Peter Koslowski - Dieter Schnaas

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Peter Koslowski - Dieter Schnaas

Politik+Weltwirtschaft Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Peter Koslowski über

Konsequenzen aus der Wirtschaftskrise, den Fall Porsche und dieVitalität des Kapitalismus.

„Eine

deutsche

Tragödie“

Herr Koslowski, lassen Sie uns eineArt moralische

Zwischenbilanz der Wirtschaftskrise

ziehen.Womit hatten wir es vor allem zu tun:

mit dem individuellen Versagen einiger

Bankmanager oder mit einem systemischen

Versagen der Finanzmärkte?

Mitbeidem zugleich. Undnoch dazumit

demVersagen der Politik. Sieverflucht die

Finanzinstrumente, diediese Kriseverursachthaben,

aber sie sucht nicht nach

den Gründen, warum es so eine große

Nachfragenach ihnen gab –und vonwem

diese Nachfrageausging.Warum nur?

Nun, ganz einfach: Wenn siediese Fragen

stellte, würdesie aufsichselbststoßen.

Lässt sich wirklich entscheiden, wer hier wen

ermuntert hat, mit faulen Krediten zu handeln?

Am Anfang der Krisestand die Idee von

NewYorker Bankhäusern wieGoldman

Sachs, Kredite wieAktienzuverbriefen

undzuhandeln –und es interessierte zunächstniemanden,

dass Kredite etwas anderes

sind alsder beliebig aufteilbare Kapitalstock

einer Firma,über deren Wert

ichalle drei Monateunterrichtet werde.

DenWert einer verbrieftenSchuldkann

ichnicht verfolgen, genauso wenig wieich

Informationen über denSchuldner erhalte.

Es findet,genau genommen, auch keinerlei

Wertschöpfungstatt. Dasist,als würden

Sieein Auto 1000-mal verkaufen.

Und was hat der Staat damit zu tun?

Die Politik fördert dieErwartungeinesimmerwährenden

Wirtschaftswachstums, sie

beteuert steigendeKonsummöglichkeiten

–und sienährt den irrigen Glauben, das

allessei ohne Produktivitätsfortschritte

durch leichtere Kreditvergabe zu erreichen.

Dadurch erzeugtsie einen Nachfragedruck,auf

den die Finanzmärkte mit

fantasiereichen Produkten reagieren.

Gibt es ein objektives Maß für die Beurteilung

von Risiken, andem sich Politik, Bank und

Bürger orientieren könnten?

Nein,ein objektives Maß kann es nicht geben.

Um zu wissen,welcherKredit gesund

istund welchernicht,müsste mansowohl

das künftige Einkommendes Schuldners

kennen als auch die Lebenszeit,die diesem

bleibt.Das Unerwartbare gehörtzum

Kapitalismus; er orientiert sich nicht am

Normalfall, er honoriert den Erfolgeiner

Koslowski, Jahrgang 1952, ist Professor für

Philosophie ander Freien Universität Amsterdam.

Der Diplom-Volkswirt und Vorsitzende des Forums

für Wirtschaftsethik und Wirtschaftskultur der Deutschen

Gesellschaft für Philosophie, hat zahlreiche

Bücher geschrieben, darunter „Prinzipien der

Ethischen Ökonomie“, „Die Ethik des Kapitalismus“

sowie „Die Ethik der Banken“, das indiesen Wochen

als Neuauflage erscheint.

FOTO: ELJEE BERGWERFF FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

neuenIdee. Dieses revolutionäre Moment

hat vorallemder amerikanischen Wirtschaft

und der gesamten Welt unglaubliche

Innovationenbeschert.Zur Kehrseite

gehört jedoch, dass manimKreditwesen,

das diese Aufbrüche ermöglicht,stets aufs

Neue mit Krisen zu rechnen hat.

Wie aber ließe sich dieTragweite dieser Krisen

minimieren? Durch eine Art Zunftordnung, die

zwischen guten Bankern unterscheidet, die

Risiken eingehen –und besseren, die umsichtig

Unsicherheiten kalkulieren?

DerKapitalismusist aus gutemGrund

nicht zünftigorganisiert; das würdeseine

Innovationskraft einschränken. Aber Sie

haben recht:Der Toposdes gediegenen,

nüchternen, kühl rechnenden Bankiers

undUnternehmerszieht sich durch die gesamte

Wirtschaftsgeschichte. Ihnweist ein

Schuss Skepsis gegenüber allzuweitreichenden

Projektenaus. Deshalbist der typische

Bankier undUnternehmer immer

beides zugleich: vorsichtigund visionär.

Hat die am schnellen Gewinn orientierte Vergütung

den Brokern das Gefühl für den Zusammenhang

von Risiko und Haftung abtrainiert?

Die überzogenen Gehälterhaben ganz gewiss

die Risikobereitschaft angefeuert.

Undwenn dann Aktionäre, dieaufs

schnelleGeldaus sind, Manager einstellen,

die auch aufs schnelleGeldaus sind,

dann kann das nicht gutgehen.

Müssen Managergehälter begrenzt und das

Bonussystem überdacht werden?

Ich habe immerverteidigt,dass allein die

Firma die Entlohnung ihrer Manager festlegensoll,

weil ichdachte: Auch eine Firma

wird ihr Geld nicht zu verschenkenhaben.

Rückblickend muss ichsagen, dass

das zu einfachwar.Überzogene Boni sind

eine Überziehung desAnreizgedankens.

Die Wirtschaft kann nicht so tun, alsobin

ihr völlig andere Regeln gelten. Ein Bundeskanzler

kann ja auch nicht am Ende

seiner Amtszeit sagen:Ich wargut,habe

das Land vorangebracht –mir stehen fünf

MillionenEuro extra zu.

Hat der Staat das Recht, den Managern die

Gehälter zu kürzen?

Zunächst einmal hätte er diePflicht gehabt,die

Banken in die Insolvenz hineinundvielleicht

auch wieder herauszuführen.

Denn dadurch,dass der Staat dieInsolvenz

einer Bank im Grunde verschleppt,

ihren Konkursverschleiert,geltendie Verträge

nuneinmalfort. Mandarf sich also

nicht wundern, dassManager ihreBoni

einklagen.

Teilen Sie die neuerdings populäre These, nach

der das Prinzip des „Shareholdervalue“ nicht

derWirtschaftsweisheit letzter Schluss ist?

DasDenken in Aktienkursen hat jedenfalls

begünstigt,dass überzogene Risikeneingegangen

wurden,die mit überzogenen Gehältern

vergütet wurden –und wenn überzogene

Gehältergezahltwerden, deutet

das aufeine Störungdes Marktmechanismushin:

Warumsind nicht alle Überfliegerauf

den Banker-und Broker-Marktgestürmt–mit

der Folge,dass dortdas Gehaltsniveau

sinkt?

Was ist Ihre Vermutung?

Dass dieInvestmentbanker ihrGeschäft

gleichzeitig ausgeweitetund künstlich

verknapptund damit eine Artoligopolistisches

Verhaltenausgebildet haben.

Außerdem versuchte das Shareholdervalue-Prinzip

den Managerzum Spekulanten

zu machen, der durch seineUnternehmensführung

seiner eigenen Firma

spekulative„CapitalGains“ ausder Aktie

seinerFirma sichern muss. Es istaber

für den Managerunmöglich, den Aktienkursseines

Unternehmenszugarantieren,

weil dieser vonBestimmungsfaktoren des

Aktienmarktesabhängt, dieder Manager

Die Konstellation vonVolkswagen, Porscheund

dem Land Niedersachsen ist eine

deutscheWirtschaftstragödie. Warumeine

vonsichselbsteingenommene Familie mit

einem sich selbstüberschätzenden Manager,einemmachtbewussten,aber

nicht

managementerfahrenen Ministerpräsidenten,

arabischen Scheichs undübermächtigen

Gewerkschaftendas größte AutomobilunternehmenEuropas

leiten müssen,das

Volkswagen-Volk aber nur 13 Prozent

der Volkswagen-Holding in Streubesitz

seinEigennennt,ist mir unverständlich.

Herr Wiedeking hatsichverzockt,

weil er zu vielund zu riskant spekuliert

hat.Damit habe ichkeinMitleid.

Was war sein entscheidender Fehler?

Die Wette aufdas Verbotdes Volkswagen-

Gesetzes durchdie EU undandere Spekulationen

sind nichtaufgegangen. Man sollte

niemit derZukunft seiner Firma aufden

Ausgang einerpolitischen Entscheidung

wetten. Außerdem finde ich es peinlich,

wenn erfolgreicheFirmenwie Porsche den

Finanzmarkt benutzen, um sich Vorteile in

„Im Grunde findet durch diese Krise eine

große Umverteilung statt –nach unten“

garnicht kontrollieren kann. DerFallPorschezeigt,wohin

es führt,wenn Manager

sich in Spekulanten verwandeln.

Die Politik fordert, die Banken hätten wieder

derWirtschaft und die Wirtschaft den

Menschen zudienen. Können Sie sich einen

Reim darauf machen, was damit gemeint ist?

DerDienstgedankeist denkapitalistischen

Gesellschaftenweitgehend abhanden

gekommen. Er hat aberimmernoch

seinengutenSinn. Es gehört schließlich

zurIdee des Kapitalismus,dass der Produzentdem

Konsumenten dient. Nur

istdie Motivation des Produzenten dabei

eine andere: Er möchteGewinnerzielen.

Wenn ein Bankmanager sich allein am

Shareholdervalue orientiert unddarüber

den Dienst am Gesamtunternehmen

ausden Augenverliert,hat er seinen

Jobfalsch verstanden. Zu seinemDienstvertrag

gehört weit mehr als diegute

Verzinsung derAktionäre. UnterUmständenmussersogardas

Interesse des

Unternehmensüber das der Anteilseigner

stellen.

Der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking

hat das getan und ist grandios gescheitert –

an seiner Hybris oder an der Krise der Finanzmärkte

und der Flaute auf demAutomarkt?

ihremKerngeschäft zu verschaffen. Einen

Vorwurfkannman allerdings Wiedeking

undder FamiliePorsche nichtmachen:

dass sieesmit demShareholdervalue-Prinzipübertriebenhätten.Sie

fanden es schon

unter ihrerWürde,Quartalsberichte abzugeben.

Das isteineäußerst undemokratische,wennnichtarroganteEinstellungder

Eigentümerfamilie undauch vonWiedeking

gewesen, dienichtindie Zeitpasste.

Es wäre zu wünschen, dass derEinflusseinersowenig

demVolk verpflichteten Familiezurückgedrängtwird.

Das Konzept

vonFamilienunternehmen, wieFerdinand

Piëcheszelebriert, istfür Volkswagen und

selbst fürPorsche ungeeignet. Es istzu

klein fürein Großunternehmenund der

Firma Volkswagen undder deutschenIndustrie

nichtwürdig. Volkswagen istzum

abschreckendstenFalldes deutschenKorporatismus

undzueiner Karikaturder sozialen

Marktwirtschaftgeworden.

Gehört zum Wettbewerbsprinzip des

Kapitalismus nicht auch, Macht und Gewinn

des eigenen Unternehmens zu maximieren?

Man darf dieVorstellung nicht überziehen,

wiralle seien nurdavon bewegt,unseren

Gewinn zu maximieren.Banken haben

durch ihreGeldschöpfungeine öffent- »

26 WirtschaftsWoche I 3.8.2009 I Nr. 32 Nr. 32I3.8.2009 I WirtschaftsWoche 27

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Politik+Weltwirtschaft

Peter Koslowski

Politik+Weltwirtschaft Die Mafia in Italien profitiert gleich doppelt von der Krise: Das

Geschäft mitWucherzinsen boomt –und zur Geldwäsche tun sich echte Schnäppchen auf.

„Der typische

Banker ist

immerbeides:

vorsichtig

und visionär“

liche Nebenfunktion.Sie können sich daher

nicht verhalten wiebloße Eigennutzmaximierer.Ärzte,

zum Beispiel, können

sich auch nicht nurander Maximierung

ihres Eigennutzesorientieren, wenn sieeinenPatienten

behandeln. Der Mensch ist

in allem vonvielemmotiviert; er hat stets

selbstsüchtige undnoblere Motive.Keiner

kann in seiner Profession,egal, welche es

ist, gutsein, wenn er immernur an seinen

Gewinn denkt. Dasgilt auch für Banken.

Klar. Aber warum soll ein Manager nicht gut

sein, der allein seinen Gewinn imSinn hat?

Moment. Nichts hindert einen daran, zu sagen:Inder

Wirtschaft gilt ein größeres Vorherrschendes

Gewinnmotivsals in derKirche.

Unddoch verpflichtetden Manager

schonsein Arbeitsvertrag,imInteresse der

Firma zu handeln.Insofernführt sich in seinerEngführung

auchdas Shareholdervalue-Prinzip

ad absurdum. Es istdem Manager

überhauptnichtmöglich,die Wirkung

seiner Entscheidungsoabzuschätzen,dass

sieden Shareholdervalue maximiert.

Der Zweck des Unternehmens läge demnach

primär darin, gute Produkte herzustellen?

VonDaimlerüber Siemens bisMicrosoft

gilt: Diese Firmen waren undsind weit

mehr alsein lockerer Verbandvon Menschen,die

ihren Nutzenmaximieren. Alle

großen Unternehmensind immer um ein

Produkt herum zentriert. DerShareholdervalue

istinsofern nureine Bedingung, ein

Constraint dieses Zwecks. EinUnternehmenwirdnicht

in die Welt gesetzt,umAktionären

Rendite zu verschaffen–auch

wenn es diesen erlaubt ist,das so zu sehen.

Nein:SeinZielliegt darin, ein optimales

Produktfür den Konsumenten zu schaffen

–unter der doppelten Nebenbedingung,

dassdabei dieAktionäre mit guterRendite

aufihreKostenkommenund die Beschäftigten

mitgutemLohn.

Ein Unternehmen muss Rendite generieren,

nicht maximieren?

So istes. DasShareholdervalue-Prinzip

hat als Kontrollfunktionseine Berechtigung,als

Mittel der Aktionäre, den Managern

ihreInteressen zu verdeutlichen.

Falsch istShareholdervalue alsEndzweck.

Der Chef der Deutschen Bank, Josef

Ackermann, sieht das anders.

HerrAckermannhat stetsdaraufverwiesen,

dass dieKonkurrenzihn dazuzwinge,

mehr Renditezuerwirtschaften. Diese

Konkurrenzist nunpleite. Also istesoffenbar

falsch, in drei Jahren jeweils 20 Prozent

Renditeerwirtschaftenzuwollenstatt

in 20 Jahren jeweils drei oder fünf. Banken

können doch nicht dem Lebenskonzept

eines Drogensüchtigennacheifern: Ich

nehmedrei Jahre Heroin, mache tolle

Erfahrungen,bin die halbe Zeithigh –und

dann sterbeich eben.Imdeutschen

Aktiengesetzsteht,dass es einErhaltungsinteresse

des Unternehmens gibt.Kurzum:

EinPrivatspekulant darf hoffen, die

schnelleMark zu machen, und dabei

seinenBankrott riskieren.Der Manager

einer Großbank darfesnicht.

Viele Manager haben esdennoch getan.Wie

konnte esdazu kommen?

Ganz einfach: Manhat dieIllusion des

perfekten Marktes beschworen,indem es

allenbesser geht,wenn dieManager den

Aktienwert maximieren.Das istaber ein

NonSequitur,eine nicht gerechtfertigte

Schlussfolgerung. Erstaunlichander Zeit

vorder Kriseist ja,dass es den allermeisten

in ihr besser ging, genauer: dassdie allermeisten

den Eindruck hatten, es ginge

ihnen besser.Seitden Neunzigerjahren

gab es eine ArtHochstapler-Ökonomie –

unddie Banken waren nur dieschlimmstenHochstapler.Als

2002 die erste Blase

platzte,hätte mandenken müssen:Okay,

das war’s,jetzt kehren alleum. Dann aber

kam der genialeUS-NotenbankchefAlan

Greenspan, vermieddie Rezessionund

pustete stattdessendie nächste Blase auf.

Undwir?Wir pustetenmit.

Können wir darauf hoffen, dass es so etwas

gibt wie eine aufwärts zeigende Lernkurve?

Oder müssen wir umgekehrt das von der Gier

undAngst getrageneAuf undAbander Börse

ertragen lernen?

Wenn ein Börsenkrach alle 30 Jahrepassieren

würde, wäre es sicher leichter zu ertragen.

Aber alle sieben Jahre? Andererseits:

Im Grunde findet durch diesen Börsenkrach

eine riesigeUmverteilung von

oben nach untenstatt. Die Reichen verlieren

Unsummen–und profitieren ganz bestimmt

nicht vonder Abwrackprämie.Aus

der Inflationder Vermögen istdie Luft

raus –und es würdemichnicht wundern,

wenn die Krisesogar dazu beiträgt,dass

dieMittelschicht wieder wächst.

Die Krise als Programm der sozialen Marktwirtschaft

–ein kühner Gedanke.Aber imErnst:

Glauben Sie, durch die Krise sei der Kapitalismus

grundsätzlich infrage gestellt?

Nein,überhaupt nicht.Eher sehe ich es

umgekehrt: DasSystemstellt seine Vitalität

undLeistungsfähigkeit eben dadurch unter

Beweis,dass es dieganze heiße Luft auch

wieder entweichen lässt. Undbitte vergessen

Sienicht:Die Kriseist durchaus nicht

ungerecht.Die Verluste sind bei denen am

größten, die am meistenhatten. Es klingt

vielleicht brutal, istaber deshalb nicht

falsch: Diejenigen,die in denUSA jetzt ihre

Häuser verlieren,haben sie ja niebesessen.

WereinenKredit bekommenhat und

ihn jetzt nicht mehr bedienen kann, der

hat unterm Strich jahrelang Geld geschenkt

bekommen–und eine gute Zeit

gehabt.Vielleicht werden diese Leute sich

dereinst an diese Jahreerinnernund denken:

Mensch, zwischenden beiden Blasen,

das war schon eine Wahnsinnszeit. ■

dieter.schnaas@wiwo.de | Berlin,

christopher.schwarz@wiwo.de

FOTO: ELJEE BERGWERFF FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

FOTO: MAURITIUS IMAGES

Leichte Beute

Genau 50 Jahreist es her,damachte

das Café de Paris die römische

Via Veneto sowie Marcello Mastroianni

berühmt und Anita Ekberg

sich selbst mit einem Bad im Trevi-

Brunnen unvergesslich, Federico Fellini

drehte seinen Film „La Dolce Vita“. Damit

schuf er für Italien ein glamouröses Vorurteil,

mit dem seither der Rest der Welt alles

erklärt,was er nicht versteht oder für italienischesLebensgefühlhält.

Viel ist heute nicht mehr übrigvon Fellinis

Dolce Vita. Die Via Veneto ist nur

noch eine viel befahrene Einkaufsstraße in

der italienischen Hauptstadt. Und imCafé

de Paris ist es mit dem süßen Leben jetzt

ganz vorbei. Das legendäre Restaurant

wurde vor wenigen Tagen beschlagnahmt.

2005 hatteesein kalabresischerBarbier für

wenige Hunderttausend Euro gekauft,

dabei hatten italienische Medien den

Wert auf rund 55Millionen Euro geschätzt.

Nach Überzeugung der Behörden

war aber der Käufer nur ein

Strohmann des Alvaro-Clans, der mithilfe

zahlreicher römischer Restaurants

und Bars illegal erworbene Gelder

wäscht.

Nach diesem Muster investiert die

Mafia derzeit reichlich, sagen Experten.

Das organisierte Verbrechen, so

warnen sie, profitiere gleich doppelt

von der Krise: Für Investitionen tun

sich viele Schnäppchen auf, weil in die

Bredouille geratene Unternehmenderzeit

günstigzuhaben sind. Gleichzeitig

springt bei vielen Unternehmen die

Mafia in die Lücke, wenn Banken mit

Krediten geizen. Bereits im vergangenen

Jahr, sorechnete die Mailänder

Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“

jüngst vor, erzielten Cosa Nostra,

’Ndrangheta und Camorra mit überteuerten

Krediten rund 35 Milliarden

Euro Umsatz. Damit ist das Kreditgeschäft

eine der lukrativstenAktivitäten

imPortfolio der Mafia, deren Gesamterlöse

die Wirtschaftszeitung „Il

Sole“ aufrund170 Milliarden Euro pro

Jahr schätzt. Und 2009, so fürchten die

Experten, könnte der Umsatz durch

die Kriseerheblichsteigen.

„Unsere Unternehmen sind in Gefahr“,

schlugItaliens Nationalbankchef

Mario Draghi vor wenigen Tagen Alarm.

„In vielen Teilen des Landes bremsen aggressive,

durchdringende und unerträgliche

kriminelle Organisationen das Wachstum“,

warnte Draghi. Denn einmal in die

Fänge der Mafiageraten, erlahmen zumeist

Wettbewerbsfähigkeit undInnovationskraft

der übernommenen Unternehmen. Und

immer häufiger werden von der Krise geschwächte

Firmen eine leichte Beute der

Clans.Das Risiko,von der Mafiaübernommenzuwerden,

sei derzeit„dramatisch“urteilte

auch Antonello Montante vom italienischen

Industrieverband Confindustria.

Die Regierung müsse höchste Wachsamkeit

an den Taglegen, damit die Unternehmen

nicht Opfer der organisierten Kriminalität

würden und die Krise fatale Folgen

für die Wirtschaft entwickle.

„Notleidende finden

in der Mafia

eine willige Bank“

Café de Paris Nach der Beschlagnahme durch die Behörden

ist Schluss mit dem süßen Leben

Besonders in Gefahr sind die zahllosen

Klein- und Kleinstunternehmen, die den

Großteil der italienischen Wirtschaft stellen.

Dem Forschungsinstitut Eurispeszufolge

machen kleine Handelsunternehmen

rund 48 Prozent der Opfervon Wucherern

aus,das produzierende Kleingewerbe stellt

weitere 25 Prozent. Die unzähligen Zulieferer

der wenigen italienischen Großunternehmen

etwa geraten schnell in Schieflage,

wenn die Aufträge ausbleiben oder Rechnungen

nicht bezahlt werden. Überbrückungskredite

zuerhalten ist für sie oft besonders

schwierig. „Notleidende finden in

der Mafia eine willige Bank“, sagt der im

Norden tätige Richter Alberto Nobili. „Die

Mafia macht in der Krise noch mehr Geschäfte.“

Auch Handwerker, Freiberufler und abhängig

Beschäftigte zählen zu den Opfern

der Wucherer. Beim ersten Mal leihen sich

dieOpfer Eurispes zufolge im Schnitt 5000

Euro. Vielekommenjedochwiederund leihen

sich mehr.In34Prozentder Fälle liegt

die Summe über 10 000 Euro, jeder

Fünfte leiht sich zwischen 50000 und

100000 Euround etwa vier Prozent sogar

noch größere Summen. Die Zinssätze

liegen dabei zwischen 120 Prozent

undteils mehr als500 Prozent pro

Jahr.

Allein zwischen September 2008

und März 2009 hat sich die Zahl der

Hilfsanfragen wegen Wucherei bei

„SOS Racket“, einer Schutzorganisation

gegen Wucherei und Erpressung,

rund verdoppelt.Allein ausder norditalienischen

Wirtschaftshauptstadt Mailand

kamen dabeifast1000 Anfragen.

Auch wenn die Unternehmen gar

nicht mehr über dieRunden kommen,

tun sich für die Mafiosi oft billige

Investitionsmöglichkeiten auf. „Der

Mafioso von heute ist Unternehmer,

der legt sein Geld nicht unter die

Matratze“, sagt Nobili. In der Krise

lassen sich auch gute Geschäfte

machen, unterstreichen die Experten

derzeitallerorten.

Bei ihrem jüngsten Schlag gegen

die Mafia EndeJuli stellten die Behörden

neben dem CafédeParis auch Geschäfte,

Wohnungen und Luxusautos

im Wert von insgesamt 200 Millionen

Euro sicher. Für den Hilfskoch eines

dieserRestaurantsinteressierte sich die

Polizei ganz besonders:Essollsichbei

ihm um VincenzoAlvaro handeln, den

Boss des Clans.


sabine fiedler | Mailand, politik@wiwo.de

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Nr. 32I3.8.2009 I WirtschaftsWoche

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