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Film


KUNST Magazin

SammlergeSpräcHe

geführt von Jan Kage

Editorial

Text: Julika Nehb

Findet die Zukunft des Kinos im Museum statt? Wenn

wirtschaftliche Interessen zunehmend den Inhalt und

die Gestaltung von Filmen diktieren, scheinen Kulturinstitutionen

das Refugium zu sein, um das Medium künstlerisch

weiterzudenken.

Translation: Brian Poole

Will the future of the cinema take place in museums?

With economic interests increasingly dictating the content

and structure of films, cultural institutions appear

to be the last refuge where artists can continue to develop

film as a medium.

KUNST Magazin Sammlergespräche

jetzt als Buch!

Jennifer Becker & Stefan Haupt (Hg.)

Seit 2010 lädt das KUNST Magazin einmal im Monat zu den Sammlergesprächen in Berlin in der

Bar Tausend, um Geheimnisse privater Kunstsammlungen zu lüften. Zu den bisherigen Gesprächspartnern

gehören Nathalie Vranken, Thomas Olbricht, Christiane zu Salm-Kofler oder das Ehepaar

Haubrok. Mit welchem Kunstwerk fing es an? Wieviel Leidenschaft und Engagement steckt dahinter,

und wieviel Kalkül? Wo wird gekauft, bei wem und warum? Jan Kage entlockt den Kunstsammlern

unterhaltsame Anekdoten, fachkundige Einschätzungen und intime Geständnisse. Die KUNST

Magazin Sammlergespräche werden nun erstmals gesammelt in einer Publikation herausgegeben.

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Heinz Peter Schwerfel, künstlerischer Leiter des Festivals

KINO DER KUNST, spricht im Interview über die ökonomische,

geografische und kreative Krise der Filmkunst.

Zugleich bescheinigt er aber auch dem Kunstfilm der

letzten zehn Jahre – beispielsweise den Werken von Julian

Schnabel, Eija-Liisa Athila, Steve McQueen, Shirin

Neshat, Julian Rosefeldt, Yael Bartana oder Rebecca Ann

Tess – in Bezug auf Technik, Inhalt, Konzept und Darstellung

einen „regelrechten Quantensprung“. Das Festival,

das zugleich Ausstellung sein will, wird Ende April in

München eröffnet, Präsidentin der Jury ist die Schauspielerin

Amira Casar.

Die Illusionsmaschine Kino wird derzeit in einer Ausstellung

in Memmingen reflektiert. „Beim Betrachten eines

Films sehen wir der Handlung direkt zu, das Medium

nimmt uns mit, und im Laufe des Films werden wir vom

Beobachter zum Zeugen: Wir sehen und hören, was geschieht,

und erfahren die Geschichte mit unseren Sinnen

nahezu als Realität“, schreibt der Kurator von „Kino

und der kinematografische Blick“, Axel Lapp. Im Leitartikel

stellt er die ausgestellten Positionen vor.

Matthias Planitzer hat sich Katarzyna Kozyras Ausstellung

„Looking for Jesus“ in der Berliner Galerie Żak

Branicka angesehen. Die polnische Künstlerin reiste zur

Osterzeit des vergangenen Jahres nach Jerusalem und

begab sich mit einem Filmteam auf die Suche nach Personen,

die sich selbst für Jesus Christus halten. Wie dabei

die Grenzen zwischen Darstellung und Beobachtung

zunehmend verschwimmen, lesen Sie auf Seite 20.

Ihre KUNST Magazin Redaktion

In our interview, Heinz Peter Schwerfel, the artistic director

of the festival KINO DER KUNST (Cinema of Art),

discusses the economic, geographic and creative crisis

of the art film. But he also notes the “genuine quantum

leap”—as far as technique, content, concepts, and acting

are concerned—that’s taken place in the art film

during the last ten years in the works of Julian Schnabel,

Eija-Liisa Athila, Steve McQueen, Shirin Neshat, Julian

Rosefeldt, Yael Bartana, and Rebecca Ann Tess, among

others. The festival, which is also conceived as an exhibition,

will open at the end of April in Munich. The president

of the jury is the actress Amira Casar.

The cinema as ‘illusion machine’ has been the source

of much reflection at an exhibition in Memmingen. As

Axel Lapp, the curator of the exhibition “Cinema and the

Cinematographic Perspective,” notes in our lead article:

“While we are watching a movie, we see the action

immediately in front of us; the medium takes us with

it, and over the course of the movie we change from

observer to witness: we see and hear what is happening,

and we experience the story with our own senses

almost as if it were reality.” Lapp’s article offers us a preview

of the works being exhibited there.

Matthias Planitzer visited Katarzyna Kozyra’s exhibition

“Looking for Jesus” at the Berlin Gallery Żak Branicka.

During the Easter holidays last year the Polish artist

travelled to Jerusalem and set off with a film crew in

search of people who believe they are Jesus Christ. On

page 20 you’ll find out just how blurry the borders between

acting and observing can become.

Your KUNST Magazin Team

Das Buch erscheint Ende April im OFFIZIN Zürich Verlag

29.90 Euro. ISBN 978-3-907496-78-7

www.offizin.ch

3


Diesen Monat auf www.kunst-magazin.de

Guy Ben-Ner (*1969):

If only it was as easy to

banish hunger by rubbing

the belly as it is to

masturbate (Filmstill)

2009, 1-Kanal-Video,

Farbe, Ton, 16’30’’

© Courtesy Guy Ben-Ner

und Konrad Fischer,

Galerie, Düsseldorf

Tzu Nyen HO:

The Cloud of Unknowing,

2011, Videostill

© Tzu Nyen HO

2. April 2013

Besser scheitern in Film und Video

Mittels 20 Video- und Filmarbeiten internationaler

KünstlerInnen von den 1960er-Jahren bis heute beschäftigt

sich die Hamburger Kunsthalle mit dem Thema

„Scheitern in der Kunst“. Mal spielerisch, mal tragisch

oder komisch wird dieses große Tabu der Moderne in

Szene gesetzt.

8. April 2013

Georg Baselitz im Porträt

Georg Baselitz zählt zu den bekanntesten Künstlern

weltweit. Für eine Dokumentation ließ er die Filmemacherin

Evelyn Schels hinter die Türen seiner Ateliers in

Deutschland und Italien sowie in Fotoalben blicken und

gibt so einen ungewohnten Einblick in seine Arbeit und

sein Privatleben.

12. April 2013

Videokunst in Asien 2002 bis 2012

Unter dem Titel „Move on Asia“ präsentiert das ZKM –

Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe

eine umfangreiche Ausstellung von „moving images“,

u. a. aus Indien, China, Pakistan, Japan, Thailand und

Vietnam.

15. April 2013

Castor & Pollux – Das Schlusswort

Matthias Planitzer ist passionierter Kunstkritiker und

Blogger. Für sein Schlusswort ist er für uns jeden Monat

in der Berliner Kunstszene unterwegs und nimmt eine

aktuelle Ausstellung unter die Lupe.

Inhalt

Content

Künstlerfilme werden immer besser

Artist Films Are Getting Better and Better

Interview mit Heinz Peter Schwerfel: Julika Nehb ................................................................................................................... 6

Kino und der kinematografische Blick

Cinema and the Cinematographic Perspective

Text: Axel Lapp ................................................................................................................................................................................... 12

„Ich heiße Joseph Cassel und ich bin Gott.“

Katarzyna Kozyras Ausstellung „Looking for Jesus“ bei Żak Branicka

Text: Matthias Planitzer .................................................................................................................................................................20

Sammlergespräch mit Marc Fiedler: „Ein Blick, eine Auseinandersetzung, ein Gefühl“

Conversations with Collectors – Marc Fiedler: “A glance, an encounter, a feeling”

Interview: Jan Kage ......................................................................................................................................................................... 24

Buchvorstellungen

Book Reviews ..................................................................................................................................................................................... 28

Ausstellungshinweise

Gallery Announcements ................................................................................................................................................................30

Ankündigung: Sammlergespräch mit Heinz Lohmann ........................................................................................................46

Impressum

Imprint ................................................................................................................................................................................................46

22. April 2013

Rosa Barba. Time as Perspective

Fasziniert vom Film arbeitet Rosa Barba vorwiegend mit

Zelluloid, Licht, Projektor und Sound. Eine Publikation

dokumentiert ihr neuestes Projekt „Times as Perspective“,

welches im Kunsthaus Zürich und in der Bergen

Kunsthall in Norwegen gezeigt wurde.

annette hollywood:

Der Sammler, 1997/ 2013,

Videostills

© annette hollywood

© Courtesy Galerie Thore

Krietemeyer, Berlin

26. April 2013

annette hollywood

In annette hollywoods Film „Der Sammler“ eröffnen

sich Einblicke in die psycho-soziale Dimension des Sammelns.

Wie durch unsere visuelle Kultur der Massenmedien

Illusionen geprägt werden und Mechanismen des

Kunstbetriebs funktionieren, reflektiert annette hollywood

auf ironische Weise in ihrem Œuvre.

Bildnachweise

Titelbild: Janet Cardiff & George Bures Miller: The Paradise Institute, 2001, mixed Media, Video, 13 min. Innenansicht.

Courtesy by the artists and Galerie Barbara Weiss, Berlin, Foto: Federico del Prete. Vgl. Ausstellungshinweis S.45.

© VG Bild-Kunst, Bonn für die Werke von

Matthias Brunner, Terence Carr, Frank Darius, EVA & ADELE, Wolfgang Ellenrieder, Gunda Förster, annette hollywood, Leiko Ikemura, Isaac Julien,

Franziska Klotz, Katrin von Lehmann, Jan-Peter Manz, Georg Netzband, Sigrid Sandmann, John Stezaker, Clemens von Weemeyer

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5


„Künstlerfilme werden immer besser“

“Artist Films Are Getting Better and Better”

Während sich die Kunstwelt Ende April in Berlin anlässlich

des Gallery Weekends zusammenscharen wird,

steht München zur selben Zeit ganz im Zeichen des

künstlerischen Films. Das Kunstfilmfestival KINO DER

KUNST (24.–28.4.) zeigt in einem hochkarätigen Rahmenprogramm

Künstlerfilme von 1920 bis heute, darunter

solche von Luis Buñuel und Salvador Dalí, Marcel

Duchamp, Man Ray, Rebecca Horn, Julian Schnabel,

Eija-Liisa Athila, Steve McQueen, Shirin Neshat, Julian

Rosefeldt und Pipilotti Rist (sämtliche Termine unter

www.kinoderkunst.de). Die Teilnehmer des Wettbewerbs

konkurrieren um zwei Hauptpreise, die von einer

Jury vergeben werden, bestehend aus der New Yorker

Künstlerin Cindy Sherman, dem Briten Isaac Julien sowie

Defne Ayas, Direktorin am Witte de With, Center for

Contemporary Art in Rotterdam. Isaac Julien ist zudem

eine Retros pektive gewidmet. Wir sprachen mit dem

Autor (u. a. „Kino und Kunst – Eine Liebesgeschichte“),

Journalisten und Filmemacher Heinz Peter Schwerfel,

künstlerischer Leiter des Festivals, über das wechselseitige

Verhältnis von Kunst und Kino.

Interview mit Heinz Peter Schwerfel: Julika Nehb

Herr Schwerfel, ein bekannter Kunstkritiker sagte, Kino

sei die größte Kunstform, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht

hat. Wie stehen Sie dazu? Wie verhält es

sich damit Ihrer Einschätzung zufolge im neuen Jahrtausend?

Vor Superlativen wie „größte“ hüte ich mich, aber Kino

ist natürlich ein Kind des 20. Jahrhunderts, und ich

schließe mich den Franzosen an, die Kino selbstredend

als die „Siebente Kunst“ bezeichnen. Eine Kunst, die leider

zu Anfang des neuen Jahrhunderts in eine kreative,

ökonomische und geografische Krise geraten ist – der

Ort Kino ist bedroht, das Wirtschaftsmodell Kino und

das Kunstwerk Kinofilm, denn herausragende Kinofilme

werden immer seltener.

Sie haben die Wechselbeziehung zwischen Film und

Kunst als Liebesgeschichte beschrieben. Wie sind die

Rollen in dieser Beziehung heute verteilt?

Die bildende Kunst benutzt Kino und Filmsprache mehr

als je zuvor als Rohmaterial, denn sie hat das Story-Telling

für sich entdeckt, und Kino ist nun mal global verständlich.

Gleichzeitig setzt die Filmindustrie verstärkt auf die

Ideen der Künstler und bietet diesen große Stoffe und

Budgets an.

The art world will soon be converging in Berlin at the

end of April for the Gallery Weekend. At the same time,

Munich will be awash in artistic films. The art film festival

KINO DER KUNST (Cinema of Art, 24.–28.4.) will be

showing a top-notch panoply of artist films dating from

1920 to the present, featuring among them highlights

by Luis Buñuel, Salvador Dalí, Marcel Duchamp, Man Ray,

Rebecca Horn, Julian Schnabel, Eija-Liisa Athila, Steve

McQueen, Shirin Neshat, Julian Rosefeldt and Pipilotti

Rist. (The dates are posted at: www.kinoderkunst.de.)

The participants of the film festival will be battling for

two prizes awarded by a jury composed of the New York

based artist Cindy Sherman, the British artist Isaac Julien,

and Defne Ayas, who is the current director of Witte de

With, Center for Contemporary Art in Rotterdam. There

will also be a retrospective dedicated to Isaac Julien’s

works. We spoke with the director of the festival, Heinz

Peter Schwerfel—a journalist, filmmaker, and author of

the book Cinema and Art – A Love Story, among other

works—about the reciprocal relationship between art

and film.

Translation: Brian Poole

Mr Schwerfel, a famous art critic once said that film was

the greatest art form the 20 th century produced. What’s

your take on that? And what’s your assessment of film

in the new millennium.

I use superlatives like “the greatest” sparingly. But the

cinema is indeed a child of the 20 th century, and I agree

with the French who quite naturally refer to the cinema

as “the seventh art”. Unfortunately, it’s an art form that

has drifted into a creative, economic and geographical

crisis at the beginning of this century. The cinema as a

location is in jeopardy, as is the economic model of the

cinema and the art form of the cinema movie—and excellent

cinema movies are increasingly hard to find.

You’ve described the reciprocal relationship between

film and art as a love story. How are the roles in this relationship

divided up these days?

The fine arts use the cinema and the cinematic idiom

more than ever before as raw material—they’ve discovered

story telling, and cinema is quite simply a universally

understood medium. At the same time, the movie

industry has been increasingly betting on the ideas of

the artists, and they’ve been offering them vast materials

and large budgets.

Maya Zack: Black and White Rule, ISR 2011, Materials: red 4k, Duration: 18 min.

Welche Regisseure der jüngeren Vergangenheit haben

sich ganz bewusst an der bildenden Kunst orientiert, sie

sozusagen geplündert, und bei welchen geschah dies

eher unbewusst? Welche Filmemacher der jüngeren Generation

sind Ihnen durch eine eigene visuelle Sprache

aufgefallen?

Das Kino plündert die Kunst nicht, es lernt von ihr. Vor

allem Regisseure, die konventionelle Narration verweigern,

so wie moderne Maler die Zentralperspektive verweigern,

schielen auf die Kunst. Der frühe Tarantino unbewusst,

Christopher Nolan oder Tom Tykwer bewusst.

Sie sagten, der Vorteil der „Traumfabrik Hollywood“

gegen über der zeitgenössischen Kunstproduktion wären

die sehr viel größeren Budgets, um bestimmte Bildwelten

umzusetzen. Wie groß ist die Macht des Kinos,

wenn es um die Beeinflussung unseres kulturellen Bildgedächtnisses

geht?

Die Macht des Kinos ist geschrumpft, erst durch das

Fernsehen, dann durch den Musikclip und heute durch

das Internet. Deshalb fürchte ich, dass aktuell die Bildersuppe

der Massenmedien, inklusive Werbung, das kulturelle

Gedächtnis stärker prägen als Kino oder Kunst.

Das Festival widmet sich dem Verhältnis von Kunst und

Kino, welches durch die Suche der Gegenwartskunst

nach einer „global verständlichen Sprache des bewegten

Bildes“ geprägt ist. Findet das Kino der Zukunft also

im Museum statt?

Zumindest auch im Museum, denn das Kino braucht ein

wirtschaftlich unabhängiges experimentelles Laboratorium

für neue, professionell und auf hohem Niveau

formulierte Ideen, und das kann heute nur der Kunstbetrieb

sein und nicht das Internet und Youtube.

Which directors in recent years have consciously oriented

themselves around the fine arts—plundering them,

as it were? And who among them have done so rather

unconsciously? Which filmmakers of the younger generation

seem to you to be using their own visual language?

The films do not plunder the arts; they learn from them.

Particularly those directors who refuse to use conventional

narration, much as modern painters refuse to offer

a central perspective, have their eye on the arts: the

early Tarantino, unconsciously; Christopher Nolan and

Tom Tykwer, consciously.

You’ve said that the advantage of the “dream factory

Hollywood” by comparison with contemporary art production

lies in the much larger budgets they can command

in order to produce certain pictorial worlds. How

large is the power of the cinema in the sense of its ability

to influence our cultural memory of images?

The cinema’s power has declined—first due to television,

then through the music clip, and now through the

internet. That’s why I fear that, today, the mishmash of

images in mass media, including commercials, has a

larger influence upon cultural memory than the cinema

and the arts.

The festival is dedicated to the relationship between

the fine arts and the cinema—cinema characterised

here as shaped by contemporary art’s search for a “globally

comprehensible language of moving images”. Is the

cinema of the future going to take place in museums?

Well, at least also in museums. The cinema is in need of

an economically independent experimental laboratory

for new professional and sophisticatedly formulated

6

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Isaac Julien, Baltimore I 2003, Installation view, 3rd Berlin Biennial, Germany, Three-screen installation, black & white / colour 16mm

DVD transfer, sound, 11’00”, Courtesy of the artist, Victoria Miro Gallery, London,Metro Pictures, New York and Galería Helga de Alvear, Madrid


Wo verlaufen die Grenzen des Kinos, wenn es um die

Auseinandersetzung mit und die Wiedergabe von Kunst

geht? Wie gehen Filmemacher mit Übersetzungsproblemen

um?

Kino ist oft nicht nur an narrative, sondern auch an

inhalt liche Klischees gekettet, beispielsweise an das alte

Lied vom Künstler als einsamem Helden im Schaffenskampf.

An solchen Klischees scheitert es immer wieder.

Vor dem Münchner Festival KINO DER KUNST leiteten

Sie seit 2002 die Kunstfilmbiennale in Köln und Bonn.

Die Qualität des Festivals ist in den vergangenen Jahren

immer weiter gestiegen. Welche Erwartungen haben

Sie persönlich an den Wettbewerb?

Die Qualität der Kunstfilmbiennale und jetzt von KINO

DER KUNST steigt, weil die Künstlerfilme immer besser

werden – technisch, inhaltlich, konzeptuell, darstellerisch.

Ich würde da in den zehn letzten Jahren von einem

regelrechten Quantensprung sprechen, und genau diese

Entwicklung spiegelt sich auch im Wettbewerb von

KINO DER KUNST.

Herr Schwerfel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

There’s more progress to be seen in the movies on artists

like Julian Schnabel, Steve McQueen, and Shirin Neshat.

Where do the borders lie in cinema, as far as art and the

representation of art is concerned? How do filmmakers

deal with the problems of translation?

Cinema is often bound not only to narrative, but also to

thematic clichés—for example, that old saw about the

artist as lonely hero engaged in a battle to create something.

Again and again the movies run aground with

such clichés.

In addition to your involvement with the festival KINO

DER KUNST, you have also directed the Art Film Biennale

in Cologne and Bonn since 2002. The quality of the festival

has been rising steadily in recent years. What expectations

do you have, personally, for the competition?

The quality at the Art Film Biennale, and now again at

KINO DER KUNST, has been rising because the artist films

have been getting better and better, technically, conceptually,

plot-wise, as well as in terms of acting. I would

even speak of a genuine quantum leap during the last

ten years, and precisely this development is reflected at

the film festival competition KINO DER KUNST.

Mr Schwerfel, thank you for the conversation.

Max Weinman: Apsis, USA 2012, Materials: HD, Duration: 14 min.

Frühere filmische Künstlerbiografien, beispielsweise

„Mein Mann Picasso“, stellten den narrativen Gehalt

weit über die Auseinandersetzung mit der Kunst. Hat

sich diese Tendenz im Hinblick auf jüngere filmische

Künstlerfilme wie „Gerhard Richter Painting“, „Ai Wei

Wei: Never Sorry“ oder „Renoir“ geändert?

Da müssen Sie unterscheiden zwischen Fiktion und Dokumentation.

Dokumentarfilme über Künstler haben

früher nur selten den Sprung ins Kino geschafft, selbst

wenn sie deutlich spannender als „Gerhard Richter

Painting“ waren. Denken Sie an Clouzots „Picasso“. Und

„Pollock“ von Ed Harris war sicher besser als „Renoir“.

Der von Ihnen zitierte „Picasso“ stellt allerdings einen

absoluten Tiefpunkt in der Geschichte von Kino und

Kunst dar. Ich sehe da also keine großen Veränderungen

und sicher keinen Fortschritt. Den gibt es eher bei Kinofilmen

bildender Künstler wie Julian Schnabel, Steve

McQueen, Shirin Neshat.

ideas—and, today, that can only mean the art world,

and not the internet or YouTube.

Earlier cinematic artist biographies—like “Surviving

Picasso”—emphasise the narrative content far more

than the examination of art. Has this tendency changed

with the advent of more recent movies on artists like

“Gerhard Richter Painting,” “Ai Weiwei: Never Sorry,” or

“Renoir”?

Here, we have to differentiate between fiction and

documentary. Documentary films about artists have

rarely made it to the cinema in the past, even though

they’ve been far more thrilling than “Gerhard Richter

Painting” was. Just think of Clouzot’s “The Mystery of

Picasso”. And Ed Harris’s film “Pollock” was certainly better

than “Renoir”. The “Picasso” movie you mentioned

actually marks the nadir in the history of film on art. So

I don’t see much change here, and certainly no progress.

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Kino und der kinematografische Blick

Cinema and the Cinematographic Perspective

Clemens von Wedemeyer: Occupation, 2001, Video, 35mm, 8‘, © VG Bild-Kunst Bonn

Text: Axel Lapp

Translation: Brian Poole

Die über 100-jährige Geschichte des Kinos hat nicht nur

innerhalb des Mediums bahnbrechende Entwicklungen

durchlaufen – von der handbetriebenen Kurbelkamera

bis hin zur digitalen Animation und zur 3D-Projektion –,

sondern im Laufe dieser Zeit auch unsere Wahrnehmung

und dadurch uns selbst grundlegend verändert.

Wir erfahren die Welt jenseits unseres eigenen Horizonts

über Gespräche und mediale Vermittlung, durch

Berichte, Erzählungen und Geschichten und malen

uns diese häufig nach unserer eigenen Vorstellung

aus. Mit der Fotografie und den bewegten Bildern des

Films nehmen wir diese jedoch auch als Realität wahr

und machen auf diese Weise Erfahrungen, die sich von

tatsächlich Erlebtem kaum unterscheiden. Wir haben

eine genaue Vorstellung von New York, San Francisco

oder Peking, lange bevor wir diese Orte selbst bereisen;

wir wissen um Fantasy-Welten und Liebesschmerz, um

Geheim agenten, Sissi und Kriminalgeschichten. Wir haben

eine Erinnerung an Geschehnisse, die uns über den

Film vermittelt wurden und die sich nun mit den Erinnerungen

an unsere eigenen Erfahrungen vermischen.

Die Ausstellung „KINO und der kinematografische Blick“

dokumentiert dieses Phänomen einer verschwimmenden

Realität mit künstlerischen Arbeiten in den unterschiedlichsten

Medien.

The over 100-year-old history of the cinema has not only

passed through pioneering developments within the

medium itself, from the hand-powered crank camera

to digital animation and 3D projection; over time, it has

also fundamentally changed our perception—and thus

it has changed us.

We experience the world beyond our own horizon

through conversations and through media—through

reports, stories and historical narratives—and we often

embroider them according to our own imagination. We

perceive photographs and the moving pictures of films

as if they, too, were real, and in this manner we accrue

experiences that can hardly be distinguished from what

we’ve factually experienced. We have a precise notion of

New York, San Francisco, and Peking long before we travel

to these places; and we know what fantasy worlds,

the pangs of love, the movie Sissi, and conventional

thrillers are. We remember events that have come to us

through film and that now blend in with our memories

of our own experiences. The exhibition “Cinema and the

Cinematographic Perspective” documents this phenomenon

of a blurred reality with artistic works in various

media.

Geschichten werden im Film aufs Äußerste konzentriert.

In anderthalb bis zwei Stunden – selten nur werden

es mehr – müssen die Charaktere eingeführt, die Handlung

entwickelt, der Höhepunkt erreicht und das Ende

schlüssig sein. Ein Roman braucht dafür meist sehr viel

mehr Zeit und kann sich dabei auch dem Luxus der

Langsamkeit und der Komplexität hingeben. Dabei erfahren

wir die Geschichte über das Medium des Texts

und schmücken uns eine Vorstellung dazu aus. Beim

Betrach ten eines Films dagegen sehen wir der Handlung

direkt zu, das Medium nimmt uns mit, und im Laufe

des Films werden wir vom Beobachter zum Zeugen:

Wir sehen und hören, was geschieht, und erfahren die

Geschichte mit unseren Sinnen nahezu als Realität.

Kamera einstellungen, Montage und Schnitt, Kulisse,

Ausleuchtung, Kostüme, Maske sowie die Untermalung

mit Geräuschen und Musik tun ein Übriges. In einer

Illu sion der Teilhabe leiten sie uns durch die Handlung

und bilden selbst auf vielfältige Weise unsere Erfahrung

während des Betrachtens ab. Alle Emotionen sind möglich

und werden vom Medium auch aktiv genutzt.

Es ist gerade diese Fähigkeit von Kino und Film, über alle

Sinne die Aufmerksamkeit der Betrachter auf sich zu

ziehen und diese ganz in eine andere „Realität“ eintauchen

zu lassen, die Jason Silva in seinem Kurzfilm „The

In movies, the stories are extremely concentrated.

Within no more than two hours—a movie is seldom

longer—the characters have to be introduced, the plot

has to be developed, the climax has to be reached, and

the dénouement has to appear consistent. A novel usually

requires much more time, and to achieve its ends it

can also abandon itself to the luxury of a slow tempo

and considerable complexity. We experience the storyline

through the medium of the text, and we embellish

our own impressions of it. But when we are watching

a movie, we see the action immediately in front of us;

the medium takes us with it, and over the course of

the movie we change from observer to witness: we see

and hear what is happening, and we experience the

story with our own senses almost as if it were reality.

The camera’s perspective, the montage and cutting,

the scenery, lighting, costumes, and makeup, as well

as the accompaniment with sound and music, add the

final touches. In this illusion of participation, all these

aspects lead us through the plotline, depicting, in a myriad

of ways, our experience while we are watching the

screen. All emotions are possible, and they are actively

used by the medium.

In his short film “The Immersive Power of Cinema” Jason

Silva describes precisely this ability of cinema and

12

13


Immersive Power of Cinema“ beschreibt. In einer sehr

unterhaltsamen Tour de Force durch Phänomene und

Theorien des Films nutzt der Darstellende Philosoph

Silva die Mittel des Films, um dessen Funktionsweisen

zu erläutern. „The Immersive Power of Cinema“ funktioniert

denn auch fast als ein Trailer für die gesamte

Ausstellung.

Clemens von Wedemeyer spielt in vielen seiner Arbeiten

mit kinematografischen Konventionen. Was geschieht

im Raum des Kinos, welche Konstruktionen sind nötig,

um das Gesehene glaubhaft zu vermitteln, wie unterscheidet

es sich vom Draußen? Wie kann man die etablierten

Techniken des Kinofilms nutzen und hinterfragen?

In der frühen Videoarbeit „Occupation“ setzt

Wedemeyer sich besonders mit der Wirkungsweise und

Bedeutung filmischer Effekte auseinander. Die Situation

ist ein nächtlicher Dreh auf einer Wiese. Es soll eine Massenszene

aufgezeichnet werden, und wir sehen „Schauspielern“

und dem „Filmteam“ bei den Vorbereitungen

zu. Scheinwerfer und Kameras werden positioniert, Orientierungslinien

ins Gras gezogen, die Schauspieler instruiert,

die ihre Bewegungen als und in der Gruppe proben.

Schnell wird klar, dass dies kein echter Filmdreh ist,

dass hier einzelne Effekte aneinandergereiht und vorgeführt

werden, es gibt keine nachvollziehbare Handlung.

Und doch ergeben sich mithilfe der Musik, die einzelnen

Szenen unterlegt ist, und aus dem Verhältnis von Licht

und Dunkel, von Schärfe und Unschärfe kurze Momente

der Spannung, der Erwartung, der Emotion, die dem tatsächlich

Gesehenen Bedeutungstiefe unterstellen.

Georg Parthen untersucht in den Fotografien seiner

„Multiplex“-Serie die Räume des Kinos, die natürlich als

Präsentationsräume auch einen großen Anteil am Kino-

Erlebnis haben. Es ist kaum vorstellbar in diesen Kinozentren

mit ihren lauten Dekoelementen in Blau und

Pink, überdimensionierten Popcornbars und Filmaufstellern,

einen historischen Schwarz-Weiß-Film zu sehen:

Programmkinos sehen üblicherweise anders aus. Die

Geschichte des Kinos ist eine Geschichte der Sehgewohnheiten

und der Publikumserfahrung – von Hinterzimmerkinos

über Filmtheater und Kinopaläste mit

Doppelsitzen und Platzanweisern bis hin zu Freiluftkinos

und Multiplexen. Viele innerstädtische Kinos mussten

schließen. Ihre Säle waren zu groß oder sie waren

zu klein, die neue Technik ließ sich bei sinkenden Besucherzahlen

dann auch nicht mehr finanzieren. Dieses

Kinosterben begann schon vor mehr als 50 Jahren mit

der allgemeinen Verbreitung des Fernsehens. Trotzdem

sehen wir heute mehr Filme als je zuvor, wenn auch

nicht unbedingt in einem Kinosaal, sondern zu Hause

im Wohnzimmer und bisweilen auch unterwegs.

Wir leben mit Filmen, mit ihren Geschichten und Darstellern,

und unser Wissen und unsere Erfahrungen sind

geprägt durch jene Filme, die wir im Laufe der Zeit gesehen

haben. Unsere Realität ist dadurch einer ständigen

film to capture our attention using all the senses, entirely

submerging us into another ‘reality’. In his thoroughly

entertaining tour-de-force jaunt through film phenomena

and film theory, the performance philosopher

Silva uses the medium of film in order to explain the

manner in which it functions. “The Immersive Power of

Cinema” almost serves as a trailer for the entire exhibition.

In many of his works Clemens von Wedemeyer plays

with cinematographic conventions. What happens in

cinematic space? What constructions are necessary in

order to convey what is shown in a credible manner, and

how is it distinct from what’s outside the cinema? How

can we use the established techniques of movies and

call them into question? In his early video work “Occupation”

Wedemeyer deals with the particular modes

and meanings of cinematic effects. The scene is one of

a night-time shooting on a lawn. It’s supposed to be a

crowd scene, and we watch the ‘actors’ and the ‘film

team’ preparing to start shooting the movie. The spotlights

and the cameras are positioned, lines for orientation

are drawn in the grass, actors are instructed, and

their movements both as a group and within the group

are rehearsed. It soon becomes clear, however, that this

is no real film shoot—here, isolated effects are strung

together and acted out, but there’s no comprehensible

plot. And yet with the aid of the music underlying the individual

scenes, and with the use of light and darkness,

and of sharp focus or blurriness, we nevertheless experience

short moments of suspense, of expectation, and

of emotion, which attribute a deeper meaning to what

we’ve actually seen.

In photos of his “Multiplex” series Georg Parthen investigates

the spaces of the cinema, which, as locations for

presenting films, of course also have a large influence

upon our cinematic experience. It’s almost impossible

to watch a historical black and white movie in those

multiplex cinema centres with their blue and pink decorative

elements, and their oversized popcorn bars and

film displays. Cinemas that develop their own programmes

usually look different. The history of the cinema is

a history of visual habits and of the audience’s experience—from

backroom cinemas and film theatres to cinema

palaces with double seats and ushers, to drive-in

and open-air cinemas and multiplexes. Many inner-city

movie theatres have had to close. They were either too

large or too small; moreover, with audience sizes shrinking,

the new technology they would have required

could no longer be financed. The decline of the cinema

already started more than 50 years ago with the spread

of television. And yet we watch more movies today than

ever before, although we don’t necessarily watch them

in the movie theatre—we can watch them at home or

even while we’re on the road. We live with movies, with

their stories and actors, and both our knowledge and

our experiences have been shaped by the films we’ve

seen over time. Our reality has thus been subjected to

continuous change. Martina Sauter deals directly with

Ming Wong: Me as Brigitte Mira as Emmi (Angst essen / Eat fear), 2008, C-Print, 120 x 100 cm

14

15


Veränderung unterworfen. Martina Sauter thematisiert

genau diese Veränderung. Sie ergänzt ihre eigenen

Foto grafien durch Ausschnitte aus bekannten Filmen,

allerdings nicht digital am Computer, sondern mit tatsächlichen

Abzügen, die sie mit kleinem Abstand übereinandermontiert,

sodass man am Objekt tatsächlich den

Unterschied zwischen den Bildebenen wahrnehmen

kann. Eine weitere Serie von Fotografien entstand in

einer verlassenen Westernkulissenstadt in Kalifornien,

die nie war, was sie zu sein vorgab, aber trotzdem immer

noch aussieht, wie man sich nach dem Betrachten

solcher Filme eine historische Siedlung in Amerika vorstellt.

Jana Müller arbeitet ebenfalls mit den Erwartungen

und filmischen Sehgewohnheiten der Betrachter.

Sie verweist auf das weitverbreitete Krimigenre. In ihrer

Installation „Leichter Krimi“ präparierte sie Kleidungsstücke

und andere Utensilien unter Glasplatten. Von

Scheinwerfern beleuchtet, werden sie zu andauernden

forensischen Spuren einer nicht näher bestimmten

Krimi nalgeschichte und machen den Ausstellungsort so

zum imaginären Tatort.

Die Bilder von Friedemann Hahn dagegen präsentieren

eine malerische Sicht auf ikonische Motive der Filmgeschichte.

Sein Material sind Standfotos, deren spezifischen

Blick mit der Kamera er mit großer Geste auf

die Leinwand adaptiert. Jack Nicholson spielt da eine

Rolle in „China Town“, aber auch Ernst Udet, zumindest

nominell, denn sein Flugzeug aus dem Film „SOS Eisberg“

taucht nur als kleiner horizontaler Strich im Bild

„Eisberg“ auf. Daneben verwendet Hahn auch noch alte

Film-Werbebilder, die er kraftvoll übermalt und die er mit

seiner eigenen Emotionalität überlagert. Genau solche

Fotografien, die früher in den Schaukästen der Kinos

hingen, dienen auch John Stezaker als Ausgangspunkt

für seine Collagen. Ganz konzentriert montiert er darauf

jeweils eine stimmungsvolle Landschaftspostkarte,

deren Hell und Dunkel die Kompositionslinien der Fotografie

aufgreift, und gibt durch diesen zugewiesenen

Ort der Dramatik der Ursprungsszene eine ganz neue

Richtung.

this change. She complements her photographs with

fragments from well-known films, but not digitally on

the computer; rather, she uses actual prints, which she

mounts, one on top of the other, with a small space

between them, so that you can still indeed see the distinction

between the picture’s layers in the object. She

created another series of photographs in a deserted city

in California that looked like the setting for a western,

although it was never what it appeared to be, and yet

still looked like what you’d expect to see at a historic

settlement in America after watching such movies. Jana

Müller also works with the expectations and cinematic

habits movie-goers have developed by watching movies.

She alludes to the widespread genre of the thriller. For

her installation “Light Crime Story” she arranged pieces

of clothing and other utensils under panes of glass. Illuminated

under the spotlights, they come to resemble

the remaining forensic clues in an otherwise undefined

crime story, thus turning the location of the exhibition

into an imaginary crime scene.

By contrast, the pictures by Friedemann Hahn offer a

painter’s perspective on the iconic motifs of cinematic

history. His material is the still photo, and, with an overt

gesture, he uses his camera to adapt their particular

look to the big screen. Here, Jack Nicholson plays a role

in “China Town”—but so does Ernst Udet, at least nominally,

since his plane from the movie “SOS Iceberg”

appears as a tiny horizontal line in the picture “Iceberg”.

Hahn also uses the publicity photos from old films, vigorously

painting over them, layering them with his own

emotions. Such photographs, which used to be mounted

in the display cases at the cinema, also serve John

Stezaker as his point of departure for his collages. He

overlaps them with various highly evocative landscape

postcards whose bright and dark contrasts match the

composition lines of the original photographs; by thus

redefining the location for the drama, he gives the original

scene an entirely new direction.

But films not only have an afterlife in our memory; they

also factually influence people. They change our image

of the world and thus they also change the world. John

Sealey’s “They call me...don’t call me” describes the repercussions

of the so-called blaxploitation films of the

1970s. In his video, a man and a woman are seen walking

casually along the streets of New York; they show

passersby photos, and the camera records their reactions

to them. In time it becomes apparent that the

photos, which the camera never focuses on, are of the

actors Pam Grier and Richard Roundtree, the central figures

in films like “Shaft” and “Foxy Brown”—films in

which, for the first time, blacks no longer played merely

supporting roles or acted the part of the ‘bad guys’. In

these films they are, rather, the strong heroes who don’t

put up with backtalk from anyone. They soon became

figures that an entire generation identified with—and

they have since become part of the nation’s historical

John Stezaker: Untitled, 2008, Collage, 20,5 x 25,3 cm, © The artist, Courtesy Galerie Gisela Capitain, Köln

Doch Filme haben nicht nur ein Nachleben in unserer

Erinnerung, sie beeinflussen Menschen tatsächlich.

Sie verändern unser Weltbild und somit auch die Welt.

John Sealeys „They call me ... don‘t call me“ beschreibt

Nachwirkungen der sogenannten Blaxploitation-Filme

der 1970er-Jahre. In seinem Video streifen ein Mann und

eine Frau durch die Straßen von New York, sie zeigen

Passanten Fotos, und die Kamera hält deren Reaktion

darauf fest. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass auf diesen

Fotos, die nie ins Bild kommen, die Schauspieler Pam

Grier und Richard Roundtree zu sehen sind, die Hauptfiguren

der Filme „Shaft“ und „Foxy Brown“, in denen

Schwarze zum ersten Mal nicht nur Nebenrollen oder

„die Antagonisten“ spielten, sondern starke Helden, die

sich von niemandem etwas sagen lassen. Sie wurden

damit zu Identifikationsfiguren einer ganzen Generation

und sind fast wie echte Menschenrechtsaktivisten

Teil der historischen Entwicklung. Auch Emanuel Mathias

untersucht in „Nebahats Schwestern“ die Langzeiteffekte

einer fiktiven Filmfigur. „Soför Nebahat“ („Fahrerin

Nebahat“) war in den 1960er-Jahren die Protagonistin

mehrerer türkischer Filme, welche die beinahe-emanzipatorische

Geschichte einer jungen Frau erzählten, die

sich als Taxifahrerin in Istanbul durchschlägt. Zu Nebahats

Zeiten gab es gar keine Taxifahrerin in Istanbul,

bis heute gibt es nur eine Handvoll. In einer filmischen

Collage stellt Mathias Originalszenen von damals den

Erfahrungen einiger heutiger Taxifahrerinnen gegenüber,

die sich allesamt in ihrer filmischen Vorläuferin

wiedererkennen, und lässt diese dann Schlüsselszenen

aus den historischen Filmen nachspielen. Auch Ming

Wong nähert sich Filmen und ihren Themen, indem er

sie sich aneignet. „Angst Essen/Eat Fear“ ist seine Kurzversion

von Rainer Werner Fassbinders „Angst essen

development: almost as if they were activists for human

rights. Emanuel Mathias has also investigated the

long-term effects of a fictional movie character. In the

1960s “Soför Nebahat” (“Nebahat the Driver”) was the

protagonist in several Turkish movies that told the almost

emancipatory story of a young woman struggling

to survive as a taxi driver in Istanbul. At the time there

were no female taxi drivers; even today, there are only

a handful of them. In his film collage Mathias juxtaposes

original scenes from the movie with the experiences

of some of today’s female taxi drivers, who all sense an

affinity with their cinematic model, and he has them

replay key scenes from these historic movies. Likewise,

Ming Wong approaches films and their subjects by

taking possession of them. “Angst Essen/Eat Fear” is a

short version of Rainer Werner Fassbinder’s “Angst essen

Seele auf” (“Fear Eats the Soul”), in which a German

cleaning lady named Emmi (played by Brigitte Mira) and

16

17


Seele auf“, in dem sich die schon etwas ältere deutsche

Putzfrau Emmi, gespielt von Brigitte Mira, und der junge

Marokkaner Ali, gespielt von El Hedi ben Salem, ineinander

verlieben und die als Paar mit einer dieser Beziehung

gegenüber feindlich eingestellten Gesellschaft

konfrontiert sind. In seiner Adaption spielt Wong beide

Rollen selbst. Er macht dabei sichtbar, wie sehr sich die

Gesellschaft in manchen Bereichen in den vergangenen

40 Jahren verändert hat, und lotet damit auch seine eigene

Position als Ausländer in Deutschland aus.

In „desi’re – The Goldstein reels“ zeigt Romeo Grünfelder

ein vermeintlich im Nachlass des amerikanischen

Regisseurs Jack Goldstein entdecktes Filmfragment.

Wir sehen eine kurze Aufnahme einer Landschaft, von

Vegetation, vom Meer. Aus großer Entfernung folgt die

Kamera einer Frauengestalt, die hinausschwimmt, untertaucht

– und die verschwunden bleibt. Eine kommentierende

Stimme analysiert den Film während der

Betrachtung, erklärt Geografie, Pflanzen sowie filmische

Technik und Kamerabewegung. Hier wird der Film selbst

zum Bezugspunkt – und damit die Geschichte des Mediums,

die Technik von Schnitt und Perspektive. Omer Fast

schließlich führt in der 2-Kanal-Videoinstallation „Take a

Deep Breath“ die Erwartungen an eine lineare filmische

Erzählung ad absurdum. Wir sind Zeugen von Dreharbeiten

für einen Film über ein Selbstmordattentat, wir

sehen der Filmcrew beim Filmen zu und den Schauspielern

in ihren Pausen. Wie ein Möbiusband wechselt die

filmische Erzählung ihre Perspektive zwischen der tragischen

Geschichte des Films und der Komik der diversen

Nebenhandlungen, und die Arbeit ein einziges Mal zu

sehen reicht kaum aus, um sie in ihrer Beiläufigkeit zu

begreifen, um die geschickten Wechsel zwischen den

unterschiedlichen Realitätsebenen zu verstehen.

Film und Kino manipulieren unsere Sehweise und unsere

Emotionen und greifen damit ganz tief in unser

Verständnis ein; im Flackerschein des Lichts verwandeln

sie, was uns umgibt.

Die Ausstellung „KINO und der kinematografische Blick“

läuft noch bis zum 2. Juni in der MEWO Kunsthalle in

Memmingen, Bahnhofstr. 1, 87700 Memmingen.

Axel Lapp (*1966) ist Kunsthistoriker, Verleger und Kurator.

Seit November 2012 leitet er die MEWO Kunsthalle

sowie die Museumseinrichtungen im Antonierhaus in

Memmingen.

a young Moroccan man named Ali (played by El Hedi

ben Salem) fall in love with each other and find themselves

confronted with a society that does not approve of

their relationship. In his adaptation, Wong plays both roles

himself. And he shows us in his movie just how much

society has changed in some areas during the past 40

years; he also uses this perspective to analyse his own

position as a foreigner in German society.

In his “desi’re – The Goldstein reels” Romeo Grünfelder

seems to show us a fragment of a movie that was discovered

in the private archive of the American director

Jack Goldstein. We see a short clip of a landscape, of

vegetation, and of the sea. From a great distance the camera

follows a woman as she swims off into the water,

then submerges, disappearing for ever. A voiceover analyses

the movie while the audience views it, explaining

the geography and the plants as well as the cinematic

technique and the movement of the camera. Here, the

film itself becomes a point of reference within the medium

of film: it addresses the history of the medium, the

editing technique and the use of perspective. Finally, in

his 2 channel video installation “Take a Deep Breath”

Omer Fast drives the expectations of a linear cinematic

narrative ad absurdum. We witness the film shooting

for a movie about a suicide bomber; we watch the

movie crew as they film, and we see the actors during

their breaks. Like a Möbius strip, the cinematic narrative

alternates its perspective between the tragic story of

the movie and the comedy of the various incidental activities—and

seeing the movie just once is not enough

to take stock of their haphazardness and to understand

the deft transition between the various levels of reality.

Movies and the cinema manipulate our way of seeing

things and our emotions, and thus they have a very profound

impact upon our manner of understanding the

world. In the flickering images of light, they transform

what surrounds us.

The exhibition “Cinema and the Cinematographic

Perspective” will be running to the 2nd of June at the

MEWO Kunsthalle in Memmingen (Bahnhofstr. 1, 87700

Memmingen).

Axel Lapp (b. 1966) is an art historian, publisher, and curator.

He has served as director of the MEWO Kunsthalle

and the museum facilities at the Antonierhaus in Memmingen

since November 2012.

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„Ich heiße Joseph Cassel und ich bin Gott.“

Katarzyna Kozyras Ausstellung „Looking for Jesus“

bei Żak Branicka

Katarzyna Kozyra: Looking for Jesus (Filmstill), Foto Courtesy: Żak Branicka

Text: Matthias Planitzer

Eine heilige Dreifaltigkeit der besonderen Art traf sich

am 1. Juli 1959 im Ypsilanti State Hospital, Michigan:

Unter der Aufsicht des dort tätigen Psychologen Milton

Rokeach begegneten sich an jenem milden Sommertag

drei Männer und stellten einander vor. Der Erste: „Ich

heiße Joseph Cassel und ich bin Gott.“ Der Zweite: „Ich

heiße Clyde Benson. Ich wurde Gott.“ Der Dritte stellte

sich jedoch nicht als der Leon Gabor vor, als den man ihn

kannte, er sprach gleich klaren Wortes: „Auf meiner Geburtsurkunde

steht, dass ich der wiedergeborene Jesus

Christus von Nazareth bin.“ Konflikte waren nicht nur

vorprogrammiert, sie waren auch Ziel und Zweck des

von Rokeach geplanten Experimentes.

Die drei Patienten teilten ein Zimmer, die Therapiesitzungen

und vor allem viel Zeit, um sich gegenseitig

mit der Frage zu konfrontieren, welcher von ihnen der

leibhaftige Messias sei. Benson sah in seinen Kameraden

plumpe Imitatoren. Für Cassel war die Angelegenheit

klar: Er hielt seine Genossen für Maschinen. Gabor

wusste immerhin, dass er der wahre Jesus Christus sei,

schließlich befanden sich Benson und Cassel in psychiatrischer

Behandlung. Selbstsicher händigte er in der

Anstalt Visitenkarten aus: „Dr. Domino dominorum et

Rex rexarum, Simplis Christianus Puer Mentalis Doktor,

der wiedergeborene Jesus Christus von Nazareth“.

In den folgenden Jahren entwickelten die Patienten

verschiedene Strategien, um einerseits die Behauptungen

ihrer Genossen zu entkräften und andererseits

ihre eigene Identität zu bewahren, ehe das Experiment

abgebrochen und ihre Gemeinschaft aufgelöst wurde

[1. Milton Rokeach: The Three Christs of Ypsilanti, New

York City 1964].

Tatsächlich sind solche religiösen Wahnstörungen

nicht selten. Derartige megalomanische Denkinhalte,

ein Prophet, der Messias, Jesus Christus oder gar Gott

zu sein, häufen sich jedoch auffällig stark im Heiligen

Land, wo betroffene Einheimische, Pilger und Touristen

an der besonderen Form des Jerusalem-Syndroms erkranken.

Diese psychotische Störung ist in der heiligen

Stadt endemisch, wo jährlich etwa einhundert Personen

erkranken. Die Betroffenen halten sich für Figuren

des Alten oder Neuen Testaments, häufig gar für Mose,

König David oder Jesus Christus selbst. Stets erkennen

sie sich in einer gleichgeschlechtlichen Identität wieder,

die zudem mit der eigenen Religion übereinstimmt.

Infolge dieser Erkenntnis vollziehen sie den Wandel vom

Saulus zum Paulus nicht selten mit einer Umstellung

der eigenen Lebensführung, angepasstem Verhalten

und entsprechender Kleidung.

Die polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra besuchte

während der Osterzeit des vergangenen Jahres die Stadt

und begab sich mit einem Filmteam auf die Suche nach

Personen, die sich selbst für Jesus Christus halten. Nach

bisher 50 Stunden gesammelten Filmmaterials gibt die

Galerie Żak Branicka dieser Tage eine Vorschau auf die

noch laufende Arbeit „Looking for Jesus“.

In Ausschnitten von insgesamt etwa einer halben Stunde

Länge hat Kozyra immerhin eine Begegnung mit

einem Jesus. Wie beiläufig findet sie ihn auf einer gewöhnlichen

Jerusalemer Straße. Da steht er nun, im Gespräch

mit einem älteren Muslim, der mit einem Esel auf

den Bus wartet: Dieser schlanke Jesus ist in ein strahlend

weißes Gewand gekleidet, das durch einen goldenen

Stern und ebenso goldene, kunstvoll verschlungene

Ornamente an Kragen und Ärmeln geschmückt ist. Der

gepflegte dunkle Bart läuft am Kinn zu einer kleinen

Spitze zu, die dem penibel frisierten Mittelscheitel einen

zackigen Kontrapunkt entgegensetzt. Langes, gewelltes

Haar fließt von seinen Schläfen herab, umströmt das

sonnenbeschienene Gesicht des jungen Mannes, der

vielleicht erst um die 30 Jahre alt ist. Wild gestikulierend

und mit Bruchstücken englischen Vokabulars vereinbart

er mit dem alten Mann, dass sich beide, aber unbedingt

auch mit dem Esel später treffen. Dem Muslim ist diese

sonderbare Gestalt sichtlich nicht geheuer. Er versteckt

sein Gesicht hinter langen Tuchbahnen, nickt freundlich,

hofft vielleicht, dass dieser energische Jesus ihn in

Ruhe lässt.

Katarzyna Kozyra wohnt dem sonderbaren Schauspiel

bei, versucht sich gelegentlich einzumischen: „Are you

Jesus?“ Der Zaungast bleibt unbemerkt, steht da nun

eine Weile, vergessen und auch ein wenig naiv abwartend.

Wichtig ist nur, dass abends der Esel erscheint.

Später wird klar, dass der Sohn Davids am Palmsonntag

auf ihm durch das Stadttor reiten wird. Doch vorerst war

diese Angelegenheit geklärt, Jesus eilt mit einem Mal

davon. Kozyra hinterher. „Jesus, wait for me!“ – „I will

come back“, schallt es durch Jerusalems Gassen. Passanten

werden neugierig, sie scheinen, ebenso wie der

Zuschauer, aufgrund dieser aberwitzigen Szene irritiert

zu sein. Kozyra wirkt naiv, unsicher. In Jerusalem hat die

Polin ihren Messias gefunden, doch der rennt einfach

nur davon.

Später trifft sie ihn tatsächlich wieder. Der gebürtige

Russe lädt sie nach Hause ein: Zwei Männer sitzen auf

dem Sofa, im Schlafzimmer stehen Doppelstockbetten.

Eine Internatsstube, aber mit Balkon. Im Interview offenbart

sich ihr Gastgeber als der Nachfahre Davids. Selbst

in seinem Ausweis stünde, dass er der wiedergeborene

Messias sei. Skepsis kommt nun auf beiden Seiten auf:

Ein offensichtlich Geisteskranker realisiert, dass dieses

Filmteam ihn nicht so vorbehaltlos als den Erlöser anerkennen

will, wie er es erhofft. Wie zum Beweis präsentiert

der russische Christus Stigmata, die die Kamera ja

ohnehin nicht erfassen könne: Auf dem Rücken, nicht an

den Händen oder Knöcheln, zeigt er einen kaum auszumachenden

Fleck. Kozyra begutachtet und betastet das

vermeintliche Wundmal. Ihrem israelischen Begleiter ist

der Zweifel förmlich ins Gesicht geschrieben.

Spätestens in dieser Szene wird deutlich, dass Katarzyna

Kozyra nicht nur die Aufnahmeleitung für „Looking for

20

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Katarzyna Kozyra: Looking for Jesus (Filmstill), Foto Courtesy: Żak Branicka

Jesus“ übernimmt, nicht nur als suchende Dokumentarin

auftritt. Im Kontakt mit den restlichen Figuren des

Films wird sie selbst zu einer Darstellerin, die stellvertretend

für den Zuschauer in diese eigentümliche Welt

der Osterzeit eintaucht. Kozyra selbst steht im Mittelpunkt

ihrer dokumentarischen Suche, die neben dieser

geschilderten Begegnung unter bisher dreien dieser Art

auch andere Erfahrungen und Momente im Jerusalem

des vergangenen Frühjahres einfängt. Auch das muslimische,

jüdische und weitere christliche Stadtleben

werden zum Thema, wenn Kozyra Mohammed-Anhänger

interviewt, zum Islam konvertierte Pilger begleitet

oder einer orthodoxen Karfreitagsprozession in der Grabeskirche

beiwohnt. Die in diesem Vorschaufilm schon

eingebrachte harte Schnittweise vermengt die Angehörigen

und Pilger all dieser Religionen und Konfessionen

so bunt untereinander, wie das religiöse Leben in Jerusalem

pulsiert.

Dadurch treten die vielen anonymen, aber auch einige

wenige herausgegriffene Figuren dieses Schauspiels als

Darsteller einer Performance auf, die aus der stetig wiederholten

Folge liturgischer Rituale, strömender Pilgerscharen

sowie aus dem Tränen- und Blitzlichtgewitter

ihrer Teilnehmer besteht. Diese Massenphänomene, in

denen ein kollektiver, aber in seiner Ausprägung vielfältiger

Leib dem einen Gott huldigt, in denen der Einzelne

verschwimmt und untergeht, werden aber auch durch

die Anwesenheit und das Verhalten Katarzyna Kozyras

exemplifiziert, die nicht mehr nur als Beobachterin, sondern

selbst als Teilnehmerin auftritt. Sie taucht in die

Prozessionen ein, fotografiert und schaudert ebenso,

ist aber – und nur darin offenbart sich ihre Distanz zum

sie überrollenden Geschehen – oftmals unsicher und

schüchtern. Dann steht sie inmitten der Ostergemeinde,

traut sich aber nicht, einen dort ebenfalls anwesenden

Jesus anzusprechen. Stattdessen filmt sie aus dem

Hinterhalt (im Übrigen eine der wenigen auffallenden

unkommentierten Szenen), gibt vor, sich selbst aufzunehmen

und muss doch scheitern: Ein sanftes Lächeln

entgleitet dem sorgsam beobachtenden Beobachteten,

dessen barmherziger Blick selbst durch Kamera und

Bildschirm hindurch den Zuschauer trifft.

In diesen raren Momenten, in denen das Persönliche

aus der Masse heraussticht – sei es im Interview, in der

Beobachtung oder im Verhalten und Kommentar der

Künstlerin –, ahnt man, dass in dieser Stadt zu dieser

Zeit oder zumindest in diesem Film Rollen besetzt und

erfüllt werden, die alles andere als fest und beständig,

die fließend und manchmal auch willkürlich belegt

sind. Der Jesus aus dem Wohnheim ist kein anderer als

der Jesus aus der Ostergemeinde oder der unter Tränen

vom Kreuze genommene hölzerne Jesus, ebenso wie

sich der marokkanische Pilger nicht vom Mohammed-

Scholaren oder dem Eseltreiber unterscheidet und auch

Clyde Benson, Joseph Cassel und Leon Gabor ein und

derselbe sind.

Die Ausstellung ist noch bis zum 20. April in der Galerie

Żak Branicka zu sehen.

Lindenstr. 35, 3. Stock, 10969 Berlin-Kreuzberg

Di–Sa, 11–18h und nach Vereinbarung

Hier werden feste Rollenbegriffe immer wieder durchdekliniert

und ausprobiert, neu besetzt und erweitert,

sodass ein jeder Jesus und ein jeder Pilger ist. Manche

können diese Rolle nur aus einem Wahn heraus besetzen,

andere folgen ihrer festen religiösen Überzeugung.

Eine solche Konvertibilität religiöser Rollen kennt man

bereits aus Christian Jankowskis „Casting Jesus“, auch

in Anwandlungen aus der Geschichte der neuzeitlichen

Stigmata, die entsprechend der lokal verbreiteten Darstellungsgewohnheiten

des gekreuzigten oder auferstandenen

Jesus hier an den Händen und dort an den

Handgelenken auftreten.

Die Erkenntnis hieraus ist, dass die kulturelle Gestaltung

religiöser Inhalte einem kollektiven Prozess unterworfen

ist, der sich in lokalen und zeitlichen Nuancierungen

ausprägt. Glaube und Wahnsinn sind in dieser Hinsicht

und auch für „Looking for Jesus“ nachrangige Dimensionen

einer sich stetig selbst reproduzierenden Kulturpraxis.

Teilnahme und Beobachtung sind ebenfalls keine

grundlegenden Determinanten für den Erfolg dieser

Kulturen, mithin sind sie gar nicht voneinander zu trennen,

wenn Kultur als Experiment konstruiert wird, sich

aber unversehens dieser Kontrolle entzieht. So bleibt

sowohl mit Milton Rokeach als auch mit Katarzyna Kozyra

zu konstatieren, dass die Wirkkreise der beteiligten

Akteure unmerklich, aber rasch verschwimmen. Wer ist

Darsteller, und wer ist Beobachter einer Performance?

Diese Trennung ist hier nicht mehr möglich.

Online Auktion Nr. 9

Freitag, 21. Juni 2013

18:00 Uhr

JETZT ANMELDEN

auctionata.com/kunstwerke

Egon Schiele, Liegende Frau, 1916, WV. Kallir D. 1824b

22


Sammlergespräch mit Marc Fiedler:

„Ein Blick, eine Auseinandersetzung, ein Gefühl“

Conversations with Collectors – Marc Fiedler:

“A glance, an encounter, a feeling”

Text: Stefanie Raupach, Alexandra Panzert

Interview: Jan Kage

Marc Fiedler ist Inhaber der Werbe- und Kommunikationsagentur

Gruppo del Café Palermo. Nachdem er 2005

eine Lichtkunst-Fassade am Potsdamer Platz initiiert

und in diesem Rahmen Künstler wie Terry Gilliam, Jonathan

Monk, Carsten Nicolai und fettFilm kennengelernt

hatte, gründete er 2007 den Berliner Ausstellungsraum

Epicentro art, um dort zeitgenössische Kunst zu präsentieren.

Welches war die erste Arbeit, die dich so begeistert hat,

dass du sie erwerben wolltest?

Meine erste Arbeit stand ganz im Kontext meines Kommunikationsdesignstudiums

– dieses relativ brutalen

Handwerks des Werbens und Verkaufens. Mit dem Interesse

an Bildwelten, hübschen Designs und Verpackungen,

diesen rein kommerziellen Formen von visueller

Gestaltung lag der Sprung von der Werbung zu Andy

Warhol für einen 18-Jährigen dann nahe. Ich landete

durch mehrere Zufälle in einer Auktion in Wien, im Dorotheum.

Da gab es eine sehr schöne originalsignierte

Druckgrafik von Nam June Paik. Da mir der Name bekannt

vorkam und ich die Arbeit toll fand, weil sie einen

Bezug zur medialen Gesellschaft hatte, gab ich ein Gebot

ab – und war plötzlich stolzer Besitzer einer Arbeit

von Nam June Paik. In diesem Moment wurde ich zum

Sammler.

Ab wann gilt jemand als Sammler?

Ich denke, die Bezeichnung trifft zu, wenn eine gewisse

Nervosität eintritt, sobald man kein weiteres Werk erwirbt

– egal ob man Kunst, Eisenbahnen oder Briefmarken

sammelt. Wenn man etwas sieht und sagt: „Das

möchte ich gerne haben“ und dann auch bereit ist,

zehn Jahre darauf zu sparen oder auf den Lottogewinn

zu hoffen. Das nächste Objekt, das ich erworben hatte,

war etwas, das Andy Warhol zumindest in der Hand

gehalten hatte – eine Ausgabe des Interview Magazine

von 1984. Es blieb nicht das einzige Werk in meiner

Sammlung, das Warhol betrifft. Hinzu kamen Warhol-

Porträts von Steve Schapiro aus dem Jahr 1976 und ein

Werk Marc Séguins aus der Serie „Self-portraits with

Veuve Clicquot No. 7“. Séguin hat Warhol sehr filigran

Translation: Brian Poole

Marc Fiedler is the proprietor of the advertising and

communications agency Gruppo del Café Palermo. After

initiating a light-art façade at Potsdamer Platz in 2005,

which brought him into contact with Terry Gilliam, Jonathan

Monk, Carsten Nicolai, and fettFilm, in 2007 he

founded the exhibition room Epicentro art in Berlin in

order to present contemporary art there.

What was the first work that so inspired you that you

wanted to purchase it?

I came across the first work I bought while studying

communication design—that relatively brutal trade

of advertising and sales. With that interest in pictorial

worlds, attractive designs and packaging—those purely

commercial forms of visual design—the leap from advertising

to Andy Warhol was to be expected from an

18 year old. Through several coincidences I wound up at

an auction at the Dorotheum auction house in Vienna.

Here there was a beautiful autographed print by Nam

June Paik. Since the name sounded familiar to me, and

since I thought the work was wonderful because it bore

a relation to our media-saturated society, I put in a bid

and was suddenly the proud owner of a work by Nam

June Paik. At that moment I became a collector.

When is someone to be considered a collector?

I think the term applies to those who sense a certain

nervousness as soon as they stop buying other works—

no matter whether they collect art, model trains, or

stamps. When you see something and say “I really want

to have that,” and when you are also prepared to save

up your money for ten years, or to hope for a lottery

win just to buy it. The next object I purchased was something

that Andy Warhol had at least held in his hand:

an issue of Interview Magazine from 1984. As far as Warhol

is concerned, it did not remain the only work in my

collection. I later added the Warhol portraits by Steve

Schapiro from 1976 and a work by Marc Séguin from the

series “Self-Portrait with Veuve Clicquot, No. 7”. Séguin

also made a richly detailed black and white portrait of

Warhol, and then he did indeed drink a bottle of champagne,

and thereafter he gave his face a good painter’s

workover.

in Schwarz-Weiß porträtiert, danach hat er tatsächlich

eine Flasche Champagner geleert und anschließend,

mit sehr malerischer Geste, das Gesicht bearbeitet.

Wie weckt man bei jungen, betuchten Leuten das Interesse

dafür, Kunst zu kaufen?

An einen Werber gestellt, ist das eine teuflische Frage.

Der könnte sagen: Wenn man schon einen Ferrari in

der Garage hat, ein toll eingerichtetes Haus, eine teure

Uhr ..., dann wird es langsam schwierig, noch anzugeben.

Kultur und Kunst sind eben auch ein Zeichen von

Status. Wenn man bedenkt, dass man oft Gäste hat, die

das Bild über dem Esstisch bewundern, ist Kunst das

Günstigste, was man sich kaufen kann, um anzugeben.

Aber so ein Kaufverhalten sollte man der Kunst und den

Künstlern nicht antun.

Du sammelst nun seit über 20 Jahren.

Meine Sammlung ist Spiegel meiner eigenen Lebensgeschichte.

Wenn man arbeitet und Erfolg hat, möchte

man sein Geld natürlich für schöne Dinge ausgeben. Ich

kaufe Kunst hauptsächlich für meine privaten Räume.

Aber da der Platz dort begrenzt ist, verleihe ich auch gerne

an Ausstellungen, Sammler, Freunde. Zu Hause begrüßt

mich die Kunst morgens und abends, ich kann mit

Freunden darüber sprechen und diskutieren. Das tut mir

sehr gut, und das ist auch das Wichtige. Ein direkter physischer

Nutzen ist bei einem Kunstwerk natürlich nicht

gegeben. Das ist ein Blick, eine Auseinandersetzung, ein

Gefühl.

Kaufst du nach einem bestimmten Konzept?

Ich hatte das Glück, in meiner Zeit außerhalb des Werberberufs

viele fantastische Künstler kennenlernen zu

dürfen. Es gab viele Nächte, die ich etwa in New York am

Schreibtisch mit einer ganzen Gruppe von Künstlern bei

einer Flasche Wein verbracht habe. Das Leben hat mir

viele großartige Künstler im Freundeskreis beschert – ich

konnte und kann viel von ihnen lernen. Außerdem habe

ich Kunst- und Kulturprojekte als Werber betreut und

gefördert und in den letzten neun Jahren viele Messen

besucht. Es ist wie beim Essen oder beim Wein: Je mehr

man probiert, desto spezieller wird der Geschmack. Es

gibt kein Konzept, es gibt nur Erfahrungswerte: 20 Jahre

Werbung machen, 20 Jahre reisen, lernen, zuhören

und sprechen, erfahren und leben. Das kann man dann

deutlich in der Sammlung sehen. Es gibt dort auch Stimmungsschwankungen:

Zwei, drei Jahre abstrakte Malerei,

und dann hat man plötzlich Sehnsucht nach Porträt,

Gesichtern oder Fotografie.

2010 wurde eine bewegende Ausstellung mit Arthur

Schmidt im Epicentro art und in der Gedenkstätte Hohenschönhausen

gezeigt.

Arthur Schmidt war selbst ein Jahr lang Häftling in Hohenschönhausen,

der ehemaligen zentralen Untersuchungshaftanstalt

des Ministeriums für Staatssicherheit.

Wir hatten die Idee, eine Verbindung zwischen

How do you awaken in young and wealthy people the

interest in buying art?

That’s a pretty tricky question to ask someone from advertising.

He might say that, if you already have a Ferrari

in the garage, an elegantly furnished house, an expensive

watch, ... then it starts getting difficult to acquire

something new to boast about. Culture and art are also

status symbols. If you consider the fact that you often

have guests who admire the picture above the dining

room table, art is just about the cheapest thing you can

buy in order to show off. But that’s not a manner of buying

art that you’d want to force upon the arts and the

artists.

You’ve been collecting art for more than twenty years.

My collection reflects my own biography. When you

work and have success, you actually want to spend your

money on beautiful things. I buy art primarily for my private

rooms. But since the space there is limited, I also

loan my works to exhibitions, collectors, and friends.

At home, I wake up with art in the morning and come

back to it at night; I can talk about it and discuss it with

friends. That’s good for me, and that’s also what’s important.

An artwork doesn’t have any immediate physical

use. It’s a glance, an encounter, a feeling.

Do you purchase art according to a certain strategy?

I had the good fortune of being able to get acquainted

with fantastic artists when I wasn’t working in advertising.

I spent many a night at my desk in New York City

with an entire group of artists and a bottle of wine. My

life has allowed me to develop a circle of friends with

many great artists in it, and I have learnt—and still

learn—a lot from them. Moreover, as an advertising

agent I have also worked on and supported art and cultural

projects, and I’ve attended several art fairs over the

last nine years. It’s like food and wine: the more things

you try, the more particular your taste becomes. It’s not

a concept. It’s only the knowledge you acquire through

twenty years of working in advertising, and through

twenty years of travelling, learning, listening, speaking,

participating and living. And you can see this clearly in

the collection. There are also mood-shifts in it: two or

three years of abstract painting, and then you suddenly

sense a longing for portraits, faces, and photography.

In 2010 a very moving exhibition with Arthur Schmidt

was shown at the Epicentro art and at the site of the

Berlin-Hohenschönhausen Memorial.

Arthur Schmidt had spent one year imprisoned in Hohenschönhausen,

the former central prison of the East

German Ministry of State Security. We got the idea of

creating a connection between my former gallery on

Karl-Marx-Allee and Hohenschönhausen. Over the

course of the year, 2000 colour pencil and ink drawings

were created. We hung them up on Karl-Marx-Allee on

large posts. It looked like a huge forest that you could

walk through. The exhibition at Epicentro art actually

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Kai Bornhöft im Februar/März 2013 im Epicentro art

Kai Bornhöft im Februar/März 2013 im Epicentro art

meinen damaligen Räumen in der Karl-Marx-Allee und

Hohenschönhausen zu schaffen. In einem Jahr entstanden

2000 farbige Bleistift- und Tuschezeichnungen. Die

wurden in der Karl-Marx-Allee auf große Stangen gehängt.

Es sah aus wie ein riesiger Wald, durch den man

gehen konnte. Die Ausstellung im Epicentro art dauerte

im Grunde nur zwei Stunden. Nach den Reden bei der

Vernissage kam die Aufforderung an die Gäste, hinauszugehen.

Arthur hat dann in einer Performance alle

2000 Arbeiten abgeschnitten und nach Hohenschönhausen

„abtransportiert“, wo sie wieder aufgehängt

wurden. Innerhalb der nächsten vier Wochen konnte

sich jeder Besucher auf den Weg in die Gedenkstätte

machen und eine nummerierte und signierte Arbeit

kostenlos mitnehmen. Parallel dazu hat Arthur Schmidt

die Verhörräume in Hohenschönhausen mit Blei ausgelegt.

In das Blei hat er in wochenlanger Arbeit Begriffe

und Codewörter, mit welchen sich die Gefangenen verständigt

hatten, eingeätzt. Mit dem Projekt wurde eine

symbolische Brücke zum Thema des Inhaftiertseins geschlagen.

Es war eine sehr politische Ausstellung – sie

führte zu ernsten Auseinandersetzungen innerhalb der

Nachbarschaft.

lasted only two hours. After the speeches at the opening,

the guests were asked to go outside. Then, in his

performance, Arthur cut down the 2000 works from

where they were hanging and “transported” them to

Hohenschönhausen, where they were hung up again.

Over the next four weeks, the visitors who made their

way to the Memorial were each allowed to take a numbered

and signed work with them for free. Parallel to

this activity, Arthur Schmidt also carpeted the interiors

of the interrogation rooms in Hohenschönhausen with

lead. He then spent several weeks engraving the lead

with the symbols and code-words the prisoners used

to communicate with each other. The project was thus

symbolically linked to the subject of imprisonment. It

was a very political exhibition that created serious controversy

in the neighbourhood.

One of the focal points in your collection is abstract

painting. But you also collect a considerable amount of

photography. How did you develop this diversity?

Things change according to your mood and whatever

you’re currently experiencing. For quite some time I

focused on abstract painting. I bought several canvas

Einer deiner Sammlungsschwerpunkte ist abstrakte

Malerei. Du sammelst aber auch viel Fotografie. Wie

kommt es zu dieser Vielfalt?

Das ändert sich je nach Stimmungs- und Erlebnisphasen.

Längere Zeit war der Schwerpunkt abstrakte Malerei,

ich kaufte viele Leinwandarbeiten. Vor etwa einem

Jahr sind Fotografien dazugekommen. In der letzten

Ausstellung habe ich Fotografien von Kai Bornhöft gezeigt.

Mich faszinieren sein sehr sensibler Blick und sein

Umgang mit der Analogkamera und den Abzügen. Kais

Arbeit kann man auch als abstrakte Kunst bezeichnen.

Seine Fotografie erscheint entschleunigt, denn sie lässt

komplett offen, was man sieht oder was man davon

halten soll, wie man das empfinden kann. Er zeigt auch,

dass es nicht immer große Formate sein müssen, sondern

dass man vor allem erst mal fotografieren können

muss.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Sammlergespräch mit Marc Fiedler fand am 27. 2.

in der Bar Tausend in Berlin statt. Das Gespräch führte

Radiomoderator, Kurator und Autor Jan Kage.

works. A few years ago I added photography. And at the

latest exhibition I showed photos by Kai Bornhöft. His

highly sensitive eye for things and his way of working

with analogue cameras and printing just fascinate me.

One could also classify Kai’s works as abstract art. His

photography appears to be ‘decelerated’—leaving entirely

open the question of what you’re seeing, what you

should think of it, and what you’re supposed to feel. He

also demonstrates that you don’t always need to use

large formats; above all else, you first have to be able to

take good pictures.

Thank you for the conversation!

This conversation with the collector Marc Fiedler took

place on the 27th of February at the Bar Tausend in Berlin.

The conversation was conducted by the radio moderator,

curator, and author Jan Kage.

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Anything goes – Filme der 2000er

Piratenfilm, Western, Experimentalfilm: Wenn es eine Tendenz im Filmschaffen

der ersten Dekade dieses Jahrhunderts gab, lautet deren Maxime

„Anything goes“. Jürgen Müller wählt die besten 120 Filme dieses Zeitraums

aus – es gelingt ihm, seine Wahl in treffenden Texten und Analysen, die sowohl

gesellschaftliche als auch medientechnische Aspekte einbeziehen, zu

begründen. Ob bei einer Vielfalt, mit deren Hilfe sich jeder Kinofreund seine

eigene Nische suchen kann, ein kollektives Filmgedächtnis bald der Vergangenheit

angehört, bleibt offen. Der Band eröffnet neue Perspektiven und erinnert

in Bezug auf das zeitgenössische Filmschaffen auch an die Offenheit des

Kanons: Wir sind also mittendrin.

Jürgen Müller (Hg.): Filme der 2000er. Taschen Verlag, Köln 2012. Dt., 864 S., zahlr. farb.

Abb., Flexicover mit Klappen, 29,99 €. ISBN: 978-3836501965

Mit David Lynch unterwegs auf der Paris Photo

Jedes Jahr gibt der Direktor der Messe Paris Photo, Julien Frydman, einer anderen

bekannten Persönlichkeit die Möglichkeit, Werke nach eigenem Geschmack

hervorzuheben. Im letzten Jahr wählte David Lynch aus der großen

Vielfalt an Fotografien moderner Klassiker wie Henri Cartier-Bresson bis zu

neueren Talenten wie Valérie Belin 99 Werke aus, indem er ihnen „Gesehen

von David Lynch“-Schilder anheftete, denen der Besucher durch das Grand

Palais folgen konnte. Ob sich in seinem persönlichen Parcours das aus seinen

Filmen bekannte surreal verstörende Universum spiegelt, ist eine Frage, der

der Leser beim Durchblättern des Buches nachgehen kann.

Julien Frydman (Hg.): Paris Photo by David Lynch.

Steidl, Göttingen 2012. Engl., 208 S., Softcover, 20 €. ISBN: 13 978-3-8693-0616-2

Film und Kunst nach dem Kino

Wem gehört der Film? Gehört er ins Kino, oder haben auch Fernsehen, Internet

und der Ausstellungsbetrieb zeitgenössischer Kunst einen Anspruch auf

die bewegten Bilder? Lars Henrik Gass, langjähriger Leiter der Internationalen

Kurzfilmtage Oberhausen, polemisiert gegen die Abwanderung des Kinofilms

in andere Medien. Treffend analysiert er die Gegebenheiten einer Konsumgesellschaft,

auf denen diese Entwicklung basiert. Gleichzeitig ist seine Streitschrift

ein Plädoyer für die Zukunft und die Erhaltung der im 20. Jahrhundert

so bedeutenden Kulturtechnik des Kinobesuchs. Versinkt das Kino in der Bedeutungslosigkeit?

Die Diskussion kann beginnen.

Lars Henrik Gass: Film und Kunst nach dem Kino.

Philo Fine Arts, Hamburg 2012. Dt., 136 S., Hardcover, 10 €. ISBN: 978-3-86572-684-1

Zwischen Paradies und Hölle

Ulrich Seidls schonungsloser Blick auf das Leben konfrontiert den Zuschauer

mit einer großen Spanne an Anregungen. Emotionen treten auf, so vielfältig

wie der Gegensatz zwischen Paradies, das die drei Frauen in Seidls Trilogie

verbissen suchen, und Hölle, in die der Betrachter seiner Filme direkt schaut.

Die Wirkung seiner filmischen Bilder erprobt die Publikation mit Filmkader-

Vergrößerungen aus Seidls jüngsten Werken. Vier Essays tauchen tiefer in

Seidls Universum ein. Spannend sind dabei vor allem die künstlerische Perspektive

Marina Abramovićs und die literarische von Elfriede Jelinek. Ein Interview

mit dem Regisseur und eine Bildstrecke zum Making-of der Filme liefern

darüber hinaus wichtige Hintergrundinformationen.

Claus Philipp, Astrid Wolfig (Hg.): Ulrich Seidl. Paradies. Liebe. Glaube. Hoffnung. Hatje

Cantz, Ostfildern 2013. Dt./engl., 176 S., 78 Abb., Hardcover, 35 €. ISBN: 978-3-7757-3559-9

Partizipation an Kunst …

... spricht alle Sinne an. Die Ausstellung „Von Sinnen. Wahrnehmung in der

zeitgenössischen Kunst“ in der Kunsthalle Kiel widmete sich dem Erleben von

Kunst und lud ein, zu erfahren, wie eng einzelne Wahrnehmungsformen in

der Kunstrezeption miteinander verknüpft sind. 38 Ausstellungsobjekte kontextualisierten

die verschiedenen Sinne: Hören, riechen, schmecken, fühlen,

sehen und weitere Sinndefinitionen wie der sechste Sinn standen dabei im

Fokus. Im Katalog werden Arbeiten der einzelnen Künstler und Künstlerinnen

wie Sonja Alhäuser, Vadim Fishkin oder Erik Kessels den Sinnen thematisch

zugeordnet.

Anette Hüsch (Hg.): Von Sinnen. Wahrnehmung in der zeitgenössischen Kunst.

Kerber Verlag, Bielefeld 2012. Dt., 112 S., 77 farb. Abb., 22 €. ISBN: 978-3-937208-36-7

Bewegte Bilder

Die Monografie dokumentiert die seit 1990 gemeinsam entwickelten künstlerischen

Arbeiten von Henning Lohner, Filmautor und Komponist, und dem

Kameramann Van Carlson. Im Mittelpunkt stehen die seit 2006 entstandenen

„Active Images“, die dem Rohmaterial der zahlreichen Filme des Künstlerduos

entstammen. Diese Filmstills gewinnen erst in ihrer Einzelbetrachtung

an Bedeutung, während sie als Sequenz des eigentlichen Films keine tragen.

Das Buch schenkt dem Filmstill jene Aufmerksamkeit, die es nach Lohner und

Carlson verdient hat und präsentiert die 49 „Active Images“ auf opulenten

Doppelseiten.

Holger Hof (Hg): Lohner, Carlson, Silences, Active Images 1990–2012.

Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2013. Engl., 224 S., 105 farb. Abb., 29,80 €.

ISBN: 978-3-86560-218-3

www.kremer-pigmente.de

Schönheit und Geheimnis

Der deutsche Symbolismus

Die andere Moderne

Zwischen Natursehnsucht und Fortschrittsglauben, Tradition

und Moderne tritt der Symbolismus seit den 1870ern

als ein gesamteuropäisches Phänomen hervor.

Ausgehend von den Vorreitern Arnold Böcklin, Hans von

Marées und Anselm Feuerbach präsentiert das Buch mit

zahlreichen Werken die thematische Vielfalt des deutschen

Symbolismus und ermöglicht einen fesselnden Einblick in

eine faszinierende Epoche der Kunstgeschichte.

www.kerberverlag.com

24 x 28 cm, 304 Seiten,

261 Abbildungen,

Hardcover,

Halbleineneinband

Deutsch

isbn 978-3-86678-810-7

1 39,95


Es war einmal in … Fotografien von Nuri Bilge Ceylan

Impressionen von der Art Cologne 2012, Eingang Süd Galerie: Thomas Zander, Halle 11.3, Art Cologne 2012

Nuri Bilge Ceylan: Curved Street in winter

Nuri Bilge Ceylan ist als Regisseur der Filme „Uzak –

Weit“ (2002) oder „Es war einmal in Istanbul“ (2012) bekannt.

Seine Fotografien entstanden zwar z. T. auf der

Suche nach Drehorten, gelten aber als eigenständiger

Werkkomplex. Die Fotografien, die zwischen 2003 und

2009 entstanden und in einem extremen Cinemascope-

Format aufgenommen wurden, zeigen Szenen aus der

Provinz der Türkei, der Heimat des Regisseurs. Den Mittelpunkt

bildet der Mensch in der ihn prägenden Landschaft.

Dabei fixiert Ceylan kein spezielles Motiv: Seine

Bilder gleichen eher Erzählungen, wobei die melancholischen

Aufnahmen eine im Verschwinden begriffene

Welt zeigen.

Art Cologne 19.–22. April

47 Jahre internationaler Kunstmarkt in Köln: Auch 2013

ist das gesamte Spektrum des 20. und 21. Jahrhunderts,

von der klassischen Moderne bis zur Gegenwartskunst,

am Rhein versammelt. 200 Galerien aus 25 Ländern präsentieren

auf der Art Cologne ihr Angebot.

Schon vor dem Betreten der Messehallen erwartet die Besucher

eine gigantische Skulptur von Katharina Grosse:

Zwei übereinander gestapelte Styroporschollen, von der

Künstlerin mit einer Spraypistole in den für sie typischen

wild-leuchtenden Farbschichten bearbeitet, machen die

Messe schon von außen zum Hingucker. Ein Rundgang

um die Skulptur offenbart unendliche Möglichkeiten an

Betrachtungsperspektiven.

Neben vielen alten Bekannten und üblichen Verdächtigen

sind in diesem Jahr unter den Ausstellern folgende

Neuzugänge zu beobachten: Marlborough Contemporary

(London), Helga de Alvear (Madrid), Giò Marconi (Mailand)

und Paul Andriesse (Amsterdam). Andriesse zeigt

Werke von Charlotte Dumas, Marijn van Kreij und Rory

Pilgrim. Peres Projects aus Berlin sind mit Dash Snow,

David Ostrowski und James Franco vertreten, Habana

(Havanna) mit Carlos Garaicoa, Los Carpinteros und

Ricardo Brey. Ebenfalls zum ersten Mal dabei sind Axel

Vervoordt (Antwerpen) und David Nolan (New York).

Wie in den letzten Jahren gehören auch 2013 wieder Thaddaeus

Ropac (Paris/Salzburg), David Zwirner (New York/

London), Hauser & Wirth (Zürich/London/New York),

Karsten Greve (Köln/Paris/St. Moritz), Michael Werner

(Köln/New York), Annely Juda Fine Art (London), Sprüth

Magers (Berlin/London), Daniel Buchholz (Berlin/Köln),

Gisela Capitain (Köln), Dirimart (Istanbul), Christian

Nagel (Berlin/Antwerpen), EIGEN + ART (Berlin/Leipzig),

Guido W. Baudach, Martin Klosterfelde und Neu (alle

Berlin) zu den ausstellenden Galerien.

Zum ersten Mal seit Jahren werden im Rahmen der Messe

wieder Werke aus einer privaten Sammlung gezeigt. Die

Julia Stoschek Collection präsentiert in der Sonderausstellung

„Das Bildermuseum brennt“ Videoarbeiten, Installationen

und Fotografien, die den Schwerpunkt in der

Kunstsammlung der Düsseldorferin bilden. Die eigens

für die Art Cologne konzipierte Ausstellung setzt sich

mit der Frage der Verfügbarkeit und der Rezeption von

Kunst auseinander.

Wie in den vergangenen Jahren fördert die Art Cologne

junge Künstler und Galeristen. Im Rahmen des Bereichs

„New Contemporaries“ werden junge, engagierte Galerien

eingeladen, um ihnen die Möglichkeit zu bieten,

sich auf dem internationalen Kunstmarkt zu präsentieren.

„New Positions“ ist ein Förderprogramm für aufstrebende

Künstler, und mit der NADA Cologne dürfen auch

dieses Jahr wieder junge amerikanische Kunsthändler

ein von der Hauptmesse unabhängiges Präsentationsforum

nutzen.

Messeplatz 1, 50679 Köln, www.artcologne.de

Steve McQueen: Bear, 1993, Videostill

Courtesy: Steve McQueen / Marian Goodman Gallery, New York/Paris

and Thomas Dane Gallery, London, © Steve McQueen

Videoinitiative Graz, Kinderspielplatz, Lehen, 1980

Kunsthaus im KunstKulturQuartier

Königstr. 93, 90402 Nürnberg, bis 5.5., Di–So 10–18h, Mi bis 20h

www.kunstkulturquartier.de/kunsthaus

Steve McQueen

Mit kleinen Film- und Videoinstallationen begann Steve

McQueen seinen künstlerischen Schaffensprozess,

der bis heute anhält und vielfältiger denn je ist. Neben

Fotoarbeiten gehören zu seinem Œuvre seit 2008 auch

Kinofilme wie „Hunger“. Zum ersten Mal wird eine umfassende

Ausstellung seines bisherigen Schaffens im

Schaulager präsentiert. Dabei sind nicht nur Video- und

Filminstallationen zu sehen, sondern auch eigens für

die Ausstellung geschaffene neue Arbeiten. Durch eine

neue Präsentationsform, die „Kinostadt“, die sowohl Innen-

als auch Außenräume mit besonderer Lichtatmosphäre

bespielt, werden die einzelnen filmischen Bilder

in Beziehung zueinander gesetzt, sodass neue Sichtweisen

entstehen.

Schaulager, Ruchfeldstr. 19, 4142 Münchenstein/Basel, bis 1.9.,

Di–Fr 14–20h, Do bis 22h, Sa/So 12–18h, www.schaulager.org

Kunsthaus Graz – Steirische Filmpositionen

Mit einem Einblick in die steirische Kunstlandschaft

vollzieht das Kunsthaus den letzten Positionswechsel

innerhalb der Ausstellung medien.kunst.sammeln. Erneut

wird der Austausch zwischen einer arrivierten und

einer jungen Position der Medienkunst ermöglicht. Zu

sehen sind Filme, die im Zusammenhang mit der 1975

gegründeten Videoinitiative Graz entstanden, als Bürger

aufgefordert wurden, ihr soziales Umfeld mit der Kamera

zu dokumentieren. Während diese Arbeit auf die sozialen

Dimensionen der menschlichen Umwelt abzielt,

nimmt Lukas Marxt das Schauspiel der unberührten

Natur in den Fokus seiner Kamera. Als Ergebnis seiner

Reisen zu menschenleeren Orten entstehen erstaunliche

Eindrücke.

Kunsthaus Graz, Lendkai 1, 8020 Graz

bis 28.4., Di–So 10–17h, www.museum-joanneum.at

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Das Numen Sonor

Anselm Kiefer. Der Rhein.

Das Numen Sonor

Die neueste Installation des Künstlerkollektivs Das Numen

nutzt die besondere Architektur des Schinkelpavillons

im wahrsten Sinne des Wortes auf eindringliche

Weise. Sieben Seismografen messen im Berliner Stadtraum

die tatsächlich vorhandene Untergrundvibration.

Lautsprecher übertragen das Signal in verschiedenen

Bassfrequenzen auf die sieben Fensterfronten des Pavillons

und machen die unterschiedlichen Aktivitäten

der Stadtteile durch wechselnde Lautstärke nachvollziehbar.

Durch die unmittelbare Resonanz wird der

oktogonale Pavillon so zum Observatorium und zum

Klangkörper. Das Numen verwandelt den Ausstellungsraum

durch die bekannte Verschmelzung von Kunst und

Wissenschaft in einen ästhetischen Erfahrungsraum,

der das Leben der Stadt auf fast mystische Weise bündelt

und neu erfahrbar macht.

Anselm Kiefer: Der Rhein, 2013, Holzschnitt (Detail)

© Anselm Kiefer

Aus einem Brief von Anselm Kiefer an Henri Loyrette:

„Der Rhein ... Wandernd durch eine Allee von hohen

Bäumen sah man schon von Weitem das silbern schimmernde

Band des Flusses, das zugleich Ziel, Ende der

Wanderschaft und Verheißung auf ein geheimnisvolles

Land am anderen Ufer des Flusses war. Der deutsche

Strom war Gegenstand so vieler Gedichte und Lieder:

das Rheingold der Nibelungen, die Rheintöchter ‚Woglinde,

Floßhilde, Wellgunde‘, da ist das Gedicht von

Brentano ‚Die Loreley‘, die Sage von dem zauberhaft

schönen Mädchen. Außerdem die schöne Rheinhymne

Hölderlins, bei der er Griechenland quasi an den Rhein

versetzt, und ‚Das versunkene Schloss‘ von Schlegel.

Diese verschiedenen Schichten eines mehrstimmigen,

oft gegensätzlichen Gesanges versuchte ich nun in Holz

zu schneiden. Das widerspenstige Material Holz und

das einfache Schwarz-Weiß scheinen im Gegensatz zu

stehen zur Eigenart des Flusses, diesem Schillernden, in

tausend Farben Oszillierenden.“

Schinkel Pavillon

Oberwallstr. 1, 10117 Berlin-Mitte

bis 14.4., Do–So 12–18h

www.schinkelpavillon.de

Galerie Bastian

Am Kupfergraben 10, 10117 Berlin-Mitte

Opening: 12.4., 18–20h, 13.4.–14.9., Do/Fr 11–17.30h, Sa 11–16h

Besser scheitern

Thomas Lüer – Flow

Bas Jan Ader (1942–1975): Fall 2, Amsterdam 1970 (Dokumentation)

© Mary Sue Ader Andersen/Bas Jan Ader

Estate at the Patrick Painter Gallery

„Wieder versuchen / Wieder scheitern / Besser scheitern“

schrieb Samuel Beckett und sprach damit ein Tabuwort

der heutigen Moderne aus: Scheitern. Erfolg,

Karriere, Gewinnmaximierung – da ist für Scheitern

kein Platz. Doch ist das Scheitern nur negativ konnotiert,

oder kann dadurch auch etwas Neues entstehen?

Die Hamburger Kunsthalle thematisiert, von Becketts

Spruch ausgehend, in der aktuellen Ausstellung mithilfe

bewegter Bilder die verschiedenen Aspekte des

Scheiterns. 20 Video- und Filmarbeiten internationaler

Künstler und Künstlerinnen wie Marina Abramović oder

Steve McQueen behandeln auf unterschiedlichste Art

und Weise das komplexe Phänomen Scheitern.

Thomas Lüer: Reinraum II (Videostill), 2006, DV-Pal, Videoloop, 10 min.

© Thomas Lüer, Frankfurt am Main

Mit subtiler Präzision macht Thomas Lüer in seinem

Werk Phänomene sichtbar, die ansonsten oft verborgen

bleiben. Zugleich werden durch seine Pars-pro-Toto-

Strategie komplexe soziologische, wissenschaftstheoretische

oder semiotische Fragestellungen deutlich.

Der Künstler inszeniert seine Arbeiten für jeden Ausstellungsort

neu: In den Galerieräumen werden zwei Videostudien

vollflächig an die Wände projiziert. Während

die fast hypnotische, repetitive audiovisuelle Struktur

von „Flow“ eine wissenschaftliche Versuchsanordnung

suggeriert, reflektiert Lüer in „Reinraum 2“ anhand erstaunlicher

Eindrücke aus dem Vakuuminneren eines

Teilchenbeschleunigers die Macht kultureller und medialer

Bilder und die Sichtbarmachung des Nichts mit den

Mitteln der Technologie.

Hamburger Kunsthalle

Glockengießerwall, 20095 Hamburg

bis 11.8., Di–So 10–18h, Do bis 21h

www.hamburger-kunsthalle.de

MORGEN CONTEMPORARY

Ackerstr. 162, 10115 Berlin-Mitte

bis 20.4., Di–Sa 12–18h

www.morgen-contemporary.com

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Schmutzige Aquarelle – neue Arbeiten

Leiko Ikemura – i-migration

Klaus Vogelgesang: Arbeit aus der Serie „schmutzige Aquarelle“, 2012

© Klaus Vogelgesang

Klaus Vogelgesang war in Berlin zuletzt 1991 mit einem

großen Teil seiner Werke im Martin-Gropius-Bau zu

sehen. Er wurde in den 70er-Jahren durch seine zum

Teil großformatigen Stiftzeichnungen als Vertreter des

sogenannten Berliner Kritischen Realismus bekannt.

caspers Galerie präsentiert aktuell seine Arbeiten der

letzten Jahre und zeigt hauptsächlich kleinformatige

Zeichnungen aus den Serien „überarbeitete Geschäftsbriefumschläge“,

„Postkarten“ und „schmutzige Aquarelle“

sowie drei großformatige Arbeiten, mit Acryl- und

Kreidefarben auf Karton hergestellt.

caspers Galerie für zeitgenössische Kunst

Keithstr. 5, 10787 Berlin-Charlottenburg

bis 27.4., Finissage 28.4., 11–18h, Mi–Fr 14–19h, Sa 11–16h and by

appt., www.caspersberlin.de

Geisterhafte Porträts, schemenhafte Landschaften und

Skulpturen begegnen dem Besucher der Kunsthalle

Karlsruhe in diesen Monaten. Die Werke der japanischschweizerischen

Künstlerin Leiko Ikemura scheinen

aus einer anderen Sphäre zu stammen. Seit Mitte der

1990er-Jahre beschäftigt sich Ikemura mit anonymen

Figuren und amorphen Naturbildern, bei deren Entstehung

ihre Intuition eine wichtige Rolle spielt: „Augen

sind fragwürdige Organe, die unbemerkt sich der Welt

verschließen ...“, so die Künstlerin. In diesem Sinne entstehen

durch das Schließen der Augen und durch Abschottung

von der Reizüberflutung durch die Bilder des

Alltags innere Bilder. Die von Pia Müller-Tamm kuratierte

Ausstellung zeigt 140 Arbeiten des jüngeren, von zeitgeschichtlichen

Ereignissen inspirierten Werkes.

Belle Donne – Giovanni Maranghi

Giovanni Maranghi: Tu che mi chiami amore, 2013

Mischtechnik auf Leinwand, 120 x 110 cm

Giovanni Maranghi (*1955 in Florenz) malt Frauen wie

kein anderer. Die porträtierten Frauen von Maranghi

sind sinnlich und bezaubernd. Es sind Schauspielerinnen

aus dem großen Drama bzw. der Komödie des Lebens,

ihre Rollen sind nie gleich. Er hält die Metaphern,

die ihre Träume, Wünsche und Gefühle versinnbildlichen,

sehr lebendig. Maranghi arbeitet mit verschiedenen

Techniken wie der Öl-, Tropf- oder Enkaustik-Malerei

und der Collage. Oftmals sind aufschlussreiche Schriftstücke,

Landkarten oder Briefe im Bildhintergrund zu

finden. Die Eröffnung wird von Maranghi begleitet.

de freo gallery

Auguststr. 85, 10117 Berlin-Mitte

Opening: 26.4., 18–22h, 27.4.–25.5., Di–Fr 13.30–18h,

Sa 12.30–17.30h, Sa/So 27.4./28.4., 11–19h and by appt.

0151 - 55 37 25 30, www.defreogallery.com

Franziska Klotz

Eigene oder gefundene Fotografien und Bilder dienen

Franziska Klotz (*1979 in Dresden) als Anregung für ihre

gegenständlichen Kompositionen. In den Gemälden

der Künstlerin kommt der Materialität der Farbe eine

tragende Rolle zu. Bereiche, in denen die pastos aufgetragene

Farbmasse beinahe skulpturale Qualitäten

aufweist, stehen neben lasierend-fließenden Partien.

Das Unfertige, Vorläufige ist bei Franziska Klotz Teil des

Bildes, und so stehen detailliert ausgearbeitete Bereiche

neben skizzenhaften Partien.

Leiko Ikemura: Face [Frida], 2008, Aquarell auf Papier, 56,4 x 38 cm

im Besitz der Künstlerin, Foto: Jörg von Bruchhausen

Emil Nolde: Abendmahl, 1909, Öl auf Leinwand

86 x 107 cm, SMK Statens Museum for Kunst, © Nolde Stiftung Seebüll

© SMK Foto, Foto: KMS, Kopenhagen

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe

Hans-Thoma-Str. 2–6, 76133 Karlsruhe

bis 16.6., Di–So 10–18h, www.kunsthalle-karlsruhe.de

Emil Nolde: Farben heiß und heilig

100 Jahre Moderne in der Moritzburg

Emil Nolde provozierte einst mit einer neuen, radikalen

Bildsprache die deutsche Kunstszene des frühen 20.

Jahr hunderts. So auch 1913 in Halle, als sein religiöses

Gemälde „Abendmahl“ (1909) für das Museum angekauft

wurde und einen Skandal auslöste, der die Moritzburg

als Wegbereiter der Moderne und Emil Nolde

als Erneuerer der Kunst berühmt machte. 2013 ist der

Ankauf 100 Jahre her. Aus diesem Anlass werden drei

von Noldes großen Themen beleuchtet: die frühen Gartenbilder,

in denen der Künstler Blumen von explosiver

Farbigkeit ins Bild holt, die frühen religiösen Gemälde,

in denen er Szenen und Legenden der Bibel eigenwillig

und fantasievoll deutet, sowie Werke, die auf seiner Reise

durch Sibirien in die Südsee entstanden.

Franziska Klotz: ohne Titel, 2012, Öl auf Leinwand, 170 x 155 cm

Courtesy: Galerie Kornfeld, Berlin

Galerie Kornfeld

Fasanenstr. 26, 10719 Berlin-Charlottenburg

Opening: 13.4., 18–21h, 14.4.–18.5., Di–Sa 11–18h

www.galeriekornfeld.com

Emil Nolde: Blumengarten mit Figuren, 1908, Öl auf Leinwand, 79 x 60 cm

Privatbesitz, Courtesy: Galerie Neher

© Nolde Stiftung Seebüll, Foto: Jens U. Nober, Museum Folkwang

Stiftung Moritzburg (Nordflügel)

Friedemann-Bach-Platz 5, 06108 Halle (Saale)

Opening: 20.4., 17h, 21.4.–28.7., Di–So 10–18h

www.kunstmuseum-moritzburg.de

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François Morellet figuratif – Gunda Förster konkret

im Kunst-Raum des Deutschen Bundestages

François Morellet – Wandelbare Wand

im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages

Weiße Neonröhren und farbige Glaskugeln lassen den

Kunst-Raum erstrahlen und stellen ironisch den Mythos

vom Künstler infrage – ebenso wie die „Wandelbare

Wand“ im Mauer-Mahnmal, deren bewegliche Elemente

wechselnde geometrische Bilder gestalten.

© Gunda Förster, Foto: Jens Liebchen/DBT Kunst-Raum und Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages

Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Schiffbauerdamm

bis 5.5., Eintritt frei

Kunst-Raum: Di–So 11–17h

Mauer-Mahnmal: Di–So 11–17h

www.kunst-im-bundestag.de, www.mauer-mahnmal.de

Wang Huangsheng in seinem Atelier, 2012, Foto: Zou Shengwu, Beijing

Courtesy: Wang Huangsheng und WiE KULTUR, Berlin

Wang Huangsheng – los·ge·löst

Wang Huangsheng hat seine eigene Idee vom Wesentlichen:

Das ist die Natur. Darauf gründet sich die künstlerische

Umsetzung in seinen Malereien im Stile der

chinesischen Tradition. Deutlich wird dies in der Serie

„losgelöst⏐Erscheinung“. Das Motiv entdeckte er in

Kabeln, die ihn inspirierten. Seine ununterbrochenen

feinen Linien sind eine Verneigung vor der traditionellen

Malerei. Die Serie entstand zwar vor dem Hintergrund

chinesischer Philosophie, doch Wang Huangshengs Anliegen

geht weiter: Er will die Tuschmalerei internationalisieren

und im chinesischen Kontext erneuern, ohne

sich nur der west lichen Sprache zu bedienen.

WiE am WASSER powered by WiE KULTUR

Invalidenstr. 50/51, 10557 Berlin-Tiergarten

bis 20.4., Di–Sa 11–19h, www.wiekultur.de

Ingo Gerken – Morgen ist auch noch ein Tag

Ingo Gerken verschiebt räumliche Situationen, Begrifflichkeiten

und Zusammenhänge mit minimalsten

Mitteln. Dabei treffen sich die Referenzsysteme aus

Alltäglichkeit und Kunstgeschichte auf der feinen Linie

des Laissez-faire. Dort wird das Maß der Dinge neu verhandelt,

Form, Inhalt und Nuance werden gegenseitig

ausgespielt. Mit leichter Hand und warmem Witz entstehen

skulpturale Momente, Fotografien und Collagen,

die das eher Unscheinbare feiern und das Offensichtliche

in eine andere Richtung zwingen.

Wolfgang Ellenrieder – Hybrid

In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende

Künste Braunschweig werden aktuelle Arbeiten von

Wolfgang Ellenrieder (*1959 in München) präsentiert.

Die Werke dieses Künstlers stehen in einzigartigem

Dialog zwischen dem historischen Ausstellungsort im

Schloss Wolfsburg und der White-Cube-Architektur der

Galerie der Hochschule in Braunschweig und behandeln

die Frage nach der durch die rasante Entwicklung

digitaler Medien hervorgerufenen „Verdopplung der

Welt“. Der Künstler stellt dabei sowohl unsere tradierten

Wahrnehmungsmuster wie auch unsere subjektiven

Vorstellungen einer realen Dingwelt infrage.

Ingo Gerken: Panasonic, 2012, C-Print

Galerie | Kunsthaus Erfurt

Michaelisstr. 34, 99084 Erfurt

Opening: 12.4., 20h, 16.4.–24.5., Di–Fr 12–18h

www.kunsthaus-erfurt.de

Wolfgang Ellenrieder: Bidonville, 2013, verschiedene Materialien

300 x 400 x 110 cm, © Wolfgang Ellenrieder

Städtische Galerie Wolfsburg

Schlossstr. 8, 38448 Wolfsburg

Opening: 9.4., 18h, 10.4.–4.8., Di 13–20h, Mi–Fr 10–17h, Sa

13–18h, So 11–18h , www.staedtische-galerie-wolfsburg.de

Stefan Koppelkamm: Brasserie Georges – 30, cours de Verdun – Lyon, 2009

Fotografie, 96 x 124 cm, Tonaufnahme: 7.12.2009, 21h

© Stefan Koppelkamm

Essen, Trinken, Reden. Bilder, Stimmen und Geräusche

Wer ein Restaurant oder eine Bar betritt, taucht in eine

eigene Welt ein: Stimmen, Hintergrundmusik und das

Klappern von Tellern und Besteck bilden eine akustische

Kulisse. Stefan Koppelkamm kombiniert in seiner

Ausstellung Fotografien mit Originaltönen. Beim Betrachten

entsteht durch das Hören der Stimmen und

Geräusche eine fast illusionistische Vorstellung von

der Atmosphäre eines Ortes. Mit der Veröffentlichung

seines Buches „Ortszeit Local Time“ (2006) hat der Designer

und Fotograf seinen Schwerpunkt in den Bereich

der künstlerischen Fotografie verlagert.

Stiftung Schloss Neuhardenberg, Schinkelplatz,

15320 Neuhardenberg, Ausstellungshalle Kavaliershaus Ost

Opening: 7.4., 12h, 9.4.–9.6., Di–So u. Feiertage 11–19h

Eintritt: 8 €, ermäßigt 4,50 €, www.schlossneuhardenberg.de

Fabian Knecht/Andreas Greiner: Entladung, 2012/2013

Fotografie von Intervention

interferenz_en 013 – Eine Ausstellung mit KünstlerInnen

der Klasse Olafur Eliasson, Institut für Raumexperimente,

Universität der Künste, Berlin

Der Begriff „Interferenzen“ definiert „Überlagerungserscheinungen

beim Zusammentreffen von Wellen“.

In der Ausstellung treffen künstlerische Arbeiten aufeinander,

die in den Medien Film, Fotografie, Zeichnung

und Installation verortet sind. Interferenzen – zwischen

den einzelnen Werken, aber auch zwischen den ausgestellten

Arbeiten und dem Betrachter – spielen hier eine

zentrale Rolle, angefangen von der künstlerischen Bildproduktion

bis hin zur Rezeption der künstlerischen Arbeit.

Frei nach dem Motto: „Was nicht zu sehen ist, kann

dennoch wahrgenommen werden.“ Die Ausstellung

wurde kuratiert von Marisa Maza.

EnBW Showroom Berlin, Schiffbauerdamm 1, 10117 Berlin-Mitte

bis 31.5., Mo–Fr 11–19h, Sa 11–16h, Eintritt frei, www.enbw.com

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„Daumier ist ungeheuer!“

Die Stiftung Brandenburger Tor widmet sich in einer umfangreichen

Ausstellung dem Lebenswerk des französischen

Künstlers Honoré Daumier (1808–1879). Erstmalig

werden in Deutschland über Hundert selten gezeigte

Arbeiten des vielseitigen Künstlers ausgestellt. Max

Liebermann verehrte Daumier als den „größten Künstler

des 19. Jahrhunderts“ und war ein leidenschaftlicher

Sammler seiner Werke. Er fand ihn „ungeheuer“. Die

Leihgaben für die Sonderschau im Max–Liebermann-

Haus wurden von zahlreichen europäischen und amerikanischen

Museen sowie Privatsammlern zur Verfügung

gestellt.

Stiftung Brandenburger Tor, Pariser Platz 7, 10117 Berlin-Mitte

02.03.–02.06.; Mo, Mi, Do, Fr 10–18h, Sa, So 11–18h

www.brandenburgertor.de

Martin Scorsese und Robert De Niro bei den Dreharbeiten zu „Taxi Driver“,

USA 1976, Foto: Martin Scorsese Collection, New York

Martin Scorsese

Er ist in jedem Genre zu Hause: Ob Drama, Musikfilm,

Psychothriller oder Dokumentation – Martin Scorseses

über 45-jähriges Filmschaffen zeichnet sich durch eine

immense Vielfältigkeit aus. Für die Deutsche Kinemathek

hat er nun sein Archiv geöffnet. Der zentrale

Schauplatz vieler seiner Filme – New York – wird mit

Film figuren und Drehorten vorgestellt; eine Auswahl

an historischen Filmplakaten aus Scorseses eigener

Sammlung unterstreicht seine Position als Kenner der

Filmgeschichte. Werkfotos und Storyboards illustrieren

die Film-Ästhetik und Kompositionseigenheiten des Regisseurs,

der durch seine künstlerische Erzählweise das

moderne amerikanische Kino wesentlich geprägt hat.

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen

Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin-Tiergarten, bis. 12.5.,

Di–So 10–18h, Do bis 20h, www.deutsche-kinemathek.de

verfemt, verfolgt – vergessen?

Mit der NS-Aktion „entartete Kunst“ wurden Künstler

ausgegrenzt, verfolgt, teilweise in KZ deportiert und

eine ganze Reihe von ihnen, vor allem Juden und politisch

kritische Gegner, ermordet. Die Ausstellung mit

Werken aus der Sammlung Gerhard Schneider entreißt

diese Menschen dem Vergessen und rekonstruiert den

Facettenreichtum ihres bildnerischen Schaffens vor

dem Hintergrund der politischen Ereignisse. Das Berliner

Themenjahr 2013 ist eine Initiative des Landes Berlin,

in Koordination durch die landeseigene Gesellschaft

Kulturprojekte Berlin und in Kooperation mit der Humboldt-Universität

zu Berlin. Weitere Infos unter kulturprojekte-berlin.de.

Rebecca Ann Tess: Home Time Show Time, 2012, HD-Videoprojektion, 16:9,

Color, 15 min., deutsch mit englischen Untertiteln

Rebecca Ann Tess ist Teilnehmerin des Festivals KINO DER KUNST, vlg. S. 6ff

Rebecca Ann Tess – Home Time Show Time

Der letzte Teil der Film- und Fernsehtrilogie von Tess

wirft einen kritischen Blick auf die Beziehung zwischen

Konsument und Medien. Die Handlungsorte des Films

wechseln zwischen dem Schauplatz eines Fernsehabends

im Freundeskreis und dem Studio einer TV-Show,

wobei die Handlungsorte als unterschiedliche Kulissen

desselben Raums entlarvt werden. Vier Schauspieler

wechseln zwischen der Zuschauer- und der Moderatorenrolle,

zwischen medienkritischen und -affirmativen

Gesprächen. Mit ihrem modellhaften Fernsehkosmos

zeigt Tess, dass in der heutigen Medienlandschaft Kritik

und Repression zwei Seiten einer Medaille sind und Subversion

nur schwer möglich ist.

Georg Netzband: Der Sieger, Mai 1939, Öl auf Leinwand, 59,9 x 68,8 cm

Sammlung Gerhard Schneider, Olpe, Foto: Fotoatelier Sasch Fuis, Köln

© VG-Bildkunst, Bonn 2013

Ephraim-Palais | Stadtmuseum Berlin

Poststr. 16, 10178 Berlin-Mitte, bis 28.7., Di, Do–So 10–18h

Mi 12–20h, Eintritt: 5 €, erm. 3 €, www.stadtmuseum.de

Figge von Rosen Galerie Berlin

Potsdamer Str. 98, 10785 Berlin-Tiergarten

bis 20.4., Di–Fr 11–18h, Sa 12–17h, www.figgevonrosen.com

Gábor A. Nagy – Are You Mine

Matthias Brunner – Magnificent Obsession

Gábor A. Nagy: Are You Mine, 2012, Acryl auf Leinwand, 100 x 140 cm

Die Frage, die uns Gábor A. Nagy (*1972) mit seinem Gemälde

und der gleichnamigen Solo-Ausstellung stellt,

zieht den Betrachter sofort hinein in seine chiffrenartige

Figuration. Einer schwarzen Tabula rasa gleich, werden

wir durch die immer klarer vor unserem inneren Auge

entstehenden Motive langsam, aber unwiderruflich mit

ins Bild einprogrammiert. Kuratiert von Nicole v. Vietinghoff-Scheel.

Café des Artistes, Gallery/Restaurant

Fuggerstr. 35, 10777 Berlin-Schöneberg

bis 25.5., Restaurant: tgl. 12–24h

030 - 23 63 52 49, www.artistico-berlin.de

Magnificent Obsession – The Love Affair Between Movies And Literature,

2011 – 2012, 4-Kanal-Videoinstallation, 12.42 min., Leihgabe Kunsthaus

Zürich, Courtesy: Nolan Judin, Berlin

Brunner lenkt den Blick auf die vielschichtige Beziehung

zwischen Kino und Literatur. 36 Meisterwerke aus der

europäischen und amerikanischen Filmgeschichte der

1950er- und 60er-Jahre werden in verschiedenen szenischen

Konstellationen auf vier Leinwände projiziert.

Unterschiedliche Literaturadaptionen in Hollywood-

Kassenschlagern und in Werken der Nouvelle Vague

bilden die Basis des Werks. Brunner zeigt Szenen, die,

ausgehend von Handlungen wie dem Schreiben oder

Lesen, möglichst viele Aspekte rund um das Thema

Buch im Film ansprechen. Als Kompilation bietet die

Arbeit darüber hinaus einen offenen und assoziativen

Zugang zum Thema, da sie den vielfältigen Austausch

zwischen Bild und Ton, Inhalt und Form ermöglicht.

Galerie Nolan Judin, Potsdamer Str. 83, 10785 Berlin-Tiergarten

bis 6.4., Di–Sa 11–18h and by appt., www.nolan-judin.de

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Frank Darius – Das Paradies ist hier

Frank Darius präsentiert Bilder der Leere, in denen die Natur auf minimale Spuren

reduziert ist: Er geht das Wagnis ein, seinen Beitrag zur Wiederverzauberung

der Welt in Bildern von unverbrüchlicher Schönheit zu leisten. Er zeigt auf,

dass sich das Paradies im Innersten eines jeden von uns findet, versteckt unter

vielen Schichten der Wahrnehmung.

Der ewige Wanderer – Henry van de Velde in Jena

Vor allem drei Projekte verbindet van de Velde mit Jena: das Denkmal für Ernst

Abbe, Porzellane für die Manufaktur Selle und der Entwurf eines Volksbades.

Die Ausstellung der Werke van de Veldes gleicht einer Spurensuche und eröffnet

mit Bildern und Skulpturen von Kirchner, Nolde, Hodler, Meunier u. a. ein

Panorama der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Jena war in diesen Jahren eine

Bühne der Avantgarde.

Frank Darius: Hopfen I, 2011, 70 x 82 cm

© Frank Darius

Alfred Ehrhardt Stiftung

Auguststr. 75, 10117 Berlin-Mitte

bis 17.5., Di–So 11–18h, Do 11–21h, www.alfred-ehrhardt-stiftung.de

Ernst-Abbe-Denkmal Jena, 2012

Foto: Jens Hauspurg

Städtische Museen Jena/Kunstsammlung Jena, Markt 7, 07743 Jena

bis 26.5., Di/Mi u. Fr 10–17h, Do 15–22h, Sa/So 11–18h,

03641 - 49 82 61, www.kunstsammlung.jena.de

Lutz Dransfeld hinterfragt unsere Wahrnehmung

Die Arbeiten von Lutz Dransfeld bewegen sich im Spannungsfeld zwischen

Malerei, Zeichnung und Installation. Er trennt Gegensätze und verbindet diese

zugleich, lotet Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Realitätsdarstellungen

und Vorstellungen aus, oft nur durch vage Assoziationsebenen wahrnehmbar.

Dabei legt er verborgene Schichten und Strukturen frei, die sich ausschließen

und gleichzeitig verbinden.

Futuring auf Bötzow

Die Zukunft ist heute schon da, auf dem Dach von „Bötzow Berlin“. Pate für die

Installation „Futuring“ ist das Künstlerpaar EVA & ADELE. Ihre Wortschöpfung

leuchtet in Neonpink vom Schornstein der ehemaligen Brauerei. Im Atelierhaus

wird parallel dazu das „House of Futuring – Biographische Skulptur N°9“ gezeigt:

ein begehbares Haus aus 151 Leinwänden, das den gesamten Kunstkosmos

dieses Künstlerpaars widerspiegelt.

Lutz Dransfeld: Die Reise, 2011, Bleistift,

Kohle auf Leinwand, 24 x 18 cm

Galerie Ei

Senefelderstr. 31, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

Opening: 10.4., 19h, 11.4.–18.5., Mi–Fr 15–19h, Sa 12–16h, www.galerie-ei.de

EVA & ADELE: House of Futuring – Biographische

Skulptur N°9, Foto: Aline Gwose,

Michael Herling, Courtesy: EVA & ADELE

Atelierhaus auf Bötzow

Prenzlauer Allee 242, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg

26.4.–26.5., Do–So 12–18h, Eintritt frei, www.boetzowberlin.de

CREATIVE GROWTH – Outsider Art aus einem amerikanischen Atelier

In Zusammenarbeit mit Creative Growth Europe, Paris, wird eine Auswahl von

Künstlern der amerikanischen Organisation Creative Growth präsentiert. Gezeigt

werden u. a. Arbeiten von Dwight Mackintosh, einem der bedeutendsten

Künstler der Outsider Art. Für ihn charakteristisch sind frei gezeichnete, doch

streng komponierte männliche Figuren von außergewöhnlicher Transparenz.

Anja Steinmann, Katrin von Lehmann, Ernst Baumeister

Steinmanns Fotografien architektonischer Prozesse verwandeln Rohbauten

in Skulpturen. Von Lehmann schneidet ihre fotografischen Motive in Streifen,

um sie zu objektartigen Tableaus zu verweben. Baumeisters große Bildhauerarbeiten

aus Holz changieren zwischen Abstraktion und Figuration, wobei deren

Oberflächen vielfältig perforiert sind, während er die Miniaturskulpturen aus

Nägeln und Blechstreifen formt.

Dwight Mackintosh: o. T., 1993

Wachs und Tinte auf Papier, 56 x 76 cm

Galerie ART CRU Berlin (Outsider Art)

im Kunsthof, Oranienburger Str. 27, 10117 Berlin-Mitte

Opening: 4.4., 19h, 5.4.–1.6., Di–Sa 12–18h and by appt, 030 - 24 35 73 14, www.art-cru.de

Katrin von Lehmann: Aufgebrochen, 2001

Fotoflechtungen, 76 x 50 cm

Deutsche Wohnen AG – GEHAG Forum

Mecklenburgische Str. 57, 14197 Berlin

Opening: 17.4., 19h, 18.4.–30.5., Mo–Fr 9–19h, www.deutsche-wohnen.com

DUTCHTREAT

22 Künstler, tätig in Berlin und den Niederlanden, aus den Bereichen der objektlosen

und abstrakten Kunst partizipieren an der Ausstellung. Die Arbeiten

repräsentieren nicht nur den internationalen Austausch, sondern vielmehr

diverse dadurch generierte Positionen in Verbindung mit dem, was wir „postformale“

Abstraktion nennen.

Mit Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande.

Galerie Horst Dietrich

Auf Ulrike Hogrebes oft lichtgrauen Leinwänden tauchen Rehe aus dem Dickicht

auf, ein Wolfsrudel heult den Mond an, Boote überlassen sich der Strömung.

Diesen sanft-melancholischen Bildern stehen Farbfeld-Kompositionen

mit grafischen Elementen in reduzierter Formensprache gegenüber; sie ähneln

in ihrer Farbigkeit Ulrike Hogrebes großen Keramikschalen und von ihr gestalteten

Tischen mit Keramikfliesen.

Martijn Schuppers: #0905, 2009

100 x 90 cm, Alkyd, Öl und Polyurhetane

auf Polyester, Courtesy: VOUS ETES ICI

DADA POST

Nordbahnstr. 10, 13409 Berlin-Reinickendorf

Opening: 20.4., 19h, 21.4.–12.5., Do–So 13–18h, www.dadapost.com

Ulrike Hogrebe: Öl auf Leinw., 170 x 190 cm

Galerie Horst Dietrich, Giesebrechtstr. 19, 10629 Berlin-Charlottenburg

10.4.–11.5., Mi–Fr 14–19h, Sa 11–15h u. n. V., www.GalerieDietrich.de

Oleg Lang: Imperator, 2011

Acryl auf Leinwand, 150 x 130 cm

Courtesy: Galerie pop/off/art Moskau-Berlin

Oleg Lang – Einfall

Oleg Lang (*1950) ist ein außergewöhnlicher Moskauer Künstler, der malerisch

das Schicksal des Menschen reflektiert. Losgelöst von der Tradition der Avantgarde

spielt er feinsinnig mit seinem formenden Pinselstrich wie farbigen Flächen

und bewirkt einen freudigen Klang. Dieser Rausch der Bildfläche entfacht

lebhafte Empfindungen, welche Poesie von Prosa und Fest von Alltag unterscheiden.

Galerie pop/off/art Moskau-Berlin

Mommsenstr. 35, 10629 Berlin-Charlottenburg

Opening: 6.4., 18h, 7.4.–18.5., Di–Fr 10–19h, Sa 11–15h and by appt., www.popoffart.de

David Nicholson: Lions, 2002

© David Nicholson, Courtesy: Aeroplastics

Contemporary, Brüssel

Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf

WONDERFUL – Humboldt, Krokodil & Polke

Die Wunderkammer ist seit der Eröffnung des me Collectors Room im Jahr 2010

fester Bestandteil des Ausstellungshauses und die einzige ihrer Art in Berlin.

Mit „WONDERFUL – Humboldt, Krokodil & Polke“ werden spektakuläre Neuzugänge

der Wunderkammer und zeitgenössische Werke aus der Olbricht Collection,

die ebenfalls um die Thematik der Wunderkammer kreisen, präsentiert.

Verlängert bis 28. August 2013.

me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht

Auguststr. 68, 10117 Berlin-Mitte, verlängert bis 28.8.

Di–So 12–18h, www.me-berlin.com

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connect: Phnom Penh: Das Verschwinden verhindern

Die ifa-Galerie Berlin präsentiert zum ersten Mal in Europa KünstlerInnen aus

Kambodscha, die sich mit dem Erfassen und Bewahren der Stadt im Wandel

beschäftigen. Ausgangspunkt ist das einflussreiche Schaffen des kambodschanischen

Architekten Vann Molyvann, der die „Neue Khmer Architektur“ in den

1960er-Jahren in Kambodscha bestimmte und bis heute Impulsgeber für moderne

Entwicklungen in der Stadtgestaltung ist.

Henning Kles – Carnivale

Vor dunklen oder verwaschen bis pastellartig aufgehellten Hintergründen entfalten

sich in einigen der jüngsten Arbeiten von Henning Kles buntfarbige Fantasieporträts,

in sich gekehrt, karnevalesk, wie von einer anderen Welt. Diese

Welt aber ist kein Konstrukt aus den verwendeten Bildvorlagen und -materialien,

sie entsteht im künstlerischen Prozess, im Bild, und nur ihm gehört sie an.

Khvay Samnang: o.T., 2011, digitaler C-Print,

70 x 110 cm, © Khvay Samnang

ifa-Galerie Berlin

Linienstr. 139/140, 10115 Berlin-Mitte, bis 16.6., Di–So 14–19h, www.ifa.de

Henning Kles: YOJIM, 2012, Bitumenemulsion

und Acryl auf Leinwand, 100 x 80 cm

Courtesy: Wendt+Friedmann, Berlin

WENDT+FRIEDMANN, Heidestr. 54, 10557 Berlin-Mitte

Opening: 25.4., 18–21h, 26.4.–8.6., Mi–Fr 12–18h, Sa 12–17h

www.wendt-friedmann.com

SHAPE THE SCAPE: Line up – Landschaft im Dialog

„Line Up“ zeigt eine Reihe von paarweisen Gegenüberstellungen zeitgenössischer

Arbeiten im Kontrast zu Werken des 20. Jahrhunderts. Mit Werken von

Max Beckmann, Jörg Bong, Karoline Bröckel, Othmar Eder, Nico Duvinage,

Robert Gschwantner, Veronike Hinsberg, Linda Karshan, Hermann Kätelhön,

Katrin von Lehmann, Gregory Murr, Nadja Poppe, August Preuße, Ute Schendel,

Hana Usui, Nadine Wottke, Marko Zink.

Jan-Peter Manz

Die farbigen Plastiken von Jan-Peter Manz heben Gesten des Alltags auf die

Bühne des Dramatischen. Eine Jeans wird zur „ozeanischen Hose“, eine Skaterin

zur Verkörperung der „Notwendigkeit“ und ein Süchtiger erstarrt zum „Crackboy“.

Manz entwickelt seine Figuren aus oft zufälligen Begegnungen mit realen

Menschen. Dies ist die erste Präsentation von Arbeiten des Bildhauers und Malers

Jan-Peter Manz in Berlin.

Robert Gschwantner: PLP02, 2006

PVC-Schläuche, Atlantikwasser, Rohöl,

Holz und Collage, 90 x 140 cm

Kit Schulte Contemporary Art, Winterfeldtstr. 35, 10781 Berlin-Schöneberg

bis 11.5., Mi–Fr 14–19h, Sa 12–16h and by appt.

030 - 21 00 52 37, www.kitschulte.com

Jan-Peter Manz: Crackboy, 2010, bemalter

Ton, 27 x 16 x 11 cm, © VG Bild-Kunst 2013

Temporary Gallery Berlin (tgb), Mommsenstr. 42, 10629 Berlin-Charlottenburg

Opening: 13.4., 19h, 1.–29.4., Mi–Fr 15–18h and by appt., 0160 - 902 74 54

www.temporary-gallery-berlin.com

Horst Mak – Im Farbenrausch der Urgewalten

Es gab keine Farben und Kombinationen, denen der Berliner Maler Horst Mak

(† 2007) ausgewichen wäre. Der Künstler verwendete mehrheitlich die Primärfarben

Rot, Blau und Gelb. Das Entstehen von Grün überließ er, gewollt oder

zufällig, der Vermischung. Schwarz und Weiß dienten dem Unterstreichen

emotionaler rhythmischer Spannungen, dem Verstärken von Effekten. Zur Ausstellung

erscheint ein Katalog mit allen Exponaten.

Terence Carr, Ulrich J. Wolff – Borderlines

In „Borderlines“ werden Grenzen untersucht. Bei Terence Carrs (*1952 in Kenia)

Skulpturen, die durch die Leuchtkraft ihrer Farben bestechen, scheinen uns

fabulöse Wesen Geschichten erzählen zu wollen. Ulrich J. Wolff (*1955 in

Schwaigern) ist ein Virtuose des Tiefdrucks. Seine mit verschiedenen Materialien

hergestellten dreidimensionalen Malereien und Grafiken sind in ihrer Technik

kaum voneinander zu unterscheiden.

Horst Mak: o. T., 2006, Acryl auf Leinwand

200 x 260 cm

Berlin Avantgarde, Nollendorfstr. 11–12, 10777 Berlin-Schöneberg

Opening: 12.4., 19h, 13.–30.4., Di–Fr 12–19h, Sa 10–17h

030 - 27 57 59 08, www.berlin-avantgarde.com

Terence Carr: The Kiss, 2010

bemaltes Holz, 98 x 58 x 32 cm

Galerie Julia Dorsch, Breite Str. 20, 14199 Berlin-Schmargendorf

Opening: 13.4., 17h, 14.4.–24.5., Mi–Fr 13–17h, Sa 11–14h

0176 - 44 46 05 19

Lohner Carlson – Silences, Bewegte Bilder/Active Images

Henning Lohner (u. a. Filmautor) und Van Carlson (Kameramann) haben ein

Œuvre geschaffen, das Landschafts-, Stadt- und Porträtaufnahmen aus besonderen

Perspektiven zeigt. Der ausgewählte Ausschnitt der Welt bewegt sich,

die Kamera ist regungslos. Das nähert die Videoarbeiten der Fotografie an,

während zugleich der alte Wunsch der Malerei nach bewegten Bildern eingelöst

wird.

Lohner Carlson: Stockholm Dark Water,

2010, Active Image Galerie Springer Berlin

Fasanenstr. 13, 10623 Berlin-Charlottenburg

bis 4.5., Di–Fr 11–18h, Sa 12–15h, www.galeriespringer.de

Ulrike Doßmann: Frau Widder, 2012

, Dentalgips, div. Materialien und

Temperafarbe, 35 x 24 x 17 cm

Ulrike Doßmann – Who are you really?

„Who are you really?“ zeigt die furchtlosen, experimentierfreudigen Arbeiten

von Ulrike Doßmann (*1970 in Lörrach). Astrid Volpert, Publizistin und Kuratorin:

„Sie baut, gießt, schraubt und klebt mehrteilige skulpturale Gebilde des

Körperlichen von extremer Fragilität und überraschender Material- und Symbolkraft“.

Under the Mango Tree

Merseburgerstr. 14, 10823 Berlin-Schöneberg

Opening: 5.4., 20h, 6.4.–17.5., Mo–Fr 14–18h, Sa 12–16h and by appt.

www.utmt.net

Franz Wilhelm Seiwert: Zwei Arbeiter vor

Industrielandschaft, 1924, Öl auf Pappe

Sammlung im Willy-Brandt-Haus

Streitobjekt Arbeit.

Positionen aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus

Die Ausstellung präsentiert Zeichnungen, Grafiken und Gemälde der 1910erbis

1930er-Jahre, die von arbeitenden Menschen und Arbeitsorten, von Arbeitselend

und der Heroisierung der industriellen Arbeit handeln, und diskutiert,

welche Relevanz die Bilder untergegangener Arbeitswelten noch haben und

wie heutige Verelendungsstrukturen darstellbar sind.

Haus am Lützowplatz, Lützowplatz 9, 10785 Berlin-Tiergarten

Opening: 25.4., 19h, 26.4.–30.6., Di–So 11–18h

www.hausamluetzowplatz-berlin.de

Mona Hakimi-Schüler: Installation, 2012

Figur aus Schwamm mit Latex und

Acrylfarbe übermalt

NEUaufnahmen der GEDOK Berlin 2013

Fünf neu in die GEDOK Berlin aufgenommene Künstlerinnen zeigen ihre

Arbeiten: Mona Hakimi-Schüler – Installation / Mi-Ran Kim – Malerei / Daniela

Kwee – Malerei / Gabriela Oehring – Malerei / Antje Seeger – Objektkunst,

Installation

Es spricht: Sarah Frost, Kuratorin

GEDOK GALERIE

Motzstr. 59, 10777 Berlin-Schöneberg

Opening: 18.4., 19h, 19.4.–16.5., Mi–So 14–18h

030 - 441 39 05, www.GEDOK-berlin.de

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Yoi Kawakubo: Shirahigehama, 2011, 149 x 186 cm

Shinseideo Tokyo Berlin

In den Medien Fotografie, Malerei und Skulptur beschreiben

die japanische Künstler Yoi Kawakubo, Tokurou

Sakamoto und Misa Toyosawa alltägliche oder

besondere Landschaften aus ihrer eigenen Perspektive.

Individuell, ruhig und manchmal poetisch erzählen sie

über Solitude und Katharsis, mit der wir in der heutigen

Gesellschaft konfrontiert sind.

Shinseido TokyoBerlinArtBox

Aufbau Haus 1.OG, Prinzenstr. 85, 10969 Berlin-Kreuzberg

bis 27.4., Do–Sa 14–18h and by appt.

www.tokyoberlinartbox.com

Yto Barrada: Hand-Me-Downs (film still), 2011, Videogramm, Courtesy:

Yto Barrada, Galerie Polaris, Paris, und Sfeir-Semler Gallery, Hamburg

Roll Over. Reflections on Documentary, after Richard

Leacock

Richard Leacock (1921–2011) drehte seine Dokumentationen

nach der Maxime, den Zuschauern das Gefühl zu

geben, selbst vor Ort gewesen zu sein. Die Ausstellung

ist ein Tribut an das Lebenswerk des britisch-amerikanischen

Filmemachers, dessen Wunsch, der Wirklichkeit

nahezukommen, die Entwicklung des Dokumentarfilms

stark beeinflusste. Gezeigt werden zwei seiner weniger

bekannten Filme, zudem aktuelle Arbeiten von Yto Barrada,

Fernando Sánchez Castillo und Luke Fowler, die

neue Tendenzen im Dokumentarfilm vorstellen: Das Informative

ist nicht zwingend; Realität und Fiktion können

sich überlagern.

Temporary Gallery

Mauritiuswall 35, 50676 Köln

bis 21.4., Do/Fr 14–18h, Sa/So 13–17h, www.temporarygallery.org

Viola Bittl: Ohne Titel, 2012, Öl auf Leinwand, 68 x 55 cm

EHF 2010 – Benefitausstellung

In Fortsetzung einer beispielhaften Initiative stellen 50

ehemalige und aktuelle Stipendiaten des Else-Heiliger-

Fonds/Trustee-Programms EHF 2010 der Konrad-Adenauer-Stiftung

Arbeiten zur Verfügung, die im Rahmen

einer Ausstellung deutlich unter dem Galerienpreis angeboten

werden. Der Erlös fließt ausschließlich in den

Künstlerfonds. Mit Nicole Bianchet, Viola Bittl, Marcel

Bühler, Martin Dammann, Frauke Eigen, Stef Heidhues,

Daniel Laufer, Hans-Christian Schink, Robert Seidel,

Jorinde Voigt, Michael Wutz u. a.

Anmeldung: Tel. 030-26996-3221/-3220, Ansprechpartner:

Dr. Hans-Jörg Clement, Leiter Kultur, Kurator und

Geschäftsführer EHF

hans-joerg.clement@kas.de, ursula.moss@kas.de

Konrad-Adenauer-Stiftung, Tiergartenstr. 35, Berlin-Tiergarten,

25.4.–29.5., Mo–Fr 9–17h, www.kas.de

Lost in the Memory Palace:

Janet Cardiff und George Bures Miller

Nach Ausstellungsauftritten in Europa kehrt das preisgekrönte

Künstlerduo im Frühjahr zurück nach Kanada.

In der AGO bespielen sie ein ganzes Stockwerk mit sieben

Installationen, die neben Sound, Video und Objekten

auch Bilder umfassen. Zu sehen sind sowohl ältere

Installationen als auch neuere Werke wie „Storm Room“

von 2009. Arrangiert in Räumen, die der Besucher

durchschreiten kann wie einer Kathedrale der Erinnerung,

entfaltet sich die umfassende Wirkung der experimentellen

Kunst des Duos. Gespannt darf man besonders

auf ein bisher noch unbetiteltes neues Werk sein,

mit dem die Künstler ihr Heimspiel krönen.

Janet Cardiff & George Bures Miller: Killing Machine, 2007, Mixed media,

sound, pneumatics, robotics, Foto: Seber Ugarte & Lorena Lopez

© Janet Cardiff & George Bures Miller Art Gallery of Ontario

317 Dundas Street West, Toronto Ontario, Canada

6.4.–18.8, Di–So 10–17:30h, Mi 10–20.30h, www.ago.net

Timeslip

Die Ausstellung zeigt Gemälde der Briten Derek Harris,

Samuel Herbert und Greg Rook, die eine gemeinsame

Faszination für historische Visionen einer optimistischen

Zukunft teilen. Die Bilder basieren auf historischen

Quellen kultureller Strömungen oder ursprünglicher

Volkskultur mit einer idealistischen Ausrichtung

und transportieren das Vorhaben, eine überzeugende

Vision der Zukunft zu entfalten.

5 Cuts – A visual Dialogue

„Meine Mode ist keine ‚Fast Fashion’. Wir lassen all unsere

Emotionen in unsere Entwürfe, einen Schnitt oder

eine Silhouette einfließen, um dem Menschen eine

Botschaft zu vermitteln. Wenn man nur kopiert, sollte

man besser gleich aufhören, Kleidung anzufertigen.“

Der interdisziplinäre Projektraum MADE zeigt eine

mehrteilige Installation, die sich dem Kleidermacher

Yohji Yamamoto widmet, ihn als Künstler und Visionär

vorstellt und Einblicke in seine Gedankenwelt über die

Mode hinaus geben will.

Greg Rook: Landscape with goat, 2012, Öl auf Leinwand, 80 x 80 cm

Gallery Stock Berlin

Bundesallee 138, 12159 Berlin-Friedenau

bis 30.4., Di–Fr 10–16h, Do 20–21.30h, Sa 14–18h

www.stock-berlin.com

MADE wurde 2010 von der Künstlerin tadiROCK, ihrem Partner Nico Zeh

und Absolut Vodka gegründet

MADE Berlin

Alexanderstr. 7, 10178 Berlin-Mitte

29.4.–12.5., Mo–So 16–19h, made-blog.com

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Ankündigung: Sammlergespräch mit Heinz Lohmann

Heinz Lohmann ist Fachmann im Gesundheitssektor

und ein Liebhaber zeitgenössischer Kunst.

Als Gesellschafter ist er in mehreren Gesundheitsunternehmen

tätig, hat eine Professur an der Hochschule für

Angewandte Wissenschaften Hamburg inne, ist Autor

mehrerer Publikationen zur Gesundheitswirtschaft und

Gastgeber der Sendereihe „Mensch Wirtschaft“ beim

Fernsehsender Hamburg1.

Sein privates Interesse gilt experimentell arbeitenden

Künstlerinnen und Künstlern. Gemeinsam mit seiner

Frau Ulla sammelt Heinz Lohmann seit 1969 Gegenwartskunst

in den verschiedensten Medien: Arbeiten

auf Papier, Malerei, Skulpturen, Objekte, Fotografie,

Video- und Computerkunst oder Mail-Art.

Rund 40 Künstler sind in der Sammlung vertreten, vielen

von ihnen blieb das Sammlerpaar über einen langen

Zeitraum treu: Die Entwicklung des Kunstschaffens einzelner

Künstler wird in der Sammlung anhand von Werken

aus mehreren Schaffensperioden deutlich. Der enge

Kontakt zwischen Künstler und Sammler ist ein essenzieller

Bestandteil des Sammlungskonzeptes.

Seit 1994 stellen Ulla und Heinz Lohmann die Werke der

Künstlerinnen und Künstler ihrer Sammlung in regelmäßig

stattfindenden Präsentationen in ihrem privaten

Hamburger Ausstellungsraum C15 vor, unter anderem

Maria und Natalia Petschatnikov, Francesco Mariotti,

Ilka Vogler, So-Ah Yim, Wolfgang Kampz, Maike Klein,

Jacques H. Sehy, Claudia Liekam, Hans Braumüller, Alke

Brinkmann, Romen Banerjee, Yotta Kippe und Sascha

Kürschner.

Heinz Lohmann neben dem Multiple „Dieser Blick“ von Sigrid Sandmann

Foto © LOHMANN konzept / Falk von Traubenberg

Wir freuen uns auf das KUNST Magazin Sammlergespräch

mit Heinz Lohmann, moderiert von Jan Kage,

am Mittwoch, den 27.3. in der Bar Tausend, Schiffbauerdamm

11, 10115 Berlin-Mitte.

Einlass ab 20h, Beginn ca. 20.30h. Wir bitten um Anmeldung

unter sammler@kunstmagazin.de.

SAVE THE DATE: Das darauffolgende Sammlergespräch

findet zum Gallery Weekend im me Collectors Room

Berlin/Stiftung Olbricht am Freitag, den 26.4. statt.

Impressum | Imprint

KUNST Magazin / KUNST Verlag, Berlin

Wrangelstr. 21, 10997 Berlin

Tel.: 030 - 61 20 23 24 und 030 - 43 92 58 29

Fax: 030 - 61 20 23 17 und 030 - 43 91 70 59

info@kunstmagazin.de | ISSN 1862 - 7382

Herausgeberin: Jennifer Becker (v. i. S. d. P.)

Chefredaktion: Julika Nehb

Redaktion & Texte: Susanne Erichsen, Isabella Hammer,

Katharina Helwig, Alexandra Panzert, Agathe Power, Stefanie

Raupach, Sarah Weckert, Steffi Weiss, Sonja Wunderlich

Gastautoren: Axel Lapp, Matthias Planitzer

Übersetzungen: Brian Poole

Lektorat: Dagmar Tränkle

Gestaltung: Carola Büscher

Onlineredaktion: Julia Schmitz

Webdesign: Marius Bruns, www.robinson-cursor.de

Druck: Druckerei Conrad GmbH, www.druckereiconrad.de

Distribution: DHL GoGreen – wir versenden klimaneutral,

Deutsche Post Pressevertrieb

Erscheinungsweise: 40 000 Exemplare, 10-mal im Jahr,

Doppel ausgaben: Jul./Aug. und Dez./Jan. Es gelten die Mediadaten

2013.1

Alle Ausstellungshinweise im KUNST Magazin sind für

Galerien, Museen und Ausstellungshäuser kostenpflichtig.

Eine tagesaktuelle Übersicht zu allen Veranstaltungen im

KUNST Kontext in Deutschland finden Sie im Kalender auf

www.kunstmagazin.de

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