Gottesdienst am Heiligen Abend 2009

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Gottesdienst am Heiligen Abend 2009

Predigt am Heiligen Abend 2009 im Dom zu Braunschweig

Landesbischof Prof. Dr. Friedrich Weber

Liebe Gemeinde!

Vor wenigen Tagen kam ich über den Weihnachtsmarkt. Ich muss gestehen, daß mich das

Marktgedudel sonst eher wenig interessiert. Es ist mir zu laut in dieser Zeit - aber da mag

jeder drüber denken wie er will. An diesem Abend aber war es anders! Ob es die ganze

Atmosphäre war, das im weichen Licht des riesig großen Weihnachtsbaumes in seiner

Formschönheit so gelassen dastehende Schloss? Ob es der Dom war, ebenfalls warm

beleuchtet, die vielen Buden und Stände, die Menschen, Kinder und Eltern, Großeltern, die

Düfte und Geräusche, der erste Schnee - es mag wohl alles zusammengekommen sein, so wie

es der eine oder andere unter uns ja auch hier am Burgplatz in diesem Jahr erlebt hat; oder in

Wolfenbüttel, oder sonst wo - Weihnachtsmarkt. Dann kann ein heimliches Singen in der

Luft liegen, dann geschieht es, daß es einem Menschen warm ums Herz wird, dann beginnen

die Augen von Kindern zu leuchten und die Älteren erinnern sich eigener Erlebnisse. Sie

erinnern sich weniger der Dinge, die zu sehen, zu kaufen, zu bestaunen waren. Sie erinnern

sich der Stimmungen - einer Welt voller Schönheit und Reinheit, einer Welt kindlicher

Freude, einer Welt voller Wärme und Harmonie, einer weihnachtlichen Welt.

So war das Anfang Dezember. Und ich, von einer langen Sitzung ermüdet, erlebte plötzlich

diese ganze Atmosphäre neu. Ganz anders als die Jahre zuvor. Und dann stand ich vor einer

Bude mit Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge. Ich betrachtete die Pyramiden, die Figuren.

Mein Blick aber wurde gefesselt von einer Weihnachtskrippe. In der Mitte Maria, Josef und

das Kind, Ochs und Esel. Ein wenig davor kniend die Hirten und dann am Rand, sich der

Krippe nähernd, die Weisen aus dem Morgenland. Und plötzlich fiel mir eine Geschichte

ein, die ich vor einigen Tagen gelesen hatte. Sie trug den Titel ,,Die neue Krippenfigur". Ein

Familienvater schnitzt von Jahr zu Jahr zur Familienweihnachtskrippe eine neue Figur

hinzu. Eigentlich waren schon lange alle versammelt, die zur Weihnachtsgeschichte gehören.

Und in die Reihe derer, die zur Krippe gingen, waren nun auch seine Frau, die Kinder und

die Großeltern eingeordnet. In diesem Jahr wusste er nicht mehr so recht, wen er denn noch

dazuschnitzen sollte, bis ihn seine Kinder baten: ,,Vater, du fehlst noch auf diesem Weg zur

Krippe, aber nicht als Hirte verkleidet, sondern so, wie wir dich kennen - im weißen Kittel

mit dem Rechner in der Hand."

War der Wunsch nicht abwegig: Er, der Techniker, auf dem Weg zur Krippe? Gewiss, ein


Gegner des Kindes war er nicht, aber allzu viel mit dem Kind in der Krippe anzufangen

wusste er nun auch nicht.

Am Heiligen Abend war eine neue Figur da. Nicht so nah dran an der Krippe wie die

anderen - mehr am Rand. Als sein Sohn die Figur näher an das weihnachtliche Geschehen

heranstellen wollte, reagierte er abwehrend. Er wollte am Rand stehenbleiben. Nur vom

Rand her das Kind sehen. Aber mit auf die Krippe zuschreiten wie die Hirten und die Weisen,

wie die Großeltern, seine Frau und seine Kinder, das war zuviel für ihn.

Aber kann man Weihnachten vom Rand her feiern? Von den Würstchenbuden und

Lebkuchenständen, von den Geschäften und Kaufhäusern her, aus dem Konzertsaal heraus?

So vom Rand her, daß man gerade noch vom Kind etwas für sich erhaschen kann - gerade

soviel wie man braucht? Geht das?

Vielleicht wäre alles so geblieben wie immer, wenn nicht am ersten Weihnachtstag Besuch

ins Haus gekommen wäre. Besuch, der sehr schnell den Vater am Rand der Krippe entdeckte

und freundlich feststellte: ,,Wie schön, daß du dich unter die Märchenfiguren eingereiht hast

- aber bitte doch nicht so am Rand. Nicht so bescheiden. Hier, nach vorn mit dir!“

Am Abend nahm er die Figur und warf sie aus dem Fenster in den Garten. Den Kindern

sagte er: ,,So recht dazugepaßt hat sie nicht, sie war zu modern." Ob nun endlich Ruhe war,

ob er nun endlich Ruhe hatte vor den Fragen? „Hast du sie weggenommen, weil sie dich

auslachten, weil sie meinten, du stehst nun unter den Frommen? Bist du etwa gar nicht

fromm, Vater?" fragte die Tochter. "Bist du nicht fromm?" wiederholte seine Tochter die

Frage.

Fromm? Wer ist noch fromm? Sind Sie noch fromm?

Seine Mutter war es gewesen, aber er? Er wusste es nicht. Und dann veränderte sich die

Situation. Am Nachmittag stand plötzlich der Junge in der Tür - aufgeregt, kalkweiß. ,,Helga

blutet fürchterlich". Er rannte in das Kinderzimmer und fand das Mädchen mit einer tiefen

Wunde an der linken Hand. Beim Arzt kam es heraus. Sie hatte eine Figur schnitzen wollen -

die Figur des Vaters. Er schwieg. Zu viel war in ihm in Bewegung, als daß eine schnelle

Antwort ausgereicht hätte. Am nächsten Morgen als die Wunde schon weniger schmerzte, sah

das Mädchen die neue Krippenfigur, die den Vater darstellte, wieder mit auf dem Tisch

stehen. Sie hatte sich zwischen die Figuren, die den Großvater und die Enkelkinder

darstellten, eingereiht. ,,Jetzt ist es richtig", sagte die Kleine, ,,da gehörst du hin".

Er hat nur noch genickt und geschwiegen und sich fest vorgenommen, ihr später zu sagen,

daß er lange Zeit nach der Figur im Garten gesucht hat, bis er sie zwischen den Blättern der

Christrose fand, und daß in dieser Nacht das Kind in der Krippe ihn zu sich geholt hatte. Es

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wollte ihn nicht mehr unter den Abseitsstehenden wissen. Es wollte ihn in die Reihe der

Suchenden führen, die durch das Schauen belohnt werden.

Ja, liebe Gemeinde, da stand ich auf dem Weihnachtsmarkt und die Krippe vor mir und die

Geschichte im Herz und Kopf. Ich sah die Menschen neben mir, mich selbst und dachte, ob

es eine Antwort gibt auf die Frage, wo denn mein, wo denn unser Platz an der Krippe ist.

Man muss wissen, wohin man gehört, damit man nicht verlorengeht.

Ja, liebe Gemeinde des Heiligen Abends, verlorengehen kann man auch mittendrin im

weihnachtlichen Feiern. Mitten in aller Harmonie dieses Abends. Verlorengehen kann man

auch trotz des Ganges zur weihnachtlichen Kirche am Heiligen Abend. Nicht, weil man zu

wenig andächtig ist, sondern weil man seinen Platz nicht kennt, weil man nicht weiß, wohin

man gehört.

Die Hirten der Weihnachtsgeschichte, jene Männer von den Feldern rund um die kleine Stadt

Bethlehem, die wussten auch nicht wohin sie gehörten. Aber sie machen sich auf wie die

Könige, sie suchen und finden. Sie finden sich selbst in der Begegnung mit dem Kind. Und

da sind ihnen die Augen aufgegangen. Verlorengehen kann man, wenn man aufhört, sich auf

den Weg zu machen, heraus aus den immer gleichen Schablonen des Umgangs miteinander.

Heraus aus dem Zwang, dem anderen Menschen keine Chance der Veränderung zuzubilligen.

Heraus aus den Zwängen, die scheinbar die Dinge dieser Welt auf uns ausüben und denen wir

uns zu beugen haben. Gott ist in diese Welt gekommen, er wurde Mensch. Einer, der liebt,

der verzeiht, der Hoffnung lebt. Das ist doch die gute Nachricht, das Evangelium dieser

Nacht, daß im Kommen Gottes in der Gestalt des Kindes dem Gewalttätigen, dem Bösen das

Ende angesagt ist. Es muss nicht immer alles so bleiben wie es schon immer war. Und die

Regeln dieser Welt, daß Gewalt siegt, Geld regiert, daß Wegsehen sich auszahlt, sie haben

unser Leben nicht gut gemacht. Arme sind ärmer geworden, Hungernde und Dürstende

verschmachten, weil der Reichtum dieser Welt nicht gerecht verteilt wird, der Hilfsbereite

wird im Bahnhof totgeschlagen, die Rentnerin bangt um 10 € Rentenerhöhung. Wo sind wir

hingekommen? Was für eine jämmerliche Welt! Wir sehnen uns danach, dass es anders wird.

Dass es menschlich zugeht.

Vielleicht fragen wir uns jetzt noch einmal an diesem Abend, uns selbst - wo stehe ich, wo ist

mein Platz? Am Rand, abseits, beobachtend, vielleicht gar verunsichert, weil es mit der

Frömmigkeit hapert, weil Menschlichkeit ein Fremdwort geworden ist?

An der Krippe hat das neue Leben angefangen. Mit dem Kind.

Wir gehören an die Krippe, zu dem Kind, das groß geworden, den Weg des Friedens, der

Liebe, den Weg für uns ging. Wir gehören zu dem Mann, in Bethlehem geboren, der den

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Geist Gottes in die Welt brachte, der Menschen wieder zu Menschen machte. Und wenn wir

dort stehen, dann werden wir auch wieder erkennbar sein als Menschen, werden Partei

ergreifen für die Schwachen und Gefährdeten, für den gesellschaftlichen Frieden in unserem

Land.

Wo ist mein Platz - heute Abend, morgen früh? Manchmal setzen uns die Fragen zu. Die

Fragen, die vom Kind in der Krippe und vom Mann am Kreuz ausgehen. Sie befragen uns.

Aber mit dem Fragen kommt auch die Zusage: ,,Gott holt uns ab, gleichgültig, wo wir

stehen."

Darauf können wir uns verlassen.

Amen

Literatur:

Margot Langner, Die neue Krippenfigur. Eine Geschichte zu Weihnachten, 2001

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