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Hochschule Vechta Band 3

Online - Schriftenreihe zur Sozialen Arbeit

Hochschule Ve

Sascha Schierz

Wri(o)te: Graffiti, Cultural Criminology und

Transgression in der Kontrollgesellschaft

VVSWF

Vechtaer Verlag für Studium, Wissenschaft und Forschung


Hochschule Vechta Band 3

Online - Schriftenreihe zur Sozialen Arbeit

School Shooting

Ursachen Sascha Schierz und Hintergründe zu extremen Gewalttaten

an deutschen Schulen

ist Diplom-Sozialwissenschaftler mit einem Schwerpunkt in der

Soziologie sozialer Probleme und sozialer Kontrolle. Er

promovierte in der Pädagogik. Seit Wintersemester 2008 lehrt

er im Fach Soziale Arbeit an der Hochschule Vechta als

Lehrkraft für besondere Aufgaben. Zur Zeit arbeitet er an

soziologischen bzw. kulturwissenschaftlichen Forschungen

rund um den Themenkomplex Anne Kühling Nachtleben und der

Transgression in spätmodernen Gesellschaften bzw. Fragen

urbaner Kontrolle.arbeitet seit 2008 im Bereich der Offenen

Kinder- und Jugendarbeit. Bereits vor und während ihres

Studiums an der Hochschule Vechta engagierte sie sich

mehrere Jahre in der Kinder- und Jugendarbeit. Im

Sommersemester 2008 gab sie als Lehrbeauftragte im

Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft ein Seminar zum

Thema außerschulische Jugendarbeit an der Hochschule

Vechta.

Vechta 2009

VVSWF ISBN 978-3-937870-10-5


Wri(o)te: Graffiti, Cultural Criminology und

Transgression in der Kontrollgesellschaft

Sascha Schierz

Vechta 2009


Die Online - Schriftenreihe zur Sozialen Arbeit wird herausgegeben von:

Prof. Dr. Klaus-Dieter Scheer, Universitätsprofessor (Pädagogik und

Sozialpädagogik) am Institut für Erziehungswissenschaft der Hochschule Vechta

Detlev Lindau-Bank, Dipl.-Päd., Dipl.-Sozpäd., wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Institut für Erziehungswissenschaft der Hochschule Vechta

Autor:

Sascha Schierz

Die vorliegende Publikation wurde im Dezember 2008 vom Fachbereich G,

Bildungs- und Sozialwissenschaften der Bergischen Universität Wuppertal

als Dissertation angenommen. Für die Drucklegung wurde der Text

geringfügig überarbeitet.

Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme

Sascha Schierz: Wri(o)te: Graffiti, Cultural Criminology und Transgression in der Kontrollgesellschaft

Vechtaer Verlag für Studium, Wissenschaft und Forschung, 2009

ISBN 978-3-937870-10-5

Alle Rechte vorbehalten.

© 2009 by VVSWF – Vechtaer Verlag für Studium, Wissenschaft und Forschung

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in

anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der schriftlichen Einwilligung des

Verlages.

Umschlaggestaltung: Lindau-Bank, Reins, Scheer


Vorbemerkung

„Graffiti ist illegal und kann unter den gegebenen Umständen auch nur illegal sein. Was die

künstlerische Relevanz angeht, muss man dafür geradezu dankbar sein. Noch die dem Graffiti

verwandten oder es reflektierenden Künstler in Galerien und Museen bleiben nur von

Bedeutung, solange sie zweigleisig fahren. Die Katze hat kein Problem damit, gefüttert zu

werden und ein wenig im Haus herumzuschnurren, aber wenn sie es geschehen lässt, dass sie

dafür ein Leben ohne Katzenklappe in Kauf nehmen muss, sehen die freien Katzen mitleidig

auf sie herab. (…) Wir können, was sonst nur Piratensender können: einen herrschaftsfreien

Diskurs nicht nur theoretisch postulieren, um ihn dann doch wieder zugunsten von Proporz,

´guten´ Sitten, den (vermeintlichen) Interessen von religiösen oder ethnisch-religiösen

Lobbyistenverbänden zu opfern. Nein, wir können ihn praktizieren. (…) Während also

Bücher, Bilder, Lieder und Symbole verboten werden können, hat Graffiti einen

entscheidenden Vorteil: es ist schon verboten – aber dadurch in seinen Inhalten absolut frei“

(Another One 2009, S. 7-8).

So utopisch das oben angeführte Zitat - es wurde in einer der letzten Ausgaben des

Szenemagazins „Graffiti Magazine“ abgedruckt - anmuten mag, sowenig unbedeutsam kann

diese subversive Einschätzung der Illegalität für die sozialwissenschaftliche Erforschung von

Normalität und Abweichung eingeschätzt werden. Untermalt mit hochwertigen Motiven auf

Zügen und an Wänden rekapituliert der entsprechende Artikel die aktuelle künstlerische wie

politische Relevanz des illegalen Agierens im städtischen Raum der gegenwärtigen

Kontrollgesellschaften. Graffitiwriting existiert als Praxis (wie über die gesamte Bandbreite

hinweg) nur durch die Illegalität als Referenz. Mehr noch, scheinbar, so ließe sich anmerken,

lässt sich der Illegalität auch eine andere Bedeutung abringen außer einem eingeschränkten

Verständnis als Kriminalität. Eben dieser Problematik soll sich im Folgenden angenähert

werden. Hierfür wird vor allem auch die wissenschaftliche Disziplin der Kriminologie

befragt, wie sie eben diese Leerstelle ihrer Formierung, die mit dem obigen Zitat

offensichtlich geworden sein dürfte, füllen kann. Der vorgeschlagene Ausweg aus

kontrolltheoretischen Verkürzungen, man könnte auch vor einem Herumschnurren der

Disziplin vor einer scheinbar steuerungspraktischen Relevanz in spätmodernen Gesellschaften

sprechen, stellt sich durch eine auf das Alltagsleben bezogene kulturelle Wende

kriminologischer Forschung und Theoriebildung ein, die es herauszuarbeiten gilt.

Die hier vorliegende Publikation stellt die gekürzte (einige Exkurse wie eine Darstellung

legaler Flächen und Projekte sind entfallen), leicht überarbeitete und stellenweise aktualisierte

Fassung der gleichnamigen Dissertationsthesis am Fachbereich G, Bildungs- und

Sozialwissenschaften, der Universität Wuppertal dar. Der Versuch, eine Annäherung an die

Cultural Criminology über eine Fallstudie am Beispiel Graffiti zu schreiben, ist vor allem dem

nicht intendierten Sachverhalt geschuldet, dass ein Forschungsprojekt zur Transformation

städtischer Kontrolldispositive, in dem ich eigentlich promovieren wollte, leider keine

Förderung durch die DFG erhielt. In einem kurzen Gespräch interessierte sich Heinz Sünker

sofort für die ersatzweise vorgeschlagene Thematik und erklärte sich spontan bereit, auch

dieses Dissertationsprojekt zu betreuen. Aus dem Plan B entstand in einer Kooperation mit

dem legalen Graffitiprojekt „CasaNova“ das Interesse, den kulturellen „Artikulationen“

beziehungsweise sich wandelnden Sensibilitäten von Legalität wie Illegalität rund um Graffiti

nachzuspüren. Es ist der Reiz des Illegalen, den auch zu dekonstruieren galt: „Manche

Aktionen werden erst verteufelt und zu gegebener Zeit, z.B. durch die Etablierung eines

Künstlers, positiv bewertet. Womit sich „legal“ und „illegal“ als reine Variablen zu erkennen

geben“ (Winkler/McCormick 2007, S. 28). In diesem Sinne muss ich nicht nur Heinz Sünker

für seine Offenheit gegenüber der Themenwahl danken, sondern es gilt auch die Künstler

bzw. Aktivisten For, Wahn, Vicky und Marcus stellvertretend für CasaNova zu erwähnen,


ohne die die Fallstudie eher unwahrscheinlich gewesen wäre. Schlussendlich eröffnete mir

auch gerade die Projektarbeit den Zugang zu einer Szene, die sonst eher untergründig und

verschlossen existiert. Weiterhin waren die Kontakte zu dem Kölner Projekt

„Mittwochsmaler“ mehr als hilfreich und vor allem anregend. Auf diesem Wege möchte ich

mich auch ganz besonders bei Maurice Kusber und Alex Reinken bedanken. Das nahezu

keine bundesdeutsche Publikation rund um Graffiti ohne einen Kontakt zu Barbara

Uduwerella und längeren Telefonaten zur Hamburger Situation auskommt, ist obligatorisch.

Nächtliche Ausflüge mit allerhand Freundinnen und Freunden kamen der Thematik der vor

allem allabendlich performierten Transgression im Alltagsleben entgegen und regten die ein

oder andere Betrachtung an. In diesem Sinne können auch Kneipen- und Clubbesuche

wichtige Momente sozialwissenschaftlicher Forschung und Erkenntnisgenerierung

verkörpern.

Nun geht es in der Thesis nicht primär um eine objektive und möglichst detailgenaue

Ethnographie der Writingkultur, sondern vor allem auch um den urbanen Kontext, der das

Writing als karnevalistische Aktivität zwischen „pleasure and panic“ hervorbringt, oder eben

um die Frage, wie sich Kriminalität als Alltagsbelang auf verschiedenen Ebenen artikuliert.

Herbert Reinke und Klaus Weinhauer ist der Sachverhalt geschuldet, unterschwellig ein

Projekt betreiben zu wollen, heimlich kultur- und alltagsgeschichtliche Fragestellungen und

Methoden mit Hilfe der Cultural Studies in die Kriminologie zu importieren. Scheinbar waren

die Historiker mit ihrem „cultural turn“ doch um so vieles weiter, als es die Kollegen der

soziologischen wie kriminologischen Zunft weitestgehend sind. Ohne diesen historischen

Umweg wären mir sicherlich die biographischen wie sozialen Verstrickungen von

Kriminalität und Kontrolle im Alltagsleben verborgen geblieben. Zusätzlich muss ich Herbert

Reinke für die Versorgung mit einschlägigen Berichten aus der Hauptstadtpresse danken.

Für den theoretischen Drive der Studie sind vor allem zwei Kontakte bedeutsam gewesen.

Sven Huber und Oliver Clemens mussten über die Jahre hinweg zuerst meine Begeisterung

und dann die spätere Skepsis gegenüber dem foucault´schen Analysemodell erdulden und

dürften sich auch noch mit Autoren wie Deleuze, Guattari und de Certeau konfrontiert sehen.

Ich hoffe einige ihrer kritischen Anmerkungen aufgegriffen zu haben.

Einen nachhaltigen, aber leider erst sehr späten Einfluss auf die Arbeit hatte auch ein diskreter

Brief eines französischen Soziologen von der Sorbonne (Paris V) ausgeübt, der in den

hiesigen Diskursen kaum gewürdigt wird, sich aber verstärkt mit der Thematik des

postmodernen Alltagslebens befasst. Wahrscheinlich, so würde er anmerken, wäre eine

stärkere Ausarbeitung des Imaginären als theoretischer Bezugsrahmen von Nöten gewesen.

Ein Dank ist auch Detlev Lindau-Bank und Klaus Scheer geschuldet, die die Publikation als

Monographie in ihre Schriftenreihe aufnehmen und meinen verzögerten Überarbeitungen und

Aktualisierungen gegenüber gelassen reagierten.

Schlussendlich muss ich mich bei meiner Familie, Petra, Jonas, Soley und Julee,

entschuldigen, da die verwendete Zeit für das Verfassen der Dissertationsschrift und die

abschließende Überarbeitung vor allem auf ihre Kosten gingen. Hoffentlich konnten Ausflüge

zu Menschen, die bunte Bilder malen und Ausstellungen wenigstens zu einem Teil

entschädigen.

Vechta im September 2009


Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung und Fragestellung 5

2. Normalität, Pathologie und das Soziale 12

2.1 Die moderne Gesellschaft als Gefängnis: Disziplinargesellschaft 14

2.2 Monströse Subjekte: Pathologie, Gefährlichkeit und das Element of Crime 15

2.3 Babylon: Von Slums und gefährlichen Klassen 18

2.4 Wo sich das Soziale und das Pathologische trafen: Die Formation der

wohlfahrtsstaatlichen Kriminalpolitik 19

2.5 Moment mal! Die Formationen der kritischen Kriminologie 21

3. Konturen der Kontrollgesellschaften – Subjekte, Raum, Sicherheit

und Responsibilität 35

3.1 Ordnung, wo alles flieht: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften 37

3.1.1 Freihandelszone: Die flüchtige Moderne und die neue

Kultur des Kapitalismus 45

3.1.2 Die neue Kultur der Kontrolle und die Kriminologien des Alltagslebens 47

3.2 Etwas Neues: Der Beginn der deutschsprachigen Diskussion

oder die räumliche Kontrollgesellschaft 53

3.2.1 Ein Leben mit dem ´feel good´ Faktor oder

Kontrollgesellschaft – Raum – Modulation 57

3.2.2 Das ´neue´ Steuern städtischer Subjekte 74

3.2.3 Karten der Kontrollgesellschaft 83

3.3 Gouvernementale Kontrollgesellschaft? – Soziale Kontrolle

als Selbstkontrolle 90

3.3.1 Regieren über Freiheiten 14

3.3.2 Alles eine Frage der richtigen Einstellung? Responsibilisierung

und Community 97

3.3.3 „Three Strikes and you´re out“ – Punitivität der

Kontrollgesellschaft 107

3.3.4 Transversal - Im Kontext von Souveränität, Community,

Biomacht und Technologien des Selbst 112

3.4 Die digitale Kontrollgesellschaft und das Dividuum 118

3.4.1 Lights, Camera, Action - CCTV als Chiffre der Kontrollgesellschaft 123

3.5 Das Subjekt und die Macht? 129


4. Cultural Criminology oder was ist los mit dem ´Cultural Turn´

in der Kriminologie? 133

4.1 Kultur im Kontext der Cultural Studies – Eine (Re)Artikulation

als Ausweg? 137

4.2. Artikulation der Cultural Criminology: Crime as Culture – Culture as Crime 148

4.3 Von den frühen Überschneidungen zwischen der National Deviance

Conference und dem Center for Contemporary Cultural Studies

zur ´Cultural Criminology´ 153

4.3.1 „Ich mach den ganzen Tag nur Sachen, die ich gar nicht machen will“ –

Subkulturen als vorweggenommenes Ende der traditionellen Arbeiterklasse 154

4.3.2 Don´t Panic! Moralische Paniken oder die Drohung mit der Permissivität 158

4.3.3 „God save the Queen, we mean it man“: Krisen, Nachrichten

und die Krise von Hegemonie und Authentizität 161

4.3.4 Crime Talk - Auf dem Weg zu einer Alltagskultur von

Sicherheit und Kriminalität 166

4.3.5 Du auch hier? Transgression und Rachsucht als Chiffren

einer neuen Artikulation 170

4.4 Dazwischen: New Cultural Geography – Ordnung und

Heterotopie räumlich gedacht 176

4.4.1 Heterotopie, liminaler Raum und ´Out of Space 179

4.5. Alltag, Transgression, Karneval – oder die Formation der

New Cultural Criminology 185

4.5.1 Von De Certeaus Netz der Antidisziplin, John Fiskes Populären

und Jack Katzs Versuchung – Hin zu einem Verständnis der

Performativität von Ordnung? 187

4.5.2 „World upside down“ - Mike Presdee und das Karnevaleske

des Kriminellen 191

4.5.3 Unterwegs mit Kevin Hayward - oder die Stadt als Ort der Cultural

Criminology und die Sensibilität der Straße 196

4.5.4 The Most High – Kriminalität, Exzess und Transzendenz

mit Christopher Stanley 200

4.5.5 Zwischen Edgework und Langeweile – Ein risikoreicher Ausflug in

den Alltag mit Lyng und Ferrell 203

4.6. Gonzo-Kriminologie: Ethnographisches Vorgehen und

„Criminological Verstehen“ 206

4.7 Across the Border: Irgendwo zwischen The Bronx, Compton, Elberfeld,


Overath und Köln Zollstock? Einige Überlegungen zu einer Kriminologie

auf Höhe der Straße oder von der Performanz des Hip Hop zur

Theatralität des Graffiti 211

4.7.1 Der Aufstand der Zeichen reloaded oder ein Aufstand der Ereignisse?

Mit Graffiti durch den spätmodernen Alltag 223

5. Vergnügen: Writing als Gefühlswelt, Performanz und Kultur 233

5.1 „Run for Fame“ – allzuoffensichtliche Elemente des Writings 238

5.2 “Rock the City with your Name” oder ”Name“ as “other Name” – Eine

kurze Geschichte des Graffitiwritings 258

5.3 Realismus, Inszenierung und Ironie – die Dramaturgie von

Wild Style, Style Wars, Whole Train, Dirty Hands und anderen Filmen

rund um Graffiti 287

5.3.1 Von „Wildstyle“ zu „Whole Train“ 288

5.3.2 Von „Style Wars!“ zu „Schutzbeschichtung“ – Vermittelte Dialoge, die

niemals stattfanden? 294

5.3.3 Lights, Camera, Action reloaded? – Dirty Handz, True to the Game

und Consequenz III als ein Reality TV von unten? 299

5.3.4 Die Berliner Republik - ´Pure Hate´ trifft auf Boulevardformate 301

5.4 Der Krieg der Stile als reine Männersache? Gender und Writing 303

5.5 „True 2 the Game“ - Graffiti repräsentieren, Illegal – Werden,

Legal – Werden, Authentisch – Werden als Sensibilitäten des

Graffitiwritings 309

6. Alles viel zu bunt hier! Oder: Die Angst vor was eigentlich und warum

aufräumen wie in New York? 328

6.1. Lauter überflüssiges Zeug? Die Artikulation von Graffiti als „Buff Stuff“

im ersten „War on Graffiti“ 332

6.1.1 Scheitern als Chance - Von einer Ästhetik der Furcht hin zu einer

Logik der zerbrochenen Scheiben 346

6.2 Eine Kriminologie des Alltagslebens - Die Logik der weißen Wand und

der Nichtort der Graffitikontrolle 359

6.3 Souveräne Regierung oder symbolische Politik? Strafrechtliche

Reaktionen 388

6.4 „That´s the Sound of the Police“ – Ein kursorischer Blick auf die Polizei

zwischen Dominanzbestrebungen und Impotenz 393

6.4.1 „Guns are Drawn“ - Maskuline Dominanzbestrebungen, Disziplinierung


und symbolische Führung 405

6.5 “United we stand - Divided we fall” - Partnerschaften gegen Graffiti 410

6.6. „Kiko was Here“, „Luftnummern“, die Piusstraße, Flusssäure und die

Affäre KET – Was kommt nach der moralischen

Panik? 427

7. „Don´t feel right“ - Die Herausforderung der Legalität als

Alltäglichkeit der Graffiti in der Marktgesellschaft 438

7.1 Zwischen ´Selling Crime´, ´Disclaimer´ und ´Selling Broken Windows´ 441

8. „99 Problems“ - Der ´Mehrwert´ der Kultur oder abschließende

Bemerkungen zu einer kritischen Kriminologie der Spätmoderne 447

Literatur: 462

Zeitungsartikel: 487

Internetquellen: 491

Tabellen:

Tab. 1: Entwicklung der erfassten Fälle von Sachbeschädigungen (6740)

gemäß PKS zwischen 1997 und 2006 385

Tab. 2: Entwicklung der erfassten Fälle von Sachbeschädigungen auf Straßen,

Wegen und Plätzen (6743) gemäß PKS zwischen 1997 und 2006 386

Tab. 3: Entwicklung der Häufigkeitszahlen von Sachbeschädigungen (6740) gemäß

PKS zwischen 1996 und 2006 386


1. Einleitung und Fragestellung

„Graffiti-Legende vor Gericht. Die New Yorker Säuberungs-Politik treibt absurde Blüten: Weil er

mehrere U-Bahn-Waggons verschandelt haben soll, drohen einem Veteranen der Graffiti-Szene 42

Jahre Gefängnis. Ein bisschen spät – schließlich ist Alan Ket seit 20 Jahren anerkannter Künstler und

Grafiker. (...) Ket verkörpert wie kaum ein anderer der legendären Sprayer der frühen Jahre den Weg,

den die Kunstform „Graffiti“ aus der Subkultur in den angepassten Mainstream gegangen ist. Er stellt

heute in Galerien und Museen aus, hält Vorträge an Universitäten und Schulen und kreiert Designs für

Firmen wie Atari, MTV, das Mode-Label Ecko sowie Champagner-Abfüller Moet & Chandon. Der

36-Jährige ist ein etablierter Grafiker und kein zorniger Vandale mehr.“

(http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,druck-486762,00.html)

„Selbstbewusst durch Hip-Hop und Graffiti (...) Rap-Songs entwickeln, Breakdance tanzen, Graffiti

malen oder eigene Texte schreiben – all dies lernen seit Wochen rund 230 Kölner Jugendliche in 22

speziellen Workshops, die an Schulen oder in Jugendeinrichtungen angeboten werden. Das Projekt,

das den Namen „LifeJamKöln“ trägt und „Gewalt und Rechtsextremismus“ vorbeugen soll, hat die

Offene Jazz Haus Schule als Träger zusammen mit der Bildungsagentur MIC auf die Beine gestellt.“

(Kölner Stadt-Anzeiger 17.11.2006)

„Das ätzende Spiel mit der tödlichen Gefahr. Da hört jede Kunst auf: Schmierereien mit Flusssäure

stellen ein großes Risiko für die Öffentlichkeit dar. Berlin. Keine Häuserwand, keine Scheibe, keine

Bahn, kein Bus – nichts ist mehr sicher. Jetzt setzen die Angreifer noch eins drauf: Sie verätzen

Scheiben auf Bahnhöfen und in Zügen mit der hochgiftigen Flusssäure. Die greift nicht nur Glas an,

sondern kann Menschen, die mit ihr in Berührung kommen, sogar töten.“ (Berliner Woche

12.09.2007)

„“The Term ´graffiti´is to ´writing´ what the ´N´ word is to African Americans and what the ´S´ word

is to Puerto Ricans,“ says Mico, a first generation writer of Latino descent from Brooklyn who made a

name for himself by crafting protest paintings on the sides of subway cars (“Hang Nixon … Free

Puerto Rico!”). In those formative days, on walls alongside names like Julio 204, one might spy

sprayed-on slogans like “Black is Beautiful” or “Power to the People.” (Jenkins 2007, S. 11-12)

Wie lässt sich die gegenwärtige kulturelle Konstruktion von Abweichung und sozialer Kontrolle im

Kontext der spätmodernen Gesellschaftsformation, der aktuellen Gouvernementalität, oder eben genau

im Rahmen der Kontrollgesellschaft theoretisch fassen? Diese Frage treibt das hier vorgestellte

theoretische Unterfangen einer kulturellen Wende innerhalb der Kriminologie und die anschließende


Fallstudie zum Graffitiwriting an. Dabei machen bereits die oben angeführten vier Zitate auf

unterschiedliche Facetten der gegenwärtigen Formation von Graffiti wie allgemeiner der kulturellen

Formation von Abweichung und sozialer Kontrolle aufmerksam. Das Feld scheint höchst differenziert

und ohne archimedischen Punkt zu existieren. Eine einfache Interpretation von Normalität und

Abweichung greift jedenfalls zu kurz. (Alltags-)Kultur, so ließe sich an den Beispielen aufzeigen,

erschließt sich weniger als ein stabiler Moment gesellschaftlicher Integration, denn als ein umkämpfter

Raum divergierender Praktiken und heterogener Bedeutungszuweisungen. Einerseits stoßen wir mit

dem Zitat eines Berichtes aus dem Onlineangebot der Zeitschrift „Der Spiegel“ auf die formierende

Kraft, die das „Zero Tolerance“ Denken auf Fragen städtischer Sicherheit ausübt. Gleichzeitig werden

wir dennoch daran erinnert, dass KET nicht mehr illegal arbeite, sondern in den Rang eines

anerkannten, sprich seriösen Künstlers aufgestiegen ist und sich nicht mehr mit „Vandalismus“

abgeben müsse. Das Niedere des Vandalismus wurde für eine akzeptierte Karriere in Kunst und

Design aufgegeben. Der Bericht des Kölner-Stadtanzeigers verweist nicht nur auf den „Life-Jam“,

sondern weiter auf die Potentiale, die Graffiti innerhalb der Jugendarbeit erhalten kann. Hip Hop

Kultur und Graffitiwriting seien von ihrer Formation positiv verständlich in Hinblick auf die

Identitätsbildung der in ihr aktiven Jugendlichen, gewaltpräventiv und ein probates Mittel gegenüber

Rechtsradikalismus, welches professionell-pädagogisch zu bearbeiten wäre. Der Artikel aus der

Wochenzeitschrift Berliner Woche erzeugt dagegen Graffiti als ein unvereinnahmbares wie

gefährliches >>Anderes


sie das subjektive Sicherheitsgefühl beeinträchtigen und eine Wirkung bis hin zu einem „urban decay“

hervorrufen können. Graffiti signalisieren im kriminologischen wie kriminalpolitischen Diskurs

demnach eine real existierende wie direkt wahrnehmbare Anomie; oder sie verweisen aus der Sicht

ihrer Gegner auf einen drohenden Zusammenbruch der gesamten Rechtsordnung, die durch ein

subversives Unterlaufen des Eigentumsbegriffs erzeugt wird. Dem entgegen - oder eben dem

entsprechend - wird bei der aktuellen Produktion städtischen Raums verstärkt auf weiche, symbolische

Faktoren wie „Aufenthaltsqualität“ gesetzt und darauf gezielt, eine saubere, ordentliche und sichere

Stadt in einem globalen Standortwettbewerb zu vermarkten. Die erwünschte Warenförmigkeit

städtischen Raums implizit den Versuch, eine homogene Erscheinung oder Ästhetik durchzusetzen. So

gesehen stellt sich rund um die bunten Bilder, und fortwährend seit den 1970er Jahren, auch die Frage,

wer legitim städtische Räume besetzen oder produzieren kann. Dabei stellen Graffiti und deren

Bekämpfung eines der ersten urbaner Konfliktfelder dieser neuen, vor allem neoliberalen Stadtpolitik

als Standortpolitik dar. Man könnte mit einigen Einschränkungen so weit gehen, dass das Aufkommen

der bunten Bilder auf der Oberfläche der Stadt eben ein Versuchsraum für neuere städtische

Kontrollstrategien und Allianzen lieferte. Somit ergibt sich die Fragestellung wie politische

Rahmungen, städtische Kultur und Fragen von Legalität/Illegalität gemeinsam artikuliert werden. Wie

beeinflussen sich offizielle Verlautbarungen oder Steuerungsbemühungen und inoffizielle,

subkulturelle oder eben populäre Praktiken.

Nun, sicherlich passt das Modell „NYC 1970“ nicht auf den gegenwärtigen bundesrepublikanischen

Kontext und dessen aktuelle Formation der Graffiti, zumindest passt es nicht, ohne erhebliche

Einschränkungen in seiner Kontextualisierung nachzuzeichnen. Dennoch artikulierten sich die

Writingkultur und das entsprechende Bekämpfungskonzept in ähnlicher Weise. Eine neue Formation

von Sicherheit und eine neue Kultur von Kontrolle deuten auf eine veränderte Wirkweise von

Regelbrüchen im Alltag hin. Der (kritische) Kriminologe deutet diese Fragen städtischer Kontrolle

häufig vor dem theoretischen Hintergrund der von Deleuze (1993) skizzierten Kontrollgesellschaften.

Ihre neue, „post-panoptische“ Funktionsweise soll nicht nur durch die Verwendung neuer

Technologien, wie die der elektronischen Fußfessel, neue, post-wohlfahrtsstaatliche

Regulationsweisen und Subjektivitäten hervorbringen. Die zu erfassenden Stichworte sind Biopolitik,

Risiko und Gouvernementalität. Sie, so die weithin geteilte Schlussfolgerung, erfordern eine

veränderte Theoretisierung von Abweichung und Kriminalität. Vor dem Hintergrund der aktuellen

Formation von (Un-)Sicherheit und Risiko entsteht sowohl eine neue Formation der

Kriminalitätskontrolle im Alltag, das sogenannte „Governing Through Crime“ (vgl. Simon 2007), wie

sich gleichzeitig eine tieferliegende Krise der kritischen Kriminologie und des Labeling-Gedankens

andeutet. Kritische Theoriebildungen rund um Abweichung und soziale Kontrolle, man denke zum

Beispiel an moralische Paniken, scheinen die Intensität gegenwärtiger Kriminalitätsdiskurse, kaum

noch zu erfassen. Die Deutung einer „neuen Kultur der Kontrolle“ (vgl. Garland 2001) macht die


Runde. Auch ein Labeling-Verständnis, innerhalb dessen Zuschreibungen als von

Defintionsmächtigen betriebenes Sprachspiel operieren, verliert demnach an Erklärungskraft, wenn

Sicherheit ubiquitär wird. Stellenweise mündete diese Krise in eine Abkehr von einer antiessentialistischen

oder kritischen Annäherung an Kriminalität und Kontrolle. Verstärkt wurden Fragen

von Anomie, Desintegration und gesellschaftlicher Exklusion, also soziale Strukturen, als

unabhängige Variablen wiedereingeführt oder in Popularisierungen einer antagonistischen „Winner-

Loser-Kultur“ thematisiert. Die neue Kultur der Kontrolle oder aber der „transgressionalism“ (Rigakos

2008) erschließen aus der Sicht der bundesdeutschen Kriminologie relativ einheitlich und eben nicht,

wie in der weiter oben angedeuteten Leseweise der Cultural Studies als umkämpfte Räume zwischen

unterschiedlichen Lebensweisen. Schaut man allerdings über den bundesdeutschen Tellerrand hinaus

nach Großbritannien oder in die Vereinigten Staaten, lassen sich, neben den sicherlich dominierenden

Großtheorieversuchen im Sinne einer veränderten Gouvernementalität oder Regulation (Garland 2001,

Simon 2007, Wacquant 2000), kulturwissenschaftliche und ethnographische Annäherungen an das

Themenfeld auffinden, die ihrerseits an die klassischen Studien der Chicago School oder die New

Criminology andocken. Weiterhin rekurrieren sie auf unterschiedlichen Theoriesträngen der Cultural

Studies. Kriminalität, Abweichung und soziale Kontrolle werden entlang ihrer unterschiedlichen, zum

Teil widersprüchlichen Formierungen im spätmodernen Alltag rekonstruiert. Alltag oder eine

Veralltäglichung von Abweichung und Kontrolle werden zu neuen Schlüsselkategorien der

Kriminologie. Die möglichen Definitionsversuche, was denn genau Alltag und eine entsprechend

reflexive Sozialwissenschaft umfassen könnte, sind in Gänze kaum zu rekonstruieren. Entsprechend

soll hier eine Arbeitsdefinition vorgeschlagen werden, die zwar nicht der Cultural Criminology

entstammt, aber dennoch offensichtlich macht, was denn nun Alltag auch in kriminologischen

Fragestellungen meinen könnte. Folgt man dem Historiker Alf Lüdtke (1989, ähnlich de Certeau 1988,

Maffesoli 2004) könnte eine für den Alltag sensible Sozialwissenschaft das Deuten, Handeln und

Leiden derer in den Mittelpunkt stellen, die man gemeinhin als die „kleinen Leute“ beschreibt: „Es

geht um ihr Arbeiten und Nicht-Arbeiten. Geschildert werden Wohnen und Wohnungslosigkeit,

Kleidung und Nacktheit, Essen und Hungern. Das Interesse gilt dem Lieben und Hassen, dem Streiten

und Kooperieren, den Erinnerungen, Ängsten und Zukunftserwartungen. Bei Alltagsgeschichte richtet

sich die Aufmerksamkeit nicht mehr nur auf die Taten (oder Untaten), auf das Gepränge der

>>GroßenVerausgabung


diese Widerspenstigkeit „an sich“ politisch wäre. Im Folgenden soll eben eine entsprechende

Rekonstruktion rund um Fragen der kulturellen Aneignung oder Verwendung von Illegalität und

Kontrolle versucht werden. Kriminalität und Abweichung erscheinen so nicht mehr zwangsläufig als

Produkte eines passiv erlittenen und durch Mächtige durchgeführten Definitionsprozesses, wie ihn

zum Beispiel eine radikale Labeling-Perspektive oder aber das Subjektivierungsverständnis einiger

Gouvernementalitätsstudien nahelegen, sondern als fortlaufende, gegenwartsbezogene, kreative

Konstruktionsleistungen, die mit einem Blick auf die gefühlten Möglichkeiten wie symbolische

Potenziale inszeniert werden. Das Spezifische der Kultur oder kulturellen Praktiken, ihre relative

Autonomie, wird ersichtlich. Kriminalität, Abweichung und Kontrolle, so die These, werden populär

als Transgression performiert und affektiv erlebt, verkörpern etwas wie einen Ausschnitt einer

alltagsweltlichen Dramatik. Demnach gilt es auch im Kontext von Normalität, sozialer Kontrolle und

Abweichung den kulturellen Eigensinn und Widerständiges zu erfassen, um nicht lediglich einer

kontrollgesellschaftlichen Planungsrationalität aufzusitzen. Abweichung wäre hier nur noch begrenzt

ein Verhalten, welches man so nennt, sondern gleichzeitig eine sinnvolle (Selbst-)Inszenierung in

einem sozialen Prozess, an dem sich unterschiedlichste Akteure in hegemonialen Deutungskämpfen

rund um kulturelle Praktiken und Bemächtigungsversuche beteiligen. Graffiti liefern eben ein solches

alltagskulturelles Phänomen umkämpfter Alltagskultur. Im Rahmen ihres häufig expressiven wie

emotionalen Ausagierens entlang von kulturellen Mustern erzeugen Kriminalität, Transgression und

Kontrolle Realitäten und bringen wiederum Diskurse und Praktiken hervor. Kulturelle Entwicklungen

transportieren sich über und mit Deutungen von Kriminalität (Ferrell, Hayward, Young 2008, S. 2).

Mit der These der Performanz im Zusammenspiel mit kulturell artikulierten Performativität von

Kriminalität, Transgression und sozialer Kontrolle stellt sich somit weniger die klassische

Definitionsfrage der kritischen Kriminologie, „What is Crime“, als die gegenwartsbezogene Frage,

„What makes Crime real“ 1 . Neben der Textualität von Kriminalitätsdiskursen oder politökonomischen

Allokationsprozessen – zwei, wie wir sehen werden, nicht unbedeutsamen

Dimensionen - geht es bei der Performanz um den gegenwartsbezogenen Ereignischarakter einer

„kriminellen Situation“ (Ferrell 1998). Somit rücken auch unterschiedliche kulturelle Sensibilitäten,

durchstilisierte Inszenierungen und populäre Praktiken gegenüber oder von Abweichung in den

Mittelpunkt der hier angedachten, vor allem post-strukturalistisch geführten Betrachtung. Im

Verhältnis zur Macht geht es eben neben den strukturellen Bedingungen auch um alltäglichen

Eigensinn, wie ihn Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1970, S. 155, ähnlich Lüdtke 1989) verstand: als

Freiheit in Knechtschaft, weder reine Form des Wesens, noch Produkt des Einzelnen, sondern ein

geschicktes Handeln in einem formierten Kontext verkörpernd. Michel Maffesoli (2003) spricht in

seiner einfühlsamen Alltagssoziologie häufiger von kleinen Zwischenräumen der Freiheiten, die

gegenüber den rationalistischen Herrschaftsstrukturen und ihrer Gewalt auch weiterhin im Alltag der

1 Um die Frage des Subjektes an dieser Stelle aufzugreifen, könnte man die These aufstellen,

dass das Subjekt der Transgression, das Subjekt wäre, welches sich durch sein Begehren in

seiner Subjektivierung durchkreuzt.


Kontrollgesellschaften existieren. Eben diese scheinbar paradoxe Formation soll sich, folgt man

diversen Autoren der Cultural Criminology, durch den spätmodernen Alltag ziehen. Graffiti in ihrer

illegalen Kontextualisierung sollen hier als Beispiel für eben jenen kulturellen Eigensinn gegenüber

einem rechtlichen Verbot und seiner Durchsetzung verstanden werden.

Als zentralen Fokus bietet es sich somit an, gewöhnliche Alltagskulturen in den Blick zu nehmen.

Autoren wie Jock Young (2003) dachten bereits an, Kriminalität und Kontrolle nicht nur entlang der

Kategorien einer politischen Soziologie der Rachsucht und einer transgressiven Subjektivität zu

untersuchen, sondern diese Analyse als einen „Hip Hop Across the Border“ zu betreiben und in ihrem

Spannungsfeld zwischen der Inszenierung auf der Straße und der im hyperrealen Raum der Medien

nachzuzeichnen. Dominante Deutungen sollen gleichzeitig mit „subordinierten“ Erfahrungen und,

nach einiger Kritik, auch mit Rückgriffen auf Kontrollversuche als kulturell konstruiert erfasst werden.

Auf die bundesdeutsche Kriminologie hin umformuliert, könnte man ein solches Unterfangen, als

einen empirischen Ausflug in den Alltag der Kontrollgesellschaft deuten, durch den versucht werden

soll, die aktuelle Artikulation von Transgression und Kontrolle durch eine kulturwissenschaftliche

Brille zu erfassen. Ein entsprechender Versuch soll im Rahmen dieser Studie mit der Rekonstruktion

des Graffitiwritings, seiner Performanz, seiner Performativität und der ihm entgegenstehenden

Kontrollbemühungen unternommen werden. Entlang der für Graffitiwriting wie Graffitikontrolle

üblichen Nutzungen von Legalität und Illegalität, soll ein Verständnis des spätmodernen Alltags vor

dem Hintergrund seiner Durchdringung mit Sicherheitsbelangen und transgressiven Akten ermöglicht

werden. Entsprechend gilt es, die kulturelle Formation des Graffitiwritings, oder eben Graffiti als

kulturelle Formation, zu kartographieren, wie es Lawrence Grossberg (1992) in Anlehnung an Deleuze

und Guattari formuliert hat. Dementsprechend existieren eine Menge alternativer Zugänge zur

Writingkultur, zum Beispiel hin auf Fragen der Veränderungen von Subkulturen, der

Kommerzialisierung, des Flow-Erlebens, der Performanz im Hip Hop, der Theoretisierung von

Männlichkeit oder der Produktion von städtischen Raum durch jüngere Alterskohorten. Sicherlich

werden auch diese Belange während der Rekonstruktion angesprochen, doch zeichnen sie alternative

Wege durch das Feld.

Das folgende Kapitel „Normalität, Pathologie und das Soziale“ zieht eine kritische Bilanz zu Theorien

im Themenfeld Kriminalität und Kontrolle. Hierzu wird unter anderem das Disziplinarraster Michel

Foucaults rekonstruiert und in Abgrenzung zur bundesdeutschen Formation der kritischen

Kriminologie die Problemstellung des Zusammenhangs von Kultur, Kriminalität und Performanz

abgesteckt. Im Kontext des Kapitels „Konturen der Kontrollgesellschaften – Subjekte, Raum,

Sicherheit und Responsibilität“ wird versucht, die gegenwärtige Formation sozialer Kontrolle

nachzuzeichnen. Hierfür greife ich einerseits auf das „Postskriptum“ der Kontrollgesellschaften nach

Deleuze und dessen Aufarbeitungen in der theoretischen Kriminologie zurück. Auch die garland´sche


Kultur der Kontrolle wird thematisiert. Sie sollen es vor dem Hintergrund einer Betrachtung des

urbanen Raums ermöglichen, die aktuelle Regierung oder Kontrolle von Graffiti als Kriminalität zu

rahmen. Dennoch erweisen sich einige Kritiken an dem gouvernementalen Verständnis der

Kontrollgesellschaft als notwendig. Diese Kritiken sollen die Transgression oder das Wildern auf und

in Räumen eines >>AnderenMehrwert

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