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Sophie Jordan

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Viktoria Fuchs


www.firelightfans.de

Für euch, meine treuen Leser

ISBN 978-3-7855-7047-0

1. Auflage 2013

© 2012 by Sharie Kohler

Die Originalausgabe ist 2012 bei Harper,

a division of HarperCollins Publishers, unter dem Titel Hidden erschienen.

Published by arrangement with HarperCollins Children's Books,

a division of HarperCollins Publishers.

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen.

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Viktoria Fuchs

© für die deutschesprachige Ausgabe: Loewe Verlag GmbH, Bindlach 2013

Umschlagfoto: © Amber Gray

Umschlaggestaltung: Christian Keller

Printed in Germany

www.loewe-verlag.de


Meine Liebe zu dir ist wie eine Reise.

Anonym


1

Die Luft fühlt sich heiß an in meinen Lungen, während

ich mich draußen vor dem Transporter herumtreibe und

durch die Scheiben luge. Der dunkle Innenraum erinnert

mich sehr an einen anderen Transporter vor gar nicht allzu

langer Zeit. Dieser hier ist zwar leer, aber schon bald werde

ich darin liegen. Allein. Meine Augen fangen an zu brennen,

so intensiv starre ich auf mein künftiges Gefängnis, und ich

muss heftig zwinkern. Ich habe es schließlich so gewollt, rufe

ich mir in Erinnerung.

»Du weißt, dass du das nicht tun musst«, sagt Will. Er hält

meine Hand und streicht sanft mit den Fingern über die Innenseite

meines Handgelenks. Das erweckt meinen Puls

schlagartig zum Leben und ich bekomme plötzlich wieder

Luft. Mit ihm ist immer alles einfacher. Erträglicher.

Sogar das hier.

Ich nicke, obwohl in mir ein regelrechtes Feuer der Angst

tobt. Es kostet mich unendlich viel Überwindung, meine

Hand aus seiner zu lösen und mich stattdessen an der Wagentür

festzuhalten. »Doch, das muss ich.«

»Wir können uns etwas anderes einfallen lassen –«

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»Nein. Der Plan wird funktionieren.« Natürlich glaube ich,

dass das hier gut gehen wird, schließlich war das Ganze meine

Idee. Ich habe sie alle davon überzeugt, entgegen aller Einwände.

Will. Cassian. Tamra. Wir sind schon so weit gekommen.

Meine Schwester wartet einige Kilometer entfernt von

hier in einem Versteck darauf, dass Will und Cassian sie abholen

kommen.

Wills Gesichtsausdruck versteinert sich und das lässt ihn

auf einmal sehr müde und viel älter aussehen. Aber immer

noch so wunderschön, dass es fast wehtut. Ich blinzle und

streichle ihm sanft über die Wange und das kantige, stopplige

Kinn. »Es wird alles klappen«, versichere ich ihm, »haltet euch

einfach an den Plan.«

»Mach da drin ja keinen Blödsinn, hörst du? Spiel nicht die

Heldin oder so …«

Ich lege ihm einen Finger an die Lippen und bringe ihn

sanft zum Schweigen. Ich genieße es, wie fest und kühl sich

sein Mund anfühlt. Sein Blick wird weicher und seine Augen

glänzen in ihren schönsten Gold-, Braun- und Grüntönen,

wie ein Wald im Herbst. Mir geht das Herz auf – wie immer,

wenn er mich auf diese Art ansieht.

Ich atme tief durch und werfe einen Blick hinüber zu Cassian.

Es macht mich ein bisschen verlegen, dass er uns zusieht.

Dabei tut er das gar nicht: Er starrt nach oben in die Baumwipfel,

während er mit der Spitze seines Schuhs den Boden

malträtiert. Doch durch das unsichtbare Band zwischen uns

spüre ich, was wirklich in ihm vorgeht. Er gibt sein Bestes,

um Will und mir nicht zu nah zu treten, aber es kostet ihn

sehr viel Willenskraft, uns nicht zu beobachten … Mit aller

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Macht kämpft er gegen das Missfallen an, das ihn zu übermannen

droht.

Ich warte darauf, dass er zu uns herübersieht. Vielleicht will

ich sogar, dass er das tut, keine Ahnung. Diese ganze Sache

mit dem emotionalen Band zwischen uns ist immer noch

neu für mich. Als er endlich hersieht, nicke ich ihm zu. Er erwidert

die Geste.

Mit dem Zeigefinger beschreibe ich einen kleinen Kreis in

der Luft und sage zu den beiden: »Und jetzt dreht euch um.«

Ein kaum merkliches Lächeln umspielt Wills Mundwinkel,

aber er gehorcht ebenso wie Cassian. Als mir beide den Rücken

zuwenden, ziehe ich mich aus und konzentriere mich

dabei auf jede einzelne Bewegung. Ich löse die Schnürsenkel

meiner Schuhe und steige aus meinen Jeans. Dann lege ich

meine Kleidung zusammen und staple sie so sorgfältig aufeinander,

als hinge mein Leben davon ab. Ich schinde ganz

klar Zeit.

Nackt richte ich mich auf und mein Blick fällt auf Wills

Rücken. Der glatte graue Stoff seines T-Shirts spannt sich

straff über seine starken Schulterblätter. Ich spüre eine leichte

Brise und den Kuss der Sonne auf meiner Haut. Jetzt ist der

Moment gekommen, in dem ich in den Transporter steige

und die Tür hinter mir schließe. Jetzt begeben wir uns in die

Höhle des Löwen. Und dort lassen sie mich dann zurück.

Ganz allein – auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin. Wenn

dabei irgendetwas schiefgeht … Ich schüttle den Gedanken

ab. Daran darf ich jetzt nicht denken.

Dennoch schnürt sich mir die Kehle zu. Auf einmal sind

Moral und Anstand nicht mehr so wichtig. Ich mache einen

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Schritt auf Will zu und packe ihn an der Schulter, drehe ihn

zu mir und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen, der sich so

intensiv anfühlt wie ein Lebewohl für immer. Ich lege alles in

diesen Kuss hinein, all unsere gemeinsamen Erinnerungen.

Alles, was wir zusammen durchgemacht haben. Unsere gemeinsame

Zeit in Chaparral. Wie seine Familie – seine Jägerfamilie

– versucht hat, mir den Garaus zu machen. Wie wir

Miram verloren haben. Wie Corbin versucht hat, Will umzubringen


Er schlingt die Arme um mich. Ich küsse ihn, bis ich das

vertraute Brennen spüre, das sich tief in meinem Inneren entzündet

und meine Luftröhre hochsteigt. Mit hochrotem Gesicht

löse ich mich von Will, keuchend, voller Verlangen.

Und nackt.

Wills Blick schießt nach unten und lässt nicht einen Millimeter

aus. Dann sieht er wieder hoch, atmet tief durch und

ich kann sehen, dass seine Brust bebt. Meine Wangen brennen

nun noch heißer, aber ich bleibe wie angewurzelt stehen.

Sengendes Verlangen lodert in seinen Augen und sagt mir,

dass ich jetzt gehen muss. Jetzt sofort, sonst werde ich es nie

schaffen.

Ich springe in den Transporter und greife nach der Tür, um

sie zuzuziehen.

Seine Stimme hält mich zurück. »Warte.«

Fragend spähe ich zu ihm hinaus.

»Du musst dich erst verwandeln.« Er hält die Fesseln hoch.

»Ach ja.« Wie konnte ich das nur vergessen? Wir müssen

unbedingt alles richtig machen. Wir müssen sie ködern.

Ich steige wieder aus, stelle mich vor den Transporter und

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verwandle mich. So emotional aufgewühlt wie ich bin und

bei der Hitze und dem Kribbeln, die ich dank Will am ganzen

Körper spüre, dauert es nicht lange. In Sekundenschnelle

spannt meine Haut und mit einem leisen Rascheln schieben

sich meine Flügel hervor und breiten sich aus.

Will sieht mir beeindruckt zu. Sein Blick geht direkt in

mein Herz und es bringt mich innerlich zum Schmelzen, dass

er auch meine Drakigestalt schön findet. Genau wie beim ersten

Mal, als er mich gesehen hat. Er sieht in mir ein wunderschönes

Geschöpf, nicht das wilde Tier, auf das seine Familie

Jagd macht. Das gibt meinem Ego Auftrieb, den es gerade sehr

gut gebrauchen kann. Schließlich muss ich mich gleich den

Enkros stellen – den Ungeheuern meiner Kindheit –, die unablässig

Jäger auf mich und meine Artgenossen hetzen. Endlich

werde ich ihnen ins Gesicht sehen. Ein heftiger, zitternder

Atemzug rollt in Wellen durch meinen Körper.

Will fesselt mich schnell, aber sanft, erst an den Händen,

dann an den Flügeln. Dabei vermeidet er es, mir in die Augen

zu sehen. Es scheint unerträglich für ihn zu sein, mir das antun

zu müssen.

Cassian dreht sich zu mir um und ich spüre, dass Zweifel in

ihm aufsteigen, als er mich so vor sich sieht, gefesselt wie eine

Gefangene.

Will reicht mir die Hand und ist mir beim Einstieg zurück

in den Transporter behilflich. Ich versuche, ein Lächeln zustande

zu bringen, doch es will mir nicht recht gelingen. Es

wirkt schwach und erzwungen. Also lasse ich es sein und sehe

ihm stattdessen tief in die Augen. Wir tun das Richtige, sagt

mein Blick.

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Dann wende ich ihm den Rücken zu, damit er mein Gesicht

nicht mehr sehen kann.

Damit ich seines nicht mehr sehen kann und es mir nicht

in den Sinn kommt, vielleicht doch noch einen Rückzieher

zu machen.

Ich spüre, dass er auf etwas wartet, dass er hinter mir steht

und zögert, genau wie ich die Wellen nagender Sorge spüren

kann, die von Cassian ausgehen. Aber ich werfe keinen Blick

zurück.

Auf keinen von beiden. Das bringe ich nicht fertig. Ich habe

Angst, dass ich es mir anders überlege, wenn ich einem der

beiden ins Gesicht sehe. Dass ich zusammenbreche wie das

kleine Mädchen, das nachts unter der Bettdecke immer zitternd

vor Angst den Geschichten gelauscht hat, die Az ihm im

Flüsterton erzählt hat. Von den Enkros und den schrecklichen

Dingen, die sie allen Drakis antun, die sie in die Finger bekommen.

Natürlich ist nichts davon bestätigt, da kein Draki,

den sie gefangen haben, jemals lebend nach Hause zurückgekehrt

ist, um davon berichten zu können.

Schließlich macht Will die Tür des Transporters hinter mir

zu und ich bin darin gefangen. Ich drücke meine zitternden

Hände fest gegen das kalte Metall und lasse sie lange dort

liegen – in der Hoffnung, ihn irgendwie zu erreichen, ihn irgendwie

auf der anderen Seite spüren zu können. Ihn. Nicht

Cassian.

Einen Augenblick später höre ich, wie auch die restlichen

Türen des Fahrzeugs zufallen und Will und Cassian vorn einsteigen.

Dann setzt sich der Wagen ratternd in Bewegung. Ich

suche mir einen Sitzplatz auf dem schmutzigen Boden, ziehe

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die Knie an und mache mich klein. Mein Magen krampft sich

zusammen.

Ich atme mehrmals tief durch und warte darauf, dass der

Transporter stehen bleibt und sie endlich beginnt: die

Schlacht, auf die ich mein Leben lang gewartet habe.

Die holprige Fahrt lässt meinen Mut etwas sinken. Das alles

kommt mir so bekannt vor, dass ich mich frage, wie ich nur

auf die Idee kommen konnte, das alles freiwillig noch einmal

durchmachen zu wollen. Ich bekomme Platzangst. Hier hinten

in dem engen Wagen gibt es weder Platz, um sich auszustrecken,

noch Luft zum Atmen. Und ich bin gefesselt. Wie in

meinen schlimmsten Albträumen. Meine Gedanken kreisen

um das letzte Mal, als ich gefangen in einem solchen Transporter

gelegen habe. Das letzte Mal …

Das ist schließlich der Grund dafür, dass ich überhaupt hier

bin.

Ich atme flach ein und aus und versuche, so gut es geht, ruhig

zu bleiben. Ich sage mir, dass ich diesmal alles unter Kontrolle

habe. Mit ein paar ruckartigen Kopfbewegungen schüttle

ich mir die verhedderten Haarsträhnen aus dem Gesicht

und gebe mir Mühe, das Gleichgewicht zu halten, während

wir scharf links abbiegen.

Um meine Nerven zu beruhigen, stelle ich in Gedanken

eine Liste all der Dinge auf, die diesmal anders sind.

Ich vertraue den Fahrern. Sie halten mir den Rücken frei.

Ich weiß, wo wir hinfahren – ich habe unser Ziel bereits gesehen.

Und ich habe keine Schmerzen, zumindest keine körperlichen.

Auf der anderen Seite bin ich diesmal ganz allein.

Miram liegt nicht neben mir.

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Miram ist diejenige, für die wir das alles hier tun – diejenige,

die wir retten wollen. Wenn ich ehrlich bin, ist sie allerdings

nur einer der Gründe, weshalb ich hier bin. Das hier

hat mittlerweile eine viel größere Bedeutung für mich bekommen;

es ist jetzt eine Suche nach der Wahrheit. Will weiß

das. Ich glaube nicht, dass es Tamra klar ist, vielleicht noch

nicht einmal Cassian, aber Will weiß, dass es mir jetzt darum

geht, Antworten zu finden. Dad zu finden.

Der Wagen wird langsamer und bleibt schließlich stehen.

Ich halte den Atem an und feiner Dampf steigt von meinen

Lippen und Nasenlöchern auf wie Nebel. Es geschieht nicht

mit Absicht, was ich da mache. Ich kann einfach nichts dagegen

tun – so bin ich eben: ein Wesen, das Feuer speit. Nun

haben meine Gefühle die Kontrolle über mich und das macht

es mir besonders schwer, nicht meinen Instinkten nachzugeben.

Angst. Zorn. Zweifel. Habe ich Witze gemacht, als ich Will

gesagt habe, dass mein Plan auf jeden Fall funktionieren

würde? Habe ich mir vielleicht selbst etwas vorgemacht? All

diese Gedanken steigen in mir empor, in einer Flut aus Asche

und Kohle, die nur darauf wartet, sich in Feuer und Flammen

zu verwandeln.

Von draußen dringen Stimmen an mein Ohr. In wenigen

Augenblicken werde ich mich nicht mehr in meinem Blechgefängnis,

sondern zusammen mit meinen Artgenossen in

der Hand der Enkros befinden. Ganz nach Plan. Angespannt

warte ich ab und meine Muskeln vibrieren regelrecht unter

meiner Drakihaut. Meine Flügel sträuben sich gegen die Fesseln,

aber Will hat ganze Arbeit geleistet: Aus eigener Kraft

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könnte ich mich nicht davon befreien. Doch das will ich auch

gar nicht. Das ist nicht der Plan. Der Plan sieht vor, dass ich

glaubhaft die Rolle der Gefangenen spiele.

Einen Augenblick lang muss ich an meine Schwester denken,

die ganz allein in einem Motelzimmer darauf wartet, dass

die Jungs sie abholen kommen. Sie hat gelächelt, als wir uns

voneinander verabschiedet haben, doch in ihren eisblau en

Augen stand etwas anderes zu lesen. Sie haben feucht geglitzert

und ich bin mir sicher, dass sie, kaum dass wir weg waren,

schluchzend zusammengebrochen ist.

Tamra war von Anfang an gegen meine Idee gewesen. Sogar

als ich Will und Cassian schon dazu überredet hatte, hat sie

sich immer noch gesträubt. Die Fesseln schneiden mir ins

Fleisch und drücken mir das Blut ab und ich schiebe die Gedanken

an Tamra und meine wachsende Besorgnis entschieden

beiseite.

Von Neuem fest entschlossen, starre ich auf die Hintertür

des Transporters und warte. Draußen sind nach wie vor Stimmen

zu hören, unter denen ich auch die von Will ausmachen

kann. Aber vielleicht bilde ich mir das einfach nur ein, weil

ich ihn unbedingt hören will. Cassian ist da. Das weiß ich

auch, ohne dass er etwas sagt. Ich kann seine Gegenwart spüren.

Während ich in der Dunkelheit warte, schlägt mir seine

Wut entgegen wie eine Faust, schnell und kraftvoll. Er muss

ihnen nun direkt gegenüberstehen. Ein Fauchen entfährt mir,

als sein Zorn mit frostigen Fingern nach mir greift und sich

unerbittlich in meinem Körper ausbreitet.

Um Cassians eisiger Wut den Kampf anzusagen, suche ich

tief in mir nach dem, was ich bin und was mich ausmacht.

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Hitze steigt in mir hoch und bahnt sich schwelend einen Weg

meine Luftröhre hinauf.

Plötzlich scheppert etwas, Metall schlägt gegen Metall. Ich

richte den Blick auf die Tür und sehe, wie sie sich öffnet.

Licht flutet in meinen Metallkäfig und ich hebe die ge fesselten

Hände und halte sie mir vors Gesicht, um meine Augen

zu schützen. Durch die schmalen Streifen zwischen meinen

Fingern sehe ich Will, der ganz entspannt und ausgeglichen

tut und sich nichts anmerken lässt. Zumindest nach außen

hin nicht. Ein leichtes Muskelzittern erschüttert seinen Kiefer

und zeigt mir, wie angespannt er innerlich ist, auch wenn er

gelassen mit der Hand auf mich zeigt und sagt: »Hier ist sie

also, Jungs …«

Cassian bleibt mit ein paar anderen Leuten ein paar Meter

hinter Will zurück – Männer in Laborkitteln, die mich eingehend

mustern. Enkros. Dieser Anblick geht mir durch Mark

und Bein. Nichts und niemand auf der Welt hätte mich darauf

vorbereiten können.

Cassian. Neben Enkros. Die Ironie dessen ist mir durchaus

bewusst.

Ein hysterisches Lachen droht, sich einen Weg aus meiner

Kehle zu bahnen.

Ich zwinge mich dazu, mich zu konzentrieren. Der Transporter

wird rückwärts durch eine Art Garagentor gefahren.

Vor mir erstreckt sich ein langer, schmaler eintönig weißer

Flur, an dessen Ende sich eine Stahltür befindet. Hier gibt es

keinerlei Möglichkeit, zu entkommen und in den Himmel zu

steigen. Doch das habe ich auch gar nicht vor. Zumindest

noch nicht.

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Einer der Laborkittel macht einen Schritt nach vorn. In der

Hand hält er einen Stab mit einer Metallschlinge. Noch bevor

ich begreife, was er da macht, legt er die steife Schlinge

um meine gefesselten Hände, zieht sie zu und zerrt mich mit

einem groben Ruck aus dem Wagen heraus. Ich erhasche nur

einen flüchtigen Blick auf die fest entschlossenen Augen des

Mannes, deren Blau so blass ist, dass es fast farblos wirkt. Ich

stürze aus dem Transporter auf den kalten Boden, lande auf

der Schulter und schreie laut auf vor Schmerz – und bin immer

noch erstaunt, dass diese in Kitteln steckenden Männer

so normal aussehen. Wie Ärzte oder Forscher und gar nicht

wie die geheime Bedrohung, die mein Leben so lange überschattet

hat.

Erneut rollt Cassians Wut wie eine Woge über mich hinweg.

Es läuft mir kalt über den Rücken und ich versuche,

dieses Gefühl abzuschütteln. Der Zorn schwächt meine Konzentration

und bringt mich dazu, kämpfen und meine ganze

Stärke über diese Enkros hereinbrechen lassen zu wollen.

Und das geht nicht.

In diesem Moment entfährt Will ein grollendes Geräusch.

Als ich aufsehe, treffen sich unsere Blicke. Seine Arme spannen

sich an, als er seine Hände zu Fäusten ballt, und er kann

sich kaum noch im Zaum halten. Ich schüttle so unauffällig

wie möglich den Kopf und hoffe, dass er versteht, dass er sich

zurückhalten muss. Dass er nicht eingreifen darf, damit unser

Plan aufgeht.

Sie sollten jetzt gehen. Mir ist klar, dass es für sie beide eine

Qual sein muss, das hier mit anzusehen, und ich kann das

Risiko nicht eingehen, dass einer von ihnen preisgibt, wie

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sehr ihnen die raue Umgangsweise der Enkros mit mir zu

schaffen macht.

»Steh auf! Na mach schon!« Der Kerl reißt an dem Stab und

die Fesseln schneiden mir so tief in die Handgelenke, dass ich

garantiert beide Hände verliere, wenn ich mich nicht sofort

in Bewegung setze.

Wutentbrannt starre ich ihn an und die Gleichgültigkeit in

diesen blassblauen Augen erschüttert mich. In ihnen ist nicht

das zu lesen, was ich erwartet habe. Kein Gift, keine Bösartigkeit.

Weil ihm das alles nicht das kleinste bisschen unangenehm

ist. Er ist der Auffassung, dass er das Richtige tut.

Cassians Zorn schlängelt sich weiter durch mich hindurch.

»Seht sie euch an!«, ruft einer der Laborkittel. Ich bin fast

versucht, an mir herunterzusehen, um herauszufinden, was er

meint.

Mit ein paar schnellen, hektischen Bewegungen wird mir

der Mund mit Klebeband verschlossen. Mir bleibt keine Zeit

zum Reagieren. Vermutlich hatten sie schon mit genügend

Drakis zu tun und wissen, was ich bin. Welche Fähigkeit ich

besitze.

Der Laborkittel macht einen Schritt zurück. »Gut. So kann

sie niemanden in Brand setzen. Das sollte fürs Erste reichen,

bis wir sie untersucht haben.«

Ich stoße einen erstickten Schrei aus. Mein Blick schießt

wild hin und her, auf der Suche nach Will. Ich muss ihn einfach

noch einmal sehen, nur noch ein Mal, bevor sie mich

wegbringen und »untersuchen«.

Wieder reißt man ruckartig an mir herum und ich stehe

stolpernd auf. Sie ziehen mich eilig den Flur entlang, an den

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anderen vorbei. Ein paar von Metallgittern geschützte Glühbirnen

strahlen ein gelbes Licht aus, das gnadenlos in meine

Augen sticht.

Ich bewege mich Schritt für Schritt vorwärts. Ich kann weder

Will noch Cassian sehen.

Doch Cassians Frustration und Angst erreichen mich immer

noch. Das knackende Eis seiner Gefühle spült über mich

hinweg. Ich drehe meinen Kopf und schaue über die Schulter,

um einen letzten Blick auf die beiden zu erhaschen.

Cassian steht wie angewurzelt da und starrt mir nach. Will

spricht mit einem der Laborkittel. Sein Blick streift mich

kurz, ehe er gleich wieder wegsieht. Er wirkt ungewöhnlich

blass und scheuert mit der Hand an der Seite seines Halses

herum, als ob es dort etwas wegzureiben gäbe.

Dann erreiche ich das Ende des Flurs. Wir gehen durch die

Tür und ich kann Will nicht mehr sehen.

Ich bin allein. Jetzt gibt es nur noch das, was mich dort

drinnen erwartet.

Der Aufzug fährt mit mir und den Enkros nach unten. Sie

wahren Abstand, pressen sich eng an die Wände und halten

ihre Waffen griffbereit.

Es gibt mir Zuversicht, dass ich ihnen offensichtlich sogar

mit zugeklebtem Mund gefährlich erscheine. Die Tatsache,

dass Will und Cassian nicht mehr bei mir sind, schneidet mir

ins Fleisch wie ein Messer. Auch wenn sich mein Herz nach

Will sehnt, spüre ich doch die Abwesenheit von Cassian intensiver,

als sein kalter Zorn abebbt und mit ihm verschwindet.

Und ich verliere nicht nur seine Wut, sondern auch seine

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Besorgtheit, seine Angst … seine Zweifel. All das löst sich in

Luft auf.

Jetzt bin ich ganz allein mit meinen Gefühlen, aber zumindest

muss ich mich nun nicht mehr durch das Durcheinander

meiner Emotionen wühlen und versuchen, meine eigenen

von Cassians zu unterscheiden.

Ich muss nicht erst so tun, als hätte ich Angst, als ich in das

Innere des Hauptquartiers geführt werde. Ich bin nicht sicher,

was ich erwartet habe … vielleicht ein burgartiges Verlies?

Die weißen Wände und die hell leuchtende Decke entsprechen

dem jedenfalls ganz und gar nicht. Der geflieste

Boden fühlt sich kühl und glatt an unter meinen nackten

Füßen, und obwohl ich die Kälte normalerweise gerne mag,

zittere ich. Das hier ist kein kühler Waldboden, den weiche

Tannennadeln bedecken und der unter meinem Gewicht

nachgibt. Dieser sterile Boden unter meinen Füßen ist hart

und leblos.

Wir nähern uns einer Tür, die vom Boden bis zur Decke

reicht und lautlos aufgleitet.

Der Raum vor uns wird von einem so grellen Licht erhellt,

dass ich blinzeln muss. Während sich meine Augen an die

Helligkeit gewöhnen, schnürt sich mir die Kehle zu bei dem

Anblick, der sich mir da bietet.

Ein langer Tisch – eine Art Überwachungszentrale – steht

einer Reihe von Zellen gegenüber, die aus je drei weißen

Wänden und einer Plexiglasscheibe bestehen.

Und in jeder Zelle befindet sich ein Draki. Insgesamt sind

es vielleicht zehn. In allen Formen, Farben und Größen.

Das ist zu viel für mich und ich kann mich nicht mehr be-

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wegen. Jemand stößt mir so hart in den Rücken, dass ich

taumle. Der Laborkittel vor mir ruft etwas und seine Lippen

kräuseln sich knurrend, während er an meinen Handgelenken

herumreißt und mich just in dem Moment hochzieht,

bevor ich auf die Knie falle. Schmerz durchzuckt meine

Schulter. Die Plastikfesseln werden noch stärker festgezogen

und schnüren mir das Blut ab.

Ich bin wirklich nur ein Tier für sie. Sogar weniger als das.

In ihren Augen ist Abscheu zu lesen, aber auch eine Spur von

Faszination. Selbst wenn ich für sie nur ein Tier bin, ähnle ich

ihnen doch so sehr, dass es ihnen Angst einjagt. Wäre ich ein

einfaches Waldtier, würden sie mich netter und zuvorkommender

behandeln.

Aber das bin ich nicht.

Für sie bin ich ein unbekanntes Wesen, ein seltsames Geschöpf,

das sie als anomale Laune der Natur betrachten, obwohl

meine Vorfahren schon viel früher die Erde bevölkert

haben als die Menschen.

Mein Herz schlägt wie wild in meiner Brust, als ich in den

weitläufigen Raum gestoßen werde. Schnell suche ich mit

den Augen die Zellen ab – irgendwo hier muss Miram sein.

Und dann entdecke ich sie. Meine Nasenflügel blähen sich

vor Aufregung, als ich sehe, dass sie am Leben ist. Sie liegt zusammengerollt

auf der Seite und ihre tarnfarbene, unauffällige

Haut steht in Kontrast zu der leuchtenden Haut ihrer

Zellennachbarn. Ihre Augen sind geschlossen und ihr strähniges

sandfarbenes Haar liegt auf dem Boden wie getrockneter

Weizen.

Ich rufe ihr in Drakisprache zu. Trotz des Klebebands über

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meinem Mund mache ich eine ganze Menge Lärm. Mehrere

Drakis heben den Kopf und blicken in meine Richtung.

Miram jedoch reagiert nicht. Sie blinzelt noch nicht einmal.

Ich schreie gegen meinen Knebel an und rufe wieder und

wieder ihren Namen.

Ihre Augen flattern und ich glaube, dass sie mich gehört

hat. Sie blickt sogar in meine Richtung. Doch nein. Ihre Lider

schließen sich erneut. Es scheint ihr alles egal zu sein. Oder

vielleicht ist ihr auch gar nicht klar, dass ich es bin. Vielleicht

hat man sie unter Drogen gesetzt. Wer weiß, was sie alles mit

ihr angestellt haben.

Dann kann ich sie nicht mehr sehen, weil ich in eine leere

Zelle geführt werde. Die Plexiglasscheibe gleitet auf und ich

werde hineingestoßen. Mehrere Laborkittel folgen mir. Sie

piken mich mit einem neuen Stab, der mir einen elektrischen

Schlag versetzt.

Ich stürze zu Boden wie ein nasser Sack und ein Schrei

bleibt mir im Hals stecken. Rasch lösen sie die Fesseln von

meinen Flügeln und Handgelenken, während ich auf dem

Boden liege und zucke. Ich kann sehen und spüren, aber ich

kann meine Bewegungen nicht kontrollieren. Kurzum, es ist

die reinste Hölle. Das Klebeband über meinem Mund nehmen

sie mir nicht ab und mir fehlt die Kraft, es mir selbst

herunterzureißen.

Alle Enkros bis auf einen verlassen meine Zelle. Der, der zurückbleibt,

beobachtet mich mit gelassener Miene. Mein Puls

stottert gegen meinen Hals, während ich seine prüfenden

Blicke über mich ergehen lasse, wohl wissend, dass ich ihm

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vollkommen ausgeliefert bin. Er kann mit mir tun, was er

will, und ich bin nicht in der Lage, auch nur einen einzigen

Finger zu rühren.

Er beugt sich zu mir herunter und streicht mir langsam

über den Arm. Bei dieser Berührung dreht es mir den Magen

um. Bittere Galle steigt in mir auf.

Hinter ihm kommt ein weiterer Laborkittel zum Vorschein.

»Komm schon, Lewis.«

Lewis schüttelt den Kopf und murmelt: »Dieses Exemplar

hier hat eine echt hübsche Haut.« Er mustert mich mit kalter

Neugier.

»Ja, und Feuer speien kann es auch. Ich würde also schnell

die Biege machen, wenn ich du wäre, zumindest so lange, bis

wir es gründlich untersucht haben und wissen, wie wir mit

dieser Art Drachen umgehen müssen. Erinnerst du dich nicht

an die Geschichte von den Jägern, die zuletzt einen Feuerspeier

gefangen haben?«

»Glaubst du, das hier ist derselbe?«

»Keine Ahnung. Das ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig

ist, dass er ihnen entkommen ist. Unterschätz den hier

also nicht. Und jetzt komm schon.« Der Ratschläge erteilende

Laborkittel verschwindet.

Lewis beobachtet mich noch eine Weile mit schief gelegtem

Kopf. »Ja. Aber jetzt kannst du mir nichts anhaben,

stimmt’s? Jetzt bist du harmlos.« Seine Hand gleitet über meinen

Bauch. Sanft schlägt er mir auf die Haut, doch dann

nimmt er plötzlich ein Stück Haut zwischen Daumen und

Zeigefinger, zwickt mich und zwirbelt bösartig mein Fleisch.

»Na, wie fühlt es sich an, so hilflos zu sein? Jetzt bist du uns

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vollkommen ausgeliefert. Es gibt kein Entrinnen. Verstanden?«

Nach einer gefühlten Ewigkeit nickt er zufrieden und lässt

von mir ab. »Bis später.« Er geht rückwärts aus der Zelle und

die Plexiglasscheibe schiebt sich zwischen uns.

Nun bin ich wieder allein. Ich liege ganz still da und presse

meine zitternden Lippen aufeinander. Und versuche mit aller

Macht, nicht zu schreien.

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