Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-04-19 (Vorschau)

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19.4.2014|Deutschland €5,00

1 7

4 1 98065 805008

Paradies Deutschland

Träumt weiter!

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Deutschland geht’s gut. Zu gut? Erfolg macht

übermütig. Der Boom ist künstlich mit Schulden

aufgepumpt und nicht nachhaltig. Von Roland Tichy

Wunschkonzert

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Man kann nicht meckern: Rentengeschenke

im Wert von 230

Milliarden Euro; Mindestlöhne

auf breiter Front; zum ersten

Mal seit 45 Jahren ein ausgeglichener

Haushalt; erstmals 42 Millionen Beschäftigte

und für eine so hoch entwickelte

Wirtschaft respektable Wachstumsraten.

Deutschland geht es gut. Mehr noch:

Verglichen mit den europäischen Nachbarstaaten

und deren wachsender Rekordverschuldung,

schauerlicher Jugendarbeitslosigkeit,

sind das paradiesische

Zustände. Die warmen Tage sollte man genießen

und die feinen Zahlen auf der Zunge

zergehen lassen, stehen sie doch in

einem krassen Gegensatz zur Gräuelpropaganda,

mit der vor einem halben Jahr

noch die heutigen Regierungsmitglieder

der SPD durch das Land zogen: Da zeichneten

sie das Zerrbild einer innerlich zerrissenen

Gesellschaft, in der die Reichen

immer reicher und die vielen Armen immer

ärmer werden. Da war viel von Prekariat

und vom Elend ganzer Bevölkerungsgruppen

und Regionen die Rede. Seit der

Bundestagswahl wiederum läuft ein

Wunschkonzert. Noch nie hat eine Bundesregierung

so viel Geschenke unters

Volk gebracht, nicht nur an Rentner, Mieter

und pfiffige Randgruppen-Lobbyisten.

Mit dem Neustart der Energiewende werden

Solarbauern und Windmüller, Großverbraucher

und Biogasbauern mit Milliarden

verwöhnt. So scheint es, als habe

die große Koalition den Schlüssel zu einer

Schatzkammer gefunden, aus der immer

verteilt werden kann und die alle Lügen

straft, die von Knappheit, Sparzwängen

und Wachstumsblockaden reden. Die Fesseln

des Neoliberalismus scheinen gesprengt,

ein sanft lenkender, alle behütender

und jede Not lindernder Staat

verwöhnt seine Untertanen. Selbst der

Winter scheint seine Strenge abgelegt zu

haben.

Vieles daran ist verdient, aber trotzdem

zeigt unsere Analyse über das Paradies

Deutschland im Frühsommer ernste Bedrohungen:

Die deutsche Exportindustrie

lebt nicht nur von eigener Leistung, sondern

von niedrigen Zinsen. Und von einem

Euro, der wegen seiner vielen darbenden

Mitgliedswirtschaften sehr viel niedriger

zum Dollar notiert, als es früher die strengen

grauen Männer der Deutschen Bundesbank

zugelassen hätten, solange sie

noch was zu sagen hatten: Geld ist heute

gratis, die Zinsen sind zu niedrig, und Investitionen

so lohnend wie kaum je zuvor.

BOOM DURCH NIEDRIGZINSEN

Der Bundesfinanzminister konnte seinen

Haushalt nur wegen der extrem niedrigen

Zinsen ausgleichen. Jede Zinserhöhung

um einen Prozentpunkt steigert seine Finanzierungskosten

um 13 Milliarden Euro.

Ohne diesen durch die Euro-Krise bedingten

Zinsrabatt müsste Schäuble bei einem

normalen Zinsniveau von sechs Prozent

jährlich knapp 60 Milliarden mehr für

Zinslasten aufwenden und wäre genauso

bettelarm wie sein Vorvorgänger Hans Eichel,

der Schuldenkönig. Die Zeche zahlen

Sparer, Riester- und Lebensversicherte, deren

Vermögen real schrumpft. Jetzt zeigt

sich, dass die Krise des Euro keineswegs

gelöst ist. Nur Zinsen an der Null-Grenze

stabilisieren die Schuldendemokratien

und suggerieren einen Aufschwung, hinter

dem ökonomisch keine Substanz steht.

Noch sind die Babyboomer der Sechzigerjahre

in Lohn und Brot und zahlen kräftig

Steuern und Sozialbeiträge. Doch schon

in spätestens sechs Jahren kippt der Arbeitsmarkt:

Dann steigt nur noch die Zahl

der Rentner. Kann aber das schrumpfende

Heer ergrauender Arbeitnehmer erwirtschaften,

was den Rentnern und Pensionären

heute versprochen wird? Oder werden

die wenigen Jungen davonlaufen vor dieser

Belastung? Daran zeigt sich: Diese Regierung

hält sich selbst die Augen ganz fest zu,

um der brutalen Wirklichkeit nicht ins Gesicht

sehen zu müssen, und behauptet das

Gegenteil von dem, was ist und sie weiß.

Sie geriert sich sozial und bewirkt das Gegenteil

und zerstört die Grundlagen des

Sozialstaates. Aber das Wunschkonzert

spielt weiter und wird erst enden, wenn die

heute Regierenden längst andere Pöstchen

ihr Eigen nennen.

n

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Falsche Paradiese

8 Zoll: Schwarzgeldschmuggel über die

Grenze steigt dramatisch

9 Steuergeheimnis: Grundrecht für Steuersünder

| IKB: Prüfbericht zensiert

10 Vapiano: Neue Strategie mit Neubauten |

Radisson Hotels: Angriff auf Motel One

12 Zynga: Rückzug aus Deutschland |

Ecomotors: Neuer Wundermotor | Uber:

Wütende EU-Kommissarin

14 Chefsessel | Start-up Kyl

16 Chefbüro Claudio Luti, Chef des italienischen

Möbelherstellers Kartell

Politik&Weltwirtschaft

18 Essay Paradies Deutschland: Wie krisenfest

ist unser Wirtschaftsmodell?

24 Streitgespräch: Marcel Fratzscher und

Hans-Werner Sinn diskutieren über Rente,

Löhne, Sparpolitik und die Euro-Rettung

29 Branchen Hohe Kosten, neue Wettbewerber

und staatliche Eingriffe gefährden den

Wohlstand ganzer Regionen

34 Technik Was kreativen Köpfen zur Innovationsfreude

der Deutschen einfällt

36 Euro-Krise Italien und Frankreich wollen

mit neuen Schulden Wachstum schaffen |

Trotz Rückkehr auf den Kapitalmarkt ist in

Griechenland noch viel zu tun

41 Berlin intern

Der Volkswirt

42 Kommentar | Umfrage

43 Denkfabrik Thorsten Polleit warnt vor einer

Überregulierung des Finanzsystems

44 Weltwirtschaft Südeuropas Banken haben

vor allem heimische Staatsanleihen gekauft

– eine Gefahr für die Bankenunion

Unternehmen&Märkte

46 Investitionsschutz-Abkommen Schiedsverfahren

für Konflikte zwischen Investoren

und Staaten sind für Unternehmen existenziell

| Interview: Atlantik-Brücke-Chef

Friedrich Merz fordert mehr Transparenz

bei Schiedsgerichtsentscheidungen

52 Interview: Werner Müller Der Chef der

RAG-Stiftung will Millionen im Mittelstand

anlegen und rügt die Energiekonzerne

56 Spanien So profitieren deutsche Unternehmen

vom Wiederaufstieg des Landes

60 Start-ups Aufstieg, Fall und Neustart von

MyParfum-Gründer Matti Niebelschütz

62 Spezial Business IT Die USA wehren sich

gegen deutsche Pläne zur Spionageabwehr

Technik&Wissen

64 Klimawandel So bereiten sich Stadtplaner,

Gesundheitsexperten, Landwirte und

Küstenschützer auf den Klimawandel vor

Titel Paradies Deutschland

Schöner

Schein

Billigere Standardprodukte

aus

Schwellenländern,

hohe Energiekosten,

Technikfeindlichkeit

und

Provinzialität

bedrohen deutsche

Vorzeigebranchen

und -regionen.

Seite 29

Ankommen

Neun Menschen aus

Japan, Brasilien oder

Frankreich erzählen,

warum sie künftig in

Deutschland leben

wollen. Seite 98

Die Wirtschaft brummt, die Stimmung

ist prima, und die Politik feiert sich

selbst:Nie zuvor hatten in Deutschland

so viele Menschen so gute Perspektiven

wie heute. Doch ist unsere Wohlfühl-

Gesellschaft tatsächlich nachhaltig und

auch krisenfest? Seite 18

TITELILLUSTRATION: TIM MCDONAGH

4 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 17, 19.4.2014

»Wir sind keine

Heuschrecke«

Die RAG-Stiftung steigt ins

Beteiligungsgeschäft ein.

Chef Werner Müller über

Investitionspläne und

warum er mehr Verständnis

für Russlands Präsidenten

Putin als für deutsche

Energieversorger hat.

Seite 52

68 Gesundheit Können uns Bakterien helfen,

gefährliche Krankheiten zu bekämpfen?

71 Valley Talk

Management&Erfolg

72 Gründer Was aus den Siegern des

WirtschaftsWoche-Gründerpreises wurde |

Gründertagebuch

Geld&Börse

80 Aktien Warum Aktien ein wichtiger Depotbaustein

bleiben, was bei Anleihen, Gold

und Lebensversicherung droht | Zehn

deutsche Nebenwerte mit langfristig guten

Aussichten im Einzelcheck

88 Anwälte Wer Patienten und Ärzte im Streit

um Behandlungsfehler am besten berät

90 Steuern und Recht Rentenpflicht für

Angestellte im Versorgungswerk | Abgeltungsteuer

überrascht Google-Aktionäre

92 Geldwoche Kommentar: Versicherer

müssen transparent werden – oder sterben |

Trend: Griechenland-Anleihe | Dax-Aktien:

Adidas | Hitliste: Tops und Flops der

Weltbörsen | Aktien: Coca-Cola | Anleihe:

Singulus | Chartsignal: Palladium | Fonds:

Immobilienfonds | Nachgefragt:Meag-

Anlagechef Philipp Waldstein glaubt an steigende

Aktienkurse, kauft aber keine Aktien

FOTOS: DDP IMAGES/JÖRG SARBACH, PRIVAT, INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CORBIS/GEORG STEINMETZ

Halte durch!

Wer bereit ist, Strategie, Geschäftsmodell und Zielgruppe immer

wieder zu überdenken, bleibt erfolgreich. Das zeigen auch ehemalige

Sieger des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs. Seite 72

Mit dem Klimawandel leben

Die Erderwärmung ist kaum noch zu stoppen. Wir müssen uns

daher an künftige Hitzewellen, Dürren und Überflutungen

anpassen. Pilotprojekte zeigen schon heute, wie es geht. Seite 64

Perspektiven&Debatte

98 Neue Nachbarn Menschen aus aller Welt

erzählen, was sie nach Deutschland zieht

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem

mit einem Videoplädoyer

fürs Gründen, Audioausschnitten

vom Interview

mit Werner Müller und

Bildern von bedrohten

Paradiesen in aller Welt.

wiwo.de/apps

n Büroleben Zwischen Mobbing,

Mittagspause und Rückenschmerzen.

WiWo.de bietet Tipps und

Überlebensstrategien für den Mikrokosmos

Büro. wiwo.de/buero

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 5

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Seitenblick

PARADIESE

Etikettenschwindel

In Deutschland gibt es zwar viele selbst ernannte Paradiese,

doch wirklich himmlisch wirken sie selten.

Berlin-Charlottenburg

Berlin-Marzahn

Berlin-Wedding

6 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Jena-Paradies, Thüringen

Kreis Soest, Nordrhein-Westfalen

Berlin-Lichtenberg

FOTOS: POP-EYE/KEMPERT, LAIF/HOEHN/HOFFMANN, TRANSIT/BUSSE, ULLSTEIN BILD/HELLER,

AXEL M. MOSLER, IMAGO/FELLECHNER, CARO/WAECHTER, EPD-BILD/FRANK VAN BEBBER

Neustrelitz, Mecklenburg-Vorpommern

Konstanz, Baden-Württemberg

Berlin WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 7

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Menschen der Wirtschaft

573 Millionen einkassiert

Finanzminister Schäuble

SCHWARZGELD

Geldschwemme an der Grenze

Schwarzgeldaufgriffe in der deutschschweizerischen

Grenzregion steigen

rasant. Auch Österreichs Zoll sucht deutsche

Steuerhinterzieher.

Die deutsch-schweizerische Grenze wird wohl

auch 2014 die beliebteste Route für Bargeldschmuggler

nach Deutschland bleiben. Trotz der

Rekordaufgriffe im vergangenen Jahr berichten

Zollbeamte zurzeit von einer steigenden Zahl

Schmuggler. „Zum Teil werden wir bei jedem dritten

Auto fündig“, sagt Hagen Kohlmann vom

Hauptzollamt Ulm. Er ist für die Grenzen im Dreiländereck

Deutschland-Österreich-Schweiz zuständig.

Neben der Zahl der Delikte steigen auch

die geschmuggelten Summen. Laut Kohlmann liegen

die immer häufiger im sechsstelligen Bereich.

Die Obergrenze für die Einfuhr von undeklariertem

Bargeld in die EU liegt aktuell bei 10 000 Euro.

Dabei dürfte Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble schon über die Zahlen aus dem letzten

Jahr zufrieden sein. Satte 573 Millionen Euro illegales

Bargeld hatten seine Zollbeamten 2013 an

Deutschlands Grenzen einkassiert. Zum Vergleich:

2012 waren es gerade einmal 9,3 Millionen Euro.

Der Höhepunkt des Bargeldschmuggels dürfte

trotz dieser Rekordwerte noch nicht erreicht sein.

Denn nachdem Österreich und die Schweiz angekündigt

haben, Kapitalerträge von Ausländern

künftig an deren Heimatstaaten zu melden (WirtschaftsWoche

14/2014), werden offenbar auch

hartgesottene Steuerhinterzieher nervös. Beim Zoll

mutmaßt man noch über einen weiteren Grund:

„Der Fall Hoeneß hat viele aufgeschreckt.“

Bei den Rückholaktionen des unversteuerten

Geldes greifen manche Deutsche tief in die Trickkiste.

„Wir stoßen immer öfter auf Autos mit vier

oder sogar fünf Insassen, von denen jeder 9800

oder 9900 Euro dabei hat“, heißt es vom Zoll. Vor Ermittlungen

schützt der Trick allerdings nicht. Zwar

können die Zollbeamten kein Bußgeld verhängen,

wenn die Reisenden unter der meldepflichtigen

Summe bleiben. Allerdings können sie das zuständige

Finanzamt über den Bargeldfund informieren.

Auch andere Fundstücke meldet der Zoll zurzeit

regelmäßig an Finanzämter: Etwa Schlüssel von

Bankschließfächern, die die Beamten laut Kohlmann

häufiger entdecken – ein Indiz dafür, dass

viele Steuerhinterzieher ihre Konten leergeräumt

und das Geld in Schließfächer gesteckt haben.

Deutschen, die versuchen Schweizer Schwarzgeld

über Österreich einzuführen, macht der österreichische

Zoll immer häufiger einen Strich durch

die Rechnung. Der kontrolliert gut informierten

Kreisen zufolge schwerpunktmäßig auch deutsche

Bürger. 2013 stellten die Österreicher an der

Schweizer Grenze mehr als eine Million Euro Bargeld

sicher, eine Verdopplung gegenüber 2012.

daniel schönwitz, andreas macho | mdw@wiwo.de

Erwischt

Beschlagnahmte

Zahlungsmittel an der

deutschen Grenze

2011

14,4 Mio.€

2012

9,3 Mio.€

2013

573,0 Mio.€

Quelle:Zollverwaltung

FOTOS: LAIF/HANS CHRISTIAN PLAMBECK, VISUM/STEFAN BONESS, PICTURE-ALLIANCE/DPA

8 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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STEUERGEHEIMNIS

Schutz durch Grundgesetz

Am Pranger Bei Alice

Schwarzer wurde das

Steuergeheimnis

gebrochen

Die Verletzung des Steuergeheimnisses

im Fall von Alice

Schwarzer, Uli Hoeneß und

anderen Sündern ist ein besonders

schwerwiegender Verstoß,

weil Verfassungsrechte gebrochen

wurden. Dieser Schluss

ergibt sich aus einem Gutachten

der Wissenschaftlichen

Dienste des Bundestages. Zwar

ist das Steuergeheimnis nur in

der Abgabenordnung geregelt,

einem Steuergesetz, und habe

anders als das Brief-, Post- und

Fernmeldegeheimnis nicht den

Rang eines Grundrechts, heißt

es darin. Jedoch trage es „in erster

Linie verfassungsrechtlichen

Vorgaben Rechnung“, insbesondere

dem Recht auf

informationelle Selbstbestimmung.

„Dieses Recht ist Bestandteil

des allgemeinen Persönlichkeitsrechts,

das durch

das Grundgesetz geschützt

wird“, so die Wissenschaftler.

Ihr Fazit: „Eine Abschaffung des

Steuergeheimnisses wäre mithin

aus verfassungsrechtlichen

Gründen nicht zulässig.“

Durch die Studie gerät die

mutmaßliche Praxis, in einigen

Fällen prominente Steuerbürger

mit Indiskretionen unter

Druck zu setzen, weiter ins

Zwielicht. Es sei richtig, am

Steuergeheimnis festzuhalten,

sagt der CDU-Abgeordnete

Martin Pätzold: „Aber wir müssen

gesellschaftlich für mehr

Steuerehrlichkeit werben.“

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

Fundstücke

Aldi auf Mallorca Erstmals eröffnet

Aldi eine Filiale auf Mallorca,

in der Gemeinde Marratxí.

Aldi Nord hat noch eine weitere

Filiale beantragt. Konkurrent

Lidl ist schon seit 2001 auf

der Insel – inzwischen mit 14

Filialen.

2. BinSchUOuaAbwVÄndV In

wenigen Sprachen gibt es so

lange Worte wie im Deutschen.

Und auch eine in dieser Woche

in Kraft getretene Verordnung

ist rekordverdächtig, sie versammelt

gleich zwei Bandwurmworte.

Der Titel: „Zweite Verordnung

zur Änderung der

Gemeinsamen Verordnung zur

vorübergehenden Abweichung

von der Binnenschiffsuntersuchungsordnung

und von der

Binnenschifferpatentverordnung“.

Zum Glück hat das

Rechtswerk auch eine wohl klingende

Abkürzung: „2.

BinSchUOuaAbwVÄndV“.

IKB

Bericht

geschwärzt

Ex-Aktionäre der Düsseldorfer

Bank IKB erhoffen sich vom

Bericht des Sonderprüfers

Harald Ring eigentlich Aufschluss

darüber, wer Schuld an

der Fast-Pleite des Geldhauses

während der Finanzkrise war.

Die Hoffnung könnte angesichts

einer umfangreichen

Zensur durch die Bank nun enttäuscht

werden. Sechs Wochen

hatte die inzwischen dem amerikanischen

Finanzinvestor Lone

Star gehörende IKB Zeit, den

Bericht zu schwärzen. Selbst

das reichte offenbar nicht für

das 1800 Seiten starke Traktat,

sodass Ring dem Bankvorstand

unter Hans Jörg Schüttler

jetzt eine einwöchige Fristverlängerung

gewähren musste.

Das Aktienrecht erlaubt solche

Schwärzungen, wenn die Stellen

wichtige Firmengeheimnisse

preisgeben – aber keinen

Aufschluss über Pflichtverletzungen

geben. Den Ex-Aktionären

bleibt eine Hoffnung: Das

Düsseldorfer Landgericht muss

nun Absatz für Absatz entscheiden,

ob die Schwärzungen

durch den Vorstand legal sind.

Das aber dürfte mehrere Monate

dauern.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

Auf der schiefen Bahn

DieDeutsche Bahn bewertet erstmals ihre weltweiten Märkte nach der Höhe von Wirtschaftskriminalität und Korruption*

(gewichtet auf einer Skala von 0bis 100)

Myanmar

Afghanistan

Angola,

Turkmenistan

Sudan

Libyen

2 9 11 13 14

Länder mit schlechtestemRanking

Großbritannien,

Australien,

Schweden Finnland Norwegen Neuseeland Luxemburg

88 89 91 92 93

Länder mit bestem Ranking

FOTO:

*Auswahl aus rund 140 Partnerländern; Quelle: Deutsche Bahn

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Paradies

Wiederholte politische

Versuche, mit aller

internationalen Macht

den Garten Eden auf

Erden zu errichten, haben

bekanntermaßen

regelhaft mit Mord

und Totschlag geendet.

Auf allen Kontinenten

ungelöst blieb dabei

stets das Relativitätsproblem:

Denn jedes

Anglerparadies ist

immer auch eine

Hölle für die Fische.

Experten raten daher

zu Bescheidenheit

für jedes erträumte,

irdische Vize-Paradies:

Spendete nicht schon

das Lächeln einer schönen

Frau im Glühbirnenlicht

der verrauchten

Kneipe einstmals –

Glück?

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

VAPIANO

Kiew, Kairo und Kleinstädte

Keine deutsche Gastronomie-

Neugründung wuchs in den

vergangenen Jahren so rasant

wie Vapiano. Die 2002 gegründete

Italo-Kette zählt heute 140

Restaurants in 27 Ländern. 2013

verkaufte sie Pasta und Pizza im

Wert von 336 Millionen Euro.

Geht es nach Vapiano-Chef

Gregor Gerlach, ist das aber

erst der Anfang: „Wir wollen die

Zahl der Restaurants alle drei

Jahre verdoppeln.“

Je verbreiteter die Bonner

Kette ist, desto schwieriger wird

allerdings die Expansion – vor

allem in Deutschland. „Je mehr

wir in kleine Städte gehen, umso

schwerer ist es, geeignete Locations

zu finden“, sagt Gerlach.

Daher ändert er nun die Strategie.

Während Vapiano bisher

nur leer stehende Flächen in Innenstädten

anmietete, wird das

Unternehmen künftig wie

McDonald’s auch eigene Gebäude

bauen – am Stadtrand, in

Gewerbegebieten oder an der

Autobahn. Der Mailänder Architekt

Matteo Thun hat einen

Prototyp entwickelt. Der soll

RADISSON RED

Angriff auf

Motel One

Rezidor, der Mutterkonzern der

internationalen Hotelketten

Park Inn und Radisson Blu, will

mit neuen, billigeren Radisson-

Red-Hotels Anbietern wie Motel

One und Ibis Style Kunden

abjagen. Zielgruppe ist laut Rezidor-Chef

Wolfgang M.

Neumann die zwischen 1977

und 1994 geborene Generation

Y. Geplant seien neue Angebote

für Tablet- und Smartphone-

Nutzer sowie ein mobiles

Check-in oder Check-out. Die

Bei Hotelmarken durchgelüftet

Rezidor-Chef Neumann

Ende des Jahres in Fürth eröffnen,

derzeit wartet Vapiano auf

die Baugenehmigung. Insgesamt

plant Gerlach in Deutschland

2014 acht neue Restaurants,

darunter zwei in Berlin,

am Alexanderplatz und im Europacenter.

International will Vapiano vor

allem in England und Spanien

wachsen. Aber auch im Ausland

wird die Expansion

schwieriger. So sanken 2013 die

Gebäude für Gewerbegebiete

Prototyp von Vapiano

Zimmer bei Radisson Red werden

etwas kleiner als bei Radisson

Blu und der Service eingeschränkt

sein. „Bis 2020 wollen

wir 60 Hotels dieser Marke eröffnen“,

sagt der Manager. Das

erste Musterhaus will er demnächst

vorstellen. Neumann

krempelt zurzeit ohnehin das

Verkäufe außerhalb Europas

um 1,6 Prozent. „Ein, zwei Länder

liefen unrund, da hatten wir

falsche Partner“, sagt Gerlach.

Trotzdem plant er Restaurants

in bis zu fünf weiteren Ländern.

Selbstläufer dürften das nicht

werden. Denn neben Kuwait

und Aserbaidschan stehen

auch Ägypten und die Ukraine

auf dem Expansionsplan. Am

Nil lagen die Pläne wegen der

politischen Umbrüche bereits

ein halbes Jahr auf Eis. Doch

Gerlach ist optimistisch, mit der

Expertise lokaler Franchisepartner

in diesem Jahr in Kairo und

Kiew zu starten: „Auch in diesen

Ländern geht ja das Leben

weiter.“

oliver.voss@wiwo.de

gesamte Markenportfolio in seinem

Konzern um. Neu dazu

kommt die Luxusmarke Quorvus

Collection. Allein in Europa

plant er 20 Hotels – neben

Traditionshäusern sollen auch

Boutique-Hotels und Resorts

dazugehören.

Verschwinden werden die

Marken Regent und Missoni.

Bei Missoni habe sich zu wenig

getan. In den acht Jahren Partnerschaft

mit dem italienischen

Modehaus entstanden

nur zwei neue Hotels. Die Regent-Hotels

sind dem Konzernchef

dagegen zu stark standardisiert:„Luxushotels

brauchen

heute je nach Standort unterschiedliche

Themen wie Kunst

oder Architektur, um erfolgreich

zu sein.“

hans-juergen.klesse@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTOS: PR

10 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

ZYNGA

Rückzug aus

Deutschland

Seit dem gefloppten Börsendebüt

versucht sich der US-Spielehersteller

Zynga gesundzuschrumpfen.

In Deutschland

stellte er seine Entwicklung jetzt

komplett ein. Schon letzten

Sommer hatte der Konzern im

Zuge eines Sparprogramms die

Standorte Mainz und Frankfurt

dichtgemacht. Das Bielefelder

Entwicklerstudio sollte bestehen

bleiben. Ende 2013 kündigten

die Farmville-Macher aber

an, weltweit weitere 15 Prozent

der Stellen zu streichen. Im Zuge

dessen wurde nun auch das

Studio in Bielefeld dichtgemacht,

so das Unternehmen.

Dabei galten die Bielefelder

als Spezialisten für Handyspiele

– das Segment, in dem Zynga

wachsen will. Die Brüder

Thomas und Matthias Hoechsmann

hatten das Studio 2009

gegründet und ein Zombie-

Spiel fürs iPhone entwickelt.

2011 kaufte Zynga das Studio.

Zynga will jetzt mit dem Klassiker

Farmville Boden gutmachen.

Im letzten Quartal sank

die Zahl der täglichen Spieler

auf 27 Millionen– halb so viele

wie vor einem Jahr. Eine speziell

für Handys konzipierte Version

von Farmville 2 soll nun die

Wende bringen. oliver.voss@wiwo.de

UBER

Kroes gegen

Taxi-Kartell

Per Smartphone-App vermittelt

das US-Unternehmen Uber Limousinen

samt Chauffeur. Vor

allem Taxifahrer hassen die

neue Konkurrenz, in Paris attackierten

sie schon die Autos von

Uber-Fahrern. Nun erklärte

Wütet via Twitter

EU-Kommissarin Kroes

17.04. Ukraine-Gespräche Bei einem Vierertreffen

kommen am Donnerstag die Außenminister von

Russland, der Ukraine, den USA und der EU in

Genf zusammen. Vom Ausgang des Treffens wird

wohl auch abhängen,

ob die EU ernsthafte

Wirtschaftssanktionen

gegen Russland verhängen

wird.

20.04. Automesse In Peking startet am Sonntag die Auto

China 2014, die wichtigste chinesische Automesse.

Audi wird dort zum Beispiel eine 420 PS starke

Quattro-Sport-Version des Modells TT vorstellen.

21.04. China Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel

tritt am Montag seine viertägige China-Reise an.

Im Schlepptau hat er auch eine Delegation deutscher

Unternehmensvertreter. Im Juli will dann

auch Angela Merkel nach China reisen.

23.04. Staatsschulden Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht

am Mittwoch die Staatsverschuldung

der einzelnen Mitgliedstaaten für 2013. Mit Spannung

werden Griechenlands Zahlen erwartet, das

wieder einen Überschuss erwirtschaftet haben

soll, lässt man Schuldzinsen außer Acht.

Petersburger Dialog In Leipzig beginnt das alljährliche

zweitägige deutsch-russische Diskussionsforum,

dass zur Verständigung beider Nationen beitragen

soll. Ursprünglich wurden auch Wladimir

Putin und Angela Merkel erwartet. Aufgrund der

aktuellen Entwicklung in der Ukraine werden sie

nun doch nicht an dem Treffen teilnehmen.

25.04. Schuldenfonds Die US-Ratingagentur Standard &

Poor’s veröffentlicht am Freitag eine Einschätzung

über die Kreditwürdigkeit des Europäischen Schuldenfonds

EFSF.

TOP-TERMINE VOM 17.04. BIS 27.04.

auch ein Brüsseler Gericht das

Angebot in Belgien für unzulässig

und droht für jede Fahrt mit

einer Strafe von 10 000 Euro.

Doch Uber-Chef Travis Kalanick

bekommt überraschend

prominente Unterstützung.

„Verrückte Entscheidung“, wettert

EU-Digitalkommissarin

Neelie Kroes. Sie sei geschockt

und außer sich twitterte

die Niederländerin und rief den

Hashtag #UberIsWelcome ins

Leben. Kurz darauf hatte die

frühere Wettbewerbskommissarin

einen empörten Eintrag

auf ihrem offiziellen Blog

veröffentlicht. „Es geht darum,

dass Taxi-Kartell zu

schützen“, schimpft Kroes

und ruft zu Protesten bei

der belgischen Verkehrsministerin

auf.

oliver.voss@wiwo.de

ECOMOTORS

Neuer alter

Wundermotor

Das Konzept für seinen vermeintlichen

Wundermotor hat

Peter Hofbauer schon in den

Achtzigerjahren als Motorchef

von Volkswagen entwickelt. Er

eignet sich für Benzin, Diesel,

Erdgas sowie Methanol und

verbraucht bis zu 50 Prozent

weniger als ein moderner Turbodiesel,

ist dabei nur halb so

groß und deutlich günstiger.

Nun soll der Zweitakter in

Serie gehen. Hofbauers Firma

Warten auf Piëch

Motorentwickler Hofbauer

Ecomotors, die er 2008 in den

USA gegründet hat, richtet dafür

ein Gemeinschaftsunternehmen

mit dem chinesischen

Konzern First Auto Works

(FAW) ein. Für 200 Millionen

Dollar entsteht eine neue Fabrik.

Dort sollen ab 2015 jährlich

rund 100 000 Motoren gebaut

werden. Weitere 150 000

Lkw-Motoren sollen aus einer

zweiten Fabrik mit dem chinesischen

Zuliefererkonzern

Zhongding kommen. Hofbauer

hofft, dass der Wundermotor

auch in Modelle seines Ex-Arbeitgebers

einzieht. Die VW-

Tochter IAV war schon an der

Entwicklung beteiligt, zudem

ist FAW auch ein VW-Partner in

China. Aber noch will Hofbauer

VW-Patriarch Ferdinand Piëch

den Motor nicht zeigen: „Er

wird wissen wollen, ob er sich

auf der Straße bewährt hat.“

martin.seiwert@wiwo.de | New York

FOTOS: LAIF/POLARIS/XINHUA, SCOTT STEWART FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/DANIEL PILAR

12 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

CONTINENTAL

Elke Strathmann, 56,

seit Januar 2012 Personalvorstand

und Arbeitsdirektorin

beim Autozulieferer Continental

in Hannover, muss

sich einen neuen Job suchen:

Ihr Ende 2014 auslaufender

Vertrag wird überraschend

nicht verlängert.

Angeblich, weil sie „zu vielen

Männern mit ihrer selbstbewussten

Art auf die Füße getreten“

ist, wie aus dem Aufsichtsrat

kolportiert wird.

Strathmann sollte die unterschiedlichen

Unternehmenskulturen

in dem durch

mehrere Übernahmen – darunter

die ehemalige Siemens-Tochter

VDO – gewachsenen

Reifen- und

Autoelektronikkonzern vereinheitlichen.

Die diplomierte

Mathematikerin gilt

als erfahrene Personalmanagerin

und war vor ihrem

Conti-Amtsantritt bei den

Konsumgüterriesen Nestlé,

Johnson & Johnson und

Procter & Gamble.

CABRIOS

1,7Millionen

TELEKOM

Marion Schick, 55, verlässt

das Unternehmen aus gesundheitlichen

Gründen. Die Personalchefin

wird bereits seit einiger

Zeit von Datenschutzvorstand

Thomas Kremer vertreten.

VOLKSWAGEN

Wolfgang Dürheimer, 55,

kehrt nach fast einjähriger Pause

als Vorstand des VW-Konzerns

in das operative Geschäftzurück:Am

1. Juni übernimmt

er die Leitung der Luxusmarken

Bentley und Bugatti. Die Verantwortung

dafür hatte der Ingenieur

bereits 2011 und 2012,

bevor er zum Technik-Vorstand

von Audi berufen wurde. Dort

hielt er sich aber nur drei Monate.

Wolfgang Schreiber, 56,

der Bentley und Bugatti seit

September 2012 geführt hatte,

soll in Kürze eine neue Aufgabe

im Konzern übernehmen.

RENAULT

Olivier Gaudefroy, 50, übernahm

Karfreitag als neuer

Vorstandschef die Leitung von

Renault Deutschland. Der Franzose

löste überraschend Achim

Schaible, 45, ab, der den Importeur

fünf Jahre geführt und

trotz schwieriger Bedingungen

den Marktanteil von Renault

und Dacia stabilisiert hatte. Der

darf sich eine neue berufliche

Herausforderung suchen.

Cabrios sind in Deutschland zugelassen, davon 40 Prozent auf

Frauen. Unter allen Pkw-Haltern machen Frauen dagegen nur 33

Prozent aus. Zudem leisten sich eher Jüngere ein Cabrio. Nur 21

Prozent aller Cabrio-Halter sind älter als 60 Jahre. Von allen Pkw-

Besitzern haben 27 Prozent diese Altersgrenze überschritten.

KYL

Das Magnum der Matrix

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung bislang aus Eigenmitteln

200 000–250 000 Euro,

nun per Crowdfunding bei Companisto

mehr als 135 000 Euro

Produktion geplant sind täglich

25 000 bis 35 000 Stück

Science-Fiction-Filme nehmen viele Neuerungen vorweg, doch

kulinarisch bleiben die Zukunftsvisionen erstaunlich fad. So fragte

sich David Marx, welches Eis die Helden in Matrix oder Minority

Report statt eines Magnums essen würden? Und hat das „Eis der

Zukunft“ erfunden. Seine Kreationen haben abstrakte geometrische

Formen, die pyramidenförmigen Waben sind schon mal

pechschwarz. Für die Rezepturen arbeitet Marx mit Sterneköchen

wie Juan Amador zusammen. Für das futuristische Aussehen wird

die Masse mit flüssigem Stickstoff bei –196 Grad schockgefroren.

„So gehen keine Zellen kaputt“, sagt Marx. Denn es entstehen

keine Eiskristalle. Dadurch benötigt das Moleküleis auch weniger

Zucker, Luft und Fett, welche sonst für die Konsistenz nötig sind.

Allerdings produzierte Kyl das Eis bislang nur für Modenschauen,

Filmpremieren oder zuletzt die World Science Gala in

New York. Nun baut die Firma in Berlin eine Fabrik, die im November

öffnen soll. Geld sammelt Kyl derzeit per Crowdfunding,

die erhofften 100 000 Euro kamen in 24 Stunden zusammen. Ab

2015 will Marx das Eis mit Partnern und online verkaufen. „Die

Nachfrage macht uns fertig“,

sagt er. Es gebe zahlreiche

Anfragen von großen

Hotels und Caterern.

Zudem will Marx den

US-Markt erobern. Als

Türöffner hat er John Lika

gewonnen – Ex-Marketingchef

von Ben & Jerrys.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: LAIF/CHRISTIAN BURKERT, PR

14 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Claudio Luti

Chef des italienischen Möbelherstellers Kartell

An der Tischkante steht ein halbes

Dutzend Familienfotos, in

der Ecke ein Exemplar der

Tischlampe Bourgie – eines von

mehr als 20 Kunststoffmöbeln

aus der Produktion der vergangenen

20 Jahre, die Claudio Luti,

67, in seinem Büro stets um sich

hat. Wie seinen Augapfel aber

hütet er den Aktenstapel vor

ihm, der nie zu schrumpfen

scheint:die neuesten Umsatzzahlen,

aktuelle Entwürfe seiner

Designer, Kataloge mit den Kollektionen

der Konkurrenz.

Als „mein ganz privates Chaos“

beschreibt der Eigentümer und

Vorstandschef des italienischen

Kunststoffmöbel-Herstellers

Kartell die Papierflut

auf seinem ovalen Schreibtisch,

den seine Schwiegermutter

Anfang der

Siebzigerjahre entworfen

hat, die legendäre

italienische

Designerin Anna

Castelli Ferrieri. „Da

darf auch meine Sekretärin

nur ein, zwei

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Mal pro Jahr ran“, sagt Luti.

1988 übernahm der Ökonom

das Unternehmen, das seine

Schwiegereltern 1949 vor den

Toren Mailands gegründet hatten.

In seinem mehr als 100

Quadratmeter großen Büro will

Luti ungern gestört werden.

Hier empfängt er allenfalls Stardesigner

wie Philippe Starck,

die er in den vergangenen 25

Jahren immer wieder

beauftragt hat. „Ich

organisiere den kreativen

Prozess“, beschreibt

Luti seine

Aufgabe, die er in

den Achtzigerjahren

schon als rechte

Hand des Designers

Gianni Versace verinnerlicht

hatte. Lutis Credo: „Kreativität

braucht Freiheit.“ Aber auch

Kontrolle: Ein Entwurf geht nur

in Produktion, wenn Luti ihn

für gut befunden hat – also

„wenn er mir gefällt und er Marge

verspricht“. Offenbar mit Erfolg:

Kartell ist in 126 Ländern

präsent und laut Luti „hochprofitabel“.

Seit einigen Jahren arbeiten

auch seine beiden Söhne

im Unternehmen mit;amtsmüde

ist der 67-Jährige, der seit

Oktober 2012 auch der Mailänder

Möbelmesse vorsteht, allerdings

nicht. „Vorerst“, sagt Luti,

„bleibe ich auf der Suche nach

neuen Ideen.“

manfred.engeser@wiwo.de

FOTO: PIETRO MADASCHI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Paradies Deutschland

Das bedrohte Idyll

ESSAY | Die Wirtschaft brummt, die Stimmung ist prima, und die Politik

feiert sich selbst: Nie zuvor hatten in Deutschland so viele Menschen

so große Lebenschancen wie heute. Doch ist unsere Wohlfühl-

Gesellschaft tatsächlich ein nachhaltiges Modell? Von Dieter Schnaas

Im „Rückblick aus dem Jahr 2000 auf

das Jahr 1887“ des amerikanischen Science-Fiction-Schriftstellers

Edward Bellamy

erwacht die Hauptfigur Julian West

in einem idealen Gemeinwesen der Zukunft.

Julian wundert sich über die saubere Luft in der

Großstadt, staunt über Kreditkarten und eine Art

Streaming-Dienst, der verkabelte Haushalte mit musikalischer

Unterhaltung versorgt. Das utopische Potenzial

des in Boston spielenden Romans aus dem

Jahre 1888 ist verblüffend. Die vielleicht schönste Passage

beschreibt eine Unterhaltung zwischen Julian

und seinem Hausherrn Dr. Leete. Julian ist irritiert,

weil sein Gastgeber das Mittagessen, obwohl es regnet,

auswärts einnehmen will – bis er bemerkt, dass

die Trottoirs durch ein wasserdichtes Dach geschützt

sind. Leete dient der „gut erleuchtete und vollkommen

trockene Korridor“ nicht nur praktischen Zwecken,

er deutet ihn auch als politisches Zeitzeichen:

Während die Bewohner Bostons im 19. Jahrhundert

bei schlechtem Wetter 300 000 Privatregenschirme

über ihren Köpfen aufgespannt hätten, so Leete,

zeichne sich die moderne Gesellschaft dadurch aus,

dass in ihr alle Menschen durch einen einzigen Regenschirm

beschützt seien.

Natürlich hat Bellamy das damals marxistisch gemeint:

Seine Kolonnaden symbolisieren den postindividualistischen

Traum von einer klassenlosen Solidarität

aller mit allen. Heute wissen wir, dass die Regenschirm-Utopie

sich nicht in einem sozialistischen

Musterland, sondern im Deutschland der sozialen

Marktwirtschaft aufs Schönste verwirklicht hat. Der

800 Milliarden Euro schwere Sozialstaat ist der Riesenregenschirm,

den sich Kapitalisten, Selbstständige,

Angestellte und Arbeiter Jahr für Jahr erarbeiten,

um sich unter seinen Schutz zu stellen – ein Riesenregenschirm,

der nicht nur alle existenziellen Gefahren

und individuellen Lebenskrisen abwettert, sondern

unter dessen Schirm-Herrschaft auch eine historisch

beispiellose Komfortzone erblüht ist, ein üppig pran-

gendes Wohlstandsparadies, in dem Pflicht und Fleiß

und Feierabend florieren und in dem die Deutschen

ihren einmal erworbenen Status hegen: Gärtner in

Eden, gesegnet mit einem grünem Daumen. So wie

einst bei Adam und Eva besteht auch für die Deutschen

heute das Tagwerk vor allem darin, den Überfluss

zu pflücken und die Fülle zu pflegen.

Was für eine Ironie der Geschichte, dass sich ausgerechnet

der Sämann des deutschen Prosperitätsparadieses

den real existierenden Sozialstaat wie eine

Hölle vorgestellt hat! Die Regenschirm-Wohlfahrt war

für Ludwig Erhard, den „Vater des deutschen Wirtschaftswunders“,

das Werk eines paternalistischen

Teufels, der „die menschliche Verantwortung erschlaffen

und die individuelle Leistung absinken

lässt“. Erhards Utopie der sozialen Marktwirtschaft

entwarf dagegen eine entproletarisierte Gesellschaft

emsiger Eigentumsbürger, die sich dank Wettbewerbsordnung

und Wirtschaftswachstum maßgeschneiderte

Privatregenschirme leisten können. Mit

deren Kauf sollten sich die Deutschen zugleich das

individuelle Glück erwerben, von Schlechtwetterphasen

unabhängig, also ausdrücklich nicht auf

staatliche Riesenregenschirme angewiesen zu sein!

GOLDENES GEHEGE

Nähme man Erhard beim Wort, müsste man die sieben

deutschen Nachkriegsjahrzehnte nicht als Erfolgs-,

sondern als große Verfallsgeschichte beschreiben.

Das deutsche Paradies erschiene als goldenes

Gehege, in das wir uns von einem paternalistischen

Staat wie willenlose, mit regierungsamtlichem

Optimismus geimpfte Herdentiere haben einpferchen

lassen – ein Paradies, das wegen sozialstaatlicher

Überdüngung vorübergehend wächst und wuchert,

dessen Böden aber ausgelaugt sind, immer weniger

Ertrag abwerfen und zuletzt verwüsten werden.

Bedrohtes Paradies? Ach was! „Nie zuvor hatten so

viele Menschen so große Lebenschancen wie heute“,

sagte der große liberale Soziologe Ralf Dahrendorf

»

Verfallsgeschichte

Deutschlands Unternehmen

fahren ihre

Investitionen hierzulande

seit Jahren

zurück. Der Kapitalstock

veraltet, das

langfristige Wachstumspotenzial

sinkt.

Ausrüstungsinvestitionen in

Prozent des BIPs

10

9

8

7

6 1970 2013

Quelle:Destatis

ILLUSTRATIONEN: TIM MCDONAGH; DMITRI BROIDO

18 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 19

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Paradies Deutschland

»

Zahl der registrierten

Arbeitslosen in Millionen

5

4

3

2 1991 2013

Quelle:Sachverständigenrat

Deutsche Warenexporte

in Billionen Euro

1,2

1,0

0,8

0,6

0,4

0,2 1991 2013

Quelle: Sachverständigenrat

Menschen über 65

Deutschlands Bevölkerung

altert. Für

die nachwachsende

Generation steigt die

Finanzierungslast –

es sei denn, sie kündigt

den Generationenvertrag

durch

Auswanderung auf.

Über 65-Jährige in Prozent

der 20- bis 64-Jährigen

70

60

50

40

30

20

10 1950 2011 2060

ab 2011 Prognose;

Quelle: Sachverständigenrat

einmal, und tatsächlich:Die Spielräume aller Deutschen

haben sich durch Wirtschaftswachstum und Sozialstaatsausbau,

Globalisierung, Wiedervereinigung

und europäische Integration ins historisch Beispiellose

vergrößert. Nie war es hierzulande leichter, seines

Glückes Schmied zu sein, seine Selbstverwirklichung

auf die Spitze zu treiben, einen von Krisen und Kriegen

unbeeinflussten, glückenden Roman seines Lebens zu

schreiben. Jeder Schulabbrecher erhält heute eine

zweite und dritte Chance. Jeder Realschüler kann

sich zum Akademiker weiterbilden, jeder Student zwei

Semester in Paris oder Budapest einlegen, jeder Hochschulabsolvent

in Australien oder Indien erste Berufserfahrungen

sammeln. Deutschland ist fest verwurzelt

in Europa. 57 Prozent unserer Ausfuhren gehen in

Länder der EU, unser Handelsvolumen mit den Niederlanden,

Polen und Tschechien ist größer als unser

Warenaustausch mit den USA und China. Wir genießen

sechs Wochen Urlaub im Jahr, können täglich

Flugananas, Sushi oder Bioschwein essen, kaufen im

Internet nur TÜV-geprüfte Sicherheitsprodukte und

radeln sonntags an garantiert sauberen Seen und Flüssen

entlang. Für eine neue Waschmaschine arbeiten

wir im Schnitt nicht länger als drei Tage (1960: 27 Tage),

für zehn Eier bloß acht Minuten (1960: 51 Minuten).

Nur noch knapp 15 Prozent unseres Haushaltsbudgets

geben wir für Nahrungsmittel aus, 1980 waren

es 20 Prozent, 1970 sogar 25 Prozent. Der Rest ist Schöner

Wohnen, Mode, Unterhaltung, Reisen.

Weltniveau erreicht Deutschland dabei vor allem

dank seiner Bürokratie und Provinzialität. Weil hier

alles seinen (vorschriftsmäßigen) Gang geht. Und

weil wir in der Breite Spitze sind, in Maß und Mitte

Meister. Personengeführte Unternehmen aus Freiberg

und Tuttlingen sichern unseren Wohlstand, Universitäten

in Gießen und Greifswald, Fachhochschulen

in Mönchengladbach und Merseburg. Es gibt in

Bayreuth einen Lehrstuhl für die afrikanischen Bantu-

und Gursprachen und in Zwickau einen Diplomstudiengang

Gebärdendolmetschen, in Weil am

Rhein ein Design-Museum, in Meiningen und Detmold

zwei von 140 öffentlichen Theatern und bundesweit

7230 Opernaufführungen pro Saison – mehr

als in den USA, Russland, Frankreich, Italien und

Großbritannien insgesamt. Kurzum, „Deutschland ist

zivilisiert, frei, wohlhabend, gesetzestreu, bescheiden

und umsichtig“, fasst es der britische Historiker Timothy

Garton Ash trefflich zusammen: ein Land, in dem

die „Banalität des Guten“ herrscht.

Die ganze Welt schaut voller Bewunderung auf

Berlin. Der britische Rundfunksender BBC hat vor

knapp einem Jahr 26 000 Menschen in 25 Ländern

gefragt, welche Nation einen besonders positiven

Einfluss auf globale Entwicklungen hat – Deutschland

landete auf Rang eins. Dabei wird die antiimperiale

Außenpolitik der Bundesrepublik genauso geschätzt

wie ihre globalpolitische Vorreiterrolle in Klimafragen

und ihre ökonomische Solidität. Deutschland

hat die schwerste Weltwirtschaftskrise seit 1945

fast unbeschadet überstanden. Während die Schulden

in den USA ins Unermessliche wachsen, sich in

China eine massive Kreditkrise ankündigt und in Europa

Massenarbeitslosigkeit um sich greift, sprach

der Internationale Währungsfonds vergangene Woche

mit Blick auf Deutschland nur von erfreulichen

„Aufwärtsrisiken“: Alles deute darauf hin, dass man

seine ohnehin günstige Wachstumsprognose für

Deutschland (1,7 Prozent) nach oben korrigieren

müsse. Stabiler Arbeitsmarkt, steigende Binnennachfrage,

mehr Verbrauchervertrauen, eine anziehende

Kreditvergabe und das allmähliche Wiederaufblühen

der Investitionen – die Bravo-Liste ist beeindruckend

lang.

KONJUNKTUR LÄUFT RUND

Kein Wunder, dass die deutsche Politik vor Selbstzufriedenheit

platzt. „Wir können uns das leisten“, sagte

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)

vergangene Woche im Bundestag mit Blick auf das bis

zu 230 Milliarden Euro schwere Rentenpaket der großen

Koalition – und legte für 2015 stolz den ersten

(fast) ausgeglichenen Bundeshaushalt seit 45 Jahren

vor. Tatsächlich scheinen die jüngsten Eckdaten

Schäubles Füllhorn-Erzählung zu bestätigen.

Deutschlands Ausfuhren lagen im Februar um 4,6

Prozent höher als im Vorjahresmonat. Gleichzeitig

übersprang die Zahl der Erwerbstätigen zum ersten

Mal in der Geschichte die saisonbereinigte Marke von

42 Millionen. Die Arbeitslosenquote hat sich seit zwei

Jahren bei moderaten sieben Prozent eingependelt,

die Jugendarbeitslosigkeit liegt mit knapp sechs Prozent

noch darunter. In Bayern (3,5 Prozent) und Baden-Württemberg

(2,9 Prozent) herrscht unter den

unter 25-Jährigen beinahe Vollbeschäftigung. Als sei

das alles noch nicht genug, wird Deutschland auch

noch von der Industrieländer-Organisation OECD

dafür gelobt, dass in keinem Land der Anteil der

Langzeitarbeitslosen stärker zurückgegangen sei. Alles

läuft rund. Warum sollte sich daran etwas ändern?

Ja, warum eigentlich? Bleibt die Apokalypse aus Sozialstaatskollaps,

Schuldentod und demografischer

Zeitbombe, die uns liberale Politiker und Forscher

seit Jahrzehnten prophezeien, nicht seit Jahrzehnten

schon verlässlich aus? Die Unternehmen überweisen

dem Staat in diesem Jahr mit 120,1 Milliarden Euro

mehr als 30 Prozent mehr Steuern als noch 2009. Aber

kündet das nun von einem gefräßigen Staat – oder

doch eher von der blendenden Gesundheit unserer

Wirtschaft? Die Energiepreise in Deutschland liegen

um 40 Prozent über denen in Frankreich und den

Niederlanden, gewiss. Aber ist das nur ein Wettbewerbsnachteil

– oder nicht doch auch ein Anreiz, der

Konkurrenz in puncto Effizienz ständig einen Schritt

voraus zu sein? Die USA jedenfalls benötigen doppelt

so viel Erdöl pro Wertschöpfungseinheit wie

Deutschland. Der Altenquotient – also der Anteil von

älteren Menschen über 65 im Vergleich zu den 20- bis

64-Jährigen – steigt bis 2030 in Deutschland auf 51,4

Prozent (2011: 33,7 Prozent; 1960: 18 Prozent), sicher.

Aber droht der demografische Wandel wirklich unse-

ILLUSTRATIONEN: TIM MCDONAGH; DMITRI BROIDO

20 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Deutschlands Schuldenberg

beträgt alles in allem bereits

5000 Milliarden Euro

re Sozialkassen zu sprengen – oder ist die Altenrepublik

nicht eine frohe Botschaft für den Arbeitsmarkt?

In den nächsten zwei Jahrzehnten gehen die geburtenstarken

Jahrgänge in Rente; die Unternehmen

werden Fachkräfte suchen und die Grundschüler von

heute sich gute Jobs aussuchen können. Höhere Löhne,

mehr Produktivität, bessere Produkte, steigende

Rentenbeiträge: Auch im Paradies kann man sich die

Zukunft immer noch paradiesischer vorstellen.

So geht das schon seit 40 Jahren. Die Politik redet

sich das Land schön und bringt desto mehr Dünger

im Garten Eden aus, je weniger es auf naturökonomischem

Wege in ihm wächst und gedeiht. Denn tatsächlich

sind die Quellen des Paradieses seit den Siebzigerjahren

vergiftet – seit Deutschland nicht mehr im

Schwellenland-Tempo wächst und die Finanzmärkte

zum Vehikel einer Politik verkommen sind, die nicht

Wohlstand aus erwirtschaftetem Kapital, sondern

Wohlstandsillusionen aus Schulden generiert. In der

vergangenen Dekade ist die deutsche Wirtschaft um

durchschnittlich ein Prozent „gewachsen“ – auf Kosten

von mehr als 300 Milliarden Euro Neuverschuldung.

Drückt ein solches „Wachstum“ wirklich noch

ökonomische Gesundheit aus? Allein die Verbindlichkeiten

des Bundes betragen mittlerweile rund 1300

Milliarden Euro. Zu ihrer Tilgung überweisen die

Deutschen den Banken jährlich 30 Milliarden – bei

historisch niedrigen Zinsen, wohlgemerkt. Stiege der

Preis des Geldes auch nur um einen mickrigen Prozentpunkt

an, schlüge das im Haushalt mit 13 Milliarden

zu Buche – und Schäuble könnte seinen ausgeglichenen

Etat wieder einpacken. Und das ist noch der

angenehmste Teil der Schulden-Wahrheit. Rechnet

man die Obligationen der Bundesländer, die künftigen

Pensions- und Rentenansprüche der geburtenstarken

Jahrgänge sowie die steigenden Gesundheitsund

Pflegekosten mit ein, belaufen sich Deutschlands

Schulden nach Projektionen des Finanzwissenschaftlers

Bernd Raffelhüschen bereits auf 5000 Milliarden

Euro. Geht noch dazu der Euro zu Bruch, kann Schäuble

nach Berechnungen des ifo Instituts weitere 374

Milliarden Minus einbuchen.

Angesichts solcher Zahlen davon zu sprechen,

Deutschland könne sich das „Rentenpaket“ der großen

Koalition leisten, ist mindestens frivol. Noch viel

frivoler ist, dies im Namen der sozialen Gerechtigkeit

zu tun. Bereits als der damalige Wirtschaftsminister

Otto Graf Lambsdorff (FDP) 1982 den Vorschlag

machte, ein paar besonders ausladende Zweige des

Sozialstaates zu stutzen, schwante ihm, dass eine solche

Politik „als unsozial diffamiert“ würde. Dabei gäbe

es heute wie damals keine sozialere Politik als die,

die sich ernsthaft einer Lösung der öffentlichen Finanzierungsprobleme

verschreiben würde. Die

auf steigende Zinsen und restriktive Geldpolitik setzt

und mit dem vorsichtigen Umbau eines Sozialstaates

beginnt, der nicht mehr alle Lebensrisiken absichert,

wohl aber den Aufbau von Eigentum prämiert:Eigentum,

das seinen Besitzern nicht nur materiellen

Schutz bietet, sondern ihnen auch als mentale Kraftquelle

nützlich ist. Es ist schließlich kein Naturgesetz,

dass der Sozialstaat unsere Gesundheit (300 Milliarden

Euro) und unser Alter (250 Milliarden Euro) absichert

und Familien mit Kindergeld und Elterngeld

(knapp 50 Milliarden Euro) dafür beschenkt, Familien

zu sein. Der Riesenregenschirm wird schrumpfen

müssen. Sonst werden sich am Ende nicht mal mehr

die Invaliden von ihm beschützt fühlen, die tatsächlich

von seiner Protektion abhängig sind – und für die

er heute gerade mal 60 Milliarden Euro lockermacht.

PROBLEME VERTAGT UND VERSCHOBEN

Wird die Politik die Kraft dazu aufbringen – und das

Paradies zukunftsfest machen? Wenig spricht dafür.

Schließlich hat sie sich exakt das Geschäftsmodell zu

eigen gemacht, für das sie die Finanzmärkte zu Recht

kritisiert: So wie in Frankfurt Kredite nicht mehr zurückgezahlt,

sondern verbrieft, verbreitet und versteckt

werden, werden in der Politik Finanzprobleme

nicht mehr gelöst, sondern verschoben, vertagt, zum

Verschwinden gebracht – bis sie dereinst durch die

normative Kraft des Faktischen auf der Tagesordnung

landen. Die umlagefinanzierte Rente etwa ist faktisch

längst bankrott. Die „stabilen Beiträge“ werden einerseits

durch einen jährlichen Steuerzuschuss (Ökosteuer,

Mehrwertsteuer) in Höhe von rund 80 Milliarden

Euro erzielt, andererseits durch ein sinkendes

Rentenniveau, das einem Durchschnittsrentner nach

45 Beitragsjahren 2030 nur noch 43,7 Prozent seines

Einkommens sichert (1984: 58,1 Prozent). Auch die

Schuldenproblematik ist praktisch nicht mehr in den

Griff zu bekommen. Graf Lambsdorff hat in den Achtzigerjahren

vielleicht noch darauf hoffen dürfen, mit

Steuersenkungen ein Wirtschaftswachstum zu ent-

»

Niedrige Zinsen

Der Anteil der Zinsausgaben

am Bundeshaushalt

ist bis

zur Jahrtausendwende

rasant gestiegen.

Der anschließende

Rückgang ist in

erster Linie das Ergebnis

der Niedrigzinspolitik

der EZB.

Zinsausgaben des Bundes in

Prozent des Bundeshaushalts

20

15

10

5

0 1970 2013

Quelle: BMF

Schulden

Die Geldschöpfung

der Banken aus dem

Nichts hat es dem

Staat erlaubt, immer

mehr Schulden

aufzunehmen. Die

Zinsen dafür müssen

künftige Generationen

bezahlen.

Staatsschulden in Prozent

des BIPs

100

80

60

40

20

0 1970 2013

Quelle: BMF

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 21

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Paradies Deutschland

» fachen, dessen Erträge von morgen die Ausfälle

von heute übertreffen würden. Eine solche Hoffnung

gibt es heute nicht mehr. Die Schulden sind schlicht

Staatsausgaben zu hoch. Sie lassen sich nicht mehr durch Wachstum,

schon gar nicht durch höhere Steuern, allen-

Der Ausbau des

Wohlfahrtsstaates in falls noch durch steigende Preise einholen. Eine Inflation

von vier, fünf Prozent aber verzehrt nicht nur

den Siebzigerjahren

hat die Staatsausgaben

in die Höhe Geldvermögen seiner Bürger. Die Möglichkeiten der

die Verbindlichkeiten des Staates, sondern auch die

getrieben. Derzeit Selbstvorsorge schwinden, die Abhängigkeit vom

fließen 44 Prozent „Kolossalvormund Staat“ (Wilhelm Röpke) wächst

des Bruttoinlandsprodukts

durch die senregenschirm der „sozialen Gerechtigkeit“ wer-

weiter – und die Ausbauarbeiten der Politik am Rie-

Hände des Staates. den sich fortsetzen. Pflegezeiten, Mietpreisbremsen,

Die wohlhabendere Energiezuschüsse – es gibt nichts im (Schein-)Paradies

Deutschland, von dem die Politik annimmt, es

Schweiz kommt mit

einer Staatsquote nicht noch (schein-)paradiesischer gestalten zu

von 33 Prozent aus. können.

Die schädliche Betriebsamkeit der Politik geht dabei

paradoxerweise Hand in Hand mit ihrer schädli-

Staatsausgaben in Prozent

des BIPs

chen Tatenlosigkeit: Ihre Bereitschaft, jeden Anspruch

auf Gestaltung aufzugeben, wächst komple-

60

mentär zu ihrer Neigung, die News-Oberfläche

50

möglichst intensiv zu bearbeiten. Bundeskanzlerin

40

Angela Merkel (CDU) hat es in beiden Disziplinen

zu großer Meisterschaft gebracht. Ihre Führung erschöpft

sich mit situativer, ideell anspruchsloser,

30

bestenfalls pragmatisch-professioneller Politik nach

20 1970 2013

Vorschrift und Geschäftsordnung. In der prozessualen

Begleitung des Tagesaktuellen und in der nachsorgenden

Bearbeitung aktuell anfallender Dring-

Quelle:BMF

lichkeiten hat sie ihre stärksten Stunden. Ein gesellschaftliches

Leitbild jedoch, ein ordnendes Ziel, der

Wille zu einer konzeptionellen, nachhaltigen Politik

– das alles fehlt Merkel. Sie ist die Kanzlerin, die dem

Lauf der Dinge hinterheramtiert, um sich stets auf

der Höhe der gegenwärtigen Mehrheitsmeinung zu

befinden.

VERFÜHRERISCHE BERLINER SCHEINWELT

Entsprechend lesen sich Wahlanalysen der CDUnahen

Konrad-Adenauer-Stiftung wie entschiedene

Aufforderungen zur Unentschlossenheit. „Langfristige

Orientierungen spielen insgesamt eine untergeordnete

Rolle“, heißt es da, „kurzfristige... Verstimmungen

und Enttäuschungen hingegen eine große“.

Merkel hat daraus den Schluss gezogen, sich möglichst

unauffällig zu verhalten, im Strom der Gegenwart

mitzuschwimmen – und aus Stimmungen

Stimmen zu extrahieren. Wenn in einer Umfrage des

Marktforschungsinstituts Rheingold vor der Bundestagswahl

81 Prozent der Deutschen angeben, soziale

Gerechtigkeit solle das primäre Ziel der neuen

Regierung sein, führt Merkel eben keine Diskussion

darüber, was die Deutschen sich vielleicht besser

unter „Gerechtigkeit“ vorzustellen hätten, sondern

Mietpreisbremsen und Mütterrenten ein. Anders

gesagt: Merkels Regieren erschöpft sich darin, eine

verführerisch heile Scheinwelt im Großen und Ganzen

auf sich beruhen zu lassen, um sie mit Blick auf

81 Prozent der Deutschen

halten soziale Gerechtigkeit

für ein primäres Regierungsziel

direktdemoskopische Erfolge im Kleinen und Konkreten

ständig aufhübschen zu können.

Begünstigt wird Merkels weichzeichnende Statusquo-Politik

von der Beschleunigung des News-Geschäfts.

Journalisten müssen heute auch in Echtzeit

twittern, bloggen, facebooken – mit der Folge, dass

man sich viele Redakteure heute nicht mehr als nachrichtenfilternde

Analysten des Weltgeschehens vorzustellen

hat. Im Bereich des politischen Journalismus

profitieren davon vor allem die scheinbar Handelnden

– weil eine nominell „tätige“ Bundesregierung

kaum noch an der Lösung komplexer Probleme

gemessen, sondern für die Bearbeitung offensichtlicher

Gegenwartsphänomene prämiert wird.

So diskutieren wir leidenschaftlich über Teilzeitarbeit,

Frauenquoten, die Vereinbarkeit von Familie

und Beruf, den neuen Mann und petrischal erzeugte

Kinder, echauffieren uns über Hoeneß, Wulff und

Schwarzer, schauen abends, in der Halbzeit der

Champions League, leicht betroffen und erleichtert

zugleich, mal eben in Syrien und auf der Krim vorbei.

Allein das Unwichtige vom Wichtigen zu trennen fällt

uns immer schwerer. Die Wahrheit ist, dass „die Politik“

und ihre Aufbereitung längst zum Anhängsel einer

popkulturellen Unterhaltungsindustrie geworden

sind, die sich durch multimediale Massenmenschhaltung,

den flächendeckenden Einsatz von Erregungshormonen

und die effiziente Verarbeitung von

Informationsresten auszeichnet. In einer Mediendemokratie

aber, in der die augenblickliche Welt die

Welt selbst ist, spielt es keine Rolle, ob es das Paradies

Deutschland wirklich gibt oder nicht, ob es gefährdet

ist und womöglich warum – solange wir uns den Aufenthalt

im Paradies laufend genug bestätigen. n

ILLUSTRATIONEN: TIM MCDONAGH; DMITRI BROIDO

22 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Paradies Deutschland

Bleibt Deutschland auf Kurs?

STREITGESPRÄCH | Marcel Fratzscher und Hans-Werner Sinn diskutieren über Mindestlohn, Rentenreform,

Gefahren für den Standort und über die Frage, ob die Euro-Rettung Erfolge vorweisen kann.

DER WACHSTUMS-PREDIGER

Fratzscher, 43, ist seit Februar 2013 Präsident des Deutschen Instituts

für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und Professor für Makroökonomie

und Finanzen an der Humboldt-Universität. Von 2001

bis 2012 arbeitete er bei der Europäischen Zentralbank (EZB), zuletzt

als Leiter der Abteilung für wirtschaftspolitische Analysen.

DER REFORM-EIFERER

Sinn, 66, ist seit Februar 1999 Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung

in München und Professor für Nationalökonomie

und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität. Darüber

hinaus ist er Fellow des National Bureau of Economic Research

Cambridge (USA).

Herr Professor Sinn, Herr Professor Fratzscher,

jahrelang galt Deutschlands Standortqualität

als beispielhaft. Jetzt aber

steigen Energiepreise und Löhne kräftig.

Sind wir dabei, unsere Wettbewerbsfähigkeit

aufs Spiel zu setzen?

Fratzscher: Deutschland steht im internationalen

Vergleich gut da. Dank der starken

Exportindustrie haben wir die Finanzkrise

relativ glimpflich überstanden. Die Ausfuhren

werden auch in Zukunft eine wichtige

Stütze unserer Wirtschaft bleiben. Allerdings

haben die großen Dax-Konzerne

im vergangenen Jahr knapp 36 000 neue

Arbeitsplätze im Ausland geschaffen, aber

nur 6000 neue Jobs in Deutschland. Aus

Sicht der Unternehmen mag dies klug sein,

um ihr geografisches Risiko zu diversifizieren

und Marktchancen zu nutzen. Dem

Standort Deutschland aber drohen Nachteile,

wenn die einheimischen Investitionen

lahmen und der Standort im internationalen

Vergleich zurückfällt.

Sinn: Die Beschlüsse zum Mindestlohn

werden die gesamte Lohnskala hochdrücken

und Deutschland wieder in eine reale

Aufwertung treiben, weil die Gewerkschaften

und die Marktkräfte versuchen werden,

die alten Lohnabstände zu verteidigen. Damit

wird die mühsam errungene Wettbe-

werbsfähigkeit wieder gefährdet. Das ist in

gewisser Weise zwar nötig, wenn der Euro

überleben soll. Deutschland ist zu billig im

Vergleich zu den anderen Ländern der

Euro-Zone, aber…

Verstehen wir Sie richtig: Kräftige Lohnerhöhungen

hierzulande sind gut, weil sie

den Euro zusammenhalten?

Sinn: …aber es kommt auf den Grund für

die Lohnerhöhungen an. Setzt der Staat die

Löhne hoch, droht eine Stagflation, also eine

Kombination von Stagnation und Inflation.

Das strahlt dann auch auf die Krisenländer

ab, weil diese weniger Produkte

nach Deutschland liefern können. Steigen

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

24 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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die Löhne dagegen als Reaktion auf eine

Erhöhung der Nachfrage nach Arbeitskräften,

geht das in Ordnung. Deutschland benötigt

eine nachfragegetriebene Inflation,

die von einem Investitionsboom ausgelöst

wird. Ein solcher Boom findet oder fand ja

statt. Die Sparer trauen sich nicht mehr aus

Deutschland heraus und flüchten in deutsches

Betongold, was einen Bauboom ausgelöst

hat. Aber die europäische Politik tut

leider alles, die Ersparnisse wieder aus

Deutschland herauszulocken zu Orten, wo

es eigentlich nicht mehr hinwill.

Fratzscher: Deutschland ist nicht zu billig

im Vergleich zu den anderen Ländern der

Euro-Zone. Deutsche Unternehmen stehen

mehr mit Unternehmen aus den USA,

Südkorea und Japan im Wettbewerb als mit

Unternehmen aus Portugal oder Spanien.

Zudem sollten wir die Frage der Wettbewerbsfähigkeit

nicht allein auf die preisliche

Dimension verengen. Deutschland ist

nicht erfolgreich, weil es billig ist, sondern

weil unsere Unternehmen mit qualitativ

hochwertigen Produkten Nischen auf dem

Weltmarkt besetzen.

Davon haben die Arbeitnehmer hierzulande

kaum etwas gespürt, die Reallöhne

sind jahrelang gesunken.

Fratzscher: Ein Grund dafür ist unsere geteilte

Wirtschaft. Auf der einen Seite gibt es

die sehr produktiven und exportstarken

Branchen wie die Autoindustrie, den Maschinenbau

und die Chemieindustrie, wo

die Unternehmen sehr gute Löhne zahlen.

Auf der anderen Seite stehen viele Dienstleistungssektoren,

die wenig investieren

und deren Produktivität niedrig ist. Dort

stagnieren die Löhne zum Teil schon seit

Jahren. Das ist eine Enttäuschung.

Sinn: Was Sie als Enttäuschung bezeichnen,

war die Voraussetzung für die Beschäftigungsgewinne

der vergangenen

Jahre. Vor zehn Jahren hatten wir in

Deutschland eine zu geringe Lohnspreizung

und waren Weltmeister bei der Arbeitslosigkeit

von gering Qualifizierten.

Das hat sich durch die Agenda 2010 geändert.

Die rot-grüne Regierung unter Gerhard

Schröder hat die Arbeitslosenhilfe für

mehr als zwei Millionen Menschen auf das

niedrigere Sozialhilfeniveau gesenkt. Dadurch

waren die Menschen bereit, auch zu

niedrigeren Löhnen zu arbeiten, und zu

niedrigeren Löhnen wurden mehr Jobs geschaffen.

Anders als befürchtet hat dies die

Einkommensverteilung nicht ungleicher

gemacht, denn wer nicht genug verdient,

kann Zuschüsse aus öffentlichen Kassen

beanspruchen. So haben wir es geschafft,

gering Qualifizierte in den Arbeitsmarkt zu

integrieren und ihr Existenzminimum zu

sichern. Die Bundesregierung betreibt die

Rückabwicklung der Agenda.

Fratzscher: Da widerspreche ich Ihnen entschieden.

Höhere Löhne bedeuten nicht

zwingend mehr Arbeitslosigkeit. Investitionen

und eine dynamische Produktivität führen

sowohl zu höheren Löhnen als auch zu

mehr Beschäftigung, auch für die Arbeitnehmer

mit geringen Einkommen. Genau

darum muss es auch der Wirtschaftspolitik

gehen, und deshalb sollten wir den Mindestlohn

nicht in Bausch und Bogen verdammen.

Derzeit verdienen rund 4,5 Millionen

Menschen weniger als 8,50 Euro in

der Stunde. Studien zufolge könnte der Mindestlohn

rund 200000 Arbeitsplätze vernichten,

auch wenn Vorsicht geboten ist,

denn es kann keine zuverlässige Prognose

geben. Für diese Betroffenen ist das eine

Tragödie. Die Politik hat sich jedoch entschieden,

dass ihr die Einkommenszuwächse

für die restlichen 4,3 Millionen wichtiger

ist. Ich habe für eine vorsichtigere und differenzierte

Ausgestaltung des Mindestlohns

plädiert. Nun sollten wir jedoch die politische

Entscheidung akzeptieren und versuchen,

zumindest die Risiken zu minimieren.

Sinn: Ich weiß nicht, woher Sie die Schätzung

nehmen, dass der Mindestlohn nur

200 000 Jobs kostet. Andere Berechnungen

deuten eher auf Arbeitsplatzverluste von

900 0000 hin. Bundesweit trifft der Mindestlohn

14 bis 15 Prozent der Arbeitnehmer,

in den neuen Bundesländern sogar 20

Prozent. In ein paar Jahren wird man diejenigen

verdammen, die ihn heute einführen.

Wir schaffen uns wieder ein Proletariat,

das Sozialhilfe-Karrieren von Generation

zu Generation vererbt.

Fratzscher: Sie tun so, als hätten wir keine

Möglichkeiten, die Risiken des Mindestlohns

für die Arbeitsplätze zu begrenzen.

Das Gros der Menschen, die heute weniger

als 8,50 Euro verdienen, hat keinen Berufsabschluss

oder eine unzureichende Ausbildung.

Zudem muss die Politik handeln, um

Ausweichreaktionen in Minijobs, Scheinselbstständigkeit

oder Schwarzarbeit zu bekämpfen.

Wir sollten also nicht den Kopf in

den Sand stecken, sondern an der Ausgestaltung

arbeiten, um die Risiken zu reduzieren,

auch wenn der Mindestlohn kurzfristig

zweifelsohne Arbeitsplätze kosten wird.

Sinn: Der davon ausgelöste Lohnschub

wird flächendeckend sein. Im Übrigen geht

es aber nicht nur um diejenigen, die schon

einen Job haben. Derzeit sind rund drei

Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos.

Das sind drei Millionen zu viel. Ich

hätte mir gewünscht, dass man auf dem

Weg der Agenda 2010 noch einen Schritt

weiter gegangen wäre und die Lohnzuschüsse

erhöht hätte. Die Marktlöhne hät-

»Die Rente

mit 63

dreht die

Agenda

2010

zurück«

ten sich dann noch weiter ausspreizen

können, bis die Arbeitslosigkeit verschwunden

ist. Jetzt hat die Regierung die

Weichen in die andere Richtung gestellt.

Wenn deutlich wird, dass der Mindestlohn

Jobs vernichtet, wird man den Arbeitgebern

Lohnzuschüsse gewähren, damit sie

die Kosten des Mindestlohns nicht in vollem

Umfang tragen müssen.

Fratzscher: Sie gehen davon aus, dass die

Märkte funktionieren und die Löhne die

Produktivität der Arbeitskräfte widerspiegeln.

Viele Unternehmen zahlen aber Löhne,

die unter der Produktivität liegen. In

diesen Fällen bewirkt der Mindestlohn,

dass sich die Löhne der Produktivität annähern,

ohne Arbeitsplätze zu gefährden. Zudem

können die Unternehmen durch Investitionen

die Produktivität ihrer Arbeitskräfte

erhöhen. Eine Ausweitung staatlicher

Transfers, wie Sie sie vorschlagen,

kann keine langfristige Lösung sein, denn

die Menschen, die ihr Lohneinkommen

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 25

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Paradies Deutschland

»

mit staatlichen Transfers aufstocken,

können auch davon keine vernünftige Altersvorsorge

aufbauen, und die Altersarmut

wird weiter steigen.

Sinn: Dass die meisten Arbeitskräfte ihren

Job trotz Mindestlohn behalten, heißt doch

nicht, dass dieser unschädlich ist. Entscheidend

sind die Grenzanbieter, also diejenigen,

deren Produktivität unter dem

Mindestlohn liegt. Die werden ihren Job

verlieren und landen dann in der von Ihnen

beklagten Altersarmut. Denen nutzt

der höhere Lohn nichts, weil sie durch ihn

ihren Job verlieren.

Die Bundesregierung plant auch die Rente

mit 63 und die Begrenzung der Zeitarbeit.

Dagegen deregulieren Krisenländer wie

Spanien ihre Arbeitsmärkte, um sich

wieder fit zu machen. Wird Deutschland

zum nächsten Spanien?

Fratzscher: Die Zukunftschancen der

deutschen Wirtschaft sind bei Weitem

nicht so gut, wie viele dies glauben wollen.

Unsere Wirtschaft ist in den vergangenen

15 Jahren nur sehr gering und in den letzten

beiden Jahren nur um 0,4 beziehungsweise

0,7 Prozent gewachsen. In diesem

Jahr dürfte die Rate bei knapp zwei Prozent

liegen – eine Aufholreaktion nach zwei

schwachen Vorjahren. Die gesamtwirtschaftliche

Produktivität ist schon länger

schwach, wir haben eine der niedrigsten

Investitionsquoten weltweit. Daher ist es

problematisch, wenn wir jetzt das Rad der

Reformen vor allem in der Rentenpolitik

zurückdrehen. Ohne die Reformen hätten

wir bis 2017 rund 20 Milliarden Euro Überschüsse

in den öffentlichen Kassen. Das

Geld könnten wir gut für Investitionen in

die Bildung sowie die Verkehrs- und Kommunikationsinfrastruktur

gebrauchen.

Sinn: Die staatliche Infrastruktur in

Deutschland verkommt, die Nettoinvestitionen

sind seit Jahren negativ. Nach Artikel

115 Grundgesetz, der die Kreditaufnahme

des Staates auf die Höhe der Investitionen

begrenzt, hätten wir eigentlich gar keine

Kredite mehr aufnehmen dürfen, sondern

Schulden tilgen müssen. Wir vererben

unseren Kindern einen mangelhaften

Kapitalstock, hohe Staatsschulden und ungedeckte

Forderungen aus der Euro-Rettung.

Es zeigt sich, dass wir ein ausgewachsenes

Demokratieproblem haben. Der

Staat verteilt Geschenke an die älteren

Wähler und vernachlässigt die Zukunft,

weil die Kinder noch nicht wählen können.

Es ist ein Konstruktionsfehler unseres Systems,

dass die Eltern bei Wahlen kein

Stimmrecht für ihre Kinder haben.

Fratzscher: Wir sollten unsere Staatsfinanzen

nicht schlechtreden. Verglichen mit

anderen Industrieländern, hat Deutschland

durchaus Konsolidierungserfolge vorzuweisen.

Seit 2012 erwirtschaften wir

Überschüsse im Staatshaushalt. Das Problem

besteht darin, dass wir die Überschüsse

zu wenig für Investitionen in die

Zukunft und für zukünftige Generationen

ausgeben. Wir sollten uns daher fragen,

welche Staatsausgaben sinnvoll sind und

welche nicht. Die Rente mit 63 und die

Mütterrente hilft auch zu selten den Menschen,

die am bedürftigsten sind.

Sinn: Die Mütterrente ist durchaus berechtigt.

Unser Rentensystem benachteiligt diejenigen,

die Kinder großziehen und dafür

auf eine kontinuierliche Erwerbsbiografie

verzichten. Die Schaffenskraft unserer Kinder

wird in unserem Rentensystem sozialisiert.

Die Mütterrente reduziert das Ausmaß

der Umverteilung zulasten der Mütter

ein wenig und geht daher in die richtige

Richtung. Die Rente mit 63 dagegen dreht

die Agenda 2010 zurück und wird Arbeitgeber

und Arbeitnehmer über die Beiträge

Milliarden kosten. Das belastet die Wettbewerbsfähigkeit.

Wäre es nicht vernünftig, die staatliche

Infrastruktur zu privatisieren, um den

Staatshaushalt zu entlasten?

Fratzscher: Ich sehe da durchaus Potenzial.

Weltweit werden 75 Prozent der Verkehrsinfrastruktur

privat finanziert. Wir

hängen in Deutschland noch der Vorstellung

an, der Staat müsse die Infrastruktur

finanzieren. Angesichts der Schuldenbremse,

die wir uns verordnet haben, müssen

wir von dieser Vorstellung Abschied

nehmen.

Sinn: Ich halte die öffentlich-privaten Partnerschaften

großenteils für Mogelpackungen.

Dabei handelt es sich meistens um eine

verdeckte Staatsverschuldung, weil der

Staat für die Nutzung der Straße Leasingraten

an das private Unternehmen zahlt, das

die Straßen baut. Der Staat zahlt auf diese

Weise mehr Zinsen, als wenn er sich direkt

verschuldet, aber der optische Vorteil ist,

dass er die Schulden nicht verbuchen

muss.

Private Unternehmen könnten aber auch

mit einer Maut die Finanzierung selbst

übernehmen.

Sinn: Es spricht zwar viel für die Maut, aber

sie allein kann die Kosten für den Bau von

Straßen nicht decken. Um staatliche Zuschüsse

wird man nicht umhinkommen.

Private können Straßen nur bei Monopolpreisen

rentabel betreiben. Die dürften

aber kaum erwünscht sein.

»Seit 2000

haben wir

400 Milliarden

Euro

im Ausland

verloren«

Fratzscher: Sie unterstellen, dass der Staat

die öffentlichen Güter genauso effizient

betreiben und produzieren kann wie private

Anbieter. In der Realität gibt es aber viele

öffentliche Güter, die von Privaten effizienter

betrieben werden als vom Staat. Deshalb

machen öffentlich-private Partnerschaft

durchaus Sinn.

Nicht nur beim Staat, auch bei den Unternehmen

entwickeln sich die Investitionen

zurück – und das schon seit den Siebzigerjahren,

wenn wir die Phase der Einheit

einmal weglassen. Wie kommt das?

Fratzscher: Die deutschen Unternehmen

verfügen zwar über riesige Finanzreserven,

aber sie investieren nicht in Deutschland,

weil die europäische Krise für eine große

Verunsicherung sorgt. Aber auch die Rahmenbedingungen

in Deutschland sind

schwächer geworden: Die Verkehrsinfrastruktur

wird schlechter, Fachkräfte sind

rar, und kein Unternehmen weiß heute, ob

in zwei Jahren seine Energiekosten um 10,

20 oder 40 Prozent höher liegen werden.

Das macht es enorm schwierig, zu planen,

und setzt Anreize, eher im Ausland zu investieren.

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

26 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Sinn: 36 Prozent der deutschen Exporte gehen

aber nur in die Euro-Zone. Ich stimme

aber zu, dass Deutschland wieder viel

mehr im Inland investieren sollte. Das

Geld, das ins Ausland wanderte, kommt

häufig nicht mehr zurück.

Wie meinen Sie das?

Sinn: Die Banken in Nordamerika haben

es verstanden, mit getürkten Finanzprodukten

den Sparern der Welt das Geld aus

der Tasche zu ziehen. Die deutschen Landesbanken

haben da irrsinnig viel Geld

verbraten, aber auch die HRE und andere

private Banken. Das war sinnlos investiertes

Kapital, da ist man in irgendwelche Finanzfallen

hineingetappt, und das Geld ist

weg. Auf der anderen Seite haben wir auch

in Europa viel Geld vergeudet. Wegen minimaler

Zinsgewinne haben Banken und

Versicherungen das Geld der deutschen

Sparer in Südeuropa angelegt – und dieses

Geld bekommen wir ebenfalls zu einem

großen Teil nicht zurück – wir haben viele

Hundert Milliarden Euro Abschreibungen

auf unsere Auslandsforderungen vornehmen

müssen. Diese Fehlallokation ist

durch den Euro noch bestärkt worden, weil

er den Anlegern das Gefühl vermittelt hat,

dass in der Währungsunion Banken und

Staaten nicht pleitegehen können.

Fratzscher: Da bin ich 100-prozentig bei

Ihnen. Seit 2000 haben wir 400 Milliarden

Euro im Ausland verloren. Die Verantwortung

dafür liegt jedoch in erster Linie bei

uns Deutschen, und nicht bei anderen

Ländern oder dem Euro. Zudem haben die

europäischen Rettungsprogramme vor allem

deutsches Vermögen geschützt.

Sinn: Das war der Bail-out, den es eigentlich

gar nicht hätte geben dürfen. Die ganze

Rettungsarchitektur mit dem ESM und

der Ankündigung der EZB, notfalls Staatsanleihen

aufzukaufen, führt dazu, dass

sich die Krisenländer noch weiter verschulden.

Und das, ohne dass die Märkte

nervös werden. Warum? Weil die Gemeinschaft

dahintersteht. So lösen wir zwar für

den Augenblick ein Problem, schaffen aber

gleichzeitig ein viel größeres, das dann irgendwann

nicht mehr beherrschbar ist.

Wenn es dann knallt, knallt es richtig.

Fratzscher: Mitte 2012 ist es uns gelungen,

die Abwärtsspirale in den Krisenländern

umzudrehen. Die Finanzmärkte haben sich

beruhigt, die Volkswirtschaften erholen

sich langsam. Die meisten Länder haben ihre

Hilfsprogramme erfolgreich abgeschlossen,

und Kredite werden bereits seit 2012

wieder zurückgezahlt. Nicht alle, aber viele

Rettungsmaßnahmen waren ein Erfolg.

Sinn: Die Kollektivierung der Anlagerisiken

hat die Anleger veranlasst, sich wieder

mit niedrigeren Zinsen zufriedenzugeben,

und bei den niedrigen Zinsen verschulden

sich die Krisenländer wieder

mehr. Das schafft kurzfristige Nachfrageeffekte,

die schnell verpuffen, dreht die

Verschuldungsspirale indes nur noch

schneller.

Fratzscher: Das sehe ich genau umgekehrt.

Wir haben durch die Hilfsprogramme

bisher eine tiefe Depression in Europa

vermeiden können. Die Länder haben so

Zeit bekommen, die richtigen Reformen

umzusetzen.

»Kaum werden

die Zügel

gelockert,

steigen die

Preise schon

wieder«

»Die Euro-

Hilfen haben

eine tiefe

Depression

in Europa

vermieden«

Sinn: Gerade deshalb aber gibt es keine

wirksamen Reformen!

Fratzscher: Das entspricht nicht der Realität.

Es gibt viele erfolgreiche Reformen.

Portugal und Irland kommen aus den Programmen

heraus....

Sinn: Sie kommen heraus, weil die Investoren

von den Steuerzahlern anderer Staaten

geschützt werden, ohne dass man sie gefragt

hätte, nicht weil sie wieder wettbewerbsfähig

sind. Portugal müsste um 30

Prozent billiger werden, um wettbewerbsfähig

zu werden. Das Land hatte zwar angefangen,

die Preise ein bisschen zu senken.

Kaum wurden die Zügel etwas gelockert,

stiegen die Preise wieder.

Wie erklären Sie sich dann, Herr Sinn,

dass die Krisenländer inzwischen alle Leistungsbilanzüberschüsse

haben – und das

ohne Ausnahme.

Sinn: Das liegt am Kollaps der Wirtschaft

und an den Zinsnachlässen durch die Rettungsschirme.

Wenn Sie sich die Zahlen

ansehen, dann haben die Exporte in keinem

Land den Vorkrisentrend überschritten.

Dagegen sind die Importe überall dramatisch

eingebrochen, was eben daran

liegt, dass die Wirtschaftsleistung eingebrochen

ist Das ist leider kein Zeichen für

eine Gesundung, sondern genau das Gegenteil

davon.

Fratzscher: Wir sollten anerkennen, dass

Spanien zum Beispiel Reformen auf dem

Arbeitsmarkt und im Sozialsystem umgesetzt

hat, die noch weitreichender sind als

die der Agenda 2010 in Deutschland. Die

Länder müssen sicherlich noch weitere Reformen

realisieren, aber es braucht Zeit, bis

die Erfolge sichtbar sein werden. Und wir

sollten etwas bescheidener sein: In

Deutschland hat es fünf Jahre gebraucht,

bis sich die Erfolge der Agenda 2010 ausgewirkt

haben. Ich sehe keinen Grund, weshalb

das in Spanien, Frankreich oder Irland

anders sein sollte. »

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 27

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Paradies Deutschland

»

Sinn: Spanien hat eine Double-Dip-Depression

erlebt. Die Industrieproduktion

ist 30 Prozent unter Vorkrisenniveau, und

die Arbeitslosigkeit liegt bei 27 Prozent. Es

hat um fünf Prozent real abgewertet, müsste

aber um 30 Prozent abwerten, um wieder

zu gesunden. Nur in Irland ist wirklich

was passiert. Das Land hat seit 2006 bis

heute um real 15 Prozent abgewertet. Als

die Iren in die Krise kamen, gab es noch

keine Rettungsschirme. Deswegen haben

sie sofort schmerzhafte Reformen beschlossen.

Das haben die Länder in Osteuropa,

die ihre Währungen an den Euro gekoppelt

hatten, aber keine Hilfen erhielten,

genauso getan. Die südeuropäischen Länder

dagegen, die nach der Lehman-Pleite

gemeinsam in die Krise schlitterten, haben

sich einfach das Geld gedruckt, das sie sich

nicht mehr leihen konnten. Deshalb kamen

die Reformen später.

Die Kardinalfrage ist doch, wie kommen

wir von der immens hohen Staatsverschuldung

herunter. Reichen Reformen

aus, oder brauchen wir doch noch einmal

einen radikalen Schuldenschnitt?

Sinn: Diese Länder kommen nur aus ihrer

Krise heraus, indem sie die Löhne und

Preise kräftig senken. Aber das passiert nur,

wenn die Wirtschaft in der Flaute ist. Das

wollen die Politiker natürlich verhindern,

und deshalb werden sie versuchen, durch

immer neue Schulden ein wenig Schein-

Wachstum zu erzeugen. So steigen die

Schulden immer weiter – und das ist keine

Lösung. Was wir brauchen, ist ein großer

Schuldenschnitt für die Staatsschulden,

die Bankschulden und die Target-Schulden

der Euro-Krisenländer. Darüber sollte

auf einer großen Konferenz verhandelt

werden. Nach einem solchen Schuldenschnitt

können wir die Euro-Zone nach Regeln,

die besser funktionieren als die alten,

neu konstruieren. Und einige Mitglieder

werden die Währungsunion dann auch

verlassen müssen.

Fratzscher: Das wäre das beste Rezept, um

ein Desaster zu verursachen! Ein Schuldenschnitt

für Länder wie Italien oder Spanien

ist der falsche Weg: Er würde unweigerlich

zu einer tiefen Depression in Europa und

auch in Deutschland führen. Es würde niemanden

helfen und die wirtschaftliche Erholung

um viele Jahre verzögern. Eine

nachhaltige Entschuldung kann nur über

eine weitere Konsolidierung der Staatsausgaben

und über Wachstum gelingen.

Sinn: Die Politik hat leider kein Instrument,

mit dem sie Wachstum erzeugen

könnte.

»Wir brauchen

einen

Schuldenschnitt

für die Euro-

Krisenländer«

Fratzscher: Deutschland hat dies nach

2000 gezeigt. Der Staat hat den Arbeitsmarkt

reformiert, mehr Wettbewerb geschaffen

und seinen Haushalt konsolidiert.

Das alles hat mit dazu geführt, dass wir

heute so stabil dastehen. Wenn Sie also sagen,

die Wirtschaftspolitik ist irrelevant,

dann stimme ich nicht mit Ihnen überein.

Sinn: Die Lohnsenkung selbst kommt aber

nur durch eine vorangehende Flaute zustande.

Diese Länder müssen erst durch

das Tal der Tränen. Das ist unvermeidlich.

Fratzscher: Es gibt bessere Alternativen als

die Strategie des „Gesundschrumpfens“.

Ohne Sparen und ohne Reformen geht es

nicht, aber wir müssen auch über neue

Wege nachdenken, um das Wachstum zu

stärken. Es gibt Projektfinanzierungen von

der Europäischen Investitionsbank, auch

bilaterale Kredite können helfen, und es

gibt eine ganze Reihe von Beispielen, wie

man Anreize an Unternehmen geben

kann, damit sie investieren und Beschäftigung

schaffen. Das ist der einzige Weg, aus

der europäischen Krise herauszukommen.

Wir brauchen Wachstum.

Sie beide sagen, Löhne und Preise

müssen sinken, und tatsächlich geschieht

das ja auch, wenn wir uns die Inflationsraten

in den Krisenländern und in der

Euro-Zone ansehen. Nun grassiert bereits

die Warnung, Europa könne in eine

gefährliche Deflation abrutschen. Ist das

wirklich eine Gefahr – oder sehen wir hier

nur eine notwendige Preiskorrektur?

Sinn: Eine allgemeine Deflation wäre schädlich.

Die relative Preisänderung über Deflation

in einzelnen Euro-Ländern ist dagegen

Teil der nötigen Korrektur der Ungleichgewichte.

Wobei klar sein sollte, dass dies eine

Belastung für die Gesellschaften ist.

Fratzscher: Ich sehe ein großes Risiko in einer

Verstetigung der Deflationserwartung.

Unternehmen investieren weniger, wenn

sie erwarten, dass die Preise über die

nächsten Jahre fallen werden. Denn dann

sinkt die Rendite von Investitionen, der Realzins

und die Schuldenlast wachsen. Das

heißt dann auch weniger Beschäftigung,

weniger Einkommen, weniger Wachstum,

und damit entsteht eine Spirale, in der sich

der Deflationsdruck verfestigt.

Sinn: Aber diese Spirale kann es doch gar

nicht geben, solange es sich nur um eine

Korrektur der relativen Preise in einem

Teilgebiet der Währungsunion handelt. Irgendwann

ist die Wettbewerbsfähigkeit

wieder erreicht, und wenn die Preise dann

noch weiter fallen würden, würde ja die

Nachfrage überborden.

Fratzscher: Nein, die Nachfrage wird nicht

überborden – im Gegenteil, eine solche

Spirale führt zu einem weiteren Fall der

Nachfrage, da noch mehr Menschen ihre

Beschäftigung verlieren und die Einkommen

weiter sinken. Eine solche Deflationsdynamik

hat nichts Positives; sie zerstört

permanent einen Teil der Leistungsfähigkeit

einer Volkswirtschaft.

Sinn: Klar, aber es kann keine Spirale ins

Bodenlose geben nach Art einer säkularen

Stagnation wie in Japan. In einem Teil der

Währungsunion kann das nicht sein, das

könnte nur für eine ganze Währungsunion

insgesamt gelten – und davon sind wir weit

entfernt.

Fratzscher: Der Schaden einer Deflation

gilt für jede Volkswirtschaft, egal, ob innerhalb

oder außerhalb einer Währungsunion.

Und das Risiko ist akut: Die Deflationserwartungen

an den Finanzmärkten ist

deutlich unter dem Ziel von zwei Prozent,

selbst in Ländern wie Frankreich und Italien

fällt ein Drittel der Güterpreise. Eine

Verstetigung dieser Erwartungen hätte

dann negative Auswirkungen auf das

Wachstum in der Euro-Zone insgesamt. n

konrad.handschuch@wiwo.de, malte fischer

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

28 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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UNTERNEHMEN

Meyer Werft

In der jüngsten Vergangenheit

kam Meyer bei lukrativen Aufträgen

mehrmals nicht zum

Zug, weil er beim Preis nicht

mithalten konnte oder wollte:

Die beiden Neubauten für TUI

Cruises entstehen auf der

STX Europe Werft in Turku,

die zwei Aida-Dampfer baut

Mitsubishi Heavy Industries

in Yokohama.

Schleichende Auszehrung

BRANCHEN | Hohe Kosten, neue Wettbewerber, strategische Versäumnisse, staatliche Eingriffe

und Bequemlichkeit gefährden den Wohlstand einzelner Unternehmen und ganzer Regionen.

FOTO: DDP IMAGES/JÖRG SARBACH

Die Stadtteile tragen so lustige Namen

wie Untenende und Obenende,

das Zentrum wird von

schmalen Kanälen durchzogen. Mit

Klappbrücken, Backsteinhäusern und

der Windmühle erinnert das im äußersten

Norden des Emslandes gelegene Papenburg

an Städte in Holland. Vor dem

Rathaus der 36 000-Einwohner-Stadt

liegt der historische Frachtsegler „Friederike

von Papenburg“. Entstanden ist der

originalgetreue Nachbau in den Achtzigerjahren

in der Lehrwerkstatt der Meyer

Werft. Das 1795 gegründete Unternehmen

ist in sechster Generation im Familienbesitz

und wird von Bernard Meyer geleitet.

Der unauffällige 65-Jährige genießt

höchsten Respekt in der Stadt: „Das’n

ganz feiner Mensch und so bescheiden“,

lobt ein Taxi-Fahrer den Werftchef.

Für Papenburg ist Meyer die Verbindung

zur großen weiten Welt, für den

ansonsten kaum noch existenten deutschen

Schiffbau so etwas wie das letzte

Paradies: Meyer zählt zu den Marktführern

bei Kreuzfahrtschiffen. Allein sieben

Musikdampfer für jeweils 2200 »

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 29

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Paradies Deutschland

»

Passagiere wurden in den vergangenen

Jahren für den deutschen Marktführer Aida

gebaut, je zehn für die US-Reedereien Celebrity

und Norwegian Cruise. Sieben weitere

Traumschiffe für bis zu 4500 Kreuzfahrer

und im Wert von jeweils 600 bis 700 Millionen

Euro sind im Bau oder stehen in den

Auftragsbüchern.

GOOD-ENOUGH-PRODUKTE

Doch das Paradies ist in Gefahr – nicht nur

in Papenburg. Vom Norden bis zum Süden

der Republik gibt es Unternehmen, Branchen

oder Regionen, in denen es heute

noch brummt, die aber schon morgen Probleme

bekommen können: durch zu hohe

Energie- und Personalkosten, Technikfeindlichkeit

und Provinzialität, Fachkräftemangel

oder Internet, politische und unternehmerische

Fehlentscheidungen –

oder weil Produkte und Dienstleistungen

zur standardisierten Massenware werden.

„Die Commodity-Falle droht immer

dann, wenn Technologien und die darauf

»Neue Marktteilnehmer erodieren die

Wettbewerbsfähigkeit«

aufbauenden Produkte einen hohen Reifegrad

erlangt haben und keine wesentlichen

technischen Fortschritte mehr realisiert

werden“, warnt Michael Zollenkop, Principal

der Strategieberatung Roland Berger

und Autor der Studie „Commodity Trap“,

die der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegt.

„Schrumpft der Know-how-Vorsprung bestimmter

Produkte, werden die Einstiegshürden

für neue Anbieter niedriger, und

der Wettbewerb nimmt zu. So geraten die

Margen der etablierten Anbieter immer

stärker unter Druck.“ 76 Prozent der befragten

Unternehmen spüren solche Auswirkungen

bereits.

Das ist auch das Problem der Papenburger:

Der technische Vorsprung

schrumpft, andere Schiffbauer haben dazugelernt.

Hinzu kommt: Weil es zu viele

Frachtschiffe gibt, werden weniger Neubauten

bestellt, die Werften suchen nach

neuen Erlösquellen. Der Bau von Kreuzfahrtschiffen

mit seiner hohen Wertschöpfung

ist eine der wenigen profitablen Nischen

– Meyer bekommt neue Konkurrenz.

Weil auch der Wettbewerb zwischen den

Kreuzfahrtreedereien härter wird, sind

Roland-Berger-Berater Michael Zollenkop

mals nicht zum Zug, weil er beim Preis

nicht mithalten konnte oder wollte. „Die

Angebote lagen kilometerweit auseinander“,

machten Gerüchte an der Küste die

Runde. Die Rede war von Preisunterschieden

von bis zu 25 Prozent.

Die beiden Neubauten für TUI Cruises

entstehen darum auf der STX Europe Werft

im finnischen Turku – die Helsinki vor gut

einem Jahr mit millionenschweren Finanzhilfen

vor der Pleite bewahrte. Die zwei Aida-Dampfer

der nächsten Generation baut

Mitsubishi Heavy Industries in Yokohama

bei Tokio. Die Reederei nimmt dafür in

Kauf, ein halbes Jahr länger auf das erste

Schiff zu warten und einige Reisen absagen

zu müssen. Die Japaner machen bei dem

Auftrag fast 430 Millionen Euro Miese.

Berger-Berater Zollenkop schätzt, dass

mittlerweile fast zwei Drittel aller deutschen

Unternehmen von der Commodity-

Falle bedroht sind. „Betroffen sind fast alle

Branchen, Automobilzulieferer ebenso wie

Logistikunternehmen, Finanzdienstleister

wie IT-Firmen oder Pharmakonzerne.“

Neue Marktteilnehmer, vor allem aus

Asien, gefährden die Marktposition etab-

die nicht mehr bereit, den technologischen

Vorsprung der Papenburger – ob beim

lasergesteuerten Zuschnitt der Stahlplatten,

der Konstruktion geschlossener Kläranlagen

oder kompletter Theater inklusive

versenkbarer Orchestergräben – mit entsprechend

höheren Preisen für die neuen

Schiffe zu honorieren.

Die Werft ist der größte Arbeitgeber der

Region, rund 3100 Mitarbeiter sind dort direkt

beschäftigt, mehrere Tausend weitere

bei Zulieferern. Vor knapp einem Jahr geriet

das Unternehmen wegen Lohndumpings

bei einem Werkvertragspartner in die

Schlagzeilen. Seitdem lässt Meyer seine

Zulieferer und deren Arbeitsbedingungen

vom TÜV Rheinland überprüfen, eine Sozialcharta

soll solche Fälle verhindern.

Was nachträglich betrachtet wie ein Menetekel

für den Anfang vom Ende des Paradieses

wirkt, kostet die Werft viel Geld und

geht letztlich auf Kosten der Wettbewerbsfähigkeit:

In der jüngsten Vergangenheit

kam Meyer bei lukrativen Aufträgen mehrlierter

Unternehmen und erodieren ihre

Wettbewerbsfähigkeit. „Auf längere Sicht

kann diese Entwicklung die Existenz vieler

Firmen bedrohen“, sagt Zollenkop. „Retten

können sich die Betroffenen entweder, indem

sie ihre Wettbewerbsposition verbessern

oder indem die betroffenen Unternehmen

aus der Commodity-Falle ausbrechen,

etwa durch Produktdifferenzierung,

Ausweichen auf andere Märkte oder ein

anderes Geschäftsmodell.“

HOHE ENERGIEPREISE

Auch Deutschlands wichtigste Exporteure,

die Maschinen- und Anlagenbauer, drohen

in die Commodity-Falle zu tappen: Ingenieurkunst

made in Germany galt jahrzehntelang

weltweit als Goldstandard für

innovative Technik. 2013 exportierten die

rund 6200 Unternehmen der Branche Güter

im Wert von rund 206 Milliarden Euro.

Aber einstige Schwellenländer wie Indien

und China bieten inzwischen selbst abgespeckte,

aber ausreichende Technik an –

weltweit und billiger. Auch in Europa finden

ihre Maschinen Abnehmer.

„Rund 80 Prozent der deutschen Unternehmer

haben die Gefahr dieser Goodenough-Technik

noch nicht erkannt“,

warnt Stefan Herr, Leiter Industry & Technology

bei der Beratung Simon Kucher. Die

Bereitschaft der weltweiten Käufer, für

deutsche Spitzentechnik Aufgeld zu zahlen,

nimmt rapide ab. Deutsche Ingenieure

mit ihrem Hang zum Over-Engineering –

alles, was technisch machbar ist, in ein

Produkt hinzustopfen – laufen Gefahr, an

den veränderten Bedürfnissen ihrer Zielgruppe

vorbeizuproduzieren.

„Über kurz oder lang werden Goodenough-Produkte

in vielen Bereichen die

etablierte, aber komplexe Technik deutscher

Maschinenbauer verdrängen“, fürchtet

Ralf Russ, Geschäftsführer Industrial

Software bei der Beratung Accenture. Weltweit

steige die Nachfrage nach einfacheren,

robusten und billigeren Produkten,

und „es wird für die Deutschen keine geschützten

Highend-Bereiche mehr geben“,

warnt Simon-Kucher-Experte Herr. „Die

Branche sollte sich darauf einstellen und

einfachere und günstigere Produkte für die

Bedürfnisse der Schwellenländer entwickeln“,

sagt Berger-Berater Zollenkop.

Beim Softwarekonzern SAP könnten die

hohen Kosten am Standort Deutschland

sogar zu einer Verlagerung in die USA führen.

Noch genießen die knapp 13 000 Beschäftigten

am Stammsitz Walldorf jede

Menge Privilegien: überdurchschnittliche

30 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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BRANCHEN

Maschinenbau

Deutsche Ingenieure mit ihrem Hang

zum Over-Engineering laufen Gefahr,

an den veränderten Bedürfnissen ihrer

Zielgruppe vorbeizuproduzieren: Ehemalige

Schwellenländer wie Indien und

China bieten inzwischen abgespeckte

Technik an – weltweit und billiger.

FOTO: DDP/JENS-ULRICH KOCH

Bezahlung, jährliche Beteiligung am Unternehmensgewinn,

selbst das Kantinenessen

ist für alle Beschäftigten kostenlos.

Doch das Paradies ist bedroht: SAP-Mitgründer

Hasso Plattner ist der Laden zu

schwerfällig geworden: „Hauptquartiere

von Unternehmen werden gerne bürokratisch

– genau so ist es uns ergangen.“ Seit

geraumer Zeit hält sich daher das Gerücht,

Plattner könnte eine Verlagerung des Unternehmenssitzes

in die USA anstreben.

Mit weitreichenden Folgen für Walldorf –

angefangen beim Bedeutungsverlust der

Zentrale bis zum möglichen Wegfall zahlreicher

Verwaltungsfunktionen.

Zwar haben Plattner und die beiden Co-

Vorstandschefs Bill McDermott und Jim

Hagemann Snabe solche Pläne bisher dementiert.

Wirklich beruhigt hat das aber

niemanden, zumal der Amerikaner

McDermott ab Ende Mai allein auf dem

Chefsessel des weltgrößten Herstellers von

Unternehmenssoftware sitzt. Und der hat

gute Gründe, das Umzugsprojekt wieder

aus der Schublade zu holen: Die USA sind

der wichtigste Softwaremarkt der Welt.

Andere Unternehmen geraten eher wegen

Kostenerhöhungen unter Druck, auf

die sie keinen Einfluss haben – zum Beispiel

der Chemieriese BASF in Ludwigshafen.

Noch läuft im Stammwerk, mit einer

Größe von zehn Quadratkilometern das

größte Chemie-Areal der Welt, alles rund.

Neue Anlagen sind im Bau, etwa zur Herstellung

von Kunststoff-Vorprodukten.

Rund zehn Milliarden Euro investiert BASF

zwischen 2010 und 2015 am Standort,

33 000 Mitarbeiter arbeiten hier, knapp 30

Prozent der Gesamtzahl.

Das könnte sich ändern. „In den nächsten

fünf Jahren wird der Anteil Deutschlands

an den weltweiten Investitionen von

einem Drittel auf nur noch ein Viertel sinken“,

kündigt BASF-Vorstandschef Kurt

Bock an. Der „schleichende Auszehrungsprozess“

werde mittel- und langfristig nicht

ohne Auswirkungen auf die Zahl der Arbeitsplätze

in Deutschland bleiben.

Grund ist die teure Energie. Je nach Produkt

macht sie bis zu 60 Prozent der gesamten

Herstellkosten aus. Bock will darum

vor allem in den USA investieren.

Dank der billigen Schiefergasförderung ist

Energie um etwa die Hälfte billiger. In

Deutschland dagegen ist das sogenannte

Fracking politisch umstritten. BASFs sogenannter

Cracker zur Herstellung chemischer

Grundstoffe im texanischen Port Arthur

wurde bereits auf Gasbetrieb umgerüstet,

am Golf von Mexiko will BASF eine

Ammoniakanlage bauen – ebenfalls wegen

der Energiepreise. Ludwigshafen dürfte

das Nachsehen haben.

TEURE ABRÜSTUNG

Politische Entscheidungen bestimmen

häufig über die Existenz ganzer Standorte,

im oberbayrischen Manching zum Beispiel.

Sanfte Hügel, stille Seen: Die Idylle

stört bisher nur der Lärm der Eurofighter,

die Europas größter Luftfahrtkonzern Airbus

hier baut und Probe fliegt.

Von 2017 an dürfte es ruhiger werden.

Weil die europäischen Verteidigungsminister

sparen wollen, ordern sie weniger

Kampfflieger, und bei den verbleibenden

Produkten drücken sie auf den Preis. Die

Abrüstung hat Nebenwirkungen: Weil

dann die Produktion des Kampffliegers

ausläuft, verliert die 13 000-Einwohner-Gemeinde

rund 1000 der gut 4000 High-Tech-

Jobs. Ein ähnliches Schicksal droht anderen

Gemeinden im Süden Bayerns und Baden-Württembergs.

Ob Unterschleiß-

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 31

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Paradies Deutschland

»

heim, Ulm, Donauwörth, Immenstaad

oder Friedrichshafen: Alle leben zu einem

Großteil von der Militärluftfahrt und vor allem

von Airbus.

In vielen Fabriken enden die paradiesischen

Zustände: Die Bundeswehr zahlte

nach dem Prinzip „Cost plus“. Die Anbieter

durften berechnen, was sie der Bau von

Panzern oder Fliegern kostet, obendrauf

kam ein Gewinnzuschlag. Wurde es teurer,

schoss der Bund nach. Das sorgte für üppige

Strukturen. „Würden wir den Eurofighter

rein wirtschaftlich bauen, wäre er

wohl mindestens ein Viertel billiger“, gibt

ein hochrangiger Airbus-Manager zu.

Künftig wollen die Wehrbeschaffer das

nicht mehr akzeptieren. Die Folge: Airbus

baut Jobs ab und verlagert andere ins französische

Toulouse. Der Druck dürfte auch

auf Zulieferer der zivilen Produktion abstrahlen.

Die arbeiten laut einer Studie der

Beratung Arthur D. Little zwar profitabler,

weil sie dank ihrer oft hoch spezialisierten

Produkte Airbus gegen den Rivalen Boeing

von 870 Millionen Euro. Doch die Zeichen

für den Wandel mehren sich: Allein im Februar

wurden YouTube-Filmchen in

Deutschland 414 Millionen Mal aufgerufen.

Alarmierend für die Privatsender: Junge

Zuschauer brechen mit den Sehgewohnheiten

ihrer Eltern. Laut ARD/ZDF-

Online-Studie schauen fast 90 Prozent der

14- bis 19-Jährigen mindestens einmal wöchentlich

Videos im Internet. Zugleich

sank die tägliche TV-Zeit der 14- bis 29-Jährigen

um 13 auf 128 Minuten.

Die Werbung folgt den Nutzern: Martin

Sorrell, Chef des Werberiesen WPP, kündigte

an: „2014 zielen wir bei Google auf

Ausgaben in Höhe von annähernd drei

Milliarden Dollar.“ 2013 waren es erst 2,5

Milliarden. Tendenz: steigend.

Das Internet verändert nicht nur die

Strukturen der Unterhaltungsindustrie.

Noch mehr unter Druck steht der stationäre

Handel. Tausende Passanten schieben

sich Tag für Tag durch die Kaufinger Straße

in München, Deutschlands teuerste Ein-

»Denken und Handeln im Konzern

müssen neu justiert werden«

ausspielen konnten. Doch das ist vorbei:

„Zulieferer, die ihre Preise nicht senken,

sind draußen“, sagt Boeing-Chef Jim

McNerney. Airbus-Lenker Tom Enders

sieht das nicht anders.

Die Bedrohung ist klein, flach und

schwarz, und sie passt genau in Peter Larsens

rechte Hand. Der Amazon-Manager

stellte Anfang April die Streaming-Box Fire

TV in New York vor. Das Teil, kaum dicker

als eine CD-Hülle, beamt Filme und Serien

aus dem Online-Angebot von Amazon auf

den TV-Schirm. Auf Fire dabei sind zum

Verkaufsstart in den USA auch Micky-

Maus-Konzern Disney, die Online-Videothek

Netflix und der Clip-Kanal YouTube.

Nicht nur Amazon macht etablierten

Sendern den Platz auf der Glotze streitig.

Apple bietet eine vergleichbare TV-Box an,

Google verkauft seinen High-Tech-Stecker

Chromecast jetzt ebenfalls in Deutschland,

Yahoo plant eigene Online-Serien.

Für den deutschen Privat-TV-Marktführer

RTL wird es enger. Noch liefert der Sender

fette Gewinne an Mehrheitseigner Bertelsmann:

5,9 Milliarden Euro setzte RTL

2013 um und erzielte einen Rekordgewinn

VW-Chef Martin Winterkorn

kaufsmeile: Bis zu 360 Euro pro Quadratmeter

und Monat müssen Einzelhändler

hier berappen. Hamburgs Spitalerstraße

und Frankfurts Zeil folgen mit Spitzenmieten

von jeweils 295 Euro pro Quadratmeter.

Paradiesische Zeiten für die Vermieter

von Handelsimmobilien? Internationale

Investoren scheinen davon überzeugt. Allein

in den ersten drei Monaten 2014 wurden

dem Immobilienberatungsunternehmen

CBRE zufolge mehr als 2,5 Milliarden

Euro in deutsche Einzelhandelsimmobilien

investiert – 33 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Doch Experten sehen die

Sause skeptisch: Der Online-Boom könnte

allzu optimistische Mietkalkulationen über

den Haufen werfen. Binnen weniger Jahre

stiegen die E-Commerce-Umsätze in

Deutschland auf 39,1 Milliarden Euro, allein

2013 um 42 Prozent. Für die Gesamtbranche

meldete der Handelsverband gerade

mal ein Plus von 1,1 Prozent. Das Minimalwachstum

wird demnach fast nur

aus den Online-Zuwächsen gespeist.

Doch wenn immer mehr Umsatz ins

Netz abfließt, stellt sich für viele stationäre

Geschäfte die Existenzfrage. „Der Online-

Boom kann auf Dauer nicht ohne Auswirkungen

auf die Ladenmieten bleiben“, sagt

CBRE-Experte Karsten Burbach. In Gefahr

sind weniger die prominenten Shoppingmeilen

der großen Citys. Joachim Stumpf

von der auf Handelsthemen spezialisierten

Münchner Beratung BBE sieht vor allem jene

Städte unter Druck, die über keine „Solitärlage“

verfügten: „Wer beim Wochenendeinkauf

etwas erleben will, fährt in die

nächstgelegene Großstadt. Und wer genau

weiß, was er braucht, shoppt online.“

NICHT SCHNELL GENUG

Kommen dann ein Bevölkerungsrückgang,

ein Mangel an touristischen Highlights und

eine ohnehin schwache Innenstadt hinzu,

wird es eng für die örtlichen Einzelhändler

– und für ihre Vermieter.

Auch Größe und gute Ergebnisse sind

keine Garanten für den Erfolg von morgen.

Das spürt gerade VW. Fast 1300 Gäste waren

vor wenigen Wochen beim VW Group

Event in Genf dabei, als die Wolfsburger

neue Modelle zeigten. Nur Aufsichtsratschef

Ferdinand Piëch mochte nicht jubeln:

„Wir sind nicht wirklich gut unterwegs –

nur besser als andere“, mäkelte er in kleiner

Runde. Piëch geht es auf dem Weg in die

Zukunft nicht schnell genug.

Die Absatzzahlen stiegen zwar im ersten

Quartal um knapp sechs Prozent auf rund

2,4 Millionen Fahrzeuge. Aber der Marsch

an die Weltspitze kostet mehr Kraft als gedacht.

In Asien laufen die Geschäfte ordentlich,

in Westeuropa aber nur aufgrund massiver

Verkaufsfördermaßnahmen. In Südamerika

sank der Absatz um fast 25 Prozent,

in den USA – trotz vieler Incentives – um fast

sieben Prozent. In Russland sorgt die Abwertung

des Rubel um fast 20 Prozent für

tiefrote Zahlen. Zudem schwebt über dem

VW-Werk in Kaluga wegen der Wirtschaftssanktionen

der EU gegen Russland das Damoklesschwert

der Verstaatlichung.

Und dann nervt den Autoriesen auch

noch Newcomer Tesla, der ein alltagstaugliches

Elektroauto auf die Räder stellte und

nun mit dem Bau einer Giga-Fabrik für

preiswerte Lithium-Ionen-Batterien das

Erfolgsmodell des VW-Konzerns bedroht,

das noch stark auf dem Verkauf von Pkws

mit Verbrennungsmotoren basiert.

„Manchmal hilft nur eine radikale Änderung

des Geschäftsmodells, um aus der

Defensive herauszukommen“, sagt Berger-

Berater Zollenkop. VW muss sich sputen,

um den technologischen Wandel zu meistern

und auf gesellschaftliche Veränderungen

zu reagieren. Vorstandschef Martin

32 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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REGION

München

Die satte Bräsigkeit der heimlichen

Hauptstädter im Süden verhindert

Infrastrukturerweiterungen: Der Baueiner

zusätzlichen S-Bahn-Linie wird

seit Jahren diskutiert und droht an der

Finanzierung zu scheitern, die Flughafenerweiterung

wurde abgelehnt.

kämpft. In vielen Stadtteilen fehlen Kindergarten-

und Krippenplätze, Gymnasien

und Realschulen platzen aus allen Nähten,

der öffentliche Nahverkehr ist überlastet.

Der Bau einer zusätzlichen S-Bahn-Linie

wird seit Jahren diskutiert, droht aber am

Finanzierungs-Hickhack zwischen München

und Berlin zu scheitern. Die wohlhabenden

Familien im schicken Stadtteil

Haidhausen freut’s: Sie wehren sich in Bürgerinitiativen

gegen den Bau.

Die satte Bräsigkeit der heimlichen

Hauptstädter im Süden verhindert auch

andere Infrastrukturerweiterungen. Den

Bau einer dritten Startbahn am Flughafen

haben die Münchner vor zwei Jahren bei

einer Volksbefragung abgelehnt. Die Lufthansa

zog schon erste Konsequenzen: Eine

Reihe von Asienflügen wurde von München

nach Frankfurt verlegt. Bislang war

der Airport einer der Jobmotoren der Stadt.

FOTO: LAIF/JENS SCHWARZ

Winterkorn hat das erkannt: „Denken und

Handeln im Konzern müssen neu justiert

werden“, fordert er. Die Modellzyklen sollen

kürzer werden, die konsequente Modularisierung

von Fahrzeugen und Fabriken

durch die Baukastenstrategie dabei

helfen, das Paradies zu verteidigen.

Wie Regionen auf-, aber auch wieder absteigen

können, zeigt das Ruhrgebiet. Für

die einstige Herzkammer der deutschen

Wirtschaft begann der Abstieg mit dem

Einsetzen der Globalisierung. Billige Kohle

und Stahl aus Südamerika und Asien untergruben

die Wettbewerbsfähigkeit. Staatliche

Milliardenhilfen konnten den Trend

nicht aufhalten. München und Umland

könnte es irgendwann ähnlich ergehen.

Noch gilt die Region als Paradies Deutschlands.

Eine geschickte Politik, auch mutige

Entscheidungen haben die Region vorangebracht.

Bei Lebensqualität und Wirtschaftskraft

landet Bayerns Landeshauptstadt

in Rankings stets vorne. Doch wer

oben steht, muss besonders aufpassen.

Die Wohnungsnot ist nur eines von vielen

Problemen, mit denen München

ÜBERKOMMENE VORSCHRIFTEN

Kaum weniger groß war der Jubel, als

2013 die Bewerbung für die Olympischen

Winterspiele 2022 abgelehnt wurde. Die

Schickeria in den Bars und Bistros an

der Maximilianstraße hat keine Lust auf

Baulärm und Belästigungen. Dabei hätten

die Spiele für einen Modernisierungsschub

der Infrastruktur sorgen können. Die Erfolge

der Vergangenheit, so klagen manche,

hätten bei vielen Münchnern zu Selbstgefälligkeit

und Bequemlichkeit geführt.

Noch geht es ihnen besser als dem Rest

der Republik. Die Metropole gilt als sicher,

mit LMU und TU haben zwei der besten

Hochschulen Deutschlands ihren Sitz in

München, mit dem FC Bayern sogar der

weltbeste Fußballclub. Sechs der 30 Dax-

Konzerne haben hier ihre Zentralen, es

herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Doch will die Isar-Metropole langfristig

erfolgreich bleiben, müssten sich Stadt

und bayrische Landesregierung von einigen

überkommenen Vorschriften trennen

und Reformen anstoßen. So hat Bayern

als einziges Bundesland kein eigenes

Ladenschlussgesetz. Wer in München

nach 20 Uhr einen Liter Milch kaufen

will, muss wie vor 20 Jahren in Köln oder

Berlin zur nächsten Tanke oder zum Bahnhof

fahren. Und bezahlbarer Wohnraum

ist auch deshalb knapp, weil nirgendwo in

der Stadt höher als die 1488 errichtete

Frauenkirche gebaut werden darf: genau

98,57 Meter. n

hans-juergen.klesse@wiwo.de, anke henrich, henryk hielscher,

matthias kamp | München, rüdiger kiani-kress,

franz rother, jürgen salz, peter steinkirchner

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 33

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Paradies Deutschland

»Deutsche Biotech-

Firmen haben sehr

viele hochinnovative

Ansätze für moderne

medizinische Therapien.

Leider fehlt oft das Geld, um

damit neue deutsche

Pharmafirmen aufzubauen.

Die Projekte gehen ins

Ausland – die Arbeitsplätze

dazu entstehen anderswo.«

Helga Rübsamen-Schaeff,

Chefin des Pharmaunternehmens Aicuris

»Die Begeisterung der Deutschen

für technische Konsumgüter

wie Handys, Kühlschränke oder

Fernseher ist ungebrochen. Bei externer

Technik wie Windrädern, Autobahnen oder

Stuttgart 21 besteht dagegen

großer Rechtfertigungszwang.«

Ortwin Renn, Professor für Technik- und

Umweltsoziologie, Universität Stuttgart

»Innovation und Deutschland – eine

Tragödie: Zwar gibt es sehr kreative

Entwickler, Unternehmer und Manager,

zugleich aber gelten in Politik und

Unternehmen die Führungsprinzipien Vermeidung

von Risiko und >Fehlern


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Politik&Weltwirtschaft

Schuss nach hinten

EURO-KRISE | Die Regierungen Italiens und Frankreichs schicken sich an, den Sparkurs aufzuweichen.

Unter dem Rettungsschirm der EZB wandelt sich die Euro-Zone mehr und mehr zur Schuldenunion.

Schlechter hätte der Start in die Karwoche

für Matteo Renzi kaum ausfallen

können. Rund 15 000 Italiener

protestierten am vergangenen Wochenende

in Rom gegen die Sparpolitik ihres Regierungschefs.

Zuerst zogen die von linken

Gruppen organisierten Demonstranten

friedlich durch die ewige Stadt, dann flogen

plötzlich Flaschen, Steine und Feuerwerkskörper

in Richtung Polizei. Die antwortete

mit Tränengas und Schlagstöcken.

Das Ergebnis: 30 Verletzte, darunter 20

Polizisten, von denen viele im Krankenhaus

behandelt werden mussten.

Proteste gab es auch in Frankreichs

Hauptstadt Paris. Mehr als 25 000 Menschen

zogen dort gegen die Sparpläne der

Regierung unter dem neuen Premier Manuel

Valls zu Felde. „Gegen die Sparpolitik,

für die Verteilung des Reichtums“, war auf

den Plakaten der Demonstranten zu lesen.

Gewerkschaften, Kommunisten und linksradikale

Parteien hatten zum Marsch gegen

Valls Sparpolitik aufgerufen.

Knüppel aus dem Sack Die Bürger in Rom

machen Front gegen den Sparkurs

Die Parolen der Demonstranten sind einigermaßen

skurril. Denn weder in Rom

noch in Paris hat es bisher nennenswerte

Sparmaßnahmen gegeben. Zwar wollen

Renzi und Valls in den nächsten Jahren die

Ausgaben des Staates senken, um geplante

Steuersenkungen zu finanzieren. Bisher

aber sind das nur Lippenbekenntnisse.

Weder Renzi noch Valls haben Interesse

daran, sich den Zorn der reformunwilligen

Bürger zuzuziehen. „Natürlich müssen die

öffentlichen Finanzen saniert werden,

doch ohne unser Sozialmodell und unseren

öffentlichen Dienst kaputt zu machen,

ansonsten akzeptieren es die Franzosen

nicht“, relativierte denn auch Valls seine

Sparankündigungen. Klarer könnte die Absage

an eine durchgreifende Sanierung des

Staatshaushalts kaum ausfallen.

Valls und Renzi setzen darauf, dass die

Europäische Zentralbank (EZB) ihnen zu

Hilfe eilt und die geldpolitischen Schleusen

weiter öffnet. So warf Valls der EZB

jüngst vor, ihre Geldpolitik sei nicht expansiv

genug. Sie blockiere daher den Aufschwung

in Europa. Auch innerhalb der

EZB wächst der Druck der Vertreter aus

den Südländern, die Schuldenpolitik der

Regierungen mit der Notenpresse zu finanzieren.

Die Währungsunion steht vor einer

Zäsur.

ENDE DER SPARDISZIPLIN

Dabei ist es gerade einmal zwei Jahre her,

dass sich die EU-Länder auf Drängen

Deutschlands mit dem Fiskalpakt zu strikter

Haushaltsdisziplin verpflichtet haben.

Bei seinem Besuch Anfang dieser Woche in

Berlin gelobte Frankreichs Premier Valls

zwar, sein Land werde das Haushaltsdefizit,

das derzeit bei mehr als vier Prozent

des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegt,

nächstes Jahr wie vereinbart auf drei Prozent

senken. Doch ob es ihm damit wirklich

ernst ist, ist fraglich. Wenige Tage zuvor

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

36 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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hatte Frankreichs Finanzminister Michel

Sapin lauthals gefordert, die EU-Kommission

solle Frankreich mehr Zeit geben, um

das Defizit zu senken.

Doch schon jetzt kommt das Land von

seinen hohen Schulden nicht herunter. Auf

94,2 Prozent des BIPs belief sich der Schuldenstand

Ende 2013. Die Wahrscheinlichkeit,

dass er bis zum Ende der Amtszeit von

Staatschef François Hollande 2017 bei 100

Prozent oder sogar darüber liegt, ist hoch.

„Die Parameter, die wir im Augenblick haben,

sind eine Inflation unter einem Prozent,

ein Wachstum unter einem Prozent

und ein Haushaltsdefizit von über vier Prozent.

Da steigen die Staatsschulden jedes

Jahr um zwei bis drei Prozentpunkte“, sagt

Ulrich Hege, Professor an der Wirtschaftshochschule

HEC Paris. Frankreich komme

in eine Zone, „in der das Tabu bricht, dass

ein Staat nicht bankrott gehen kann“.

ZU VIEL STAAT

Die hohen Schulden sind Folge der ausufernden

Staatstätigkeit. So zählt Frankreich

90 Beamte pro 1000 Einwohner

(Deutschland: 60), hat eines der komfortabelsten

Systeme zur Unterstützung von

Arbeitslosen und ein gesetzliches Renteneintrittsalter

von 62 Jahren. Die Staatsausgaben

belaufen sich auf 56,9 Prozent der

jährlichen Wirtschaftsleistung. Weil die

Lohnstückkosten seit Jahren steigen, während

andere Länder sie gesenkt haben, verlieren

französische Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit.

Nun will Valls die Betriebe

demnächst finanziell entlasten. Schon

im vergangenen Jahr wurden Steuergutschriften

von insgesamt 20 Milliarden Euro

für Arbeitgeber beschlossen, die Arbeitnehmer

beschäftigen, die höchstens das

2,5-Fache des Mindestlohns verdienen.

Diese Lohnsubvention soll bis 2016 um

weitere zehn Milliarden Euro aufgestockt

werden.

Nach Ansicht des Arbeitgeberverbands

Medef kommt die Entlastung, die dann für

90 Prozent aller Beschäftigten gilt, zu spät.

Das gilt auch für die Körperschaftsteuersenkung,

die erst 2020 voll umgesetzt sein

soll. Dazu kommt, dass Valls es bisher im

Dunkeln gelassen hat, wie er seine Steuergeschenke

finanzieren will. Angekündigt

hat er lediglich, bis 2017 insgesamt 50 Milliarden

Euro einzusparen. Dazu sollen die

Krankenversicherungen und die Kommunen

jeweils zehn Milliarden Euro beitragen.

Ob dies gelingt, steht in den Sternen.

Die Ökonomen des Finanzdienstleisters

IHS bleiben daher skeptisch. Sie rechnen

auch für 2015 mit einem Defizit von mehr

als drei Prozent.

Kaum besser ist es um die Staatsfinanzen

in Italien bestellt. Zwar ist der Fehlbetrag

im Staatshaushalt mit rund drei Prozent

des BIPs etwas geringer als beim Nachbarn

Frankreich. Regierungschef Renzi hat

jüngst öffentlichkeitswirksam die überzogenen

Gehälter der Manager in den Staatskonzernen

ins Visier genommen. Doch

durch die Kürzung der Spitzengehälter allein

wird er den Staatshaushalt nicht sanieren

können. Daher setzt er auch darauf,

dass sich die Konjunktur belebt. Doch die

von der Regierung avisierten 0,8 Prozent

Wirtschaftswachstum sind nicht gerade

Tief in den roten Zahlen

Haushaltssaldo Frankreichs und Italiens

in Prozent vom BIP

0

–2

–4

–6

Maastricht-

Kriterium

–8

2007 08 09 10 11 12

Quelle: IHS

Italien

Frankreich

13 14

üppig. Daher will Renzi die Nachfrage ankurbeln,

indem er zehn Millionen Niedrigverdiener

mit Steuererleichterungen von

80 Euro im Monat beglückt. Die Kosten von

6,7 Milliarden Euro sollen zu zwei Dritteln

durch Ausgabenkürzungen und zu einem

Drittel durch einmalige Mehreinnahmen

finanziert werden.

MANGEL AN REFORMEN

Für ein nachhaltiges Wachstum, das die

Steuerquellen kräftig sprudeln lässt, ist das

jedoch zu wenig. Dazu müsste der selbst

ernannte Reformer den verkrusteten Arbeitsmarkt

aufbrechen. In den vergangenen

Wochen hat Renzi zwar die Zeitverträge

liberalisiert, ohne ein Veto der Gewerkschaften

oder des linken Parteiflügels zu

provozieren. Nun will er das starre System

landesweit gültiger Tarifverträge aus den

Angeln heben. So strebt er einen einheitlichen

Garantielohn auf sehr niedrigem Niveau

an, der durch betriebliche Vereinbarungen

ergänzt wird. Für Italien wäre das

eine Revolution. Das Problem ist nur: Bisher

haben es die Gewerkschaften und die

hypertrophierte Bürokratie in dem Mittelmeerland

noch immer geschafft, alle Revolutionen

im Keim zu ersticken.

Klappt es mit Reformen, Wachstum und

dem Sparen nicht, ist eine fortgesetzte

Kletterpartie der Staatsschulden vorgezeichnet.

So rechnet Italiens Finanzminister

Pier Carlo Padoan schon damit, dass die

Schuldenquote seines Landes in diesem

Jahr auf knapp 135 Prozent nach oben

springt, nachdem sie 2013 noch bei 132

Prozent lag.

GEFÄHRLICHE STELLSCHRAUBEN

Am Ende blieben für die überschuldeten

Südländer nur drei Stellschrauben übrig,

um den Kollaps der Staatsfinanzen zu verhindern:

ein Schuldenschnitt, höhere Inflation

und niedrigere Zinsen. Da die Politiker

den Schuldenschnitt fürchten wie der

Teufel das Weihwasser, wächst der Druck

auf die EZB. Und dieser Druck zeigt Wirkung.

Schon arbeiten die Frankfurter Währungshüter

an Plänen, in großem Stil

Staatsanleihen der Euro-Länder zu kaufen.

Offiziell begründen sie dies mit dem Risiko,

die Euro-Zone könne wegen der derzeit geringen

Teuerungsrate von 0,5 Prozent in

die Deflation rutschen, also eine Phase mit

nachhaltig sinkendem Preisniveau. Tatsächlich

aber steckt hinter den Ankaufplänen

von Anleihen ein anderes Ziel: Niedrigere

Zinsen sollen im Zusammenspiel mit

höheren Inflationsraten den Schuldenberg

der Euro-Länder abschmelzen.

Doch der Schuss dürfte nach hinten losgehen.

Sinken die Zinsen für Staatskredite

im Gefolge der Anleihekäufe, dürften alle

Hemmungen der Regierungen fallen. Europa

stünde dann vor dem Schulden-

Dammbruch. Statt zu sparen, werden die

Politiker in Rom, Paris, Madrid und Athen

es bei den Staatsausgaben wohl so richtig

krachen lassen. Unter Verweis auf die

schwache Konjunktur dürften sie dann

versuchen, was noch nie funktioniert hat:

Wachstum durch neue Schulden zu erzeugen.

„Wir wollen mehr denn je die Richtung

Europas ändern“, gibt Italiens Regierungschef

Renzi die Stoßrichtung seiner

Strategie zu. Stellt die EZB die Weichen entsprechend

den Wünschen der Südländer

um, droht die Euro-Zone im Schuldenmorast

zu versinken.

n

malte.fischer@wiwo.de, katrin finkenzeller | Paris,

ulrike sauer | Rom

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WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 37

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Politik&Weltwirtschaft

EURO-KRISE

Noch nicht am Ziel

Griechenland bedient sich wieder mit neuen Krediten – und hofft

zugleich auf weitere Erleichterungen bei den Altschulden.

Der griechische Ministerpräsident liebt

plakative Worte. Als sich die staatliche

Schuldenagentur PDMA jüngst nach vierjähriger

Pause wieder an den Kapitalmarkt

wagte und eine fünfjährige Anleihe

über drei Milliarden Euro platzieren konnte,

stellte Antonis Samaras triumphierend

fest: „Griechenland hat es geschafft!“

Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela

Merkel fand bei ihrem Besuch vergangene

Woche lobende Worte. Im

Herbst 2012 war sie zuletzt in Athen gewesen;

damals zitterte das Land um den

Verbleib im Euro. Seither habe sich „sehr,

sehr viel getan“, lobte die Kanzlerin nun.

Und in der Tat: Die Defizitquote ist von

15,6 Prozent 2009 auf 2,2 Prozent in diesem

Jahr gefallen. Erstmals seit 1948

schrieb das Land 2013 in der Leistungsbilanz

schwarze Zahlen. Rund 200 000

Stellen wurden im öffentlichen Dienst gestrichen

(Ersparnis: acht Milliarden Euro),

und ein Jahr früher als gefordert erzielte

Athen 2013 im Primärhaushalt (ohne

Schuldendienst) einen Überschuss. Nach

sechs Jahren Rezession soll die griechische

Wirtschaft 2014 wieder wachsen

(siehe Grafik). Die Industrieproduktion

legt seit drei Monaten zu. Das Wirtschaftsklima

ist so günstig wie zuletzt

2008 vor der Lehman-Pleite. Die Talsohle

sei durchschritten, sagt Premier Samaras,

„die Märkte haben für Griechenland

gestimmt“.

LANGER WEG

Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit.

Zwar war der Bond mehr als achtfach

überzeichnet. Eine „Rückkehr zur Normalität“,

wie Samaras behauptet, ist das

aber noch lange nicht. Die Anleger rissen

sich um die Anleihe, weil sie fast fünf Prozent

Rendite bietet – bei überschaubarem

Risiko. Denn die Rettungsschirme für

Griechenland bleiben aufgespannt.

Die Rückkehr an den Kapitalmarkt bedeute

daher nicht das Ende aller Probleme,

warnt Euro-Gruppen-Chef Jeroen

Dijsselbloem: „Griechenland hat noch einen

langen Weg zu gehen.“ Im Verlauf der

Hoffnung in Hellas

Bruttoinlandsprodukt* und Staatsverschuldung**

Griechenlands

Staatsverschuldung

129,7

148,3

170,3

156,9

177,3

177 171,9

–3,1 –4,9 –7,1 –6,4 –3,9 0,6 2,9

2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

Prognose

* zum Vorjahr; ** in Prozent des BIPs;

Quelle: EU-Kommission

BIP

Bessere Position Griechenlands

Ministerpräsident Samaras

Krise hat das Land ein Viertel seiner Wirtschaftskraft

verloren. Die Arbeitslosenquote

kletterte von 7,8 auf 27 Prozent. Trotz Sparkurs

stieg die Schuldenquote von 130 auf

175 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Von der Summe her ist die jüngste Emission

zudem eher unbedeutend. Die drei Milliarden

Euro erscheinen klein in Relation zu

den Staatsschulden von 321 Milliarden –

und auch gering im Vergleich zu den knapp

25 Milliarden, die Griechenland in diesem

Jahr tilgen muss. Dafür stehen Hilfsgelder

der Euro-Partner und des Internationalen

Währungsfonds (IWF) zur Verfügung.

Griechenland braucht die drei Milliarden

also gar nicht, das Land ist für 2014

durchfinanziert.

Die Bedeutung der Emission liegt vielmehr

darin, dass sich neue Refinanzierungsmöglichkeiten

für Banken und

Unternehmen eröffnen könnten. Die

Rückkehr des Staates an den Kapitalmarkt

habe „positive Effekte für andere

Kreditnehmer in Griechenland“ und könne

helfen, die Wirtschaft anzukurbeln,

hofft Klaus Regling, Chef des Euro-Rettungsfonds

ESM. Nach dem geglückten

Test werde Griechenland wohl in diesem

Jahr erneut an den Markt gehen, möglicherweise

sogar mit zwei weiteren Emissionen,

heißt es in Athener Finanzkreisen.

Sicher ist: Griechenland braucht spätestens

2015 wieder mehr Geld. Die Troika

sieht für die beiden kommenden Jahre

eine Lücke von mindestens elf Milliarden

Euro. Mit der Rückkehr an den Kapitalmarkt

hofft Samaras ein drittes Rettungspaket

überflüssig zu machen. Denn

weitere Hilfskredite wären mit neuen

Sparauflagen verbunden – und die glaubt

er nicht durchsetzen zu können.

NEUER SCHULDENSCHNITT

Wenn die Renditen nicht schnell weiter

sinken, könnte die Refinanzierung am

Markt Griechenland allerdings noch tiefer

in die Schuldenfalle treiben. Für seine

Schulden, die inzwischen zu mehr als 80

Prozent bei öffentlichen Gläubigern liegen,

zahlt das Land aktuell nur rund zwei

Prozent Zinsen. Die jüngste Anleihe ist

mehr als doppelt so teuer.

Umso mehr muss sich Griechenland

anstrengen, wenn es seine Schuldenquote,

wie mit EU und IWF vereinbart, bis

2022 „substanziell unter 110 Prozent“

drücken will. Selbst unter optimistischen

Wachstumsannahmen und bei größter

Haushaltsdisziplin ist das kaum zu schaffen.

Einen zweiten Schuldenschnitt, der

diesmal die öffentlichen Gläubiger treffen

würde, schließen zwar alle Beteiligten

aus. Aber gleich nach der Europawahl

wollen die Euro-Finanzminister über

Schuldenerleichterungen verhandeln.

Denkbar wären niedrigere Zinsen und längere

Laufzeiten für Altkredite. Auch wenn

das „S-Wort“ tabu ist: Letztlich wäre auch

das eine Art Schuldenschnitt.

gerd höhler | Athen, politik@wiwo.de

FOTO: LAIF/NIKOS PILOS

38 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Beim politischen Wünsch-dir-Was

sind die Wähler gern dabei – die Kosten ignorieren

sie. In der Schweiz führt die Mitsprache der Bürger zu

sparsamer Politik. Von Henning Krumrey

Fruchtloser Baum

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/KEYSTONE SCHWEIZ

Denkt er an Deutschland, fühlt

sich Klaus-Peter Schöppner

zurückversetzt in Weimarer

Zeiten. Die Staaten taumelten

durch die Weltwirtschaftskrise, doch in

den Salons der Hauptstadt spielten die

Kapellen den Charleston einfach etwas

lauter. „Das ist wie im Berlin der Zwanzigerjahre:

Wir merken, dass um uns

herum durch Finanzkrise und Staatsschulden

alles bröckelt und machen noch einmal

richtig Party.“ Der Mann, der 22 Jahre

Auf der Bremse anstehen Die Schweizer

reden mit – und verzichten auf Ausgaben

lang als Meinungsforschungs-Geschäftsführer

„Mister emnid“ war und jetzt sein

eigener Herr im Beratungsinstitut Mente-

Factum ist, sieht eine Tragik: Statt das

Wohlstandsparadies zu retten, nähmen

die Wähler lieber noch mit, was geht.

„Das Wünschenswerte dominiert das

Realistische“, ist Schöppners Erfahrung mit

dem Bürger und der politischen Klasse, die

er seit Jahrzehnten berät. Die Unfinanzierbarkeit

der Rentenreform, der Kostenwahnsinn

der Energiewende, das Arbeitsplatzrisiko

des Mindestlohns, die Zeitbombe der

Staatsverschuldung – alle Langfristrisiken

würden überdeckt durch Konjunktur, Exportrekorde,

den Ruhm als EU-Musterland.

Natürlich wollen die Deutschen keine

höheren Steuern, Schulden und Sozialversicherungsbeiträge.

Aber sie wollen höhere

Renten, bessere Straßen, mehr Bildung. Sie

wollen die Energiewende, aber nicht so viel

teureren Strom. Die Widersprüche fallen ihnen

nicht auf, weil sie nicht danach gefragt

werden. Denn, so MenteFactum-Mann

Schöppner: „Es sind ja nicht wir, die Bürger,

die etwas verursachen, es sind immer

die Politiker.“ So sprächen sich die Wähler

von jeder Verantwortung frei. Der Baum der

Erkenntnis, er trägt nicht einmal Früchte.

In der Schweiz geht das so einfach nicht.

Ab einer bestimmten Ausgabensumme entscheidet

das Volk. Und das handelt kostenbewusst.

So stoppten die Bürger der Stadt

Zürich im vergangenen September mit

knapper Mehrheit einen Kredit über 216

Millionen Euro für den Bau eines Fußballstadions.

Der FC Zürich und die Grashoppers

sollten sich gefälligst eine private

Finanzierung organisieren. Auf allen staatlichen

Ebenen ist das Volk gefragt, wenn es

um die Steuern geht. 2008 beschloss eine

Mehrheit, die Mehrwertsteuer von 7,6 auf

8 Prozent zu erhöhen, um die Invalidenversicherung

besser auszustatten. Um

einen dauerhaften Aderlass zu vermeiden,

wurde der Zuschlag zeitlich begrenzt.

„Die Erfahrung in der Schweiz zeigt, dass

die direkte Demokratie eine effizientere

Politik und sparsamere Ausgaben hervorbringt“,

hat Lars Feld festgestellt, der

Direktor des Walter Eucken-Instituts in Freiburg.

„Teure Prestigeprojekte werden

vermieden, aber notwendige Infrastrukturprojekte

scheitern nicht.“ Der Eisenbahn-

Alpentransversale haben die Schweizer

nach einer deutlichen Kostensteigerung

sogar ein zweites Mal zugestimmt.

Auch Feld berät seit Jahren die Politiker

in Berlin. In Deutschland gibt es direkte Mitsprache

der Bürger nur auf Länderebene,

dort seien die Ergebnisse „gemischt, weil

die Länder keine echte Steuerhoheit haben

und weil es in Deutschland so viele Mischfinanzierungen

gibt. Wenn ein anderer zahlt

– beispielsweise die EU mit Zuschüssen

oder die anderen Bundesländer über den

Länderfinanzausgleich –, dann ist der Bürger

auch bei den Ausgaben großzügiger.“

Von der großen Koalition wünscht sich

Feld vor allem eines: Untätigkeit. „Unterlassen

wäre derzeit wichtiger als Handeln.

Denn Mindestlohn und Rente mit 63 drehen

erfolgreiche Reformen wieder zurück.“

Die Vertreibung aus dem Paradies, sie fand

bei der Bundestagswahl eine Mehrheit.

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 41

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Investitionsfaule

Betriebe, skeptische Verbraucher:

In Japan stoßen die „Abenomics“

an ihre Grenzen. Von Bert Losse

Nippons Nöte

Manchmal sind es

kleine Dinge, die

signalisieren, dass

auf großer Bühne

etwas schiefläuft. Ende März

warnten Supermärkte in Tokio

vor „Klopapierknappheit“ und

rationierten ihre Bestände. Der

Grund: befürchtete Hamsterkäufe

im Vorfeld einer Mehrwertsteuererhöhung.

Dass Regierungschef Shinzo

Abe die drohende WC-Krise

registriert hat, ist eher unwahrscheinlich,

denn er muss sich

ganz andere Sorgen machen. Es

läuft nicht mehr rund in der drittgrößten

Volkswirtschaft der Welt.

Die vom Regierungschef verordnete

Mixtur aus staatlichen Konjunkturprogrammen

und ultralockerer

Geldpolitik, „Abenomics“

genannt, hatte Ökonomen und

Börsianer zunächst entzückt. Die

Aktienkurse stiegen, das Wachstum

zog an, die Arbeitslosenquote

fiel. Doch nun könnte eintreten,

was Skeptiker stets

befürchteten: Das Programm

entfacht nur ein Strohfeuer.

Zwar hat es die Regierung geschafft,

die jahrelange Deflation

zu beenden. Die Preise steigen

seit neun Monaten. Die Bank of

Japan (BoJ) wurde auf ein Inflationsziel

von zwei Prozent

verpflichtet, was sie womöglich

schon in diesem Jahr erreicht.

Dennoch zeigt sich immer stärker

eine offene Flanke der Abe-Strategie:

Die Konsumenten, die für

60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

stehen, sind steigende

Preise schlicht nicht gewöhnt.

Erstmals seit Jahren sehen sie

sich mit Reallohnverlusten konfrontiert,

die noch nirgendwo in

der Welt ein Konsumfeuerwerk

entfacht haben. Erschwerend

kommt hinzu, dass die Regierung

Anfang April die Mehrwertsteuer

von fünf auf acht Prozent erhöht

hat, um das Schuldenwachstum

zu begrenzen – Japan ist der am

höchsten verschuldete Industriestaat

der Welt. Anders als für

Europäer, die Steuererhöhungen

gewöhnt sind, ist es für die Japaner

der erste Anstieg seit gut 15

Jahren. Der Index des Verbrauchervertrauens

ist innerhalb eines

Dreivierteljahres von 45,7 auf

rund 38 Zähler heruntergekracht.

Ebenso problematisch für die

japanische Konjunktur ist die

Investitionsunlust der Unternehmen.

Umfragen zufolge wollen

die Betriebe ihre Investitionen

um gut vier Prozent zurückfahren.

Für das im April begonnene

Tendenz fallend

Wachstums- und Inflationsrate

in Japan (in Prozent)

5

4

3

2

1

0

BIP

*Prognose; Quelle: IWF

Inflation

–1

10 11 12 13 14* 15*

Bilanzjahr 2014 rechnen Ökonomen

nur noch mit einem Wachstum

von knapp einem Prozent.

Manche Analysten erwarten

sogar, dass Japan spätestens in

der zweiten Jahreshälfte in eine

Rezession taumelt.

Was dann passiert, ist ziemlich

klar: Die BoJ, die schon jetzt jährlich

Wertpapiere in Höhe von umgerechnet

424 bis 495 Milliarden

Euro ankauft, wird ihre Geldschleusen

noch weiter öffnen –

mit allen Risiken, die damit verbunden

sind.

EXKLUSIVUMFRAGE

Was das Herz begehrt

Der Einfluss der Gewerkschaften auf die Politik hat

sich nach Einschätzung der Unternehmen drastisch

erhöht, sagt eine Umfrage für die WirtschaftsWoche.

Für Detlef Wetzel ist die

Sache klar: „Themen wie

der Mindestlohn und die

Rente mit 63 sind endlich in der

Mitte der Gesellschaft angekommen.

Und wir haben dabei etwas

mitgeholfen“, frohlockt der Vorsitzende

der IG Metall. Sein Befund:

„Wir haben wieder eine

Regierung, die sich traut, Gesetze

zu beschließen, von denen

Arbeitnehmer profitieren.“

Widerspruch der Arbeitgeber

zu dieser Aussage ist bis auf

Weiteres nicht zu erwarten.

Rund 65 Prozent der mittelständischen

Unternehmer sehen

aktuell einen „hohen“ oder gar

„sehr hohen“ Einfluss der Gewerkschaften

auf die Politik der

Bundesregierung. Vor einem

Jahr – damals regierte noch die

Koalition von Union und FDP –

waren es satte 20 Prozentpunkte

weniger (siehe Grafik). An

einen nur geringen politischen

Einfluss von IG Metall, Verdi

und Co. glauben mittlerweile

nur noch sechs Prozent (vorher:

elf Prozent). Das hat eine Mitgliederumfrage

der Wirtschaftsverbände

„Die Familienunternehmer-ASU“

und „Die Jungen

Unternehmer-BJU“ exklusiv für

die WirtschaftsWoche ergeben,

an der sich knapp 650 Firmenchefs

beteiligten.

Druck von links

Wie schätzen Sie den Einfluss

der Gewerkschaften auf die Regierungspolitik

ein (in Prozent)*

8

23

sehr

hoch

II/2013

37 42 40

II/2014

21

11 6

hoch mittel gering/

sehr gering

*Rest auf 100 Prozent: weiß nicht; Quelle:

ASU/BJU-Umfrage bei 650 Unternehmen

„Von der Regulierung flexibler

Beschäftigungsformen bis

hin zum Mindestlohn – der Koalitionsvertrag

gibt alles her,

was das Gewerkschaftsherz begehrt“,

findet Lutz Goebel, Präsident

der Familienunternehmer.

Den Verbandschef sorgt,

dass „drei von fünf Spitzenleuten

des Bundesarbeitsministeriums

einen Gewerkschaftshintergrund“

haben. Neben

Ministerin und IG-Metall-Mitglied

Andrea Nahles, die einst

im IG-Metall-Verbindungsbüro

Berlin arbeitete, sind dies die

Parlamentarischen Staatssekretärin

Anette Kramme (Mitglied

bei IG Metall und Verdi) und

der beamtete Staatssekretär

Thorben Albrecht, der vier Jahre

Referatsleiter beim DGB-

Bundesvorstand war.

Gut läuft unterdessen offenbar

die Zusammenarbeit der

Chefs mit dem eigenen Betriebsrat

– sofern ein solcher

existiert. Von den 27 Prozent

der befragten Firmen, die eine

Mitarbeitervertretung haben,

vergeben immerhin 75,6 Prozent

die Noten „gut“ oder

„sehr gut“ für die innerbetriebliche

Kooperation. Vor einem

Jahr waren es 3,5 Prozentpunkte

weniger.

Gute Noten

Wie bewerten Sie die

Zusammenarbeit mit Ihrem

Betriebsrat (in Prozent)*?

58,3

17,3 16,1

sehr gut gut mittelmäßig

*Rest auf 100 Prozent: weiß nicht;

Quelle: ASU/BJU-Umfrage bei 180

Unternehmen mit Betriebsrat

bert.losse@wiwo.de

8,4

schlecht/

sehr

schlecht

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

42 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Mit der umfassenden Überwachung der Banken und Finanzmärkte wollen

die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden künftige Risiken für die Finanzstabilität

abwehren. Doch daraus droht eine Regulierungsorgie zu werden, die einer Verstaatlichung

des Bank- und Finanzsystems gleichkommt. Von Thorsten Polleit

Der verstaatlichte Kredit

FOTOS: VISUM/MARTIN LEISSL, GETTY IMAGES

Ein sperriges Wortgebilde

macht in Politik und

Ökonomie die Runde:

makroprudentielle

Überwachung. Es lädt nicht

gerade zum Verweilen ein. Ziel

der makroprudentiellen Überwachung

ist es, Risiken im

Finanzsystem frühzeitig zu erkennen,

um Gegenmaßnahmen

ergreifen und einen Beitrag zur

Finanzstabilität leisten zu können.

Staatliche Stellen – allen

voran Zentralbanken und

Finanzaufsichtsbehörden –

sollen weitreichende Eingriffsmöglichkeiten

in das Finanzsystem

erhalten. Sie sollen

etwa den Geschäftsbanken

erhöhte Kapitalpuffer, Verschuldungs-

und Beleihungsobergrenzen,

Vorgaben

zur Liquidität oder zu ihren

Refinanzierungsformen auferlegen

können.

REINE SYMPTOMKUR

Dass der Staat das Banken- und

Finanzsystem sicher machen

will, dürfte in der Öffentlichkeit

vermutlich Unterstützung finden.

Schließlich ist der Glaube

weit verbreitet, es seien vor

allem die Geschäftsbanken gewesen,

die die jüngste Finanzund

Wirtschaftskrise verursacht

hätten. Daher sei es richtig, die

Banken enger an die Kandare

zu nehmen.

Doch Vorsicht: Die Idee der

makroprudentiellen Überwachung

ist nicht etwa aus einer

einsichtigen Diagnose der wahren

Krisenursache erwachsen.

Sie ist vielmehr der ungelenke

Versuch einer Symptomkur,

weil man sich davor scheut, die

eigentliche Ursache der Krise

anzupacken. Es waren die staatlichen

Zentralbanken, die mit

ihrem unablässigen Ausweiten

von Kredit- und Geldmengen, bereitgestellt

zu immer tieferen Zinsen,

die Überschuldungsmisere

möglich gemacht haben. Doch

nun schrecken sie davor zurück,

die Kredit- und Geldschwemme

zu stoppen, weil sie – berechtigterweise

– fürchten, dass der gesamte

Schuldenturm kollabiert

und mit ihnen die Volkswirtschaften.

Stattdessen soll den Fehlentwicklungen,

die die fortgesetzte

Politik des billigen Geldes verursacht

hat, mit Regulieren und Reglementieren

begegnet werden.

Sollten zum Beispiel die Hausbaukredite

zu stark wachsen und eine

»Freier Wettbewerb

der

Währungen

sorgt für bessere

Banken als

jede staatliche

Regulierung«

Immobilienpreisblase drohen,

kann der Staat dank makroprudentieller

Überwachung einschreiten,

indem er den Banken

durch höhere Eigenkapitalanforderungen

die Vergabe von

Hypothekenkrediten erschwert.

Die makroprudentielle Überwachung

wird am Ende alle wichtigen

betriebswirtschaftlichen Entscheidungen

der Banken durch staatliches

Regulierungswerk ersetzen.

Sie läuft damit auf eine Verstaatlichung

des Banken- und Finanzsystems

hinaus. Wir erleben

mithin die Verstaatlichung des

Kredits, wie es bereits Karl Marx in

Weiter hoch hinaus? Finanzdistrikt

in London

ßen und gehen früher oder später

in den Staatsbesitz über.

Ein düsteres, aber durchaus

schlüssiges Szenario. Es ist logische

Folge des staatlichen

Zwangsgeldmonopols: Die staatseigene

Zentralbank produziert in

Kooperation mit den Geschäftsbanken

neues Geld durch Kredite,

die durch nichts gedeckt sind,

gewissermaßen aus dem Nichts

geschaffen. Das staatliche Geldmonopol

schafft nicht nur inflationäres

Geld, es sorgt auch für

wiederkehrende Finanz- und Wirtschaftskrisen.

Und es führt die

Volkswirtschaften in eine Über-

seinem Kommunistischen Manifest

im Jahr 1848 gefordert hat.

Wie immer, wenn der Marktprozess

durch staatliche Lenkung ersetzt

wird, kommt es zur Fehlallokation

knapper Ressourcen auf

breiter Front, zu Unterversorgung

hier und Überversorgung da, zu

genereller Misswirtschaft. Sind

die Marktkräfte im Banken- und

Finanzsystem erst einmal ausgeschaltet,

erlischt auch das Interesse

privater Investoren am

Bankgeschäft. Die Klugen steigen

aus, die weniger Talentierten harren

aus. Die Geldhäuser werden

unprofitabel, sie bekommen kein

neues Eigenkapital mehr von auschuldungssituation,

die letztlich

im Bankrott endet.

Um dem Kollaps hier und

heute zu entkommen, setzen

Zentralbanken und Aufsichtsbehörden

die auf Korrektur drängenden

Marktkräfte außer Kraft.

Und die makroprudentielle

Überwachung soll dabei helfen.

IN DIE SACKGASSE

Das Bekämpfen der Marktwirtschaft

führt jedoch in die ökonomische

Sackgasse. Deshalb

ist der produktive Gegenentwurf

zur makroprudentiellen Überwachung

die konsequente

Rückbesinnung auf den freien

Markt als spontane Ordnungskraft.

Der entscheidende Befreiungsschlag

wäre das Beenden

des staatlichen Geldmonopols,

an dessen Stelle der freie Währungswettbewerb

tritt. Bekanntlich

ist der Wettbewerb ein

bewährtes Verfahren, um die

Wünsche der Nachfrager bestmöglich

und zu niedrigsten Kosten

zu befriedigen. Ohne freien

Wettbewerb gäbe es heute keine

Mobilfunkgeräte, Laptops,

iPhones und vieles mehr. Eine

ähnliche produktive Wirkung

hätte der freie Währungswettbewerb:

Er würde besseres Geld

schaffen, als es der Staat bereitstellt,

und er würde für bessere

Banken sorgen, als sie die makroprudentielle

Überwachung

jemals herbeiregulieren kann.

Es ist Zeit, umzudenken.

Polleit ist Chefvolkswirt der

Degussa Goldhandel. Zuvor

arbeitete der in Münster promovierte

Volkswirt als Chefökonom

für Deutschland bei

der britischen Investmentbank

Barclays Capital.

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 43

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Der Volkswirt

WELTWIRTSCHAFT

Verhängnisvoller Pakt

Mit einer billionenschweren Liquiditätsspritze an die Banken wollte die Europäische

Zentralbank die Realwirtschaft der Euro-Zone reanimieren. Stattdessen haben

südeuropäische Geldhäuser den Geldsegen vor allem zum Kauf heimischer Staatsanleihen

genutzt. Das wird nun zum Risiko für die Bankenunion.

Man muss sich Mario

Draghi als optimistischen

Menschen vorstellen.

„Wir sehen Fortschritte“,

erklärte der Präsident der Europäischen

Zentralbank (EZB) im

März vor dem EU-Parlament in

Brüssel und machte klar, was er

bereits für einen Fortschritt

hält: „Die Kreditflüsse sind

noch immer gedämpft – aber

sie gehen in einem langsameren

Tempo zurück.“

Dass Draghi bereits Zuversicht

verbreitet, wenn sich ein

Rückschritt verlangsamt, zeigt

den immensen Druck, unter

dem die Frankfurter Währungshüter

stehen. Die EZB hat in

den vergangenen beiden Jahren

mit einem Billionen-Euro-Programm

für die Banken versucht,

die Kreditvergabe an Unternehmen

und Konsumenten zu beleben

und die Konjunktur anzukurbeln.

Es war ein historisch

einmaliger finanzieller Kraftakt

– und trotzdem sind die Erfolge

ausgeblieben. In den rezessionsgeplagten

Krisenländern

schrumpft trotz dieser beispiellosen

Geldspritze die Kreditvergabe

an die Privatwirtschaft

weiter. Damit nicht genug: Wie

sich jetzt zeigt, haben die Banken

Italiens, Portugals und Spaniens

die billige EZB-Liquidität

stattdessen in hohem Maß in

heimische Staatsanleihen investiert

und damit ihre Bilanzen

aufgebläht. Das bringt die EZB

nun als zukünftige Aufsichtsbehörde

in der Europäischen Bankenunion

in die Bredouille.

Neben Offenmarktgeschäften

mit einwöchiger Laufzeit gewährt

die EZB den Banken Liquidität

in Form so genannter

Long Term Refinancing Operations

(LTRO), die normalerweise

nur über drei Monate laufen.

Als aber 2011 die Zinsspreads

für Staatsanleihen von Portugal,

Italien, Irland, Griechenland

und Spanien in die Höhe schossen

und die Euro-Zone in die

Rezession taumelte, beschloss

die EZB, den Banken im Rahmen

von zwei LTRO-Geschäften

Liquidität von über einer

Billion Euro mit einer Frist von

drei Jahren zuzuführen. Erklärtes

Ziel der im EZB-Jargon

„Dicke Bertha“ genannten

Mammut-Tender : die Geldpolitik

„effektiv in die Realwirtschaft

zu übertragen“, damit die

Banken „die Kreditvergabe an

Haushalte und Unternehmen in

der Euro-Zone aufrecht erhalten

und ausweiten“.

In Schieflage

Bankenviertel

in Madrid

Für die Banken bedeutete das

billiges Geld: Sie zahlen für die

Tender einen Zinssatz, der sich

nach dem Durchschnitt ihrer

Laufzeit bemisst und der seit

Ende 2011 von 1,0 auf heute

0,25 Prozent gefallen ist. Vor

allem südeuropäische Geldhäuser

griffen begeistert zu,

während die deutschen und

französischen Institute ihre Engagements

begrenzt hielten

oder wieder zurückfuhren (siehe

Grafik Seite 45). So haben die

italienischen Banken ihre Mittelaufnahme

bei der EZB von

knapp 30 Milliarden Euro Anfang

2011 auf 217 Milliarden

Euro Mitte Januar 2014 gesteigert.

Zwischenzeitlich hingen

sie sogar mit 272 Milliarden Euro

am LTRO-Tropf der EZB.

Der Kreditfluss an Betriebe und

Verbraucher kommt nicht in Gang

Auch Spaniens unter der geplatzten

Immobilienblase leidende

Banken langten kräftig

zu. Von knapp 40 Milliarden

Euro Anfang 2011 kletterte das

Volumen bis August 2012 auf

338 Milliarden Euro. Zwar reduzierten

sie dann ihre LTRO-

Bestände, Mitte Januar 2014

standen die spanischen Kreditinstitute

aber immer noch mit

178 Milliarden Euro bei der EZB

in der Kreide. Portugals Banken

schließlich wiesen zuletzt längerfristige

EZB-Finanzierungen

in Höhe von 50 Milliarden Euro

aus, die zu 90 Prozent aus den

beiden Drei-Jahres-Tendern

stammen.

GELD KOMMT NICHT AN

In der Realwirtschaft Südeuropas

kam das Geld aber nicht an.

In Italien schrumpfte die Kreditvergabe

an die heimischen

Unternehmen von 915 Milliarden

Euro im November 2011 bis

Dezember 2013 um insgesamt

100 Milliarden Euro. In Spanien

ging das Kreditvolumen an die

Privatwirtschaft von Ende 2011

bis Mitte 2013 um 13 Prozent, in

Portugal um 4,6 Prozent zurück.

Für Italien gilt auch nicht, was

Draghi für die Euro-Zone insgesamt

als hoffnungsvollen Trend

ausgibt. Dort hat sich der Rückgang

keinesfalls verlangsamt.

Der Banca d’Italia zufolge beschleunigte

sich der Schrumpfprozess

im vergangenen Jahr

sogar noch von 2,6 Prozent im

ersten Quartal auf 5,4 Prozent

im vierten Quartal. Im Januar

2014 betrug das Minus immer

noch fünf Prozent – doppelt so

viel wie vor einem Jahr.

Dass die Banken die Milliardenhilfe

nicht wie von der EZB

beabsichtigt per Kredit an Konsumenten

und Unternehmen

weiterreichen, entsprach allerdings

betriebswirtschaftlicher

Logik . „Die Qualität der Kredite

verschlechtert sich“, klagt etwa

die Banco de Portugal. Mit 15

respektive 17 Prozent ist vor allem

die Ausfallquote der Unternehmens-

und Konsumentenkredite

hoch. Ähnlich prekär ist

FOTO: LAIF/GUNNAR KNECHTEL

44 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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die Lage in Italien: Hier hat sich

der Bestand an notleidenden

Krediten seit 2010 in etwa verdoppelt.

Das Ausfallrisiko liegt

bei gut 13 Prozent. Auch in

Spanien hat das Volumen fragwürdiger

Kredite zugenommen

– innerhalb eines Jahres um

mehr als fünf Prozent.

Deshalb müssen die Banken

mit Blick auf Basel III ihr Kreditgeschäft

mit mehr Eigenkapital

unterlegen – woran es ihnen

mangelt. Oder sie müssen ihr

Kreditportfolio zurückfahren,

wollen sie die Vorgaben einhalten

– genau dies tun sie gerade.

Statt für Kredite an Unternehmen

und Konsumenten kaufen

die Banken mit dem billigen

EZB-Geld lieber heimische

Staatstitel. Denn im Unterschied

zu Unternehmenskrediten gilt

für Euro-Staatsanleihen nach

wie vor die Fiktion, sie seien frei

von Ausfallrisiken. Deshalb

brauchen die Banken dafür kein

teures Eigenkapital vorzuhalten

– und erzielen mit den Staatsanleihen

ähnlich hohe Zinsen wie

bei Unternehmenskrediten.

So haben Italiens Banken ihren

Bestand an heimischen

Staatstiteln in den beiden vergangenen

Jahren um 160 Milliarden

Euro aufgestockt. Das

entspricht in etwa dem Betrag,

der ihnen in dieser Zeit aus

Frankfurt zufloss – und um den

die italienische Staatsschuld in

dieser Zeit netto stieg. Für die

Banken ein gutes Geschäft: Für

die Frankfurter Milliarden zahlen

sie weniger als ein Prozent

Zinsen, italienische Staatsanleihen

brachten ihnen je nach

Laufzeit zwischen vier und

sechs Prozent Zinsen. Ende

2013 machten italienische

Staatsanleihen bereits zehn

Prozent der Bilanzsumme italienischer

Banken aus, ein Anstieg

um 1,3 Punkte binnen eines

Jahres.

Auch die spanischen Banken

haben in erheblichem Umfang

heimische Staatsanleihen gekauft.

Ihr Bestand stieg in den

beiden Jahren bis Mitte 2013

um 147 Milliarden Euro. Portugals

Banken wiesen Mitte vergangenen

Jahres 57 Milliarden

Euro Staatsanleihen – überwiegend

portugiesische – in ihren

Bilanzen aus. Der Anteil dieser

Staatsschulden am Wertpapierportfolio

der Banken hat sich

seit 2009 fast vervierfacht und

liegt heute bei 37 Prozent.

Geldsegen für Südeuropa

Mittelaufnahmender nationalen

Banken aus dem LTRO-

Programm der EZB (in Mrd. €)

350

300

250

200

150

100

50

0

Spanien

Deutschland

2011 2012 2013 14

Quelle: Thomson Reuters

Italien

Frankreich

Fakt ist:Banken und Staaten

sind einen verhängnisvollen

Pakt eingegangen. Nicht nur

können die Banken Staatsanleihen

bei der EZB als Sicherheit

für LTRO-Gelder hinterlegen,

um diese dann – wie in einer

Pyramide – wieder in Staatsanleihen

anzulegen. Die EZB hat

auch ihre Sicherheitsanforderungen

reduziert. So dürfen die

Banken auch eigene Schuldverschreibungen

als Sicherheit

hinterlegen, wenn diese Titel

von ihren Regierungen garantiert

werden. Die Politik ziert

sich wenig – damit die Banken

erneut heimische Anleihen

kaufen. Die Geldhäuser sind so

in ihren Ländern zu den Hauptabnehmern

von Staatsanleihen

avanciert.

Durch die von den LTRO-Geldern

angeheizte Nachfrage

nach Staatsanleihen konnten

Italien, Spanien und Portugal

zudem ihre Schuldtitel bequem

unterbringen, ohne höhere

Renditen zahlen zu müssen. So

erleichterte das LTRO-Programm

den Krisenstaaten das

Schuldenmachen – und verringerte

den Reformdruck.

Die Schieflage in den

Bankenbilanzen durch das

Übergewicht an Staatsanleihen

der überschuldeten Südländer

wird für die EZB nun zum Problem:

Anfang November übernimmt

sie die Aufsicht über die

rund 130 größten und systemrelevanten

Banken. Derzeit prüft

Unwucht im Bankensektor

Anteil derStaatsanleihen an

der Bilanzsumme der Banken

(in Prozent)

2010*

2013**

5,1

10,0

12,8

17,2

9,4

11,8

Italien Spanien Portugal

*Ende 2010; ** Juni; Quelle: Banco de

España, Banca d’Italia, Banco de Portugal

sie deren Bilanzen, um nicht die

Verantwortung für etwaige Krisenbanken

aufgehalst zu bekommen.

Dazu müsste die EZB

eigentlich auch die Risiken bei

jenen Banken berücksichtigen,

die massenhaft Staatsanleihen

von Krisenländern halten.

STRESSTEST IM MAI

Doch solange Euro-Staatsanleihen

als risikolos gelten, ist die

EZB gezwungen, diese Schlagseite

zu tolerieren. Als Bankenaufsicht

kann sie in dieser

Frage nicht auf einmal strenge

Maßstäbe an die Banken anlegen,

nachdem sie selbst die Anreize

gesetzt hat, die die Banken

in den Anleihenkaufrausch trieben.

„Die EZB wird an ihrer laxen

Geldpolitik festhalten und

den Banken weiter Liquidität zu

Niedrigstzinsen gewähren, damit

diese nicht in neue Schwierigkeiten

geraten“, prophezeit

der Bonner Geldtheoretiker

Manfred J. Neumann.

Die EZB ignoriert auch die

Folgen für die gemeinsame Haftung

in der Bankenunion, wenn

ein Land seine Schulden nicht

mehr bedienen kann, die EZB

zuvor aber den hohen Anteil

von Staatsanleihen in den Bankenbilanzen

nicht beanstandet

hat. In dem im Mai startenden

Stresstest, bei dem die EZB die

Auswirkungen einer Finanzund

Wirtschaftskrise auf die

Bankbilanzen simuliert, werde

dieser Fall in den Szenarien der

EZB nicht auftauchen, ist sich

ein Bankvolkswirt sicher.

Nicht umsonst warnte der Internationale

Währungsfonds

Ende 2013 in einem Bericht zur

Stabilität der italienischen Banken:

„Die Verbindung zwischen

Finanzsektor und italienischem

Staat bleibt eines der Hauptrisiken

für das Bankensystem.“

Eine implizite Kritik auch an

der Banca d’Italia, zu deren Aufgaben

die Aufsicht über die italienischen

Banken gehört und

an deren Spitze Draghi von

2006 bis 2011 stand.

Als der EZB-Chef im März zu

den Europaabgeordneten in

Brüssel sprach, veröffentlichte

Eurostat fast zeitgleich den Januarwert

für die Kreditvergabe

an Unternehmen und Haushalte

im Euro-Raum. Diese war den

21. Monat in Folge gesunken –

trotz „Dicker Bertha“. Analysten

rätseln nun, was die EZB jetzt

noch im Köcher hat. Draghi

spricht vage von „unkonventionellen

Instrumenten“, mit denen

die EZB der angeblichen

Deflationsgefahr zu Leibe rücken

müsse. Doch dazu müsste

die Inflationsrate weiter fallen,

meint Stefan Schilbe, Chefökonom

bei HSBC Trinkaus. Er

rechnet deshalb mit einer Entscheidung

erst zur Jahresmitte.

Von Parlamentariern darauf

hingewiesen, dass die Bank of

England ihre Liquiditätshilfen

für Banken an die Verpflichtung

zu einer Kreditvergabe an die

Realwirtschaft knüpfe, antwortete

Draghi in militärischer Diktion:

„Das ist ein Instrument,

das wir in unserer Artillerie haben

– und wir denken darüber

auch nach.“

Optimismus klingt irgendwie

anders.

n

klaus.methfessel | politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 45

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Unternehmen&Märkte

Kampf um Verlässlichkeit

INVESTITIONSSCHUTZABKOMMEN | Schiedsverfahren für Konflikte zwischen Investoren

und Staaten sind so in Verruf gekommen, dass die Freihandelsverhandlungen

mit den USA deswegen zu scheitern drohen. Auch wenn Gegner sie zu Unrecht als

Hinterzimmer-Rechtsprechung schmähen: Für Unternehmen sind sie existenziell.

Die Investition schien eine sichere

Sache zu sein. Im Sommer

2011 erwarb der Fonds RREEF

Infrastructure, eine Tochter der

Deutschen Bank, für rund 400

Millionen Euro 45 Prozent an zwei Solaranlagen

in Guadix in der spanischen Provinz

Granada. Das sonnige Klima und der spanische

Einspeisetarif für Solarstrom ließen

hohe Renditen erwarten. „Beide Anlagen

profitieren von einem transparenten, stabilen

und attraktiven Regulierungsumfeld mit

einer Abnahmegarantie während ihrer Betriebsdauer“,

warb der in Luxemburg ansässige

Fonds bei Profi-Anlegern.

Doch im Dezember 2011 wechselte in

Madrid die Regierung. Als eine seiner

ersten Amtshandlungen strich Ministerpräsident

Mariano Rajoy die großzügigen

Subventionen für erneuerbare Energien

radikal zusammen. Der 2007 für 25 Jahre

festgezurrte Einspeisepreis entfiel komplett.

Damit schrumpft der Gewinn von Solaranlagen

um rund 45 Prozent, schätzt der

spanische Branchenverband Unef.

Die spanischen Konservativen argumentieren,

dass die Subventionen, die zwischen

2005 und 2013 um den Faktor acht

explodierten, in der Krise nicht mehr finanzierbar

waren. Der Fonds der Deutschen

Bank dagegen hält den unangekündigten

Politikschwenk für illegal. Unter Berufung

auf den internationalen Energiecharta-Vertrag

hat RREEF daher ein Verfahren

gegen Spanien vor dem Schiedsgericht

der Weltbank eingeleitet, dem International

Centre for Settlement of Investment

Disputes (ICSID). Der Fonds klagt somit

sein Recht als Investor auf ein verlässliches

Umfeld ein.

Der Fall mit dem Aktenzeichen ARB/13/

30 steht für einen Trend. Zunehmend wehren

sich Unternehmen vor Schiedsgerichten

gegen politische Entscheidungen,

wenn es um Diskriminierung, Enteignung

oder willkürliche Strategiewechsel geht.

Schiedsverfahren nehmen seit der Jahrtausendwende

rasant zu (siehe Grafik), und

die Zahl dürfte weiter steigen.

Mehr Klagen gegen Staaten

Anzahl derweltweiten Schiedsverfahren*

500

400

300

200

100

Verfahren beim Schiedsgericht

der Weltbank

Verfahren bei anderen

Schiedsgerichten

1987 2000 2012

*Gesamtbestand; Quelle: Unctad

Klagefreudige Deutsche

Zahl der Schiedsverfahren nach

Herkunftsland des Investors bis

Ende 2012

USA

Niederlande

Großbritannien

Deutschland

Kanada

Frankreich

Schweiz

Quelle:Unctad, ICSID

20 40 60 80 100

120

Für Unternehmen sind solche Verfahren

existenziell. Globalisierungskritiker haben

sie allerdings so diffamiert, dass die laufenden

Verhandlungen über das transatlantische

Freihandelsabkommen TTIP zwischen

der EU und den USA an diesem Thema

zu scheitern drohen. Auch deutsche

Politiker, allen voran Sozialdemokraten,

betrachten die Schiedsverfahren als Angriff

auf die Demokratie.

Auslöser für die neue Betrachtungsweise

ist das Novum, dass sich die Klagen verstärkt

gegen entwickelte Länder richten.

Betrafen die Investoren-Staat-Klagen in

den vergangenen Jahrzehnten vor allem

Entwicklungs- und Schwellenländer, häufen

sich jetzt Verfahren gegen europäische

Staaten. 2013 betraf fast jedes dritte neue

Verfahren bei ICSID ein Land in Europa.

ANGRIFF AUF DIE DEMOKRATIE?

Basis für diese Klagen sind – neben der

Energie-Charta – Investitionsschutzabkommen,

von denen bis 2012 alleine

Deutschland 131 mit anderen Ländern

eingegangen ist. Weltweit gibt es mehr

als 3000 solcher völkerrechtlichen Verträge,

die meist Schiedsgerichte vorsehen,

um Streit zwischen Investoren und

Staaten beizulegen. Die Idee: Eine neutrale

dritte Partei schlichtet, damit sich nicht

jedes Mal der Außenminister einschalten

muss.

„Nachdem der Bundestag die Abkommen

abgesegnet hatte, fand jahrelang

keine Diskussion darüber statt, auch nicht

in der Wissenschaft“, sagt Christian Tietje,

Juraprofessor an der Martin-Luther-

Universität Halle-Wittenberg und einer

der profiliertesten Kenner der Materie.

»

FOTO: ACTION PRESS/DIE BILDSTELLE

46 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Streitfall

VATTENFALL

gegen

DEUTSCHLAND

Der schwedische Staatskonzern

verließ sich auf die angekündigte

Verlängerung der Laufzeiten für

Atomkraftwerke und investierte in

Deutschland. Dann kam die Energiewende.

Vattenfall fordert nun Schadensersatz.

Der Fall rüttelte die Politik auf, weil

erstmals ein Investor in großem Stil von

Berlin Verlässlichkeit einfordert. Lange

richteten sich Investor-Staat-Klagen nur

gegen unterentwickelte Länder.

Streitwert 3,8 Milliarden Euro

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 47

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Unternehmen&Märkte

»

Seit Investorenschutz und Schiedsverfahren

Teil des TTIP werden sollen, ist die

Meinungsfreude allerdings schlagartig angestiegen.

Nichtregierungsorganisationen (NGOs)

wie die Lobbykritiker von Corporate Europe

Observatory (CEO) in Brüssel stellen die

Investor-Staat-Klagen als Angriff auf die

Demokratie dar, die Steuerzahlern Entschädigungszahlungen

in Milliardenhöhe

aufbürden und gleichzeitig den Aktionsradius

der Politik stark einengen. Denn jeder

Politikwechsel könnte teure juristische

Auseinandersetzungen vor Schiedsgerichten

nach sich ziehen. „Die internationalrechtliche

Zementierung der Konzernherrschaft

ist in vollem Gange“, befürchtet

CEO-Frontfrau Pia Eberhardt.

Die Kritik von CEO und anderen Globalisierungsgegnern

findet in der Politik Widerhall.

So sagt Umweltministerin Barbara

Hendricks (SPD) über den Investitionsschutz

im TTIP: „Ein solches Schlupfloch

würde die Errungenschaften von 150 Jahren

Arbeiterbewegung, 100 Jahren Frauenbewegung

und 50 Jahren Umweltbewegung

mit einem Federstrich zerstören.“ Ihr

Parteifreund, Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel, plädiert dafür, den Investorenschutz

ersatzlos aus TTIP zu streichen.

Wegen der harschen Kritik hat EU-Handelskommissar

Karel de Gucht die Verhandlungen

mit den USA zum Investorenschutz

ausgesetzt. Um die öffentliche Meinung

zu drehen, hat er eine Anhörung begonnen,

bei der alle Interessierten Stellung

nehmen können. In Brüssel herrscht die

Überzeugung, dass Deutschland mit einem

Bestand von mehr als 1,144 Billionen

Euro Direktinvestitionen im Ausland viel

zu verlieren hätte, würde der Investorenschutz

geschwächt.

Streitfall

DEUTSCHE BANK

gegen

SPANIEN

Die Regierung Rajoy

kürzte radikal

die auf 25 Jahre

angelegte Förderung

erneuerbarer

Energien. Eine

Deutsche-Bank-

Tochter, die 400

Millionen Euro in

zwei Solaranlagen investierte,

sieht ihre

Rendite wegbrechen.

Auch RWE erwägt eine

Klage wegen schlechterer

Förderbedingungen.

DIE UNTERNEHMEN SCHWEIGEN

Doch die Wirtschaft meldet sich nur zögerlich

zu Wort. Der Bundesverband der

Deutschen Industrie (BDI) weist in einem

Positionspapier darauf hin, dass Investor-

Staats-Schiedsverfahren „unabkömmlich“

seien, um „Investitionen im Ausland angemessen

zu schützen“. Die großen Unternehmen

und ihre Juristen bleiben dagegen

erschreckend still. „Im Einzelfall mag ein

Schiedsverfahren überlebenswichtig für

ein Unternehmen sein“, sagt Christoph Benedict,

Syndikus des Anlagenbauers Alstom

in Deutschland, der in seiner Laufbahn

schon zwei Verfahren begleitet hat.

„Aber es ist ungefähr so, als wollte man

Yachtbesitzer für eine Debatte über Rettungsinseln

begeistern. Die reden lieber

über Regatten.“

In der öffentlichen Debatte dominiert

dagegen die Angst. Seit der schwedische

Versorger Vattenfall Deutschland vor dem

Schiedsgericht der Weltbank wegen der

Energiewende verklagt hat, erscheinen Investor-Staat-Verfahren

hierzulande in einem

neuen Licht. „Investorenschutz ist

keine Einbahnstraße“, sagt Reinhard Quick,

Handelsexperte des Verbands der Chemischen

Industrie. „Aber das war vielen in

Berlin wohl nicht bewusst.“

Vielen Abgeordneten erscheint ungeheuerlich,

dass ein ausländischer Staatskonzern

die Energiewende infrage stellt.

Dabei pochen die Schweden nur auf ihr

gutes Recht. Das Unternehmen argumentiert,

dass es sich auf die ursprüngliche Verlängerung

der Laufzeit von Atomkraftwerken

verlassen und entsprechend investiert

habe. Dem Vernehmen nach fordert Vattenfall

3,8 Milliarden Euro Schadensersatz

von Deutschland.

Für Urban Rusnák, Generalsekretär des

Sekretariats der Energie-Charta, auf die

sich Vattenfall beruft, ist die Klage logisch.

Die Energie-Charta sei geschaffen worden,

um Investoren vor abrupten Politikveränderungen

zu schützen. „Gerade im Bereich

Energie, wo Investitionen auf 40, 50 oder

gar 60 Jahre kalkuliert werden, brauchen

Unternehmen Berechenbarkeit“, sagt Rusnák.

Andernfalls sinke der Anreiz für Investitionen,

die teurer würden, weil dann eine

Risikoprämie anfiele.

Doch in Europa tun sich viele Regierungen

schwer mit dem Gedanken, dass Investoren

von ihnen Verlässlichkeit einfordern

können.

Die USA sind beim Thema Investitionsschutz

schon weiter, weil die 1994 gegründete

Freihandelszone Nafta – ein Zusammenschluss

von den USA, Kanada und Mexiko

– das Thema ins öffentliche Bewusstsein

gerückt hat.

Weil damals Investoren aus Mexiko und

Kanada begannen, den amerikanischen

Staat zu verklagen, und damit indirekt US-

Gesetze infrage stellten, gerieten die Investitionsschutzvereinbarungen

bald in die

Kritik. Auslöser der Debatte war die Klage

der kanadischen Methanex 1999, die sich

durch neue kalifornische Umweltgesetze

um Marktchancen betrogen sah.

NOCH NIE VERLOREN

Die USA wurden seither 17-mal auf der Basis

des Nafta-Abkommens auf Schadensersatz

verklagt, 34-mal traf es Kanada, 25-mal

Mexiko. Die USA steckten viel Energie in

ihre Verteidigung. „Als ein Land, das nach

den Regeln spielt und die Gesetze achtet,

haben wir bis heute nicht eine einzige Investitionsschutzklage

verloren“, heißt es

stolz aus dem Weißen Haus.

Amerikanische Investoren und Anwaltskanzleien

lernten Ende der Neunzigerjahre

schnell, die Investitionsschutzabkommen

für sich zu nutzen. Nicht nur das Nafta-Abkommen

beflügelte ihre millionenteuren

Prozesse, sondern auch die Argentinien-

Krise zwischen 1998 und 2002.

„Es gab als Folge der Umbrüche in Argentinien

rund 40 Klagen, die meisten aus

den USA“, sagt der Washingtoner Anwalt

Ian Laird, Partner der Kanzlei Crowell &

Moring, einer der führenden US-Experten

für internationale Schiedsverfahren. „Das

war die erste Welle, die das Thema bekannt

machte. Seither boomt es.“

FOTOS: PANOS PICTURES / VISUM; BLOOMBERG VIA GETTY IMAGES/BRENT LEWIN

48 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Im Zuge der Argentinien-Krise verdreifachte

sich die Zahl neuer Investitionsschutzklagen

gegen das Land auf gut zehn

pro Jahr. Auch deutsche Unternehmen gingen

gegen Argentinien vor Schiedsgerichten

vor, darunter Siemens, der Öl- und

Gasproduzent Wintershall sowie Daimler

Financial Services.

In Berlin blenden Politiker bei der Diskussion

aus, dass auch deutsche Unternehmen

häufig auf Schiedsverfahren zurückgreifen.

27 Fälle, in denen sie Staaten verklagt

haben, sind bekannt. Das macht die

Deutschen zur viertaktivsten Klägergruppe

hinter Amerikanern, Briten und Niederländern

(siehe Grafik Seite 46).

Der Infrastruktur-Fonds der Deutschen

Bank etwa wäre wohl kaum gegen Spanien

vorgegangen, hätten die Frankfurt Banker

nicht schon einmal ein internationales

Schiedsverfahren gewonnen. 2012 sprach

ICSID der Deutschen Bank 60 Millionen

Dollar Schadensersatz zu, weil Sri Lanka

vorzeitig ein Hedging-Geschäft aufkündigte.

Der Fall erregte in der Fachwelt Aufsehen,

weil Sri Lanka der Deutschen Bank

zusätzlich fast acht Millionen Dollar Anwaltskosten

ersetzen musste.

Die meisten Verfahren schaffen es allerdings

nicht in die deutsche Presse. So

nahm kaum jemand davon Notiz, dass die

Deutsche Telekom im vergangenen September

Indien bei der ICSID verklagt hat,

weil die Regierung 2011 einen öffentlichen

Auftrag zurückgezogen hatte.

Das indische Start-up Devas Multimedia,

an dem die Telekom mit 20 Prozent beteiligt

ist, hatte eine Ausschreibung gewonnen,

um entlegene Gegenden via Satellit mit

Breitband-Internet zu versorgen. Der damalige

Telekom-Chef René Obermann sah

in Indien einen vielversprechenden Markt.

Er kannte den Wankelmut der Regierung

noch nicht. Die argumentierte plötzlich,

dass die staatlichen Satelliten ausschließlich

für „strategische Bedürfnisse“ wie Verteidigung

zur Verfügung stehen müssten,

und zog den Auftrag zurück. Die Telekom

verlangt nun Schadensersatz in unbekannter

Höhe, die beiden US-Investoren Columbia

Capital und Telecom Ventures fordern

eine Entschädigung von 1,6 Milliarden

Euro.

LANGE VERFAHRENSDAUER

Volten bei der Auftragsvergabe sind ein

häufiges Problem für Investoren im Ausland.

So gab 2007 Algerien dem Gelsenkirchener

Versorger Gelsenwasser den Zuschlag,

um die Infrastruktur für Trink- und

Streitfall

DEUTSCHE TELEKOM

gegen

INDIEN

Mit der Beteiligung

an dem Startup

Devas wollte

die Telekom in

den indischen

Markt einsteigen.

Doch die Regierung

zog den

Auftrag zurück,

entlegene Gegenden

mit Breitband-Internet

zu versorgen.

Im gleichen Fall fordern

zwei Co-Investoren 1,6

Milliarden Dollar.

Abwasser für eine Million Menschen in

den Regionen Annaba und El Tarf zu organisieren.

Vorstandschef Manfred Scholle

jubelte damals über die Internationalisierung

seines Unternehmens.

Doch die Regierung brach den über fünfeinhalb

Jahre geschlossenen Vertrag schon

drei Jahre vor dem Ende ab. Den Deutschen

fehle es an Fachkenntnissen, hieß es

zur Begründung. Nun treffen sich die beiden

Parteien vor dem Schiedsgericht der

Weltbank in Washington wieder.

Gelsenwasser wird sich allerdings in Geduld

üben müssen. Denn Fälle wie Fraport

und Walter Bau belegen, wie sich die Verfahren

in die Länge ziehen können. Seit

2003 streitet Fraport mit den Philippinen

bei ICSID um Terminal 3 des Hauptstadtflughafens

in Manila. Die Frankfurter hatten

den Zuschlag für Bau und Betrieb erhalten,

2002 verfügte die damalige Präsidentin

Gloria Macapagal Arroyo aber die

Enteignung, weil ausländische Investoren

nicht über Beteiligungen in die heimische

Versorgungswirtschaft gelangen sollten.

Fraport fordert eine Entschädigung von

425 Millionen Dollar.

Einen noch längeren Atem beweist der

Insolvenzverwalter des Augsburger Bauunternehmens

Walter Bau, der seit 20 Jahren

um eine Entschädigung für Bau und

Betrieb einer Mautautobahn zum Flughafen

Bangkok streitet. Die erhofften Erträge

blieben aus, weil Thailand parallel eine

mautfreie Straße baute.

FLUGZEUG GEPFÄNDET

ICSID hat dem Kläger mehr als 35 Millionen

Euro plus Zinsen zugesprochen.

„Doch seit fast zehn Jahren versucht Thailand

mit allen möglichen Mitteln, aus der

Zahlungsverpflichtung herauszukommen“,

sagt der Insolvenzverwalter von Walter

Bau, Werner Schneider.

Als einziger deutscher Schiedsfall schaffte

es diese Auseinandersetzung bis in die

Klatschspalten der „Bunte“: Schneider ließ

2011 einen Jet der Royal Thai Air Force in

München pfänden, die der thailändische

Kronprinz als sein persönliches Eigentum

ansah. Um die Maschine zurückzubekommen,

hat Thailand inzwischen eine Bankbürgschaft

als Sicherheit für die schuldigen

Millionen hinterlegt.

Wie die meisten Investoren hat Schneider

versucht, die Regierung in Bangkok

zum Einlenken zu bringen, ehe er zum

Schiedsverfahren griff. Leichtfertig lässt

sich kein Unternehmen darauf ein, schon

allein wegen der Verfahrenskosten: Die beziffert

die Welthandelskonferenz Unctad

auf durchschnittlich acht Millionen Dollar.

Oft entscheiden sich Investoren auch erst

für ein Schiedsverfahren, wenn sie sich aus

einem Land ohnehin zurückziehen wollen.

Es ist dann ein Schlussstrich unter eine

schwierige Beziehung.

Meist haben Unternehmen schon mehrere

Eskalationsstufen hinter sich, bevor sie

ein Schiedsverfahren anstreben. Auf die

ersten Verhandlungen folgt ein formalisiertes

Verfahren, wie die Schadensersatzansprüche

aus der Welt zu schaffen seien. Oft

gelingt es in den Vorstufen, den Streit beizulegen.

Alleine die Androhung eines

Schiedsverfahrens kann dabei helfen.

Oder Investoren erleben, dass ein

Schiedsverfahren Bewegung in verfahrene

Gespräche bringt, weil ihr Anliegen plötzlich

zur Chefsache wird. „Auf einmal sind

Außen- und Wirtschaftsministerium da-

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 49

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Unternehmen&Märkte

INTERVIEW Friedrich Merz

»Öffentlich tagen«

Der Anwalt und Chef des Netzwerks Atlantik-Brücke spricht sich für

internationale Schiedsgerichte aus – und mehr Transparenz dabei.

Herr Merz, die EU hat die Verhandlungen

zu Investitionsschutz und Schiedsgerichten

ausgesetzt. In der Öffentlichkeit

dominieren die NGOs. Wer hat versagt

– die Politik oder die Wirtschaft?

Da hat niemand versagt, es geht um ein

ernsthaftes und komplexes Abkommen.

TTIP muss kommen, weil es für beide

Seiten viel Positives enthält:den Abbau

der Zölle, die Marktöffnung und die

schrittweise gegenseitige Anerkennung

und Harmonisierung der technischen

Standards. Wenn dann noch die in solchen

Verträgen allgemein übliche Investitionsschutzklausel

in den Vertrag

käme, wäre es gut. Aber daran darf TTIP

nicht scheitern. Im Übrigen: Es gibt

auch NGOs, die TTIP befürworten – die

Atlantik-Brücke ist eine davon.

Internationale Schiedsgerichte stehen

in vielen Verträgen. Warum ist es mit

den USA ein Problem?

Es gibt Zweifel, ob man zwischen Staaten

mit stabilen Rechtsordnungen solche

Schutzklauseln überhaupt braucht. Am

Ende geht es darum, ob europäische Investoren

in Amerika und amerikanische

Investoren in Europa sich allein auf die

ordentliche Gerichtsbarkeit verlassen

sollen, wenn es um die Wahrung ihrer

Rechte und den Schutz ihres Eigentums

geht. Für europäische Unternehmen

könnte es vorteilhafter sein, solche Fragen

vor einem internationalen Schiedsgericht

klären zu lassen als vor US-

Gerichten. Vor denen sind Verfahren ja

nicht nur extrem teuer, sondern auch

unkalkulierbar in ihren Ergebnissen.

Kann man Missbrauch ausschließen?

Manche juristische Begriffe wie „de

facto-Enteignung“ oder „Gebot gerechter

und billiger Behandlung“ sind nach

unserer Rechtsordnung nur schwer justitiabel.

Deshalb muss eine Investitionsschutzklausel

klar und eindeutig formuliert

werden. Es gibt ja ohnehin keine

Standardklausel. Man könnte auch eine

Berufungsinstanz einführen, um die

Abhängigkeit von einer Instanz zu verringern.

Aber Investitionsschutzabkommen

sind grundsätzlich nichts Neues, die

WTO zählt 377 solcher Abkommen, die in

Kraft sind. Deutschland ist Vertragspartner

in mehr als 140 dieser Abkommen.

Die Gerichte tagen im Geheimen, am

Ende muss der Staat aber vielleicht Milliardensummen

zahlen. Wie ist das dem

Steuerzahler zu vermitteln?

Die spektakulären Fälle, die immer genannt

werden, sind drei: Philip Morris gegen

Australien, Vattenfall gegen Deutschland

und Lone Pine gegen Kanada. Diese Verfahren

sind noch nicht abgeschlossen und

DER TRANSATLANTIKER

Merz, 58, ist Partner mit Sitz in Düsseldorf

bei der internationalen Anwaltskanzlei Mayer

Brown und Vorsitzender des deutschamerikanischen

Netzwerks Atlantik-Brücke.

Bis 2004 war Merz für die CDU in der

Bundespolitik, zuletzt als Vize-Fraktionschef.

taugen deshalb auch nicht als Argumente

gegen ein Abkommen mit den USA. Im Übrigen

bestreitet niemand, dass die europäischen

Staaten genauso wie die USA das

Recht behalten müssen, ihre Gesetze zu ändern,

ohne dass es zu Schadensersatzforderungen

der Unternehmen kommt mit Hinweis

auf das Investitionsschutzabkommen.

Der wesentliche Vorteil einer solchen Vereinbarung

liegt vor allem in der geschützten

und einklagbaren Gleichbehandlung

inländischer und ausländischer Unternehmen.

Und daran müssten wir Europäer

doch ein hohes Interesse haben.

Wie problematisch ist die Verdunkelung?

Entscheidung und vor allem

Begründung bleiben oft geheim.

Ich sehe keinen Grund, warum Schiedsgerichte

nicht öffentlich tagen sollten,

wie ordentliche Gerichte auch. Die meisten

Schiedsgerichtsentscheidungen werden

nach Abschluss der Verfahren ja

auch veröffentlicht. Wenn nicht, haben

oft die beklagten Staaten kein Interesse

an einer Veröffentlichung, um eigene

Fehler zu vertuschen. Verfahren, die die

Steuerhaushalte betreffen, können und

müssen aus meiner Sicht öffentlich sein.

Amerikanische Anwälte gelten als einfallsreich

und geschäftstüchtig. Werden

europäische Staaten mit fadenscheinigen

Klagen überzogen, vielleicht noch

gestützt von Prozessfinanzierern?

Die Gefahr sehe ich nicht, denn es werden

ja nur sehr eingegrenzte Sachverhalte

in die Zuständigkeit der Schiedsgerichte

fallen. Wenn das Abkommen klare

Regelungen trifft und lediglich eine

Meistbegünstigungsklausel enthält und

den Grundsatz der Gleichbehandlung

inländischer und ausländischer Unternehmen,

dann gibt es mit Sicherheit keine

Klagewelle vor den Schiedsgerichten,

weder in den USA noch in Europa. Änderungen

von Umweltstandards, Arbeitsbedingungen,

Gesundheitsvorschriften

und Verbraucherschutzinteressen würden

nicht in den Anwendungsbereich

des Abkommens fallen.

Wird die Politik durch die Entscheidungen

der Schiedsgerichte zu stark in ihrer

Handlungsfähigkeit eingeschränkt?

Auch diese Kritik teile ich nicht. Ordentliche

Gerichte und genauso die Schiedsgerichte

sind Ausdruck der Gewaltenteilung

in unserer Rechtsordnung, in

Europa wie in den USA. Die Frage ist nur,

welche Zuständigkeiten welchen Gerichten

zugeordnet werden. Wenn die

Staatsgewalt rechtswidrig handelt, muss

sie sich von der dritten Gewalt eben korrigieren

lassen. Deshalb haben wir ein

modernes Staatshaftungsrecht. Aber

natürlich bleiben Regierungen und Parlamente

frei, im Rahmen der Verfassung

Gesetze zu ändern, auch zulasten der

Unternehmen, mit und ohne Investitionsschutzabkommen.

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

FOTOS: LAIF/MARTIN LENGEMANN; W.M.WEBER/TV-YESTERDAY

50 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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»

mit betraut und nicht nur das Bauministerium“,

erinnert sich Alstom-Syndikus Benedict.

Manchmal ist es dann gar nicht

mehr nötig, dass die Schiedsrichter tatsächlich

in Aktion treten.

Für Experten wie Rechtsprofessor Tietje

füllt der Investitionsschutz eine wichtige

Rechtslücke: „Unternehmen sind völkerrechtlich

letztlich rechtlos, wenn sie ins

Ausland gehen. Die internationalen Menschenrechte

schützen kein Unternehmen,

auf Handelsrecht können diese sich genauso

wenig berufen.“

Globalisierungskritiker bemängeln die

Intransparenz der Investor-Staat-Klagen.

Doch dieser Vorwurf ist eher bei den höchst

verschwiegenen Schiedsverfahren zwischen

zwei Unternehmen berechtigt. „Doch

80 Prozent der Schiedssprüche bei Investor-

Staat-Klagen sind mittlerweile öffentlich

verfügbar“, schätzt August Reinisch, Experte

für internationales Wirtschaftsrecht der

Universität Wien. Seit 2006 werden bei

ICSID die Schiedssprüche veröffentlicht –

außer die Parteien vereinbaren ausdrücklich

Geheimhaltung. „ICSID ist mittlerweile

transparenter als das Bundesverfassungsgericht,

wo es aus Gründen des Datenschutzes

kein Verfahrensregister gibt“, sagt eine in

Schiedsverfahren erfahrene Anwältin.

ICSID räumt NGOs ein Recht auf Stellungnahmen

ein, wovon diese etwa bei

Umweltthemen regen Gebrauch machen.

ICSID hat auch schon Zuschauer zugelassen,

indem die Verhandlungen per Video

in einen Nachbarsaal übertragen wurden.

Das Interesse hält sich allerdings in Grenzen.

„Das ist kein Reißer, sondern eher fad“,

sagt Jurist Reinisch.

Streitfall

WALTER BAU

gegen

THAILAND

Vor 20 Jahren hatte

der Insolvenzverwalter

des

Bauriesen

Thailand verklagt,

weil Zusagen

beim Bau einer

Mautstraße

nicht eingehalten

wurden. Das

Schiedsgericht gab

dem Kläger recht. Der

ließ ein Flugzeug des

Königshauses pfänden,

weil Thailand nicht zahlte.

REFORMEN NOTWENDIG

Auch den Vorwurf, dass Investor-Staat-Klagen

die Gestaltungsfreiheit von Regierungen

aushöhlen, halten Experten für unzutreffend.

Sie verordnen allerdings Konsistenz:

„Ein Staat darf nicht willkürlich handeln“,

sagt Experte Tietje. Die Statistik

spricht übrigens dagegen, dass Schiedsgerichte

Konzerne bevorzugen würden: Die

Mehrzahl der Verfahren haben in der Vergangenheit

die Staaten gewonnen.

Länder haben es selbst in der Hand,

ob sie verklagt werden, indem sie eine konsistente

Politik verfolgen. Spaniens Nachbarland

Portugal etwa spricht seine Energiewende

gerade mit Investoren ab und hat

noch kein einziges Verfahren verzeichnet.

Allerdings gestehen auch überzeugte Verteidiger

des Verfahrens ein, dass Reformen

notwendig sind. „Das System ist in den vergangenen

15 Jahren zu schnell gewachsen,

sodass Sand im Getriebe ist“, sagt etwa

Richard Happ, der Vattenfall gegen die

Bundesrepublik Deutschland vertritt.

Der BDI fordert etwa Schutzmechanismen,

um ungerechtfertigte Klagen abzuwehren.

Damit könnte verhindert werden,

dass Staaten mit Klagen überzogen werden,

weil eine Klageindustrie Gewinne

wittert. Die wachsende Zahl von Prozessfinanzierern

lässt die Angst davor steigen.

Doch Erfahrungen in den USA sprechen

eher dagegen. Dort finanzieren Investoren

Prozesse, wenn sie später am Schadensersatz

beteiligt werden. Allerdings lassen sie

sich nur darauf ein, wenn sie sich des Erfolgs

sehr sicher sind. Bevor sie sich engagieren,

lassen sie teure Gutachten erstellen.

Es gibt bisher keine Anzeichen, dass

Prozessfinanzierer zu einem Anstieg der

Klagen geführt haben.

Ungerechtfertigte Klagen ließen sich

auch einschränken, indem in der Verfahrensordnung

festgelegt würde, dass der

Gewinner des Verfahrens Anspruch auf die

Erstattung der Prozesskosten hat.

Auch bei der Personalauswahl wären

Verbesserungen wünschenswert. Bisher

agieren dieselben Juristen abwechselnd als

Anwälte und Richter in den dreiköpfigen

Schiedsgerichten, weil der Pool der Experten

vergleichsweise gering ist. Nur rund

1000 Juristen sind weltweit in Investor-

Staat-Verfahren tätig, schätzen Experten,

davon nur 600 regelmäßig. Die EU-Kommission

will nun eine Liste mit zugelassenen

Experten aufstellen. Wie damit Interessenkonflikte

vermieden werden können,

ist allerdings noch offen.

SIGNAL AN CHINA

Der BDI regt außerdem einen Berufungsmechanismus

an. Bisher gibt es keine

Möglichkeit, in Revision zu gehen. Bei

schweren Mängeln gibt es wohl aber eine

begrenzte Überprüfungsmöglichkeit. Liegt

ein Verfahrensfehler vor, kann man die

Entscheidung auch annullieren lassen und

ein neues Verfahren anstreben.

Der Wiener Rechtsexperte Reinisch

könnte sich gut ein internationales permanentes

Schiedsgericht für Investorenstreitigkeiten

vorstellen, mit einer Berufungsmöglichkeit

wie etwa bei der Welthandelsorganisation

WTO: „Allerdings muss das

die Staatengemeinschaft auch wollen.“ Bisher

bestehe dazu kein Konsens.

Sollte Europa beim Freihandelsabkommen

mit den USA auf Investorenschiedsverfahren

verzichten, wäre dies ein verheerendes

Signal. Damit würden automatisch

auch die Chancen sinken, die Verfahren im

Investitionsschutzabkommen mit China

zu verankern, über das die EU gerade verhandelt.

Die Chinesen würden die USA als

Präzedenzfall betrachten, heißt es im Bundeswirtschaftsministerium,

und sich dann

verweigern. Gerade gegenüber China sei

es jedoch wichtig, dass sich Unternehmen

wehren könnten, heißt es in Brüssel.

Die Chinesen haben die Bedeutung von

Schiedsverfahren bereits erkannt: Der Versicherer

Ping An hat Belgien wegen der

Verstaatlichung der maroden Bank Fortis

2008 verklagt. Der Versicherer musste damals

seine Beteiligung von 3,8 Milliarden

Dollar fast komplett abschreiben, was chinesische

Investoren nachhaltig verunsicherte.

Die nächste Klage bei ICSID ist nur

eine Frage der Zeit.

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel, martin seiwert | New York

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 51

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Unternehmen&Märkte

»Wir sind keine

Heuschrecke«

INTERVIEW | Werner Müller

Der Chef der RAG-Stiftung

verkündet die erste Beteiligung

an einem Mittelständler, gibt

den Stromkonzernen die Schuld

an ihrer desolaten Lage und

zeigt Verständnis für den russischen

Präsidenten Wladimir Putin.

DER POLITMANAGER

Müller, 67, ist der Vater des Atomausstiegs

sowie des Endes des

Steinkohlebergbaus in Deutschland

bis Ende 2018. Der ehemalige

Manager des heutigen Düsseldorfer

Energiekonzerns E.On formte die

Bergbaugesellschaft Ruhrkohle um

und spaltete sie auf in die Zechengesellschaft

RAG und den heutigen

Essener Chemiekonzern Evonik,

der mehrheitlich der von der Politik

kontrollierten RAG-Stiftung gehört.

Damit es nicht den Steuerzahler

trifft, soll die Stiftung nach 2018 mit

ihrem Vermögen die Milliarden-Folgekosten

des Bergbaus begleichen.

Als Chef der RAG-Stiftung und des

Evonik- Aufsichtsrats liegt es in

Müllers Verantwortung, für die Erfüllung

dieses Auftrags zu sorgen.

FOTOS: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; DPA PICTURE-ALLIANCE (3); PHOTOTHEK VIA GETTY IMAGES; PR (4)

52 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Herr Müller, Sie haben die vornehme

Aufgabe, den Steuerzahler davor zu bewahren,

dass er die Milliarden-Folgekosten

des deutschen Steinkohlebergbaus

bezahlen muss. Reicht das Vermögen, das

die RAG-Stiftung dazu besitzt?

Nach heutigem Stand betragen die Verpflichtungen

der Ewigkeitslasten der RAG-

Stiftung Ende 2018, wenn die letzte Zeche

hierzulande geschlossen wird, rund 18

Milliarden Euro. Wir haben heute einen

Kapitalstock von rund 13,4 Milliarden Euro,

davon – Stand Anfang April – neun Milliarden

Euro in Aktien des Evonik-Konzerns,

an dem wir rund 68 Prozent besitzen.

Der Rest sind unsere 30-prozentige

Beteiligung an der Immobilienfirma Vivawest

sowie unser breit gestreutes Kapitalanlagen-Portfolio.

Kann der deutsche Steuerzahler sicher

sein, dass Sie bis Ende 2018 die erforderlichen

18 Milliarden Euro zusammenbekommen,

die notwendig sein werden,

um jedes Jahr mindestens 200 Millionen

Euro für das Leerpumpen der Stollen und

für sonstigen Folgeaufwand aufzubringen?

Ich weiß natürlich nicht, wo Anfang 2019

der Kurs der Evonik-Aktie steht. Ich kann

aber nach allem, was wir heute wissen, sagen,

dass die erwarteten jährlichen Ausgaben

dann mit Sicherheit durch die laufenden

Einnahmen aus dem Vermögen der

RAG-Stiftung gedeckt sind.

Woher nehmen Sie diese Sicherheit?

Durch die niedrigen Zinsen wird Ihr Kapitalstock

doch langsamer wachsen, als es

zum Start der Stiftung 2007 geplant war?

Wir sind beim Aufbau der Stiftung neben

unserer großen Evonik-Beteiligung stark in

sehr sichere Staatspapiere gegangen, die

vor der Finanzkrise schöne Zinsen abwarfen.

Das können wir heute zum Beispiel

mit unserer Dividende von Evonik, die zuletzt

rund 300 Millionen Euro betrug, nicht

mehr tun. Das würde bei den derzeitig

niedrigen Zinsen zu einem Verzehr unseres

Vermögens führen.

Deshalb haben Sie angekündigt, Anteile

an mittelständischen Unternehmen in

Deutschland und Österreich erwerben zu

wollen. Wie weit sind Sie damit?

Aktuell bauen wir die notwendigen Strukturen

auf, um selbst und nicht nur über

Fonds investieren zu können. Einen wichtigen

Schritt haben wir Anfang April mit

der Gründung der RAG-Stiftung Beteiligungsgesellschaft

mbH getan.

Nach welchen Kriterien suchen Sie

Firmen aus, von denen die RAG-Stiftung

Anteile erwerben soll?

Vorsitzender

Jürgen

Großmann

Evonik

Streubesitz

14,2

CVC 17,9

Im Auftrag des Steuerzahlers

Organisation und Beteiligungen der RAG-Stiftung

Kuratorium der RAG-Stiftung

Annegret Wolfgang

Kramp-Karrenbauer Schäuble

Ministerpräsidentifinanzminister,

Bundes-

Saarland, CDU CDU

Werner

Müller

(Vorsitz)

Vorstand

RAGAG

100

Hannelore

Kraft

Minister

präsidentin

NRW, SPD

Bärbel

Bergerhoff-

Wodopia

(Personal)

Beteiligungen der RAG-Stiftung (inProzent)

67,9 RAG-Stiftung

Bergbaugesellschaft

Sigmar

Gabriel

Bundeswirtschaftsminister,SPD

Helmut

Linssen

(Finanzen)

DieRAG-Stiftunghat dieAufgabe,die Folgelasten („Ewigkeitskosten“) des Bergbaus in NRWund

im Saarlandnach 2018 in Höhe vonmindestens200 Millionen Euro jährlich zu finanzieren.

Quelle:RAG-Stiftung, Evonik,Vivawest

Wir suchen Mittelständler mit einem Umsatz

um die 100 Millionen Euro, die in den

Weltmärkten gut positioniert sind. Zusammen

mit dem jeweiligen Eigentümer versuchen

wir, die Entwicklung der Unternehmen

über unsere Beteiligung zu unterstützen.

Wichtig sind uns Firmen, bei denen

man davon ausgehen kann, dass sie in der

Perspektive Weltmarktführer bleiben. Dabei

halten wir zum Beispiel Ausschau nach

Eigentümern im Alter von etwa 50 bis 55

Jahren, die gern noch 10 bis 15 Jahre weitermachen

wollen, aber ihren Kindern

lieber Geld als das Unternehmen vererben.

Wieso sollen solche Unternehmer einer

staatlichen Stiftung mehr vertrauen als

erfahrenen Investoren, die es in genügender

Zahl und Ausprägung gibt?

Weil wir als privatrechtliche Stiftung an

sehr dauerhaften Engagements interessiert

sind. Wir sind somit keine jener Private-

Equity-Firmen, also keine Heuschrecke,

die ein Unternehmen meist finanziell

Kuratoriumsmitglieder (plussiebenweitere ungenannte Mitglieder)

Michael

Vassiliadis

Chef der

IG BCE

Vivawest-Immobilien

IG BCE

26,7

11,0

Evonik

25,0

30,0

RAG-

Stiftung

7,3

RAGAG

Evonik-Pensionstreuhand e.V.

schwächt und nach fünf, sechs Jahren weiterverkaufen

will.

Sucht die RAG-Stiftung selbst nach

Bereitwilligen oder lässt sie suchen?

Beides. Wir setzen auf der einen Seite auf

externe Manager, die für uns gerade einen

Fonds aufbauen, der künftig mittelständische

Unternehmensbeteiligungen enthalten

soll. Dazu haben wir bereits einen

Rechtsmantel namens Maxburg GmbH &

Co. KG. Hierüber haben wir auch bereits

ein erstes Investment getätigt. Es handelt

sich dabei um eine Minderheitsbeteiligung

an dem mittelständischen Pharmaunternehmen

ZellBios mit operativem Sitz in

Deutschland und Produktionsstätten hier

sowie in Italien und der Schweiz. Auf der

anderen Seite haben wir, wie gesagt, die

RAG-Stiftung Beteiligungsgesellschaft, die

ebenfalls in unserem Auftrag in Mittelständler

investieren wird.

Woher hat die RAG-Stiftung Leute,

die das können?

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 53

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Unternehmen&Märkte

»

Für die RAG-Stiftung Beteiligungsgesellschaft

haben wir Jürgen Wild gewonnen, den

früheren Chef der M+W Group des österreichischen

Industrie-Investors Georg Stumpf.

Herr Wild hat schon zweimal sehr erfolgreich

ein Beteiligungsportfolio aufgebaut,

zuletzt im Wert von rund drei Milliarden Euro.

Das will er als Geschäftsführer unserer

Beteiligungsgesellschaft zusammen mit der

RAG-Stiftung nun ein drittes Mal tun und

sich zugleich persönlich daran beteiligen.

Ihr Beteiligungsunternehmen Evonik

schwimmt durch den mehrheitlichen

Verkauf der Immobilientochter Vivawest

in Geld und verfügt über die riesige Eigenkapitalquote

von 43 Prozent. Als Steuerzahler

fragen wir uns, wieso die RAG-Stiftung

keine Sonderausschüttung verlangt.

Evonik will ja die Dividende pro Aktie für

2013 auf 1 Euro erhöhen. Das ist schon mal

was. Im Übrigen dürfen Sie sicher sein,

dass ich das Thema Sonderausschüttung

anders diskutieren würde, wenn Sie mir sagen

würden, wo ich das Geld renditeträchtiger

anlegen könnte, als es jetzt schon bei

Evonik möglich ist. Wir haben schon jetzt

das Luxusproblem, dass wir jedes Jahr zusätzlich

unser Jahresergebnis, derzeit rund

330 Millionen Euro, anlegen müssen.

Wieso investieren Sie nicht in Großunternehmen

etwa aus dem Dax, von denen

Sie wissen, dass die seit Jahren gut

funktionieren und auf dem Kapitalmarkt

bestens eingeführt sind?

Zum einen tun wir dies schon, denn zu unseren

diversifizierten Kapitalanlagen gehört

auch eine Aktienquote. Andererseits

erhalten Sie dann aber Dividendenrenditen

von durchschnittlich nicht mehr als

drei Prozent...

...wie viel hätten Sie denn gern?

Ein bisschen mehr dürfte es schon sein.

Ein großes Thema in Deutschland ist die

Position gegenüber dem Anschluss der

Krim durch Russlands Präsident Wladimir

Putin. Das eine Lager ist für eine harte

Haltung und Wirtschaftssanktionen, das

andere ist dagegen und fordert Verständnis

für Putin. Wem rechnen Sie sich zu?

Eindeutig dem zweiten Lager. Das Verstehen

der jeweils anderen Seite ist die

Grundvoraussetzung für einen Dialog. Ich

bin davon überzeugt, dass die EU eine andere

Politik gegenüber der Ukraine gemacht

hätte, wenn sich die Verantwortlichen

vorher überlegt hätten, was dies für

Russland bedeutete.

Was werfen Sie der EU konkret vor?

Als normaler Bürger sage ich: Da hat ein

Staat einen Großteil seiner Flotte auf der

»Ich halte im Grundsatz

nichts von Handelskriegen.

Sie haben

nur wenig bewirkt«

Krim stationiert und sieht Gespräche über

einen EU-Beitritt der Ukraine. Und nach

dem Fall des Eisernen Vorhangs erfolgte

nach einem EU-Beitritt zumeist auch der

Beitritt zur Nato. Dann bestand aus Sicht

des Inhabers dieser Flotte ein gewisser

Handlungsbedarf.

Dass Putin damit das Völkerrecht gebrochen

hat, stört Sie nicht?

Aktien-Info Evonik

ISINDE000EVNK013

110

100

90

80

70

Umsatz (in Mrd. Euro)

Ebitda (in Mrd. Euro)

Ebitda-Marge (in Prozent)

Mitarbeiter

KGV

Aktienkurs (in Euro)

Börsenwert (in Mrd. Euro)

Chance

Risiko

Niedrig

Lanxess

Quelle:Thomson Reuters

Evonik

2013 2014

Evonik

12,9

2,0

15,6

33650

15,5

28,9

13,4

Lanxess

8,3

0,7

8,9

17 343

20,5

54,7

4,5

EingroßerErfolg warder Evonik-Börsengang

(25.4.2013)nicht. Allerdings finden sichauchnur

14,2 Prozentder Aktien im Streubesitz; denRest

halten RAG-Stiftung undder Finanzinvestor CVC.

Zwar istEvonikprofitabler als der Mitbewerber

Lanxess, leidetaberunter der immernoch

schwachen Chemiekonjunktur.

Hoch

Meiner Meinung nach ist sich Herr Putin

der schwierigen Lage, in die er Russland

gebracht hat, durchaus bewusst. Deshalb

glaube ich, dass man nach einer gewissen

Zeit wieder zu einem vernünftigen Miteinander

finden wird.

Wie kann das nach allem, was geschah,

aussehen?

Ich glaube, dass die territorialen Veränderungen

nicht zurückzudrehen sind. Ich

halte im Grundsatz wirklich nichts von

Handelskriegen, sie haben in der Historie

im Grunde nur wenig bewirkt.

Wären Sie in der Position von Siemens-

Chef Joe Kaeser ebenfalls zu Putin nach

Moskau gereist?

Ja, warum nicht? Europa ist für mich generell

eine Einheit, und dazu gehört grundsätzlich

auch Russland. Es ist ja nicht so, als

ob Westeuropa mit allen Reichtümern, die

man zum Leben braucht, gesegnet wäre.

Ich kann wenig Sinn darin erkennen, beispielsweise

kategorisch zu sagen, ich will

kein russisches Erdgas mehr. Ganz abgesehen

davon, dass ich das auch nicht für so

einfach machbar halte. Es würde lange

dauern, bis wir eine Versorgung auf Flüssiggasbasis

etwa aus dem Nahen Osten

oder aus Nordamerika aufgebaut haben.

Da ist es mir lieber, wir haben einen geregelten

Wirtschaftsverkehr mit Russland.

Die Befürchtungen, dass maskierte

Männer ohne Hoheitszeichen mit vielen

Militärlastwagen auch in anderen Staaten

Osteuropas einfallen, teilen Sie nicht?

Das sehe ich nicht so. Denn Politik besteht

ja nun zunächst einmal in der moderneren

Variante darin, dass man über so etwas redet,

sich also gedanklich in die Position des

Gegenübers versetzt.

Sie haben als Wirtschaftsminister der rotgrünen

Koalition 2002 die Laufzeit der

Atomkraftwerke in Deutschland verkürzt.

Schwarz-Gelb hat sie 2010 verlängert und

Kanzlerin Merkel sie nach der Fukushima-

Katastrophe 2011 stärker als zuvor zurückschraubt.

Wohin steuert die Energiewende?

Wenn Sie die Historie bemühen, muss ich

das auch tun. Ich habe 2002 nicht nur die

Laufzeit der Kernkraftwerke verkürzt, sondern

ich habe auch für eine Änderung des

Erneuerbaren-Energien-Gesetzes, des

EEG, gesorgt. Dadurch erhielten die Energieversorgungsunternehmen,

insbesondere

also die Betreiber von Kernkraftwerken,

ausdrücklich das Recht, ebenfalls Ökostrom

aus Sonnen- und Windkraft zu produzieren,

ihn vorfahrtsberechtigt ins Netz

einzuspeisen und dafür EEG-Umlage zu

kassieren. Das war im EEG von 1997

»

FOTOS: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

54 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Pharma-Investment

Die RAG-Stiftung hat sich am Wirkstoff-

Spezialisten ZellBios aus Raubling bei

München beteiligt. ZellBios bündelt seine

weltweiten Aktivitäten in einer Luxemburger

Holding. Haupteigentümer von ZellBios ist

eine Private-Equity-Gruppe.

Umsatz: mehr als 130 Millionen Euro

Mitarbeiter: 700

Profi-Investor Der Chef der RAG-Beteiligungstochter,

Wild, soll Mittelständler kaufen

ausdrücklich ausgeschlossen. Es erschien

mir logisch und notwendig, wenn

ich mit Energiekonzernen darum verhandele,

Erzeugungskapazitäten stillzulegen,

dass diese sich dann andere Möglichkeiten

aufbauen können. Und dass sie dabei genauso

subventioniert werden sollen wie jeder

andere, der dies tut.

Was wollen Sie uns damit sagen?

Dass die Energieversorgungsunternehmen

von dieser Möglichkeit in den ersten Jahren

leider sehr wenig Gebrauch gemacht

haben. Stattdessen haben sie immer darauf

spekuliert, wenn Rot-Grün mal nicht

mehr die Bundesregierung stellt, dass der

Vertrag aus meiner Zeit geändert und die

Laufzeit der KKWs verlängert wird...

...ein harter Vorwurf.

Die Unternehmen hätten ja den Aufbau von

regenerativen Energien frühzeitig selbst in

die Hand nehmen können. Heute leiden sie

darunter, dass sie sich nicht schon damals

ausreichend daran beteiligt haben.

Ist die Reform des EEG von Wirtschaftsminister

Sigmar Gabriel nicht zu zaghaft?

Man kann nicht alles von einem Tag auf

den anderen ändern. Nehmen Sie die Befreiung

der Unternehmen, die ihren Strom

selbst erzeugen, von der EEG-Umlage. Sie

können einer BASF oder einer Bayer nicht

sagen, so, jetzt zahlst du die vollen 6,24

Cent pro selbst erzeugter Kilowattstunde.

Man könnte sich durchaus vorstellen, zum

Beispiel den Zubau erneuerbarer Energien

zu kontingentieren oder ihn am Markt auszuschreiben.

Nur, das System zu revolutionieren

halte ich für nicht machbar.

Das klingt defätistisch.

Tatsache ist: Wir werden uns wohl darauf

einstellen müssen, dass die Ökostromumlagen

steigen. Wenn die Logik der Energiewende

aber greift, dass wir uns in der Zukunft

im Wesentlichen von regenerativem

Strom versorgen und dies auch noch wirtschaftlich

tun werden, dann wäre zu überlegen,

ob man die Subventionen dafür streckt,

sprich: einen Kredit dafür aufnimmt und

damit die Lasten auch auf die künftigen

Nutznießer verteilt. So wie dies zuletzt die

ehemalige Verbraucherministerin Ilse Aigner

von der CSU vorgeschlagen hat.

Wie würden Sie das Problem lösen, dass

der viele Ökostrom immer mehr fossile

Kraftwerke zur Unwirtschaftlichkeit und

zur Schließung verdammt, obwohl sie für

den Fall gebraucht werden, dass einmal zu

wenig Wind weht und die Sonne kaum

scheint?

Ich wüsste nicht, wer in diesem Fall ansonsten

einspringen könnte als die vorhandenen

fossilen Kraftwerke. Dafür

müssten sie allerdings die übrige Zeit bezahlt

werden, in der sie keinen Strom liefern.

Ich stimme dem Vergleich zu, dass wir

die Feuerwehr ja auch nicht nur bezahlen,

wenn sie löscht. Dann wäre es billiger, ein

Haus abbrennen zu lassen, als pro Liter

Löschwasser, sagen wir mal 2000 Euro, bezahlen

zu müssen.

Was heißt das auf die Versorgungssicherheit

mit Strom übertragen?

Dass wir die Verantwortung für die Versorgungssicherheit

klar jemandem zuweisen

müssen. Denn versorgungssicherer Strom

wird am Markt gehandelt. Wir haben also

die Situation, dass jeder Stromlieferant für

längere Zeit im Voraus eine gesicherte

Stromerzeugung kaufen kann. Insofern

könnte man sagen, überlassen wir alles

dem Markt. Doch dies unterschlägt einen

bisher sträflich vernachlässigten Punkt.

Und der wäre?

Dass derjenige Kunde, der sicher mit Strom

versorgt sein will, diese Versorgung auch

abnimmt. Dies ist nicht der Fall, wenn zum

Beispiel die privaten Haushalte ihren Versorger

ständig wechseln. Ein Stadtwerk

beispielsweise wird Ihnen keine definitive

Versorgungssicherheit garantieren und dafür

am Markt für sicheren Strom einkaufen,

wenn der Stromkunde ganz einfach zu einem

anderen Anbieter wechseln kann. Da

sind die Rechte und Pflichten der Marktteilnehmer

nicht eindeutig zugeordnet.

Wie würden Sie das Problem lösen?

Wenn wir nicht zu dem alten System zurückkehren,

in dem man den Stromanbieter

nicht wechseln konnte, könnte die Garantie

der Versorgungssicherheit auf einen

staatlich organisierten Kapazitätsmarkt hinauslaufen.

Das könnte die Bundesnetzagentur

sein, die im Namen des Gesetzgebers

eine bestimmte vorzuhaltende Erzeugungskapazität

festlegt, die dann zum Beispiel

auf dem Markt ersteigert werden

kann und die dann von den Stromkunden

bezahlt werden muss.

Michael Vassiliadis, der Vorsitzende der

Bergbau-, Chemie- und Energiegewerkschaft

IG BCE, hat vorgeschlagen, die

Steinkohlekraftwerke in einer Gesellschaft

zu bündeln. Was halten Sie davon?

Das ist eine sehr vernünftige Idee. Immer

mehr Stromerzeuger beantragen bei der

Bundesnetzagentur die Stilllegung von

Kraftwerken und fragen: Wenn ich nicht

stilllege, was zahlst du mir? Da halte ich es

für besser, einzelne Kraftwerke irgendwo

einzubringen, zum Beispiel in ein Gemeinschaftsunternehmen,

das für den Erhalt der

notwendigen Kraftwerke sorgt und bezahlt...

... was die endgültige Verstaatlichung der

Energieversorgung wäre.

Das muss ja kein Staatsunternehmen sein.

Im Übrigen ist die Stromversorgung ohnehin

schon vielfach eine staatliche Veranstaltung,

die durch steuerähnliche Abgaben

wie die EEG-Umlage bezahlt wird.

Wandern energieintensive Unternehmen

durch die Energiewende ab, oder ist das

nur eine Drohung der Industrie?

Wenn Sie zum Beispiel die Aluminiumproduktion

oder die Elektrolyse nehmen, wäre

diese in Deutschland ohne Befreiung von

der EEG-Umlage unmöglich. Generell

glaube ich, dass hohe Strompreise nicht direkt

Arbeitsplätze hierzulande vernichten.

Sie beschleunigen aber die Standortverlagerungen

in die Wachstumsmärkte im Zuge

der Globalisierung. Im Moment werden

Ersatzinvestitionen noch in Deutschland

getätigt, Erweiterungsinvestitionen dagegen

zunehmend im Ausland, wo die Märkte

und Kunden sind. Die hohen Strompreise

hier forcieren diesen Prozess.

n

reinhold.boehmer@wiwo.de, roland tichy

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 55

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Unternehmen&Märkte

Tabus brechen

SPANIEN | Deutsche Unternehmen tun sich bisher schwer damit,

von der jüngsten wirtschaftlichen Gesundung des Landes zu profitieren.

Zwei Beispiele zeigen, welche Chancen es für Mutige gibt.

Engländer in Spanien

Graham Johnson, Chef

des IT-Unternehmens

Connectis, glaubt an

Spaniens Aufschwung

Das Büro von Graham Johnson bietet

gerade so eben Platz für einen

schlichten weißen Schreibtisch und

drei Bürostühle: einer für Johnson, zwei für

Besucher. Der Geschäftsführer des spanischen

IT-Unternehmens Connectis mit

rund 1000 Mitarbeitern, groß, breitschultrig,

braun gebrannt, Bürstenschnitt, hat

rund 16 weiß gestrichene Quadratmeter

zur Verfügung. Ein violett gestrichenes

Quadrat hinter Johnsons Rücken ersetzt

den Wandschmuck.

Die Bescheidenheit ist Programm.

Anfang 2012 wurde Connectis, damals

noch Thales Information Systems, vom

Münchner Finanzinvestor Aurelius übernommen.

Danach zog Johnson aus der

Citylage um in diese funktionalen Räume

in einem Industriegebiet nördlich von Madrid

und drückte die Miete um zwei Drittel.

Aus Fixgehältern wurde eine Mischung aus

fixem und variablem Anteil. Die Gehälter

wurden insgesamt etwas eingedampft –

„vor allem bei den Führungskräften“, versichert

Johnson.

Jetzt ist Connectis wieder profitabel. Und

wächst: Aurelius, einer der aktivsten Direktinvestoren

in Spaniens IT-Branche, hat

in den letzten anderthalb Jahren drei weitere

Anbieter gekauft, die unter dem Dach

von Connectis eingegliedert werden.

„Spanien ist für einen Investor, der günstig

einsteigen will, derzeit sehr attraktiv“,

sagt Aurelius-Chef Dirk Markus. Das spanische

Wirtschaftsministerium zählte 2013

ausländische Netto-Direktinvestitionen

von 15,4 Milliarden Euro. 2012 verlor Spanien

noch drei Milliarden Euro mehr, als

neue Investitionen ins Land kamen.

REKORDZUFLÜSSE ERWARTET

Doch während internationale Direktinvestoren

kräftig auf die wirtschaftliche

Gesundung Spaniens setzen, zögern die

meisten Deutschen noch. Französische

Direktinvestitionen in Spanien stiegen

laut Wirtschaftsministerium um mehr

als 100 Prozent, britische um 86 Prozent.

Die aus Deutschland sanken 2013 um 3,7

Prozent.

Dabei wird Spanien, das vor nicht allzu

langer Zeit als einer der gefährlichsten

Krisenherde Europas galt, weiter zulegen:

2014 wird die Rekordsumme von mehr als

40 Milliarden Euro an ausländischen

Direktzuflüssen (FDI) erwartet, so die Wirtschaftsprüfung

und Beratung Deloitte.

Die UN-Organisation für Handel und

Entwicklung (Unctad) zählte für Spanien

2013 FDI-Zuflüsse von 37 Milliarden

»

FOTO: OFELIA DE PABLO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

56 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

Betongold Der Deka Immobilienfonds

investiert in das Geschäftshaus in Barcelona

Dollar, 37 Prozent mehr als im Vorjahr.

Spanien lag europaweit an dritter Stelle,

übertroffen nur von Großbritannien und

Irland.

Wagemutig sind in Deutschland vor allem

Mittelständler, die schon im Land präsent

sind und dort etwa einen Zulieferer

oder Vertragspartner kaufen. „Denn für

Unternehmen, die nicht vor Ort sind, sind

die Risiken nur schwer einzuschätzen“, sagt

Georg Abegg, Partner bei der Kanzlei Rödl

& Partner in Madrid. „Denn die Rahmenbedingungen

rechtfertigen eine Investition

bisher nur mit einer sehr hohen Renditeerwartung.“

Aurelius-Chef Markus hat solche Probleme

nicht: „Spanien macht bei uns jetzt

nach Mitarbeiterzahl ein Viertel des Konzerns

aus und rund ein Fünftel vom Gesamtumsatz.“

Der lag 2013 bei rund 1,5 Milliarden

Euro. Über die investierte Summe

verrät Markus nur, sie habe „im niedrigen

zweistelligen Millionenbereich“ gelegen:

„Spanische Unternehmen sind zurzeit

günstig zu haben.“

Auf Einkaufstour ist auch Deka Immobilien.

Die Frankfurter, die weltweit ein

Fondsvermögen im Wert von rund 50 Milliarden

Euro verwalten, kauften 2013 im

Zentrum Barcelonas ein Büro- und Geschäftshaus

in der Ronda de Sant Pedro für

19 Millionen Euro. Wenige Monate später

erwarb Deka in der Madrider Edel-Meile

Calle Serrano das Geschäftshaus Adolfo

Dominguez mit 2500 Quadratmetern für

rund 18 Millionen Euro. „An solche Top-

Innenstadtlagen kommen wir normalerweise

als ausländischer Investor gar nicht

ran“, freut sich Deka-Geschäftsführer Torsten

Knapmeyer.

Seit dem dritten Quartal 2013 wächst die

spanische Wirtschaft wieder leicht. „Die

weiteren Aussichten sind besser als erwartet,

die Risikoaufschläge für die Staatsanleihen

gehen entsprechend runter“, sagt

Knapmeyer. „Daher haben wir 2013 entschieden,

in Spanien zu kaufen.“

Seine beiden Fonds Deka-Immobilien-

Europa und WestInvest InterSelect halten

spanische Gewerbeimmobilien im Wert

von insgesamt 830 Millionen Euro. „Beide

Fonds wollen ihr spanisches Portfolio ausbauen“,

sagt Knapmeyer.

Zwar erwartet er für 2015 einen leichten

Rückgang bei den Spitzen-Büromieten in

Madrid. Aber in Bezug auf die durchschnittliche

Entwicklung von Mieten und

Immobilienwerten von 2013 bis 2018 übertrifft

Madrid mit 7,3 Prozent plus laut Deka-Immobilienresearch

alle anderen europäischen

Städte. Barcelona steht mit 5,7

Prozent erwartetem Ertragswachstum an

zweiter Stelle.

Investitionen in spanische Immobilien

insgesamt stiegen 2013 um 67 Prozent. „In

so einer Situation können die Preise dann

auch schnell wieder steigen“, sagt Knapmeyer.

„Wir investieren in das erwartete

Wachstum hinein.“

Das ist auch die Strategie von Aurelius.

„Wer absolut sicher sein will, dass die Krise

zu Ende ist, der sollte vielleicht noch warten“,

sagt CEO Markus. Doch schon jetzt

gebe es positive Zeichen für den Wandel.

Gerade der von Aurelius bisher favorisierte

IT-Sektor hat in den Krisenjahren extrem

gelitten, weil der Sektor stark von staatlichen

Auftraggebern abhängt. Und die öffentliche

Hand musste sparen. „Der Trend

DerWiederaufstieg

Entwicklung der Nettoinvestitionen

in Spanien (in Milliarden Euro)

13,3 20,8 26,5 -3,1 15,4

2009 2010 2011 2012 2013

Quelle: spanisches Wirtschaftsministerium

ist jetzt gestoppt, wir sehen erste leichte

Anzeichen, dass die Talsohle durchschritten

ist“, berichtet Markus.

Auch sonst sei einiges im Umbruch, beobachtet

der Aurelius-Chef: „Verkrustete

Strukturen werden aufgebrochen. Vonseiten

der Mitarbeiter etwa ist die Bereitschaft

viel größer, das ein oder andere Tabu zu

brechen.“ Die gestiegene Flexibilität spürte

sein Spanien-Statthalter Johnson etwa, als

es um die Veränderung der Gehaltsstruktur

seiner Mitarbeiter oder um Mobilität innerhalb

des Unternehmens ging.

LEICHT BESSERE ZAHLUNGSMORAL

Verbessert habe sich auch die Zahlungsmoral

bei staatlichen Kunden, allerdings

nur „von hundsmiserabel zu schlecht“,

so Markus. Früher zahlten Regional- und

Lokalregierungen oder sonstige öffentliche

Stellen ihre Rechnungen oft über

Jahre nicht. 2013 beglichen öffentliche Stellen

ihre Rechnungen nun im Schnitt innerhalb

von 111 Tagen – immer noch fast

viermal länger als die neue gesetzliche Vorgabe

von 30 Tagen. Mit dieser muss der

Staat nun sogar schneller zahlen als private

Unternehmen, die 60 Tage Zeit haben.

Bei ihnen waren es 2013 im Durchschnitt

85 Tage.

Unternehmen wie die Aurelius-Tochter

Connectis profitierten zudem von Sonderkreditlinien

in Höhe von insgesamt 42 Milliarden

Euro, die die Regierung den Regionen

und Gemeinden seit Mitte 2012 gewährte,

damit diese ihre teilweise noch aus

Peseta-Zeiten stammenden unbezahlten

Rechnungen begleichen konnten. „Das hat

funktioniert“, lobt Markus.

Der Aurelius-Chef ist alle vier bis sechs

Wochen in Spanien. Er trifft sich mit Beratern

in Madrid und Barcelona oder schaut

direkt bei Konzernen vorbei, die Randbereiche

verkaufen wollen – das ist die Spezialität

von Aurelius. Interessant seien vor

allem Branchen, die „von einem wachsenden

Konsum profitieren werden“.

Denn die spanische Notenbank hat ihre

Konjunkturprognose nach oben korrigiert

und erwartet jetzt 1,2 Prozent Wachstum in

diesem und 1,7 Prozent im kommenden

Jahr – vor allem weil der private Konsum

schneller anzieht.

Für Connectis-Geschäftsführer Johnson

steht indes fest: Selbst wenn sein Unternehmen

stark wächst, wird er kein größeres

Büro für sich reklamieren. „Es ist immer

gut, die schlechten Zeiten nicht zu vergessen“,

sagt der Engländer lächelnd. n

anne grüttner | Madrid, unternehmen@wiwo.de

FOTO: PR

58 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Geistig erwachsen

START-UPS | Euphorie, Demütigung, Neuanfang: Matti Niebelschütz, Gründer des Berliner Parfümversenders

MyParfum, hat die Höhen und Tiefen eines Jungunternehmers persönlich durchlebt.

Herr der Düfte

MyParfum-Gründer

Matti Niebelschütz

hat als 28-Jähriger

bereits alle unternehmerischen

Höhen und

Tiefen durchlebt

Auf den ersten Blick wirkt Matti Niebelschütz

wie ein typischer Vertreter

der Berliner Start-up-Szene: Unter

30, coole Klamotten, Chef seines eigenen

Internet-Unternehmens MyParfum.

Doch näher betrachtet, ist Niebelschütz

das Gegenteil: ein nachdenklicher junger

Mann, der trotz seiner 28 Jahre schon geprägt

ist von einer berauschenden wie substanzzehrenden

geschäftlichen Achterbahnfahrt.

Niebelschütz hat vielen Altersgenossen

eine wichtige Erfahrung voraus.

Er musste am eigenen Leib erfahren, was

unternehmerisches Scheitern bedeutet.

Anders als in den USA ist das Thema in

Deutschland fast ausschließlich negativ

besetzt. In den Vereinigten Staaten ist das

anders. Dort nehmen Kapitalgeber einen

Gründer oftmals erst nach der Pleite richtig

ernst, weil er dadurch notwendige und

wichtige Erfahrungen für weitere Projekte

gesammelt hat. In Deutschland dagegen

gilt die Insolvenz eher als Stigma.

Spannung bei der Gründung, Euphorie

im Boom, Demütigung durch die Pleite,

schließlich der Neuanfang – das Protokoll

von sechs Jahren zwischen leidenschaftlichem

Aufbruch und totaler Lähmung.

August 2008 Auf diesen Moment haben

Niebelschütz und sein Bruder Yannis lange

hingearbeitet: MyParfum, ihr Shop im

Internet, geht online. In ihm wollen die beiden

individuell zusammengestellte Duftwässerchen

verkaufen. Dazu haben sie

gut ein Dreivierteljahr ein Duftsystem entwickelt,

mit Parfümeuren verhandelt, eigenes

Geld sowie ein Darlehen der Großeltern

in fünfstelliger Höhe in die Unternehmensgründung

gesteckt.

„Die meisten Parfümeure haben abgewinkt.

Aber fast alle Frauen, denen wir es

erzählten, fanden die Idee gut“, erinnert

sich Niebelschütz an die damalige Aufbruchstimmung.

Entsprechend forsch gehen

er und sein Bruder ran. Sie wollen ihre

Kritiker vom Gegenteil überzeugen.

September 2008 Und tatsächlich, die

Sache lässt sich gut an. Die erste Pressemitteilung

schlägt in der Berliner Szene

ein. Die Medien steigen auf die Idee ein.

Der lokale Hörfunksender Radio 1 bringt

ein Interview, der Fernsehsender RTL2

und diverse Zeitungen berichten.

Dezember 2008: Die gute Presse sorgt

geschäftlich für Fahrt. MyParfum verkauft

im ersten Weihnachtsgeschäft mehr als

100 Flakons am Tag. 30 Leute arbeiten inzwischen

für das Unternehmen, die meisten

sind Kommilitonen von Niebelschütz.

Auch er ist noch Student und bleibt

zunächst im Fach Jura eingeschrieben.

Januar 2011 Damit ist jetzt Schluss, weil

die Arbeit immer mehr Zeit frisst. Sein Bruder

steigt aus MyParfum aus. Niebelschütz

selbst schmeißt sein Studium hin und konzentriert

sich voll auf die Professionalisierung

seines Unternehmens. Seriengründer

Frederick Fleck, früher beim TV-Sender

9Live im Management, trifft bei Niebelschütz

den Nerv. „Wenn ihr es schafft,

euren Umsatz in einem Monat zu verdop-

FOTOS: GÖTZ SCHLESER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; PR

60 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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peln“, sagt er zu dem damals 25-Jährigen,

„steige ich bei euch ein.“

September 2011 Der Kick hat funktioniert,

Fleck steigt bei MyParfum ein, sorgt

für professionelle Strukturen und will den

Absatz weiter ankurbeln. Dazu empfiehlt

Fleck Perfomance-Marketing im Fernsehen,

das sind Werbespots im Stile von

„Gehen Sie jetzt online und bestellen!“.

November 2011 Niebelschütz fährt

einen ersten erfolgreichen Testlauf. Dann

entscheidet er, für das bevorstehende

Weihnachtsgeschäft das Werbebudget zu

verdoppeln. „Meine eigene Entscheidung

als Unternehmer“, freut er sich. Die Zahlen

geben ihm recht: fast 400 Prozent

Wachstum, am Ende des Jahres kommt

MyParfum auf mehr als 70000 Euro Gewinn.

Niebelschütz ist elektrisiert. Für ihn

sind die Zahlen „ein Zeichen, dass unser

Geschäftsmodell skalierbar ist und TV

funktioniert“. Dass der Erfolg gleichzeitig

den Boden für die totale Niederlage bereiten

würde, kommt ihm in dieser Situation

nicht in den Sinn – im Gegenteil.

Mitte 2012 Der Erfolg im Weihnachtsgeschäft

versetzt Niebelschütz in Überschwang.

Jetzt will er’s wissen, das ganz

große Rad drehen. Dazu braucht er Geld.

Er besorgt sich bei einem Privatinvestor

und später bei SevenVentures, einer Tochter

des Fernsehsenders ProSiebenSat1,

weiteres Kapital. Das Geld dient zum einen,

die Ausgaben für TV-Werbung zu verzwanzigfachen.

Zum andern fährt Niebelschütz

die Belegschaft auf 40 Mitarbeiter

hoch und weitet die Produktion sowie die

Lagerbestände aus. Mit vier statt vorher

einer einzigen Maschine kann Niebelschütz

nun 4600 Parfüms am Tag produzieren.

„Da waren die Augen größer als der

Verstand“, sagt Niebelschütz später.

November 2012 Später ist bald. Wenige

Wochen vor Weihnachten zeigt sich, dass

Niebelschütz’ Erwartungen an die Kampagne

völlig überzogen waren. In der Spitze

liegen die Bestellungen maximal bei

20 Prozent des erhofften Wertes. Niebelschütz

und seine Leute werden nervös.

Die Bestellungen bleiben mau, zusätzliche

Ausgaben für Werbung verpuffen. Mitte

November fängt es bei MyParfum an, „zu

kribbeln“, spürt Niebelschütz. Die hohen

Fixkosten erdrücken das enttäuschende

Geschäft. In seiner Not lässt Niebelschütz

einen neuen TV-Spot drehen. Er weiß, die

nächsten Wochen werden über die

Zukunft von MyParfum entscheiden.

Dezember 2012 Der Todeskampf von

MyParfum beginnt. So sehr sich Niebelschütz

auch müht, Anfang Dezember

müssen er und seine Kombattanten einsehen,

dass sie „das Minus bis Weihnachten

nicht mehr aufholen können“. In seiner

Not mottet Niebelschütz die neuen Produktionsmaschinen

ein und entlässt 20

Mitarbeiter. Bis Jahresende steigen die

Schulden auf fast zwei Millionen Euro.

Januar 2013 MyParfum zeigt die letzten

Zuckungen. Niebelschütz kann seinen Vermieter

dazu bewegen, auf Miete für einen

Teil der überflüssigen Räume zu verzichten.

Im Februar soll eine Sammelaktion

bei Kleininvestoren übers Web laufen, die

MyParfum Geld bringen könnte.

Neuanfang MyParfum-Team Yannis

Niebelschütz, Carina Stammermann,

Matti Niebelschütz

Februar 2013 Zwei Tage vor dem Notartermin

bricht Niebelschütz den letzten

Rettungsversuch ab.„Die Schuldenlast

hätte den Großteil des Investments aufgefressen“,

erkennt er, „dadurch hätten wir

die 1000 Privatinvestoren veräppelt.“ Niebelschütz

ist paralysiert, würde sich am

liebsten einbunkern, die fünf Jahre MyParfum

aus seinem Gedächtnis streichen.

März 2013 Niebelschütz stellt beim

Amtsgericht den Insolvenzantrag. Er ist 27

und pleite. Er nutzt die Zeit zum Nachdenken;

versucht, einen klaren Kopf zu bekommt

– und gelangt nach nur einer Woche

zur „Erkenntnis, dass ich weiter ans

Geschäftsmodell von MyParfum glaube“.

August 2013 Dem Gestrauchelten gelingt

es, bei seinem Bruder und anderen

genügend Geld aufzutreiben, um bei der

Versteigerung durch den Insolvenzverwal-

ter MyParfum zurückzukaufen. Er will so

schnell wie möglich ein Atelier eröffnen, in

dem Konsumenten und Händler seine Parfüms

direkt riechen und anfassen können,

„als Showroom für unser Duftsystem“.

September 2013 Doch für gescheiterte

Gründer ist der Neustart in Deutschland

schwer. Neun von zehn Dienstleistern, die

hierzulande die Zahlung per Kreditkarte im

Internet anbieten, lassen Niebelschütz mit

der Begründung abblitzen, dass er als Pleitier

wieder Geschäftsführer sei. Einzig die

Postbank willigte ein, allerdings erst nach

langen Telefonaten und viel persönlichem

Einsatz. Ähnliche Probleme hat Niebelschütz,

als er für MyParfum ein Bankkonto

eröffnen will. Und für den Showroom muss

er eine Kaution von sechs Monatsmieten

hinblättern plus 15000 Euro Risikoprämie

aufgrund seiner Pleite.

Oktober 2013 Es ist so weit, zum zweiten

Mal. MyParfum hat das neue Ladenlokal in

der Reinhardtstraße in Berlin Mitte bezogen.

Hinter dem Empfangstresen stapeln

sich die weißen MyParfum-Versandschachteln.

In der Mitte des Raums steht

die „Duftbar“, wie Niebelschütz sagt: fünf

große Flakons mit Grunddüften, sowohl für

Männer als auch für Frauen, darum herum

48 kleinere Flakons mit sechs Duftnoten

von Amber bis Zeder. Aus ihnen kann sich

der Kunde seinen eigenen Wunschduft zusammenstellen.

Niebelschütz ist zuversichtlich,

mit der „Duftbar“ ein „wichtiges

Element“ gefunden zu haben, „um unser

Internet-Geschäftsmodell auch in die Offline-Welt

zu übertragen“.

Januar 2014 Niebelschütz hat aus seiner

Pleite gelernt und macht die einstige

MyParfum-Mitarbeiterin Carina Stammermann,

eine Betriebswirtin, zur Geschäftsführerin.

Er selbst tritt ins zweite Glied und

kümmert sich um die Produktentwicklung

und neue Geschäftspartner.

Ostern 2014 Niebelschütz nutzt die

Feiertage zur inneren Einkehr. „Wir wollten

bestimmt zu schnell zu viel“, sagt er.

„Aber das war ein unternehmerisches Risiko,

das wir bewusst eingegangen sind –

das gehört eben als Unternehmer dazu.“

Für solch große Worte hat er eine einfache

Erklärung: „Gefühlt hat mich erst die

Erfahrung rund um Aufstieg, Fall und

Wiederaufstehen von MyParfum geistig

erwachsen werden lassen.“

n

michael.kroker@wiwo.de

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 61

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Unternehmen&Märkte

Zweierlei Maß

SPEZIAL BUSINESS IT | Die USA wehren sich gegen deutsche Pläne

zur Spionageabwehr. Droht jetzt ein Handelskrieg im Internet?

Das brisante Dokument trägt den unscheinbaren

Titel „2014 Section

1377 Review“. Nur das Siegel auf

dem Deckblatt mit dem Wappentier der

USA, dem Weißkopfseeadler, verrät: Das

Weiße Haus in Washington hat das Papier

abgesegnet. Fein säuberlich fächern die

Autoren – das US-Präsident Barack Obama

unterstellte und für Freihandel kämpfende

Gremium US Trade Representative (USTR)

– auf 21 Seiten auf, welche Barrieren den

grenzüberschreitenden Internet-Verkehr

ausbremsen

und welche Länder der US-

Regierung die größten Sorgen

bereiten.

Am Pranger des jährlich

veröffentlichten Berichts

stehen in der Regel Staaten

wie die Türkei und China,

die das Grundrecht auf freie

Meinungsäußerung auch

im Internet mit Füßen treten.

Die stärksten Restriktionen

gebe es in der Türkei,

klagt das USTR an. Per Gesetz

werden missliebige

Web-Seiten gesperrt, und

die Kommunikation per

Twitter wird blockiert.

RADIKALE LÖSUNG

Im jüngst erschienenen Bericht

für 2014 stellt das

USTR zum ersten Mal die

EU auf eine Stufe mit den

Internet-Zensoren in der

Türkei. Ungewöhnlich scharf rügt das

USTR den radikalen Vorschlag der Deutschen

Telekom, zur besseren Abwehr von

Spionageangriffen aus dem Ausland künftig

nicht mehr alle E-Mails und Datenpakete

über die Transatlantik-Route und große

Internet-Knotenpunkte in den USA und

Großbritannien laufen zu lassen. Sie sollen

stattdessen auf direktem Weg in Deutschland

(National Routing) oder zwischen den

EU-Ländern mit Ausnahme von Großbritannien

(Schengen-Routing) transportiert

werden. Internet-Knoten in den USA und

England stehen seit den Enthüllungen des

Ex-NSA-Agenten Edward Snowden unter

dem Generalverdacht, von den dortigen

Geheimdiensten observiert zu werden.

Zwischen Europa und den USA droht ein

Konflikt um die Vormacht im Internet. Washington

will weiter die Spielregeln im Web

bestimmen und sieht das Internet, wie Vorschläge

für das Transatlantische Handelsund

Investitionsabkommen zeigen, als

elektronische Handelsplattform an, mit einem

möglichst uneingeschränkten grenzüberschreitenden

Transfer von Daten. Die

Dominanz der überwiegend in den USA

ansässigen und für das Datensammeln bekannten

Web-Giganten wie Google, Apple

und Microsoft soll so verteidigt werden.

Europa dagegen will sich als vertrauenswürdiger

IT-Standort profilieren und ein

Bollwerk gegen die Spähprogramme ausländischer

Geheimdienste aufbauen. Mit

besonders sicheren IT-Produkten ohne

Hintertüren made in Germany soll ein

Stück weit die IT-Souveränität zurückgewonnen

und die Abhängigkeit von ausländischen

Anbietern reduziert werden.

Entzündet hat sich der Streit am National

Routing, einem von der Telekom entwi-

ckelten Plan zur Abwehr der Abhöraktionen.

Die Idee: Ein gesetzlich vorgeschriebenes

Internet der kurzen Wege für innerdeutsche

und -europäische Mails und andere

Datentransfers würde mehr Schutz

bieten, weil kein Byte – auch nicht vorübergehend

– die Grenze überschreitet.

Kanzlerin Angela Merkel unterstützt den

Plan. Denn er ist kurzfristig realisierbar.

„Warum sollte eine E-Mail von Bonn nach

Berlin über London oder New York geleitet

werden?“, fragt der zuständige Telekom-

Vorstand Thomas Kremer. „Zumal der Verdacht

im Raum steht, dass Internet-Verkehre

bewusst über bestimmte Länder geleitet

werden, um Daten abzugreifen.“

Die USA weisen den Vorschlag entschieden

zurück. Das sei „Protektionismus“

zum Schutz der europäischen IT-Industrie

und eine „drakonische

Maßnahme“, mit der Europa

den freien Datenverkehr

im Netz untergrabe. Denn

profitieren würden europäische

Anbieter von Kommunikations-

und IT-

Diensten wie Cloud Computing,

wenn die Daten

stärker über europäische

Netze geleitet und in europäischen

Rechenzentren

gelagert werden. „Ausländische

Anbieter würden

ausgeschlossen und diskriminiert“,

schimpft das

USTR.

Über diese Rüge wundern

sich Experten wie

Karl-Heinz Neumann:

„Nicht zuletzt durch Subventionen

der USA sind die

transkontinentalen Übertragungsstrecken

so kostengünstig,

dass die preiswerteste

Route meist über

diese Knotenpunkte führt“, sagt der Direktor

des Wissenschaftlichen Instituts für Infrastruktur

und Kommunikationsdienste

in Bad Honnef. „Damit wird dieser Datenverkehr

eine leichte Beute der Abhörwut

der NSA.“

Auch die Telekom ist „irritiert“, dass die

Kritik ausgerechnet aus den USA kommt.

Denn dort schreiben die Behörden allen

Mobilfunk- und Festnetzanbietern vor,

sämtliche Datentransfers zwischen US-

Kunden in den USA zu halten. Wenn es um

die eigenen Interessen geht, messen die

Amerikaner offenbar mit zweierlei Maß. n

juergen.berke@wiwo.de

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

62 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Antifluttechnik

Die Thames Barrier in

London schützt die

Stadt vor Hochwasser

Der Pegel steigt

KLIMAWANDEL | Die Erderwärmung ist kaum noch zu verhindern. Die Erkenntnis

setzt sich durch: Wir müssen uns an künftige Wetterextreme mit Hitzewellen, Dürren

und Überflutungen anpassen. Wie das geht, zeigen Pilotprojekte schon heute.

Es war der schlimmste Wirbelsturm

in der Geschichte New

Yorks – Sandy. Vor zwei Jahren

fegte der Hurrikan durch die

Häuserschluchten, überflutete

Straßen, zerriss Stromkabel und warf weite

Teile der Stadt tagelang in vorelektrische

Zeiten zurück. Als Michael Bloomberg, damals

Bürgermeister der Stadt, das Ausmaß

der Schäden sah, war für ihn klar: Die Stadt

muss sich fit machen für den Klimawandel.

Die Erderwärmung hatte Sandy nicht

ausgelöst, wohl aber die Wucht des Sturms

gefährlich verstärkt – darin waren sich die

Forscher schnell einig. Bloomberg folgerte:

„Die Städte der Welt wachsen ständig weiter,

damit wird es immer dringlicher, sich

lokal an den Klimawandel anzupassen.“

Die Aufräumarbeiten nach dem Sturm

liefen noch, da präsentierte Bloomberg seinen

Plan: Big Apple soll künftig neue Deiche,

Fluttore und eine wassersichere

Stromversorgung erhalten. Es ist eine

Mammutaufgabe in einer Metropole mit

knapp 850 Kilometer Küstenlinie. Die Kosten:

gigantische 20 Milliarden Dollar.

New York ist längst nicht mehr allein.

Auch London und Ho-Chi-Minh-Stadt in

Vietnam wappnen sich für raueres Wetter.

Selbst in Hannover erarbeiten Stadtplaner

Schutzkonzepte gegen Klimaschäden. Sie

alle glauben nicht mehr, der Klimawandel

ließe sich noch stoppen. Was die Bürgermeister

umtreibt, gilt erst recht für viele Regierungen.

Nicht nur die deutsche hat

schon eine „Anpassungsstrategie an den

Klimawandel“ beschlossen. Auch Experten

in den 48 ärmsten Staaten der Welt arbeiten

an solchen Plänen.

All diese Vorhaben markieren nicht weniger

als eine Kehrtwende im Umgang mit

der Erderwärmung. Sie ist getrieben von

einer Erkenntnis, die der Ökonom Richard

Tol von der britischen Universität Sussex

und frühere Experte des UN-Weltklimara-

FOTO: LAIF/LOOP IMAGES/RICKY LEAVER

64 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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15 000 Tote

forderte die Hitzewelle

von 2003

allein in Frankreich

40 Milliarden

Dollar Mehrkosten

für den globalen

Küstenschutz

20 Grad weniger

Hitze in Wüstenstädten

dank optimaler

Luftströmung

tes (IPCC) so formuliert: „Nicht nur den

Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren

mindert die Folgen des Klimawandel, auch

Anpassung und Wirtschaftswachstum.“

Bisher dominierte bei Umweltschützern

und -politikern die Meinung, die einzige

Chance im Kampf gegen den Klimawandel

sei es, die Emissionen an Kohlendioxid

(CO 2 ) drastisch zu verringern. Nun aber

setzt sich die Einsicht durch: Zu stoppen ist

die Erderwärmung kaum noch. Also sollten

sich die Menschen anpassen. Das zeigt

auch der dritte Bericht des IPCC, den das

Gremium vor wenigen Tagen veröffentlicht

hat (siehe Kasten Seite 66).

Noch eine Erkenntnis kommt hinzu, die

der IPCC Ende März in seinem Report über

den Umgang mit der Erderwärmung so formulierte:

„Die Folgen des Klimawandels

sind kein isoliertes Problem, sondern müssen

zusammen mit Armut, Unterentwicklung

und schlechter Politik bekämpft werden.“

Denn je schlimmer die Armut und je

unfähiger die Politiker, desto krasser wirkt

sich die Erderwärmung aus.

Wie erfolgreich Anpassungsstrategien

sein können, zeigen heute schon Projekte

auf der ganzen Welt: Stadtplaner, Gesundheitsexperten,

Landwirte und Küstenschützer

suchen dabei Antworten auf die

dringendsten Herausforderungen des Klimawandels:

mehr Hitzewellen, Wassermangel,

heftigere Stürme, Starkregen und

den steigenden Meeresspiegel. Woran sie

arbeiten, zeigt die folgende Reise zu den

Brennpunkten des Klimawandels.

STÄDTEBAU Kühle Inseln

London begann schon, sich an den Klimawandel

anzupassen, als kaum jemand im

Weltklimarat davon sprach: Die Parkverwaltung

pflanzte im Jahr 2004 neue Bäume,

erweiterte Rasenflächen und gab Bächen

ihren einstigen Lauf zurück. In das

Projekt „East London Green Grid“ steckte

Frühwarnsysteme

prognostizieren

Epidemien sechs

Monate im Voraus

die Stadt 24 Millionen Euro. Inzwischen gilt

das Konzept für den Großraum London.

Den soll bis 2025 ein Netz (Grid) grüner

Flächen durchziehen, Bäume sollen 25

Prozent der Stadtfläche ausmachen, heute

sind es 20 Prozent.

Der Effekt:Die Vegetation verringert den

Hitzeinsel-Effekt. Im Zentrum Londons

kann die Temperatur bis zu sieben Grad

Celsius über der im Umland liegen. Die zusätzliche

Begrünung soll verhindern, dass

sich die rasant wachsende Stadt in den

nächsten Jahren weiter aufheizt.

Denn vor allem Hitzewellen, die der Klimawandel

verstärkt, machen Städtern

künftig zu schaffen: Im Glutsommer von

2003 etwa starben in Frankreich rund

15 000 Menschen mehr als in vergleichbaren

Zeiträumen; die meisten im Ballungsraum

Paris. Daher begrünen derzeit auch

Metropolen wie Berlin, Chicago und Singapur

mit Hochdruck das Stadtgebiet.

Hitze ist nicht die einzige Herausforderung:

Heftige Regenfälle überfordern die

Kanalisation, Dürren lassen die Wasserversorgung

zusammenbrechen. Städte haben

aber eine ganze Reihe von Möglichkeiten,

auf höhere Temperaturen zu reagieren.

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 65

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Technik&Wissen

KLIMAKOSTEN

Solaranlagen

oder Deiche?

Die Menschheit muss sich auf den

Klimawandel einstellen. Allein der

Küstenschutz kostet Milliarden.

Bisher herrscht unter Ökonomen ein erbitterter

Streit um die Frage, was wirtschaftlicher

ist: sich dem Klimawandel

anzupassen oder ihn zu verhindern.

Eine Antwort kann der Vorsitzende des

UN-Weltklimarates (IPCC) Rajendra

Pachauri noch nicht geben. Immerhin:

Bis Oktober wollen er und seine Experten

dazu einen großen Report verfassen.

Schon jetzt aber ist für ihn klar:

„Wir müssen die Anpassung an den Klimawandel

ebenso finanzieren wie die

Vermeidung.“ Dahinter steckt die Einsicht:

Zwei Grad wärmer wird die Welt

ohnehin, auf die Folgen muss sich die

Menschheit einstellen.

UNGENÜGENDE STUDIEN

Was es kostet, die Erderwärmung auf

zwei Grad zu begrenzen, ist dagegen

klar. Die Zahlen finden sich im dritten

Teil des aktuellen Weltklimaberichtes,

den der IPCC vergangenen Sonntag in

Berlin vorgestellt hat. Der Leitautor Ottmar

Edenhofer, Ökonom am Potsdam-

Institut für Klimafolgenforschung (PIK),

geht davon aus, dass Ausgaben für

einen wirksamen Klimaschutz wie etwa

das Fördern erneuerbarer Energien das

Wachstum der Weltwirtschaft pro Jahr

nur um rund 0,06 Prozentpunkte abschwächen.

„Klimapolitik bedeutet also

nicht, dass die Welt auf Wirtschaftswachstum

verzichten muss“, sagt er.

Wie viel eine Anpassung an eine zwei

Grad wärmere Welt kostet, beziffert der

Weltklimarat nicht. Die Begründung:

Bisherige Studien seien „ungenügend“.

Anhaltspunkte gibt es aber. Was es

etwa für den Küstenschutz bedeutet,

wenn sich die Erde um fast fünf Grad

erwärmt, rechneten kürzlich Forscher

des Global Climate Forum, einem Berliner

Thinktank, vor. Betroffene Staaten

müssten jährlich bis zu 70 Milliarden

Dollar investieren. Bliebe es dagegen

bei weniger als zwei Grad Erwärmung,

wären es höchstens 30 Milliarden.

Globaler Wandel Bauern ernten Kartoffeln in Grönland (links); Dürre am Rhein (Mitte)...

»

Eine besonders energieeffiziente nutzt

die Stadt Doha im Emirat Katar. Hier kühlen

in zwei Vierteln nicht gewöhnliche Klimaanlagen

die Bauten, sondern Pumpen

leiten kaltes Wasser durch die Häuser. Dieses

„District Cooling“ funktioniert ähnlich

wie die bekannte Fernwärmeheizung, nur

kommt hier Wasser mit einer Temperatur

von 5,5 Grad Celsius in den Häusern an.

Das System verbraucht 40 Prozent weniger

Energie als konventionelle Klimaanlagen.

Auch wenn es um angenehme Außentemperaturen

geht, sind arabische Städte

Vorbilder. In Masdar, einem Städtebauprojekt

für 40 000 Einwohner und 50 000 Pendler

nahe Abu Dhabi, sind die Häuserzeilen

so eng gebaut, dass keine Sonne auf die

Gehsteige dazwischen fällt. Die Anordnung

der Gebäude schafft freie Bahn für

Luftströmungen – die frische Brise soll die

Sommertemperatur in Masdar City um bis

zu 20 Grad Celsius gegenüber derjenigen

in der Sandwüste der Umgebung senken.

In bestehenden Städten hilft oft nur eine

bessere Organisation. In Paris etwa hat die

Stadtverwaltung nach dem tödlichen Sommer

2003 einen Notfallplan entwickelt. Bei

künftigen Hitzwellen sollen Hilfsbedürftige,

die sich bei den Behörden registriert

haben, in Herbergen versorgt werden.

GESUNDHEIT Abwehr von Seuchen

Im Sommer 2011 machte ein Reporter des

arabischen Nachrichtensenders Al Jazeera

eine alarmierende Entdeckung: In Lakonien,

einer Küstenregion im Süden Griechenlands,

häuften sich bei Arbeitern auf

den Zitrusplantagen Malariafälle. Dabei

galt die Krankheit in Europa seit 1970 als

ausgerottet. In dem Fernsehbeitrag des

Senders nannte Apostolos Veiziz, ein Mediziner

im Dienst der Hilfsorganisation

Ärzte ohne Grenzen, die Gründe für die

Rückkehr der Tropenkrankheit: „Die Regierung

hat wegen der Finanzkrise kein

Geld, Insektizide zur Bekämpfung der Mücken

zu versprühen“, sagte er. Gleichzeitig

trügen steigende Temperaturen zur explosionsartigen

Vermehrung der Mücken bei.

Die griechischen Behörden schickten

daraufhin Trucks der Seuchenbehörde, die

den Arbeitern Blut abnahmen und sie mit

Medikamenten versorgten. Auch begann

sie wieder, die Schädlinge zu bekämpfen.

Mit Erfolg: Zwei Jahre später wurden nur

noch drei Fälle Malaria in Griechenland

registriert.

Für den ehemaligen IPCC-Autor Richard

Tol ist klar: „Heute ist Malaria vor allem ein

Problem armer Länder, und der Klimawandel

wird die Situation verschlimmern.

Erst mit zunehmendem Wohlstand wird

das Problem verschwinden.“

Das gilt auch für viele andere Krankheiten,

die mit dem Klimawandel zunehmen.

Dazu gehören Dengue-Fieber und Borreliose,

die durch Zecken übertragen wird,

aber auch Meningitis, Rifttalfieber und

Cholera. Gesundheitsexperten aus dem

Senegal, Malawi und Ghana arbeiten deshalb

mithilfe europäischer Klimaforscher

an einem Frühwarnsystem für Epidemien.

In dem Projekt mit dem Namen Qweci

meldeten Krankenhäuser per Funk unter

anderem Malariafälle automatisch an eine

zentrale Sammelstelle. Gleichzeitig lieferten

Satelliten Wetterdaten für jede Region.

Häuften sich die Erkrankungen und nahte

für Insekten günstiges Wetter, wurden die

Ärzte auch andernorts alarmiert. Das half,

Medikamente rechtzeitig zu liefern und die

Menschen vor Ort zu warnen. Das System

FOTOS: GETTY IMAGES/AURORA, IMAGO/JOCHEN TACK, CORBIS/GEORG STEINMETZ

66 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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...in Afrika forsten Küstenbewohner Mangrovenwälder (rechts) als Sturmflutschutz wieder auf

wollen die Forscher nun verfeinern, um

Krankheitsausbrüche bis zu sechs Monate

vorab zu prognostizieren.

ERNÄHRUNG Hirse statt Mais

Unter „Pink Lady“ hätten sich die Deutschen

noch vor Kurzem vieles vorgestellt,

aber keine Apfelsorte. Heute pflanzen

Obstbauer sie dank der Erderwärmung

auch hierzulande. Pink Lady verträgt Hitzewellen

besser als viele andere Äpfel.

Darum wuchs sie früher vorwiegend in

Frankreich oder Italien.

Erkennbar wird der Klimawandel nicht

nur in der Obstabteilung des Supermarkts,

sondern auch in der Statistik. In Deutschland

hat sich die Anbauperiode für Agrarpflanzen

seit 1970 um zwei Wochen verlängert.

Das klingt positiv, kann in südlichen

Ländern aber ernste Folgen haben. Die Erträge

der Bauern, schätzen Experten,

könnten wegen stärkerer Hitzewellen ab

2050 um bis zu 25 Prozent sinken. Vor allem

bei Weizen und Mais, warnt der UN-

Klimarat, sind drastische Einbußen möglich.

Ohne Anpassungen komme es deshalb

in Zukunft zu Nahrungsengpässen,

weil die Weltbevölkerung weiter wachse.

Doch auch hier haben Landwirte Chancen,

sich anzupassen – etwa indem sie Anbaumethoden

verändern, die Bewässerung

verbessern oder andere Pflanzen nutzen.

Auf diese Weise haben sich die Erträge

pro Hektar seit dem Zweiten Weltkrieg

mehr als verdoppelt. Besonders wichtig ist,

Pflanzen zu züchten, die das veränderte

Klima vertragen.

Trockenresistenten Varianten der Hirse

schreiben Saatgutforscher eine Schlüsselrolle

zu, etwa als Ersatz für Mais. Gegen

längere Dürren könnten Nutzpflanzen mit

längeren Wurzeln helfen. Für Trockenheit

optimierte Sorten können bis zu 15 Prozent

mehr Ertrag bringen als herkömmliche

Arten – und so die durch den Klimawandel

bedingten Ernterückgänge ausgleichen.

Aber auch zu viel Wasser wird für die

Bauern künftig zum Problem. Vor allem

wenn es das falsche ist wie in Bangladesch.

Dort ergießen sich fast jährlich Sturmfluten

über die Felder, die Millionen Menschen

ernähren. Extra für diesen Einsatz

züchteten Forscher nun Reissorten, die resistenter

gegenüber Salz sind.

MEERE Hochseefische vom Land

Um drei Zentimeter pro Jahrzehnt ist der

Meeresspiegel seit 1993 gestiegen. Bis 2100

können laut UN-Klimarat weitere 30 bis

100 Zentimeter dazukommen. Noch verläuft

die Entwicklung langsam. London

will sein großes Sturmflutwehr – die Thames

Barrier – daher frühestens 2070 aufstocken.

Auch in der Deutschen Bucht sind

die Deiche wohl bis Mitte des Jahrhunderts

sicher. Trotzdem werden sich allein durch

Neue, dürreresistente

Pflanzen

bringen 15 Prozent

mehr Ertrag

Wirtschaftswachstum laut Weltbank die in

Küstenstädten bedrohten Sachwerte bis

2050 verzehnfachen.

Und weil der Boden in dicht besiedelten

Deltas durch Wasserentnahmen sinkt,

wird dort schon ein Anstieg des Meeres

um Zentimeter zum Problem – und Anpassung

nötig. Niederländische Experten

sind jetzt etwa in New York und in Bangladesch

gefragt, um den Küstenschutz zu

verstärken.

Doch nicht nur der Meeresspiegel steigt.

Auch die marine Fauna reagiert auf den

Klimawandel. Fische weichen in kühlere

Gewässer aus. In die Nordsee sind laut

dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven

in den letzten Jahrzehnten 40 neue Arten

eingewandert, darunter Sardinen und

Wolfsbarsch, während sich der Dorsch

nach Norden verdrückt. Das spüren auch

die Fischer: In hohen Breiten nähmen die

Fänge zu; in den Tropen aber könnten sich

die Mengen bis 2050 halbieren, warnt der

Klimarat. Um sich anzupassen, müssen

andere Arten befischt werden.

Auch Aquakulturen können helfen, die

Eiweißversorgung der Menschen zu sichern.

Früher wurden die Kulturen oft an

Küsten angelegt – und verdrängten schützende

Mangroven. Inzwischen aber gibt es

schonendere Ansätze – im Binnenland: In

Deutschland wollen Firmen wie etwa Neomar

Meeresfische wie Doraden züchten.

Auch Korea besitzt inzwischen vergleichbare

Aquakulturen für Meeresfische.

Wer weiß: Vielleicht entdeckt auch

Bloombergs Nachfolger Bill de Blasio noch

das Hochseeangeln im New Yorker Binnenland

– um seine Metropole auf den Klimawandel

vorzubereiten.

n

sven titz | technik@wiwo.de, benjamin reuter

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 67

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Technik&Wissen

Kampf der Keime

GESUNDHEIT | Bei Bakterien denken wir meist an gefährliche

Erreger. Können wir sie dazu bringen, Krankheiten zu heilen?

tiv simple List verfallen: Sie versuchen, die

alten Machtverhältnisse, sprich die Artzusammensetzung

im Darm, wiederherzustellen.

Sie übertragen dazu einfach die

Mikroben eines Gesunden auf den Kranken.

Ganz praktisch bedeutet das – und

jetzt wird es etwas anrüchig: Sie besorgen

sich eine Stuhlprobe und bringen sie in

den Darm des Erkrankten.

Wir sind nicht allein. Nie. In uns, auf

uns lebt es: Abermillionen an Bakterien

und anderen Mikroorganismen

betrachten uns als Biotop auf zwei

Beinen. Stolze zwei Kilogramm bringt dieses

Mikrobiom zusammengerechnet beim

Erwachsenen auf die Waage; auf jede einzelne

Zelle unseres Körpers kommen rechnerisch

zehn Miniviecher.

Und das ist gut so.

Denn ohne die Mikroben, die uns besiedeln,

könnten wir gar nicht überleben. So

helfen uns Bakterien im Dünndarm – die

berühmte Darmflora –, die Nahrung ordentlich

zu verdauen. Mikroorganismen

auf der Haut wehren gefährliche Erreger ab.

Die kleinen Mitbewohner spielen – das

wird erst jetzt so richtig klar – aber auch eine

wichtige Rolle bei erstaunlich vielen

Krankheiten: angefangen bei Darmerkrankungen

über Rheuma bis hin zu Depressionen.

Wie im tropischen Dschungel, in dem

sich Pflanzen und Tiere in einem sensiblen

ökologischen Gleichgewicht befinden, hat

es auch für das Mikrobiom katastrophale

Folgen, wenn sich die Zusammensetzung

der Mikrobenarten verschiebt. Das Abwehrsystem

des Menschen kann dadurch

so irritiert werden, dass Immunzellen körpereigenes

Gewebe angreifen. Chronische

Wimmelbild Im Bauch tobt die Schlacht

zwischen guten und schlechten Bakterien

Entzündungen im Darm wie Morbus

Crohn aber auch multiple Sklerose, Rheuma

oder die Zuckerstoffwechselerkrankung

Diabetes sind Beispiele. Oder es können

sich fremde Bakterien breitmachen,

die starke Durchfälle auslösen.

Was tun, wenn das passiert? Gerade

dann, wenn Medikamente keinerlei Wirkung

zeigen und radikale Eingriffe wie etwa

die Entfernung eines Teils des Darms

bevorsteht, sind Ärzte jüngst auf eine rela-

Eifrige Forscher

Zahl derStudien und Publikationen zu

Stuhltransplanationen*

80

60

40

20

0

wissenschaftliche Publikationen

registrierte klinische Studien

2009 2010 2011 2012 2013

*inder Datenbanken Pubmed und Clinicaltrials.gov

für den englischen Suchbegriff „fecal microbiota

transplantation“; Quelle: Nature

UNAPPETITLICH, ABER WIRKSAM

Zugegeben: Die Methode ist alles andere

als appetitlich. Doch sie zeigte in einzelnen

Fällen auch bei Parkinson-Patienten und

Menschen mit Autoimmunkrankheiten

wie multipler Sklerose (MS) große Wirkung.

Sogar Autisten, die sich mehr oder

weniger stark von der Welt abkapseln,

schien eine neue Darmflora zu mehr Weltoffenheit

zu verhelfen – auch wenn die zugehörigen

Publikationen umstritten sind.

Denn bisher gibt es hier keine sauberen klinischen

Studien, sondern lediglich Einzelfallbeobachtungen.

Wenn sich die Wirksamkeit

aber in Zukunft mit Studien belegen

lässt, scheint das Potenzial möglicher

Anwendungen geradezu fantastisch.

Entsprechend groß ist das Interesse an

der neuen Therapieform. Forscher wie Kliniken

sind elektrisiert. Die Zahl der wissenschaftlichen

Veröffentlichung zum Thema

steigt derzeit sprunghaft an. Ebenso die

Zahl der gerade laufenden klinischen Studien

(siehe Grafik). Und immer mehr Krankenhäuser

bieten die neue Heilmethode an.

Manch verzweifelter Patient hat auch schon

die im Internet kursierenden Do-it-yourself-Anleitungen

ausprobiert, wie Stuhlproben

von Freunden und Verwandten im heimischen

Badezimmer aufzubereiten sind.

Ausgelöst hat den derzeitigen Hype eine

klinische Studie aus den Niederlanden, die

Anfang 2013 veröffentlicht wurde. Es war

weltweit die erste Studie, in der Ärzte die

seit den Fünfzigerjahren beschriebene

Methode des Transfers fremdem Stuhls

systematisch unter die Lupe nahmen.

Die Forscher wählten dazu Patienten aus,

die an einer Infektion mit dem aggressiven

Darmkeim Clostridium-difficile litten. Er

verursacht schwere Durchfälle und hat sich

inzwischen zu einer echten Plage entwickelt.

So erfasste das Bundesamt für Statistik

2012 in deutschen Krankenhäusern 28 950

Clostridium-difficile-Infektionen (CDI).

2250 der Patienten starben. 1998, als die Erkrankung

erstmals in die Statistik aufgenommen

wurde, gab es nur drei Todesfälle.

Bisher bekämpfen die Ärzte den Keim

mit einer Reihe von Antibiotika. Doch

»

FOTOS: GETTY IMAGES, AGENTUR FOCUS/EYE OF SCIENCE [MONTAGE]

68 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

bei einem Fünftel der Betroffenen

kommt der Erreger immer und immer wieder

zurück. Ein normales Leben oder eine

Berufstätigkeit ist bei zehn bis zwölf Durchfallattacken

pro Tag quasi unmöglich.

Genau solche Rückfallpatienten behandelten

die Mediziner in Amsterdam

mit den Stuhltransplantaten. 15 von 16

Patienten waren den Keim danach los.

Doch nur 4 von 13 Patienten in der

mit Antibiotika behandelten Vergleichsgruppe

wurden kuriert. Die Stuhltherapie

war so erfolgreich, dass die behandelnden

Ärzte die Studie aus ethischen Gründen

abbrachen. Es war den Patienten nicht

zuzumuten, auf die so wirksame Stuhltherapie

zu verzichten.

Auch Kliniken in Bremen, Berlin, Jena,

Heidelberg oder Ulm bieten die Therapie

neuerdings an. Allerdings nur in Einzelfällen.

Denn bisher weiß kein Arzt so recht,

wie die rechtliche Lage ist. Auch die Deutsche

Gesellschaft für Infektiologie arbeitet

gerade erst daran, Leitlinien für den Umgang

mit den Stuhlspenden zu entwerfen.

Angesichts der großen Nachfrage zerbrechen

sich auch Experten der deutschen

Zulassungsbehörde – des Bundesinstituts

für Arzneimittel und Medizinprodukte in

Bonn – gerade die Köpfe darüber, wie der

Einsatz der Methode geregelt und in sichere

Bahnen gelenkt werden könnte.

Klarheit will Maria Vehreschild hier

schaffen. Sie leitet an der Medizinischen

Klinik der Universität Köln die Studien

zum Fäkal-Transfer. Sechs Patienten hat sie

seither behandelt und dabei gewisse Routinen

entwickelt, die in die Leitlinien einfließen

sollen. Dabei geht es etwa um die

Frage, auf welche Krankheitserreger Spender

und Stuhlproben getestet werden müssen.

Aber auch darum, ob der gereinigte

und verdünnte Stuhl besser über eine Nasensonde,

einen Einlauf oder per Magenspiegelung

und Dünndarmsonde an Ort

und Stelle gebracht wird.

NOCH FEHLEN KLARE REGELN

Auch ob Verwandte und Lebenspartner

oder professionelle Spender sich besser

eignen, will Vehreschild herausfinden. Der

Charme der Bekannten-Spende: Je enger

Menschen zusammenleben, desto mehr

ähnelt die übertragene Darmflora der eigenen.

Das Problem ist nur: Die Prozedur ist

aufwendig. Viel einfacher und effektiver ist

es laut Vehreschild, immer wieder Stuhlproben

desselben, bereits auf Erkrankungen

durchgecheckten Spenders zu nehmen.

Das spart Zeit und Geld.

2250 Patienten

bringt Clostridium

difficile proJahr

in Deutschland um

TAYMOUNT CLINIC

Rettung oder

Abzocke?

Nahe London bietet eine kleine

Privatklinik seit fast zehn Jahren

Bakterientransplantation an.

Wer unter klassisch nicht zu heilenden

Darmerkrankungen leiden, für den ist

die Taymount Clinic im Norden von London

eine Art Rettungsinsel. Denn dort

bieten Enid und Glenn Taylor seit fast

zehn Jahren die Behandlung mit Stuhltransplantaten

an. Die Therapie bewies

2013 bei Infektionen mit dem Darmkeim

Clostridium difficile ihre Wirksamkeit

(siehe Haupttext). Zu Preisen

zwischen knapp 2500 und 10 000 Euro

saniert die geschäftstüchtige Klinik

aber auch die Darmflora von Menschen

mit multipler Sklerose, Autismus und

chronischer Erschöpfung – auch wenn

die Datenlage noch dünn ist.

Langfristig muss aber eine klare Reglung

her, sagt die Ärztin, um das Verfahren zu

standardisieren und möglicherweise zu einem

Fertigprodukt zu kommen.

Daran arbeitet zum Beispiel auch das

Forscherteam um Emma Allen-Vercoe an

der kanadischen University of Guelph in

Ontario. RePOOPulate hat Allen-Vercoe

das Projekt der Darm-Wiederbesiedlung

genannt. Und sie will ganz weg von der

Stuhlspende. Stattdessen strebt sie an, einen

ausgewählten gesunden Bakterien-

Cocktail im Labor zu züchten und ihn

möglicherweise in eine Medikamentenkapsel

zu verpacken. Die kann der Patient

dann einfach schlucken.

Noch ist das Zukunftsmusik. In den USA

hat Mark Smith immerhin schon eine Art

Versandhandel namens OpenBiome aufgebaut.

Für 250 Dollar können Ärzte dort

geprüfte Stuhltransplantate beziehen. Der

Mikrobiom-Forscher Smith gründete die

gemeinnützige Organisation, nachdem er

bei einem Freund miterlebt hatte, wie der

nach qualvollen Jahren mit einer chronischen

Chlostridien-Infektion endlich

durch ein Stuhltransplantat geheilt wurde.

Der Haken ist nur: Die US-Gesundheitsbehörde

FDA hat gerade vorgeschlagen,

dass Ärzte die Therapie in Zukunft nur

noch im Rahmen von genehmigten Studien

durchführen dürfen. Dann wäre es für

Patienten sehr schwierig, einen Arzt zu finden,

der die Therapie einsetzen darf. Daher

hat Smith jüngst im renommierten

Wissenschaftsmagazin „Nature“ Alarm geschlagen.

Er forderte die Gesundheitsbehörden

auf, Patienten den legalen Zugang

zu Stuhltransplantaten zu ermöglichen.

WENN AUS... GOLD WIRD

Denn die Tatsache, dass medizinische Laien

in ihrer Not zur Selbsthilfe greifen, hält

er für sehr riskant. Zwar ist das Prozedere

mit YouTube-Videoanleitung vermutlich

ganz gut zu beherrschen. Doch diese

Transplantate durchlaufen keinerlei Sicherheitscheck.

Noch skurriler: Smiths

OpenBiome-Stuhl-Bank bekam sogar Anfragen,

ob und wie auch der Kot von Haustieren

aufzubreiten sei.

Auch in Deutschland ist die Versorgungslage

mit heilsamen Darmbakterien

noch sehr dünn. Die Therapie komme aber

auch nicht für jeden CDI-Patienten infrage,

sagt die Kölner Ärztin Vehreschild. Sie setzt

erst nach mehreren Rückfällen auf die

Neubesiedlung mit fremdem Stuhl.

„Bei Anwendungsfeldern außerhalb der

CDI können wir noch nicht sagen, ob die

Therapie etwas bringt“, bremst sie übertriebene

Erwartungen. Aber sie will es gerne erforschen.

Vor allem bei anderen Darmerkrankungen

vom Reizdarm bis zu Autoimmunstörungen

– sieht sie große Chancen.

Für andere Einsatzfelder wie Parkinson,

Autismus oder sogar Depressionen wagt

Vehreschild noch keine Prognosen. „Wir

wissen bisher noch gar nicht, was wir da alles

übertragen und welche langfristigen Effekte

das hat.“ Ihr Credo lautet deshalb: „Wir

müssen unsere winzigen Mitbewohner

noch viel besser erforschen.“

n

susanne.kutter@wiwo.de

FOTO: AGENTUR FOCUS/SPL/JENNIFER HULSEY

70 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Nach harten Jahren sind Umwelttechnik-

Start-ups bei Investoren wieder beliebt. Nun tun sich

andere Branchen schwer. Von Matthias Hohensee

Sinuskurve der Hoffnung

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wohl und Wehe der High-

Tech-Branche sind heftigen

Schwankungen unterworfen.

Genau das macht sie für

Investoren interessant. Die Kunst ist nur,

rechtzeitig einzuschätzen, was demnächst

Mode ist. Und auch, wo die Realität dem

Hype den Wind aus den Segeln nimmt.

Auf dieser Sinuskurve der Hoffnungen

bewegte sich Umwelttechnik seit 2011 stetig

nach unten. Die Produktion von Solarmodulen

entpuppte sich als Milliardengrab.

Der Boom alternativer Fördermethoden wie

Fracking für Gas und Öl unterminierte erneuerbare

Energieträger. Wagniskapitalgeber

im Silicon Valley, die mit Internet-Startups

teils in wenigen Monaten ihren Einsatz

vervielfachen, stiegen – wie Andreesen Horowitz

– erst gar nicht in klassisches Cleantech

ein oder schraubten ihre Aktivitäten

zurück, wie Mohr Davidow. Die Misere gipfelte

in dem Bonmot von Joe Dear. „Cleantech“,

unkte der Ex-Investmentchef der

Pensionskasse Calpers, sei eine „noble Art,

um Geld zu verlieren“. Das Zitat stammt

vom Frühjahr 2013.

An dieser Stelle stand damals, dass clevere

Kapitalgeber die düstere Stimmung

nun für den Einstieg in Umwelttechnik nutzten.

Denn die Bewertungen der Start-ups

waren wegen der enttäuschten Hoffnungen

wieder attraktiv. Zudem bildete sich

mit dem „Cleanweb“ ein neues Segment

heraus, mit viel niedrigerem Risiko.

Start-ups, die etwa Lösungen für effektiveren

Stromverbrauch in Datenzentren,

Bürobauten oder Haushalten entwickeln,

benötigen weit weniger Kapital als zum Beispiel

Hersteller von Solarzellen. Zugleich

blieben die staatlichen Vorgaben zum stärkeren

Einsatz von erneuerbaren Energien

und von Einspartechnik unverändert.

Inzwischen lässt sich der vorausgesagte

Aufwärtstrend mit Zahlen belegen. Seit

Sommer ziehen die Investitionen in Cleantech

in den USA wieder an. Besonders positiv

fiel das erste Quartal 2014 aus, wie die

neueste Studie von CB Insights belegt. Der

Sektor erhielt 563 Millionen Dollar Wagniskapital,

38 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Zum besseren Klima trug nicht nur der

unerwartet gute Absatz von Teslas Elektroautos

bei. Fantasien beflügelt auch der

Verkauf von Nest Labs. Für den Hersteller

vernetzter Thermostate zahlte Google 3,2

Milliarden Dollar. Das Start-up verzwanzigfachte

in nur dreieinhalb Jahren das eingesetzte

Kapital von Investor Kleiner Perkins.

ZWERGE, DIE RIESEN SCHLAGEN

Positiv für den Sektor ist auch der jüngste

Börsengang von Opower, der dem 2007

gegründeten Start-up eine Börsenkapitalisierung

von knapp einer halben Milliarde

Dollar bescherte. Opower hilft Energieversorgern

bei der Auswertung von Strom- und

Heizungsverbrauchsdaten ihrer Kunden

und dem Versand von darauf basierten

Spartipps an Haushalte. Und zwar in Papierform.

Google und Microsoft hatten

2011 – erfolglos – Ähnliches versucht, sich

anders als Opower aber auf reine Internet-

Portale fokussiert. Das Beispiel inspiriert

Gründer, weil es zeigt, wie sich Start-ups

gegen Giganten durchsetzen können.

Cleantech ist wieder in Mode. Das wirft die

Frage auf, welche andere Branche überhitzt

ist, in der die Sinuskurve ihren Gipfel schon

wieder überschritten hat? Manches spricht

dafür, dass es Start-ups trifft, die mobile

Apps und Dienste anbieten? Die sammelten

vergangenes Jahr die Rekordsumme von

3,6 Milliarden Dollar ein. Das hat den Wettbewerb

so angestachelt, dass sich ihre

Geschäftsmodelle, die oft auf Aboverkauf

setzen, kaum mehr durchsetzen lassen.

Trotzdem wird die Korrektur wohl noch

etwas dauern, vor allem nach dem Verkauf

des SMS-Dienstleisters Whatsapp für 19

Milliarden Dollar an Facebook. Was aber

nichts daran ändert, dass längst nicht jedes

App-Start-up bei einem Internet-Giganten

sein neues Zuhause findet.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 71

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Management&Erfolg

Erfinde dich neu

GRÜNDER | Ob Schokoladeproduzent, Internet-Handelsportal oder Kohlehersteller:

Der WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb zeigt: Erfolg hat nur, wer bereit ist,

Strategie, Geschäftsmodell und Zielgruppe immer wieder radikal zu überdenken.

Als der Druck zu

groß und die Zahlen

zu schlecht

wurden und auch

noch die Gespräche

mit einem potenziellen

Investor platzten, sah Friedrich

von Ploetz nur noch eine Option: Er machte

sich auf den Weg zum Potsdamer Amtsgericht

und beantragte Insolvenz für

Suncoal – das Unternehmen, das er 2007

mit seinem Kompagnon Tobias Wittmann

gegründet hatte. Die Idee: aus Abfällen

wie Klärschlamm oder Grünschnitt Kohle

zu produzieren. Sechs Jahre hatten beide

viel Herzblut, Energie und Geld in die

Firma gesteckt – bis sie vor einem Jahr

die Reißleine zogen. „Der Schritt war eine

Erleichterung“, sagt von Ploetz heute,

„danach mussten wir keinen überhöhten

Erwartungen mehr hinterherlaufen und

konnten uns ganz darauf konzentrieren,

das Unternehmen schlank und effizient

neu aufzustellen.“

Dass Start-ups wie Suncoal scheitern,

ist eher die Regel als die Ausnahme:

Laut KfW-Gründungsmonitor gibt jedes

dritte Start-up innerhalb der ersten drei

Jahre auf. Rund 26 000 Unternehmen meldeten

laut Creditreform im vergangenen

Jahr Insolvenz an – fast 80 Prozent von

ihnen hatten maximal fünf Mitarbeiter.

„Scheitern gilt hierzulande zu Unrecht

als Schande“, sagt der Bonner Seriengründer

Frank Thelen, den eines seiner ersten

Unternehmen 2001 an den Rand der Privatinsolvenz

getrieben hat. „Aber gerade

aus solchen Krisen“, sagt der 38-Jährige,

„kann man als Unternehmer besonders

viel lernen.“

Geld und gute Leute

WasGründern derzeit die größten

Sorgen bereitet (in Prozent)

Finanzierung

Fachkräftemangel

Konkurrenzsituation

Rechtliche

Rahmenbedingungen

Produktentwicklung

Politische

Rahmenbedingungen

Konjunktur

Steigende Kosten

(z.B. Mieten)

12

14

20

Quelle: EY Start-up-Barometer Deutschland

5

24

28

36

44

Denn die Ursachen sind vielfältig: Manche

Start-ups geraten in Schieflage, weil ihre

Geschäftsidee nicht trägt; andere, weil

ihre Gründer sich zerstreiten oder sie jene

Ziele nicht erreichen, die sie mit ihren Investoren

vereinbart haben.

Kein Wunder also, dass auch Preisträger

und Finalisten des WirtschaftsWoche-

Gründerwettbewerbs nicht vor Krisen gefeit

sind. Zwar schufen allein die 36 Startups,

die es seit 2007 ins Finale geschafft haben,

mehrere Hundert Jobs. Allerdings

sind manche Start-ups auch verschwunden

– etwa Printr.net aus Düsseldorf, Finalist

2011. Die Idee, an zentralen Standorten

wie Hotels Druckerterminals aufzubauen,

an denen Geschäftsreisende Dokumente

ausdrucken können, ging nicht auf – Ende

2012 wurde Printr.net abgewickelt.

Deutlich weiter brachte es Chocri, das

den Wettbewerb 2009 gewann: Der Schokohersteller,

an dem sich 2010 Ritter Sport

beteiligte, verkauft heute nicht mehr nur

eigene Schokotafeln übers Internet, sondern

auch Produkte anderer Süßwarenhersteller

und ist in der Branche deutschlandweit

bekannt. Jetzt will Chocri in Zusammenarbeit

mit Franchise-Unternehmen

deutschlandweit Ladenlokale eröffnen

(siehe Seite 76).

HILFREICHER STRATEGIEWECHSEL

Wie sehr so ein Strategiewechsel helfen

kann, zeigt das Kölner Unternehmen Coupies,

das 2010 im Finale stand. Lange versuchte

das Start-up, mit digitalen, mobilen

Rabattcoupons dem Einzelhandel neue

Kunden zu bescheren, den Nutzern Geld

zu sparen und dem eigenen Unternehmen

Provisionen einzuspielen. Dafür aber hätten

die Händler ihre Kassensysteme anpassen

müssen – für viele Geschäfte schlicht

zu viel Aufwand. Die Folge: Coupies kam

nicht aus den Startlöchern.

Also passten Frank Schleimer und seine

Mitgründer 2013 ihre Idee radikal an. Heute

können Kunden die Rabattgutscheine

von Herstellern nutzen, indem sie Kassenbons

nach ihrem Einkauf mit der App von

Coupies fotografieren. Anschließend wird

ihnen ein Bonus gutgeschrieben. So können

Hersteller wie Ferrero Rabattaktionen

starten, ohne sich mit Einzelhändlern abstimmen

zu müssen. Und Coupies ist nicht

mehr darauf angewiesen, dass die Händler

ihr System an der Kasse integrieren.

Gründern kann es auch nutzen, ihre

Zielgruppe neu zu definieren – so wie Robin

Behlau und Mario Kohle: Auf knapp

3000 Quadratmetern und mehreren Etagen

an der Berliner Friedrichstraße arbei-

FOTO: NILS HENDRIK MÜLLER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

72 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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ten rund 220 Mitarbeiter für das Unternehmen

Käuferportal, das 2013 rund 20 Millionen

Euro umgesetzt hat. Das Unternehmen

ist nach eigenen Angaben heute der

größte Vermittler hochwertiger Produkte in

Deutschland, von Küchen über Wintergärten

bis zu Solarzellen. 2013 vermittelte es

Waren im Wert von 500 Millionen Euro. Die

Mitarbeiter von Käuferportal suchen bis zu

drei potenzielle Anbieter in der Umgebung

des Interessenten. Für die Kunden ist die

Suche kostenlos, Anbieter von Ikea über

Obi bis zum kleinen Handwerksbetrieb

FRIEDRICH VON PLOETZ, 36

TOBIAS WITTMANN, 37 (RECHTS)

SUNCOAL INDUSTRIES

Geschäftsidee Technologie, die Bioabfälle

in energiehaltige Kohle verwandelt

Gegründet 2007

Bilanz Nach Insolvenz mit neuem

Eigentümer wieder in der Gewinnzone

Dass Käuferportal heute so erfolgreich

ist, hängt mit einem Strategiewechsel zusammen:

Anfangs konzentrierte sich das

Unternehmen auf Firmenkunden, denen

es Geräte wie Kopierer oder Telefonanlagen

vermitteln wollte. Das Geschäft entwickelte

sich schleppend, immer wieder

drohte das Geld auszugehen. Erst als die

Gründer 2010 probehalber anfingen, Fotovoltaikanlagen

zu vermitteln, merkten sie,

dass ihr Konzept mit Privatkunden viel

besser funktioniert. Also verlagerten sie

kurzerhand den Fokus – und wuchsen

zahlen in der Regel zwischen 40 und 120

Euro für die erfolgreiche Anbahnung des

Geschäfts – und profitieren, wenn der Kunde

am Ende bei ihnen kauft. »

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 73

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Management&Erfolg

»

innerhalb von 18 Monaten von 17 auf

200 Mitarbeiter.

So soll es weitergehen: Im März steckte

die Investitionsbank Berlin 3,3 Millionen

Euro in das Berliner Unternehmen – in

Form eines Darlehens und eines Forschungszuschusses.

Mit dem Geld will

Behlau 50 neue Mitarbeiter einstellen und

in ganz Europa zum Marktführer werden.

„Langfristig ist für uns sogar ein Börsengang

denkbar“, sagt der Gründer. „Als Unternehmer

musst du schließlich immer bereit

sein, neue Dinge zu wagen.“

Letzteres können auch Friedrich von

Ploetz und Tobias Wittmann bestätigen.

Mit ihrer Idee, Bioabfall zu Kohle zu pressen,

trafen die Suncoal-Gründer 2007 nicht

nur den Zeitgeist, sie überzeugten 2008

auch die Jury des WirtschaftsWoche-Gründerpreises.

Zunächst deutete bei dem Start-up aus

Ludwigsfelde bei Berlin auch alles auf einen

schnellen Erfolg hin: Die vier Gründer

fanden prompt Investoren, die den Aufbau

von Pilotanlagen finanzieren und schnell

expandieren wollten. Doch die Erwartungen

an die Gründer stiegen schneller als

ROBIN BEHLAU, 29 (LINKS)

MARIO KOHLE, 29

KÄUFERPORTAL

Geschäftsidee Vermittlungsplattform

für Produkte und Dienstleistungen

Gegründet 2008

Bilanz Starkes Wachstum, seit das Unternehmen

auf Privatkunden fokussiert

Umsatz und Kundenzahl. Zum Zeitpunkt

der Insolvenz waren acht Geldgeber beteiligt.

„Wahrscheinlich hätten wir von Anfang

an besser nach einem Industrieunternehmen

als Investor und Partner suchen

sollen als nach wachstumsgetriebenen

Wagniskapitalgebern“, sagt Gründer von

Ploetz heute.

Angesichts der drohenden Pleite legten

er und Wittmann 2013 den Hebel um. Sie

entschieden sich für eine geplante Insolvenz

im sogenannten Schutzschirmverfahren:

Unternehmen können diesen Schritt

gehen, wenn sie noch zahlungsfähig sind

und eine Sanierung möglich ist. Dann zahlt

die Bundesagentur für Arbeit drei Monate

lang die Gehälter; außerdem kann das Unternehmen

für diesen Zeitraum die Zahlung

von Betriebsausgaben aussetzen – etwa

die Miete, Leasingraten und Steuern.

RETTUNG IN DREI MONATEN

Von Ploetz und Wittmann retteten so innerhalb

eines Vierteljahres Produktionsanlagen

und Patente, machten ihre Entscheidung

freiwillig öffentlich, um möglichst

schnell mit neuen Geldgebern ins Gespräch

zu kommen. Und fanden tatsächlich

einen neuen Investor, der Suncoal

komplett übernahm und die Forderungen

der Gläubiger zu mehr als 25 Prozent bediente

– laut einer Studie des Bonner Instituts

für Mittelstandsforschung deutlich

mehr, als Gläubiger in Insolvenzverfahren

im Schnitt erhalten.

Im Sommer 2013 nahmen die Gläubiger

den Insolvenzplan an, Suncoal war gerettet.

Heute haben von Ploetz und Wittmann

zwar nur noch fünf statt zehn Mitarbeiter,

aber wieder gut zu tun: Im Labor und in der

Produktionsanlage stapeln sich jetzt Säcke

mit Materialproben – etwa Grün-Abfälle

aus der Palmölproduktion in Malaysia.

Suncoal bestimmt die Qualität und entwickelt

Projekte für Anlagenbauer vor Ort, die

aus den Abfällen Biokohle machen wollen.

Inzwischen peilt das Unternehmen mehrere

Hunderttausend Euro Umsatz pro Jahr

an und ist nach eigenen Angaben profitabel.

„Geld verdienen“, sagt Gründer Wittmann,

„ist schöner als Geld bei Investoren

einsammeln.“

Zwar ist von Ploetz bei Suncoal jetzt nur

noch Angestellter statt Miteigentümer.

Doch seine Lektion hat er gelernt: „Als Unternehmer

durchlebst du schwierige Phasen,

in denen du Durchhaltevermögen beweisen

musst“, sagt er. „Du musst bereit

sein, dich immer neu zu erfinden.“

jens.toennesmann@wiwo.de

FOTOS: PR

74 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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2011 Retro in

die Zukunft

Erfolgreich ausgerollt Daniel, Patrik und Philipp Tykesson (von links) entwickeln ihr Zweirad

Kumpan Electric permanent weiter und wollen jetzt ins Ausland expandieren

2012 Tradition

trifft Innovation

MEINE MÖBELMANUFAKTUR Am Ende

hat es nicht ganz gereicht: Mindestens

1000 Möbelstücke wollte das Start-up Meine

Möbelmanufaktur 2013 verkaufen.

Auch wenn es weniger waren – Gründer

Sebastian Schips und Birgit Gröger sind

optimistisch, 2014 bis zu 1500 individuell

angefertigte Möbel zu verkaufen. Über die

Internet-Seite des Start-ups aus dem

schwäbischen Köngen können Kunden

Schränke, Regale und Sideboards selbst

gestalten – mit Fächern, Schiebetüren und

Schubladen, Krawattenhaltern und Kleiderliften.

Wer bestellt, erhält die Einzelteile

einige Wochen später mit einer genauen

Bauanleitung. Hergestellt werden die Bauteile

in der Schreinerei, die Schips’ Vater

gehört und die es seit 90 Jahren gibt.

MÖBEL AUS DEM NETZ SIND IN

Tradition und Innovation: Mit dieser Verbindung

sicherte sich Meine Möbelmanufaktur

2012 den Sieg beim Gründerwettbewerb.

Denn die Gründer setzen auf einen

Trend: Einer Umfrage des Branchenverbands

Bitkom zufolge hat bereits jeder vierte

Internet-Nutzer Möbel im Netz gekauft.

Laut einer Studie des Kölner Instituts für

Handelsforschung gehen 60 Prozent der

deutschen Konsumenten davon aus, dass

das bald so alltäglich sein wird wie bei

Schuhen oder Kleidung. Für 2013 prognostizierte

die Studie einen Anstieg des Online-Umsatzes

mit Möbeln um 40 Prozent.

Sebastian Schips hat das rechtzeitig erkannt:

Nach seinem Holztechnik-Studium

wurde ihm klar, dass er ein neues Unternehmen

und eine neue Marke braucht, um

der Schreinerei seines Vaters auch künftig

Aufträge zu bescheren und die rund 25 Arbeitsplätze

zu erhalten. In wochenlanger

Arbeit programmierte er einen Konfigurator,

mit dem sich Schränke virtuell gestalten

lassen. Vor gut zwei Jahren war es so

weit: Meine Möbelmanufaktur eröffnete.

Damals waren Schips und Mitgründerin

Birgit Gröger noch allein auf weiter Flur.

Gröger arbeitete sogar noch nebenher für

ein anderes Unternehmen. Das hat sich

inzwischen geändert: Seit Herbst vergangenen

Jahres konzentriert sie sich voll auf

ihr Start-up, das inzwischen drei Mitarbeiter

beschäftigt. Aktuell sucht

Gröger einen Marketingassistenten.

Knapp 60 Kandidaten

haben sich beworben.

Nach langer Anlaufzeit ist es

dem Unternehmen außerdem

gelungen, ein drängendes Problem

zu lösen. Im Juni wird eine Maschine

geliefert, mit der sich die Möbelteile passgenau

verpacken lassen. Damit können

die Gründer Möbel jetzt schneller und

günstiger versenden. Außerdem lassen

sich die Möbel jetzt in 3-D-Ansicht konfigurieren,

und das Start-up hat einen

Partner gefunden, der für Kunden gegen

Aufpreis Räume ausmisst.

Und wenn etwas mal trotzdem nicht so

passt wie bestellt? Dann kümmern sich die

Gründer persönlich. Neulich etwa bemerkte

ein Kunde aus Zürich, dass an einem

Schrank ein Ausschnitt fehlt. Kurzerhand

schnappte sich Schips das nötige Werkzeug,

kam vorbei und sägte die Ecke aus.

„Hat Spaß gemacht“, sagt der Gründer,

„und der Kunde war glücklich.“

E-BILITY Wer dem Start-up E-Bility in Remagen

einen Besuch abstattet, begibt sich

auf eine Zeitreise: Auf einer runden Freifläche

zwischen den Büros stehen ein Nierentisch

und Cocktailsessel; auf einem

Sideboard ein alter Röhrenfernseher und

ein orangefarbenes Telefon mit Wählscheibe.

Dazwischen: Roller im Design der

Fünfzigerjahre – mit geschwungener Verkleidung,

glänzendem Lack und viel

Chrom. Doch unter ihrer Sitzbank aus

Kunstleder sind die Zweiräder namens

Kumpan electric hochmodern: Sie besitzen

bis zu drei Batterien, die sich zum Aufladen

herausnehmen lassen und die Roller

bis zu 120 Kilometer weit bringen – ohne

Knattern und Qualmen.

Mit seinen Ökorollern im Retro-Look hat

E-Bility im Jahr 2011 den Gründerwettbewerb

für sich entschieden. Seitdem ist das

junge Unternehmen kontinuierlich gewachsen:

Heute listet es rund 220 Händler

und Servicepartner in ganz Deutschland,

beschäftigt hierzulande 20 Mitarbeiter und

fünf in China, wo es die Roller bei verschiedenen

Produzenten fertigen lässt, bevor

sie in Remagen für den Einsatz im Straßenverkehr

zusammenmontiert werden. Im

Lager stapeln sich zeitweise bis zu 1500

mannshohe Kartons mit Rollern; im Keller

türmen sich Reifen, unterm

Dach Ersatzteile.

Zwar will das Unternehmen

keine Angaben zum

Umsatz machen. „Aber seit

2012 sind wir profitabel“,

sagt Daniel Tykesson, der

E-Bility mit seinen Brüdern Patrik und Philipp

2009 gegründet hat. Jetzt hat das Trio

die nächste Stufe gezündet: Noch im April

werden sich zwei Privatinvestoren aus der

Automobilzulieferindustrie und dem Telekommunikationssektor

sowie die Wagnisfinanzierungsgesellschaft

für Technologieförderung

in Rheinland-Pfalz (WFT) mit

zehn Prozent an dem jungen Unternehmen

beteiligen. Zurzeit befinden sich die

Gründer in den letzten Vertragsverhandlungen.

Zur Höhe der Investition schweigen

die Gründer, allerdings sei das Unternehmen

mit einem höheren Millionenbetrag

bewertet worden. „Damit sind wir sehr

zufrieden“, sagt Daniel Tykesson, der sich

bei E-Bility um Finanzfragen kümmert,

„außerdem haben wir Investoren gefun-»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 75

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Management&Erfolg

»

den, die zu 100 Prozent an unsere Vision

und Strategie glauben und gut zum Unternehmen

passen.“

Das frische Kapital wollen die Gründer

in die Vermarktung stecken, denn die Zahl

ihrer Wettbewerber steigt. Außerdem wollen

sie zukünftig stärker ins Ausland expandieren

und suchen dafür nach finanzstarken

Partnern. Bisher verkauft E-Bility

mehr als 80 Prozent seiner Roller an Kunden

im Inland. Dafür klappern mehrere

Vertriebler Tag für Tag Autohäuser und

Fahrradgeschäfte, Solaranlagenbauer und

Kaufhäuser ab, um die Inhaber von ihren

Elektrorollern zu überzeugen.

„Manchmal holen

wir uns dabei

immer noch eine

blutige Nase“, sagt

Philipp Tykesson,

im Gründerteam

für den Vertrieb

zuständig. Im besten Fall nehmen die

Händler dagegen nicht nur einige Zweiräder

ab, sondern gleich ein ganzes

Shop-in-Shop-System, das sie auf ihrer

Verkaufsfläche aufbauen. Wer will, kann

sogar die Nierentische und Cocktailsessel

dazu bestellen, die die Tykessons auch in

ihrem eigenen Unternehmen aufgebaut

haben.

Die Tykesson-Brüder denken indes an

die Zukunft: Derzeit arbeiten sie an einer

kleineren Variante des Rollers im Retro-

Design. Patrik Tykesson, der die Produktion

leitet, ist zurzeit in China unterwegs

und hat dort einen Hersteller für ein weiteres,

ganz anderes Produkt gefunden: Helme

im Retro-Look. Demnächst sollen die

ersten 2000 angeliefert werden

2010 Nachhaltig

und nachgeahmt

AVOCADO STORE Manche Start-ups können

ohne ihre Gründer besser überleben

als mit ihnen. Wie gut, das beweist das

Hamburger Unternehmen Avocado Store.

Auf dem gleichnamigen Ökomarktplatz im

Internet bieten mehr als 300 Händler mehr

als 50 000 nachhaltige Produkte an – vom

Babystrampler aus Biobaumwolle bis zum

biologisch abbaubaren Salatbesteck. Das

Start-up erwirtschaftet einen Jahresumsatz

von drei Millionen Euro, beschäftigt 13 Mitarbeiter

und ist profitabel. „Unser Ziel, ein

grünes Amazon zu werden, ist greifbar

nah“, sagt Mimi Sewalski, die Geschäftsführerin

des Unternehmens.

Gegründet wurde Avocado Store eigentlich

von Philipp Gloeckler und dem Seriengründer

Stephan Uhrenbacher. Im Jahr

2009 lernten sich die beiden über den Mikroblogging-Dienst

Twitter kennen, bauten

die Plattform gemeinsam auf und gewannen

2010 den WirtschaftsWoche-

Gründerwettbewerb. Während Uhrenbacher

nach wie vor als Investor an Avocado

Store beteiligt ist, sich aber aus dem operativen

Geschäft heraushält, verließ Gründer

Philipp Gloeckler das Unternehmen im

Jahr 2012 ganz – um sich seinem neuen

Projekt WhyOwnIt zuzuwenden, einer

App, über die sich Gegenstände leihen und

verleihen lassen.

Was für andere junge Unternehmen das

Todesurteil bedeuten kann, machte Avocado

Store nur stärker. Mimi Sewalski übernahm

das Ruder. Sie hatte Anfang 2011 bei

dem Start-up angeheuert – als „Akquisegirl“,

das neue Händler für die Plattform begeistern

wollte, wie sie selbst sagt. Zuvor

hatte sie sich als Umweltschützerin engagiert,

in ihrer Heimatstadt eine Naturschutzgruppe

gegründet und in Israel gegen

die Verwendung von Einwegflaschen

gekämpft. Obwohl sie anfangs nicht begeistert

war, Chefin zu werden, übernahm

sie die Leitung des Start-ups. „Man wächst

mit seinen Aufgaben“, erzählt Sewalski,

„und die Idee hinter Avocado Store ist etwas,

wofür ich wirklich brenne.“

GRÜNES AMAZON

Auch immer mehr Deutsche können mit

dieser Idee offenbar etwas anfangen. Einer

Trendstudie der Otto Group zufolge kaufen

56 Prozent der Bundesbürger häufig Produkte,

die ethisch korrekt hergestellt sind –

ein doppelt so hoher Anteil wie noch vor

vier Jahren. Jeweils neun von zehn Befragten

legen dabei Wert darauf, dass Produkte

umweltfreundlich und unter menschenwürdigen

Bedingungen hergestellt wurden.

77 Prozent gaben an, dafür auch mehr

Geld auszugeben.

Der Trend hat allerdings auch dafür gesorgt,

dass Avocado Store inzwischen

Nachahmer gefunden hat: Andere Ökomarktplätze

kämpfen nun ebenfalls um

den Titel „grünes Amazon“. Mimi Sewalski

lässt sich von den neuen Wettbewerbern

nicht beängstigen: „Das nehmen wir als

Kompliment“, sagt die Ökounternehmerin.

Avocado Store gedeiht schließlich so gut,

dass sie sich für dieses Jahr ein großes Ziel

gesetzt hat: die Expansion ins Ausland.

Dick im Geschäft Chocri-Gründer Michael

Bruck (links) und Franz Duge

2009 Schokolade

für alle

CHOCRI Die Luft riecht nach Kakao, in den

Regalen stehen Pralinen, Schokofiguren

und mit Schokolade überzogene Früchte.

Hinter der Theke verziert eine Mitarbeiterin

mit roter Schürze Schokotafeln mit Zutaten

wie Gewürzen, Nüssen und Früchten

– genauso, wie es sich die Kunden in dem

Geschäft wünschen: So stellt sich Michael

Bruck den ersten Chocri-Laden vor, den er

in diesem Jahr in Berlin eröffnen will. „Das

Geschäft wird die Blaupause“, sagt der Unternehmer,

„danach wollen wir in ganz

Deutschland weitere Läden in einem Franchise-System

aufbauen.“

Für Bruck sind die Läden Teil seiner Multichannel-Strategie,

mit der er das Berliner

Unternehmen Chocri noch erfolgreicher

machen will. Bisher lebt es vom Online-

Handel: Im Jahr 2013 verkaufte Chocri übers

Netz Süßwaren im Wert von rund 3,4 Millionen

Euro – 35 Prozent mehr als im Vorjahr.

38 Mitarbeiter sind fest bei Chocri angestellt,

in Spitzenzeiten wächst das Team auf

bis zu 80 an. Inzwischen umfasst das Sortiment

160 Artikel. Wichtigster Umsatzbringer:

Schokotafeln, die die Kunden auf der

Web-Seite des Unternehmens selbst mit Zutaten

versehen und dekorieren können.

Mit dieser Idee sind Michael Bruck und

sein Mitgründer Franz Duge 2008 gestartet.

Ein Jahr später sicherten sie sich den Sieg

beim Gründerwettbewerb und konnten

mithilfe der Wettbewerbspartner Ritter

»

FOTO: ARCHIV-KLAR

76 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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GRÜNDERPREIS

Neumacher

gesucht

Zu gewinnen gibt es ein Paket aus

Sachleistungen sowie 10 000 Euro

Startkapital.

DIE PREISE

Die Sieger des Hauptpreises werden von

der Anwaltskanzlei Osborne Clarke, der

Agentur thjnk und dem High-Tech Gründerfonds

ein Jahr lang unterstützt. Außerdem

gehören erstmals 10 000 Euro Startkapital

und ein Medienpaket zum Preis.

Einen Sonderpreis gibt es für soziale

Unternehmer, die mit ihrer Geschäftsidee

ein gesellschaftliches Problem lösen wollen.

Alle Preisträger nehmen am Accelerator

Programm der Entrepreneurs’

Organization teil und berichten in der

WirtschaftsWoche und auf wiwo.de im

Gründertagebuch über ihre Fortschritte.

DIE TEILNAHME

Ausgezeichnet werden Gründer, die das

Zeug dazu haben, die Wirtschaft der Zukunft

mitzugestalten. Teilnehmen dürfen

alle seit Anfang 2012 gegründeten oder in

Gründung befindlichen Unternehmen aus

Deutschland, die Rechtsform spielt keine

Rolle. Bewerbungen von Gründerteams

sind besonders erwünscht, erstmals

können sich aber auch Einzelgründer

bewerben.

DIE BEWERBUNG

Bewerben Sie sich bitte mit einem Exposé

zur Geschäftsidee und einem Teaser, mit

dem Sie sich in bis zu 400 Zeichen

vorstellen.

DIE FRIST

Bitte reichen Sie Ihre Unterlagen

ausschließlich als PDF-Dokumente ein

und nutzen Sie dafür unser Portal

award.wiwo.de/gwb2014/

Einsendungen per Post oder E-Mail werden

nicht berücksichtigt. Bewerbungsschluss

ist der 15. Juli 2014.

DIE AUSWAHLPHASE

Unsere Jury aus renommierten Unternehmern

wählt unter Vorsitz von Wirtschafts-

Woche-Chefredakteur Roland Tichy die

besten 30 Bewerber aus. Diese werden

gebeten, bis Anfang. September detaillierte

Unterlagen einzureichen. Sie stellen

sich dann noch einmal der Jury und

nehmen an einem Publikumsvoting teil.

DAS FINALE

Anfang November 2014 präsentieren die

besten fünf Bewerber sowie der Gewinner

des Publikumsvotings ihre Geschäftsidee

vor der Jury. Die Ehrung von Siegern

und Finalisten findet am 27. November

im Rahmen der Gründerkonferenz Neumacher

in Hamburg statt. Der Rechtsweg

ist ausgeschlossen.

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Management&Erfolg

»

Sport als Investor gewinnen. Damals waren

die Gründer froh, wenn sie ein paar

Hundert Tafeln im Monat verkauft haben.

Heute sind es bis zu 100 000, wenn Feiertage

wie Weihnachten bevorstehen.

Allerdings mussten sich die Gründer den

Erfolg hart erarbeiten. „Es geht nicht immer

geradlinig nach oben“, sagt Duge, „wir hatten

mehrere existenzielle Krisen.“ Eine frühe

Expansion in die USA scheiterte genauso

wie der Versuch, die schwachen Sommermonate

durch den Verkauf von Eis nach

Wunsch auszugleichen. Knappe Kapazitäten

und unausgereifte Produktionsprozesse

machten ebenfalls Probleme: „Vor Weihnachten

mussten wir den Verkauf anfangs

schon Mitte Dezember stoppen“, erinnert

sich Gründer Bruck, „heute kann man vor

Feiertagen bis zum Vortag bestellen.“

Um die Kapazitäten auch in den Sommermonaten

besser auszulasten, hat Bruck sich

nun eine neue Idee einfallen lassen: Chocri

individualisiert Produkte im Auftrag anderer

Firmen. Einen ersten Großauftrag konnte

das Unternehmen im Sommer 2013 an Land

ziehen: Für Coca-Cola beklebte es Flaschen

mit Etiketten nach Kundenwunsch. „In Spitzenzeiten

haben wir 18000 Flaschen am Tag

rausgehauen“, erzählt Unternehmer Bruck.

Für Franz Duge war es das letzte große

Chocri-Geschäft: Er verließ die Geschäftsführung,

um sein neues Start-up Presenthub

aufzubauen. Damit will er anderen Unternehmen

helfen, ihre Kunden mit Geschenken

wie Blumen, Wein oder Pralinen samt

einer persönlichen Notiz zu beglücken – etwa

zum Geburtstag, als Dank oder nach einer

Reklamation. Für die Kunden soll das

einfacher, aber nicht teurer sein, als die Geschenke

selbst zu kaufen. Presenthub lebt

von den Provisionen der Händler. Einer von

Duges ersten Kunden: Chocri.

2007 Sexy

Shirts und hippe

Hoodies

anders gehen kann. Zusammen mit Anton

Jurina hat er 2007 das Modelabel Armedangels

gegründet, das auf nachhaltig und

fair produzierte Kleidung setzt – ohne Kinderarbeit,

Hungerlöhne und Pestizide. Die

Textilien sollten zwar öko, aber trotzdem

schick sein. Sexy Shirts und hippe Hoodies

statt kratziger Wollpullis und Batikblusen für

Korklatschenträger: Vor sieben Jahren gewann

das Duo mit dieser Idee den ersten

WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb.

START IN KÖLNER WG

Damals starteten die Gründer in einer Kölner

WG, schrieben Künstler in aller Welt an,

boten ihnen 150 Dollar für schicke T-Shirt-

Designs. Als das Geld nach einigen Monaten

alle war, überzeugten sie Investoren wie Stefan

Glänzer und Axel Schmiegelow, sich an

ihrem Start-up zu beteiligen. Und begeisterten

Prominente wie das Model Eva Padberg

oder Musiker Thomas D., bei öffentlichen

Auftritten ihre Shirts zu tragen. Heute beschäftigt

das Unternehmen 28 Mitarbeiter,

der Umsatz verdoppelt sich Jahr für Jahr.

„Die ersten vier Jahre waren schwierig“, erzählt

Martin Höfeler. „Es gab Fehler und Kri-

Ökoschick Armedangels-Gründer Martin

Höfeler in Kleidung seines eigenen Labels

sen, die teilweise existenziell bedrohlich waren.“

Seine wichtigste Lektion: „Nicht aufgeben,

wenn man an die Grundidee glaubt.“

Es dauerte zum Beispiel eine Weile, bis

Junggründer Höfeler und Jurina begriffen,

dass die Händler vor Ort wichtige Multiplikatoren

für ihre Marke sind, auch wenn die

Marge im stationären Handel niedriger ist

als im eigenen Online-Shop. Immer wieder

gingen die Gründer auf Tour, stellten ihre

Produkte Ladenbesitzern in ganz Deutschland

vor. Heute vertreiben mehr als 500 Geschäfte

Armedangels-Mode, Online-Handel

und stationärer Handel tragen gleich stark

zum Umsatz bei.

Mitgründer Anton Jurina hat das Unternehmen

vor zwei Jahren verlassen und baut

nun ein neues Start-up auf. „Dieser Schritt

war für uns beide nicht einfach, aber richtig

und notwendig“, erzählt Höfeler, der das Modelabel

jetzt alleine führt und nach eigenen

Worten stolz ist, mit seinem Mitgründer weiterhin

guten Kontakt zu haben.

Jetzt will Höfeler mit den Armedangels

auch international expandieren – statt

Dorflandtouren stehen jetzt Reisen in

die Großstädte Europas an. Sein Ziel:

„Beweisen, dass es möglich ist, mit fairem

Verhalten gegenüber Mensch und Natur

erfolgreich zu sein.“

n

ARMEDANGELS Es ist genau ein Jahr her:

Am 24. April stürzte in Bangladesch eine

Textilfabrik in sich zusammen, 1100 Menschen

starben. „Solche Katastrophen sind

die Folgen der Geiz-ist-geil-Mentalität, die

im Textilbereich leider den Markt dominiert“,

sagt Martin Höfeler. „Und sie sind

nur die Spitze des Eisbergs.“

Der 31-jährige Kölner Unternehmer will

das ändern – und hat bewiesen, dass es auch

FOTOS: PR, THORSTEN JOCHIM

78 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Filmreif

GRÜNDERTAGEBUCH | Wie

Secomba seine Qualitätskontrolle

verbessert und warum Vizekanzler

Gabriel dem Start-up

einen Brief geschrieben hat.

Drei Jahre: Jedes dritte Start-up erreicht

dieses Alter nie. Secomba hat

die kritische Marke geschafft. „Wir

leben noch“, haben die Gründer Andrea

Pfundmeier und Robert Freudenreich ihren

Freunden auf Facebook geschrieben

und zu einer großen Party eingeladen. „Wir

sind noch lange nicht fertig!“

Das Start-up hat eine Software namens

Boxcryptor entwickelt, mit der sich beliebige

Dateien verschlüsseln lassen, bevor sie auf

Cloud-Speicherdienste wie Dropbox übertragen

werden. Beim Abruf der Daten über

den PC, Tablet oder Smartphone decodiert

die Software sie wieder. Mehr als eine Million

Menschen haben das Programm heruntergeladen;

jeder zehnte verwendet die Premiumversion

der Software, die bis zu 72 Euro

im Jahr kostet. Mit der Idee haben die Gründer

im Herbst 2013 die Jury des Wirtschafts-

Woche-Gründerwettbewerbs gewonnen.

Seitdem berichtet Andrea Pfundmeier über

die Fortschritte des jungen Unternehmens.

Energie zu Fragen der Informations- und

Kommunikationswirtschaft, insbesondere

im Hinblick auf die deutsche Start-up-Szene.

Ich bin mir sicher: Zusammen können

wir viel für Gründer tun.

19. MÄRZ

Juhu, wir sind beim Deutschen Innovationspreis

unter die drei Finalisten in der Kategorie

„Start-up“ gewählt worden. Heute

wird ein Film über Secomba gedreht – er

soll auf der Preisverleihung gezeigt werden.

Sieben Stunden dauern die Dreharbeiten

– für 90 Sekunden Film.

Feste feiern Secomba-Mitgründer Robert

Freudenreich mit Begleitung, Heinz Bonn

(GUS Group) und Secomba-Mitgründerin

Andrea Pfundmeier (von links) auf dem

Deutschen Innovationspreis in München

chen erlauben. Alle Entwickler konzentrieren

sich heute darauf, jene Testsysteme zu

verbessern, die wir im Alltag einsetzen.

Früher haben wir immer manuell überprüft,

ob sich Dateien mit jeder Version von

Boxcryptor auf die 22 Cloud-Dienste hochladen

lassen. Dieses Verfahren automatisieren

wir jetzt – sparen so viel Zeit und erhöhen

die Chance, Fehler zu finden.

FOTO:

27. FEBRUAR

In den letzten drei Jahren habe ich viel über

Leadership gelernt. Zum Beispiel: Wenn

Unternehmen es schaffen, Mitarbeiter zu

selbstständig handelnden und unternehmerisch

denkenden „Intrapreneuren“ zu

machen, lösen sich viele Motivations- und

Führungsprobleme von selbst. Heute kann

ich beim HVB Forum darüber berichten –

im Gespräch mit HypoVereinsbank-Vorstand

Theodor Weimer. Im Publikum: 300

geladene Gäste – darunter viele Unternehmerinnen,

die wie ich am HVB Gründerinnen

Mentoring der Bank teilgenommen

haben. Ich freue mich, sie wiederzutreffen.

5. MÄRZ

Termin beim Vizekanzler: Sigmar Gabriel

hat mir vergangene Woche einen Brief geschrieben

und mich in den Beirat „Junge

Digitale Wirtschaft“ berufen. Dieser berät

den Bundesminister für Wirtschaft und

28. MÄRZ

Heute findet unser monatlicher Testing

Day statt. Diese Workshops haben wir zu

Jahresbeginn eingeführt, um die Kontrolle

unserer Software zu verbessern – bei der

IT-Sicherheit dürfen wir uns keine Schwä-

Was bisher geschah

Das Timing war

perfekt: Just als Ex-

US-Geheimdienstler

Edward Snowden

2013 die NSA-Spähaffäre

lostrat, veröffentlichte

Secomba eine neue Version

seiner Software. Die hatten die Gründer

nur als Nebenprodukt programmiert,

sie entwickelte sich aber zum Kassenschlager:

Das Start-up verdoppelte

seinen Umsatz, ist fast profitabel und

hat nun 15 Mitarbeiter.

4. APRIL

Wir tragen heute Smoking und Abendkleid

statt Jeans und Turnschuhe: Im Bayerischen

Hof in München findet die Verleihung

des Deutschen Innovationspreises

statt – mit einem Galadinner. Für den ersten

Platz hat es leider nicht gereicht, aber

wir feiern mit den Siegern, Nominierten

und Gästen trotzdem bis tief in die Nacht.

9. APRIL

Heute erscheint unsere Software auf drei

neuen Plattformen. Somit ist Boxcryptor

nun auf insgesamt acht Plattformen verfügbar,

und unsere Nutzer können von fast

allen Geräten auf ihre verschlüsselten Daten

zugreifen. Wir stellen eine Pressemitteilung

ins Netz, rufen Journalisten an und

informieren unsere Nutzer per Newsletter,

Facebook und Twitter. Abends stoßen wir

erschöpft, aber zufrieden auf den erfolgreichen

Release an.

n

Redaktion: jens.toennesmann@wiwo.de

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 79

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Paradies Deutschland

Aktienparadies

statt Zinswüste?

GELDANLAGE | Immobilien sind teuer, Lebensversicherungen unattraktiv, Aktien heiß

gelaufen. Da hilft nur, systematisch zu streuen. Wer Rendite will, braucht auch Aktien.

Deshalb hier: zehn deutsche Werte, die Sie auch noch Ihren Kindern vererben können.

Dass in der Finanzbranche

jemand von anderen kein

Geld mehr nimmt, kommt

so selten vor wie ein Skirennen

in der Sahara. Doch in

diesem Jahr musste die Fondsabteilung der

Schweizer Credit Suisse Anleger davor warnen,

sie weiter mit Geld für ihr Produkt

Equity Fund Small and Mid Cap Germany

zuzuschütten. Der Fonds müsse „temporär“

geschlossen werden, weil sich die Manager

außer Stande sehen, mehr als ein Volumen

von 700 Millionen Euro sinnvoll in

deutsche Nebenwerte, für die das Produkt

konzipiert ist, zu investieren.

Solche Probleme haben Privatanleger

nicht. Sie sehen sich eher außer Stande,

real, also nach Abzug von Inflation und

Steuern, ihr Geld über die Runden zu bringen.

Dazu braucht es Aktien. Nicht nur,

aber eben auch.

ZINSWENDE ERST MAL ABGESAGT

Denn die Zustände, die Anleger vorfinden,

wenn sie in andere Anlageklassen investieren,

sind derzeit nicht berauschend:

n Anleihen. Der globale Konjunkturaufschwung

ist gefährdet – die Wende zu steigenden

Zinsen in weite Ferne gerückt. Die

Russland-Krise, die Probleme der Schwellenländer

von China bis Brasilien und die

Sparprogramme in Südeuropa sorgen für

Verunsicherung. Inflation, die Notenbanken

zwingen würde, die Zinsen anzuheben,

ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Die Sorgen

der Finanzmärkte vor Deflation, also fallenden

Preisen, sind groß wie seit Jahren nicht.

Im Süden Europas fallen die Preise bereits.

Die Agenda der Europäischen Zentralbank

deutet daher auf weiter fallende Zinsen hin:

So könnten die Zentralbanker Anleihen

kaufen, Zinsen direkt senken oder gar Negativzinsen

auf Einlagen berechnen.

Damit würden Anleihekäufe noch unattraktiver.

Immerhin: Wer bereits Anleihen

besitzt, würde bei Deflation zu den Gewinnern

zählen. Denn in diesem Fall würde

sich das in die Anleihen investierte Kapital

trotz Niedrigzins real mehren.

n Immobilien. In Deutschland werden Immobilien

immer teurer – noch. Laut Verband

der Pfandbriefbanken stiegen die

Preise für Wohnimmobilien 2012 und 2013

im Schnitt um jeweils vier Prozent. Daten

Aktien gehören dazu

Anlageaufteilung für ein breit gestreutes

Mischdepot (in Prozent)

Tagesgeld

Gold

Rendite pro Jahr für Aktien

und das Mischdepot

(in Prozent)*

5,8

2,3

25

15

30

30

13,2

8,8 10,9 7,0 9,4 4,4

Aktien

Anleihen

seit 2008 seit 2009 seit 2010 seit 2011 seit 2012

*Mischdepot, bei dem die Depotanteile jedes

Jahr wieder auf das Ausgangsniveau gebracht

werden; Quelle: Bloomberg, eigene Berechnung

21,7

6,2

des Internet-Dienstes Immobilienscout24,

basierend auf Angebotspreisen, signalisieren

in begehrten Lagen bereits Überhitzung.

In Berlin etwa sind Preise bestehender

Wohnungen seit 2008 um 40 Prozent,

in München um 56 und in Hamburg um 46

Prozent gestiegen. Jüngste Daten zeigen,

dass der Preiszuwachs abflacht.

n Gold. Die Aussichten für Goldinvestoren

haben sich aufgehellt. Hohe Zinsen, die

zinsloses Gold weniger attraktiv machen,

sind nicht in Sicht. Zudem gibt es deutliche

Signale, dass die Verkaufswelle bei Goldfonds

ausläuft. Bei physischem Gold – also

Barren und Münzen – ist die Nachfrage seit

Jahren größer als das Angebot, vor allem

dank chinesischer Käufer. Seit Mitte Dezember

2013 hat Gold in Dollar um zehn

Prozent zugelegt. Doch auch Gold ist – abgesehen

von seiner wichtigen Funktion als

Krisenversicherung – für Anleger derzeit

kein Selbstläufer. Die physischen Käufe

könnten bei einer Eintrübung der wirtschaftlichen

Lage in China (Wirtschafts-

Woche 16/2014) nachlassen. Schon jetzt

rechnet der World Gold Council, eine Lobby-Organisation

der Goldminenbetreiber,

für dieses Jahr nicht mit großen Nachfragesteigerungen

dort: Viele Chinesen hätten

Schmuck- und Anlagekäufe 2013 vorgezogen.

Zudem steckt vielen Anlegern der

Preisverfall beim Gold noch in den Knochen

(minus 32 Prozent seit dem Hoch bei

über 1900 Dollar im September 2011).

n Lebensversicherung. Wer jetzt noch eine

Lebensversicherung abschließt, bekommt

nur noch magere 1,75 Prozent Rendite garantiert.

Und die auch nicht auf seine gesamte

Prämie, sondern nach Abzug von

Vertriebs- und Verwaltungskosten. 2015

»

FOTOS: FUCHS PETROLUB, GETTY IMAGES, VARIO IMAGES

80 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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17,2

Prozent

Kursanstieg in

zwölf Monaten

schafften die

50 Nebenwerte

aus dem MDax

1,5 Prozent

Rendite pro Jahr

wirft eine

Bundesanleihe

mit zehn Jahren

Laufzeit ab

4,2 Prozent

Verlust brachte

Gold Anlegern in

den vergangenen

zwölf Monaten – in

Dollar gerechnet

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 81

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Paradies Deutschland

»

Seit Januar

hat unser

Mischdepot

den Dax 30

um Längen

geschlagen

könnte der Garantiezins für Neukunden

gar auf 1,25 Prozent sinken. Im Schnitt zahlen

Versicherer zwar noch deutlich mehr

aus, zuletzt 4,3 Prozent. Doch die freiwillige

Überschussbeteiligung sinkt, weil auch sie

mit neu angelegtem Geld immer weniger

Rendite schaffen. Bleibt die Zinswende

dauerhaft aus, werden Versicherte das zu

spüren bekommen – vor allem bei neuen

Verträgen. Weil Versicherer bis vor einigen

Jahren sogar noch vier Prozent garantierten,

wächst jetzt für neue Kunden das Risiko,

dass sie demnächst die alten Kunden

ihres Versicherers subventionieren müssen.

Ergo und Allianz haben neue Varianten

eingeführt – ohne lebenslange Garantien,

dafür mit der vagen Hoffnung auf

höhere Renditen. Die

wollen die Versicherer erreichen,

indem sie das

Geld der Kunden auch in

Aktienfonds stecken.

n Aktien. Ein Aktienportfolio

können sich Anleger

aber selbst zusammenstellen.

In einem langfristig

ausgerichteten Depot

sollten Aktien, so die

schon seit mehreren Jahren

erfolgreich praktizierte

Strategie (zum Beispiel

WirtschaftsWoche

27/2009 und 3/2012), wenigstens

30 Prozent ausmachen. Um das

Depot vor Kursstürzen zu schützen, fließt

das restliche Geld in Anleihen (ebenfalls 30

Prozent), Gold (25 Prozent) und Tagesgeld

(15 Prozent). Je nach Anlagedauer und

Risikoneigung können Anleger die Anteile

variieren. Wichtig ist aber, an der einmal

gewählten Aufteilung festzuhalten und die

Depotanteile wieder auf das Ausgangsniveau

zu bringen, etwa ein Mal jährlich.

Seit Jahresbeginn hat ein so ausgerichtetes

Depot 2,2 Prozent plus gebracht, während

der Dax 2,9 Prozent verlor. Seit Anfang

2008 kamen Anleger mit dem Mischdepot

sogar auf 5,8 Prozent Rendite pro Jahr – mit

einem reinen Dax-Investment nur auf 2,3

Prozent (siehe Grafik Seite 80). Seit 2009

sind die Aktienkurse aber wieder kräftig gestiegen

– ohne Aktien wäre der Erfolg des

Mischdepots auf Dauer also nicht möglich.

Einzelinvestments, die nur kurzfristig

reüssieren, sind angesichts des Säbelrasselns

zwischen Russland und der Nato sowie

drohenden Problemen aus China und

den anderen Schwellenländern prinzipiell

riskant. Anleger können auf kostengünstige

Indexfonds (ETFs) ausweichen, die alle

Aktien eines Index abdecken. Auch für Unternehmensanleihen

gibt es passende

ETFs, zum Beispiel von iShares (ISIN

DE0002511243). Gold kaufen Anleger am

besten physisch, etwa Anlagemünzen wie

den Krügerrand.

CHANCEN IN DER ZWEITEN REIHE

Doch auch mit Einzelaktien lässt sich das

Risiko streuen. Ein Korb aus Aktien von

Unternehmen verschiedener Branchen,

mit zyklischem und nichtzyklischem Geschäft,

mit oft attraktiven Dividenden und

meist zu vernachlässigenden Schulden

sollte auf lange Sicht das Depot bereichern.

Dass Großinvestoren wie Credit Suisse

gerade mit Investitionen in Werte aus der

zweiten Reihe, aus den

Indizes abseits des Dax,

den jeweils 50 Werte umfassenden

MDax und

SDax und den 30 Werte

umfassenden TecDax,

werben, ist kein Zufall.

Gemessen an wichtigen

Kennzahlen wie dem

Kurs-Gewinn-Verhältnis

und der Dividendenrendite

sind die Nebenwerte

zwar in der Regel einen

Tick teurer als der Dax.

Allerdings sind sie auch

häufig wachstumsstärker,

und viele haben, im Gegensatz zu etlichen

Großkonzernen, keine Schuldenprobleme.

Dazu kommt, dass es oft straff geführte Familienunternehmen

sind, die bereits jede

Menge politischer und wirtschaftlicher

Krisen überstanden haben. Andere wiederum

haben in der Vergangenheit gezeigt,

dass ihr Geschäft robust genug ist, sich

nach jedem Börsencrash aufzurappeln.

Investments in kleinere Unternehmen

eignen sich für aktive Anleger vor allem

deshalb, weil sie in der Regel weniger

Aufmerksamkeit von Analysten und Investoren

genießen als höher kapitalisierte

Werte. „Gerade institutionelle Anleger

bevorzugen in der Regel große Titel, weil

diese eine größere Liquidität aufweisen.

Das führt tendenziell zu einer fundamentalen

Unterbewertung der kleinen Werte“,

so Will Jump, Investmentstratege bei Axa

Rosenberg.

Mit unserem Korb aus zehn interessanten

Nebenwerten aus dem MDax, dem

SDax und dem TecDax können Anleger intelligent

den Aktienanteil ihres breit gestreuten

Depots abdecken.

christof.schuermann@wiwo.de, niklas hoyer

DMG Mori Seiki

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

74 Prozent/1810 Prozent

Kaufargument: Starke globale Allianz

Was zeichnet das Unternehmen aus?

So leicht geht es Börsianern noch nicht

über die Lippen: Aus Gildemeister ist vor

einem halben Jahr DMG Mori Seiki geworden.

Die Bielefelder sind mit den Japanern

seit Jahren verbunden: Diese halten ein

knappes Viertel der Aktien an DMG, die

Deutschen wiederum gut zehn Prozent an

Mori Seiki Nippon. Bis 2020 soll die Komplettfusion

stehen, so das Ziel. Im Angebot

haben die Partner High-Tech-Maschinen,

den dazugehörigen Service sowie Software-

und Energielösungen. Werkzeugmaschinen

sind dabei Kernkompetenz. In

mehr als 140 nationalen und internationalen

Standorten arbeiten 6700 Mitarbeiter.

Wie sieht die Bilanz aus?

DMG Mori Seiki ist auf Rekordkurs. 2013

erreichten sowohl das Vorsteuerergebnis

als auch der Konzernjahresüberschuss jeweils

den höchsten Wert in der langen,

knapp 144 Jahre währenden Unternehmensgeschichte.

Der Umsatz stieg von

2037 auf rekordhohe 2054 Millionen Euro.

Exporte machten zwei Drittel aus. Noch ist

ordentlich Bestand abzuarbeiten: Per 31.

Dezember lagen Aufträge über 1032 Millionen

Euro vor – drei Prozent mehr als ein

Jahr zuvor. Im ersten Quartal sollen die

neuen Orders um gut 30 auf rund 550 Millionen

Euro zulegen. Rasant wuchs das Eigenkapital:

Der verbesserte Jahresüberschuss

und Kapitalerhöhungen zogen das

den Aktionären zustehende Kapital um gut

389 Millionen auf mehr als 1164 Millionen

Euro nach oben. Die Eigenkapitalquote

liegt damit bei sehr üppigen 57,9 Prozent.

Wie bewertet die Börse?

Ordentlich. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf

Basis des für 2014 geschätzten Gewinns liegt

bei 14,5, der Marktwert von 1,7 Milliarden

Euro macht stolze 80 Prozent des erwarteten

Jahresumsatzes für 2014 aus. Am 16. Mai

wird die Hauptversammlung voraussichtlich

50 Cent je Aktie als Dividende beschließen:

Das entspricht 2,3 Prozent Rendite.

Was treibt langfristig den Kurs?

Die Bielefelder sind finanzschuldenfrei,

abwertungsgefährdete Prämien aus Übernahme

(Goodwill) machen nur sechs Pro-

82 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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inden“, nennt Fuchs eine Herausforderung

für Fuchs in der Zukunft.

Fazit: Bei den Mannheimern kommt alles

zusammen, was sich Aktionäre wünschen.

Neue Anleger kaufen sich aber teuer ein.

Pfeiffer Vacuum

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

125 Prozent/25 Prozent

Kaufargument: Einzigartige Spezialtechnik

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

Auf die Kette bekommen

DMG Mori Seiki steigert

Gewinn auf Rekordwert

zent der Bilanz aus, ein Investment ist angesichts

der starken Marktposition langfristig

mit relativ geringen Risiken behaftet.

Was könnte den Kurs belasten?

Zurückgekaufte Aktien wurden zuletzt auf

den Markt geworfen, zudem sind bilanzierte

Steueransprüche über 48 Millionen Euro

möglicherweise nicht realisierbar.

Fazit: DMG Mori Seiki zählt zu den eher

konservativen Anlagen bei Nebenwerten.

Fuchs Petrolub Vz.

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

56 Prozent/81 Prozent

Kaufargument: Top-Position im Markt

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Die 1931 als Familienunternehmen in

Mannheim gegründete Fuchs Petrolub ist

heute ein Konzern von globaler Reichweite

und unter den 590 konzernunabhängigen

Wettbewerbern der weltweit größte Anbieter

mit einem vollständigen Sortiment von

Schmierstoffen. Insgesamt ist Fuchs die

Nummer neun am Markt. Fuchs stellt mit

3800 Mitarbeitern Schmierstoffe für Autos

und Motorräder, Gütertransport, Stahlindustrie,

Bergbau, Fahrzeug- und Maschinenbau

sowie Bau- und Agrarwirtschaft

her. Fuchs zählt mehr als 100 000 Kunden,

für die 10 000 Produkte gefertigt werden.

Wie sieht die Bilanz aus?

Der Gewinn nach Steuern ist in den letzten

zehn Jahren um durchschnittlich 18,5 Prozent

pro Jahr gestiegen, deutlich mehr als

die Erlöse, die gleichzeitig um durchschnittlich

5,8 Prozent zulegten. „Mit einer

Nettorendite von über zehn Prozent sowie

einer schuldenfreien Bilanz mit einer Eigenkapitalquote

von 73 Prozent sind wir

zukunftsfähig und hervorragend aufgestellt.

Unser Ziel ist weiteres profitables

Wachstum“, sagt Vorstandschef Stefan

Fuchs, der auf eine Nettoliquidität von

167,4 Millionen Euro zurückgreifen kann.

Wie bewertet die Börse?

Sehr hoch. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis

liegt bei 21,4. Der Börsenwert des Unternehmens

beim 2,7-Fachen des Umsatzes.

Was treibt langfristig den Kurs?

Das Unternehmen ist stark innovationsgetrieben:

385 Ingenieure und Naturwissenschaftler

sind in der Forschung und Entwicklung

beschäftigt, um Fuchs weitere

Anteile in einem weltweit 35 Millionen

Tonnen starken Markt zu sichern. „Unser

Wachstum unterstützen wir mit erheblichen

Investitionen in den Werksneubau in

Entwicklungsmärkten und Werksausbau in

unseren bestehenden Märkten, einer Vielzahl

von Neueinstellungen mit dem

Schwerpunkt Technik und Vertrieb sowie

steigende Ausgaben für Forschung und

Entwicklung“, sagt Fuchs. Die Familie hält

51,7 Prozent der Stammaktien. Die Dividende

wurde in den vergangenen zehn

Jahren im Schnitt jährlich um 22,8 Prozent

erhöht. Zudem läuft ein Aktienrückkaufprogramm

bis März 2015, ein 1:1-Aktiensplit

soll die Aktie optisch billiger machen.

Was könnte den Kurs belasten?

An erster Stelle eine Wirtschaftskrise. Zudem

sei es „zunehmend schwieriger, geeignetes

Fachpersonal insbesondere für die

Bereiche Technik und Vertrieb zu finden

und langfristig an das Unternehmen zu

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Obwohl vor 18 Jahren einer der deutschen

Pioniere an Wall Street und 1998 dann am

Neuen Markt, ist Pfeiffer schon über 120

Jahre Spezialist für Vakuumtechnik und gilt

als Weltmarktführer für Vakuumpumpen.

Eingesetzt werden Vakuumlösungen in

Reinräumen, etwa in Laboren oder in der

Halbleiterindustrie; überall, wo Staub stört.

Wie sieht die Bilanz aus?

Das Eigenkapital ist hoch, mit einer Quote

an der Bilanzsumme von 64,1 Prozent. 53,6

Millionen Euro Netto-Bares liegen auf der

Kante – solide. Umsatz und Gewinn waren

zuletzt wegen der Schwäche wichtiger

Märkte stark rückläufig. 2013 blieben bei

408,7 Millionen Euro Umsatz (minus 11,4

Prozent) netto 34,8 Millionen Euro Ertrag

übrig – fast ein Viertel weniger als 2012.

Wie bewertet die Börse?

In der Summe aller Kennzahlen ist die Aktie

moderat, aber nicht sehr billig bewertet.

Was treibt langfristig den Kurs?

So aktionärsfreundlich wie Pfeiffer sind

nur wenige Unternehmen: Seit 2006 wandern

regelmäßig drei Viertel des Konzerngewinns

als Ausschüttung in die Taschen

der Anteilseigner. Am 23. Mai sollen es 2,65

Euro je Aktie sein, 80 Cent weniger als vor

Jahresfrist, aber dennoch ordentliche gut

drei Prozent Rendite. Wenn auch rückläufig,

ist die Marge vor Steuern und Zinsen

(Ebit) mit 12,4 Prozent deutlich zweistellig.

Dieses Jahr erwartet das Management eine

verbesserte Marge bei höheren Erlösen.

Was könnte den Kurs belasten?

Der positive Ausblick könnte bei Konjunkturschwierigkeiten

Makulatur sein.

Fazit: Als Einzel-Investment ist die Aktie

nicht billig genug. Einem ausgewogenen

Depot kann der Zykliker aber Kick geben.

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 83

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Paradies Deutschland

Mehr Quellen anzapfen

Kabelhersteller Leoni will die

Europa-Abhängigkeit senken

Leoni

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

81 Prozent/–138,1 auf +105,5 Mio. Euro

Kaufargument: Kluge Expansionsstrategie

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Leoni ist einer der führenden europäischen

Anbieter von Kabelsystemen für die

Autobranche (75 Prozent Erlösanteil) und

weitere Industrien. Die Nürnberger entwickeln,

produzieren und verkaufen weltweit

Drähte und optische Fasern, Kabel und Kabelsysteme,

dazu kommen Services. Im

Bereich Fahrzeugleitungen für Automobile

und Spezialkabel für die Solarindustrie ist

die 1917 gegründete Leoni Weltspitze.

Wie sieht die Bilanz aus?

827,6 Millionen Euro Eigenkapital und eine

Quote von 34,5 Prozent sind angemessen

für einen Automobilzulieferer. Die Nettofinanzschulden

stiegen zuletzt leicht, sie

sind aber mit nur 257 Millionen Euro überschaubar.

2013 legte der Umsatz auf einen

Rekordwert von 3,92 (2012: 3,81) Milliarden

Euro zu. Der Überschuss sackte dagegen

auf 105,5 nach 155,7 Millionen Euro ab.

Erwartungsgemäß, da im Vorjahr der Verkauf

einer Tochter gewinnsteigernd war.

Das reduziert die Dividende je Aktie auf

1,00 von 1,50 Euro. Zahltag ist der 9. Mai.

Wie bewertet die Börse?

Die Aktie ist mit einem KGV 2014 von 12,2

recht günstig bewertet. Das Kurs-Umsatz-

Verhältnis bleibt mit gut 0,4 im Rahmen.

Was treibt langfristig den Kurs?

Leoni will klotzen und legt die Messlatte

hoch. 2016 soll Leoni fünf Milliarden Euro

Umsatz erreichen und will dabei sieben

Prozent Ebit-Marge schaffen, das wären

dann 350 Millionen Euro Gewinn vor Zinsen

und Steuern. Bis 2025 wollen die Franken

um durchschnittlich acht Prozent jährlich

wachsen, die Erlöse könnten dann bei

zehn Milliarden Euro liegen. Zudem soll

die Europa-Abhängigkeit reduziert werden.

Zuletzt trug Europa noch zwei Drittel

zum Umsatz bei, 2018 soll der Anteil auf

knapp 60 Prozent zurückgehen. Langfristig

strebt Leoni eine Gleichverteilung des Geschäfts

auf Europa, Asien und Amerika an.

Was könnte den Kurs belasten?

Der überraschend angekündigte Abschied

von Konzernchef Klaus Probst, der seinen

Vertrag auf eigenen Wunsch nur um ein

halbes Jahr bis zum 30. Juni 2015 verlängerte,

ist ein Belastungsfaktor; ein Nachfolger

soll erst im kommenden Jahr vorgestellt

werden. Der muss die von Probst aufgestellten

Pläne dann erst einmal umsetzen.

Fazit: Gehen Leonis ehrgeizige Pläne auf

und bewertet die Börse die Aktie langfristig

wie heute, müsste der Kurs je nach Kennzahl

um zehn bis zwölf Prozent pro Jahr zulegen

– plus Dividende.

Grenkeleasing

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

65 Prozent/91 Prozent

Kaufargument: Skalierbares Geschäft

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Grenke konzentriert sich auf das Leasing

für Bürokommunikation und dabei auf Anschaffungen

ab 500 Euro und bis zu 25 000

Euro. Auf fast 370 000 Verträge kam das

1978 von Wolfgang Grenke gegründete Unternehmen

Ende 2013. Das Vermietvolumen

lag bei 3023 (Vorjahr: 2602) Millionen

Euro. Zum Großteil werden IT-Produkte

verleast; dazu Medizin- und Sicherheitstechnik,

Fahrzeuge und Maschinen. 2009

wurde die Hesse Newman Bank gekauft

und zur Grenke Bank umgebaut. Seither finanziert

sich Grenke auch direkt über die

Einlagen privater und gewerblicher Kunden.

Die Bank richtet sich vorrangig an

deutsche mittelständische Kunden, das

begrenzt die Risiken. Die Einlagen stiegen

2013 um 22 Prozent auf 255,6 Millionen Euro.

Als drittes Standbein betreibt Grenke

das margenstarke Geschäft der Eintreibung

von Geldforderungen (Inkasso).

Wie sieht die Bilanz aus?

Um elf Prozent auf 47 Millionen Euro legte

Grenkeleasing 2013 beim Gewinn zu. Vor

allem die verbesserte Differenz aus Zinsausgaben

und -einnahmen mit einem Plus

von gleich 17 Prozent auf 130,5 Millionen

Euro zeigte sich stark. Die Eigenkapitalquote

von 16,7 Prozent ist für einen Finanzdienstleister

komfortabel.

Wie bewertet die Börse?

Schon mehr als eine Milliarde Euro ist die

einst kleine Leasingschmiede jetzt wert.

Investoren honorieren damit die seit Jahren

starken kontinuierlichen Gewinnsteigerungen.

Das KGV von gut 19 ist der Preis

für so viel Gewinn-Qualität.

Was treibt langfristig den Kurs?

Das Unternehmen strebt einen „nachhaltig

hohen Return on Equity bei gleichzeitig

solider Eigenkapitalausstattung an“, sagt

Jörg Eicker, Finanzvorstand der Grenkeleasing.

Als Zielgröße für die Nachsteuerrendite

auf das Eigenkapital nennt Eicker

„16 Prozent“. Für 2014 erwartet das Management

ein Wachstum des Neugeschäftes

zwischen 13 und 16 Prozent. Der

Konzernüberschuss soll zwischen 52 und

56 Millionen Euro liegen. Zudem internationalisiert

Grenke sein Geschäft. In Europa

sollen die letzten weißen Flecken getilgt

werden, etwa „durch den Eintritt in Kroatien“,

so Eicker. Außerhalb Europas startete

Grenke zuletzt schon in Brasilien, Dubai

und Kanada. Vorteil: „Unser erfolgreiches

Geschäftsmodell lässt sich aufgrund der

maximalen Effizienz und Standardisierung

schnell auf neue regionale Märkte übertragen“,

so Eicker.

Was könnte den Kurs belasten?

Neue Konkurrenz. Die Eintrittsbarrieren

ins Leasinggeschäft sind vergleichsweise

gering. Zudem ist es für das Unternehmen

wichtig, „besondere, über das normale

Maß hinausgehende Risiken frühzeitig zu

erkennen“, so Eicker. Sonst stiegen die Leasingausfälle,

was auf den Gewinn drückt.

Fazit: In ein ausgewogenes Nebenwerte-

Portfolio gehört die Aktie auf jeden Fall.

FOTOS: PR

84 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Sartorius Vz.

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

47 Prozent/–7,3 auf +52,4 Mio. Euro

Kaufargument: Margenfantasie

Was zeichnet das Unternehmen aus?

1500 Prozent – so lautet die Performance

der Sartorius-Vorzugsaktie seit fünf Jahren.

Zum Vergleich: Mit Apple-Aktien gewannen

Anleger nur 500 Prozent. „Sartorius ist

einer der global führenden Biopharmaund

Laborzulieferer. Wir positionieren uns

in diesen wachstumsstarken, hochattraktiven

Märkten als Anbieter, der seinen Kunden

integrierte Lösungen und nicht nur

Produkte anbietet“, erklärt Vorstandschef

Joachim Kreuzburg die eigene Erfolgsstrategie.

Im Segment „Bioprocess Solutions“,

das für rund die Hälfte der Umsätze steht,

entwickeln die Göttinger Membrane und

Filter für die Industrien Pharma, Biotech,

Chemie, Lebensmittel und Getränke. Die

Sparte „Lab Products & Services“ steht für

hochwertige Laborinstrumente. Im kleinsten

Segment „Industrial Weighing“ vertreibt

Sartorius Messsysteme. „Regional sehen

wir die größten Potenziale für organisches

Wachstum in den USA und in Asien,

aus diesem Grund verstärken wir in beiden

Regionen unseren Vertrieb“, sagt Kreuzburg.

Zudem plant der Vorstandschef, das

Sartorius-Portfolio über „komplementäre

Zukäufe und Allianzen“ auszubauen.

Wie sieht die Bilanz aus?

Der Umsatz legte 2013 um 42 auf gut 887

Millionen Euro zu, der den Aktionären zustehende

Konzerngewinn stieg um knapp

4,0 auf 52,4 Millionen Euro. Die Eigenkapi-

Zukunftsmarkt Anleger

trauen Sartorius viel zu

talquote von Sartorius ist mit 38 Prozent

angemessen, die Finanzverbindlichkeiten

schlugen zuletzt mit 345 Millionen Euro

netto zu Buche. Das ist angesichts der gut

kalkulierbaren Mittelzuflüsse der Göttinger

tragbar.

Wie bewertet die Börse?

Hoch. Die Aktie kostet den 35-fachen Jahresgewinn

2013. Die niedrigeren KGVs 2014

und 2015 ergeben sich nur auf Basis bereinigter

Zahlen, die Analysten verwenden.

Was treibt langfristig den Kurs?

Sartorius besitzt ein lukratives Produktportfolio

in Märkten mit viel Wachstumsfantasie.

„Bis zum Jahr 2020 wollen wir den

Umsatz mehr als verdoppeln, auf etwa

zwei Milliarden Euro“, sagt Vorstandschef

Kreuzburg. Rund zwei Drittel des Wachstums

sollen „aus eigener Kraft“ kommen,

ein Drittel „über Akquisitionen“. Im gleichen

Zeitraum „wollen wir unseren Gewinn

verdreifachen“. Die operative Marge

vor Steuern, Zinsen, Abschreibungen und

Amortisation (Ebitda), die Ende 2013 bei

19,5 Prozent lag, „soll bis 2020 auf rund 23

Prozent steigen“, so Kreuzburg.

Was könnte den Kurs belasten?

Die Ziele von Sartorius „sind ambitioniert,

aber machbar“, wie Vorstandschef Kreuzburg

selbst sagt. Zielverfehlungen dürfte

der Aktienkurs der Göttinger angesichts

der hohen Bewertung nicht so leicht wegstecken.

Fazit: Einst deutlich unterbewertet, ist die

Sartorius-Aktie mittlerweile keine graue

Maus mehr. Das dürfte so bleiben und Anleger

locken.

BB Biotech

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

--/24 450 Prozent

Kaufargument: Top-Erfahrung im Sektor

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Die Schweizer sind eine Holding, die sich

seit 1993 an Biotech-Unternehmen beteiligt,

vorwiegend aus den USA, aber auch

aus Europa. Die fünf größten aus 35 Beteiligungen

sind Celgene (USA), Actelion

(Schweiz), Gilead (USA), Isis Pharmaceuticals

(USA) und Incyte (USA). Diese machten

Ende 2013 gut 56 Prozent des 2,1 Milliarden

Schweizer Franken schweren Portfolios

aus. „Als Beteiligungsgesellschaft ermöglichen

wir Investoren auf einfache Art

und Weise an der Entwicklung des globalen

Wachstumsmarkts Biotechnologie zu

partizipieren. Mit unserer Anlagestrategie

zielen wir auf Beteiligungen ab, welche innovative,

also effiziente und sichere Medikamente

auf den Markt bringen“, sagt Daniel

Koller, BB-Chefbeteiligungsmanager.

Wie sieht die Bilanz aus?

Die Börsenhausse trieb den Gewinn 2013

von 368 auf 932 Millionen Franken. Für BB

Biotech als reine Holding sind andere Bilanz-Kennzahlen

irrelevant.

Wie bewertet die Börse?

BB Biotech kostet derzeit 1,35 Milliarden

Euro, der innere Wert der Beteiligungen

liegt bei fast 1,6 Milliarden Euro. Am 26.

März gab es sieben Franken Dividende, das

wären aktuell 5,1 Prozent Rendite.

Was treibt langfristig den Kurs?

BB Biotech strebt langfristig eine Wertsteigerung

des Portfolios in Dollar von 15 Prozent

pro Jahr an. „Seit Gründung liegen wir

mit 14,4 Prozent nur unmerklich darunter“,

sagt Chefmanager Koller. Der Biotech-Sektor

ist generell gerade den Kinderschuhen

entwachsen und entwickelt sich noch sehr

dynamisch, ganz im Gegensatz zu Pharma.

Was könnte den Kurs belasten?

Die Bewertung der Branche ist nicht ohne,

Investoren sitzen auf guten Gewinnen.

Wenn die Börsen deutlich nachgeben, sind

Biotech-Papiere trotz ihrer positiven Langfristperspektive

kein sicherer Hafen.

Fazit: Biotech-Aktien sind lohnenswert,

Einzelanlagen aber riskant. Dieses Risiko

limitiert BB Biotech auf ein Minimum.

»

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 85

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Paradies Deutschland

CTS Eventim

Kurvenreich

CTS Eventim

vermarktet auch

Konzerte von

Helene Fischer

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

35 Prozent/53 Prozent

Kaufargument: Konjunkturresistent

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Ob Metallica bei Rock am Ring, die Reunion

der legendären Status Quo in Originalbesetzung

nach 30 Jahren oder Helene Fischer

in Riesa – ein Unternehmen profitiert

immer mit: CTS Eventim. Der Vermarkter

mischt die großen Bühnen aber nicht nur

über den Verkauf von Tickets auf, sondern

tritt auch selbst als Veranstalter auf: 2013

setzen die Bremer zum Beispiel Neil

Young, Elton John und Mark Knopfler in

Szene. Erst im März trieb CTS Eventim mit

der Übernahme von drei Ticketvermarktern

in Spanien, den Niederlanden und in

Frankreich die internationale Expansion

voran. Insgesamt mehr als 180 000 Veranstaltungen

mit 100 Millionen verkauften

Tickets begleitet Eventim jährlich. Im Segment

„Ticketing“ ist CTS Eventim in Kontinentaleuropa

Marktspitze und im „Live-

Entertainment“ weltweit die Nummer drei.

Wie sieht die Bilanz aus?

Bei den Erlösen legte CTS mächtig Tempo

vor: Gegenüber 2012 wuchsen die Bremer

vergangenes Jahr um 20,8 Prozent auf 628,3

Millionen Euro Umsatz. Der Jahresüberschuss

legte von 56,3 auf 61,1 Millionen Euro

zu. Der Mittelzufluss aus laufender Geschäftstätigkeit

erhöhte sich üppig von 108

auf 143 Millionen Euro. Der Kassenbestand

liegt bei 180 Millionen Euro netto, die Eigenkapitalausstattung

ist mit knapp 29

Prozent solide. Die Dividende je Aktie soll

von 57 auf 64 Cent steigen. Darüber entscheiden

die Aktionäre am 8. Mai.

Wie bewertet die Börse?

Mächtig hoch. Die Aktie kostet den 36-fachen

2013er-Gewinn und den 3,5-fachen

Umsatz 2013. Mit der Erwartung weiterer

höherer Gewinne und den starken Mittelzuflüssen

relativiert sich das allerdings.

Was treibt langfristig den Kurs?

CTS Eventim gehört zu den wenigen Unternehmen,

die von der Konjunktur entkoppelt

wachsen. Selbst in den Jahren 2008

und 2009, als die Finanzkrise viele Industrie-Bilanzen

einknicken ließ, wuchsen die

Bremer unvermindert weiter. Das Internet-

Ticketing soll ebenso weiter ausgebaut werden

wie die internationale Präsenz.

Was könnte den Kurs belasten?

Das Geschäft von Eventim funktioniert nur

dann, wenn der Konzern erfolgreich mit

nationalen und internationalen Künstlern

viele Besucher anlockt. Klappt das nicht,

dann wären auch in der Bilanz aktivierte

Übernahmeprämien (Goodwill) bedroht

und müssten abgeschrieben werden. Die

liegen mit 257 Millionen Euro sogar höher

als das Eigenkapital (253 Millionen Euro).

Zudem soll die Hauptversammlung am

8. Mai einen Rechtsformwechsel in eine

Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA)

beschließen, was derzeit etwas belastet.

Fazit: CTS ist dick im Geschäft und zunehmend

weniger von Wettbewerb bedroht.

Als konjunkturunempfindliches Investment

sollte die Aktie begehrt bleiben.

Jungheinrich Vz.

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

37 Prozent/–55,2 auf +106,9 Mio. Euro

Kaufargument: Straff familiengeführt

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Jungheinrich bietet weltweit Fahrzeuge in

der Flurförderzeug-, Lager- und Materialflusstechnik

an. Ziel ist, „die dauerhafte

Zugehörigkeit zu den drei weltweit führenden

produzierenden Dienstleistern und

Lösungsanbietern der Intralogistik“, sagt

Hans-Georg Frey, Vorsitzender des Vorstandes

von Jungheinrich. In Europa will

Frey „einen Marktanteil gemessen am Auftragseingang

in Stück von deutlich über 20

Prozent erreichen“. Im Programm haben

die Hamburger Gabelstapler und Logistiksysteme

und bieten zudem Dienstleistungen

sowie Absatzfinanzierung dafür an.

„Strategisch sind wir primär auf den Direktvertrieb

ausgerichtet, der in bestimmten

Ländern durch Vertriebsaktivitäten

über Händler ergänzt wird. Zudem verfolgt

Jungheinrich eine Ein-Marken-Strategie

mit Schwerpunkt auf Produkten und

Dienstleistungen im Premiumsegment des

Weltmarktes für Flurförderzeuge“, so Frey.

Das Unternehmen legt dabei vor allem

Wert auf organisches Wachstum. Die Hamburger

verstehen sich als Familienunternehmen

– die 18 Millionen stimmberechtigten

Stammaktien liegen fest in Familienhand,

die 16 Millionen stimmrechtslosen

Vorzugsaktien sind hingegen breit gestreut.

Wie sieht die Bilanz aus?

72 500 Fahrzeuge produzierte Jungheinrich

im vergangenen Jahr 2013, der Umsatz

legte um 0,9 Prozent auf den Rekordwert

von 2,29 Milliarden Euro zu. Das Ergebnis

vor Steuern und Zinsen (Ebit) lag bei 172

Millionen Euro und sank ebenso wie das

Nachsteuerergebnis von 107 Millionen Euro

leicht, um fünf Millionen Euro. Deswegen

bleibt auch die an die Aktionäre Mitte

Mai ausgezahlte Dividende von 86 Cent je

Vorzugsaktie gegenüber dem Vorjahr nur

konstant. Die Eigenkapitalquote ist mit 30

Prozent nicht rasend hoch; das relativiert

sich aber, da rund ein Drittel der Bilanzsumme

aus dem Finanzierungsgeschäft

der Hamburger besteht. Wer dieses Leasing

herausrechnet, kommt zum Ergebnis,

dass Jungheinrich im Industriegeschäft

netto finanzschuldenfrei ist.

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/PEDERSEN

86 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Wie bewertet die Börse?

Gut 850 Millionen Euro sind die Vorzugsaktien

schwer, dazu kommt rechnerisch noch

einmal ein um 12,5 Prozent höherer Marktwert

für die nicht börsennotierten Stammaktien.

Das KGV für dieses Jahr liegt bei 15,

in etwa mit dem Markt.

Was treibt langfristig den Kurs?

Jungheinrich zählt zu den von ruhiger

Hand geführten Unternehmen, die keinen

Hype um die eine oder andere Quartalszahl

machen, sondern lieber stetig wachsen.

„Unsere Umsatzzielsetzung orientiert

sich an einer Größenordnung, die mittelfristig

oberhalb der Drei-Milliarden-Euro-

Grenze liegt. Wir setzen auf ein organisches

Umsatzwachstum, wobei gezielte

Akquisitionen zur Abrundung des Produktportfolios

nicht auszuschließen sind“,

sagt Vorstandschef Frey. Für das Gesamtjahr

werden ein Rekordumsatz zwischen

2,3 und 2,4 Milliarden Euro und ein Gewinn

vor Steuern und Zinsen in der Spanne

von 170 bis 180 Millionen Euro erwartet.

Was könnte den Kurs belasten?

„Herausforderungen resultieren für uns

aus der globalen konjunkturellen Entwicklung.

Insbesondere in den europäischen

Kernmärkten haben konjunkturzyklische

Schwankungen Einfluss“, sagt Frey. „Der

Markt für Flurförderzeuge ist außerdem

durch einen intensiven Wettbewerb mit

fortschreitenden Konsolidierungstendenzen

geprägt.“

Fazit: Knapp an die zwei Milliarden Euro

Marktwert sind derzeit fair.

Schaltbau

Umsatz/Gewinnwachstum 2009–2013:

45 Prozent/75 Prozent

Kaufargument: Stetige Bilanzverbesserung

Was zeichnet das Unternehmen aus?

Die Schaltbau-Gruppe gehört mit ihren

2000 Mitarbeitern zu den führenden Anbietern

von Komponenten und Systemen

für Verkehrstechnik und Investitionsgüterindustrie.

Schaltbau liefert viel Infrastruktur,

zum Beispiel komplette Bahnübergänge,

Rangier- und Signaltechnik, Türsysteme

für Busse und Bahnen, dazu Industriebremsen

für Kräne und Windkraftanlagen,

außerdem Hoch- und Niederspannungskomponenten

für Schienenfahrzeuge.

Wie sieht die Bilanz aus?

Schaltbau verbessert seit Jahren sukzessive

wichtige Kennzahlen wie den Verschuldungsgrad,

der gemessen am Ergebnis vor

Steuern, Zinsen, Abschreibungen und

Amortisation nur noch den geringen Faktor

von 0,9 ausmacht. Das Eigenkapital legte

2013 um 18,3 auf 89,4 Millionen zu; die

Eigenkapitalquote von 33,4 Prozent ist in

Ordnung, sollte aber noch etwas dicker

werden. Der Gewinn je Aktie verbesserte

sich 2013 stark von 3,09 auf 3,48 Euro, bei

einem um 7,7 Prozent erhöhten Konzernumsatz

von 390,7 Millionen Euro – beides

sind Unternehmensbestwerte.

Wie bewertet die Börse?

Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von

um die 13 ist die Aktie moderat bewertet.

Allerdings geht Schaltbau dieses Jahr von

einem nur sehr geringen Gewinnanstieg

aus, sodass größere Bewertungssprünge

erst einmal nicht in Sicht sind. Die Dividende,

die für das abgelaufene Geschäftsjahr

um 19 auf 96 Cent je Aktie steigen soll

und damit einer Rendite von rund zwei

Prozent auf den Kurs entspricht, dürfte für

2014 zumindest stabil sein; zumal die Ausschüttungsquote

von nur 27,6 Prozent

noch deutlich Spielraum nach oben gibt.

Was treibt langfristig den Kurs?

Die Münchner Schaltbau betreibt konsequent

eine Internationalisierungsstrategie,

auch über Akquisitionen, und erschließt

sich so neue Märkte auf der ganzen Welt.

Der Konzern ist unter anderem bereits in

China, Südkorea, den USA, Großbritannien

und Osteuropa präsent und expandiert

auch nach Südamerika. So können

die Risiken vor Einbrüchen in einzelnen

Regionen inzwischen recht gut austariert

werden. So macht etwa der Russland-Anteil

nur etwas mehr als zwei Prozent vom

Umsatz aus.

Was könnte den Kurs belasten?

Eine globale Wirtschaftskrise und möglicherweise

wegen Schuldenproblemen verschobene

Infrastrukturprojekte könnten

Schaltbau treffen und zeitweise das Geschäft

verderben.

Fazit: Klein, aber fein: Die Schaltbau-Aktie

hat auf Sicht von mehreren Jahren und darüber

hinaus sicher noch einiges an Potenzial

zu bieten.

n

christof.schuermann@wiwo.de

Viel Wert

Kennzahlen ausgewählter Aktien aus der zweiten Reihe

Aktie (Index)

BB Biotech (TecDax)

CTS Eventim (SDax)

DMG Mori Seiki (MDax)

Fuchs Petrolub Vz. (MDax)

Grenkeleasing (SDax)

Jungheinrich Vz. (SDax)

Leoni (MDax)

Pfeiffer Vacuum (TecDax)

Sartorius Vz. (TecDax)

Schaltbau (SDax)

Branche

Biotech-Holding

Vermarktung

Werkzeugmaschinen

Schmierstoffe

Leasing und Bank

Fahrzeuge

Automobilzulieferung

Vakuumtechnik

Laborzulieferung

Verkehrstechnik

Kurs

(in Euro)

113,95

46,25

21,41

70,17

74,00

53,50

53,10

83,00

94,80

45,88

Stoppkurs

(in Euro)

90,00

35,00

14,00

49,00

55,00

39,00

39,00

61,00

74,00

29,00

Börsenwert

(in Millionen

Euro)

1 Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der durchschnittlichen Analystenprognosen für den jeweiligen Gewinn pro Aktie; 2 für 2013 angekündigt, beschlossen oder erwartet, bei

einigen Unternehmen bereits gezahlt; BB-Biotech-Dividende von 7,00 Schweizer Franken umgerechnet zum Kurs von 1,2143 Schweizer Franken pro Euro;

3 1 = niedrig, 10 = hoch; Quelle: Bloomberg; Stand: 14. April 2014

1350

2220

1687

4762

1088

1819

1735

819

1834

282

Kurs-Gewinn-Verhältnis 1

2014


26,8

14,5

21,4

19,4

15,1

12,2

17,0

22,5

13,1

2015


23,4

12,8

20,0

17,1

13,5

9,6

14,2

19,9

12,0

Dividende

pro Aktie 2

(in Euro)

5,76

0,64

0,50

1,40

1,00

0,86

1,00

2,65

1,02

0,96

Dividendenrendite

(in Prozent)

5,1

1,4

2,3

2,0

1,4

1,6

1,9

3,2

1,1

2,1

Chance/

Risiko 3

6/4

6/4

5/3

6/5

5/3

5/4

6/4

7/6

6/5

5/4

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 87

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Geld&Börse

Aufgeklärt und

streitbar

ANWÄLTE | Wer hilft Patienten, nach medizinischen Kunstfehlern

recht zu bekommen? Und wem vertrauen Ärzte und Kliniken?

Eigentlich wollte der

48-jährige Westfale nur

eine Routine-Vorsorgeuntersuchung

machen

lassen, eine Darmspiegelung,

wie sie etwa alle

zehn Jahre empfohlen

wird. Doch die Routineuntersuchung

ging

schief, der Chirurg perforierte ihm versehentlich

seinen Darm, letzten Endes wurde

der Mann durch die Folgen der Untersuchung

berufsunfähig. Der Fehler des Chirurgen

löste eine ganze Kette von Katastrophen

aus: Wenige Tage nach der Spiegelung

musste der Patient als Notfall operiert

werden. Daraufhin bekam er, was öfter bei

dieser Konstellation passiert, eine Bauchfellentzündung.

Der Horror ging weiter:

mehrere Operationen, danach Monate auf

der Intensivstation. Am Ende bekam der

Mann einen künstlichen Darmausgang

und wurde zum Frührentner – mit 100 Prozent

Behindertenquote.

Der Mann klagte gegen das Krankenhaus

und gewann. Dass der Patient eine

Einverständniserklärung auf einem Vordruck

unterschrieben hatte, genügte dem

Hochansteckend

Krankenhauskeim

ist inklusive

Gericht nicht: Formulare und Merkblätter

ersetzten kein Aufklärungsgespräch mit

dem Arzt. Mangelhafte Aufklärung des Patienten

ist ein häufig angesetzter Hebel für

Schadensersatzklagen. Hätte der Patient

einer Darmspiegelung zugestimmt, wenn

er geahnt hätte, was passieren kann? Nein,

urteilte das Oberlandesgericht Hamm und

sprach dem Mann 220 000 Euro Schmerzensgeld

zu (Aktenzeichen 26 U 85/12).

WENIGER PERSONAL, MEHR FÄLLE

Gemessen an den gravierenden Folgen des

Fehl-Eingriffs, scheint die gezahlte Summe

nicht sonderlich hoch. „Patienten sind

meist bitter enttäuscht, wenn sie Ärzte

oder Kliniken auf Schmerzensgeld verklagen“,

sagt Medizinrechtler Martin Stellpflug,

Partner bei Dierks + Bohle in Berlin.

Zwar sind auch hierzulande die pro Einzelfall

gezahlten Schmerzensgeldsummen in

den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen,

in der Zahnmedizin haben sie sich

binnen 15 Jahren sogar verdoppelt. Doch

von hohen Millionenzahlungen wie in den

USA sind sie noch weit entfernt. „Betroffene

orientieren sich leider oft an TV-Serien

über Kliniken und Law Firms und nicht an

der deutschen Rechtsprechung aus einschlägigen

Tabellen wie der Beck’schen

Schmerzensgeldtabelle oder der vom

ADAC“, sagt Bernd Schwarze, Medizinrechtler

und Partner bei BLD Bach Langheid

Dallmayr in Köln.

Die andere große Kategorie der Streitfälle,

bei denen Patienten vor Gericht gute

Karten haben, sind Befunderhebungsfehler,

vulgo: unterlassene Untersuchungen.

So wurde ein Krankenhaus im westfälischen

Dorsten verklagt, weil die Ärzte bei

einer bewusstlosen Patientin nicht rechtzeitig

einen Neurologen zur Beurteilung

einer Computertomografie hinzuzogen.

Deshalb sei ein massiver Hirnstamminfarkt

unerkannt geblieben, infolgedessen

die Patientin am Ende starb. 50 000 Euro

Schmerzensgeld sollten ihre Kinder laut

Urteil des Oberlandesgerichts Hamms bekommen

(Aktenzeichen 3 U 122/12).

Weil Patienten inzwischen aufgeklärter

und streitbarer sind, bekommen spezialisierte

Anwälte seit Jahren mehr Arbeit.

Hinzu kommt: Zwischen 1991 und 2012 ist

die Zahl der Behandlungsfälle in deutschen

Krankenhäusern um mehr als vier

Millionen auf 18 Millionen Behandlungen

im Jahr gestiegen, so die „Ärztezeitung“.

Gleichzeitig aber ist die Zahl der Klinikmitarbeiter

um rund 90 000 gesunken, auf zuletzt

694 900. Mehr Behandlungen und weniger

Mitarbeiter bedeuten mehr Zeitdruck

und damit auch mehr Fehler.

„Der Bereich wächst und ist für Anwälte

auch wirtschaftlich interessant“, sagt

Schwarze. Auseinandersetzungen zwischen

Patienten und Kliniken oder Krankenkassen

rechnen Anwälte nach der gesetzlichen

Gebührenordnung ab. Nur in

Ausnahmefällen werden Stundenhonorare

zwischen 220 und 300 Euro fällig.

Kliniken und Ärzte sichern Risiken in der

Regel bei großen Versicherern ab. Wer es

als Anwalt schafft, sich bei denen einen guten

Namen zu machen, gewinnt Versicherer

oft als dauerhafte Mandanten für viele

Fälle. Große Player im Krankenhausgeschäft

sind die Versicherer R+V, Allianz,

Basler Securitas und Ergo. Bei den niedergelassenen

Ärzten kommen noch Axa, HDI

Gerling und Generali dazu.

Anders als sonst bei den Rankings der

WirtschaftsWoche-Top-Kanzleien sind die

Medizinjuristen nicht in ganz Deutschland

aktiv. Ihr Geschäft ist in der Regel regional

begrenzt. Der simple Grund dafür: Die Versicherer

wollen die Reisekosten der Anwälte

niedrig halten und beauftragen entsprechend

Juristen aus der Umgebung, sagt

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/ROSE

88 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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Anwalt Stellpflug. Tatsächlich führen die

Versicherer Listen mit Anwältenamen

nach Gerichtsbezirken. Aber auch Patienten

haben viel Kommunikationsbedarf

und wollen ihren Anwalt regelmäßig vor

sich sehen, berichtet Schwarze.

Verfahren ziehen sich lange hin. „Bevor

ein Gerichtsprozess losgeht, vergehen in 60

Prozent der Fälle zwei Jahre mit dem Anfertigen

von Gutachten und Gegengutachten“,

sagt Anwalt Schwarze. Das Gerichtsverfahren

dauert im Schnitt zwei bis vier

Jahre. Geht der Fall in die Berufung, kommen

noch mal eineinhalb Jahre dazu.

KASSEN HOLEN GELD ZURÜCK

Die Gemengelage bei Rechtsstreitigkeiten

wegen Arzt- und Klinikpannen ist obendrein

sehr kompliziert. Beteiligt sind zum

einen die Patienten oder deren Erben, die

Schadensersatz, Schmerzensgeld oder

Renten fordern. Zum anderen klagen

Krankenkassen die zusätzlichen Kosten

ein, die ihnen für Patienten nach Behandlungsfehlern

entstehen. Pflegekassen wiederum

fordern die Pflegekosten ein, die

durch Ärzte-Fehler verursacht werden.

Die teuersten Fälle sind Schädigungen,

die bei der Geburt oder im frühen Kindesalter

verursacht werden. Hier können die

in Versicherungsverträgen vereinbarten

Deckungssummen bisweilen sogar nicht

ausreichen, sodass Ärzte in Privatinsolvenz

gehen müssen. In einem Fall wurden wegen

eines Fehlers bei einer Geburt Erben

eines Gynäkologen noch 20 Jahre später

von einem Landkreis verklagt. Dieser forderte

die Leistungen zurück, die er über die

Jahre für einen seit Geburt behinderten Sozialhilfeempfänger

aufgewendet hatte.

Besonders oft verklagen Patienten Ärzte

nach Hüft-, Knie-, Wirbelsäulen- und

Schönheitsoperationen. Schädigungen

durch Krankenhauskeime führen zu Klagen

gegen Kliniken. Häufig drehen sich

Prozesse auch um Fehler bei der Vorsorge,

etwa „wenn Ärzte einen Tumor übersehen

haben“, so die Berliner Anwältin Britta

Konradt, die auch Medizinerin ist. „Das

größte Problem ist immer die Kausalität“,

sagt Konrad – der Patient muss nachweisen,

dass sein Leiden durch den Fehler des

Mediziners verursacht wurde und nicht

ohnehin ähnlich schlimm verlaufen wäre.

Sieht ein Versicherer ein Haftungsrisiko,

enden 90 Prozent der Fälle mit einem Vergleich.

Zu dem kommt es auch recht

schnell, wenn eine Klinik Imageschäden

durch Negativschlagzeilen befürchtet.

claudia.toedtmann@wiwo.de

Acht Top-Kanzleien für Ärzte

Welchen Anwalt die Experten Ärzten

und Kliniken empfehlen

Kanzlei, Ort

Dierks + Bohle,

Berlin

Preißler Ohlmann &

Partner, Fürth

Ratzel Rechtsanwälte,

München

Vogl Rechtsanwälte,

Göppingen

Weimer Bork,

Bochum

BLD Bach Langheid

Dallmayr, Köln

Rehborn Rechtsanwälte,

Dortmund

Anwalt

Quelle: WiWo-Expertenpanel und Jury

Christian Dierks,

Dr. Martin H. Stellpflug

Reinhold Preißler

Rudolf Ratzel

Werner Vogl

Christoph Bork,

Tobias Weimer

Jens Muschner,

Bernd Schwarze

Prof. Martin Rehborn

METHODIK UND JURY

Wie die Anwälte ausgewählt wurden

Die Auswahl der Top-Kanzleien zum Patientenrecht

und Arzthaftungsrecht basiert

auf umfangreichen Recherchen. Im

ersten Schritt wurde in Datenbankrecherchen

und Gesprächen mit Experten aus

der Branche festgestellt, welche Kanzleien

und Anwälte positiv genannt wurden

und auf sich aufmerksam gemacht haben.

Die ausgewählten 108 Kanzleien und

111 Anwälte wurden in der zweiten Runde

von sechs Experten bewertet. Anders als

in anderen Rechtsgebieten beraten Medizinrechtskanzleien

selten sowohl Patienten

als auch Ärzte und Kliniken gleichzeitig.

Das Ranking wurde deshalb gesplittet.

LANGFRISTIG ERFOLGREICH

Dazu wurden in einem nächsten Schritt

sowohl für die Patientenseite als auch für

die Seite der Ärzte und Kliniken je 30 Anwälte,

die besonders empfohlen wurden,

einer neutralen Jury zur Bewertung vorgelegt.

Bei der Endwertung der Kanzleien

und deren Anwälten in der Schlussrunde

spielten als Kriterien nachweisbare Erfolge,

langjährige Erfahrung und Spezialisierung

eine Rolle. Die Kanzleien und ihre

Anwälte, die dabei die höchsten Punktzahlen

erreichten, stehen in der Tabelle.

Da die Ergebnisse auf subjektiven Einschätzungen

beruhen, kann und will die

WirtschaftsWoche nicht ausschließen,

dass hier nicht aufgeführte Anwälte ihre

Mandanten ebenso angemessen beraten.

Acht Top-Kanzleien für Patienten

Welchen Rechtsanwalt die Experten

medizingeschädigten Patienten für

Klagen empfehlen würden

Kanzlei, Ort

Roland Uphoff, Bonn

Makiol & Kollegen,

Neuss

Meinecke & Meinecke,

Köln

Bürgle Schäfer,

Wiesbaden

Britta Konradt, Berlin

Frank Teipel, Berlin

Matthias Teichner,

Hamburg

Anwalt

Roland Uphoff

Achim Makiol

Dr. Boris Meinecke

Quelle: WiWo-Expertenpanel und Jury

Dr. Michaela Bürgle

Dr. Britta Konradt

Frank Teipel

Matthias Teichner

CHRISTINE ELKER

ist Teamleiterin der Barmer

GEK für Behandlungsfehler

und Rechtsverfolgung

HANSJÖRG GEIGER

ist Professor und Vorstand

der A.-Lang-Stiftung für

Patientenrechte

STEFFEN GREBNER

ist Geschäftsführer der Kliniken

Ernst von Bergmann in

Potsdam und Bad Belzig

SÖREN HENNIGES

ist Abteilungsdirektor Leistung

bei Deurag Deutsche

Rechtsschutz-Versicherung.

HELMUT PLOTE

ist der Bereichsleiter Leistung

bei der D.A.S Rechtsschutz.

CORNELIA SÜFKE

ist Rechtsanwältin für die

Asklepios Kliniken und leitet

den Bereich Versicherungen

ROLAND TICHY

ist Chefredakteur der

WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 89

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Geld&Börse | Steuern und Recht

VERSORGUNGSWERKE

Angestellte ohne Freischein

Wann Freiberufler zurück in die gesetzliche Rentenversicherung müssen.

Freiberufler, die Mitglied einer

Kammer sind, können sich von

der Pflicht, Beiträge in die gesetzliche

Rentenversicherung

zu zahlen, befreien lassen. Stattdessen

zahlen sie in ein berufsständisches

Versorgungswerk

ein. Solche Versorgungswerke

ähneln einer Pensionskasse, ersetzen

für die Freiberufler aber

die gesetzliche Rentenversicherung.

Diese Versorgungswerke

haben derzeit etwa 830 000 Mitglieder:

Rechtsanwälte, Ärzte,

Apotheker, Architekten, Ingenieure,

Wirtschaftsprüfer und

Psychotherapeuten.

ES DROHT SIPPENHAFT

Das Bundessozialgericht hat

kürzlich entschieden, dass Anwälte,

die für ein Unternehmen

arbeiten, das keine Kanzlei ist,

sich nicht mehr von der gesetzlichen

Rente befreien können

(B 5 RE 13/14 R, B 5 RE 9/14 R,

B5 RE 3/14 R): Diese angestellten

Anwälte seien rechtlich

nicht als Rechtsanwälte tätig.

Noch liegt die Urteilsbegründung

nicht vor, aber es ist zu erwarten,

dass das BSG-Urteil

auch Auswirkungen auf andere

Freiberufler, beispielsweise

Ärzte, Apotheker oder Architekten,

haben wird. „Das BSG

macht die Befreiung von der gesetzlichen

Rentenversicherung

nicht davon abhängig, ob jemand

als Arzt oder Architekt

zugelassen ist, sondern wie der

Betroffene aktuell beschäftigt

ist“, sagt Alexander Lorenz,

Rechtsanwalt der Kanzlei Baker

Tilly Roelfs in Frankfurt.

Freiberufler, die nicht in dem

beruflichen Umfeld arbeiten,

das für eine Befreiung maßgeblich

ist, müssen in die staatliche

Rentenkasse einzahlen. „Bereits

seit 2012 prüft die Rentenversicherung

zunehmend bei

angestellten Architekten“, sagt

Ernst Uhing, Präsident der Architektenkammer

Nordrhein-

Westfalen.

Folgende Gruppen könnten

ihre Befreiung verlieren.

n Rechtsanwälte: Etwa 30 000

zugelassene Anwälte arbeiten

als Angestellte außerhalb von

Kanzleien in Industrieunternehmen,

im öffentlichen Dienst

oder bei Verbänden.

n Ärzte: Von den etwa 350 000

in Deutschland praktizierenden

Ärzten arbeitet nur ein Drittel

als selbstständige niedergelassene

Ärzte. Die Hälfte arbeitet

als angestellte Mediziner im

Krankenhaus. Das größte Risiko,

in die gesetzliche Rentenversicherung

zu müssen, tragen

die rund 30 000 Mediziner, die

für Unternehmen, Behörden

und Verbände arbeiten.

n Apotheker: In dieser Berufsgruppe

ist das Gros gut

geschützt. Von den 59 290 Apothekern

arbeiten 48 690 in

öffentlich zugänglichen Apotheken.

Weitere 1966 in Krankenhausapotheken.

Die restlichen

8635, die für die Industrie und

die öffentliche Hand arbeiten,

müssen sich am ehesten Sorgen

machen.

n Architekten: Bei Architekten

und Stadtplanern ist der Anteil

derjenigen, die zurück in die gesetzliche

Rentenversicherung

müssten, besonders groß. Lediglich

45 Prozent arbeiten freischaffend.

Der Rest sind Angestellte

oder Beamte außerhalb

der Architekturbranche.

FALLE JOBWECHSEL

Wer bereits Mitglied eines Versorgungswerks

ist, genießt zwar

Bestandsschutz – aber nur so

lange, wie er den Arbeitgeber

oder den Arbeitsplatz nicht

wechselt. Verändern sich Mitglieder

der Versorgungswerke

beruflich, müssen sie erneut einen

Antrag auf Befreiung stellen,

den die Rentenversicherung

ablehnen kann.

DOPPELBELASTUNG

Wer bereits Mitglied eines Versorgungswerks

ist, bleibt es

auch, wenn er die Befreiung

von der gesetzlichen Rente verliert.

Allerdings bleibt weniger

Geld für die betriebliche Altersvorsorge.

Derzeit zahlen Arbeitnehmer

in den alten Bundesländern

maximal 562,28 Euro

pro Monat aus eigener Tasche

in die gesetzliche Rentenversicherung.

Nur, wenn danach

noch etwas übrig bleibt, könnten

Freiberufler zusätzlich sparen.

Der Mindestbeitrag etwa

beim Versorgungswerk der

Rechtsanwälte in NRW liegt bei

112,46 Euro pro Monat.

NACHZAHLUNGEN

Das BSG-Urteil könnte auch für

Arbeitgeber zu einem teuren Risiko

werden. Stellt die Rentenkasse

fest, dass das Arbeitsgebiet

beispielsweise eines

angestellten Architekten nicht

mehr dem Berufsbild entspricht,

das für die Befreiung

maßgeblich war, muss ein neuer

Antrag gestellt werden. Wird

dieser Antrag abgelehnt, muss

der Arbeitgeber bis zu vier Jahre

rückwirkend die Beiträge zur

staatlichen Rentenkasse nachzahlen.

„Arbeitgeber können

für Arbeitnehmer ein Status-

Verfahren bei der Rentenversicherung

beantragen“, sagt

Anwalt Lorenz von Baker Tilly

Roelfs. So könnten sie zwar

nicht verhindern, dass Angestellte

wieder in die staatliche

Rentenkasse müssen, aber

es fielen in den meisten Fällen

keine Nachzahlungen an.

martin.gerth@wiwo.de

FOTOS: WESTEND61/MITO IMAGES, MAURITIUS IMAGES/ALAMY, PR

90 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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ABGELTUNGSTEUER

Langjährige Google-Aktionäre im Pech

Trennt sich eine Aktiengesellschaft

von einem Teil ihres Unternehmens

und teilt Aktionären

dafür neue Aktien zu, fiel

früher vor allem bei ausländischen

Unternehmen sofort

Steuer an. Mit einem neuen Gesetz

hat sich das geändert. Doch

viele Kapitalmaßnahmen, wie

jüngst ein Aktiensplit bei Google,

können weiter zu steuerlichen

Nachteilen führen.

ABSPALTUNG

Nach einer Mitte 2013 beschlossenen

Gesetzesänderung sind

zusätzliche Aktien nicht steuerpflichtig,

wenn es sich rechtlich

um eine Abspaltung handelt

und diese seit 2013 erfolgt ist

(Amtshilferichtlinie-Umsetzungsgesetz).

Das Bundesfinanzministerium

hat die Anwendung

zu Jahresbeginn

erneut konkretisiert (IV C 1 - S

2252/09/10004 :005).

n Ausländische Unternehmen:

Vor der Gesetzesänderung verlangte

der Fiskus bei ausländischen

Gesellschaften meist

Steuer auf den kompletten

Kurswert des Spin-offs, obwohl

der Börsenwert des Mutterkonzerns

zeitgleich sank, Aktionäre

also keinen Nettovorteil hatten.

2012 hatte sich zum Beispiel

der US-Lebensmittelkonzern

Kraft Foods in zwei Teile gespalten

(Mondelez und Kraft Foods

Group). Für den abgespaltenen

Teil Kraft Foods Group wurde

Abgeltungsteuer fällig, obwohl

der Wert der Aktien in Summe

nicht gestiegen war.

n Deutsche Unternehmen:

Unproblematisch waren dagegen

schon früher Abspaltungen

bei deutschen Konzernen.

Beispiel: Siemens spaltete im

vergangenen Jahr die Glühbirnen-Tochter

Osram ab. Aktionäre

erhielten für zehn

Siemens-Aktien eine zusätzliche

Osram-Aktie. Ein Teil des

Anschaffungspreises der gehaltenen

Siemens-Aktien wird auf

die zusätzlichen Osram-Anteile

übertragen. Hat der Anleger

zehn Siemens-Aktien für insgesamt

800 Euro angeschafft, erhält

er zusätzlich eine Osram-

Aktie. Die Anschaffungskosten

der Siemens-Aktien sinken auf

720 Euro, die Osram-Aktie ist 80

Euro wert. Wurden die Siemens-

Aktien vor 2009 gekauft, fällt bei

einem späteren Verkauf beider

Aktien auf Gewinne keine Steuer

an. Sind die Siemens-Aktien

erst seit 2009 im Depot greift die

Abgeltungsteuer.

AKTIENTEILUNG

Anders sieht es aus, wenn es

sich rechtlich nicht um eine Abspaltung

handelt. Der Internet-

Konzern Google hat seine Anteile

Anfang April geteilt (Split).

Jeder Aktionär erhielt zu den

bereits gehaltenen Anteilen die

gleiche Menge gratis hinzu, der

Kurs halbierte sich. Bei den

Gratisaktien handelt es sich um

Papiere einer neuen, stimmlosen

Anteilsklasse. Die Finanzverwaltung

wertet die Zuteilung

als Dividende und verlangt Abgeltungsteuer.

Viele Aktionäre

wittern böse Abzocke. Doch für

alle Aktionäre, die seit Anfang

2009 eingestiegen sind, entsteht

kein Steuernachteil. Zwar müssen

sie jetzt Abgeltungsteuer

zahlen, ohne entsprechende

Geldzuflüsse zu haben. Im Gegenzug

sparen sie beim späteren

Verkauf der alten Aktien

aber genauso viel Steuer, wie sie

jetzt zahlen müssen. „In diesem

Fall kommt es nur zu einer zeitlichen

Verlagerung“, sagt Daniel

Sahm, Steuerberater bei Ecovis

in München. Große Nachteile

entstehen hingegen langjährigen

Google-Aktionären, die vor

2009 und damit vor Einführung

der Abgeltungsteuer gekauft

haben. Sie müssen nun Steuer

auf einen Teil der aufgelaufenen

Kursgewinne zahlen, obwohl

diese sonst steuerfrei geblieben

wären. Außerdem

verlieren die Aktionäre für die

Hälfte ihres Investments die

Aussicht auf künftige steuerfreie

Kursgewinne, da als Kaufdatum

für die neuen Aktien das

Datum des Splits gilt. Bei einem

Investment von 50 000 Euro

kann dies schnell zu über 10 000

Euro Steuernachteil führen. Stehen

bei anderen Unternehmen

ähnliche Kapitalmaßnahmen

an, sollten Altaktionäre ihre Aktien

besser vorher verkaufen,

um wenigstens aufgelaufene

Kursgewinne steuerfrei zu halten.

VERKAUF

Vodafone hat seinen Anteil an

der US-Tochter Verizon Wireless

für 130 Milliarden Dollar an

den US-Telekomkonzern Verizon

verkauft. Die Vodafone-Aktionäre

erhielten im Februar

dieses Jahres Bardividende und

Verizon-Aktien. Für beides verlangt

das Finanzamt Abgeltungsteuer,

da es sich nicht um einen

Spin-off, sondern um den

Verkauf eines Unternehmensteils

handelt. Wie bei Google

gilt: Für alle seit 2009 eingestiegenen

Aktionäre verschiebt sich

die Steuerlast nur – von später

auf jetzt. Altaktionäre, die schon

länger als seit 2009 dabei sind,

haben hingegen erhebliche

Steuernachteile.

martin.gerth@wiwo.de, niklas hoyer

ERB-EINKÜNFTE

JOSEF K. ZEITLER

ist Fachanwalt

für

Erbrecht in

der Bayreuther

Kanzlei

Dr. Zeitler.

n Herr Zeitler, oft hat eine

Erbengemeinschaft nur geringe

Miet- oder Zinseinnahmen.

Wie lässt sich das

steuerlich einfach regeln?

Wird ein Nachlass zum gemeinschaftlichen

Vermögen,

liegen dem Finanzamt üblicherweise

die Erbanteile und

Steuernummern aller Miterben

vor. Es kann dann problemlos

die Einkünfte jedes Einzelnen

aus Immobilien, Grundstücken

oder Kapitalvermögen ermitteln.

Sobald es ein sogenannter

Fall von geringer Bedeutung

ist, wird es steuerlich einfach.

n Ist die „geringe Bedeutung“

abhängig von der Höhe

der Einkünfte?

Nein. Der Begriff bezieht sich

nur darauf, dass sich die Erbquoten

und Mieten, Pacht und

Kapitaleinkünfte problemlos

ermitteln lassen. Das Nachlass-Finanzamt

schickt den

Miterben dann keine Steuerbescheide,

sondern gibt nur

die Höhe der Einkünfte jährlich

an ihre Finanzämter weiter.

Sie übernehmen das in die

Einkommensteuerbescheide.

Das geht so lange, wie die

Erbengemeinschaft besteht.

n Ist es noch einfacher,

wenn Erben alles aufteilen?

Ja. Vereinbaren sie innerhalb

von sechs Monaten nach dem

Erbfall, wer welche Vermögenswerte

bekommt, können

die Einkünfte rückwirkend einem

oder mehreren Erben zugerechnet

werden. Am besten

wäre es allerdings, wenn der

Erblasser zu Lebzeiten ein

Testament macht und die Erbengemeinschaft

verhindert,

in der es häufig Streit gibt.

heike.schwerdtfeger@wiwo.de

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 91

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Dem Druck von

Kunden und EU halten Lebensversicherer

nur mit mehr Transparenz

stand. Von Heike Schwerdtfeger

Rückrufaktion

Schaulaufen

Kanzlerin Merkel

auf Stippvisite

in Athen

Bescheiden haben

viele heutige Versicherungsriesen

einst

angefangen – als

Sterbekassen. Witwen und

Waisen waren froh über jeden

Groschen, der ihnen beim Tod

des Ernährers blieb. Heute stehen

den geschickt in Lebensversicherung

umtitulierten Kassen

keine hilflosen, sondern

streitbare Kunden gegenüber,

die die Auszahlung immer öfter

erleben. Zum Glück.

Doch ausgerechnet langjährigen

Kunden, die dem Ziel ihrer

Sparbemühungen sehr nahe

kommen, will die Versicherungsbranche

etwas wegnehmen: Sie

versucht, sich beim Gesetzgeber

mit der Forderung durchzusetzen,

Kunden den Anteil an bestimmten

Überschüssen zu kürzen,

Bewertungsreserven

genannt. Dabei geht es je nach

Vertragsumfang um einige Hundert

bis einige Tausend Euro.

Der Eingriff zerstört das Vertrauen

der Versicherten, denn sie

könnten auch nicht einfach folgenlos

ihre Prämie reduzieren.

Jahrzehnte wurde ihnen vorgegaukelt,

sie müssten nichts

vom Kapitalmarkt verstehen.

Doch genau das wird jetzt von

ihnen verlangt, wenn es in der

Diskussion um die Unterschiede

zwischen Buchwerten und Zeitwerten

bei Anleihen geht, die als

Reserve ausgeschüttet werden.

Statt mit offenen Karten zu spielen

und Kunden ordentlich über

die angehäuften Reserven und

Anteile aus anderen Überschusstöpfen

aufzuklären, werden

sie wie Bittsteller mit unvollständigen

Zahlen abgefertigt.

Dass für Versicherte Manna vom

Himmel fällt, egal, was an den

Märkten passiert, glaubt künftig

niemand mehr.

Die Reservediskussion ist wie

die Rückrufaktion eines Autoherstellers

– ein Eingeständnis,

dass Fehler gemacht wurden.

Beim Kunden bleibt hängen,

dass ihm in die Tasche gegriffen

wird, wenn etwas schiefläuft. Die

Geldanlage ist seit jeher ein

Kerngeschäft der Versicherer,

und da ist es üblich, dass Reserven

angezapft werden müssen.

Wer sich damit verschätzt, sollte

vom Markt verschwinden. Und

bevor jetzt zwischen Überschüssen,

Schlussgewinnen und Reserven

umverteilt wird, sollten

die Versicherer den Mumm haben,

den Garantiezins für Neukunden

vom Gesetzgeber weiter

senken zu lassen – wenn nötig,

auf null. Eine Änderung bei

den Reserven allein macht ihre

Zukunft nicht rosiger.

KEIN VERSTECK MEHR

Denn auch in Brüssel bei der EU

dringt die Versicherungslobby

nicht mehr mit Extrawünschen

durch. In spätestens drei Jahren

bekommen auch Lebensversicherungskunden

die Basisinformationsblätter

für verpackte Anlageprodukte

ausgehändigt, so

hat es das EU-Parlament beschlossen.

Damit werden erstmals

Kosten, Renditechancen

und Risiken mit denen von

Fonds und Zertifikaten vergleichbar.

Ein Riesenfortschritt!

Deshalb ist es gut, dass alle Versuche,

die Lebensversicherer

von der Transparenz zu entbinden,

in Brüssel bislang ins Leere

gelaufen sind. Behauptet ein Anbieter

künftig, er sei günstig,

können Anleger die Fakten überprüfen.

Bis dahin hält sich das

Gerücht, dass die Unternehmen

mit den Lebenspolicen mehr

verdienen als mit Fonds – und

deshalb so an ihnen hängen.

TREND DER WOCHE

Nächster Akt einer Farce

Die Rückkehr Griechenlands an den Kapitalmarkt ist

der vorläufige Gipfel einer surrealen Entwicklung.

Am Freitag vorvergangener Woche

reiste Bundeskanzlerin Angela

Merkel für sechs Stunden

nach Athen und hat, wie üblich,

die Griechen für ihre angeblichen

Fortschritte bei der Krisenbewältigung

gelobt. Dabei

ist die Rettung Griechenlands

schon lange eine Farce. Die

durchschnittliche Laufzeit der

Kredite aus dem Euro-Rettungsfonds

beträgt 30 Jahre, der

Zins liegt im Schnitt bei 1,5 Prozent.

Zinsen zahlt Athen wegen

eines zehnjährigen Zinsmoratoriums

aber keine, getilgt wird

erst in den 2040er-Jahren. Konditionen

für einen Pleitestaat,

der nicht pleitegehen darf.

Der Gipfel der surrealen Entwicklung

ist jetzt die Rückkehr

des Landes an den Kapitalmarkt.

Platziert wurde eine

fünfjährige Staatsanleihe über

drei Milliarden Euro mit

4,75 Prozent Kupon (ISIN

GR0114028534). Es gingen

Kaufaufträge über 20 Milliarden

Euro ein. Natürlich wissen die

Käufer – ein Drittel ging an

meist angelsächsische Hedgefonds

–, dass Griechenland mit

Schulden in Höhe von 177 Prozent

der Wirtschaftsleistung

weder 4,75 Prozent Zinsen zahlen

noch die Schulden tilgen

kann. Aber irgendwer wird

schon zahlen, so ihre Logik. Die

Anleihe wurde nach britischem

Recht begeben, was einen erzwungenen

Forderungsverzicht

gegen den Willen der Gläubiger

ausschließt. Wer also zahlt letztlich

4,75 Prozent Zins und rettet

die Hedgefonds? Richtig, der

europäische Steuerzahler.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 15.4.2014 / 18.02 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9173,71 –3,3 +18,9

MDax 15661,85 –3,6 +18,8

Euro Stoxx 50 3091,52 –2,7 +17,8

S&P 500 1820,30 –1,7 +17,3

Euro in Dollar 1,3803 +0,2 +5,5

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,51 –0,05 2 +0,27 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,65 –0,06 2 +0,94 2

Rohöl (Brent) 3 108,76 +2,3 +9,8

Gold 4 1298,00 –0,9 –7,0

Kupfer 5 6630,00 –0,3 –6,9

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 939,42 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACTION PRESS, BLOOMBERG/ARDIAN

92 Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Abgeschossen

Die Fokusmärkte von Adidas – vor allem Russland

und China – stehen im Fokus der Finanzmärkte.

HITLISTE

Neben Nordamerika gehören

China und die Gemeinschaft

Unabhängiger Staaten (GUS)

mit Russland zu den Fokusmärkten

von Adidas. Knapp

die Hälfte des bis 2015 angestrebten

Umsatzwachstums

von 2,5 Milliarden Euro auf

dann 17 Milliarden Euro soll

aus diesen drei Regionen

kommen. Vielleicht müssen

die Franken ihre „Route 2015“

noch einmal überarbeiten.

Rund ein Fünftel des Umsatzes

machte Adidas zuletzt

in Russland und China. In

beiden Ländern ist die Arbeitslosigkeit

nach offiziellen Daten

mit 5,6 Prozent (Russland) und

4,1 Prozent (China) gering, die

Konsumenten kaufen dank steigender

Löhne, die Marke Adidas

ist angesagt. Nur kann die

Stimmung rasch kippen, wenn

etwa Russland Rohstoffeinnahmen

wegbrechen und in China

erste Unternehmen schließen.

Denn gerade wegen der höheren

Löhne und dem festen Renminbi

hat sich China in vielen

Branchen preislich aus dem

Markt geschossen.

Bullenritt

Börse Jakarta legte

2014 gut 20 Prozent zu

WELTBÖRSEN

Rückkehr auf Zeit

Die Börsen der sogenannten „Fragile Five“ haben

sich zuletzt überraschend kräftig erholt.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9173,71 –3,3 +18,9

Aktie

Stand: 15.4.2014 / 18.01 Uhr

Adidas 77,33 –0,6 –0,7 4,51 4,38 18 16179 1,75

Allianz 117,20 –3,7 +9,4 12,65 13,59 9 53437 3,84

BASF NA 76,98 –2,9 +12,2 5,88 5,91 13 70705 3,38

Bayer NA 91,51 –4,4 +12,2 5,66 6,11 15 75674 2,08

Beiersdorf 70,15 +1,5 +1,5 2,38 2,56 27 17678 1,00

BMW St 88,19 –3,5 +32,7 7,77 8,65 10 56639 2,83

Commerzbank 12,50 –9,2 +45,1 0,50 0,72 17 14231 -

Continental 161,10 –5,5 +85,7 10,02 12,57 13 32221 1,40

Daimler 63,99 –8,5 +62,3 4,56 5,90 11 68433 3,52

Deutsche Bank 31,16 –3,5 0 4,08 3,52 9 31759 2,41

Deutsche Börse 52,08 –6,5 +11,5 3,79 3,87 13 10051 4,42

Deutsche Post 25,81 –4,5 +46,5 1,45 1,70 15 31199 2,71

Deutsche Telekom 11,05 –3,1 +26,2 0,69 0,64 17 49185 6,33

E.ON 13,49 –3,2 –6,7 1,29 0,95 14 26993 8,15

Fresenius Med.C. St 48,51 –4,6 –11,6 3,75 3,63 13 14919 1,55

Fresenius SE&Co 105,45 –4,7 +6,8 5,82 6,38 17 23798 0,90

Heidelberg Cement St 62,04 –2,3 +16,7 3,56 3,97 16 11633 0,76

Henkel Vz 76,32 –0,2 +4,6 4,03 4,30 18 31942 1,60

Infineon 7,93 –6,0 +39,0 0,26 0,40 20 8567 1,51

K+S NA 23,07 –1,0 –31,8 2,92 1,29 18 4415 6,07

Lanxess 53,15 –2,9 +1,4 3,31 2,59 21 4422 1,88

Linde 141,95 –2,0 –0,8 8,48 8,37 17 26353 1,90

Lufthansa 18,06 –7,3 +27,1 1,25 1,88 10 8304 -

Merck 113,10 –4,2 –5,1 8,57 9,17 12 7309 1,50

Münchener Rückv. 159,10 ±0 +4,4 16,94 17,05 9 28533 4,40

RWE St 28,44 –0,7 –5,7 3,91 2,38 12 17225 3,52

SAP 57,50 –1,2 –2,4 3,37 3,45 17 70639 1,91

Siemens 94,89 –3,2 +23,4 4,80 6,74 14 83598 3,16

ThyssenKrupp 19,28 –3,4 +41,3 -0,55 0,50 39 9917 -

Volkswagen Vz. 189,25 –0,3 +30,7 21,42 21,84 9 86925 1,88

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Brasilien, Indien, Indonesien,

Südafrika und die Türkei sind

wegen hoher Leistungsbilanzdefizite

besonders auf Kapitalzuflüsse

aus dem Ausland

angewiesen. Deshalb werden

diese Länder auch als „Fragile

Five“ bezeichnet. Die im Mai

2013 einsetzende Diskussion

um die Rückführung der Anleihekäufe

durch die US-Notenbank

Fed brachte ihre Währungen

und Aktienmärkte stark

unter Druck. Seit einigen Monaten

traut sich Kapital aber

vorerst zurück in diese Länder.

Wie sich die Weltbörsen seit Jahresanfang in der Landeswährung

und in Euro entwickelt haben 1

Börse

Jakarta

Mailand

Manila

Lissabon

Mumbai

Kopenhagen

Istanbul

Bangkok

Dublin

São Paulo

Sydney

Brüssel

Athen

Bogota

Johannesburg

Zürich

Singapur

Madrid

Paris

Taipeh

Toronto

in Landeswährung

+13,8

+10,9

+11,9

+10,6

+6,9

+8,2

+7,4

+7,0

+7,1

+0,7

+0,1

+4,1

+4,0

+4,4

+4,0

+1,0

+1,5

+1,5

+1,2

+2,9

+4,7

(Prozent)

in Euro

+20,4

+10,9

+10,6

+10,6

+8,9

+8,1

+7,7

+7,7

+7,1

+6,7

+5,0

+4,1

+4,0

+3,3

+3,1

+1,9

+1,7

+1,5

+1,2

+0,9

+0,7

Börse

Warschau

Seoul

Prag

Oslo

Kuala Lumpur

Santiago

Hongkong

New York

Stockholm

Amsterdam

Helsinki

Shanghai

London

Buenos Aires

Frankfurt

Wien

Mexiko-Stadt

Budapest

Caracas

Tokio

Moskau

in Landeswährung

+0,8

–0,7

+0,2

–1,6

–0,8

+3,9

–1,2

–1,8

+0,3

–2,3

–2,3

+0,7

–3,1

+20,0

–3,1

–3,6

–5,5

–4,6

–8,5

–14,6

–10,7

(Prozent)

1 gemessen am jeweiligen Hauptindex, Quelle: Bloomberg; Stand: 14. April 2014

in Euro

0,0

–0,3

–0,3

–0,5

–0,5

–1,5

–1,8

–2,0

–2,2

–2,3

–2,3

–2,5

–2,8

–2,8

–3,1

–3,6

–6,3

–7,8

–9,0

–12,2

–18,6

WirtschaftsWoche 19.4.2014 Nr. 17 93

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Coca-Cola

Das Brause-Imperium

schlägt zurück

ANLEIHE Singulus

Lange

notiert

Hält dicht Coca-Cola legt in

den Schwellenländern zu

Mit zwei Prozent weniger

Umsatz und fünf Prozent weniger

Reingewinn war das

Jahr 2013 für Coca-Cola enttäuschend.

Anders als der

Dow Jones haben Coke-Aktien

seit einem Jahr an Wert

verloren. Doch das Brause-

Imperium kommt wieder. Im

ersten Quartal verringerten

sich die Erlöse zwar noch einmal

um vier auf 10,58 Milliarden

Dollar und der Nettogewinn

schrumpfte um gut

sieben Prozent auf 1,62 Milliarden

Dollar. Doch das Absatzvolumen

zog weltweit

wieder an um zwei Prozent.

In den Industrieländern ist

Coke bei Softdrinks die Nummer

eins, etwa in den USA mit

42 Prozent Marktanteil. In den

Schwellenländern legt Coca-

Cola zu. Dazu kommen Neuerungen.

Für 1,25 Milliarden

Dollar ist Coke beim Kaffeeröster

Keurig Green Mountain

eingestiegen. Damit hat Cola

den Zugang zum hochrentablen

Kapsel-Kaffeemarkt; außerdem

sind portionierte

Kaltgetränke geplant. Mit der

Beteiligung am kalifornischen

Start-up Zico mischt Cola

beim Trend Kokoswasser mit.

Nach dem Rückschlag im

vergangenen Jahr könnte Coca-Cola

2014 wieder etwas zulegen.

Der Umsatz dürfte den

bisherigen 2012er-Rekordwert

von 48 Milliarden Dollar

übertreffen. Dank eingeleiteter

Sparmaßnahmen (bis 2016

sollen jährlich eine Milliarde

Dollar Kosten wegfallen) dürften

rund neun Milliarden Dollar

Reingewinn bleiben.

Die hohen Mittelzuflüsse aus

dem laufenden Geschäft geben

Spielraum für Aktienrückkäufe.

Deren Volumen könnte 2014 bis

zu drei Milliarden Dollar erreichen.

Das würde auch negative

Effekte eines geplanten und von

Aktionären kritisierten Mitarbeitervergütungsprogramms

abmildern, mit dem Coca-Cola

im großen Stil Aktien an Mitarbeiter

ausgeben will („2014

Equity Plan“).

Als Dividende gibt es für 2013

insgesamt 1,12 Dollar je Anteil;

für 2014 sind als 1,22 Dollar

möglich. Das wären mehr als

drei Prozent Rendite.

Und die Ausschüttung dürfte

fast so sicher sein wie bei einer

guten Anleihe: Seit 52 Jahren

hat Coca-Cola nicht nur immer

Dividende gezahlt, sondern sie

in jeder Saison auch angehoben.

Kein Wunder, dass strategische

Langfristinvestoren an

Bord sind: Warren Buffett, dessen

Berkshire Hathaway etwa

neun Prozent an Coca-Cola in

der Hand hat.

Coca-Cola

ISIN: US1912161007

44

42

40

38

36

50-Tage-Linie

34

200-Tage-Linie

32

2012 2013 14

Kurs/Stoppkurs (in Dollar): 38,80/32,90

KGV 2013/2014: 19,9/18,6

Dividendenrendite(in Prozent):3,1

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle:FactSet

Anleiheinvestoren haben die

Qual der Wahl: Sie können

Anleihen kaufen, die die Europäische

Zentralbank, solange

es geht, aufkauft, das heißt

mit den Steuergeldern der

Euro-Staaten stützen will. Also

etwa solche aus Spanien,

Italien und, ja, seit Neuestem

auch aus Griechenland. Wer

jedoch glaubt, dass eine solche

Planwirtschaft irgendwann

vor die Wand fahren

wird, der schaut sich lieber

am noch real existierenden

Kapitalmarkt um.

Zu den Papieren dort, für

die mit Sicherheit kein müder

Cent Rettungsgeld fließen

würde, gehört eine Anleihe

von Singulus Technologies.

Dabei ist nicht ausgeschlossen,

dass auch die Hessen

einmal Stützungsgelder brauchen

werden. Denn das Papier

gehört zur Klasse der riskanten

Hochzinsbonds.

Singulus entwickelt, produziert

und vertreibt weltweit

Maschinen und Anlagen zur

Herstellung von optischen

Speichermedien (Blu-ray,

DVD), Solarzellen und Halbleitern.

Obwohl auch ein klassischer

Mittelständler, sollten

Anleger das Unternehmen

nicht in einen Topf werfen mit

all den Zameks, Renas oder

Solaranbietern, deren Papiere

im neuen Markt für Mittelstandspapiere

gerade geplatzt

sind. Denn Singulus hat eine

schon recht lange Börsenhistorie:

Die Aktie ist seit Ende

1997 an der Börse notiert.

2013 wuchsen die Umsätze

deutlich von 107,5 auf 133,4

Millionen Euro, unterm Strich

schrieben die Hessen mit einem

Nettoverlust von 0,7 Millionen

Euro leicht rote Zahlen,

nach tiefroten im Vorjahr.

Die Bilanz hat sich denn auch

Läuft rund Singulus schaffte es

von tiefroten in leicht rote Zahlen

verbessert. Den bilanzierten

Anleiheschulden über 56,3 Millionen

Euro stehen 51 Millionen

Euro liquide Mittel gegenüber.

Bankverbindlichkeiten gib es

keine. Die Eigenkapitalquote

liegt bei guten 38 Prozent.

Für das Jahr 2014 erwartet

Singulus „wieder eine gute Entwicklung

des Geschäftsverlaufes

mit einem positiven Ergebnis

auf operativer Basis“, wie es

heißt. Mit operativ ist dabei das

Ergebnis vor Steuern und Zinsen

(Ebit) gemeint.

Risikobewusste Anleger erhalten

für das Papier derzeit sieben

Prozent jährliche Zitterprämie.

Das ist viel, angesichts

eines gar nicht mal so üblen

Zahlenwerkes. Zweimal schon

sind die 7,75 Prozent Zinskupon

seit der Vorstellung der Anleihe

zur Emission geflossen (WirtschaftsWoche

13/2012).

Wie viele Papiere hat die Anleihe

Klauseln. Im kommenden

Jahr kann sie zu einem Kurs von

102 Prozent und 2016 zu 101

Prozent gekündigt und zurückgezahlt

werden. Eine vorzeitige

Kündigung hält das Unternehmen

selbst „aus derzeitiger

Sicht allerdings für sehr unwahrscheinlich“.

Kurs (%) 101,45

Kupon (%) 7,75

Rendite (%) 7,19

Laufzeit bis 23. März 2017

Währung

Euro

ISIN

DE000A1MASJ4

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/PHOTOSHOT, PR

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 17 19.4.2014 WirtschaftsWoche

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CHARTSIGNAL

Achtung, explosiv!

Palladium ist das Edelmetall mit dem höchsten

Preissteigerungspotenzial.

Gut 40 Prozent der Weltproduktion

von Palladium

stammt aus Russland. Das im

Katalysatorenbau eingesetzte

Edelmetall gehört zu den wenigen

Rohstoffen, deren Preise

im Zuge der Ukraine-Krise

zulegen konnten. Der Preisanstieg

über 750 Dollar pro

Unze und der Durchbruch

der Trendlinie T1 gaben ein

mittel- bis langfristiges Kaufsignal

(1). Damit endete die

Anfang 2011 einsetzende

Konsolidierung. Deren Verlauf

gibt einen Hinweis auf die

interne Stärke des Marktes.

Nach dem Preisanstieg von

unter 200 auf über 800 Dollar

(Strecke A–B) wäre eine große

Preiskorrektur zu erwarten

gewesen. Langen Aufwärtstrends

folgen oft ausgedehnte

Korrekturen, in deren Verlauf

nicht selten 50 Prozent des vorherigen

Preisanstieges aufgezehrt

werden. Nicht so bei Palladium.

Der Preis testete

lediglich die Unterstützung von

2008 und 2010 (2, 3). Im Wesentlichen

erfolgte die Konsolidierung

des vorherigen Preisanstiegs

über die Zeitschiene.

Das zeichnet einen starken

Markt aus. Charttechnikern signalisiert

die auffallend flach

verlaufende Abwärtstrendlinie

T1 einen Markt mit latentem

Drang nach oben. Allerdings ist

der Palladiumpreis weit in ein

als Konsolidierungsformation

geltendes symmetrisches Drei-

1000 Dollar im Blick

Der Palladiumpreis könnte in den kommenden Monaten spürbar zulegen

1000

800

600

400

300

200

Quelle: FactSet

Palladium

(in Dollar pro Unze)

Unterstützung

B

A

2008 2009 2010 2011 2012 2013 14

eck hineingelaufen. Ein Markt

mit mehr Dynamik wäre schon

Mitte 2013 nach dem erfolgreichen

Test der Trendlinie T2

über T1 ausgebrochen. Doch

bis zum endgültigen Ausbruch

scheiterten seit Anfang 2013

fünf Anläufe an T1. Entsprechend

bedeutend aber ist der

T2

2

T1

Potenzieller Aufwärtstrendkanal

1

3

Symmetrisches

Dreieck

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Ausbruch jetzt. Die Kursziele

reichen bis auf 1200 Dollar. An

dieser Marke verläuft aktuell die

Parallele zu T2 und damit die

Begrenzung eines potenziellen

Aufwärtstrendkanals. Sollte der

Preis unter T2 fallen, müsste die

positive Einschätzung zum Palladiumpreis

überdacht werden.

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Geld&Börse | Geldwoche

IMMOBILIENFONDS

Der Fiskus verdient an

der Zerschlagung

An der Kreuzung Büroturm

des SEB-Fonds ist jetzt Hotel

Die Lust auf Immobilienfonds

lässt nach: Wurden im Januar

2013 noch eine Milliarde Euro

netto in die Fonds investiert,

war es im Januar 2014 nur die

Hälfte. Und im Februar sanken

die Zuflüsse gegenüber dem

Vorjahresmonat um 400 Millionen

Euro auf nur noch 100

Millionen. Turnusmäßig

schütten Milliardenfonds wie

DekaImmobilien Europa oder

Grundbesitz Europa von der

Deutschen Bank im Januar Erträge

an Anleger aus. Und üblicherweise

wird das Geld wieder

in die Fonds investiert. Aber offenbar

lassen die seit Juli verschärften

Rückgabefristen Anleger

zögern: Wer jetzt offene

Immobilienfonds über die

Fondsgesellschaft kauft oder die

Erträge in den Fonds zurück investiert,

muss die Anteile mindestens

24 Monate halten. Er

kommt erst an sein Geld, wenn

er zwölf Monate vorher kündigt.

Die Kündigung kann der Anleger

zwar schon innerhalb der ersten

24 Monate aussprechen, aber die

beliebte tägliche Verfügbarkeit