Nachbarn - Armut halbieren

armut.halbieren.ch

Nachbarn - Armut halbieren

NR. 1/2010

Nachbarn

Armut halbieren!

Wir fordern eine Dekade der Armutsbekämpfung.

Wir helfen Menschen.


Inhalt

Editorial 3

Rolf Steiner

Caritas St.Gallen – News

Rückblick 2009 10

Armut halbieren!

Caritas fordert eine Dekade 4

der Armutsbekämpfung

Für Betroffene ist Armut die alltägliche,

belastende Realität. Doch Armut ist in der

reichen Schweiz ein Tabu, auch politisch:

Wir fordern eine nationale Politik, die vor

allem eines will – Armut verhindern.

Vier Armutsbetroffene erzählen 6

Caritas St.Gallen im Jahr 2009

Projekte konzipieren 12

und umsetzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im

diakonischen Bereich leisten auf unspektakuläre

Weise wichtige Arbeit in ihren

Pfarreien und Kirchgemeinden.

Erhöhter Bedarf 14

Der erhöhte Zustrom von Asylsuchenden

führte zu einer verstärkten Zuweisung

von anerkannten Flüchtlingen in

das Integrationsprogramm der Caritas

St.Gallen.

FemmesTISCHE – 15

eine Erfolgsgeschichte

Armut hat viele Gesichter. Wir porträtieren

vier Menschen, die aus unterschiedlichen

Gründen von Armut betroffen

sind.

Persönlich 18

Floriana Frassetto, Mitglied von Mummenschanz,

beantwortet zehn Fragen.

Caritas-Netz

Caritas St.Gallen

Wir fordern einen 22

kantonalen Armutsbericht

Eine Motion zu «Armut halbieren»

Drehscheibe Caritas- 19

Warenzentrale

Vom luzernischen Rothenburg werden

die Produkte, die in den Caritas-Märkten

verkauft werden, in die ganze Schweiz

verteilt.

News aus dem Caritas-Netz 20

Collage 21

Armut bedeutet Ausgrenzung.

Hinweise, Veranstaltungen 22

Gedankenstrich 23

Kolumne von Charles Clerc

2 Caritas Nachbarn 1/10 Illustration Titelbild: Melk Thalmann


Editorial

Caritas St.Gallen –

Segel neu gesetzt

Liebe Leserin, lieber Leser

Caritas St.Gallen hat ein herausforderndes

Jahr 2009 hinter sich. Aufgrund der schwierigen

Finanzlage musste eine substanzielle

Sanierung eingeleitet werden, deren Erfolg

sich im Jahr 2010 mit einem ausgeglichenen

Budget zeigen wird.

Der Jahresbericht 2009, welchen wir in

diesem Magazin abdrucken, weist aber immer

noch ein grosses Defizit aus, das dank

einem grosszügigen Liquiditätskredit der

kath. Administration zu keinen Problemen

führt.

Wir wollen das Europäische Jahr «zur

Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung»

2010 nutzen, um auf die Lebensrealität

einer wachsenden Zahl von Mitmenschen

hinzuweisen, und uns gezielt für

die Verbesserung der Lebenssituation der

Menschen am Existenzminimum mit unseren

Projekten einsetzen. Unser kontinuierliches

Engagement zusammen mit unseren

Freiwilligen und Spenderinnen und

Spendern bleibt wichtig.

Rolf Steiner

Geschäftsleiter Caritas St.Gallen

«Unser kontinuierliches Engagement

zusammen mit unseren Freiwilligen

sowie den Spenderinnen und Spendern

bleibt wichtig.»

Im Herbst 2009 haben wir eine grosse

Spender/innen-Befragung durchgeführt,

an der sich über 500 Personen beteiligten.

An dieser Stelle danken wir allen Teilnehmenden

herzlich für ihre wertvollen

Rückmeldungen. Zurzeit sind wir an der

Auswertung dieser Daten, die uns bei der

Neuausrichtung unserer Fundraisingaktivitäten

helfen werden.

Viele Spenderinnen und Spender haben

uns mitgeteilt, dass sie gerne auf die

Zustellung einer Spendenverdankung verzichten

Caritas St. Gallen ist

möchten.

seit

Diesem L’organisation Anliegen sind XY wir est certifi

bereits nachgekommen. par Inzwischen ZEWO depuis haben 19XX.

2004 ZEWO-zertifiziert.

uns über 100 Personen den Verzicht auf

eine Spendenverdankung telefonisch oder

schriftlich mitgeteilt. Dies hilft uns, weitere

Verwaltungskosten einzusparen.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse

und Ihren Support für unsere Projekte im

Diens te der Menschen in unserer Region.

Impressum

«Nachbarn» – Das Magazin der regionalen Caritas-Stellen – erscheint zweimal jährlich.

Gesamtauflage: 50000 Ex. Auflage SG: 7 000 Ex.

Redaktion: Heinz Mauch (Caritas St. Gallen); Ariel Leuenberger (national)

Gestaltung und Produktion: Daniela Mathis, Urs Odermatt

Druck: Stämpfli Publikationen AG, Bern

Erscheinung mit Unterstützung Bistum St.Gallen

Caritas St. Gallen ist seit 2004

ZEWO-zertifiziert.

Caritas St. Gallen | Teufener Strasse 11 | 9000 St. Gallen | Tel. 071 577 50 10

www.caritas-stgallen.ch | PC 90-6315-8

1/10 Nachbarn Caritas

L’organisation XY est certifiée

3


Armut halbieren

Wir fordern eine Dekade

der Armutsbekämpfung

Für Betroffene ist Armut die alltägliche, belastende Realität. Doch Armut ist in der reichen

Schweiz ein Tabu, auch politisch: In der Schweiz gibt es weder eine offizielle Armutspolitik

noch eine Armutsstatistik. Caritas fordert eine nationale Politik, die vor allem eines will:

künftige Armut verhindern.

Nicht alle Menschen in der Schweiz tragen

das gleiche Risiko, arm zu werden. Es sind

vor allem vier Faktoren, die das Armutsrisiko

bestimmen: das Bildungsniveau, die

Zahl der Kinder, der Wohnort und die soziale

Herkunft. Armutsbetroffene Menschen

müssen mit knappen finanziellen Mitteln

auskommen, sind oft arbeitslos oder gehen

einer unsicheren Erwerbsarbeit nach. Kinder,

die in solchen Haushalten aufwachsen,

tragen ein grosses Risiko, als Erwachsene

selber wieder zu den Armen zu gehören.

Warum gibt es Arme in der

Schweiz?

Schätzungen der Caritas besagen, dass

jede zehnte Person in der Schweiz in einem

Haushalt lebt, der von einem Erwerbseinkommen

unterhalb der Armutsgrenze leben

muss. Die wichtigste Ursache dafür ist

wohl der wirtschaftliche Strukturwandel:

Unternehmensaktivitäten mit tiefem Anforderungsprofil

werden durch Maschinen

ersetzt oder in Länder mit tieferen Löhnen

verlagert. Im Dienstleistungssektor müssen

die Kunden vieles selber übernehmen, was

früher durch Angestellte erledigt wurde, sei

dies im Detailhandel, im öffentlichen und

privaten Verkehr oder im Freizeitbereich.

Was tun gegen die Armut in der

Schweiz?

Ziel jeder Armutspolitik muss es sein, die

Würde von armutsbetroffenen Menschen

zu bewahren, ihnen einen Platz in der Gesellschaft

bereitzuhalten, eine materielle

Absicherung zu gewähren, Selbstbestimmung

und Selbstverantwortung zuzugestehen

und Möglichkeiten zu bieten, damit sie

aus der prekären Lebenslage herausfinden.

Vor allem aber muss die Armutspolitik al-

4

Caritas Nachbarn 1/10


les tun, damit weniger Menschen in Armut

geraten.

Darum braucht die Schweiz eine nationale

Armutsstrategie, die sich an den Vorgaben

der sozialen Existenzsicherung, an der

sozialen und beruflichen Integration sowie

an der Vermeidung von Armut orientiert.

Das Ziel muss sein, die Zahl der Armen

in den nächsten zehn Jahren zu halbieren

und das Risiko der Vererbung von Armut

markant zu verringern. Konkret fordert die

Caritas, dass sich Politik und Wirtschaft an

folgenden vier Leitlinien orientieren:

Armut erkennen und dokumentieren

Der Bund und die Kantone müssen kontinuierlich

über die Wirkung ihrer Armutspolitik

Bericht erstatten. Im Rahmen einer

offenen Koordination muss der Bund

mit den Kantonen verbindliche Ziele in der

Armutspolitik aushandeln und mit Indikatoren

den Zielerreichungsgrad messen und

dokumentieren.

Die Grundsicherung in der Sozialhilfe

landesweit verbindlich regeln

Der Bund muss ein Bundesrahmengesetz

erarbeiten, worin Existenzsicherung und

Integration verbindlich geregelt werden.

Ebenso müssen die Unterstützungsbeiträge

für den Grundbedarf festgeschrieben

werden. Der Bund soll deshalb die Richt-

Das tut die Caritas bis 2020

Armutspolitik systematisch

beobachten

Caritas wird die Beobachtung bzw. das

Monitoring der Armutspolitik des Bundes

und der Kantone systematisieren. In

einem jährlichen Bericht wird sie darlegen,

wo in den verschiedenen Politikbereichen

Fortschritte, aber auch Rückschläge

zu verzeichnen sind.

• Sozialberatung verstärken

Caritas erweitert die Sozialberatung und

die Überbrückungshilfen für Arme in prekären

Lebenssituationen substanziell. Das

heutige Angebot kommt rund 15 000 Personen

jährlich zugute, in Zukunft sollen

dies 25 000 Personen sein.

linien der Schweizerischen Konferenz für

Sozialhilfe (SKOS) als allgemein verbindlich

erklären und die Zuständigkeiten für

die soziale und berufliche Integration klar

ordnen.

Sozialfirmen fördern

Es braucht mehr Arbeit für Menschen, die

keinen Zugang zu normalen Arbeitsverhältnissen

finden. Sozialfirmen können dies

leis ten. Der Bund und die Kantone müssen

solche Sozialfirmen fördern im Rahmen

der interinstitutionellen Zusammenarbeit

zwischen Arbeitslosen- und Invalidenversicherung

sowie der Sozialhilfe.

Allen eine Ausbildung ermöglichen

Der Bund muss die Ausbildung so organisieren,

dass alle Menschen ohne prinzipielle

Alterslimite einen Berufsabschluss machen

können. Dazu müssen die entsprechenden

Gesetze zur Berufsbildung und zur Arbeitslosenversicherung

angepasst und die notwendigen

Mittel bereitgestellt werden. In

der kantonalen und kommunalen Sozialhilfe

muss das Management der Übergänge

von der Familie zum Kindergarten und zur

Schule sowie von der Schule zur Berufsausbildung

deutlich verbessert werden, damit

alle jungen Erwachsenen so weit kommen,

dass sie zumindest eine Lehre absolvieren

können.

Um die gesteckten Ziele zu erreichen, wird Caritas ihr Engagement in der Armutsbekämpfung in der

Schweiz intensivieren. Sie will dies in vier Handlungsfeldern tun.

• Caritas-Märkte ausbauen

Das Netz der Caritas-Märkte wird markant

ausgebaut. So können armutsbetroffene

Menschen in der ganzen Schweiz

Güter des täglichen Bedarfs zu sehr günstigen

Preisen einkaufen. Konkret will die

Caritas die Zahl der Caritas-Märkte von

gegenwärtig 19 auf 30 erhöhen.

• Arbeitsplätze in Sozialfirmen schaffen

Die Caritas wird ihr bisheriges Angebot

an Sozialfirmen erhöhen. Konkret will die

Caritas 1000 zusätzliche Arbeitsplätze

schaffen für Menschen, die im ersten

Arbeitsmarkt keine Anstellung finden.

Kommentar

Dr. Carlo

Knöpfel,

Leiter Bereich

Inland und Netz

der Caritas

Schweiz

Jetzt sind Bund und Kantone

gefordert!

In der Schweiz ist zwar geregelt, wie

die verschiedenen Leistungen der sozialen

Sicherheit die Existenzsicherung

zu garantieren haben, aber in der

Sozialhilfe ergeben sich wegen des

bestehenden Föderalismus sehr unterschiedliche

Anwendungen. In den

verschiedenen Kantonen gibt es zum

Beispiel grosse Unterschiede bei der

Berechnung der Durchschnittsmieten

zur Festlegung des Anspruchs auf Sozialhilfebeiträge,

oder der Grundbedarf

der SKOS wird nicht überall in gleicher

Höhe ausbezahlt. Auch die nötigen

Massnahmen zur sozialen und beruflichen

Integration sind nicht einheitlich

geregelt. Die kantonale Zuständigkeit

in der Sozialhilfe führt daher zu

grossen Ermessens- und Beurteilungsspielräumen.

Will man Armut in Zahlen ausdrücken,

kommt man um das Festlegen einer

numerisch fassbaren Armutsgrenze

nicht herum. Diese Grenze zu bestimmen,

ist eine politische Aufgabe, die

in der Schweiz, im Gegensatz zu anderen

Ländern, nie in Angriff genommen

wurde. Sowohl der Blick in die

Geschichte wie auch die Analyse der

Gegenwart zeigen, dass eine der wichtigsten

Aufgaben im Zusammenhang

mit der Verminderung der Armut in einer

koordinierten Armutspolitik besteht.

Das Gelingen einer solchen Politik

hängt nicht nur vom Willen einzelner

Akteure, sondern auch von der öffentlichen

Bewertung der Armutsproblematik

ab.

Texte: Carlo Knöpfel; Illustration: Melk Thalmann, Bild: zvg

1/10 Nachbarn Caritas

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Armut halbieren

«Ich möchte,

dass mein

Sohn kein

Schlüsselkind

wird»

Als Alleinerziehende den Spagat zwischen Familie und

Beruf zu schaffen, ist anspruchsvoll. Der 39-Jährigen ist es

wichtig, dass ihr Sohn sich dennoch geborgen fühlen kann.

Deshalb ermöglicht sie ihm trotz knappem Budget den

Besuch des Schülerhorts.

«Meine Ehe zerbrach, als mein Sohn einjährig

war. Das traf mich doppelt hart,

weil ich kurz zuvor die Kündigung erhalten

hatte. Damals landete ich das erste Mal

beim RAV. Ich liess mich davon aber nicht

entmutigen, sondern holte mit finanzieller

Unterstützung durch Stiftungen die

Sekundarschule nach und absolvierte anschliessend

noch Weiterbildungen. Dann

fand ich wieder eine Stelle – aber wegen

der Krise bin ich nun erneut arbeitslos. Mit

dem Geld vom RAV und einem 20-Prozent-

Zwischenverdienst komme ich auf rund

3000 Franken im Monat. Mir ist wichtig,

dass mein Sohn unter den knappen Verhältnissen

nicht leiden muss. Ich lege regelmässig

Geld auf die Seite, damit ich ihm

weiterhin die Mitgliedschaft im Fussballclub

finanzieren kann, und ich achte darauf,

dass er gleich gekleidet ist wie seine

Schulkollegen. Auf den Gameboy, den er

sich sehnlichst wünscht, muss er allerdings

verzichten. Ich selber träume manchmal

davon, später ein kleines Nähatelier zu eröffnen

und schöne Abendkleider zu kreieren.»

6 Caritas Nachbarn 1/10


«Ich möchte

einen Job, bei dem

ich richtig zupacken kann»

Mit einer Anlehre als Automonteur und vielen Jahren als

Hilfsarbeiter auf dem Bau ist es nicht einfach, den Weg aus

der Arbeitslosigkeit zu finden, auch wenn der 40-Jährige

bereit ist für alle möglichen Jobs. Man könne bei jeder Arbeit

etwas lernen, sagt er.

«Wenn ich wählen könnte, würde ich

Hausabwart, denn ich bin handwerklich

geschickt, kenne mich mit Reinigungsarbeiten

aus und habe Freude am Gärtnern.

Leider bin ich schon lange am Stempeln.

Der letzte Zwischenverdienst dauerte bis

Ende 2009. Seither verbringe ich viel Zeit

zuhause, setze Puzzles zusammen, mache

mit Kollegen Musik – und bewerbe mich,

wo ich nur kann. Ich bewohne ein Zimmer

im Personalhaus eines Altersheims. Es

ist sehr klein, hat aber ein eigenes WC und

eine eigene Dusche. Damit bin ich zufrieden.

Denn ich weiss, wie es ist, obdachlos

zu sein. Als ich meinen letzten richtigen Job

verlor, kündigte man mir die Wohnung,

weil ich die Miete schuldig blieb, und ich

stand auf der Strasse. Nun muss ich erneut

schauen, wie’s weitergeht, denn das Personalhaus

wird diesen Sommer abgerissen

und ich muss mir etwas Neues suchen,

was nicht einfach ist ohne Arbeit. Meiner

Mutter habe ich kürzlich zum Geburtstag

die Küche geputzt – ein Geschenk, das

nichts kostete und beiden von uns Freude

machte.»

1/10 Nachbarn Caritas

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Armut halbieren

«Ich möchte wieder

einmal Zeit für

mich selber

haben»

Mit 44 Jahren nochmals eine Ausbildung anzupacken,

braucht Energie. Wenn auch noch Kinder da sind, die es

ohne Partner grosszuziehen gilt, wird der Alltag erst recht

zur Herausforderung. Die Mutter dreier Teenager fühlt sich

oft ziemlich alleine.

«Als Kind verbrachte ich viel Zeit im Spital

– am Krankenbett meiner Mutter, die

an Multipler Sklerose litt. Dass ich mich

als junges Mädchen für den Beruf der Pflegeassistentin

entschied, ist deshalb sicher

kein Zufall. Nach der Heirat, als die Kinder

kamen, habe ich dann allerdings im

Service gearbeitet und als Putzfrau. Das

war hart. Als nach der ersten Ehe auch

die zweite Partnerschaft scheiterte, stand

ich alleine mit der Verantwortung für drei

Kinder da, ohne rechten Job. Via RAV

habe ich dann einen Pflegekurs absolvieren

können. Heute habe ich einen Teilzeitjob

in einem Altersheim, der mir sehr gefällt.

Zum Lohn kommt noch die Alimente

dazu; damit kommen wir gerade so über

die Runden. Ausserordentliche Ausgaben

sind stets ein Problem. Einmal in der Woche

besuche ich eine Abendschule, weil ich

Fachfrau Gesundheit werden möchte. All

das zusammen – Familie, Haushalt, Beruf,

Ausbildung – ist sehr viel. Ich muss immer

aufpassen, dass ich mich nicht überfordere.

Freizeit habe ich so gut wie keine.»

8 Caritas Nachbarn 1/10


«Ich möchte

Koch werden

wie mein Vater»

Der Wechsel von der Volksschule in die Lehre ist anspruchsvoll.

Beim ersten Anlauf ist der 17-Jährige nach einem Jahr

wieder ausgestiegen. Nun sucht er motiviert eine neue Lehrstelle.

Er weiss jetzt, dass er nicht aufgeben darf – auch bei

Schwierigkeiten nicht.

«Als Kind habe ich oft meinem Vater in der

Küche geholfen. Das hat mir gefallen. Ich

habe damals viel Zeit im Restaurant verbracht,

das meine Eltern zusammen geführt

haben. Die Hausaufgaben habe ich

meistens bei einem Handwerker in der

Nachbarschaft gemacht, in dessen Werkstatt

ich mich wohl fühlte. Er unterstützt

mich auch jetzt noch, er hat mir zum Beispiel

den Zugang zum Rudersport ermöglicht.

Dieser ist mir sehr wichtig, speziell

jetzt, wo ich arbeitslos bin. Meine Kochlehre

habe ich nach dem ersten Jahr wieder

abgebrochen, weil mir alles über den

Kopf gewachsen ist: die Erwartungen des

Lehrbetriebs, der Stoff der Berufsschule,

einfach alles. Jetzt suche ich einen neuen

Lehrbetrieb und hoffe, dass es klappt. Ich

will es durchziehen dieses Mal, unbedingt.

Schliesslich möchte ich später einmal auf

eigenen Beinen stehen, und Kochen macht

mir nach wie vor Spass. Essen übrigens

auch! Obwohl meine Eltern beide aus dem

Mittelmeerraum stammen, ist mein Lieblingsgericht

‹Ghackets mit Hörnli›.»

Texte: Ursula Binggeli; Fotos: Urs Siegenthaler

1/10 Nachbarn Caritas

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Caritas St.Gallen

Caritas St.Gallen im Jahr 2009

Zum zweiten Mal möchten wir Ihnen im Rahmen unseres Magazins «Nachbarn» das Jahresergebnis

präsentieren. Damit wollen wir Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, sowie unseren

Spenderinnen und Spendern Rechenschaft über unsere Arbeit und den Mittel einsatz

ablegen.

Caritas St.Gallen: in Kontakt mit der Bevölkerung.

Sanierung eingeleitet!

Bericht des Geschäftsleiters

Das Betriebsjahr 2009 muss als stürmisch

bezeichnet werden. Nach einer ersten Analyse

der Geschäftsaktivitäten und der Finanzlage

konnten die notwendigen Sanierungsschritte

eingeleitet werden. Diese

werden sich aber erst im Jahr 2010 mit

einem ausgeglichenen Budget finanziell

auswirken.

Das Jahr 2009 wurde mit einem Defizit

von Fr. 179 236.55 abgeschlossen. Dank

einem grosszügigen Liquiditätskredit der

kath. Administration konnte diese schwierige

Situation gut gemeistert werden. Die

Spenden sind dank der grosszügigen Unterstützung

unserer Spenderinnen und Spender

stabil geblieben.

Als Problem erwies sich der Leistungsauftrag

der Kontaktstellen für Asylbewerber

mit dem Ausländeramt des Kantons

St.Gallen. Die Verdoppelung der Asylbewerberzahlen

im zweiten Halbjahr 2008

führte bis Ende 2009 zu effektiven Mehrkosten

von Fr. 315 728.30. Da der Kanton

als Leistungsauftraggeber nicht bereit

war, auf den eingereichten, mit dem Anstieg

begründeten Nachtragskredit einzutreten,

wurde dieser Leistungsauftrag auf

Ende 2009 gekündigt. Gleichzeitig musste

die Zusammenarbeit mit HEKS im Bereich

Rechtsberatung für Asylsuchende nach dem

Rückzug von Caritas Schweiz als Mitfinanzierer

ebenfalls aufgegeben werden, was wir

sehr bedauern. Die kath. Administration

wird dieses wichtige Projekt aber weiterhin

mit 60 000 Franken unterstützen.

Zur Sanierung der Caritas-Finanzen

mussten bei zwei weiteren Projekten einschneidende

Einsparungen vorgenommen

werden. So wurde die Mitfinanzierung der

Fachstelle Begleitung in der letzten Lebens-

10 Caritas Nachbarn 1/10


Bilanz per 31. Dezember

Bilanz per 31. Dezember

Bilanz per 31.Dezember in CHF 2009 2008

Aktiven 965 052.03 649 884.15

Umlaufvermögen 911 376.03 588 858.15

Flüssige Mittel 412 070.67 124 118.62

Forderungen 435 164.81 334 588.69

Vorräte 28 737.00 33 858.00

Aktive Rechnungsabgrenzung 35 403.55 72 388.25

Personalvorsorge und Versicherungen 0.00 23 904.59

Anlagevermögen 53 676.00 61 026.00

Sachanlagen 3 675.00 11 025.00

Finanzanlagen 50 001.00 50 001.00

phase (BILL) durch die regionalen Hospizgruppen

Freiwilliger respektive ihrer

Trägerschaften heftig diskutiert. Die Finanzierung

dieser Fachstelle ist immer stärker

zu Lasten der allgemeinen Caritas-Rechnung

erfolgt, da das Hospizgruppennetz

St.Gallen-Appenzell in den vergangenen

Jahren auf erfreuliche 15 Regionalgruppen

mit Freiwilligen angewachsen ist. Leider

ist es nicht möglich, solch grosse Netzwerke

einzig aus den zentralen Geldern der

kath. Administration zu finanzieren. Damit

die se wichtige Freiwilligenarbeit für

Schwerkranke und Sterbende durch die

Fachstelle BILL unterstützt werden kann,

sind wir auf die regionale Mitfinanzierung

der kath. und evang. Kirchgemeinden und

weitere Gönner angewiesen.

Die Sozialberatung der Caritas St.Gallen

konnte dank einem neuen Leistungsauftrag

mit Caritas Schweiz für eine regionale

Schuldenberatung St.Gallen/Appenzell ab

Sommer 2010 gesichert werden.

Damit sind die Segel für eine positive Zukunft

der Caritas St.Gallen neu gesetzt. Dafür

waren personelle und finanzielle Konsequenzen

bei den zentralen Diensten und in

verschiedenen Projekten notwendig.

Unseren zahlreichen Freiwilligen, den

Spenderinnen und Spendern sowie den vielen

langjährigen Gönnerinnen und Gönnern

unserer Arbeit danken wir herzlich

für die Treue und Unterstützung.

Den ausführlichen Jahresbericht gemäss

Rechnungslegung nach Swiss GAAP FER21

und den Grundsätzen der schweizerischen

Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, spendensammelnde

Institutionen (ZEWO) können

Sie einsehen unter

www.caritas-stgallen.ch.

Bestellungen an

Caritas St.Gallen, Teufener Strasse 11,

9000 St.Gallen

Passiven 965 052.03 649 884.15

Kurzfristiges Fremdkapital 526 514.10 347 766.75

Finanzverbindlichkeiten –.– 19 000.00

Kreditoren 470 673.25 279 956.30

Kontokorrent 510.05 2 769.00

Passive Rechnungsabgrenzung 55 330.80 46 041.45

Langfristiges Fremdkapital 318 145.15 –.–

Finanzverbindlichkeiten 300 000.00 –.–

Rückstellungen 18 145.15 –.–

Betriebsrechnung

Eigenkapital 120 392.78 302 117.40

Fondskapital 299 482.02 301 970.09

Organisationskapital -179 089.24 147.31

Betriebsrechnung

01.01. – 31.12.2009 01.01. – 31.12.2008

Ertrag 3 414 066.79 3 389 183.68

betriebliche Erträge 3 402 985.41 3 378 344.87

Spenden / Zuwendungen 198 458.36 207 832.05

Beiträge 2 269 395.95 2 184 638.45

Verkaufserlöse / Projekterlöse 935 131.10 985 874.37

Finanz- und übriger Ertrag 11 081.38 10 838.81

Finanzertrag 4 850.98 2 454.66

übriger Ertrag 6 230.40 8 384.15

Aufwand 3 595 791.41 3 377 739.26

operativer Aufwand 3 186 483.74 2 773 985.09

direkte Projektzahlungen 702 886.94 722 342.89

Personalaufwand 2 074 900.45 1 644 630.84

Sachaufwand 353 586.50 344 320.61

Reise- und Repräsentationskosten 46 643.90 55 562.90

Abschreibungen 8 465.95 7 127.85

administrativer Aufwand 386 024.23 564 920.35

Sammelaufwand 96 987.75 80 156.90

Personalaufwand 170 178.85 335 050.55

Sachaufwand 112 577.43 138 533.40

Reise- und Repräsentationskosten 6 280.20 11 906.10

Abschreibungen –.– -726.60

Finanz- und übriger Aufwand 23 283.44 38 833.82

Finanzaufwand 160.64 4 395.37

übriger Aufwand 23 122.80 34 438.45

Fonds- Organisationskapitalszuweisungen -181 724.62 11 444.42

an zweckgebundene Fonds -2 488.07 66 182.97

an Organisationskapital -179 236.55 -54 738.55

Sammelaufwand 2.7 % 2.4 %

Administrationsaufwand 10.7 % 16.7 %

jeweils gemessen am Gesamtaufwand

Text Heinz Mauch; Bild: Caritas St.Gallen

1/10 Nachbarn Caritas

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Caritas St.Gallen

Projekte konzipieren und umsetzen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im diakonischen Bereich leisten auf unspektakuläre Weise

wichtige Arbeit in ihren Pfarreien und Kirchgemeinden. Die Tätigkeit der Caritas St.Gallen

konzentriert sich auf die Förderung der dafür benötigten Kompetenzen. Ausbildungen, Projektberatungen

und Austauschplattformen stehen im Zentrum. 2009 brachte die erstmalige

Durchführung des Diakonieforums als breit angelegten Lern- und Austauschanlass.

Wahrnehmen, handeln, verändern,

wurzeln

Am Diakonieforum wurde der neu geschaffene

ökumenische Träger zum Thema

«Diakonie» erstmals dem Publikum vorgestellt.

Unter vier zentralen Begriffen wird

kurz und mit Blick auf die Praxis das diakonische

Selbstverständnis entwickelt. Der

gehaltvolle Träger dient als Gesprächsgrundlage

in Räten, Vorsteherschaften,

Seelsorgeteams, im Religionsunterricht

und in der Erwachsenenbildung. Interessierte

können den Träger direkt bei der

Caritas St.Gallen (Tel. 071 577 50 10, Mail:

info@sg.caritas.ch) oder über ihre Pfarrei/

Kirchgemeinde bestellen.

Als Fachstelle für Diakonie des Bistums

St.Gallen versteht sich die Caritas St.Gallen

getragen und in die Pflicht genommen.

«Die vielfältigen Kontakte mit den professionellen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

und mit den Freiwilligen sind eine unverzichtbare

Ebene für die Ausrichtung der

Fachstelle.» Dem Schlusssatz des Berichtes

2008 wurde auch im vergangenen Jahr konsequent

nachgelebt.

Diakonieforum Flawil

Der erste Anlass am 2. Mai 2009 in Flawil

wurde mit 270 Besuchern ein Erfolg. Die

Gedanken zur Diakonie von Josef Brantschen,

die Inputs von zwei Mittelschülerinnen,

die im Rahmen ihrer Projektarbeit

einige Tage ohne Geldmittel «uf der

Gass» verbrachten, die WOW-Inputs von

Manfred Gehr und der gemeinsame Austausch

im Rahmen des World Café boten

vielfältige Ideen und Ermutigungen. Die

grosse Mehrheit zeigte sich vom Gebotenen

Erstes Diakonieforum mit 270 motivierten Teilnehmenden

und Erlebten rundum zufrieden gestellt.

Mit der Präsenz von Dr. Dölf Weder, Kirchenratspräsident

der evangelischen Landeskirche,

und Bischof Markus Büchel am

Podiumsgespräch und bei der aktiven Teilnahme

am World Café wurde Ökumene

überzeugend zum Ausdruck gebracht. Einer

zweiten Durchführung steht von Seiten

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

nichts entgegen.

Akzente 2009

Otmarsjahr 2009: Der Otmarsbrunnen

sprudelt für neue Projekte

Zum Diakonieschwerpunkt 2009 wurde

vom Bistum und vom Konfessionsteil ein

Fonds eröffnet, der Pfarreien und Seelsorgeeinheiten

den Start oder die Erweiterung

diakonischer Projekte mit Freiwilligen erleichtert.

Caritas St.Gallen leistete mit zahlreichen

Impulsen zur «Toolbox-CD» ihren

Beitrag. Die CD enthält viele Hilfsmittel

und Anregungen für soziale Aktionen mit

Gruppen und Seelsorgeeinheiten.

Tag der Armut 09

Rührei dampft zum Rekord

8000 Eier mit einem Gewicht von 530

Kilogramm wurden am 17. Oktober in einer

riesigen Pfanne zum grössten Rührei

der Welt. Die Aktion einer Gruppe Armutsbetroffener

sollte ein Zeichen zur Überwindung

von Armut und Ausgrenzung setzen.

Beglaubigt wurde das Rekord-Rührei durch

die St.Galler Kantonsrätin Helga Klee und

den Flawiler Gemeindepräsidenten Werner

Muchenberger. Das Komitee des Guinness-

Buches hat den Rekord anerkannt.

2. Lehrgang Diakonie-Animation

Gestartet im September 2008, Abschluss

Januar 2010, trafen sich die acht Teilnehmenden

an 21 Tagen zum intensiven Lernaustausch.

Die Schaffung eines Teilpensums

von 50 Prozent für Diakonie-Animation in

der Seelsorgeeinheit Uzwil weist auf den

vorhandenen Bedarf hin.

12 Caritas Nachbarn 1/10 Text: Heinz Mauch; Bild: Caritas St.Gallen


Interesse

vorhanden

Im Jahr 2002 geschaffen, hat die Fachstelle

«Begleitung in der letzten Lebensphase»

(BILL) inzwischen ein Netzwerk

von 14 regionalen Hospizgruppen in den

Kantonen St.Gallen und Appenzell aufgebaut.

Rasch und professionell

Mit der Anlaufstelle bietet Caritas St.Gallen ein niederschwelliges Beratungsangebot

(Intake / Soforthilfe / Triage) für Menschen in einer Notsituation, welche eine

rasche und unbürokratische Hilfeleistung benötigen.

Regina Bayer – engagierte Ausbildnerin

Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich Caritas

St.Gallen in der Ausbildung und Betreuung

von Freiwilligen in der Sterbebegleitung.

2009 haben die im Netzwerk

organisierten 100 Freiwilligen 62 sterbende

Menschen und ihre Angehörigen begleitet.

Netzwerk wächst

2009 konnten zwei neue Hospizgruppen

im Netzwerk begrüsst werden. Die Hospizgruppe

«Toggenburg-Neckertal» startete

mit 21 Frauen, und im Appenzeller

Vorderland entwickelte sich aus dem Auftrag

des Forums «Palliative Care» eine weitere

Gruppe. Das Anwachsen des Netzes

spiegelt erfreulich das vorhandene Interesse

und ist Verpflichtung, die erreichten Qualitäten

zu bewahren und gezielt weiterzuentwickeln.

Akzente 2009

Grundkurs «Nahe sein in schwerer Zeit»,

Region Rorschach/Goldach und in Wartensee,

52 Teilnehmende

Aufbaukurs «Religiös-spirituelles Begleiten»,

15 Teilnehmende

Bildungsplattform Palliativzentrum

SG: Die Fachstelle «BILL» der Caritas

St.Gallen wird mit der Kompetenz im Hospizbereich

anerkannt, sowohl kantonal als

auch national. Die erarbeiteten verbindlichen

Qualitätsstandards wirken pionierhaft.

Trauercafé am Kantonsspital SG: Mitbeteiligung

an Aufbau und Durchführung

dieses monatlichen Angebots.

Ob telefonisch oder unangemeldet am

Schalter der Caritas St.Gallen, Hilfesuchende

finden hier kompetente Ansprechpartner.

Die Aufgaben der Sozialberatung

der Caritas St.Gallen sind unterteilt in

Kurzkontakte, längerfristige Beratungen

und Unterstützung von Klienten anderer

Institutionen.

Im Vordergrund steht dabei meist eine

materielle Notlage. Die betreffenden Menschen

erhalten nicht nur eine materielle Soforthilfe,

sondern werden darüber hinaus

gezielt an entsprechende Beratungs- und

Hilfsangebote weitervermittelt (Triage).

Facts and Figures 2009

Kurzkontakte total: 643

Dossiers total: 125

Unterstützungsauszahlungen: Fr. 66 000

Rückzahlungen oder Beiträge: Fr. 18 000

Beiträge von Stiftungen: Fr. 10 000

Gesuche von Beratungsstellen: 27

Übersicht nach Zivilstand, Konfession, Herkunft

Telefonische und direkte Beratung

Akzente 2009

Aktion «GuteScheine», Stadt St.Gallen

Aus der Steuerrückvergütung der Stadt

St.Gallen an ihre Einwohner in Form von

Gutscheinen im Wert von 50 Franken entstand

die Aktion «GuteScheine». Die Aktion

basierte auf der Idee, den Gutschein nicht

nur für den kommerziellen Konsum zu gebrauchen,

sondern diesen an in der Stadt tätige

soziale Institutionen zu spenden. Caritas

St.Gallen erhielt 120 Gutscheine. Die Sozialberatung

unterstützte damit Menschen aus

St.Gallen in besonderen Notlagen. Ein Teil

davon wurde im Caritas-Markt in Einkaufsgutscheine

zu je 10 Franken aufgeteilt. Auf

diese Weise konnten noch mehr Menschen

von der guten Idee profitieren.

Perspektive 2010

Die Aufgabe «Schuldenberatung für die Region

St.Gallen/Appenzell» wurde als neuer

Leistungsauftrag mit Caritas Schweiz von Caritas

St.Gallen übernommen. Mit der neuen

zusätzlichen Schwerpunktsetzung wurde die

Sozialberatung personell gesichert.

Texte: Heinz Mauch; Bilder: Anzeiger St.Gallen, Caritas St.Gallen; Grafiken: Franz Niederer, Caritas St.Gallen

1/10 Nachbarn Caritas

13


Caritas St.Gallen

Erhöhter Bedarf

Was sich bereits 2008 abzuzeichnen begann, wurde 2009 Wirklichkeit. Der erhöhte Zustrom

von Asylsuchenden führte zu einer verstärkten Zuweisung von anerkannten Flüchtlingen in

das Integrationsprogramm der Caritas St.Gallen.

Angebotsübersicht 2009

• Einzelcoachings: 76 Teilnehmende

• Bewerbungskurs: 3 Angebote,

31 Teilnehmende

• PC-Einführungskurs: 4 Angebote,

25 Teilnehmende

• Soziale Informationen: 3 Angebote,

30 Teilnehmende

• Mentoring: 2 Angebote,

15 Teilnehmende

Das Engagement des Bereiches «Arbeit und

Integration» basiert auf dem Leistungsauftrag

des Kantons St.Gallen. Dieser lautet:

«Unterstützung von anerkannten Flüchtlingen

bei der Suche nach einer Arbeitsstelle».

Die stellensuchenden Flüchtlinge

werden vom Flüchtlingsdienst in das Projekt

«Arbeit und Integration» überwiesen.

Hintergrund

Veronika Longatti und Pedro Sutter bei der Zwischenauswertung

des Mentoringprogrammes 2008–2009

Mit Schulungsmodulen und Einzelbegleitung

unterstützt Caritas St.Gallen die ihr

zugewiesenen Personen. 2009 wurde das

Jahressoll von 35 Teilnehmenden bereits

Ende Mai erreicht. Der Kanton St.Gallen

ersuchte aus diesem Grund um eine Aufstockung

des Projektes um 50 zusätzliche

Plätze für die Periode September 2009 bis

Herr D. ist Flüchtling aus Tibet. Er ist 46-jährig und seit Oktober 2007 in der Schweiz.

In Tibet lebte er als Nomade von der Viehzucht und arbeitete später als Küchenhilfe

und Verkäufer. Seine Frau starb 2001 auf dem Weg vom abgelegenen Dorf ins

nächs te Spital. Herr D. hat zwei Kinder, 12- und 10-jährig, die bei seinen Eltern in Tibet

leben. Seit Mai 2009 hat Herr D. keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Er hat

damals sein Natel verloren, auf dem alle Nummern seiner Familienangehörigen in Tibet

gespeichert waren. Da es auch keine Postadressen gibt, wartet Herr D. darauf,

dass ein Kollege von ihm nach Tibet reist. Bei uns in der Schweiz nimmt Herr D. an

Integrationsmassnahmen teil und sucht mit Unterstützung von Caritas St.Gallen intensiv

nach einer Arbeitsstelle.

Juni 2010. Caritas St.Gallen konnte mit der

Neuverteilung von Arbeitskapazität rasch

reagieren und den erweiterten Auftrag umgehend

starten.

Resultate 2009

Insgesamt nahmen 82 Flüchtlinge an diversen

Kursmodulen teil. 34 Teilnehmende

traten in diesem Jahr aus dem Projekt aus.

Von diesen fanden 11 Personen eine Arbeitsstelle

im ersten Arbeitsmarkt, 4 Teilnehmer

eine unbefristete Festanstellung,

5 Personen eine Anstellung mit befristeten

Arbeitsverträgen und 2 Teilnehmer eine

Anstellung im Rahmen von Temporärarbeit.

2010 – Veränderungen in Sicht

Im laufenden Jahr organisiert der Kanton

St.Gallen den Flüchtlingsbereich neu. Der

Leistungsauftrag an den Verein Flüchtlingsdienst

wurde 2009 durch den Kanton

gekündigt. Ab 2010 werden die Gemeinden

für die Betreuung der anerkannten Flüchtlinge

zuständig sein. Neben der Auszahlung

der Sozialhilfe werden die Gemeinden

auch für die Integrationsmassnahmen

der Flüchtlinge die Verantwortung übernehmen.

Das Projekt «Arbeit und Integration»

ist in seiner jetzigen Form noch bis

Juni 2010 gesichert.

14 Caritas Nachbarn 1/10 Text und Bild: Heinz Mauch


FemmesTISCHE für Migrantinnen –

eine Erfolgsgeschichte

Der Start von FemmesTISCHE, einem Projekt im Bereich «Gesundheit und Integration»

für Migrantinnen, im Herbst 2008 führte bis Ende Jahr zu einem motivierten Kreis von

engagierten Frauen, die als Moderatorinnen im Projekt mitwirken.

Anfragen

Die Erfahrung zeigt, dass das Fachwissen

der Fachstelle bezüglich transkultureller

Prävention, interkultureller Vermittlung

und Zugang zu schwer erreichbaren Zielgruppen

gefragt ist (Anfragen von Ärzten

und Sozialdiensten für Kontaktvermittlungen).

Ellen Glatzl (links), Projektverantwortliche FemmesTISCHE,

geniesst die Pause bei einem Moderatorinnentreffen.

Geburtsvorbereitung für Migrantinnen

16 Frauen besuchten einen Geburtsvorbereitungskurs.

Zwei der sechs geplanten

Kurse wurden aufgrund mangelnder

Nachfrage abgesagt. Die Veränderungen

im Flüchtlings- und Asylbereich und die

drastisch angestiegene Zahl von Asylsuchenden

machten es schwieriger, die Migrantinnen

für Kurse zu erreichen. Die

Ressourcen von Caritas St.Gallen sind für

eine intensive Bewerbung des Angebotes

schlichtweg zu klein.

Grundlage für das Projekt FemmesTISCHE

bildet der Leistungsvertrag mit dem Kanton

St.Gallen vom 30. Januar 2008.

Der hoffnungsvolle Start wurde 2009 zu

einem Erfolg, an dem sich alle Beteiligten

gleichermassen freuen durften. Mit 160

durchgeführten FemmesTISCHEN wurden

888 Migrantinnen erreicht. Die Gesprächsteilnehmerinnen

diskutieren über

Erziehung, Suchtprävention, Ernährung

und Bewegung im familiären Umfeld. Der

Austausch unter Frauen in der gleichen Lebenssituation

führt zu einer Stärkung der

eigenen Erziehungskompetenzen und ermöglicht

so eine verbesserte Integration in

den schweizerischen Alltag. Die Gesprächsrunden

wurden in den Sprachen Albanisch,

Türkisch/Kurdisch, Serbisch/Kroatisch/

Bosnisch, Englisch, Französisch, Amharisch,

Tamil, Spanisch, Italienisch, Somalisch,

Portugiesisch und Hindi durchgeführt.

Die Erfahrung im ersten Jahr zeigt, dass

das Begleiten und Beraten der Moderatorinnen

eine zentrale und geschätzte Aufgabe

der Standortleitung ist. Die Erweiterung

des Projekts über die gegenwärtigen

Regionen hinaus steht für die nahe Zukunft

im Zentrum. Der Wegfall der Anschubfinanzierung

durch Integrationsfördermittel

von Bund und Kanton ab 2011 führt dazu,

dass sich die entsprechenden Gemeinden

und Regionen finanziell am Projekt beteiligen.

Akzente 2009

Bildungsveranstaltungen

Auch 2009 engagierte sich die Fachstelle

Gesundheit und Integration (G&I) mit

eigenen Veranstaltungen und im Rahmen

von Lehrgängen. Beispiele: Weiterbildung

Notfallpflege; Höhere Fachschule

für Pflege, St.Gallen; Interreligiöser Dialog,

Heerbrugg.

Auswertung 1 Jahr FemmesTISCHE

durch Claudia Ammann

Texte: Heinz Mauch; Bilder: Caritas St.Gallen

1/10 Nachbarn Caritas

15


Caritas St.Gallen

Caritas-Markt – neue Perspektiven

Der Stellenantritt von Karina Barp als Ladenleiterin am 1. Februar 2009 beendete eine

mehrmonatige Übergangsphase. Die ausgewiesene Nachfrage führt zur Prüfung weiterer

Standorte für Caritas-Märkte im Kanton St.Gallen.

Wer darf einkaufen?

Der Einkauf im Caritas-Markt ist nur

mit der Caritas-Markt-Karte möglich.

Die Abgabe dieser Karte erfolgte in den

vergangenen Jahren über die folgenden

Kanäle:

24 Prozent Sozialämter, 21 Prozent Caritas

St.Gallen, 11 Prozent AHV/IV/EL-

Zweigstelle, 9 Prozent Familienberatung,

9 Prozent katholische Hilfswerke.

Abgabestellen im Umfang von 1 bis 2

Prozent sind unter anderem das RAV,

die Pro Senectute, die Suchtfachstelle,

der Flüchtlingsdienst oder die Winterhilfe.

Mitarbeitertreffen: Einsatzplanung

Standortbedingungen

Die engen finanziellen Möglichkeiten der

Kundschaft des Caritas-Marktes müssen

bei der Standortwahl berücksichtigt werden.

Gute Erreichbarkeit mit öffentlichem

Verkehr im Zentrum von Regionen/Agglomerationen

erleichtert der Kundschaft den

Zugang und sorgt für genügend Umsatz,

um das Projekt über Spendenunterstützungen

hinaus tragfähig zu halten. Ohne

Spenden (Geld, Zeit, Waren) geht es jedoch

nicht.

Kundenumfrage 2009

Die Kundenumfrage 2009 des Caritas-

Marktes St.Gallen in der Region St.Gallen

zeigt es deutlich: Das Angebot des Caritas-

Marktes spielt für Menschen mit finanziell

eingeschränkten Möglichkeiten eine wichtige

Rolle. 84 Prozent der Kunden sind mit

dem Angebot des Marktes zufrieden, 9 Prozent

sind sehr zufrieden, 7 Prozent machten

dazu keine Angaben.

Kundenherkunft: 82 Prozent der Kundschaft

stammen aus der Stadt St.Gallen,

5 Prozent aus der Agglomeration, 4 Prozent

aus dem Grossraum St.Gallen und

3 Prozent aus dem nahen Kanton Appenzell

Ausserrhoden. Die verbleibenden

6 Prozent kommen aus weiter entfernten

Gemeinden.

48 Prozent der Kunden sind Schweizer,

20 Prozent stammen aus Osteuropa, 6 Prozent

aus Westeuropa, 9 Prozent aus dem

asiatischen Raum und 4 Prozent aus Afrika.

Bei 13 Prozent der Besucher fehlt die genaue

Herkunftsangabe.

Kundenfrequenz: Täglich besuchen rund

120 Personen den Laden an der Davidstrasse.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Im Unterschied zu anderen Caritas-Märkten

in der Schweiz wird der Markt in

St.Gallen nicht als Angebot für Arbeitslose

geführt. Den Markt in St.Gallen betreiben

neben der zu 80 Prozent angestellten Ladenleiterin

über dreissig freiwillige Frauen

und Männer. Sie spenden einen Teil ihrer

Zeit und kommen so umgerechnet auf einen

Spendenwert von 140 000 Franken im

Jahr. Ohne sie wäre der Betrieb nicht möglich.

Regionale Lieferanten

Caritas-Markt St.Gallen

Folgende Anbieter beliefern den

Caritas-Markt St.Gallen zu vorteilhaften

Bedingungen:

Schwyter Bäckerei, St.Gallen

Manor, St.Gallen

Mamis Windelmarkt, Oberuzwil

H. Götti AG, Registrierkassen, St.Gallen

Scheco AG, Kühltruhen, Winterthur

16 Caritas Nachbarn 1/10 Text: Heinz Mauch; Bild: Caritas St.Gallen


Fit werden für den

ersten Arbeitsmarkt

Hochwertige Bauteile für die Wiederverwendung erhalten und verkaufen, so lautet die zentrale

Tätigkeit des Rebau-Marktes. Hinter der Ausübung der praktischen Auftragserfüllung

steht dann als zentrale Führungsaufgabe die Betreuung von Langzeitarbeitslosen mit dem

Ziel der Wiedereingliederung in den ersten Arbeitsmarkt.

Überblick Zuweisungen

2000–2009

Wil: 72 Zuweisungen

Gossau: 21 Zuweisungen

Abtwil-Gaiserwald: 20 Zuweisungen

Flüchtlingsdienst St.Gallen: 15 Zuweisgungen

12 weitere Gemeinden, die IV St.Gallen

und weitere Institutionen gehören ebenfalls

zu den zuweisenden Kunden.

Von Kennern geschätzt! Der Rebau-Laden an der Davidstrasse in St. Gallen

Bereits die Demontage der Bauteile verlangt

von den Mitarbeitern einiges an Flexibilität

und Aufmerksamkeit. Im Unterschied

zum Abbruch geht es darum, die Bauteile

so schonend wie möglich abzubauen. Je

besser das gelingt, umso weniger Ausbesserungsarbeit

oder Materialverlust ist zu verzeichnen.

Bevor ein Ausbau durchgeführt

wird, erfolgt eine Beurteilung der Teile. Die

Bauteile werden in den Werkstätten des Rebau-Marktes

gereinigt und im Bedarfsfall

repariert. Frisch aufbereitete Bauteile werden

dann im Rebau-Laden verkauft. Alle

diese Aktivitäten des Rückbaus sind die Basis

der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen

Ausrichtung des Betriebes. Die

Projektteilnehmer 2009

Mitarbeiter: 21

Mitarbeiterinnen: 8

Total: 29

praktische Arbeit bietet die Grundstruktur

für das Angebot für Erwerbslose. Der

Rebau-Markt bietet 14 Arbeitsplätze mit einer

maximalen Dauer von 12 Monaten und

einer Ausrichtung auf jeweils maximal 80

Stellenprozente. Ziel des Engagements: Reintegration

in den ersten Arbeitsmarkt.

Der Rebau-Markt bietet eine individuell

ausgerichtete Betreuung der Mitarbeitenden.

Dabei werden über die

Stellensuche hinaus je nach Bedarf

Massnahmen für die Verbesserung

der Leistungsfähigkeit und der allgemeinen

Lebensqualität erarbeitet.

Leistungsüberprüfungen

2009 wurden die Dienstleistungen

des Rebau-Marktes auf der Basis

der Vollkosten neu berechnet und

den Gegebenheiten angepasst. Im

Rahmen dieses internen Projektes

wurde das gesamte Leistungsangebot

überprüft und das Konzept der Marktsituation

angepasst. Mit den daraus resultierenden

Dienstleistungen und Tarifen

wurde eine solide Grundlage geschaffen,

die von den Marktpartnern (Gemeinden,

Kanton) akzeptiert wird.

Neu wurde im vergangenen Jahr der

Fokus bei der Neueinstellung von Mitarbeitenden

auf eine vertiefte Anfangsabklärung

(«Anamnese») gelegt. Ziel der neuen

Schwerpunktbildung ist eine von Beginn an

verbesserte Betreuung der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter. Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit

des Betriebes hat sich über

die Jahre gefestigt und die Gemeinden würdigen

das mit wiederholten Zuweisungen.

Alles an seinem Platz. Korrektes Arbeiten bis ins Detail.

TText: Heinz Mauch; Bilder: Caritas St.Gallen

1/10 Nachbarn Caritas

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Persönlich

Floriana Frassetto

Die gebürtige Italienerin studierte an

der Theater-Akademie in Rom. Als sie

Andrès Bossard und Bernie Schürch

kennenlernte, gründete sie mit ihnen

1972 die Theatergruppe Mummenschanz.

Seither hat sie das weltweit erfolgreiche

Repertoire von Mummenschanz

miterfunden, mitgestaltet und

in allen Produktionen mitgespielt.

«Wir Menschen fühlen gleich,

unabhängig von Nationalitäten»

Floriana Frassetto ist Gründungsmitglied der Theatergruppe Mummenschanz.

Für Caritas beantwortet sie zehn Fragen.

Was würden Ihre Nachbarn über Sie

sagen? Man sieht sie wenig. Sie ist auf der

ganzen Welt zuhause.

Wann sind Sie glücklich? Wenn ich jeweils

meine Familie wiedersehe und wenn

ich aus dem Publikum ein spontanes, herzliches

Lachen höre, das übrigens auf allen

Kontinenten gleich tönt. Das zeigt mir, dass

wir Menschen unabhängig von Nationalitäten

gleich fühlen.

Wie haben Sie das letzte Mal jemandem

geholfen? Ich führe nicht Buch darüber,

aber ich helfe gerne, wann immer ich

kann.

Welches Erlebnis hat Sie besonders

geprägt? Die Krebserkrankung meines

Lebenspartners.

Warum braucht es Caritas? Um Spenden

zu organisieren und damit Menschen

in Not helfen zu können.

Wofür lohnt es sich, zu streiten? Für

Toleranz und gegenseitiges Verständnis.

Was stimmt Sie zuversichtlich? Das

zunehmende Bewusstsein, dass wir unserer

Natur Sorge tragen und mit unseren

Ressourcen verantwortungsvoll umgehen

müssen.

Eine für Sie bedeutende Person in

Ihrem Umfeld? Bertrand Piccard.

Woher stammen Ihre Werte? Aus meiner

Erziehung, der Religion, der Literatur

und der Kunst.

Welche Sünde begehen Sie mit

Freude? Rauchen.

Informationen zur Theatergruppe unter

www.mummenschanz.com

18

Caritas Nachbarn 1/10

Bild: zvg


Caritas-Netz

«Wir brauchen noch mehr Ware»

Drehscheibe Caritas-Warenzentrale: Im luzernischen Rothenburg werden die Produkte,

die in den Caritas-Märkten verkauft werden, akquiriert, bestellt, gelagert und in Zusammenarbeit

mit einem Transportunternehmen in die ganze Schweiz verteilt.

Die Warenzentrale des Caritas-Markts beliefert 19 Caritas-Märkte in der ganzen Schweiz.

Rund 700 000 Liter Milch, gegen 240 000

Kilogramm Mehl, etwa 100 000 Kilogramm

Teigwaren, rund eine Million Joghurts – in

diesen Dimensionen bewegt sich der jährliche

Bedarf der 19 Caritas-Märkte in der

Schweiz. In diesen Märkten können Armutsbetroffene

Lebensmittel und andere

wichtige Produkte zu einem besonders

günstigen Preis einkaufen.

Um solche Mengen zu bewältigen,

braucht es eine Drehscheibe: die Caritas-

Warenzentrale in Rothenburg. Hier arbeitet,

gemeinsam mit rund zehn Personen,

Rolf Maurer, Geschäftsleiter der Genossenschaft

Caritas-Markt. Der langjährige

Coop-Kadermann kennt die Branche:

«Die Caritas-Warenzentrale funktioniert

eigentlich genau gleich wie diejenige eines

normalen Detailhändlers. Wir müssen jedoch

nicht Margen erwirtschaften, sondern

möglichst günstige oder kostenlose Ware

beschaffen.»

Dabei handelt es sich etwa um Produkte

mit Fehlverpackung, Ware, von der zu viel

produziert wurde, oder Lebensmittel mit

kurzem Ablaufdatum. Im Moment beschäftigt

sich Maurer zum Beispiel mit 240 Kilogramm

Hefe, die ihm ein Lieferant gratis

angeboten hat, weil sie ihr Ablaufdatum in

«Früher waren 70 Prozent unseres Angebotes

Gratisware, heute sind es nur noch 40 Prozent.»

drei Wochen erreichen wird: «Wir können

ihm sicher nicht die ganze Menge abnehmen

und müssen sehr schnell handeln, damit

die Hefe, wie alle Angebote in den Caritas-Läden,

noch verkaufsfrisch ist.»

Die Zusammenarbeit zwischen Lieferanten

und Caritas-Warenzentrale hat

sich über die Jahre eingespielt. Heute werden

die Caritas-Märkte von Detailhändlern

und Produzenten nicht mehr als potenzielle

Konkurrenten betrachtet: «Geben

sie uns ihre Produkte, helfen sie Armutsbetroffenen,

die sich diese in einem anderen

Laden sowieso nicht leisten könnten. Ausserdem

spart sich der Lieferant die Entsorgung

der Ware, die er nicht mehr verkaufen

kann – pro Palette kostet sie 300 bis 500

Franken», erzählt Maurer.

Um bei potenziellen Lieferanten nicht

in Vergessenheit zu geraten, setzt die Warenzentrale

einen Mitarbeiter ein, der sie

laut Maurer «aktiv bearbeitet». Er hat auch

diejenigen Unternehmen im Auge, die nach

wie vor Lebensmittel wegwerfen, die für die

Caritas-Märkte geeignet wären: «Eigentlich

eine Schande», sagt Maurer, «aber wir dürfen

sie nicht anprangern, sondern müssen

sie überzeugen. Wir brauchen noch mehr

Ware.»

Denn die Nachfrage nach den Angeboten

der Caritas-Märkte steigt: 2008 erreichten

sie einen Umsatz von 6,5 Millionen

Franken, 2009 waren es bereits 7,2 Millionen

Franken. Und für 2010 rechnet Maurer

mit einer weiteren Zunahme. Er befürchtet,

dass sich 2010 die Krise weiter auswirkt,

«wenn diejenigen, die ihre Arbeit verloren

haben, beim Sozial amt landen».

Mit dem steigenden Bedarf in den

Märkten wurde das Prinzip, nur Ware zu

verkaufen, welche die Warenzentrale gratis

erhalten hat, aufgegeben. «Vor etwas mehr

als zwei Jahren waren 70 Prozent unseres

Angebots Gratisware, heute sind es nur

noch 40 Prozent», weiss Maurer. Deshalb

kauft die Warenzentrale heute beispielsweise

Grundnahrungsmittel möglichst

günstig ein – verkauft werden sie dann unter

dem Einstandspreis. Damit das möglich

ist, hat man neben den Lieferanten von Gratisware

auch Firmen gesucht, die Produkte

sehr billig abgeben oder den Einkauf sponsern.

«Wir mussten und müssen neue Wege

suchen», sagt Maurer.

Text: Bettina Büsser; Bild: Heinz Dahinden 1/10 Nachbarn Caritas 19


Caritas-Netz

«Restau-Verso» –

Restaurant und Sozialfirma

Als Haushaltsfee

im Einsatz

Mit der Gründung von Sozialfirmen soll die Armut in der

Schweiz wirksam bekämpft werden. Ein Beispiel ist

«Restau-Verso» im jurassischen Délemont.

Vorbereitungsarbeiten in der Küche des Restau-Verso. Bald treffen die ersten Gäste ein.

Im September 2009 öffnete «Restau-Verso»

in der Industriezone des Kantonshauptortes

seine Tore. Neben dem einladenden

Restaurant gehören ein Self-Service, ein

Take-away und ein Traiteur zum Angebot.

Mit der kostenlosen Ausleihe von Velos an

Kunden wird zusätzlich die gesunde Mobilität

gefördert. Die von Caritas Jura ins

Leben gerufene Sozialfirma (siehe Kasten)

eröffnet 16 IV-Bezügern und 3 Küchenprofis

mit Führungskompetenzen neue berufliche

Perspektiven.

Sechs Monate nach der Eröffnung hat

sich das «Restau-Verso» mit rund 70 Mahlzeiten

pro Tag bereits eine treue Kundschaft

geschaffen. Mitarbeitende aus den Betrieben

in der Umgebung, aber auch aus der

Stadt selber nutzen diese Angebote gerne.

Ein Beweis dafür, dass sich wirtschaftliche

und soziale Ansätze durchaus ergänzen

können.

Weitere Informationen unter

www.restau-verso.ch

Was ist eine Sozialfirma?

Eine Sozialfirma ist ein Unternehmen

mit doppelter Zielsetzung: Es schafft

erstens Arbeit für Personen mit Behinderungen

oder Benachteiligungen

auf dem Arbeitsmarkt. Zweitens stellt

das Unternehmen marktgerechte Produkte

und Dienstleistungen her und

deckt so nach der Aufbauphase mindestens

50 Prozent seiner Ausgaben

durch Einnahmen aus dem Verkauf dieser

Produkte. Mindestens 30 Prozent

der Belegschaft sind Personen mit Behinderungen

oder Benachteiligungen.

Alle Arbeitnehmerinnen und Angestellten

haben einen unbefris teten Arbeitsvertrag

und erhalten in der Regel einen

Lohn nach orts- und branchenüblichen

Ansätzen.

Weitere Informationen bei der

Arbeitsgemeinschaft Schweizer

Sozialfirmen (ASSOF):

www.swisssocialfirms.ch

Eine Arbeitsmöglichkeit für

Menschen in prekären Verhältnissen

Ausgesteuert und auf Sozialhilfe angewiesen

zu sein heisst, in äusserst prekären Verhältnissen

zu leben, oft über Jahre hinweg.

Der Integrationsbetrieb «Haushalts-Fee»

der Caritas Thurgau bietet Menschen in solchen

Verhältnissen eine Beschäftigung und

dadurch Stabilität.

In der Küche wird eifrig der Glaskeramikherd

geputzt und hinten im Bad rauscht

die Duschbrause. Ein angenehmer Geruch

von Sauberkeit zieht durch die Maisonette-

Wohnung. Meistens ist niemand zuhause,

wenn geputzt wird. Das kommt den beiden

Mitarbeitenden nicht ungelegen, denn

Anonymität ist ihnen wegen ihrer desolaten

Situation wichtig.

«Ich gehe an jeden Einsatz mit, leite an

und kontrolliere am Schluss die Arbeit»,

sagt die Einsatzleiterin und lässt ihren Blick

prüfend über die Abzugshaube gleiten. Sie

führt auch die Kundengespräche und erstellt

die Einsatzpläne. Das Coaching der

Mitarbeitenden wird durch einen Sozialarbeiter

gewährleistet, der mit den zuweisenden

Gemeinden den Kontakt pflegt.

www.caritas-thurgau.ch/Haushalts-Fee

20 Caritas Nachbarn 1/10 Texte: Adrian Wismann; Bilder: Restau-Verso, Caritas Thurgau; Collage rechts: Martin Blaser


Armut bedeutet Ausgrenzung

und soziale Isolation

Collage: Martin Blaser

1/10 Nachbarn Caritas

19


Kiosk

Armut halbieren – Motion

Veranstaltungen

Ausmass und Entwicklung der Armut in den Kantonen St.Gallen,

Appenzell Innerrhoden und Appenzell Ausserrhoden

Die Regierungsräte werden eingeladen, das Ausmass und die

Entwicklung der Armut im jeweiligen Kanton und in ihren

Gemeinden jährlich in einem Bericht darzustellen.

Begründung der Motion:

Die Armut in der Schweiz und in unseren Kantonen nimmt zu. Ausmass, Entwicklung,

Ursachen und Wirkungen werden jedoch kaum systematisch erfasst.

Das Thema «Armut» ist in der breiten Öffentlichkeit weitgehend tabu.

Aus verschiedenen Untersuchungen wissen wir, dass Armut diverse Ursachen

hat: Wirtschaftliche Entwicklung, Arbeitslosigkeit und Aussteuerung spielen

eine wichtige Rolle; mangelnde Ausbildung hat einen grossen Einfluss auf die

Armut; Frühförderung und die Familienpolitik sind entscheidend, ob Armut «vererbt»

wird; die Steuerpolitik hat Einfluss auf das verfügbare Einkommen; Menschen

mit Migrationshintergrund haben im Allgemeinen geringere Chancen auf

dem Arbeits- und auf dem Lehrstellenmarkt; Raumplanung hat Einfluss auf Integration

oder Ausgrenzung von Armutsbetroffenen. Kurz, Armut und Armutsbekämpfung

sind ein Querschnittsthema.

Mit der raschen Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Zahl von ausgesteuerten

Menschen steigt das Armutsrisiko gegenwärtig stark an. Es ist davon auszugehen,

dass die Zahl der Menschen, die Sozialhilfe beanspruchen müssen, in den

nächsten Jahren ebenfalls stark zunehmen wird. Die Armutsproblematik wird

sich verschärfen, die Sozialhilfeausgaben von Gemeinden und Kanton werden

entsprechend anwachsen.

Um eine kohärente Politik in der Armutsbekämpfung möglich zu machen, ist es

deshalb notwendig, dass die Kantone jährlich die Entwicklung der Armut und

deren Ursachen systematisch darstellen und benennen. Gleichzeitig sollen auch

die negativen Folgen der Armut dargestellt werden. Nur so ist es möglich, dass

die Politiken von Kanton und Gemeinden gezielt präventive Massnahmen zur

Vermeidung von Armut treffen und für Armutsbetroffene adäquate Integrationsund

Förderungsmassnahmen bereitstellen.

Erfolgreiche Spenderumfrage 2009

Ein Prosit den Gewinnern!

Mit einem Rücklauf von 11,4 Prozent

bei 4000 verschickten oder online

heruntergeladenen Fragebogen erwies

sich die Spenderumfrage 2009 als überraschend

erfolgreich. Mit der Umfrage

verbunden war ein Wettbewerb mit dem

Hauptpreis: ein Mittagessen mit

Bischof Markus.

Als Gewinner wurden Charly und Margrit

Wenk (Bildmitte) aus St.Gallen ermittelt.

Es gratulieren (v.r.n.l.): Fridolin Eisenring,

Kanzler; Bischof Markus; Franz Kreissl, Leiter

Pastoral und Bildung; Rolf Steiner,

Geschäftsleiter Caritas St.Gallen

Samstag, 24. April 2010

St.Gallen, am Bohl

(vor dem Waaghaus)

Standaktion

Diakonie: Armut wahrnehmen –

gemeinsam handeln im Bistum

Veranstaltung zu

«Armut halbieren»

Im Rahmen der Kampagne «Armut

halbieren» plant Caritas St.Gallen

sechs regionale Veranstaltungen.

Ziel ist es, das Thema Armut vor Ort

breiter zu diskutieren, sich unter den

bisher engagierten Kreisen stärker

zu vernetzen und zusammen mit Armutsbetroffenen

und Schlüsselpersonen

nächste Schritte in der Region

ins Auge zu fassen.

9. Juni für das Fürstenland und

untere Toggenburg in Uzwil

31. August für das Toggenburg in

Mosnang

2. September für See Gaster in

Uznach

7. September für das Sarganserland

und Werdenberg in Buchs

14. September für die beiden

Appenzell in Teufen

16. September für das Rheintal

und das Dekanat Rorschach in

Widnau

Gesundheit und

Integration

Informationen zu FemmesTISCHE

18. April 2010

Pizol-Care-Tagung, Sargans

St.Galler Begegnungstag

19. Juni 2010

Standaktion

22

Caritas Nachbarn 1/10


Gedankenstrich

Charles Clerc.

Armut halbieren

Nein, ich bin nicht arm. Ich esse gut und

gern (und zu viel), wohne behaglich, kleide

mich anständig (lieber Schurwolle als Polyester);

es reicht für Theater und Konzert,

für Griechenlandferien und Reisen nach

Afrika; für Kino, Bücher und CDs. Die

Steuern sind bezahlt und die Krankenkassenprämien

gehen jeden Monat automatisch

vom Konto ab. Sogar die, obwohl von

Räubern abgekartet, vermögen nicht, mich

in grosse Not zu stürzen.

Mir geht’s gut. Vergleiche ich mich allerdings

mit denen, die am Monatsende

nicht nur gutes Geld bekommen, sondern

auch noch Boni, bin ich wohl ziemlich arm

dran.

Also alles nur relativ? Ist arm, wer sich

nicht so viel leisten kann wie andere?

Etwas komplizierter ist das schon – und

doch wieder ganz einfach: Wer Monat für

Monat die Miete mühsam zusammenkratzen

muss, sich viermal überlegen muss, ob

es für eine neue Hose reicht, von Ferien

zwar träumen darf, aber zuhause bleiben

muss, wem Kino, Bücher, Theater unerschwinglich

sind und wen die Krankenkassenprämien

in den Ruin stürzen, kurz,

wer es mit knapp mehr als 2000 Franken

machen muss, ist arm, kann nicht am heutigen

Leben teilnehmen, wird an den Rand

gedrängt, fällt raus.

700 000 bis 900 000 sollen es in der

Schweiz sein. Immerhin ungefähr ein

Zehntel! Und diese Zahl will Caritas bis

2020 halbieren.

Halbieren hat mit teilen zu tun. Dass,

wer hat, teilen sollte mit denen, die da nicht

haben, ist in jeder halbwegs anständigen

Zivilisation guter Brauch.

Nur, barmherzig teilen, wie einst

St. Martin seinen Mantel, ist recht und gut,

aber in heutigem Sinn nicht wirklich gerecht.

Wirklich gerecht teilen heisst Regeln

aufstellen, die das Recht an der Teilhabe

sichern. Man (das heisst die Politik, letztlich

wir alle) sollte sich mal richtig drum

kümmern. Auch das ist einfach – eigentlich.

Natürlich kostet es etwas: «Vo nüüt

chunnt nüüt.» Aber leisten könnten wir es

uns allemal.

Drum gibt es eigentlich keinen Grund,

nicht zu probieren, die Armut zu halbieren.

Wir sollten es tun.

Tun wir es?

Charles Clerc,

ehemaliger Redaktor

und Moderator Tagesschau

16 Jahre war Charles Clerc als

Redaktor und Moderator der

Tagesschau beim Schweizer Fernsehen

tätig. Sein Markenzeichen

war jeweils sein Schlusssatz

«Und zum Schluss noch dies ...».

Illustration: Melk Thalmannf; Bild: zvg 1/10 Nachbarn Caritas 23


Nationaler Aktionstag

am 24. April 2010

Armut in der reichen Schweiz ist ein

Tabu. Armut kann jeden und jede treffen:

Von Armut bedroht ist, wer arbeitslos

oder krank wird, wer ungenügend

ausgebildet ist, wer drei oder mehr Kinder

hat, wer eine Scheidung durchmacht

oder Opfer einer Wirtschaftskrise

wird.

Vier Bereiche sind im Kampf gegen die

Armut zentral:

Armut erkennen und dokumentieren;

• die Grundsicherung in der Sozialhilfe

landesweit verbindlich regeln;

• Sozialfirmen fördern;

• allen eine Ausbildung ermöglichen.

Am 24. April macht Caritas deshalb

in der ganzen Schweiz auf diese Anliegen

aufmerksam.

Erfahren Sie mehr über die Aktionen

in unserer Region auf Seite 22 oder

unter www.caritas-stgallen.ch.

Samstag, 24. April 2010

St.Gallen und Region

Detailliertes Programm unter: www.caritas-stgallen.ch

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