Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-04-07 (Vorschau)

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15

SchweizCHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux €5,30

Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | PolenPLN 27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

7.4.2014|Deutschland €5,00

1 5

4 1 98065 805008

Ein Heft

über

Innovationen

12

Ideen für ein

modernes

Deutschland

8

Erfinder über

die beste Idee

ihres Lebens

9

Gewinner des

Deutschen

Innovationspreises

50

innovative

deutsche

Mittelständler

und ihre

Erfolgsrezepte

5

Methoden, die

Bargeld

überflüssig

machen werden

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Einblick

Rettet uns das Kinderwahlrecht aus der verkalkten

Altenrepublik? Welche Innovationen brauchen wir,

was sind die Trends? Von Roland Tichy

Deutschland im Stau

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wie innovationsfähig ist

Deutschland? Die angesehene

US-Universität MIT bescheinigt

Deutschland, dass

hier die weltweit modernsten Produktionsverfahren

zu Hause sind – die Unternehmen

profitieren von einem Ökosystem,

das aus firmenübergreifenden

Kooperationsbeziehungen, tief gestaffelten

Zuliefer-Netzwerken, Dienstleistern,

aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen

und Universitäten besteht. Innovation

ist nicht die geniale Idee eines einsamen

Daniel Düsentriebs, sondern das

erfolgreiche Zusammenspiel vieler, die

gemeinsam die Grenze des schon Erreichten

hinausschieben. Mit diesem Heft

vergibt die WirtschaftsWoche gemeinsam

mit Evonik, Accenture und EnBW den

Deutschen Innovationspreis für solche

herausragenden Leistungen. In der heraufziehenden

„Industrie 4.0“ wächst die

Welt der Fertigung mit der Welt der Daten

zusammen. Das „Internet der Dinge“ entsteht,

indem Produktionsanlagen in Echtzeit

auf Nachfrageimpulse reagieren, die

am anderen Ende der Welt ausgesandt

werden. Gerade kleinere Unternehmen

sind Treiber und Gewinner. Die Giganten

der Industrie konnten die Vorteile der

Massenproduktion ausspielen. Jetzt aber

schrumpfen die Losgrößen. Wer bislang

in einer Nische viele Varianten in kleiner

Stückzahl fertigte, wechselt vorwärts – zurück

zum Werkstück, jedes ein Meisterstück,

zugeschnitten auf einen ganz speziellen

Kundenwunsch.

Dafür braucht man erstens Daten, zweitens

Daten und drittens Daten – für Information,

Fernüberwachung, ständige

Kontrolle; Umrüstzeiten müssen auf Sekunden

verkürzt werden. Big Data, das

Schreckenswort der Feuilletons, wird zum

Allzweckwerkzeug. Ungeheure Mengen an

Informationen müssen gesammelt, verarbeitet,

transportiert und vernetzt werden –

zur Totalsteuerung der Produktion und aller

Prozesse davor und danach. Die digitale

Transformation ist mehr als E-Commerce,

viel mehr: Bald wird meine

Lesebrille beim Verfassen des Einblicks

überflüssig sein, weil mein Bildschirm

seine Schriftgröße meiner Sehschärfe anpasst.

Die deutsche Wirtschaft steht gut

da – doch sie leidet darunter, dass der

Kompetenz-Graben zwischen dem wissenschaftlich-industriellen

und dem politischen

Sektor immer größer wird. Die Bildungseinrichtungen

halten nicht Schritt;

die Infrastruktur verfällt, obwohl Straßenwie

Kommunikationsnetze für diese ins

Kleinste zerstückelten und immer wieder

neu zusammengesetzten Prozesse Grundvoraussetzung

sind. Der Fortschritt steckt

im Stau.

STAATLICHE BREMSER

Eine naive Wissenschaftspolitik will zurück

ins 19. Jahrhundert – zu staatlich geförderten

Prestigeprojekten wie alternative Energieformen.

Sie sollen der Energiepolitik

aus der Sackgasse helfen, in die sie sich

selbst verfahren hat. Aber viele Beispiele

zeigen: So entstehen nur künstlich ernährte

Biotope beamteter Wissenschaftler, die

sich von der Entwicklung da draußen abschotten,

statt sie zu treiben.

Während die Wirtschaft nach vorne

drängt, schaut die Politik mit verklärtem

Gesicht in die Abendsonne des Sozialstaats

von gestern: Verkürzt rabiat den Renteneintritt

wieder auf 63 Jahre, obwohl wir 40

Lebensjahre gewonnen haben. Statt Individualisierung

werden wieder kollektive Lösungen

und Verstaatlichung gepredigt. Das

sind Phänotypen staatlichen Handelns, die

schon lange nicht mehr passen. Staatliche

Reformprojekte fressen Ressourcen und

bleiben dann stecken. Andere Länder sind

da viel weiter: Gesundheitskarten vermeiden

doppelte und dreifache Untersuchungen.

Längst wissen die tausend Ämter alles

über uns – und doch müssen wir demütig

durch ihre Tore pilgern, um einen simplen

Ausweis oder eine Bescheinigung gnädig

herabgereicht zu bekommen.

Hilft gegen die Herrschaft der verknöcherten

Alten, die für ihresgleichen Politik

machen, ein Wahlrecht für Kinder? Vielleicht.

Es ist jedenfalls ein Ansatz, um den

verkalkten Betrieb der Politik und Verwaltung

neu zu denken.

n

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Der Marsionar Elon Musk

8 Zalando: Zu viel Chemie in Schuhen

9 Air Berlin: Brüssel untersucht Etihad-Deal |

PwC: Neueinstellungen nach Booz-Fusion

10 Interview: LinkedIn-Gründer Konstantin

Guericke sagt, was deutschen Start-ups fehlt

12 Deutsche Börse: Ärger wegen Gaddafi |

Blacklane: Taxi-Streit um Smarts |

Drei Fragen zur Energiewende

14 Schifffahrt:Ex-Karstadt-Chef verlässt Anti-

Piraterie-Unternehmen | Nestlé: Teekapseln

verschwunden | Volkswagen: US-Millionenofferte

für Verzicht auf Betriebsrat

16 Chefsessel | Start-up Kinematics

18 Chefbüro Cornelia Rudloff-Schäffer,

Präsidentin des Deutschen Patent- und

Markenamtes

Schwerpunktthema

Innovationen

Die Hannover Messe und die Gewinner des

Deutschen Innovationspreises zeigen,

was kluge Köpfe zustande bringen, wenn sie

gute Ideen nicht lange diskutieren müssen,

sondern zügig realisieren können. Während

die Wirtschaft mutig voranschreitet,

zaudert die Politik und bremst so den Fortschritt.

Ein Heft über Innovationen in

Wirtschaft und Gesellschaft.

Zu Ihrer Orientierung haben wir die dazugehörigen

Themen optisch hervorgehoben.

Politik&Weltwirtschaft

20 Deutschland Zwölf Ideen, die unser Land

weiterbringen

26 Unternehmertum Wie die Bundesregierung

das Gründungsklima verbessern will

30 Interview: Rüdiger Bachmann Der

Professor findet deutsche Unis provinziell

34 Innovationen Woran Erfindungen häufig

scheitern – selbst wenn sie gut sind

37 Paris intern

Der Volkswirt

38 Nachgefragt: Frank-Jürgen Weise

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit

erwartet ein gutes Jahr für den Arbeitsmarkt

42 Denkfabrik Ansgar Belke und Daniel Gros

werfen der Europäischen Zentralbank vor,

Ungleichgewichte zu verstärken

Unternehmen&Märkte

44 Innovations-Ranking Eine Exklusiv-Studie

kürt die erfindungsreichsten Mittelständler

in Deutschland

52 Interview Frédéric Oudéa Der Vorstandschef

der Société Générale will die Finanzkrise

möglichst schnell abhaken

56 Uniqlo Der japanische Moderiese drängt

nach Deutschland und will Zara überholen

60 Boston Consulting Group Ramponiert

Deutschland-Chef Carsten Kratz Identität

und Zukunft der Elitetruppe?

63 Mobilfunk Die Fusion von O2 und E-Plus

könnte den Wettbewerb schwächen und die

Preise steigen lassen | Interview: Telekom-

Austria-Chef Hannes Ametsreiter will den

Wettbewerb beschränken

66 Energiewende Sonne, Wind und Biomasse

– die Gewinner und Verlierer der geplanten

EEG-Reform

68 Spezial Hannover Messe Mittelständler

treiben die industrielle Revolution voran |

So funktioniert die Fabrik der Zukunft

12 Ideen

für unser

Land

Politik In Deutschland

regiert der

Kompromiss. Das

sorgt für Ruhe, ist

aber selten wirklich

gut. Wo es sich lohnt,

auch mal eine klare

Entscheidung zu

treffen, lesen Sie ab

Seite 20

Total

kreativ

Unternehmen Eine

Exklusiv-Studie der

WirtschaftsWoche

kürt Deutschlands

innovativste Mittelständler.

Sieger ist

die Medizintechnikfirma

Karl Storz der

76-jährigen Matriarchin

Sybill Storz.

Seite 44

4 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 15, 7.4.2014

Wer hat’s

erfunden?

Erfolg Ihre Produkte

und Ideen kennt fast

jeder. Doch wer steckt

eigentlich hinter

Bestsellern wie dem

Brettspiel Die Siedler

von Catan? Erfinder

Klaus Teuber und

sieben weitere

Kreative im Porträt.

Seite 88

So zahlen

wir bald

Geld Münzen sind

den Deutschen lieb

und teuer. Doch Einkäufe

sind zunehmend

ohne Bargeld

möglich. Wir stellen

neue Zahlsysteme,

ihre Chancen und

die Technologien

von morgen vor.

Seite 96

Kreativ mit

System

Technik Muskeln

aus Draht, Körperscanner

aus Licht,

Intelligenz aus der

Atomphysik:Wie die

Produkte der Sieger

und Nominierten

des Deutschen Innovationspreises

unser

Leben verändern.

Seite 76

Technik&Wissen

76 Wettbewerb Vom Geistesblitz zum ausgezeichneten

Produkt:Sieger und Nominierte

des Deutschen Innovationspreises zeigen,

wie das geht

Management&Erfolg

88 Die Idee meines Lebens Ob Kaffeekapseln,

Textmarker oder ein Regal namens Billy:

Produkte wie diese haben unseren Alltag

verändert – aber wer sind die kreativen

Köpfe dahinter? Acht Erfinder im Porträt

Geld&Börse

96 Bezahlen Die Deutschen hängen am Bargeld,

Handel und Finanzinstitute treiben

neue Technologien voran. Was heute schon

bargeldlos geht, wie wir morgen bezahlen

102 Privatkredite online Was taugt die Idee der

drei Samwer-Brüder?

104 Fairvesta Die Immobilienfondsgesellschaft

verspricht Anlegern zweistellige Renditen,

doch Zweifel am Geschäftsmodell wachsen

108 Steuern und Recht Beraterhaftung | Solarstrom-Umlage

| Dienstwagen | Quellensteuer

bei Auslandsdividenden | Möbelkauf

110 Geldwoche Kommentar: Hochfrequenzhändler

sind unnötig | Trend: Dax-Gewinnprognosen

| Dax-Aktien: Deutsche Börse |

Hitliste: China | Aktien: Hewlett-Packard,

Enagás | Zertifikat: Euro/Dollar Short |

Anleihe: Norwegen | Investmentfonds:

iShares MSCI World

Perspektiven&Debatte

116 Design Technische Innovationen erweitern

die Gestaltungsmöglichkeiten

118 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 120 Leserforum,

121 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal mit Video-Porträts über

die Gewinner des Deutschen

Innovationspreises 2014.

Und wie manche

Menschen einfach ihre

eigene Ersatzwährung

drucken.

wiwo.de/apps

n Afghanistan Rund zwölf Millionen

Afghanen sind jetzt dazu aufgerufen,

einen neuen Präsidenten zu wählen.

Das Land steht vor einer unsicheren

Zukunft. wiwo.de/afghanistan

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

FOTOS: VARIO IMAGES, STEFAN THOMAS KROEGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BILDFOLIO/BERT BOSTELMANN,

ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; ILLUSTRATION: KARSTEN PETRAT

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 5

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Seitenblick

Der Marsionar

Elon Musk | Kein anderer Unternehmer packt so viele Projekte

an, die als unmöglich gelten. Sein größtes Ziel: Flug zum Mars.

1

3

5

Zip2

Gründung: 1995

Die Innovation: Zip2 war ein

Online-Stadtführer. 1999 kaufte

ihn der PC-Bauer Compaq für 307

Millionen Dollar. Musk kassierte

davon 22 Millionen Dollar.

1|PayPal

Gründung: 1999 als X.com

Die Innovation: Musk erfand eine

Methode, mit der sich per E-Mail-

Adresse Geld transferieren lässt.

2000 taufte er die Firma PayPal.

Ebay kaufte PayPal 2002 für 1,5

Milliarden Dollar.

2|SpaceX

Gründung: 2002

Die Innovation: SpaceX ist ein privates

Raumfahrtunternehmen, das

wiederverwendbare Raketen und

Raumkapseln baut und betreibt.

Musk transportiert etwa Vorräte

zur Weltraumstation ISS.

Im Herbst will er die

bisher größte

Rakete der Welt

starten. Ultimatives

Ziel: der

Mars.

+ Zum Starten der Videos

die QR-Codes mit dem

Smartphone scannen

2

4

3|Tesla Motors

Gründung: 2003

Die Innovation: Musk entwickelte

den ersten in Serie gebauten

Elektrosportwagen der Welt. 2008

führte er den Tesla Roadster ein.

In vielen amerikanischen Städten

hat Teslas neue E-Limousine

Model S bei den Verkäufen BMW

und Mercedes überholt.

4|SolarCity

Gründung: 2006

Die Innovation: SolarCity installiert

Solaranlagen. Musk bietet US-Kunden

ein Rundum-sorglos-Paket. Sie

zahlen nur den Strom, Installation

und Wartung sind inklusive. Solar-

City schloss dafür Finanzkooperationen

mit Banken und Google ab.

5|Hyperloop

Idee: 2011

Die Innovation: ein Transportsystem

schneller und billiger als Bahn

und Flugzeug. In einer fast luftleeren

Röhre sollen Wagen auf 1220

Stundenkilometer beschleunigen.

Gigafactory

Vorgestellt: 2014

Die Innovation: Die weltgrößte

Batteriefabrik soll 2020 in Betrieb

gehen. Kosten: 5 Milliarden Dollar.

6 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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MUSK, 42

Schon mit zwölf Jahren programmierte

der gebürtige

Südafrikaner ein Videospiel.

Später studierte er im kanadischen

Ontario und an der

amerikanischen University of

Pennsylvania Wirtschaft und

Physik. In Stanford wollte er

promovieren, warf aber hin,

um ein Start-up zu gründen. Er

leitet heute Tesla und SpaceX

und ist Mitglied der Mars-Society,

ihr Ziel ist die Kolonialisierung

des roten Planeten.

FOTOS: PHOTO BY BENJAMIN LOWY/CONTOUR BY GETTY IMAGES, DDP IMAGES (2), AGENTUR FOCUS/SPL, PR (2)

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 7

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Menschen der Wirtschaft

Untersuchung zog

sich monatelang hin

Zalando-Chefs

Rubin Ritter,

David Schneider,

Robert Gentz

ZALANDO

Heiße Sohle

Wegen zu hoher Chrom-VI-Werte in

Schuhen prüft das Management des

Online-Händlers einen Produkt-Rückruf

und muss Informationspannen beheben.

Der Berliner Online-Modehändler Zalando prüft

den Rückruf von mehreren Schuhmodellen. Nach

Informationen der WirtschaftsWoche wurden bei

einer amtlichen Analyse der Schuhe durch das Landeslabor

Berlin-Brandenburg teilweise deutlich erhöhte

Werte der Chemikalie Chrom VI festgestellt.

Der Stoff kann lebenslange Allergien auslösen. Bei

den überprüften Schuhen wurde die zulässige

Höchstgrenze teilweise um mehr als das 13-Fache

überschritten. Betroffen sind einzelne Damenschuhmodelle

der Zalando-Eigenmarken „Zign“,

„Pier One“, „Taupage“ und „Zalando Collection“.

Sie sollen von Herstellern aus Italien, Spanien und

Taiwan stammen. Das zuständige Veterinär- und

Lebensmittelamt Teltow-Fläming teilte Zalando in

einem Schreiben vom 24. März mit, dass die beanstandeten

„Artikel nicht in den Verkehr gebracht

werden“ dürfen.

„Wir haben unverzüglich alle Vorkehrungen für

einen Rückruf eingeleitet“, sagt ein Zalando-Sprecher

dazu. Derzeit würden die Ergebnisse einer

toxikologischen Analyse abgewartet, die Anfang

der Woche vorliegen soll. Sollte der Befund eine

Gesundheitsgefahr belegen, „werden wir Kunden

sofort um Rücksendung der Produkte bitten und

das Geld erstatten“. Insgesamt wurden von Zalando

rund 1500 Schuhpaare der beanstandeten Modelle

verkauft. Inzwischen sei deren Vertrieb gestoppt

worden, die Modelle im Lagerbestand seien identifiziert

worden, sagt der Firmensprecher. Intern gilt

das Auffinden der Restposten jedoch als schwierig.

Chrom VI wird häufig in Lederprodukten nachgewiesen.

In der Branche wirft deshalb weniger der

mögliche Rückruf als der zeitliche Ablauf Fragen

auf. So wurden die entsprechenden Proben schon

vor einem halben Jahr im Zalando-Outlet in Berlin

entnommen. Die anschließenden Untersuchungen

zogen sich über Monate hin, zudem wechselten die

Zuständigkeiten zwischen Ämtern in Berlin und

Brandenburg. Heikel ist der Vorgang aber vor allem

für Zalando: In der Regel lassen Bekleidungshändler

und -hersteller bereits parallel zu den amtlichen

Untersuchungen Gegenproben der Waren testen –

auch um Kunden möglichst rasch informieren zu

können. Bei Zalando lief es in diesem Fall anders:

So sollen Informationen über die Kontrollen weder

von den Outlet-Mitarbeitern noch vom Lager, aus

dem das Outlet beliefert wird, an die Zentrale in

Berlin weitergeleitet worden sein. Darum hätten im

Vorfeld keine eigenen Untersuchungen stattgefunden,

so ein Zalando-Sprecher. „In Zukunft wird das

Führungspersonal im Outlet und im Logistikzentrum

auf die korrekte Weiterleitung sensibilisiert.“

henryk.hielscher@wiwo.de

Gefährliche Produkte

Anteil derWarengruppen

an den EUweiten

Warnmeldungen

(in Prozent)

Bekleidung,

Textilien und

Schuhe

Spielzeug

Elektrogeräte

Fahrzeuge

Kosmetika

Sonstiges

4

8

11

19

Quelle: EU-Kommission, Rapex,

Stand: 2012

34

24

8 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR, HERMANN BREDEHORST, GETTY IMAGES/WIRE IMAGES/TIM MOSENFELDER

AIR BERLIN

Gegenwind aus Brüssel

Etihad-Chef James Hogan muss

wohl seinen Plan zu Air Berlin

ändern. Die Bundesregierung

hat ihm trotz intensiver Fürsprache

von Lobbyisten bisher

nicht zugestimmt. Die EU-

Kommission hat eine formelle

Untersuchung der Etihad-

Beteiligungen eingeleitet.

Schon Anfang der Woche hatte

Matthias Ruete, in der EU-Kommission

Generaldirektor Transport,

schärfere Kontrollen von

Expansionsplänen der Fluggesellschaften

gefordert. „Es gab

in den vergangenen Jahren einige

Fälle, in denen wir die Staaten

warnen mussten. Darum

ziehen wir jetzt die Daumenschrauben

an“, sagte Ruete am

Rande einer Veranstaltung.

Die Mehrheit einer europäischen

Fluggesellschaft muss bei

europäischen Investoren liegen.

Die arabische Fluggesellschaft

Etihad will deshalb ihren

Anteil an Air Berlin nur von

knapp 30 auf 49 Prozent aufstocken.

Die anderen Anteile sollen

deutsche Altaktionäre halten

halten, die der Fluglinie aus

Abu Dhabi wohlgesonnen sind,

Etihad baut auf ihn

Ex-Air-Berlin-Chef Hunold

darunter Ex-Air-Berlin-Chef

Joachim Hunold, Hans-Joachim

Knieps, Severin Schulte

vom Hausgerätehersteller Severin

und der Reisekonzern TUI.

Ob das Konzept aufgeht, ist

fraglich. Schon warnt die EU-

Kommission, eine Übernahme

sei auch dann zu untersagen,

wenn ein Minderheitseigentümer

im Alltagsgeschäft faktisch

die Kontrolle ausübe. Das ist

laut EU-Verordnung 1008 etwa

dann der Fall, wenn dieser Anteilseigner

das Unternehmen

spürbar mitfinanziere und darüber

hinaus eine Änderung

der Strategie zu seinen Gunsten

herbeiführt.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Aufgeschnappt

Musik I Die US-Sängerin Miley

Cyrus zeigt gern ihre Zunge,

doch bald streckt ihr wohl Wladimir

Putin seine Zunge heraus.

Im Mai und Juni

wollte Cyrus

in Finnland

mit Stars wie

Justin Timberlake

auftreten. Die

ausverkauften

Konzerte könnten

jedoch

Opfer der US-

Sanktionen

gegen Russland

werden – die

Halle gehört drei

Russen, die auf

Obamas Schwarzer

Liste stehen.

Musik II Der Wu-Tang Clan

gehört zu den bekanntesten

Hip-Hop-Gruppen. Vom neuem

Album gibt es aber nur ein

Exemplar, es soll in einer silbernen

Schatulle für mehrere Millionen

Dollar verkauft werden.

Sonst wird das Werk nur live in

Museen und Galerien zu hören

sein. Wohl per Kopfhörer, damit

keine Kopien entstehen. Das

soll die Debatte über den Wert

von Musik befeuern – und ist

cleveres Marketing für ein weiteres

Album im Sommer.

PWC

Mehr Jobs

Wirtschaftsprüfer Norbert

Winkeljohann und Unternehmensberater

Klaus-Peter

Gushurst gehen gemeinsam

auf Klientenfang. Das weltgrößte

Prüfernetzwerk PwC mit

rund 190 000 Mitarbeitern

schluckt das Beratungshaus

Booz & Co. mit 3000 Mann,

weil das klassische Geschäft

mit den jährlichen Bilanzchecks

stark unter Preisdruck

steht. „Zusammen wollen wir

auf dem deutschen Markt deutlich

über 500 Millionen Euro

Beratungsumsatz jährlich erzielen“,

sagt PwC-Deutschland-

Chef Winkeljohann. PwC erzielte

hierzulande zuletzt 357

Millionen Euro Beratungsumsatz,

Booz veröffentlicht keine

Zahlen. Weltweit machen beide

zehn Milliarden Dollar Umsatz

mit Beratung.

Der Prüfungsriese will im

kommenden Geschäftsjahr in

Deutschland 1050 neue Mitarbeiter

einstellen. Die Ex-Booz-

Leute führt PwC in einem

Schwesterunternehmen erst

mal an der langen Leine. Das

soll den Strategievordenkern eine

Kollision mit den bürokratieaffinen

PwC-Prüfern ersparen.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

Wo die Deutschen ins Schwitzen kommen

Die führenden Fitness-Studios

in Deutschland*

Alter der Studiokunden

in Deutschland*

27,7 %

22,6%

20,3%

12,0%

8,4% 9,1%

Studiokette:

Mitglieder:

Anlagen:

McFit Fitness First clever fit Kieser Training Injoy

1004000 270000 245000 236000 204000

161 88 149 115 160

unter 19

20–29 30–39 40–49 50–59 über 60

Jahre

*2013; Quelle: Deloitte, DSSV, DHfPG

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Kreativität

Ursprünglich war

Kreativität ein exklusiv

dem Allmächtigen

vorbehaltenes Talent,

das zunächst nur auf

die Genies der schönen

Künste überging.

Inzwischen gehört es

bekanntlich schon zum

Regelanforderungsprofil

eines jeden

Ferienpraktikanten.

Der Schöpfergeist jeder

menschlichen Kreatur

ist folglich heute nicht

mehr gefährliche

Gotteslästerung,

sondern – namentlich

für Steuerjuristen –

eine elementare

Grundlage der

ökonomischen

Existenz in unserer

fortschrittlichen

Zivilisation.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Konstantin Guericke

»Deutschland ist

nicht der beste Markt«

Der LinkedIn-Gründer kritisiert die starke

Fokussierung deutscher Start-ups auf ihre Heimat.

Staatliche Hilfen hält er für wenig effektiv.

Herr Guericke, Deutschland

hinkt dem Silicon Valley hinterher.

Was muss die Bundesregierung

tun, damit es hier mehr

erfolgreiche Start-ups gibt?

Ich glaube gar nicht, dass die

Politik eine große Rolle spielt.

Jedes Jahr werden zwei oder

drei richtig gute Firmen gegründet,

egal, welche Förderprogramme

aufgelegt werden.

Eine steuerliche Förderung für

Risikokapitalgeber würde also

nicht viel bringen?

Die zwei guten Ideen gibt es

auch ohne Steuererleichterungen.

Und wenn Sie die als Investor

finden, ist es auch egal, wie

viel Steuern Sie dabei zahlen.

Woran machen Sie die zwei

guten Ideen fest?

Die Messlatte ist eine Bewertung

von einer Milliarde Dollar.

Werden Sie fündig? Zuletzt

wurde diskutiert, ob die

Berliner Start-ups nur ein

Hype sind?

Sicher gibt es noch keinen Welterfolg

aus Berlin. Doch einige

haben das Potenzial dazu.

Soundcloud oder 6Wunderkinder.

Deren App Wunderlist hat

inzwischen mehr Nutzer in den

USA als in Deutschland.

Trotzdem bezweifeln manche,

dass diese Unternehmen viel

Geld verdienen können.

Es ist eine Grundsatzdiskussion,

ob man erst versucht, viele

Nutzer zu bekommen oder diese

gleich zu monetarisieren.

Was raten Sie?

Es gibt keine eindeutige Antwort.

Deutsche versuchen früher,

Geld zu verdienen. Das

kann das Wachstum bremsen,

wie man bei Xing gesehen hat.

Was unterscheidet die deutschen

noch von US-Start-ups?

Hier sind die Teams schon in

der Frühphase sehr groß, auch

weil Arbeitskräfte in Städten

wie Berlin günstiger sind.

Doch WhatsApp oder Instagram

haben gezeigt, dass man

nur einige gute Ingenieure

braucht. Dafür sollten die Startups

nicht so mit Aktienoptionen

geizen.

DER NETZWERKER

Guericke, 46, war 2002 Mitgründer

des Business-Netzwerks

LinkedIn und dort bis 2006 Marketing-Chef.

Er ist nun Partner

der Berliner Wagniskapitalgesellschaft

Earlybird, die er

schon seit zwei Jahren berät.

Warum?

In den USA hat jeder Optionen,

hier haben es oft nur die Gründer

und Geschäftsführer. Doch

dann benehmen sich die Mitarbeiter

auch wie Mitarbeiter und

nicht wie Miteigentümer.

Liegt das daran, dass es hier

weniger Börsengänge gibt?

Vor allem an der Größe der

Exits, das kann ja auch ein Verkauf

sein. Wenn Gründer davon

ausgehen, dass am Ende dabei

20 oder 30 Millionen herauskommen,

muss natürlich der eigene

Anteil größer sein, damit

es sich lohnt. Wobei man auch

sagen muss, dass sich Start-ups

finanziell nicht lohnen. Die

Chancen, dass es sich auszahlt,

sind gering. Wem es ums Geldverdienen

geht, der sollte also

eher in den Finanzsektor oder

zu Dax-Konzernen gehen.

In welchen Bereichen suchen

Sie derzeit Investments?

Wir gucken nicht nach Segmenten,

die Dichte der Start-ups ist

einfach noch nicht so hoch,

dass man sich das leisten kann.

Viele fokussieren sich auch zu

stark auf Deutschland. Damit

zieht man einen leichten Markt

vor und schiebt den schwierigsten

vor sich her. Der ist dann oft

kaum noch zu erobern.

Gründer sollten also gleich die

USA anpeilen?

Man muss dahin gehen, wo der

Markt am bereitesten ist, alles

andere ist Zeitverschwendung.

Außerdem ist Deutschland

nicht der beste Markt, um mit

Neuerungen zu starten. Die

Konsumenten hier sind eher

zögerlich. Sie fragen erst, ob

man neue Produkte wirklich

braucht, oder haben Bedenken

wegen der Privatsphäre. Ich suche

daher Start-ups mit globalen

Ambitionen.

Und wann kommt endlich

ein großer Exit aus Deutschland?

Da muss man Geduld haben,

vieles wird man erst in fünf oder

auch zehn Jahren sehen. Auch

bei LinkedIn hat es bis zum Börsengang

zehn Jahre gedauert.

oliver.voss@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: PR

10 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

DEUTSCHE BÖRSE

Spur führt zu Gaddafi

Geschäfte mit dem Iran haben

Reto Francioni, dem Chef der

Deutschen Börse, neuen Ärger

in den USA eingehandelt. Die

Börsentochter Clearstream soll

2008 US-Sanktionen umgangen

haben, indem sie Wertpapiere

der iranischen Zentralbank im

Wert von mehreren Milliarden

Dollar auf ein Konto bei einer

europäischen Bank transferiert

hat. Die Staatsanwaltschaft in

New York hat strafrechtliche Ermittlungen

eingeleitet. Sie prüfe

mögliche Verstöße gegen Geldwäsche-

und Sanktionsvorschriften,

teilte die Börse mit.

Nach Informationen der

WirtschaftsWoche handelt es

sich bei dem europäischen Institut

um die italienisch-libysche

Bank UBAE. Das bestätigte

ein Insider, die Börse wollte sich

nicht äußern, UBAE hat Fragen

MIETWAGEN

Streit um

Smarts

Daimler war begeistert. Schon

im Dezember investierte der

Autokonzern über seine Tochter

Daimler Mobility Services

einen zweistelligen Millionenbetrag

in das junge Berliner

Mietwagen-Unternehmen

Blacklane. Berlins Taxifahrer

beschimpfen es jetzt als

„Drecksfirma“. Grund ist die

jüngste Idee der beiden Firmengründer

Jens Wohltorf

und Frank Steuer. Sie bieten

nicht nur Limousinen mit

Chauffeur an, sondern neuerdings

auch Smarts – selbstverständlich

mit Fahrer.

Die Konkurrenten werfen

den Jungunternehmern Rechtsbruch

vor. Denn laut Verordnung

müssen Taxis und Mietwagen

auf der rechten Seite

mindestens zwei Türen haben.

Ärger in den USA

Börsenchef Francioni

der WirtschaftsWoche nicht beantwortet.

UBAE sitzt in Rom,

gehört aber bis heute über die

Libyan Foreign Bank mehrheitlich

der libyschen Zentralbank.

Die galt als Privatbank des Ex-

Diktators Muammar al-Gaddafi,

der 2011 ermordet wurde.

Clearstream ist ein Zentralverwahrer,

der Konzern lagert

für Banken Wertpapiere und

rechnet Handelsgeschäfte ab.

Taxifahrer in Aufruhr

Gründer Steuer und Wohltorf

Clearstream musste Beziehungen

zu iranischen Kunden aufgrund

schärferer US-Sanktionen

gegen das Regime

aufgeben. Dabei könnte die Börsentochter

Fehler gemacht haben.

„Dieses neue Konto hat der

iranischen Zentralbank weiterhin

Zugriff auf die Wertpapiere

über Clearstreams Konten in

den USA ermöglicht“, heißt es

beim Office of Foreign Assets

Control (OFAC), das für die US-

Regierung ausländische Konten

überwacht. Clearstream müsse

gewusst haben, dass die iranische

Zentralbank die wirtschaftliche

Berechtigung an den Papieren

behalten habe.

Eigentlich hatte die Börse den

Fall im Januar für abgeschlossen

erklärt. Clearstream hatte einen

Vergleich mit dem OFAC geschlossen

und knapp 152 Millionen

Dollar gezahlt. Mit dem

Vergleich aber gilt Clearstream

nicht als rechtskräftig verurteilt.

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

Brandenburg bleibt nicht untätig:

Er bildet seine Mitglieder

seit Kurzem zu VIP-Fahrern

aus; sie sollen freundlicher

sein. Zudem fordert Verbandsvorstand

Boto Töpfer das Landesamt

auf, die Mietwagen

schärfer zu kontrollieren. Deren

Fahrer dürfen nämlich

nicht nach Fahrgästen am Straßenrand

Ausschau halten – es

sei denn, sie erhalten unterwegs

per Telefon einen Auftrag.

Genau das ermöglicht Blacklane

mit seiner App.

jens.toennesmann@wiwo.de

DREI FRAGEN...

...zur Energiewende

Andreas

Löschel

42, Chef der

Monitoring-

Kommission

Energiewende

der Regierung

Das Start-up beruft sich indes

auf eine Sondergenehmigung

des Berliner Landesamts für

Bürger- und Ordnungsangelegenheiten:

„Wir haben eine

Ausnahme genehmigt, weil

Smarts bauartbedingt keine

Rücksitzbank aufweisen und

deswegen alle Fahrgäste die

Fahrzeuge sicher besteigen und

verlassen können – auch ohne

zweite Tür auf der rechten Seite.“

Der Taxiverband Berlinn

Bund und Länder haben

sich auf Abstriche bei der

Förderung erneuerbarer

Energien geeinigt. Ist das

sinnvoll?

Das Ziel war, den Umbau der

Energieversorgung effizienter

zu gestalten. Das ist richtig, es

wurde aber vieles aufgeweicht.

Jede Energieart wird

speziell gefördert. Ziel muss

aber sein, die Erneuerbaren

rasch an den Markt zu bringen

und alles besser mit dem

Netzausbau zu verbinden. Es

wird sonst schlicht zu teuer.

n Strom wird noch teurer?

Die Kosten für Endverbraucher

steigen seit zehn Jahren,

und alle Indikatoren zeigen

weiter stark nach oben. Die

Dynamik wird nur etwas abgeflacht.

Die Strompreise werden

wieder nach oben gehen,

wenn die Windparks auf See

ans Netz gehen oder wenn

herkömmliche Kraftwerke

umfassender gefördert werden

sollten. Auch der Netzausbau

wird noch teuer. Bei

der Umlage für Erneuerbare

ist nicht bei sechseinhalb Cent

Schluss. Die könnte in fünf

Jahren um zwei Cent steigen.

n Was muss die Regierung

jetzt vorrangig für die Energiewende

tun?

Es fehlt die langfristige Perspektive.

Wo will man in zehn

Jahren hin? Sinnvoll wäre,

erneuerbaren Energien eine

einheitliche, fixe Prämie auf

den Strompreis zuzugestehen.

Dann bestehen die, die

am ehesten marktfähig sind.

(Siehe auch Seite 66.)

cordula.tutt@wiwo.de | Berlin

FOTOS: CORBIS/HORACIO VILLALOBOS, PR

12 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

PIRATENSCHUTZ

Ex-Chef von

Karstadt geht

Es war ein kurzes Engagement:

Im vergangenen Jahr beteiligte

sich der frühere KarstadtQuelle-Chef

Wolfgang Urban über

die Gesellschaft Fris Investment

an dem deutschen Sicherheitsunternehmen

SeaControl 360°,

das Schiffe und Offshore-Anlagen

vor Piraten schützen will.

„Wir wollen Marktführer in

Deutschland werden“, kündigte

Geschäftsführer Marcus Ryll im

Januar an. Jetzt zieht sich Urban

wieder zurück. Das Darlehen

von 280 000 Euro, das er Sea-

Control gewährte, lässt er stehen.

„Ich betrachte mich als

Business Angel“, sagt Urban.

Er hat sich aber die Option

gesichert, im nächsten Jahr

wieder einzusteigen, wenn das

Geschäft läuft. Derzeit baut Ryll

das Unternehmen um, will von

Cuxhaven nach Berlin umziehen

und einen Nachfolger als

Geschäftsführer einstellen.

SeaControl 360° gehört jetzt

der MR Handelsgesellschaft.

Hinter ihr stehen Ryll und

Thorsten Mehles. Beide arbeiteten

schon beim Sicherheitsunternehmen

Prevent zusammen,

das wegen seiner Ermittlungsmethoden

bei der HSH Nordbank

in die Kritik geraten war.

hermann.olbermann@wiwo.de

NESTLÉ

Teekapseln

weggeräumt

Kaffee in Kapseln war für Nestlé

eine der lukrativsten Neuheiten

der letzten Jahre. Der Versuch,

den Erfolg mit Tee zu wiederholen,

gestaltet sich jedoch

schwieriger. Vor anderthalb

Jahren wurden in Deutschland

unter der Marke Special.T Maschinen

eingeführt, die Tee in

Kapseln zubereiten. Doch im

07.04. Indien Rund 814 Millionen Inder sind von Montag

an aufgerufen, ein neues Parlament zu wählen. Sie

haben dafür bis zum 12. Mai Zeit. Erst dann schließen

die Wahllokale. In einem Punkt sind sich die

meisten Inder einig: Das Land muss sich ändern.

08.04. Bundeshaushalt Der Bundestag berät am Dienstag

in erster Lesung den Bundeshaushalt 2014. Er

sieht Ausgaben des Bundes von 298,5 Milliarden

Euro vor und eine Nettokreditaufnahme von 6,5

Milliarden Euro.

Konjunktur Der Internationale Währungsfonds

veröffentlicht seinen halbjährlichen Ausblick auf

die Weltwirtschaft. Im Januar prognostizierte er für

2014 ein Wachstum von 3,7 Prozent und für 2015

ein Plus von 3,9 Prozent.

Vorratsspeicherung Der Europäische Gerichtshof

entscheidet, ob die Daten von Telefon- und Internet-Verbindungen

der Bürger ohne konkreten Anlass

gespeichert werden dürfen.

09.04. Energiewende EU-Wettbewerbskommissar legt

am Mittwoch Leitlinien für Energie und Klimaschutz

vor. Sie geben auch Aufschluss darüber,

welche Unternehmen vom Aufschlag zur Subventionierung

des Ökostroms befreit werden dürfen.

13.04. Klimawandel Der Weltklimarat IPCC präsentiert

am Sonntag den dritten Teil des neuen Weltklimaberichts.

Darin will er Maßnahmen gegen den Klimawandel

aufzeigen. Der erste Teil des Berichts

erschien im September, der zweite im März.

vergangenen Monat sind die

Werbe- und Verkaufsflächen in

den hiesigen Nespresso-Läden

verschwunden. Sie seien nur für

eine begrenzte Zeit geplant gewesen,

erklärt Nestlé, Special.T

werde nur im Internet verkauft.

Doch nur rund 15 000 Personen

besuchen nach Zahlen des

Online-Marktforschers Similar

Web monatlich die deutsche

Special.T-Seite. „Wir

sind sehr zufrieden

mit

der Nachfrage

in

TOP-TERMINE VOM 07.04 BIS 13.04.

Deutschland“, meint dagegen

Nestlé. Zum Start hatte Special.T-Chef

Pascal Lebailly als

Ziel einen Marktanteil von einem

Prozent ausgerufen. Wirtschaftlich

hat das Geschäft für

Nestlé offenbar keine große Bedeutung.

Während der Konzern

im Geschäftsbericht regelmäßig

das Wachstum von Nespresso

feiert, wurde Special.T

in den vergangenen

beiden Jahresberichten

mit keinem

Wort erwähnt.

oliver.voss@wiwo.de

VOLKSWAGEN

Vergiftete

Subventionen

Das Bemühen von Volkswagen,

im US-Werk Chattanooga einen

Betriebsrat zu installieren, löst

politische Turbulenzen aus.

Tennessees Gouverneur Bill

Haslam, ein vehementer

Gewerkschaftsgegner, hat versucht,

VW mit einem 300 Millionen

Dollar schweren Subventionsprogramm

umzustimmen.

Das geht aus einem vertraulichen

Papier hervor, das der

WirtschaftsWoche vorliegt.

„Die Subventionen sind davon

abhängig“, heißt es dort,

„dass die Diskussionen zwischen

dem Bundesstaat Tennessee

und Volkswagen über einen

Betriebsrat im Sinne des

Hilfe bei Verzicht auf Betriebsrat

US-Gouverneur Haslam

Bundesstaates abgeschlossen

werden.“

Die Einmischung des Gouverneurs

könnte zur Folge haben,

dass die Entscheidung der

VW-Mitarbeiter gegen einen

Betriebsrat im Februar ungültig

war. Darüber urteilt ein US-Gericht

am 21. April. VW rechnet

fest mit den Subventionen. Benötigt

werden sie für den Ausbau

der Werkskapazität von

140 000 auf 200 000 Fahrzeuge

pro Jahr und für den Bau eines

neuen Geländewagens. Bis Ende

2016 könnten so über 1000

neue Arbeitsplätze entstehen.

martin.seiwert@wiwo.de | New York

FOTOS: LAIF/SAMUEL ZUDER, DDP IMAGES/USA TODAY, PR

14 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

KFW

Ingrid Hengster, 53, gehört

jetzt dem Vorstand der

Staatsbank an und leitet das

inländische Fördergeschäft.

Die langjährige Deutschland-Chefin

der Royal Bank

of Scotland ist eine der wenigen

Frauen in einer Top-

Position am Frankfurter

Finanzplatz. Die für ihre direkte

Art geschätzte Österreicherin

hat sich vor allem im

Geschäft mit großen Unternehmen

profiliert. Für die

KfW soll sie Ex-Wirtschaftsminister

Philipp Rösler begeistert

haben. Auch wenn

der heute nichts mehr zu

sagen hat, stehen Hengsters

Chancen gut, KfW-Chef

Ulrich Schröder, 64, zu beerben,

wenn er in Rente geht.

FAIRTRADE

DAIMLER

Ernst Lieb, 59, ist zurück im

Geschäft: Der ehemalige

Chef von Mercedes-Benz

North America hat sich in

die Autohandelsgruppe

Motorworld Australia eingekauft,

die sich auf Fahrzeuge

des Fiat-Konzerns spezialisiert

hat. Daimler hatte Lieb vor drei

Jahren gefeuert, weil er auf Konzernkosten

seine Dienstvilla

aufwendig umgebaut hatte.

REEMTSMA

Luc Hyvernat, 45, wird am 1.

Mai Chef des Hamburger Zigarettenunternehmens.

Bisher

arbeitet er als Marketing-

Direktor bei der britischen

Muttergesellschaft Imperial

Tobacco in Bristol. Hyvernat

übernimmt den Posten von

Marcus Schmidt, 47, der als

Global Brand Director in die

Imperial-Zentrale wechselte.

CONSTANTIN MEDIEN

Fred Kogel, 53, scheidet nach

fünf Jahren aus dem Aufsichtsrat

aus, den er leitete. Am 1. Oktober

wechselt er als Chief Operating

Officer in den Vorstand

von Constantin Medien. Zusätzlich

soll er als Chief Operating

Officer den Bereich TV und

New Business im Vorstand der

Konzerngesellschaft Constantin

Film leiten.

EYEEM

Markus Spiering, 36, verlässt

Flickr. Der Dresdner leitete seit

2011 den Fotodienst von Yahoo.

Nun hat ihn das Berliner Startup

EyeEm abgeworben, Spiering

soll für den deutschen

Instagram-Konkurrenten das

US-Geschäft ausbauen.

1,72 Euro

gibt im Schnitt jeder Deutsche im Jahr für Produkte mit dem Fairtrade-Siegel

aus. Es sichert den Erzeugern einen Mindestpreis zu.

Führend in Europa sind die Schweizer mit 21,06 Euro pro Kopf

und Jahr vor Großbritannien mit 11,57 und Österreich mit 6,36

Euro. Das weltweit etablierteste Fairtrade-Produkt ist Kaffee.

KINEMATICS

Legosteine zum

Leben erwecken

Der Plastikhund lernt erstaunlich schnell. Matthias Bürger (Mitte)

drückt den Knopf auf der Brust des Tieres, bewegt dessen Beine

hin und her und dreht dann dessen Hinterbein nach oben. Dann

stellt er das Spielzeug auf den Boden, drückt einen anderen Knopf,

und der Hund wiederholt die Bewegungen. Tinkerbots nennen

Leonhard Oschütz, Bürger und Christian Guder (von links) die

lernfähigen Spielzeugroboter ihres Start-ups Kinematics. Aus den

Steinen lassen sich immer wieder neue Figuren bauen, sie sind

sogar mit Lego-Steinen kompatibel. „Man kann damit den Lego-

Kasten zum Leben erwecken“, sagt Bürger. Ähnliches bietet Lego

mit seiner Reihe Mindstorms zwar auch, aber die ist deutlich komplexer

und richtet sich an Kinder ab zehn Jahren. „Und dann muss

oft der Papa dafür sorgen, dass es sich bewegt“, sagt Bürger. Die

Tinkerbots seien dagegen schon für Fünfjährige geeignet.

Von Donnerstag an können Interessenten das Spielzeug der drei

Jungunternehmer auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo bestellen,

bis Weihnachten

Fakten zum Unternehmen

Preise geplant sind für die Einsteigersets:

99 bis 159 Dollar

Finanzierung ein einstelliger Millionenbetrag

von Seven Ventures

und Brandenburg; nun über

Crowdfunding 100 000 Dollar

soll es ausgeliefert werden.

„Wir wollen zeigen,

dass Leute bereit sind,

dafür zu zahlen“, sagt Bürger.

Wenn alles gutgeht,

soll schon im kommenden

Jahr die Serienfertigung

starten.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR, MAURITIUS IMAGES/IMAGEBROKER

16 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Cornelia Rudloff-Schäffer

Präsidentin des Deutschen Patentamtes

Ob Airbag, MP3-Technik oder

Fischer-Dübel – Erfindungen

sind bei Cornelia Rudloff-

Schäffer, 57, in sicheren

Händen. Die Präsidentin des

Deutschen Patent- und Markenamtes

in München wacht

über mehr als 570 000 Patente

und knapp 790 000 Markenrechte.

„Kreativität und Innovationskraft

sind unsere Rohstoffe“,

beschreibt die Juristin

ihre Arbeit. In der Regalwand

hinter dem Schreibtisch stehen

übersichtlich aufgereiht Leitz-

Ordner, gefüllt mit

Papieren zum europäischen

Patentrecht

sowie zum

Kunden- und Beschwerdemanagement.

Nach dem

Abitur studierte Rudloff-Schäffer

in Mainz

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

neben Jura noch Politik und

Publizistik. Es folgten Stationen

beim Münchner Max-Planck-

Institut für internationales

Patent-, Urheber- und Wettbewerbsrecht

und beim Bundesjustizministerium.

Von dort

wechselte sie in die Rechtsabteilung

des Deutschen Patentund

Markenamtes, dessen

Leitung sie im Januar 2009

übernahm – als erste

Frau. „Die Möbel

in meinem Büro

stammen noch von

meinem Vorgänger

Jürgen Schade“, erzählt

Rudloff-Schäffer.

Das bronzene

Pferd auf der Fensterbank

schenkten ihr Mitarbeiter

des Patentamtes in Peking.

Rudloff-Schäffer hilft den Chinesen,

oft als gnadenlose Kopierer

geschmäht, beim Aufbau

eines Patentwesens. Auch das

bunte Bild an der Wand neben

dem Schreibtisch stammt aus

der Volksrepublik. Es ist ein

Werk des chinesischen Künstlers

Wang Yao. „Ich bin von

vielen schönen und nützlichen

Dingen umgeben“, schwärmt

Rudloff-Schäffer. Aber auf eine

Innovation wartet sie bisher

vergeblich. „Am liebsten“, sagt

sie, „würde ich ein Kaffeesahnedöschen

patentieren, das

beim Öffnen nicht spritzt.“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

INNOVATION | Das

Wesen der Demokratie

ist der Kompromiss.

Das Wesen des Kompromisses

ist die Unzulänglichkeit.

Wofür

es sich lohnen würde,

mal eine Ausnahme

zu machen.

12 Ideen, die

Deutschland

weiterbringen

1 2

Lohnfortzahlung für Abgeordnete

Kinderwahlrecht

Seit Jahren wird der Deutsche Bundestag von wenigen Berufsgruppen

dominiert und bildet nicht den Querschnitt der Bevölkerung

ab. Führend ist der öffentliche Dienst, mit 30 Prozent der

Abgeordneten dreimal so stark vertreten wie in der arbeitenden

Bevölkerung. Weitere 17 Prozent kommen aus Organisationen

wie Parteien und Gewerkschaften. Ein Grund: Die Bezahlung

(derzeit 8252 Euro monatlich) ist für diese Berufsgruppen hoch

attraktiv, für Unternehmer und Manager bedeutet sie dagegen

Gehaltsverzicht. Deshalb wäre es besser, jeder Abgeordnete bekäme

sein bisheriges Einkommen weiterbezahlt. Wegen des Geldes

müsste dann keiner mehr in die Politik gehen, und Gutverdiener

müssten sich das Mandat nicht als Hobby leisten. Um die

Unterschiede nicht zu groß werden zu lassen, könnte ein Mindestbetrag

festgesetzt werden – auch um die Empfänglichkeit

für Bestechungen zu reduzieren. Vor drei Jahrzehnten machte

sich der Abgeordnete Adolf Herkenrath (CDU) mit der Idee jedoch

wenig Freunde. Seitdem hat sich keiner mehr getraut.

Fazit: richtige Anreize, unabhängige Politiker.

Die große Koalition hat gleich zum Start gezeigt, wie wichtig mehr

Rechte für Kinder und Jugendliche wären. Union und SPD brachten

erst einmal Wohltaten für Rentner auf den Weg. Die Gerontokratie,

also die Herrschaft der Betagten, nimmt Gestalt an. Umso

wichtiger wäre ein Wahlrecht für Minderjährige. Ein Sechstel des

Staatsvolks ist bisher ausgeschlossen. Vor zehn Jahren wurde

das schon im Bundestag diskutiert. Das Wahlrecht könnte von Eltern

treuhänderisch ausgeübt werden, bis der Nachwuchs es für

sich beansprucht. Das wäre fair: Bisher bekommt etwa ein kinderloses

Paar doppelt so viel Gewicht an der Wahlurne wie eine

allein Erziehende mit drei Kindern. Umgekehrt fragt niemand, ob

alle über 18 ihr Wahlrecht ernst nehmen, ob sie geschäftsfähig,

politisch interessiert oder eines Verbrechens schuldig sind. Und

wer weiß bei der Briefwahl auch heute immer so genau, wer das

Kreuz gemacht hat? Sogar für den Fall zerstrittener Eltern fand

der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof eine Lösung:

Vater und Mutter bekommen je eine halbe Kinder-Stimme.

Fazit: eine Stimme für die, die Politik langfristig trifft.

FOTO: VARIO IMAGES/ROBERT GEISMAR

20 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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3 4

E-Government

Gesetze mit Verfallsdatum

Es gibt alte Hüte, die kommen nie aus der Mode. Seit Jahren preisen

Experten die Vorteile des E-Governments an: Pässe beantragen,

Urkunden beglaubigen, wählen gehen – alles ginge per

Mausklick. Doch in Deutschland findet das nicht statt. Stattdessen

bekämpfen sich Unternehmen mit elektronischen Standards

wie dem E-Postbrief der Deutschen Post und der De-Mail, die

Deutsche Telekom und 1&1 anbieten. Dabei zeigen Länder wie

Singapur, Südkorea und Estland, wie es richtig geht: die Steuererklärung

in zwei Stunden? Machen in Singapur 97 Prozent der

fünf Millionen Einwohner. Sämtliche Behördengänge für Unternehmen

elektronisch? In Südkorea selbstverständlich. Ein kostenloses

Hotspot-Netz im Land? Estland macht es vor. Die erfolgreichen

Länder bekennen sich zum E-Government. Der baltische

Musterknabe garantiert seinen Einwohnern den Internet-Zugang

sogar per Gesetz. Die Regierung in Tallinn erledigt ihre kompletten

Amtsgeschäfte papierlos. Wahlen sind seit 2007 auch über

das Internet möglich – das nutzten zuletzt 15 Prozent der Wähler.

Fazit: Politik muss E-Government wollen, dann klappt es.

Ein Verfallsdatum für das Mindestlohngesetz oder für das Rentemit-63-Gesetz

könnte sie zwar nicht mehr verhindern, aber zumindest

die Hoffnung auf Korrekturen erhalten. Die Politik müsste

sich nach ein paar Jahren wieder mit beiden Themen

auseinandersetzen und könnte in der Zwischenzeit die ökonomischen

und sozialen Folgen evaluieren. Danach müsste erneut

eine parlamentarische Mehrheit gefunden werden, sonst würden

beide auslaufen. Ein solcher Automatismus ist in einer Demokratie

besser, als wenn sich erst eine Mehrheit finden muss, um ein

umstrittenes Gesetz abzuschaffen. In den USA ist die „Sunset

Legislation“ durchaus gebräuchlich. In Deutschland finden sich

dafür nur wenige Fälle, etwa bei Konjunkturpaketen. Auch das

Finanzausgleichgesetz und der Solidarpakt enden automatisch,

und zwar 2019. Ohne dieses Verfallsdatum würde die massive

Förderung in Ostdeutschland unendlich weiterlaufen. So aber

gibt es eine lebhafte – und vielleicht fruchtbare – Debatte

um eine Reform der Bund-Länder-Finanzbeziehungen.

Fazit: Wenn schon schlecht, dann nicht für immer.

»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 21

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Politik&Weltwirtschaft

5 6

Die neue Ruhestands-Formel

Elektronische Gesundheitskarte

Otto von Bismarck schenkte den Deutschen 1889 die Rentenversicherung

und verschloss seine Gabe gleich wieder im Tresor.

In den Genuss kamen Arbeiter, die das 70. Lebensjahr erreichten,

und damals bedeutete dies: fast keiner. 125 Jahre später ist

Rente nicht mehr das Glück weniger Greise, sondern jahrzehntelanger

Alltag der älteren Generation. 1960 betrug die Dauer des

Rentenbezugs gerade einmal zehn Jahre, heute sind es bereits

19. Das ist eine grandiose Errungenschaft der Medizin; zugleich

aber fordert es den Sozialstaat aufs Heftigste. Die Wonnen eines

langen Lebensabends werden deshalb nur zu finanzieren sein,

wenn für sie länger gearbeitet wird. Um die blutdrucklastigen

Debatten über die Rente mit 63, 67 oder gar 69 der Politik zu

entziehen, böte sich die kluge 2:1-Formel des Demografieforschers

Axel Börsch-Supan an. Einfach gesagt: Wenn die Lebenserwartung

um drei Jahre steigt (was etwa alle 25 Jahre der Fall

ist), greift ein Automatismus. Zwei Jahre müsste länger gearbeitet

werden, um ein Jahr zusätzlichen Ruhestand zu ermöglichen.

Fazit: Die Rente muss raus aus der politischen Arena!

2001 schreckte der Skandal um den Cholesterinsenker Lipobay

auf, der einzelne tödliche Wechselwirkungen hervorrief. Die

Bundesregierung versprach die Gesundheitskarte. Sie sollte die

Krankenversicherungskarte ersetzen und Daten über Therapien

und Krankheiten beim Patienten bündeln. Doch bis heute wird

die Umsetzung blockiert. Die Karte hat zwar fast jeder, doch

ohne ihre wichtigsten Funktionen. Die vermurkste Einführung ist

ein Lehrstück, wie schlagkräftige Lobbys unbequeme Neuerungen

torpedieren können. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand:

In Notfällen reagieren Mediziner kundiger, Doppelchecks werden

unnötig. Auch können Patienten ihre Therapie besser überschauen.

Doch regelmäßig lehnt der Ärztetag die Karte ab. Die

Daten seien nicht sicher, die Finanzierung ungeklärt. Das ließe

sich lösen. So können Daten dezentral gespeichert und abgestuft

zugänglich gemacht werden. Hinter dem Nein steckt etwas

anderes: Viele Patienten könnten mit der Karte erkennen, wenn

die Methode des Arztes nicht mehr aktuellem Wissen entspricht.

Fazit: technisch machbar, aber politisch vermurkst.

22 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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7 8

Ausbildungspflicht

Freier Eintritt in Museen

FOTOS: LAIF/STEPHAN ELLERINGSMANN, LAIF/HEIKO SPECHT

Forderungen, die mit „Pflicht“ beginnen, enden für gewöhnlich

mit einem Aufschrei aller Liberalen und Wirtschaftsvertreter –

meist zu Recht. Bei der Ausbildungspflicht ist das anders, denn

hier geht es um den Vollzug der sogar von Liberalen anerkannten

Schulpflicht. Die Idee: Jugendliche werden verpflichtet, entweder

einen studienqualifizierenden Schulabschluss oder eine Ausbildung

zu absolvieren. Das kann entweder an der Berufsschule

oder im Betrieb geschehen. Derzeit endet die Schulpflicht

mit dem Erreichen eines bestimmten Alters – inhaltlich oft im

Nirgendwo. Nimmt man das Ziel dieser Pflicht ernst, nämlich

Jugendliche so auszubilden, dass sie ihr Leben selbstständig

meistern können, sollte die erreichte Qualifikation, nicht das Alter

entscheidend sein. Besonders viel Innovation wäre dafür gar

nicht nötig. In den meisten Bundesländern gibt es eine formale

Berufsschulpflicht. Und in Hamburg wird die Sache mit dem Modell

„Jugendberufsagentur“, die sich um alle Arbeitslosen unter

25 Jahren kümmert, schon recht konsequent zu Ende gedacht.

Fazit: Die Gesetze lassen es zu, man muss es nur wollen.

Als Premierministerin Margaret Thatcher in den Achtzigerjahren

staatliche Museen zur Eintreibung von Eintrittsgeldern zwang, regte

sich das liberale Herz der Briten: Was für eine Unverschämtheit

vom Staat, seinen Bürgern Geld für die Besichtigung von Werken

abzuverlangen, die ihnen selbst gehören! Deswegen ist der Eintritt

in die meisten Museen Großbritanniens heute wieder frei. Recht

haben sie, die Briten! Ins British Museum, die Tate Modern und

die National Gallery strömen jeweils fast viermal so viele Besucher

wie ins Berliner Pergamonmuseum. Der nicht-statistische Erfolg

der britischen Umsonst-Kultur: Briten gehen nicht nur öfter ins

Museum, sondern auch gelassener, selbstverständlicher, beiläufiger

– zum Beispiel in der Mittagspause, um ihrem Lieblingsbild

einen Besuch abzustatten. Stell dir also vor, es gäbe nicht nur

Kunst in Deutschland, sondern alle gingen auch noch hin! Dann

liegt das babylonische Ischtar-Tor auf dem Weg vom Bahnhof

Friedrichstraße zum Alexanderplatz – und man kann sich auf

einen Nachmittagskaffee mit Nofretete verabreden.

Fazit: das Museum – keine Burg, sondern ein offener Platz.

»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 23

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Politik&Weltwirtschaft

9 10

Zuwanderung nach Punktesystem

Bundesfinanzamt

Studien zufolge wird Deutschland um 2050 elf Millionen weniger

Einwohner haben, selbst wenn jedes Jahr 100 000 Zuwanderer

einreisen. Und irgendwann ist die Krise in Südeuropa vorbei und

der Zustrom junger Spanier und Griechen auch. Und dann? Ohne

Zuwanderung würde sich die deutsche Erwerbsbevölkerung

schon in diesem Jahrzehnt um vier Prozent verringern. Dabei

suchen Millionen Menschen in aller Welt nach Arbeit und einer

friedlichen Heimat. Diese beiden Probleme sollte man zusammenführen

– zu einer Lösung, die allen hilft. Dafür muss man Zuwanderer

klassifizieren. Wer gut qualifiziert ist und nicht zu alt,

wer Sprachkenntnisse hat und vielleicht auch etwas tun will, was

die Einheimischen eher verabscheuen (Altenpflege zum Beispiel),

der sammelt für all diese Vorzüge Punkte. Wer genug Punkte hat,

darf einreisen und sich einen Job suchen. Das funktioniert bereits

wunderbar – nur leider nicht in Deutschland, sondern in Kanada.

Die Übernahme dieses Systems in Deutschland hat eine Regierungskommission

schon vorgeschlagen. Das war 2001.

Fazit: Holt mehr Leute ins Land – aber die richtigen!

Für Steuerhinterzieher ist der Föderalismus ein wahrer Segen.

Denn die 16 Landessteuerverwaltungen sind miteinander kaum

elektronisch vernetzt, in manchen Bundesländern sind wesentlich

weniger Steuerfahnder unterwegs als in anderen. Die Idee einer

Bundessteuerverwaltung war deshalb schon des Öfteren im

Gespräch – doch stets wollten die laut Grundgesetz zuständigen

Länder davon nichts wissen, zuletzt 2009. Dabei war die Einrichtung

einer zentralen Steuerverwaltung einst im Entwurf des

Grundgesetzes enthalten, sie scheiterte allerdings am Einspruch

der Alliierten, die einen zu mächtigen Zentralstaat fürchteten.

65 Jahre später hat sich die Welt verändert. Die Globalisierung hat

uns Hunderte Doppelbesteuerungsabkommen, Verrechnungspreisprobleme

und kriminelle Umsatzsteuerkarusselle beschert.

Damit sind die Landessteuerbehörden überfordert, deswegen haben

sie bereits notgedrungen (internationale) Kompetenzen an

das Bundeszentralamt für Steuern abgegeben. Jetzt müssten weitere

Schritte für eine schlagkräftige Steuerverwaltung folgen.

Fazit: Effizienzgewinne von 15 Milliarden Euro sind möglich.

24 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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11 12

City-Maut

Ausschreibung kritischer Infrastruktur

FOTOS: LAIF/RUDOLF WICHERT, ULLSTEIN BILD/CARO/ CLAUDIA HECHTENBE

London macht es, Stockholm und Oslo auch. Warum eigentlich

nicht Berlin, München oder Hamburg? Die britische Hauptstadt

kassiert seit 2003 von Autofahrern eine Gebühr von zehn Pfund

(zwölf Euro) pro Tag, wenn sie in der Zeit von sieben Uhr morgens

bis sechs Uhr abends in das Zentrum fahren. Eingeführt hatte

die Maut der linke Bürgermeister Ken Livingstone, doch auch

sein konservativer Nachfolger Boris Johnson findet Gefallen an

der „Congestion Charge“ (Staugebühr). Denn sie funktioniert

reibungslos. Öffentliche Überwachungskameras registrieren an

Einfahrtsstraßen die Kennzeichen der Autos, abends findet ein

Abgleich statt. Schwarzfahrer zahlen eine Strafe von bis zu 190

Pfund. Pendler lassen den Betrag daher automatisch vom Konto

abbuchen. Die Auswirkungen der City-Maut: Die Staus wurden

weniger – bei zunehmendem Verkehr. Die Luftqualität verbesserte

sich jedoch kaum. Allerdings kassiert die städtische Verkehrsgesellschaft

pro Jahr fast 300 Millionen Pfund. Die Einnahmen

fließen zurück in den Bau von Straßen, Schienen und Radwegen.

Fazit: City-Maut reduziert Staus, verbessert die Straßen.

Atommüll findet keiner gut, aber dass er weg muss, ist klar. Doch

wohin? Die Bevölkerung steht Zwischenlagern vor der eigenen

Haustüre oft skeptisch gegenüber. Eine vom Bund eingesetzte

Kommission soll nun nach einem Endlager suchen. Zeitplan: ungewiss.

Weitere Proteste: garantiert. Dabei ginge es viel einfacher.

Als die spanische Regierung nach einem Standort für ein

Zwischenlager suchte, schrieb sie das Projekt aus. Es bewarben

sich rund ein Dutzend Gemeinden. 2011 erhielt das Dorf Villar de

Cañas den Zuschlag. Der Jubel der 450 Einwohner war riesig,

denn der Staat investiert bis 2018 knapp eine Milliarde Euro. Es

entstehen Jobs und ein Forschungszentrum. Auch das finnische

Eurajoki, eine Autostunde nördlich von Turku, profitiert auf diese

Art. Finnland schrieb die Endlager-Suche aus. In Eurajoki war die

Zustimmung am größten. Solche Modelle könnte Deutschland

übernehmen und zudem auf viele Streitpunkte der Energiewende

übertragen. Wo Wutbürger zu Beteiligten werden und finanziell

profitieren, akzeptieren sie auch Windparks und Biogasanlagen.

Fazit: Die Aussicht auf Geld und Jobs bricht Widerstände.

konrad fischer, hans jakob ginsburg, max haerder | Berlin, henning krumrey, christian ramthun, christian schlesiger, dieter schnaas, cordula tutt, politik@wiwo.de

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Politik&Weltwirtschaft

HIGH-TECH-STRATEGIE |

Patente gibt es zuhauf,

Start-ups zu wenige.

Die Bundesregierung

will das ändern:

Forschungsergebnisse

sollen endlich wieder

Weltkonzerne hervorbringen.

Neue Gründerzeit

Dafür statt dagegen Der

Bund lässt erforschen, wann

Bürger ihren Widerstand

gegen Stromtrassen aufgeben

Wie reagieren motivierte Start-up-

Unternehmer, wenn man ihr heiß

geliebtes neues Geschäftsmodell

mal eben so in der Luft zerreißt? Microsoft-

Manager Rahul Sood, der mit seinem Mentoren-Team

weltweit talentierte Gründer

unterstützt, beschrieb es auf einer Veranstaltung

des IT-Riesen in Berlin Ende März

so: Es kommt drauf an, in welchem Land

die Start-ups sitzen.

US-Amerikaner würden die Microsoft-

Experten-Kritik voller Enthusiasmus aufsaugen

und gingen vor Dankbarkeit über

so viel Support fast auf Knie. Israelis reagierten

meist harsch: „Was wisst Ihr Amerikaner

schon von unsrem Land?“, um dann

am Ende die guten Ideen still und leise

doch umzusetzen. Inder dagegen seien

erst nach tränenreicher Aufarbeitung der

Kränkung in der Lage, weiter zu arbeiten.

Und die Deutschen? Sie hielten den Mund,

lehnten sich zurück und begönnen gedanklich

sofort mit der Analyse. „Man

kann ihre Hirne quasi dabei rattern hören“,

lacht Microsoft-Manager Sood.

Die Beschreibung der kulturellen Unterschiede

traf den Nerv des Berliner Publikums.

Neun Teams stellten anschließend

ihre Produkte vor, um Kapitalgeber von

ihrer Geschäftsidee zu überzeugen. Das

deutsche Klischee des analytischen Ingenieurs

schien bestätigt.

Doch bei all der Lobhudelei könnte man

vergessen, dass Deutschland schon lange

keine IT-Schmiede von Weltrang mehr hervor

gebracht hat. SAP war die letzte – vor 42

Jahren. Stellt Deutschland die Weichen für

Innovationen und deren Umsetzung in

wirtschaftliche Geschäftsmodelle richtig?

Die Bundesregierung will die Hebel umlegen.

Noch im Frühjahr stellt Bundesforschungsministerin

Johanna Wanka (CDU)

ihre neue High-Tech-Strategie vor. Der

Bund plant, so erfuhr die Wirtschafts-

Woche, Änderungen in der Gründungs-

»

FOTO: DDP IMAGES/NIGEL TREBLIN

26 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

förderung. Zudem will er die Forschung

an Großprojekten wie der Energiewende

ausrichten. Es wird mehr Geld geben, doch

bei den steuerlichen Anreizen für die Industrie

fehlt der Bundesregierung der Mut.

Noch immer gehören Deutschlands

Wissenschaftler zu den forschungsstärksten

weltweit. Sie tüfteln an Hochschulen

oder top ausgestatteten Helmholtz-Zentren

wie dem Forschungszentrum in Jülich

für teure Großforschung. Hinzu kommen

Max-Planck-Gesellschaft, kleinere Leibniz-

Institute und die anwendungsorientierte

Fraunhofer-Gesellschaft. Deutschland

meldet nach der Schweiz, Schweden und

Finnland die meisten Weltpatente pro Einwohner

an (siehe Grafik).

KREATIVE ZERSTÖRUNG

Doch was nützt es, wenn Forscher des

Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie

in Ilmenau den Audio-Standard

MP3 entwickeln, aber US-Unternehmen

den Umsatz mit Innovationen generieren?

„Die Gründungskultur an deutschen

Hochschulen bleibt weit hinter den

Möglichkeiten zurück“, sagt Wolfgang Marquardt,

Vorsitzender des Wissenschaftsrates,

der Bund und Länder bei der Innovationspolitik

berät. „Deutsche Forscher entwickeln

oft disruptive Technologien mit

dem Potenzial, andere Produkte und

Dienstleistungen zu verdrängen.“ Doch die

erfolgreiche Umsetzung am Markt über

Ausgründungen oder Kooperationen mit

Unternehmen lasse „zu wünschen übrig“.

Die Bundesregierung will das ändern.

„Wir wollen, dass Forschungsergebnisse

künftig einfacher und schneller zu Unternehmensgründungen

führen“, sagt Georg

Schütte, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium

(BMBF). „Unser Ziel

Klotzen statt kleckern

Server des Zentralinstituts für

angewandte Mathematik am

Forschungszentrum Jülich

ist es, dass deutsche Hochschulen Gründungsberatung

direkt auf dem Campus anbieten

werden.“ Orientieren sollten sie sich

am Massachusetts Institute of Technology

(MIT), wo sich ein Netz aus 140 Hochtechnologie-Kleinfirmen

angesiedelt hat. Dort

„funktioniert der Wissenstransfer von der

Hochschule zur Produktentwicklung am

besten“, so Schütte. Auf dem Campus erhalten

Forscher Beratung bei Patentierung

und Ausgründung von Geschäftsideen.

„Das hat Vorbildcharakter.“ Solche Modelle

will der Bund verstärkt fördern, indem er

Hochschulen und Wissenschaftszentren

mit den besten Konzepten in Wettbewerben

gegeneinander antreten lässt.

Bislang jedoch ist das Wort Unternehmertum

ein Fremdwort in den Ohren deutscher

Hochschulrektoren. Bei einer Umfrage

unter ihnen gaben nur zehn Prozent den

„Transfer in die Wirtschaft“ als Ziel der eigenen

Aktivitäten an. Den „Transfer in die

Zivilgesellschaft“ verfolgten sechs Prozent.

Das Fazit des Stifterverbands für die Deutsche

Wissenschaft, der sich mit seinem

Gründungsradar intensiv mit der Problematik

beschäftigt hat, fällt negativ aus:

„Trotz beachtlicher Fortschritte sind das

Thema Wissens- und Technologietransfer

und insbesondere die Gründungsförderung

noch nicht im Zentrum der Aktivitäten

vieler Hochschulen angekommen.“

Zwar gibt es Ausnahmen, in Lüneburg

etwa. Die Leuphana Universität südlich

von Hamburg gilt inzwischen als Unternehmerschmiede.

Dort beschäftigen sich

Erstsemester eine Woche lang mit dem

Thema Gründung. Ein eigenes Unternehmen

wird für die mehr als 7000 Studenten

zur Karriereoption. 2012 gründeten 48 eine

Firma. Damit ist Leuphana laut Stifterverband

die gründungsstärkste Hochschule in

Deutschland – noch vor den Eliteunis

RWTH Aachen und der TU München.

Forschungtop, Finanzierung flop

Weltmarktpatente

(pro Million Einwohner)

Ausgaben fürForschung undEntwicklung

(in Prozent des Bruttoinlandsprodukts)

Investiertes Risikokapital

(in Milliarden Dollar)

Schweiz 620

Schweden 414

Finnland 394

Deutschland 384

Japan 343

Südkorea 242

Niederlande 237

Frankreich 188

USA 174

Großbritannien 138

Italien 96

Spanien 61

Südkorea 4,0

Finnland 3,6

Schweden 3,4

Japan 3,3

Dänemark 3,0

Deutschland 2,9

Schweiz 2,9

USA 2,8

Frankreich 2,3

Großbritannien 1,7

Spanien 1,3

Italien 1,3

USA 26,7

Japan 1,6

Kanada 1,4

Großbritannien 0,9

Israel 0,9

Frankreich 0,7

Deutschland 0,7

Südkorea 0,6

Australien 0,3

Schweden 0,3

Niederlande 0,2

Schweiz 0,2

Quelle:BMBF Quelle:OECD Quelle:OECD

FOTO: LAIF/HENRIK SPOHLER

28 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Doch oft bleiben Forschungsergebnisse

an der Laborschwelle hängen. Dabei ist

das Ziel des Wissenstransfers in allen Landeshochschulgesetzen

festgeschrieben.

Seit 15 Jahren finanziert der Bund zudem

über das Programm Exist Gründer aus

Hochschulen mit bis zu 2500 Euro pro Monat.

Bislang bietet aber erst ein Dutzend

Hochschulen den Studierenden und Doktoranden

die entsprechende Förderung an.

Zudem sei oft nicht die Erstfinanzierung

das Problem. „Häufig wird es dann in der

Wachstumsphase kritisch, wenn es um ein

bis zehn Millionen Euro geht, um das Geschäftsmodell

auszubauen“, sagt Christian

Flisek, Gründer-Experte der SPD. Risikokapital

fließt in anglo-amerikanische Staaten

und nach Japan. Selbst Israel liegt vor

»Das Ziel ist die

Gründungsberatung

direkt auf

dem Campus«

Georg Schütte, Forschungsministerium

Deutschland. „Wir werden zügig Eckpunkte

für ein Venture-Capital-Gesetz vorlegen,

das Deutschland für Wagniskapital attraktiver

machen wird“, sagt Flisek. Zudem fordert

er, „für Start-ups ein eigenes Börsensegment

zu schaffen, um weitere attraktive

Finanzierungsquellen zu erschließen“.

Ändert sich nichts, könnten die Folgen

fatal sein. Junge Bevölkerungen in wachstumskräftigen

Ländern sind innovationsbereiter

als zivilisationssatte Gesellschaften

in Westeuropa. Südkorea gibt vier Prozent

des Bruttoinlandsprodukts für Forschung

aus. „Da ist Gefahr in Verzug“, sagt

Marquardt. Denn die Zahlen würden nur

öffentliche Mittel berücksichtigen, aber

keine Privatinvestitionen, wie die Forschung

von Samsung. „Wir dürfen nicht

nachlassen in der Anstrengung, mehr Geld

für Bildung und Forschung zu mobilisieren,

um die Innovationsfähigkeit Deutschlands

weiter zu stärken“, so Marquardt.

Schon allein deshalb, um künftig auch

Top-Gehälter zahlen zu können. „Spitzenforschung

kostet Geld“, sagt der Frankfurter

Ökonom Rüdiger Bachmann (siehe Interview

Seite 30).

Doch beim Geld tritt die Regierung auf

die Bremse. Zwar investiert der Bund bis

2017 zusätzlich drei Milliarden Euro, um

außeruniversitäre Einrichtungen und

Hochschulen besser auszustatten. Doch

von Experten geforderte Abschreibungsanreize

wird es kaum geben. „Eine steuerliche

Förderung steht derzeit nicht an“,

heißt es in einer Antwort der Bundesregierung

auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten

Kai Gehring. „Die große Koalition

bremst Deutschland innovationspolitisch

aus“, kritisiert Gehring. Gerade für

kleine und mittlere Unternehmen sei das

Aus der Steuergutschrift eine „schlechte

Nachricht“.

FÖRDERUNG AUF DEM PRÜFSTAND

Tatsächlich wäre die steuerliche Forschungsförderung

„ein hilfreicher Katalysator,

um Forschungsergebnisse aus dem

Labor in den Markt zu bringen“, sagt Marquardt.

Dort, wo Grundlagenforschung gut

gelaufen sei, müsste man Prototypen entwickeln

und erproben, ob sie bei Endverbrauchern

auf Akzeptanz stoßen. „Diese

Aufgabe können Wissenschaft und Industrie

nur gemeinsam übernehmen.“

Doch die Regierung sieht in der Projektförderung

den Schlüssel zum Erfolg. Anders

als bislang – und das ist ein weiteres

Element ihrer High-Tech-Strategie – soll die

Förderung in den Dienst gesellschaftlicher

Großprojekte wie Energiewende und Digitalisierung

gestellt werden. „Wir stellen daher

alle Förderprogramme auf den Prüfstand“,

sagt Schütte. „Künftig wollen wir das

Geld stärker dort investieren, wo der Nutzen

für die Gesellschaft erkennbar ist.“

So fördert die Regierung etwa Forschungsvorhaben,

die zeigen, wie der Widerstand

von Bürgerinitiativen gegen den

Bau von Windrädern oder Stromtrassen

gebrochen werden kann. So erarbeitet das

Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

eine Studie, „unter welchen Bedingungen

Projektgegner ihren Widerstand

aufgeben würden“, heißt es in der Projektskizze.

Etwa, ob mehr Transparenz helfen

würde oder eine Beteiligung am wirtschaftlichen

Ertrag. Insgesamt investiert der

Bund 30 Millionen Euro in 33 Projekte.

Deutschland verabschiedet sich damit

auch von Forschungsvorhaben, die nicht

mehr in die politische Zeit passen. Zwar

werde es weiterhin Geld geben, um den

Rückbau der Atomkraftwerke oder die

Endlagersuche zu optimieren. „Wir brauchen

aber keine Forschung mehr für den

Bau neuer Kernkraftwerke“, sagt Schütte. n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin,

max haerder | Berlin, dieter schnaas | Berlin

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 29

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Politik&Weltwirtschaft

»Radikal verändern«

INTERVIEW | Rüdiger Bachmann Der Frankfurter Hochschulprofessor

hält die deutsche Uni-Landschaft für provinziell –

und fordert Spitzengehälter für Spitzenforscher.

Herr Bachmann, Sie haben zehn Jahre an

US-Universitäten gearbeitet und kennen

das amerikanische und deutsche Hochschulsystem

gleichermaßen. Wo fühlen

Sie sich wohler?

Das lässt sich so einfach nicht beantworten.

Die Systeme sind zu verschieden.

Die Expertenkommission Forschung und

Innovation (EFI) kritisiert in ihrem aktuellen

Jahresgutachten für die Bundesregierung,

das deutsche Hochschulsystem sei

speziell für Spitzenforscher nicht attraktiv

genug. Würden Sie das unterschreiben?

Im Bereich der Naturwissenschaften gibt

es einige Leuchttürme, auch die Max-

Planck-Gesellschaft mit ihren Instituten ist

ein attraktiver Arbeitgeber für Top-Wissenschaftler.

Für das Gros der Universitäten

gilt das trotz einiger Erfolge durch die Exzellenzinitiative

nach meiner Einschätzung

nicht – vor allem in der Volkswirtschaftslehre.

Es gibt eine Reihe von großen

und kleinen Dingen, die Deutschland für

Spitzenforscher weniger attraktiv machen

als etwa die USA.

Und die wären?

Der erste Punkt, ganz klar: das Gehalt. Spitzenforscher

kosten Geld. Wir müssen künftig

größere Gehaltsunterschiede innerhalb

der Professorenschaft akzeptieren. Spitzenforschung

in der Ökonomie ist – anders

als etwa bei Germanistik oder Jura – ein internationaler

Markt, da müssen wir Marktgehälter

zahlen. Wir brauchen den Mut zu

sagen: Wenn einer richtig klasse ist, soll er

auch mehr Geld bekommen als Kollegen

mit geringerer Reputation. In den USA

kann ein aufstrebender Assistenzprofessor

der Ökonomie mehr verdienen als ein ordentlicher

Professor an der philosophischen

Fakultät. Auch innerhalb der Disziplinen

akzeptieren die Amerikaner hohe

Gehaltsdifferenziale, oft um das Zwei- bis

Dreifache. Das muss man nicht toll finden,

sollte es aber zur Kenntnis nehmen.

Lässt das öffentliche Dienstrecht eine

Lohnspreizung bei uns überhaupt zu?

Prinzipiell ja, zumindest zwischen den Disziplinen,

nicht so sehr über Professorenränge

hinweg. Es gibt bei den Besoldungsstufen

zwar einen Deckel, der lässt sich

aber durch die Landesregierung im Einzelfall

nach oben verschieben.

Was verdienen Top-Ökonomen denn so?

An der Universität Michigan bringen es

Spitzenreiter auf rund 300 000 Dollar im

Jahr, bei privaten Hochschulen geht es dem

Vernehmen nach bis auf 500 000 Dollar

hoch. Der normale VWL-Professor in

Deutschland liegt bei 80 000 Euro, die besseren

knapp über 100 000 Euro.

Um jungen Wissenschaftlern mit herausragender

Promotion einen schnellen

Einstieg in die Forschung zu ermöglichen,

gibt es in Deutschland die Junior-Professur.

Hat sich dieses Modell bewährt?

DER GRENZGÄNGER

Bachmann, 39, ist seit Anfang April

Professor für Verhaltensökonomie

an der Goethe-Universität Frankfurt.

Der aus Alzenau/Unterfranken stammende

Makroökonom hat zehn Jahre

in den USA geforscht und gelehrt,

unter anderem in Yale und an der

University of Michigan. Zuletzt hatte

er eine VWL-Professur in Aachen.

Nein. Dieses Spezifikum des deutschen

Laufbahnrechts ist komplett gescheitert.

Die Junior-Professur ist eine Missgeburt,

bei der man einige Elemente des US-Systems

übernommen hat, andere – entscheidende

– aber nicht.

Wo liegt das Problem?

In den USA bekommen Nachwuchswissenschaftler

einen auf sechs bis sieben

Jahre befristeten Vertrag als Assistenzprofessor.

Damit verbunden ist die Zusage

einer Festanstellung auf Lebenszeit bei

herausragenden Leistungen. Man nennt

das „tenure track“. Diese Chance gibt es

bei uns viel zu wenig. Die Besoldung der

Nachwuchswissenschaftler ist international

nicht konkurrenzfähig. Juniorprofessoren

haben zudem oft mehr Lehrverpflichtungen

als früher der Habilitand.

Welche Rolle spielen weiche Standortfaktoren

bei der Akquise von Spitzenleuten?

Eine ganz wichtige! Wir dürfen zum Beispiel

familiäre Faktoren nicht unterschätzen.

In den USA kümmern sich an den

Unis ganze Abteilungen um „Joint-careerproblems“

und sorgen dafür, dass auch den

Partnern der umworbenen Wissenschaftler,

die oft selber Spitzenwissenschaftler

sind, ein adäquater Job angeboten wird. In

Deutschland gibt es für die Partner oft

nicht viel mehr als Broschüren und warme

Worte. Das ist teilweise lachhaft.

Fordern Sie ernsthaft, dass Universitäten

die Partner ihrer neuen Professoren

miteinstellen? Wer soll das denn bezahlen?

Ich sage es gern noch einmal: Spitzenforschung

kostet Geld. Wir reden hier ja über

die Besten der Besten. Die gehen nun mal

dorthin, wo sie die besten beruflichen und

privaten Rahmenbedingungen vorfinden.

Und das ist noch nicht alles: Die gesamte

Willkommenskultur eines Landes ist für

die Wechsel- und Migrationsentscheidung

von Spitzenforschern wichtig. Das fängt

bei Berufungsverfahren an und hört bei

den Angeboten zur Kinderbetreuung auf.

Und daran mangelt es in Deutschland?

Auf Amerikaner machen deutsche Hochschulen

nicht selten einen provinziellen

Eindruck. Bisweilen ist es hier ja bereits ein

Problem, Anschreiben und E-Mails auf

Englisch zu verfassen. Es ist schwierig und

mit bürokratischem Aufwand verbunden,

einem Kandidaten ein Mittagessen zu bezahlen,

von der Erstattung der Reisekosten

ganz zu schweigen. Das sind so kleine Dinge,

die sich aufsummieren und den Leuten

signalisieren: Hier hat man an dir kein echtes

Interesse. Besonders krass sind auch

die Unterschiede bei Berufungsverfahren.

FOTO: PETER WINANDY, LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES, PICTURE-ALLIANCE/DPA

30 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Herein Die US-

Universität Yale

zieht Spitzenkräfte

aus aller Welt an

Heraus In Deutschland

wanderten zuletzt

mehr Wissenschaftler

ab als zu

Inwiefern?

In den USA läuft das so: Der Kandidat hat

den ganzen Tag über Meetings mit künftigen

Kollegen. Er wird richtig in die Mangel

genommen, es gibt einen intensiven Diskurs

und am Ende einen 90-minütigen Forschungsvortrag.

In Deutschland heißt es in

der Regel: Kommen Sie morgen gegen

10.30 Uhr da und da hin, sie dürfen einen

Vortrag von 45 Minuten halten, danach

gibt es 20 Minuten Diskussion. Man steht

dann vor einer Berufungskommission, die

– ich drücke es vorsichtig aus – nicht immer

voll motiviert ist. Wird eine Berufungskommission

gebildet, ducken sich viele weg. In

den USA brennen die Leute darauf, in die

Auswahlgremien zu gehen.

Woran liegt das?

Die freie Stelle, die es zu besetzen gilt, liegt

in Deutschland oft in einem anderen Fachgebiet.

VWL-Abteilungen sind meist relativ

klein. Da gibt es sechs oder sieben Professoren

– in den USA sind es 30 bis 40.

Na und? Größe ist doch nicht per se ein

Qualitätsvorteil.

In Deutschland sind die Zuständigkeiten

klar abgegrenzt, da gibt es vielleicht einen

Makroökonomen, einen Mikroökonomen,

einen Finanzwissenschaftler und einen für

den Arbeitsmarkt. Das sind oft Einzelkämpfer,

der befruchtende wissenschaftliche

Diskurs ist schwierig. Wenn wie in den

USA mehrere Makroökonomen an Bord

sind, geht das einfacher. Solche Gruppenerfahrungen

sind wichtig für die intellektuelle

Stimulanz. US-Wissenschaftler schauen

sich daher, bevor sie ins Ausland gehen,

das wissenschaftliche Umfeld genau an.

Sie haben keine Lust, in einem Team von

sechs Personen das siebte Teilfach abzudecken,

weil das gerade vakant ist.

Was also schlagen Sie vor?

Die deutsche Hochschullandschaft muss

sich radikal verändern – gerade in den

Wirtschaftswissenschaften. Es muss nicht

jede Regionaluniversität einen internationalen

Forschungsanspruch haben, sie

kann sich auch auf die Grundlehre beschränken

und mit reinen Lehrprofessuren

arbeiten. Ich mache mir mit dieser Aussage

keine Freunde, aber wir müssten viele

VWL-Fakultäten in Deutschland dichtmachen

und die wirtschaftswissenschaftliche

Forschung an vielleicht zehn Standorten

konzentrieren. Dann kämen auch mehr

Spitzen-Ökonomen aus dem Ausland.

»Wir müssten

viele VWL-

Fakultäten in

Deutschland

dichtmachen«

Laut EFI haben zwischen 1996 und 2011

rund 23 000 Wissenschaftler das Land

verlassen, es kamen aber nur 19 000 aus

dem Ausland nach Deutschland. Wie

gefährlich ist dieser Brain Drain?

Entscheidend ist doch: Wer kommt und

wer geht? Bei einem der wichtigsten EU-

Förderprogramme für die Wissenschaft

2011 kamen 124 Gewinner von britischen

Hochschulen, 64 von deutschen. Schaut

man sich die Nationalitäten an, dreht sich

das Verhältnis um: Darunter waren 83

Deutsche und 57 Briten. Selbst innereuropäisch

verlieren wir also Spitzenforscher.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka

hat als Reaktion auf die EFI-Studie gesagt,

die Abwanderung sei ein Phänomen

der Neunzigerjahre, die Exzellenzinitiative

trage erste Früchte. Wer hat recht?

Die Erfolge der Exzellenzinitiative will ich

nicht bestreiten. Die Grundidee einer

Leuchtturmpolitik ist völlig richtig. Allerdings

sind viele der neu geschaffenen

Stellen nur befristet. Wie nachhaltig

die Exzellenzstrategie ist und inwieweit

Augenwischerei, das wird sich erst in

einigen Jahren zeigen.

Fakt ist aber, dass so viele ausländische

Studenten wie nie zuvor in Deutschland

studieren. So mittelmäßig scheint der

Wissenschaftsstandort also nicht zu sein.

Die Studentenmigration hat mit der Spitzenforschung

nur bedingt etwas zu tun.

Wir profitieren natürlich von der wachsenden

Bildungsnachfrage in den Schwellenländern.

Aber dass wir der chinesischen

Mittelschicht ein kostenloses Studium bei

uns ermöglichen, heißt ja noch nicht, dass

die besten und klügsten Köpfe kommen.

Wenn Sie den Wissenschaftsstandort

Deutschland so kritisch sehen: Warum

sind Sie dann zurückgekehrt?

Heimatgefühle eben. Ich kenne viele, die

lieber in München als in Palo Alto leben

würden, wenn sie die gleichen beruflichen

Bedingungen vorfinden würden. Hier liegt

ein riesiges Potenzial für Deutschland.

Gibt es etwas, das Sie am deutschen

Wissenschaftsbetrieb richtig toll finden?

Aber ja. Wir verfügen über eine gute

Grundförderung im Hochschulbereich

und sind noch nicht so stark von externen

Drittmitteln abhängig wie die US-Universitäten.

Hier sollten wir uns ausnahmsweise

nicht an Amerika orientieren.

n

bert.losse@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 31

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Politik&Weltwirtschaft

Genial daneben

INNOVATION | Wenn wegweisende Erfindungen zur

falschen Zeit, zu radikal oder am Markt vorbei

entwickelt werden, setzen sie sich nicht durch.

Auch wenn die Idee gut war. Von Christian Deysson

Kennen Sie Daniel Düsentrieb? Oder Professor Balduin Bienlein?

Aus der Ikonografie der Popkultur sind diese Comic-

Figuren nicht mehr wegzudenken: Seit mehr als einem halben

Jahrhundert verkörpern sie den Archetyp des genialen, schrulligen

Erfinders, der 1000 Ideen hat, aber mit keiner wirklichen Erfolg.

Daniel Düsentrieb alias Gyro Gearloose geht in Walt Disneys

„Micky Maus“ mit seinen verschrobenen Erfindungen hausieren –

vom Einradroller über die Rückenkratzmaschine bis zum Regenbogenspanner.

Und im mehrfach erfolgreich verfilmten Kultcomic

„Tim und Struppi” des belgischen Zeichners Hergé setzt der kauzige

Professor Balduin Bienlein die

Welt mit gallisch-genialen, aber

praktisch unbrauchbaren Erfindungen

wie der gefürchteten Ultraschallwaffe,

seinem Taschenunterseeboot

oder den motorisierten

Rollschuhen in immer

neues Erstaunen.

Was die beiden Comic-Helden

eint, ist dies: Sie sind amüsant karikierte

Musterbeispiele dafür, wie

wenig Erfindungen – und seien sie

noch so bahnbrechend – mit echter

Innovation zu tun haben. Wie

das? Kommt Innovation nicht

vom lateinischen Wort innovatio,

was doch so viel bedeutet wie Erneuerung?

Und ist nicht jede Erfindung

eine Erneuerung?

DIFFUSER BEGRIFF

Weil er so schön griffig ist, war der

Begriff der Innovation immer

schon positiv besetzt: Als 1901

Belgiens größtes und elegantestes

Kaufhaus in Brüssel eröffnete,

trug es den stolzen Namen „A l’Innovation“.

Und bis heute ist die

Zugkraft des Wortes ungebrochen.

Mehr noch, Innovation hat

sich zu einem geradezu inflationär

gebrauchten Schlagwort entwickelt.

Kein noch so harmloser

Der Überschall-Jet

Concorde war ein

Prestigeobjekt – und

von Anfang an

nicht wirtschaftlich

Produktrelaunch, kein Software-Update und keine neue Dienstleistung,

die nicht als fundamental innovativ angepriesen wird. In

jeder zweiten oder dritten Stellenausschreibung wird innovatives

Denken gefordert, und Jobkandidaten versäumen es folglich auch

nicht, in den Bewerbungen ihre ausgeprägte Innovationsfreudigkeit

herauszustreichen.

Für Reinhold Bauer, der an der Universität Stuttgart Wirkungsgeschichte

der Technik lehrt und seit Jahren über Innovation forscht,

sind das allerdings großenteils Sprechblasen. Zwar sei allerorts von

Innovation die Rede, aber häufig existiere nur eine vage Vorstellung

davon, was der Begriff wirklich

beinhalte, kritisiert der Wissenschaftler.

Innovation drohe zu

einer Art „Plastikbegriff“ zu verkommen

– „er passt immer gut,

hört sich irgendwie nach ‚neu‘ an

und ist folglich auf jeden Fall begrüßenswert“.

Doch nicht jeder Düsentrieb ist

automatisch auch ein Innovator.

Innovation setzt ein wirtschaftlich

verwertbares Produkt oder einen

veränderten Herstellungsprozess

mit entsprechender Produktivitätssteigerung

voraus. Daher hat

es auch wenig Aussagekraft, wenn

die Innovativität von Volkswirtschaften

oder Unternehmen an

der Zahl ihrer Patente gemessen

wird, wie es seit ein paar Jahren in

Mode gekommen ist.

„Ein Patent bildet a priori einfach

nur eine Erfindung ab“, sagt

Bauer, der die Ergebnisse seiner

Forschung in einem Werk über

„Gescheiterte Innovationen –

Fehlschläge und technologischer

Wandel“ niedergelegt hat, „aber

eine Erfindung ist, krass gesagt, etwas

ohne jede wirtschaftliche Relevanz.

Was sich nicht in der Bilanz

niederschlägt, ist keine wirkliche

Innovation.“

FOTOS: CORBIS/REUTERS/JONATHAN BAINBRIDGE, PICTURE-ALLIANCE/DPA

34 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Seit Regierungen im späten 19.

Jahrhundert die Bedeutung der

Innovativität erkannt haben, versuchen

sie immer wieder, neue

Technologien gezielt zu fördern –

nicht selten mit ausgesprochen

kontraproduktiven Ergebnissen.

„Hinter diesem Ansatz verbirgt

sich ein industriepolitisches Denken,

das schon vor Jahrzehnten

gescheitert ist“, sagt Henning

Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Tatsächlich schafft staatliche

Förderung eine Art Innovationstreibhaus,

in dessen geschütztem

Biotop es sich die Forscher gemütlich

machen – und das praktische

Umfeld ihres Projekts leicht

aus den Augen verlieren können.

„Der geschlossene Raum der

staatlichen Förderung schottet

die Akteure der Innovatoren gewissermaßen

von der rauen

Wirklichkeit ab, also von den tatsächlichen

Marktgegebenheiten

und Nachfragebedingungen“,

warnt Innovationsexperte Bauer.

In solchen staatlich kontrollierten

Entwicklungsräumen gedeihen

dann auch schon mal Innovationen,

„bei denen sich später

schlimmstenfalls herausstellt,

dass sie in der realen Welt weder nachgefragt noch lebensfähig

sind“. Anders ausgedrückt:Sie sind eine Verschwendung von Ressourcen.

Ein Beispiel für eine staatlich fehlgeleitete Innovation ist die

Magnetschwebebahn Transrapid. Dabei hatte das staatlich massiv

bezuschusste Projekt durchaus Sinn ergeben, als es Ende der Sechzigerjahre

in Angriff genommen wurde: Zwischen den damals

noch recht langsamen Eisenbahnen und schnellen, aber sehr teuren

Flugverbindungen für Mittel- und Fernstrecken klaffte eine

große Angebotslücke, die von der superschnellen Magnetschwebebahn

sinnvoll geschlossen werden sollte.

DIE LÜCKE WURDE IMMER KLEINER

Doch mit den Jahren änderte sich das Umfeld der Verkehrssysteme

nachhaltig: Die Entwicklung von Hochgeschwindigkeitszügen

(TGV in Frankreich, ICE in Deutschland) machte die Eisenbahn

um vieles schneller und konkurrenzfähiger. Gleichzeitig

führten die Liberalisierung des Luftfahrtmarktes und der Boom

der Billigflieger zu deutlich niedrigeren Flugtarifen. Das Fliegen

auf kürzeren Entfernungen wurde plötzlich erschwinglich. Die

Lücke im Verkehrsangebot, die der Transrapid eigentlich schließen

sollte, wurde immer kleiner. Und eines kam noch hinzu: im

Gegensatz zu Hochgeschwindigkeitszügen ließ sich die Magnetschwebebahn

nicht ins vorhandene Verkehrssystem integrieren,

sondern war auf ein eigenes paralleles Schienensystem angewiesen.

Das machte ihre Verwirklichung unverhältnismäßig kompliziert

und teuer.

Der Wankelmotor

wurde zu einem Opfer

des Ölpreis-Schocks

der Siebzigerjahre

Gewiss, die Magnetschwebebahn

erfüllt das Kriterium einer

Innovation, weil sie tatsächlich

ihre praktische Anwendung fand.

Zwar nicht im europäischen Verkehrssystem,

für das sie ursprünglich

geplant war, aber immerhin

wurde der Transrapid in Shanghai

als Flughafenzubringer gebaut

und pendelt dort seit Dezember

2002 rund 50-mal am Tag. Allerdings

wird die Höchstgeschwindigkeit

von 430 Stundenkilometern

auf der nur 30 Kilometer langen

Strecke gerade mal 50 Sekunden

gehalten. Dann muss der Zug

schon wieder abbremsen, was das

Durchschnittstempo auf 247 Stundenkilometer

reduziert. Überdies

befindet sich das „City“-Terminal

an der Peripherie von Shanghai;

von dort müssen die Reisenden

mit viel Zeitverlust auf die konventionellen

Verkehrsmittel der Innenstadt

umsteigen.

Zwar sind aus China immer

wieder Meldungen über den geplanten

Ausbau des Transrapid-

Systems zu lesen. Doch bisher ist

es bei den Ankündigungen geblieben.

Eine Transrapid-Langstrecke

ist auch in China nicht wirklich in

Sicht. Technikhistoriker Bauer

macht aus seiner persönlichen Einschätzung kein Geheimnis: „Ich

halte den Transrapid für mausetot.“

KURZE ÄRA

Mausetot und im Museum aufgebockt ist auch ein anderes massiv

staatlich gefördertes Innovationsprojekt: Nach knapp 25 Jahren

Flugbetrieb endete die kurze Ära des Überschall-Passagierfluges

am 25. Juli 2000 in Flammen und Rauch, als der britisch-französische

Überschall-Jet Concorde am Pariser Flughafen Charles de

Gaulle abstürzte und 109 Insassen in den Tod riss. Doch auch ohne

den tragischen Crash wäre das Schicksal des wirtschaftlich unrentablen

Fliegers besiegelt gewesen. Der in den Sechzigerjahren mit

enormem staatlichem Aufwand entwickelte elegante Vogel, der

1976 den Liniendienst aufnahm, sollte einen neuen Abschnitt im

Luftverkehr eröffnen – doch die Wirtschaftlichkeit des Prestige-

Fliegers war von Anfang an nie gegeben, nach den Ölkrisen der

Siebzigerjahre noch weniger als vorher.

Die damals staatlichen Airlines Air France und British Airways

betrieben den Spritsäufer auf Geheiß ihrer Regierungen und mit

staatlichen Zuschüssen. Andere Airlines, die anfangs noch Concorde-Kaufoptionen

angemeldet hatten, sprangen bald wieder ab.

„Die Concorde war ein staatliches Prestigeobjekt, bei dem nicht

die Entwicklung eines superschnellen Verkehrssystems im Vordergrund

stand“, kritisiert Bauer. Hier ging es dem Staat auch darum,

sich über Innovativität und Technologie selbst darzustellen und zu

repräsentieren. Als aber die Entscheidung für Entwicklung und

Bau getroffen war, gerieten die Marktbedingungen und die Ren-

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 35

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Politik&Weltwirtschaft

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tabilität des Flugbetriebs in den abgeschotteten Entwicklungsbüros

der beiden Flugzeugbauer immer mehr aus dem Blick.

Wenn Innovationen scheitern, ist es meistens nur eine Frage der

Zeit, wann die ersten Verschwörungstheorien auftauchen. Es gab

sie bei der Concorde (angeblich hätten die amerikanischen Behörden

und Boeing dem Projekt aus reinem Futterneid Steine in den

Weg geworfen), so wie sie 1929 auch nach dem Absturz des Luftschiffs

Hindenburg und dem ruhmlosen Ende der Zeppelin-Ära

im Umlauf waren. Und auch viel später, als der von Felix Wankel

entwickelte und nach ihm benannte Rotationskolben-Motor nach

einer relativ kurzen Erfolgsstory in der avantgardistischen NSU-

Limousine Ro80, dem Mercedes-Benz-Prototyp C-111 und einigen

anderen Modellen Ende der Siebzigerjahre eingemottet wurde,

tauchten Komplott-Theorien auf: Die etablierten Pkw-Hersteller,

so wurde gemunkelt, hätten den Wankelmotor in heimlicher Absprache

abgewürgt, um den Erfolg der konventionellen Hubkolbenmotoren

nicht zu gefährden.

FALSCHE ZEIT

Alles Unsinn. Der Wankelmotor ist ein gutes Beispiel dafür, dass es

keine Verschwörung braucht, um Innovationen scheitern zu lassen.

„Es hat nichts mit Komplott zu tun, wenn eine Industriebranche,

die in die Entwicklung und Produktion einer vorhandenen,

bewährten und weiter entwicklungsfähigen Technologie viel Geld

investiert hat, davor zurückschreckt, diese Technologie aufzugeben“,

erklärt Bauer. Viel eher wurde auch der Wankelmotor mit seinem

bautechnisch bedingten hohen Benzinverbrauch ein Opfer

des Ölpreis-Schocks. Er war

schlicht eine im Kern gute Innovation

zur falschen Zeit.

Ein ähnliches Schicksal könnte

ungünstigenfalls einer weiteren

radikalen Innovation im Autobau

drohen – dem auf einer von Google

entwickelten Technologie basierenden

selbstfahrenden Automobil.

Zwar experimentieren zahlreiche

Autohersteller schon mit

Prototypen, und Nissan will sogar

2020 schon das erste selbstfahrende

Auto auf den Markt bringen.

Gleichwohl könnte sich diese Innovation

am Ende als zu radikal erweisen.

Knifflige Haftungsprobleme

etwa drohen das Projekt auszubremsen.

Wer ist juristisch verantwortlich,

wenn selbstfahrende Autos

in Unfälle verwickelt werden?

Ist es der Hersteller, der das System

konstruiert hat? Oder der Nutzer,

weil er sich dem automatischen

System willentlich anvertraut und

das Unfallrisiko billigend in Kauf

genommen hat? Oder vielleicht

sogar der Gesetzgeber, der für einen

entsprechenden legislativen

Rahmen gesorgt hat, um das System

auf die Straße zu bringen?

Oder der Hersteller der Software,

die das Fahrzeug steuert?

Apple erreicht Kultstatus

mit stetigen

und schrittweisen

Innovationen

Ohnehin kommt bei gewagten Innovationen wie dem selbststeuernden

Auto (ganz zu schweigen von noch radikaleren Konzepten

wie robotergesteuerten Jets oder Schiffen – oder sogar die Paketzustellung

durch Drohnen) die inhärente Furcht von Unternehmen

vor allzu radikalen Neuerungen zum Tragen. Man könnte es auch

das Unbehagen vor Alois Schumpeter nennen. Immerhin hatte der

österreichische Ökonom die Innovation als einen Prozess der

schöpferischen Zerstörung definiert. Innovation funktioniert nur

wirklich, wenn der Ausbruch aus der Routine gewagt, Altes zerstört,

Ressourcen anders kombiniert und in neue Verwendungszusammenhänge

eingebunden werden. Das kann zu großartigen Resultaten

führen. Doch je radikaler die Innovation, desto größer wird

auch das Risiko des Scheiterns.

Kein Wunder, dass sich Unternehmen in der Regel lieber für den

weniger risikobehafteten Weg der inkrementellen Innovation, also

der schrittweisen Neuerung, entscheiden. „Die Innovation, das

Neue, ist eine Anomalie gegenüber dem Alten“, sagt der Medienphilosoph

Rafael Capurro, emeritierter Professor für Informationswissenschaft

an der Universität Stuttgart. „Eine Anomalie widerspricht

dem Alten, dem Bisherigen und wirkt zunächst wie ein

Fehler.“ Inkrementelle Innovation kann daher aus Unternehmenssicht

durchaus eine sinnvolle und rationale Strategie sein.

Nehmen wir das Beispiel der Boeing 747, deren Erstflug 1969 fast

zeitgleich mit dem der Concorde stattfand. Doch während von dem

radikal innovativen franko-britischen Überschall-Jet letztlich nur 20

Exemplare gebaut wurden, entwickelte sich der weit weniger spektakuläre,

eher behäbige Jumbo-Jet mit mehr als 1500 verkauften Exemplaren

zum weltweiten Bestseller.

In den 45 Jahren seit dem Erstflug

erlebte das 747-Modell nicht weniger

als elf große technische Überarbeitungen

– ein Musterbeispiel für

erfolgreiche inkrementelle Innovation.

Und anders als die mit viel

Vorschusslorbeer bedachte revolutionäre

Concorde fliegt und verkauft

sich Boeings Jumbo bis zum

heutigen Tag erfolgreich.

KULTUNTERNEHMEN APPLE

Wenn es einen empirischen Beleg

dafür braucht, dass man das Rad

nicht alljährlich neu erfinden

muss, sondern mit einer klugen Innovationsstrategie

aus gelegentlichen

radikalen und stetigen

schrittweisen Neuerungen phänomenale

Markterfolge erzielen

kann, so hat ihn der US-Konzern

Apple geliefert: Aus dem zeitweise

pleitebedrohten Underdog aus Cupertino

wurde dank seiner riskanten

großen Würfe wie dem Macintosh

(1984), dem iPhone (2007),

dem iPad (2010) sowie jahrelanger

inkrementeller Produktpflege ein

Konzern mit Kultstatus. Heute ist

Apple das mit Abstand vermögendste

Unternehmen der Welt.

Noch Fragen?

n

FOTO: PHOTOSHOT/XINHUA

36 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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PARIS INTERN | Frankreichs neuer Premier macht

den Kniefall vor der Linken, und im Wirtschaftsministerium

gibt es gleich zum Start Streit um die

Kompetenzen. Von Karin Finkenzeller

Manuel allein zu Haus

FOTOS: SAMMY HART, GETTY IMAGES, LAIF/REA/LAURENT CERINO

Aber wer lacht zuletzt? Minister Montebourg

(links), Regierungschef Valls

Die Vorstellung des neuen

Kabinetts musste einen

Tag warten. Die Riege der

Ministerinnen und Minister

an einem 1. April zu präsentieren,

hätte ja als Lachnummer

aufgefasst werden

können. Als Aprilscherz, der in Frankreich

übrigens ein Aprilfisch, ein „poisson d’avril“

ist, weil nach historisch nicht hundertprozentig

gesicherten Angaben Scherzbolde

im Mittelalter ihren ahnungslosen Mitmenschen

Fische auf den Rücken klebten, die

dann langsam anfingen zu stinken.

Die Nase aber rümpften einige Kommentatoren.

Hatten sie Montag vergangener

Woche, als Staatschef François Hollande

den bisherigen Innenminister Manuel Valls

zum neuen Premier machte, noch gedacht,

ein wirtschaftsliberaler Ministerpräsident

werde auch einem solchen Kabinett vorstehen,

lernten sie zwei Tage später das Gegenteil.

Das ist Politik à la Hollande: ein

Schritt vor, zwei zurück. Eine vernichtende

Niederlage wie bei den jüngsten Kommunalwahlen

ist dem Präsidenten genug.

Weil das Entsetzen der Parteilinken über

die Ernennung des Hardliners Valls groß

war und der bisherige grüne Koalitionspartner

die Zusammenarbeit mit ihm komplett

verweigerte, sitzen am Kabinettstisch vor

allem solche, die die linke Seele in Partei

und Bevölkerung streicheln sollen.

Wenn die neue Umweltministerin

Ségolène Royal, die Präsidentschaftskandidatin

von 2007 und ehemalige

Lebensgefährtin Hollandes, künftig bei

öffentlichen Veranstaltungen wieder eine

ihrer esoterisch angehauchten Reden anstimmt,

werden sich die Anwesenden bei

den Händen fassen – und die Energie wird

nur so strömen.

Dem zum Minister für Wirtschaft, Industrie

und Informationstechnik beförderten

Arnaud Montebourg gefällt an Valls, dass

der Premier als Euro-Skeptiker gilt und

2005 für ein „Nein“ der Franzosen zur europäischen

Verfassung warb. Was dann ja

auch klappte und die EU in eine schwere

Krise gestürzt hat. Apropos Montebourg:

Der 51-Jährige wollte am Mittwoch schon

das Chefbüro im sechsten Stock des Wirtschaftsministeriums

beziehen, um dann

festzustellen, dass protokollarisch noch

einer über ihm steht: Michel Sapin, bisher

Arbeits- und nun Finanzminister. Nun muss

sich der Globalisierungsgegner einige Etagen

niedriger einrichten.

Das kann noch spannend werden. Sapin

wird in Brüssel über Haushaltsdefizite und

Verschuldungsquoten verhandeln, die

Montebourg für nötig hält, um Frankreichs

sieche Wirtschaft wieder in Schwung zu

bringen. Am Donnerstagmorgen übte sich

Sapin bereits in verbaler Wirtschaftsgymnastik:

„Im Interesse ganz Europas“ sei es

wichtig, den „richtigen Rhythmus für die

Defizitreduzierung zu finden“.

Erste Reibereien gab es zudem zwischen

dem Wirtschafts- und dem Außenministerium

über die Zuständigkeit für den Außenhandel.

Laurent Fabius, alter und neuer

Außenminister, hatte in den vergangenen

Monaten keinen Hehl daraus gemacht,

dass er sein Haus als natürliche Adresse für

Handelsdiplomatie hält – auch wenn diese

dort bisher nie residiert hat. Drei Stunden

lang zofften sich er und Montebourg am

vorigen Mittwoch via Presseerklärungen,

das Büro des Premierministers konnte zunächst

keine Angaben machen, in wessen

Bereich der Außenhandel angesiedelt sei.

Am Donnerstagmorgen dann bestätigte

der Regierungssprecher: Fabius hat sich

durchgesetzt.

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 37

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Frank-Jürgen Weise

»Kein Spielraum

für sinkende Beiträge«

Der Chef der Bundesagentur für Arbeit sagt dem deutschen Arbeitsmarkt ein

hervorragendes Jahr voraus – allerdings nicht für das Heer der Langzeitarbeitslosen.

Herr Weise, die Zahl der Arbeitslosen

hat sich bei knapp

über drei Millionen stabilisiert,

saisonbereinigt gehen die Zahlen

seit drei Monaten zurück.

Wird 2014 ein gutes Jahr für

den Arbeitsmarkt?

2014 könnte sogar das beste

Jahr seit Langem werden! Bis

auf den Banken- und Versicherungsbereich

suchen fast alle

Branchen nach neuen Mitarbeitern.

Besonders hoch ist die

Nachfrage in technischen Berufen

und im Gesundheitsbereich.

Insgesamt rechnen wir

2014 mit einer durchschnittlichen

Arbeitslosenzahl unter

drei Millionen Menschen. Die

Zahl der Erwerbstätigen dürfte

auf 42,1 Millionen steigen.

Woran liegt das?

Der Export läuft stark, die Investitionen

ziehen langsam an.

Auch die Binnenkonjunktur ist

in Schwung, weil Lohnsteigerungen

und Produktivität in einer

guten Balance sind. Ein

Selbstläufer ist die gute Lage am

Arbeitsmarkt gleichwohl nicht.

Es dürfen keine externen

Schocks eintreten, etwa durch

die Krim-Krise. Wirtschaftssanktionen

könnten in Deutschland

Jobs bedrohen.

Eine Gruppe profitiert vom Aufschwung

am Arbeitsmarkt so

gut wie gar nicht – die Langzeitarbeitslosen.

Das stimmt so nicht. Seit 2006

ist deren Zahl um 40 Prozent

gesunken. Sie haben insofern

recht, als dass sich die positive

Entwicklung zuletzt nicht mehr

fortgesetzt hat. Die Zahl der

Langzeitarbeitslosen ist wieder

leicht gestiegen und pendelt

nun um die Millionengrenze.

DER VERMITTLER

Weise, 62, ist seit Februar 2004

Vorstandsvorsitzender der

Bundesagentur für Arbeit (BA).

Der Diplom-Betriebswirt und

Oberst der Reserve arbeitete

zuvor in der Privatwirtschaft.

Wie lässt sich dieser Sockel

abschmelzen?

Nur durch Aus- und Weiterbildung.

Für zwei Drittel dieser

Menschen gilt mindestens eines

der folgenden drei Kriterien: Sie

haben keinen Schulabschluss,

keinen Berufsabschluss oder

sind älter als 50 Jahre. 400 000

von ihnen sind sogar besonders

hartnäckige Fälle, die seit 2005

nicht mehr gearbeitet haben.

Diese Gruppe lässt sich nur

über ein langfristig angelegtes

Programm aktivieren. Die Men-

schen müssen qualifiziert werden

und einen Arbeitgeber finden,

der die Einstellung wagt –

gern auch mit Lohnkostenzuschuss

durch die Arbeitsagentur.

Mit Verlaub: Welcher Betrieb

stellt jemanden ein, der

seit zehn Jahren nicht mehr

gearbeitet hat?

Natürlich ist das schwierig.

Manche der Betroffenen haben

aber keine schweren Defizite,

sondern hatten schlicht keine

Kinderbetreuung gefunden

oder mussten Angehörige pflegen.

Wenn wir das organisiert

bekommen, können diese Leute

arbeiten. Mit großer Motivation

sogar. Und was ganz wichtig

ist: Wir wollen die Integration in

den ersten Arbeitsmarkt. Einen

sozialen Arbeitsmarkt, der Beschäftigung

nur simuliert, werde

ich nicht herbeireden. Wir

müssen die Arbeitgeber von unseren

Kandidaten überzeugen:

Schau dir den Menschen an

und nicht die Zeugnisse. Und

dann müssen wir beide Seiten

begleiten, weil es ein anspruchsvoller

Weg ist.

Halten Sie mit Blick auf die

Problemfälle im Arbeitslosenbestand

den gesetzlichen Mindestlohn

für eine gute Idee?

Der Mindestlohn ist eine politische

Entscheidung und wird

von einer Mehrheit in der Bevölkerung

gewünscht. Er führt

dazu, dass gerade viele Ungelernte

in Zukunft mehr leisten

und eine Aus- oder Weiterbildung

absolvieren müssen – damit

sie die 8,50 Euro pro Stunde

erwirtschaften können. Dazu

gehört auch, selbst die Initiative

zu ergreifen.

2013 hat der Bundesrechnungshof

kritisiert, dass sich

manche BA-Vermittler wegen

interner Vorgaben auf leichtere

Fälle stürzen – und Langzeitarbeitslose,

deren Vermittlung

viel Arbeit macht, links liegen

lassen. Haben Sie darauf organisatorisch

reagiert?

Eines vorweg: Unsere Strategie

war richtig. Die vertreten wir

auch weiterhin. Wenn je-

»

FOTO: MAX LAUTENSCHLÄGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

38 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

»

mand bei uns zur Tür reinkommt,

muss der erste Gedanke

sein: Wie kriegen wir ihn schnell

wieder in einen Job? Das Problem

war ein anderes: Es gab

Arbeitsagenturen, die den Mittelstand

als Ansprechpartner

vernachlässigt und verstärkt

Zeitarbeitsfirmen bedient haben.

Das ist nicht die gewünschte

Geschäftspolitik der BA. Ich

will, dass die Leistung meiner

Mitarbeiter von Jahr zu Jahr besser

wird. Und da gab es intern

bisweilen die Ansicht, höhere

Vermittlungserfolge seien nur

mit mehr Zeitarbeit möglich.

Und nun?

Wir haben 2014 die Vorgaben

an die Vermittler nicht erhöht.

Zugleich arbeiten wir an einem

Zielsystem, das die schwierige

Integration eines Langzeitarbeitslosen

besser berücksichtigt.

Wir vergleichen seit Jahren

Agenturen in ähnlichen Regionen

und Strukturen. Da suche

ich mir die Besten raus und sage

den anderen: Das müsst ihr

auch schaffen.

Halten Sie langfristig eine

Arbeitslosenzahl von unter

zwei Millionen für möglich?

Wir haben derzeit rund eine

Million Kurzzeitarbeitslose, die

im Schnitt nicht länger als drei

Monate ohne Job sind. Bei 42

Millionen Beschäftigten und einem

beweglichen Arbeitsmarkt

ist das eine normale Größe, die

sich kaum weiter senken lässt.

In der Grundsicherung hingegen

sind noch immer zwei Millionen

Menschen arbeitslos.

Diese Zahl müsste in den kommenden

zehn Jahren zu halbieren

sein.

2013 gab es in Deutschland die

höchste Netto-Zuwanderung

seit mehr als 20 Jahren. Setzt

sich dieser Trend fort?

Ja. Die Zuwanderung nach

Deutschland wird in diesem

Jahr deutlich ansteigen. Wir

rechnen mit einer Netto-Zuwanderung

von 450 000 Personen.

Das ist weit mehr, als alle

lang- und kurzfristigen Prognosen

vorhergesagt haben. Solange

die ökonomische Entwicklung

in Europa stark differiert,

dürfte dieser Trend auch in den

kommenden Jahren anhalten.

Finden Sie das gut oder

schlecht?

In der Summe gut. Die Zuwanderung

kann den demografiebedingten

Rückgang der erwerbsfähigen

Bevölkerung in

Deutschland – 2014 sind das

rund 300 000 Personen – derzeit

mehr als kompensieren. Und

wir bekommen nun auch viele

hoch Qualifizierte aus Süd- und

Osteuropa, die früher lieber

nach England gegangen sind...

...und die womöglich in ihre

Heimatländer zurückkehren,

sobald die Wirtschaft dort

besser läuft.

Na und? Wir sollten mehr europäisch

denken. Wer fünf Jahre

»Die Zuwanderung

nach

Deutschland

wird 2014 deutlich

ansteigen«

bei uns lebt und dann zurück

nach Spanien oder Portugal

geht, kann trotzdem ein dauerhafter

Gewinn für die deutsche

Volkswirtschaft sein. Er nimmt

dann vielleicht seinen BMW

mit, hat Gefallen an deutschen

Produkten gefunden und ist für

die Auslandsniederlassungen

deutscher Unternehmen ein interessanter

Jobkandidat.

Auf der anderen Seite wächst

die Angst vor Zuwanderung von

gering Qualifizierten in die

Sozialsysteme, etwa aus Rumänien

und Bulgarien. Ist das

Hysterie oder eine berechtigte

Sorge?

Die Zahlen sind absolut gesehen

noch überschaubar, sie

wachsen prozentual aber stark

an. Und es ballt sich in bestimmten

Regionen, etwa Berlin,

Duisburg und Mannheim.

Beide Phänomene sind nicht

ungefährlich. Wir müssen auf-

passen, dass gering qualifizierte

Zuwanderer aus Osteuropa, die

hier allenfalls Helfertätigkeiten

ausüben können, nicht zur

Konkurrenz für unsere Langzeitarbeitslosen

werden. Allerdings

ist der Anteil der Arbeitslosen

unter rumänischen und

bulgarischen Migranten nach

wie vor geringer als etwa in der

Gruppe der türkischen Arbeitnehmer

– und auch niedriger

als bei ausländischen Arbeitnehmern

insgesamt.

Der Europäische Gerichtshof

befasst sich derzeit mit der

Frage, ob und wann arbeitslose

EU-Ausländer in Deutschland

ein Anrecht auf Hartz IV haben.

Was ist Ihre Position?

Dieses Urteil ist von entscheidender

Bedeutung. Als Behördenchef

respektiere ich das Sozialrecht

in all seinen Facetten.

Doch muss ich auf die Folgen

hinweisen. Wenn künftig jeder

Zuwanderer aus der EU ein Anrecht

auf Grundsicherung ab

dem ersten Tag hat, entfacht

dies eine gefährliche Signalwirkung.

Das ist arbeitsmarktpolitisch

von der BA nicht mehr zu

bewältigen, da werden am Ende

alle Arbeitsmarktprogramme

versagen.

Führt die derzeit gute Arbeitsmarktlage

dazu, dass sich die

BA wieder ein dickes Finanzpolster

für schlechte Zeiten

zulegen kann?

Nein. Wir haben aktuell Rücklagen

von 2,4 Milliarden Euro.

Das klingt viel, wäre aber schon

bei einer wirtschaftlichen Eintrübung

schnell verbraucht.

Zum Vergleich: Vor der großen

Wirtschaftskrise 2009 hatten

wir 16 Milliarden Euro verfügbar.

Mit dem derzeitigen Beitragssatz

von drei Prozent können

wir unsere originären

Aufgaben erfüllen – mehr aber

auch nicht.

Die mittelfristige Finanzplanung

der Bundesregierung

sieht für die BA bis 2018

keinerlei Zuschüsse mehr vor.

Ihr Haus soll stattdessen

Überschüsse erwirtschaften.

Schaffen Sie das?

Bei normaler Wirtschaftslage

rechnen wir 2014 mit einem

Überschuss um die 100 Millionen

Euro. Bei einem Haushaltsvolumen

von rund 53 Milliarden

Euro ist das eine schwarze

Null. Darin enthalten sind steigende

Ausgaben für Prävention

und eine Konjunktur-Risikoreserve

von 250 Millionen Euro.

Wer mehr fordert, sollte sich an

zwei Dinge erinnern: Die in den

vergangenen Jahren erfolgte

Absenkung des Beitragssatzes

von 6,3 auf 3,0 Prozent kostet

die BA jährlich 20 Milliarden

Euro. Hinzu kommen weitere

rund acht Milliarden Euro Mindereinnahmen

durch den Wegfall

des Mehrwertsteuerpunktes,

den uns die Politik zunächst

zugesprochen und später wieder

genommen hat.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft

hält gleichwohl 2015

eine Absenkung des Beitragssatzes

um 0,2 Punkte für

finanzierbar – und auch für

geboten.

Ich sage ganz klar: Für sinkende

Beitragssätze fehlt uns bis auf

Weiteres der Spielraum. Da wir

wegen des Mindestlohns künftig

mit steigenden Ausgaben für

Weiterbildung rechnen müssen,

ist schon die Stabilisierung des

Beitrags eine enorme Leistung.

Davon sind andere Zweige der

deutschen Sozialversicherung

ein gutes Stück entfernt.

Eine persönliche Frage zum

Schluss: Sie sind seit zehn

Jahren im Amt und einer der

dienstältesten BA-Chefs aller

Zeiten. Wie lange wollen

Sie den Job noch machen?

Mein Vertrag läuft bis Mitte

2017, und die Politik hat mich

gebeten, dieses Mandat zu erfüllen.

Danach spricht vieles

dafür, die Leitung der BA in jüngere

Hände zu geben. Es sei

denn, es gibt vorher einen dramatischen

Wirtschaftseinbruch.

Dann wäre ein Oldie wie

ich, der kühl bleibt, wenn andere

aufgeregt sind, vielleicht

doch noch mal gefragt... n

max.haerder@wiwo.de | Berlin,

bert.losse@wiwo.de

40 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Europäische Zentralbank kann die Konjunktur mit Staatsanleihenkäufen

nicht ankurbeln. Sie läuft Gefahr, dadurch die außenwirtschaftlichen

Ungleichgewichte in der Euro-Zone zu verstärken. Von Ansgar Belke und Daniel Gros

Kontraproduktive Geldpolitik

An den Finanzmärkten

und in Ökonomenzirkeln

wird derzeit heiß

diskutiert, ob die

Währungsunion auf eine Deflation,

also einen allgemeinen

Rückgang des Preisniveaus,

zusteuert. Im März lag die

Teuerungsrate nach vorläufigen

Berechnungen bei nur 0,5

Prozent. Die Europäische Zentralbank

(EZB) strebt dagegen

eine Inflationsrate von knapp

unter zwei Prozent an, die sie

als Preisstabilität definiert. Viele

Experten fordern daher, die

EZB müsse die Geldpolitik weiter

lockern, um eine Deflation

zu verhindern. Sie empfehlen

ihr unter anderem, es der US-

Zentralbank gleichzutun und

langlaufende Staatsanleihen zu

kaufen. Das senke die Zinsen

und rege die Konjunktur an.

Doch dieses Argument kann

nicht überzeugen. Unserer

Ansicht nach spricht vielmehr

einiges dafür, dass niedrige

Zinsen in der derzeitigen Lage

sogar kontraproduktiv sind.

SPARER LEIDEN

Zuvorderst verringern fallende

Zinssätze den Ertrag für

Sparer. Die privaten Haushalte

in Deutschland, die ihr Alterseinkommen

durch private Ersparnisse

aufbessern wollen,

müssten zusätzlich sparen, um

den von ihnen angestrebten Kapitalstock

aufzubauen. Zudem

würden die Kapitalrückflüsse

aus den Lebensversicherungen

sinken. Niedrigere Zinsen dürften

in Deutschland daher nicht

zu dem gewünschten Zuwachs

der gesamtwirtschaftlichen

Nachfrage führen.

Aber könnten niedrigere

Zinsen nicht wenigstens die

»Bei niedrigeren

Zinsen müssten

die Deutschen

mehr sparen,

um genügend

Kapital fürs Alter

aufzubauen«

ten kaum etwas von niedrigeren

Langfristzinsen, da ihre Hypothekenzinsen

an die Entwicklung der

kurzfristigen Interbankensätze

gekoppelt sind. Außerdem dürften

die überschuldeten Haushalte

und Unternehmen vorerst damit

beschäftigt sein, ihre hohen

Schulden abzubauen, daher werden

sie kaum neue Kredite aufnehmen.

Insgesamt könnten

niedrigere Zinsen daher einen

negativen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche

Nachfrage

im Euro-Raum haben.

Am Anfang der Währungsunion

war dies anders. Damals war die

Überschuldung noch nicht so ausgeprägt,

und die Häuserpreise

gen derzeit jedoch, was die Haushaltskassen

der Bürger belastet.

Zudem ist es in Deutschland

schwierig, den Wertzuwachs von

Immobilien für Konsumkredite zu

nutzen. Hierzulande sind die Beleihungswerte

meist konservativ

angesetzt. Die meisten Banken

dürften daher zögern, bei steigenden

Immobilienwerten ihren Kunden

mehr Konsumentenkredite

auszureichen, auch wenn dies in

Einzelfällen vorkommen mag.

Geringere Zinsen erhöhen in

der Theorie die Investitionsnachfrage

von Unternehmen. Nahezu

alle ökonomischen Modelle

unterstellen dies. Aber eine große

Mehrzahl empirischer Studien

Nachfrage in den europäischen

Krisenländern ankurbeln? Immerhin

steht jedem Sparer ein

Schuldner gegenüber, dessen

Schuldenlast sinkt, wenn die Zinsen

fallen. Deutschland ist der

größte Nettogläubiger in der Euro-

Zone. Die deutsche Volkswirtschaft

erleidet deshalb einen Einkommensverlust,

wenn die

Zinssätze weiter fallen. Dagegen

dürften Deutschlands Schuldner

in der Peripherie von niedrigeren

Zinsen profitieren.

Doch ganz so einfach ist es

nicht. Spanische Haushalte hätstiegen,

während sie heute fallen.

Die Befürworter niedrigerer Zinsen

setzen zudem darauf, dass

diese die Vermögenspreise, insbesondere

die Häuserpreise,

nach oben ziehen. Steigen die

Vermögen, fühlen sich die Menschen

reicher – und konsumieren

mehr. In den USA lässt sich dieser

Zusammenhang durchaus beobachten.

Doch ob er auch für Europa

gilt, ist fraglich. In Deutschland

sind nur etwas mehr als 40 Prozent

der Einwohner Eigentümer

ihrer Wohnstätten. Die Mehrzahl

wohnt zur Miete. Die Mieten steizeigt,

dass die Zinssätze allenfalls

einen marginalen Einfluss

auf die Investitionen haben.

Andere Faktoren dominieren.

In Europa finanzieren sich die

Unternehmen eher über Bankkredite

mit kurzer bis mittlerer

Laufzeit. Niedrigere langfristige

Zinsen nutzen ihnen daher

wenig.

NEGATIVE WIRKUNG

Insgesamt dürften Wertpapierkäufe

der EZB auf die gesamtwirtschaftliche

Nachfrage in

Deutschland eher einen negativen

Einfluss ausüben. In den

Peripherieländern wäre der Impuls

allenfalls marginal positiv.

Würde die Binnennachfrage

in Deutschland und anderen

nordeuropäischen Ländern geschwächt,

bremste dies deren

Importe, und die Überschüsse

in den Leistungsbilanzen nähmen

weiter zu.

Expansive geldpolitische

Maßnahmen der EZB drohen

daher die außenwirtschaftlichen

Ungleichgewichte in der

Euro-Zone zu verstärken. Die

Währungshüter sollten der

Versuchung widerstehen, in

großem Stil Anleihen zu kaufen

und die Zinsen nach unten zu

drücken. Was in den USA und

in Großbritannien funktioniert

haben mag, wird in der Euro-

Zone scheitern.

Belke ist Professor für Makroökonomie

an der Universität

Duisburg-Essen und Associate

Fellow des Centre for European

Policy Studies in Brüssel.

Gros ist Direktor des Centre

for European Policy Studies

(CEPS). Der in Chicago

promovierte Ökonom berät

das Europäische Parlament.

FOTOS: PR, VISUM/MARKUS HANKE

42 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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den Besten gelingt,

unablässig Neues auf

den Markt zu bringen.

Kreativität am

laufenden Band

Deutschlands innovativste Unternehmerin

ist 76 Jahre alt,

lebt in einem Provinznest zwischen

Schwäbischer Alb und

Schwarzwald und erinnert äußerlich

an eine italienische Operndiva. In

Wahrheit gebietet die Seniorin mit dem

tiefschwarzen Haar jedoch über ein höchst

erfolgreiches Unternehmen: den Medizintechnik-Hersteller

Karl Storz in Tuttlingen

an der Donau. Der ist mit seinen Endoskopen

für Chirurgen und mit seinen Operationssälen

Deutschlands innovativster Mittelständler.

Das ist das Ergebnis eines Rankings, das

die Münchner Unternehmensberatung

Munich Strategy Group (MSG) exklusiv für

die WirtschaftsWoche erstellt hat. Dazu haben

MSG-Gründer Sebastian Theopold

und seine Mitarbeiter insgesamt 3000 Mittelständler

für ihre Studie analysiert. Ergebnis

ist eine Liste der 50 innovativsten

deutschen Mittelständler (siehe Tabelle

Seite 48). Unter den Top-Innovatoren finden

sich vor allem Maschinenbau-Unternehmen

sowie Spezialisten für Mess- und

Regeltechnik, Software und Medizintechnik.

Gewinner Storz schaffte es gleichzeitig

ins Finale des Deutschen Innovationspreises

(siehe Seite 82).

Gerade die deutschen Medizintechniker

hätten einen riesigen Innovationssprung

gemacht, sagt Ranking-Autor Theopold:

„Da tauchen neben Siemens viele junge,

innovative Medizintechnik-Firmen auf, die

es vor einigen Jahren noch gar nicht gab.“

Allerdings offenbart das Ranking auch

Schwächen. Unter den Top 50 finden sich

kaum Biotech-Medikamentenhersteller.

„Für sie sind die Markteintrittsbarrieren

wegen der hohen Entwicklungskosten sehr

hoch“, sagt Autor Theopold. Und in den

USA stehen für die Biotechs mehr Kapitalgeber

bereit. Ebenfalls schwach sind die

deutschen Mittelständler bei der Nanotechnologie,

die potenzielle Basis für neuartige

Solarzellen oder Speichermedien.

juergen.salz@wiwo.de, andreas macho

Wie die Besten zu ihren Erfolgen kommen,

lesen Sie im Twitter-Stil mit maximal 140

Zeichen pro Satz auf den folgenden Seiten.

#Kundenversteherin

STORZ | Der Medizintechnik-Spezialist fertigt immer bessere

Endoskope und OP-Säle, indem er die Ärzte befragt.

Tuttlingen, Donau. Schwäb. Alb im Osten,

Schwarzwald im Westen. Ganz netter

Ort, viel Landschaft, total #Provinz.

War früher schlimmer. Karstboden, arme

Bäuerchen, lange Winter, viel Zeit zum

Rumbasteln, Rumtüfteln, für Heimarbeit.

Heute 400 Medizintechnik-Unternehmen

auf 35 000 Einwohner, entstanden aus

einer Messerschmiede von 1867.

Aesculap ist der Ortsriese, Tochter von

B. Braun Melsungen, Medizin- und Krankenhaus-Konzern

aus Nordhessen.

Größe ist nicht alles. Innovativer als

B. Braun ist Karl Storz, Nummer eins im Innovationsranking

der deutschen Mittelständler.

High Tech, wo man hinschaut bei #Storz.

Spezialität: Endoskope für Chirurgen zum

Operieren ohne große Schnitte, moderne

OP-Säle.

Kein Wunder, bei so einer Chefin. Sybill

Storz, zarte 76, hat noch immer die Hände

straff an den Zügeln, sagt letztlich, wo es

langgeht.

Wo die Innovationen herkommen?

O-Ton der Chefin: „Der Arzt sagt uns,

was er will. Das hat schon mein Vater so

gehalten.“ »

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

44 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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RANG

1Sybill Storz

Karl Storz

Endoskope

Dank der High-Tech-Geräte

von Storz erkennen Ärzte in

bester Bildqualität, was sie gerade

operieren.

Umsatz: 1,3 Milliarden Euro

Mitarbeiter: 6700

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Unternehmen&Märkte

»

Die alte Dame, ganz der Vater und Unternehmensgründer

Karl. Forschte auch

schon mit Ärzten an medizinischen Geräten.

Aha, Kundenversteherin also. Storz: „Bei

uns denkt sich nicht die Marketingabteilung

aus, was die Ärzte wohl gebrauchen

könnten.“

Noch’n Gedicht der Chefin: „Der Kunde

ist König. Das bringen wir neuen Mitarbeitern

als Erstes bei.“

Das Detail macht’s: Die Idee, wo etwa die

Kamera an Endoskopie-Geräte angebracht

wird, stammt häufig von den Ärzten, die

operieren.

Ärzte loben Storz. Außendienstler träten

bescheiden auf und würden flexibel auf

Wünsche reagieren.

Von der Übersetzerin zur Chefin: Storz

hat Fremdsprachenkorrespondentin gelernt.

1996 Übernahme des Geschäfts.

Tuttlingens berühmteste Unternehmerin:

mehrere Ehrendoktortitel, zum Beispiel

von den Universitäten Tübingen und

Dundee in Schottland.

Heute riesiger Laden, 1,3 Milliarden Euro

Umsatz, typisch solide Schwaben, jedes

Jahr Gewinn gemacht, seit der Gründung

1945.

Von Tuttlingen aus in die Welt: Drei Viertel

des Umsatzes stammen aus dem Ausland.

6700 Mitarbeiter weltweit, 2000 in

Tuttlingen.

Der Erfolg kommt vom großen Angebot:

Etwa 8000 Produkte stehen im Katalog, oft

besser als die Konkurrenz, allerdings auch

teurer.

Immer was Neues bei Storz: Mobiles Endoskop

namens Tele Pack X lässt sich wie

ein iPhone über den Bildschirm steuern.

Matriarchin Storz will noch immer alles

wissen. Liest Berichte der Außendienstler.

Beim Lesen fällt ihr zuweilen auf, dass

vor allem junge Mitarbeiter im Umgang

mit Kunden besser werden könnten.

Dann gibt es sicherlich auch schon mal

einen Hinweis an den Vorgesetzten. Das

kann dann wohl auch ungemütlich werden.

Wie lange bleibt die Chefin noch? Ungewiss.

Sohn Karl-Christian leitet die Forschung,

aber noch mischt die Mutter munter

mit.

Sie denkt wohl noch nicht ans Aufhören.

Fährt auf Promis ab, Fotos mit Papst Benedikt

und Frankreichs Ex-Staatschef Jacques

Chirac.

Storz sagt, sie würde der @wiwo gern

einmal das Anwendungszentrum für die

neuesten Operationsgeräte in Berlin vorführen.

Ah, Berlin, ist bestimmt mehr los als in

Tuttlingen, #hauptstadtbonus.

#Menschenkenner

UZIN UTZ | Alle Kraft der Personalauswahl, lautet das Erfolgsrezept

des Klebstoff-Spezialisten. Der Chef ist Psychologe.

Klebstoff für Bodenbeläge, old, older,

oldest Economy, denkt wohl jeder. Ein

bisschen Uhu, ein bisschen Patex, fertig ist

die Paste.

Uzin Utz (komischer Name) stellt Klebstoff

für Bodenbeläge her. Wie wird ausgerechnet

so einer zweitinnovativster Mittelständler

Deutschlands?

Übrigens: „Uzin“ ist ein Kunstwort, zusammengesetzt

aus dem Familiennamen

„Utz“ und „Industrie“.

Uzin-Utz-Chef Werner Utz schwört unbeirrt

auf seine Methode: „Wir stellen die

richtigen Leute ein.“ Klingt so alt wie Klebstoff,

oder?

Mooooment! In Altem kann auch viel

Neues stecken. Wichtig ist, dass man es

richtig macht. Uzin Utz in Ulm wäre ja

sonst nicht so innovativ.

Innovativ ist bei Uzin Utz der Ansatz. Erste

Regel des Chefs: „Das Wollen der Bewerber

ist manchmal wichtiger als ihr Können.“

Auf die erste folgt die zweite Regel. Originalton

Firmenchef Utz: „Motivation ist

wichtiger als gute Noten.“

Alle schlauen Dinge sind drei. Wie Utz

das Wollen und die Motivation entdeckt?

Ganz einfach: „Durch Intuition.“

Früher hatte Utz ausgetüftelte Fragebögen

für die Einstellungsgespräche. Heute

sagt er: „Das Bauchgefühl ist besser.“

Bitte, bitte nicht aufhören zu lesen! Utz

schwafelt nicht, seine Sätze haben System.

Der Mann hat immerhin Arbeitspsychologie

studiert.

Die Anwendung psychologischer Erkenntnisse,

das ist bei dem Familienunternehmen

der Schlüssel zu Innovationen.

Utz übernahm die Firma 1978 von seinem

Vater Willi Utz. Seitdem gilt im Personalmanagement

die Devise „Wertschöpfung

folgt Wertschätzung“.

Die Devise Wertschöpfung durch Wertschätzung

mündet bei Utz in Fördern

durch Fordern.

Wertschätzung durch Lob reicht dem

Chef nicht, es muss Lob + Prämien sein.

Uzin Utz ist ja kein Kindergeburtstag.

Weil Prämien für Innovationen nur funktionieren,

wenn Neues messbar ist, misst

Utz viel. Ergebnis: Neuheitsquote.

Die Formel versteht jeder: Neuheitsquote

= Anteil jener Produkte am Gesamtumsatz,

deren Einführung weniger als fünf

Jahre zurückliegt.

Kein Wunder, dass Uzin Utz weit vorn ist

im Ranking der @wiwo. Neuheitsquote

2013: 58 Prozent. Umsatz: 207 Millionen

Euro. 940 Mitarbeiter.

Nur zum Vergleich: Als Werner Utz das

Unternehmen 1978 übernahm, hatte es

100 Mitarbeiter, und der Umsatz lag bei

zwölf Millionen Euro.

Die Schwaben sind keine Eigenbrötler,

die ihr Bauchgefühl ausleben. Seit 1997 an

der Börse. Seitdem ein halbes Dutzend Firmenübernahmen.

Vorstandschef Utz lässt nicht ab von seinem

Credo: „Die wichtigste unternehmerische

Entscheidung ist die Personalentscheidung.“

Was bei Uzin Utz niemals passieren darf:

Dass die Mitarbeiter Informationen über

das Unternehmen als Erstes aus der Zeitung

erfahren.

Was bei Uzin Utz immer passiert: Führungspositionen

werden ausschließlich

durch Mitarbeiter aus dem eigenen Haus

besetzt.

Innovationen durch #Karrierechancen.

RANG

2Uzin Utz (Klebstoffe)

Umsatz:

207 Millionen Euro

Mitarbeiter:

940

46 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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# Vorexerzierer

EUROIMMUN | Der Chef der Lübecker Biofirma gilt bei seinen

Mitarbeitern als wandelnde Ikone.

Nicht schlecht für einen Mittelständler.

Überall in der Zentrale in Lübeck Perserteppiche,

Betriebskindergarten und Hort.

Das nennt man Wohlfühlatmosphäre.

Der Chef, Winfried Stöcker, Professor, absolut

unprätentiös, duzt jeden, lässt sich

duzen.

Euroimmun ist Nummer drei unter den

innovativen Mittelständlern. Die Wohlfühlatmosphäre

ist der eine, der Chef der

andere Erfolgsfaktor.

Stöcker ist Dauererfinder. Er ersann Biochips,

die Autoimmunerkrankungen erkennen,

bei denen sich der Körper selbst

bekämpft.

Der Euroimmun-Chef lebt vor, was er erwartet.

Privat ist er Hobbykoch. Prompt

forschte er jahrelang an der perfekten Konfitüre.

Kürzlich hat Stöcker mal wieder was entwickelt:

ein Spülverfahren, um seine immunologischen

Tests zu perfektionieren.

Innovativ und erfolgreich: Euroimmun

macht aktuell 150 Millionen Euro Umsatz,

zu drei Vierteln im Ausland, 15 Prozent

Rendite.

Wird es knifflig, schalten Mediziner Stöcker

und sein Vorzeigelabor ein. „Da analysieren

wir schwierige Proben für die Laborärzte.“

Kunden sind für Stöcker wie Ideenspender.

„Etwa 1000 Laborärzte und -techniker

kommen jedes Jahr nach Lübeck, geben

uns Anregungen.“

Was Euroimmun macht, hat Gewicht in

der Medizin. Stöcker zertifiziert und berät

Laborärzte beim Qualitätsmanagement.

Stöcker setzt darauf, dass seine Leute

machen, was er vorlebt. Gemeinsam Ziele

entwickeln. Wie die jemand erreicht, ist

dem Chef egal.

Alle drei Monate tagen bei Euroimmun

die 45 Abteilungsleiter. Da diskutieren

dann alle, woran als Nächstes gearbeitet

wird.

Schönes machen Stöckers Leute nicht:

Rattenleber und Schweinehirn in ultradünne

Scheiben schneiden, um darauf

Blutproben zu analysieren.

»

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

RANG

3

Winfried

Stöcker

Euroimmun

Labor-Reagenzien

Mit der Technologie aus

Lübeck können Laborärzte

bessere Diagnosen stellen.

Umsatz: 150 Millionen Euro

Mitarbeiter: 1500

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 47

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Unternehmen&Märkte

METHODE

Formel des

Erfolgs

Wie im WirtschaftsWoche-Ranking

Innovationen gemessen werden.

Die Basis des WirtschaftsWoche-Rankings

der innovativsten deutschen Mittelständler

umfasste zunächst rund 3000

deutsche Unternehmen mit einem Umsatz

zwischen zehn Millionen und etwa einer

Milliarde Euro. Die Münchner Unternehmensberatung

Munich Strategy

Group (MSG) analysierte deren Jahresabschlüsse

und Firmenpräsentationen,

führte Hunderte Gespräche mit Kunden

und Verbänden sowie mit den Geschäftsführern,

Inhabern und Beiräten der Unternehmen.

EINE FRAGE DER KULTUR

Von diesen 3000 wählte MSG – nach

Auswertung der Experteninterviews und

der Erfolgsanalyse – 400 Unternehmen

aus. Für die so verbliebenen Mittelständler

schuf MSG einen Vergleichswert, einen

sogenannten Score, der für die Innovationskraft

steht. In den Score fließt

nicht nur die Zahl der neuen Produkte

und deren Marktchancen ein. Er bewertete

auch, in welchem Maß die Innovationskultur

im Unternehmen verankert ist, etwa

ob bei Innovationen alle Abteilungen

eingebunden sind oder der Chef persönlich

die Suche nach Neuem vorantreibt.

Eine hohe Punktzahl vergaben die Berater

etwa, wenn alle Unternehmensbereiche

an den Innovationen beteiligt waren.

Unternehmen, in denen sich nur eine

Stabsstelle mit dem Thema Innovationen

befasste, erreichten einen niedrigen

Score. Auch die Umsatz- und Ertragskraft

der Unternehmen floss in die Bewertung

mit ein. „Innovationen sind kein Zufall,

sondern entstehen dank einer fest implementierten

und professionalisierten Innovationskultur“,

sagt MSG-Gründer Sebastian

Theopold.

Zudem fragten die Berater nach den

größten Hindernissen für Innovationen.

Von staatlichen Regulierungen fühlen

sich insbesondere die Chemiebetriebe

gegängelt. Über den Mangel an qualifizierten

Arbeitskräften klagen vor allem

Maschinenbauer.

Medizintechnik und Maschinenbau

Die 50 innovativsten Mittelständler in Deutschland

Rang

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

47

48

49

50

Unternehmen/Sitz

Karl Storz/Tuttlingen

Uzin Utz/Ulm

Euroimmun/Lübeck

Aluplast/Karlsruhe

Delo/Windach

Eckert & Ziegler/Berlin

Sanha/Essen

Kaffee Partner/Osnabrück

Multivac/Wolfertschwenden

Spanner Re²/Neufahrn i. NB

Arku Maschinenbau/Baden-Baden

RIB Software/Stuttgart

Flyeralarm/Würzburg

SimonsVoss Technol./Unterföhring

Röhm/Sontheim

LPKF Laser &Electronics/Garbsen

Murrelektronik/Opperweiler

Hermle/Gosheim

MorphoSys/Martinsried

Neosid Pemetzrieder/Halver

Protection One/Meerbusch

Wiss. Gerätebau Knauer/Berlin

Duo Plast/Lauterbach

Vapiano/Bonn

Becker Marine Systems/Hamburg

Wilo/Dortmund

Walter Rau/Neuss

GK Software/Schöneck

Elementar Analysensysteme/Hanau

Vacom /Jena

SenerTec/Schweinfurt

Sikora/Bremen

GS Elektromediz. Geräte/Kaufering

Romaco Pharmatechnik/Karlsruhe

2G Energy/Heek

Mobotix/Langmeil

HAP/Dresden

Hauff-Technik/Herberechtingen

HEWI Heinrich Wilke/Bad Arolsen

Fissler/Idar-Oberstein

Licos Trucktec/Markdorf

Rhodius/Weißenburg

Grünbeck/Höchstädt

MEA Meisinger/Aichbach

Ewald Dörken/Hagen

Testo/Lenzkirch

Atoss Software/München

Hautau/Helpsen

Oschatz/Essen

Königsee Implantate/Allendorf

Schwerpunkt

Endoskope und medizin. Instrumente

Spezialchemikalien, Klebstoff f. Bodenbeläge

Medizinische Labordiagnostik (Reagenzien)

Fensterprofile

Industrieklebstoffe (Chips, Fotovoltaik, Auto)

Strahlen- und Medizintechnik

Verbindungstechnik

Direktvertrieb Kaffeemaschinen

Verpackungsmaschinen

BHKW 3 (Holzgas)

Richtmaschinen und Bandanlagen (Bleche)

Techn. ERP-Lösungen für das Bauwesen

Online-Druckerei

Schließ- und Zutrittskontrollsysteme

Spannmittel

Maschinen zur Materialbearbeitung

Schaltschrank- und Steuerungsanlagen

Fräsbearbeitungszentren

Biotechnologie (Antikörpertechnologie)

Elektrobau-Komponenten (Spulen, Drosseln)

24h-Live-Fernüberwachungstechnik

Produzent von Laborgeräten

Packmittel (Folien)

Systemgastronomie

Steuersysteme für Schiffe

Hersteller von Pumpen und Pumpsystemen

Veredelung von Pflanzenfetten & Ölen

Store-Solutions (IT für Filialen)

Analytik nicht-metallischer Elemente

Vakuum und Messtechnik

Mini-BHKW 3 (Gas, Kraftstoffe)

Mess-, Regel- und Testgeräte

Medizintechnik, Intensivmedizin

Verpackungsmaschinen

BHKW 3 (Gas)

Hochauflösende Videosysteme

Robotik und Automatisierungstechnik

Kabel-, Rohr- und Leitungsdurchführungen

Systemanbieter Baubeschlag und Sanitär

Kochgeschirr

Entwicklung von Wasserpumpenkupplung

Schleifwerkzeuge

Produkte zur Wasseraufbereitung

Entwässerungstechnik

Bauverbundfolien, Bautenfarben

Portable und stationäre Messtechnik

Software für Workforce Management

Beschlagindustrie

Anlagenbau und Energierückgewinnung

Medizintechnik

Umsatz 1

(in Mio. €)

1300

207

150

250

50

120

110

100

285 4

25

39

39

238

48

157

115

153

303

52

16

26

17

45

290

74

1187

333

27

42

16

42

30

38

42

167

82

19

1105

71

111

14

128

71

100

263

220

33

45

63

18

1 letzt verfügbare Zahl, teilw. geschätzt; 2 ermittelt aus Unternehmensperformance und Innovationskultur;

3 Blockheizkraftwerke; 4 Deutscher Teilkonzern; Quelle: Munich Strategy Partners

Innovations-

Score 2

191

188

187

183

181

178

177

176

172

170

168

167

165

164

162

161

159

158

155

153

151

148

147

146

144

141

140

138

136

135

133

130

128

127

126

123

121

120

119

118

117

115

114

111

109

108

107

105

104

101

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

48 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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#Abgucker

ALUPLAST | Der Fensterproduzent

lässt sich vom

Know-how der Automobilbranche

inspirieren. Mit

erstaunlichem Erfolg.

Was haben Fenster und Autos gemeinsam?

Aus beiden guckt man raus. Banal?

Aluplast macht trotzdem Innovationen daraus.

Aluplast in Karlsruhe, 1250 Mitarbeiter,

weltweit mehr als 20 Standorte, Umsatz

250 Mio. €, ist viertinnovativster deutscher

Mittelständler.

Ausgefallener Einfall der beiden Brüder

und Aluplast-Chefs Patrick und Dirk Seitz:

Sie laden regelmäßig Autobauer zu sich

ein.

Die Badener haben die Erfahrung gemacht,

dass Autobauer zu wichtigen Innovationen

anregen.

Dass Kunststofffenster energiesparend,

bleifrei, recycelbar und schön sein müssen

– geschenkt! Doch wie sie effizient herstellen?

Die Autoindustrie besitzt Super-Knowhow

in der Fertigung und bei Werkstoffen.

Das schöpfen die Aluplast-Brüder ab.

Jüngster Abgucker bei der Autoindustrie:

Aluplast klebt die Scheiben in den Kunststoffrahmen,

statt sie wie früher mechanisch

zu befestigen.

Noch eine Innovation à la Automobilindustrie:

Aluplast produziert Fensterleisten,

die vollautomatisch geformt werden

können.

RANG

4

Patrick und

Dirk Seitz

Aluplast

Fensterprofile

Die Fenster von Aluplast zeichnen

sich dadurch aus, dass sie

Energie sparen, bleifrei sind

und die Kunststoffrahmen

recycelt werden können.

Umsatz: 250 Millionen Euro

Mitarbeiter: 1250

Die Aluplast-Brüder betätigen sich auch

als Hellseher. Gerade grübeln sie, was wohl

die wichtigsten Fenstertrends bis 2024

sind.

Patrick Seitz wagt eine Prognose: „Runde

Fensterformen werden wiederkommen.“

Jetzt liegen aber einmal die eckigen Fenster

im Trend.

#Multikulti-Unternehmer

SANHA | Der Essener Rohrleitungshersteller findet Neues

durch seine multikulturelle Belegschaft.

Klingt erst mal langweilig. Sanha produziert

Rohrleitungen und Verbindungsstücke.

O Gott, o Gott! Hatten das

nicht schon die Römer?

Die Römer hatten Wasserleitungen, aber

keine Rohre, die einfach mit Zange und

Hammer zusammensteckbar waren!

Sanha bietet als einziger Hersteller bleifreie

Verbindungsstücke an, aus Siliziumbronze.

Gut fürs Trinkwasser. Blei ist giftig.

Firmen-Chef Bernd Kaimer ärgert sich:

„Wir sind eine Branche hinter der Wand.

Jeder kennt unsere Produkte, aber keiner

sieht sie.“

Unsichtbarkeit schadet nicht. Sanha,

Platz 7 im Ranking der @wiwo, rund 110

Millionen € Umsatz, 700 Mitarbeiter, ist

Nummer vier in Europa.

Neue Ideen sprudeln bei der Essener Firma

so richtig seit dem Mauerfall 1989. Damals

wagte Sanha den Sprung über die

Grenze.

Heute ist Sanha total international. Firmenchef

Krämer: „Auch im mittleren Management

arbeiten bei uns Leute aus der

ganzen Welt.“

Ob Polen, Engländer oder die Mitarbeiter

im Werk Berlin, für Sanha ist die Mischung

eine Art Innovationsmaschine.

O-Ton Kaimer: „Jeder bringt die Mentalität

aus seinem Heimatland mit. So gewinnen

wir viele Perspektiven auf denselben

Gegenstand.“

Die Computer im Lager verstehen mehrere

Sprachen. Deutsch ist nicht notwendig,

um bei Sanha in Essen zu arbeiten.

RANG

7Sanha (Rohrleitungen)

Umsatz:

110 Millionen Euro

Mitarbeiter:

700

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 49

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Unternehmen&Märkte

#Kommunikator

KAFFEE PARTNER | Der Kaffeeautomaten-Distributor treibt

seine Mitarbeiter mit Informationen zur Höchstleistung.

RANG

8

Michael

Koch

Kaffee Partner

Kaffeemaschinen

Die Automaten von Kaffee

Partner ordern selbstständig

Nachschub und können aus

der Ferne gewartet werden.

Umsatz: 100 Millionen Euro

Mitarbeiter: 500

Die Zentrale – halb Cappuccino, halb

Latte macchiato. Jede Etage eine kaffeebraune

Wand, darüber Beton wie weißer

Schaum.

@kaffee_partner in Osnabrück stylt fast

alles auf Milch und Mokka, auch die Wände

in der Lobby. Man möchte am liebsten

dran lecken.

Große Ausnahme: Die Mitarbeiter des

Kaffeegeräteherstellers in den Büros sind

nicht von Mauern, sondern von Glas umgeben.

Kaffee ist Kommunikation. Der Werbespruch

scheint für @kaffee_partner auch

nach innen zu gelten. Durch das Glas sieht

jeder alles.

Glas = Kommunikation = Innovation?

Für Mitgründer Michael Koch wäre das zu

kurz. Eher: Kontakt zu vielen = mehr Ideen

= mehr Geschäft.

Kommunikation ist bei @kaffee_partner

eine Art Melange: Sichtkontakt + Intranet +

drei (!!) Mitarbeiterzeitungen + ein Kundenblatt.

Jeder Kaffee-Partner-Beschäftigte wird

von seinem Arbeitgeber fast zugeschüttet

mit Informationen über das Innen- und

Außenleben des Unternehmens.

Beispiel Außendienstler: Wer einen neuen

Verkaufskniff findet, bekommt ein Heldenporträt

in der hausinternen Zeitung.

Bevor neue Mitarbeiter in ihre Glaskästen

einziehen dürfen, müssen sie sämtliche

Abteilungen der Firma @kaffee_partner

durchlaufen.

Was @kaffee_partner ersann, wird oft

kopiert: Fernwartung von Kaffeemaschinen,

per Telemetrie, 2012 eingeführt.

Denkende Maschinen: Entdeckt der Apparat

beim Kunden einen Fehler, schlägt er

Alarm – bei @kaffee_partner.

Die Kaffeemaschine denkt, @kaffee_partner

lenkt (per Fernwartung). Geht

der Kaffee zur Neige, ordert die Maschine

Nachschub.

@kaffee_partner ist gut im Geschäft:

rund 100 Millionen Euro Umsatz 2013,

auch mit anderen Marken wie @kaffee_partner

Shop.

Kein Unternehmen liefert mehr Kaffeemaschinen

an deutsche Mittelständler

zwischen 3 und 300 Mitarbeitern als @kaffee_partner.

Das interne Blatt für die Vertriebler bei

@kaffee_partner heißt „Geräte-Außendienst-Zeitung“.

Geht nicht gerade runter

wie Café au lait?

Kleiner Tipp an Kaffee-Partner-Mitgründer

Koch: Wie wär’s mit „Der Ausschenker“.

Oder mit „Der Barista“?

n

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

50 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Das Vertrauen ist wieder da«

INTERVIEW | Frédéric Oudéa Der Vorstandschef der französischen Großbank Société Générale will die

Finanzkrise abhaken, fordert von Paris Reformen und will in Deutschland zulegen.

Monsieur Oudéa, die Société Générale ist

die am stärksten in Russland engagierte

Bank Europas. Wie besorgt sind Sie?

Unser Risiko ist begrenzt. In der Ukraine

sind wir so gut wie nicht vertreten, unsere

Kredite in Russland machen weniger als

fünf Prozent unseres Gesamtengagements

aus. Wir haben vorsichtig agiert und darauf

geachtet, dass unser Wachstum vor allem

aus lokaler Finanzierung hervorgeht. Bislang

sind unsere russischen Aktivitäten

nicht beeinträchtigt. In den nächsten

Quartalen wird die Wirtschaft weniger

wachsen, aber mittel- bis langfristig sehe

ich für uns gute Chancen.

Eine Eskalation der Krise und harte

wechselseitige Sanktionen würden Sie

aber empfindlich treffen, oder?

Wir rechnen mit einem weiteren diplomatischen

Dialog und moderaten Sanktionen,

solange der Konflikt auf die Krim beschränkt

bleibt. Dafür sind die wirtschaftlichen

Verbindungen viel zu eng. Europa

braucht dringend Wachstum. Das wird es –

außer vielleicht in Deutschland – kaum

durch mehr Staatsausgaben und mehr

Konsum geben, sondern nur durch höhere

Exporte und Investitionen. Russland bleibt

ein besonders wichtiger Markt. Für die Politik

steht zu viel auf dem Spiel. Euroskeptische

Parteien gewinnen in vielen Ländern

Stimmen, weil es zu wenig Wachstum gibt.

Das gilt auch für Frankreich. Wird die

Regierung wegen der Niederlage bei den

Kommunalwahlen von ihrem vorsichtigen

Reformkurs abweichen?

Einen Rückzieher kann sie sich kaum leisten.

Wir brauchen dringend weitere Strukturreformen.

Die Staatsausgaben müssen

sinken, damit die Steuern für Unternehmen

und Privathaushalte sinken

können. Die Unternehmensgewinne

sind insbesondere

wegen der hohen Steuern

und Sozialabgaben unter

Druck. Das hält von Investitionen

ab, und ohne die gibt

es kein Wachstum. Es müssen

nicht alle Reformen auf einen

Schlag passieren. Aber wir

DER KRISENGEWINNER

Oudéa, 50, wurde 2008

Chef der Societé Générale,

nachdem sein Vorgänger

wegen des Skandals

um den Trader Jerôme

Kerviel gehen musste.

Oudéa ist Absolvent

zweier Elitehochschulen.

brauchen einen klaren und verlässlichen

Plan, um Vertrauen wieder aufzubauen.

Sollte die EZB das Wachstum durch eine

erneute Zinssenkung fördern?

Wenn überhaupt, ginge es hier nur um

symbolische Schritte mit dem Ziel, den

Wert des Euro im Verhältnis zum US-Dollar

zu schwächen und damit die Exporte

anzukurbeln. Dazu dürfte es aber ohnehin

kommen. Die US-Wirtschaft läuft immer

besser, die Notenbank Fed bereitet einen

Zinsanstieg vor, während die EZB die Zinsen

wohl für lange Zeit niedrig halten wird.

Wettbewerbsfähigkeit kann aber nicht auf

Dauer von der Geldpolitik abhängen.

Natürlich nicht, die einzelnen

Volkswirtschaften müssen

sich in ihrer Leistungsfähigkeit

annähern. Dafür sind

weitere Reformen auf dem

Arbeitsmarkt und im Steuerrecht

nötig. Zusätzlich brauchen

wir mehr europäische

Integration. In Schlüsselindustrien

wie Energiever-

»

FOTO: FOTOGLORIA/LUZPHOTO/SIMONE PEROLARI

52 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

sorgung und Telekommunikation fehlt

ein einheitlicher gesetzlicher Rahmen.

Als Schritt zu mehr Gemeinsamkeit geht

in diesem Jahr die Bankenunion mit einer

gemeinsamen Aufsicht über die größten

Institute an den Start. Was erwarten Sie?

Die Krise hat zu einer starken Fragmentierung

der europäischen Finanzmärkte geführt.

Jedes Land hat versucht, nationale

Ersparnisse zu nutzen, um die eigene Wirtschaft

zu finanzieren. Für eine internationale

Großbank ist es enorm aufwendig,

wenn sie in jedem Land andere Regeln beachten

und umsetzen muss. Die einheitliche

Regulierung wird das Bankensystem

effektiver und leistungsfähiger machen.

Zuerst müssen die Banken eine Bilanzprüfung

und einen Stresstest bestehen.

Natürlich will die EZB sicherstellen, dass

die Banken gesund sind, bevor sie die Aufsicht

übernimmt. Ich sehe darin keine Gefahr,

sondern eine Chance. Wenn der Test

zeigt, dass die Institute in guter Form sind,

können wir sieben Jahre nach dem Ausbruch

das Kapitel Bankenkrise schließen

und uns auf Wachstum konzentrieren.

Sie klingen sehr optimistisch. Wenn das

Ergebnis zu positiv ausfällt, wird das Vertrauen

in die Banken nicht zurückkehren.

Es ist doch längst wieder da. Große Banken

können problemlos Anleihen begeben und

Einlagen einsammeln. Sie haben bereits eine

Menge unternommen, um ihre Bilanzen

zu stärken. Einige planen, noch vor der

Prüfung Kapital aufzunehmen.

Besteht die Société Générale den Test?

Würden die verschärften Kapitalanforderungen

des Regelwerks Basel III nicht erst

2018, sondern schon heute komplett gelten,

kämen wir aktuell auf eine Kernkapitalquote

von zehn Prozent. Den Test sollten

Banken bestehen, wenn sie nicht unter

5,5 Prozent fallen. Ich kann mir kein Szenario

vorstellen, das uns an die Nähe dieser

Schwelle befördern könnte.

Wird es nach dem Test zur Konsolidierung

unter Europas Banken kommen?

Innerhalb von Ländern wie Spanien und

Griechenland findet sie bereits statt, in

Frankreich hat man sie schon vor Jahren gesehen.

Die digitalen Technologien verändern

das Kundenverhalten, die Banken müssen

sich an neue Rahmenbedingungen anpassen

und gleichzeitig investieren. Das fällt

ihnen leichter, wenn sie eine gewisse Größe

haben. Für die Souveränität Europas würde

ich gerne drei bis fünf paneuropäische Banken

sehen, die im globalen Kapitalmarktund

Finanzierungsgeschäft wettbewerbsfähig

sind. Große Unternehmen sollten nicht

nur auf Kreditinstitute aus den USA, Großbritannien

und Asien angewiesen sein.

Es kann nicht die richtige Lektion aus der

Krise sein, dass Banken größer werden.

In der Krise sind vor allem solche Banken

in die Bredouille geraten, die nicht differenziert

genug waren und sich zu stark bei

riskanten Hauskrediten engagiert hatten.

Natürlich müssen Großbanken angemessen

kapitalisiert und überwacht sein, um

den Steuerzahler zu schützen...

»Unser Ziel für Deutschland ist Wachstum im

hohen einstelligen Prozentbereich«

...der im Zweifel doch wieder für ihre Rettung

einspringen muss.

Die Gefahr ist deutlich geringer als vor der

Krise. Das System ist sicherer geworden.

Die Kapitalausstattung der Banken hat sich

verdoppelt. Und wenn das nicht reicht,

müssen sich nach den Regeln des europäischen

Abwicklungsmechanismus zunächst

Anleihegläubiger und dann Anleger

mit Einlagen von mehr als 100 000 Euro beteiligen.

Und es gibt den europäischen Abwicklungsfonds.

Diese Polster hätten in der

vergangenen Krise ausgereicht.

Wie groß muss eine Bank heute sein?

Größe ist kein Selbstzweck. Je größer eine

Bank ist, desto mehr Kapital braucht sie

Süd-Länder vorne

Die wertvollsten Banken der Euro-Zone

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Bank/Land

Santander/Spanien

BNP Paribas/Frankreich

BBVA/Spanien

Nordea Bank/Schweden

Intesa Sanpaolo/Italien

UniCredit/Italien

Société Générale/Frankreich

Deutsche Bank/Deutschland

Crédit Agricole/Frankreich

CaixaBank/Spanien

Quelle: Bloomberg

Börsenwert

in Mrd. €

81,4

71,6

51,6

42,4

41,2

39,0

37,3

33,8

29,8

24,1

und desto strenger wird sie überwacht. Es

kommt auf eine wettbewerbsfähige Größe

an in den für das eigene Geschäft relevanten

Segmenten und bei den Kunden. Wir

sind im Investmentbanking vor allem im

Aktiengeschäft stark und wollen uns auch

darauf konzentrieren. Das gilt ebenso für

die Finanzierung von Energie und Infrastruktur.

Unser Private Banking in Asien haben

wir verkauft, weil wir mittelfristig nicht

auf die erforderliche Größe gekommen wären.

Unsere Vermögensverwaltung haben

wir mit Crédit Agricole zusammengelegt.

Wir fokussieren uns auf Kerngeschäfte.

Würde der Kauf der deutschen Commerzbank

dazu passen?

Nein. Der deutsche Markt für Privatkunden

ist wenig profitabel. Wir sind nicht daran

interessiert, unserem Geschäft nur Größe

ohne ausreichende Synergien hinzuzufügen.

Unsere Priorität liegt klar auf organischem

Wachstum.

Welche Ziele haben Sie in Deutschland?

Wir sind in Segmenten wie zum Beispiel

Leasing, Handelsfinanzierung und Investmentbanking

gut vertreten und wollen

weiter investieren. Unser Ziel ist Wachstum

im hohen einstelligen Prozentbereich.

Welche Renditen sind für Banken künftig

noch realistisch?

Bis Ende 2015 wollen wir eine Eigenkapitalrendite

von zehn Prozent erreichen. Das

ist weniger als bei den meisten Industrieunternehmen,

aber höher als unsere

Kapitalkosten. Das scheint mir eine angemessene

Profitabilität zu sein.

Früher waren die Zeile ehrgeiziger, heute

redet die Branche vom Kulturwandel

Das tun wir auch und zu Recht. Wir wollen

verhindern, dass Leute bei uns arbeiten,

die nur darauf aus sind, ihren persönlichen

Profit zu maximieren.

Der Händler Jérôme Kerviel, der mit

Spekulationsgeschäften einen Milliardenverlust

auslöste, arbeitete bei der Société

Générale. Wäre ein solcher Fall heute

noch möglich?

Fehlverhalten eines Einzelnen können wir

nie komplett ausschließen. Der Oberste

Gerichtshof hat Kerviel strafrechtlich in allen

Punkten schuldig gesprochen, aber

auch auf Schwächen der bankinternen

Kontrollsysteme hingewiesen. Wir haben

Hunderte von Millionen Euro in neue Systeme

investiert und viele Handlungsabläufe

geändert. Wenn die Geschäfte von heute

in einigen Jahren nicht zu Altlasten geworden

sind, waren wir erfolgreich.

n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris,

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

54 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Ändere dich oder stirb

UNIQLO | In seinem Heimatland ist der japanische Bekleidungsriese ein Mega-Erfolg, in den USA der

große Renner. Jetzt drängt der dickköpfige Konzernchef Tadashi Yanai nach Deutschland und will

Zara und H&M überholen – indem er alles anders macht.

Kauft hier wirklich jemand ein? Jede

Öffnung in den endlosen Regalwänden

ist bis zum Anschlag mit identischen

Socken, Hemden und Pullovern gefüllt.

An den Kleiderstangen hängen die

immer gleichen Klamotten. Selbst die Textilien

an den Schaufensterpuppen wirken

unauffällig. Nur Größen und Farben sorgen

für Abwechslung – und zwei rote Würfel

mit dem Wort Uniqlo in japanischer und

westlicher Schrift.

Die seltsame Buchstabenfolge mit der

sperrig spröden Anmutung stammt vom

Englischen „unique clothing“ und heißt

auf Deutsch so viel wie „einzigartige Kleidung“.

Doch ob Kunstwort oder der zwölfstöckige

Flagship-Store auf der Einkaufsmeile

Ginza in Tokio: Die Widersprüchlichkeit

der Marke, die in Japan und Asien

riesige Erfolge feiert, in den USA auf die

Überholspur wechselt und nun auch nach

Deutschland kommt, ist unübersehbar.

Von wegen Einzigartigkeit – Uniqlo liefert

das krasse Gegenteil, einfache textile

Alltags-Basics. Von der Unterwäsche über

Jeans bis zum Anorak, Ausgefallenes, gar

für Individualisten oder besondere Anlässe,

ist nicht vorgesehen, stattdessen „Life

Wear“, also das, was man zum Leben halt

so braucht. „Vom Teenager bis zur Großmutter

sollen die Kunden unsere Kleidung

so kombinieren können, dass sie damit gut

aussehen“, sagt Design-Vorstand Yukihiro

Katsuta in der Konzernzentrale im hippen

Stadtviertel Tokyo Midtown.

Vom 11. April an will der japanische

Mutterkonzern Fast Retailing auch die

Deutschen mit seiner Einheitsware beglücken.

Dann eröffnet nahe der Berliner Gedächtniskirche

die erste deutsche Uniqlo-

Bunte Einheitsware Weltweit betreibt der

japanische Einzelhändler inzwischen fast

1300 Uniqlo-Läden

Filiale und wirft Peek & Cloppenburg auf

der anderen Straßenseite den Fehdehandschuh

hin. Mit 2700 Quadratmetern Verkaufsfläche

auf drei Etagen wird der Laden

das größte Kaufhaus der Marke in Europa,

nachdem Fast Retailing in Frankreich und

England schon Fuß gefasst hat.

GANG ÜBER DEN GLOBUS

Der Schritt auf den größten und am härtesten

umkämpften Markt Europas symbolisiert

die globalen Ambitionen des japanischen

Angreifers. Aktuell betreibt Fast Retailing

in Japan 856 und im Ausland 512

Uniqlo-Geschäfte. In diesem Jahr geht der

Konzern außer in Deutschland auch in

Australien an den Start und plant, weltweit

jährlich bis zu 300 neue Läden zu eröffnen.

Bis 2020 will Fast Retailing mit heute

82000 Mitarbeitern den Umsatz auf 35 Milliarden

Euro mehr als vervierfachen und damit

die größeren Rivalen Inditex (Zara) aus

FOTOS: NYT/REDUX/LAIF/HIROKO MASUIKE; REUTERS/CHARLES PLATIAU

56 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Spanien, H&M aus Schweden und GAP aus

den USA überholen. In Japan und Asien ist

Uniqlo bereits die Nummer eins.

„Wir sind durch organisches Wachstum

auch ohne Zukäufe unterwegs zum globalen

Marktführer“, gibt sich Gründer und Konzernchef

Tadashi Yanai überzeugt. Schon in

zwei Jahren will er mehr im Ausland als in Japan

einnehmen. Fast Retailing ist das wertvollste

Unternehmen im Nikkei-Index. Yanai

will mit dem Gang über den Globus sein Lebenswerk

krönen. Mit seinen knapp 46 Prozent

an Fast Retailing, die 12,4 Milliarden

Euro wert sind, ist er der reichste Japaner.

Wer die Anfänge des heute 65-jährigen

klein gewachsenen Mannes mit dem grauen

Stoppelhaar und den abstehenden Ohren

kennt, hätte diesen Erfolg niemals für

möglich gehalten. Zwischen zwei Schwestern

wuchs Yanai als einziger Sohn beschützt

in der Wohnung über dem väterlichen

Geschäft für Herrenanzüge in Japans

Textilregion Yamaguchi auf. Das Studium

der Wirtschaft und Politik an der renommierten

Waseda-Universität in Tokio verbrachte

er weniger im Hörsaal, sondern

mehr an Mahjong-Spieltischen und Pachinko-Flipperautomaten.

Chef und Tennisstar

Gründer Yanai (rechts) mit

Werbepartner Novak Djokovic

Auch der erste Job beim japanischen

Einzelhändler Aeon weckte bei dem Unternehmersprössling

keine Arbeitslust. Lieber

half der damals 23-Jährige ein bisschen im

Geschäft seines Vaters aus und vergrätzte

die Mitarbeiter. Sieben der acht Angestellten

hörten auf, weil sie sich vom Junior des

Chefs schlecht behandelt fühlten. Yanai

blieb nur, der Not zu gehorchen und alle

Arbeiten vom Wareneinkauf bis zur Buchhaltung

selbst zu erledigen. Für den verzogenen

Twen war dies offenbar die Initialzündung.

Der Vater drückte ihm den Firmenstempel

und das Sparbuch in die

Hand, so lernte er das Geschäft von der

Pike auf. Das Gefühl der Verantwortung,

das elterliche Geschäft nicht pleitegehen

zu lassen, weckte Ernst und Eifer in Yanai.

Dennoch dauerte es ein Jahrzehnt, bis

Yanai den Handel mit Anzügen aufgab.

Nachdem zwei mächtige Konkurrenten

landesweit expandiert waren, verlegte er

sich auf Freizeitkleidung. Zudem war sich

Yanai sicher, dass sich hochwertige Feierabendmode

gut verkaufen ließ, wenn nur

der Preis stimmt. Der Kurswechsel spiegelte

sich im ersten eigenen Geschäft wider,

das er Unique Clothing Warehouse nannte

und bald mit Uniqlo abkürzte.

Dazu kam die Begegnung mit dem Chinesen

Jimmy Lai in Hongkong. Lai war mit

der Textilkette Giordano und der gleichnamigen,

komplett selbst produzierten

Marke reich geworden. Vom Entwurf über

den Stoffeinkauf bis zur Vermarktung hielt

Lai alles in Händen und schaltete Zwischenhändler

aus. „Was Lai gelang, sollte

ich auch schaffen“, machte sich Yanai Mut.

Er lagerte die Produktion nach China aus

und siedelte Filialen in Vorstädten an. Die

Einsparungen gab er an die Kunden weiter.

Schon 1991 ging er als Fast Retailing an

die Börse und baute die Kette rasant aus.

JIL SANDER AN BORD

Dabei bewies er Dickkopf und Durchhaltevermögen.

Während der Dauerrezession in

Japan in den Neunzigerjahren dominierte

Yanai bald den Markt. Seine Niedrigpreise

verursachten jedoch einen so negativen

Ruf, dass die Japaner dafür gar das Wort

„Unibare“ erfanden. Es beschrieb das peinliche

Gefühl, als Uniqlo-Träger ertappt zu

werden. Yanai kümmerte das nicht. Stattdessen

erweiterte er nach der Jahrtausendwende

sein Angebot für Frauen und expandierte

gen Westen, teils auch durch Zukäufe.

Neben den 1368 Uniqlo-Läden betreibt

Fast Retailing schon 1200 weitere

Textilfilialen, etwa die Billigkette GU.

Heute ist das miese Image vergessen.

„Anders als vor zehn Jahren tragen die Leute

ihre Uniqlo-Sachen inzwischen nicht

mehr nur versteckt drunter“, sagt De-

»

Auf Expansionskurs

Entwicklung des Uniqlo-Mutterkonzerns Fast Retailing*

Umsatz (in Mrd. €) Gewinn (in Mrd. €) Direkt betriebene Läden

4,3

808

843 845 853

4,2

4,3

4,8

5,0

866

Uniqlo

Japan

0,9

0,7

0,7

0,7

0,8

Uniqlo

International

0,5 136 0,7 181

0,04

0,06

292

1,1

0,08

446

1,8

0,1

2,4

0,2

629

1169

1064 1085 1150

1261

Sonstige

globale

Marken

0,9

0,05

0,9

1,1

1,4

0,06

0,1

0,1

1,7

0,2

2010

2011

2012 2013 2014

*Geschäftsjahr vom 1. September bis 31. August; Quelle: Unternehmen

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 57

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Unternehmen&Märkte

Stau in Manhattan In New York betreiben

die Japaner einen Vorzeigeladen auf der

teuren Fifth Avenue

»

sign-Chef Katsuta. Schließlich fänden

japanische Touristen ein Uniqlo-Kaufhaus

inzwischen auch in der New Yorker Fifth

Avenue, der Londoner Oxford Street und

der Shanghaier West Nanjing Road. Zum

Imagewandel beigetragen hat maßgeblich

jedoch die Zusammenarbeit mit der deutschen

Star-Designerin Jil Sander, die mit

ihrer minimalistischen Handschrift von

2009 bis 2011 für Uniqlo die hochwertige,

aber bezahlbare Kollektion „+J“ entwarf.

Yanai ist es so gelungen, Uniqlo ein neues

Outfit zu verpassen und damit die Bekleidungsbranche

zumindest in Japan umzukrempeln.

„Die Uniqlo-Revolution besteht

darin, dass Arme und Reiche diese

Kleidung tragen“, sagt der Unternehmensberater

Kensuke Kojima und Autor des Buches

„Das Uniqlo-Syndrom“.

Wie konnte das trotz Finanzkrise und der

Konkurrenz durch Online-Handel gelingen?

Mit der Antwort, die Yanai gibt, verballhornt

er seinen Konzernnamen Fast

Retailing, zu Deutsch: schnelles Verkaufen,

geradezu. „Slow fashion“, langsame Mode,

nennt er seine Uniqlo-Strategie. Während

Konkurrenten wie Zara, H&M oder Esprit

alle drei Monate ihr Sortiment wechseln,

lässt sich Uniqlo Zeit und wendet für die

Entwicklung eines Produktes ein Jahr auf.

Design, Farben und Verarbeitung sollen so

zeitlos und hochwertig sein wie ein Bauhaus-Möbel

Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Ware ist weltweit gleich, nur Ärmellängen

und Konfektionsgrößen variieren.

Yanais zweiter Erfolgsfaktor ist das gute

Preis-Leistungs-Verhältnis. Der erste

Uniqlo-Bestseller war eine Fleece-Jacke für

umgerechnet 13 Euro, die sich jeder vierte

Japaner zulegte. Inzwischen liegen Kaschmir,

Leinen und hochwertige Baumwolle

zu Niedrigpreisen im Laden. Fast Retailing

kauft nach dem Aldi-Prinzip teure Materialien

ein Jahr im Voraus in Riesenmengen

ein und sichert sich dabei extrem günstige

Konditionen. Kürzlich verarbeitete der

Konzern auf einen Schlag acht Prozent der

Weltjahresproduktion von Seide der beiden

höchsten Gütestufen.

Aktien-Info Fast Retailing

ISIN:JP3802300008

Index: 1.1.2011 =100

450

400

350

Fast Retailing

300

250

Inditex

120

150

100

H&M

50 2011 2012 2013 2014

Umsatz (in Millionen Euro)

Mitarbeiter

Gewinn (Ebit, in Millionen Euro)

Umsatzrendite (in Prozent)

Eigenkapitalrendite (in Prozent)

Kurs (in Euro, Börse Frankfurt)

KGV

Börsenwert (in Milliarden Euro)

Geschäftsjahr zum 31.8.2013

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:Thomson Reuters, Bloomberg,

Unternehmen

Fast Retailing

9680

47 517

1126

11,6

19,07

260,26

35,96

27,98

Hoch

Zwar verbünden sichdie Japanernichtmehrwie noch

voreinigen Jahren mitStar-Designernwie Jil Sander,

dafürpunkten sie weltweitmit guter Qualität und

Kleidung mitZusatzfunktionen, diesie weniger

anfälligmachtfür Modetrends undKonjunktur.

Das Risiko, auf der Ware sitzen zu bleiben,

ist für Fast Retailing begrenzt, da sich

Uniqlo vom schnellen Modezyklus abzusetzen

versucht. Bei den Kunden kommt

das an: „Ich kann es mir nicht leisten, ständig

Neues zu kaufen, das nach dem dritten

Waschen zerfällt“, begründet eine japanische

Studentin ihren Einkauf bei Uniqlo.

Yanais dritter Erfolgsfaktor ist innovatives

Funktionsgewebe. Mit „AIRism“ hat

Fast Retailing ein dehnbares Gewebe aus

atmungsaktiven Mikrofasern entwickelt,

das Schwitzflecken verhindert, Geruch

neutralisiert und die Haut feucht hält. „In

diesem Material steckt ein enormer Aufwand

an Forschung und Entwicklung, den

keiner außer uns betreibt“, betont Vertriebschef

Shuichi Nakajima.

Umgekehrt hält das speziell strukturierte

Mikroacryl-Gewebe namens „Heattech“

etwa für Unterwäsche und Socken den

Körper warm und erzeugt durch natürliche

Aminosäuren ein samtiges Tragegefühl.

Form und Funktion bleiben beim Waschen

erhalten. „Dank der hohen Funktionalitäten

setzt sich Uniqlo im stark umkämpften

Niedrigpreissegment durch“, meint Helene

Burger von der Unternehmensberatung

Roland Berger in Japan.

KLEINER BEUTEL

Die jüngste dieser „Japan-Technologien“,

mit denen Uniqlo wirbt, nennt sich „Ultra

Light-down“, federleichte Jacken und Westen,

die warm halten, nicht auftragen und

in einen kleinen Beutel passen, den der

Kunde dazu bekommt. Das Obermaterial

der Kleidungsstücke besteht aus extrem

dünnen Kunstfasern, die durch eine Spezialbehandlung

so dicht gepackt sind, dass

sich Daunenpolster ohne eigenen Bezug

einnähen lassen. Materiallieferant ist der

japanische Kunstfaserspezialist Toray, der

auch das ultraleichte Karbon für die

Dreamliner von Boeing produziert. Drei

Toray-Entwickler sind von Anfang an in

den Designprozess integriert. Toray liefert

exklusiv an Uniqlo und betreibt eine eigene

Fabrik für die Spezialmaterialien.

Konzernchef Yanai weiß, dass er mit seiner

Expansion den Kampf um die globale

Führung im Bekleidungsgeschäft anzettelt,

und hat seine Belegschaft in Japan entsprechend

eingeschworen. „Unsere internationalen

Gegner Zara, H&M und Gap sind

nicht leicht zu schlagen, und wir müssen

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

58 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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auch mit Adidas, Nike und LVMH konkurrieren“,

sagte er Anfang März vor 4000 Mitarbeitern

in Tokio. „Ich verlange von jedem

Verkäufer die doppelte Effizienz.“ Jede

Uniqlo-Filiale müsse darum kämpfen, am

meisten zu verkaufen. „Ich mache 50 neue

Läden auf und 50 erfolglose Läden zu“,

drohte er. Allein die Uniqlo-Geschäfte in

Japan sollen pro Jahr 700 Millionen Euro

mehr Umsatz bringen.

Damit verrät Yanai gleichzeitig eine gewisse

Nervosität. Denn der Vorstoß auf

westliche Märke geht richtig ins Geld. So

schreibt Uniqlo in den USA auch nach fast

einem Jahrzehnt rote Zahlen. Japan bleibt

daher das Rückgrat des Konzerns. Im halb

abgelaufenen Geschäftsjahr 2014 wird Fast

Retailing nur 55 Prozent der Einnahmen,

aber 80 Prozent des operativen Gewinns in

Japan erzielen. Daher darf die Textilkette in

der Heimat nicht ins Schlingern geraten.

Doch die schnell alternde und schrumpfende

Bevölkerung macht dem Umsatz

ebenso zu schaffen wie neue Konkurrenz,

die Uniqlo schamlos kopiert. Als Gegenmaßnahme

schließt der Konzern inzwischen

kleine Filialen in den Vororten und

eröffnet größere Kaufhäuser in zentralen

Lagen. Dort lässt sich mehr Umsatz pro

Quadratmeter Verkaufsfläche erwirtschaften.

Der Wandel gipfelte vor zwei Jahren in

der Eröffnung eines Uniqlo-Kaufhauses

auf der teuersten Tokioter Einkaufsstraße.

SCHWARZE LISTEN

Auf die Weise verschafft Yanai zwar seiner

wichtigsten Marke Respekt, nicht aber sich

als Arbeitgeber. Fast Retail steht auf

schwarzen Listen, die an Unis kursieren

und vor Arbeitgebern warnen, die junge

Leute en masse nach dem Studium als billige

Arbeitskräfte einstellen. Japans Presse

berichtet über Stress und Depressionen

überarbeiteter Uniqlo-Beschäftigter. Jeder

zweite Berufsanfänger, der von Uniqlo eingestellt

wird, kündigt innerhalb von drei

Jahren. Ein Grund dafür war, dass die Neuen

sich schon nach sechs Monaten als Filialmanager

qualifizieren mussten. Darauf

verzichtet Uniqlo inzwischen.

Dennoch ist der Arbeitsdruck enorm.

Die Regale müssen jederzeit auf über 90

Prozent aufgefüllt werden, um Kunden zu

beeindrucken. Store-Chefs klagten, dass

sie sich abends an der Stechuhr abmeldeten

und dann zur Erfüllung ihres Pensums

weiterarbeiteten. Um nicht ganz ins Abseits

zu geraten, hat Yanai angeordnet, dass

Uniqlo 16 000 Mitarbeiter mit befristeten

Verträgen fest anstellt. Damit sichert er sich

in Zeiten wachsenden Arbeitskräftemangels

gute Leute. Seine Einstellung zu Mitarbeitern

dürfte der Mittsechziger indes

kaum geändert haben. Einer seiner Wahlsprüche

hieß zeit seines Lebens: „Wer

nicht schwimmen kann, soll untergehen.“

Bei Ansprachen fordert er oft: „Ändere

dich oder stirb“. Der Spruch hängt auch im

Korridor zu seinem Büro. Den japantypischen

Führungsstil, Mitarbeiter wie Familienangehörige

zu behandeln und im Konsens

zu entscheiden, sieht er als Einengung

der unternehmerischen Freiheit.

Gleichwohl besitzt Yanai die Stärke, zu

seinen eigenen Fehlern zu stehen. Vor einem

Jahrzehnt scheiterte er mit dem Versuch,

sich auch im Lebensmittelhandel zu

etablieren. Den Flop arbeitete er in dem

Buch „Wie man seinen Erfolg an einem Tag

wegwirft“ auf. Und seine Autobiografie betitelte

er – ungewöhnlich in einem Land,

wo Scheitern ein Makel ist – mit „Ein Sieg,

neun Niederlagen“.

n

martin.fritz@wiwo.de | Tokio

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Unternehmen&Märkte

Ungeliebter Kumpel

BOSTON CONSULTING GROUP | Innerhalb der Beratung tobt ein

Kulturkampf. Ramponiert Deutschland-Chef Carsten Kratz die

Identität und damit die Zukunft der intellektuellen Elitetruppe?

Der Mann hat Wichtiges zu sagen, er

ist hoch konzentriert, die Hände gehen

auf und nieder, seine Stirn legt

er in Dauerfalten, zieht die Augenbrauen

so stark nach oben, dass das gewellt-gescheitelte

Haar darüber sanft im Takt der

Worte mitwippt. Damit die Videobotschaft

gut rüberkommt, hat sein Arbeitgeber extra

einen Teleprompter angeschafft, wie ihn

auch die Tagesschau-Sprecher nutzen.

„Was kann Deutschland tun, um seine Produktivität

und Innovationskraft zu halten

oder weiter auszubauen?“, liest der Mann

mit angespannter Intensität vor. Ein großes

Thema für wenig Zeit: Sechs Minuten und

25 Sekunden dauert der Beitrag zur Optimierung

der Nation.

Der Mann heißt Carsten Kratz und ist als

Deutschland-Chef der Boston Consulting

Group (BCG) qua Amt berufen, gedankliche

Anstupser auf höchstem Niveau zu geben.

Die unter dem Motto „Gemeinsam

mutig voranschreiten“ vor der Bundestagswahl

2013 an Abgeordnete verschickte Ansprache

beeindruckt aber eher als Parade

der Plattitüden. „Kluge Familien- und

Wirtschaftspolitik gehen Hand in Hand“,

lautet ein Ratschlag. „Deutschland sollte

sich auf Industriezweige konzentrieren

und Unternehmen fördern, die in zukunftsfähigen

Branchen tätig sind“, ein

weiterer. Das Fazit: „Nur wenn das Boot gemeinsam

für die Stürme der Weltwirtschaft

seetauglich gemacht wird, wird es langfristig

allen Insassen gut gehen.“

Stagnierende Geschäfte bei Boston Consulting

Umsatz in Deutschlandund Österreich

(in Millionen Euro)

600

500

400

300

Durchschnittliches

jährliches Wachstum

seit 2004: 8%

seit 2011: 2%

200

2004 05 06 07 08 09 10 11 12 13 2009

Quelle: Unternehmen

Politiker haben die Ausführungen nur

beiläufig zur Kenntnis genommen. Bei

BCG haben sie umso mehr eingeschlagen –

als Bumerang. Ungewollt haben sie Kratz’

Gegenspielern Munition geliefert. Die werfen

dem Deutschitaliener vor, den intellektuellen

Schlussverkauf zu betreiben, eine

langfristige Strategie der kurzfristigen Profitmaximierung

zu opfern und abweichende

Ansichten niederzubügeln. Wenn Kratz

nicht gestoppt werde, ramponiere er Identität,

Image und Erfolg der zweitgrößten

Strategieberatung in Deutschland.

TIEFPUNKT DES NIEDERGANGS

Seit Kratz’ Berufung an die Spitze Ende

2012 ist der interne Konflikt eskaliert. Kritiker

sehen in der Personalie den vorläufigen

Tiefpunkt eines vor Jahren eingeläuteten

Niedergangs. „Die Kultur des Unternehmens

war schon vor Kratz krank“, klagt ein

hochrangiger Ex-BCGler. „Nun ist sie tot.“

BCG galt einst als kreative Alternative

zum als Kostenkiller gefürchteten Marktführer

McKinsey, als erste Adresse für globale

Wachstumsstrategien, als intellektueller

Sparringspartner für Vorstandsvorsitzende.

Konzepte wie die „BCG-Matrix“ zur

Bewertung von Produkten anhand von Lebenszyklus

und Marktanteil sind in Wissenschaft

und Praxis tief verankert. In

Deutschland prägte über Jahre der erste

BCG-Landeschef Bolko von Oetinger das

Bild. Ausgiebig befasste der sich zum Beispiel

mit der Anwendbarkeit der Taktiken

Neueinstellungen in Deutschland

und Österreich

170 170

220 220

180

200

10 11 12 13 14

Weiß er wirklich,

wo es langgeht?

Umstrittener BCG-

Deutschland-Chef Kratz

des Preußengenerals Carl von Clausewitz

auf das Management. Das brachte zwar

kaum Geld ein, beförderte aber das Image.

Die Zeiten unbehelligter Freigeisterei

ohne zählbares Resultat sind vorbei, der

Wettbewerb ist härter. Statt Vorständen

entscheiden Einkaufsabteilungen über

den Einsatz der Berater. Und von unten

drängen Wirtschaftsprüfer in den Markt,

die nicht ganz so intellektuell auftreten, deren

Tagessätze aber auch nur halb so hoch

sind wie die der vermeintlichen Elite.

Dass Anpassungen erforderlich sind,

leugnet darum kaum jemand. Doch etliche

BCGler fürchten, dass die Führung den

Wandel überzieht und den Kern der Marke

vaporisiert. Kratz und Konsorten seien

beim tiefen Austausch mit Top-Managern

über deren Strategie überfordert. Sonderlich

einträglich war die Disziplin zwar nie.

„Aber es ist wie in der Mode“, sagt ein Berater.

„Sie müssen das extravagante Abendkleid

im Programm haben, damit sie den

Regenschirm teuer verkaufen können. Gibt

es nur noch Konfektionsware, wird die immer

austauschbarer – und preiswerter.“

Kratz selbst weist die Kritik zurück:

„BCG hat sich immer über Inhalte profiliert

und soll weiter für Wertzuwachs, globale

Expertise und Innovation stehen.“ Die Be-

FOTO: BERND ROSELIEB

60 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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atung biete ihren Kunden „signifikant höhere

Wertschöpfung, was uns von Wettbewerbern

abgrenzt und höhere Tagessätze

rechtfertigt“. Letztlich zeige der Erfolg, dass

sich BCG auf dem richtigen Kurs befinde.

„Wir waren in den vergangenen Jahren

weltweit die Beratung, die sich am erfolgreichsten

entwickelt hat“, sagt Kratz.

VERGIFTETE ATMOSPHÄRE

In Deutschland lief es aber lange eher mau.

2012 mussten sich die deutschen BCG-

Partner mit Nullwachstum bescheiden,

Anfang 2013 brach das Geschäft ein und

berappelte sich bis zum Jahresende nur einigermaßen.

BCG Deutschland schnitt mit

vier Prozent Plus nicht nur schlechter ab

als BCG weltweit – der Gesamtumsatz stieg

um sechs Prozent auf 3,95 Milliarden Dollar

–, sondern auch als der deutsche Markt,

für den der Bundesverband der Unternehmensberater

6,3 Prozent Plus errechnete.

Aktuell wächst der Umsatz im zweistelligen

Prozentbereich. Den Zwischenboom verdankt

BCG vor allem einigen Großprojekten,

etwa bei Bilfinger.

Doch hinter der Fassade rumort es

weiter. Kratz’ Gegner würden ihn lieber

gestern als heute abservieren, etliche

sollen in die innere Emigration gegangen

sein. Die Atmosphäre ist so vergiftet, dass

seine Feinde jede Kratz-Äußerung umgehend

mit Spott bedenken. Als in der

vergangenen Woche das Partnertreffen in

Zagreb dem Streik der Piloten zum Opfer

zu fallen drohte, schrieb Kratz in einer

internen Mail, dass „ich noch mal direkt

mit den Verantwortlichen bei der LH (Lufthansa)

sprechen werde“. Prompt unterstellten

ihm seine Gegner Allmachtsfantasien:

Ihr Chef werde wohl nicht nur den

Pilotenstreik, sondern bald auch die

Krim-Krise lösen.

Kratz, da sind sich selbst seine Feinde einig,

hat Qualitäten. Die Stärken des Wirtschaftsingenieurs

liegen im Tagesgeschäft,

in der Organisation großer Projekte, der

exakten Planung einzelner Arbeitsschritte:

Eines seiner Lieblingswörter ist „durchdeklinieren“.

Siemens war lange sein größter

Kunde. Der ganz kurze Draht in die Vorstandsetagen

fehlt ihm aber bis heute, bei

Treffen der Wirtschaftselite wirkt er mitunter

wie ein Fremdkörper. Selbst bei der Feier

des 50-jährigen BCG-Jubiläums im

Herbst 2013 in Frankfurt wirkte er unsicher.

Was Gesprächspartner häufig irritiert:

Kratz lässt Distanz vermissen, nicht nur

Menschen, die er kennt, kommt er unangenehm

nahe. Er macht das bewusst so: Ein

internes Video zeigt ihn, wie er Mitarbeiter

reihenweise in den Arm nimmt. Jeden

Partner will er zweimal im Jahr besuchen

und unter vier Augen sprechen, auf internen

„Roadshows“ sucht er den Austausch.

Das kommt nicht nur gut an. Mit Grauen

erzählen BCGler von mit Bildern aus Formel-1-Rennen

und Analogien zum Fußball

gespickten Vorträgen. Einige der Einser-

Absolventen titulierten ihren Chef ob

solcher Motivationstricks aus der Mottenkiste

zum „Maschi“ – in Anlehnung an den

umstrittenen AWD-Gründer Carsten

Maschmeyer.

MENSCH SEIN

Eine aktuelle interne Präsentation zum

Thema Innovation schmückt ein aus heutiger

Sicht kurioses Privatfoto von Kratz zu

Beginn seiner Beraterkarriere 1990. Er will

auch für seine Mitarbeiter Mensch sein

und sieht sich damit als Prototyp einer

neuen, lockereren Generation von Managern.

Seiner Vorliebe für Polohemden einer

italienischen Nobelmarke frönt er auch

mal im Büro. Und selbst bei älteren Geschäftspartnern

geht er schnell, für manche

zu schnell, zum Du über.

Nicht nur sein Kumpeltum macht

Kratz zum personifizierten Kulturbruch.

BCG-Berater verdienten immer blendend,

nach außen aber war Bescheidenheit

angesagt. Der aktuelle Chef fuhr eine

Weile Maserati, hat eine Yacht vor Sardinien

und eine Villa in Frankfurt, die auch

Vorstände von Dax-Unternehmen in ihrer

Opulenz beeindruckt. Sogar sein Jahresgehalt

in Millionenhöhe ist ein von ihm

selbst nur schwach gehütetes Geheimnis.

Einen schweren Stand hat er auch

wegen der angeblichen Umstände seiner

Berufung. Sie soll, wie Insider berichten,

das letzte Glied einer Kette von Allianzen

und Versprechen sein. So habe sein

Vorgänger Christian Veith bei der Wahl

des Weltchefs dem US-Kandidaten Rich

Lesser europäische Stimmen gesichert. Im

Gegenzug rückte Veith zum Co-Chef in

Europa auf.

Für seinen vakanten Posten favorisierten

etliche deutsche Berater Hubertus Meinecke.

Der hatte bei der Weltchef-Wahl mit

gerade mal 40 Jahren einen sensationellen

dritten Platz belegt. Meinecke, der in seiner

Freizeit Extrem-Marathons in der Wüste

läuft, gilt als Verkörperung alter BCG-Tugenden.

Er hätte jedoch, meinen Insider,

die deutschen Aktivitäten einer ähnlich rigorosen

Analyse unterzogen, wie sie die Berater

auch bei ihren Kunden durchexer-»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 61

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Unternehmen&Märkte

»

zieren. Veith habe die Berufung durch einige

Anrufe und Indiskretionen verhindert,

sodass schließlich sein Gefolgsmann Kratz

auf dem begehrten Platz landete.

LOHN DER LOYALITÄT

Veith, der von 2006 bis 2012 an der Spitze der

deutschen BCG stand, gilt als eigentlicher

Pionier der intellektuellen Sklerose, auch

wenn er „wenigstens eine humanistische

Bildung hat“, wie ein Insider lästert. Der Jurist

denke nur in politischen Allianzen, „sein

einziger Freund ist er selbst“, sagt ein Berater,

der ihn seit Jahrzehnten kennt. Zwischenzeitlich

soll sich Veith von Kratz abgewendet

und diesen in kleiner Runde für verzichtbar

erklärt haben. Nur die Besserung der Auftragslage

habe wieder für Frieden gesorgt.

Kratz betont, dass das Verhältnis zu seinem

Vorgänger „sehr gut und eng ist, seit wir uns

kennen“.

Veith selbst verdankt seinen Aufstieg vor

allem der bedingungslosen Loyalität zu

Hans-Paul Bürkner. Der erste deutsche Weltchef

einer großen Beratung läutete vor mehr

als zehn Jahren eine Revolution bei BCG ein.

Er schaffte teure Firmentreffen ab, trimmte

die Beratung auf Effizienz und verordnete

ihr einen aggressiven Wachstumskurs mit

dem Ziel, mittelfristig zu McKinsey aufzuschließen.

Je länger Bürkner amtierte, desto

mehr mutierte das Unternehmen zu einer

Truppe ergebener Ja-Sager. Veith habe das

Prinzip verinnerlicht: „Er blüht auf, wenn

andere exakt seiner Meinung sind“, sagt ein

Partner.

Dabei sind die BCG-Wurzeln andere.

Gründer Bruce Henderson hatte seinen

Jüngern den provokativen Disput verordnet

und ihre Erkenntnisse zum „Schlag

zwischen die Augen“ ihrer Kunden deklariert.

Die permanente Auseinandersetzung

forderte er auch intern ein. „Immer hieß es,

wir sollten ihn herausfordern, ihn überzeugen“,

erinnert sich ein langjähriger BCG-

Berater an ein persönliches Treffen. Das

permanente Ringen unterschiedlicher

Charaktere mit unterschiedlichen Auffassungen

habe die Beratung stark gemacht.

Davon sei wenig geblieben: Heute nivelliere

ein mildes Konsensklima alle Differenzen.

Widerspruch sei unerwünscht.

Meister taktischer Machtspiele BCG-Co-

Europa-Chef Veith

Als symbolhaft dafür gilt der Abgang des

Starberaters Daniel Stelter 2013. Der hatte

sich mit ebenso provokanten wie düsteren

Äußerungen zur Euro-Krise profiliert. Das

missfiel der Führung, Insider berichten,

dass sie Stelter mit Macht aus dem Unternehmen

drängte. Kratz will sich nicht konkret

äußern, sagt aber: „Wir unterstützen

provokative Aussagen in einem Rahmen,

der uns als Unternehmen dient.“

Andere Aushängeschilder wie die Österreicherin

Antonella Mei-Pochtler sind

noch da, treten aber kaum noch in Erscheinung.

Die Rolle des Vordenkers würde

Kratz gerne selbst übernehmen. Doch dafür

hat er zu wenig zu sagen.

Andere Abgänge schmerzen weniger in

der Außendarstellung als wirtschaftlich. So

leidet etwa die Bankenabteilung noch immer

unter dem Verlust der Top-Berater

Walter Sinn und Levin Holle, die sich zum

Konkurrenten Bain und als Abteilungsleiter

ins Bundesfinanzministerium verabschiedeten.

Die einstige Paradedisziplin

von BCG ist inzwischen eher ein Schwachpunkt.

Das Großprojekt der Integration

»Wir unterstützen provokative Aussagen,

die uns als Unternehmen dienen«

BCG-Chef Carsten Kratz

von Commerzbank und Dresdner Bank ist

beendet, und bei der prestigeträchtigen

Beratung der Deutschen Bank war BCG

zeitweise gar nicht mehr vertreten, obwohl

sich Veith als Bankenexperte selbst um den

Klienten kümmerte. Nun gibt es einen kleineren

Auftrag im Digitalgeschäft. Für die

eigenen Ansprüche ist das viel zu wenig.

AUFFORDERUNG ZUR ANPASSUNG

Dass große Aufträge heute öfter durch die

Lappen gehen, führen Insider auch auf veränderte

Kriterien bei der Beförderung zurück.

Für die Wahl zum Partner ist allein

der erzielte Umsatz entscheidend, zudem

müssen die Berater Anschlussprojekte

beim gleichen Klienten nachweisen. Das

führe dazu, dass Berater sich vor allem dort

um Aufträge bemühten, wo ohnehin schon

viel zu holen sei. Kreativität könne sich so

kaum entfalten, sagen Kritiker.

Das abgeflachte Wachstum führe zudem

dazu, dass nicht mehr alle geeigneten

Jungberater Partner werden könnten. Das

mache sie empfänglich für Abwerbeversuche

und intern zu braven Befehlsempfängern.

Um ihre These zu untermauern, verweisen

Kratz’ Kritiker auf das 2013 veröffentlichte

Buch „Die kaputte Elite“. Dessen

Autor Benedikt Herles lässt seinen Arbeitgeber

anonym, BCGler berichten jedoch,

dass es die Verhältnisse in ihrem eigenen

Unternehmen widerspiegele. Dabei beschränkt

sich Herles’ Insiderwissen auf ein

dreimonatiges Praktikum.

Von getrübten Perspektiven und Missstimmungen

will Kratz nichts wissen. Die

Beratung berufe zurzeit jährlich intern etwa

zehn Partner und hole bis zu fünf von

außen dazu. Die Kritik an sich selbst sieht

er als Folge seines kompromisslosen Führungsstils

und eines Einschnitts: Ende 2013

trennte sich die Beratung von rund zehn

Prozent der Partner, und nicht alle gingen

freiwillig. Die Leistungsträger sieht er auf

seiner Seite: „Stimmung und Zusammenhalt

sind hervorragend“, sagt Kratz. 80 Prozent

der Mitarbeiter hätten bei einer internen

Befragung zuletzt erklärt, dass er der

richtige Mann auf dem Chef-Posten sei.

Dennoch kursieren intern wie extern Namen

möglicher Nachfolger. Eine Ablösung

vor Ende der dreijährigen Amtszeit scheint

zwar vorerst kein Thema mehr. Aber Kratz’

Feinde hoffen auf die Zeit danach. Als Berater

wissen sie, dass es dauert, bis eine

Marke ramponiert ist. Aber auch, dass es

fast unmöglich ist, sie wiederzubeleben. n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt,

hans-jürgen klesse, julia leendertse

FOTO: LAIF/DAVID KLAMMER

62 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

FOTO: O2

Ins Leere laufen

MOBILFUNK | Die Fusion von O2 und E-Plus könnte den Wettbewerb

schwächen und Preise steigen lassen, wie Österreich zeigt.

Jochen Homann, der mächtige Präsident

der Bundesnetzagentur, lässt sich

ungern in die Karten schauen. Als

beim TK-Gipfel am 26. März im Düsseldorfer

Airporthotel ein neugieriger Manager

wissen wollte, wie denn seine Behörde die

Fusion von Telefónica Deutschland (Marke:

O2) und E-Plus beurteile, blieb er eine

klare Antwort schuldig. Er habe „keine

konkreten Indizien“, welche Auflagen es

geben könnte, lächelte der Behördenchef

den Fragesteller verschmitzt an. „Im Prinzip

ist das eine offene Entscheidung.“

Gut geblufft, Herr Präsident. Schon fünf

Tage später lüftete Homann sein so streng

gehütetes Geheimnis. Telefónica, mit 19,4

Millionen Kunden die Nummer vier auf

dem deutschen Mobilfunkmarkt, wird

wohl grünes Licht für die Übernahme von

E-Plus bekommen. Die am vergangenen

Montag verkündeten Pläne der Bundesnetzagentur

für eine neue Frequenzordnung

im Mobilfunk lassen nur diese

Schlussfolgerung zu.

In enger Absprache mit der EU-Kommission

hat die Bundesnetzagentur zugleich

beschlossen, ein Oligopol mit nur noch

drei fast gleichstarken Mobilfunkbetreibern

unter sehr strengen Auflagen zuzulassen.

Die Gefahr ist allerdings

groß, dass die ins Leere laufen und

durch die Fusion der Preiswettbewerb

doch ausgehebelt wird, wie der

Fall Österreich zeigt.

Die wichtigste Auflage

betrifft die üppige Ausstattung

mit Mobilfunkfrequenzen

einer vereinigten

O2-/E-Plus-Gruppe. Beide

Betreiber, so der jetzt

vorgestellte Plan der

Bundesnetzagentur, sollen

einen Teil ihres wegen

der guten Ausbreitungseigenschaften

besonders wertvollen

Spektrums in den

Frequenzbändern

900 und 1800 Megahertz

vorzeitig räumen.

Zusammen

mit anderen Fre-

Drei statt vier Nach

der Fusion mit E-Plus

soll O2 lukrative

Frequenzen räumen

quenzen sollen sie möglichst noch 2014

versteigert werden. „O2/E-Plus könnten

ihre ohnehin starke Kundenbasis stark ausbauen“,

befürchtet die Bundesnetzagentur.

Auch ein Neueinsteiger soll die Chance bekommen,

diese Frequenzen zu erwerben.

Die EU-Kommission, die bis zum 14. Mai

ihr Votum zu O2/E-Plus verkünden muss,

sieht die Gefahr einer Schieflage auf dem

bisher prächtig funktionierenden deutschen

Mobilfunkmarkt. Durch die Übernahme

von E-Plus, ließ die Kommission

schon bei der ersten Voruntersuchung anklingen,

würde der derzeit preisaggressivste

Wettbewerber wegfallen. Das Risiko steige,

das die verbleibenden drei großen Mobilfunkbetreiber

Telekom, Vodafone

und O2/E-Plus ihr

Wettbewerbsverhalten abstimmten

und die Preise

erhöhten.

E-Plus gewinnt seit

Jahren als Preisbrecher

Marktanteile. Ein Großteil der weit

über 50 Mobilfunk-Discounter wie Aldi

und nun auch Whatsapp, die den Wettbewerb

anheizen, nutzen als virtuelle Anbieter

ohne eigenes Netz die Infrastruktur von

E-Plus. Brüssel will diese Form des Wettbewerbs

erhalten. Eine der Auflagen wird

deshalb sein, dass O2 eine Bestandsgarantie

für die bisher aktiven virtuellen Anbieter

abgeben und Übertragungskapazitäten

für Neueinsteiger in einem vereinten

O2-/E-Plus-Netz reservieren muss.

BLAUPAUSE FÜR ANDERE LÄNDER

Fraglich ist allerdings, ob diese Auflagen

ausreichen, um die Wettbewerbsintensität

hoch zu halten. Mit großer Sorge blicken

die Wettbewerbshüter in Brüssel nach Österreich.

Am 12. Dezember 2012 hatte die

EU-Kommission die Fusion von Hutchison

und Orange mit ähnlich harten Auflagen

gebilligt, die als Blaupause für andere Länder

dienen sollten. Heute, 15 Monate nach

der Freigabe, fällt die Zwischenbilanz mager

aus: Die drei verbliebenen Mobilfunkbetreiber

Telekom Austria, T-Mobile und

Hutchison haben ihre Preiskämpfe eingestellt.

Einige Tarife wurden sogar erhöht,

wie Telekom-Austria-Chef Hannes Ametsreiter

einräumt (siehe Interview Seite 64).

Ein Grund: Fast alle Auflagen verpufften.

Auch in Österreich reservierte die dortige

Regulierungsbehörde Frequenzen für einen

Neueinsteiger, der als vierter Netzbetreiber

die etablierten Anbieter aufmischen

sollte. Bei der dann folgenden Versteigerung

meldete aber kein Unternehmen

Interesse an.

Auch die zweitwichtigste Auflage verfehlte

ihr Ziel. Hutchison muss 16 virtuellen

Mobilfunkanbietern ohne eigenes

Netz einen sehr kostengünstigen

Zugang zur eigenen Infrastruktur

gewähren. Bis jetzt – 15 Monate nach

der Genehmigung – ist aber noch

kein neuer Anbieter in Österreich

gestartet. Lediglich drei Newcomer

unterschrieben solche Kooperationsverträge

und kündigten einen

Markteintritt für die zweite Jahreshälfte

an.

Solch ein Fiasko will die EU-

Kommission nicht noch einmal

erleben. Trotz der Proteste der

Telekomkonzerne: Den Start von

Neulingen könnten die Wettbewerbshüter

noch stärker fördern. n

juergen.berke@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

INTERVIEW Hannes Ametsreiter

»Keine Trittbrettfahrer«

Der Vorstandschef von Telekom Austria will den Wettbewerb im

Mobilfunk auf drei Anbieter beschränken.

Herr Ametsreiter, die EU-Kommission

prüft derzeit den Zusammenschluss der

beiden deutschen Mobilfunkbetreiber

O2 und E-Plus. In Österreich gibt es

nach der Übernahme von Orange durch

Hutchison nur noch drei Mobilfunkbetreiber.

Reicht diese Zahl für einen funktionierenden

Wettbewerb?

Ametsreiter: Ich kann und will nicht für

Deutschland sprechen. Aber für ein kleines

Land wie Österreich reichen drei

Mobilfunkbetreiber aus. Wir

haben die billigsten Tarife in

Europa und liegen heute

mit unseren Preisen etwa 40

Prozent unter dem europäischen

Durchschnitt. Exzellent

ausgebaute Mobilfunknetze

bis in die topografisch

anspruchsvollen alpinen

Skigebiete bei äußerst niedrigen

Tarifen sind betriebswirtschaftlich

eine Herausforderung.

Orange

Österreich war so gut wie

pleite, und die Gruppe hat

sich deshalb aus Österreich

zurückgezogen.

Kürzlich erhöhte Telekom

Austria die ersten Mobilfunktarife.

Sind das die ersten Anzeichen

für ein Ende der Preiskämpfe?

Das kann man so nicht sagen. Einige

Preise sind gestiegen, aber auch die Leistung.

So haben wir unlimitierte Flatrates

für Telefonie und SMS eingeführt und

den Preis dafür um fünf Euro erhöht.

Auch andere Tarife wurden angepasst.

Das hängt auch mit den hohen Summen

zusammen, die wir nach der letzten Versteigerung

für die neuen Mobilfunkfrequenzen

zahlen mussten.

Die EU-Kommission hat die Fusion von

Hutchison und Orange mit hohen Auflagen

genehmigt, die bisher allerdings

ins Leere laufen. So sollte ein neuer,

vierter Mobilfunkbetreiber in Österreich

an den Start gehen. Die dafür benötigten

Frequenzen wurden reserviert, aber

bei der Auktion nicht abgerufen. Warum

hat kein Newcomer mitgeboten?

Mich hat das nicht überrascht. Die Wettbewerbsintensität

ist in Österreich so stark,

dass es sich jeder zweimal überlegt, als

Neuling zu starten. Außerdem waren die

Gebote extrem hoch. Mit rund einer Milliarde

Euro musste Telekom Austria die

relativ höchsten Preise für Frequenzen in

Europa zahlen. Das ist selbst für uns als

Marktführer eine hohe Belastung.

DER NETZWERKER

Ametsreiter, 47, ist seit 1. April 2009 Chef

des Ex-Monopolisten Telekom Austria mit

einem Umsatz von 4,2 Milliarden Euro. Der

Kommunikationswissenschaftler kam 1996

von Procter & Gamble zur Mobilfunk-Tochter

Mobilkom Austria.

Österreich ist auch der Testmarkt für eine

zweite wichtige Auflage, die ein Oligopol

zwischen den drei verbliebenen Betreibern

und Tariferhöhungen verhindern soll.

Die EU-Kommission erleichtert den

Markteintritt von virtuellen Mobilfunkbetreibern

ohne eigenes Netz: Die dürfen

jetzt das ihres Konkurrenten Hutchison

mitbenutzen. Was bedeutet das für den

Wettbewerb?

Die EU-Kommission hat entschieden, dass

Hutchison als jetzt drittgrößter Anbieter

sein Netz in den kommenden zwölf Jahren

öffnen muss für bis zu 16 virtuelle

Mobilfunkanbieter ohne eigenes Netz –

zu Konditionen, die unter den Betriebskosten

liegen. Ich halte das für eine falsche

Entscheidung, weil Investitionen in

die Infrastruktur nicht gefördert werden.

Ich kann nicht verstehen, wieso die EU-

Kommission den Markteintritt solcher

Trittbrettfahrer fördert.

So leicht scheint der Markteintritt nicht

zu sein. Bisher ist noch keiner gestartet.

Ich rechne damit, dass etwa ein halbes

Dutzend virtueller Anbieter 2014 einen

Marktstart wagen wird.

Warum dauert das so lange?

Die Verträge brauchen eine Vorlaufzeit

von mehreren Monaten. Im zweiten

Halbjahr 2014 werden aber die ersten

Anbieter kommen. Der TV-Kabelnetzbetreiber

UPC will seinen

Kunden auch Mobilfunk

anbieten. Mass Response,

ein Spezialist für Televoting

bei Fernsehsendungen, will

ins Mobilfunkgeschäft expandieren.

Und auch Michael

Krammer, der Ex-

E-Plus-Chef und neue

Präsident vom Fußballklub

Rapid Wien, hat den Start

eines neuen Mobilfunkanbieters

angekündigt.

Hätte Hutchison eine solch

harte Auflage überhaupt

akzeptieren dürfen?

Die Auflagen sind in der Tat

hart an der Grenze. Es ist

absurd, eine Situation zu

schaffen, bei der es günstiger ist, keine

Infrastruktur zu besitzen. Es muss Anreize

geben, in Infrastruktur zu investieren

und Arbeitsplätze zu schaffen.

Was wünschen Sie sich aus Brüssel?

Dass sich Wettbewerbskommissar Joaquin

Almunia und die Kommissarin für

digitale Wirtschaft, Neelie Kroes, besser

abstimmen und gemeinsam eine Vision

kreieren, wie der Telekommunikationsmarkt

aussehen soll. Europa hat den Anschluss

an die USA verloren. Almunia

und Kroes sollten gemeinsam das Ziel

ausgeben, dass Europa wieder mehr in

Infrastrukturen investiert und eine führende

Macht im Kommunikationssektor

wird. Hier gibt es noch große Inkonsistenzen

und Defizite.

n

juergen.berke@wiwo.de

FOTO: DPA PICTURE-ALLIANCE/RENE PROHASKA

64 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Arme Bäcker, glückliche Windmüller

ENERGIEWENDE | Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes durch die große Koalition bringt

kaum Entlastung. Die wichtigsten Gewinner (grün) und Verlierer (rot).

Energieintensive Mittelständler und Kleinbetriebe

Zum Beispiel Bäckereien, Gießereien, Wäschereien.

Begründung: Die Unternehmen müssen trotz ihres hohen Energiekostenanteils

weiterhin die volle Umlage zahlen, weil ihr absoluter

Verbrauch unter der Befreiungsschwelle liegt. Und weil die durch

Ausnahmen begünstigte Strommenge der Großunternehmen kaum

sinkt, werden die Ökostromkosten nicht auf mehr Schultern verteilt.

Private Haushalte

Experten erwarten, dass die Ökostrom-Umlage bis 2020 von heute

6,24 Cent pro Kilowattstunde auf 8 Cent steigt. Damit ist mit einer

Mehrbelastung für einen Vier-Personen-Haushalt von 300 Euro jährlich

zu rechnen. Das Wirtschaftsministerium erwartet 7 Cent.

Begründung: Die Reform ist zu zaghaft. Einkaufsgenossenschaften

privater Haushalte wurden nicht von der EEG-Umlage befreit.

Landschaft

In vielen Regionen dürften bis zu 40 Prozent der Ackerflächen mit

Mais für Biogasanlagen bepflanzt werden. Viele Landschaften

besonders in Bayern veröden durch Überdüngung und Monokultur.

Die Begrenzung auf den Einsatz von Rest- und Abfallstoffen kommt

zu spät. Neue Windräder vor allem in Süddeutschland drohen

wertvolle Urlaubsregionen zu verspargeln, etwa den Schwarzwald.

Projektierer und Hersteller von Biomasseanlagen

Zum Beispiel Envitec Biogas, BioEnergiePlus.

Begründung: Biomasseanlagen laufen zwar auch dann, wenn

Sonne und Wind keinen Strom liefern. Trotzdem wird der Ausbau

gebremst, indem die Vergütung begrenzt wird. Nicht nur der Widerstand

in der Bevölkerung wächst. Zudem ist Elektrizität aus Biogas

teurer als Windstrom an Land und selbst als Solarenergie.

Klima

Vorfahrtberechtigter Strom aus Solar- und Windkraftwerken verdrängt

Strom aus konventionellen Anlagen. Allein Braunkohlemeiler

rechnen sich noch, auch weil durch den Boom des Ökostroms die

Verschmutzungsrechte (CO 2 -Zertifikate) immer billiger werden.

Braunkohle hat aber relativ den höchsten CO 2 -Ausstoß. Folge der

Energiewende: Deutschland verfehlt die EU-Klimaziele.

Bahnkunden

Kleinere Bahnbetriebe müssen künftig höhere EEG-Umlage zahlen,

die Fahrgäste höhere Ticketpreise. Bei den Berliner Nahverkehrsbetrieben

beispielsweise müsste der Fahrschein 20 Cent teurer

werden (auf 2,80 Euro). Die Deutsche Bahn bleibt verschont.

Begründung: Auf Brüsseler Druck reduziert die Bundesregierung

die Zahl der Unternehmen, die von der Umlage befreit sind.

FOTOS: BARBARA DOMBROWSKI/LAIF; ENVITEC BIOGAS AG; ULLSTEIN BILD; CARO / DAHL; ULLSTEIN BILD; DPA PICTURE-ALLIANCE / JENS WOLF; ANDREAS DUNKER; IMAGEBROKER /

VARIO IMAGES/BERNHARD CLAßEN; ZENIT/LAIF/PAUL LANGROCK; ACTION PRESS/WAZ FOTOPOOL/ILJA HÖPPING; VISUM/THOMAS LANGREDER ; GETTY IMAGES/SEAN GALLUP

66 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Betreiber von Biomasseanlagen

Zum Beispiel Stadtwerke und kommunale Genossenschaften.

Begründung: Zwar wird der Zubau neuer Anlagen faktisch auf

100 Megawatt pro Jahr gedeckelt (weil darüber die Einspeisevergütung

kräftig sinkt), aber die Erweiterung vorhandener

Anlagen bleibt möglich.

Zusätzliche Kosten der Lockerung: 264 Millionen Euro

Betreiber von Solarparks

Zum Beispiel Capital Stage (größter Solarparkbetreiber

Deutschlands).

Begründung: Alte Anlagen haben Bestandsschutz, die Betreiber

müssen sich also nicht an Sparbemühungen beteiligen.

Allerdings sinkt die Vergütung für neue Anlagen – das war aber

schon mit der letzten Novelle beschlossen worden.

Betreiber von Offshore-Windparks

Zum Beispiel EnBW (geplant: 1000 Megawatt), RWE (669 Megawatt),

Vattenfall (288 Megawatt), E.On (288 Megawatt).

Begründung: Die neue Obergrenze von 6500 Megawatt bis 2020

wird wegen Verzögerungen beim Bau nicht erreicht, bedeutet also

keine Einschränkung. Die Vergütung bleibt mit 19 Cent (18 Cent

ab 2018) pro Kilowattstunde hoch; die weitere Kürzung entfällt.

Große energieintensive Unternehmen

Zum Beispiel ThyssenKrupp (Stahl), BASF (Chemie)

Begründung: Die weitgehende Befreiung von der EEG-Umlage

bleibt. Welchen Sockelbetrag die Unternehmen zahlen müssen,

hängt noch von der künftigen EU-Beihilfenregelung ab.

Risiko: Offen bleibt der Ausgang des EU-Verfahrens für die vergangenen

Jahre: Wertet Brüssel die Ausnahme als unerlaubte Beihilfe?

Große Eigenstromerzeuger

Zum Beispiel BASF, Bayer, Volkswagen, ThyssenKrupp.

Begründung: Weiterhin keine volle Ökostrom-Umlage. Vorhandene

Anlagen bleiben komplett von der Umlage befreit (anders als in dem

Eckpunktepapier von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ursprünglich

vorgesehen), neue müssen allerdings einen Solidaritätsbeitrag

von 1,2 Cent pro Kilowattstunde anstelle des Regelbetrags von 6,24

Cent bezahlen.

Onshore-Windrad-Bauer, Zulieferer, Entwickler

Zum Beispiel Nordex, Senvion (früher Repower), Enercon, Siemens,

ThyssenKrupp, Juwi, WPD, PNE Wind.

Begründung: Der Deckel eines jährlichen Zubaus von 2500 Megawatt

ist keine Einschränkung (Zubau 2013: 2232 MW aus zusätzlichen

Anlagen). Austausch vorhandener durch leistungsfähigere

Rotoren geht extra. Kosten dieser Lockerung: 113 Millionen Euro.

mario.brueck@wiwo.de, henning krumrey, andreas wildhagen

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 67

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Spezial | Hannover Messe Industrie

INDUSTRIE 4.0 | Die

Macher der vierten industriellen

Revolution

sind vielfach nicht

die Konzerne, sondern

die Mittelständler.

Produzieren wie

im Schlaf

In der futuristischen Fabrik regiert die

Geisterhand. Kleine Kunststoffschlitten

schieben sich erratisch durch eine

große Halle wie künstliche Lebewesen.

Die Gefährte transportieren

handtellergroße grüne Plastikdeckel, die

mit einer Leiterplatte, unzähligen Metallkontakten

und elektronischen Bauteilen

bestückt sind, von einer Maschine zur anderen.

Mal graviert einer der Automaten

per Laser ein Schaltbild oder eine Typbezeichnung

ein, mal fügt er neue Bauteile

hinzu, mal verlötet er eine Bauteilgruppe.

Glaskästen schirmen die Maschinen und

die Plastikteile von der Außenwelt ab.

Jens Beverung, Maschinenführer beim

Verbindungstechnik-Hersteller Phoenix

Contact im niedersächsischen Bad Pyrmont,

scheint wie die laptopgroßen Kunststoffschlitten

von höheren Mächten gelenkt.

Denn ein Bildschirm schreibt ihm jeden Arbeitsschritt

vor: „Beschriftung prüfen“, drei

Minuten später „Deckplatte aufsetzen“. Hat

das Plastikteil alle Stationen durchlaufen

und Beverung alle Anweisungen befolgt, ist

aus dem Werkstück eine Art Transformator

geworden, der in Chemiefabriken und der

Pharmaindustrie seinen Dienst tut.

Für die Anweisungen sorgt ein kleiner sogenannter

RFID-Chip, der an jedem Werkzeugträger

prangt. Die Abkürzung steht für

Radiofrequenz-Identifikation, die drahtlose

Erkennung von Gegenständen, deren Nummer

in dem Chip gespeichert ist. Dank der

Signale des RFID-Chips und der Computerprogramme,

die diese Befehle umsetzen,

wissen Beverung und die nächste Maschine

immer, was sie als Nächstes tun müssen.

PHOENIX CONTACT

Verbindungstechnik

Ein Chip auf jedem Werkzeugträger

löst Anweisungen für

einzelne Arbeitsschritte aus,

denen der Facharbeiter folgt.

Täglich 100 verschiedene

Varianten von Transformatoren

BEFEHL UND GEHORSAM

Das ist die Zukunft der Fertigung: die selbstständige

Kommunikation zwischen Produktionsanlage

und Werkstück ohne Steuerung

durch Zentralrechner – und der

Mensch eingebettet in ein automatisches

System von Befehl und Gehorsam. Mechatroniker

Beverung empfindet die Anweisungen

aus dem Computer trotzdem nicht

als Bevormundung, sondern als Hilfe: „Wir

haben hier so viele Arbeitsschritte, das kann

sich keiner merken“, sagt er. Immerhin laufen

durch seine Anlage fast täglich wechselnde

bis zu 100 verschiedene Varianten

der Transformatoren, und das in drei unterschiedlichen

Bearbeitungsstufen. Selten

muss Beverung mehr als 1000 gleiche Stücke

auf einmal abwickeln.

Die Produktion der Baugruppen bei dem

Familienunternehmen mit 13000 Mitarbeitern

und 1,64 Milliarden Euro Jahresumsatz

gibt einen Vorgeschmack auf „Industrie 4.0“,

wie in Deutschland die künftige Vernetzung

von Produkten und Maschinen heißt. „Das

ist für uns eine Frage der Flexibilität und damit

der Wettbewerbsfähigkeit“, sagt An-

»

FOTO: MICHAEL LÖWA FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Hannover Messe Industrie

HALI

Büromöbel

Inhaber Siegmund Gruber

(vorn) und Geschäftsführer

Christoph Königslehner produzieren

profitabel Einzelstücke.

Dank Industrie 4.0 sind 48

Millionen Varianten möglich

»

dreas Schreiber, Chef der Abteilung Technologieentwicklung

im Maschinenbau.

Industrie 4.0 oder das Internet der Dinge,

wie die Amerikaner dazu sagen, macht

Produkte intelligent und überall kontrollierbar.

Sie funken ständig ihren aktuellen

Zustand, ihre bisherige Geschichte und

den geplanten Endzustand an ausgewählte

Empfänger, ob Mensch, Maschine oder

Computer. Auf diese Weise kommuniziert

jedes Möbelteil, jedes Autoblech oder jede

Komponente einer Flugzeugturbine mit

der Maschine in der Werkhalle, aber auch

mit der Einkaufs- und Vertriebsabteilung.

Einmal in Gebrauch, bleibt jedes Gut lebenslang

mit den Wartungsabteilungen

verbunden, via Internet. „Es entsteht eine

völlig neue Produktionslogik“, prophezeit

Henning Kagermann, Präsident der Deutschen

Akademie der Technikwissenschaften

und langjähriger Chef des Softwareriesen

SAP. Wie wichtig das Thema für Wirtschaft

und Politik ist, zeigt die Hannover

Messe, die in dieser Woche unter dem Motto

„Integrated Industry“ startet – dem gleichen

wie im vergangenen Jahr.

Doch eines unterscheidet die anlaufende

vierte industrielle Revolution von ihren

Vorgängerinnen. Waren frühere Umwälzungen

von Großunternehmen geprägt,

die neue Produktionsverhältnisse durchsetzten,

dürften es diesmal vor allem die

Mittelständler sein. Den Grund nennt Johann

Hofmann, der in einem mehrjährigen

Prozess die Regensburger Maschinenfabrik

Reinhausen (MR), ein Familienunternehmen

mit rund 2700 Mitarbeitern, in

die neue Zeit geschoben hat. „Es geht bei

Industrie 4.0 nicht so sehr um Vorteile in

der standardisierten Massenproduktion“,

sagt Hofmann, der heute Chef der Softwaretochter

MR Valuefacturing ist.

Im Zentrum stehe das einzelne Werkstück

und nicht der schematisierte Arbeitsablauf.

Deshalb sei der Mittelstand, der

häufig viele Varianten in kleinen Stückzahlen

fertige, „der Pionier der vierten industriellen

Umwälzung“. Für die deutsche Industrie

ergeben sich daraus jede Menge

Chancen. Bis zu 50 Prozent Umweltressourcen

ließen sich einsparen, im gleichen

Maß steige die Produktivität, schätzt die

»Es entsteht gerade eine völlig neue

Produktionslogistik«

Ex-SAP-Chef Kagermann

Deutsche Akademie der Technikwissenschaften.

Schon heute lassen sich laut einer Studie

der Universität Passau im Maschinenbau

40 Prozent der Arbeitsschritte und 38 Prozent

bei den Umbauzeiten von Maschinen

durch Industrie-4.0-Anwendungen einsparen.

Davon profitieren vor allem kleinere

Hersteller, die wegen der geringen Stückzahlen

ihre Maschinen immer wieder umrüsten

müssen. Für Experten steht fest,

dass Mittelständler mit Industrie 4.0 die

Produktion noch viel tiefer verändern werden,

als es einst die Konzerne taten, als sie

die Fließbandproduktion einführten oder

Handarbeit durch Maschinenfertigung ersetzten.

Das lassen die Vorreiter schon jetzt

erkennen.

ELEKTRONISCHE WÄCHTER

Bevor Achim Guski, Juniorchef des Maschinenbauers

Müller & Guski, zu Bett

geht, checkt er vom Computer daheim

noch kurz die Drehbänke in seiner 15 Kilometer

entfernten Fabrik. Das Schlimmste,

was dem Unternehmer aus dem sauerländischen

Herscheid passieren könnte, wäre

ein Produktionsausfall an einer Maschine

während der Nachtschicht. Die Angst, dass

ein stumpf gewordenes Werkzeug unbemerkt

die Werkstücke zerstört, ist inzwischen

vollständig gewichen. „Dann schaltet

sich die Maschine automatisch aus“,

sagt Guski beruhigt, „und ich bekomme einen

automatischen Anruf.“ Je nachdem,

wie zeitkritisch der Auftrag ist, setzt sich

Guski dann persönlich ins Auto und fährt

die Viertelstunde zur Fabrik, um das Werkzeug

auszuwechseln.

Das Signal, das Guski ruhig schlafen

lässt, verdankt er einem Überwachungssystem

des Maschinenbauers Nordmann

aus Hürth bei Köln, das Drehbänke und

andere Werkzeugmaschinen einer ausgeklügelten

Dauerdiagnose unterzieht. „Unsere

Anlagen arbeiten mit Schall- oder

Leistungsmessung“, sagt Unternehmenschef

Klaus Nordmann.

Wird ein Werkzeug stumpf, verändert

sich der Ton, den das Werkstück von sich

gibt. Oder die Maschine verbraucht mehr

Strom, weil der Motor wegen des stumpfen

Werkzeugs mehr Widerstand überwinden

muss. Noch vor wenigen Jahren waren die

Datenmengen, die dabei anfallen, für die

gängigen Rechner zu groß. Heute gelingt

dies, weil die IT viel leistungsfähiger geworden

ist. Ohne elektronische Wächter wären

Nachtschichten ohne Personal oder fast

menschenleere Maschinenhallen bei

»

FOTO: HALI BÜROMÖBEL GMBH

70 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Hannover Messe Industrie

»

Unternehmen wie BMW oder Opel, die

zu Nordmann-Kunden gehören, zu riskant.

Seit Jahren lastet auf den Mittelständlern,

die vielfach von der Anfertigung geringer

Stückzahlen leben, der Albtraum

„Losgröße 1“. Damit meinen Fertigungstechniker,

dass von bestimmten Produkten

nur ein einziges hergestellt wird, etwa ein

großes Möbelstück, das in ein bestimmtes

Gebäude mit ungenormten Maßen passen

muss. Theoretisch ist das kein Problem, in

der industriellen Praxis scheitert das Unterfangen

aber oft am Preis.

Homag, Weltmarktführer für Holzbearbeitungsmaschinen

im schwäbischen

Schopfloch, hat mit einer Anlage vom Typ

Industrie 4.0 den Durchbruch zur Losgröße

1 geschafft. Die Rüst- und Umbauzeiten

der Maschine von einem zum anderen

Produkt dauern nur noch bis zu 1,5 Sekunden.

„Was früher als Sonderfertigung galt,

ist mit dieser Anlage Standard“, sagt Homag-Vorstandsvorsitzender

Markus Flik.

Einer der Nutznießer ist Hali, ein Büromöbelhersteller

mit 250 Beschäftigten in Eferding

bei Linz in Österreich. 48 Millionen

Produktvarianten kann Hali heute wirtschaftlich

produzieren, zwei Drittel mehr

als vor der Umstellung. Das funktioniert

nur, weil die Anlagen bei Hali alle für die

Produktion erforderlichen Informationen

in sich tragen, diese selbstständig verarbeiten

und genau wissen, welches Teil sie als

Nächstes wie bearbeiten müssen.

Dank einer ausgeklügelten Software ist

die Produktionslinie darüber informiert,

dass das 30. Teil der Morgenschicht die

Rückwand eines bestimmten Schrankes ist

und das 141. Teil zu einer Schublade gehört.

Sie weiß auch, dass die Vorderfront,

die gerade vorbeigleitet, eine empfindliche

Beschichtung besitzt und deshalb mit aller

Vorsicht zu behandeln ist. Etiketten mit

Barcodes oder RFID-Aufkleber an den Möbelteilen

gibt es bei Hali nicht. „Dann

müssten wir jede Woche 20 000 Etiketten

entfernen“, sagt Technikchef Albert Nopp.

Die Folgen von Industrie 4.0 bei Hali

sind frappierend. Die Zeit, die ein Möbelstück

von Bestellung bis Auslieferung benötigt,

hat sich mehr als halbiert. Statt nach

sechs Wochen bekommt der Kunde den

Schreibtisch oder den Rollcontainer schon

nach 15 Tagen. Sondergrößen verlängern

weder die Lieferfrist, noch treiben sie Produktionskosten

wesentlich nach oben. Mit

der gleichen Mannschaft und in der gleichen

Halle kann der Büromöbelhersteller

nun ein Drittel mehr Möbel fertigen.

LÜCKENLOSE IDENTIFIZIERUNG

Hali ist der erste Anwender der neuen Produktionslinie

in der Branche, aber nicht

mehr der einzige. „Die Möbelhersteller vor

allem in den deutschsprachigen Ländern

sind sehr interessiert an der neuen Technik“,

sagt Homag-Chef Flik. Der Einstieg in

Industrie 4.0 sei für viele der mittelständischen

Kunden der 5000-Mitarbeiter-Firma

eine Überlebensfrage. „Durch den Einsatz

Die größten Hindernisse

Barrieren gegendie Ausbreitungvon

Industrie4.0 (inProzent derBefragten)*

66

43

43

35

31

Lücken in der IT-Sicherheit

Fehlende Normen

Fehlende Fachleute

MangelndeInfrastruktur

Hohe Kosten

*Mehrfachnennungen möglich;1300Befragte

ausUnternehmenund Hochschulen;

Quelle:VDE 2013

der vernetzten Anlagen können die Möbelhersteller

in Hochlohnländern wettbewerbsfähig

produzieren.“

Doch die Einführung von Industrie 4.0

beschränkt sich nicht auf Produktionsstandorte

mit teuren Arbeitskräften. Das

zeigt der Autozulieferer Kirchhoff Automotive

aus Iserlohn in seinem Werk im rumänischen

Craiova. Das Familienunternehmen

mit über 8000 Beschäftigten verarbeitet

dort Komponenten, teils nur wenige

Gramm leichte Verbindungsstücke oder

bis zu 1,40 Meter lange Blechteile, für den

Rohbau des Kleinwagens B-Max von Ford.

Kirchhoff setzt im Armenhaus Europas auf

Industrie 4.0, um die Lagerhaltung zu optimieren

und stets zu wissen, wo sich ein bestimmtes

Werkstück gerade befindet. Dadurch

konnten die Sauerländer ihr Vorla-

»Der Mittelstand ist Pionier der vierten

industriellen Umwälzung«

MR-Chef Hofmann

ger in Rumänien um rund 75 Prozent verkleinern.

Statt Vorprodukte für zehn Produktionstage

einzulagern, reicht nun ein

Vorrat für zwei bis drei Tage. „Und das trotz

der Anlieferungen aus weit entfernten

Standorten wie in Polen oder der Türkei“,

sagt Andreas Denso, Logistik-Verantwortlicher

bei Kirchhoff Automotive.

Möglich macht dies die lückenlose Identifizierung

der Teile. „Eine schlechte Anlieferung,

die irgendwann mal Probleme

macht, können wir immer zurückverfolgen“,

sagt Denso. Für die Identifizierung

nutzen die Sauerländer Barcodes statt aufwendiger

RFID-Chips.

Bei Kirchhoff, Homag oder Müller &

Guski ist die Zukunft der Fertigung in wichtigen

Abteilungen schon Wirklichkeit. Bis

Industrie 4.0 sich aber 100-prozentig

durchgesetzt hat und alle Abteilungen und

Arbeitsschritte komplett bestimmt, wird es

noch dauern. Zwar gehen acht von zehn

Hochschulen und Unternehmen einer

Umfrage des Verbands der Elektrotechnik,

Elektronik und Informationstechnik davon

aus, dass Industrie 4.0 sich weitgehend

durchsetzt – allerdings nicht vor 2025.

Die Erfolge sind trotzdem schon heute

weit verbreitet. Weidmüller, ein Hersteller

von Verbindungstechnik im westfälischen

Detmold, entwickelt Systeme für Stanzen

und Walzen, die selbsttätig Abweichungen

von Soll-Maßen durch Verschleiß korrigieren.

Wittenstein, Antriebshersteller mit Sitz

im fränkisch-hohenlohischen Igersheim,

hat für zwölf Millionen Euro eine Laborfabrik

in Stuttgart hochgezogen.

Erster Schritt in Richtung Industrie 4.0

war die Beseitigung des Daten-Grabens

zwischen kaufmännischer Verwaltung und

der Produktion. Dadurch konnte die Materialanlieferung

an die Produktionslinie automatisiert

und die Aufwendungen für die

innerbetriebliche Logistik um mehr als ein

Drittel gesenkt werden. Und beim Matratzenhersteller

Eurofoam Sachsen kontrollieren

RFID-bestückte Matratzen ihren

Lauf durch die Produktion bis hin zur Stapelhöhe

im Lastwagen inzwischen selbst.

„Natürlich gibt es noch Mittelständler,

die überwiegend mit Papierunterlagen arbeiten“,

sagt Rainer Glatz, beim Maschinenbauverband

VDMA Geschäftsführer

Software und elektrische Automation,

„aber es werden immer weniger, und das

Internet der Dinge wird diese Entwicklung

erheblich beschleunigen.“

n

lothar schnitzler | unternehmen@ wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 74 »

72 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Hannover Messe Industrie

Industrie 4.0 – so funktioniert die Fabrik der Zukunft

Hier steuertnicht mehr derMensch dieProduktion, sonderndie Produkte undMaschinen

kommunizieren elektronischdirektmiteinander undsteuern denAblauf

Im Shampoo-Werk laufen die Geschäfte gut. Das

Unternehmen produziert große und kleine Mengen

unterschiedlicher Shampoos, je nachdem, was die

Kunden wollen.

Von der Anlieferung der Shampoo-Zutaten bis zur

Auslieferung der fertig abgefüllten Flaschen sind

alle Arbeitsschritte über Datenleitung und Funk

verbunden: Einkauf, Produktion, Lager, Versand.

Damit die Kommunikation funktioniert, wird jedes Vorprodukt

und jede Flasche mit einem Datenträger, einem Chip, versehen,

auf dem alle Arbeitsschritte und Informationen für den Kunden

gespeichert sind. So wird jede Flasche individuell produziert.

Die einen Flaschen werden etwa mit Kindershampoo

gefüllt und bekommen bunte Aufkleber. Die nächsten 50

Flaschen enthalten Hundeshampoo. Die Flaschen sagen

der Maschine, welchen Inhalt sie brauchen.

Hundeglück

Kinderland

Die Maschinen melden direkt an das

Flaschenwerk, wenn sie neue Flaschen

brauchen. Auch die zuständige Mitarbeiterin

im Einkauf der Shampoo-Firma

bekommt die Nachricht. Sie muss sich

nicht mehr selbst um eine neue

Order kümmern.

Die gefüllten und speziell etikettierten

Flaschen melden noch in der Produktionsanlage,

wer ihre Empfänger

sind. Der eine Teil geht an das Unternehmen

Kinderland, die andere

Charge an den Tiermarkt

Hundeglück.

Der Chef der Firma Kinderland sieht

an seinem Computer, dass seine Ware

auf dem Weg zu ihm ist, und schickt

gleich eine neue Bestellung. Dieses Mal

sollen es 300 Flaschen Kindershampoo

auf Eigelbbasis und mit Hasenstickern

sein.

74 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

KREATIVITÄT | Von der

genialen Idee zum

erfolgreichen Produkt:

Die Sieger und Nominierten

des Deutschen

Innovationspreises

2014 haben das geschafft.

Vier Strategien

helfen Ihnen, genauso

erfolgreich zu werden.

Schöpfung

mit System

trachten. Und der fränkische Mittelständler

Actuator Solutions stellt mit Gedächtnismetall

Objektive in Smartphones scharf.

Die gute Nachricht für alle weniger innovativen

Firmen: Es gibt mittlerweile eine

Fülle von Techniken, die Kreativität der eigenen

Mitarbeiter, der Kunden und des Internets

gezielt zu aktivieren, um so systematisch

neue attraktive Produkte zu entwickeln.

Vier erfolgreiche Strategien:

n Brainstorming hat den Ruf, vor allem

Laut-Sprechern und Vielrednern eine Bühne

zu bieten. Tatsächlich aber wird es –

kombiniert mit Fragetechniken, die den

Beteiligten Orientierung geben – richtig ef-

AUSSCHREIBUNG

Neue Runde

Nach dem Wettbewerb ist vor dem

Wettbewerb. Haben Sie als Konzern,

Mittelständler oder Start-up eine tolle

Idee, dann bewerben auch Sie sich

für den Deutschen Innovationspreis.

Verpassen Sie nicht den Start

der nächsten Ausschreibung und

registrieren Sie sich unter www.derdeutsche-innovationspreis.de

Sie sind die wichtigsten

Rohstoffe des 21. Jahrhunderts

– Wissen, Kreativität,

Innovation. Alle reden darüber,

alle wollen sie haben.

Und dann das: Nur

vier Prozent der Manager

halten ihr Unternehmen

für „sehr innovativ“, wie eine Befragung

von 250 deutschen Führungskräften ermittelt

hat. Die große Mehrheit klagt, es hapere

an der Innovationskultur in ihren Unternehmen.

Das ist nicht das einzige Alarmsignal,

wenn es um die Innovationsstärke der

deutschen Wirtschaft geht. Erst jüngst

hat die Europäische Union in ihrem Innovation

Scoreboard Deutschland um einen

auf den dritten Platz herabgestuft. Besonders

beunruhigend: Der Anteil neu eingeführter,

besonders innovativer Produkte an

den Umsätzen geht zurück. Ein Indiz, dass

sich die Unternehmen zu sehr auf die

klugen Ideen der Vergangenheit verlassen.

Wahr ist aber auch: Noch immer gibt es

viele positive Gegenbeispiele. Das beweisen

die Sieger und Nominierten des Deutschen

Innovationspreises 2014: Der Hamburger

Handelskonzern Otto etwa überzeugt

mit einer Software, die die Verkäufe

kommender Monate beeindruckend präzise

vorhersagt. Das Münchner Startup

iThera Medical erzeugt mit Licht Töne und

ermöglicht Ärzten so, Adern, Gewebe oder

Zellen in nie gekannter Auflösung zu befektiv.

Statt pauschal Geschäftsideen einzufordern,

fragen Sie konkret. Etwa: Wie

lässt sich das, was Kinder mögen, teuer an

Erwachsene verkaufen? Eine mögliche,

schnell zu findende Antwort:Inlineskates.

n Open Innovation zapft das Wissen externer

Experten an. Unternehmen schreiben

etwa wissenschaftliche Probleme auf Online-Plattformen

wie Innocentive aus. Erfinder

bieten Lösungen an. Wessen Vorschlag

siegt, der erhält ein Preisgeld. Die

US-Weltraumbehörde Nasa kam so auf

eine Testmethode für Kevlar-Bauteile.

n Co-Creation bindet Kunden in die Entwicklung

eines neuen Produkts ein. Auf

Internet-Plattformen wie Affinnova und

Hyve bewerten Testpersonen Tausende

Versionen eines neuen Produkts – mit grünem

oder gelbem Schriftzug, diesem oder

jenem Namen. Der Kosmetikhersteller Beiersdorf

hat so ein Deo entwickelt, dessen

Produkteinführung zur erfolgreichsten in

der Geschichte des Unternehmens wurde.

n Design Thinking greift auf Methoden aus

dem Produktdesign zurück: verstehen, beobachten,

sehr früh Prototypen testen.

Wichtigste Regel: Die Kundenwünsche stehen

im Mittelpunkt. Die Fluggesellschaft

Air New Zealand hat so einen Sitz für die

Economy Class entworfen, in dem sich Reisende

der Länge nach ausstrecken können.

Wie unsere Preisträger und Nominierten

auf ihre Ideen gekommen sind, erfahren

Sie auf den folgenden Seiten.

andreas.menn@wiwo.de, lothar kuhn

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

76 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Das Online-Orakel

Der Versandhändler Otto weiß, was Kunden wollen –

bevor die es selbst wissen. Dank der Atomphysik.

SIEGER

Kategorie Großunternehmen

Otto, Hamburg

Michael Sinn, Direktor Category Support

(links), und Michael Heller, Bereichsvorstand

Categories, ordern dank Big-Data-

Analysen nun optimale Warenmengen.

Jeder Kioskbesitzer kennt das Dilemma

von Angebot und Nachfrage: Bestellt

er am Anfang der Woche zu

wenig Limo, Lakritz und Brötchen, dann

stehen die Kunden schon nach ein paar

Tagen vor leeren Regalen. Ordert er zu

viel, werden die Brötchen alt und bleiben

liegen. Je ungenauer seine Prognose,

desto schlechter die Geschäfte.

Was schon im Laden um die Ecke mit

ein paar Hundert Produkten ein teures

Problem sein kann, wird für die Branchengrößen

im Online-Handel zur Herkulesaufgabe.

Allein der Hamburger Ver-

sandhändler Otto etwa hat mehr als zwei

Millionen verschiedene Artikel im Sortiment:T-Shirts

und Taschen, Handtücher

und Gardinen, Fernseher und Waschmaschinen.

Und oft müssen seine Einkäufer

schon Monate im Voraus einschätzen,

was die Kunden später kaufen.

»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 77

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Technik&Wissen

Die Jury

Aus den zahlreichen Bewerbungen

wählt ein Kreis hochrangiger Experten

die besten und kürt die Sieger.

Peter Fritz, ehemaliger Vizepräsident

des Karlsruher Instituts für Technologie,

berät die Jury wissenschaftlich.

Roland Tichy

Vorsitzender der Jury

und Chefredakteur der

WirtschaftsWoche

Gerd Binnig

Nobelpreisträger für

Physik

Hubertus Christ

ehemaliger Vorsitzender,

Deutscher Verband

Technisch-Wissenschaftlicher

Vereine

Klaus Engel

Vorstandschef, Evonik

in Essen

Matthias Kleiner

Designierter

Präsident der Leibniz-

Gemeinschaft

Frank Mastiaux

Vorsitzender des

Vorstands, EnBW

Frank Riemensperger

Vorsitzender der

Geschäftsführung,

Accenture

Cornelia Rudloff-

Schäffer

Präsidentin des

Deutschen Patentund

Markenamtes

Andreas Schmitz

Sprecher des Vorstands,

HSBC Trinkaus

& Burkhardt AG

Günther Schuh

Lehrstuhl für

Produktionssystematik,

RWTH Aachen

Manfred Wittenstein

Vorstandschef,

Wittenstein AG

»

Wie viele T-Shirts der Marke X, in Rot,

Größe M, werden die Kunden in Kalenderwoche

23 bestellen? Wie hoch muss der

Verkaufspreis liegen, um alle Artikel an den

Mann zu bringen? Und wie viele Käufer

werden das T-Shirt zurückschicken?

Um Fragen wie diese treffsicher zu beantworten,

hat Otto eine Prognose-Software

entwickelt, die ihresgleichen sucht:

Für jeden einzelnen Artikel im Sortiment

des Versandhändlers berechnet sie tagesaktuell

die Verkaufsprognosen der kommenden

Wochen oder Monate. Und das

deutlich genauer, als es früher möglich war.

Das digitale Orakel hat die Jury des Deutschen

Innovationspreises überzeugt. „Unternehmen,

die die wachsende Datenflut

von Computernetzwerken intelligent auswerten,

schaffen sich einen strategischen

Vorteil“, sagt Frank Riemensperger,

Deutschland-Chef der Unternehmensberatung

Accenture. „Die Prognose-Software

der Otto

Group zeigt vorbildlich, wie

Big Data Geschäftsprozesse

viel effizienter und produktiver

macht.“ Otto belegt daher

in der Kategorie Großunternehmen

Platz eins.

Rund 200 Variablen fließen

in die Berechnung ein,

etwa die Verkaufszahlen des Vorjahres, aktuelle

Werbekampagnen für das Produkt

oder gar die Wettervorhersage: Scheint in

der nächsten Woche die Sonne, dann wird

der Absatz von Sommerkleidern steigen.

Regnet es, sinken die Absatzzahlen. Rund

um die Uhr füttern die Mitarbeiter das System

mit neuen Informationen.

FÜNF MILLIARDEN PROGNOSEN

„Die Software ist ein selbstlernendes System,

das sich laufend aktualisiert“, sagt Michael

Sinn, Direktor Category Support bei

Otto. Server mit der Rechenkraft von 250

Schreibtischcomputern erstellen auf diese

Weise fünf Milliarden Prognosen im Jahr.

„Unsere Disponenten bekommen jeden

Morgen frische Prognosen auf den Bildschirm“,

sagt Sinn. Das rote T-Shirt in Größe

M, steht dann vielleicht auf dem Monitor,

wird in den kommenden acht Wochen

vermutlich 4567 Mal verkauft. Die Mitarbeiter

können entsprechend viele Exemplare

beim Hersteller bestellen.

Das Ergebnis ist beeindruckend: Gegenüber

früheren Prognose-Verfahren, die oft

nicht viel mehr als die Verkaufszahlen des

Vorjahres berücksichtigten, kann Otto heute

die Verkäufe je nach Produktkategorie

MEHR ZUM THEMA

Eine ausführliche Bildergalerie

von der Verleihung

des Deutschen Innovationspreises

in München finden

Sie im Internet unter

wiwo.de/innovationspreis

um 20 bis 40 Prozent genauer vorhersagen.

Die Folge: Die Produkte sind nicht mehr zu

früh ausverkauft – und bleiben trotzdem

auch seltener im Lager liegen. „Das ist gut

für unsere Kunden“, sagt Michael Heller,

Otto-Bereichsvorstand Categories und zuständig

für Einkauf, Vertrieb und Angebotssteuerung,

„es ist gut für uns, und nicht

zuletzt auch gut für die Umwelt.“

Hinter Ottos Orakel, das inzwischen

beim Tochterunternehmen Blue Yonder

seinen Dienst tut, steht ein Algorithmus

namens Neurobayes, eine komplizierte Rechenfolge,

die der Physiker Michael Feindt

vor Jahren entwickelt hat. Es ging dem Forscher

damals nicht um Artikel aus dem Online-Shop,

sondern um Atome: Feindt, Leiter

des Instituts für experimentelle Kernphysik

an der Universität Karlsruhe, baute

Neurobayes mit dem Ziel, Ereignisse zu

prognostizieren, die bei der Kollision von

Atomen im Teilchenbeschleuniger

am CERN nahe

Genf stattfinden, dem weltweit

größten seiner Art.

Im Jahr 2012 entdeckten

die CERN-Forscher das langgesuchte

Higgs-Teilchen,

nicht zuletzt auch dank des

Neurobayes-Algorithmus.

Das alles war sechs Jahre

zuvor noch nicht zu erahnen, als Otto-Mitarbeiter

auf Feindts Entwicklung stießen.

Der Konzern hatte gerade ein Team ausschwärmen

lassen, um nach Software zu

suchen, mit der sich das Sortiment des Versenders

präziser steuern lassen würde. „Es

war absehbar, dass herkömmliche Prognoseverfahren

der zunehmenden Komplexität

des Geschäftsmodells auf Dauer nicht

mehr gerecht werden können“, sagt Vorstand

Heller. „Daher war es uns wichtig,

neue Wege zu gehen und zu schauen, welche

Alternativen denkbar sind.“

Drei verschiedene Programme traten im

Wettbewerb gegeneinander an, gefüttert

mit reichlich Daten von Otto. „Feindts Ergebnisse

waren um Längen besser als die

der anderen“, erinnert sich Otto-Datenexperte

Sinn. Das Management entschied

sich dazu, den Atom-Algorithmus für den

Versandhandel umzuschreiben. Eine Entscheidung

ohne Erfolgsgarantie.

Doch sie sollte sich auszahlen. Die Restbestände

zum Saisonende sanken um bis

zu 20 Prozent. „Und unsere Mitarbeiter“,

sagt Otto-Experte Sinn, „können sich jetzt

ganz auf die Vermarktung unserer Waren

konzentrieren.“

andreas.menn@wiwo.de

FOTOS: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE (2), DDP IMAGES, PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR (7)

78 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Muskeln aus Drahtseilen

Der Mittelständler Actuator Solutions hat Metallfäden mit

Gedächtnis entwickelt. Damit schießen Handys schärfere Fotos.

SIEGER

Kategorie Mittelständler

Actuator Solutions Gunzenhausen

Schnellerer Fokus, schärfere Bilder – mit intelligenten Mikro-Drähten wollen

Markus Köpfer (rechts, CEO Actuator Solutions) und Markus Gebhardt (Vorstand

Alfmeier Präzision) den Handymarkt aufmischen. In Kameras von Smartphones

spart ihre Technik gegenüber herkömmlichen Lösungen zwei Drittel an Gewicht,

außerdem benötigt sie weniger Strom und Platz.

Es klingt wie Science-Fiction: Damit

Urlaubsfotos oder Selfies scharf werden,

genügt ein Draht. Aber ein besonderer,

denn er kann sich wie ein Muskel

zusammenziehen und ausdehnen. Etwa

drei Mal dünner als ein menschliches Haar

ist er, aber stark genug, um eine Tafel Schokolade

mehr als eine Million Mal anzuheben.

Das ist kein verspäteter April-Scherz,

den Draht gibt es wirklich.

Und Markus Köpfer will ihn millionenfach

in Handys verbauen. Der 47-jährige

Ingenieur ist Geschäftsführer bei Actuator

Solutions im fränkischen Gunzenhausen.

Der deutsche Autozulieferer Alfmeier Präzision

und der italienische Metallspezialist

SAES Getters haben das Joint Venture 2011

gegründet. 2013 machte das Unternehmen

mit 65 Mitarbeitern schon elf Millionen

Euro Umsatz. „In einigen Jahren könnten

es mehr als 100 Millionen sein“, hofft

Köpfer.

Ermöglichen soll das ein Draht

aus einer Formgedächtnislegierung:

Je nachdem, wie stark das

Metall erhitzt wird, zieht es sich

zusammen; kühlt es ab, nimmt es

wieder die alte Form an. Der Metallfaden

aus Nickel und Titan behält

quasi im Gedächtnis, welche

Videos

In den App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle Video-

Porträts der Sieger.

Form er einmal hatte. Um ihn zu steuern,

genügt es, Strom hindurchzuleiten. Dabei

kann er um bis zu sieben Prozent seiner

Länge schrumpfen.

Für die teils mikroskopisch kleinen Bauteile

in Handykameras will Köpfer den Effekt

nutzen, um per Stromimpuls die Kameralinse

zu bewegen – und so das Bild

scharf zu stellen. Vorteil der Konstruktion:

„Unsere Technik ist zwei Drittel leichter,

stromsparender und kleiner als die bisher

genutzten Elektromotoren“, verspricht

Köpfer. Im Herbst will ein Hersteller aus

China die ersten Handys mit Gedächtnis-

Draht im Objektiv auf den Markt bringen.

Die ausgefeilte Technik war nicht der

einzige Grund für die Jury, Actuator Solutions

mit dem Deutschen Innovationspreis

zu prämieren. „Die Juroren hat auch begeistert,

wie dem Unternehmen der Technologietransfer

vom Autobau in den

Smartphone-Markt gelungen ist“, sagt

EnBW-Chef und Jurymitglied Frank Mastiaux.

Denn unbekannt waren die Fähigkeiten

der Gedächtnismetalle bisher nicht.

Vor zwölf Jahren begann der Actuator-

Mutterkonzern Alfmeier aus dem bayrischen

Treuchtlingen mit dem Metall zu experimentieren,

erzählt Markus Gebhardt,

Vorstand und Gesellschafter bei Alfmeier.

Die Idee: In Autos könnte der Draht die

Ventile steuern, über die sich die in Komfortsitzen

eingebauten Luftkissen regeln

lassen. Sie geben den Passagieren Halt in

Kurven und haben eine Massagefunktion.

Erster Einsatzort war Daimlers S-Klasse

2005. Dort arbeiteten zuvor elektromagnetisch

gesteuerte Ventile. Die aber waren

lauter und nicht so genau wie die Alfmeier-Entwicklung.

Und so arbeiten inzwischen

mehr als zehn Millionen Ventile mit

dem Gedächtnismetall in Autositzen deutscher

Premiumhersteller, sagt Alfmeier-

Vorstand Gebhardt.

Während Actuator Solutions zehn Millionen

Euro in die Anpassung der Technik

an die Handywelt steckte, gaben Wettbewerber

die Arbeit mit Gedächtnismetallen

auf: darunter Fiat, Continental und Bosch.

Das habe ihnen einen Vorsprung von zehn

Jahren beschert, glaubt Actuator-

Chef Köpfer.

Er hat auch schon die nächste

Idee, wie er sein Produkt einsetzen

will: Bald schon soll der Draht nicht

mehr nur Bilder in Handykameras

scharf stellen, sondern sie auch

stabilisieren, um verwackelte Aufnahmen

zu vermeiden.

»

benjamin.reuter@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 79

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Technik&Wissen

Der Klang der Krankheit

Das Start-up iThera Medical erzeugt mit Lichtblitzen Töne.

Der verblüffende Effekt hilft Ärzten, Krebszellen aufzuspüren.

SIEGER

Kategorie Start-ups

iThera München

Eine völlig neues medizinisches Bildgebungsverfahren

haben iThera-Geschäftsführer

Christian Wiest (von links), Finanzchef Philipp

Bell und die Professoren Daniel Razansky und

Vasilis Ntziachristos auf den Markt gebracht.

Mit Laserimpulsen Druckwellen

auszulösen, das ist der neuste

Trick, mit dem Forscher Adern,

Gewebe oder Zellen sichtbar machen. Bei

dieser völlig neuen Darstellungsmethode,

der Opto-Akustik, jagen sie kurze Lichtblitze

in den Körper. Dort wird das Licht absorbiert,

von Haut, Fett oder Blut – je dunkler

die Strukturen sind, desto stärker.

Der Effekt: Bei jedem auftreffenden

Lichtblitz erwärmt sich das Gewebe und

dehnt sich dabei für einen kurzen Moment

ein ganz klein wenig aus. Diese Minibewegungen

erzeugen wiederum Druckwellen,

die wie beim Ultraschall aus dem Körper

zurückstrahlen. Diese akustischen Signale

registrieren Detektoren, ein Rechner setzt

daraus ein Bild zusammen.

Entwickelt haben das Verfahren mit dem

Respekt einflößenden Namen multispektrale

optoakustische Tomografie (MSOT)

zwei Professoren für biologische Bildgebung

des Helmholtz-Zentrums und der

Technischen Universität München: Vasilis

Ntziachristos und Daniel Razansky. Gemeinsam

mit Christian Wiest, der zuvor im

Vertrieb für General Electric Healthcare arbeitete,

gründeten sie 2010 iThera Medical,

um die Idee aus der Grundlagenforschung

für die Anwendung fit zu machen. Extrem

hilfreich war dabei die drei Millionen Euro

starke Förderung aus dem GO-Bio-Programm

des Bundesforschungsministeriums,

sagt iThera-Geschäftsführer Wiest:

„Privaten Investoren war diese frühe Phase

der Technikentwicklung zu riskant.“

Der Vorstandschef des Technologiekonzerns

Evonik und Juror des Innovationspreises

Klaus Engel ist beeindruckt vom Erfindergeist

der iThera-Gründer: „Mit Lichtpulsen

Töne zu erzeugen und diese wieder

in Bilder zu verwandeln – auf die Idee muss

man erst einmal kommen.“ Und weil diese

schonende Diagnosetechnik bisher unsichtbare

Dinge wie einzelne Zellen, etwa

rote Blutkörperchen, sichtbar macht, haben

Engel und seine Mit-Juroren den

Münchnern in der Kategorie Start-up den

ersten Preis verliehen.

Engel ist überzeugt: „Wenn sich diese

Technik durchsetzt und bewährt, können

Ärzte in Zukunft viele Krankheiten früher

erkennen und besser behandeln.“

Tatsächlich erlaubt es MSOT, selbst einzelne

Krebszellen zu orten – am klarsten

die dunklen Zellen des sehr aggressiven

schwarzen Hautkrebses. Aber auch andere

Tumorzellen lassen sich an ihrem Klangmuster

gut von gesunden Zellen unterscheiden.

So können Chirurgen bald während

einer Tumoroperation kontrollieren,

ob sie alle Krebszellen entfernt haben.

Aber auch einzelne Zellen, die aus einem

Tumor bis in die Lymphknoten gewandert

sind, können die MSOT-Geräte finden.

Auch rote, mit sauerstoffreichem Hämoglobin

gesättigte Blutkörperchen erkennen

Ärzte in ersten Tests glasklar. Kleinste Gefäße

werden so sichtbar. Und es lässt sich mit

der Methode sogar feststellen, ob ein Organ

wie etwa die Leber auch gut mit Sauerstoff

versorgt wird, also gesund ist.

Erste Geräte hat iThera Medical bereits

gebaut und weltweit inzwischen 16 Mal

verkauft, derzeit vor allem für die Forschung.

Medizinische Analysegeräte für

Kliniken sollen folgen.

»

susanne.kutter@wiwo.de

FOTO: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

80 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Mobiler Retter

Der Medizintechnikspezialist Karl Storz macht einst klobige

Untersuchungs- und Operationsgeräte extrem handlich.

NOMINIERTER

Kategorie Großunternehmen

Karl Storz Tuttlingen

Ihr etwa 10 000 Euro teures, tragbares

Endoskop haben Karl-Storz-Projektleiter

Fritz Hensler (von links), Peter Schwarz,

der Abteilungsleiter Forschung Bildgebung,

und Forschungschef Klaus Irion

schon mehrere Tausend Mal verkauft.

Dem Amoklauf auf der Spur

Autoimmunerkrankungen zu erkennen war aufwendige,

manuelle Arbeit. Nun erledigt sie ein Roboter von Aesku Systems.

Es ist ein tragischer Irrtum: Nicht immer

funktioniert das Abwehrsystem

des Menschen so, wie es sollte. Statt

Krankheitserreger zu bekämpfen, greift es

zuweilen den eigenen Körper an – und

schädigt ihn dabei schwer. Rheuma und

Diabetes sind bekannte Beispiele für solche

Autoimmunerkrankungen, von denen

es Hunderte gibt. Was sie eint: Sie sind oft

nur schwer zu diagnostizieren.

Durch dünne Schläuche, die Endoskope,

spähen Ärzte schon seit Jahren

sehr erfolgreich den Körper

aus: Sie schieben Kameras, Leuchten und

bei Bedarf sogar winzige Werkzeuge wie

Pinzetten oder Scheren durch diese Rohre

in Magen, Darm, Lunge oder Stirnhöhlen.

Sogar Operationen sind ohne Schnitte

möglich, wenn Chirurgen die fingerdicken

Endoskope durch Körperöffnungen wie

Speise- oder Luftröhre ins Innere der Patienten

lenken.

Bisher waren dabei aber mehrere große

Apparaturen notwendig, die neben dem

Personal auf mannshohen Wägelchen im

Operationssaal standen. Nun aber hat der

Endoskop-Spezialist Karl Storz aus dem

schwäbischen Tuttlingen die Technik drastisch

geschrumpft.

Genau das findet Frank Riemensperger,

Juror des Innovationspreises und Deutschland-Chef

der Beratung Accenture, so

spannend: „Die Ingenieure von Karl Storz

haben es geschafft, die vormals sperrigen

Einzelgeräte wie Lichtquellen, Pumpen,

Monitore und Rechner platzsparend in einem

einzigen, nur sieben Kilogramm

schweren Gerät zusammenzufassen.“ Der

Effekt laut Riemensperger: „Als preiswerteres

Mobil-Endoskop im Aktenkoffer-Format

wird diese innovative Technik die Praxen

von niedergelassenen Ärzte und Kliniken

in entwicklungsschwachen Gebieten

dieser Welt erobern“ (siehe auch Seite 44).

Daneben eignet sich das Gerät namens

Tele Pack X gut für den Einsatz in Rettungswagen,

so Klaus Irion, Forschungschef von

Karl Storz – oder für Materialprüfer, die

Turbinen kontrollieren. Was ihn besonders

freut: „Es lässt sich ganz einfach wie ein

iPhone über den Bildschirm steuern.“

susanne.kutter@wiwo.de

Die Folge: „Viele Menschen mit Autoimmunerkrankungen

wie Lupus, Morbus

Crohn oder Zöliakie leiden nicht nur

erheblich – Ihre Krankheiten werden oft

jahrelang nicht richtig erkannt“, sagt Jurymitglied

Frank Mastiaux. Der Vorstandsvorsitzende

des Energieversorgers EnBW

setzt daher große Hoffnungen auf den

Mittelständler Aesku Systems aus

Wendelsheim in Rheinland-Pfalz: „Die

schnelle und kostensparende Analysetechnik

des Helios-Systems kann hier

Abhilfe schaffen.“

Denn Torsten Matthias, der Chef von

Aesku Systems, hat mit seinem Team den

weltweit ersten Diagnoseroboter ent-

FOTOS: DENIZ SAYLAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE (2)

82 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Das Meer ist vom Stadtteil Fürstenhausen

der saarländischen Kleinstadt

Völklingen weit entfernt. Mindestens

400 Kilometer sind es bis zur Nordsee.

Trotzdem gedeihen im deutschen

Südwesten seit gut einem Jahr Meeresfische

wie Wolfsbarsche, Doraden und sogar

Störe für die Kaviargewinnung.

Ein Aquarium im XXL-Format des Anlagenbauers

Neomar aus der Nähe von Hannover

macht das möglich. Dank eines geschlossenen

Wasserkreislaufs und aufwendiger

Filtertechnik gedeihen die Salzwasserbewohner

auch fernab der Küsten; 650

Tonnen sollen es in der neuen Anlage pro

Jahr sein. Damit ist sie eine der ersten dieser

Art im Binnenland. „Von Ostern 2014

an startet der Verkauf durch einen großen

Lebensmittelhändler“, sagt Neomar-Geschäftsführer

Bert Wecker.

Die Nachfrage nach der innovativen

Technik wird in den nächsten Jahren deutlich

wachsen. Denn der Bedarf an Meerestieren

steigt ständig, auch weil sie als gesund

gelten: Jeder Deutsche aß 2012 rund

15,2 Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte.

2004 waren es 13,8 Kilogramm. Weltweit

liegt der Fischkonsum sogar bei 17 Kilogramm

pro Kopf – das ist fast doppelt so

viel wie in den Sechzigerjahren.

Die Meere allein können diesen Bedarf

längst nicht mehr decken. Weltweit gelten

über 75 Prozent der kommerziell gewickelt,

der den Amoklauf des Immunsystems

vollautomatisch aufspüren kann.

Die Helios genannte Maschine – das Kürzel

steht für Helmed Integrated Optical System

– sieht aus wie ein Helm mit verdunkeltem

Visier. Es bereitet Blut- oder Serumproben

von Patienten nicht nur für die bisher sehr

zeitaufwendige Immunfluoreszenzanalyse

auf, sondern wertet sie auch gleich aus.

Das Verfahren erzeugt typische Leuchtmuster,

die ihrerseits die Autoimmunerkrankungen

verraten. „Die Probenröhrchen

bekommen einen Barcode und werden

in den Automaten gestellt, alles andere

macht der Helios ganz alleine“, sagt Wissenschaftler

Torsten Matthias, der vor zehn

Jahren das auf Labordiagnostik spezialisierte

Unternehmen gründete.

Zuvor forschte er selbst gut 20 Jahre lang

an Autoimmunerkrankungen. Deshalb

weiß Matthias genau, wie mühsam es ist,

diese Leiden zu analysieren. Bisher nämlich

müssen Labormitarbeiter die Proben

auf beschichteten Objektträgern ausstreichen,

sie dann – nach unterschiedlich lan-

NOMINIERTER

Kategorie Mittelständler

Aesku Systems Wendelsheim

Der Diagnoseautomat von Bioverfahrenstechnikerin

Miriam Strauß

(von rechts), Elektroniker Matthias

Wende, Aesku-Chef Torsten

Matthias und Assistent Alexander

Frey erkennt Leiden wie Rheuma

oder Schuppenflechte.

gen Wartezeiten – mit anderen Flüssigkeiten

beträufeln und schließlich mit einem

Deckgläschen verschließen. Erst dann

können sie die Proben mit einem Mikroskop

untersuchen.

Dabei müssen die Laboranten die Muster

jeder Probe genau betrachten, bewerten

und fotografieren – und zwar bei völliger

Dunkelheit. „In großen Labors, die Tausende

solcher Tests täglich durchführen,

stehen die Mitarbeiter oft bis zu fünf Stunden

am Stück in der Dunkelkammer“, erzählt

Matthias.

Der Helios-Roboter, den er nach dem

griechischen Sonnengott benannte, macht

damit Schluss. Das Gerät fasst bis zu 190

Proben und übernimmt alle Arbeitsschritte

zeit- und kostensparend vollautomatisch

vom Aufbereiten der Proben bis zu

den fertigen Digitalfotos der Muster. Die

können die Mitarbeiter dann im Hellen auf

dem Rechnerbildschirm begutachten.

Mehr als 60 Mal hat Aesku Systems den

Roboter bereits weltweit verkauft.

susanne.kutter@wiwo.de

Doraden aus Völklingen

Die Gründer von Neomar züchten erstmals Salzwasserfisch

an Land und entlasten damit die Küstengewässer.

NOMINIERTER

Kategorie Start-ups

Neomar Uelze-Eltze

Die Macher von Neomar,

Jochen Dahm, Bert Wecker,

Uwe Waller (von links), verkaufen

bald tonnenweise Meeresfische

aus Binnengewässern.

»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 83

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Technik&Wissen

»

nutzten Fischbestände als überfischt.

Das bedeutet: Der Mensch holt mehr Tiere

aus dem Meer, als neue nachwachsen.

Deshalb hat die Idee der Aufzucht mit

geschlossenem Wasserkreislauf die Jury

des Innovationspreises überzeugt: „Anlagen,

wie Neomar sie anbietet, entlasten die

küstennahen Gewässer, die sonst oft durch

Ausscheidungen der Fische von Zuchtanlagen

verunreinigt werden“ sagt Klaus Engel,

Vorstandschef des Spezialchemie-

Konzerns Evonik und Co-Juror des Deutschen

Innovationspreises. Das Salzwasser

in dem 30 auf 30 Meter großen und etwa

zwei Meter tiefen Betonbecken in Völklingen

zirkuliert immer wieder durch verschiedene

Filter. Das klappt bei Neomar so

gut, dass „wir pro Tag nicht einmal ein Prozent

des Salzwassers auswechseln müssen“,

so Wecker.

Und das ist nicht der einzige Vorteil: So

entweichen aus den Zuchtanlagen in den

Küstengewässern immer wieder Fische. Da

sie häufig nicht aus der betreffenden Meeresregion

stammen, verändert dies das

Ökosystem. Empfindlichere Arten werden

verdrängt – mit unabsehbaren Folgen für

die Umwelt. Und: „Die Anlagen machen

den Betreiber unabhängig von Schwankungen

der Fangmenge“, lobt Juror Engel.

Schließlich sind die Wege des Fisches

vom Fang bis zum Verbraucher deutlich

kürzer als bisher. Kommt beispielsweise

der Lachs aus Norwegen oder die Dorade

aus dem Mittelmeer, kann es bis zu sechs

Tage dauern, bis der Fisch in Deutschland

in der Theke landet. Bei Neomar sollen die

Tiere schon nach zwei Tagen im Handel

sein. Damit bekäme der Kunde den Meeresfisch

in Zukunft auch deutlich frischer

als bisher auf den Tisch.

juergen.rees@wiwo.de

Eintracht im Technikzoo

Die Qivicon-Plattform der Deutschen Telekom beendet die

babylonische Sprachverwirrung im Smart Home.

NOMINIERTER

Kategorie Großunternehmen

Deutsche Telekom Bonn

Zukunftsideen à la Star Trek

begeisterten Holger Knöpke

schon als Jugendlichen. Heute

arbeitet er als Leiter Connected

Home der Telekom daran, sie

wenigstens zum Teil Wirklichkeit

werden zu lassen.

Der Kühlschrank offen; die Dusche

kalt, weil die Heizung stillsteht; das

ungute Gefühl, wenn beim Heimkommen

das Küchenfenster gekippt ist:

Holger Knöpke kennt sie alle, die kleinen

und größeren Schrecken der Hausbesitzer.

Weil er selbst eines hat, vor allem aber,

weil der Innovationsmanager bei der Deutschen

Telekom es nicht beim Klagen über

Technik oder Vergesslichkeit belassen

wollte. Das Haus gehört vernetzt, beschloss

der 47-Jährige vor drei Jahren beim Einzug

in sein neues Haus. „Immerhin gibt es die

nötige Technik fürs vernetzte Heim längst;

Sensoren, Schalter, Stellmotoren, die bei

Bedarf Türen oder Fenster schließen.“

Doch was er fand, war entweder Technik

für Gewerbebauten und zu teuer. „Oder die

Komponenten funktionierten, weil über

verschiedene Funktechniken verbunden,

nicht zusammen“, beschreibt Knöpke seine

Erkenntnis: „Was nützt es, wenn die Heizungssteuerung

nicht mitbekommt, dass

das Fenster offen steht?“

Andere hätten entnervt aufgegeben. Der

Technikfan, der sich seit seiner Jugend für

Roboter und Star Trek begeistert, dagegen

wurde erst recht aktiv. Gemeinsam mit Kollegen

aus der Innovationsabteilung der Telekom

beschloss Knöpke 2011, der babylonischen

Sprachverwirrung in der Hausvernetzung

ein Ende zu bereiten.

Statt aber selbst ein Portfolio aus vernetzbarer

Technik zu entwickeln, wollte

die Smart-Home-Truppe der Telekom die

technischen Hürden zwischen vorhandenen

Systemen überwinden. Das Ergebnis:

die Qivicon genannte Plattform zur Heimvernetzung.

Sie präsentierte Knöpke, heute

Leiter der Connected-Home-Sparte, im

vergangenen Jahr auf der Elektronikmesse

IFA in Berlin einem Millionenpublikum.

Herzstück ihrer Lösung ist eine zentrale

Schaltbox, die mehrere Funktechniken

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

84 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

len bereitstehen oder erkennt, ob ein Lkw

richtig zum Beladen an der Rampe steht.

Das vielseitige Ding mit so überragenden

Eigenschaften ist ein optischer Sensor

mit einer neuartigen Technik, Photomischdetektor

(PMD) genannt. Er misst über einen

integrierten Chip die Zeit, die ein Laserstrahl

vom Sensor zum Objekt und zurück

braucht. Viel genauer und störungsbeherrscht

und sich für weitere nachrüsten

lässt. Damit fungiert dieses Home

Gateway als Übersetzer und ermöglicht es

zudem, ganze Schaltfolgen zu definieren;

es kann also etwa den Küchenherd ausstellen,

wenn ein Bewohner die Haustür abschließt.

Dank integriertem Web-Zugang

lässt sich der Technikzoo zudem von außen

über eine Smartphone-App bändigen.

„Die Vielzahl inkompatibler Technologien

war eines der größten Hemmnisse

für den Markterfolg des Smart Home“,

analysiert Frank Riemensperger, Deutschland-Chef

der Unternehmensberatung

Accenture und Juror beim Deutschen

Innovationspreis. Die Qivicon-Entwickler

hätten das Problem besonders geschickt

gelöst. Weil die Intelligenz der Plattform

nicht in der Schaltbox steckt, sondern als

Software in den Rechenzentren der Telekom

läuft – als passwortgeschützter Cloud-

Service –, ist die Qivicon-Plattform für

Erweiterungen offen. „So bietet das Angebot

die Chance, dem Markt als Ganzes

durch Netzwerkeffekte Wachstumsimpulse

zu geben, die weit über das Geschäftspotenzial

von Qivicon selbst hinausgehen“,

lobt Accenture-Mann Riemensperger.

Inzwischen ist der Start geglückt, hat

Knöpke – vom Steuertechnikproduzenten

Bitron über den Hausgerätehersteller

Miele bis zum Energiekonzern EnBW – die

ersten Systempartner gewonnen. Und ab

Herbst will die Qivicon-Truppe die Plattform

auch für externe Entwickler öffnen.

Das soll es ermöglichen, ganz neue Funktionen

zu programmieren.

Wie das aussehen kann, da hat Roboter-

Fan Knöpke schon ganz konkrete Vorstellungen:

„Wenn etwa der Wetterdienst im

Internet für meinen Wohnort eine Sturmwarnung

herausgibt, dann fahren ohne

mein Zutun, die Jalousien rein und die

Stellmotoren schließen die Dachfenster.“

thomas.kuhn@wiwo.de

Klein, klug, billig

Ein neuer optischer Sensor macht Roboter und Werkzeugmaschinen

produktiver – und lässt sich nicht mehr täuschen.

NOMINIERTER

Kategorie Mittelständler

ifm electronic Essen

Technikchef Rolf Fensterle, Geschäftsführer

Michael Paintner und Entwickler Eduard

Gjabri (von links nach rechts) wollen schon

Ende nächsten Jahres gut eine Million ihrer

intelligenten Detektoren verkauft haben.

Das Gerät, kleiner als eine Zigarettenschachtel,

wirkt völlig unscheinbar.

Und dennoch bewirkt es Großes: Es

erhöht die Zuverlässigkeit und Produktivität

von Fertigungsanlagen auf drastische

Weise – und das äußerst preiswert. Befestigt

an Förderbändern, Maschinen und Decken,

hilft es Robotern beim Greifen, signalisiert

Düsen, wann Flaschen zum Einfül-

freier, als herkömmliche Lichtschranken

das tun, die der PMD nach Überzeugung

von Experten ablösen wird.

Entwickelt hat die smarte Technik die

ifm electronic. Sie ist nur eine unter vielen

Erfindungen des Essener Mittelständlers,

der in manchen Jahren bis zu 14 Prozent

seines Umsatzes in Forschung und Entwicklung

investiert. Der PMD ist aber nach

Ansicht der Juroren des Deutschen Innovationspreises

besonders herausragend.

„Die Photomischdetektoren bringen ein

neues Maß an Präzision, Zuverlässigkeit

und Tempo“, lobt Jury-Mitglied Frank Mastiaux,

Vorstandschef der EnBW Energie Baden-Württemberg.

„Und dies zum Preis

der alten Technik.“ Tatsächlich kosten die

PMD mit knapp 140 Euro etwa gleich viel

wie eine übliche Lichtschranke – sind jedoch

ungleich leistungsfähiger:

n Sie lassen sich beim Berechnen des Abstands

weder von glänzenden Oberflächen

irritieren noch von verschiedenen Farben.

n Sie erfassen Kisten und Bauteile noch auf

zwei Meter Entfernung. Lichtschranken

schaffen einen halben Meter – bestenfalls.

n Und die Anwender können die PMD in

fast jeder beliebigen Ausrichtung zum Objekt

montieren.

Ebenso wie die Technik schätzen die

Kunden aber laut Michael Paintner, Mitglied

der ifm-Konzern-Geschäftsführung,

die einfache Bedienbarkeit des Sensors: Er

wird über zwei simple Tasten oder einen

Drehring auf den Gegenstand eingestellt.

„Das kann jeder Laie, ohne ein Handbuch

aufschlagen zu müssen“, sagt er.

So viele Vorteile überzeugen. Seit der

Markteinführung im vergangenen Jahr verkauften

die Essener mehr als 10 000 Exemplare.

Bis Ende nächsten Jahres sollen es

schon mehr als eine Million sein.

dieter.duerand@wiwo.de

FOTOS: DENIZ SAYLAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, MARTIN HANGEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

86 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unknackbar gut

Die Gründer von Secomba sorgen mit ihrer Verschlüsselungssoftware

Boxcryptor für mehr Sicherheit in der Cloud.

NOMINIERTER

Kategorie Start-ups

Secomba Augsburg

Anfangs wollten Andrea Pfundmeier

und Robert Freudenreich

nur eigene Daten sicher im Netz

speichern. Jetzt nutzen weltweit

mehr als eine Million Menschen

ihre Software Boxcryptor

Fast wirkt es so, als hätten sich Robert

Freudenreich und Andrea Pfundmeier

mit Edward Snowden abgesprochen.

Just als der ehemalige US-Geheimdienstler

im Juni 2013 die Späh-Aktivitäten

der National Security Agency (NSA)

öffentlich machte, brachten die beiden

Gründer mit ihrem Start-up Secomba die

neue Verschlüsselungssoftware Boxcryptor

auf den Markt.

Sie trafen einen Nerv: Tausende Onliner

weltweit luden das Programm auf

Smartphones, Tablets und PCs. Heute nutzen

es mehr als eine Million Menschen.

Mit der Software lassen sich Dateien einfach

verschlüsseln, bevor sie übers Netz

auf Speicherdienste wie Dropbox oder

Google Drive in die Cloud übertragen werden

– die Datenwolke im Internet. Beim

Abruf der Daten über den PC oder das

Smartphone entschlüsselt die Software sie

wieder. Hacker und Geheimdienste ohne

Passwort sehen nur Zeichenmüll.

Wie wichtig das einmal sein würde, war

Freudenreich und Pfundmeier noch nicht

klar, als Secomba 2011 startete. Damals arbeiteten

der Informatiker und die Wirtschaftswissenschaftlerin

an einem Service,

mit dem sich Studentenausweise digitalisieren

und überprüfen lassen. Sie wollten

die Daten nicht unverschlüsselt im Netz

speichern, fanden aber keine passende

Software.

„Alle Programme stammten aus einer

Zeit, in der es die Cloud noch nicht gab“,

sagt Freudenreich. Kurzerhand schrieb er

die Software selbst. Als er sie in einem Online-Forum

veröffentlichte, war die Resonanz

riesig: In nur einer Woche installierten

mehr als 1000 Nutzer das Programm.

„Da haben wir uns von der Ausweis-Idee

verabschiedet.“

Heute lässt sich Boxcryptor mit 22

Cloud-Speicherdiensten und auf acht Betriebssystemen

nutzen – von Apples iOS

bis Microsofts Windows. Damit ist das Unternehmen

aus Augsburg der Konkurrenz

weit voraus.

„Secomba hat eine innovative Verschlüsselungstechnologie

entwickelt, die das

wachsende Bedürfnis nach Datensicherheit

im Cloud-Zeitalter stillt“, sagt Klaus

Engel, Chef des Spezialchemie-Konzerns

Evonik und Juror des Innovationspreises.

„Die Gründer bewiesen nicht nur erstklassiges

Gespür, sondern auch Leidenschaft

und digitale Expertise.“

Die Augsburger vermarkten ihre Software

als Freemium-Produkt:In der Grundversion

ist Boxcryptor gratis. Wer es als Einzelnutzer

auf mehr als zwei Geräten einsetzen

möchte, bekommt das Jahres-Abo für

36 Euro, als Unternehmenskunde für 72

Euro. Aktuell zahlt jeder Zehnte. Genug für

Secomba, um Profit zu machen. Tendenz

steigend: Nutzerzahl und Umsatz wachsen

derzeit um zehn Prozent – im Monat. n

jens.toennesmann@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 87

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Management&Erfolg

ERFINDERGEIST | Ob

Kaffeekapseln, Textmarker

oder ein Regal

namens Billy: Fast

jeder kennt diese innovativen

Produkte.

Doch wer sind die

kreativen Köpfe dahinter?

Und wie kamen sie

zu ihren Einfällen?

Die WirtschaftsWoche

stellt acht Erfinder und

ihre besten Ideen vor.

Die Idee

meines Lebens

NESPRESSO

Die Idee den besten

Kaffee für jedermann

Der Erfinder Eric Favre

Der Kapselkönig Eric Favre presste

für Nestlé erst Kaffee in Nespresso-Kapseln.

Und später auf eigene

Rechnung auch Tee.

Die Idee seines Lebens verdankt Eric

Favre seiner Frau: Auf einer Reise

nach Rom 1976 probierten sich der

junge Nestlé-Ingenieur und seine frisch Angetraute

durch unzählige Espressi-Bars. Die

gebürtige Italienerin führte ihren Mann auch

in die unter Kaffeeliebhabern berühmte Bar

Sant Eustachio. Der Kaffee schmeckte

köstlich. Favres Idee, geboren mit der Espresso-Tasse

in der Hand: „Ich wollte die

Technologie der italienischen Bar auf eine

kleine Kapsel und eine handliche Maschine

übertragen“, sagt er, „damit jeder den besten

Kaffee genießen kann.“

Um alles über die perfekte Bohne und den

besten Mahlgrad, die richtige Temperatur

und den idealen Wasserdruck zu lernen,

kehrte Favre in seiner Freizeit immer wieder

in die Bar zurück. Schließlich erzählte Favre

seinem Chef von seiner Idee. Die Antwort:

„Keine Chance“.

Favre aber ließ sich nicht entmutigen. Anfang

1977 stellte er die ersten Prototypen von

Maschine und Kapsel in seinem Haus fertig.

Und nervte Kollegen und Vorgesetzte solange,

bis das Produkt 1985 endlich

auf den Markt kam – ausgerechnet

im Tee-Land Japan,

wo es floppte. „Nestlé war

einfach nicht in der Lage, Innovationen auf

den Markt zu bringen“, sagt Favre, „die letzte

Erfindung war Nescafé – und das war 1938.“

Favre will kündigen, aber der damalige

Nestlé-Chef Helmut Maucher lässt ihn nicht

gehen. Stattdessen schlägt er ihm vor, eine

eigene Firma zu gründen. Favre willigt ein

und entwickelt mit einem vierköpfigen Team

Technologie und Lizenzierung der Kaffeemaschinen

sowie die Vermarktung über exklusive

Läden. Den ersten „Nespresso-Club“ eröffnete

Favre 1989 in Mailand.

„Ich wollte den Italienern zeigen, dass wir

besser sind als der italienische Kaffee“, sagt

er. Der Erfolg gibt ihm recht, im gleichen Jahr

verkaufte Nestlé bereits 28 Millionen Kapseln.

Trotz des Triumphs verlässt Favre wenig

später den Lebensmittelkonzern und gründet

eine eigene Firma. Für seine Erfindung, bekommt

er von Nestlé keinen Cent – weil er

lieber selbst Kapseln auf den Markt bringt

und so zum Wettbewerber seines alten Arbeitgebers

wird. 2011 stellt er ausgerechnet

im Tee-Land China das Kapselsystem

„Tpresso“ vor. Nicht zuletzt, um seinem ehemaligen

Vorgesetzten zu beweisen, dass er

nicht nur Kaffee, sondern auch Tee besser

vermarkten kann.

FOTOS: BILDFOLIO/BERT BOSTELMANN, IMAGEBROKER, PR

88 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Der Vater von Catan Klaus Teuber machte

sein Hobby zum Beruf und wurde Deutschlands

erfolgreichster Spieleentwickler

SIEDLER VON CATAN

Die Idee die Besiedlung Islands

nachspielen

Der Erfinder Klaus Teuber

Weil er als Kind von Wikingerfigürchen fasziniert war und Bücher

über ihre Schiffe und Expeditionen gelesen hatte, entwickelt er gut

30 Jahre nach seiner ersten imaginären Begegnung mit den Wikingern

eine neue Idee: die Besiedlung Islands als Brettspiel.

Wieder grübelt Teuber nach Feierabend: Welche Rohstoffe

brauchten Menschen damals zum Überleben? Und wie soll das

Spielfeld aussehen? In seinem Bastelzimmer sägt er kleine Häuschen

aus Holz, bemalt Karton und schneidet ihn in sechseckige

Plättchen, aus denen das Spielfeld entsteht. Es gewinnt, wer auf einer

fiktiven Insel am schnellsten Siedlungen und Straßen errichtet.

Teuber bietet das Spiel großen Verlagen an, zwei lehnen ab – ein

millionenschwerer Fehler. Beim dritten Anlauf klappt es: Kosmos

veröffentlicht das Spiel 1995 unter dem Namen Siedler von Catan,

es wird rasch ein Kassenschlager, bis heute haben sich Basisspiel

plus Erweiterungen etwa 18 Millionen Mal verkauft.

1999 gibt Teuber sein Dentallabor auf und macht sein Hobby

zum Beruf. Heute ist er in Deutschland einer der wenigen Spieleautoren,

die von ihren Ideen gut leben können.

Lange Arbeitstage im Dentallabor und altgediente Mitarbeiter,

die ihm ständig reinquatschten: Wenn Klaus Teuber abends

den Familienbetrieb verließ, war er meist frustriert. Schon mit

Mitte 20 war der Zahntechniker zum Stellvertreter seines Vaters aufgestiegen

– wirklich geliebt hat er die Aufgabe nie. „Ich brauchte

einen Ausgleich“, erinnert sich Teuber. Und flüchtet sich nach Feierabend

in eine Welt fernab von Gebissen und Zahnprothesen, dominiert

von Fantasiefiguren und Entdeckungsreisen. Die Fantasy-Trilogie

„Erdzauber“ von US-Autorin Patricia McKillip fesselte ihn so

sehr, dass Teuber nebenbei ein Brettspiel entwickelte, das auf ihren

Erzählungen basierte: Barbarossa – Spiel des Jahres 1988. »

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Management&Erfolg

CHRISTBAUMSTÄNDER

Die Idee nie wieder Streit um den Weihnachtsbaum

Der Erfinder Klaus Krinner

Der Weihnachtsretter Mit seinem patentierten

Christbaumständer machte Klaus Krinner

das Aufstellen des Weihnachtsbaums

zum Kinderspiel

Mit der einen Hand hält er die Tanne,

mit der anderen dreht er drei Schrauben

im Christbaumständer fest, die

den Stamm fixieren sollen: Alles andere als bequem

ist das, als Klaus Krinner am Nachmittag

des Heiligen Abends 1988 unter den Ästen seines

Weihnachtsbaums hängt. Er braucht mehrere

Versuche, bis die Tanne fest und gerade

im Ständer steckt. „Des is a Glump“, denkt der

Landwirt aus Niederbayern. Auf gut Deutsch:

Der Ständer ist eine Fehlkonstruktion.

Statt nur zu jammern – wie fast alle, die Jahr

für Jahr vor dem gleichen Problem knien –,

sucht Krinner einen Ausweg: Im September

1989, nach neun Monaten Grübelei, schießt

ihm die Lösung in den Kopf, die er sofort

aufzeichnet: Vier Greifer sollen den Stamm

halten. Sie sind über eine Drahtschlinge verbunden,

die mit einer Ratsche fest um den

Baumstamm gezogen wird. Damit, ist Krinner

überzeugt, steht selbst ein schief gewachsener

Baum kerzengerade.

Innerhalb von vier Stunden baut einer

seiner Arbeiter auf dem Hof einen

Prototypen auf Basis von Krinners

Skizze: ein Stück Blech als Boden,

ein abgeschnittenes Rohr, ein

Drahtseil, eine Ratsche vom Zurrgurt

und vier Greifer. „Damit es niemand

sieht“, packt Krinner seinen Blechschatz

in ein Tuch ein und fährt noch

am selben Tag zum Patentanwalt.

Mehr

Wer die WC-Ente

erfunden hat und

wie Toyota zu seinem

Slogan kam,

lesen Sie in unserer

App-Ausgabe

Die ersten 100 Christbaumständer lässt

Krinner 1989 in Polen produzieren, schon im

Jahr darauf vertreibt er 25 000 Stück.

„Das ging nur so schnell, weil ich beim Vertrieb

alles falsch gemacht habe, was man

falsch machen kann“, sagt der heute 75-Jährige.

Ohne Voranmeldung besucht er damals die

Zentrale eines großen Handelsunternehmens

in Düsseldorf. „Mit einer ordentlichen Anmeldung

hätte ich doch nie einen Termin bekommen“,

sagt Krinner. „Die Leute müssen meinen

Christbaumständer sehen – dann überzeugt

er sie, da jeder das Problem kennt.“ Krinner

behält recht: Der Handelskonzern bestellt

5000 Stück.

Mittlerweile wurden die weihnachtlichen

Stammhalter von Krinner millionenfach verkauft.

Alleine 2013 waren es etwa 800 000

Stück – von der grünen Standardvariante ab

22,95 Euro bis hin zur Luxusversion mit 9800

Swarovskisteinen für etwa 10 000 Euro.

Eine Goldgrube, von der auch andere profitieren

wollen: Ein mehrjähriger

Rechtsstreit um das Patent endet

vor dem Bundesgerichtshof zu

Krinners Gunsten, Kaufofferten

lehnt er konsequent ab. „Mein

Christbaumständer wahrt in Tausenden

Familien jedes Jahr den

Weihnachtsfrieden“, sagt Krinner.

„Diese Aufgabe kann ich doch niemand

anderem überlassen.“

FOTOS: IMAGETRUST/MARIA IRL, INTER IKEA SYSTEMS B.V.

REGAL BILLY

Die Idee

ein schlichtes Bücherbord

für jedermann

Der Erfinder

Gillis Lundgren

90 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Alter Schwede Mehr als 60 Millionen

Billy-Regale hat Ikea verkauft, seit Gillis

Lungren den Klassiker in den Siebzigerjahren

entworfen hat.

Mal war es eine Zeitung, mal kritzelte er auf einen Briefumschlag:

Gillis Lundgren zeichnete seine Einfälle auf alles,

was ihm unter den Bleistift kam. „Ideen sind flüchtig. Man

muss sie schnell festhalten“, sagt der heute 84-Jährige.

1953 stieg Lundgren bei Ikea ein, als vierter Mitarbeiter. Seinen

Vertrag vereinbarte der Schwede mündlich mit Firmengründer Ingvar

Kamprad – der Beginn einer vertrauensvollen Zusammenarbeit.

„Ingvar philosophierte, ich zeichnete“, sagt Ikeas erster Designmanager.

„So sind viele gute Sachen entstanden.“ Seine genialste Idee

sollte Lundgren haben, als er schon mehr als 20 Jahre im Konzern

arbeitet: Diesmal war es eine Serviette, die er zur Hand hatte, als

sein Chef laut über ein Regal nachdachte, in das möglichst viele

Bücher hineinpassen, ohne dass sich die Zwischenbretter verbiegen.

Günstig sollte es sein und in jedes Zimmer passen. Lundgrens

Lösung: ein Bücherbord, das an Schlichtheit kaum zu überbieten ist.

Sein Name: Billy. 1979 kam es auf den Markt, bis heute hat Ikea

weltweit mehr als 60 Millionen verkauft. „Ich versuche herauszufinden,

was die Bedürfnisse der Menschen sind“, erklärt Lundgren sein

Erfolgsrezept. „Die Ideen sind Ergebnisse meiner Recherchen und

nichts, was einfach vom Himmel fällt.“ »

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 91

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Management&Erfolg

TEXTMARKER

Die Idee

ein Stift, der Texte zum

Leuchten bringt

Der Erfinder

Günter Schwanhäußer

Blau, Grün, Gelb und Pink: Vier

Textmarker liegen auf seinem

Schreibtisch aus dunklem Mahagoni.

Bis heute benutzt Günter

Schwanhäußer seine Erfindung täglich.

„Der Stabilo Boss“, sagt der

85-jährige jahrzehntelange Chef von

Schwan Stabilo, „hat die Stifte-Sparte

der Firma geprägt.“ Als der gelernte

Landwirt 1950 in das Familienunternehmen

einstieg, betrug der Umsatz

nur wenige Millionen Mark. 1995, als

Schwanhäußer in Rente geht, sind es

361 Millionen Mark – nicht zuletzt

dank des Textmarkers: Zwei Milliarden

Stück hat das fränkische Unternehmen

bis heute verkauft. Die Idee seines

Lebens kam Schwanhäußer 1970 während

einer Geschäftsreise. Durch das

Schaufenster eines Buchladens in Chicago

beobachtete der damals 42-jährige

Unternehmer Studenten dabei, wie

sie ein Stück Holz, um das ein wenig

Schaumstoff gewickelt war, in eine

bräunliche Flüssigkeit tunkten und auf

Passagen ihres Texts tupften. „Das

geht besser“, dachte sich Schwanhäußer

und nahm ein paar der Konstrukte

mit ins heimische Nürnberg.

Ein Jahr später kam der Stabilo Boss

auf den Markt. Wieso Boss? „Wir verkaufen

keine gelben Linien, sondern

Zeitersparnis“, sagt Schwanhäußer.

Und das nütze vor allem

Menschen, die viel Post und

wenig Zeit haben – kurz Bosse. Um die

von dem Marker zu überzeugen, verschickte

Schwanhäußer seine Stifte an

800 Manager und Minister. Der Handel

zeigte sich zunächst skeptisch – auch,

weil der Marker sehr teuer war. Dass

sich das bald änderte, wundert ihn bis

heute nicht: „Ein Boss“, sagt er, „will

doch jeder gern sein.“

Freund der Bosse Günter Schwanhäußer

half viel beschäftigten Managern durch

seine Textmarker Zeit zu sparen

FOTO: PR

92 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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TELEKOM-JINGLE

Die Idee

ein Audio-Logo für alle

Märkte

Der Erfinder

Christopher McHale

Der Anstoß zu Christopher McHales bekanntester

Idee kam per Post. Es war

im Jahr 1998, als der braune Briefumschlag

im New Yorker Studio des amerikanischen

Komponisten eintraf. Darin befand

sich ein mehr als 40 Seiten dickes Exposé, in

dem die Agentur Interbrand die Grundlagen

des weltweit neu geplanten Markenauftritts

der Deutschen Telekom erläuterte. Der Auftrag

an McHale: die Komposition eines Audio-Logos

– schlicht, elegant und vor allem

nicht zu deutsch sollte es klingen.

Beim Lesen stieß McHale bald auf das bereits

entwickelte Markenzeichen des Telekommunikationskonzerns:

drei graue Kästchen,

ein pinkfarbenes T, daneben ein viertes

graues Kästchen. McHales erster Gedanke:

Die kleinen Rechtecke stehen für tiefere

Töne, beim T musste es nach oben gehen.

„Die erste Idee ist meistens die beste“,

sagt McHale. Anschließend durchforstet er in

einer Bücherei Wörterbücher nach Begrüßungsformeln

aus aller Welt – seiner Meinung

nach genau richtig für einen international

aufgestellten Kommunikationskonzern.

Er trifft sich mit Textern und Toningenieuren,

sie diskutieren, schreiben Zeilen, testen Tonfolgen.

Am Ende steht das dreieinhalb Minuten

lange Lied „Hello, Hola“. Den Song kennt

heute kaum mehr jemand – bis auf die fünf

Töne, die selbst 15 Jahre nach dem ersten

Einsatz immer noch in aller Ohren sind: dadadadida.

Die Tonfolge, die McHale selbst mit zwei

Fingern auf seinem Flügel eingespielt hat, ertönt

in der Fernsehwerbung, im Stadion des

von der Telekom gesponserten Fußballclubs

FC Bayern München und sogar in New Yorks

Straßen. Und wenn McHale im Supermarkt

vor dem Joghurtregal steht und die Melodie

ertönt auf dem Handy eines anderen Kunden,

muss er jedes Mal grinsen. „Die Menschen

haben ja keine Ahnung, dass der Produzent

direkt neben ihnen steht.“

EVONIK

Die Idee ein moderner

Name für ein angestaubtes

Unternehmen

Der Erfinder Manfred Gotta

Als er im September 2007 den Zuschlag

von der Ruhrkohle AG bekommen

hatte, schlich er erst mal eine

Viertelstunde undercover durch die Flure

seines Auftraggebers. „Ich wollte die Atmosphäre

spüren, sehen, wie aufmerksam, wie

freundlich die Mitarbeiter sind“, erinnert

sich Manfred Gotta, Deutschlands erfolgreichster

Erfinder von Produkt- und Unternehmensnamen,

an seinen Besuch in der

Essener Konzernzentrale. Sein Auftrag: einen

„neuen, kantigen und typischen Namen“

finden für den traditionsbehafteten

Kohlekonzern. Nichts Gelecktes, Glattes,

sondern einen Begriff mit Charakter, der

außerdem klar macht, dass Kohle im Geschäftsmodell

des Konzerns keine Rolle

mehr spielt. Codewort des streng geheimen

Projekts: NB wie New Business.

Von 20 Ideenlieferanten sammelte Gotta

als Erstes 150 Vorschläge ein, von denen er

15 herauspickte, die ihm gefielen. Es folgten

Diskussionsrunden mit Verbrauchern, Gotta

notierte Argumente und analysierte die

Mimik der Diskutanten. Übrig blieb Gottas

Favorit Evonik und ein zweiter Name, den

Gotta aber stets für sich behalten hat. Beide

ließ er für 60 Länder auf Phonetik und juristische

Fallstricke prüfen, bevor er sie dem

damaligen Konzernvorstand Werner Müller

und einer Expertenrunde vorlegte. Die waren

von Gottas Favorit begeistert – und Evonik

beschlossene Sache. »

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 93

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Management&Erfolg

Der Versüßer Heinz Leopold überzog 1989

ein großes Vanilleeis am Stil mit echter

Schokolade – seitdem wurde Magnum an

Millionen Schleckermäuler weltweit verkauft

MAGNUM

Die Idee

ein Eis für Erwachsene

Der Erfinder

Heinz Leopold

Dolomiti für Kinder, Nogger für

Jugendlichen und für Erwachsene

die Fürst-Pückler-Rolle: Wer

Mitte der Achtzigerjahre Lust auf ein Eis

bekam, hatte nur begrenzt Auswahl.

Heinz Leopold und sein Team sollten

das ändern: Gerade 23 Jahre war er alt,

als er nach dem BWL-Studium seinen

ersten Job beim Konsumgüterkonzern

Unilever antrat. Leopold sollte eine Variation

des Verkaufsschlagers Nogger

entwickeln. Größer und schokoladiger,

speziell für Erwachsene. Der Name

stand schon fest: Nogger Magnum, aus

dem Lateinischen übersetzt „das Große“.

Doch die ersten Proben schmeckten

furchtbar: Das Eis wurde in extra viel

kakaohaltige Fettglasur getunkt, garniert

mit noch mehr Nüssen, innen ein

riesiger Schokoladenkern. Kurz: Es war

zu viel von allem. „Ich war mit dem Geschmack

nicht zufrieden“, erinnert sich

der heute 49-Jährige. Warum stattdessen

nicht einfach gutes Vanilleeis mit

echter Schokolade überziehen?

Magnum war geboren. Obwohl es im

Winter 1989 auf den Markt kommt, ist

das erste Eis am Stiel mit echter Schokolade

sofort ausverkauft. Heute vernaschen

die Deutschen pro Jahr knapp

250 Millionen Stück, die beliebteste

Sorte ist Magnum Mandel. Leopold

schnitt vor der Einführung die Nüsse

noch selbst klein. „Das erste Muster

sah aus wie ein Igel“, erinnert er sich,

„die Stücke waren zu lang.“ Leopold arbeitet

heute als Personalberater, dort

vermittelt er auch Produktmanager.

Was er ihnen rät? „Hört auf euer Gefühl

und denkt an eure Konsumenten“, sagt

er. „Das Lächeln eines zufriedenen

Kunden ist eine tolle Belohnung.“ n

lin.freitag@wiwo.de, kristin schmidt,

claudia tödtmann

FOTO: FLORIAN SCHÜPPEL

94 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

BARGELD | Münzen und

Scheine verursachen

enorme Kosten.

Finanzbranche und

Handel würden sie am

liebsten abschaffen.

Die Deutschen aber

hängen am Bargeld.

Welche Technologien

kommen, was heute

schon läuft – und ein

eher ernüchternder

Selbstversuch.

Wie wir morgen

zahlen, was der

Preis dafür ist

Ginge es nach Jan Deepen, würden

wir schon längst keine

Münzen und Scheine mehr mit

uns herumschleppen. Der Mitgründer

von SumUp, einem

mobilen Bezahldienst, arbeitet daran, Cash

überflüssig zu machen. Klingt alles ganz

einfach: Der Kunde installiert eine App auf

seinem Smartphone. Bei SumUp hinterlegt

er seine Bankdaten und ein Foto. Geht er

dann in das Geschäft eines teilnehmenden

Händlers, bekommt der über das Internet

auf sein Kassensystem automatisch die

Meldung eingespielt, wer gerade bei ihm

einkauft.

Will der Kunde bezahlen, nennt er seinen

Namen, der Händler muss nur noch

prüfen, ob die Person vor ihm mit der auf

dem hinterlegten Foto identisch ist. Passt

alles, wird das Geld abgebucht. Der Kunde

selbst macht keinen Finger krumm. „Es ist

ganz offensichtlich, wir steuern auf eine

bargeldlose Gesellschaft zu“, sagt Deepen

zufrieden.

Die Zahlfunktion, an der SumUp arbeitet,

ist eine der fortschrittlichsten und hätte

die größten Auswirkungen darauf, wie wir

künftig einkaufen. Marktführer PayPal testet

ähnliche Konzepte. Die Deutschen lieben

zwar ihr Bargeld, aber Kartenzahlung

und bargeldlose Transaktionen im Internet

nehmen stetig zu. Ohne dass wir uns bewusst

dafür entscheiden, verschwindet das

Bargeld langsam aus unserem Alltag.

Bargeldlos bezahlen, immer

und überall? Um zu testen,

ob das in Deutschland wirklich

so einfach funktioniert,

wie Deepen hofft, starte

ich einen Selbstversuch: ein Wochenende

ohne Bargeld. Es geht nach Bayern, ein

Ausflug an die Donau steht an, mit Freundin.

Vor der Abfahrt am Freitagabend

wollen die Kollegen in der Redaktion mir

direkt meine Geldbörse abnehmen. Ich

wehre mich, behalte die Börse mit EC- und

Kreditkarte und stecke noch 20 Euro ein,

für den absoluten Notfall.

Los geht die bargeldlose Zukunft auf der

Internet-Seite der Bahn. Meine Tickets zahle

ich dort schon lange per PayPal, wähle aus,

ob ich Kreditkarte oder Girokonto belaste.

Das Ticket kann ich dann ausdrucken oder

über die Smartphone-App als QR-Code

auf dem Handy speichern. Alles simpel.

Vor der Abfahrt möchte ich am Düsseldorfer

Hauptbahnhof noch schnell einen

Snack für die Fahrt kaufen. Rein zum Billigbäcker

mit Selbstbedienung. Ich lege ein

Croissant aufs Tablett und reihe mich ein in

die Schlange der Bahnpendler. Das gibt

mir etwas Zeit, um die Registrierkasse zu

begutachten. Mir fällt auf:kein Kartenlesegerät.

Als ich an der Reihe bin, frage ich

die Kassiererin, ob ich mein Hörnchen mit

Karte bezahlen kann. „Nein“, lautet die

klare Antwort. „Kreditkarte, EC-Karte, Sie

akzeptieren gar nichts?“ „Nein.“ Dass

ich meinen Notgroschen so früh anbrechen

muss, hätte ich nicht erwartet.

Nächster Laden, nächster Versuch: eine

Flasche Wasser für unterwegs. Nun probiere

ich den Drogeriemarkt im Bahnhofsgebäude.

Die Schlange reicht auch hier bis mitten

in den Laden hinein; Wochenendpendler.

Von Weitem erkenne ich: Die nehmen alle

gängigen Karten, auch meine Kreditkarte.

An der Kasse angekommen, knicke ich

aber ein: mein Zug kommt gleich, ich muss

zum Gleis. Außerdem drängelt die Schlange

hinter mir, und das Wechselgeld aus der

Backstube klimpert noch in meiner Hosentasche.

Schnell zücke ich eine Euro-Münze

und zahle mein Wasser bar. Das dauert

wenige Sekunden. Keine Unterschrift, keine

PIN-Eingabe. Bargeldloses Wochenende?

Der Start ist verschoben.

Mit der Kreditkarte lassen sich an der Supermarktkasse

auch kleine Beträge begleichen.

Wer bei Ebay bestellt, muss sich nicht

ins Online-Banking einloggen, sondern

kann per PayPal zahlen. Und wer sein

Bahnticket bar am Automaten zahlt, verzweifelt,

wenn der nur Münzen zurückgibt,

die die Geldbörse zum Platzen bringen.

n Haupttreiber für Fortschritte beim Zahlungsverkehr

– das Smartphone wird zum

Multifunktionsgerät, soll bald als digitale

Geldbörse das Portemonnaie ablösen – ist

das Internet. Nebeneffekt: Noch mehr Daten

für Industrie und Online-Handel.

»

ILLUSTRATION: KARSTEN PETRAT

96 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Chinesen zahlen mobil, Deutsche blechen fürs Bargeld

Befragte,die schon per Smartphone

oder Tablet gezahlt haben1 (in Prozent)

Bargeldkosten und -erträge nach Sektoren

in Deutschland (in Millionen Euro)2

China

49

Erträge

Südkorea Chinesen 35 zahlen mobil, Deutsche blechen Kosten fürs Bargeld

2524

Russland

26

1879

Transferzahlungen

Befragte,die schon per Smartphone Bargeldkosten und -erträge nach Sektoren

Schweden

19

(Zinsgewinne/-verluste)

oder Tablet gezahlt haben1 (in Prozent) in Deutschland (in Millionen Euro)2

USA 19

Staatund

Privatpersonen

Erträge

Banken Handel

Italien China17

Deutsche49

Bundesbank

Großbritannien Südkorea 13

35 –246

–548 –20 Kosten

2524

Deutschland Russland 13

26

1879

Transferzahlungen

–1311

Frankreich Schweden 10

19

–3933

(Zinsgewinne/-verluste)

Japan 6 USA 19

Staatund –6669

Privatpersonen

Banken Handel

Italien 17

Deutsche Bundesbank

1Kontaktlose Zahlungen mit dem Handy und Online-Bestellungen über Apps, 190 000 Personen in 27 Ländern, Zahlungen im ersten

Quartal 2013; 2Daten Großbritannien für 2011; Quelle: Bain &Company; 13 Steinbeis-Hochschule Berlin 2013

–246

–548 –20

Deutschland 13

–1311

Frankreich 10

–3933

Japan 6

–6669

1Kontaktlose Zahlungen mit dem Handy und Online-Bestellungen über Apps, 190 000 Personen in 27 Ländern, Zahlungen im ersten

Quartal 2013; 2Daten für 2011; Quelle: Bain &Company; Steinbeis-Hochschule Berlin 2013

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 97

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Geld&Börse

»

n Stationären Händlern sind Bevorratung

und Abtransport von Bargeld zu teuer

(siehe Seite 97, Chart rechts), und auch

Banken machen Druck. Bargeld kostet,

während die Finanzbranche an Kreditkarten

und bargeldlosen Transaktionen verdient.

Schon längst nicht mehr können

Kunden überall in Europa am Bankschalter

beliebig viel Geld ein- oder sich auszahlen

lassen.

n Hinzu kommen politische Motive: Steuerhinterziehung,

Geldwäsche und Schwarzarbeit

wären ohne Bargeld leichter verfolgbar.

Geldpolitische Instrumente könnten ihre

volle Schlagkraft zurückgewinnen, wenn

Bürger Geld nicht mehr einfach vom Konto

abheben und so dem Zugriff der Notenbanker

entziehen könnten.

Bei aller Euphorie für den elektronischen

Zahlungsverkehr gibt es also durchaus

Anlass zu Befürchtungen, dass mit

dem Bargeld auch ein Stück Freiheit und

Sicherheit verschwinden würde. Wie realistisch

sind diese Befürchtungen? Und

wie stehen die Chancen wirklich, dass

Bargeld allmählich abgelöst wird?

NUR BAR IST WAHR

Die Deutschen gelten als konstant unfortschrittlich,

verglichen etwa mit den Schweden,

für die bargeldloses Zahlen selbstverständlich

ist (siehe Grafik unten). Deepen

von SumUp bleibt eine Ausnahme, wenn

er sagt: „Ich kann mich gar nicht erinnern,

wann ich das letzte Mal am Bankautomaten

Geld abgehoben habe.“

Die Europäische Zentralbank (EZB), von

den Deutschen ohnehin nicht ins Herz geschlossen,

ist sich der Sensibilität des Themas

bewusst. Besuch bei Wiebe Ruttenberg,

Leiter der Abteilung Market Integration,

der in einem unauffälligen Nebengebäude

des Eurotower in der Frankfurter Innenstadt

sitzt. Sein Büro, mit blau gewebtem

Teppich, nüchternes Corporate Design

im Europa-Stil, wirkt wenig luxuriös –

und ist doch Zentrum des aktuell wichtigsten

technischen Projekts der EZB. Von hier

hat Ruttenberg die Einführung des SEPA-

Zahlungssystems geleitet. Neue, einheitliche

Kontonummern für alle Europäer – ein

mächtiges Projekt, dessen Sinn sich erst

mal überhaupt nicht erschließt. Es soll einen

einheitlichen, bargeldlosen Zahlungsraum

Europa ermöglichen. SEPA ist aber

dennoch nicht Teil eines Masterplans, dem

Bargeld zu entsagen: „In Europa wird es

keine bargeldlose Gesellschaft geben“, antwortet

EZB-Fachmann Ruttenberg auf die

Frage, wann denn neue Zahlungsmittel

das Bargeld wohl ablösen werden – ohne

zu zögern.

Mein nächster Versuch: ein

Feierabendbier im Bordbistro.

3,70 Euro soll das kosten. „Mit

Karte bitte“, hauche ich verlegen

über den Tresen und erwarte

schon die nächste Enttäuschung. „Wir

nehmen aber nur Kreditkarten“, lautet dann

die sehnlichst erwartete Antwort. Das ist mir

ohnehin am liebsten. Denn ich bin Kunde

bei einer Direktbank. Die stellt mir eine

Kreditkarte aus, mit der ich weltweit kostenlos

Bargeld abheben – und in Deutschland

auch ohne Gebühren bezahlen kann. Ein

erster Erfolg. Zwar muss ich mein Bier aus

einem Plastikbecher am Platz trinken, der

erste Schluck schmeckt trotzdem fantastisch.

So kann die bargeldlose Zukunft starten.

Auf der anderen Seite des Atlantiks ticken

manche schon anders. Larry Summers,

ehemaliger US-Finanzminister, dachte auf

einer Konferenz in Washington laut über

die Abschaffung des Bargelds nach. Nur

dann könnten Zentralbanken negative Leitzinsen

einführen, zur Abwehr der Deflation

und zum Ankurbeln des Konsums. „Die

globale Finanzkrise ist noch nicht überstanden.

Deshalb müssen wir in den kommenden

Jahren darüber nachdenken, wie

wir eine Volkswirtschaft managen, in der

nominale Zinssätze von null chronische

Hemmstoffe sind, die unsere Volkswirtschaften

hinter ihrem Potenzial zurückhalten“,

sagte Summers.

Der Gedanke dahinter: Weil die Zinssätze

schon nahe null sind, könnte die Geldhaltung

auf Konten mit negativen Zinsen

bestraft werden. Wer Geld bei der Bank

parkt, zahlt eine Gebühr. Normalerweise

würden die Menschen dann auf Bargeld

ausweichen, der Negativzins würde wirkungslos.

Können sie aber nicht mehr bar

bezahlen, würde das Geld auf die Konten

getrieben – oder ausgegeben. So könnte

der Konsum angekurbelt werden.

OHNE CASH: TABLET-KASSEN

Wer wissen will, wie die bargeldlose Zukunft

aussieht, muss sich in Messehallen

drängen. Etwa auf der Euroshop in Düsseldorf,

der weltweit größten Messe für den

Einzelhandel. Dort wird klar: Wo heute

noch graue Supermarkt-Kassenklötze aus

Hartplastik stehen, sollen demnächst

schlanke Tablet-Computer Zahlungen abwickeln.

Am besten ohne Bargeld. Denn

Tablet-Kassen mit Flachbildschirmen bieten

keinen Platz mehr für Münzen und

Blühe, einig Bargeldland

Anteil der Bezahlvorgänge an der Kasse

(in Prozent)

Bargeld

EC-Karte

Kreditkarte

Sonstiges*

0 20 40 60 80 100

Österreich

Polen

Deutschland

Italien

Spanien

Großbritannien

Niederlande

Belgien

Schweden

Frankreich

Welche Summen die Deutschen wie

bezahlen (in Prozent)

Bargeld EC-Karte Kreditkarte

Internet-Zahlung Überweisung Sonstiges

0 20 40 60 80 100

Bis 5Euro

5bis 20 Euro

20 bis 50 Euro

50 bis 100 Euro

100 bis 500 Euro

Ab 500 Euro

Wie viel Bargelddie Deutschen im

Portemonnaie haben

300 Euro und mehr

200 bis 300 Euro

150 bis 200 Euro

100 bis 150 Euro

50 bis 100 Euro

20 bis 50 Euro

bis 20 Euro

18

12 4

7

30

%

Mittelwert: 103 Euro

davon Münzen: 5,90 Euro

10

18

*Kundenkarten, Schecks, PayPal, Lastschrifteinzug etc.; Quelle: Deutsche Bundesbank, 2011; Europäische Kommission und Deloitte 2014, vorläufige Ergebnisse

98 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Zahlungen sicherer werden können. Etwa

so: Wie der Zoll bei der Einreise am Flughafen

in den USA scannt ein kleines Gerät an

der Kasse den Fingerabdruck des Käufers.

Dann wird die Zahlung drahtlos über eine

spezielle Chipkarte, die der Käufer bei sich

führen muss, abgewickelt. Der Fingerabdruck

dient sozusagen als fälschungssichere

Unterschrift oder PIN.

Da Fingerabdruckscanner bereits in Mobiltelefonen

von Samsung oder Apple verbaut

sind, dürfte die Zahlung mit dem Fingertip

bald an Fahrt aufnehmen. Jüngst hat

PayPal dazu eine Kooperation mit Samsung

gestartet.

ILLUSTRATION: KARSTEN PETRAT

Scheine. Die wandern allenfalls noch in eine

zusätzliche Schublade, die in den Verkaufstresen

eingelassen werden muss, wie

etwa heute schon in manchem Apple-Store

– eine Übergangslösung, für Bargeld-Nostalgiker

unter den Kunden.

Smartphones der Konsumenten und

Tablet-Computer der Händler gehen, so erlebt

man es auf der Messe, eine Symbiose

ein. Für Zahlungen, klar, aber auch für neues

Marketing: Zum Beispiel für Sonderangebote,

die dem Verbraucher direkt aufs

Smartphone gespielt werden, wenn er an

einem Laden vorbeiläuft. Er geht kurz rein,

bezahlt mit dem Smartphone und rennt

weiter zum nächsten Angebot.

Für manchen Konsumenten eine Horrorvision,

für andere nur lästig oder gar eine

willkommene Bereicherung. „Ich zahle

möglichst nur mit Bargeld,“ sagt Claudia

Franke, „da behalte ich die Kontrolle, wie

viel ich ausgeben kann.“ Ihre Kunden aber

lässt die Düsseldorfer Unternehmerin, die

unter anderem Tierpflegeprodukte auf

Schulungen oder Messen verkauft, unterwegs

am liebsten über ein mobiles Kartenterminal

bezahlen. Den Adapter von Sum-

Up steckt Franke an ihr Smartphone oder

Ohne Cash wird

Schwarzarbeit

viel schwieriger

Tablet. Ihre Kunden können mit dem Finger

auf dem Display unterschreiben, sagt

sie, bekommen anschließend Quittungen

per E-Mail oder SMS zugeschickt. „Am

liebsten wäre mir, wenn alle mit Karte zahlen

würden“, sagt Franke.

KARTENLOS: ABDRUCK GENÜGT

Noch einfacher wird es für Kunden, wenn

sie ihre Karte gar nicht mehr aus dem

Portemonnaie kramen müssen, um sie an

der Kasse oder am mobilen Lesegerät

scannen zu lassen. Warum nicht mit biometrischen

Daten bezahlen? Sprich: mit

dem Fingerabdruck? Auch das zeigen erste

Versuche auf der Düsseldorfer Messe. Die

Natural Security Alliance, getragen unter

anderem von BNP Paribas, Crédit Agricole

und Mastercard, testet hier, wie digitale

Samstagnachmittag, ein

kurzer Abstecher in ein

Shoppingoutlet. Die Logos

in den Läden zeigen mir,

dass sie sich auf meine Visa,

Mastercard oder American Express freuen.

Nur finde ich bei ihnen weder Schuhe noch

Hemden, die mir gefallen. Bei sonnigem

Frühlingswetter soll wenigstens ein Eis das

Gedrängel vor den Schaufenstern versüßen.

Die Eisdiele verlangt 3,60 Euro für drei

Kugeln. Eigentlich würde ich mit der Kassiererin

gern über die Preise diskutieren.

Ihre Aussage, dass ich nur bar bezahlen

kann, nimmt mir aber die Lust. 20 Euro

hatte ich am Freitag vor der Bahnfahrt für

den Notfall eingesteckt. Die aber schwinden

schnell dahin. Am Samstagnachmittag

treibt es mich – in weiser Voraussicht – an

den nächsten Bankautomaten. Ich muss

meinen Notgroschen aufstocken.

Thilo Weichert, Landes-Datenschutzbeauftragter

in Kiel, sieht die Datenspuren,

die Nutzer von digitalen Zahlungsmitteln

hinterlassen, mit Sorge: „Auch bei allen

denkbaren technischen Sicherungen sind

digitale Spuren zumeist leichter festzustellen,

automatisiert auszuwerten und dadurch

umfassend zu überwachen.“ Knackpunkt

dabei: Die Zahlungsströme laufen

fast alle über die USA. Im Rahmen der

Snowden-Enthüllungen wurde im Herbst

bekannt, dass die amerikanische NSA auch

Kreditkartendaten in den USA ausliest.

„Dass wir keine europäische Infrastruktur

haben, ist ein Problem. Auch das europäische

Überweisungssystem SEPA wird daran

nichts ändern, dazu war es gar nicht gedacht“,

sagt Constanze Kurz, Projektleiterin

am Forschungszentrum für Kultur und

Informatik der Hochschule für Technik

und Wirtschaft in Berlin. „Nur über Bargeld

lässt sich auch nur ansatzweise langfris-

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WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 99

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Geld&Börse

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tig die Anonymität des Zahlungsverkehrs

gewährleisten“, sagt Weichert.

Bargeld-Lösungen sind auf der Düsseldorfer

Messe zwar noch vertreten, aber

schon in Nischen gedrängt – wie die Münzprüfmaschinen

von WH Münzprüfer aus

Berlin. Die CD-großen Elemente lassen

Münzen durch ihren Einwurfschlitz in einen

transparenten Schaukasten klackern,

scheinen in Halle 6 aber nur noch geduldet,

vereinsamt in einem Durchgang neben

den pompösen Multimedia-Ständen

der bargeldlosen Konkurrenz.

„An unserem Geschäft sehen wir, dass

Münzen weltweit immer noch eine wichtige

Rolle spielen, trotz der Weiterentwicklung

beim bargeldlosen Zahlen“, sagt Geschäftsführer

Christian Trenner. Spiel- und

Ticketautomaten, aber auch Selbstbediener-Kassen

im Supermarkt brauchen Maschinen,

die Euro-Münzen von Hosenknöpfen

unterscheiden können. Den Messebesuchern

erscheint das irgendwie bieder

– sie erliegen dem Charme von Tablets

und Smartphones. Wer will da noch Münzen

prüfen?

„SWISH“: VON HANDY ZU HANDY

Schweden jedenfalls braucht heute schon

nur noch wenige Münzprüfautomaten.

Bargeld spielt kaum noch eine Rolle. Selbst

Zeitungen und Kaugummi können mobil

oder mit Karte gezahlt werden. Die schwedischen

Banken, vorneweg die Großbanken

SEB und Nordea, haben sich für ein

mobiles Zahlsystem namens Swish zusammengetan.

Zahlungen von privat zu privat

sind einfach über eine App auf dem

Smartphone möglich. Wer etwa sein Fahrrad

gebraucht verkaufen möchte, kann vor

Ort von einem Telefon zum anderen bezahlen.

Im Sommer sollen auch schwedische

Unternehmen mit Swish die Zahlungen

ihrer Kunden entgegennehmen können.

In Deutschland gibt es einen ähnlichen

Ansatz namens Kesh, von der BIW

Bank. Generell halten sich Deutschlands

Banken aber zurück; man beobachte die

Entwicklungen, sagt der Bankenverband,

der die Privatbanken vertritt.

Schwedische Banken haben seit 2010 ihren

Bargeldservice schrittweise eingestellt.

Nordea etwa bietet nur noch in einem Drittel

ihrer 256 Filialen Bargeldservices an.

„Bargeld ist immer noch teuer zu transportieren

und zu verwalten, die Risiken von

Überfällen haben es in den vergangenen

Jahren auch nicht günstiger gemacht,“ sagte

bereits 2008 Lars Nyberg, damals Vorstand

der schwedischen Zentralbank.

Prominentester Unterstützer der schwedischen

Bargeldlos-Bewegung ist Abba-

Star Björn Ulvaeus. Im Stockholmer Abba-

Museum können Besucher inzwischen nur

noch mit Karte zahlen. Privat verzichtete

Ulvaeus in einem Selbstversuch ein Jahr

lang auf Bargeld: „Die einzige Unannehmlichkeit,

die mir im Alltag begegnet ist:Man

braucht eine Münze, um im Supermarkt einen

Wagen zu leihen“, schreibt er auf der

Homepage des Museums. Seine Kritiker

werfen Ulvaeus vor, er sei bei der Aktion

vor allem durch einen der Hauptsponsoren

seines Abba-Museums getrieben worden:

Kreditkarten-Gigant Mastercard.

Am Samstagabend möchten

wir zum Italiener. Bei der

Restaurantkette Vapiano

bekomme ich als Gast schon

am Eingang eine Chipkarte,

auf der meine Bestellungen eingehen.

Hier muss ich mich an Selbstbedienungstheken

anstellen, Köche bereiten die

Nudeln vor meinen Augen zu. Was mich

meine Bestellung kostet, erkenne ich nach

jeder Bestellung in einem Display, wenn

meine Karte gescannt wird. Zum Bezahlen

Spuren digitaler

Zahlungen sind

leicht verfolgbar

wird sie an der Kasse nach dem Essen

ausgelesen. Und dort erkenne ich gleich:

ein NFC-Terminal. Fantastisch! Da zeigt

sie sich endlich, die bargeldlose Zukunft.

Denn mit der sogenannten Near Field

Communication könnte ich mein Abendessen

jetzt über das Smartphone bezahlen.

Einfach, indem ich das Telefon im Umkreis

von etwa zehn Zentimetern an das Lesegerät

lege oder darüber halte. Abgebucht

wird kontaktlos. Leider bin ich von der bargeldlosen

Zukunft ausgeschlossen, weder

mein Handy noch meine Kreditkarte sind

für NFC-Zahlungen gerüstet. Also muss

ich dann doch meine Kreditkarte einlesen

lassen und die PIN eingeben. Die Kassiererin

tröstet mich: „Seit unserer Eröffnung

vor etwa zwei Jahren hat bei mir bisher nur

ein einziger Kunde kontaktlos bezahlt.“

ILLUSTRATION: KARSTEN PETRAT

100 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Dass Geld bereitgehalten, gewechselt,

transportiert, gesichert und bewacht werden

muss und dass dies alles kostet, leuchtet

ein. Doch auch bargeldlose Abwicklungen

kosten Geld. „Zahlungen können nicht

kostenlos sein, das müssen die Leute verstehen“,

sagt Ruttenberg von der EZB. Nur

seien diese Kosten eben im System versteckt.

Händler zahlen in Deutschland

durchschnittlich 1,25 Prozent der Transaktionssummen

an Banken und Kreditkartenanbieter.

Diese werden natürlich meist

an die Kunden weitergegeben. Die Europäische

Kommission arbeitet deshalb gerade

an einer Richtlinie, alle Kreditkartengebühren

für Händler auf 0,3 Prozent zu

reduzieren. Kommt die, bekämen Karten

einen neuen Schub.

Unter dem Strich, für bare und bargeldlose

Zahlungen zusammen, kosten Zahlungen

in der EU etwa 130 Milliarden Euro,

schätzt Ruttenberg – ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Vom Bargeld abrücken

möchte er deshalb aber nicht. Vielmehr

sollten die bisherigen Infrastrukturen, wie

Debit- und Kreditkarten, effizienter genutzt

werden. „Die bargeldlose Gesellschaft ist

etwa so wahrscheinlich wie das papierlose

Büro“, sagt Ruttenberg. Sein eigener

Schreibtisch wirkt zwar aufgeräumt, aber

dort stapeln sich Papierbögen, keine Frage.

Sonntagvormittag, Sonnenschein

und blauer Himmel.

Wir fahren zum Kloster

Weltenburg an die Donau.

Das Kloster ist für Besucher

nur zu Fuß erreichbar, also biegen wir auf

einen Parkplatz ab, 500 Meter vor dem

Kloster. Eine junge Frau in Warnweste verteilt

Parkscheine – und will Bargeld sehen.

Ich frage nicht einmal nach Kartenzahlung,

sie wird kaum ein mobiles Kartenterminal

in ihrer Weste versteckt halten. Auch einen

Kassenautomat mit Kartenschlitz suche ich

vergebens. Ich drücke die Münzen ab und

überlege, den Selbstversuch abzubrechen.

Nach einem Spaziergang an der Donau

kehren wir im Kloster ein. Es gibt Haxe,

Knödel und Kraut. Neben uns spachteln

auch Amerikaner und Spanier. Da es

so international zugeht, verlange ich selbstbewusst

nach Kartenzahlung . Die Bedienung

schüttelt den Kopf. Gut, dass ich

am Bankautomaten war.

Ganz offensiv, zumindest verbal, wird Bargeld

in Italien der Kampf angesagt. „Der

Kampf gegen das Bargeld ist ein wahrer

Kampf der Zivilisation“ – der Spruch von

Giovanni Sabatini, Generaldirektor der

Bankenvereinigung ABI, ist heute schon legendär.

Dafür erntete er zwar reichlich

Spott. „Sabatini erzählt Quatsch, weil er

verbergen will, dass die Banken an allen

Zahlungen mitverdienen, nur eben am

Bargeld nicht“, ätzte Komiker Beppe Grillo,

ein überzeugter Bargeld-Anhänger.

Aber: Bestechung und Hinterziehung

sind vor allem mit Bargeld möglich. Der

deutsche Staat würde jährlich 35 Milliarden

Euro mehr einnehmen, wenn nach

Abschaffung des Bargelds die Schattenwirtschaft

eingedämmt würde. Das schätzen

Forscher der Steinbeis-Hochschule.

Ein Bargeldverbot würde Schwarzarbeit erschweren,

aber auch Drogenhandel, Prostitution

und illegales Glücksspiel.

BITCOINS: DAS FESTPLATTEN-GELD

Aber auch ohne Bargeld lassen sich illegale

Geschäfte finanzieren – etwa mit der Digitalwährung

Bitcoins. Jeder, der über rechenstarke

Computer verfügt, kann Bitcoins

kreieren. Mittlerweile ein aufwendiger

und sehr teurer Prozess – für die Geldschöpfer

ein Fulltime-Job. Bitcoins waren

anfangs Zahlungsmittel für Drogen und

Waffen. Heute werden sie längst auch regulär

genutzt, in den USA verkaufte ein Autohaus

sogar ein Tesla-Elektroauto gegen

Bitcoins.

Bislang wissen weder Staaten noch Notenbanken,

wie sie mit der digitalen Währung

umgehen sollen. Bundesbank-Vorstand

Carl-Ludwig Thiele etwa hält Bitcoins

für hochspekulative Finanzinstrumente,

auf keinen Fall für Zahlungsmittel.

Alex Werkman, IT-Berater aus Köln, lässt

sich seinen Enthusiasmus nicht nehmen:

„Wenn man sich ansieht, was die EZB mit

dem Euro macht, wäre doch eine Ausweichwährung

nicht schlecht“ – etwa bei

Inflation. Werkmans Frau betreibt eine

Über dem Zenit?

Wert eines Bitcoins, produzierte Menge

13 1000

12

11

10

9

8

7

6

5

0

11 12 13 14

Quelle:Coindesk

Anzahl

in Millionen

Preis in Dollar

750

500

250

Kindertagesstätte – und er hat für diese ein

System eingeführt, das es Eltern erlaubt,

mit Bitcoins zu zahlen. Zahlungen sind

kostenfrei, Nutzer müssten nur etwas Wartezeit

in Kauf nehmen. Zehn Minuten dauert

eine selbst durchgeführte Bezahlaktion,

schätzt Werkman. Nur wer professionelle

Anbieter wie Bitpay nutzt, zahlt Gebühren

für Bitcoin-Transaktionen. Dafür wandelt

Bitpay Coins auch in Euro um.

Alles ziemlich zukunftsträchtig – nur ist

die Nachfrage vonseiten der Tagesstätten-

Eltern leider null. „Kann ja noch kommen“,

sagt Werkman , „ich wollte eben mal etwas

anderes ausprobieren.“ Dass ihm seine im

Wert stark gestiegenen Coins (siehe Chart

unten) verloren gehen, fürchtet er nicht.

„Ich habe sie mehrfach auf Festplatten gespeichert.“

So umgeht er Probleme, wie sie

Tausende Anleger mit der Bitcoin-Börse

Mt.Gox hatten, die in der Insolvenz vermutlich

mehrere Hundert Millionen Euro

Kundengeld vernichtet hat.

Resigniert setze ich mich am

Abend in den ICE. Zum

Abschluss will ich es aber

noch mal wissen: Ein Ticket

für die Fahrt mit der Frankfurter

U-Bahn muss ich doch auch ohne

Bargeld bekommen können, am besten als

Code auf mein Handy. Dafür lade ich

mir die App des Verkehrsverbunds Rhein-

Main herunter. In den Nutzungsbedingungen

steht, dass ich damit den Zugriff auf

meinen Telefonstatus und die Telefon-ID

zulasse. Eigentlich bin ich damit nicht

einverstanden, aber es hilft ja nichts. Einmal

installiert, wähle ich über die App eine

Verbindung und tippe auf „Ticket kaufen“ –

2,60 Euro. Nun bietet die App mir an, mich

als Nutzer zu registrieren. Das ist mir zu

aufwendig, ich lehne ab. Ich kann ja auch

über die Mobilfunkrechnung bezahlen. Also

tippe ich meine Handynummer ein, packe

eine E-Mail-Adresse dazu und erstelle ein

Passwort. Im nächsten Schritt erwarte ich

dann mein Ticket. Von wegen! Ich bekomme

den Hinweis, dass für die Abrechnung

über mein Handy eine zusätzliche Gebühr

anfällt. Wie hoch die ist, zeigt die App mir

freundlicherweise nicht an. Und mir fehlt die

Zeit, die Geschäftsbedingungen durchzulesen,

meine Bahn fährt ein. Lust auf seitenweise

Kleingedrucktes habe ich schon gar

nicht. Also eile ich zum nächsten Ticketautomaten

und beende mein bargeldloses Wochenende,

wie es angefangen hat:indem ich

Münzen aus dem Portemonnaie krame. n

sebastian.kirsch@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 101

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Geld&Börse

Hungrig, nicht nur auf Kredite

Lendico-Mitarbeiter in Berlin

Bankraub erlaubt

Ein Unternehmen der Samwer-Brüder vermittelt online

Kredite von privat an privat. Was taugt das Modell?

Inden Lofts herrscht ein Gewimmel wie

auf einer Geflügelfarm von Wiesenhof.

An die 100 junge Menschen sitzen dicht

an dicht in langen Reihen vor ihren Laptops.

Die Schreibtische bestehen großenteils

aus Spanplatten, die auf Holzböcken

ruhen. Einziger Schmuck der kargen Büros

sind Bilder an der Wand, auf denen Butch

Cassidy, John Dillinger, Robin Hood und

andere legendäre Räuber zu sehen sind.

Neben jedem Porträt stehen die Sätze:

„Stealing money from banks will get you in

jail. Making more money by cutting out

banks will get you rich.”

„Es ist verboten, eine Bank auszurauben,

aber höchst rentierlich, den Geldhäusern

die lukrativsten Geschäfte abzuknöpfen“ –

so lautet, frei übersetzt, das Motto der Firma

Lendico.

Sie ist das jüngste Unternehmen, das die

Samwer-Brüder Oliver, Marc und Alexander

gegründet haben. Ebenso wie ihre Holding

Rocket Internet hat Lendico seinen

Sitz in einer ehemaligen Zigarettenfabrik in

Berlin-Mitte. Nach Online-Auktionen

(Alando), Klingeltönen (Jamba) und Mode

(Zalando) wollen Deutschlands größte Internet-Unternehmer

jetzt in ein neues Geschäft

einsteigen: die Vermittlung von Krediten

unter Privatleuten.

Dort wittern die Samwers enorme Chancen.

Angeblich verdienen Banken mit

kaum einem Geschäft so viel Geld wie mit

Konsumentenkrediten. „Hier beträgt die

Zinsspanne im Durchschnitt sieben Prozent.

Wir wollen dafür sorgen, dass die gewaltige

Gewinnspanne zu großen Teilen an

die Kreditnehmer und Kreditgeber geht“,

sagt Lendico-Geschäftsführer Dominik

Steinkühler. Der 33-Jährige war zuvor Investmentbanker

bei Rothschild und Projektleiter

bei Boston Consulting.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Kreditnehmer,

die ein Auto, neue Möbel oder einen

Fernseher kaufen wollen, melden sich

auf der Plattform von Lendico an. Dort

können dann andere Privatleute mit kleinen

und kleinsten Beiträgen das beantragte

Darlehen finanzieren. Lendico verspricht

nichts weniger als ein kleines Finanzwunder:

Die Kreditnehmer sollen weniger

Zinsen zahlen als bei der Bank und

die Kreditgeber höhere Renditen bekommen

als auf dem Sparbuch.

„P2P“ oder „Peer to Peer“ (von Gleich zu

Gleich) heißt das angebliche Mirakel, an

dem sich schon andere Unternehmen versucht

haben. Wirklich erfolgreich war keines,

viele P2P-Anbieter gaben auf, in

Deutschland etwa eLolly und SOS Money.

Die Kunden wollten von den Kreditbörsen

wenig wissen. Bei traditionellen Banken

sind die Zinsen oft deutlich niedriger als

bei den Online-Börsen. Zugleich scheuen

sich Privatleute hierzulande, fremden

Menschen Geld zu leihen. Die Gefahr, dass

Kreditnehmer nicht zahlen, ist in der Tat

groß. Angesichts der hohen Ausfallwahrscheinlichkeit

können die üppigen Renditen,

die den Investoren in Aussicht gestellt

werden, sehr schnell schrumpfen.

ZWEI MILLIARDEN IM VISIER

Das P2P-Konzept stammt, wie so viele Geschäftsideen

der Samwers, ursprünglich

aus den USA. Marktführer bei Privatkrediten

ist in Amerika der Lending Club, der

2013 Kredite über zwei Milliarden Dollar

vergab. In ähnliche Dimensionen will auch

Lendico vorstoßen, deren Hauptgesellschafter

die Holding Rocket Internet ist.

„Die ausstehenden Konsumentenkredite

haben in Deutschland ein Volumen von

insgesamt rund 200 Milliarden Euro“, sagt

Steinkühler. „Davon wollen wir einen Anteil

von mindestens einem Prozent.“

Ein Kreditvolumen von zwei Milliarden

Euro – hiervon ist Lendico aber noch weit

entfernt. In den ersten vier Monaten stellte

FOTOS: MATTHIAS LUEDECKE

102 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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die Firma Kreditanfragen über 6,5 Millionen

Euro auf ihre Plattform. Nicht viel besser

schaut es bei den Konkurrenten aus, die

bereits seit mehreren Jahren aktiv sind.

Auxmoney, 2007 in Düsseldorf gegründet,

hat bislang erst Online-Kredite über 86

Millionen Euro vermittelt. „Damit sind wir

in Deutschland klar Marktführer“, sagt Auxmoney-Geschäftsführer

Raffael Johnen.

Die Gewinnzone hat die Kreditbörse trotzdem

noch nicht erreicht.

Die Online-Börse Smava aus Berlin hat

das P2P-Modell sogar weitgehend wieder

aufgegeben. Offenbar war die Nachfrage

nicht groß genug. „Die Vermittlung von

Krediten unter Privatleuten spielt bei uns

keine tragende Rolle mehr“, sagt Geschäftsführer

Alexander Artopé. Vorrang hat bei

Smava jetzt die Vermittlung ganz normaler

Bankkredite per Internet. „Die haben eine

Kehrtwende um 180 Grad vollzogen“,

höhnt ein Konkurrent.

EXPANSION IN EUROPA

Als würde es die Misserfolge nicht geben,

treten die Samwers aufs Gaspedal. Anfang

Dezember startete das deutsche Lendico-

Portal. Am 10. Februar ging die Plattform

für Spanien live. Im März folgten Kreditbörsen

für Österreich und Polen. „Wir wollen

in weitere europäische Länder expandieren“,

sagt Geschäftsführer Steinkühler.

Derzeit vermittelt Lendico Konsumentenkredite

von 1000 bis 25 000 Euro; es wird

daran gedacht, künftig auch Baugeld und

Autofinanzierungen anzubieten.

Ende März startete außerdem Zencap,

ein Portal zur Finanzierung von Kleinunternehmen.

Was will die Samwer-Firma

besser machen als die glücklosen Konkurrenten?

„Wir prüfen die Bonität der Kreditnehmer

sorgfältiger als die Mitbewerber“,

versichert Steinkühler. „Mehr als 90 Prozent

der Kreditanträge haben wir bisher

abgelehnt.“ Doch auch bei Auxmoney

scheitern 80 Prozent der Antragsteller bei

der Bonitätsprüfung. Wer bei seiner Sparkasse

kein Geld mehr bekommt, darf sich

kaum Hoffnungen machen, dass Lendico

ihm aus der Patsche hilft.

Interessenten für einen Kredit stellen

ihre Projekte online kurz vor, die Palette

reicht aktuell von „Umschuldung vor der

Hochzeit“ (12 000 Euro zu 13,88 Prozent)

bis „Dachrenovierung“ (18 000 Euro zu

5,87 Prozent). Investoren können für die

Projekte sogar Kleckerbeträge in 25-Euro-

Tranchen verleihen.

Lendico ist nicht immer billig. Die effektiven

Zinsen betragen, je nach Bonität des

Kreditnehmers, zwischen 2,99 und 15,91

Prozent. Traditionelle Banken offerieren

im Internet Konsumentenkredite oft schon

für weniger als zwei Prozent. „Online-

Bankkredite bieten im Schnitt günstigere

Zinsen und auch ein breiteres Produktangebot

als reine P2P-Kredite“, sagt Smava-

Chef Artopé. Genau aus diesem Grund sei

die Kreditbörse auf die Vermittlung klassischer

Bankdarlehen umgeschwenkt. „Wir

sind nie die teuersten, aber auch nicht immer

die günstigsten Anbieter“, räumt Lendico-Chef

Steinkühler ein.

Wer bei der Online-Börse einen Kredit

beantragt, muss sich von Lendico genauso

durchleuchten lassen wie ein Bankkunde:

Für die letzten drei Monate sind Gehaltsnachweise

und Kontoauszüge beizubringen.

Eine Schufa-Auskunft ist ohnehin obligatorisch.

„In unsere Bonitäts-Scores gehen

weitere Informationen ein. Wir fragen

beispielsweise bei der Post nach, wie oft

»Gut 90 Prozent

der Anträge

auf Kredit wurden

abgelehnt«

Lendico-Chef Steinkühler

Alex im Rücken Lendico-Chef und

-Mitgründer Steinkühler

ein Kreditnehmer seine Adresse gewechselt

hat“, sagt Steinkühler.

Die Kunden, die nach der Prüfung akzeptiert

werden, teilt Lendico in fünf Gruppen

ein. Klasse A enthält die Schuldner mit

der besten Bonität, Klasse E jene mit der

schlechtesten. Hier beträgt die Wahrscheinlichkeit,

dass ein Schuldner bereits

im ersten Jahr zahlungsunfähig wird, laut

Lendico acht bis zwölf Prozent. Diesem hohen

Risiko entsprechen die in Aussicht gestellten

Renditen kaum, die in Klasse E derzeit

über zwei Jahre 11,81 bis 14,97 Prozent

betragen – inklusive eines noch bis Ende

Juni geltenden Werbebonus von zwei Prozentpunkten.

Rechnet man in einer Durchschnittsbetrachtung

die Ausfallquoten mit

ein, kann die jährliche Rendite für Kreditgeber

auf Werte um zwei Prozent sinken.

Generell müssen Kreditgeber bei einer

Insolvenz befürchten, ihr gesamtes Geld zu

verlieren. Denn besicherte Darlehen werden

bei Lendico nicht vermittelt. Zudem

unterliegt die Plattform keiner Kontrolle

durch die Finanzmarktaufsicht BaFin: Lendico

ist rein rechtlich gesehen keine Bank,

sondern ein Kreditvermittler. Die Online-

Börse muss daher auch kein Eigenkapital

zur Deckung von Kreditrisiken vorhalten.

Macht ein Schuldner Bankrott, springt keine

Einlagensicherung ein – die Gläubiger

stehen allein im Regen.

HAPPIGE GEBÜHREN

Dafür müssen sie, eher branchenunüblich,

Gebühren zahlen, sobald die Kredite zurückgezahlt

werden. Von jeder Rate an die

Kreditgeber behält Lendico ein Prozent zur

Deckung seiner Kosten ein. Auch bei den

Schuldnern langt die Online-Börse zu. Sie

müssen, je nach Bonität und Laufzeit der

Kredite, Einmal-Gebühren von 0,5 bis 4,5

Prozent berappen. Das werden bei einem

größeren Darlehen schon mal annähernd

vierstellige Summen. Mit dem Versprechen,

die Zinsmarge zwischen Schuldner

und Gläubiger aufzuteilen, ist es mithin

nicht weit her – auch Lendico kommt auf

üppige Spannen, so wie klassische Banken.

Einen großen Unterschied gibt es freilich:

Banken, Sparkassen und Volksbanken tragen

in voller Höhe die Risiken, wenn ein

Kreditnehmer sein Darlehen nicht zurückzahlt.

Das Gesetz zwingt die Banken, Rückstellungen

zu bilden, die aus dem Zinsüberschuss

finanziert werden. Lendico aber

wälzt das Ausfallrisiko auf die Kreditgeber

ab – will also verdienen wie eine Bank, ohne

deren Risiken zu übernehmen.

n

günter heismann | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 103

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Geld&Börse

Fluch der Karibik

FAIRVESTA | Anleger haben der Immobilienfondsgesellschaft Fairvesta 866 Millionen Euro

anvertraut. Sie hoffen auf zweistellige Renditen. Doch die Zweifel am Geschäftsmodell wachsen.

Otmar Knoll, Handlungsbevollmächtigter

und starker Mann beim Immobilienfondsanbieter

Fairvesta,

gab sich bestürzt. Ein Finanzportal von

zweifelhaftem Ruf hatte einen Wettbewerber

angeschossen. Sogar Betrug wurde

dem Konkurrenten aus Kassel vorgeworfen

– wie kann man nur. Er könne „keine Schadenfreude

über die negativen Beiträge“

empfinden, schrieb Knoll an seine Vertriebsmannschaft.

„Wir wünschen uns unmissverständlich

Frieden mit allen Mitbewerbern.“

Und natürlich steckten weder er

selbst noch Fairvesta hinter den bösen Online-Artikeln

über die liebe Konkurrenz.

Die Szene ist typisch für Knoll, der sich

gern als friedliebenden und ehrlichen Geschäftsmann

inszeniert. Sein Vertrauter

Dieter Müller* konnte es kaum fassen.

* Name von der Redaktion geändert

„Manchmal frage ich mich, wieso du kein

Politiker geworden bist. Die schaffen es

nicht, so viel Geflunker in nur einem Satz

unterzubringen“, schrieb er an Knoll.

Müller muss es wissen. Offenbar hatte er

mit Knolls Wissen einen Plan ausgeheckt,

um dem Kasseler Konkurrenten zu schaden.

Knoll-Freund Müller gab sich als Vertriebspartner

der Kasseler aus und erstattete

anonym Anzeige gegen deren Vorstände.

Darin heißt es: Er und Kollegen würden

angehalten, „riskante Geldanlagen ohne

die gesetzlich vorgeschriebenen Risikohinweise

an unbedarfte, normale Menschen

zu verkaufen“. Mit dem frisch eingezahlten

Geld der Anleger würden Alt-Anleger ausgezahlt.

„Dem Internet entnehme ich, dass

man so was als Schneeballsystem bezeichnet“,

schrieb Müller betont naiv.

„Schneeballsystem“ – das ist auf dem

grauen Kapitalmarkt, auf dem sich die Kasseler

und Fairvesta tummeln, das unaussprechliche

S-Wort, der härteste Vorwurf.

Wer ein Schneeballsystem betreibt, dessen

Fonds schaffen es nicht, die versprochenen

Beträge mit Immobilien oder Schiffen zu

erwirtschaften. Er muss neue Anleger anwerben

und mit deren Geld alte Kunden

bedienen – bis das Modell auffliegt.

SIMPLES GESCHÄFTSMODELL

Knoll hat das Treiben seines Vertrauten gekannt:

„Hallo Otmar“, schrieb Müller im

August 2009 an Knoll „es ist vollbracht. Anliegend

erhältst du den Finalentwurf für

die Strafanzeige.“ Änderungswünsche erbat

Müller „in einer anderen Farbe“. „Es ist

jetzt deine Entscheidung ob und wann

Feuer frei.“ Damit konfrontiert, sagen Müller

und Knoll heute, Knoll habe die Anzeige

weder beauftragt noch bearbeitet. Knoll

habe ihn wissen lassen, sagt Müller, „dass

FOTO: PR

104 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Pirmasens,

Lemberger Straße

Miete:

60 000 Euro oder

154 000 Euro?

Kaufpreis:

270 000 Euro oder

725 000 Euro?

Wert:

1,5 Mio. Euro oder

2,2 Mio. Euro?

– Miete laut Pressekonferenz im Dezember

2013: 60 000 Euro, laut Info an den Käufer

im Juni 2012: 154 000 Euro

– Kaufpreis laut Pressekonferenz im

Dezember 2013: 270 000 Euro, laut Fondsgeschäftsberichten:

725 000 Euro

– Wert laut Fondsgeschäftsberichten:

1,5 Millionen Euro, laut Info an den Käufer

im Juni 2012: 2,2 Millionen Euro

er sich nicht an sowas beteiligen wolle“.

Fakt ist: Die Staatsanwaltschaft ermittelte

später gegen Knolls Kasseler Konkurrenten,

stellte das Verfahren aber ein.

Solche Aktionen werfen kein gutes Licht

auf die Branche. Die Fairvesta-Gruppe mit

Sitz in Tübingen hat bei Anlegern 866 Millionen

Euro eingesammelt. Das Geschäftsmodell

ist simpel: Fairvesta will Immobilien

billig einkaufen und sie nach kurzer

Zeit mit hohem Gewinn weiterveräußern.

Im Schnitt, so gibt Fairvesta an, sollen mit

derlei Geschäften jährlich zweistellige

Renditen erwirtschaftet werden.

Diese Renditen existieren bislang zum

Großteil aber nur auf dem Papier. Der

Grund: Fairvesta kauft Immobilien zu Preisen

unter dem Verkehrswert. Der Verkehrswert

ist der Preis, der sich gewöhnlich für

ein Haus in der Lage und mit der Ausstattung

beim Verkauf erzielen lässt. Wurde eine

Immobilie unter Verkehrswert gekauft,

setzt Fairvesta diese zur Renditeberechnung

der Fonds aber zum Verkehrswert an.

Auf dem Papier entsteht so ein Gewinn.

Warum aber bekommt Fairvesta Häuser

unter Verkehrswert? Angeblich profitiert

man von Sondersituationen: Verkäufe aus

Geldmangel, unter Zeitdruck, bei Zwangsversteigerungen.

Solche ungewöhnlichen

Verhältnisse drücken den Preis, nicht aber

den Verkehrswert. Für Anleger zahlt sich

der Papier-Gewinn aber nur in klingender

Münze aus, wenn es Fairvesta später gelingt,

die Immobilien mit Aufschlag, möglichst

zum Verkehrswert, zu verkaufen.

Dass das in der Realität stets klappt, ist

zweifelhaft. So hat Knoll mehrfach widersprüchliche

Angaben zur Anzahl der von

Fairvesta weiterverkauften Objekte gemacht

(WirtschaftsWoche 42/2013) und

damit an Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Derlei Kritik wischt Knoll mit dem Argument

vom Tisch, dass er doch mit seinem

Fonds Fairvesta 2 bewiesen habe, dass sein

Geschäftsmodell funktioniere: Der Fonds

wurde 2011 aufgelöst. Anleger bekamen

ihr Kapital nebst stolzen 12,4 Prozent Rendite

pro Jahr. Die zum Schluss noch dem

Fonds gehörenden sechs Immobilien mit

angeblich 15,3 Millionen Euro Verkehrswert

will Knoll sogar über Verkehrswert an

einen „ausländischen Investor“ verkauft

haben. Der Verdacht, die Fondsanleger seien

aus anderen Quellen – Achtung, S-Wort

– bedient worden, wäre so ausgeräumt.

Den Namen des ausländischen Investors,

so Knoll 2013, dürfe er nicht nennen.

Der Verkauf der sechs Immobilien erfolgte

auch nicht direkt, sondern über eine Verbriefung.

Folge: Der 2011 eigentlich aufgelöste

Fonds Fairvesta 2 steht weiter als Eigentümer

der Immobilien im Grundbuch.

Doch Recherchen der WirtschaftsWoche

legen den Verdacht nahe, dass auch diese

Angaben nicht stimmen.

n So hat der ausländische Investor, der als

Käufer der sechs Immobilien mit einem

Verkehrswert von 15,3 Millionen Euro genannt

wird, offenbar nur 2,1 Millionen Euro

selbst zur Verfügung gestellt.

n Zusätzlich nahm der ausländische Investor

für den Immobilienkauf einen Kredit

auf. Es gibt Indizien dafür, dass bei diesem

Kredit auch Gelder von Fairvesta-Anlegern

im Spiel waren. Fairvesta-Handlungsbevollmächtigter

Knoll bestreitet jede

interne Verschiebung von Anlegergeldern.

n Selbst die Summe aus 2,1 Millionen Euro

Investment und dem Kredit reicht nicht für

den von Fairvesta genannten Verkaufspreis

der sechs Immobilien. Woher der Rest

kam, ist unklar. Eventuell gab es weitere Investoren.

So ist in einer anwaltlichen Stellungnahme

von Fairvesta plötzlich von

mehreren „ausländischen Investoren“ die

Rede. Ansonsten wollten Fairvesta und

Knoll gestellte Fragen nicht beantworten.

Knoll hatte den Verkauf der sechs Immobilien

des Fairvesta 2 an den bisher genannten

„ausländischen Investor“ als Beweis

für ein funktionierendes Geschäftsmodell

gewertet. Doch dieser Beweis

wankt massiv.

FONDS AUS DEM STEUERPARADIES

Ein Geheimnis, immerhin, ist gelüftet:

Hinter Knolls ominösem „ausländischem

Investor“ verbergen sich ein auf den Britischen

Jungferninseln in der Karibik beheimateter

Fonds und eine Liechtensteiner

Gesellschaft, die zwischen den Karibik-

Fonds und den Immobilienverkäufer Fairvesta

2 geschaltet wurde.

Die Liechtensteiner Gesellschaft heißt

REOPP Real Estate Opportunity Private

Placement und residiert in einem Gewerbegebiet

am Ortsausgang von Vaduz. Ihre

Führung steht Fairvesta nahe: So gehörten

die REOPP-Chefs laut Wertpapierprospekt

auch zur Leitung der Fairvesta Europe,

über die Fairvesta Anleihen ausgegeben

hat. REOPP ist laut eigenem Geschäftsbericht

aber nur „das Investmentvehikel eines

Fonds“ – des Karibik-Fonds. Dieser Karibik-Fonds

gehört tatsächlich nicht zu

Fairvesta. So weit passt die Darstellung also

zu dem, was Fairvesta stets behauptet hat.

Doch was der von der WirtschaftsWoche

aufgespürte Manager des bislang geheim

gehaltenen Karibik-Fonds sonst berichtet,

deckt sich nicht mit Fairvestas Angaben. So

investierte der Karibik-Fonds zum einen

deutlich weniger, als zur Auflösung von

Fairvesta 2 nötig war. Zum anderen steckte

er erst im Mai 2012 Geld in REOPP, fast ein

Jahr, nachdem Fairvesta 2 angeblich aufgelöst,

die Immobilien verkauft und Anleger

ausgezahlt worden waren. Mit welchem

Geld aber?

Er habe nach der 2,1-Millionen-Investition

in REOPP von Fairvesta eine Liste mit

sechs Immobilien erhalten, die REOPP angeblich

von dem Geld und dem aufgenommenen

Kredit gekauft habe, sagt der Karibik-Fondsmanager.

Größtenteils sind das

wohl die Objekte, die vorher dem Fonds

Fairvesta 2 und damit den ausgezahlten

Anlegern gehörten. Die Immobilien stehen

jedenfalls in jenen Orten, in denen auch

Fairvesta 2 Immobilien besaß.

»

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 105

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Geld&Börse

»

Bei vier der sechs Immobilien (Pirmasens,

Mühlhausen, Ansbach und Chemnitz)

stimmen die Daten auf der dem Karibik-Fondsmanager

übergebenen Liste mit

den Fairvesta-Angaben zu den Objekten

des Fonds Fairvesta 2 überein: gleiche Straßen

und passende Quadratmeterzahlen.

Bei den beiden anderen Standorten (Leipzig

und Schwerin) passen die Angaben zumindest

auf einen Teil der von Fairvesta 2

gehaltenen Komplexe. Wo der Rest gelandet

ist, ist unbekannt.

MYSTERIÖSE KREDITE

Neue Hinweise auf interne Verschiebungen

von Anlegergeldern, die Fairvesta weiter

bestreitet, liefert der zum Kauf der sechs

Immobilien aufgenommene Kredit. Der

Karibik-Fonds wollte nach Aussage des

Fondsmanagers, dass REOPP Bankkredite

aufnimmt. So sollten mit anfangs 2,1 Millionen

Euro Kapital des Karibik-Fonds Immobilien

höheren Wertes gekauft werden.

Tatsächlich nahm REOPP laut Geschäftsbericht

2012 auch einen Kredit auf.

Woher dieser Kredit stammt, ist unklar.

Einige Indizien legen den Verdacht nahe,

dass dieser aus den von Fairvesta aufgelegten

und an Privatanleger vertickten Maximus-Anleihen

stammen könnte. So heißt

es im REOPP-Geschäftsbericht 2012, dass

der aufgenommene Kredit „durch erstrangige

Briefgrundschulden auf ein Immobilienportfolio

im Verkehrswert von 9,005

Millionen Euro abgesichert“ sei. Auf gut

Deutsch: REOPP hat seinem Kreditgeber

Immobilien mit diesem Gegenwert als

Kreditsicherheit gestellt. Im Geschäftsbericht

2012 der Fairvesta Europe, die die Maximus-Anleihen

begeben hat, taucht nun

ein vergebener Kredit auf, dem Sicherheiten

mit demselben Verkehrswert – 9,005

Millionen Euro – gegenüberstehen sollen.

Dass es sich hierbei trotz gleicher Werte

um verschiedene Portfolios handelt, ist

sehr unwahrscheinlich. Zur Erinnerung:

Geschäftsführer der REOPP, die einen Kredit

aufgenommen hat (und Immobilien für

9,005 Millionen Euro als Sicherheit gestellt

hat), zählten zumindest früher auch zur

Führung der Fairvesta Europe, die einen

Kredit vergeben hat (dem Sicherheiten für

9,005 Millionen Euro gegenüberstehen).

Wenn es sich um dieselben Immobilien

handelt, wäre das für die Anleger ein brisantes

Detail: Denn damit wäre letztlich

Geld aus den an Privatanleger verkauften

Maximus-Anleihen für den Kauf von Immobilien

aus dem Fonds Fairvesta 2 genutzt

worden. Der Fonds Fairvesta 2 wäre

Der Karibik-

Fonds fordert

2,1 Millionen

Euro zurück

damit ein Beleg dafür, dass das Fairvesta-

Geschäftsmodell nicht funktioniert. Denn

wären die Immobilien tatsächlich so großartig,

wie Knoll behauptet, wären solche

Quersubventionierungen kaum nötig.

Starker Mann Handlungsbevollmächtigter

Knoll hat sich mehrfach widersprochen

VERQUERE VERKEHRSWERTE

Die Liste der sechs Immobilien, die Fairvesta

dem Karibik-Fondsmanager 2012

übergab, liegt der WirtschaftsWoche vor.

Was Anleger misstrauisch machen dürfte:

Laut Liste soll REOPP und damit letztlich

der Karibik-Fonds die Immobilien zu 67

Prozent des Verkehrswertes gekauft haben.

Bei der Auflösung von Fairvesta 2 hieß es

gegenüber den Anlegern noch, die Fairvesta-2-Immobilien

seien zu über 100 Prozent

des Verkehrswerts verkauft worden.

Weil Fairvesta dem Karibik-Fondsmanager

auf einmal viel höhere Verkehrswerte

nannte, glaubte dieser an ein gutes Geschäft.

Die Wertsprünge aber lassen daran

zweifeln, wie viel Aussagekraft die von Fairvesta

angegebenen Verkehrswerte haben.

Für die Fondsanleger der 13 noch aktiven

Immobilienfonds dürfte diese Frage nicht

unbedeutend sein. Ob ihr Fonds in den roten

oder in den schwarzen Zahlen steckt,

hängt stark von den Verkehrswerten der in

ihren Fonds enthaltenen Immobilien ab.

Die Zahlen auf der Liste werfen jedenfalls

weitere Fragen auf:

n Der Wert der Chemnitzer Immobilie

wurde nach dem Verkauf durch Fairvesta 2

an REOPP mit 1,1 Millionen Euro angegeben.

Ein Jahr zuvor hatte Fairvesta gegenüber

den Fairvesta-2-Anlegern noch von

815 000 Euro gesprochen. Wenn die Immobilie

so viel wertvoller geworden ist, stellt

sich die Frage, warum sie aktuell für

713 000 Euro angeboten wird.

n Das Objekt in Mühlhausen bei Augsburg

soll 2,2 Millionen wert sein, wurde aber im

Herbst 2013 von einem Makler für 1,7 Millionen

Euro zum Kauf angeboten.

n Ein Leipziger Bürogebäude, das früher

Fairvesta 2 gehörte, ist 2012 erneut weiterverkauft

worden. Der Preis ist unklar. Der

Geschäftsbericht des Käufers, eine kurz

vorher gegründete Leipziger Gesellschaft,

weist Sachanlagen – dazu zählen Immobilien

– von 530 000 Euro aus. Es ist naheliegend,

dass es sich um den Immobilienkaufpreis

handelt. Die Leipziger Gesellschaft

will sich dazu nicht äußern. Sollte

der Kaufpreis 530 000 Euro betragen, würde

auch das auf weit hergeholte Verkehrswerte

hindeuten. Gegenüber dem Karibik-

Fonds wurden nämlich 1,2 Millionen Euro

Verkehrswert genannt.

n Weitere Hinweise darauf, dass die von

Fairvesta publizierten Zahlen nicht unbedingt

der Realität entsprechen, bietet ein

Wohn- und Geschäftshaus in Pirmasens.

Auf der Liste, die dem Karibik-Fonds zur

Verfügung gestellt wurde, wird behauptet,

die Mieteinnahmen betrügen 154 000 Euro

pro Jahr. In einer Kundeninfo nannte Fairvesta

2012 dagegen 83 000 Euro Miete. Bei

einer Pressekonferenz im Dezember 2013

sprach Knoll von 60 000 Euro. Auch zum

früheren Kaufpreis machte Fairvesta widersprüchliche

Angaben (siehe Seite 105).

Dass Fairvesta derart mit Verkehrswerten,

Mieteinnahmen und Kaufpreisen jongliert,

ist ein Alarmsignal für Anleger. Sie

müssen sich fragen, ob sie sich darauf verlassen

können, ihre zweistelligen Traumrenditen

auch tatsächlich zu erhalten.

Privatanleger haben Fairvesta noch im

vergangenen Jahr 177 Millionen Euro neu

anvertraut. Der Karibik-Fonds aber hat sein

Vertrauen verloren. Er fordert die 2,1 Millionen

Euro zurück und will das Kapitel Fairvesta

dann schleunigst beenden. Ob ihm

das gelingt, ist aber mehr als fraglich. n

niklas.hoyer@wiwo.de, melanie bergermann I Frankfurt

FOTO: DIRK HASSKARL/HASSKARL.DE

106 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

DIENSTWAGEN

Keine Steuer

auf Verdacht

BERATERHAFTUNG

Wer zu spät klagt, zahlt

Wann Anwälte und Steuerberater für Fehler haften müssen

Uli Hoeneß hätte sich mit einer wirksamen

Selbstanzeige eine Haftstraße erspart. Grundsätzlich

können Steuersünder ihren Anwalt oder

Steuerberater wegen einer mangelhaften Selbstanzeige

nur unter bestimmten Umständen haftbar

machen. „Es reicht nicht, dem Berater einen

Fehler nachzuweisen, der Mandant muss auch

den wirtschaftlichen Schaden belegen können“,

sagt Stefan Hiebl, Partner der Kanzlei Eimer Heuschmid

Mehle in Bonn. Auch wenn die Selbstanzeige

wirksam sei, müsse der Steuersünder die

Steuerschuld plus Verzugszinsen und Strafzuschlag

zahlen. Allerdings könne der Mandant

den Anwalt beispielsweise für Anwalts- und Gerichtskosten

haftbar machen, die bei einer wirksamen

Selbstanzeige nicht angefallen wären.

Auch bei der allgemeinen Steuerberatung können

Berater haftbar gemacht werden. Beispiel:

Der Berater konstruiert ein Steuermodell, das für

den Steuerzahler nachteilig ist. Der Mandant hat,

nachdem er den Fehler bemerkt hat, drei Jahre

Zeit, auf Schadensersatz zu klagen. Gleiches gilt

für Fälle, in denen es um Kapitalanlagen geht

und der Anwalt etwa zu spät geklagt hat. „Auch

wenn Anwälte strategische Fehler machen, kann

dies zu Schadensersatzansprüchen führen“, sagt

Anwalt Hiebl. Derzeit streitet sich die Deutsche

Bank mit der Kanzlei Hengeler Müller. Die Anwälte,

so die Bank, hätten geraten, den Medienunternehmer

Leo Kirch wegen seiner Pleite nicht

zu entschädigen. Der spätere Vergleich mit

Kirchs Erben sei für die Bank teurer gewesen.

Ein Arbeitnehmer war im Unternehmen

seines Vaters angestellt.

Als Dienstwagen stellte

ihm das Unternehmen einen

Audi A6 zur Verfügung. Laut einer

schriftlichen Vereinbarung

durfte er das Auto nicht zu privaten

Zwecken verwenden.

Nach einer Steuerprüfung des

Finanzamts sollte sein Arbeitgeber

dennoch die private Nutzung

des Dienstwagens als

geldwerten Vorteil versteuern.

Das Finanzamt rechtfertigte

dies damit, dass der Arbeitgeber,

in diesem Fall der Vater,

nicht habe ausschließen können,

dass sein Sohn den A6 für

private Fahrten genutzt habe.

Allein die herausgehobene Stellung

als künftiger Geschäftsführer

des Unternehmens habe es

dem Steuerzahler ermöglicht,

den Dienstwagen privat zu nutzen,

argumentierte das Finanzgericht

in der ersten Instanz.

Der Bundesfinanzhof stellte

sich jedoch auf die Seite des

Unternehmersohns (VI R

25/13). Allein die Vermutung,

dass der Steuerzahler trotz

schriftlichen Verbots den

Dienstwagen privat nutzen

könnte, reiche für eine Steuerpflicht

nicht aus. Das Finanzgericht

müsse den Fall noch einmal

prüfen und erneut

entscheiden.

RECHT EINFACH | Möbelhaus

Im Frühling wird neu eingerichtet.

Nicht jedes Möbelstück hält,

was es verspricht. Nach dem Einkauf

wird oft direkt prozessiert.

§

Fleckenschutz. Ein Rheinländer

kaufte sich eine

hellbeige Polstergarnitur.

Wegen der empfindlichen

Farbe warb das Möbelcenter mit

einer „5-jährigen Fleckenimprägnierung“.

Der angebliche Fleckenschutz

hielt nicht einmal zwei Monate.

Dunkle Jeans hinterließen

Spuren. Der Käufer verlangte die

7700 Euro Kaufpreis zurück. Vom

Gericht bekam er 7000 Euro. Der

versprochene Fleckenschutz sei bei

dem Material und der Farbe gar

nicht möglich gewesen. 700 Euro

zogen die Juristen für die bisherige

Nutzungszeit ab (Oberlandesgericht

Köln, 6 U 109/04).

Domino. Eine Konstanzerin wollte

in einem Möbelhaus einen Bilderrahmen

kaufen. Als die Kundin aus

einem Regal einen Rahmen herauszog,

löste sie eine Dominowelle aus:

Die Rahmen kippten und begruben

die Kundin unter sich. Schadensersatz

und Schmerzensgeld wollte

das Geschäft nicht leisten. Begründung:

Das Rahmenopfer hätte

ja einen Mitarbeiter um Hilfe

bitten können. Vor Gericht bekam

die Geschädigte recht. Verkaufsflächen,

so die Richter, müssten

für Käufer gefahrlos sein (Landgericht

Konstanz, 6 O 197/12 B).

Unikat. „Totalräumungsverkauf

wegen Umbau – Alles muss raus“.

Mit diesem Slogan warb ein

Möbelhaus in einer Anzeige. Als

Blickfang diente eine Einbauküche

für 1998 Euro. Es handelte

sich dabei jedoch um ein Einzelstück,

das schon zu Beginn der

Werbeaktion vergriffen war. Gegen

den Anbieter der Küche klagte ein

anderes Möbelhaus. „Irreführende

Werbung“, urteilten die Richter

und untersagten die umstrittene

Werbeaktion (Oberlandesgericht

Oldenburg, 1 U 121/05).

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/CHARISIUS, DDP IMAGES, PR

108 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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QUELLENSTEUER

Weniger zahlen für Auslandsdividenden

Ein Ehepaar hatte 2007 Kapitaleinkünfte

von 78 203 Euro. Davon

waren 24 111 Euro Dividenden

auf ausländische Aktien.

Die im Ausland gezahlte Steuer

auf Dividenden wurde auf die

deutsche Einkommensteuer

angerechnet. Die beiden Anleger

waren jedoch nicht damit

einverstanden, auf welche Art

und Weise das Finanzamt die

ausländische Steuer angerechnet

hatte. Ihrer Meinung nach

hätte die ausländische Quellensteuer

auf das zu versteuernde

Einkommen und nicht auf die

Summe der Einkünfte angerechnet

werden müssen. Beim

zu versteuernden Einkommen

ASBEST IN MIETWOHNUNGEN

Eigentümer haftet nicht

SCHNELLGERICHT

GELD FÜR LAHMEN GAUL

§

Der Besitzer eines Dressurpferds ließ das Tier auf

Anraten des Tierarztes operieren. Nach der Operation

lahmte das Pferd, obendrein stellte sich der

Eingriff als unnötig heraus. Der Tierarzt musste dem

Besitzer 60 000 Euro Schadensersatz zahlen (Oberlandesgericht

Hamm, 26 U 3/11). Der Arzt habe ohne

ausreichende Diagnose operiert und den Besitzer des

Dressurpferds nicht ausreichend über die Risiken des

Eingriffs informiert, so die Richter.

BETRÜGER DÜRFEN GENANNT WERDEN

§

Ärzte, die schwere Verfehlungen begangen haben,

beispielsweise Abrechnungen für Privatpatienten

gemacht haben, die gar nicht in der Praxis waren,

sind bereits Freibeträge und außergewöhnliche

Belastungen

abgezogen. Unter dem Strich

wäre die Einkommensteuer für

das Ehepaar mit dieser Rechenmethode

spürbar geringer. Zusätzlich,

so die Steuerzahler,

hätte das Finanzamt den Betrag,

um den die ausländische

Quellensteuer höher ist als die

deutsche, bei der Berechnung

der Einkommensteuer berücksichtigen

müssen. Der Bundesfinanzhof

folgte teilweise den

Argumenten des Ehepaars (I R

71/10). Das Finanzamt müsse

die Einkommensteuer zugunsten

der Anleger neu berechnen.

Die im Ausland anfallende

Eine Familie wohnte von 1998

bis 2008 in einer Mietwohnung.

Der Fußboden bestand bei Einzug

aus Vinylplatten. Später verlegte

der Vater der Familie Teppich

über die Vinylplatten. 2005

löste sich der Teppich an einigen

Stellen von den Vinylplatten.

Als der Mieter den Schaden

begutachtete, stellte er fest, dass

einige Vinylplatten beschädigt

waren. Der Eigentümer ließ die

Platten erneuern. Erst 2006 erfuhr

der Mieter, dass die Platten

unterhalb des Teppichs asbesthaltig

waren. 2008 zogen die

Mieter aus. Die Kinder der Familie

klagten später gegen den

Vermieter. Er solle für alle durch

das Asbest zukünftig entstehenden

Gesundheitsschäden haften.

Ein vom Gericht bestellter

Gutachter konnte zwar nicht

ausschließen, dass Asbestfasern

in die Lungen der

Kläger gelangt seien, er stufte

das Krebsrisiko aber als sehr gering

ein. Der Bundesgerichtshof

hielt die Klage der Mieter daher

für unzulässig (VIII ZR 1913).

Quellensteuer sei auf das zu

versteuernde Einkommen anzurechnen.

Anderenfalls läge

ein Verstoß gegen geltendes

EU-Recht vor. So habe der Europäische

Gerichtshof entschieden,

dass persönliche Freibeträge

und Sonderausgaben bei

der Anrechnung der ausländischer

Quellensteuer zu berücksichtigen

sind (DStR 2013, 518).

Das, was die Anleger im Ausland

mehr an Steuern auf Dividenden

und Zinsen zu zahlen

hätten, lasse sich dagegen nicht

anrechnen, so die Richter. Weder

EU-Recht noch die deutsche

Verfassung rechtfertigten

ein solches Vorgehen.

ERBSCHAFTSTEUER

Abschlag nur

für Vermieter

Wer ein Grundstück mit Erbbaurecht

erbt, bekommt bei der

Berechnung der Erbschaftsteuer

nicht den Abschlag von zehn

Prozent auf den Immobilienwert,

der für vermietete Wohnimmobilien

gilt (Finanzgericht

Düsseldorf, 4 K 1106/13 Erb).

Erbbaurechte sichern gegen

Zinszahlung das Recht, auf dem

betreffenden Grundstück ein

Gebäude zu bauen. Das Urteil

ist noch nicht rechtskräftig.

dürfen im Ärzteblatt mit Namen genannt werden

(Bundesverfassungsgericht, 1 BvR 1128/13).

UNFALLKOSTEN HÄLFTIG GETEILT

§

Eine Autofahrerin fuhr 2011 in Gronau mit ihrem

Wagen auf eine Reihe von Fahrzeugen auf und

löste dabei eine Kette von Auffahrunfällen aus, bei

der vier Autos beschädigt wurden. Es ließ sich nicht

klären, ob allein die zuerst auffahrende Autobesitzerin

schuld am Unfall war. Es gab auch Indizien dafür,

dass eine andere Fahrerin bereits zuvor auf ihren

Vordermann aufgefahren war. Die Richter entschieden

daher, die Kosten des Unfalls je zur Hälfte auf

beide Autofahrerinnen zu verteilen (Oberlandesgericht

Hamm, 6 U 101/13).

SOLARSTROM

STEFAN DIEMER

ist Anwalt für

Steuerrecht in

der Kanzlei

Heisse Kursawe

Eversheds

in München.

n Herr Diemer, Privathaushalte,

die mit neuen Anlagen

Solarstrom erzeugen, sollen

künftig auf den selbst verbrauchten

Anteil Ökostromumlage

zahlen.

Bisher war der selbst erzeugte

und verbrauchte Solarstrom

von der Umlage nicht betroffen,

wenn der Strom nicht

durchs öffentliche Netz geleitet

wurde. Das gilt für die

meisten Solaranlagen privater

Haushalte.

n Gibt es Ausnahmen von

dieser Umlage?

Kleine Anlagen sollen von der

Neuregelung ausgenommen

werden. Die genauen Grenzen

stehen noch nicht fest. Das

Wirtschaftsministerium hat

ein Limit von zehn Kilowatt

Leistung pro Anlage ins Gespräch

gebracht.

n Wie ist der Eigenverbrauch

zu versteuern?

Wenn private Haushalte auch

Strom ins Netz speisen, gilt

der selbst verbrauchte Strom

als „betriebliche Entnahme“.

Die eingesparten Stromkosten

werden zu den Einnahmen für

den eingespeisten und nicht

selbst verbrauchten Strom

addiert. Bleibt nach Abzug der

jährlichen Abschreibungen für

die Anschaffungs- und Herstellungskosten

sowie weiteren

abzugsfähigen Kosten,

etwa für Reparaturen, ein Gewinn,

ist dieser im Rahmen

der Einkommensteuer mit

dem persönlichen Satz zu versteuern.

Gewerbesteuer fällt

bei kleinen Solaranlagen in

der Regel nicht an, weil deren

Gewinn den Freibetrag von

24 500 Euro pro Jahr nicht

ausschöpft.

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, niklas hoyer

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Manipulieren

Hochfrequenzhändler den Markt?

Das ist umstritten, aber klar ist: Es

ginge ohne sie. Von Stefan Hajek

Braucht niemand

Es ist schon selten, dass

es Wirtschaftsbücher

in die Bestsellerlisten

schaffen. Noch seltener

ist, dass ein so sperriges

Thema wie der computergestützte

Hochfrequenz-Börsenhandel,

auch Flash Trading genannt,

die Massen begeistert.

„Flash Boys“, neustes Werk des

US-Erfolgsautors Michael Lewis,

handelt genau davon – und

steht in den Amazon-Verkaufscharts

auf Rang eins. Lewis beschreibt,

wie einige Händler,

mit Unterstützung der großen

Börsen, ein System der permanenten

Abzocke ersonnen und

in den letzten Jahren umgesetzt

hat. Der Vorwurf: Flash Trader

übervorteilten andere Anleger,

indem sie winzige Informationsvorsprünge

ausnutzten, die ihre

Computer aus den Handelssystemen

der Börsen lesen.

Sie deckten sich etwa billig

mit Aktien ein, bei denen sie größere

Kauforders kommen sehen.

Sobald die großen Orders

den Kurs nach oben gezogen haben,

verkaufen sie dann die Aktien

teurer. Das können sie nur,

weil sie von den Börsen die Informationen

über Kauf- und Verkaufslimits

anderer Marktteilnehmer

mit Zeitvorsprung

bekommen.

KLEINVIEH UND MIST

Am Dienstag dieser Woche kulminierte

der Streit zwischen Kritikern

und Börsenbetreibern um

die schnellen Computerhändler

im US-TV-Sender CNBC, auf

dem sich Gegner und Befürworter

über eine halbe Stunde lang

beschimpften und gegenseitig

Falschinformation vorwarfen.

Fakt ist: Mit Hochfrequenzhandel

kann man viel Geld verdienen.

Zwar nur ein paar Cent-

Bruchteile pro Deal; aber wer

das Hunderttausende von Malen

am Tag und bei Tausenden

von Aktien, Anleihen, Währungskontrakten

und Rohstoffen

macht, wird reich. Der New

Yorker High Frequency Trader

Virtu, für geschätzte acht

Prozent aller US-Aktien-Deals

verantwortlich, stellt Kurse für

mehr als 10 000 Wertpapiere an

210 Börsen weltweit. Laut Börsen-Prospekt

setzte Virtu 2013

damit 664,5 Millionen Dollar um

und machte daraus beeindruckende

182 Million Dollar Nettogewinn.

Konkurrent KCG schaffte

„nur“ 120 Millionen Gewinn

aus einer Milliarde Umsatz.

Nun verschiebt die höchst profitable

Virtu plötzlich ihren Börsengang.

Schuld daran, sagen

Kritiker, seien natürlich die Untersuchungen

der US-Börsenaufsicht

und der Bundespolizei

FBI, die den Flash Tradern ins

Handwerk pfuschten. Motto:

Wo Rauch ist, ist auch Feuer.

Mögliche Käufer der Virtu-Aktie

könnten kalte Füße bekommen,

erst mal die Untersuchungen

abwarten. Auch so ist klar: Die

Flash Trader braucht eigentlich

niemand. Der Handel funktionierte

vor 2008 gut ohne sie.

Virtu will beim Börsengang 250

Millionen Dollar für 8,3 Prozent

der Anteile (ohne Stimmrecht)

eincashen, wäre damit drei Milliarden

Dollar wert. Gründer Vincent

Viola, dem 65 Prozent der

Anteile gehören (und dessen

Aktien jeweils zehn Stimmrechte

behalten), würde Milliardär.

Statt solche Geschäftsmodelle

zu mästen, sollten die Börsen

sich lieber wieder auf ihren eigentlichen

Job besinnen und

Angebot und echte Nachfrage

zusammenführen. Es wäre genug

Liquidität da. Für alle.

TREND DER WOCHE

Gefährliche Prognosen

Die Gewinnhochrechnungen für den Dax sind zu optimistisch.

Das macht Aktien anfällig für Rückschläge.

Gewinne am Fließband

Nur die Besten legen

zweistellig zu

Weil der Online-Handel

brummt, baut die Deutsche

Post ihr florierendes Paketgeschäft

aus und dürfte in diesem

Jahr die 2,2 Milliarden Euro

Reingewinn aus 2013 locker

überspringen. Industriekonzern

Siemens profitiert von

deutlich gestiegenen Neuaufträgen

(plus 21 Prozent) und

der Hoffnung auf einen Konzernumbau,

der zu höheren Erträgen

führt. Continental wird

vom steigenden Bedarf an Assistenz-

und Sicherheitssystemen

im Fahrzeug angetrieben.

Mit 2,5 Milliarden Euro könnte

der Autozulieferer dieses Jahr

so viel verdienen wie noch nie.

Post, Siemens, Conti – das

sind drei Top-Unternehmen im

Dax, die trotz Krise in Russland

und Unsicherheit in China womöglich

ein zweistelliges Gewinnplus

schaffen. Sie tragen

wesentlich dazu bei, dass die

Durchschnittsgewinne im Dax

2014 insgesamt über dem Niveau

von 2013 liegen können.

Doch wenn die besten Dax-

Unternehmen gerade ein zweistelliges

Gewinnplus schaffen,

wo sollen dann die mehr als

30 Prozent Ertragszuwachs herkommen,

die von Analysten für

2014 erwartet werden? Und nur

mit diesen utopischen Hochrechnungen

kommen deutsche

Aktien insgesamt auf eine moderate

13-fache Gewinnbewertung

(KGV 2014). Stutzt man die

Prognosen auf realistische plus

zehn Prozent zusammen, liegt

die Bewertung beim 17-Fachen.

Damit sind deutsche Aktien teuer

und anfällig für Rückschläge.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 3.4.2014 / 18.01 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9628,82 +1,9 +22,3

MDax 16628,84 +1,8 +23,7

Euro Stoxx 50 3206,76 +2,3 +21,5

S&P 500 1887,38 +2,1 +21,5

Euro in Dollar 1,3771 +0,1 +7,4

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,62 +0,08 2 +0,32 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,80 +0,12 2 +0,95 2

Rohöl (Brent) 3 105,79 –1,7 –1,8

Gold 4 1284,00 –0,9 –18,5

Kupfer 5 6606,00 +0,4 –10,8

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 936,27 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA/GABBERT, REUTERS

110 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Lange Schatten

Ein Ermittlungsverfahren von US-Behörden drückt

die Ertragsaussichten der Deutschen Börse AG.

HITLISTE

Knapp 130 Millionen Euro für

Vergleich und Prozessaufwand

ließ es sich die Deutsche

Börse AG im Herbst 2013

kosten, die jahrelange Auseinandersetzung

ihrer Tochtergesellschaft

Clearstream

(Wertpapierabwicklungen)

um deren Iran-Geschäfte zu

beenden. Der Nettogewinn

des vergangenen Jahres war

deshalb um mehr als ein Viertel

auf 478 Millionen Euro eingebrochen.

Nun der Schock:

Trotz des mit der Exportbehörde

OFAC geschlossenen

Vergleichs haben New Yorker

Staatsanwälte ein strafrechtliches

Ermittlungsverfahren wegen

des Verstoßes gegen Sanktionsvorschriften

eingeleitet

(siehe Seite 12). Wie teuer dieser

Prozess die Deutsche Börse

insgesamt kommt, ist offen.

Rückstellungen, das zeigt ein

Blick in die Bilanz, sind bisher

keine gebildet. Schon aus Vorsichtsgründen

dürfte die Börse

das jetzt nachholen. Der bisher

erwartete Gewinnanstieg auf

rund 700 Millionen Euro ist

damit sehr fraglich geworden.

Scheinwelten

In China platzt die

Immobilienblase

CHINA

Gigantomanie

Die Exzesse am chinesischen Immobilienmarkt

lassen sich nicht mehr leugnen.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9628,82 +1,9 +22,3

Aktie

Stand: 3.4.2014 / 18.01 Uhr

Adidas 79,13 +1,5 –2,7 4,51 4,38 18 16555 1,71

Allianz 122,95 +0,2 +15,0 12,65 13,57 9 56059 3,66

BASF NA 80,03 +1,0 +15,5 5,88 5,91 14 73506 3,25

Bayer NA 98,46 +1,3 +19,6 5,66 6,13 16 81421 1,93

Beiersdorf 71,03 +1,1 –2,0 2,38 2,57 28 17900 0,99

BMW St 93,04 +1,9 +36,0 7,77 8,59 11 59809 2,69

Commerzbank 14,12 +9,1 +66,0 0,50 0,72 20 16076 -

Continental 177,65 +3,0 +86,9 10,02 12,58 14 35531 1,27

Daimler 69,80 +4,0 +63,8 4,56 5,90 12 74646 3,15

Deutsche Bank 32,95 +3,3 +7,1 4,08 3,56 9 33584 2,28

Deutsche Börse 57,06 –1,0 +19,1 3,79 3,87 15 11013 4,03

Deutsche Post 28,06 +4,1 +55,4 1,45 1,69 17 33919 2,50

Deutsche Telekom 11,59 ±0 +38,7 0,69 0,64 18 51589 6,04

E.ON 14,19 +1,8 +2,1 1,29 0,95 15 28384 7,75

Fresenius Med.C. St 52,18 +2,8 –3,5 3,75 3,68 14 16048 1,44

Fresenius SE&Co 112,30 –0,6 +13,4 5,82 6,38 18 25344 0,85

Heidelberg Cement St 63,91 +5,1 +11,6 3,56 3,97 16 11983 0,74

Henkel Vz 77,77 +1,9 +3,6 4,03 4,30 18 32634 1,57

Infineon 8,84 +3,3 +43,1 0,26 0,40 22 9550 1,36

K+S NA 23,43 –1,2 –34,5 2,92 1,28 18 4484 5,98

Lanxess 55,81 +5,2 +1,7 3,31 2,68 21 4644 1,79

Linde 145,35 +0,6 –0,2 8,48 8,41 17 26984 1,86

Lufthansa 19,68 +5,1 +27,3 1,25 1,80 11 9052 -

Merck 121,20 –0,7 +1,3 8,57 9,17 13 7832 1,40

Münchener Rückv. 158,70 +0,4 +5,7 16,94 17,02 9 28461 4,41

RWE St 29,32 +2,1 +0,8 3,91 2,38 12 17790 6,82

SAP 58,99 +1,2 –6,1 3,37 3,46 17 72469 1,86

Siemens 98,98 +1,4 +21,6 4,80 6,75 15 87201 3,03

ThyssenKrupp 19,84 +4,7 +32,2 -0,55 0,49 40 10205 -

Volkswagen Vz. 190,70 +3,5 +22,1 21,42 21,85 9 87068 1,87

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

2013 wurden in China 2596

Milliarden Quadratmeter

neue Wohnfläche fertiggestellt,

fünfmal so viel wie 2000.

Der Anteil von Wohnungsbauinvestitionen

an der chinesischen

Wirtschaftsleistung

erreicht fast zehn Prozent.

Der Anteil ist höher als auf

den Höhepunkten früherer

Immobilienblasen in anderen

Ländern. Auf jeden registrierten

Stadtbewohner in China

kommen 37 Quadratmeter

Wohnfläche, in Japan sind es

35 Quadratmeter. Es wird

über Bedarf gebaut. Schätzungen

zufolge steht ein Viertel

der Apartments leer. Der

zum Verkauf stehende Wohnungsbestand

hat sich zwischen

2009 und 2013 um 182

Prozent erhöht. Die Lücke zwischen

Neubaubeginnen und

-verkäufen weitet sich immer

weiter aus. Die Wohneigentumsquote

liegt in China inzwischen

bei über 100 Prozent. In

den USA platzte die Blase bei einer

Quote von 68 Prozent. Der

Trend ging bei reichen Chinesen

zuletzt zur Zweit-, Drittoder

Viertwohnung. Kalkuliert

wurde nicht mit einer Mietrendite,

sondern es wurde spekuliert

auf weiter steigende Preise.

Doch der Zyklus dreht jetzt

nach unten. Nach Einschätzung

von Zhiwei Zjang, Ökonom bei

der japanischen Bank Nomura,

wird die Regierung in Peking einen

aus dem Überangebot resultierenden

Preisverfall nicht

aufhalten können.

Wohnungsbauinvestitionen (in Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung)

in China und in 17 anderen Ländern – jeweils in den Jahren, in denen die

Immobilien-Haussen dieser Länder ihren Höhepunkt erreichten

Spanien

Thailand

China

Zypern

Japan

Südkorea

Frankreich

Deutschland

Finnland

2006

1991

2012

2008

1973

1991

1980

1994

1990

Quelle: CEIC, Haver Analytics, IWF

12,5

9,9

9,5

9,2

8,7

8,4

8,3

7,8

7,5

Italien

Mexiko

Island

Dänemark

USA

Belgien

Taiwan

Südafrika

Indien

1981

2008

2007

2006

2005

1980

1980

1971

2000

7,5

7,2

6,9

6,6

6,5

6,5

4,2

3,9

2,5

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 111

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Hewlett-Packard

Neue Hoffnung für

die Hardware

Feste Verbindung Mehr

Bestellungen von Großkunden

Aller Voraussicht nach wird

Hewlett-Packard (HP) Mitte

des Jahres einen eigenen

3-D-Drucker ankündigen.

Drucker für die Herstellung

dreidimensionaler Endprodukte

(etwa Knochenimplantate

oder besonders feine

Maschinenteile) sind Hoffnungsträger

der Hardwareindustrie.

Und so einen braucht

Hewlett-Packard, damit die

einstige High-Tech-Ikone auf

ihren Kerngeschäftsfeldern

wieder Wachstum verspricht

und nicht nur den Schrumpfkurs

der vergangenen Jahre

hinauszögert.

Drucker machen bei HP ein

Fünftel vom Umsatz aus.

Schwerpunkt (28 Prozent Umsatzanteil)

von HP sind klassische

PCs und Bürorechner.

Hier ging der globale Markt im

vergangenen Jahr um zehn

Prozent zurück. Dennoch gibt

es Anzeichen einer Wende. Mit

200 Milliarden Dollar jährlichem

Volumen ist dieses Geschäft

keineswegs tot. Seit die

Konjunktur in großen Abnehmerländern

(vor allem den

USA, zunehmend auch in Europa)

robuster wird, wechseln

immer mehr Unternehmen

und Behörden ihre alten Computer

aus. Dass Programmriese

Microsoft sein altes Betriebssystem

XP nicht mehr unterstützt,

hilft zusätzlich. Viele

Kunden steigen nun gleich auf

neue Computer um. Den

Boom bei Tablets und Smartphones

muss HP nicht fürchten, der

macht sich im wichtigen Großkunden-Geschäft

weniger bemerkbar.

Dafür profitiert die

Sparte Netzwerke, Server und IT

(rund 25 Prozent Umsatzanteil)

davon, dass wegen der Datenflut

und des Cloud-Computings große

Rechenzentren immer wichtiger

werden. Das vierte große Geschäftsfeld,

IT-Service (gut 20

Prozent Umsatzanteil), leidet

zwar besonders unter dem Preisdruck

in der Branche. HP steuert

jedoch mit einem Kostensenkungsprogramm

dagegen, bei

dem im Konzern 34000 Stellen

abgebaut werden, etwa ein

Zehntel der Belegschaft.

Das Geschäftsjahr 2014 (bis

31. Oktober) könnte bei einem

stabilisierten Umsatz (rund 110

Milliarden Dollar) wieder steigende

Gewinne bringen. Nach

dem bitteren Jahr 2012 (12,7 Milliarden

Dollar Verlust) und der

ersten Erholung 2013 (5,1 Milliarden

Dollar Gewinn) wäre damit

die Wende geschafft. Auch

finanziell wird HP stärker. Im

vergangenen Jahr stieg die Eigenkapitalquote

von 21 auf 26

Prozent. Ende 2014 könnten es

an die 30 Prozent werden.

Hewlett-Packard

ISIN:US4282361033

60

50

40

30

20

15

10

Kurs/Stoppkurs(in Dollar): 32,30/27,45

KGV 2013/2014: 12,3/8,7

Dividendenrendite(in Prozent):1,8

Chance

Risiko

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

09 10 11 12 13 14

Niedrig

Quelle:FactSet

Hoch

AKTIE Enagás

Nicht ganz Spanien

steckt in der Krise

Voll Gas

Flüssiggas-Tanker vor Barcelona

Wegen der Möglichkeit, Gas

zu verflüssigen und auf Spezialschiffen

weltweit zu transportieren,

wird es irgendwann

einen globalen

Gasmarkt geben. Doch das

wird noch dauern. Das liegt

an den gewaltigen Investitionen,

die benötigt werden, etwa

für die Verladeterminals.

Der spanische Versorger Enagás

betreibt in Spanien neben

einem 10 000 Kilometer langen

Pipelinenetz und drei unterirdischen

Gasspeichern

fünf dieser Terminals. In Barcelona,

Huelva, Cartagena,

Gijón und Bilbao lassen sich

insgesamt 2,7 Millionen Kubikmeter

verflüssigtes Erdgas,

das per Schiff angeliefert wurde,

wieder in den ursprünglichen

Aggregatzustand umwandeln.

Weil Enagás sein Gasnetz

im Staatsauftrag betreibt und

vier Fünftel der Erlöse aus regulatorisch

abgeschirmten

Bereichen kommen, ging die

tiefe Krise im Heimatland

weitgehend am Konzern vorbei.

Obwohl 2013 vier Prozent

weniger Gas durch die Pipelines

strömte, zogen die Erlöse

um 9,2 Prozent auf 1,308

Milliarden Euro an. Unter

dem Strich wurden 403 Millionen

Euro verdient, gut sechs

Prozent mehr als 2012. Mit der

Dividende, die zwei Mal pro

Jahr ausgeschüttet wird, geht es

ebenfalls weiter nach oben, um

rund 14 Prozent auf insgesamt

1,27 Euro pro Aktie, was einer

Rendite von 5,7 Prozent ergibt.

Die spanische Staatsholding

Sepi hält noch fünf Prozent des

Aktienkapitals. Ein überschaubarer

Brocken, sollte der Anteil

doch noch zur Finanzierung

der klammen Staatskasse in

den Verkauf gehen. Zudem

stünden genügend Käufer

bereit. Chinas Stromkonzern

State Grid soll schon einmal in

Madrid angeklopft haben.

Enagás

ISIN: ES0130960018

25

20

15

10

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

5

03 2005 2010 14

Kurs/Stoppkurs(Euro): 22,27/19,30

KGV 2013/2014: 13,2/13,5

Dividendenrendite(in Prozent):5,7

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:FactSet

Hoch

FOTOS: BLOOMBERG/KEPLER/LABURU/WRIGHT/HELGESEN

112 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKATE Euro/Dollar-Short

Amerikanischer

Vorsprung wird größer

USA in Fahrt Drei Prozent BIP-

Wachstum beflügeln den Dollar

Nur noch 0,5 Prozent beträgt

die Teuerungsrate in der Euro-

Zone. Die Inflation ist auf den

niedrigsten Stand seit vier Jahren

gesunken – und sie ist

deutlich unter der von der Notenbank

formulierten Obergrenze

von zwei Prozent. Die

EZB hätte damit Spielraum für

weitere, expansive Konjunkturhilfen.

Die könnten notwendig

werden, wenn die europäische

Wirtschaft als Folge

der Russland-Krise oder des

Abschwungs in China wieder

an Dynamik verliert.

Das sieht jenseits des Atlantiks

anders aus. Bei erwarteten

Wetten gegen den Euro

2,8 bis 3,0 Prozent an jährlichem

Wachstum im Zeitraum

2014 bis 2016 kündigt Fed-Chefin

Janet Yellen für nächstes Jahr

die erste Leitzinserhöhung an.

Bis dahin werden die Käufe von

Staatsanleihen, mit denen die

Fed die langfristigen Zinsen

drückte, reduziert und voraussichtlich

im Herbst auslaufen.

Bei kurzfristigen, in drei Monaten

fälligen Geldanlagen hat

der Dollar gegenüber dem Euro

schon einen Zinsvorsprung von

0,7 Prozentpunkten; bei zehnjährigen

Anleihen sind es 1,1

Prozentpunkte. „Die Ausweitung

dieses Zinsspreads zugunsten

der USA spricht für eine

Aufwertung des US-Dollar in

den kommenden Monaten“,

sagt Rainer Sartoris, Anleiheexperte

bei der Großbank HSBC.

Sein Ziel ist ein Euro-Kurs von

1,28 Dollar.

Wer sich das Risiko zutraut,

kann mit Shortzertifikaten eine

Wechselkursspekulation Euro

gegen Dollar starten.

Zertifikate auf einen Rückgang des Euro gegenüber dem Dollar

(aktuell: 1,00 Euro = 1,38 Dollar)

Kurs (Euro)

Stoppkurs (Euro)

Funktion

Kauf-Verkaufs-

Spanne (Prozent)

Emittentin

(Ausfallprämie)

ISIN

Chance/Risiko

Quelle: Thomson Reuters

Faktorzertifikat

für kurzfristige Spekulation

4,10

3,08

Verstärkt die täglichen Euro-

Dollar-Schwankungen mit zehnfachem

Hebel. Beispiel: Sinkt

der Euro an einem Tag um 0,5

Prozent (etwa von 1,3800 auf

1,3731 Dollar), steigt das Zertifikat

um fünf Prozent; Achtung:

Leichte Verluste in Seitwärtsphasen

möglich, große Verluste

bei steigendem Euro; keine

Laufzeitgrenze, kein Knockout

2,2

Commerzbank (1,1 Prozent =

mittleres Ausfallrisiko)

DE000CZ60BR4

10/9

Hebelzertifikat

für langfristige Spekulation

24,70

19,70

Verstärkt die Euro-Dollar-Kursbewegungen

unterhalb des Basispreises

(aktuell 1,7187 Dollar) mit etwa

vierfachem Hebel. Beispiel: Sinkt der

Euro in einer Woche um drei Prozent

(etwa von 1,3800 auf 1,3386 Dollar),

steigt das Zertifikat um rund

zwölf Prozent; Achtung: Berührt

oder überschreitet der Euro den

Basispreis, kommt es zum Totalverlust;

keine feste Laufzeitgrenze

0,1

Deutsche Bank (0,8 Prozent =

geringes Ausfallrisiko)

DE000DX9L668

9/8

ANLEIHE Norwegen

In Europa

ganz oben

Seitdem die Finanzkrise in

Europa ihren Schrecken verloren

hat, erholt sich der Euro.

Verlierer dieser Entwicklung

war bisher die norwegische

Krone, deren Wert gegenüber

dem EU-Geld seit Ende 2012

von 13,8 Euro-Cent auf 11,8

Euro-Cent zurückging. Mit aktuell

12,1 Euro-Cent (ein Euro

gleich 8,26 Kronen) steht die

Norwegen-Krone gegenüber

dem Euro immer noch ein

Stück unter dem langjährigen

Durchschnitt, der bei 12,5 Euro-Cent

liegt.

Doch die Norwegen-Krone

dürfte wieder kommen. Auslöser

dafür ist die wachsende

Bedeutung, die das Land als

Energieproduzent vor allem

für die Euro-Zone hat. Mit 7,5

Milliarden Barrel Rohölreserven

und 2,1 Billionen Kubikmetern

Erdgas ist Norwegen

in Europa das Land mit den

meisten fossilen Brennstoffen.

Für Deutschland ist Norwegen

– nach Russland – der

wichtigste Lieferant von Öl

und Gas. Mehr als 35 Prozent

der norwegischen Wirtschaftsleistung

stammen aus

dem Energiegeschäft.

Die stabilen Einnahmen

aus dem Export von Öl und

Gas tragen wesentlich dazu

bei, dass das Land reich ist.

Der Anteil der Staatsschulden

an der Wirtschaftsleistung

liegt nur bei 27 Prozent. Das

ist deutlich weniger als die 78

Prozent, auf die Deutschland

derzeit kommt.

Mit den Einnahmen aus

dem Energiegeschäft finanzieren

die Norweger über

einen staatlichen Pensionsfonds

die Altersvorsorge ihrer

Bürger. Bei 5,1 Billionen Kronen

Fondsvolumen hat der

Staat mittlerweile für jeden

der 5,1 Millionen Norweger

Rendite aus der Tiefe Bohrinsel

der norwegischen Statoil

rechnerisch eine Million Kronen

auf die hohe Kante gelegt.

Natürlich, ein Preisrückgang

beim Öl könnte die norwegische

Wirtschaft bremsen. Doch

da die Norweger bei ihren

Haushaltsplanungen nur einen

Ölpreis von 65 Dollar je Barrel

ansetzen, bestehen genug Reserven

auch in schwierigen

Marktphasen.

Die OECD rechnet damit,

dass die norwegische Wirtschaft

2014 und 2015 jeweils um

2,0 bis 2,5 Prozent zulegt. Die

Inflation ist mit knapp zwei Prozent

überschaubar. Notenbankgouverneur

Oyestein Olsen

sieht die Konjunktur des Landes

auf gutem Weg, die erste

Leitzinserhöhung ist für Herbst

2015 ins Auge gefasst.

Norwegen gehört zu den wenigen

Ländern, die immer noch

über das Top-Rating AAA verfügen

und das auch auf absehbare

Zeit behalten dürften. In einem

international aufgebauten

Anleihedepot sind Norwegen-

Anleihen ein Basisinvestment.

An die 2,6 Prozent Jahresrendite

sind dafür ein guter Zins. Und

die Chance auf einen Währungsgewinn

besteht noch zusätzlich.

Kurs (%) 107,69

Kupon (%) 3,75

Rendite (%) 2,56

Laufzeit bis 25. Mai 2021

Währung Norwegische Kronen

ISIN

NO0010572878

WirtschaftsWoche 7.4.2014 Nr. 15 113

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS iShares MSCI World

Auf kleine Stürmer oder

die Weltauswahl wetten

Starke Schultern Anleger kehren

an Mailands Börse zurück

Börsengehandelte Indexfonds

gehören zu den erfolgreichsten

Innovationen in der

Geldanlage. Die ETF genannten

Produkte sind schnell

handelbar, gesetzlich strenger

reguliert als Zertifikate und

kosten ein Drittel von dem,

was bei traditionellen Fonds

üblich ist. So ist in Europa in

zehn Jahren ein gigantischer

Markt mit 320 Milliarden Euro

Volumen und 2100 Produkten

entstanden, den iShares, db

x-trackers und Lyxor dominieren.

Längst bilden ETFs aber

nicht mehr nur stur Aktienindizes

ab. In der Niedrigzinsphase

sind günstige Anleihe-

ETFs gefragt. Und auch

gehebelte ETFs, die bestenfalls

überproportional steigen,

wenn etwa der Dax zulegt,

werden rege gehandelt.

„Die speziellen ETFs werden

von Anlegern eingesetzt, die

eine klare Marktmeinung haben

und ihr Depot täglich beobachten“,

sagt Heike Fürpaß-

Peter, bei Lyxor für deutsche

Privatanleger zuständig.

Tritt ein Index auf der Stelle,

sieht es bei ETFs generell mau

aus. Doch aktive Anleger

finden Chancen: Zu den Verkaufsschlagern

gehörten zuletzt

Aktien-ETFs für Italien,

Griechenland, Spanien und

Portugal, in die netto seit Oktober

monatlich 300 Millionen

Euro flossen und die zu

den Top-Performern zählen

(siehe Tabelle). Wer sich das

Timing in den Länder-Märkten

nicht zutraut, ist bei einem breit

gemischten Aktien-ETF wie

dem MSCI World gut aufgehoben

(siehe Chart). Er belastet

jährlich nur 0,5 Prozent Kosten.

Vieles spricht dafür, dass

ETFs weiter wachsen: Anbieter

und Aufseher haben auf das

Misstrauen der Anleger gegenüber

manchen Praktiken

reagiert, etwa den Einsatz von

Derivaten. Die Branche ist

transparenter geworden. db

x-trackers und Lyxor bilden jetzt

mehr ETFs mit den Aktien oder

Anleihen nach, die im Index

stecken, statt Tauschgeschäfte

(Swaps) mit einer Bank zu

schließen. Dabei überlässt sie

dem ETF Aktien, verbucht deren

Gewinne oder Verluste, und

der ETF erhält von ihr die Indexperformance.

Steigen die

Aktien im ETF um zwei Prozent,

der Index aber um vier, müsste

die Swap-Bank zwei Prozent an

den ETF zahlen. Ginge sie pleite,

droht ein Verlust. Sobald der

Swap-Partner zahlen muss,

lässt sich Lyxor deshalb von ihm

Wertpapiere liefern, deren Gegenwert

die Zahlungsverpflichtung

sogar noch übersteigt.

iSharesMSCIWorld ETF

ISIN: IE00B0M62Q58

140

130

120

110

100

90

80

70

60

Chance

Risiko

Niedrig

IndizesinEuroumbasiert;

Quelle:Thomson Reuters

LyxorETF FTSE

MIB-AktienItalien

2011 2012 2013 14

Hoch

Die besten börsengehandelten Indexfonds

Die Gewinner unter den großen ETF-Portfolios

Fondsname

Aktien

iShares Euro Stoxx Banks (DE)

Source Euro Stoxx Optimised Banks

Lyxor ETF FTSE ATHEX 20 (Griechenl.)

iShares Stoxx Europe 600 Auto & Parts

Lyxor ETF FTSE MIB (Italien)

iShares MSCI Italy Capped

iShares Global Clean Energy

iShares Euro Total Market Value Large

Lyxor ETF MSCI EMU Small Cap

Lyxor ETF Ibex 35 (Spanien)

Amundi ETF MSCI Spain

Amundi ETF MSCI EMU High Dividend

iShares TecDAX

Lyxor ETF MSCI EMU Value (Eurozone)

ComStage Portugal Stock Index 20 ETF

iShares Euro Stoxx Telecomm (DE)

ComStage DivDAX ETF

Lyxor ETF Stoxx Europ. 600 Bau & Mat.

iShares Euro Stoxx Mid Cap

iShares Euro Stoxx Small Cap

iShares DivDAX

db x-trackers MSCI European Small Cap

iShares UK Property

PowerShares FTSE RAFI Eur. Small Mid

Anleihen

db x-trackers II iTraxx Crossover

iShares Spain Government Bond

iShares Italy Government Bond

db x-trackers II iBoxx Sov.Euroz. Yield

Amundi ETF Gov. Bond EuroMTS Inv. Gr.

Lyxor ETF iBoxx € High Yield 30 ex Fin.

iShares Euro High Yield Corporate Bond

Deka iBoxx EUR Liquid Sov. Div. 5-7 year

Amundi ETF Gov. Bond Euro MTS Broad

Lyxor ETF EuroMTS Global

db x-trackers iBoxx Sovereign Eurozone

iShares Euro Government Bond

iShares Euro Covered Bond

iShares Euro Corporate Bond

Alternatives (z.B. Leverage, bewegt sich überproportional zum Index)

ComStage Portugal Stock 20 Leverage

Lyxor ETF Euro Stoxx 50 Daily Leverage

db x-trackers Leverage DAX Daily ETF

ComStage CAC 40 Leverage ETF

db x-trackers S&P 500 2x Leverage

Amundi ETF Lev. MSCI Europe Daily

ETFS Daily Short Silver ETC

ETFS Daily Short Gold ETC

ComStage Bund-Future Leverage TR

UBS ETF HFRX Global Hedge Fund Index

ISIN

DE0006289309

IE00B3Q19T94

FR0010405431

DE000A0Q4R28

FR0010010827

US4642868552

IE00B1XNHC34

IE00B0M62T89

FR0010168773

FR0010251744

FR0010655746

FR0010717090

DE0005933972

FR0010168781

LU0444605215

DE0006289317

LU0603933895

FR0010345504

IE00B02KXL92

IE00B02KXM00

DE0002635273

LU0322253906

IE00B1TXLS18

IE00B23D8Y98

LU0290359032

IE00B428Z604

IE00B7LW6Y90

LU0524480265

FR0010892190

FR0010975771

IE00B66F4759

DE000ETFL144

FR0010754192

FR0010028860

LU0290355717

IE00B4WXJJ64

IE00B3B8Q275

IE00B3F81R35

LU0444605306

FR0010468983

LU0411075376

LU0419741094

LU0411078552

FR0010756080

JE00B24DKK82

JE00B24DKC09

LU0530118024

IE00B54DDP56

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität

(Schwankungsintensität) in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

Quelle: Morningstar; Stand: 1. April 2014

0,7


–16,9

19,1

3,0

2,6

–12,3

6,3

10,3

4,2

3,1

7,2

10,5

6,0

2,0

–3,5


9,6

9,5

7,2

12,6

13,4

15,8

11,2

10,2



8,4

8,0

8,7

9,1

8,4

6,8

6,2

6,9

7,0

6,9

6,3

–0,6

6,5

15,9

7,4

26,1

15,1

8,2

–0,4

16,7

–1,4

seit 1

Jahr

56,5

56,3

54,1

53,3

45,1

44,3

43,3

38,5

37,1

35,6

34,6

34,2

33,7

33,6

33,5

33,5

31,2

31,1

30,8

30,7

30,4

29,6

29,6

29,2

17,0

14,3

12,5

11,6

10,7

8,9

8,6

6,6

6,0

5,8

5,7

5,5

4,1

4,1

70,0

48,9

42,6

42,3

31,5

31,4

18,3

8,5

2,4

2,2

Volatilität

2

in

Prozent

30,3


44,7

28,1

23,2

22,5

23,9

19,1

16,1

21,5

22,2

15,1

15,6

18,2

17,3

17,2


18,6

15,5

15,4

19,0

14,7

14,9

13,7

9,0



7,9

7,9

8,1

7,8

5,0

5,2

4,8

4,7

4,6

2,8

4,3

34,6

33,5

36,9

30,8

20,6

25,1

46,9

26,6

12,8

4,2

FOTO: PR

114 Redaktion Fonds: Martin Gerth, Heike Schwerdtfeger

Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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Perspektiven&Debatte

DESIGN | Von Musik

über Kunst bis

zu Mode und Möbeln –

schöne Dinge,

die unser Leben

bereichern, benötigen

Innovationen.

Innovation in

Formen

Die Idee soll keiner sehen, die Lösung

sich klein, fast unsichtbar

machen und den Betrachter an

der Nase herumführen, damit

er nicht gleich weiß, um was für

einen Gegenstand es sich handelt. In diesem

Fall heißt das Produkt „Straßenfeger“. Es ist

im Sixties-Design hellblau und orange bemalt,

sein Rahmen und sein Gummiriemenantrieb

machen das Fahrrad zu einem Hingucker.

Wer zweimal hinguckt, sieht:Im Vorderrad

steckt ein Elektromotor; die einseitig

montierte Gabel versteckt den Akku, dessen

Reserveanzeige dezent oben am Lenkerkopf

leuchtet. Electrolyte heißt der Berliner Hersteller,

der es nicht nur schafft, mit 16 Kilo ein

sehr leichtes Pedelec herzustellen, sondern

auch eins, das nicht nach einem Fahrrad mit

Hilfsmotor für nicht mehr ganz so bewegungsfreudige

Menschen aussieht.

Möglich ist diese Verwandlung eines

technischen Mauerblümchen-Produkts für

die Radwege durchs Grüne in ein zeitgenössisches

Lifestyle-Objekt für die Straßen Berlins

dank der Zusammenarbeit von Techniker

und Gestaltern. Die Zeiten, in denen Ingenieure

sich clevere Lösungen ausdachten

und Designer hinterher eine gute Form finden

mussten, sind genauso Vergangenheit

wie die, in denen Designer eine Leuchte, ein

Auto oder Sofas zeichneten und die Techniker

rätseln mussten, wie das Fantasieobjekt

denn funktionieren könne. „Die wesentlichen

Impulse im Design werden heute

durch die Technologie getrieben“, sagt Peter

Zec, Geschäftsführer des Designpreises Red

Dot Design Award. „Je technischer das Produkt,

desto höher der Anteil an Designern,

die zum Unternehmen gehören und von

Anfang an die Gestaltung begleiten.“

Innovation und Technologie – von gutem

Essen bis zur Mode gehen diese Begriffe

Hand in Hand mit der Schönheit des Gegenstands

oder dem Genuss, den er dem Menschen

bietet. Als der spanische Koch Ferran

Adrià begann, in akribischer Kleinarbeit Pilze,

Gemüse oder Fleisch zu katalogisieren

und in einer Datenbank die Eigenschaften

einzupflegen, legte er den Grundstein für

die Erneuerung der Hochküche. Adrià verwendete

zudem Zubereitungstechniken aus

der sogenannten Molekularküche, deren

mit flüssigem Stickstoff gefrorene Zutaten

bis dahin unbekannte Geschmackserfahrungen

ermöglichten.

Adrià plant inzwischen nach der Schließung

seines Restaurants El Bulli ein Institut,

das sich der Zukunft der Spitzengastronomie

widmen soll. „Innovation ist auf diesem

Feld der entscheidende Faktor für den Erfolg“,

sagt Bernd Matthies, Restaurantkritiker

HOCKER

Mit Laser

geschnittenes

Alu, das an

der Perforation

geknickt

wird. Filigran

und dennoch

stabil

des „Berliner Tagesspiegel“. Auch wenn

Deutschland nicht wie einst Frankreich,

dann Spanien und nun Skandinavien die

Spitzenküche inhaltlich vorantreibe, beantwortet

Matthies die Frage, ob er sich Sorgen

mache, ob hierzulande Stillstand drohe, mit

einem simplen: „Nö.“

MODE AUS NANOFASERN

In der Modebranche hingegen hat Deutschland

nur wenig Einfluss. „Gestalterisch wird

deutsche Mode mit dem Bauhaus verknüpft:

reduziert und spartanisch“, sagt Sabine

Resch von der Akademie für Mode &

Design in München. Die Dozentin für Modetheorie

kennt jedoch den wichtigen Einfluss

deutscher Unternehmen auf die Mode:

„In der Gewebetechnologie sind deutsche

Unternehmen weit vorne.“

Vor allem die Sportartikelhersteller entwerfen

immer neue Produkte, deren Eigenschaften

mit Leinen und Baumwolle nicht

zu realisieren waren. „Es ist seit mehr als

zehn Jahren ausschließlich die Materialtechnologie,

die in der Mode Innovationen

bringt“, sagt Resch. Zu den Errungenschaften

gehören Nanofasern, die Schweiß abtransportieren

und dabei Form und Farbe

nicht verändern. Dank Lasermessern sind

Schnittkanten und Auslassungen möglich,

die sich Designer zuvor nur in der Fantasie

ausmalen durften, die immer feineren Garne

sorgen für Wohlgefühl auf der Haut. So

kann der Mensch den Fortschritt nicht nur

sehen, sondern spüren.

n

thorsten.firlus@wiwo.de

FOTOS: PR

116 Nr. 15 7.4.2014 WirtschaftsWoche

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KÜCHENMESSER

Die Klinge von Fisslers „bionic“ ahmt Biberzähne nach

und muss nie geschärft werden

PEDELEC

Das Modell

„Straßenfeger“

von Electrolyte

mit dezentem

Motor

WASCHTISCH

Dieses als Prototyp entwickelte

Modell von Lago ist nicht

nur hauchdünn, das Material

lässt sich zudem verbiegen

MOLEKULARKÜCHE

Küchenavantgardist

Ferran Adrià ersann in

einem Labor neue Techniken

wie die Schäume

OUTDOORKLEIDUNG

Dünne, winddichte

Materialien, die Schweiß

nach außen transportieren,

erlauben der Sportmodeindustrie

mehr

Gestaltungsfreiheit

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