.

Nathan Nörgel

Heavy Chevy Band - Open Up

Eine Sängerin irgendwo zwischen Etta James und Adele, ein Saxophon

wie aus den besten Zeiten von Clarence Clemmons und dazu

eine Gitarre, die Texasbluesrock a la Stevie Ray Vaughan ebenso

spielt wie rockenden Chicagoblues oder Motown-Funk. Die Heavy

Chevy Band aus Eugene (Oregon) liefern auf ihrem Album „Open

Up“ eine wilde Stilmixtur zwischen Soulblues und Bluegrass, Zydeco

und Delta Blues ab und bieten damit den Soundtrack für eine

wilde Party.

Den Anfang macht dabei der deftige Funk von „Secrets“. „Little

Miss Lonely“ ist im Anfang ein wundervoller langsamer Blues, der

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Platten

ganz von Darcy Lee‘s Stimme und der singenden Slide-Gitarre von

Brian Chevallier lebt, bis dann Drums und auch das Saxohpon

sich melden und sich der Song in immer heftigere Spannung hineinsteigert.

Ganz und gar Old-School-Blues ist dagegen „Lonesome

Cry“ mit Waschbrett, Harp und akustischer Slide-Gitarre. So

geht es weiter über Rock & Roll mit Anklängen an die Riffs der

frühen Stones, Texas-Shuffle (Borrow Another Dollar mit einer an

Johnny Winter erinnernden Gitarre) bis hin zur Soul-Blues-Ballade

„Weep“. Beim Titelsong zum Schluss kommen dann fast alle Zutaten

nochmals zusammen.

Äußerst unterhaltsam und abwechslungsreich wie wenige Bluesalben

in den letzten Wochen! (cdbaby)

Nathan Nörgel

JJ Thames - Tell You What I Know

Ehrlich, entwaffnend und voller Soul: Zwischen Southern Soul,

Gospel, Blues und Funk spielt die Musik von JJ Thames.

Gospel, Anklänge an afrikanische Gesangsstile, nur eine Trommel

untermalt die Sängerin: „Souled Out“ wird von JJ Thames gepredigt

mit der Intensität des Gottesdienstes und der Dringlichkeit

einer gequälten Seele: Ich muss diese Geschichte einfach erzählen,

bevor ich sterbe. Ein Lied, das in zweieinhalb Minuten all das rüberbringt,

worum es im Blues eigentlich geht.

Bei „Hey You“ ist man mitten drin im Country Blues - doch auch

hier die Sängerin fernab von den heut üblichen Klischees. Sie fordert

den Respekt ein, der ihr als Frau gebührt in einer Welt, wo

sich selbst die Priester nicht zu schade sind, sich wie Zuhälter aufzuführen.

Weiter geht das Album mit Funk, Balladen, mit Ausflügen nach

Memphis, New York und zurück zum Mississippi. Aber immer

sind es die Lieder einer starken Frau, die sich weigert den üblichen

Klischees zu entsprechen, die Liebe dort findet, wo man nicht nach

dem Äußeren entscheidet, die Sympathie eher mit den Arbeitern

als den Glamourgrößen hat.

Begonnen hat Thames in den 90ern mit Kollegen wie Bobby Blue

Bland, Willie Clayton und anderen. Später gehörte sie auch noch

als Backgroundsängerin zur Reggae-Rock-Band Outlaw Nation. So

tourte sie mit Bands wie Fishbone oder The Beat, den Bad Brains

oder Slightly Stoopid durch die Welt. Jetzt ist sie aber wieder ganz

bei ihrer ersten Liebe, dem Blues und Soul angekommen.

Ein umwerfend gutes Album von einer faszinierenden Sängerin. So

geht Blues heute!

Raimund Nitzsche

Kerri Powers - Kerri Powers

Eine rauchige Stimme, zugleich verletzlich und voller Kraft - viel

mehr braucht es eigentlich nicht, um die Lieder von Songwriterin

Kerri Powers zum Leben zu erwecken. Ihr selbst betiteltes Album

erinnert zeitweise an Neil Young, ist Country, Blues und manchmal

traumhafter Folk.

In letzter Zeit haben es Songwriterinnen und Songwriter immer

schwerer, zu mir durchzudringen. Viele Geschichten, die da erzählt

werden, plätschern mit ihren Gitarren an mir vorbei. Kerri

Powers‘ Lieder hingegen packen mich komischerweise sofort. Oder

vielleicht gar nicht so komischerweise. Denn die Songs werden

klanglich so abwechslungsreich dargeboten, wie es die Geschichten

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Platten

brauchen: Mundharmonikas spielen, die Steel-Gitarre singt, der

Rhythmus bleibt immer dezent.

Ihre Geschichte über ein altes Hemd geht ins Ohr - und auch wenn

sie an alten Neil Young erinnert ist sie völlig eigenständig. Und

der Opener der Scheibe „Tallulah Send a Car for Me“ ist einfach

großartig - manche fühlten sich dabei gar an Lieder von Lucinda

Williams erinnert. Das Herz blutet bei „Train in The Night“, doch

von aufgeben ist keine Spur zu hören, auch nicht von Selbstmitleid.

Das sind wirklich Lieder, denen man endlos zuhören könnte. Und

„Buttercup“ ist das Beste in der Sammlung.

Raimund Nitzsche

Malaya Blue - Bourbon Street

Malaya Blue kommt eigentlich vom Gospel her. Doch auf ihrem

aktuellen Album „Bourbon Street“ vermischt die Songwriterin

Blues, Jazz und Popsounds der 60er zu Popsounds, die auch Fans

von Katie Melua oder Jamie Cullum gefallen können.

Das britische Label Mad Ears Production hat in den letzten Jahren

solch bemerkenswerte Acts wie Mockingbird Hill und Mick Simpson

veröffentlicht. Bei ersteren hatte man Malaya Blue auch schon

als Backgroundsängerin hören können. Doch bei dem von Andy

Littlewood produzierten eigenen Album geht es weniger rootsmäßig

zur Sache sondern immer soulful und popaffin: Stücke wie der

jazzige Titelsong oder der 60s Pop von „Bitter Moon“ sind der richtige

Rahmen für ihre (man verzeihe mir die Phrase) schöne Stimme.

Insgesamt fehlt mir auf Albumlänge ein wenig Biss, könnte ich

etwas weniger Politur vertragen. Aber insgesamt ist das ein Album

so richtig für ruhige Stunden beim Rotwein.

Nathan Nörgel

Naomi Wachira - Naomi Wachira

In der Musik von Naomi Wachira trifft der amerikanische Folk

und Blues auf die Musik Kenias. Beim Hören ihres selbstbetitelten

Debüts kann man sich sowohl an Tracy Chapman als auch an Miriam

Makeba erinnert fühlen.

Ich weiß nicht, wann ein aktuelles Folkalbum mich in der letzten

Zeit von der ersten Note an so gefangenen genommen hat: Eine

Stimme voller Wärme und Zuversicht, begleitet von Bass, Cello,

Schlagzeug und Percussion. Hinzu kommen ab und zu noch unterstützende

oder antwortende Chöre. Naomi Wachira schreibt

Lieder, die zwar die gesellschaftlichen Realitäten reflektieren und

kritisieren. Doch tut sie das nie mit einer vordergründig revolutionären

Pose sondern mit der Intensität einer Predigerin, mit der

Liebe, die das Gegenüber überzeugen will. Hier singt eine starke

Frau, die es doch niemals nötig hat, als kratzbürstige Emanze ihre

innere Schönheit zu verstecken.

Die Pfarrerstochter, geboren in Kenia und schon als Kind mit der

Familienband unterwegs, ist inzwischen in Seattle heimisch geworden.

2013 wurde sie zu Seattles bester Folksängerin gewählt. Ihr

von Damien Jurad produziertes Album zählt schon jetzt zu den

schönsten Folkalben 2014.

Raimund Nitzsche

Rachelle Coba - Mother Blues

Als Teenager brachte Buddy Guy sie zum Blues. Und auch wenn

Gitarristin und Sängerin Rachelle Coba schon einige Jahre in der

Bluesszene der Vereinigten Staaten unterwegs ist, hat sie doch erst

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© wasser-prawda


Platten

jetzt mit „Mother Blues“ ihr Debütalbum als Solistin veröffentlicht.

Was sind heute noch Themen für neue Bluessongs? Rachelle Coba

singt vom Loch in ihrer Seele, dass dadurch vorhanden ist, weil

sie es noch nie geschafft hat, nach Memphis zu kommen. Sie singt

davon, dass ihr einfach die Zeit fehlt, sich in den Mann, der sie anbetet,

zu verlieben. Sie ist desillusioniert davon, das Chicago doch

nicht das vielbesungene „Sweet Home“ ist - jedenfalls nicht für sie.

Doch wo auch immer die Probleme liegen: Der Blues ist die große

Mutter, die niemals stirbt. Nein, sie lässt sich nicht aufhalten.

Als Gitarristin hat Rachelle Coba schon diverse Jobs gehabt: als

Bandleaderin etwa für Matt „Guitar“ Murphy. Jetzt hat sie die

Chance ergriffen, ihre eigene Stimme als Sängerin und auch mit

ihrem ganz eigenen Gitarrenstil zu suchen. „Mother Blues“ ist ein

verheißungsvoller Start - ein hörenswertes Album mit guten Songs.

Und wenn Manager behaupten würden, hier fehlte der ganz große

Hit: Diese ruhige Scheibe schleicht sich langsam aber sicher in die

Gehörgänge.

Nathan Nörgel

Tangled Eye - Dream Wall

Rauh und heftig kommt der Bluesrock von Tangled Eye aus den

Niederlanden daher. Und immer wieder ist der Sound des Trios

(Dede Priest - voc,v, Jan Mittendorp - g, Jasper Mortier - dr) überraschend.

Es passiert selten, dass wie im Blues elektrische Gitarre

und Violine aufeinandertreffen.

Jan Mittendorp kennt man als Bluesfan bislang aus zwei Kontexten.

Einerseits ist er Chef des Labels Black + Tan. Und außerdem

veröffentlicht er selbst unter dem Künstlernamen MiXendop eigene

Remixe von Bluestiteln, die den rauhen Juke Joint Blues mit aktuellen

elektronischen Dancegrooves vereinen. Beim Trio Tangled

Eye ist er Gitarrist und spielt dabei Basslinien, Riffs und Melodie

gleichzeitig.

Dede Priest, studierte Philosophin und ausgebildete klassische Geigerin,

stand schon mit Leuten wie Harry Belafonte, Tommy Shannon

oder Clarence Gatemouth Brown auf der Bühne. Doch erst

jetzt fand sie die Möglichkeit, Geige und Stimme gleichzeitig einzusetzen.

Und Jasper Mortier war seit Jahren eigentlich als Bassist

für zahllose in Europa tourende Musiker unterwegs, bevor er sich

für Tangled Eye ans Schlagzeug setzte. Volles Risiko könnte man

das nennen, was die drei Musikerinnen hier eingehen.

Das Ergebnis ist absolut empfehlenswert. Blues und Rock treffen

hier gleichberechtigt aufeinander. Spannungsbögen bauen sich in

den Songs auf, die an die frühen Zeiten der Psychedelic erinnern.

Und der Gesang von Priest bringt noch Gospel und Soul in die

Mixtur, die die komplett von der Band selbst verfassten Songs auszeichnet.

Eine echte Neuentdeckung ist diese Band, die im Sommer auch

beim Bluewave Festival auf der Insel Rügen auftreten wird. (Black

+ Tan Records)

Raimund Nitzsche

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Platten

Rezensionen A bis Z

Andy Twyman - Blues You Haven‘t Heard Before

Als One Man Band hat Andy Twyman in seiner britischen Heimat

in den letzten Monaten einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht.

Seine Mixtur aus klassischem Blues und heftigem Rock

kann man auf seinem aktuellen Album „Blues You Haven‘t Heard

Before“ kennenlernen.

Um Essen, Trinken, Drogen und ähnliches ging es beim Blues

schon immer. Hier allerdings spielen nicht die Gerichte der Südstaaten

eine Rolle, sondern Instant-Nudeln. Oder auch Kokain,

das heute bei den hippen Clubbesuchern angesagt ist und nicht

der gute alte Joint oder gar der schwarzgebrannte Schnaps: Andy

Twymans Lieder sind klassischer Blues durch und durch. Seine

Geschichten aber spielen in den Pubs und Kneipen von London

und Umgebung. Und genau das macht sie zu etwas Bemerkenswertem:

Er singt davon, gerne Captain Kirk von der Enterprise zu

sein, von Frauen, die sich immer für zu fett halten oder auch von

politischen Themen wie der Informationsfreiheit.

Dazu stampfen in guter alter One-Man-Band-Tradition die

Rhythmen, seine Gitarre klingt wahlweise stoisch wie bei John

Lee Hooker oder groovt wie bei Bo Diddley. Und in der Deftigkeit

kann man verstehen, wieso manche sich auch an Songs

von The Clash erinnert fühlen: Das ist heftiger Kneipenblues, der

keine Gefangenen macht. Unbedingt mal reinhören!

Nathan Nörgel

Bad Temper Joe - Somemes A Sinner

Songs über Glauben, Sünde, Frauen und geistige Getränke: Man

hört Bad Temper Joe nicht an, dass er aus Ostwestfalen, genauer:

aus Bielefeld stammt. Seine Begleitungen auf Lap-Slide-Gitarre

und Bluesharp ergänzen die eindrücklich knarzende Stimme des

erst 22jährigen Songwriters.

Ähnlich wie Hessen (siehe Lüder Krietes Rezension von Maik W.

Garthe in diesem Magazin) ist auch Ostwestfalen ein interessanter

Brennpunkt der deutschen Bluesentwicklung. Da gibt es den

kabarettistischen Brakenbergblues von Mr. Blues und die teils

melancholischen, teils humorvollen aber immer klischeefreien

Stücke von Greyhound George. Und jetzt muss man auch noch

Bad Temper Joe mit auf die Liste nehmen. Denn hier hört man

ein wirkliches Talent: Die Slide-Gitarre nimmt Anleihen bei den

Ahnen von Blind Willie Johnson bis zu Robert Johnson. Und die

Texte - hier beginnt die eigentliche Überraschung des Rezensenten.

Hier singt ein junger Mann mit einer Reife vom Glauben

und Leiden, von der Suche nach Heimat und der Bösartigkeit der

Liebe, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Wie meinte Greyhound George, als ich ihn nach seinem Kollegen

fragte: Das wir einmal ein Großer! Beim Anhören von „Sometimes

A Sinner“ kann ich mich der Einschätzung nur anschließen.

(Timezone)

Raimund Nitzsche

Billy Branch & The Sons Of Blues - Blues Shock

Die Sons of Blues hatten ihren ersten Auftritt irgendwann in den

70er Jahren. 1969 hatte Willie Dixon den Bluesharpspieler Billy

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© wasser-prawda


Platten

Branch entdeckt. Seit zehn Jahren ist von Branch kein Studioalbum

mehr erschienen. Doch alt scheinen weder er noch seine

Kollegen geworden zu sein, wenn man ihr neues Album „Blues

Shock“ anhört.

Der Sound der Harp von Branch ist so typisch Chicago, wie

überhaupt nur denkbar. Doch was die Sons of Blues hier angerichtet

haben, ist ein äußerst abwechslungsreiches Menü. Da hat

man funkige Bluesnummern mit Hornsection (etwa der Opener

„Sons of the Blues“), klassisch swingende Shuffles, klassischen

Soul („Function at the Junction“), Jazz („Song for my Mother“)

und losrockende Tanznummern wie das wundervolle „Baby Let

Me Butter Your Corn“. Thematisch geht es natürlich um das Leben

der Musiker und Fans in den Clubs, um‘s andere Geschlecht

(„Dog House“, „Slow Me“) oder auch um die Geschichte des

Blues in Chicago selbst. Wunderbar, wie in „Going To See Miss

Gerri One More Time“ der langjährigen Nachtclubchefin Gerri

Oliver ein musikalisches Denkmal setzt.

Schockierend ist diese Scheibe nicht, wie der Titel verspricht.

Aber äußerst unterhaltsam und absolut hochklassig gespielt. Eine

Empfehlung vor allem für die Fans der Bluesharp. (Blind Pig)

Raimund Nitzsche

Jens Lysdal - Easy Heart

Leichtfüßig, locker und gutgelaunt sind die meisten Stücke auf

dem sechsten Album des Dänischen Songwriters Jens Lysdal.

„Easy Heart“ ist eine feine Sammlung eingängiger Americana-

Songs, bei denen unter anderem Musiker wie Tim O‘Brien, Greg

Leisz mit seiner Pedal-Steel und Schlagzeuger Danny Frankel

mitwirkten.

Bin ich froh, dass das hier kein typisch skandinavisches Songwriter-Album

ist. Denn diese ganze Schwermut wäre mir zur Zeit

echt zu heftig. Nein, bei Lysdal entstehen aus Folk, Country, Blues

und Ragtime meist wohlgelaunte Lieder voller Anmut. Sie geben

Lysdal den Raum, seine Virtuosität auf akustischen und elektrischen

Gitarren zu zelebrieren und mit seiner einschmeichelnden

Stimme ohne Umweg direkt aufs Herz der Hörer zu zielen.

Highlights der Scheibe sind neben dem Titelsong und dem tollen

Gitarren-Duell des „Congress Rag“ (mit Tim O‘Brien) der melancholische

Walzer „I Should Have Danced“ und „It Happens To

Me Sometimes“. Und für die Freunde großartiger Slide-Gitarren

sei auch noch der letzte der neun Songs, das Instrumental „Sliding

(in and out of reality)“ erwähnt, das von der Atmosphäre her

dann sogar noch an Ry Cooder gemahnt.

„Easy Heart“ ist mehr als ein Geheimtipp für Freunde guten

Songwritings.

Nathan Nörgel

Joe Louis Walker - Hornet‘s Nest

Ein Hornissennest ist wirklich nicht angenehm, wenn man hineingreift

oder ihm versehentlich zu nahe kommt. Bei Joe Louis

Walker wird das Hornissennest zu einem Bild einer von Eifersucht

zerstörten Liebesbeziehung. Und seine Gitarre singt nicht,

sie schreit die Qualen förmlich heraus zu bombastischen Rhythmen

und treibenden Bläsern. Joe Louis Walker setzt mit dem

Titelsong ungefähr dort fort, wo er mit seinem letzten Album

„Hellfire“ 2012 aufgehört hatte.

© wasser-prawda

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Platten

Mit „Hellfire“ und der längs überfälligen Aufnahme in die Blues

Hall of Fame gelang es Joe Louis Walker endlich, den Status als

ewiger Kritikerliebling und Geheimtipp loszuwerden. Endlich

nahm man den Gitarristen wahr als das, was er seit Jahren schon

ist: einer der innovativsten und kreativsten Gitarristen, die die

Bluesszene zur Zeit kennt.

„Hornet‘s Nest“ wurde wieder in Nashville aufgenommen mit

Produzent/Songwriter Tam Hambridge und der gleichen Studioband

wie der Vorgänger. Und wie der knallt auch dieses Album

von der ersten Note an voll rein. Nicht nur der Titelsong sondern

auch die anderen elf Songs spielen auf allerhöchstem Niveau.

Mal werden sie etwas poppiger wie „All I Wanted To Do“, mal

wird ein wenig dem Swamp Blues gehuldigt („As The Sun Goes

Down“). Mit dem von Tom Hambridge geschriebenen „Ramblin

Soul“ macht Walker deutlich, wie seiner Meinung nach Bluesrock

zu klingen hat - absolut wunderbare Nummer! Und bei „Don‘t

Let Go“ lässt er sowohl den Rockabilly des Originals von Carl

Perkins anklingen als auch die Soulvarianten, die später Roy Hamilton

und Isaac Hayes abgeliefert haben.

Immer wieder haben sich Bluesmusiker wie Walker den Songs der

Rolling Stones angenommen. Diesmal musste „Ride On, Baby“

sich die Taufe im Mississippi gefallen lassen. Wobei: eigentlich

bringt Walker die jugendliche Unbekümmertheit dieses Klassikers

ziemlich unverstellt rüber, so dass selbst Die-Hard-Fans der

Briten sich nicht beschweren dürften.

„Hornet‘s Nest“ ist kurz gesagt ein großartiges Bluesalbum zwischen

rockigen und souligen Klängen. Und Joe Louis Walker ist

noch immer der einzige ernstzunehmende Konkurrent, den Buddy

Guy heutzutage hat. (Alligator/in-akustik).

Raimund Nitzsche

John Lyons - Sing Me Another Song

Er kommt eigentlich aus Michigan, lebt aber seit 2001 in der

Schweiz. Und dort entstand auch das aktuelle Album des Sängers

& Gitarristen John Lyons. „Sing Me Another Song“ ist eine

Sammlung eingängiger aber niemals belangloser Lieder zwischen

Soulblus und Pop.

Es ist etwas an diesem Album, was mir schon vom ersten Hören

an bekannt vorkam: Diese Wärme und unaufgeregte Leidenschaft

in den Liedern! Etwas, das mich auch bei Musikern

wie Philipp Fankhauser oder Greg Nagy sofort begeistert und

gefangen nimmt. Hier sind Stücke eines Songwriters, dem die

Stilgrenzen eigentlich vollkommen egal sind. Ob man das Ganze

nun als Blues, Pop, Soul oder was auch immer verkauft: Er singt

seine Geschichten über den Glauben an das Gute, über gebrochene

Herzen, das Warten auf den entscheidenden Wink im Auge

des Gegenübers, die Bereitschaft, auf das Glück auch lange zu

warten.

Als Sänger hat Lyons etwas einschmeichelndes. Aber seine Gitarre

kann zuweilen dazu ganz schön heftige Kontraste setzen. Begleitet

wird Lyons, der zuweilen neben der Gitarre auch noch die Bluesharp

spielt, von Mattew Savnik (Hammond, p), Simon Britschgi

(dr) und Gabriel Spahni (b, back-voc). Ach ja: Marco Jencarelli

(Gitarrist und Produzent von Fankhauser) ist für den Mix des

Albums zuständig. Und das war genau der richtige Mann. Denn

im Geiste sind Fankhauser und Lyons ziemlich eng miteinander

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Platten

verwandt, was ihre Art des musikalischen Geschichtenerzählens

betrifft.

Nathan Nörgel

Johnny Sansone - Once It Gets Started

Eigentlich hatte Bluesharpspieler Johnny Sansone mal mit ganz

traditionellem Chicago-Blues begonnen. Spätestens aber mit seinem

aktuellen, von Anders Osborne produzierten Album „Once

It Gets Started“ ist er ebenso auch im aktuellen Groove von New

Orleans angekommen.

Johnny Sansone und Anders Osborne haben in den letzten Jahren

immer wieder zusammengearbeitet, etwa auf Osbornes „Three

Free Amigos“-EP. So ist es kein Wunder, wenn der Gitarrist jetzt

nicht nur auf dem Produzentenstuhl Platz nahm, sondern auch

seine typischen Gitarrensounds für das neue Album des Harpspielers

beigesteuert hat. Manchmal spielt er auch noch das Klavier

- wenn nicht gerade der 88 jährige Henry Gray seine typischen

Boogielinien in die Tasten hämmert.

Die Stücke auf „Once It Gets Started“ sind eine bunte Mischung

aus ganz traditionellen Klängen zwischen Blues, Swamp-Americana

und düster dahinrockenden Songs, in denen man sogar Einflüsse

aus dem Hiphop zu erkennen glaubt. Schon der Titelsong

zu Beginn des Albums ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Auch

könnte die Songwriter-Kunst von Osborne Pate gestanden haben.

Der hat sich in den letzten Jahren ja immer weiter vom traditionellen

Bluesrock hin zu einer faszinierend modernen Version einer

echt amerikanischen Rockmusik hin entwickelt, in der allein das

Thema der erzählten Geschichte die musikalische Richtung bestimmt.

Sansone etwa erzählt nicht nur von den klassischen Bluesthemen

sondern schildert das Leben in den miesen Ecken von New Orleans

(„9th Ward Landlord“) ebenso wie vom ruhelosen Umherziehen

(„Sang With The Gypsies“), vom Anwachsen der Sorgen

bis hin zur Schilderung einer Nacht, in der die Kuchenfabrik

niederbrannte. Das ist musikalisch und textlich spannend und

immer wieder überraschend. Allerdings sollte man die Genre-

Scheuklappen vor dem Hören unbedingt ablegen. (cdbaby)

Raimund Nitzsche

Maik W. Garthe - Tight Corner

Einmal mehr gelangen wir zu der Überzeugung, dass der Blues

in Deutschland in Hessen seine Heimat hat, ja eigentlich von hier

seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat. Okay, wer‘s nicht

glaubt, kann dennoch frohen Mutes bleiben. Argumentationshilfe

dafür kommt z.B. in Form dieses erstklassigen Silberlings,

dem Debüt, von Maik W. Garthe. Dieser wiederum lebt (noch)

in Ellershausen und das liegt eben nun mal in Hessen. Mit ‚Tight

Corner‘ hat er einen unbedingt beachtenswerten Erstling zum Leben

erweckt.

Maik hat gegenüber so manch einem anderen Debütanten nach

unserer Meinung einen ganz entscheidenden Vorteil – er ist schon

jenseits des 30. Lebensjahres! Und das hört man. Es liegt einfach

ein deutliches Pfund mehr an Lebenserfahrung, Musikalität

und persönlicher Reife in seinen 12 Songs, als bei vielen anderen,

jüngeren Musikanten. - Blues kann ja formal einfach und leicht

zu erlernen sein, aber für‘s richtige feeling braucht es doch etwas

© wasser-prawda

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Platten

mehr als nur technisches know-how. Und genau das bringt der

Gute mit.

Im Pressetext beschreibt er seine Umwelt als „Einöde in der nordhessischen

Bergwelt zwischen leerstehenden Gehöften und Nationalparkidylle,

Funklöchern, Hochleistungskühen, dörflicher

Gemächlichkeit und Kleinstadt-Hektik“. Und so erzählen seine

Lieder dann auch von „Hinterlandtrinkern, provinziellen Castingshow-Opfern“

und ähnlichen Themen; von Liebe natürlich

auch. Aber das tun viele andere Songschreiber auch und doch

fehlt denen eben so oft diese persönliche Lebenserfahrung, die

einen Song so gut machen kann.

Das kann jeder Hörer überprüfen, wenn er sich einfach mal ‚Black

lemon‘ anhört. Hier swingt der Blues, unterstützt von einem famos

virtuosem Hi-Hat. Die Saiten werden gezupft und der Gesang hat

eine angenehme Süffisance. Oder wer mal die Linie Blues-Punk

erleben möchte der lässt sich mal für 2:43 von ‚Shirley MacLaine‘

auf den Zahn fühlen. Gitarre mit voller Dröhnung, stampfend,

dampfendes Drumherum – einfach nur stark gespielt, Leute. Und

dann wieder ganz bodenständig und traditionell ‚These old boots‘.

Feines Fingerpicking, dazu die Harp vom Ripphan – der Blues

kommt aus Hessen, ich sag‘s Euch!

Ach ja, neben den Hochleistungskühen und Hinterlandtrinkern

gibt es da auch noch den ‚Old dog‘ der einfach nicht vom Fleck

kommt, aber mächtig mit dem Schwanz wackelt. So‘n wenig slide

über die Saiten macht wohl nicht nur uns Spaß.

Diese CD wird angepriesen als Solo-Debüt. Dagegen haben

wir nichts, wollen aber doch erwähnen, dass es neben Maik W.

Garthe mit Vocals, Guitars und Harp im zweiten Titel auch die

Herren Jan Hampicke am Bass, Organ (3), Harmonium (12) und

Backings (10), James Schmidt an den Drums, Tambourine (2, 3,

6 und 11) und ebenfalls Backings im Titel 10 und der Mann aus

dem analoghaus, Tom Ripphan persönlich, mit Harp (8), harmonium

(8) Organ (11) und Tambourine (5) mit von der (Land-)

Partie sind. Wir sind uns ziemlich sicher, dass dieser Mann bald

aus seiner engen Ecke herausgeholt wird und dem geneigten Publikum

überall im Lande zu kurzweiliger Unterhaltung aufspielt,

gleich ob solo oder mit ein wenig Personal. Und so manch einer

wird diese CD in seine Sammlung stellen und sich freuen, einen

Neuen entdeckt zu haben.

Lüder Kriete

Pete Karnes Blues Band - I‘m Sll Here

Pete Karnes ist Bluesharpspieler, dem Chicago Blues verpflichtet,

Mitglied der Blues Hall of Fame und seit ewigen Zeiten im

Geschäft. Geboren in Pigget (Arkansas), aufgewachsen in Ann

Arbor (Michigan) kam er als Teenager nach Detroit. Er stammt

aus einer bluesaffinen Familie und startete seine Profikarriere als

Musiker in den 60ern.

Lightning Slim, Carey Bell und Big Walter Horten förderten ihn.

Er spielte mit B.B. King, Big Walter Horton, Willie Dixon, John

Lee Hooker, Robert Lockwood, J.B. Hutto, Lightning Slim und

Charlie Musselwhite sowie vielen anderen Bluesgrößen. Mitte der

achtziger Jahre beendete er seine Musikerkarriere um sich der Familie

zu widmen. Ende der Neunziger erkrankte er ernsthaft, ist

aber seit 2006 wieder aktiv.

Jetzt hat er mit „I’m still here“ ein neues Album herausgebracht.

Es gehört zu den Alben, die man gern anhört, ein zweites Mal

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Platten

hört und plötzlich merkt, daß es oft auf dem Plattenteller liegt.

Das ist möglich, wenn ein Musiker in der Gewißheit spielt, daß er

es wirklich kann und niemandem mehr etwas beweisen muß. Pete

Karnes benötigt keine zwanzig Harps, ich nehme an, daß er die

Stücke überwiegend mit einem Instrument gespielt hat. Da gibt

es keine Demonstration elektronischen Overkills – ein Musiker,

seine Harp, ein Mikrophon und seine Stimme müssen genügen –

und das tun sie auch voll und ganz. Seine warme, sonore Stimme

paßt hervorragend zu den Songs.

Gleiches gilt für die Band. Erfahrene Musiker spielen den Blues

ohne Schnickschnack klar, geradeaus und mit vollem Einsatz.

Pete Karnes und die Band harmonieren, man merkt, sie spielen

schon lange zusammen.

Die Songs wurden allesamt von Pete Karnes geschrieben und führen

durch einige Stilarten des Blues mit Schwerpunk Chicago.

Der Opener „I love my Baby“ geht prima ab, Pete Karnes möchte

danach auch gern „Play with your Poodle“ (was er damit wohl

meint?). „South of the Boarder“ ist ein toll gespieltes Instrumental

(klingt ein wenig wie „La Cucaracha“), das die Hüften der

Senoritas kreisen läßt, „Boogie Time“ geht auch dem anderen Geschlecht

in die Beine.

Das Album ist abwechslungsreich und zeitlos. Ich schließe mich

da der Meinung eines Mannes an, der ganz bestimmt viel über

den Blues sagen kann: „So, if you like straight ahead, no-nonsense,

blue-collar, low down harp blues you‘ll enjoy Pete‘s harp

and vocals on this recording like I do. … the latin instrumental

reminded me a lot of Big Walter.“ - Charlie Musselwhite

Dicker Kauftipp für alle, die ein zeitloses, schnörkelloses Bluesalbum

mögen! (cdbaby)

Bernd Kreikmann

Rosco Levee & The Southern Slide - Get It While

You Can

Manche Kritiker im Vereinigten Königreich sind sich jetzt schon

ziemlich sicher: Sie halten „Get It While You Can“ für eines der

Alben 2014. Wenn man die Euphorie abzieht, dann bleibt zu vermelden:

Rosco Levee & the Southern Slide haben ein verdammt

gutes Album zwischen Southern Rock und Americana vorgelegt.

Ok, Kent ist eigentlich weit entfernt von den ehemaligen Kolonien

Großbritanniens. Aber Gitarrist Rosco Levee hat mit seiner

Band die Atmosphäre der Südstaaten zwischen Southern Rock,

Blues und Country hervorragend eingefangen. Und auf „Get It

While You Can“ wird keine dürftige Schonkost serviert sondern

die ganze volle Palette dieser Musik. Levees treibende Slide wird

unterstützt von fetten Bläsern, Hammond-Orgeln, Boogie-Pianos

und vollen Background-Chören. Und vor allem ist nicht zu überhören,

dass hier ohne Zwischenstufen die Musik direkt aufs Band

gebannt wurde.

Man braucht keines der Lieder wirklich herauszupicken für die

Rezension: „Get It While You Can“ ist von vorn bis hinten gelungen,

mitreißend und großartig! Jetzt kann ich verstehen, warum

Levee im Interview mit der Wasser-Prawda meinte, an Kent sei

seine Band das, was am ehesten Rock & Roll.

Nathan Nörgel

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Kurz & knapp

Platten

Hanggai - Baifang

Mongolische Folklore trifft auf europäische

Rockmusik: Die 2004 gegründete Band Hanggai

aus der Inneren Mongolei ist mit ihrer Mixtur

in den letzten Jahren auf Festivals in der ganzen

Welt unterwegs gewesen. Jetzt erscheint beim

niederländischen Label Harlem Recordings das

dritte Album „Baifang“ (übersetzt: Back To You)

der Chinesen.

Psychedelische Rockmusik vor allem der späten

60er Jahre hatte in ihrer Eindringlichkeit

immer etwas Hypnotisches. Da ist der Weg zu

mongolischem Kehlgesang nicht weit. Doch

bei den Liedern von Hanggai werden auch Anklänge

an aktuelle Mittelalterrocker wach oder

auch an manch theatralisches Metalwerk. Und

bei Liedern wie der Ballade „Miss Daughter“ ist

die Band dann bei traditionellen chinesischen

Melodien angekommen. „Baifang“ ist in all der

stilistischen Vielseitigkeit dennoch ein Album

wie aus einem Guss: Hanggai ist eine Band, die

es schafft, daraus vollkommen eigene Musik zu

machen. Dass diese sich immer wieder den gängigen

Rockklischees entzieht, ist ein echter Vorteil

des Albums. Faszinierend und immer wieder

überraschend!

Nathan Nörgel

Kim Simmonds & Savoy Brown - Goin

To The Delta

Es gibt Bands, die sind schon so lange dabei,

dass sie schon zum Inventar der Szene gehören.

Savoy Brown gehört dazu. Nach dem 2011 erschienenen

„Voodoo Moon“ ist jetzt ebenfalls

bei Ruf Records der Nachfolger „Goin To The

Delta“ herausgekommen. Die zwölf Songs versteht

die Truppe um Sänger Kim Simmonds als

Liebeserklärung an die Heimat des Blues.

Ich selbst halte die Scheibe für extrem langweilig

und sehe mich kaum in der Lage, wirkliche Höhepunkte

zu entdecken. Das ist Bluesrock für ne

Bikerkneipe, wo das Publikum schon erheblich

unter dem Einfluss von Alkohol steht.

Nathan Nörgel

Paul Rodgers - The Royal Sessions

Für sein neues Album hatte sich Paul Rodgers

in den Royal Studios in Memphis eingemietet.

Herausgekommen ist eine Sammlung klassischer

Blues- und Soulnummern zwischen Albert

King, Otis Redding und Isaac Hayes.

Man könnte böse sein, und folgende Frage stellen:

Was machen alternde Rockstars, denen

nichts mehr Neues einfällt? Seit einiger Zeit

widmen sie sich nicht mehr dem American

Songbook, sondern dem klassischen Soul der

60er. Jetzt also auch Bluesrocker Paul Rodgers.

Wobei „The Royal Sessions“ einen wirklichen

Vorteil haben: Hier wurde eine Band im Studio

versammelt, die genau diese Musik zu atmen

scheint. Und da macht es dann auch nichts, dass

eigentlich niemand neue Coverversionen von „I

Thank You“, „I Can‘t Stand The Rain“ oder gar

„Wonderful World“ mehr braucht. Rodgers singt

hier fast altersweise - und das passt eigentlich

nun wirklich nicht zu Stücken wie „Shake“. Aber

das ist die Meinung eines notorischen Nörglers.

Die Plattenkäufer sind da anderer Meinung.

Nathan Nörgel

Wille and the Bandits - Grow

Ihren Ruf haben Willie and the Bandits im Vereinigten

Königreich vor allem durch ihre mitreißenden

Live-Shows errungen. Auf ihrem aktuellen

Studio-Album „Grow“ ist diese Energie gut

eingefangen.

Rauhe treibende Riffs, eine verrauchte Stimme

und treibende Rhythmen: schon beim Opener

„Got to Do Better“ wird klar, dass das hier

keine Scheibe für Feingeister ist. Es wird abgerockt

im Geiste des Blues. Man vergisst schnell,

dass hier lediglich drei Musiker am Werke sind:

Slide-Gitarrist Wille Edwards, Matthew Brooks

am Bass und Schlagzeuger Andrew Naumann

haben einen extrem fetten und dichten Bandsound

gefunden. Und Wille ist mit seiner Intensität

als Sänger eine absolute Überraschung in

der heutigen Rockwelt. Manche meinen sogar,

in ihm den neuen Seasick Steve zu vernehmen.

Doch wer lediglich auf Bluesrock von der Stange

lauert, dürfte häufig überrascht werden. Denn

immer wieder kommen Ausflüge in andere Gefilde:

zum Folk (naheliegend) und gar in den

Latin-Rock. Immer aber - ob nun in deftig losrockenden

Stücken oder den langsamen Nummern

ist eine unwahrscheinliche Spannung drin,

eine Steigerung, die nach der großen Erlösung

schreit. „Grow“ ist eine echte Empfehlung!

Raimund Nitzsche

Yiruma - Blind Film

Klaviermusik zwischen Klassik und Easy Listening,

sanfte Streicher dazu - das Album „Blind

Film“ des südkoreanischen Pianisten ist Entspannungsmusik

pur. Wer spannende Kompositionen,

aufregende Entwicklungen usw. sucht,

ist hier fehl am Platz. Wer das für moderne Klassik

hält, hat wenig Ahnung von Musikgeschichte.

Das sind romantische Klangtapeten, vom

Musiker gewidmet den traurigen Menschen dieser

Welt.

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© wasser-prawda


Platten

Wiederveröffentlichungen, Klassiker, Vergessenes

Wiederhören

Eric Bibb - Me To You

Eric Bibb hatte seine ersten Alben schon als Jugendlicher veröffentlicht.

Doch wirklich bekannt wurde er in der Bluesszene erst

in den 90er Jahren, als er etwa 1996 beim London Blues Festival

den Opener für Keb Mo, Gatemouth Brown und James Carr

machen durfte. Die begeisterte Aufnahme des Musikers führte

dazu, dass Produzent Mike Vernon ihn für sein Code Blue Label

unter Vertrag nahm. Das Album „Me To You“, was aus dieser

Zusammenarbeit hervorging, ist jetzt als CD wiederveröffentlicht

worden.

Eric Bibb war seinerzeit wohl kein ganz einfacher Klient: 44 Musiker

aus Schweden, Großbritannien und den USA wurden eingeladen

zu den verschiedenen Sessions. Studios in Stockholm, Portsmouth,

London, New York, Chicago und San Francisco wurden

gebucht. Aber das Ergebnis ist für mich eine echte Entdeckung:

Zwischen funkigem Soulblues und Akustikblues spielt die Musik.

Und gemeinsam mit Gästen wie Taj Mahal oder Mavis & Pops

Staples spielte Bibb mit einer Intensität und Virtuosität, die manche

seiner späteren Alben bei Weitem nicht mehr erreichten. Ein

absoluter Pflichtkauf! (Hatman)

Nathan Nörgel

Morrissey - Your Arsenal

Weg vom Pop, hin zu Glamrock und Rockabilly - mit seinem

vierten Studioalbum „Your Arsenal“ hatte Morrissey 1992 sein

bis dahin überzeugendstes Album seit dem Ende von The Smiths

herausgebracht. Die jetzt herausgebrachte „Definitive Master“-

Edition enthält statt üblicher Bonustracks den Mitschnitt eines

bislang unveröffentlichten Konzerts von 1991 auf DVD.

Manchmal muss man sich großartige Songs einfach mal wieder

in Erinnerung rufen. „We Hate It When Our Friends Become

Successful“ etwa oder den tollen Walzer „You‘re Gonna Need Someone

On Your Side“. Plötzlich wird einem klar: Die 90er waren

doch nicht ganz ein verlorenes Jahrzehnt, was gute Musik angeht.

Morrissey hatte hier mal wieder gezeigt, wie großartig er

sein kann, wenn er denn in der richtigen Laune ist und sich auch

auf seine Band verlassen kann.

Für „Your Arsenal“ und seinen Sound zwischen Rock, Glam und

Rockabilly war Produzent Mick Ronson (früher Gitarrist für David

Bowie) unverzichtbar. Er bringt die Erinnerungen an T.Rex

und Bowies Ziggy Stardust-Zeiten in den Sound. Alain Whyte

und Boz Boorer bringen mit ihren Gitarren Morrissey zum Rokken

wie lange nicht. Und die Rhythmusgruppe (Gary Day - bg,

Spencer Cobrin - dr) treibt den Sound fast zum Stadionrock. Das

ist ein noch immer wichtiges und nich verstaubtes Album.

Was man von der beiliegenden Konzert-DVD kaum behaupten

kann. Klar: das ist die Vorgängerband. Aber ehrlich: Wer braucht

wirklich so dringend einen Mitschnitt in VHS-Qualität? Zwingend

ist dieser Bonus nicht. Aber als kostenlose Dreingabe ist das

ok.

Raimund Nitzsche

© wasser-prawda

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Feuilleton

Koma-Glotzen: House of

Cards. Season 2

Vor einigen Jahren veröffentlichte eine Kieler Studentenzeitschrift

einmal eine bemerkenswerte Reportage. Geschildert

wurde der Selbstversuch einer Gruppe, sämtliche Folgen von

Monty Pythons Flying Circus nonstop ohne Pause zu sehen.

Heute sind viele technische Schwierigkeiten, mit denen sich

diese Pioniere des Binge-Watching konfrontiert sahen, bestenfalls

noch für historisch Interssierte nachzuvollziehen.

Etwa die verzweifelte Suche für den heldenhaft dahingeschiedenen

Video-Recorder mitten in der Nacht. Die Sucht

danach, Serien am Stück zu genießen hat seither massiv zugenommen.

Schuld sind der Verkauf von DVD-Boxen oder

die Möglichkeit, komplette Staffeln in Online-Videotheken

zu sehen. Wer braucht da noch Programmzeitschriften,

wenn man sämtliche Folgen der neuen Staffel von House of

Cards ohne wochenlange Wartezeiten genießen kann? Ein

Selbstversuch.

Ich bin ein Politik- und Nachrichten-Junkie. Und wenn es nicht

Nachrichten gäbe, könnte ich eigentlich gerne auf das komplette

deutsche Fernsehen verzichten. Hierzulande sind Serienschreiber

offenbar nicht in der Lage, aktuelle Themen in spannende

und unterhaltsame Drehbücher zu übersetzen. Voller Wehmut

denke ich an Glanzlichter wie die wöchentlichen Kommentare zur

amerikanischen Politik, die die Helden am Ende jeder Folge von

„Boston Legal“ von sich gaben. Oder aber an die großartige erste

Staffel von The News Room mit seiner Auseinandersetzung nicht

nur mit der Qualitätät der täglichen Nachrichten sondern auch

mit einer Abrechnung mit dem noch immer vorhandenen und be-

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© wasser-prawda


Feuilleton

lächelten Phänomen der Tea Party. „House of Cards“ geht da noch

einen ganzen Schritt weiter. Zum Glück muss man hier sagen: Die

völlige Amoralität der „Helden“ um Francis Underwood (Kevin

Spacey) fand sich schon in der wundervollen Vorlage, die die BBC

in der Zeit nach dem Ende von Maggie Thatcher auf den Bildschirm

brachte.

Sofort fühle ich mich zu Hause, als die erste Folge der zweiten

Staffel zu laufen beginnt. Kevin Spacey/Francis Underwood

hatte es in den ersten dreizehn Folgen geschafft, die komplette

Regierung seiner eigenen Partei zu destabilisieren. Schließlich

wurde er zum Vizepräsidenten gekürt. Auf der Strecke blieben ein

Abgeordneter, der angeblich Selbstmord beging. Und auch die der

Story nachhechelnden Journalistinnen und Journalisten sind der

Skrupellosigkeit dieses Arschlochs nicht gewachsen. Jetzt also gilt

es, die neue Position zu festigen und gleichzeitig dem ungeliebten

Präsidenten die eigenen Ideen unterzujubeln. Die in der ersten

Staffel noch mit Informationen gefütterte Journalistin Zoe Barnes

stört mit ihren Fragen nur. Folglich endet sie als Leiche auf

U-Bahn-Gleisen. Neuer Gegenspieler wird der Industrielle Raymond

Tusk, der nach Underwoods Meinung zu viel Einfluss auf

den Präsidenten hat. Es folgen eine Handelskrise mit China, Geheimverhandlungen,

und immer wieder die familiären Rituale der

Underwoods. Überhaupt könnte man Staffel zwei auch als „Bilder

einer Ehe“ betrachten. Bis hin zum möglichen Sex der beiden mit

dem Leibwächter.

Es ist irgendwann zwischen drei und vier Uhr morgens. Ich

schrecke hoch, bekomme die Augen mit Mühe geöffnet. Auf

dem Bildschirm ist Doug Stamper dabei, mal wieder das

Callgirl, in das er heimlich verliebt ist, das er aber aus dem Licht

der Öffentlichkeit hat verschwinden lassen müssen, zu belästigen

mit seinen Forderungen. Irgendwas hab ich verpasst. Die Folge

werde ich noch mal starten müssen. Jetzt gleich? Oder sollte ich der

gewaltigen Verlockung einer Schlafpause nachgeben? Ich starte sie

gleich neu. Doch Minuten später fallen die Augen wieder zu. Für

drei Stunden bin ich im Land der Träume versackt. Was bin ich

für ein Weichei!

Doch sofort nach dem Aufwachen geht der Marathon weiter. Es

ist eigentlich Zeit fürs Frühstück. Doch die Brötchen sind alle.

Müsli muss ausreichen. Es liegen noch drei oder vier Stunden vor

mir. Stunden, in denen Kevin Spacey oftmals an der Grenze zur

Demaskierung steht. Doch seiner Skrupellosigkeit ist eigentlich

niemand gewachsen, nicht einmal Tusk mit seinem Lobbyisten-

Helfer. Von den Journalisten ganz zu schweigen. Letztlich ist Underwood

am Ziel: Er zieht ins Weiße Haus als neuer Präsident.

Und nur Doug Stamper bleibt tot auf der Strecke. Er hätte das

Callgirl nicht immer auf‘s Neue reizen sollen.

Fazit: Dreizehn Folge a 40 Minuten feinste Unterhaltung mit

großartigen Schauspielern. Politik, Macht, Skrupellosigkeit,

Zynismus. House of Cards ist eines der Beispiele für völlige

Antihelden, denen man dennoch fasziniert folgt. Ich allerdings bin

als Komaglotzer hier eindeutig an meine Grenzen gestoßen. Ohne

Schlafpause war ich dieser Serie nicht gewachsen.

Raimund Nitzsche

© wasser-prawda

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Sprachraum

Odile Endres - Vier Gedichte

herzsemantik

du stiehlst dich in meine texte

plötzlich sitzt du auf einer der

bänke im hörsaal über den ich

schreibe du wirst zur zeile in

meinen gedichten du wirst zu

allen versen du tauchst auf in

der textsortenforschung doch

deine typisierung scheitert du

passt in keine klassifikation

du stürzt dich over head und

herz in meine folien du flirrst in

jedem bit meines usb-sticks du

irrlichterst im dickicht all meiner

schreibprozessphasen du findest

dich im code all meiner dateien

du stehst als unlösbare frage

in jeder von mir entworfenen

vorlesung und schriftklausur

du begleitest als subtext jeden

haupt und nebensatz den ich

schreibe du erscheinst als neuer

eintrag in meinem lebenslexikon

du bist obligatorische ergänzung

im gefüge meiner alltagssyntax

bist das schlüsselwort in meinem

gefühlstextkorpus du füllst alle

leerstellen meiner herzsemantik

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Sprachraum

doch du entziehst dich meiner

textanalyse und verschwindest

in einer dunklen satzfuge

wo du verloren bist für mich die

ich nichts kann als wortblüten

treiben und tauge zu nichts als

künstlichen geflechten in denen

die wirklichkeit sich verheddert

aber deine erdige liebe nicht

window.close()

wird es irgendwann

heißen vielleicht schon

bald

dann wird das

fenster zur erde

geschlossen

werden

hoffen wir dass

dann ein neues

aufgeht:

window.universe.open()

vorpommern vermutlich

schwarzpulver

wie blind in maulfwurfsgängen

umherirren ohne ziel

um das ziel zu verschleiern

auf das wir zutreiben

wir wollen ihm nicht

so einfach in die arme

laufen

ein paar finten wären

nicht schlecht

Odile Endres

Odile Endres studierte an den

Universitäten Aix-en-Provence

und Heidelberg. Literarisch

debütierte sie 1995 mit Rendezvous

mit Künzle. Seither

widmet sie sich der Sprache in

vielen Facetten: Prosa, Poesie,

Word-Art, Linguistik, Internet-Literatur.

Seit 2005 ist sie Dozentin für

Schriftkompetenz an der Universität

Greifswald.

2008 wurde ihr bei der 11.

Lyrikmeisterschaft des Landes

Mecklenburg-Vorpommern

der 2. Preis der Jury zugesprochen,

2009 erhielt sie bei der

12. Lyrikmeisterschaft den

Publikumspreis. Im Juni 2009

gründete sie gemeinsam mit

Silke Peters und Irmgard Senf

in Stralsund die Lesebühne

tEXTRAbatt, eine Plattform

für Poesie-Performance.

von bussen und

büffeln

freiraum-verlag 2014

76 Seiten; 14,95 EUR (D)

ISBN: 978-3-943672-23-7

(Auch als E-Book erhältlich.)

vermeintliche lichtspuren:

gefallene glühwürmchen

ein schwarzer raum

durch und durch

keine assoziationsketten

an denen wir uns entlang

hangeln könnten

the missing link

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Sprachraum

wir waren am ende der welt

angelangt aber das schicksal

der erde bekümmerte uns wenig

uns war das eigene abhanden

gekommen

wir hörten die stecknadeln fallen

ihre köpfe schimmerten meerblau

vielleicht waren sie daran schuld

dass wir nicht mehr wegkommen

würden

von jenem ufer der langsamkeit

wo die fische mit ihren goldaugen

uns zuflüsterten wenn wir versuchten

die zeichen von wasser und sand zu

verstehen

als die pipelines das haar der meerjungfraun

durchschnitten und ihr methanblut am

strand verströmten wachten wir auf

und merkten dass wir zu lange

geträumt hatten

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Sprachraum

Exklusiver Vorabdruck

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Sprachraum

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Sprachraum

Jürgen Landt:

titelersparnis

es war ohnehin schon ein lauer abend. die kneipe lau. unsere

stimmung lau.

„dann laß uns zu der lyrikerin gehen. die ist ziemlich bekannt.

sie liest heute abend. ich glaub zwar nicht, daß das

besser wird als hier, aber vielleicht ein bißchen anders. eigentlich

wollte ich zu keiner lyriklesung mehr gehen, ich

hab’s mir bei der letzen schon geschworen, der lyriker hat

mich fertig gemacht, der war so was von eingenommen

von seinen zeilen, das spottet jeder beschreibung, immer

wieder dasselbe, ich meine diese leute, die lyriker, die sind

eine spezies für sich, wie sie sich geben und überzeugt davon

sind, etwas ganz einzigartiges zu sein, ist ja auch jeder

mensch, aber die stellen in den raum, daß alle anderen

auch so sehen und empfinden müssen, sehen sich so unglaublich

einzigartig in ihrem schmieden von gefühlsworten,

ist ja auch nichts schlechtes, aber warum nur sind sie

so krankhaft überzeugt von ihrem tun als wär’s das non

plus ultra im vorhandensein, das nervt, da wird mir immer

ganz krampfig und schlecht im bauch und es ist für mich

kaum aushaltbar, ach, scheiß drauf, laß uns gehen.“

„zahlen.“ sagte daniel.

„ich zahle.“ sagte ich.

„ist das weit?“ fragte er mich.

„fünf minuten. und wenn das wieder nichts ist, sie sich

auch so gibt, wie all die anderen lyriker, dann gehen wir

nach fünf minuten wieder.“

„und das eintrittsgeld?“ fragte er.

„da kommen wir so rein.“

„ihr wollt schon gehen?“ fragte uns die schwarzhaaraufgetürmte

schönheit hinterm tresen.

„sind bestimmt gleich wieder da.“ antwortete ich.

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Sprachraum

„dann könnt ihr auch nachher zahlen, ich laß euren zettel

hier oben liegen.“ deutete sie auf’s brett unterm schnapsregal.

„nein, ist schon gut, herr sorgenich, gehen sie mal durch.“

„drei euro.“ hörte ich sie zu daniel sagen.

„ich bin student.“ erwiderte daniel.

„haben sie den studentenausweis dabei?“

ich drehte mich um und sagte: „das ist mein bruder.“

„ich denk, sie haben nur eine schwester?“

„meine mutter hatte später noch was mit einem anderen

kerl. daher kommt er hier, der stramme bursche, jura macht

er, bin stolz auf ihn.“ und dann setzten wir uns auf zwei

plätze nahe dem ausgang.

es war wie immer. pathetisch mit brust- und stimmenanschwellen.

zwei frauen waren dennoch während der leicht wechselnden

pathetik im monotonen, berechenbaren gleichklangwechsel

des daherschlürfenden lyrikvortragens eingeschlafen,

ließen ihre köpfe hängen. die ältere von beiden

schnarchte leise, neigte immer wieder dazu in einer gefährlichen

körperschräglage jeden moment vom stuhl zu kippen,

doch ein inneres hin und wieder aufschrecken innerhalb

der raumfüllenden konzentrierten stille schreckte sie

ab und an hoch und sie rückte sich zurecht um erneut den

kopf langsam nach vorne sacken zu lassen, manchmal auch

zur seite, und wenn er ihr nach hinten fiel, wachte sie sofort

kurz wieder auf.

stille. kein applaudieren zwischen den texten. wenn die lyrikerin

neu ansetzte, erschrak man sich regelrecht vor ihrer

wieder einsetzenden vortragenden innbrunst. und das,

obwohl man damit rechnete, ja wußte, daß sie jeden moment

fortfahren würde. und sie fand kein ende. hörte einfach

nicht auf. bei jedem text dachte ich: nun ist aber gleich

schluß, das muß der letzte sein.

stille. ein neues beginnen und ein erneutes erschrecken.

stille. dann furzte daniel laut. kein lacher aus dem publikum,

nur der abgesackte kopf der ständig einnickenden

frau kam hoch, schaute sich orientierungssuchend um und

sackte gleich wieder ab. dann lachte ich kurz auf. die lyrikerin

hielt inne, schaute ernst ins publikum, und daniel

rutschte unruhig auf seinem stuhl hin und her. war es ihm

peinlich? ein nächster lyrischer vortrag setzte ein.

ich stand gebückt auf, klopfte daniel auf die schulter, auch

er erhob sich gebückt, furzte in seinem gebückten vorwärtskommen

nocheinmal und folgte mir.

der kassiererinnentisch am eingang war abgebaut.

„hat ja doch ein bißchen länger gedauert als euer angekündigtes

gleich. gleich nochmal dasselbe?“ begrüßte uns die

schwarzhaaraufgetürmte.

ich schaute auf ihre lackierten fingernägel, dann auf ihren

gelacken mund, nickte und sagte: „gieß ein.“

weiter hinten saß ein tisch voller mädels, sie lachten und

alberten rum und daniel nahm sein bier vom tresen und

ging zu ihnen.

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Sprachraum

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Sprachraum

R K - D

V

Eine Reise um die Erde. Abenteuer zu

Wasser und zu Lande. Erzählt nach eigenen

Erlebnissen. Band 1.

9. Das Verhör der Sklavinnen.

Der Türke knirschte vor Wut mit den Zähnen, als die befreiten

Mädchen an ihm vorbeigeführt wurden, und der griechische Kapitän

fuhr, als das Boot der ›Vesta‹ zum ersten Male an dem seinen

vorbeikam, mit der Hand nach der im Gürtel steckenden Pistole;

doch während der Bewegung hörte er das mahnende Zischen eines

Matrosen, und schnell griff er, anstatt nach der Pistole, nach

seinem Ohr, von welchem noch immer das Blut sickerte.

»Der ›Amor‹ ist in Sicht,« wurde Ellen an Bord gemeldet, und

wirklich tauchten eben hinter dem letzten Inselchen des griechischen

Archipels die Masten der Brigg auf. Eine Rauchwolke

schwebte über dem Schiffe, also kam es angedampft und mußte

bald den Schauplatz erreicht haben.

»Desto besser,« meinte Ellen, »so können die englischen Herren

doch sehen, wie gut wir die frühe Morgenstunde ausgenutzt haben,

und unsere That bewundern. Doch jetzt schnell wieder auf

die ›Undine‹ zurück, die übrigen Mädchen zu befreien.«

Als das Boot zum dritten Male mit den letzten der Sklavinnen

die ›Vesta‹ erreichte, war die Brigg dicht in der Nähe, fast zwischen

der ›Vesta‹ und der Bark.

»Guten Morgen, meine Damen,« lachte der lustige Charles zuerst

hinüber. »Sie nehmen wohl Passagiere an Bord? Oder rauben

Sie ein Schiff aus?«

»Das erstere ist wohl das richtige,« gab Miß Jessy zurück, »wir

passen den Sklavenhändlern scharf auf die Finger und nehmen

ihnen unerbittlich ihre Ware weg. Mit solchen Geschäften lassen

Sie sich also nicht ein, wir würden auch Sie nicht schonen.«

Mit Genugthuung und Stolz nahmen die Vestalinnen die Lobpreisungen

und Schmeicheleien der Herren dankbar lächelnd an.

»Alle Wetter!« flüsterte Edgar Hendricks seinem Freunde ins

Ohr. »Sehen Sie nur diese Prachtmädels da, die Sklavinnen. Schade,

daß wir sie dem Händler nicht abnehmen konnten.«

»Wahrhaftig,« entgegnete Williams, »es ist jammerschade! Alle

Schattierungen sind vertreten, vom Schneeweiß bis zum tiefsten

Schwarz. Sehen Sie da die große Negerin, ihre Augen funkeln,

wie die eines Raubtieres. Die möchte ich nicht anfassen; ich glaube,

die beißt in die Finger.«

Und laut rief er nach der ›Vesta‹ hinüber, auf welcher die Damen

die Sklavinnen auszufragen schienen:

»Wenn Sie nicht genügend Platz drüben haben, so geben Sie uns

nur einige ab. Ich schwöre Ihnen hoch und heilig, Miß Petersen,

daß es die Mädchen hier gut haben sollen.«

»Unsinn,« brummte Lord Hastings, der sich bisher mit der Besatzung

der beiden Boote beschäftigt hatte, welche noch immer

dicht zur Seite der ›Vesta‹ lagen.

»Unsinn, weiter fehlte nichts. Wir wollen hier keinen Damensalon

einrichten.«

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Sprachraum

»Seien Sie nicht ängstlich,« sagte Ellen, deren scharfe Ohren

das Gebrumm verstanden hatten, »die ›Vesta‹ giebt keinen ihrer

Schützlinge heraus.«

Dann wandte sie sich an den griechischen Kapitän, dem Williams

eben die Vorzüge des englischen Heftpflasters anpries, weil es

besonders zerschossene Ohrläppchen riesig schnell heile.

»Fahren Sie an Bord zurück,« sagte sie, »und versuchen Sie

nicht, irgend etwas zur Wiedererlangung der Mädchen zu unternehmen.

Sie haben jetzt gesehen, daß wir Ihnen überlegen sind

und nicht mit uns spaßen lassen.«

Unverzüglich begab sich die Besatzung auf die ›Undine‹ zurück,

wo die Matrosen eine Vorrichtung zimmerten, welche das

zerschossene Steuerrad ersetzen mußte, während der Kapitän finster

brütend in der Kajüte saß und stillschweigend die Schmähreden

des Türken über sich ergehen ließ.

Sein einziger Gedanke war Rache, furchtbare Rache an diesen

Weibern, welche ihn, den schlauen Seemann, so überlistet, gedemütigt

und gezüchtigt hatten.

Unterdessen fand draußen eine Unterredung zwischen Lord

Harrlington und Miß Petersen statt.

»Warum haben Sie uns nicht von Ihrem gefährlichen Unternehmen

benachrichtigt?« fragte Harrlington in vorwurfsvollem Tone

die Kapitänin. »Wie leicht hätte es unglücklich für Sie ablaufen

können; Sie hätten uns wenigstens auffordern sollen, in Ihrer Nähe

zu bleiben.«

Der Lord mußte aber doch etwas von der Absicht der Vestalinnen

gehört haben, denn in der Nacht bereits war auf seinen Befehl

der ›Amor‹ segelfertig gemacht worden und der ›Vesta‹ gefolgt und

lag seit dem frühesten Morgen immer unter Dampf hinter jener

Insel versteckt. Von der äußersten Spitze des Eilandes hatte Harrlington

mit seinem ausgezeichneten Fernrohr die beiden Schiffe

beobachtet, aber alle Fragen der Herren ausweichend beantwortet

und sie auf später vertröstet.

»Lord Harrlington,« entgegnete Ellen, »an Bord der ›Vesta‹ droht

uns keine Gefahr. Wir fühlen uns auf ihr so sicher, als wären wir

in einem Ballsaal in New-York und nicht auf dem Meere.«

»Aber erinnern Sie sich doch Ihres Versprechens! Sie wollten

nach der Befreiung aus den Händen der Straßenräuber unsere

Begleitung annehmen.«

»Wohl haben wir nichts dagegen, wenn uns der ›Amor‹ folgt,«

entgegnete das Mädchen, »aber dazu auffordern werden wir ihn

niemals. Dagegen bleibt die Verabredung betreffs der Landausflüge

bestehen.«

»Hurrah,« schrie Charles, »Miß Nikkerson, ich stelle Ihnen meinen

Regenschirm zur Verfügung.«

»Sie werden bald Gelegenheit finden, uns Ritterdienste zu leisten,«

fuhr Ellen fort, »denn wir haben die Absicht, jedes einzelne

der Mädchen persönlich in seine Heimat zu begleiten, und sie

stammen aus aller Herren Länder. Wir vernehmen die befreiten

Sklavinnen jetzt, und deshalb, Lord, muß ich das Gespräch abbrechen.«

»Wollen Sie mir nicht den Namen des nächsten Hafens mitteilen?«

bat Harrlington.

»Nein, dies würde gegen unsere Gesetze verstoßen. Suchen Sie

uns nicht zu verlieren, das ist alles, was ich Ihnen raten kann.

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Sprachraum

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Ueberdies wissen wir selbst noch nicht, welches unser nächstes

Ziel sein wird.«

Sie ging wieder zu der Gruppe der Mädchen und sah nicht, wie

Lord Harrlington ihr lächelnd nachblickte.

Vorläufig lagen die beiden befreundeten Schiffe noch Seite an

Seite still, während die Matrosen der ›Undine‹ eigenmächtig Segel

setzten, denn weder der Kapitän, noch der Türke ließen sich an

Deck sehen.

Die Engländer aber traten zusammen und tauschten Bemerkungen

über die Sklavinnen ans. Leider konnten sie, so sehr sie

sich auch anstrengten, von der Unterhaltung zwischen diesen und

den Vestalinnen nichts vernehmen.

»Zwei von ihnen sind offenbar Negerinnen,« erklärte Lord Stevenson,

der ebenso wie Harrlington schon viel gereist war, »zwei

andere wahrscheinlich Araberinnen, die dort mit dem roten Jäckchen

ist eine Indierin. Einige der Mädchen haben Gesichtszüge,

wie man sie unter der Bevölkerung an der Westküste Asiens trifft.

Aber diese da mit den gelben Gesichtern und runden Augen kann

ich nicht klassifizieren. Harrlington, Sie Weltumsegler, wissen Sie

nicht, wo deren Wiege gestanden haben mag?«

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»In einer kultivierten Gegend jedenfalls nicht,« warf Edgar

Hendricks dazwischen.

»Warum nicht,« antwortete aber Harrlington lächelnd. »Allem

Anscheine nach sind es südamerikanische Kreolinnen oder Abkömmlinge

von Indianern und Weißen.«

»Chaushilm,« sagte Charles zu dem jungen Herzog, der als

großer Frauenverehrer bekannt war, »Sie lieben ja Damen mit

üppigem, schwarzen Haar, daher empfehle ich Ihnen, sich um

die Gunst jenes Mädchens dort zu bewerben. Haare hat sie wenigstens

für drei auf dem Kopfe, und ihre Lippen sind wie zum

Küssen geschaffen.«

Er deutete dabei auf eine Gestalt mit aufgebauschtem Haarwulst

und aufgeworfenen Lippen.

»Wahrscheinlich eine Südseeinsulanerin,« meinte Harrlington.

»Doch still! Miß Petersen will etwas fragen!«

Die Vestalinnen hatten sich inzwischen nach den Schicksalen

ihrer Schützlinge erkundigt. Es war ihnen dies nicht so schwer geworden,

als man bei der Verschiedenheit der Nationalitäten hätte

vermuten sollen; die in Asien geborenen verstanden fast alle arabisch,

und bei diesen diente die französisch sprechende Sulima als

Dolmetscherin, die übrigen aber hatten während ihrer Gefangenschaft

so viel Türkisch gelernt, um sich verständigen zu können,

und so ging die Aufklärung ohne Schwierigkeit vor sich.

Nur Sulima selbst hatte ihr Schicksal noch nicht erzählt, ebenso

nicht jene Negerin, deren wildes Aussehen dem lustigen Charles

Gelegenheit zu dem Witze gegeben.

Sie war eine hohe, schlanke Gestalt, mit einem mehr knabenhaften

Gesicht, das nicht hübsch zu nennen war, aber neben

Kühnheit und Stolz eine nicht zu bändigende Wildheit verriet.

Die pechschwarzen Augen, welche unstät von einem der Mädchen

zum anderen wanderten, schienen wirklich den Blick eines

Panthers annehmen zu können, ein solcher Blitz schoß ab und zu

aus ihnen, obgleich das Mädchen sich möglichst bemühte, den

Vestalinnen, welche sich auch nicht durch Sulima mit ihr verständigen

konnten, freundlich entgegenzukommen.

Das lose Gewand hatte die Negerin so um ihren Körper geschlungen,

daß die Arme freiblieben, und seltsam war es, was für

Muskeln diese zeigten. Jeder Nerv, jede Ader trat an ihnen wie aus

Marmor gemeißelt hervor, und dennoch zeugten die schlanken,

wohlgepflegten Hände von keiner schweren Arbeit. Desgleichen

verriet jede Bewegung des Körpers, was für eine katzenartige Gewandtheit

ihm innewohnte.

Die Damen versuchten vergeblich in allerlei Sprachen, mit dieser

Negerin eine Unterredung zu ermöglichen.

»Es ist nicht möglich,« sagte Sulima. »Während der sechs Monate,

welche wir zusammen in Konstantinopel gefangen waren,

hat sie sich nie mit uns unterhalten und gab überhaupt nie einen

Laut von sich.«

»Wie war ihr Benehmen im übrigen?« fragte Ellen.

»Sie verhielt sich finster, zurückhaltend und stolz, besonders den

Wärtern gegenüber, welche uns das Essen brachten und uns sonst

bedienten. Näherte sich ihr einer der Leute, so schaute sie ihn mit

so unbeschreiblich wilden Blicken an, daß er scheu zurückwich.

Ich sah einmal zufällig, wie sie aus ihren dichten Haarflechten

einen kleinen Dolch hervorzog und ihn aufmerksam betrachtete.

Als sie bemerkte, daß ich ihr Geheimnis erkundet hatte, rief sie

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mir in ihrer fremden, sonderbaren Sprache einige drohende Worte

zu; aber sie wußte, daß sie von mir am allerwenigsten Verrat zu

fürchten brauchte; ich ging ja selbst mit verwegenen Fluchtplänen

um, besprach mich darüber mit meinen Leidensgenossinnen und

machte auch ihr meine Absichten begreiflich.«

Wieder war es Johanna Lind, welche in dieser schwierigen Lage

einen Ausweg wußte.

»Ich habe gehört,« sagte sie, »Lord Harrlington soll einen alten

Diener bei sich haben, einen Neger, der, wie so viele Schwarze,

ausgedehnte Sprachkenntnisse besitzt, und den er darum mit auf

diese Reise genommen hat. Es ist leicht möglich, daß derselbe

dieses Mädchen versteht.«

»Ich werde den Lord fragen,« entgegnete Ellen und näherte sich

der Bordwand des ›Amor‹, welcher vom Wind dicht an das Vollschiff

getrieben wurden war.

»Lord Harrlington, Sie haben einen Neger als Diener mit, welcher

sehr viele Dialekte spricht, auch afrikanische?« »Ja, Miß, meinen

Hannibal.«

»Wir können eines der Mädchen nicht verstehen, vielleicht kann

Hannibal uns als Dolmetscher dienen.«

»Sofort werde ich ihn rufen,« erklärte Harrlington bereitwilligst,

»das heißt,« fuhr er lächelnd fort, »er wird wohl keine Zeit haben.«

Er ging nach der Luke, in die er mehrmals den Namen des Dieners

hinabrief.

»Was soll das heißen, daß ein Neger keine Zeit hat?« fragte Ellen

erstaunt die anderen Herren.

»Hannibal hat nie Zeit,« beteuerte Charles ernsthaft, »der arme

Bursche ist immer mit Arbeit überhäuft. Doch Sie werden gleich

selbst hören.«

»Hannibal, Hannibal, komm‘ herauf!« rief Harrlington hinab.

»Ich habe keine Zeit!« klang es nach einer Weile in ärgerlichem

Tone zurück.

»Komm einmal herauf, Damen möchten dich sprechen.«

»Zum Kuckuck mit den Damen, Hannibal hat keine Zeit, Hannibal

ordnet die Bibliothek!« klang es wieder von unten zurück.

»Wie? Der Neger ordnet die Bibliothek?« riefen die Damen

zweifelnd.

»Es ist so,« versicherte Charles, »sein Herr hat ihm aufgetragen,

die verkehrt stehenden Bücher umzukehren. Nun kann Hannibal

zwar weder lesen, noch schreiben, aber er weiß doch, ob die Buchstaben

auf dem Kopfe stehen oder nicht.«

»Aber Hannibal, du wirst notwendig gebraucht,« lockte Harrlington

wieder und betonte dabei das Wort ›notwendig‹. Im Nu

erschien ein mächtiger, pfeffergrauer, wolliger Kopf über der Luke,

dem gleich darauf die Gestalt eines alten Negers mit verwitterten

und runzeligen Gesichtszügen folgte.

Hannibal hatte ein bewegtes, abenteuerliches Leben hinter sich,

über dessen erstem Teil ein geheimnisvolles Dunkel lag. Man

sprach davon, daß er in seiner Jugend an der Westküste Afrikas

einen Schmuggelhandel mit Spirituosen betrieben habe, bis er

einmal erwischt und sehr hart bestraft wurde, wahrscheinlich mit

Peitschenhieben, denn noch jetzt wies sein Rücken tiefe Narben

auf; doch war dies nur eine Vermutung. Dann hatte Hannibal,

welchen Namen er aber erst vom jetzigen Herrn bekommen, sich

in der ganzen Welt herumgetrieben und zwar meist in Gesellschaft

von Artisten, bei denen er als Clown fungierte. Später pro-

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Sprachraum

duzierte er sich in größeren Hafenstädten als Bauchredner, und als

solcher traf ihn Harrlington einst in einem Hafen Südamerikas.

Der Lord brauchte damals gerade einen Diener, und er fand

an dem etwa fünfzigjährigen Neger, dessen ungeheueres Sprachentalent

er bald entdeckte, ein solches Wohlgefallen, daß er ihn

aufforderte, ihn zu begleiten. Der Schwarze war gerade in einer

schlechten Lage, das Bauchreden wollte ihn nicht recht ernähren,

und so nahm er ohne Besinnen das neue Engagement an. Das war

vor fünf Jahren gewesen.

Herr und Diener hatten sich seitdem so aneinander gewöhnt,

daß sie, wenigstens für längere Zeit, unzertrennbar schienen, obgleich

sie eigentlich in einem sehr sonderbaren Verhältnisse standen.

Viele Neger besitzen ein beispielloses Talent zum Erlernen von

Sprachen, sodaß sie sich bald vollkommen in derselben unterhalten

können. Jeder Satz, den sie hören, haftet in ihrem Gedächtnis,

und ein einmal gesprochenes Wort vergessen sie nie wieder, sie

wissen mit nur wenigen Vokabeln so geschickt umzugehen, daß

sie alles ausdrücken können.

Dieses Talent besaß auch Hannibal. Außerdem konnte er jede

einmal gehörte Tierstimme, jeden Menschenlaut oder jedes vernommene

Geräusch auf das täuschendste nachahmen, wie er ja

auch Bauchredner war.

Lord Harrlington beschäftigte sich viel mit dem Studium fremder

Völker, und hierbei leistete Hannibal ihm unschätzbare Dienste.

Er brauchte nur einen Fuß, einen Finger, eine Fährte zu sehen,

so konnte er sofort sagen, zu welcher Rasse der Eigentümer gehörte,

wie alt er oder ob er Mann oder Weib sei.

Hannibal hatte bald bemerkt, wie viel der Lord und dessen

Freunde auf seine Eigenschaften hielten, und er gefiel sich nach

und nach darin, den Gelehrten zu spielen. Obgleich er nicht lesen

und schreiben konnte, saß er oft stundenlang vor einem offenen

Buche, eine Brille auf der Nase, und that, als ob er lese.

Da sein Herr ihm alles nachsah, ihn überhaupt eigentlich nur

zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib hielt, so glaubte sich

Hannibal dazu berechtigt, sich jede Störung in seinem Studium,

wie er sagte, zu verbitten. Wurde er gerufen, so antwortete er einfach,

er habe keine Zeit, und ließ sich durchaus nicht stören, selbst

nicht von Lord Harrlington, welcher daran seinen Spaß fand. Im

übrigen wäre Hannibal für seinen Herrn durchs Feuer gegangen.

Nur der Aufforderung, daß er ›notwendig‹ gebraucht werde, leistete

er Folge, denn er versäumte nie eine Gelegenheit, bei der er

seine Kenntnisse zeigen konnte, auf die er sehr stolz war.

So kam er denn auch jetzt die steile Treppe eiligst heraufgestiegen

und freute sich ungemein, als er erfuhr, daß alle Damen

und Herren sich vergeblich abmühten, eine Negerin verstehen zu

können.

Ellen winkte der Schwarzen, an die Bordwand des Schiffes zu

kommen, doch kaum standen jene und Hannibal sich gegenüber,

so geschah etwas Seltsames.

Hannibals Züge nahmen mit einem Male einen erst erschrokkenen,

dann freudigen Ausdruck an. Mit weit ausgebreiteten Armen

stürzte er nach der Bordwand, welche ihn von der Schwarzen

trennte, fiel auf die Kniee und stammelte unzusammenhängende

Worte, die niemand der Zuhörer verstand. Sie wurden in ebensol-

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chen Gurgellauten gesprochen, wie man sie vorhin von dem Mädchen

gehört hatte.

Dieses selbst blickte den Knieenden erst mit unverkennbaren

Zeichen des Erstaunens an, ward aber dann aufmerksamer, wies

bei dem Namen ›Yamyhla‹ mit dem Finger stolz auf die Brust, darauf

antwortete sie, was Hannibal mit Entzücken zu erfüllen schien.

Kaum aber war ihm das Wort ›Kebabo‹ entschlüpft, das er mit

sichtlichem Zögern aussprach, so entstellte plötzlich ein Ausdruck

grimmer Wut die Züge der Negerin; sie duckte sich zusammen,

und ehe jemand ahnte, was sie vorhatte, schnellte sie mit einem

Satze über die Bordwand und stand vor dem Knieenden. Ein Griff

in ihr dichtes Haar, und sie hielt einen kleinen Dolch hoch in der

Hand, um ihn Hannibal in das Herz zu stoßen.

Lord Harrlington war der einzige, der so viel Fassung bewahrte,

hinzuzuspringen, um einen Mord an seinem Diener zu verhindern.

Aber wunderbarerweise stieß ihn dieser selbst zurück, riß

sein Hemd auf und erwartete, ohne mit den Wimpern zu zucken,

den tödlichen Stoß. Nur einige kurze Worte sagte er.

Da ließ die Negerin die erhobene Waffe sinken, und wieder

entspann sich zwischen beiden ein aufregendes Gespräch, in dem

fortwährend die Namen Yamyhla, Kebabo, Bahadung, Gheso,

Abeokuta und andere mehr vorkamen.

»Was war das?« fragte Ellen erstaunt. »Wie ist mir denn, habe

ich den Namen Yamyhla nicht schon irgend einmal gelesen oder

gehört?«

»Allerdings,« entgegnete Miß Nikkerson, »an einem Abend wurde

in unserem Klub die Geschichte vorgelesen, wie vor Jahren die

5000 Amazonen von Dahomeh im Kampfe fast völlig vernichtet

wurden. Die Anführerin derselben hieß Yamyhla.«

»Ja, und wir jubelten damals noch über die Bravour, mit welcher

sich die Mädchen gegen den zehnfach stärkeren Feind geschlagen

hatten,« sagte eine andere.

»Nun weiß ich auch, was alle diese Namen bedeuten,« meinte

eine dritte.

»Bahadung war der König von Dahomeh, welcher sich immer

eine Leibgarde von 5000 in den Waffen geübten Mädchen hielt.

Gheso war sein Vater, und bei der Stadt Abeokuta haben die Amazonen

gekämpft.«

»Sollte jene Yamyhla deren Führerin gewesen sein?« fragte Ellen.

»Das ist nicht möglich, höchstens ist sie die Tochter oder Enkelin

derselben,« antwortete eine Vestalin, »jetzt aber kann ich mir

wenigstens erklären, woher dieses Mädchen eine solche Kraft und

Gewandtheit besitzt. Ohne Zweifel ist sie eine jener Kriegerinnen,

welche sich unausgesetzt in Kampfspielen üben.«

»Dann wäre sie würdig für die ›Vesta‹« riefen fast alle Mädchen.

»O, wenn wir sie für uns gewinnen könnten, diese Amazone!«

»Wir wollen sehen, was sich thun läßt,« entgegnete Ellen, »Hannibal

scheint sie genauer zu kennen. Jetzt kommt sie auf unser

Schiff zurück; wir werden gleich alles von dem Dolmetscher erfahren.«

Die beiden hatten sich unterdes lebhaft unterhalten, das Weib

zeigte wiederholt nach der Sonne, erzählte dem Neger etwas unter

Gestikulationen und legte zum Schluß bedeutungsvoll den Finger

auf den Mund. Hannibal, auf dessen Gesicht sich während dieser

Rede bald Freude, bald Entsetzen abgespiegelt hatte, rutschte jetzt

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auf den Knieen zu der Negerin, küßte den Saum ihres Gewandes

und that, als ob er vor Entzücken außer sich wäre.

Darauf schritt das Mädchen wieder an die Bordwand und

schwang sich mit einer Leichtigkeit und Grazie über dieselbe, um

die sie jeder Cirkuskünstler beneidet hätte. Stumm schritt sie an

den Damen vorüber und gesellte sich zu der Gruppe der Mädchen.

»Nun, sage uns, was sie dir erzählt hat,« verlangte Ellen von Hannibal.

Doch dieser schüttelte mit dem Kopfe.

»Ich darf nichts verraten,« entgegnete er; sein früheres Selbstbewußtsein

hatte er mit einem Male ganz verloren. »Meine Zunge ist

mit tausend Eiden gebunden.«

»Wie? So sollen wir nicht erfahren, wen wir befreit haben?«

»Doch, das dürfen Sie, Miß. Es ist die Enkelin jener Yamyhla,

welche im heldenmütigen Kampfe gegen die Neger von Weidah

fiel.«

»Sagte ich es nicht?« rief Miß Nikkerson. »Sie ist eine Amazone

von Dahomeh.«

»Wie kommt sie in die Sklaverei? Hat sie dir dies gesagt?« fragte

Ellen weiter.

»Das ist es eben, was ich nicht verraten darf. Dagegen hat Yamyhla

eine Bitte an Sie, die Kapitänin des Damenschiffes. Sie darf

erst nach 21 Monaten in ihre Heimat zurückkehren, um dort ihr

Recht zu suchen, und fragt, ob sie während dieser Zeit auf der

›Vesta‹ verweilen kann. Ich habe ihr erklärt, daß sie dann arbeiten

müsse, und Yamyhla hat sich bereit erklärt, gern die niedrigsten

Dienste zu verrichten, wenn sie nur bei ihresgleichen sein kann.

Yamyhla stammt aus einem der vornehmsten Geschlechter Dahomehs.«

Ellen blickte sich im Kreise ihrer Gefährtinnen um; überall begegnete

sie freudigen Gesichtern.

»Natürlich,« stimmten die Vestalinnen bei, »Yamyhla ist eine der

Unsrigen!«

»Du hörst es, Hannibal,« redete Ellen diesen wieder an. »Teile

es Yamyhla mit und sage ihr auch, daß wir sie nach Ablauf der

gesetzten Frist selbst in ihre Heimat bringen werden, und, hat sie

wirklich Ansprüche zu machen, so werden wir sie dabei mit aller

unserer Kraft unterstützen. Auch die Herren des ›Amor‹ werden

sich nicht davon ausschließen. Nicht wahr, Lord Harrlington?«

»Wohin Sie gehen, dahin folgen wir Ihnen,« versicherte dieser

abermals.

»Ach, hat es so eine Negerin gut,« seufzte Charles in komischer

Verzweiflung. »Warum bin ich keine Dahomeh geworden!«

Ellen winkte dem Mädchen und ließ ihm den Entschluß durch

Hannibal übersetzen. Yamyhla zeigte außerordentliche Freude

darüber und drückte durch allerhand Gebärden ihre grenzenlose

Dankbarkeit aus. Von den übrigen Vestalinnen wurde sie mit

Herzlichkeit als Genossin begrüßt.

Da über ihrem Schicksal ein Geheimnis zu ruhen schien, so wurde

ausgemacht, sie nicht über dasselbe zu befragen, bis sie es selbst

mitteilte. Yamyhla sollte dieselbe Arbeit verrichten und dieselben

Rechte besitzen, wie jede andere Vestalin; doch sollte man sich

möglichst viel mit ihr abgeben, um ihr bald einige Begriffe der

englischen Sprache beizubringen.

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ERSCHEINUNGSDATUM:

10.03.2014

UWE SAEGER: FAUST JUNIOR

Justus verlässt die mütterliche Wohnung, um sich

auf die Suche nach seinem Vater zu begeben. Er begegnet

drei Gesellen, die ihn nach einem anständigen

Saufgelage in eine von seinem vermeintlichen

Erzeuger geführte Irrenanstalt entführen. Eine an

ein Gehirn erinnernde Architektur und absurde

Vorkommnisse verhindern jede Orientierung. Er

findet einen Freund, irgendetwas entwickelt sich

zwischen ihm und Wagner und eine Idee reift in

ihm: Er will Superstar werden. Doch das bedeutet

nicht nur anspruchsvolle Prüfungen zu bestehen

und den eigenen Charakter zu formen.

Er trifft Heiner Hohlen und tötet Goethe.

HARDCOVER, CA. 550 SEITEN

PREIS: 24,95 EUR (D)

ISBN: 978-3-943672-35-0

Uwe Saegers Faust junior ist verstörend, widerspenstig,

brutal und zuweilen obszön. Eine Abrechnung

mit dem Irrsinn der Mediengesellschaft und

ihren fragwürdigen Protagonisten, die verschiebt,

demontiert, zerstückelt und sprachlos zurücklässt.

PAULINA SCHULZ: DAS EILAND

John verbringt die Sommerferien mit seinen Eltern

in einem Ferienhaus auf einem Eiland mit romantischen

Sandstränden und ausgedehnten Wäldern.

Er unternimmt lange Streifzüge über die Insel und

hält seine Eindrücke mit seiner Kamera fest; nach

einigen Tagen begegnet er den Zwillingen Milan

und Milena. Einer gemeinsamen Nacht, in der

John seine ersten sexuellen Erfahrungen macht,

folgt eine verstörende Entdeckung. Als er Milena

Jahre später zufällig trifft, scheint sich der Kreis zu

schließen.

Diese Erzählung fesselt, sie reißt mit, ist wie ein

Fluss, der sich unaufhaltsam seinen Weg bahnt und

dennoch gleichmäßig schön vor sich hinströmt.

Paulina Schulz schreibt über das Erwachsenwerden

und das Gefühlschaos, das beinahe jeder erlebt hat,

über Liebe, Schmerz und unerträgliche Sehnsucht.

SOFTCOVER, CA. 120 SEITEN

PREIS: 12,95 EUR (D)

ISBN: 978-3-943672-32-9

www.freiraum-verlag.de

Gestaltet von Maximilian-Leonard Wienold

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