AWO-PFLEGE - AWO Westliches Westfalen

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AWO-PFLEGE - AWO Westliches Westfalen

4/2010

AWO-PFLEGE

Das Kundenmagazin der AWO Westliches Westfalen

AWO aktuell: Pflegestandards

Kritischer Blick auf die Zukunft der

Pflege und ihre Qualität

Betreuung: Heilsam mit Tieren

Tiere im therapeutischen Pflege -

alltag der Seniorenzentren

Plus

Ratgeber

Pflegezeitgesetz: Ihre Rechte und

was Sie wissen sollten

Seniorenzentren


2

EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie mögen Tiere und Sie haben vielleicht

selbst eines zu Hause? Dann gehören

Sie zu den 12 Millionen deutschen

Haushalten, in denen etwa 23 Millionen

Tiere leben. Katzen und Hunde stehen

dabei ganz oben auf der Liste der Lieblingstiere.

Wer als Kind ein Kaninchen im

Gartenstall halten durfte, war meist

schon selig. Warum? Viele Kleintiere fühlen

sich warm und kuschelig an, beziehen

sich auf den Menschen und sind

ihm unbedarft zugewandt. Erwiesenermaßen

können Tiere und der Umgang

mit ihnen Menschen gut tun – denken

Sie nur ans therapeutische Reiten, das

heute nicht nur bei Kindern mit geistiger

oder körperlicher Behinderung erfolgreich

eingesetzt wird, sondern auch für

Manager als Führungstraining. Viele der

hochaltrigen Bewohnerinnen und Bewohner

in unseren Seniorenzentren

haben in ihrer Kindheit mit Tieren gelebt.

Die Erinnerungen daran halten wir gerne

wach – zum Beispiel mit Gasttieren wie

Ziegen und Kaninchen vom Schulbauernhof.

Bewohnerinnen und Bewohner

sowie Angehörige und Pflegekräfte sind

gleichermaßen begeistert. Das Leben

mit Tieren hat eben seine ganz eigene

Qualität.

Um Qualität geht es auch, wenn ab

2011 der deutsche Arbeitsmarkt offiziell

für Pflegekräfte aus Osteuropa geöffnet

wird. Wir haben einen kritischen

Blick darauf.

Doch zunächst wünsche ich Ihnen

und Ihren Familien frohe Festtage und

alle Gute fürs neue Jahr

Ihr

Wolfgang Altenbernd

Geschäftsführer

AWO Westliches Westfalen

Inhalt

Sozialpolitik aktuell

3 „Keine Qualitätsabstriche bei Pflegestandards!“ –

AWO blickt kritisch auf Zukunft mit Pflegekräften

aus Ost- und Mitteleuropa

Titelthema

4 Wenn Tiere zur Quelle der Erinnerung werden.

Oder: Wie heilsam Tiere sind. Der Schulbauernhof zu

Gast im AWO-Seniorenzentrum in Herne

Seniorenzentren aktuell

6 Das Konzept geht auf.

Ein Jahr Rahmenkonzeption zum Umgang mit

gerontopsychiatrisch veränderten Menschen

Ratgeber

8 Das Pflegezeitgesetz: Wem es dient, was es leistet

9 Wurzel mit besonderer (Heil)Kraft: Ingwer –

hilft nicht nur gegen Erkältungskrankheiten

Schaufenster

10 Der Mann mit den Kaninchen

Portrait: Stefan Woitaschik –

ehrenamtlicher Kaninchenfütterer im

Willi-Pohlmann-Seniorenzentrum

11 Tipps und Termine, Impressum


„Keine Qualitätsabstriche bei Pflegestandards!“

2011 wird die Beschränkung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus den EU-Beitrittsländern

aufgehoben. Auch Pflegekräfte aus Ost- und Mitteleuropa haben dann freien

Zutritt zum deutschen Arbeitsmarkt. Die AWO Westliches Westfalen sieht das kritisch.

Dass Pflegefachkräfte in Deutschland

fehlen, hat auch die AWO

längst erkannt. Die Zahl der Pflegebedürftigen

wird sich von derzeit

2,2 Millionen bis 2050 verdoppeln,

so Experten. Schon jetzt fehlen

rund 50.000 Fachkräfte für die

Pflege älterer Menschen. Pflegekräfte

aus Osteuropa sind bereits

fester Bestandteil des deutschen

Pflegealltags. Rund 100.000 sogenannte

Haushaltshilfen aus EU-

Beitrittsländern wie Polen, Tschechien

und der Slowakei arbeiten in

Deutschland. Sie wohnen bei älteren

Menschen und pflegen sie zu

Hause, obwohl Pflege offiziell nicht

geleistet werden darf. Die 24-Stunden-Betreuung

kostet zwischen

1.200 und 2.500 Euro im Monat,

plus Kost und Logis. Die AWO

steht sowohl diesem Einsatz als

auch Agenturen, die solche Kräfte

vermitteln, kritisch gegenüber.

Rechtlich umstritten

„Wir sehen die Gefahr der Scheinselbstständigkeit.

Arbeiten die

‚Pflegerinnen’ aus Osteuropa ‚privat

organisiert’, wird die Grenze

zur ‚Schwarzarbeit’ oft überschritten.

Sogenannte Tariflöhne sind

Augenwischerei, wenn jemand

24 Stunden lang abrufbereit sein

soll“, sagt Jörg Richard, stellvertretender

Geschäftsführer der

AWO Westliches Westfalen.

Pflege, das betont Richard,

müsse immer Rahmenbedingungen

erfüllen und Standards einhalten.

„Das können diese Kräfte,

Wichtig für die Zukunft: Pflegeberufe attraktiv gestalten

die als Haushaltshilfen eingestellt

werden, nicht gewährleisten.“

Spritzen setzen, Wundverbände

anlegen oder Medikamente reichen

ist ihnen nicht gestattet.

Doch wer prüft welche Arbeiten

tatsächlich verrichtet werden?

Wer trägt bei Pflegefehlern die

Verantwortung? Wer berücksichtigt

bei der Pflege von Demenzerkrankten

die wichtige sprachliche

und kulturelle Identität?

Eigene Ausbildungs aktivitäten

Doch wie will die AWO dem Pflegefachkräftemangel

stattdessen

begegnen? „Wir setzen auf unsere

eigenen Ausbildungsaktivitäten“,

betont Richard. Aktuell werden

mehr als 500 Menschen durch die

AWO in der Altenpflege ausgebildet.

In Dortmund hat gerade ein

neues Fachseminar eröffnet und

2011 wird die AWO zusätzlich die

berufsbegleitende Ausbildung anbieten.

„Wir können und wir wollen

an unseren Standards keine Qualitätsabstriche

hinnehmen“, sagt

SOZIALPOLITIK AKTUELL 3

Richard, denn gerade die Qualität

der gut ausgebildeten Fachkraft

mache in der Pflege den Unterschied.

„Deswegen bilden wir selber

aus und öffnen dieses Angebot

auch für alle qualifizierten

Interessenten aus den EU-Beitrittsländern.“

Die AWO habe, so

Richard, die Lücke auf dem Pflegefachmarkt

längst erkannt. „Wir

stehen in unseren Einrichtungen

vor einem großen Generationswechsel:

Viele Leitungskräfte stehen

vor der Verrentung und daher

motivieren wir junge Kräfte, mit

Hilfe unserer Fortbildungen in ihre

Fußstapfen zu treten.“

Und auch die Politik sei gefordert.

„Alle, die in diesem Arbeitsfeld

arbeiten wollen und können,

sollten eine Ausbildungschance

erhalten. Daher fordern wir mit

Nachdruck, hier vor allem 30- bis

50-Jährige mit Mitteln der Bundesanstalt

für Arbeit zu fördern

und endlich die Rechtsgrundlage

zur Finanzierung des dreijährigen

Bildungsgutscheins zu schaffen.“


4

TITELTHEMA

Wenn Tiere zur Quelle

der Erinnerung werden

Wer beim Fernsehen arbeitet, weiß: Kinder und Tiere, die ziehen immer. Doch wie wichtig

Tiere für ältere Menschen sind, wie sehr Berührung und sensitive Erfahrung vor allem demenziell

Erkrankten hilft, das erleben diese in den AWO-Senioreneinrichtungen.

Hertha Wawrzinski lässt das Kaninchen auf ihrem

Schoß nicht mehr los. „Fühlt sich an wie früher bei

uns zu Hause“, sagt sie, streichelt die Ohren und den

Rücken des Nagers und strahlt dabei über beide

Ohren. Ihre Gehhilfe steht achtlos neben dem Tisch

– Hertha Wawrzinski ist gerade eher sieben als 87

Jahre alt und sie genießt es.

So wie ihr geht es vielen Bewohnerinnen und Bewohnern

des Grete-Fährmann-Seniorenzentrums in

Herne an diesem Herbstmorgen. Alle, die mit in den

Innenhof gekommen sind, tragen dicke Jacken oder

sind in Decken eingemummelt. Egal, Hauptsache an

der frischen Luft sein. Denn heute ist ein ganz besonderer

Tag: Der Schulbauern- und Naturschutzhof

Recklinghausen ist mit einem ganzen Anhänger voller

Tiere zu Gast. In einem Gehege direkt auf dem

Rasen grasen jetzt zwei Wollschweine, die man nicht

überall zu sehen bekommt. Drei kleine Ziegen und

ein alter Ziegenbock laufen frei herum und knabbern

genüsslich an den Bäumen oder an den Brot-


krumen, die ihnen die Bewohner

und Pflegekräfte hinhalten.

Positive Gefühle und

Erinnerungen

Die Kaninchen wandern – warm

und weich, wie sie sich anfühlen –

eh schon von Schoß zu Schoß. Und

die Hühner und Hennen dürfen

auch gestreichelt werden. Etwa

zwanzig der 117 Bewohnerinnen

und Bewohner der Einrichtung

sind an diesem Vormittag im Garten.

Einige Angehörige sind auch

da und helfen denen, die im Rollstuhl

sitzen, den Tieren nahe zu

kommen. „Es ist schön zu sehen,

wie auch unsere schwer Demenzkranken,

die sonst ganz wenig Reaktion

zeigen, plötzlich ein Lächeln

auf dem Gesicht haben, nur weil

ein Kaninchen auf ihren Beinen

sitzt“, sagt Einrichtungsleiterin

Brunhilde Schlachter.

Wie zum Beispiel Herr Pieper.

Er ist 90 Jahre alt und liegt

eigent lich im Liegerollstuhl. Jetzt

beugt er sich so weit er kann

nach vorn und füttert eine Ziege,

die sowieso schon an seiner

Decke knabbert. „Das sind

Regungen, die wir im Alltag

sonst nur schwer herstellen können“,

bestätigt auch Ulla Lauer,

Leiterin des Sozialen Dienstes,

die Wirkung des kleinen Zoos.

„Tiere hinterlassen einfach einen

positiven Eindruck“, erläutert sie.

Viele ihrer Bewohnerinnen und

Bewohner seien ländlich aufgewachsen,

der Kontakt mit Tieren

sei erinnerungswürdig. „Und da

sind dann wieder diese biogra -

fischen Bezüge, die wir ja stets

mit unserer Pflegearbeit bei unseren

demenziell erkrankten Bewohnern

suchen.“ Wichtig sei es

auch immer wieder, die Sinne

anzusprechen.

„In den meisten Einrichtungen

können keine Tiere gehalten werden,

deswegen suchen wir nach

Wegen wie diesen, um dem Bedürfnis

nach Kontakt zu Tieren

nachzukommen.“ Und deswegen

kommt auch regelmäßig Rottweiler

Kevin mit seinem Herrchen zu

Besuch. Viele Bewohner erinnern

sich dann nicht nur an ihre eigenen

Tiere oder ihre Zeit mit Tieren,

vor allem die demenziell Erkrankten

lächeln und sprechen

auch wieder mehr.

Für alle ein Erfolg

Bei Hertha Wawrzinski ist die

Vergangenheit mit den Tieren

plötzlich sehr präsent. „Wir hat-

TITELTHEMA 5

ten alles, Kühe, Schweine,

Pferde, Jungvieh und wir mussten

uns auch um alles kümmern“,

sagt sie, die mit ihrer Gehhilfe

noch sehr rüstig unterwegs ist.

Sie kennt die Kuh nicht erst, seit

sie lila ist und nach Schokolade

schmeckt, sie hat ihre Milchkühe

noch selbst gemolken. Seit gut

einem Jahr lebt Hertha Wawrzinski

in der Grete-Fährmann-Senioreneinrichtung

– seit einem

Schlaganfall vor drei Jahren

kann sie ihren rechten Arm nicht

mehr so gut bewegen, ansonsten

fühle sie sich pudelwohl, sagt

sie. Mit Frau Schmidt, die auch

im Haus wohnt, ist sie befreundet.

Gemeinsam nehmen die

beiden an den vielen Angeboten

im Haus teil – selbstverständlich

sind sie auch beim Besuch des

Streichelzoos dabei, den sie in

vollen Zügen genießen.

Bevor Mensch und Tier von

zu viel Zuneigung erschöpft sind,

wird im Grete-Fährmann-Seniorenzentrum

an diesem Mittag für

alle eine kräftige Gulaschsuppe

gereicht. Und die Einrichtungsleiterin

braucht nur noch in

die zufriedenen Gesichter zu

schauen und weiß: Dieser Tag

war ein voller Erfolg.


6

SENIORENZENTREN AKTUELL

Das Konzept geht auf

Vor einem Jahr hat die AWO Westliches Westfalen eine Rahmenkonzeption entwickelt, nach

der sie heute arbeitet. In ihr sind die Leitlinien zur Pflege und Betreuung gerontopsychiatrisch

veränderter Bewohnerinnen und Bewohner festgeschrieben. Ein Erfahrungsbericht.

In den mehr als 60 stationären

Pflegeeinrichtungen der AWO

Westliches Westfalen ist die Zahl

hochaltriger Menschen in den

vergangenen Jahren immer weiter

gestiegen. Das bedeutet:

Mehr und mehr alte Menschen,

die generativ und damit chronisch

erkrankt sind, müssen versorgt

werden. Eine der häufigsten Erkrankungen

ist die Demenz in

ihren unterschiedlichen Ursachen

und Ausprägungen. Die Zahl der

mittel bis schwerst demenziell erkrankten

Bewohnerinnen und

Bewohner erhöht sich ständig

und liegt inzwischen bei über

fünfzig Prozent.

Im Mittelpunkt der Einzelne

Vor gut einem Jahr hat die AWO

deshalb eine Rahmenkonzeption

entwickelt – 30 Seiten mit Definitionen

verschiedener Stadien von

Demenz und zu Pflege und Betreuung

von gerontopsychiatrisch veränderten

Menschen. Im Mittelpunkt

des integrativen Konzeptes steht

die individuelle, angemessene

Pflege und Betreuung des Einzelnen.

Die besondere Herausforderung

dieses Konzeptes für die

Seniorenzentren: Demenziell erkrankte

Bewohnerinnen und Bewohner

sollen bis zuletzt in der gewohnten

Umgebung mit ihnen

vertrauten Menschen leben und an

der Gemeinschaft teilhaben können,

unabhängig von der Schwere


ihrer Erkrankung. „Mit der Methodik

der tagesstrukturierenden Maßnahmen

tragen wir dabei den Bedürfnissen

der an Demenz erkrankten

Bewohner Rechnung, indem eine

besondere Betreuung über den Tag

hinweg stattfindet.“ Tagesstruktu -

rierend heißt: In den AWO-Einrichtungen

gibt es eine Betreuungsgruppe

für Bewohnerinnen und

Bewohner mit hoher Demenzausprägung,

um die man sich den ganzen

Tag kümmert, z. B. mit hauswirtschaftlichen

Tätigkeiten, Gymnastik

und Vorlesen. „Darüber hinaus sind

wir in einigen Häusern dabei, kleinere

Wohnbereiche nur für demenziell

veränderte Bewohner einzurichten“,

so Weiß. Die Betreuung

orientiert sich hier nach dem Stadium

der Demenz (s. Kasten). Die

Konzeption beschreibt nicht nur

ausführlich die unterschiedlichen

Formen der Demenz, sondern befasst

sich detailliert mit dem Pflegeprozess,

aber auch mit Aspekten

wie Kommunikation, Mobilität, Lernverhalten,

Beteiligung der Angehörigen,

Tages betreuung bis hin zum

Sterbeprozess.

Konzept flexibel ausgestalten

An der Konzeption, die für die Seniorenzentren

der AWO Leit faden

und Maßstab ist, waren Vertreter

der Sozialen Dienste, Einrichtungs-

und Pflegedienstleitungen

beteiligt. „Wir haben hier zusammengetragen

und sauber reflektiert,

wie wir seit Jahren arbeiten

und was wir schon seit langem in

den Einrichtungen umsetzen.“

Das Ergebnis sei kein Handlungskonzept,

sondern ein konzeptioneller

Rahmen: „Jede Einrichtung

gestaltet anhand dieser

Leitlinien ein eigenes passendes

Konzept zum Handeln in der

Pflege und Betreuung.“ Stellschrauben,

an denen man vor Ort

stets drehen könne, sei die Erhöhung

der Betreuung demenziell

Erkrankter sowie die Weiterentwicklung

tagesstrukturierender

Maßnahmen. „Ob eine Einrichtung

den Sinnesgarten verstärkt

nutzt oder eine Einrichtung mit

Tieren arbeitet – all das bleibt

ihnen selbst überlassen.“ Insgesamt

lässt sich nach einem Jahr

Erprobung sagen: Das Konzept

geht auf. Die Rahmenkonzeption

habe intern zudem zu mehr

Sicherheit und weiterer Auseinandersetzung

mit dem Pflegeprozess

demenziell erkrankter

Bewohner beigetragen. „Gute

und sinnvolle Maßnahmen sind

jetzt für unsere Fachkräfte nachlesbar.“

Ziel sei auch, Personal

und Weiterbildung zu verstärken.

Das Leben kennenlernen

„Und wir begrüßen sehr den wissenden

und informierenden An -

gehörigen“, so Ulrike Weiß. Denn

alle sozialwissenschaftlichen Ansätze

orientieren sich im Umgang

mit Demenz immer am Gleichen:

an der Biografiearbeit. „Wenn das

AWO-PFLEGE PLUS 4/2010 7

Gedächtnis eines Menschen nachlässt,

sensomotorische und soziale

Fertigkeiten von Sprache und

Kommunikation wegfallen, dann

ist der Zugang zum Menschen

über Dinge, die er in seinem Leben

erlebt hat, umso wichtiger. Diese

Informationen benötigen wir häufig

von den Angehörigen des

(neuen) Bewohners.“ Deshalb

steht Biografiewissen in allen

AWO-Seniorenzentren stets am

Anfang jedes Einzugs- und Pflegeprozesses

bei demenziell erkrankten

Menschen.

Mehr zum Thema:

Ulrike Weiß, Tel. 0231/54 83-322

Ulrike.weiss@awo-ww.de

Stichwort:

Demenz

Neben verschiedenen Ursachen

für Demenz werden drei Stadien

beschrieben: leichte, mittelschwere

und schwere Demenz.

Vorraussetzung für den Umgang

damit ist zu akzeptieren, dass es

für demenziell erkrankte Menschen

mehrere Wirklichkeiten

(Wirklichkeitspluralität) gibt, die

nicht der Realität seiner Umgebung

entsprechen müssen. Um

dennoch „in Kontakt“ zu bleiben,

bieten sich verschiedene Wege.

Aktivieren der Sinne und Kommunikationsmöglichkeitenjenseits

von Sprache gehören

ebenso dazu wie das Lernen

durch Sicherheit und Stetigkeit.

Aber auch Orientierungshilfen in

den Einrichtungen sind sehr

wichtig, da das Langzeitgedächtnis

vieler demenziell Erkrankter

noch gut erhalten ist.


8 RATGEBER

Das Pflegezeitgesetz:

Wem es dient, was es leistet

Sie haben einen Angehörigen, der plötzlich zum Pflegefall wird? Dann gibt Ihnen das Pflegezeitgesetz

zwei Möglichkeiten zu handeln. Wir geben Ihnen einen Überblick, worauf Sie achten

müssen und was möglich ist.

Eine Möglichkeit, auf einen plötzlichen Pflegefall

eines nahen Angehörigen zu reagieren, ist die sogenannte

„kurzzeitige Arbeitsverhinderung“, die

zweite ist die „Pflegezeit“. Der Hauptunterschied: Die

Länge der Zeit, die Sie für Ihren Arbeitgeber ausfallen,

um sich um Ihren Angehörigen zu kümmern.

Unerwartet: plötzlicher Pflegefall

Im Fall der „kurzzeitigen Arbeitsverhinderung“ können

Sie sich bis zu zehn Tage von Ihrer Arbeit freistellen

lassen – zum Beispiel, wenn ein Pflegefall akut auftritt.

Das ist für die Familien stets eine Herausforderung,

denn jetzt geht es darum, dem nahen Ange -

hörigen beizustehen und für ihn die pflegerische

Versorgung zu organisieren. Wichtig: Für die Dauer

der kurzzeitigen Arbeitsverhinderung sind Sie sozialversichert.

Sie brauchen für Ihre Freistellung keine

Zustimmung von Ihrem Arbeitgeber, aber Sie sollten

Ihre Entscheidung und die Dauer Ihrer Freistellung

sobald wie möglich mitteilen. Der Arbeitgeber kann

einen ärztlichen Nachweis verlangen. Akute Pflegebedürftigkeit

heißt hier tatsächlich: unerwartet. Wichtig

für Entgeltfortzahlungen im öffentlichen Dienst:

Hier gilt die Freistellung ebenfalls für maximal zehn

Tage, Sie erhalten aber lediglich für einen Tag Bezahlung.


Pflege auf Dauer

Die „Pflegezeit“ hingegen bezieht

sich auf den Fall, dass Sie Ihren

nahen Angehörigen selbst pflegen

wollen. Dann haben Sie die Möglichkeit,

sich teilweise oder vollständig

für bis zu sechs Monate

von der Arbeit freistellen zu lassen,

und zwar dann, wenn Sie einen

Angehörigen in häuslicher Umgebung

pflegen – bei sich oder

Ihrem Angehörigen zu Hause. Bei

Der Ingwer (Zingiber officinale),

auch Ingwerwurzel genannt, findet

in erster Linie als Küchengewürz

oder Arznei Verwendung.

Ingwer braucht die (Sub)Tropen

und wird in Ländern wie Indien,

China, Japan, Australien, Südamerika

und Nigeria angebaut.

Bereits im 9. Jahrhundert wurde

die Pflanze bei uns bekannt. Aber

schon vor 5000 Jahren wurde

Ingwer in altindischen Schriften

als natürliches Heilmittel erwähnt.

Verantwortlich für die gesundheitsfördernde

Wirkung, die bis

heute genutzt wird, sind vor allem

die ätherischen Öle, wie das Gingerol,

das z. B. gegen Arterienverkalkung

hilft. Flavonoide stärken

zusätzlich die Blutgefäßwände.

Wer Ingwer regelmäßig „einnimmt“,

verringert damit sein das

Schlaganfallrisiko. Wegen seiner

entzündungshemmenden Wirkung

ist eine Behandlung mit Ingwer

auch bei rheumatischen Be-

teilweiser Freistellung müssten

Sie mit Ihrem Arbeitgeber eine

schriftliche Vereinbarung über die

Arbeitszeitregelung abschließen.

Wichtig: In der Pflegezeit sind Sie

sozialversichert, beziehen aber

kein Gehalt. Die Beitragszahlung

zur Rentenversicherung wird von

der Pflegekasse übernommen,

wenn Sie ihren Angehörigen mehr

als 14 Stunden in der Woche pflegen.Familien-Krankenversiche-

schwerden sinnvoll – z. B. per Ingwerbad.

Das scharfe Gewürz

fördert die Durchblutung der

Schleimhäute im Mund- und Rachenraum

und wirkt so auch Infektionen

entgegen – und das

wiederum ist gut bei und gegen

Erkältungskrankheiten.

Ingwer heizt ein

Ingwer hat aber auch eine kuli -

narische Seite. So ist er auch

durch seinen süßlich-pikanten und

gleichzeitig scharfen Geschmack

aus der asiatischen Küche nicht

wegzudenken. Ingwer gibt es bei

uns frisch in ganzen Stücken,

getrocknet, gemahlen oder als

kandierte Frucht. Nicht nur asia -

tische Gerichte erhalten damit den

letzten Pfiff, auch Süßes wie

Marmelade, Kuchen oder Kekse

schmecken herzhafter.

Und zu guter Letzt heizt Ingwer

bei Kälte ein: Für einen Tee einfach

einen Esslöffel frische Ing-

AWO-PFLEGE PLUS 4/2010 9

rungen bleiben bestehen. Die

Pflegezeit kann nur in Ausnahmefällen

verkürzt werden – Personalabteilungen

und Personalräte sind

Ihre Ansprechpartner.

Ob „kurzzeitige Arbeitsverhinderung“

oder „Pflegezeit“ – bei

beidem stehen Sie unter Kündigungsschutz.

Mehr Infos unter

www. pflegeverantwortung.de

Wurzel mit besonderer (Heil-)Kraft: Ingwer

Knorrig und scharf, so könnte man die Ingwer-Wurzel äußerlich und geschmacklich gut

beschreiben. Seit 5000 Jahren hat sich ihre Wirkung in der Küche und als Heilmittel

bewährt. Gerade bei winterlicher Kälte wärmt sie und stärkt.

werwurzelstückchen mit heißem

Wasser übergießen, bis zu zehn

Minuten abgedeckt ziehen lassen,

eine Prise Zimt – wohl bekomms!


10

SCHAUFENSTER

Der Mann mit den Kaninchen

Stefan Woitaschik hat ein Faible für Tiere. Davon profitieren seit einiger Zeit auch die Bewohnerinnen

und Bewohner des Willi-Pohlmann-Seniorenzentrums in Herne. Sie nennen

vier Kaninchen ihr Eigen – und die sind inzwischen sehr beliebt.

„Für mich ist das ganz selbstverständlich

mit Tieren zu leben“,

sagt Stefan Woitaschik. Jeden

Morgen steht er zurzeit um fünf

Uhr auf und fährt vor der Arbeit in

seine Kleingartenanlage. Hier hat

er auf vier Quadratmetern seine

Rassehühner untergebracht. Die

müssen jeden Tag gefüttert werden.

„Da kostet ein Hahn schon

gute 65 Euro“, sagt er in seinem

oberschlesischen Akzent und

lacht. „Ein teures Hobby wie so

viele andere auch.“ Ein Hobby, das

der Mann, der 1958 in Oberschlesien

geboren wurde und

jetzt seit vielen Jahren in Herne-

Holsterhausen lebt, niemals freiwillig

aufgeben würde. Nichts

kann ihn davon abhalten, seine

Hühner zu hegen und zu pflegen

wie seinen Augapfel.

Einmal täglich ins Seniorenzentrum

Wenn die Hühner versorgt sind,

geht es einige Kilometer weiter

Richtung Willi-Pohlmann-Seniorenzentrum.

Hier warten vier Kaninchen

auf ihre Raubtierfütterung.

„Ein Nachbar aus meiner

Kleintierzuchtanlage hat die Tiere

der Senioreneinrichtung geschenkt“,

sagt der Kleintierfan.

Tiere bestimmen ihr Leben – Bewohnerin Ilse Paul und Kleintierzüchter

Stefan Woitaschik

Das Geld für die Verpflegung

zahlt die Einrichtung; außer Stefan

Woitaschik kümmert sich

auch die Bewohnerin Ilse Paul liebevoll

um die Tiere. Und geht es

den Kaninchen gut, freuen sich

auch die Bewohnerinnen und Bewohner.

„Ich sehe immer wieder

ein Lächeln in ihren Augen, wenn

sie die Tiere streicheln oder auf

dem Arm halten. Dafür lohnt sich

die Arbeit auf jeden Fall“, sagt der

Maurer und rauscht weiter – die

Kollegen warten schon.

Woitaschik macht die Arbeit mit

den Tieren viel Freude. Und sie ist

ein Ausgleich zu seinen körperlich

harten Schichten im Straßenbau, in

dem er seit vielen Jahren arbeitet.

Nach der Grundschule hat Woi -

taschik die Berufsschule besucht

und ist Maurer geworden. 1981 hat

er im heutigen Polen seine Frau

Monika kennengelernt, zwei Jahre

später wurde Tochter Joanna geboren.

Als der Schwie ger vater und

die Geschwister nach Deutschland

übersiedelten, zogen die Woitaschiks

in den 90er-Jahren hinterher,

denn Familie bedeutet ihnen

viel. Tochter Joanna arbeitet in einer

Apotheke in Herne und führt inzwischen

ihr eigenes Leben.

Eine besondere Verbindung

Freizeit, das ist für Woitaschik eher

ein Fremdwort. Sobald der Maurer

Zeit hat, flitzt er in seine Kleintieranlage,

denn neben den Hühnern

hat er dort auch ein Gemüsebeet

und einen Garten zu pflegen. Für

seine Interessen – Wissenschaft

und Geschichte – bleibt nur wenig

Zeit, erst Recht, seit er Vorsitzender

seines Kleintiergartenvereins

ist. „Manchmal schimpft meine Frau

mit mir – aber ich glaube, sie ahnt

schon, warum ich das alles mache.“

Tiere und Menschen – das ist eben

sein Ding – immer wieder eine besondere

Verbindung.


„Eines Tages …“ jetzt als DVD

Ein Episodenfilm über Menschen mit Demenz

„Mein Kopf ist ein

Loch …, aber bitte

bring mich nicht

weg“, sagt Hede

zu ihrem Sohn

Leon. Demenz in

unterschiedlichen

Stadien zu erzählen,

das gelingt

dem Spielfilm

„Eines Tages …“,

indem er drei Episoden

geschickt ineinander verschachtelt.

Am Anfang steht der

Architekt, bei dem die ersten Anzeichen

Angst, Verdrängung und

Irritation auslösen. Dann folgt eine

Familie, die erkennen muss, dass

ihre Mutter Hede nicht mehr allein

für sich sorgen

kann. Am Ende

geht es um Margot

und ihren demenziell

erkrankten

Mann Jakob. Zunehmend

spürt die

Ehefrau, dass ihr

eigenes Leben

immer mehr in Vergessenheit

gerät.

Diese Episode mit

Horst Jason und Annekathrin Bürger

wurde im AWO Landhaus in

Winterberg gedreht. Zum Spielfilm

gibt es 12 Themenfilme plus

weitere Materialien auf der

DVD über den Online-Shop:

www.kda.de, 19,90 €.

Lohnt sich zu lesen: Der Buchtipp

100 Jahre und noch genauso eitel

wie früher? Der Berliner Fotograf

Andreas Labes portraitiert in

seinem Buch Menschen über 100.

Zum Beispiel Martha Füllgraf. Die

Berlinerin ist 105 Jahre alt und lebt

bei ihrer Tochter. Martha Füllgraf

achtet immer noch darauf, gut angezogen

zu sein, und hat richtig

Spaß daran, fotografiert zu werden.

Dabei hat sie sehr genaue Vorstellung,

wie das vonstattengehen soll.

Die leidenschaftliche Sportlerin

hat zwei Weltkriege überlebt, als

Buchhalterin gearbeitet, vier Kinder

alleine groß gezogen. Der Fotograf

über seine Begegnungen und Eindrücke:

„Wie man so alt wird? Das

Übliche. Gesund leben, Sport treiben

und so weiter. Man sieht, ob jemand

gut gelebt hat. Ich kann

nicht genau sagen, wie, aber Du

siehst es.“ So alte Gesichter, sagt

der Berliner, hätten immer etwas

Faszinierendes, beinah Unglaubliches,

fast Magisches. Die sensiblen

Einblicke werden von Texten über

die Zukunft des Alterns und die mo-

AWO-PFLEGE PLUS 4/2010 11

Veranstaltungen im

1. Halbjahr 2011:

11. Februar–November 2011

Berufsbegleitende Weiter -

bildung zu Theorie und Praxis

des fachgerechten Einsatzes

von Tieren in der Alten hilfe.

Informationen/Anmeldung:

Tel. 0221/2010-334,

Alfred.Vollmer@caritasnet.de

10.–11. Februar 2011

Workshop: Selbstbestimmt

bis zum Lebensende?

Möglichkeiten und Grenzen der

Patientenverfügung. 2-Tages-

Veranstaltung in Berlin.

Informationen und Anmeldung:

Tel. 030/26309-0,

akademie awo.org,

www.awo.org/bundesakademie

„100 Jahre Leben.“ Portraits und Einsichten von Stefan Schreiber (Hg.) und Andreas Labes

derne Altersforschung begleitet.

Das Vorwort schrieb Giovanni di

Lorenzo. München: DVA 2010

Impressum: Herausgeber: AWO Bezirk Westliches Westfalen e.V., Kronenstraße 63–69, 44139 Dortmund,

Tel. 0231 / 5483-0, E-Mail: seniorenzentren@awo-ww.de, www.awo-ww.de, V.i.S.d.P.: Jörg Richard, Grafik/Satz,

Text/Redaktion: Agentur steinrücke+ich, Köln, www.steinrueckeundich.de, Fotos: G. Oligmüller (Titel, S. 3–6,

10 li.), istockphoto.com (S. 7–9), Woitaschik (S. 10 re.), DVA (S. 11 u.)


Gesundheit tanken an winterlicher See

Erholung garantiert – besondere Angebote für den Urlaub am Meer

Feiner weißer Sand, viel frische Luft und gesundes im Sylt des Ostens: Erholung ist hier im

„Haus am Bodden“ in Zingst auf der gleichnamigen Halbinsel Fischland-Darß-Zingst garantiert.

Das alte Seefahrer- und Fischerdorf ist heute ein Seeheilbad. Und unser Haus liegt nur einen

Katzensprung vom Ortskern, vom Meer und vom Bodden entfernt. Die Komfort-Apartments

verfügen über einen Wohnraum mit Schlafcouch, ein separates Schlafzimmer, Dusche/WC

und sind mit TV sowie einer Küchenzeile ausgestattet.

Unser Angebot für Sie:

Wohltuende Gesundheitswochen von Januar bis April 2011

1-wöchiger Aufenthalt (7 Übernachtungen) inkl. Frühstück und wohltuende Anwendungen.

Im Pauschalpreis sind folgende Leistungen enthalten:

■ 2 x Eintritt für den SPA-Bereich des Hotels Vierjahreszeiten Zingst

inkl. Nutzung des Sauna- und Sportbereichs sowie Schwimmbads

■ 2 x Rückenmassage und 2 x Moorpackung

Der Preis: 1 Person 309 €, 2 Personen 449 € pauschal

(weitere Personen auf Anfrage; Zuschlag im April pauschal 50 €)

Erholung am Meer – besonders für Senioren – bietet auch unser Haus

„Hus up Dün“ auf der Nordsee-Insel Norderney mit seinen Thalasso-Wohlfühl-Wochen

im Januar, Februar und November 2011. Mehr Informationen zu diesen Angeboten erhalten

Sie über die AW Kur und Erholungs GmbH.

Informationen unter

AW Kur und Erholungs GmbH

Tel. 0231/5483-249

service@aw-kur.de

www.aw-kur.de

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