funktionaler bilingualismus an der grenze zwischen österreich und ...

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funktionaler bilingualismus an der grenze zwischen österreich und ...

ISSN 1392–1517. KALBOTYRA. 2008. 59 (3)

Funktionaler Bilingualismus an der Grenze

zwischen Österreich und Slowenien

Alja Lipavic Oštir, Sabina Jurkas

Philosophische Fakultät

Universität Maribor

Koroška 160, 2000 Maribor

Tel.: +386 2 22 93 609

E-Mail: alja.lipavic@uni-mb.si

1. Einleitung

Das tausendjährige Zusammenleben der slowenisch- und deutschsprachigen Bewohner in

dem Sprachkontaktraum Steiermark, Kärnten und Krain wurde teilweise Ende des I. und

vor allem Ende des II. Weltkriegs stark verändert. Trotz der politisch relativ ungünstigen

Situation für die deutsch-slowenischen Sprachkontakte in den Jahrzehnten danach wurden

diese ständig gepflegt, u. a. auch durch die Pendler, die sich ihre Arbeit in Österreich

suchten. Dieses Phänomen, das auch sprachliche Folgen hat, ist auch heute zu beobachten.

Wie gestalten die Pendler, d. h. die Muttersprachler des Slowenischen, ihren sprachlichen

Alltag und wie wird das in ihrer engsten Umgebung, der Familie, wie auch in dem breiteren

Umfeld reflektiert, wird in dem Beitrag dargestellt. Dabei fokussiert sich der Beitrag

in dieser ersten Untersuchungsphase des Sprachgebrauchs von slowenischen Pendlern

auf die Präsenz verschiedener Sprachvarietäten des Deutschen und des Slowenischen wie

auch auf den Gebrauch von Austriazismen. Die nächsten Schritte sollen sich auf die Entwicklung

verschiedener Formen des funktionalen Bilingualismus fokussieren, auch unter

Berücksichtigung der Fragen des Sprachbewusstseins und der Sprachidentität. Außerdem

sollten die Formen der Sprachkontakte dokumentiert werden, darunter auch der Transferenz,

begründet durch die Funktionen des Sprachgebrauchs.

2. Geschichte: Ein kurzer Überblick

Mit einem kurzen Überblick über die Geschichte der slowenisch- und deutschsprachigen

Sprachkontakte und die Sprachpolitik in den Schulen in den Ländern, die heute mehr oder

weniger ein Teil des Staates Slowenien sind, soll ein Rahmen skizziert werden, in den das

Thema des Beitrags gestellt werden kann 1 .

1

Vgl. Lipavic Oštir / Jazbec 2008,146 oder Ostanek 1964.

192


Im 10. Jh. fiel das Herzogtum Karantanien unter die Vorherrschaft zuerst der Baiern,

später der Franken. Damit begann ein fast tausend Jahre langes Zusammenleben der slowenisch-

und deutschsprachigen Bevölkerung in Krain und im Süden der Länder Kärnten

und Steiermark, d. h. in den späteren sogenannten Erbländern des habsburgischen

Erzherzogtums. Trotz verschiedener Formen des sprachlichen Drucks auf die politisch

unterlegene slowenischsprachige Bevölkerung schien es genug Raum zu geben, in dem

sich die slowenische schriftliche Tradition von den Anfängen im 10. Jh. (Brižinski spomeniki

/ Freisinger Denkmäler) bis zu der endgültigen Normierung der Standardsprache

im 19. Jh. durchsetzen konnte. Die Zeit der Nationalbewegungen im 19. Jh. brachte

slowenische Schulen und eine intensivere Entwicklung verschiedener Textsorten. Seit

dem 10. Jh. waren also die Länder Krain, Küstenland, Kärnten und Steiermark ein Teil

des Bayernreiches und später der Habsburgermonarchie und das blieb unverändert bis

zum Jahr 1918. Ein zweisprachiges (slowenisch - deutsches) Zusammenleben war etwas

Alltägliches. Noch mehr: In den Regionen zu den italienisch-, ungarisch- und kroatischsprachigen

Ländern ist eine Drei- oder Viersprachigkeit bewiesen, nicht zu erwähnen das

Latein als die Sprache der Schule und der Kirche 2 . Die Wichtigkeit der Fremdsprachen

in diesem Raum bezeugt auch das slowenische Sprichwort Je mehr Sprachen du kennst,

desto mehr bist du wert (Več jezikov znaš, več veljaš), das übrigens auch in der Slowakei

bekannt ist.

Bis zum Jahr 1848 konnten die slowenischsprachigen Kinder nur deutsche Schulen

besuchen. Im Jahr 1848 wurde das sogenannte Nationalprinzip eingeführt und die slowenischsprachigen

Bewohner in der Habsburgermonarchie bekamen das Recht, slowenische

Schulen zu gründen, was aber nur sehr langsam realisiert worden ist. Zusammenfassend

lässt sich sagen, dass auch in den letzten achtzig Jahren der Monarchie die Ausbildung

eng mit der Mehrsprachigkeit verbunden war. Seit dem Zerfall der Habsburgermonarchie

lebten die Slowenen, politisch gesehen bis zum Jahr 1991, vereint mit den anderen Südslawen,

was bedeutete, dass wieder eine Art Mehrsprachigkeit vorhanden war. In den letzten

vierzig Jahren sind in Slowenien ganze Generationen mit dem Serbokroatischen aufgewachsen,

was die Medien, die Präsenz der serbokroatischsprachigen Einzelnen in Slowenien,

die offizielle Sprache in der Armee u. a. betrifft, darunter auch den Fremdsprachen -

unterricht (ein Jahr Serbokroatisch als Fremdsprache / Pflichtfach in der Grundschule).

Also wieder eine Art Mehrsprachigkeit.

2

Vgl. dazu z. B. folgende Biographien einiger Persönlichkeiten aus der Geschichte, während sonst die

Bewohner mit Slowenisch als Muttersprache die Sprachen der Umgebung verwendeten und dazu in den Schulen

Latein und Deutsch als Unterrichtssprachen erwarben. Einige Beispiele: Aus dem 19. Jh. z. B. Fran Miklošič,

aufgewachsen an der Grenze zum kroatischsprachigen Raum, wo er sich Kroatischkenntnisse im Gasthaus seines

Vaters als auch im Gymnasium in Čakovec aneignete. Seine Muttersprache war Slowenisch, dazu hatte er

hervorragende Deutschkenntisse (s. verschiedene Beiträge im Sammelband Miklošičev zbornik 1992). Beispiel

aus dem 18. Jh.: Janez Svetokriški mit seinen Slowenisch-, Italienisch-, Deutsch- und Kroatischkenntnissen (s.

Kožuh/Kralj 2000, 149-161), aus dem 17. Jh. die adeligen Damen Marenzi-Coraduzzi, die in den slowenischen

Briefen zeigen, dass sie auch Italienisch und Deutsch beherrscht haben (Merku 1980). Aus dem 15. Jh. wäre

Siegmund von Herberstein zu erwähnen, der u. a. auch dank seiner Slowenischkenntnisse als Diplomat in Russland

erfolgreich war (vgl. Herberstein 2001).

193


3. Mehrsprachigkeit: Überlegungen und Illustration

Aus der geschilderten geschichtlichen und sprachlichen Situation in den Schulen und auch

sonst in den Ländern, wo die slowenischsprachige Bevölkerung lebte, geht hervor, dass

diese in der ganzen Geschichte zweisprachig oder besser gesagt mindestens zweisprachig

war und zwar funktional gesehen. Illustrieren wir das mit einem Beispiel aus dem 20. Jh.,

das einer wahren Sprachbiographie entspricht:

K.G. wurde 1907 im Dorf Longera/Lonjer bei Triest/Trieste/Trst geboren. Seine Familie

war slowenischsprachig und genauso das ganze Dorf. Die Unterrichtssprachen in

der Schule, die er besuchte, waren Italienisch und Slowenisch. Im Jahr 1920 zog er nach

Maribor. Die Stadt befand sich nach einem langen Zusammenleben der deutsch- und slowenischsprachigen

Bewohner jetzt in dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen.

K.G. machte eine Lehre als Schmied und lernte teilweise auch das Mariborer Deutsch,

weil diese Varietät in der Stadt noch gesprochen wurde und auch mit bestimmten Berufen

wenigstens im Fachwortschatz verbunden war. Das Mariborer Deutsch (oder Marburgerdeutsch)

war eine Varietät, die in Maribor und in der Umgebung gesprochen wurde und

die südbairische wie auch mittelbairische Züge hat, aber auch viele Einflüsse des Slowenischen

aufweist (Križman 2002). Seinen Dienst in der Armee machte K.G. in Petrinja und

lernte dabei ein wenig Kroatisch. Das Deutsche blieb in seinem Leben bis zum Ende des

II. Weltkriegs präsent, danach nur noch teilweise. In den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg

sprach er neben Slowenisch ab und zu auch Deutsch, passiv beherrschte er immer

noch das Italienische, weil er als Lehrer viele Sommerferien mit seiner Familie in Triest

verbrachte. Passiv erlernte er auch das Serbokroatische, vor allem durch die Medien. In

den letzten Jahren in dem selbstständigen Staat Slowenien fokussierte sich sein Sprachgebrauch

vor allem auf das Slowenische, passiv auf das Deutsche, vor allem durch das

Fernsehen. Der Gebrauch des Serbokroatischen und des Italienischen ging zurück. In der

ganzen Zeit seines Lebens war K.G. in der Umgebung von Triest und teilweise auch in der

Stadt selbst wie auch in Maribor bis 1945 unzählige Male in den Situationen, in denen die

Wahl der Sprache sich nach den Sendern und Empfängern selbst (Sprachkenntnisse des

anderen kennen oder sie nur ahnen) richtete oder durch andere Faktoren wie Situation,

Thema, Ort des Gesprächs bestimmt war. Sie war also nicht automatisch, sondern variierte.

Sein Bilingualismus kann als funktional betrachtet werden, während er nach der bekannten

Definition von Bloomfield („native-like control of two languages“, 1933, 56) gewiss nicht

zweisprachig ist, da er keine zwei Muttersprachen besaß und von sich selber behauptete,

er spreche Slowenisch, alles andere spreche er nicht so gut. Diese Behauptung zeigt, wie

die Vorstellung von „zwei oder mehreren Muttersprachen“ im allgemeinen Verstehen und

der Interpretation der Mehrsprachigkeit verankert ist. In der Wissenschaft wird der Begriff

der Mehrsprachigkeit viel und sehr kontrovers diskutiert (s. Riehl 2004, 63), wobei die

Definitionen des Begriffs von der oben angeführten von Bloomfield auf der einen Seite bis

zum Beherrschen der Sprachen verbunden mit den Sprachdomänen reichen. So wäre der

Sprecher K.G. nach der Definition von Oksaar (1980, 43, nach Riehl 2004, 63f) funktional

mehrsprachig, weil Oksaar voraussieht, dass der Mehrsprachige in den meisten Situati-

194


onen ohne weiteres von der einen Sprache zur anderen umschalten kann, wenn es nötig

ist. Das Verhältnis der Sprachen (in K.G.’s Beispiel Slowenisch, Italienisch, Kroatisch,

Mariborer Deutsch und (Serbo)Kroatisch) ist verschieden, indem je nach der Struktur des

kommunikativen Aktes (Situationen und Themen) ein weniger eloquenter Kode, in der

anderen ein mehr eloquenter Kode verwendet werden.

Was die Identifizierung mit der Sprache betrifft, fand sie bei Sprecher K.G. mit dem

Slowenischen statt, doch funktional gesehen, wie schon angedeutet, konnte er sich auch

in anderen Sprachen verständigen. Die vier Fertigkeiten des Sprachgebrauchs waren

bei ihm verschieden entwickelt. Ob in einem begrenzten Umfang, spielt aufgrund der

Tatsache, dass er sich verständigen beziehungsweise sein Ziel in der Kommunikation erreichen

konn te, keine Rolle. Die Sprachkenntnisse, die er sich aneignete, bedeuteten auch

das Kennen und Akzeptieren anderer Kulturen, wobei die Räume Triest und Maribor schon

sowieso multikulturell waren. Eng verbunden mit dem Status und den Kenntnissen der

Sprache ist auch ihr Prestige. Im Leben dieses Sprechers hatte vor allem das Slowenische

viel Prestige, die anderen Sprachen, mit denen er konfrontiert wurde, gewannen wegen der

politischen Geschehnisse eher wenig Prestige.

Dieses Beispiel zeigt uns, wie sich im 20. Jh. der mehrsprachige Status bei der slowenischsprachigen

Bevölkerung entwickelte. Er veränderte sich derart, dass jetzt das Serbokroatische

gelernt wurde und von den Sprachen der Nachbarn wurde das Italienische

intensiv an der Grenze gelernt (eine italienische Minderheit in Slowenien) wie auch das

Ungarische (auch an der Grenze, auch eine Minderheit in Slowenien). Die Position des

Deutschen war hingegen völlig anders. Deutsch wurde als eine mehr oder weniger unerwünschte

Fremdsprache betrachtet und als Folge dessen sank besonders nach dem II. Weltkrieg

die Zahl der Einzelnen, die diese Sprache lernten, ziemlich drastisch. So verschwand

auch das so genannte Mariborer Deutsch.

4. Deutsch und Slowenisch an der Grenze

Die Sprachkontakte zwischen Deutsch und Slowenisch in der ganzen Geschichte in den

erwähnten Erbländern wurden schon erwähnt. Vor allem in den letzten Jahrzehnten des 19.

und zum Beginn des 20. Jh. sind auch Migrationsbewegungen der slowenischsprachigen

Bevölkerung in den deutschen Landesteil zu bemerken, von denen bei einigen die Slowenischkenntnisse

in der nächsten Generation verloren gingen, bei anderen wieder nicht. Auf

der anderen Seite ist nach dem I. Weltkrieg ein Slowenisierungsprozess im slowenischen

Landesteil zu beobachten, während für den österreichischen eine verstärkte Germanisierung

charakteristisch ist. Im slowenischen Landesteil siedelte ein Teil der österreichischdeutschen

Bevölkerung aus (vor allem Beamte), jener Teil der slowenischen Bevölkerung,

der anlässlich der österreichischen Volkszählungen Deutsch als Umgangssprache angab,

bezeichnete bei den Volkszählungen nach dem I. Weltkrieg Slowenisch als seine Muttersprache.

Nach dem II. Weltkrieg kam es aus politischen Gründen zu einer zwangsweisen

Aussiedlung der restlichen deutschen Bevölkerung (vgl. Klemenčič 2007, 69-105).

195


Trotz aller Vorurteile, trotz den negativen Bildern aus der Geschichte des 20. Jh. können

wir auch in der zweiten Hälfte des 20. Jh. über ein sprachliches Zusammenleben und

über Sprachkontakte zwischen Slowenisch und Deutsch sprechen. Aus wirtschaftlichen

aber auch aus anderen Gründen war die Grenze zwischen Jugoslawien und Österreich

offen und die Bürger Jugoslawiens konnten beliebig ausreisen und in der Zeit, in der die

meisten Wirtschaftsmigranten nach Deutschland und Österreich ausreisten, waren unter

ihnen auch viele Slowenen. Darunter waren Migranten, die in diese Länder ausreisten,

wie auch solche, die täglich pendelten. Die Pendler kamen besonders aus den Grenzregionen

Kärnten, Steiermark und Prekmurje (Übermurgebiet). Das Phänomen der täglichen

Pendler und solcher, die über das Wochenende nach Hause kommen, besteht schon seit

den 60er Jahren. Die Daten zu diesen Personen, bezogen vom Statischen Amt Sloweniens

(bezogen am 2.9.2008, per E-Mail), zeigen uns leider die Situation im Jahre 2002, d. h.

neuere Daten stehen zur Zeit nicht zur Verfügung. Die Daten aus dem Jahre 2002 sprechen

über 2177 Personen, die täglich nach Österreich pendeln, und über 2096 solche, die an den

Werktagen in Österreich bleiben und am Wochenende nach Hause fahren. Genauere Daten

sind den Tabellen 1 und 2 zu entnehmen.

Tabelle 1: Zahl der Pendler

2002 Frauen Männer

Zahl der Pendler: 2177 19% 81%

Tabelle 2: Regionaler Aspekt

Regionen %

Grenzregionen Steiermark (Štajerska) und Prekmurje (Übermurgebiet) 76

Grenzregionen Oberkrain (Gorenjska) und Kärnten (Koroška) 16

andere Regionen 8

In den Jahren nach der Umfrage (2002), die als Quelle für diese Daten vorliegt, ist die

Zahl bestimmt gewachsen. Hinsichtlich der Ausbildung sind die Pendler zur Hälfte Menschen

mit einer Berufsausbildung, die andere Hälfte sind vorwiegend solche mit Abitur,

Einzelne ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung und schließlich noch solche mit einem

Universitätsabschluss.

Um die sprachliche Situation einiger Personen aus der Grenzregion Steiermark

(Štajerska) zu skizzieren, wurde im Winter 2008 eine Umfrage gemacht (Jurkas, Lipavic

Oštir), zusätzlich wurden noch einige Interviews geführt. Im Weiteren sollen einige Ergebnisse

besprochen werden 3 .

3

Die Ergebnisse sind als erster Schritt der Untersuchungen des funktionalen Bilingualismus der Pendler

aus der Grenzregion zu verstehen. Im Weiteren werden die sprachlichen Eigenschaften hinsichtlich einzelner

Sprachebenen untersucht und interpretiert, wie auch unter Berücksichtigung außersprachlicher Parameter, nicht

nur der Pendler-Situation.

196


5. Ergebnisse der Untersuchung

Die befragten Pendler kommen alle aus der Region Steiermark und arbeiten auch in der

Steiermark auf der österreichischen Seite, und zwar bei einem relativ großen Unternehmen

in Graz. Da sie täglich nach Graz zur Arbeit fahren (die Entfernung Graz-Grenze

beträgt ungefähr 40 km) und nach der Arbeit nach Hause nach Slowenien kommen, hat

uns interessiert, wie sie sprachlich die Zeit in Österreich gestalten. Dabei haben wir uns

besonders auf den Gebrauch von verschiedenen Sprachvarietäten und auf den Gebrauch

der so genannten Austriazismen fokussiert. Im Hinblick auf die Sprachvarietäten hat uns

die Präsenz des Dialekts und der Standardsprache interessiert.

Die Daten wurden anhand eines Fragebogens bezogen, wobei für die Wahl der Informanten

das Kriterium ‚Mitarbeiter im gleichen Unternehmen’ bestimmend war, um auch

den Sprachgebrauch in der alltäglichen Kommunikation anhand der leitfadengestützten

Interviews zu dokumentieren.

Die Informanten wurden in drei Gruppen geteilt:

A) Pendler aus Maribor, die täglich nach Graz zur Arbeit fahren, zu Hause verwenden sie

den Mariborer Stadtdialekt. Die Zahl der Informanten beträgt 15, ihr Alter liegt zwischen

19 und 42 und alle haben Deutschkenntnisse in der Schule, durch das Fernsehen

und durch die Sprachkontakte erworben.

B) Grazer, dort geboren, leben dort, verwenden meistens den Stadtdialekt, arbeiten im

gleichen Unternehmen wie die Informanten aus der Gruppe A. Die Zahl der Informanten

beträgt 15, ihr Alter liegt zwischen 18 und 45.

C) Mariborer, die in dieser Stadt leben und arbeiten, gebrauchen meistens den Stadtdialekt,

der u. a. auch durch viele Germanismen gekennzeichnet ist. Die Zahl der Informanten

beträgt 15, ihr Alter liegt zwischen 25 und 62 und alle haben Deutschkenntnisse

in der Schule, durch das Fernsehen und durch die Sprachkontakte erworben.

Die Quelle für die Wahl der Austriazismen im Fragebogen ist Ammon (1995). Die

Wahl der Wörter verlief zufällig, es wurde nur danach entschieden, ob das Wort im alltäglichen

Gebrauch vorkommt. Der Fragebogen wurde an einigen Personen getestet. Durch die

Wörter wurden verschiedene Lebens- und Funktionsbereiche gedeckt: Kulinarik, Haushalt,

Kleidung, Verwaltung, Justiz, Sport, Spiele, Mensch, Ausdrücke aus dem sozialen

Bereich, Körperteile und andere (insgesamt 125). Die meisten Wörter kommen aus dem

Bereich Speisen, Mahlzeiten, Verwaltung, Justiz, Gesundheitswesen, Schule, Militär sowie

Haushalt und Kleidung. In dem Fragebogen sind sie nach den Bereichen aufgelistet.

Das Ziel der Umfrage war zu zeigen, inwieweit die slowenischen Pendler die Austriazismen

kennen und verwenden, was mit den Informanten aus den anderen zwei Gruppen

verglichen wurde 4 . Es handelt sich nämlich um Menschen, die schon vor ihrer Pendler-Zeit

über Deutschkenntnisse verfügt haben. Diese sind größtenteils auf Deutschland und nicht

auf Österreich orientiert, was die Lexik und die Sprachvarietäten betrifft. Die Umfrage

4

Alle Informanten haben den ganzen Fragebogen ausgefüllt.

197


wurde so konzipiert, dass die Informanten bei den einzelnen Wörtern die Wahl zwischen

einem Austriazismus und einem standarddeutschen Wort hatten 5 . Sie wählten nach dem

Kriterium, ob sie das Wort kennen und gebrauchen.

Die Resultate zeigen, dass die Pendler (Gruppe A) die Austriazismen auf der Liste

zu 52% wählen, das heißt, dass sie für diese Ausdrücke behaupten, diese und nicht die

standarddeutschen Ausdrücke zu gebrauchen. Die Gruppe der Mariborer (Gruppe C), die

in dieser Stadt leben und arbeiten, gab für nur 10,84% der Austriazismen an, sie zu kennen

und zu gebrauchen. Ihr Wortschatz ist vor allem ein Resultat des Fremdsprachenunterrichts

und der sprachlichen Einflüsse aus den deutschen Medien (vor allem Fernsehen), im Gegensatz

zu der Gruppe der Pendler, die täglich in Graz auf Deutsch kommunizieren.

Der Gebrauch der Austriazismen bei der Gruppe B beträgt für alle Bereiche durchschnittlich

69,6%. Von den Austriazismen, die die Informanten aus der Grazer Gruppe

(Gruppe B) verwenden, sind die aus dem Bereich Mensch (z. B. die Feuchtblattern, die

Verkühlung, die Präpotenz, Überheblichkeit) am bekanntesten, weiter aus dem Bereich

Spe isen, Mahlzeiten (z. B. der Kren, die Schwarzbeere, das Zuckerl, das Obers, der Karfiol,

der Staubzucker, die Melanzane).

Von den Austriazismen, die die Pendler (Gruppe A) verwenden, sind die aus dem Bereich

Speisen, Mahlzeiten am bekanntesten, dann kommt der Bereich Sonstiges (z. B. der

Altjahrstag, dreiviertel acht, heuer, der Jänner, viertel acht).

Aus den Umfragen geht hervor, dass auch die Gruppe der Informanten, die in Slowenien

arbeiten (Gruppe C), einige Austriazismen kennt (die Matura, der Krapfen).

Auch einige Interviews, die gemacht worden sind, zeigen, dass der Dialekt keine Barrieren

für die slowenischen Pendler darstellt. Das zeigten z. B. auch die Interviews, in denen

einem Informanten aus Graz (Gruppe B) mit der L1 Deutsch die gleichen Fragen von zwei

Personen gestellt worden sind. Diese zwei Personen sind ein Pendler und Mitarbeiter des

Informanten und eine Forscherin aus Slowenien. Der Informant verwendete in den Antworten,

die er dem Pendler gab, viel mehr dialektale Elemente, während er versuchte mit

der Forscherin Standarddeutsch zu sprechen. Die Wahl einer anderen Sprachvarietät nah

der Standardsprache war im Interview, geführt von der Forscherin, zu erwarten, interessant

war aber zu sehen, wie stark der Dialekt im Sprachgebrauch mit jemandem aus dem

Ausland, der täglich zur Arbeit nach Graz kommt, präsent ist und wie stark die dialektalen

Elemente im Interview, geführt von dem Mitarbeiter, präsent sind. Zur Illustration 6 einige

Beispiele, davon die Beispiele unter (1), (3) und (5) aus dem Interview, das von dem Mitarbeiter

des Informanten geführt worden ist, und die Beispiele (2), (4) und (6) aus dem

Interview, das von der Forscherin geführt worden ist.

(1) Ich, i ess am lipsten Pizza.

(2) Ich esse sehr gerne Pizza.

5

In diesem Schritt der Untersuchung wird der Ausdruck Austriazismus verwendet, wobei er sowohl ein

österreichisches Lexem aus der Standardsprache, der Umgangssprache oder aus den Dialekten bedeuten kann.

Durch die Wahl Austriazismus vs. standarddeutsches Wort sollte der regionale Unterschied erforscht werden,

weil davon ausgegangen wird, dass die Deutschkenntnisse, erworben in den slowenischen Schulen, nicht auf

Österreich bezogen sind.

6

Dazu eine Bemerkung: Die Informanten wussten nicht, was das Ziel der Interviews war.

198


(3) In der Freizeit tu i gern Rad fahren.

(4) In der Freizeit beschäftige ich mich am liebsten mit Rad fahren …

(5) Eine lustige Gschicht aus meinem Lebn is ja wie i beim Furtgehen mit Freundn schon

viermol ma Jack verlorn hab.

(6) Eine lustige Geschichte aus meinem Leben kann ich erzählen und zwar wie ich mit

Freunden ausgegangen bin, da hab ich jedes Mal meine Jacke verlorn.

Heute wird Bilingualismus meistens nicht mehr im Sinne von Bloomfields Erklärung

über »native like control of the languages 7 « verstanden und wir sprechen viel mehr über

die Funktionen der Sprachen, die im Leben des Einzelnen eine Rolle spielen. Die Pendler,

die sich täglich zwischen zwei Ländern, zwei Sprachen und auch zwei Kulturen bewegen,

sind ein Musterbeispiel der Auffassung vom funktionalen Bilingualismus 8 . Welche Domänen

werden im Leben dieser Pendler mit welchen Sprachen bewältigt? Zu Hause auf der

slowenischen Seite der Grenze wird der slowenische steierische Dialekt gesprochen, das

Standardslowenische wird geschrieben und gehört, besonders in den Medien. Die Domäne

Familie ist also mit dem Slowenischen zu verbinden, mit einzelnen Ausnahmen, in denen

in der Familie auch eine andere Sprache gesprochen wird, sei es eine der Sprachen aus

den ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken, das Ungarische oder eine andere Sprache.

Die Domäne Arbeit wird auf Deutsch bewältigt, wobei der Dialekt gesprochen wird,

die Standardsprache beherrschen besonders die, die Deutsch in der Schule gelernt haben,

die anderen wenigstens passiv. Teilweise wird am Arbeitsplatz mit anderen Pendlern auch

Slowenisch gesprochen. Wie das Sprachbild dieser Sprecher in der Freizeit gestaltet wird,

bleibt offen. Meistens wird er mit der Sprache Slowenisch verbunden, mit Ausnahme derer,

die an den Werktagen in Österreich bleiben und am Wochenende nach Hause kommen.

Neben diesen zwei Sprachen, die vor allem an den Arbeitsplatz und die Familie gebunden

sind, ist im Leben dieser Sprecher natürlich auch das Englische präsent, sei es nur passiv

oder auch aktiv.

Die Sprachkontakte zwischen Deutsch und Slowenisch zeigen sich in der Steiermark

auf beiden Seiten der Grenze in ihrer ganzen Palette. So erklärten z. B. die Informanten

aus der Gruppe, die in Slowenien arbeitet (Gruppe C), dass sie Deutsch schon immer beim

Einkaufen in Österreich verwendet haben, dass die deutschsprachigen Medien schon immer

auf der slowenischen Seite der Grenze präsent waren. Vor Jahrzehnten sind eigentlich

Generationen mit dem österreichischen Fernsehen aufgewachsen. So konnte in der

Vergangenheit keine politische Grenze die Sprachkontakte in dieser Region verhindern,

obwohl es im 20. Jh. Negatives auf beiden Seiten der Grenze gab.

Der erste Schritt der Untersuchung des funktionalen Bilingualismus an der Grenze zwischen

zwei Sprachräumen zeigt die Bedeutung der Präsenz verschiedener Varietäten des

Deutschen, vor allem der Dialekte, und der spezifischen österreichischen Ausdrücke, mit

denen die Pendler konfrontiert werden und die sie erwerben um ihren Alltag sprachlich

7

Vgl. Bloomfield 1933, 56.

8

Vgl. z. B. Baker (1933, 13).

199


erfolgreicher zu gestalten. Die nächsten Schritte sollten dieses Bild um andere Aspekte

vervollständigen und weitere Untersuchungsmöglichkeiten zeigen. Dabei zeigt sich als

Nebenprodukt der Untersuchung schon jetzt, das der Aspekt der Sprachvarietäten auch im

Rahmen des Deutschunterrichts in Slowenien berücksichtigt werden könnte.

Literatur

Ammon U., 1995. Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Berlin,

N.Y.

Baker C., 1993. Foundations of Bilingual Education and Bilingualism. Clevedon.

Bloomfield K., 1933. Language. New York.

Herberstein, Ž., 2001. Moskovski zapiski. (Nachdruck mit Erklärungen). Ljubljana.

Klemenčič M., 1997. Im Lichte der sprachlichen Statistik: Slowenisch- und Deutschsprachige

in der Süd- und Untersteiermark 1830-1991. Slowenische Steiermark. Hrsg. Ch. Stenner, Bd. 2, 69-

105. Wien, Köln, Weimar.

Križman M., 2002. Mariborska nemščina. Studia Historica Slovenica. Jahrgang 2, Nr. 1,

151-178.

Lipavic Oštir A., Jazbec S., 2008. Machen wir CLIL oder einen Deutschkurs? Curriculum Linguae

2007. Hrsg. K. Hataja, 145-151. Tampere.

Merku P. (Hrsg.), 1980. Slovenska plemiška pisma družin Marenzi – Coraduzzi s konca 17.

stoletja. Trst.

Ostanek F., 1964. Šolske knjige. Slovenska Matica 1864-1964. Zbornik razprav in člankov.

Hrsg. F. Bernik. Ljubljana.

Pogačnik J./Faganel J. (Hrsg.), 2000. Zbornik o Janezu Svetokriškem. Ljubljana.

Riehl C.M., 2004. Sprachkontaktforschung. Tübingen.

Toporišič J./Logar T./Jakopin F. (Hrsg.), 1992. Miklošičev zbornik. Ljubljana.

Functional Bilingualism on the Border between Austria and Slovenia

Alja Lipavic Oštir, Sabina Jurkas

Summary

More than a thousand years the Slovene and German speaking population lived have together in the

language contact regions Styria, Carinthia and Carniola. In spite of the fact that the political situation

for German-Slovene language contacts became adverse in the 20 th century, contacts have been kept

the whole time, among other things through commuters searching for the jobs in Austria. The use of

different languages and varieties at work, at home, inside families and in their environment is discussed

in this contribution which represents the first step in the research of language use of Slovene

commuters in Austria and the presence of different varieties of the German language and Slovene

language as well as the use of typical Austrian vocabulary (Austriazimus). The research is based on

a survey and interviews with three groups of speakers: commuters with Slovene as L1, working in

Graz (A), employees from Graz with German as L1 (B) and employees from Maribor with Slovene

as L1 (C). The results of the research show that the commuters use the Graz dialect mostly passively

and partly actively. The informants from group A use certain Austrian words which they had not

200


learned in Slovene schools within the educational framework of learning German. These commuters

are a perfect example of functional bilingualism because they connect the domain ‘work’ with

German, the domain ‘family’ mainly with Slovene. The interviews with group B showed how often

the dialect is used at work as well as in contacts with commuters from Slovenia. Interviews with the

informants from group C and the survey showed that these informants used some of the Austrian

words (Austriazismus). Their knowledge of German can be interpreted as a result of learning German

and as a result of the language contacts on the border between the two countries.

Įteikta 2008 m. lapkričio 19 d.

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