Niks Wohnung

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Niks Wohnung

Niks Wohnung

Der bleiche Mond hing über den

Dächern der Stadt. In der Ferne

heulte eine Sirene.

Nik hörte ein

Geräusch. Als er

sich umdrehte,

stand die Frau

hinter ihm, das

Licht spiegelte

sich in den

Gläsern. Die

weichen Lippen

passten nicht zu

ihrer Miene.

Er wusste nicht,

weshalb sie

zurückgekehrt

war.

"Danke."


"Das Herz des Mannes

setzte im richtigen Moment

aus, nichts weiter."

Sie schuldete ihm

nichts.

"Diese Männer

waren hinter mir

her", erklärte sie.

"Sie denken, ich

sei etwas

besonderes, eine

Gefahr für die

Stadt." Sie tippte

sich mit dem

Finger an die Stirn.

"Es waren meine

Gedanken, die den

Mann erledigten."

"Klar, du."

Nebelfetzen hingen zwischen den

Häusern. Eine Sekunde hatte Nik das

Gefühl, an einem fremden Ort zu stehen,

dann fand er sich wieder zurecht.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich habe diese

Fähigkeit, in die Köpfe der Leute

einzudringen." Sie sah ihn an. "Sie zu

beeinflussen. Sie zu töten, falls nötig."


"Du blutest. Ich zerstöre alles,

was mir in die Nähe kommt."

"Du kannst dir nicht die Schuld

an allem geben, was in der

Stadt nicht richtig läuft."

Sie wirkte hilflos und verletzlich, dann

erwiderte sie abweisend seinen Blick.

Nik deutete die

Strasse hinunter.

"Ich komme allein klar."

"Wir sollten verschwinden, ehe

uns die anderen erwischen."

"Ich wohne nicht

weit von hier."


Ein Bahnübergang blinkte in

der Nacht.

Die Frau starrte

ihn mit

gerunzelter

Stirn an, dann

nickte sie. "Es

wird nicht lange

dauern, bis sie

uns finden. Sie

finden mich

stets."

Die Geräusche

in ihrem Rücken

wurden zu

einem Murmeln.

Niemand

bewegte sich in

der Strasse. Nik

schnitt ein

Gesicht, er

wusste nicht,

was er erwartet

hatte.

"Alles in

Ordnung mit

dir?"

Sie schüttelte

den Kopf. "Ich

habe nicht viel

geschlafen."

Eine schmale Treppe führte in die

Wohnung. Die Frau schlüpfte aus der

Jacke und hängte sie über einen Stuhl.


"Ich werde mich um die

Wunde kümmern."

Er nahm

eine Flasche

und füllte

zwei Gläser

damit.

"Diese

Männer aus

der Bar, die

hinter dir

her sind,

was sind

das für

welche?"

Es dauerte

eine Weile,

bis sie

antwortete.

"Ich war ihre Gefangene."

"Sie versuchten

herauszufinden,

weshalb ich zu

diesen Dingen

fähig bin."

Ihre Stimme

bebte.

"Du brauchst

nichts zu

erzählen",

erklärte er.

Ihre Finger

strichen über

seine Wange.

Er hielt ihr

eines der

Gläser hin,

doch sie

achtete nicht

darauf.

"Ich kann die Gedanken der Leute

hören. Die ganze Zeit."


"Du glaubst mir nicht." Sie legte eine Hand an seine Stirn, er zuckte erschrocken zusammen unter

der Kälte der Berührung. "Du brauchst dich nicht zu fürchten."

Unvermittelt strömte eine Flut von

Bildern in sein Bewusstsein.

Das Glas glitt aus seinen Fingern und

zersplitterte auf dem Fussboden, als sie

zurückwich.

"Ich komme damit zurecht."

Zitternd schlang

er die Arme um

die Brust.

"Da hast du mir

etwas voraus."

Sie nahm eine

Wolldecke und

legte sie um

seine Schultern.

"Die Kälte gibt

sich nach

einiger Zeit."

Er nickte heftig.

"Ich hätte dich

niemals in die

Geschichte

verwickeln

dürfen", sagte

sie leise.

"Du hast keine Ahnung,

wozu diese Männer in der

Lage sind."


Sie wandte sich

ab, um zu gehen.

Die Musiker einer

Band bewegten

sich auf dem

Bildschirm in

einer Ecke.

"Sie werden dich

wieder einfangen,

Insomnia."

Er wusste nicht,

woher er den

Namen hatte,

doch er wusste,

dass es der

richtige war.

Sie erstarrte, ihre

Schultern bebten.

Plötzlich lag sie in seinen

Armen. Die kalten Lippen

pressten sich auf seinen Mund.

Die Anzeige des

Videogeräts

stand auf 3:00

Uhr.

"Du musst verrückt

sein, mir zu helfen."

"Erzähl mir etwas neues."

"Ich kann die Gläser abnehmen,

falls du es möchtest."

Er schloss die Augen und konzentrierte

sich auf die Empfindung ihres Körpers.


Von draussen

kam das

schleifende

Geräusch des

Aufzugs, Schritte

wanderten durch

den Korridor.

Er achtete nicht

darauf. Die

Mieter des

Hauses folgten

ihrem eigenen

Rhythmus.

Dann berührten

ihn ihre

Fingerspitzen.

Er blickte auf.

Ihre Augen

waren leer, sie

besassen keine

Pupillen.

Er hatte keine

Ahnung, wie es

ihr gelang, sich

mühelos durch

die Strassen zu

bewegen.

"Ich kann verstehen, falls

du nichts mit mir zu tun

haben möchtest."

"Sag bloss nichts, du."

Das Flüstern der Stadt draussen mischte

sich mit dem Geräusch ihrer Leiber auf dem

Laken.


Plötzlich sank sie zurück und blieb reglos liegen.

Als Nik sich aufrichtete, stand der Mann aus der

Bar in der Tür. Mit einem berechnenden Blick

richtete er die Waffe auf Nik.

"Mach bloss keinen

Fehler, klar?"

Seine Augen blieben am Körper der Frau hängen.

Sein Mund verzog sich zu einem Grinsen.

"Du hättest dich besser nicht

in Dinge eingemischt, die

dich nichts angehen."


Die Waffe gab ein Winseln von sich.

Gleichzeitig begann sich der Raum um Nik zu

drehen. Die Geräusche draussen verstummten.

Ohne Eile steckte der

Mann die Waffe weg.

Nik schloss die Augen und sank in

eine tiefe Dunkelheit.

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