Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-04-28 (Vorschau)

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Ausgabe 1, April 2014

Management

18

Nur die Besten

Wie Sie Top-Leute finden, fördern und in

Ihrem Unternehmen halten

Jetzt mit Sonderheft

„Management“

28.4.2014|Deutschland €5,00

1 8

4 1 98065 805008

Die beliebtesten Arbeitgeber

Worauf Berufseinsteiger abfahren

Lars Windhorst 3.0

Der Neustart des Ex-Wunderkindes

Stadt, Land, Kluft

Boomende Städte, sterbende Dörfer:

die neue Teilung Deutschlands

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Die Landflucht ist nicht aufzuhalten. Dennoch will

hierzulande die Politik den Status quo mit allen

Mitteln bewahren. Ein Fehler. Von Franz W. Rother

Vom Weniger-Werden

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Morgens um neun geht nichts

mehr auf dem dritten Autobahnring.

Meter um Meter

quälen sich Berufspendler

mit dem Auto in die City. Auch in der

U-Bahnlinie 2 herrscht qualvolle Enge.

Dicht an dicht stehen und hocken die

Menschen in den Waggons, obwohl die

Züge im Drei-Minuten-Takt verkehren.

Willkommen in Peking, willkommen in

der Megacity der Zukunft. Vorsichtig geschätzt

rund 20 Millionen Menschen wohnen

und arbeiten derzeit in der chinesischen

Hauptstadt, die sich mittlerweile

über eine Fläche von der Größe Thüringens

erstreckt – bei zehnfach höherer Bevölkerungsdichte.

Damit rangiert Peking

nur an Position 13 unter den weltgrößten

Agglomerationen. Das Ruhrgebiet mit

rund fünf Millionen Bewohnern steht auf

Position 78, Berlin mit 4,3 Millionen Menschen

an 95. Stelle. Noch. Die Einwohnerzahlen

auch dieser Ballungsgebiete werden

Prognosen zufolge kräftig steigen: Die

Jugend drängt in die Städte, zum Studium

und zur Arbeit. Stadtluft macht nicht

mehr frei vom Frondienst wie noch im

Mittelalter – sie macht den Menschen

heute aufgrund des beinharten Wettbewerbs

um bezahlbaren Wohnraum, um

Jobs, Kindergarten- und Ausbildungsplätze

eher Stress. Das allerdings schmälert

die Anziehungskraft der Großstadt nur

wenig.

Unsere Titelgeschichte (ab Seite 18)

beleuchtet die Folgen dieser neuen Urbanisierungswelle

für das soziale Gefüge unserer

Republik: Die neuen Sehnsuchtsorte

Berlin, München, Hamburg und Dresden,

die wegen ihrer großen Anziehungskraft

auf junge Menschen von Soziologen als

Schwarmstädte geführt werden, boomen –

und in den Dörfern bleiben die Alten und

Bedürftigen zurück, verfällt die Infrastruktur,

weil Steuereinnahmen wegbrechen,

und die Schlüsselzuweisungen des Landes

sinken. Deutschland erlebt 25 Jahre nach

dem Mauerfall eine neue Teilung. Diesmal

nicht in Ost und West, sondern in Reich

und Arm, übervölkert und entvölkert, modern

und rückständig.

Es ist ein schleichender Prozess, der weder

aufzuhalten noch umzukehren ist. In

vormodernen Zeiten gab es nur wenige

Großstädte, weil die Produktivität in der

Landwirtschaft niedrig war und die Mehrheit

der Bevölkerung auf dem Land zur

Nahrungsmittelproduktion benötigt wurde

und der Transport von Gütern sowie Lebensmitteln

über weite Strecken schlichtwegs

zu teuer war. Heute, da keine zwei

Prozent der Bevölkerung mehr in Landund

Forstwirtschaft tätig sind und wir von

Großkonzernen mit billigen Lebensmitteln

aus aller Welt versorgt werden, gilt es, den

Flächenverbrauch zu stoppen und den

Fakten ins Auge zu sehen: Dort, wo die Bevölkerung

schrumpft, ist die staatliche Daseinsvorsorge

in altem Umfang bald nicht

mehr zu finanzieren.

NEUES RAUMVERSTÄNDNIS

Die Schließung von Schwimmbädern und

Schulen, Theatern und Krankenhäusern in

der Provinz ist bereits in vollem Gange –

weniger Menschen brauchen weniger Infrastruktur.

Dennoch malen Kommunalpolitiker

in der Provinz krampfhaft weiter Pläne

für neue Baugebiete und Gewerbeparks

auf der grünen Wiese, drängen sie auf Umgehungsstraßen

und Autobahnanschlüsse

– in der Hoffnung, so Bevölkerungszahl und

Steueraufkommen stabilisieren zu können.

Schlauer wäre das Gegenteil: der gezielte

Rückbau von Institutionen und Infrastrukturen

in der Fläche. Standards müssten neu

definiert, menschenentleerte Dörfer auch

aufgegeben werden. Jeder soll weiter leben

dürfen, wo er mag. Aber niemand darf erwarten,

auf dem Land die gleiche Lebensqualität

und die gleichen Internet-Geschwindigkeiten

vorzufinden wie in der

Großstadt. Das Weniger-Werden ist eine

Chance, alte Strukturen neu zu denken, die

Verwaltung, die Verkehrssysteme, auch die

Energieversorgung. E-Governance könnte

viele Rathäuser überflüssig machen, eine

Föderalismusreform den Weg frei machen

für ein neues Raumverständnis – das nicht

auf die Bewahrung alter Idyllen abzielt,

sondern auf die Verhinderung städtebaulicher

Katastrophen – wie die in Peking. n

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Schwerelos ohne Moskau

8 Offshore-Windparks: Schadensersatz in

Millionenhöhe

9 Netflix: Deutschland-Start im Herbst |

Ryanair: Businesskunden treiben Umsatz

10 Interview: Der Chef des chinesischen Autobauers

Qoros, Volker Steinwascher, erklärt,

warum die Europäer Geduld brauchen

11 Yelp: Erfolg gegen deutsche Kläger | Finanztransaktionsteuer:

Minister zerstritten |

Geschäftsberichte: Prognosen oft falsch |

Drei Fragen zum Mangel an Impfstoffen

12 Bergarbeiter: Steuergeschenk bleibt |

Edeka: Investitionen in Netto | Lieferheld:

Aufrüstung im Pizzakrieg

14 Chefsessel | Startup Lockbox

16 Chefbüro Jens Schulte-Bockum, Deutschland-Chef

des Mobilfunkkonzerns Vodafone

Politik&Weltwirtschaft

18 Demografie Deutschlands Jugend zieht

vom Land in die Städte. Folge sind boomende

Metropolen und sterbende Dörfer

26 Gewerkschaften Das Netzwerk des

IG-BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis

30 Geldwäsche Deutschland tut zu wenig, um

illegale Finanztransaktionen zu verhindern

32 Interview: Pawlo Scheremeta Der ukrainische

Wirtschaftsminister über notwendige

Reformen und die Kriegsgefahr in Osteuropa

33 Berlin intern

Titel Stadt, Land, Kluft

Der 3. Versuch

Helmut Kohls Wunderkind Lars

Windhorst ist wieder da: Seine

Holding investiert Millionen

in Unternehmen, die anderswo

kaum einen Cent bekommen

würden. Seite 40

Unbezahlbare Städte für Normalos?

Das ist nur eine Seite des Umsturzes,

den die Jungen anzetteln. Leere Dörfer

und schwindsüchtige Kleinstädte sind

die andere. Vor Ort reagieren Betroffene

mit Fantasie und kreativen Ideen gegen

Landflucht und Enge. Seite 18

Der Volkswirt

34 Kommentare | Nachgefragt

35 Deutschland-Konjunktur

36 Durchblick Die Deutschen haben die Lust

am Konsumieren wieder entdeckt

38 Denkfabrik Demoskopin Renate Köcher

hat untersucht, wie die Deutschen über

Steuerhinterzieher denken

Unternehmen&Märkte

40 Lars Windhorst Nach zwei Pleiten will

das einstige Wunderkind der deutschen

Wirtschaft noch einmal durchstarten. Doch

wie gehabt spielt er mit hohem Risiko

48 Gibson Ein Ex-Investmentbanker wandelt

den Gitarrenhersteller vom Pleitekandidaten

zum profitablen Milliardenkonzern

52 Logistik Dachser und Nagel kämpfen

um die Führung in der Lebensmittelversorgung

55 Interview: Martin Sonnenschein Der

Zentraleuropa-Chef von A.T. Kearney will

zu den Top 3 im Beratermarkt aufschließen

56 Start-ups Auf den Trümmern von Nokia

entstehen neue Unternehmen

59 Bäckereien In der Brötchenbranche bahnt

sich eine Übernahme- und Pleitewelle an,

für viele regionale Filialketten wird es eng

Slow Grill

Gas statt Kohle, niedrige

Temperatur statt Höllenglut,

sanft räuchern statt qualmend

verbrennen – in Deutschland

wird Grillen kulinarisch aufgemotzt

und mutiert zum

Draußen-Kochen. Von Lachs

bis Eis. Seite 98

TITELILLUSTRATION: JEAN-PIERRE KUNKEL

4 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 18, 28.4.2014

Generation Anspruchsvoll

Interessanter Job in nettem Team, Zeit für Hobbys und Familie, dazu ein

Top-Gehalt: Arbeitgeber müssen heute einiges bieten, um Top-Talente

wie Daniel Huber für sich zu gewinnen. Wem das gelingt. Seite 70

Technik&Wissen

60 Verkehr Neue Werkstoffe und Bautechniken

könnten beim Sanieren maroder Straßen

und Brücken Milliarden Euro sparen

66 Interview: Johanna Appelhans Die Expertin

des Umweltbundesamtes befürwortet

eine City-Maut, um Feinstaub zu mindern

69 Valley Talk

FOTOS: GÖTZ SCHLESER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, WOLFF HEIDER-SAWALL; ILLUSTRATION: MCKIBILLO.COM

Schluss mit dem Stau-Chaos

Viele Brücken wurden lange vernachlässigt und müssen dringend

saniert werden. Die Folge: Stop-and-go-Verkehr, Sperrungen. Dank

neuer Verfahren könnte es jetzt schneller gehen. Seite 60

Talente gesucht

Sushi rollen, zum Abendessen mit

dem Vorstand laden und immer genügend

Steckdosen zur Verfügung

stellen: Wie Unternehmen weltweit

die interessantesten Bewerber

identifizieren, ihre besten Mitarbeiter

fördern und an Bord halten:

alles zum Thema Talentmanagement

im ersten Management-

Dossier der WirtschaftsWoche.

Management&Erfolg

70 Arbeitgeber-Ranking Abwechslungsreiche

Aufgaben, ein Top-Gehalt und viel Freizeit:

Worauf Berufsanfänger abfahren

Geld&Börse

78 Apple Der Abgesang kommt zu früh: Die

Aktie bleibt ein Kauf | Ein neues Buch über

Tim Cook legt den Finger in die Wunden

86 Dividendenstripping Nach einem Urteil

des Bundesfinanzhofs rollt der Fiskus nun

alle Altfälle des einstigen Steuertricks auf

88 Zinsen Wo Sparer für Tages- und Festgeld

noch ordentliche Rendite bekommen

90 Steuern und Recht Sparplan-Irrtum | Erbschaftsteuer

| Anlageberatung | Pflegegeld

für Angehörige

92 Geldwoche Kommentar: Die Folgen von

Deflation | Trend der Woche: Euro | Dax-

Aktien: Bayer | Hitliste: Bullenmärkte |

Aktien: William Demant, Münchener Rück |

Anleihe: Kelag | Chartsignal: Deutsche Bank |

Investmentfonds: nordIX Renten plus |

IPO: SLM Solutions | Relative Stärke

Perspektiven&Debatte

98 Essen Grillen wird kultiviert mit Niedrigtemperatur

und langen Garzeiten

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 104 Leserforum,

105 Firmenindex | Impressum, 106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

Fotogalerien über die frühen Karrierejahre

des Lars Windhorst

und die berühmtesten

Kunden des amerikanischen

Gitarrenbauers

Gibson.

wiwo.de/apps

n Debatte Der französische Ökonom

Thomas Piketty hat mit streitbaren

Thesen eine Kapitalismus-Debatte

ausgelöst. Zu Recht? wiwo.de/

tauchsieder

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 5

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Seitenblick

RAUMFAHRT

Abdock-Manöver

Die politische Eiszeit zwischen Russland und dem

Westen macht klar, worunter die europäische und

amerikanische Raumfahrt leidet: Ohne Russen geht

es nicht. Eilig arbeitet der Westen an Alternativen.

71Millionen Dollar kassiert Russlands

Raumfahrtbehörde Roskosmos je Sitzplatz, wenn sie

Europäer und Amerikaner mit der Sojus-Rakete zur

Internationalen Raumstation (ISS) bringt. Nächster

Start: am 28. Mai in Baikonur in Kasachstan, an

Bord der Deutsche Alexander Gerst. Trotz Krise des

Konflikts mit Russland sind die USA und Europa

auf die russischen Weltraumtaxis angewiesen. Seit

2011 gibt es keine anderen Transporter mehr für

bemannte Flüge als die seit 1967 eingesetzte Sojus.

1,5Milliarden Dollar hat die US-Weltraumbehörde

Nasa seit 2010 Unternehmen für

Entwicklung und Betrieb privater Raumschiffe überwiesen.

Der Plan: Von 2017 an sollen Nasa-Astronauten

wieder mit US-Raketen fliegen. Beim ersten

Testflug mit der Raumkapsel DragonRider des

privaten US-Unternehmens SpaceX sollen Ende 2015

zuerst firmeneigene Astronauten ins All reisen.

FOTO: REUTERS/MAXIM SHEMETOV

700Kilometer Höhe soll die Rakete

des Schweizer Start-ups Swiss Space Systems erreichen,

die erstmals 2018 startet. Ein Raumgleiter

transportiert sie huckepack 80 Kilometer hoch, von

dort fliegt sie ins All. Der US-Konkurrent Sierra

Nevada entwickelt einen Gleiter, der wohl 2016 erstmals

in den Orbit abhebt, das Start-up BlueOrigin

von Amazon-Gründer Jeff Bezos plant eine recycelbare

Rakete samt Raumkapsel. Im Rennen ist

auch der Flugzeugbauer Boeing, dessen Kapsel

CST-100 sieben Astronauten aufnehmen wird.

andreas.menn@wiwo.de, thomas stoelzel

6 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Verkaufsschlager

Die Sojus – hier vor

dem Start zur ISS –

basiert auf der alten

Sputnik-Rakete R-7

+VIDEO*

* für das Video QR-Code mit Smartphone

scannen. Sie benötigen eine QR-App wie

Barcoo

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 7

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Menschen der Wirtschaft

Gut abgesichert

Tennet-Deutschland-

Chef Fuchs

WINDENERGIE

Schadensersatz in Millionenhöhe

Wenn Netzbetreiber Windparks auf See

nicht termingerecht ans Stromnetz anbinden,

fällt Schadensersatz an. 760 Millionen

Euro voraussichtlich allein in diesem

Jahr. Zahlen müssen die Verbraucher.

Der Nordsee-Windpark Global Tech I könnte längst

Strom liefern. Einige der insgesamt 80 geplanten

Windräder sind schon betriebsbereit – doch sie haben

keinen Netzanschluss. Der Netzbetreiber

Tennet hat es noch nicht geschafft, sie anzubinden.

Deshalb musste er zwischen August 2013 und

Februar 2014 bereits 170 Millionen Euro Schadensersatz

an die Betreibergesellschaft zahlen, die mehrheitlich

den Stadtwerken München, dem Darmstädter

Energieversorger HEAG und dem Schweizer

Stromkonzern Axpo gehört. Das erfuhr die WirtschaftsWoche

jetzt aus Unternehmenskreisen.

Abhetzen muss sich Tennet-Deutschland-Chef

Martin Fuchs deshalb nicht. Denn für den Großteil

des Schadensersatzes muss nicht das Unternehmen

aufkommen, sondern die Stromverbraucher

in Deutschland. Grund ist die Offshore-Haftungsumlage,

die die Bundesregierung im vergangenen

Jahr eingeführt hat. 6,24 Cent pro Kilowattstunde

müssen die Stromkunden ohnehin zur Subventionierung

der erneuerbaren Energien zahlen, so sieht

es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor.

Von diesen 6,24 Cent fließen 0,25 Cent in die Haftungsumlage.

Sie sei eine Einladung zur Geldmacherei

auf dem Rücken der Verbraucher, kritisierte

der Chef der Bundesverbraucherzentralen, Gerd

Billen. Zumal Schadensersatz schon anfällt, sobald

die Fundamente für die Windmühlen gesetzt und

die interne Umspannplattform installiert ist, aber

der Anschluss ans Stromnetz fehlt.

Allein für 2014 rechnen die Netzbetreiber mit

Entschädigungsforderungen in Höhe von 760 Millionen

Euro. Neben Tennet hat auch der für die

Ostsee zuständige Netzbetreiber 50Hertz Anspruch

auf das Geld, wenn er Offshore-Anlagen nicht

rechtzeitig ans Stromnetz anbindet.

Im Fall von Global Tech I kommen zurzeit jeden

Monat Ansprüche in Höhe von rund 30 Millionen

Euro hinzu – bis der Netzanschluss installiert ist.

Frühestens Ende des Jahres soll es so weit sein.

Kurz vor dem Baustart 2012 hatte Tennet noch versprochen,

dass der Netzanschluss Ende 2013 steht.

Aus technischen Gründen muss die Betreibergesellschaft

einige ihrer Anlagen auch ohne Anschluss

betriebsbereit halten – mit Dieselgeneratoren.

Und die produzieren das klimaschädliche

Treibhausgas. Entwickelt wurde Global Tech I von

Willi Balz und dessen Unternehmen Windreich.

Inzwischen ist es insolvent, aber Balz selber hält

noch rund 14 Prozent am Nordsee-Windpark.

mario.brueck@wiwo.de

Die Energiewende

Entwicklung der

Ökostromerzeugung in

Deutschland bis 2050

(in Mio. GWh)

5

4

3

2

1

0 1989

Grüne Stromimporte

Geothermie

Fotovoltaik

Biomasse

Windenergie

Wasserkraft

Ab 2014 Prognose; Quelle: BMU

2050

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/CHRISTIAN CHARISIUS, BLOOMBERG NEWS/DAVID PAUL MORRIS, PR

8 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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NETFLIX

Deutschland-Start im Herbst

Der weltgrößte Video-on-Demand-Anbieter

Netflix startet

im Herbst auch in Deutschland,

wie damit vertraute Kreise

versichern. Über einen Eintritt

des amerikanischen Unternehmens

in den französischen

Markt wird spekuliert. In den

USA verursacht Netflix inzwischen

ein Drittel des gesamten

Datenaufkommens im Internet.

Netflix-Gründer und Chef

Reed Hastings lässt sogar eigene

Serien und Filme produzieren,

darunter das Politdrama

„House of Cards“ und die Dokumentation

„The Square“. Sie

wurde für den Oscar nominiert;

das Politdrama erhielt den international

begehrten Fernsehpreis

Emmy.

In Deutschland trifft Netflix

auf etablierte Dienste wie Apples

iTunes, Amazons Lovefilm

und die ProSiebenSat.1-Tochter

Maxdome. Der Münchner Bezahlsender

Sky startete im Winter

mit Snap ein Angebot. Entsprechend

gelassen gibt sich

die Branche. „Es wird für Netflix

eine Herausforderung, in

Deutschland und Frankreich zu

starten. Im Vergleich zu den

Ländern, in denen Netflix bereits

vertreten ist, sind beides

sehr komplexe Märkte“, sagt

Maxdome-Chef Andreas Heyden.

So darf hier nicht Netflix,

sondern Sky die Netflix-Produktion

„House of Cards“ zeigen.

thomas.stoelzel@wiwo.de,

oliver voß, peter steinkirchner

Filmrecht an Sky

verkauft

Netflix-Gründer

Hastings

Aufgeschnappt

Porsche zum Lutschen Tennisstar

und Porsche-Markenbotschafterin

Maria Sharapova hat

ein Yoghurt-Kaubonbon namens

Speedy in der typischen Form

des Porsche 911 kreiert und verkauft

es über ihre Firma Sugar-

pova. Porsche-Chef Matthias

Müller war nicht vorab informiert

und reagierte säuerlich,

schluckte das Bonbon aber:

„Solange sie keinen Fußabtreter

mit Porsche-Logo verkauft...“

Drive-in-Doc Tankstellen mit

Shops und Bistros gibt es schon.

Dieter Zakel reicht das nicht.

Der Arzt eröffnet seine Praxis

am Donnerstag an einer ENI-

Station in Wien. Termine müssen

nicht vereinbart werden, die

Untersuchung dauert 15 Minuten

und kostet 50 Euro. Ist eine

weitere Behandlung nötig, überweist

Zakel die Patienten an

Kollegen. Bei Erfolg plant er weitere

Drive-in-Praxen.

RYANAIR

Mehr Service,

mehr Gewinn

Seine neue Serviceinitiative beschert

Europas größtem Billigflieger

Ryanair schon im ersten

Jahr einen zusätzlichen Gewinn

von voraussichtlich mehr als 50

Millionen Euro. „Seit wir nett

geworden sind, haben unsere

Flieger eine bis zu drei Prozent

höhere Auslastung“, sagt Ryanair-Chef

Michael O’Leary.

Zwar will er offiziell nicht beziffern,

was die neuen Dienstleistungen

wie ein zweites kostenloses

Handgepäckstück oder

die fest zugewiesenen Sitzplätze

bringen. Aber aus Sicht von

Branchenkennern ist der Effekt

der scheinbar kleinen Veränderung

gewaltig.

O’Learys Angaben bedeuten,

dass Ryanair rund 2,5 Millionen

Passagiere zusätzlich befördert

und bei einem Ticketpreis von

rund 40 Euro einen Mehrumsatz

von gut 100 Millionen Euro im

Jahr erzielt. Da die Mehrausgaben

für die Extras sogar inklusive

der höheren Marketingausgaben

laut Schätzungen nur

etwa die Hälfte davon kosten,

dürfte der irische Flugdiscounter

unter dem Strich einen zusätzlichen

Gewinn von mindestens

50 Millionen Euro einstreichen.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Biobenzin überholt Biodiesel

AbsatzinDeutschland

(in Tausend Tonnen)

0

Quelle: Ufop, Bafa

1827

2010 2011 2012

SuperE10

2619 2761 2262 2339 2344 2162

2013 2010 2011 2012 2013

BiodieselB7

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Maut

Entwicklungsländer,

die nicht über verkehrsspezifische

Einnahmen

aus Umsatzsteuer,

Mineralölsteuer, Dienstwagensteuer,

Ökosteuer,

Kraftfahrzeugsteuer,

Kfz-Versicherungsteuer

und Kraftstoffreserve-

Bevorratungsbeiträgen

verfügen, erheben bisweilen

eine Straßenbenutzungsgebühr.

Die

Einnahme arrondiert

das übrige Aufkommen

aus Parkgebühren und

Verwarnungsgeldern

für den ruhenden sowie

aus Bußgeldern, Geldstrafen

und Verwaltungsgebühren

für den

zu schnell fahrenden

Verkehr, da sie jede

Bewegung erfasst. Das

ist toll für ein Kollektiv.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Volker Steinwascher

»Die Produktion fahren

wir nur langsam hoch«

Der deutsche Chef des chinesischen Autoherstellers

Qoros will seine Modelle erst im Heimatmarkt

etablieren. Die Europäer müssen sich noch gedulden.

Herr Steinwascher, Qoros ist

der jüngste Autohersteller

weltweit, Ende Dezember 2013

hat er das erste Auto montiert.

Wie geht’s voran?

Im März hatten wir 21 Händler,

heute sind es 30 – das ist eine

Steigerung von 50 Prozent.

Ihre Fabrik in Changshu nordöstlich

von Shanghai kann

jährlich 150 000 Fahrzeuge

fertigen...

...im Zweischichtbetrieb, ja. Bei

einer Optimierung der Arbeitsorganisation

und mit einer dritten

Schicht kämen wir so auf bis

zu 270 000 Fahrzeuge im Jahr.

Wie viel davon nutzen Sie

schon?

Fast gar nichts. Wir verkaufen

erst seit Jahresbeginn und produzieren

aktuell etwa 50 Autos

täglich. Wir fahren die Produktion

ganz bewusst langsam hoch.

Mir sind ein gesundes Wachstum

und ein zufriedener Kunde

wichtiger als eine schnelle Mark.

Wie viele Autos haben Sie

bisher verkauft?

Rund 1000. Einige Händler

verkaufen bereits 50 Autos im

Monat. Das sind dann schon

mal 600 Autos im Jahr. Und mit

jedem neuen Händler kommt

eine Schippe drauf. Also: Unser

Verkauf entwickelt sich nicht

linear, sondern exponentiell.

Bei den Stückzahlen bleiben

nicht viele Autos für den Export

übrig – die Bedienung des

Heimatmarktes hat Priorität?

Na logisch. Der chinesische Automarkt

ist einer der wenigen

weltweit, der wächst und auf

dem man gutes Geld verdienen

kann. Es ist also wichtiger, sich

hier erst einmal zu etablieren –

auch wenn viele Handelsunternehmen

aus Europa schon bei

DER UNRUHESTÄNDLER

Steinwascher, 70, ist seit 2009

Vice-Chairman von Qoros. Der

Autohersteller gehört dem chinesischen

Autobauer Chery und

dem israelischen Mischkonzern

Israel Corporation. Der Ingenieur

war zuvor lange für VW tätig.

uns angefragt und sich als

Importeur angeboten haben.

Der Qoros 3 kostet in China

119 900 Yuan, das sind

umgerechnet 13 925 Euro. Zu

welchem Preis würden Sie

den Wagen in Europa anbieten?

Sicher nicht zu dem Preis. Der

Preis eines Autos wird vom

Markt bestimmt, von den

Steuern, vom Wettbewerb und

anderen Faktoren. In der Slowakei,

wo wir bereits einige wenige

Autos verkaufen, kostet der

Qoros 3 aktuell 20 960 Euro.

Wann verkaufen Sie den ersten

Qoros 3 in Deutschland?

Irgendwann 2016. Zuvor werden

wir den Verkauf in anderen

Ländern außerhalb Chinas starten,

die sich besser eignen. Beispielsweise

Schweden. Dort

werden wir möglicherweise

schon Ende 2015 loslegen.

Warum gerade Schweden?

Zum einen, weil einige unserer

Ingenieure aus Schweden kommen.

Auch haben die Schweden

keine sehr große Bindung

an bestimmte Automarken wie

in Deutschland. Und schließlich

drängt sich Schweden auf,

weil hier 80 Prozent der Bevölkerung

auf 20 Prozent der

Fläche leben – wenn man mit

Händlern die drei Ballungszentren

abdeckt, hat man das ganze

Land abgedeckt.

Welche Auslandsmärkte haben

Sie noch im Blick?

Den Mittleren Osten schauen

wir uns derzeit noch an. Aber

ich will mich nicht verzetteln.

Sie bieten den Qoros 3 derzeit

als Stufenhecklimousine und

als Schrägheckvariante an...

...dieses Jahr kommt ganz sicher

noch eine dritte Variante.

Ein Kombi?

Der wird noch nicht kommen.

Ich muss erst an den chinesischen

Markt denken und deshalb

eher an ein Fahrzeug

mit SUV-Elementen. Natürlich

arbeiten wir auch an einem

richtigen SUV. Aber das braucht

noch Zeit.

Haben Sie die passenden

Motoren dafür?

Die Benzinmotoren, die wir

derzeit im Qoros3 einsetzen,

sind Aggregate, die wir zusammen

mit AVL aus Österreich

entwickelt haben. Wir denken

auch an einen Dieselmotor für

Europa, aber den werden wir

sicher einkaufen. Wir sind mit

verschiedenen europäischen

Firmen in Verhandlungen.

Auch in China wächst das

Angebot an Autos mit Hybridantrieb.

Folgt Qoros dem Trend?

Das müssen wir schon, um die

künftigen CO 2 -Grenzwerte einzuhalten.

Der erste Hybrid

kommt wahrscheinlich im SUV

zum Einsatz. Und daraus lässt

sich dann im nächsten Schritt

ein reines Elektroauto machen.

franz.rother@wiwo.de,

philipp mattheis | Shanghai

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: PR

10 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: BLOOMBERG NEWS/DAVID PAUL MORRIS. PR

YELP

Trickreicher Etappensieg

FINANZTRANSAKTIONSTEUER

Minister zerstritten

Nachdem die US-Bewertungsplattform

Yelp im Vorjahr den

deutschen Konkurrenten Qype

geschluckt hatte, war die Empörung

unter den Nutzern groß.

Viele Läden hatten plötzlich weniger

Sterne, Tausende Beiträge

werden als „momentan nicht

empfohlen“ ausgefiltert. Yelp-

Chef Jeremy Stoppelman

geht so gegen gefälschte Bewertungen

vor. Doch Betroffene

klagen, dass die Software auch

nachweislich echte Kundenmeinungen

aussiebt.

In mindestens 20 Fällen sind

Bewertete dagegen vorgegangen

und haben mehr als ein

Dutzend einstweilige Verfügungen

erwirkt. In zwei Fällen haben

die Landgerichte in Berlin

und Hamburg nun aber Yelp

Langwierige

Zustellung

Yelp-Chef

Stoppelman

Die Einführung einer europäischen

Finanztransaktionsteuer

gestaltet sich ausgesprochen

zäh. Zwar haben sich die Finanzminister

grundsätzlich auf

eine Steuer von 0,01 Prozent

bei Aktien und 0,001 Prozent

bei Derivaten verständigt. Aber

auf Fachebene wird nun gestritten,

welche Derivate denn

unter diese Steuer fallen sollen.

So wollen die südeuropäischen

Staaten Anleihederivate

ausklammern, um ihre Kredite

nicht zu verteuern. Deutschland

wiederum bekommt bei

Währungsderivaten Bauchgrimmen,

die zur Absicherung

von Außenhandelsgeschäften

dienen. Streit entzündet sich

auch um die Frage, auf welcher

Basis Derivate besteuert werden

sollen. Die Franzosen

drängen darauf, nur die Sicherheitsleistung

auszuwählen; die

Deutschen dagegen wollen

zielgenau den ganzen Derivatewert

besteuern.

„Die Situation ist total verhakt“,

heißt es aus Verhandlungskreisen.

Nun hoffen die

Beamten, dass ihre Finanzminister

– allen voran Wolfgang

Schäuble und sein neuer

französischer Kollege Michel

Sapin – bei ihrem nächsten

Treffen Anfang Mai den Knoten

durchschlagen. Am Mittwoch

ist erst einmal der Europäische

Gerichtshof am Zug. Die Briten

haben gegen das Verfahren zur

Einführung dieser Steuer geklagt

(siehe Seite 12).

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

recht gegeben. Die Berliner

Richter werteten das Filtern als

zulässige Meinungsäußerung.

Die Anwälte der Kläger geben

sich aber nicht geschlagen,

denn ein Großteil der Fälle steht

noch aus. Viele der Ende 2013

erlassenen Verfügungen wurden

Yelp nach Angaben zweier

Anwälte bis heute nicht zugestellt.

Da die Zentrale in Dublin

sitzt, mussten die Entscheidungen

ins Englisch übersetzt und

per diplomatischer Zustellung

nach Irland geschickt werden.

In einem der verhandelten

Fälle ging es dagegen erstaunlich

schnell. „Yelp hat beim

Landgericht Hamburg Widerspruch

eingelegt, bevor die Verfügung

zugestellt war“, sagt der

Hamburger Anwalt Hendrik

Sievers. Er vermutet dahinter

eine gezielte Strategie. „Yelp hat

sich die Fälle rausgepickt, in denen

die Sachverhalte nicht so

krass waren“, sagt Sievers. Fälle,

in denen die Verzerrungen eindeutig

seien, stünden noch aus.

Yelp wollte sich nicht äußern.

oliver.voss@wiwo.de

GESCHÄFTSBERICHTE

Prognosen

oft falsch

Ein Großteil der Prognoseberichte

deutscher Aktiengesellschaften

ist ohne großen Wert,

so eine Studie des Unternehmensberaters

Horn & Company.

Basis sind Geschäftsberichte

der Jahre 2010 bis 2012 von

210 börsennotierten Unternehmen.

„Die Formulierungen sind

zu schwammig, die Indikatoren

häufig zu wenig relevant, und

die Trefferquote lässt klar zu

wünschen übrig“, kritisiert

Frank Zurlino, Geschäftsführender

Gesellschafter der Beratung.

Bei Dax- und MDax-Firmen

gingen fast 40 Prozent der

Prognosen daneben, bei den

kleineren mehr als die Hälfte.

hans-juergen.klesse@wiwo.de

DREI FRAGEN...

...zur Versorgung mit

Impfstoffen

Markus

Kerckhoff

53, Impfstoff-

Apotheker aus

Bergisch Gladbach

bei Köln

n Der Schweizer Pharmakonzern

Novartis verkauft

den größten Teil seines

Impfstoffgeschäfts an die

britische GlaxoSmithKline

(GSK). Wie wirkt sich das

auf die Versorgung in

Deutschland aus?

Es gibt jetzt im Wesentlichen

noch zwei Anbieter: Sanofi

MSD und GSK. Nach meiner

Marktanalyse wird künftig ein

Drittel der Impfstoffe zu 100

Prozent von GSK hergestellt.

Die monopolähnlichen Strukturen

gibt es seit Jahren. Viele

Anbieter sind ausgestiegen,

da die Produktion von Impfstoffen

langwierig und störanfällig

ist. Wenn ein Monopolanbieter

Lieferprobleme

bekommt, ist die Versorgung

nicht mehr sichergestellt.

n Was ist dagegen zu tun?

Da ist die Politik gefordert. Die

Regierung muss es den Unternehmen

erleichtern, Impfstoffe

nach Deutschland zu liefern,

indem sie für auskömmliche

Preise sorgt. Es kann nicht

sein, dass die Krankenkassen

die Hersteller in einigen Bundesländern

zu Rabatten drängen.

Dann lohnt die Herstellung

nicht mehr.

n Viele Impfstoffe sind nicht

oder kaum lieferbar. Wie ist

der aktuelle Stand?

Derzeit ist kein Impfstoff gegen

Gelbfieber verfügbar. Aktuell

fehlt auch ein Vierfach-

Impfstoff gegen Diphtherie,

Tetanus, Polio und Keuchhusten.

Insgesamt sind derzeit etwa

15 Prozent des Impfstoff-

Sortiments nicht lieferbar.

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 11

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Menschen der Wirtschaft

BERGARBEITER

Extrawurst

gesichert

Bergarbeiter, die mit 50 Jahren

aus dem Beruf ausscheiden,

dürfen ihr Anpassungsgeld weiterhin

steuerfrei kassieren. Die

Bundesregierung schmetterte

ein Verlangen des Bundesrechnungshofes

und des Rechnungsprüfungsausschusses

des

Bundestages ab. Beide hatten

moniert, dass beispielsweise

Kurzarbeiter- oder Arbeitslosengeld

zumindest den Steuersatz

erhöhen, während das Anpassungsgeld

für Kohlekumpel

ungeschmälert bleibt.

Es gebe „durchaus eine Vergleichbarkeit

zu den Lohnersatzleistungen“,

gibt das Bundesfinanzministerium

in einem

Bericht selbst zu. Die steuerfreie

Vorruhestandsregelung sei

aber „eine wesentliche Voraussetzung

für die geordnete und

sozialverträgliche“ Abwicklung

des subventionierten Bergbaus.

Im Schnitt der Jahre 2012 bis

2016 erhalten 13 050 Ex-Bergleute

171 Millionen Euro aus

den Kassen des Bundes und der

Kohleländer NRW und Saarland.

Dass die Vorschriften für

die ehedem auch begünstigten

anderen Lohnersatzleistungen

1982 und 2007 verschärft wurden,

spiele keine Rolle.

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

LIEFERHELD

Millionen für

Pizzaboten

29.04. Deutsche Lufthansa Auf der Hauptversammlung

am Dienstag verabschiedet sich Vorstandschef

Christoph Franz von den Aktionären. Er wechselt

zum Schweizer Pharmakonzern Roche. Den Lufthansa-Chefposten

übernimmt Passagevorstand

Carsten Spohr. 40,69 Prozent der Lufthansa-

Aktien werden von Ausländern gehalten.

Millionenklage Vor dem High Court of Justice in

London beginnt der Prozess zwischen den Kommunalen

Wasserwerken Leipzig (KWL) und den

Banken UBS und Depfa. Die Banken fordern von

KWL 300 Millionen Euro, weil der frühere KWL-

Chef hochriskante Finanzspekulationen mit ihnen

eingegangen war – und verloren hatte.

Konsum Die GfK präsentiert ihren neuen Index

zum Konsumklima. Im März verzeichnete das Unternehmen

unter den deutschen Verbrauchern eine

gute Stimmung.

30.04. Zinspolitik Die amerikanische

Notenbank berät am Mittwoch ihre

Zinspolitik. Chefin Janet Yellen

dämpfte vor rund einer Woche

Spekulationen über einen raschen Zinsanstieg.

Arbeitsmarkt Die Bundesagentur für Arbeit berichtet

über Stellenaufbau und -abbau im April. Im

März registrierte sie rund drei Millionen Arbeitslose,

83 000 weniger als im Vormonat und 43 000

weniger als ein Jahr zuvor.

Finanztransaktionsteuer Der Europäische Gerichtshof

entscheidet, ob elf EU-Staaten, darunter

Deutschland, die Steuer im Alleingang einführen

dürfen. So hatte es der EU-Ministerrat beschlossen,

dagegen klagte Großbritannien.

01.05. Mai-Demos Unter dem Motto „Gute Arbeit –

Soziales Europa“ ruft der Deutsche Gewerkschaftsbund

(DGB) am Donnerstag zu Kundgebungen auf.

DGB-Chef Michael Sommer tritt in Bremen auf.

TOP-TERMINE VOM 28.04. BIS 04.05.

Das Berliner Unternehmen

Delivery Hero, in Deutschland

unter der Marke Lieferheld bekannt,

rüstet im Pizzakrieg auf.

Von einem großen Fonds hat

es 85 Millionen Dollar frisches

Kapital erhalten; erst im Januar

steckte der Wagniskapitalgeber

Insight Ventures 88 Millionen

Dollar in das Start-up, das weltweit

Essen von 60 000 Restaurants

vermittelt. Insgesamt sammelte

das Unternehmen 285

Millionen Dollar ein. „Das meiste

Geld werden wir in Deutschland

ausgeben, wo der Wettbewerb

am härtesten ist“, sagt

Unternehmenschef Niklas

Östberg. Den Konkurrenten

Lieferando hatte kürzlich der

niederländische Anbieter

Takeaway.com

geschluckt, der

ihn mit seinem

Ableger Lieferservice.de

zusammenlegen

will. Östberg plant

derzeit keine Aufkäufe. Er will vor

allem in die Technologie und ins

Marketing investieren. Größere

Bekanntheit soll zudem ein

Medien-Deal bringen, der Lieferheld

bis 2016 Werbeleistungen in

zweistelliger Millionenhöhe

sichert. Partner soll ProSieben-

Sat.1 sein. Damit wäre ein weiterer

Investor an Bord: die

TV-Gruppe verlangt

bei solchen Deals in

der Regel Anteile

am Unternehmen.

oliver.voss@wiwo.de

EDEKA

Investition in

Netto-Läden

Edeka erwartet in diesem Jahr

ein weiteres Umsatzplus. Das

schreibt der Edeka-Vorstandschef

Markus Mosa im Finanzbericht,

der der WirtschaftsWoche

vorliegt. Zu Deutschlands

größtem Lebensmittelhändler

gehören die selbstständigen

Edeka-Kaufleute mit ihren Supermärkten,

Großhandelsbetriebe

sowie die Netto-Filialen.

Allerdings befürchtet die Edeka-Gruppe

eine deutliche

Backautomaten für Netto

Edeka-Vorstandschef Mosa

Belastung des Ergebnisses aufgrund

wachsender Energiekosten.

Sie geht zudem davon aus,

dass die Personalkosten durch

Tariferhöhungen leicht steigen.

2013 konnte die Edeka-Gruppe

den Nettoumsatz um insgesamt

3,1 Prozent auf 46,23 Milliarden

Euro verbessern. Die

Supermarktsparte steuerte

30,55 Milliarden Euro bei, Netto

verbuchte 11,7 Milliarden Euro,

ein Plus von 4,5 Prozent. Der

Konzern-Jahresüberschuss betrug

227,3 Millionen Euro.

Die Edeka-Tochter Netto will

ihre Filialen bundesweit mit

Backstationen ausrüsten.

Knapp 1200 der 4150 Netto-Läden

verfügen schon über solche

Automaten (siehe Seite 59).

nele.hansen@wiwo.de

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/ANDREW HARRER, JENS SCHICKE, MICHAEL REITZ

12 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

FORD

Mark Fields, 53, wird möglicherweise

schon am 1. Mai

von Allan Mulally, 68,

die Leitung der Ford Motor

Company übernehmen,

heißt es in Detroit. Fields ist

seit 25 Jahren für den Autokonzern

tätig. Der Harvard-

Absolvent aus New York ist

derzeit Ford-COO mit einem

Jahresgehalt von 10,1 Millionen

Dollar. Eine deutliche

Gehaltssteigerung ist sicher:

Mulally kassierte 2013 rund

36 Millionen Dollar.

TWITTER

Thomas de Buhr, 45, hat

bisher selten getwittert,

aber das dürfte sich schnell

ändern. Am 1. August wird

er Deutschland-Chef des

Kurznachrichtendienstes.

Noch arbeitet er für

Google. Bei Twitter soll der

Ökonom vor allem den

Vertrieb ausbauen. In

Deutschland wächst Twitter

nicht so stark wie in anderen

Ländern. Dem Analysten

PeerReach zufolge sind in

Deutschland, Österreich und

der Schweiz 8,9 Millionen

Menschen bei Twitter registriert,

aber nur 1,4 Millionen

sind aktiv. Der bisherige

Deutschland-Chef Rowan

Barnett bleibt im Unternehmen

und verantwortet künftig

die Marktentwicklung.

ROLEX

Jean-Frédéric Dufour, 45,

erhält einen der prestigeträchtigsten

Jobs, den die Uhrenbranche

zu vergeben hat: Der

Ökonom übernimmt die Leitung

der größten Schweizer

Uhrenmarke. Seit 2009 führt

er den sehr viel kleineren

Konkurrenten Zenith, sanierte

das Unternehmen und

erwarb sich damit hohen

Respekt. Bei Rolex löst er Riccardo

Marini ab, der schon

beim Amtsantritt 2011 64 Jahre

alt war und von Anfang an

als Übergangslösung galt.

HAPAG-LLOYD

Michael Behrendt, 62, übernimmt

schon im Herbst den

Aufsichtsratsvorsitz der größten

deutschen Reederei. Ursprünglich

wollte er den Posten erst

Mitte 2015 antreten. Aber Chefkontrolleur

Jürgen Weber, 72,

will früher gehen. Den Vorstandsvorsitz

gibt Behrendt am

30. Juni des laufenden Jahres an

den Niederländer Rolf Habben

Jansen, 47, ab.

MINISTEUER

2 Millionen Euro

brachte die Alkopopsteuer dem Bund 2013 ein, weniger als jede andere

Steuerart. Die Bundesregierung hatte sie im Juni 2004 eingeführt,

um Jugendliche vom Kauf der alkoholhaltigen Limos abzuhalten.

2005 hatte sie dem Bund 9,6 Millionen Euro beschert. Danach

brach der Absatz der Alcopops ein, die Ministeuer aber blieb.

LOCKBOX

Pakete an die Tür ketten

Der Boom des Online-Handels führt zu immer mehr Paketsendungen.

Doch nicht immer ist der Adressat zu Hause. Damit sich

die Pakete dann nicht beim Nachbar stapeln, bietet die Deutsche

Post von Mai an eigene Paketkästen an, die man sich in den Garten

stellen kann. Konkurrenten wie Hermes sollen dort aber

nichts ablegen. Für sie hat nun das Start-up Lockbox eine Lösung

parat. Geschäftsführer Thomas Kraker von Schwarzenfeld

(rechts) und sein Neffe und Mitgründer Daniel Kraker von

Schwarzenfeld haben eine Plastikbox entwickelt, die mit einem

Stahlseil an die Tür gekettet werden kann. Zum Befestigen muss

nur ein kleiner Metallanker unter die Tür geschoben werden.

In dieser Woche startet ein dreimonatiges Pilotprojekt mit dem

Kurierdienst DPD. Von allen Online-Shops, die via DPD zustellen,

können die Lieferungen in die Lockbox kommen, dazu gehören

Conrad, Notebooksbilliger.de, Edeka, Real oder Kfz-Teile24. Zunächst

ist der Test auf Lieferungen im Berliner Bezirk Prenzlauer

Berg beschränkt. „In einem Jahr wollen wir flächendeckend in

Berlin, Hamburg und München verfügbar sein“, sagt Daniel Kraker

von Schwarzenfeld. Gespräche mit weiteren Logistikunternehmen

laufen. Mittelfristig

Fakten zum Unternehmen

Kosten der Dienst kostet pro

Bestellung 2,50 Euro

Pfand die Boxen werden bei der

nächsten Bestellung ausgetauscht,

wer sie mehr als 30 Tage

behält, zahlt als Pfand 25 Euro

soll die Ware ohne Verpackung

in der Box verschickt

werden. Mit dem

Lebensmittelversender

Kochzauber bietet

Lockbox diesen Service

schon an.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR, STILLSONLINE

14 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Jens Schulte-Bockum

Deutschland-Chef des Mobilfunkkonzerns Vodafone

Die Mitarbeiter nennen die

Chefetage schlicht „Kommune

17“. Aber mit dem Ambiente

einer studentischen Wohngemeinschaft

hat der Arbeitsplatz

von Jens Schulte-Bockum, 47,

nichts zu tun. Der Deutschland-

Chef des britischen Mobilfunkkonzerns

Vodafone Group

residiert zusammen mit vier Geschäftsführern

in der 17. Etage

eines futuristischen Gebäudekomplexes

in Düsseldorf. Täglich

strömen knapp 5000 Mitarbeiter

in die ellipsenförmige

Kommunikationskathedrale.

„Von den 86000 Quadratmeter

Bürofläche besetzt die revolutionäre

Zelle 200“, scherzt Schulte-Bockum

über sein Großraumbüro

und macht es sich in

einem roten Sofa

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

bequem. Seit Oktober

2012 steht er an der

Spitze des deutschen

Vodafone-Ablegers,

der im Geschäftsjahr

2012/13 mehr als 9,6

Milliarden Euro umsetzte

und bundesweit

11000 Mitarbeiter beschäftigt.

Zuvor leitete der Volkswirt

und Ex-McKinsey-Berater die

niederländische Vodafone-

Tochter. Eigene Claims gibt es

in dem Großraumbüro nicht –

alles ist barrierefrei. „Ich fühle

mich wohl in dieser offenen

kommunikativen Atmosphäre“,

sagt Schulte-Bockum, Vieles geschieht

auf Zuruf. Wer wirklich

mal absolute Ruhe

braucht, zieht sich in

eines der kleinen

schallgedämpften

Besprechungszimmer

zurück. Den Chef

selbst verfehlt man,

wenn man nicht

weiß, wo genau er

sitzt. Nichts markiert seinen

Status – sein Schreibtisch gleicht

denen der anderen. Einzige

Orientierungshilfe: Auf seinem

Schreibtisch liegt neben Blackberry

und iPhone stets sein

Montblanc-Füller. Auch seine

vier Töchter sind anwesend. Zu

Weihnachten haben ihm Marie,

Luisa, Clara und Charlotte einen

Tischkalender mit ihren Fotos

geschenkt. „Bei so viel weiblicher

Dominanz“, lacht der

Vodafone-Manager, „musste

wenigstens ein männliches Wesen

mit abgelichtet werden.“ Deshalb

hat sich auch Filius unter

das fröhliche Quartett gemischt.

Filius ist der Familienhund.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die geteilte Republik

DEMOGRAFIE | Unbezahlbare Städte für Normalos? Das ist nur eine Seite des Umsturzes,

den die Jungen anzetteln. Leere Dörfer und schwindsüchtige Kleinstädte sind

die andere. Doch vor Ort setzen Betroffene ihre Ideen gegen Schwund und Stau um.

HUNSRÜCK

Irma Löh, 84

Mittwochs ist Ruhetag in Löhs Restaurant

im Hunsrück. Sonst arbeitet

sie täglich, bis der letzte Gast aus dem

Burgkeller in Bruchweiler nach Hause

geht. Seit fünf Jahren versucht sie,

die Traditionsgaststätte zu verkaufen.

Sie arbeitet weiter und serviert den

Spießbraten notfalls mit links.

FOTOS: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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DRESDEN

Christian Werner, 38

Der Mediengestalter kam 2007 nach

Dresden. Damals war die Suche nach

einer Wohnung und Betreuung für

Tochter Lorelai, 7, einfach. Bald

waren sie mit Sohn Till, 5, zu viert.

Zuletzt schrieb Werner Bewerbungen,

bevor es mit der neuen Wohnung

im Stadtteil Laubegast klappte.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 19

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Politik&Weltwirtschaft

Die Gaststätte herrscht über Irma

Löh. Noch immer steht sie

täglich außer mittwochs mit

weißer Kittelschürze im Burgkeller

von Bruchweiler. Löh ist

84, gebeugt, aber nicht besiegt. Sie hat Humor

und einen zähen Willen. Das ist der

Treibstoff im sechsten Jahr seit sie sich zur

Ruhe setzen will.

Es muss starker Stoff sein. Wegen eines

schlecht verheilten Bruchs serviert sie

eben mit links. In der Küche steht Sohn Harald,

die Schwiegertochter hilft. Voll wird es

auf den 140 Plätzen nur noch an Feiertagen

und Wochenenden, wenn Wanderer oder

Motorradfahrer im Hunsrück unterwegs

sind. „Die Siebzigerjahre waren die beste

Zeit, da brummte es“, sagt die Wirtin.

Christian Werner ist mit 38 Jahren kaum

halb so alt wie Irma Löh, doch so sesshaft

war er nicht. Er wuchs in Thüringen auf,

wurde in Nürnberg erwachsen und ist

nun in Dresden verwurzelt. Seine Frau

und er leben mit Tochter Lorelai, 7, und

Sohn Till, 5, in Deutschlands kinderreichster

Großstadt.

Der Mediengestalter fragt sich, ob es ein

Fehler war, nicht schon 2009 den Mut zur

Eigentumswohnung in der Elbestadt aufgebracht

zu haben. „Jetzt kann man sich als

Normalverdiener keine mehr leisten.“

Die zehn teuersten und zehn billigsten Städte

Irma Löh und Christian Werner verbindet

ein unsichtbares Band. Alle reden über

teure Städte, hohe Mieten, knappe Kitas.

Doch das alternde Land leidet zeitgleich an

Schwindsucht und Wachstumsschmerz.

Für Bürger und Staat wird die geteilte Republik

nicht billiger. Städte müssen neue

Kitas und Baugebiete finanzieren. An den

bröckelnden Rändern Frieslands, der Lausitz,

im Bayerischen Wald oder Ruhrgebiet

werden Abwasser, Busse und Schulen teuer.

Mit den Abwanderern fehlen deren Kinder.

Doch vor Ort finden sich pragmatische

Ansätze gegen Schwund und Stau.

Er herrscht das Matthäus-Prinzip: Wer

hat, dem wird gegeben. Wer Mangel spürt,

muss sich auf noch weniger einstellen. Wer

es bereits auskömmlich hat, darf noch

mehr erhoffen.

Einzelne Wohlstandsinseln ragen aus

dem Meer empor (siehe Grafik Seite 21). Es

sind „Schwarmstädte“ – Universitätsstädte,

Wirtschaftszentren oder Sehnsuchtsorte

wie Berlin oder Leipzig. Der Ökonom Harald

Simons vom Forschungsinstitut Empirica

hat den Begriff geprägt. Schwarm wie

Vogelschwarm: „Die Jungen, die zunehmend

zur Minderheit werden, verlassen

die Provinz“, erklärt er. Schwarm könnte

auch Schwärmerei bedeuten. „Dort, wo die

Jungen herkommen, hat vielleicht der letz-

Kaltmietepro Quadratmeter bei Neuvermietungen ( )*und Veränderung zum

Vorjahr ( )in Städten mit mehr als 25 000 Einwohnern

München

Unterschleißheim

Germering

Frankfurt

am Main

Dachau

Konstanz

Tübingen

Fürstenfeldbruck

Hamburg

Stuttgart

12,2 €

+2,5 %

10,7 €

+4,9 %

10,3 €

+1,8 %

10,2 €

+1,6 %

10,0 €

+0,8 %

9,7 €

+0,8 %

9,6 €

+1,9%

9,6 €

+5,1 %

9,6 €

+0,3 %

9,6 €

+3,0 %

*Stand: 4. Quartal 2013; Quelle: F+B

Zittau

Gera

Görlitz

Idar-Oberstein

Staßfurt

Zeitz

Plauen

Pirmasens

Nordhausen

Halberstadt

4,3 €

–1,2 %

4,3 €

–1,1 %

4,3 €

+1,2 %

4,4 €

–2,9 %

4,4 €

+2,8 %

4,4 €

+1,1 %

4,5 €

+0,4 %

4,5 €

–0,7 %

4,5 €

–2,6 %

4,5 €

–1,5 %

te Club dichtgemacht, wo sie hinwollen,

herrscht pralles Leben“, sagt Simons. Sie

peilen hübsche Orte wie Würzburg, Münster

und Jena an – oder den Wohlstand in

Hamburg, Darmstadt und Aachen.

Die mobilen Jungen zetteln keine offene

Revolte an, sie erzeugen einen stillen Sog:

n Die Jungen rotten sich als Minderheit zusammen.

Erst ist einer fort, wird Anlaufstelle

in der Stadt, wo sich studieren und jede

Ausbildung machen lässt. Bald kommen

viele nach. Wen es nicht in die Ferne treibt,

fragt sich, ob er bald das Licht löscht. Zumindest

das im Kino oder Jugendclub.

n Bildung macht mobil. Immer mehr Junge

machen Abitur, immer mehr studieren.

Erst ziehen sie in Richtung Hochschule,

später bleiben sie in den Städten kleben.

Daran verzweifeln auch Handwerker mit

Nachwuchssorgen: Im Jahr 2000 nahm jeder

Dritte aus den jüngeren Jahrgängen ein

Studium auf, 2013 waren es schon fast 60

Prozent.

Bundesweite Statistiken verdecken den

Umbruch, statt ihn zu zeigen. Wohnungsnot?

Im Schnitt hat jeder 45 Quadratmeter

Wohnraum. 1998 lag die Fläche bei nur 39

Quadratmeter. Alte Frauen leben sogar auf

mehr als 60 Quadratmeter, oft allein. Wenig

Platz haben nach den Zahlen des Bundesinstituts

für Bevölkerungsforschung Frauen

zwischen 27 und 37 Jahren, die oft alleinerziehend

sind und sich nur eine kleine

Buden leisten können.

Der Platz ist extrem ungleich verteilt, die

Preise fallen auseinander (siehe Grafik

links). Die Inflation herausgerechnet, hat

sich die Miete in den letzten 20 Jahren verbilligt,

erklärt der Immobilienverband IVD.

Schaut man auf die vergangenen fünf Jahre

und Zentren wie München, Hamburg, Berlin

oder Köln, zogen die Preise kräftig an.

Hier ist ein Eigenheim für viele unerschwinglich

geworden. Anderswo, im Westerwald

oder in Cuxhaven, werden Besitzer

ihr Häuschen nicht mehr los.

HUNSRÜCK – die leere Provinz

Irma Löh meint, es wäre längst an der Zeit,

aufzuhören. Doch seit fünf Jahren klappt

der Verkauf des Burgkellers nicht. 149 000

Euro hätte sie gern für das große Haus samt

Gästezimmern und Grundstück. „Ich würde

gerne mal die Türe zuschließen und bei

schönem Wetter spazieren gehen“,

wünscht sich die Wirtin. Und macht weiter.

Sie ahnt, dass der Verkauf immer schwerer

wird. „Vor zehn Jahren wäre es einfacher

gewesen. Aber das weiß man hinterher.“

»

20 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Junge Menschen zieht es in die Schwarmstädte

Wo die 20- bis 34-Jährigen in

Deutschland fortziehen –und

wo sie sich sammeln

Flensburg

Kiel

Lübeck

Rostock

Der ländliche Kreis ist

die absolute Ausnahme

mit vielen Jungen und

Kindern.

Emden

Oldenburg

Bremerhaven

Bremen

Hamburg

Schwerin

In Berlin und Hamburg

zieht es die mobilen

Jungen in ganz

bestimmte Viertel,

andere Gegenden

meiden sie.

Eine Universitätallein

lockt die Jungen noch

nicht. Viele Studenten

pendeln aus Berlin.

Ruhrgebiet

Nicht alle urbanen

Zentren wirken magnetisch.

Das Ruhrgebiet

glänzt höchstens matt.

Aachen

Köln

Studenten bevölkern

die geschichtsträchtige

Stadt.

Saarbrücken

Trotz Universität

und Landesregierung

schrumpftdie

Saarmetropole.

Bochum

Trier

Osnabrück

Münster

Dortmund

Düsseldorf

Bonn

Bruchweiler

Kaiserslautern

Wiesbaden

Landau

Mainz

Baden-Baden

Vechta

Senioren-City und Kurstadt

für Wohlhabende.

Marburg

Bielefeld

Frankfurt

Darmstadt

Worms

Mannheim

Heidelberg

Karlsruhe

Pforzheim

Hannover

Göttingen

Kassel

Tübingen

Würzburg

Heilbronn

Stuttgart

Ulm

Wolfsburg

Braunschweig

Hochschule und Hochkultur.Die

Klassikerstadt

zieht Junge wie Alte an.

Erfurt

Suhl

Bamberg

Fürth

Erlangen

Ingolstadt

Augsburg

Magdeburg

Weimar

Jena

Nürnberg

Halle

Bayreuth

Regensburg

Freising

Potsdam

Leipzig

Chemnitz

Berlin

Dresden

Passau

Cottbus

Frankfurt

a. d. Oder

Anteil der 20- bis34-

Jährigen an der Bevölkerung

in den jeweiligen

Landkreisen (Index:

Deutschland=100)*

135 und mehr

125 bis unter 135

115 bis unter 125

105 bis unter 115

95 bis unter 105

85 bis unter 95

unter 85

Freiburg

*zum 31.12.2011; Quelle: Empirica für WirtschaftsWoche

Kempten

München

Sonderrolle im Speckgürtel:

Der Flughafen sorgt für

Wohlstand und Neubürger

in Freising.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

Im Hunsrück zeigt sich die Landflucht

an leeren Häusern und verwaisten Geschäften.

Manche Dörfer werben noch um

Neubürger und weisen Baugebiete am

Rand aus, während im Ortskern die Häuser

bröckeln. Ältere prägen das Bild. Die Kinder

und Enkel aus Frankfurt oder Trier

kommen noch zu Besuch, aber ziehen

nicht zurück. Schwund plagt auch Dörfer

in Niederbayern, Nordhessen, Vorpommern,

im Sauerland und Harz.

Das Landleben mit weiten Wegen

schreckt ab, sagt Annette Spellerberg, Professorin

an der TU Kaiserslautern. „Die

meisten Paare brauchen zwei qualifizierte

Jobs und eine erreichbare Betreuung für die

Kinder. Das gibt’s so nicht in ländlichen

Regionen“, so die Siedlungsexpertin. Übrig

blieben perforierte Dörfer. Erst verfallen die

Häuser, dann der Zusammenhalt. Gebäude

in Ortskernen an der Durchgangsstraße

sind kaum noch verkäuflich. Täglich donnern

Tausende Autos und Lkws vorbei.

„Umgehungsstraßen baut hier keiner mehr.“

MÜNCHEN

Ulrich Rothdauscher, 46

Polizeidirektor Rothdauscher (Mitte)

leitet die Inspektion 42 im Stadtteil

Neuhausen. Beamte wie Kevin Eidloth,

20 (links), und Manuel Hobmeier,

26, arbeiten bei ihm. Viele werden

in die Landeshauptstadt beordert.

Normalverdiener finden in der teuren

Metropole aber kaum eine Wohnung.

KEINEN MARKTWERT

Die Plattenbauten einer Wohnungsbaugesellschaft

sind leichter zu sanieren als aneinanderhängende

Dorfgrundstücke mit unterschiedlichen

Eigentümern. „Man muss

den Erben klar sagen, dass Häuser in manchen

Flecken keinen Marktwert mehr haben“,

verlangt Regionalplanerin Spellerberg.

Ein Bodenfonds könnte helfen, Flächen

aufzukaufen und Dorfkerne als Ganzes

wieder aufzupäppeln. Rheinland-Pfalz

schickt Leerstandslotsen los, die mit Besitzern

und Bürgermeistern Pläne gegen den

Verfall schmieden.

Leerstandsbörsen im Internet sollen helfen,

Häuser sichtbar zu vermarkten. Erfolgreich

ist das idyllische Wanfried in Hessen.

Dessen Bürgergruppe wirbt um Zuzügler,

meist solvente Städter, die Fachwerkhäuser

wieder in Schuss bringen.

Spellerberg propagiert im Einzelfall den

Ausstieg aus der Daseinsvorsorge, also aus

Müllabfuhr oder Nahverkehr. Die Bürger

vor Ort entscheiden, welche Lösungen

funktionieren. Vielleicht reicht es, wenn

der Müllwagen nur alle zwei Wochen an einem

zentralen Ort vorfährt.

„Das würde Zwergschulen erlauben, einen

eigenen Brunnen oder dezentrale Kanalisation“,

beschreibt die Professorin. Ehrenamtliche

führen den Bürgerbus, mobile

Händler reisten dann übers Land.

Hilfreich wäre, wenn die Bundesregierung

ihr Ziel „schnelles Breitband für alle“

bis 2018 erreicht. So ließe sich ein Gewerbe

im Dorf leichter führen. Doch Bundesdigitalminister

Alexander Dobrindt (CSU) zögert,

Milliarden ins Netz zu stecken, wie in

den Koalitionsverhandlungen erwogen.

Das sollen Unternehmen tun – doch die sahen

bisher wenig Anlass, dünn besiedelte

Orte zu erschließen.

Auf Wohltaten wartet Sascha Diepmans

nicht. Der 43-jährige Makler vermittelt

Hunsrück-Häuser, auch für unter 100 000

Euro. Ist eine Butze unwohnlich, inseriert

er sie als „Bruchbude“. „Offenheit erspart

den Kunden und mir viel Zeit“, weiß er.

Jüngst zeigen sich Holländer, Belgier und

Franzosen in der Gegend. „Denen gefällt

die Natur – und dass es billig ist“, sagt Diepmans.

Neue Nachbarn kündigen sich an –

auf der Suche nach einem Urlaubsrefugium

oder Altersruhesitz.

MÜNCHEN – das teure Pflaster

Münchens Makler haben andere Preise im

Angebot. Die teuerste Wohnung der Stadt

liegt in einem Altbau am Schwabinger Kaiserplatz.

Jeder der 79 Quadratmeter kostete

14 500 Euro – macht 1,13 Millionen Euro.

Auch am unteren Ende ist die Metropole

teuer. Die Bertelsmann-Stiftung errechnete,

dass Ärmere hier mehr als jeden zwei-

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

22 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Mal leer, mal eng

Anteil leer stehender, aber vermietbarer

Wohnungen (in Prozent)

Höchste Quote

Stadt

Salzgitter

Chemnitz

Pirmasens

Schwerin

Halle (Saale)

Niedrigste Quote

München

Hamburg

Münster

Frankfurt am Main

Darmstadt

Quelle: Empirica

ten Euro für ihre Miete ausgeben. Ähnlich

sei es in Frankfurt, Jena und Freiburg. Für

ein Drittel des Einkommens finde eine normale

Familie nichts.

Die Stadt punktet mit ihren Konzernen,

gilt als Jobmaschine und weißblaue Wohlfühlinsel.

2013 stiegen die Mieten um sieben

Prozent, stärker noch als in Berlin mit

6,6 Prozent, Köln mit 4,5 Prozent, Hamburg

mit 4,0 und Frankfurt mit 3,2 Prozent. Im

Schnitt 13 Euro Kaltmiete sind deutschlandweit

Spitze und ziehen auch das Umland

nach oben.

Ulrich Rothdauscher weiß, wie die Preise

auf Normalverdiener wirken. Der Zwei-

Meter-Mann leitet die Polizeiinspektion

Neuhausen. „Einsteiger landen regelmäßig

in München“, beschreibt der 46-Jährige.

Verpflichtet für bis zu fünf Jahre. Anfangs

gibt es 1800 Euro netto. Wach- und Streifenbeamte

bringen 2000 bis 2100 Euro

nach Haus – mit Familie wird’s da eng.

Der aus der Oberpfalz zugezogene Rothdauscher

ergatterte mit seiner Familie vor

Jahren eine Genossenschaftswohnung.

Neulinge weichen auf Gemeinschaftsunterkünfte

der Bereitschaftspolizei aus. Andere

gründen eine Zweck-WG. Für Polizisten

gilt in München Residenzpflicht.

Im Vergleich zu Unternehmen wie Allianz

oder BMW zahlt der Staat schlecht. Also

hauen etliche Polizisten nach der

Pflichtzeit wieder an erschwinglichere

Dienstorte ab. München kostet. Eine Tasse

Kaffee gibt’s ab 2,50 Euro. Ein Kinobesuch,

der Sportverein oder der Wocheneinkauf

belasten stärker als anderswo.

Rothdauscher warnt: „Auch Spitzenverdiener

wollen sich in ihrer Umgebung sicher

fühlen und nicht über Müll stolpern.

Wenn nur noch Reiche genug Geld für

München haben, muss die Gräfin die Villa

selber putzen.“

Erzieherinnen können nicht nach München

beordert werden. Das bremst den

Ausbau städtischer Kitas. Dabei locken

Dienstwohnung und Zuschuss für Bus und

Bahn. Extra-Schmankerl: Der Kita-Platz

fürs eigene Kind zum halben Preis! In die

Lücke springen private Ketten wie Elly &

Stoffl oder die Wichtel Akademie. Die Krippe

kann da im Monat 1300 Euro verschlingen,

ein Platz für Größere gut 1000 Euro.

München zieht dennoch Neubürger an.

Was zählt, sind Jobs. Allein 2012 kamen

rund 24 400 sozialversicherungspflichtige

Stellen dazu. Doch wächst auch der Widerstand.

Mieter in der Maxvorstadt wehren

sich gegen angeblich defekte Heizungen

oder abgedrehtes Wasser, weil sich einzelne

Hausbesitzer mehr Miete von den

nächsten Bewohnern erhoffen. Künstler

verhindern als Hausbesetzertrupp „Goldgrund“

den Abriss älterer Häuser im Glockenbachviertel.

Auch in anderen Großstädten

formiert sich eine neue Generation

Hausbesetzer, die lautstark auf leer stehende

Häuser aufmerksam macht.

Verbilligten Wohnraum bietet das „München

Modell“, ein Artenschutzprogramm

für die Mittelschicht. Es fördert zum Beispiel

vierköpfige Familien, die bis zu 72 000

Euro Jahreseinkommen haben dürfen. Die

Verwaltung stützt Fachhändler, indem sie

städtische Ladenlokale billiger vermietet.

Bayerns Heimatminister Markus Söder

(CSU) will Landesbehörden aus Oberbayern

in Randregionen verlegen.

Berlin versucht, Ferienwohnungen in

Mietshäusern zu verhindern. Am Prenzlauer

Berg darf in Altbauwohnungen kein

zweites Bad entstehen – das gilt als Luxussanierung.

Boom-Städte schwenken beim Grundstücksverkauf

um. In Berlin kann eine gute

Idee das dicke Scheckbuch schlagen. So

bekam die Kreuzberger Künstlergruppe

Frizz23 den Zuschlag für ein Atelier- und

Wohnhaus. Ähnliches gilt in Tübingen und

Hamburg. In Jena beteiligen sich Bürger an

Planungen in der Altstadt.

SUHL – der ausgezehrte Ort

Quote 2012

11,3

9,6

9,1

8,9

8,5

0,5

0,7

0,8

0,8

0,8

Suhl. Das reimt sich – auf cool. Um den Ort

im Thüringer Wald und dieses Lebensgefühl

zu verbinden, braucht es Geduld und Gitarren.

Robert Kress, Thomas Adloff und zwei

Freunde hatten beides. Ergrauter Plattenbau

und breite Autoschneisen sind trist, aber

Country-Sound hilft. Das YouTube-Filmchen

„Biste Suhler, kommste cooler“ hat die

31-Jährigen hier berühmt gemacht. Sie hängen

an ihrer „Geisterstadt“, wie es Adloff

nennt. „Für Junge gibt’s ja nix.“ Zwei der vier

Band-Mitglieder sind schon abgewandert

und nur noch wochenends greifbar: Sängerin

Katja lebt in Hamburg, der Regisseur des

Musik-Clips, Micha, arbeitet in Erfurt.

25 Jahre Abwanderung haben Suhl ausgehöhlt.

Hier gibt’s den „großen Kreis der

Alten“, wie die von Senioren bevölkerten

Parkbänke heißen. Die Jungen treibt es am

Wochenende 50 Kilometer nach Coburg

und 70 nach Erfurt. Vor Jahren machte der

McDonald’s dicht.

Suhl ist gebeutelt vom Niedergang der

Industrie. Abgemagerte Städte wie Hoyerswerda,

Wittenberge, Bremerhaven, Salzgitter,

Hof oder Pirmasens suchen ebenso

nach Ideen für weniger Einwohner und

wachsenden Leerstand. Orte wie Wunsiedel

oder Görlitz werben um Rentner, die

mehr fürs Geld wollen als in der Großstadt.

Andere appellieren ans Heimatgefühl, dass

die Fortgezogenen zur Familiengründung

doch wiederkehren mögen.

NIX FÜR MICH

1990 lebten in Suhl, der DDR-Bezirksstadt,

58 000 Menschen, heute 35 000, im Jahr

2020 dürften es unter 30 000 sein. Suhl halbiert

sich in einer Generation. Das Durchschnittsalter

ist auf über 50 Jahre geklettert.

Auch Hobbymusiker Adloff hatte Suhl

hinter sich gelassen, war in Jena und Hamburg,

aber kehrte zurück. „So ganz allein

woanders, das ist nix für mich.“ Kress und

Adloff bleiben. Hat auch Vorteile: Miete

und Alltag kosten weniger als anderswo.

Oberbürgermeister Jens Triebel stemmt

sich gegen den Niedergang und setzt eine

Radikalkur durch. Das Viertel „Suhl-Nord“

wird bis 2025 abgerissen. Die letzten Bewohner

der 3000 Plattenbauwohnungen

sollen dann in die Innenstadt ziehen. Bergsteiger

Triebel will langen Atem zeigen und

sieht die Stadt als Vorreiter. Es trifft auch

andere Städte – nur langsamer.

Unterstützung bekommt er von Empirica-Ökonom

Harald Simons: „Schrumpfen

verlangt Konzentration. Es ist nicht mehr

alles überall finanzierbar.“ Kommunen

sollten nur noch im Kern investieren und

dorthin locken. Sonst sei überall Brache.

Nicht mal eine Hochschule hilft immer,

den Exodus Junger aufzuhalten. Das mussten

Cottbus und Frankfurt an der Oder

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 23

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Politik&Weltwirtschaft

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feststellen. Viele entscheiden sich fürs

Studium dort, doch wohnen sie lieber im

zweiten Berliner Hinterhaus und pendeln

täglich wie ihre Professoren in vollen Zügen.

Die Johnny-Cash-Fans Kress und Adloff

stehen vor der zugesperrten Philharmonie.

Zuletzt fanden dort Ü30-Partys statt, zahlreich

vertreten waren Suhler jenseits der

50. Die sorgen auch für volle Hallen, wenn

Moderator Florian Silbereisen zur Volksmusikshow

anreist. Für Lackierer Robert

Kress sprang ein Auftrag heraus. Er besprühte

24 Tannen, damit sie bei der TV-

Übertragung wie zugeschneit aussahen.

DRESDEN – die kinderreiche Stadt

SUHL

Thomas Adloff, 31,

Robert Kress, 31

Hinten auf der Gitarre prangt Countrystar

Johnny Cash. Im Konzertsaal

der Thüringer Stadt wird eher Volksmusik

gespielt. Die Suhler sind im

Schnitt 50 Jahre alt. Die beiden gehören

zur jungen Minderheit, sie wollen

aber bleiben. Adloff (links) ist Zerspanungsmechaniker,

Kress Lackierer.

gen. Die Eltern mussten Bewerbungen an

Makler schreiben. Geklappt hat es im idyllischen

Stadtteil Laubegast, ein Stück elbaufwärts

gelegen in Radeldistanz. Das Auto

hat Werner abgeschafft.

Noch ist niemand bei Sandstein gezwungen,

wegen hoher Mieten außerhalb der

Stadt zu wohnen. Doch der Boom ist spürbar:Immobilien

werden teurer, Kita-Plätze

knapp. Ähnlich sieht es in Leipzig, Rostock

und Potsdam aus. Voriges Jahr, als sich bei

Sandstein-Angestellten zeitgleich neun Babys

ankündigten, bemühte sich Prokuristin

Heike Bojunga in sozialen Netzwerken um

Vertretung. Zugleich bezahlte die Agentur

Wenn eins der Kinder krank ist, startet

Christian Werner notfalls um sechs Uhr

morgens mit der Arbeit. Dann geht der Mediengestalter

früh nach Hause. Oder er arbeitet

gleich von dort. Vertrauensarbeitszeit

heißt das bei der Dresdener Agentur

Sandstein, die Netzauftritte erstellt oder

Imagekampagnen erdenkt. Was er für familienfreundlich

hält, ist für die drei Chefs

eigenes Interesse. Viele der 47 Angestellten

haben kleine Kinder. Sandstein versucht,

mit flexibler Arbeitszeit, Weiterbildung

und Kita-Zuschuss zu punkten. Fachkräfte

sind rar, wer viel verdienen will, zieht nach

Hamburg oder München.

Sachsens Regierungssitz schrumpfte in

den Neunzigerjahren und wächst seither

wieder auf jetzt 536 000 Einwohner. 18- bis

24-Jährige ziehen her und bleiben. Das

Rathaus meldet, Dresden sei erneut vor

München und Frankfurt kinderreichste

Großstadt. Firmen wie Stadtvertreter haben

jedoch verinnerlicht, dass Wachstum

nicht selbstverständlich ist.

Wirtschaftlicher Erfolg und familienfreundliche

Politik wirken inzwischen. Anderswo

machen Schulen dicht, hier öffnen

neue Gymnasien. Bauland wird ausgewiesen,

vor allem Vier-Raum-Wohnungen sollen

gebaut werden. Flächendeckende Betreuung

in Krippen, Kitas und Hort gibt es

traditionell. Acht Stunden Betreuung am

Tag kosten höchstens 170 Euro im Monat.

Die Frage „Kind oder Beruf?“ muss niemand

entscheiden.

Der heute 38-jährige Christian Werner

kam 2007 mit Frau und Tochter her. „Die

Makler rannten noch hinter uns her, als wir

eine Drei-Raum-Wohnung suchten“, erinnert

er. Eine Tagesmutter für die damals

einjährige Lorelai war schnell gefunden.

Heute ist die Lage weniger komfortabel.

Die nun vierköpfige Familie ist umgezodie

Stadt, damit diese vier Krippenplätze

garantierte. „Es herrschte schiere Not bei

uns“, so Bojunga. „Jeder, der wollte, sollte

so schnell wie möglich zurückkehren.“ Um

ihren Mangel an IT-Leuten zu beheben,

bildet die Agentur bereits selbst aus.

Nachwuchs strömt weiter in die Stadt.

Und bereits früher Zugezogene wie Bojunga

merken, dass ihre Umgebung nicht mit

ihnen älter wird. Studenten und Twens bevölkern

die Abendtreffpunkte. „Wenn ich

heute in Neustadt ausgehe“, lacht die aparte

46-Jährige, „fühlt sich das an wie Mutti

auf Patrouille.“

n

cordula.tutt@wiwo.de I Berlin

FOTOS: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, VISUM/STEFAN BONESS

24 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Malu Dreyer

Ruftaxis und

Zwergklassen

Die RLP-Ministerpräsidentin

über schrumpfende Regionen.

Dreyer, 53, ist

seit 2013 Ministerpräsidentin

von Rheinland-

Pfalz und gehört

der SPD an.

Frau Dreyer, was

hilft, wenn Dorfkerne

veröden?

Wir wirken darauf

hin, dass in betroffenen

Dörfern in

Rheinland-Pfalz

keine neuen Bauflächen

außerhalb der

Ortskerne ausgewiesen

werden. Unsere

Linie auf dem

Land heißt Innenstatt

Außenentwicklung.

Wir versuchen, die Zusammenarbeit

der Kommunen zu stärken. Das berührt

Fragen wie die, ob jede Gemeinde

ein eigenes Bürgerhaus haben muss?

Soll man Dörfer aus der Daseinsvorsorge

entlassen, ihnen also Freiheiten

beim Nahverkehr oder Müll geben?

Es geht darum, Flexibilität zu ermöglichen,

ohne die Standards ganz abzuschaffen.

Ich sehe die Gefahr, dass sich

ohne Mindeststandards negative Effekte

verstärken. Aber wir haben für alle

Grundschulen kleinere Klassen festgelegt.

Wir ermöglichen stufenübergreifenden

Unterricht. Das sichert kleine

Grundschulen auf dem Land. Es gibt

Bürgerbusse oder Ruftaxen. Sonst wäre

es in manchen Gegenden schwierig.

Was muss der Bund gegen die

Landflucht und für abbröckelnde

Regionen tun?

Demografischer Wandel ist Strukturwandel,

Finanzen spielen da eine große

Rolle. Es ist ein guter Anfang, dass

im Koalitionsvertrag das Städtebauförderprogramm

ausgeweitet wurde.

Dann gibt es zum Beispiel finanzielle

Möglichkeiten, ein leer stehendes

Schulhaus umzuwandeln fürs alternative

Wohnen im Alter. Als Ministerpräsidentin

habe ich ein Demografiekabinett

eingerichtet, das in regelmäßigen

Abständen zu dem Thema zusammenkommt.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 25

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Politik&Weltwirtschaft

Die graue Eminenz

GEWERKSCHAFTEN | Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis hat sich zu einem zentralen

Akteur der deutschen Energiepolitik entwickelt und ein dichtes Netzwerk in Politik, Gewerkschaften

und Unternehmen gesponnen. Das Porträt eines unterschätzten Strippenziehers.

26 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Der Vorsitzende ist genervt. Seit dem

Vorabend hockt Michael Zissis Vassiliadis

nun schon in diesem düsteren

Tagungshotel am Flughafen von Madrid.

Der Chef der Industriegewerkschaft

Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) hat

schlecht geschlafen, die Matratze war

durchgelegen. Doch er darf jetzt nicht

schwächeln, auch wenn die Luft im „Saal

Saragossa“ noch so stickig und das Licht

noch so schummrig ist. Es tagt der Exekutivausschuss

von IndustriALL, des europäischen

Dachverbands der Industriegewerkschaften,

gut 350 Abgesandte aus mehr als

22 Ländern. Vassiliadis ist ihr Präsident. Er

sitzt in der ersten Reihe. Und er soll jetzt eine

feurige Rede halten. Dabei hat ihm der

Sprechtrainer, den er seit Kurzem aufsucht,

geraten, die Stimme zu schonen.

„Ich mache es kurz, weil ja alle lesen

können“, sagt er trocken und hält ein Papier

zur Reindustrialisierung Europas in die

Höhe. Für seine Kernbotschaft („Wir Gewerkschafter

müssen uns mit eigenen Ideen

einmischen – nicht nur mit Protest“)

gibt es nur matten Applaus. Es folgen Wortmeldungen

südeuropäischer Kollegen, die

zu Co-Referaten ausarten. Als dann auch

noch die Dolmetscher im Hotel streiken

wollen, weil sie zu wenig sehen, geht Vassiliadis

einen Kaffee trinken. Er mag solche

Veranstaltungen nicht, auf denen viel palavert

und nichts beschlossen wird. Vassiliadis

ist ein Freund der Effizienz.

Während die Veranstaltung weiterläuft,

motzt er den Generalsekretär von Industri-

All an, weil der ungefragt einen Herrn der

deutschen Linkspartei aufs Podium geladen

hat. Dann telefoniert er mit der Staatskanzlei

in Nordrhein-Westfalen, um – zack,

zack! – einen Termin bei Ministerpräsidentin

Hannelore Kraft (SPD) zu vereinbaren.

Die nämlich hat ein paar Tage zuvor, ohne

sich mit der Gewerkschaft abzustimmen,

angekündigt, den Braunkohletagebau Garzweiler

zu verkleinern. Die IG BCE ganz

allgemein und Michael Vassiliadis ganz

persönlich empfinden dies als Affront.

TREFFEN MIT KRAFT

Zwei Tage später. Pressekonferenz in Düsseldorf,

Staatskanzlei, 11. Stock. Vassiliadis

ist in deutlich besserer Stimmung. Er hat

über eine Stunde mit Kraft gesprochen, und

beide haben eine Erklärung formuliert, wonach

auch nach 2030 „Braunkohleförderung

zur Verstromung unter den Gesichtspunkten

der Versorgungssicherheit und

Preisstabilität notwendig sein wird“. Kraft

erweckt den Anschein, das Treffen sei lange

geplant gewesen und redet kurz, Vassiliadis

deutlich länger. Als die Neugier der Journalisten

überwiegend um die Frage kreist, ob

die 1512 Einwohner von Holzweiler garantiert

nicht umziehen müssen, fährt er den

Presseleuten in die Parade. Die IG BCE sei

„nicht gegründet worden, um Dörfer umzusiedeln“.

Er gebe „jetzt mal Antworten auf

Fragen, die Sie nicht gestellt haben“. Dann

weist er auf die schwierige Lage der Energiewirtschaft

hin. „Die Konzerne sind in

Trouble, das darf uns nicht egal sein! Wenn

die umfallen oder aufgekauft werden, wird

nichts besser in Deutschland! Hier sind

hoch qualifizierte Arbeitsplätze in Gefahr!“

Wie es scheint, könnten sich RWE und Co.

keinen besseren Botschafter wünschen als

Gewerkschaftsboss Michael Vassiliadis.

Wer ist der Mann? Und was will er? Man

könnte es so ausdrücken: Vassiliadis ist eine

der wichtigen grauen Eminenzen der

deutschen Wirtschaftspolitik, gleichermaßen

vernetzt und verwoben mit Wirtschaft,

Gewerkschaften und Politik (siehe Seite

»Ich gehe

politisch gerne

cross-border«

Michael Vassiliadis

In der Politik schätzen sie den gelernten

Chemielaboranten parteiübergreifend als

verlässlichen Gesprächspartner und gut

vernetzten Spindoktor, mitunter auch als

Transporteur politischer Botschaften in die

Arbeitnehmerschaft. Das mag daran liegen,

dass Vassiliadis zwar seit 33 Jahren der

SPD angehört, aber „politisch gern crossborder

geht“. Kanzlerin Angela Merkel hat

ihn in die Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung

und den Rat für Nachhaltige

Entwicklung berufen. Jüngst war er Redner

beim CDU-Wirtschaftsrat. Auch mit FDP-

Chef Christian Lindner hat er sich getroffen;

für traditionelle Gewerkschafter eine

Todsünde. Als er im März in der IG-BCE-

Zentrale seinen 50. Geburtstag feierte, kamen

mehr als 100 Gäste aus Gewerkschaften,

Politik und Wirtschaft; Hannelore

Kraft und Gerhard Schröder sendeten

Grußbotschaften per Video.

KÄMPFER FÜR DIE KOHLE

Bei der Energiewende inszeniert sich Vassiliadis

gleichermaßen als Stimme der Arbeitnehmer

und Verteidiger des Industriestandorts.

Sein Credo: „Wir können nicht

gleichzeitig aus Kernkraft und Kohle aussteigen.“

Da der Atomausstieg nun mal beschlossen

sei, könne Deutschland auf den

Grundlastträger Braunkohle, „den einzigen

subventionsfreien Energieträger am

Markt“, auf viele Jahre nicht verzichten. Die

damit verbundenen CO 2 -Emissionen

müssten halt woanders eingespart werden.

Vassiliadis fürchtet eine schleichende

Deindustrialisierung, ausgelöst durch steigende

Energiekosten: „Investitionen wandern

wegen der Energiewende ins Ausland,

weil hier keiner mehr dem Braten

traut.“ Es sei „ein überfälliger Schritt, die

Energiepolitik nicht nur unter den Aspekten

Klimaschutz und Versorgungssicherheit

zu betrachten, sondern auch unter

Wettbewerbsaspekten“. Grüne Jobs betrachtet

der IG-BCE-Boss „als nicht per se

wettbewerbsfähig“, die Union hält er „bei

der Energiewende für einen Totalausfall“,

die Grünen reizt er mit der Aussage: „Wir

haben es bei den Erneuerbaren mit einer

teuflischen Kombination zu tun – Weltrettungsgesinnung

trifft auf hohe Rendite.“

Weltrettung? Die hat er in der Tat nicht

im Sinn. Vassiliadis verfolgt knallharte organisationspolitische

Interessen. Wenn die

Energiekosten weiter steigen, gibt es weniger

zu verteilen. Die Klientel der IG BCE arbeitet

fast ausnahmslos in energieintensiven

Branchen, etwa in der Chemie, der Aluminium-

und Papierherstellung oder der

29), in Arbeitnehmerzirkeln und im Politklüngel

an Rhein und Ruhr ebenso präsent

wie in Vorstandsetagen von Konzernen

und Berliner Hinterzimmerrunden.

Dabei ist er ein eher unscheinbarer Typ:

graue Haare, mittelgroße Statur. Gern

dunkler Anzug und Krawatte. Wer ihn

nicht kennt, ist geneigt, ihn zu übersehen.

Doch obwohl er nur die drittgrößte deutsche

Gewerkschaft anführt, sich Talkshows

verweigert und seltener in den Medien auftaucht

als die Kollegen Frank Bsirske (Verdi)

und Detlef Wetzel (IG Metall), ist er zu

einem wichtigen Strippenzieher der Energiewende

geworden, genauer: zum

Schutzpatron der energieintensiven Industrie

und deutschen Braunkohle. Manche

sagen: Dass Bundeswirtschaftsminister

Sigmar Gabriel so vehement die Befreiung

energieintensiver Betriebe von der EEG-

Umlage verteidigt und die Eigenstromerzeugung

nur sanft belasten will, hat nicht

nur mit Druck aus der Wirtschaft zu tun.

Sondern auch mit dem Schulterschluss

von Industrie und IG BCE. »

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 27

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Politik&Weltwirtschaft

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Zementproduktion. „Wir haben ein ureigenes

Interesse daran, dass die Energiewende

nicht vor die Wand fährt“, sagt Vassiliadis.

In den Stromkonzernen, wo Tausende

Jobs auf der Kippe stehen, sind 40 bis 70

Prozent der Leute gewerkschaftlich organisiert,

in der Kohle weit über 90 Prozent. Der

boomende Markt der erneuerbaren Energie

hingegen mit seinen Dienstleistern, Zulieferern

und dezentralen Stromproduzenten

ist vielerorts fast gewerkschaftsfrei. Das

ist hässlich für eine Gewerkschaft, die in

den vergangenen zehn Jahren 17 Prozent

ihrer Mitglieder verloren hat.

SYMPATHIE DES KAPITALS

Die Industrie registriert den Kurs der IG

BCE mit Wohlwollen – zumal Vassiliadis in

mehreren Konzernen selbst mitmischt. Er

sitzt im Aufsichtsrat von Steag, BASF, dem

Essener Spezialchemiekonzern Evonik sowie

dem Kasseler Düngemittelkonzern

K+S. Bei BASF drängte Vassiliadis 2010 darauf,

dass die Ludwigshafener den deutschen

Chemiekonzern Cognis übernehmen

– auch um Arbeitsplätze zu sichern.

Ein anderes Mal kämpfte er erfolgreich dafür,

dass die BASF ihre europaweiten Personal-

und Finanzdienstleistungen in Berlin

bündelt statt im billigeren Bratislava.

Mit Evonik-Chef Klaus Engel hat Vassiliadis

gemeinsam das Buch „Werte, Wissen,

Wachstum“ über den Wirtschaftsaufschwung

Deutschlands herausgegeben. Die

beiden haben aber auch sonst miteinander

zu tun: Vassiliadis ist Vize-Chef im Kuratorium

der RAG-Stiftung, die ab 2019 für die Milliardenschäden

aus dem Bergbau aufkommen

soll und über zwei Drittel an Evonik

kontrolliert. Vassiliadis hatte 2012 entscheidenden

Einfluss bei der Inthronisierung von

Werner Müller als Stiftungsvorsitzenden –

ein politischer Schlüsselposten im Ruhrgebiet.

Die konservativen Kräfte im Kuratorium,

etwa Bundesfinanzminister Schäuble,

sollen gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister

im Kabinett von SPD-Kanzler Gerhard

Schröder massive Vorbehalte gehabt haben.

Vassiliadis und Müller bilden seither ein

gutes Team. Vor wenigen Wochen schlug

der Gewerkschafter vor, alle deutschen

Steinkohlekraftwerke in einer gemeinsamen

Gesellschaft zu bündeln. Schließlich

hätten die Betreiber der Kraftwerke in Zeiten

der Energiewende wirtschaftlich das

Nachsehen. „Das ist eine sehr vernünftige

Idee“, lässt sich Müller nun vernehmen

(WirtschaftsWoche 17/2014).

Manchmal hat es den Eindruck, Vassiliadis

sonne sich geradezu in der Sympathie

des Kapitals. Wer ihm Übles will, attackiert

ihn als Marionette der Konzerne, so wie es

2013 Aktivisten von Greenpeace in einem

„Schwarzbuch Kohlepolitik“ taten. Das hat

ihn ordentlich geärgert.

Fakt ist, dass er den konsensorientierten

Kurs seiner Vorgänger Hermann Rappe und

Hubertus Schmoldt nahtlos fortsetzt. Dies

gilt nicht nur bei Energiefragen, sondern

auch im gewerkschaftlichen Kerngeschäft,

der Tarifpolitik. Aus dem Stegreif kann Vassiliadis

Elogen auf die Sozialpartnerschaft halten;

den vorerst letzten Streik in der Chemieindustrie

gab es 1971. Der unausgesprochene

Deal mit den Arbeitgebern: Die IG BCE

macht keinen Radau, dafür zicken die Arbeitgeber

nicht beim Lohn rum und bilden

vernünftig aus. Bei den kampferprobten

Die Chemie stimmt Vassiliadis (rechts) mit

Bayer-Chef Dekkers in der Konzernzentrale

Kollegen von Verdi und IG Metall sorgt der

Kuschelkurs zwar bisweilen für Spott. In den

vergangenen Jahren lagen die Tarifabschlüsse

in der Chemieindustrie allerdings über

vielen anderen Branchen. Den jüngsten Abschluss

(3,7 Prozent) hat im Tarifjahr 2014

noch keine andere Gewerkschaft übertroffen.

„Michael Vassiliadis steht für den Willen

zum Konsens und ist offen für innovative

Konzepte. Es macht Freude, sich mit ihm zu

streiten, und es ist möglich, sich mit ihm zu

einigen“, lobt Margret Suckale, Präsidentin

des Bundesarbeitgeberverbands Chemie.

ZUM LUNCH NACH LEVERKUSEN

Ein typischer Tag für Vassiliadis verläuft so

wie der in Leverkusen. An diesem Aprilmorgen

empfängt er zum Frühstück im

Hotel den Bayer-Betriebsratschef Thomas

de Win. Um zehn Uhr geht es in die Konzernzentrale,

hier sind für ihn die Leiter der

Bayer-Verbindungsbüros Brüssel und Berlin

angereist. Um zwölf Uhr empfängt ihn

Vorstandschef Marijn Dekkers zum Lunch

im Direktionszimmer des Bayer-Kasinos.

Dekkers weiß um den Einfluss seines Gegenübers:

Gerade erst haben IG-BCE-Kandidaten

bei den Betriebsratswahlen bei

Bayer rund 70 Prozent der Mandate geholt.

Nach dem Essen hat Vassiliadis ein Gespräch

mit Arbeitsdirektor Michael König,

dann rauscht er ab ins Landwirtschaftszentrum

Monheim, wo rund 80 Bayer-Betriebsräte,

eingerahmt von Gemüsefotos,

eine Tagung abhalten und auf ihn warten.

Es werden an diesem Tag keine Deals besprochen

und keine Papiere vorgelegt. Es

geht um das Sondieren gemeinsamer Interessen

in der Energiepolitik, um Gesundheitsschutz

und mögliche Allianzen, wenn

die Politik mal wieder Unfug beschließen

will. Am Ende hat man sich besser kennengelernt

– was sich später mal für beide Seiten

lohnen könnte.

Aber solche Tage sind anstrengend. Es

gibt Wochen, da kommt Vassiliadis nur am

Montagvormittag in die IG-BCE-Zentrale

am Königsworther Platz in Hannover.

Dann ist der Rastlose im „Stakkato-Modus“,

wie er es nennt, es reiht sich ein Termin

an den nächsten. Sein silbergrauer

Audi A8 dient als Büro und Garderobe, wo

frische Hemden und unzerknitterte Anzüge

lagern. Mit seinem Chauffeur, einem Ex-

Bundesligaprofi mit sportlichem Fahrstil,

reißt er so über 100 000 Kilometer im Jahr

ab. Der Lohn dafür: 10 500 Euro im Monat,

das ist etwa die Hälfte dessen, was IG-Metall-Chef

Wetzel verdient. Seine Aufsichtsratstantiemen

von jährlich rund 490 000

Euro führt er zu 90 Prozent an die gewerkschaftsnahe

Hans-Böckler-Stiftung ab.

Nur jedes zweite Wochenende hält er

sich frei. Dann kommen seine beiden Söhne

zu Besuch nach Hannover-Linden, wo

sich Vassiliadis nach der Scheidung von

seiner Frau eine Eigentumswohnung gekauft

hat. In dem Altbau lebt der E-Gitarrensammler

nun Tür an Tür mit seiner

neuen Lebensgefährtin. Sie heißt Yasmin

Fahimi, hat neun Jahre die IG-BCE-Grundsatzabteilung

geleitet – und ist seit Januar

Generalsekretärin der SPD. Auch wenn

Vassiliadis beteuert, man rede zu Hause

nicht über Berufliches: Seinem Zugang in

die Beletage von SPD und Regierung dürfte

die Beziehung nicht eben schaden.

Vassiliadis ist der erste Gewerkschaftschef

in Deutschland mit Migrationshintergrund.

Seine Mutter stammt aus dem

Ruhrgebiet, sein Vater kam 1961 als Gastarbeiter

aus Athen und malochte 27 Jahre als

Schichtarbeiter bei Bayer. Vassiliadis

wuchs in einer Werksiedlung in Dormagen

auf; nach dem Realschulabschluss machte

er eine Ausbildung zum Chemielaboran-

28 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Stellvertretender

Aufsichtsratschef

bei

K+S

Stellvertretender

Aufsichtsratschef

bei Evonik

Industries

Mitglied im

Aufsichtsrat

von BASF

Vassis Welt

Das Netzwerk

des IG-BCE-Chefs

Stellvertretender

Aufsichtsratschef

bei

Steag

Vorsitzender

der IG Bergbau,

Chemie, Energie,

der mit 664 000

Mitgliedern drittgrößten

deutschen

Gewerkschaft

Präsident des

europäischen Gewerkschafts-Dachverbands

IndustriAll Europe

(vertritt rund 200 Gewerkschaften

und mehr als

sieben Millionen

Industriebeschäftigte)

Vorsitzender

des Thinktanks

Innovationsforum

Energiewende, bei dem

führende Manager von

Industrie und Wohnungswirtschaft

mitmischen

UNTERNEHMEN

Stellvertretender

Vorsitzender des

Kuratoriums der

RAG-Stiftung

BUNDESREGIERUNG

GEWERKSCHAFTEN

SPD

privat

liiert mit SPD-

Generalsekretärin

Yasmin

Fahimi

Vertrauter

des künftigen

DGB-Vorsitzenden

Reiner Hoffmann,

der ebenfalls von

der IG BCE

kommt

Präsident

der Stiftung Neue

Verantwortung,

ein Thinktank für

gesellschaftspolitische

Fragen

Mitglied im

Rat für

Nachhaltige

Entwicklung der

Bundesregierung

Mitglied

der Ethik-

Kommission Sichere

Energieversorgung

der Bundesregierung

FOTOS: ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

ten und arbeitete drei Jahre bei Bayer. 1986

ging er als Hauptamtlicher zur IG Chemie,

wo er sich stetig nach oben arbeitete. 2009

rückte Vassiliadis, gefördert vom damaligen

Chef Schmoldt, an die Spitze.

Dort allerdings muss er sein Meisterstück

erst noch abliefern. Anders als IG Metall und

Verdi hat die IG BCE bei den Mitgliederzahlen

den Turn-around noch nicht geschafft,

allein 2013 gingen (netto) 5000 Kunden verloren.

Die Gewerkschaft leidet zum einen

unter dem Strukturwandel; die Beschäftigtenzahl

im Steinkohlebergbau ist seit 1996

von 85000 auf 16000 gefallen. Zum anderen

ist die IG BCE völlig überaltert. Obwohl jedes

Jahr rund 70 Prozent der neuen Azubis einen

Mitgliedsantrag unterschreiben, sind weniger

als neun Prozent der Mitglieder jünger

als 25 Jahre. Die Folge: Es sterben mehr Beitragszahler

weg, als neue eintreten. Immerhin:

Bei den „arbeitenden“ Mitgliedern in

den Betrieben gibt es seit 2011 leichten Zulauf.

2015 will Vassiliadis daher im Haushalt

endlich eine schwarze Null präsentieren.

In seiner Organisation ist er ohnehin unangefochten.

Bei seiner Wiederwahl im

Oktober erhielt er 99,2 Prozent der Stimmen

und musste Autogramme geben. Das

sei ja ein für westliche Demokratien unübliches

Ergebnis, gratulierte ein Konzernchef.

Vassiliadis fand das nicht sehr lustig.

ABFUHR FÜR STEINBRÜCK

Als er die IG BCE übernahm, galt er als

Technokrat. „Dieses Bild hat er korrigiert“,

sagt ein Vertrauter – auch weil sich der gebürtige

Essener die Schnoddrigkeit des

Ruhrgebiets bewahrt hat. Er kann einen erfrischenden

Sarkasmus entwickeln, etwa

wenn er mit spitzbübischem Grinsen einen

Spruch über die Kollegen von Verdi

raushaut, deren ideologische Weltsicht ihn

nervt (und mit deren Chef Bsirske er ständig

im Clinch liegt). Vorgänger Schmoldt

nannten sie intern den „großen Vorsitzenden“.

Vassiliadis heißt bei vielen „Vassi“.

Vassiliadis nimmt den kleinen Funktionär

genauso ernst wie den großen Konzernchef.

Bei den Bayer-Betriebsräten in

Monheim lauscht er geduldig den Ausführungen

des Gesamtjugendvertreters und

des Gesamtschwerbehindertenvertreters.

Danach hält er frei eine leicht konfuse Rede,

in der es um Bildung, Demografie, Mindestlöhne,

Zuwanderung, Rente und Energiepreise

geht. Am Ende mischt er sich unter

die Leute und hält Schwätzchen.

Allerdings darf man das joviale Auftreten

nicht missdeuten. Vassiliadis ist kein übermäßig

geduldiger Mensch. Er agiert strategisch

und fordert viel von den 750 Beschäftigten

seiner Organisation. „Ich möchte mit

ihm keinen Ärger bekommen“, sagt ein enger

Mitarbeiter. Politisch vereinnahmen

lässt er sich schon gar nicht: Als vor der

Bundestagswahl Peer Steinbrück sondieren

ließ, ob Vassiliadis ins Kompetenzteam

des SPD-Kanzlerkandidaten eintreten wolle,

winkte er sofort ab. Er mag es nicht, auf

der Verliererseite zu stehen.

Als er sich beim Rückflug von Madrid

spätabends in eine enge Iberia-Maschine

quetschen muss, weil die Lufthansa-Piloten

streiken, wirkt er müde. Er bestellt ein

Bier, lässt seinen Pressesprecher bezahlen

und seufzt: „Ein bisschen bekloppt bin ich

ja schon.“

n

bert.losse@wiwo.de, jürgen salz

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 29

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Politik&Weltwirtschaft

Dubiose Quellen

GELDWÄSCHE | Deutschland tut zu wenig gegen illegale Finanztransaktionen.

Finanzminister Schäuble fordert schärfere Strafen.

Möchte nicht in die Schmuddelecke

Finanzminister Schäuble

vom Institut für Recht der Wirtschaft der

Universität Hamburg mit dazu geführt,

„dass Deutschland zum Tummelplatz der

italienischen Mafia geworden ist“. In deren

Heimat herrschten wesentlich strengere

Regeln. So ziehe der Staat von Verdächtigen

ohne Zögern große Vermögensteile ein

– bis diese den Beweis erbringen, dass ihre

Immobilien, Autos, Juwelen oder Aktienpakete

sauber erwirtschaftet worden sind.

Kritik übt die Geldwäsche-Taskforce der

OECD auch an den zu geringen Strafen

hierzulande – wenn es denn überhaupt

welche gibt. Wer der Geldwäsche überführt

wird, kommt in Deutschland meist

mit einer Freiheitsstrafe von unter einem

Jahr davon. Bemängelt wird überdies, dass

es beim Paragrafen 89a Strafgesetzbuch

(„Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden

Gewalttat“) seit dessen Inkrafttreten

im Jahr 2009 noch zu keiner einzigen

Verurteilung gekommen sei.

Das Schreiben von Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble an seinen

SPD-Kollegen vom Justizressort,

Heiko Maas, gilt der „Bekämpfung von

Geldwäsche und Terrorismus“. Schon im

ersten Absatz kommt der CDU-Politiker zur

Sache und erklärt, wie die Staatengemeinschaft

die Situation hierzulande einschätzt:

„Deutschland wurde ultimativ aufgefordert,

auch im strafrechtlichen Bereich die

erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen.“

Vorangegangen war im Februar ein Treffen

der OECD-Geldwäsche-Taskforce in

Paris, bei dem Schäubles Vertreter kräftig

der Kopf gewaschen wurde. Deutschland

habe bisher zu wenig gegen die Geldwäsche

und damit auch gegen den internationalen

Terrorismus getan, lautete die Kritik.

„Wenn Deutschland bis Juni 2014 keine

konkreten Schritte in dieser Richtung vorweisen

könne, werde es in das verschärfte

Überwachungsverfahren (enhanced follow-up)

oder sogar in das für sogenannte

Hochrisiko-Länder geltende Listungsverfahren

(ICRC) überführt“, schreibt Schäuble

an Maas.

Dann fände sich die Bundesrepublik in

einer Reihe mit Ländern wie Myanmar, Pakistan

oder Syrien wieder – keine schmeichelhafte

Perspektive, vor allem in den Augen

der Amerikaner, die seit den Anschlägen

vom 11. September 2001 kompromisslos

gegen Geldwäsche als ein wesentliches

Merkmal für Terrororganisationen vorgehen.

Genaue Zahlen über den Umfang der

Geldwäsche gibt es naturgemäß nicht. Das

UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung

schätzte 2009 das Volumen auf

weltweit 1,6 Billionen Dollar, umgerechnet

rund 1,2 Billionen Euro. Und ausgerechnet

Deutschland soll nun ein attraktiver Umschlagplatz

sein?

Zu den wesentlichen Beanstandungen

der OECD zählt, dass die sogenannte

Selbstgeldwäsche in Deutschland nicht

strafbar ist. Das heißt konkret: Wäscht jemand

sein eigenes Schwarzgeld weiß,

muss er die Strafverfolgung nicht fürchten.

Genau diese Lücke hat nach Ansicht des

Wirtschaftswissenschaftlers Ingo Fiedler

»Deutschland ist

zum Tummelplatz

der italienischen

Mafia geworden«

Ingo Fiedler, Universität Hamburg

RASCH VERPFLICHTEN

Die OECD fordert nun von Deutschland

unverzüglich eine schärfere Strafverfolgung

im Bereich der Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.

Dem stehen jedoch

die langsam mahlenden Mühlen des deutschen

Gesetzgebers im Wege. Deshalb

drängt der Finanzminister in seinem

Schreiben an den Justizminister, sich rasch

zur „Behebung der Defizite zu verpflichten

und die hierzu erforderlichen gesetzlichen

Maßnahmen anzukündigen“. Dies diene

auch der „Verhinderung von erheblichen

Reputationsschäden“.

Um die Pariser Organisation milde zu

stimmen, verweisen die deutschen Delegierten

auf die bisherigen Fortschritte, etwa

im Kreditwesen-, Versicherungsaufsichtsund

Zahlungsdienstaufsichtsgesetz sowie

auf die verstärkten Kontrollvorschriften für

Banken, Finanzdienstleister und am

E-Geld-Markt im Internet. Tatsächlich sind

die Kontrollen bei Einzahlungen ab 10 000

Euro streng, und bei Geldwäscheverdacht

können Konten geschlossen werden.

Den Finanzkontrolleuren aber reicht das

nicht. „Der Nichtfinanzsektor wird von

Geldwäschern als Ausweichreaktion genutzt“,

sagt Fiedler. Das heißt: Geld aus dubiosen

Quellen werde über den Kauf von

Luxusimmobilien, wertvollem Schmuck

oder teuren Gebrauchtwagen gewaschen.

Unzureichend sei auch die Überwachung

von Spielhallen.

Deutschlands Kampf gegen die Geldwäscher

ist noch lange nicht zu Ende. n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

30 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»Es muss gelingen«

INTERVIEW | Pawlo Scheremeta Der ukrainische Wirtschaftsminister

über die notwendigen Reformen und die Kriegsgefahr in Osteuropa.

Herr Scheremeta, in der Ukraine kommt

es beinahe täglich zu Konflikten zwischen

prorussischen Milizen und ukrainischen

Sicherheitskräften. Rechnen Sie mit dem

Einmarsch russischer Truppen?

Da müssen wir nur eins und eins zusammenzählen.

Es gibt einen Aufmarsch russischer

Truppen an unserer Ostgrenze. Sie

verfügen über neueste Panzer und beste

Waffen. Ich glaube kaum, dass die Russen

dort nur Übungen machen oder Schmetterlinge

fangen wollen.

Was erwarten Sie vom Westen?

Russland muss ausgebremst werden mit

einer Containment-Politik, die Sanktionen

einschließt. Es geht nicht nur um die Zukunft

der Ukraine, sondern auch um die

Werte Europas und der westlichen Zivilisation.

Hierfür sind die Ukrainer eingetreten,

was mehr als 100 Menschen auf dem Maidan

mit dem Leben bezahlt haben.

Sehen Sie eine Chance, den Konflikt im

Dialog mit Russland zu lösen?

Zumindest müssen wir im Umgang mit

Russland mehr Respekt und Vertrauen entwickeln

– und umgekehrt ebenso. Wir sollten

die kulturellen Befindlichkeiten der Russen

respektieren, sie ihre Sprache sprechen

lassen. Allerdings erwarte ich auch, dass

Moskau unsere Übergangsregierung anerkennt,

die das Parlament noch vor der Flucht

von Viktor Janukowitsch eingesetzt hat.

DER MANN DES WIEDERAUFBAUS

Scheremeta, 42, ist seit Februar 2014

Wirtschaftsminister in der Interimsregierung

der Ukraine. Der Betriebswirt stammt aus

Lemberg und war zuvor Präsident der Kiew

School of Economics.

Der Kreml kritisiert, dass Ihrer Regierung

auch Vertreter der rechtsextremen Swoboda-Partei

angehören. Warum arbeiten Sie

mit diesen Leuten zusammen?

Wir müssen die Erwartungen der Ukrainer

erfüllen und nicht die der Russen. Und es

ist eben so, dass die Partei Swoboda von

Anfang an Teil der Maidan-Bewegung war

und viel zu deren Sieg beigetragen hat. Es

ist besser, diese Kräfte in der Regierung zu

binden, als sie auszuschließen.

Ihr Land schuldet Gazprom mehr als

16 Milliarden Dollar. Fürchten Sie,

das Russland Ihnen bald den Gashahn

zudrehen wird?

Wir hoffen das Beste und bereiten uns auf

das Schlimmste vor. Nach unseren Berechnungen

müssen wir Außenstände in Höhe

von 2,2 Milliarden Dollar für Lieferungen

von Januar bis März begleichen. Bevor wir

das tun, sollten wir aber über die Krim

sprechen: Dort hat unser Staat in zwei Raffinerien

je 800 Millionen Dollar investiert –

und jetzt nennen die Russen dies ihr Eigentum.

Solche Fakten müssen Teil von neuen

Preisverhandlungen sein.

Der Internationale Währungsfonds (IWF)

hat Ihnen Finanzhilfen von rund

16 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt.

Wann soll das Geld fließen?

Wir rechnen mit der Zahlung der ersten

Tranche bis Ende April. In wenigen Tagen

sollte die Vereinbarung stehen. Außerdem

hat die Weltbank 3,5 Milliarden zugesagt.

Zusammen mit den Hilfen der Europäischen

Union summiert sich die Unterstützung

auf rund 23 Milliarden Dollar.

Reicht dies aus, um den Staatsbankrott

abzuwenden?

Ja. Vorausgesetzt, es kommt nicht zum

Krieg mit Russland.

Die Abwertung der Griwna hat Ihre

Regierung mit einer drastischen Erhöhung

der Leitzinsen gestoppt. So halten Sie

zwar das Kapital im Land, schrecken aber

Investoren ab.

Wir werden die Leitzinsen schrittweise herabsetzen,

wenn andere Faktoren die Währung

stabil halten. Sobald etwa das Geld

des IWF fließt, wird dies positive psychologische

Effekte haben – und dann können

wir die Geldpolitik überprüfen. Aber Sie

haben recht, es ist in der momentanen Lage

nicht einfach, überhaupt Investitionen

zu stimulieren. Zumal wir vor allem internationale

Investoren anziehen wollen, die

Fachleute und Technologien mitbringen.

Welche wirtschaftspolitischen Reformen

planen Sie, um das Land zu stabilisieren?

Zunächst einmal müssen wir die Budgets

kürzen, was keine nette Aufgabe ist und

auch kein Wachstum bringen wird. Schon

aufgrund des sinkenden Staatskonsums

wird unsere Wirtschaft dieses Jahr schrumpfen.

Danach muss es aufwärtsgehen, indem

wir an unserem Investitionsklima arbeiten.

Wir müssen schneller und effizienter werden,

um im Weltbank-Index „Ease of Doing

Business“ einen großen Sprung nach oben

zu machen. Georgien hat das geschafft,

warum soll uns das nicht auch gelingen?

Vielleicht, weil die Ukraine als eines der

korruptesten Länder Europas gilt?

Die Ukrainer sind die Korruption leid. Die

Leute werden korrupte Praktiken auch in

Zukunft nicht mehr akzeptieren. Wenn wir

in die alten Muster zurückfallen, werden in

Kiew zumindest wieder Reifen brennen.

Darum arbeiten wir daran, neue Fachleute

in der Verwaltung zu installieren. Außerdem

haben wir ein Anti-Korruptions-Komitee

geschaffen, das seine Arbeit bereits

aufgenommen hat.

n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTO: EASTWAY

32 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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BERLIN INTERN | Die wissenschaftlichen Dienste des

Bundestages gelten als dröge. Jetzt geben die Juristen

praktische Tipps, damit Abgeordnete nicht mit dem

Gesetz in Konflikt geraten. Von Henning Krumrey

Volksvertreters Tugendfibel

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, IMAGO/CHRISTIAN THIEL

Der Fall des SPD-Abgeordneten

Sebastian Edathy, der des Besitzes

kinderpornografischer Bilder

verdächtigt wird, hat das

Parlament aufgeschreckt. „Im Ältestenrat

ist kürzlich die Problematik erörtert worden,

dass Mitglieder des Deutschen Bundestages

bei parlamentarischen Tätigkeiten

sowohl im Internet als auch durch

E-Mails mit strafbaren Inhalten konfrontiert

werden können“, berichtet der Parlamentarische

Geschäftsführer der Unions-

Zu etwas nütze, und sei es als schlechtes

Beispiel: Edathy, damals noch MdB

Fraktion Bernhard Kaster seinen

Abgeordnetenkollegen. Also gab der Führungskreis

der MdBs bei den Wissenschaftlichen

Diensten eine Expertise in

Auftrag, eine Art Tugendbüchlein für

Volksvertreter. Das Ergebnis „Risikobegrenzende

Handlungsempfehlungen für

Abgeordnete“ liegt nun vor.

Als besonders gefährdet gelten, wen wundert’s,

jene Parlamentarier, die sich um

Strafrecht, politischen Extremismus sowie

Kinder- und Jugendschutz kümmern. Da

könnte es heikel werden, „wenn sie im Rahmen

der Informationsgewinnung in ihrem

jeweiligen Fachgebiet im Internet auf Inhalte

stoßen, denen strafrechtliche Relevanz

zukommen kann, oder wenn sie Daten solchen

Inhalts unaufgefordert via E-Mail zugesandt

bekommen“.

Doch das meiste ist unkompliziert. Kennzeichen

verfassungswidriger Organisationen

wie Hakenkreuze darf der Abgeordnete

sogar auf der Festplatte speichern, solange

er sie nicht en masse weiterverbreitet. Genauso

ist es mit Schriften und Bildern, die

Gewalttätigkeiten gegen Menschen verharmlosen.

Weitgehend risikolos sind auch

Verletzungen des Urheberrechts sowie die

Nichtanzeige geplanter Straftaten, sofern

es sich nicht um besonders schwere Verbrechen

handelt.

Strafrechtliche Konsequenzen drohen

generell allein bei Kinder- und Jugendpornografie.

Hier macht sich bereits strafbar,

wer derlei „besitzt oder wer es unternimmt,

sich jene Schriften zu verschaffen“, heißt es

fett gedruckt in der Bundestagsexpertise.

Ob schon das bloße Betrachten – und damit

die Übernahme in den Arbeitsspeicher

des Rechners – strafbar ist, ist in Rechtsprechung

und Literatur umstritten.

Das Strafrecht gelte, so die Warnung, für

Abgeordnete „in gleichem Umfang wie für

jeden anderen Bürger“. Die Immunität schiebe

die Strafverfolgung nur auf, gebe aber

keinen Freibrief. Und da MdBs „fraglos kein

Teil der Strafverfolgungsbehörden“ sind,

dürfen sie weder Kinderpornos noch Drogen

oder Waffen besorgen, „um sich darüber zu

informieren, ob oder wie einfach das möglich

ist“, urteilte das Landgericht Karlsruhe bereits

2010 gegen den Ex-Parlamentarier

Jörg Tauss. Da helfe nicht einmal eine vorherige

Mitteilung an die Parlamentsverwaltung.

Die „Handlungsempfehlungen“ sind entsprechend

eindeutig. „Nachdrücklich ist davon

abzuraten, im Internet wissentlich Seiten

mit möglicherweise kinder- und/oder jugendpornografischen

Inhalten zu suchen und/

oder aufzurufen.“ Sollten Parlamentarier auf

solche Seiten stoßen oder einschlägige Mails

erhalten, sei das Landeskriminalamt Berlin

zu informieren (berlin-lka131@t-online.de).

Danach sollten die Dateien umgehend komplett

gelöscht werden.

Zum Gefahrenthema Steuerhinterziehung

sagen die Bundestagsexperten

nichts. Aber vielleicht kommt das noch,

wenn ein MdB mal wegen eines solchen

Fiskaldeliktes einsitzen muss. Denn auch

der Fall Edathy hat ja erst dem Ältestenrat

die Augen geöffnet, wie gefährlich das ehrenvolle

Amt des Volksvertreters ist.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 33

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Portugal und Griechenland

bekommen wieder Geld

von Investoren. Ist dies das Ende

der Krise? Von Angela Hennersdorf

Zu früh gejubelt

Wenn ich eines an

den Amerikanern

bewundere, dann

ist es deren Optimismus.

„Don’t worry, be confident“:

Diesen Satz habe ich in

den drei Jahren, die ich in New

York gearbeitet habe, immer

wieder gehört – auch am vierten

Tag ohne Strom und Wasser

in Manhattan wegen des Hurrikans

Sandy. Bei den ewig meckernden

Deutschen ist das

Verbreiten von Optimismus bekanntlich

nicht so die Stärke.

Wie gern möchte ich deshalb

einstimmen in den Jubel in

Brüssel, Lissabon und Athen

über die erfolgreiche Rückkehr

Griechenlands und Portugals

an die Kapitalmärkte. Klappt

aber nicht.

HOHE NACHFRAGE

Was ist passiert? Erst schaffte es

Griechenland Anfang April, sich

mit einer fünfjährigen Staatsanleihe

drei Milliarden Euro von Investoren

zu besorgen. In der vergangenen

Woche zog Portugal

nach. Das Land sammelte für eine

zehnjährige Anleihe zwar

nicht so viel Geld wie Griechenland

ein. Aber 750 Millionen Euro

sind auch nicht schlecht. Die

Nachfrage nach der ersten Anleihe

Portugals, seit das Land im

April 2011 unter den Rettungsschirm

der Euro-Partner

schlüpfte, war größer als das Angebot.

Portugal und Griechenland

seien über dem Berg, die

Euro-Zone sei wieder kreditwürdig,

jubeln nun Europas Politiker.

Dazu kam noch die Meldung

aus Brüssel, Griechenland habe

2013 einen kleinen Primärüberschuss

von 1,5 Milliarden Euro

erwirtschaftet.

Ist da Geld wie Manna vom

Himmel gefallen? Leider nicht.

Jede Statistik lässt sich zurechtbiegen.

Zum Haushaltsüberschuss

der Griechen: Da haben

die Zahlenfüchse aus Brüssel

bestimmte Ausgaben einfach

weggelassen, etwa die Kosten

für den Schuldendienst, staatliche

Kapitalspritzen an griechische

Banken und regionale

Etats von Städten und Gemeinden.

Das tatsächliche Defizit

Griechenlands nach den Zahlen

von Eurostat, dem Statistischen

Amt der EU, lag 2013 bei 23 Milliarden

Euro. Das entspricht

12,7 Prozent der Wirtschaftsleistung

Griechenlands. Die Verschuldung

des Landes ist auf

175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes

gestiegen.

NEUE TRANCHE

Und Portugal? Dem Land gelang

es zwar dank umfangreicher

Sparmaßnahmen, die Neuverschuldung

2013 von 6,4 auf 4,9

Prozent vom BIP zu senken. Der

Staat ächzt jedoch immer noch

unter einer Schuldenlast von

213 Milliarden Euro, das sind

fast 130 Prozent des BIPs. Portugal

wartet schon auf die

nächsten Hilfskredite der Troika

aus EU, Europäischer Zentralbank

und Internationalem Währungsfonds.

Derzeit weilen Troika-Vertreter

im Land und prüfen

die Erfüllung der Sparauflagen.

Laufen die nach Plan, wird die

letzte Tranche an Hilfskrediten

in Höhe von 2,6 Milliarden Euro

an Portugal überwiesen.

Im Lichte dieser Zahlen verblasst

das Comeback an den Kapitalmärkten

ein gutes Stück.

Ich halte es mit meinen amerikanischen

Freunden und rufe den

internationalen Investoren zu:

„Don’t worry.“ Ihr kriegt euer

Geld auf jeden Fall zurück – notfalls

vom Steuerzahler.

NACHGEFRAGT Michael Hüther

»Steilere Zinsstruktur«

Der IW-Direktor erklärt, warum die Notenbanken

nicht allein für die niedrigen Zinsen

verantwortlich sind.

Herr Hüther, manche Ökonomen

erklären die aktuellen

Niedrigzinsen mit einem

weltweiten Überschuss der

Ersparnisse gegenüber den

Investitionen. Stimmt die Erklärung?

Zum Teil. Viele Unternehmen

haben in den Krisenjahren hohe

Ersparnisse gebildet, statt zu

investieren. Dadurch sind sie

bei der Finanzierung unabhängiger

geworden von den Kapitalmärkten.

Diese hohe Ersparnis

hat dazu beigetragen, die

Zinsen nach unten zu drücken.

Die Minizinsen, die wir derzeit

bei allen Laufzeiten sehen, sind

daher nicht nur auf die expansive

Geldpolitik zurückzuführen.

Fehlt es den Unternehmen an

Investitionsmöglichkeiten?

Derzeit sehe ich nicht die großen

Basisinnovationen, in die

viel Geld fließen könnte. Allerdings

heißt das nicht, dass wir

unter einer chronischen Investitionsschwäche

leiden. Es sind

ja nicht nur Basisinnovationen,

die Investitionen auslösen. Gerade

in Deutschland haben wir

eine Tradition der inkrementellen

Innovation. Das sind Neuerungen,

die Produkte und

Dienstleistungen im Detail verbessern.

In manchen Unternehmen

beruhen 70 Prozent des

Produktivitätszuwachses auf

solchen Innovationen. Auch

das löst Investitionen aus. Wir

sollten deutlicher erkennen,

dass es unterschiedliche Innovationssysteme

in den großen

Volkswirtschaften gibt; das eine

ist weder per se schlechter oder

besser als das andere.

Warum schwächeln die Investitionen

dann nahezu weltweit?

Nach dem Ausbruch der Finanzkrise

haben die Schwellenländer

einen großen Teil der

weltweiten Investitionen auf

DÜSSELDORFER IN KÖLN

Hüther, 52, ist Ökonom und

Direktor des Instituts der

deutschen Wirtschaft in Köln.

sich gezogen. Nun wird deutlich,

dass viele Länder unter

schlechter Regierungsführung,

Korruption, Verteilungskämpfen

und mangelhafter Infrastruktur

leiden. Das mindert die

Attraktivität für Investitionen.

Die Zeiten, als Investoren dort

blindlings ihr Geld anlegten

oder Fabriken errichteten, sind

vorbei.

Wie lange hält die Phase

niedriger Zinsen noch an?

In den USA sind die langfristigen

Zinsen am Kapitalmarkt

bereits gestiegen. Die etwas

steilere Zinsstruktur passt zur

Konjunkturerholung; in den

USA scheinen sich die Wachstumsraten

im Trend wieder

Richtung drei Prozent zu bewegen.

Europa hinkt beim Zyklus

noch hinterher. Die Inflationsrate

liegt hier unter einem Prozent,

und die Banken haben

noch etliche Problemfälle in ihren

Bilanzen. Die EZB wird daher

versuchen, durch das Versprechen

weiterhin niedriger

Leitzinsen die Kapitalmarktrenditen

unten zu halten. Letztlich

aber kann sich Europa dem

Aufwärtstrend der Zinsen, der

aus den USA kommt, nicht völlig

entziehen.

malte.fischer@wiwo.de

FOTOS: SASCHA PFLAEGING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PHOTOTHEK/UTE GRABOWSKY

34 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Der starke Euro belastet

den Export

Die Perspektiven für die deutsche

Ausfuhrwirtschaft haben

sich weiter eingetrübt. Der Indikator

für das Exportklima, den

das Münchner ifo Institut exklusiv

für die WirtschaftsWoche ermittelt,

sank im März von 0,22

auf 0,14 Zähler (siehe Grafik).

Dies war der vierte Rückgang in

Folge. Der Indikator bündelt

den realen Außenwert des Euro

sowie das Konsum- und Geschäftsklima

auf unseren wichtigsten

Absatzmärkten.

Ausschlagend für den jüngsten

Rückgang ist vor allem der

Aufwärtstrend des Euro gegenüber

dem Dollar, wodurch sich

die preisliche Wettbewerbsfähigkeit

deutscher Waren verschlechterte.

Der Kurs des Euro

liegt aktuell bei rund 1,38 Dollar,

vor einem Jahr waren es nur

um die 1,30 Dollar.

Auf das Exportklima drückt

aber auch die schlechtere Stimmung

der Unternehmen in China,

der zweitgrößten Volkswirtschaft

der Welt. Die Konjunktur

in diesem wichtigen Exportmarkt

schwächelt, in den ersten

drei Monaten des Jahres stieg

das chinesische Bruttoinlandsprodukt

(BIP) im Vergleich zum

Vorquartal nur noch um 1,4

Prozent. Der chinesischen Industrie

machen Überkapazitäten

zu schaffen, die Banken

verknappen zunehmend ihre

Kreditvergabe. Positive Impulse

Tendenz fallend

Exportklimaund Ausfuhren

kamen im März hingegen aus

den Niederlanden, unserem

viertwichtigsten Exportmarkt.

Haushalte und Betriebe waren

dort im März deutlich positiver

gestimmt als im Vormonat.

Insgesamt stiegen die realen

Ausfuhren deutscher Unternehmen

im Februar zwar gegenüber

dem Vorjahr noch mal

um 4,2 Prozent. Doch die Auslandsbestellungen

im verarbeitenden

Gewerbe fielen zugleich

um 2,1 Prozent. Unter dem

Strich sei „für das erste Quartal

von einem positiven, wenn

auch moderaten Anstieg der

deutschen Ausfuhr auszugehen“,

schreiben die ifo-Ökonomen

in ihrer Analyse für die

WirtschaftsWoche.

angela.hennersdorf@wiwo.de

0,25

1,5

0,20 1,0

0,15

Exportklimaindikator*

0,5

0,10

0

0,05

–0,5

0

–1,0

–0,05

–1,5

–0,10

Exporte (real, saisonbereinigt,

–2,0

Veränderung zum

–0,15

–2,5

Vorjahr in Prozent)

–0,20

–3,0

–0,25

2008 2009 2010 2011 2012 2013

–3,5

14

*Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten

sowie realer Außenwert des Euro (Indexpunkte);Quelle:ifo

Ifo-Index legt

wieder zu

Ukraine-Krise, zunehmende

Sorgen über die Konjunktur in

China, Schuldenkrise und Deflationsängste

in Europa – deutsche

Unternehmen lassen sich

von all dem nicht die Stimmung

verderben. Der ifo-Geschäftsklimaindex

ist im April – nach

einem Rückgang im Vormonat –

überraschend wieder um einen

halben Punkt auf 111,2 Punkte

gestiegen. Analysten hatten zuvor

mit einem weiteren Minus

gerechnet.

Die Unternehmen setzen darauf,

dass womöglich schlechtere

Geschäfte in Osteuropa und

in China durch die positive Entwicklung

zu Hause und in anderen

Auslandmärkten (etwa in

den USA) kompensiert werden.

Aufgehellt hat sich vor allem die

Stimmung im Großhandel. Nur

im Baugewerbe haben die Pessimisten

die Oberhand – trotz

anhaltend niedriger Zinsen und

steigender Immobilienpreise.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0.1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2896

478

29006

0,4

0,9

0,7

–2,4

0,1

3,0

0,8

0,9

–0,3

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

435

29381

IV/12 I/13 II/13 III/13 IV/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

–0,5

0,1

0,1

–0,3

–1,1

1,1

–1,6

–0,9

Dezember

2013

0,1

0,1

–1,2

–0,9

109,5

54,3

7,4

1,4

–0,5

–2,3

2955

442

29566

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,0

0,3

0,2

–1,4

–1,5

–0,9

–1,0

–0,5

Januar

2014

0,7

0,1

1,5

2,2

110,6

56,3

7,6

1,3

–1,1

–2,3

2928

443

29633

0,7

0,6

–0,4

0,5

1,7

1,6

2,4

1,9

Februar

2014

0,4

0,6

1,2

–1,3

111,3

54,8

8,2

1,2

–0,9

–2,7

2913

444


0,3

0,2

1,2

0,1

2,1

1,4

0,2

0,8

März

2014





110,7

53,7

8,5

1,0

–0,9


2901

445


0,4

–0,1

0,0

1,4

1,4

1,2

2,7

0,6

April

2014





111,2

54,2

8,5







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

1,3

1,0

1,0

0,0

3,2

2,1

4,1

2,7

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

6,2

7,3

1,9

4,6

6,7

12,7

41,7




–1,3

–1,3

1,4

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 35

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Der Volkswirt | Durchblick

Motor des Aufschwungs

KONSUM | Lange galt in Deutschland: Egal, wie gut die Wirtschaft

läuft, wer Geld hat, spart es. Das hat sich im aktuellen Aufschwung

geändert: Laut Sachverständigenrat wird der Konsum 2014

den größten Beitrag zum Wachstum liefern. Wo das Geld herkommt,

welche Branchen davon proftieren.

...und weniger gespart...

2008

SparquoteprivaterHaushalte in Prozent

2009

2010

11,5

10,9

2011

10,4

10,3

9,9

2012

2013

6

4

2

In Deutschland wird

mehr konsumiert...

GfK-IndikatorKonsumklima

0

2008 2009 2010 2011 2012 2013

...ohne dass sich die Menschen

öfter dafür verschulden.

Konsumentenkredite in Milliarden Euro*

171,2

177,6

184,1

185,5

183,7

175,2

PrivateKonsumausgaben

in Milliarden Euro

2008

2009

2010

2011

2012

2013

1390

1393

1435

1498

1534

1572

2008

2009

2010

2011

2012

2013

*preisbereinigt

...wenn auch auf einem vergleichsweise moderatem Niveau...

VergleichAnteilder Konsumausgaben am BIP

40,4

45,6

57,5

57,7

58,4

59,2

60,9

61,1

65,9

68,6

70,1

73,7

Griechenland

Niederlande

Norwegen

Deutschland

Frankreich

EU**

Spanien

Japan

Italien

USA

Türkei

Großbritanien

** Durchschnitt 28 Länder

36 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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...und immer mehr Verkaufsfläche entsteht...

VerkaufsflächeinMillionen Quadratmeter

119

120

120

121,5

122,4

122,1

2007

2008

2009

2010

2011

2012

...dennoch stagniert der Einzelhandel...

Umsatz im EinzelhandelinMilliarden Euro

...während der Internet-Handel profitiert.

Umsatz E-Commerce in Milliarden Euro

415 402 411

20,0

21,9 23,7 26,1

29,5

33,1

2008

2009 2010

421 429 433

2008 2009 2010 2011 2012 2013

2011

2012 2013

200,6

...und zugunsten einiger Produkte.

VeränderungKonsuminProzent 2005–2013

Dieunbeliebtesten:

86,4

Diebeliebtesten:

–15,6 –9,7 –6,1 –5,7

48,4

29,4

Tabak

Geschirr/

Besteck

Zeitungen/

Bücher

Schuhe

Telefongeräte

Computer/

Tablets

Brennholz/

Kohle

Hotels/

Ferienwohnungen

Quelle: HDI, Destatis, Gfk, VGR, OECD

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 37

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Mehrheit der Bevölkerung hält Steuerhinterziehung in Deutschland

zwar für einfach und weit verbreitet, nicht aber für ein Kavaliersdelikt. Die

Bundesbürger fordern von der Politik ein härteres Vorgehen gegen Steuersünder –

und schärfere Regeln für Selbstanzeigen. Von Renate Köcher

Der Hoeneß-Effekt

In der politischen Agenda,

die die Bundesbürger für

diese Legislaturperiode

aufstellen, spielt das Steuersystem

eine große Rolle. Der

großen Mehrheit geht es vor allem

um vier Ziele: die Vereinfachung

des Steuersystems, eine

Entlastung mittlerer und niedriger

Einkommen, die Abmilderung

der Steuerprogression und

die konsequentere Bekämpfung

von Steuerhinterziehung.

62 Prozent ist ein einfacheres

Steuersystem besonders wichtig,

66 Prozent die Entlastung

mittlerer und niedriger Einkommen,

53 Prozent eine abgemilderte

Progression. 63 Prozent

fordern, dass die Bundesregierung

Steuerhinterziehung

stärker ahnden sollte.

SPEKTAKULÄRE FÄLLE

Dieses Ziel steht schon seit Längerem

auf der politischen Agenda

der Bürger relativ weit oben.

Es hat aber durch spektakuläre

Fälle, die in der Öffentlichkeit

große Aufmerksamkeit fanden,

noch einmal an Bedeutung

hinzugewonnen. So hielten unmittelbar

vor Bekanntwerden

der Selbstanzeige von Uli Hoeneß

56 Prozent die Bekämpfung

der Steuerhinterziehung

für besonders wichtig – unmittelbar

danach waren es bereits

68 Prozent.

In diesem Zeitraum hat sich

auch die Einschätzung verstärkt,

dass man in Deutschland relativ

leicht Steuern hinterziehen

kann. Im März 2013 waren davon

46 Prozent der Bürger überzeugt,

zwei Monate später 54

Prozent. Aktuell glauben 55 Prozent,

dass es relativ leicht ist, die

eigene Steuerlast unrechtmäßig

zu verringern – und das ist quer

durch alle sozialen Schichten die

Mehrheitsmeinung.

Die überwältigende Mehrheit

hält Steuerhinterziehung auch

nicht für ein Delikt, das primär in

kleinen, besonders wohlhabenden

Bevölkerungskreisen vorkommt,

sondern für ein weitverbreitetes

Phänomen. 80 Prozent

der Bundesbürger gehen davon

aus, dass viele Menschen hierzulande

Steuern hinterziehen. Nur

13 Prozent glauben das nicht.

Das hat auch mit eigenen Erfahrungen

zu tun. Die Mehrheit der

Bürger hat im eigenen Umfeld

Leichte Übung...

Ist es in Deutschland relativ leicht

oder eher schwer, Steuern zu hinterziehen?

(Angaben in Prozent)

46

31

23

Relativ leicht

Eher schwer

54

Unentschieden,keine Angabe

26

20

3/2013 5/2013 4/2014

Quelle: Allensbacher Archiv

55

24

21

re 29 Prozent stehen Steuerhinterziehung

zwar ebenfalls sehr

kritisch gegenüber, vertreten aber

nicht die Auffassung, dass diese

unter keinen Umständen zulässig

sei. Jeder Fünfte hat mit der regelwidrigen

Verkürzung der Steuerlast

grundsätzlich nur begrenzt oder

keine Probleme.

Die unteren Einkommensschichten

tendieren überdurchschnittlich

dazu, Steuerhinterziehung rigoros

abzulehnen. So halten 57 Prozent

der Bezieher unterdurchschnittlicher

Einkommen Steuerhinterziehung

unter keinen Umständen für

...und weitverbreitet

Glauben Sie, dass Steuerhinterziehung

in Deutschland weitverbreitet

ist? (Angaben in Prozent)

Ja

7

Unentschieden,

keineAngabe

80

13

Nein

registriert, dass bei bestimmten

Leistungen bisweilen Wert darauf

gelegt wird, sie nicht durch Rechnungen

oder Verträge zu dokumentieren.

57 Prozent haben schon erlebt,

dass einzelne Handwerker

darum baten, eine Leistung ohne

Rechnung erbringen zu können. 53

Prozent berichten von ähnlichen

Erfahrungen bei Dienstleistungen

im Haushalt.

In solchen Fällen haben viele

Bürger teilweise durchaus Verständnis.

Der Kreis derjenigen, die

Steuerhinterziehung rigoros ablehnen,

macht 50 Prozent aus; weitezulässig,

von den Beziehern überdurchschnittlicher

Einkommen

sind es 43 Prozent.

Dabei ist zu berücksichtigen,

dass die Einstellung zur Steuerhinterziehung

auch von der jeweiligen

Höhe der Steuern und Abgaben beeinflusst

wird.Wer Steuern und Abgaben

als zu hoch kritisiert, misst

der Bekämpfung von Steuerhinterziehung

signifikant weniger Bedeutung

zu als Bevölkerungskreise, die

die vom Staat auferlegten Lasten

als angemessen empfinden.

Sobald es indessen um größere

Summen geht, plädiert die große

Mehrheit für eine harte Linie. In

diesem Zusammenhang unterstützte

die Mehrheit in den

vergangenen Jahren auch den

umstrittenen Ankauf von Steuer-CDs.

Das Gegenargument,

dass der Staat durch den Kauf

gestohlener Daten eine Straftat

belohnt, hat die meisten Bürger

nie sonderlich beeindruckt. Lediglich

20 Prozent hielten dies

für problematisch, während

zwei Drittel den Kauf befürworteten.

Auch in der aktuellen Debatte

um die Regelung der Selbstanzeige

votiert die Mehrheit

für ein hartes Vorgehen gegen

Steuerhinterzieher. Die Mehrheit

der Bürger hat damit Probleme,

dass die Selbstanzeige die

Möglichkeit eröffnet, gegen eine

Nachzahlung der Steuer und

einen Aufschlag straffrei zu

bleiben.

REGELN VERSCHÄRFEN

Wenn die Bundesregierung

diese Option beibehält, plädiert

die große Mehrheit für eine

Verschärfung der bestehenden

Regeln. 69 Prozent der Bundesbürger

halten dies für geboten

und fordern, die Strafzahlungen

für Steuerhinterzieher zu

erhöhen. Eine solche Regelung

verbindet das Interesse des

Staates, sich entgangene Steuergelder

aufgrund von Selbstanzeigen

zu sichern, mit der

Forderung der Mehrheit der

Bürger nach einer konsequenteren

Bekämpfung von Steuerhinterziehung.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin

des Instituts für Demoskopie

Allensbach und Mitglied

des Aufsichtsrates mehrerer

Dax-Unternehmen.

FOTO: PR

38 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Der Rastlose

LARS WINDHORST | Nach zwei Pleiten will das einstige Wunderkind der deutschen

Wirtschaft jetzt mit der Sapinda-Gruppe und einem prominent besetzten Netzwerk

langfristig und seriös in Unternehmen investieren. Viele der Beteiligungen

sind noch in der Gründungsphase. Sie bekämen wohl von keinem anderen Geld als

von Windhorst – ein Spiel mit hohem Risiko.

Lars Windhorst hängt in seinem

Stuhl. Die Arme über die Lehne

geklemmt, die obere Hälfte der

Krawatte hängt auf der linken

Seite seiner Brust, die untere auf

der rechten. Die Beine sind ausgestreckt.

Routiniert rattert der 37-Jährige herunter,

was er über die Rohstoffmärkte denkt, ob

Kohle, Öl oder Gas. Cool und lässig, als wäre

er schon ewig im Geschäft. Nach 15 Minuten

schaut er das erste Mal auf die Uhr.

Der Mann hat keine Zeit.

Windhorst will etwas Großes aufbauen.

Seine Unternehmen sollen in ihren Branchen

irgendwann zu den Top-Spielern gehören.

Die Sapinda Holding wächst in etwa

in dem Tempo, in dem Windhorst redet:

2011 betrug das Eigenkapital noch 18 000

Euro, im kommenden Quartal sollen es 210

Millionen Euro sein. Der Marktwert der Beteiligungen

liegt laut Windhorst bei 962

Millionen Euro und soll bis Ende des Jahres

auf 1,4 Milliarden Euro steigen.

Für 2014 will er an sich und die anderen

Sapinda-Teilhaber erstmals eine Dividende

ausschütten – dabei arbeiten die meisten

seiner Investments bislang noch nicht

profitabel. Das rasante Wachstum erstaunt

andere Finanzinvestoren, lässt sie aber

auch fürchten, ob das wirklich gut gehen

kann.

Der Name Windhorst steht für ein erstaunliches

Comeback oder zumindest

den Versuch eines solchen. Nach zwei

Pleiten will das einstige Wunderkind der

deutschen Wirtschaft, das als 19-jähriger

Jungunternehmer mit dem damaligen

Kanzler Helmut Kohl auf Reisen ging, jetzt

mit Sapinda und einem prominenten

Netzwerk eigene Unternehmen hochziehen.

Dafür hat er zum Beispiel den früheren

ThyssenKrupp-Vorstand Edwin Eichler

engagiert.

VOM ZOCKER ZUM UNTERNEHMER

Eines ist jedoch geblieben: Windhorst ist

ein Hochrisikospieler. Seine drei Hauptunternehmen

sind in der Aufbauphase. Ob sie

je erfolgreich sein werden, ist nicht absehbar.

Er leiht Unternehmen Geld, die wohl

anderswo keinen Cent bekommen würden.

Solche Kredite sind – wenn sie zurückgezahlt

werden – einträglich. Sapinda verlangt

Zinsen von bis zu zehn Prozent pro Jahr.

»

962 Millionen

Euro waren die Sapinda-

Beteiligungen Ende

2013 am Markt wert

405 Millionen

Euro Kapital hat Sapinda

in seine Beteiligungen

gesteckt

210 Millionen

Euro Eigenkapital soll die

Sapinda Holding im

nächsten Quartal haben

40 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Immer auf der Suche

Windhorsts Sapinda-

Gruppe investiert weltweit

und wächst rasant

FOTO: GÖTZ SCHLESER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 41

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Unternehmen&Märkte

»

Die Aktien seiner Beteiligungen haben

hohes Potenzial. Deshalb findet er auch –

zwei Pleiten zum Trotz – Co-Investoren.

„Wer zu Windhorst geht, will keine Bundesanleihe

kaufen“, sagt ein Frankfurter

Banker. Seine Strategie, auf Investments

mit hohem Chance-Risiko-Verhältnis zu

setzen, ist damit auf den ersten Blick logisch.

Aber genauso groß ist die Gefahr,

dass Windhorst im Drama seines Lebens

ein weiteres Mal scheitert.

Erster Akt: Windhorst ist 16 Jahre alt, als

er vom Elternhaus im ostwestfälischen

Rahden aus ein Unternehmen für Computerzubehör

aus Fernost aufbaut. Wohlhabende

Gönner wie Klinikbetreiber Ulrich

Marseille leihen ihm Millionen. 2004 geht

die Windhorst AG pleite, das Landgericht

Berlin verurteilt ihn wegen Untreue. Er

leistet einen Offenbarungseid. Marseille

nennt ihn nun einen Betrüger.

Zweiter Akt: Windhorst nimmt einen

neuen Anlauf mit der Investmentfirma Vatas.

Nachdem er bei der Nord/LB verschiedene

Aktienpakete geordert, aber nicht abgenommen

hat und die Bank ihn verklagt,

meldet er 2009 erneut Insolvenz an. Viele

der Investoren hätten ihm das nicht persönlich

übel genommen, sagt Windhorst,

da es in der Finanzkrise viele Investoren

unerwartet erwischt habe. Viele würden

heute wieder Geschäfte mit ihm machen.

WINDHORST UNTER KONTROLLE

Nun der dritte Akt mit der Vatas-Muttergesellschaft

Sapinda, die nicht von der

Pleite betroffen war. Während Vatas auf

Schwankungen an der Börse spekulierte,

soll Sapinda langfristig investieren und

hat bislang 405 Millionen Euro eingesetzt.

Mehr als die Hälfte steckt in drei Branchen:

Kohle, Öl und Gas, Agrar. Der Rest

wanderte in eine Vielzahl von Beteiligungen,

die Spanne reicht von Immobilien

und Medien bis hin zu elektronischen

Fußfesseln.

Oft organisiert Windhorst dafür sogenannte

Club Deals: Er hat nach eigener

Aussage einen Stamm von 100 Investoren,

die in Unternehmen einsteigen, in die

auch Sapinda investiert. Darunter sind

Größen wie die Fondsgesellschaft Fidelity.

Die Sapinda-Muttergesellschaft sitzt im

niederländischen Schiphol. Eigentümer

sind sechs Privatpersonen. Windhorsts

Anteil am Kapital liegt bei knapp über 50

Prozent. Wie er nach zwei Pleiten und Offenbarungseid

so schnell wieder zu Geld

gekommen ist, ist sein Geheimnis.

Der Rest verteilt sich auf den Banker Seok

Ki Kim, Berater Roland Berger und Silvio

Scaglia, einen reichen Italiener, zu dessen

Imperium das Dessous-Label La Perla

gehört. Hinzu kommt ein Unternehmer-

Ehepaar, das anonym bleiben möchte.

„Ich habe Herrn Windhorst anfangs

sehr skeptisch gesehen“, sagt Berger. „Er

hatte bei mir keinerlei Vertrauensvorschuss.“

Überzeugt habe ihn schließlich,

Windhorsts Netzwerk

Die wesentlichen Beteiligungen und Entscheidungsträger der Sapinda-Gruppe

Beirat Anteilseigner Beteiligungen

Hubertus

von Grünberg

(Ex-Continental-

Chef)

Roland Berger

(Unternehmensberater)

Martin

Richenhagen

(Agco-Chef)

Joachim

Hunold

(Ex-Air-Berlin-

Chef)

Georg Thoma

(Anwalt)

Kamal

Bahamdan

(Finanzinvestor)

berät

Lars Windhorst, Silvio Scaglia,

Seok Ki Kim, Roland Berger

und zwei unbekannte Personen

Sapinda Holding

Verwaltungsrat

Edwin Eichler

(Operativer

Vorsitzender)

Lars Windhorst

Hubertus

von Grünberg

(Ex-Continental-

Chef)

Georg Thoma

(Anwalt)

Anteile werden

indirekt gehalten

66 % 51% 54 %

Ichor Coal

(Kohle)

Amatheon Agri

(Agrar)

50 % 46%


Hoch hinaus Windhorst

will seine Unternehmen

zu den wichtigsten ihrer

Branche machen

dass Windhorst seine Fehler erkannt und

daraus Konsequenzen gezogen habe. Dazu

gehöre etwa, dass Sapinda anders als

Vatas keine One-Man-Show mehr sei.

So gehören dem Verwaltungsrat neben

Eichler zwei weitere Mitglieder an, die das

Tagesgeschäft führen. Bei den einzelnen

Beteiligungen sind weitere erfahrene

Manager tätig. Ex-Müller-Milch-Manager

Carl Heinrich Bruhn etwa führt die Agrarsparte.

REGIERT WIRD VON LONDON AUS

Windhorst beschäftigt sich vor allem damit,

potenzielle Ziele auszumachen und

Co-Investoren zu gewinnen. Er sitzt neben

Ex-Continental-Chef Hubertus von Grünberg

und dem Anwalt und Deutsche-Bank-

Aufsichtsrat Georg Thoma „nur“ als nichtoperatives

Mitglied im Verwaltungsrat.

Daneben gibt es einen Beirat, der bei

Personal- und Investitionsentscheidungen

mitredet. Auf dem Papier hat das Gremium

nur beratende Funktion. In der Praxis gehe

allerdings nichts ohne den Beirat, sagt Mitglied

Berger: „Ich hätte das Amt nicht übernommen,

wenn ich keine Entscheidungsrechte

hätte.“ Sapinda könne nicht riskieren,

dass ein Beirat ausscheide, weil er sich

nicht ernst genommen fühle, „das wäre

nicht förderlich für das Ansehen“.

Der größte Standort von Sapinda ist

London. Dort sitzen knapp 60 Mitarbeiter

im Nobelviertel Mayfair, der Hochburg

der europäischen Hedgefondsszene. Das

repräsentative Gebäude mit Glasfassade

»Wer zu Lars

Windhorst geht,

will keine Bundesanleihe

kaufen«

Ein Frankfurter Banker

und Atrium hat exklusive Herrenausstatter

als Nachbarn und wird flankiert von

Ausstellungsräumen der Edelgalerie

Hauser&Wirth. Kunstliebhaber Windhorst

(siehe Kasten Seite 45) hat es also

nicht weit, wenn er sich inspirieren lassen

will. „London ist in Europa alternativlos“,

sagt Windhorst. Die britische Hauptstadt

ist Drehscheibe und Treffpunkt für Investoren

aus Russland, China, Afrika oder

dem Nahen Osten. Daher kontrolliert

Eichler von hier aus seit Jahresbeginn die

Gruppe.

n Kohle. Vor knapp zweieinhalb Jahren

gründet Windhorst Ichor Coal mit Hauptsitz

in Berlin, registriert in den Niederlanden

und notiert an der Berliner Börse. Als

erste Akquisition kauft Ichor die Aktienmehrheit

an dem Berliner Kohlehändler

HMS Bergbau. Dessen Gründer Heinz

Schernikau wird Ichor-Chef. Der Kohlehandel

soll um eigene Minen in Asien,

Südafrika und Polen ergänzt werden. So

steht es im Ichor-Geschäftsbericht 2012.

Nicht mal ein Jahr später folgt die Rolle

rückwärts. HMS wird aus Ichor herausgelöst.

Schernikau geht. Windhorst will nun

doch lieber nur Minen in Südafrika und

nicht weltweit kaufen. „So haben wir das

Profil der Ichor geschärft. Das kommt bei

den Anlegern und an der Börse besser an“,

sagt er. Schernikau hielt es für wichtiger, zu

diversifizieren.

Windhorst ist immer noch mehr der Typ

Finanzinvestor mit Börsenblick, der

schnelle Erfolge will. „Geduldiger ist er in

den vergangenen Jahren nicht geworden“,

sagen Freunde wie Kritiker.

Ichor besteht nun aus einer Mehrheitsbeteiligung

an einer südafrikanischen Mine

und einer Minderheitsbeteiligung an einer

Holding, die Anteile an weiteren Minen

hält. 2013 lag der Verlust nach Steuern bei

10,3 Millionen Euro, was für die Aufbauphase

nicht weiter dramatisch ist.

Zu schaffen machen dürfte dem Unternehmen

die hohe Zinslast. 2012 hat Ichor

eine Anleihe über 80 Millionen Euro begeben

zu einem Zins von acht Prozent. 6,4

Millionen Euro jährliche Zinszahlungen

müssen erst mal verdient sein. 2013 kamen

weitere Anleihen im Umfang von 35 Millionen

Euro zu 6,5 Prozent Zinsen dazu.

Die Co-Finanzierung über Anleihen findet

sich bei vielen Windhorst-Firmen. Für

Sapinda hat sie den Vorteil, dass Kapital in

die Beteiligungen fließt, ohne dass Sapindas

Anteil an den Unternehmen verwässert

wird. Zeichnet Sapinda selbst einen

Teil der Anleihen, fließt zudem über die

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 43

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Unternehmen&Märkte

Gruben-Gold

Die Sapinda-Beteiligung

Ichor Coal reaktiviert in

Südafrika eine Kohlemine

»

Zinsen zügig Geld an Sapinda zurück.

Hinzu kommt, dass diese Struktur Börsengänge

erleichtert: Je geringer das Eigenkapital,

desto höher fällt die Eigenkapitalrendite

aus – eine wichtige Größe für Investoren.

Andererseits sorgt viel Fremdkapital dafür,

dass die Unternehmen schon in der

Aufbauphase mit hohen Zinskosten belastet

werden.

Ichor ist nicht chancenlos. Experten der

Internationalen Energieagentur gehen davon

aus, dass Kohle Öl schon in drei Jahren

als wichtigsten Energielieferanten ablösen

wird, weil die Nachfrage aus Schwellenländern

steigen dürfte. Dadurch steigt der

Preis aber noch nicht. Seit 2012 ist der Kohlepreis

unter Druck, weil infolge des Schiefergasbooms

Gas extrem billig geworden

ist und die USA daher ihre geförderte Kohle

auf den Weltmarkt geworfen haben.

n Agrar. Es braucht einigen Mut, um in

Afrika zu investieren – den haben deutsche

Unternehmen selten. Korruption, miserable

Infrastruktur und komplexe Stammesstrukturen

sind Gründe, weshalb sie dort

kaum eine Rolle spielen. Wohl auch deshalb

geht Windhorst rein. Er hält 51 Prozent

der Aktien an Amatheon Agri mit 300

Mitarbeitern und Hauptsitz in Berlin.

Das Unternehmen hat unter anderem

30 000 Hektar Land im politisch relativ stabilen

Sambia für mehrere Jahrzehnte gepachtet,

um Soja, Mais und Weizen anzubauen.

Hinzu kommen Rinderherden. Das

Land soll mithilfe einheimischer Farmer

»Windhorst wird

behandelt, als

hätte er einer Omi

die Rente geklaut«

Ein Finanzinvestor aus Frankfurt

beackert werden. Die Ernte soll in Afrika

bleiben: Amatheon setzt auf Wirtschaftswachstum

und damit auf eine wachsende

Käuferschicht für ihre Waren in Sambia

und den Nachbarstaaten.

30 Millionen Euro hat das Unternehmen

investiert in Land, Straßen und Bewässerungssysteme.

Vor einem Jahr wurde die

erste Ernte eingefahren. Amatheon ist bereits

an der Börse Euronext in Paris notiert.

Der Kurs hat sich binnen eines Jahres auf

2,1 Euro mehr als verdreifacht. Er ist allerdings

nur bedingt aussagekräftig, da der

Wert nur wenig gehandelt wird.

RASANTES WACHSTUM IN AFRIKA

In den kommenden fünf Jahren will Amatheon-Chef

Bruhn rund eine halbe Milliarde

Euro in weitere Projekte stecken. „Wir

bauen nicht nur Weizen an, sondern wollen

es in eigenen Mühlen auch zu Mehl

verarbeiten“, sagt Bruhn. Das Geld soll

über eine Kapitalerhöhung von 200 Millionen

Euro und Anleihen über 300 Millionen

Euro ins Unternehmen kommen, die zum

Teil von Sapinda gezeichnet werden sollen.

Aktuell hat sich Amatheon über Anleihen

mehr als 100 Millionen Euro bei Investoren

zu Zinssätzen zwischen 8,5 und 10,0

Prozent geliehen. Die hohen Zinsen belasten

auch hier die Bilanz.

Amatheon kann sich anders aber kaum

refinanzieren. Private Banken geben wegen

des Risikos ungern Kredite für Afrika-

Investments. Die bürokratischen Hürden

für Kredite von Entwicklungsbanken sind

hoch und mehr als zweistellige Millionenbeträge

in der Regel nicht zu bekommen.

In der Tat bleibt Afrika als Investitionsstandort

riskant. Kriege und Krisen haben

abgenommen, sind aber Teil der Realität.

Eigentumsverhältnisse von Land sind oft

umstritten oder können es rasch werden.

n Öl und Gas. Sequa Petroleum ist in den

Niederlanden registriert und hat seinen

Hauptsitz an der Londoner Sapinda-Adresse.

Windhorst hat das Unternehmen mit

dem heutigen Sequa-Chef Jacob Broekhuijsen

gegründet, der vom britischen

Energiekonzern BG kam. Sapinda hält 54

Prozent der Anteile, weitere 30 Prozent gehören

einer Privatfirma von Windhorst.

Vor Kurzem hat Sequa die Förderrechte

für ein Öl- und Gasfeld in Kasachstan

übernommen. Dieses umschließt das Karachaganak-Ölfeld,

eines der größten Ölfelder

der Welt. Studien nähren die Hoffnung

der Sequa-Manager, dass hohe Mengen

an Öl und Gas auch in den umliegenden

Gebieten zu finden sind. Spätestens

FOTO: PR, CORBIS/HOCH ZWEI

44 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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im Sommer soll die erste Bohrung erfolgen.

Die erforderlichen Genehmigungen

liegen vor.

Kasachstan bietet für einen autoritären

Staat ein hohes Maß an Rechtssicherheit.

Öl und Gas sind die wichtigsten Wirtschaftsgüter.

Viele Vorkommen sind noch

nicht erschlossen und ausländische Investoren

willkommen, Korruption ist allerdings

weit verbreitet: Kasachstan landet im

Korruptionsindex von Transparency auf

Platz 140 von 177 und liegt damit sogar

hinter Bangladesch.

Sequa hat hier bislang gut 100 Millionen

Euro investiert, die von Sapinda in Form

von Eigenkapital und Krediten kamen.

Spätestens 2015 soll das Unternehmen an

die Börse gehen.

n Finanzen. Sapinda hält knapp zehn Prozent

an dem in Luxemburg registrierten Finanzdienstleister

Anoa Capital. Weitere 25

Prozent gehören dem Sapinda-Verwaltungsrat

Peter Wiesing.

Die Verbindung zwischen Sapinda und

Anoa ist eng. Sapinda darf selbst keine Kapitalmarktprodukte

platzieren und braucht

hierfür einen Partner, der von einer Finanzmarktaufsicht

kontrolliert wird. Früher

hat diese Aufgabe häufig die deutsche

Quirin Bank übernommen und etwa die

Kapitalerhöhung von Ichor platziert. Heute

laufen solche Geschäfte in der Regel über

Anoa. Umgekehrt hilft Windhorst gegen

Gebühr beim Vertrieb, wenn Anoa eine Kapitalerhöhung

oder Anleihe eines anderen

Unternehmens platziert.

n Sicherheit. Secure Alert aus Salt Lake

City im US-Staat Utah verkauft elektronische

Fußfesseln für den Strafvollzug. Bis

2010 firmierte das Unternehmen unter

RemoteMDx. Es waren unter anderem Geschäfte

mit deren hoch volatilen Aktien, die

Vatas 2009 in die Insolvenz trieben.

Doch Windhorst kann die Finger nicht

von der Firma lassen. Sapinda ist mit 46

Prozent der größte Aktionär, obwohl das

Unternehmen jedes Jahr zweistellige Millionenverluste

verbucht, seit drei Jahren

mit steigender Tendenz. 2013 stand ein

Nettoverlust von 18 Millionen Dollar im

Buch bei nur 15,6 Millionen Dollar Umsatz.

Dennoch stellt sich Secure Alert als „führender

Anbieter“ dar und garnierte im März

den Kauf eines kleinen israelischen Unternehmens

mit der Aussage, dass damit der

„Expansionskurs fortgesetzt wird“. Der war

in den vergangenen Jahren jedoch ein

Schrumpfkurs. Teile des Unternehmens

wurden verkauft und die Belegschaft seit

2011 von 215 auf 98 Mitarbeiter zusam-»

SPONSORING

High-Society-Networking

Lars Windhorst und Sapinda haben Zugang zu einflussreichen Kreisen.

Geld und Glamour sind für die Formel 1

ebenso wichtig wie Motorsport-Romantik.

Neuerdings zählt auch Sapinda zu den Unternehmen,

die sich von dem schnellsten

Wanderzirkus mehr Aufmerksamkeit und

ein besseres Image versprechen. In der

laufenden Saison sponsert die Investmentholding

das Red-Bull-Schwesterteam Toro

Rosso, das dem österreichischen Brausehersteller

Dietrich Mateschitz gehört. In

der vergangenen Saison landete das Team

abgeschlagen auf dem 8. Platz. Das Sapinda-Logo

prangt auf den Overalls der beiden

Fahrer Jean-Éric Vergne und Daniil

Kwjat sowie ihrer Mechaniker. Zu sehen ist

es auch auf den Seitenspiegeln und Vorderflügeln

der zwei Boliden des italienischen

Rennstalls. Sapinda soll dafür Branchenkreisen

zufolge zehn Millionen Dollar

im Jahr springen lassen.

PROMI-PARTY IN LONDON

Auch in der Kunstszene ist Windhorst unterwegs.

In London lassen sich nützliche

Kontakte mit Mitgliedern des internationalen

Jetsets, der Hochfinanz sowie den Top-

Etagen von Wirtschaft und Politik knüpfen.

Ein Platz auf der Gästeliste der Sommerparty

der Serpentine Gallery in Kensington

Gardens gilt als begehrtes Statussymbol.

Windhorst sitzt im Beirat der Galerie, deren

Co-Direktorin Julia Peyton Jones als

gute Bekannte von Windhorsts Geschäftspartner

Robert Hersov gilt. Windhorst und

seine Frau Tatiana gehören außerdem zu

den fünf Gründungsschirmherren, die einen

Teil der Kosten für den 14,5 Millionen

Pfund teuren Umbau eines ehemaligen

Munitionsdepots spendeten, das heute als

Serpentine Sackler Gallery ein zweites

Ausstellungsgebäude bildet.

Am Galadinner zur Eröffnung des neuen

Kunsttempels, der von der Stararchitektin

Zaha Hadid entworfen wurde, nahmen im

September 2013 zahlreiche Hochkaräter

teil, darunter Finanzminister George Osborne

sowie die Schwägerin von Prinz William,

Pippa Middleton, New Yorks Ex-Bürgermeister

Michael Bloomberg und der

russische Oligarch Roman Abramowitsch

mit Freundin Dascha Zukowa. Die Gästeliste

zeigt, wie weit der Geschäftsmann

aus der westfälischen Kleinstadt Rahden,

der in den letzten Jahren seine Liebe zur

modernen Malerei entdeckte, es in der gesellschaftlichen

Hierarchie inzwischen gebracht

hat. Ausgerichtet hatte die Edelparty

das Glamour-Magazin „Vanity Fair“.

Sapinda betätigt sich außerdem als Mäzen

für aufstrebende Künstler, indem sie im

Lifestyle-Magazin „Sleek“ eine Bilderstrecke

finanzierte. Windhorst selbst ist Fan

des deutschen Malers Frank Thiel. Im Foyer

seines Londoner Büros hängt eine großformatige

Version seines Werks „Berlin“.

Darüber hinaus wird Windhorst in den

britischen Medien mit einer Spende für

die konservative Partei von Premier David

Cameron in Verbindung gebracht. So berichtete

der „Daily Telegraph“ Ende Mai

2010, also kurz nach Amtsantritt Camerons,

der Deutsche habe 10000 Pfund

gespendet. Dies verschafft ihm Zugang

zum sogenanntem „Number 10 Club“

und bietet ihm damit die Gelegenheit, vier

Mal im Jahr eine „auserwählte Gruppe

hochrangiger Abgeordneter“ zu treffen.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

Rasant unterwegs Sapinda sponsert neuerdings den Formel-1-Rennstall Toro Rosso

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 45

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Unternehmen&Märkte

Prinzip Hoffnung

Sequa Petroleum

will nach Öl bohren

»

mengestrichen. „Trotzdem haben wir

uns entschieden, vor allem durch Umstrukturierungen

und auch weitere Investitionen

Secure Alert doch noch voranzubringen“,

sagt Windhorst. Mittlerweile erwirtschafte

das Unternehmen operativ einen

Gewinn.

NEUER ÄRGER FÜR WINDHORST

In den vergangenen zwei Jahren überschüttete

er das latent insolvenzgefährdete

Unternehmen mit Millionenkrediten zu einem

Zinssatz von acht Prozent. Bedingung

war allerdings, dass Sapinda das Management

neu besetzen durfte.

So ist seit Februar 2013 der Schweizer

Guy Dubois Chef von Vorstand und Verwaltungsrat.

Er kommt vom Schweizer Caterer

Gategroup, den er 2011 verließ, nachdem

dort Millionenbetrügereien einer

Mitarbeiterin aufgeflogen waren. Die Züricher

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen

Dubois wegen möglicher Beteiligung. Vorübergehend

saß er in Untersuchungshaft.

Verwaltungsratsmitglied René Klinkhammer

arbeitete früher für Sapinda und

ist gegenwärtig Chef für Kreditvergabe bei

der Sapinda-Beteiligung Anoa Capital.

Die Windhorst-Clique bewog Secure-

Alert-Verwaltungsrat Larry Schafran 2013

zum Rückzug. „Sapinda ist im Begriff, die

Kontrolle zu übernehmen“, schrieb er am

31. Januar in einem Brief an den damaligen

Verwaltungsratschef. Das sei bedenklich,

denn: „Die Schwierigkeiten in den vergangenen

Jahren wurden vor allem dadurch

»Lars Windhorst

hatte bei mir

keinerlei Vertrauensvorschuss«

Beraterlegende Roland Berger

verursacht, dass Sapinda seine finanziellen

Zusagen nicht rechtzeitig einlöste.“

Die Kreditverträge seien einseitig zum

Vorteil von Sapinda und unrechtmäßig zustande

gekommen, weil sie mit den Stimmen

von Sapinda-Vertretern im Verwaltungsrat

beschlossen worden seien. Klinkhammer

und Dubois hätten sich bei den

Abstimmungen enthalten müssen. „Ich

habe mit einer Mehrheit des angeblich unabhängigen

Verwaltungsrates Meinungsverschiedenheiten

über Corporate Governance,

Transparenz und Insidergeschäfte“,

schreibt Schafran. Windhorst wollte hierzu

keine Stellungnahme abgeben.

Eine Secure-Alert-Aktionärin, die als klagefreudig

bekannt ist, wirft Windhorst zudem

vor, mit Aktiengeschäften Gewinne von

6,4 Millionen Euro gemacht zu haben, die

ihm nicht zustünden. Sie beruft sich auf eine

Vorschrift im US-Aktienrecht, wonach Großaktionäre

Gewinne mit Aktien ihres Unternehmens

nicht für sich behalten dürfen,

wenn Käufe und Verkäufe binnen eines halben

Jahres stattfanden. Die Aktionärin hat

Klage am Bezirksgericht des US-Staates New

York eingereicht. Windhorst hält die Klage

für unbegründet, da sie auf falschen Behauptungen

beruhe, will sich wegen des

laufenden Verfahrens aber nicht im Detail

äußern.

n Medien. Sapinda ist mit 22 Prozent an

RNTS Media beteiligt, das unter anderem

Spiele für Smartphones anbietet. Das Unternehmen

mit Hauptsitz in Berlin existiert

seit zwei Jahren und ist komplett abhängig

von Windhorsts Geldspritzen. Ende 2012

schuldete RNTS Windhorst 2,3 Millionen

Euro. Sapinda war selbst nur mit Überbrückungskrediten

zwischen 120 000 und

350 000 Euro dabei, die mit bis zu zwölf

Prozent happig verzinst waren. Zudem garantiert

Sapinda für Verbindlichkeiten von

RNTS. Die lagen Ende 2012 bei 6,2 Millionen

Euro. Dem standen Vermögenswerte

in Höhe von nur 6,9 Millionen gegenüber.

Das erste Geschäftsjahr verlief nicht gerade

nach Plan: RNTS hatte die Lizenz an

einem Rollenspiel gekauft, es aber nach einem

halben Jahr mangels Erfolg wieder

vom Markt genommen. Zudem verzögert

sich der Aufbau eines eigenen App-Stores.

Der Verlust lag 2012 bei 2,6 Millionen

Euro. Trotz mangelnden Erfolgs ging das

Unternehmen Anfang 2013 an die Luxemburger

Börse. Im August wurde der Handel

ausgesetzt, weil RNTS bis dahin keinen testierten

Jahresabschluss publiziert hatte.

Zu den kleinen Medien-Investments gehört

Senator Entertainment, an der Sapin-

FOTO: PR

46 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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da sieben Prozent hält. Senator ist hauptsächlich

ein Filmverleih. Das Geschäft ist

volatil und Senator klein. Ein einziger Erfolg

oder Misserfolg schlägt auf das Ergebnis

durch. 2012 endete mit einem Nachsteuer-Gewinn

von 4,6 Millionen Euro –

dank des Kassenschlagers „Ziemlich beste

Freunde“. Im ersten Halbjahr 2013 fiel ein

Verlust von 83 000 Euro an.

2011 zeichnete Sapinda eine Senator-

Anleihe in Höhe von zehn Millionen Euro.

n Spiele. Azubu Europe sitzt in Berlin, an

derselben Adresse wie Sapindas Deutschland-Tochter.

Das Unternehmen wurde

Ende 2011 gegründet und überträgt Computerspiel-Wettbewerbe

im Internet. Bei

azubu.tv sieht man Jugendliche, die gegeneinander

zocken. Die Werbeindustrie

scheint es gut zu finden: Autohersteller Kia

schaltet Spots, genauso wie der Versicherungskonzern

Axa.

Azubu-Chef Ian Sharpe verspricht einen

rasanten Wachstumskurs: „Es wird viele

aufregende neue Kanäle und Veränderungen

geben.“ Finanziert wird das über eine

Kapitalerhöhung von 34,5 Millionen Euro,

die vor allem von Sapinda gezeichnet wird.

Dem Finanzinvestor werden dann knapp

50 Prozent an dem Unternehmen gehören.

n Immobilien. Grand City Properties ist in

Luxemburg registriert und an der Frankfurter

Börse gelistet. Das Unternehmen kauft

nach eigener Darstellung „Immobilien mit

hohem Optimierungspotenzial in Deutschland“

– im Klartext: heruntergekommene

Buden, aus denen viele Mieter

geflüchtet sind. Man wolle die

Häuser herrichten, um so wieder

Mieter anzulocken.

Grand City bekommt die Immobilien

zum Schnäppchenpreis.

Weil sofort und stetig Mieten

hereinkommen, lassen sich zunächst

ansehnliche Renditen erwirtschaften.

Allerdings gab Grand City 2013 für Instandhaltungsmaßnahmen

lediglich 5,5

Euro pro Quadratmeter aus. Eine Investitionsquote

in der Größenordnung reiche in

der Regel nicht aus, um den Wert der Immobilien

zu erhalten, sagt Stefan Kofner,

Professor für Immobilienwirtschaft an der

Hochschule Zittau. Üblicherweise seien

mindestens zwölf Euro pro Quadratmeter

nötig. So wird der Zustand der Immobilien

für Grand City langfristig zum Problem.

An einem Kölner Portfolio hat sich gar

SAP-Gründer Hasso Plattner beteiligt. Im

Herbst 2012 kaufte eine seiner Gesellschaften

50 Prozent der Anteile, reichte

Fotos

In der App-Ausgabe

finden Sie an

dieser Stelle

Windhorsts

Karriere in Bildern

aber schon wenige Monate 18,75 Prozent

an Grand City zurück. Zu den Gründen

sagt Plattners Vermögensverwalter nichts.

Grand City hat auch dank Sapinda jede

Menge Geld in der Kasse. Allein 2013 gab

es zwei Kapitalerhöhungen im Umfang

von 211 Millionen Euro. Zudem platzierte

Grand City Anleihen über 200 Millionen

Euro zu einem Zins von 6,25 Prozent und

in diesem Jahr noch mal eine Wandelanleihe

über 150 Millionen Euro. Einen

Teil davon übernahm Sapinda. Der Anteil

der Grand-City-Aktien im Sapinda-Depot

ist mit fünf bis zehn Prozent allerdings

gering.

Mit all diesen Projekten will Windhorst

der Welt beweisen, dass er ein erfolgreicher

Unternehmer ist und seinen Ruf als

Pleitier loswerden. Das dürfte allerdings

noch einige Zeit dauern. Bei der Deutschen

Bank und der Commerzbank steht

sein Name immer noch auf der Liste derjenigen,

mit denen man keine Geschäfte

macht – auch wenn beide Institute dies offiziell

nicht bestätigen. „Wir würden angesichts

des Rufes, der ihm vorauseilt, sehr

vorsichtig sein, mit ihm Geschäfte zu machen,

und uns vorher von der Compliance-Abteilung

beraten lassen“, sagt auch

ein Londoner Mitarbeiter einer großen Investmentbank.

„Er wird behandelt, als hätte er einer

Omi ihre Rente geklaut“, sagt ein Finanzinvestor

aus Frankfurt. „Aber das hat er ja

gerade nicht.“ Seine Investoren hätten genau

gewusst, was sie taten. Natürlich

mache er Geschäfte mit

„dem Lars“. Aber seinen Namen

in der Zeitung lesen will er nicht

– eine typische Reaktion.

Windhorst selbst vermittelt

den Eindruck, als kratze ihn das

nicht sonderlich. In seinem Umfeld

dagegen heißt es, dass er darunter

leide, ihn die Ablehnung

aber auch antreibe.

„Ich mache mir täglich Notizen in meinem

Kalender“, sagt Windhorst. „Ein Plus-

Zeichen setze ich hinter einen positiven

Tag, einen Tag, an dem ich überwiegend

Glücksgefühle hatte, die Arbeit Spaß gemacht

hat. War es dagegen eine schlechtere

Performance, gab es mehr enttäuschende

Erlebnisse, mache ich ein Minus.“

Seit sein Arbeitspensum stetig zugenommen

habe, „ist auch die Zahl der

Plus-Zeichen enorm gestiegen“.

n

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt,

yvonne esterhazy | London, martin seiwert | New York,

andreas wildhagen, florian willershausen

PRIVATINVESTMENTS

Kampfsport

und OP-Geräte

Bei welchen Unternehmen

Windhorst nebenher mitmischt.

Auf dem Shirt prangt ein goldener Totenkopf.

Ulf Fritzmann umkreist seinen

Gegner: Anakonda oder Guillotine heißen

die Griffe beim sogenannten

Grappling, die Kämpfe sehen aus wie

ein Mix aus Judo und Ringen. Fritzmann

tritt bei Grappling-Turnieren an, betreibt

das Fenriz Trainingszentrum in Berlin

und ist einer der Geschäftspartner von

Lars Windhorst.

TRAININGSPARTNER IN BERLIN

Über die Verwaltungsgesellschaft Luton

hat sich Windhorst an dem Zentrum beteiligt.

Fritzmann ist Sportwissenschaftler

und soll früher der Fitnesstrainer von

Windhorst gewesen sein. Im März 2010

hat er Fenriz gegründet. Anfangs war

der Berliner Rechtsanwalt, Windhorst-

Intimus und Sapinda-Deutschland-

Statthalter Michael Naschke Co-Gesellschafter,

später stieg die Luton

Verwaltungsgesellschaft ein, bis Ende

2013 im direkten Besitz von Windhorst.

Seither führt das Berliner Handelsregister

die Luxemburger Centrics Holding

als Eigentümerin. Bei den Luton-Beteiligungen

soll es sich aber weiter um Privatinvestments

von Windhorst handeln.

MEDIZINTECHNIK IN JENA

Auch ein anderes Projekt ist eher ein

Nebenerwerb. Luton hält 49 Prozent an

Avateramedical. Das Jenaer Unternehmen

entwickelt, produziert und vertreibt

„Geräte der medizinischen Operationstechnik“,

ob Tupfer und Scheren

oder medizinisches High-Tech-Equipment,

lässt die Homepage offen, eine

Anfrage blieb unbeantwortet. Beteiligt

ist neben Luton und zwei Urologen Hubertus

von Grünberg. Bis 1999 war er

Chef des Autozulieferers Continental,

heute ist er Aufsichtsrat der Deutschen

Telekom und leitet den Verwaltungsrat

des Schweizer Energietechnikriesen

ABB. Auch bei Sapinda ist von Grünberg

dabei – als Beiratsvorsitzender.

henryk.hielscher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 47

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Unternehmen&Märkte

Begehrte Paula

Nachbau einer

Gibson Les Paul aus

dem Jahr 1959

König des

Rock’n’Roll

GIBSON | Ein Ex-Investmentbanker

verwandelte den Gitarrenhersteller vom

Pleitekandidaten zum profitablen Milliardenkonzern.

Nun soll daraus eine Lifestyle-Marke

für Musikfreunde werden.

48 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Eine wüst tätowierte Core-Metal-Band

lärmt grunzend gegen den leichten

Jazz-Funk der Jamiroquai Groove

Section und den Krach von Akrobaten auf

knatternden Motorrädern, die nebenan

weitere Gitarren während einer halsbrecherischen

Fahrt auf einer senkrechten Steilwand

stimmen. Jedes Frühjahr wird mit der

Leistungsschau der Musikinstrumentenbranche

aus dem Gelände der sonst von

Anzugträgern dominierten Frankfurter

Messe vier Tage lang ein Inferno aus Radau

und trinkfreudigen Gesellen mit langen

Haaren in blutrünstigen T-Shirts.

Aber nur fast. Denn mitten in der Musikmesse

genannten Veranstaltung hockt ein

hagerer 60-Jähriger mit Krawatte und einem

graugrünen Hemd: „Wie, ich rocke

nicht“, entrüstet er sich über die Kritik an

seinem Outfit. Er kramt eine fast zu den

Ohren reichende Sonnenbrille aus seinem

Aktenkoffer, verzieht die Lippen wie der legendäre

Elvis Presley oder Skandalpunker

Billy Idol und fragt mit knarzender Stimme.

„Wer ist der König des Rock’n’Roll, Baby?“

Klare Antwort: Er, Henry Juszkiewicz,

Chef und Inhaber einer Legende: Gibson.

Die vor 120 Jahren gegründete Firma baut

Les Paul, die wohl wichtigste elektrische

Gitarre. Von Fans „Paula“ getauft, hat sie

seit 60 Jahren wohl jeder Rockstar gespielt.

Henry, wie ihn die Branche nennt, ist

selbst eine Legende. Der Mann mit zwei Ingenieurdiplomen

und dem MBA der Harvard

Business School rettete 1986 die von

Schlampereien gebeutelte Firma aus

Nashville im US-Bundesstaat Tennessee.

Während der Umsatz mit Musikinstrumenten

weltweit stagniert, wuchs Gibson

um bis zu 20 Prozent pro Jahr von rund 100

Millionen Dollar Umsatz im Jahr 1986 zum

Visionär mit Krawatte

Gibson-Inhaber Juszkiewicz

weltgrößten Musikalienkonzern mit einer

Milliarde Umsatz und rund zehn Prozent

operativer Marge.

Juszkiewicz zeigt, wie schwierige Branchen

gegen den Trend wachsen können:

durch Innovationen bei Produkten, die eigentlich

als technisch ausgereizt gelten.

„Henry ist der wichtigste Visionär der Industrie“,

sagt Hans Thomann, dessen Musikhaus

Thomann aus dem fränkischen

Burgebach Europas größter Instrumentenhändler

ist. Jetzt plant der Gibson-Guru

den nächsten Schritt: Mit Unterhaltungselektronik

soll der Gitarrenbauer zu einer

Lifestyle-Marke werden.

KÄLTESCHOCK FÜR DIE BÜNDE

Fast wäre es ganz anders bekommen. Der

in Argentinien als Sohn polnischer Einwanderer

geborene Juszkiewicz hatte nach drei

Jahren als Mittelstandsspezialist der New

Yorker Investmentbank Niederhoffer, Cross

and Zeckhauser mit zwei Harvard-Zimmergenossen

1981 ein kleines Ingenieurunternehmen

übernommen. Nachdem das wieder

Gewinn macht, bot ihm ein Ex-Kollege

einen prominenten Pleitekandidaten an:

Gibson. Alteigentümer Norlin, ein etwas

wirres Konglomerat aus Brauereien und Instrumentenbau,

hielt Gibson angesichts

des Siegeszugs von Synthesizern in den

Achtzigerjahren für kaum überlebensfähig.

Um dennoch möglichst viel Geld zu verdienen,

sparte Norlin an der Qualität. „Der Ruf

war mäßig“, erinnert sich Thomann.

Juszkiewicz sah darin seine Chance. „Bewährte

Dinge haben immer einen Markt,

wenn man es richtig macht“, sagt der

Hobbygitarrist. Nach zehn Monaten Gesprächen

mit dem Management und den

Arbeitern in den Fabriken, kratzte er sein

Vermögen zusammen und schlug mit seinem

Freund David Berryman für angeblich

fünf Millionen Dollar zu. „Ich wollte nicht

schuld sein am Untergang einer US-Ikone“,

so Juszkiewicz heute. „Zumal ich eine Idee

hatte, was Gibson brauchte.“

Zuerst strichen die Partner – ganz Investmentbanker

– 20 der 100 Stellen. Dann

trimmten sie die Produktion auf Qualität

und verschenkten die neuen Paulas, SGs

oder pfeilförmigen Flying Vs an prominente

Musiker, auf dass diese durch viele Auftritte

und mit dem Siegeszug des Internets

auch auf Online-Workshops für das

Klampfenimperium warben.

Anschließend kaufte Gibson wie zuvor

der ebenso legendäre Gitarrenbauer Fender

andere Not leidende Unternehmen der

Branche. „Wir wollten groß genug sein für

einen weltweiten Vertrieb“, so der Chef-Gitarrist,

„so konnten wir ohne teure Zwischenhändler

direkt an Musikhäuser verkaufen

und bekamen ungefiltert deren

Meinung zu unseren Produkten.“

»

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/ALAMY, GETTY IMAGES/CHICAGO TRIBUNE, PR

Mehr als Saiten

Die Unternehmen der Gibson-Gruppe.

GITARREN

Saiteninstrumente sind das

größte Geschäftsfeld. Am bekanntesten

sind die klassischen

elektrischen Gitarren ohne

Klangkörper wie die Les Paul

sowie die leichten Hard-Rock-

Gitarren Flying V und SG, die

Gibson auch in Sammlereditionen

mit ungewöhnlichen Farben

und Hölzern baut. Dazu kommen

Instrumente wie die halbakustische

ESS-335 mit einem kleinen

Klangkörper. Über die Jahre

sind fast ein Dutzend anderer

Gitarrenfirmen dazu gekommen

wie die preiswerte Marke

Epiphone, die wild designten

Kramer oder die aufwendigen

Valley Arts. Dazu kommen akustische

Instrumente wie Mastertone

Banjos und Dobro, die vor

allem in der Country- und Bluegrass-Musik

genutzt werden.

ESS-335

Flying V

Banjo

ZUBEHÖR

Hier baut Gibson die Goldtone-

Verstärker und die Maestro-

Effektgeräte, die den Klang der

E-Gitarren verändern. Im vergangenen

Jahr begann die Serienproduktion

des Stimm-Systems

Min-E-Tune, das die Gitarre automatisch

stimmt. Seit dem Kauf

der Kramer-Gitarren baut Gibson

außerdem das Kontrollgerät für

das Computerspiel Guitar Hero.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 49

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Unternehmen&Märkte

»

Zum inzwischen gut 100 Marken starken

Portfolio zählen Gitarren- und Klavierbauer

sowie Hersteller von Elektronik und

DJ-Zubehör (siehe unten). Juszkiewicz verzichtete

aber darauf, die Fertigung zu zentralisieren:

„Wie ein Steakfan erkennt, wenn der

Falsche sein T-Bone gegrillt hat, merkt ein

Gibson-Gitarrist, wenn sein Instrument aus

einer anderen Fabrik kommt.“ Stattdessen

beschränkt sich Gibson darauf, neue Technologien

allen Töchtern

zugänglich zu machen.

Fotos

In unserer App-

Ausgabe zeigen

wir die Stars,

die eine Gibson

spielen

Die gibt es reichlich,

vor allem aus Deutschland.

So verbaut Gibson

als Erster die selbststimmenden

Mechaniken

der Hamburger

Tronical Components.

Dank der Plek-Maschinen

von A+D Gitarrentechnologie platziert

er die Bünde und Saitenhöhe präziser als jeder

andere. Dazu macht ein Kälteschock von

mehr als minus 200 Grad die Bünde deutlich

widerstandsfähiger als üblich.

BEGEHRTE EINZELSTÜCKE

Gleichzeitig baute Juszkiewicz seinen eigenen

Premiumbereich auf. „Wie bei Wein

oder Autos gibt es auch bei Gitarren

Sammler, die haben wollen, was nicht jeder

hat – egal, was es kostet“, so der Gibson-

Chef. Weil Liebhaber oft mehrere Hunderttausend

Dollar für seltene oder von Rockgrößen

wie Keith Richards von den Rolling

Stones gespielte Gitarren zahlen, baut Gibson

ausgefallene Modelle. Dazu zählen

zum Beispiel die Double Diamond Serie

zum 120. Geburtstag für bis zu 40 000 Dollar

oder speziell nach Kundenwünschen

konstruierte Einzelstücke, die auch mal

Banjos und

Bierbrauer

Die Geschichte der Gibson Gruppe.

z 1894 Orville Gibson

verkauft seine erste

Mandoline in Kalamazoo,

Michigan, und

gründet 1902 mit

Investoren die Gibson

Mandolin-Guitar Ltd

z 1936 Vorstellung der

ersten E-Gitarre ES-150

z 1944 Verkauf an die Chicago Musical

Instruments (CMI)

z 1952 Premiere der Les-Paul-Gitarre,

designt vom gleichnamigen Musiker

z 1969 CMI fusioniert mit dem Braukonzern

FCL aus Ecuador zu Norlin

z 1974 Umzug nach Nashville,

Tennessee, bis heute Firmensitz

z 1986 Weil Gibson im Boom elektronischer

Musik keine Neuerungen bietet,

droht die Pleite. Der Investmentbanker

Henry Juszekiewicz führt das Gitarrengeschäft

als Gibson weiter

z 2009 Wegen Nutzung angeblich verbotener

Tropenhölzer droht das Aus.

Die Ermittlungen enden 2012 mit einer

Strafzahlung über 350 000 Dollar

z 2011 Mit dem Kauf von Stanton

ergänzt Gibson sein Geschäft um Lautsprecher

und Plattenspieler für DJs

z 2012 Durch Beteiligung am japanischen

Hi-Fi-Hersteller Onkyo steigt Gibson

ins Geschäft mit Stereoanlagen ein

mehr als 100000 Dollar kosten können und

bei denen häufig bis zu einem Drittel des

Preises als Gewinn in der Kasse bleibt.

Weil der Instrumentenbau aber trotz aller

Anstrengungen immer weniger wächst,

will Juszkiewicz den Glanz der Legende

nutzen und Gibson zur Lifestyle-Marke

ausbauen. „Wir werden Marktführer bei allem,

was mit Musik zu tun hat“, formuliert

er sein ehrgeiziges Ziel. „Mit Instrumenten

erreichen wir einen von 20 Menschen, mit

Musik alle 20“, sagt Juszkiewicz.

Dafür hat sich Gibson im vorigen Jahr

am japanischen Hi-Fi-Hersteller Onkyo

beteiligt: Neben Stereoanlagen für Autos

sollen künftig bessere und vor allem auf die

persönlichen Bedürfnisse der Hörer abgestimmte

Systeme angeboten werden. Mit

der neuen Technik soll Musik wieder zu einem

Gemeinschaftsevent werden – statt zu

einem Erlebnis, das jeder für sich unter einem

Kopfhörer genießt. Dazu will Gibson

auch die Plattenfirmen an Bord holen. „Bis

jetzt arbeiten die Branchen nebeneinander

her, obwohl sie doch alle die gleichen Kunden

haben“, sagt Juszkiewicz.

Noch sind vor allem seine bisherigen Partner

aus dem Instrumentenhandel skeptisch,

ob das neue Konzept am Ende aufgeht oder

ob der Gitarren-Guru sich mit seinem Anspruch

verzettelt. „Henry hat viele legendäre

Marken, etwa die Slingerland-Schlagzeuge,

verschlissen, weil er mit seiner Ungeduld

und der Abneigung gegen Details zu schnell

zu viel auf einmal will“, so ein Geschäftspartner.

„Doch am Ende ist es für unsere Branche

wohl besser, einer schießt mal über das

Ziel hinaus, als dass wie bei anderen Herstellern

risikoscheue Controller nur den Ist-

Zustand immer weiter optimieren.“ n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Baldwin-Klavier

Wurlitzer-Jukebox

Memory Cable

TASTENINSTRUMENTE

1969 bis 1986 gehörte zur

Firmengruppe um Gibson der

legendäre Synthesizer-Pionier

Moog. 2001 kaufte der Konzern

den Konzertflügel-Produzenten

Baldwin sowie Wurlitzer, bekannt

für Theaterorgeln, elektrische

Klaviere und Musikboxen.

AUDIO-SPARTE

Die seit 2011 aufgebaute ProAudio-Sparte

verkauft Cerwin-

Vega!-Lautsprecher mit einem

besonders vollen Sound für Privatpersonen

und Konzerthallen

sowie KRK-Studio-Lautsprecher

mit einem neutralen Klang. Dazu

baut die Tochter Stanton für

Diskjockeys Plattenspieler, CD-

Player, Mischpulte und Kopfhörer.

Über die Beteiligung am

japanischen Hi-Fi-Produzenten

Onkyo baut Gibson Stereoanla-

gen für Privatkunden und künftig

auch für Autos. Jüngster Zukauf

war 2013 TEAC aus Japan,

bekannt für hochwertige Hi-Fi-

Geräte und professionelle Tonstudio-Elektronik

unter der

Marke Tascam. Erstes Produkt

ist das Memory Cable, ein Kabel

mit Aufnahmegerät.

FOTOS: PR

50 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Wurst schlägt Käse 1:0

LOGISTIK | Dachser und Nagel sind die größten Rivalen um die Vorherrschaft in einem der wichtigsten

Geschäfte für das tägliche Leben der Deutschen: der Versorgung mit Lebensmitteln.

Wenn das Dunkelblau der Halle sich

langsam vom Dunkelblau des

Nachthimmels abhebt, wenn die

Vögel zu zwitschern beginnen und die

meisten Menschen sich noch einmal gemütlich

in ihren Betten umdrehen, erwacht

der Betrieb am Metro-Stammsitz im Düsseldorfer

Norden. Langsam rollt eine Lkw-

Karawane auf den Hof: darunter blaue Sattelzüge

mit gelber Schrift und weiße mit

blauer Schrift. Die Trucks bringen Wurst,

Milch oder Müsli in die Märkte der nordrhein-westfälischen

Landeshauptstadt.

Demnächst gehört das an sechs Tagen in

der Woche immer gleiche Ritual der Vergangenheit

an: Dann werden nur noch die

weiß-blauen Lkws des Transportunternehmens

Nagel-Group aus Versmold die Cash

& Carry-Märkte der Metro mit Lebensmitteln

beliefern. Die gelb-blauen Laster vom

Konkurrenten Dachser aus Kempten im

Allgäu müssen draußen bleiben.

Damit ist eine der größten Schlachten

der deutschen Lebensmittellogistik entschieden:

Branchenführer Nagel hat seinem

größten Konkurrenten Dachser einen

Auftrag im Volumen von 15 Millionen Euro

im Jahr weggeschnappt: Ab August übernehmen

die Westfalen auch den Transport

ungekühlter Lebensmittel für den Handelskonzern

– neben Milch, Käse und

Wurst, wie bisher schon, liefert Nagel dann

auch Nudeln, Müsli und Gewürze an die zu

Metro gehörenden Cash & Carry-Märkte,

die Real-Supermärkte und die Lebensmittelabteilungen

von Galeria Kaufhof.

Der Kampf um die Versorgung des Landes

mit dem täglich Notwendigen ist auch

ein Kampf der Systeme: Zwei Familienunternehmen,

eines aus dem Norden und eines

aus dem Süden, mit unterschiedlichen

Größen, Strukturen und Philosophien

prallen im gleichen Segment aufeinander.

Dachser erwirtschaftete 2013 fast fünf Milliarden

Euro Umsatz, davon 620 Millionen

in der Lebensmittellogistik. Die Nagel-

Gruppe macht ausschließlich Lebensmittellogistik

und kommt damit auf knapp 1,7

Milliarden Euro Umsatz im Jahr.

Die Rivalen der Autobahn unterscheiden

sich nicht nur in der Größe. Bei Dachser

hat immer noch die Familie das Sagen,

bei Nagel machen angestellte Manager den

Job. Nagel unterhält einen eigenen Fuhrpark

und europaweit eigene Niederlassungen,

Dachser ist Mitglied eines europäisches

Netzwerkes für Lebensmittellogistik

und lässt Subunternehmer für sich fahren.

Beide wollen Marktführer in Europa werden.

Die Entscheidung über den Metro-

Auftrag gibt dem Wettbewerb eine neue

Dimension: „Bei dem Metro-Auftrag geht

es um ein sehr großes Volumen“, sagt Logistikexperte

Wolf-Rüdiger Bretzke von der

Unternehmensberatung Barkawi in München.

Schließlich gehen so große Volumina

nicht jeden Tag über den Tresen.

VEGETARISCH VERLIERT

Angefangen hat der Wettkampf Allgäu gegen

Westfalen schon mit der Gründung der

beiden Logistiker in den Dreißigerjahren.

Während Thomas Dachser Allgäuer Käse

ins Rheinland transportierte und auf dem

Rückweg Industriegüter aus dem Rheinland

in den Süden brachte, baute Kurt Nagel

seine Spedition auf, um die schon seit

dem 19. Jahrhundert in ganz Deutschland

Rivalen der Autobahn

DiegrößtenLebensmittellogistiker in Deutschlandliefernsicheinen Kampfumdie besteStrategie

Dachser

BernhardSimon

Sprecher der Geschäftsführung

Nagel

Bernhard Heinrich

Sprecher der Geschäftsführung

Geschäftsführung

Familienmitglied

Strategie*

Partnernetzwerk

Strategie

EigeneNiederlassungen

Geschäftsführung

In fremden Händen

4,99 2–3**

24900

1500

11 000

1,50

1,67

160

Flotte

(eigeneLkws)

Umsatz

(inMrd.Euro)

Gewinnmarge

(inProzent)

Mitarbeiter

Mitarbeiter

Gewinnmarge

(inProzent)

Umsatz

(inMrd.Euro)

Flotte

(eigeneLkws)

*inder Lebensmittellogistik;**geschätzt;Quelle:Unternehmen

52 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR

beliebten Versmolder Wurstwaren in den

Süden zu schaffen. Auf dem Rückweg nahmen

sie unter anderem Kohle aus dem

Ruhrgebiet mit in den Nordwesten.

Vor allem im Ringen um die Großaufträge

von Kraft oder Unilever lieferten sich die

Wettbewerber seitdem gnadenlose Bieterkämpfe.

„Bis heute bilden die beiden Logistiker

in Deutschland bei den frischen

Lebensmitteln ein Oligopol – das bedeutet

große Marktmacht, verbunden mit einem

harten Konkurrenzkampf“, sagt Bretzke.

Die Belegschaften der beiden Lebensmittelspediteure

haben den Wettkampf

verinnerlicht: „Es ist ein bisschen wie

Schalke gegen Dortmund“, sagt ein Nagel-

Mitarbeiter. Gerade steht es eins zu null für

Nagel. Zwar ist Nagel schon seit mehr als 13

Jahren für die gekühlten Lebensmittel der

Metro-Gruppe zuständig. Den Zuschlag

für die ungekühlte Ware konnte sich aber

bislang Dachser sichern.

In der wegen des anhaltenden

Konzentrationsprozesses auf

Händler- wie auf Produzentenseite

hart umkämpften Lebensmittellogistik

kommt der

Auftrag den Transporteuren

aus Versmold gerade recht:

Das Unternehmen hat ehrgeizige

Ziele. Auf zwei Milliarden

Euro wollen die einstigen

Wurstspediteure wachsen, die

Marge soll auf rund drei Prozent

steigen – in den vergangenen Jahren war

sie gerade mal halb so hoch. Zudem hofft

Nagel auf eine Sogwirkung des Metro-Auftrags:

„Wir haben schon eine Hand voll

Folgeaufträge generiert“, freut sich Nagel-

Chef Bernhard Heinrich. „Hersteller, bei

denen wir jetzt auf den Hof fahren, haben

uns auch mit ihrer Logistik beauftragt.“

GUT VERNETZT

Zwar sind die Margen für den Transport

ungekühlter Lebensmittel meist deutlich

niedriger als für Kühlware, zudem ist Metro

bei den Spediteuren als knallhart verhandelnder

Kunde verschrien, dennoch gilt

die Vertragserweiterung bei Experten als

Segen für die Westfalen: „Nagel hat mit

dem Auftrag im Trockensegment auch den

Auftrag für die Logistik frischer Lebensmittel

abgesichert und realisiert für die Metro

Vorteile aus der Bündelung“, sagt Sven Rutkowsky,

Logistikexperte der Unternehmensberatung

A.T. Kearney.

Der Gegenangriff von Dachser dürfte

nicht lange auf sich warten lassen. „Wir

schlagen uns immer das nasse Handtuch

um die Ohren – Wettbewerb belebt nun

mal das Geschäft“, sagt Nagel-Chef Heinrich.

Die Mobilmachung läuft bereits auf

Hochtouren: Vor knapp einem Jahr gründeten

die Kemptener das European Food

Network. Zwölf der führenden europäischen

Lebensmittellogistiker haben sich

unter Dachsers Führung zu einem Netzwerk

zusammengeschlossen, darunter die

niederländische Raben Group, die österreichische

Brummer Logistik und Papp Italia.

Mit zwölf Partnern in 21 Ländern will

Dachser mit Nagel um die Spitzenposition

streiten.

„Wir wollen das führende Netz für innereuropäische

Lebensmitteltransporte werden“,

sagt Dachsers geschäftsführender

Gesellschafter Bernhard Simon. Erste Er-

13 000

Lkws sind für

Dachser täglich in

Europa im Einsatz

folge kann er vorweisen: Die Volumina aus

den Netzwerk-Ländern nach Deutschland

haben sich 2013 im Vergleich zum Vorjahr

verdoppelt.

Ein großes europäisches Netz ist für

Dachser wie für Nagel von Vorteil: „50

Prozent der Aufträge des Gesamtunternehmens

haben einen internationalen

Anteil, wir sehen eine ähnliche Entwicklung

auch im Food-Sektor“, sagt der Dachser-Chef.

„Außerdem sind internationale

Transporte immer lukrativer, unter anderem

aufgrund der etwas höheren Komplexität“,

sagt Logistikexperte Jens Riedl vom

Beratungsunternehmen Boston Consulting

Group.

Simon hätte sich grundsätzlich zwar

auch vorstellen können, ein europaweites

Netz für Lebensmittellogistik im Alleingang

aufzubauen. Dafür wäre aber eine hohe

Grundauslastung nötig gewesen. Zumindest

in der Anfangsphase hätte ein solcher

Schritt darum Verluste in Millionenhöhe

verursacht.

VERSCHIEDENE WELTEN

Rund 600 Kilometer liegen zwischen den

Unternehmensstandorten der beiden Logistiker

in Kempten im Allgäu und Versmold

am Rande des Teutoburger Wald.

Versmold ist bekannt für seine Fleisch- und

Wurstindustrie. Unternehmen wie Reinert,

Wiltmann und Heinrich Nölke mit den

Marken Gutfried, Müritzer oder Menzefricke

haben hier ihren Sitz.

Kempten dagegen ist Käseland.

Hier sind Unternehmen

wie Edelweiß mit den Marken

Bresso, Brunch oder Milkana

und die Käserei Champignon

mit Cambozola, Rougette

und Hofmeister oder Striegistaler

Zwerge ansässig.

So unterschiedlich die

Herkunft, so verschieden ist

auch die Führungsstruktur

der beiden Mittelständler. Bei

Dachser steht seit 2005 mit

Bernhard Simon der Enkel des

Firmengründers als Sprecher der Geschäftsführung

an der Spitze des Unternehmens

mit knapp 25 000 Mitarbeitern.

Die 40 Jahre davor hatte ein externer Geschäftsführer

das Sagen. Ein Gesellschaftervertrag

regelt, dass die Geschäftsführung

mehrheitlich aus Nichtfamilienmitgliedern

bestehen muss.

Eine gegensätzliche Entwicklung erlebte

Nagel. Seit Kurt Nagel, Sohn des Unternehmensgründers,

2008 mit nur 46 Jahren

plötzlich starb, steht Bernhard Heinrich,

der zuvor schon zur Geschäftsführung gehörte,

an der Spitze der rund 11 000 Mitarbeiter.

Die persönlich haftende Gesellschafterin

Marion Nagel und ihr Sohn Tobias

sitzen zusammen mit fünf externen

Mitgliedern im Beirat. Marion Nagel ist

zudem Geschäftsführerin der Nagel Logistics

Holding, der Dachgesellschaft der

Nagel-Gruppe. „Die Familie Nagel ist täglich

im Unternehmen, natürlich auf eine

andere Art als der frühere geschäftsführende

Gesellschafter Kurt Nagel“, sagt

Heinrich.

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 53

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Unternehmen&Märkte

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Auch zwischen den Firmenphilosophien

der beiden Wettbewerber liegen

Welten. Nagel fokussiert sich mit seinem

Lebensmittelgeschäft auf Europa, betreibt

eine eigene Flotte und eigene Niederlassungen

in 17 Ländern. Dachser kooperiert

im Lebensmittelgeschäft mit europäischen

Logistikunternehmen und lässt andere für

sich fahren.

Die volle Kontrolle hat für Nagel Vorund

Nachteile: „Unser Weg, solch ein Netzwerk

zu bauen, kostet viel Zeit und Geld“,

räumt Nagel-Chef Heinrich ein. „Dafür

können wir zum Beispiel spontan über Investitionen

entscheiden und brauchen

nicht um Kompromisse mit unseren Partnern

zu ringen.“ Außerdem ist Nagel flexibler,

etwa, wenn ein Kunde seinen Produktionsstandort

verlagert. Die Einnahmen

blieben dann trotzdem in der Nagel-Gruppe,

sagt Heinrich.

IN EIGENER HAND

Zum Nagel-Fuhrpark gehören über 1500 eigene

Lkws sowie knapp 4000 Trailer. Zuletzt

wurden 2011 rund 100 Millionen Euro in

neues Equipment investiert. „Wir betreiben

eine eigene Flotte, da das Lebensmittelgeschäft

sehr volatil ist. Die Leute fangen zum

Beispiel spontan an, die Grillsaison zu eröffnen.

Wir nehmen den hohen Fixkostenblock

in Kauf, weil er uns erlaubt, flexibel zu

reagieren“, sagt Heinrich. Insgesamt sind

für die Versmolder Spedition täglich 6000

Lkws im Einsatz, für die zusätzlich auch

Subunternehmen verpflichtet werden.

Das Dachser-Konzept hat andere Vorteile:

vor allem weniger Risiko und eine geringere

Kapitalbindung. Die Allgäuer haben

nur eine kleine eigene Lkw-Flotte mit 160

Fahrzeugen, dafür aber viele eigene Wechselbrücken,

wie die Container-ähnlichen

Kästen, die auf die Sattelschlepper aufgesetzt

werden, im Fachjargon heißen. Das

logistische Rückgrat bilden selbstständige

Fuhrunternehmer, die im Dachser-Auftrag

auf Europas Straßen unterwegs sind: rund

9000 Lkws im Nah- und 4000 im Fernverkehr.

Für die Lebensmitteltransporte des

European Food Network bewegen

alle Partner täglich

rund 3500 Lkws.

Im Gegensatz zu

Dachser beschränkt sich

Nagel ausschließlich auf

den Transport von Lebensmitteln.

In fünf

Temperaturbereichen

von tiefgekühlt bis ungekühlt

werden Lebens-

Machtkampf an der Spitze

DiegrößtenLogistiker fürfrische

LebensmittelinDeutschland2013

(UmsatzimFrischebereichinMio.€)

Nagel-Group

Dachser

Nordfrost

Havi

MUK

Pfenning

LudwigMeyer

Papp

Schober

Thermotraffic

60

85*

80*

200

185

150*

145*

229

*geschätzt;Quelle:Kille/Schwemmer Top100

in Logistics/Schätzungen Januar2014

500*

400*

mittel durch ganz Europa kutschiert, nicht

nur auf der Straße, sondern auch auf

dem Seeweg. Kunden sind Hersteller,

Handelsunternehmen, Restaurants und

Hotels. Zusätzlich betreibt Nagel Lager für

seine Hersteller und packt und etikettiert

Sendungen.

Andere Logistikbereiche außerhalb von

Lebensmitteln interessieren Nagel zurzeit

nicht, stattdessen will Heinrich aber vor allem

den europäischen Tiefkühlbereich

ausbauen. „Wir sehen in unserem Geschäftsbereich

ein Marktpotenzial von 25

Milliarden Euro, wir wollen die Ersten sein,

die ein flächendeckendes Netz für Tiefkühllogistik

in Europa haben.“ Erst vor wenigen

Wochen kaufte Nagel ein Kühlhaus

in Rostock. In Italien und Skandinavien will

6000

Lkws fahren täglich für

die Nagel-Gruppe

Heinrich außerdem in der sogenannten

Kontraktlogistik wachsen. Dieser Bereich

umfasst neben dem Transport auch den

Betrieb von Lagern im Kundenauftrag.

Noch im Anfangsstadium ist dagegen

das als besonders anspruchsvoll geltende

Geschäft mit der Zustellung auf der letzten

Meile und damit Lieferungen bis zur Haustür

des Verbrauchers. Für das Hamburger

Unternehmen „Kommt essen“, das Rezepte

inklusive aller Zutaten verschickt, betreibt

Nagel ein Lager, stellt die Pakete zusammen

und beliefert ein paar Hundert Haushalte

in Hamburg.

Rivale Dachser hat mit dem Privatkundengeschäft

nichts am Hut. „Unser Geschäft

ist für die Rampe ausgelegt, nicht für

die Haustüre“, sagt der Dachser-Chef. „Die

Endkundenlieferung ist viel teurer als die

an Geschäftskunden“, sagt Simon.

Lebensmitteltransporte sind aber nur eines

der Dachser-Geschäftsfelder, gerade

mal zwölf Prozent seiner Umsätze macht

der Spediteur in diesem Bereich. Wachsen

wollen die Kemptener Logistiker, die zu

den Marktführern im europäischen Lkw-

Transport zählen, auch in anderen Geschäftsbereichen

wie dem europäischen

Landverkehr und der Luft- und Seefracht.

Angaben zum Gewinn macht Dachser

zwar nicht, Experten schätzen die Marge

aber auf zwei bis drei Prozent.

Für die ehrgeizigen Ziele wird kräftig investiert.

Auf Einkaufstour gegangen ist

Dachser zuletzt vor allem in Spanien: Vor

gut einem Jahr wurde der spanische Logistikdienstleister

Azkar übernommen, der

Marktführer im Stückgutverkehr des Landes.

Außerdem verleibte sich Dachser das

spanische Luft- und Seefrachtspeditionsunternehmen

Transunion ein. Allein das

Luft- und Seefrachtgeschäft soll bis 2017

von zuletzt 1,4 Milliarden Euro auf 2,2 Milliarden

Euro 2017 steigen. „In der Luftfracht

sind die Margen in der Regel höher als auf

der Straße“, sagt Logistikexperte Riedl. Eine

weitere Milliarde Euro will Dachser in den

nächsten fünf Jahren in den Ausbau seiner

weltweit 471 Niederlassungen in 42 Ländern

investieren.

Nagel-Chef Heinrich

wird in Zukunft wohl

häufiger als bisher auf die

blau-gelben Transporter

seines Konkurrenten stoßen.

Aber zumindest an

den Lebensmittelrampen

der Metro ist bald

Dachser-freie Zone. n

nele.hansen@wiwo.de

FOTO: PR

54 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Wir haben keine Angst«

INTERVIEW | Martin Sonnenschein Der Zentraleuropa-Chef der Beratung A.T. Kearney will eigenständig

bleiben und bis 2020 den Umsatz verdoppeln und zu den Top Drei der Branche aufschließen.

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Herr Sonnenschein, der Beratungsmarkt

ändert sich rasant, seitdem die großen

Prüfgesellschaften auf Einkaufstour sind.

Deloitte hat Monitor übernommen und

hatte auch mit Roland Berger verhandelt.

KPMG hat BrainNet gekauft und Booz die

Beratung Management Engineers. Jetzt

ist Booz selbst von Pricewaterhouse-

Coopers geschluckt worden. Wann werden

Sie übernommen?

Wir gehen unseren eigenen Weg – und das

mit Erfolg. Beim Management-Buyout

2006 waren wir weltweit 174 Partner, heute

sind wir 314. Allein in den vergangenen

zwei Jahren haben wir 40 Berater zu Partnern

ernannt. Dazu kommen 20 weitere

von unseren unmittelbaren Wettbewerbern.

Das wäre lange Zeit undenkbar gewesen,

weil wir nach dem Buyout zunächst

kritisch beäugt wurden. Doch der Blick der

Wettbewerber auf uns hat sich geändert,

und wir können Experten gut integrieren.

Wir wachsen aus eigener Kraft, wenn auch

regional unterschiedlich stark. Die höchsten

Zuwächse haben wir in Asien.

Dennoch: Der deutsche Beratungsmarkt

ist reif und wächst nicht mehr so stark wie

früher. Wie wirkt sich das auf Ihr Geschäft

aus?

Es steckt viel Bewegung darin. Die Kunden

sind anspruchsvoller, der Wettbewerb ist

intensiver geworden, teilweise aggressiv.

Früher waren zweistellige Wachstumsraten

normal, heute nicht mehr. A.T. Kearney

hat seit 2008 jährlich zwischen fünf und

zehn Prozent Umsatz zugelegt. Wir konnten

sogar unsere Honorare um zwei bis

drei Prozent erhöhen und 10 bis 15 Prozent

Neugeschäft akquirieren. Einige unserer

Mitbewerber wären froh, wenn sie ähnliche

Zahlen vorweisen könnten. Im Übrigen

gilt: Solange Beratung gute Qualität liefert

und hohen Nutzen stiftet, wird der

Markt sich positiv entwickeln. Expertise,

die zweite Meinung, die Begleitung von

Veränderungsprozessen, die temporäre

Bereitstellung von Ressourcen, Fakten und

Methoden sowie neues Denken haben einen

Wert für jeden CEO.

Marktführer McKinsey soll angeblich nur

noch ein Viertel seines Geschäfts mit

klassischer Strategieberatung erzielen.

DER OPTIMIST

Sonnenschein, 49, leitet seit Januar 2010

das Zentraleuropa-Geschäft von A.T. Kearney.

Mit einem Umsatz von 252 Millionen

Euro ist die Beratung in Deutschland die

Nummer elf. Der promovierte Wirtschaftsingenieur

und Experte für Unternehmen der

Telekom- und High-Tech-Branche ist seit

2000 bei der Beratung.

Die alte Strategieberatung ist so gut wie tot.

Strategieberatung ohne Umsetzung gibt es

heute nicht mehr. Das ist für uns ein Wettbewerbsvorteil:

A.T. Kearney gibt es seit 1926,

und schon für Firmengründer Andrew Thomas

Kearney war ein Projekt nur dann erfolgreich,

wenn der Klient seinen Berater

auch bei der Umsetzung dabeihaben wollte.

Aber gerade bei dieser mehr praxisorientierten

Beratung rücken Ihnen die großen

Wirtschaftsprüfer mit ihren Beratungssparten

auf den Pelz.

Davon ist aus unserer Warte nichts zu sehen,

wenigstens noch nicht. Wir treffen immer

nur unsere traditionellen Wettbewerber.

Wir konzentrieren uns auf die oberen

knapp 20 Prozent des Marktes: Wir optimieren

nicht nur, wir schaffen Werte und

entwerfen ganz neue Geschäftsmodelle

über Industriegrenzen hinweg. Uns auf

den Pelz zu rücken ist also nicht ganz einfach.

Darum haben wir keine Angst. Wenn

es jemanden gibt, der die neuen Beratungskonzerne

fürchten muss, dann sind

es eher die ganz Großen unserer Branche:

Sie bieten viel mehr Angriffsfläche, weil sie

viel häufiger großvolumige Beratungsprojekte

abwickeln.

Experten sehen für Beratungshäuser

mittlerer Größe keine Zukunft mehr, auch

A.T. Kearney gilt darum als Übernahmekandidat.

Ich sehe A.T. Kearney nicht als Übernahmekandidaten.

Gefährdet sind für mich

vor allem kleine, spezialisierte Berater, zumal

sie sich einfacher integrieren lassen,

globale Expertise vermissen und der Konsolidierungsdruck

eher von den großen

Prüfgesellschaften ausgeht. Bei den mittelgroßen

Beratungen gibt es große Unterschiede.

Entscheidend für die Überlebensfähigkeit

sind globale Präsenz und Expertise.

Da sind wir gut aufgestellt. Wer jedoch

nicht das Geld und die Perspektive hat, global

präsent zu sein, oder wo ein Teil der

Partner lieber Kasse machen möchte, werden

auch mittelgroße Beratungen zu Übernahmekandidaten.

Sie sprechen von Roland Berger?

Auf keinen Fall von A.T. Kearney. Für uns

gibt es keinen Grund, eine starke Schulter

zu suchen. Im Gegenteil: Wir haben ein

klares Ziel und wollen bis 2020 unseren

Umsatz verdoppeln und zu den drei bedeutendsten

Beratungshäusern weltweit

gehören. Schaffen wollen wir das vor allem

durch organisches Wachstum, gute Qualität,

die Rekrutierung neuer Partner von

bisherigen Wettbewerbern und die Einführung

neuer Beratungsansätze.

Ohne Zukäufe dürfte das aber doch

kaum zu schaffen sein. Haben Sie schon

einen Übernahmekandidaten im Auge?

Warum nicht? Aber wenn sich passende

Optionen ergeben, werden wir uns die anschauen.

Wir wissen aber, wie schwierig

die Zusammenführung von Beratungshäusern

mit ihren unterschiedlichen Kulturen

ist. Infrage kommt eine Übernahme ohnehin

nur dann, wenn wir im Drivers Seat sitzen,

also die Führung behalten.

n

hans-juergen.klesse@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 55

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Unternehmen&Märkte

Jarkko Jämsen

Unmonday, Lautsprecher

Elegant, innovativ und einfach zu

bedienen – der Multifunktionslautsprecher

hat das Zeug zum

skandinavischen Designklassiker.

Mitarbeiter 20

Preis 700 Euro

56 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Nicht nur spielen

INTERNET | Fans trauern noch um den Absturz von Nokia. Doch aus den Trümmern des Weltkonzerns

wächst in Helsinki neues Leben. Ein Report aus einer der spannendsten Start-up-Städte Europas.

FOTO: ALEKSI POUTANEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Jarkko Jämsen sucht nach seiner wichtigsten

Laubsägearbeit. Er schaut in

der Kammer mit den Modellen nach,

da ist sie nicht. Er läuft rüber zu den hohen

Metallregalen, steigt auf einen Hocker, um

ganz hinten nachzuschauen. Wieder

nichts. Er läuft von links nach rechts, stolpert

fast über Kabel, schiebt Stühle, unterbricht

Gespräche, Schulterzucken. Dann

plötzlich: Ganz unten, hinter ein paar Kartons,

ist das Ding. Jämsen reckt den Sperrholzkubus

in die Luft, pustet kurz den

Staub weg: „Das ist meine Idee.“ Und bleibt

endlich stehen.

Vor drei Jahren hat Jämsen den schlichten

Kubus gebastelt, er war das Ergebnis

folgender Idee: Wäre es nicht toll, einen kabellosen,

tragbaren Lautsprecher zu entwickeln,

der gut klingt, allein funktioniert,

aber auch jede Rolle in einem Surroundsystem

annehmen kann? Das fragte sich

Jämsen, der damals für den Mobilfunkhersteller

Nokia Headsets entwarf. Es war eine

gut bezahlte Arbeit, aber für ihn nicht gerade

herausfordernd. Jämsen kündigte und

baute den Kasten – nun mit einer Umhüllung

aus Keramik.

Der Lautsprecher wechselt seine Funktion,

je nachdem, auf welche Seite man ihn

legt. Über eine ausgetüftelte Sensorik wird

jeweils eine andere Wiedergabeart angewählt:

Mono, Stereo oder Surround. Und

das Gerät operiert wahlweise als Kompaktanlage

oder übernimmt eine beliebige Rolle

in einem mehrteiligen Stereosystem.

Wenn man ihn auf den Kopf stellt, ist der

Lautsprecher still. Die Keramik macht die

Produktion zwar kompliziert, sorgt aber für

einen raumfüllenden, klaren Klang. Gerade

hat Apple das Teil in sein Programm genommen.

Seit Anfang April werden die Geräte

im Online-Shop des Konzerns und

Apple-Läden in Europa und den USA für

700 Euro das Stück vertrieben.

Jämsen hat sein Büro in den Docks des alten

Hafens der finnischen Hauptstadt Helsinki.

Das zum Büro umgewidmete Lagerhaus

steht zwischen einem unfertigen

Schiffsgerippe und einem Getreidesilo. Mit

seinem Start-up Unmonday schreibt er eine

der Erfolgsgeschichten, wie sie sich in dieser

Minihauptstadt mit gerade mal 600000 Einwohnern,

in der es im Jahresdurchschnitt

weniger als neun Grad warm wird und an

113 Tagen regnet, dutzendfach abspielen.

Die Zutaten des immer gleichen Strickmusters:

Ein ehemaliger Nokia-Mitarbeiter setzt

eine Idee um, die er lange mit sich herumgetragen

hat. Ein Start up entsteht, alte Kollegen

kommen dazu. Die Finanzierung übernimmt

ein anderer Ex-Nokianer, der seine

Aktienoptionen aus den goldenen Jahren irgendwann

zu Geld gemacht hat.

In Sichtweite des Polarlichts vollzieht

sich dabei der Prozess der schöpferischen

Zerstörung wie aus dem Lehrbuch. Während

finnische Technologie seit dem Absturz

von Nokia mausetot erscheint, tummeln

sich in Helsinki immer mehr Menschen,

die gerade hier die Aufbruchstimmung

finden, die sie in den gesättigten Kapitalen

des Westens vermissen. Der 19. November

2013, als die Handysparte von Nokia

für gerade noch sechs Milliarden Euro

an Microsoft verkauft wurde, wirkt aus der

Ferne wie der Schlusspunkt des High-

Tech-Traums. Von Helsinki aus gesehen,

lag das wichtigere Datum da schon einen

Monat zurück: Am 15. Oktober 2013 kaufte

die japanische Softbank 51 Prozent des finnischen

App-Entwicklers Supercell – für

1,5 Milliarden Dollar.

SIGNAL FÜR INVESTOREN

Man kann darüber streiten, ob Supercell,

das sein Geld mit Spielen für Mobiltelefone

verdient und ein Jahr zuvor sein erstes Produkt

„Clash of Clans“ auf den Markt gebracht

hatte, das viele Geld auch wert war.

Doch als Signal taugt der Deal allemal – dafür,

dass Helsinki angekommen ist auf der

Landkarte internationaler Investoren für

Internet-Start-ups. „Es ist nicht so, dass

man als Gründer gerade in Helsinki sein

müsste – obwohl ich es jedem raten würde“,

schrieb Skype-Gründer Niklas Zennström

Anfang des Jahres in einem viel beachteten

Beitrag für die „Financial Times“.

Ilkka Kivimäki war einer der Ersten, die

den weißen Fleck auf der Landkarte mit

Leben gefüllt haben. Kivimäki kam früh zu

Geld: 2007 verkaufte er sein Unternehmen

Wicom, das Software für die Kundenkommunikation

herstellte und damit rund

zehn Millionen Euro Jahresumsatz erzielte,

an SAP. Seitdem flog er für die deutsche

Softwareikone als Produktmanager durch

die Welt. „SAP hat mich sehr gut behandelt,

aber ich bin einfach kein Mensch für die

großen Hierarchien“, sagt Kivimäki. So

kehrt er 2009 nach Helsinki zurück und

wird zu einem der Väter des Nach-Nokia-

Booms. Kivimäki schließt sich mit seinem

Geld dem Investorenteam Inventure an,

das rund 75 Millionen Euro in Unternehmen

aus Helsinki investiert. Fast noch

wichtiger ist das, was er sein „zeitabsorbierendes

Hobby“ nennt:das Start-up Sauna.

START-UP IN DER SAUNA

Die rot geklinkerte Fabrikhalle steht am

Rand des Universitätsgeländes im Businessvorort

Espoo. Darin ein gelber Deckenkran,

lange außer Betrieb. Ansonsten: viele

Tische, wenig Ordnung und ein paar Kabinen,

wo man in Ruhe sprechen kann. Die

namensgebende Sauna sieht auf den ersten

Blick tatsächlich aus wie eine: helle

Holzbänke, keine Fenster. Doch da, wo der

Ofen sein müsste, ist eine Leinwand für

Präsentationen. Angefangen hat die ungewöhnliche

Förderstiftung als Studentenprojekt:

Günstige Räume für Start-ups sollten

her. Später kam ein Förderprogramm

dazu, das Studenten zu Praktika ins Silicon

Valley schickte. Es folgte die Slush-Konferenz,

auf der Investoren und Start-ups zusammenfinden

sollten. Als Kivimäki 2009

den Vorsitz der Start-up-Stiftung übernahm,

kamen 300 Teilnehmer. 2013 waren

es dann mehr als 7000. Für Investoren und

Gründer ist es die wichtigste Veranstaltung

zwischen Kopenhagen und Moskau.

Neben dem kleinen Handybauer Jolla haben

vor allem Produzenten von Computerspielen

den Gründerboom getrieben. Angefangen

hat das mit Rovio, Erfinder des Klassikers

„Angry Birds“. Drei Studenten, die bis

dahin von Nokia gefördert wurden, machten

sich 2003, nur ein paar Schritte von der

Unternehmenszentrale entfernt, in Espoo

selbstständig. Bis heute wurde das Spiel

zwei Milliarden Mal heruntergeladen.

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WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 57

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Unternehmen&Märkte

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Was für Berlin der E-Commerce, sind

seitdem für Helsinki mobile Spiele. Neben

den beiden Platzhirschen mischen kleinere

Spieleentwickler wie Grand Cru oder

Play Raven die App-Stores auf. Die inzwischen

mehr als 200 Mobile-Gaming-Unternehmen

in Helsinki setzten 2013 insgesamt

gut 900 Millionen Euro um, so der

Branchenverband Neogames. 2011 waren

es erst 165 Millionen Euro.

Marko Kaasila

Bitbar, Testsoftware

Eine lästige Arbeit weniger: Bitbar

überprüft eine App darauf, mit welchen

Mobilgeräten sie kompatibel ist – für

über 300 Produkttypen, in 30 Minuten.

Mitarbeiter 30

Preis bis 5000 Euro/Monat

VIELE STANDBEINE

Der Berlin-Vergleich trägt aber nur begrenzt.

In der finnischen Start-up-Szene

sind viele Erfindungen technologiegetriebener,

abgekupferte US-Ideen sucht man

vergebens. „Wo andere den Fehler machen,

nur an den Markt zu denken, neigen die

Gründer hier manchmal dazu, sich von einer

technischen Idee so begeistern zu lassen,

dass sie den Konsumenten vergessen“,

sagt Jukka Häyrynen, bei der staatlichen

Förderagentur Tekes für Internet-Start-ups

zuständig. Jämsen etwa feilte drei Jahre an

seinem Lautsprecher. Doch diese Tendenz

legt nahe, dass Gründungen nachhaltiger,

weil technisch origineller sind.

Zumindest sorgt die Technologieaffinität

dafür, dass die finnische Start-up-Szene auf

vielen Säulen ruht. Während Investoren

sich noch um Spieleunternehmen reißen,

ist der nächste große Trend schon da: „mobile

health“. Gerade bei den Wearables –

vernetzten Kleidungsstücken oder Accessoires,

die Informationen über den Gesundheitszustand

des Trägers verarbeiten

– sind finnische Start-ups vorne mit dabei.

Zwei Beispiele sind Myontec, dessen

Shorts den Muskelzustand vor und nach

dem Sport vergleichen, und die Schlaf-App

Beddit, die dem Anwender mitteilt, wie erholsam

seine Ruhepause wirklich war. Mit

dem Pulsmesserproduzenten Polar kommt

zudem eines der Urgesteine der Technik

aus Finnland. Insgesamt sind hier gut 150

Unternehmen aktiv. Für die Erfolgsaussichten

spricht, dass das Fünf-Millionen-

Einwohner-Land als Markt zu klein ist. Wer

Erfolg haben will, sucht ihn international.

So wie Marko Kaasila und sein Bruder

Juoko. Ihr Unternehmen Bitbar haben sie

gegründet, als Juoko für Nokia das Betriebssystem

Symbian mitprogrammierte.

Auf Symbian war man bei Nokia besonders

stolz. Jahrelang wurde daran herumgebastelt,

es passte perfekt zu den eigenen Geräten.

Als die Smartphone-Welle anrollte,

wurde die Stärke zum Motor eines Teufelskreises:

Weil nur wenige Smartphones mit

Symbian liefen, wurden Programme erst

für Android und iOS entwickelt. Das machte

wiederum die Symbian-Geräte uninteressanter.

Und so weiter.

Die Kaasila-Brüder, die beide in London

arbeiteten, brachte die plötzliche Vielfalt

der Konkurrenz auf ihre Idee. Die beiden

hatten viele Entwickler im Freundeskreis,

die über das gleiche Problem stöhnten:

Man hat eine schöne App entwickelt, doch

kaum zückt einer das falsche Handy, funktioniert

sie nicht oder sieht schaurig aus.

Juoko kündigte bei Symbian, er und sein

Bruder entwickelten Bitbar, eine Software,

die Apps darauf testet, wie sie auf 300 verschiedenen

Geräten funktionieren. Dass

das 30-Mitarbeiter-Unternehmen heute

nicht in London, sondern in der City von

Helsinki sitzt, liegt an zwei Dingen. „Es ist

sehr einfach, gut ausgebildete Programmierer

zu finden“, sagt Marko Kaasila. Auch

Talente aus Russland und Estland zieht es

in die finnische Hauptstadt. Nur drei der 30

Bitbar-Mitarbeiter sind gebürtige Finnen –

zwei davon sind die Gründer selbst.

Entscheidend für die Standortwahl aber

war Petri Laine, der Chef von Finnvera,

dem staatseigenen finnischen Venture-Capital-Fonds.

Der hat sich mit 125 Millionen

Euro bei Start-ups aus allen Bereichen eingekauft,

so auch bei Bitbar. Anders als Förderagenturen

vieler europäischer Länder,

die Programme ausschreiben, Mittel verteilen

und die Unternehmen dann ihrem

Schicksal überlassen, ist Finnvera ein aktiver

Investor. „Wir stecken nur da Geld rein,

wo wir Profite erwarten“, sagt Laine. An

diesem Ertrag wird er gemessen: Von 2015

an muss der Fonds Überschüsse ausschütten,

sonst wird er dichtgemacht.

Der finnische Staat gibt auch sonst viel

Geld für Gründer aus. Die Technologieagentur

Tekes verteilt pro Jahr gut eine halbe

Milliarde Euro – in einem Land mit weniger

Einwohnern als Hessen. Dadurch

gleicht der Staat zumindest einen Teil der

Schwäche aus, unter der Helsinki wie alle

Start-up-Zentren jenseits des Silicon Valley

leidet: dem Mangel an Kapitalgebern.

UMSTRITTENE FÖRDERPOLITIK

Umstritten ist diese aktive Förderpolitik

dennoch. Investoren klagen, finnische

Start-ups seien verwöhnt durch den einfachen

Zugang zu Fördermitteln. Die Marktbereinigung

dauere zu lange. Tekes-Chef

Häyrynen glaubt hingegen, dass in Finnland

noch viel zu wenig in Start-ups investiert

wird: „Wir waren immer ein furchtbar

sicherheitsorientiertes Volk, wir brauchen

mehr Mut zum Risiko.“

Früher wollte jeder hier zu Nokia, heute

will jeder ein Unternehmen gründen, beschreibt

Bitbar-Gründer Marko Kaasila

den Wandel der vergangenen zehn Jahre.

Finnvera-Chef Laine bringt es drastischer

auf den Punkt: „Nokia war wie das finstere

Königreich im Märchen von Narnia. Es hat

alle Talente aufgesogen und eingefroren.

Jetzt aber beginnt der Frühling, und all die

guten Ideen können sich frei entfalten.“ n

konrad.fischer@wiwo.de

FOTO: ALEKSI POUTANEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

58 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Hartes Brot

BÄCKEREIEN | In der Brötchenbranche bahnt sich eine Übernahme- und Pleitewelle an.

Für viele regionale Filialketten wird es eng.

FOTO: GETTY IMAGES/STOCKCAM

Die große Show vom kerngesunden

deutschen Backhandwerk startet im

Herbst. Dann will Promi-Koch Johann

Lafer im ZDF den besten Bäcker des

Landes küren. Aufgerufen seien „Bäcker

mit ,Laib‘ und Seele, die ihre Handwerkskunst

mit Leidenschaft pflegen“, vermeldet

der Fernsehsender. Sie sollen vor einer Jury

gegeneinander anbacken. Kurz: Deutschland

sucht den Super-Bäcker.

Allein, die Realität hat mit der Fernsehfolklore

wenig zu tun. Von alter Backkunst

im kleinen Familienbetrieb sind große Teile

der Zunft mittlerweile ähnlich weit entfernt

wie Buttercroissants von diätischen Nährmitteln.

Stattdessen dominieren Backketten

und Discounter das Geschäft,

pflügen Finanzinvestoren und Handelskonzerne

die Branche um.

Erst vergangene Woche verkündete

die Deutsche Beteiligungs AG

aus München den Einstieg bei der

brandenburgischen Bäckereikette

Dahlback. Unter den Namen „Lila

Bäcker“ und „Unser Heimatbäcker“

betreibt Dahlback 357 Filialen in Berlin,

Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern

und Schleswig-Holstein.

Der Deal könnte der Auftakt für weit größere

Marktverschiebungen sein. Bis 2020

werde die Zahl der Backbetriebe von heute

14 000 auf rund 8000 sinken, erwartet der

Verband Deutscher Großbäckereien. Wer

sich jetzt Marktanteile sichert, so das mögliche

Kalkül der Dahlback-Investoren,

kann Größenvorteile ausspielen und den

Verdrängungswettlauf überleben. Für viele

regionale Bäckereiketten aber könnte das

heißen: Ofen aus.

TIEFE STRUKTURKRISE

Schon in den vergangenen Monaten erwischte

es etliche lokale Größen: Kurz vor

Ostern meldete die Dürener Bäckereigruppe

Fuchs mit 27 Filialen Insolvenz an. Die

Großbäckerei Wilhelm Middelberg aus

dem niedersächsischen Bad Iburg musste

jüngst 40 Filialen schließen, um den Untergang

abzuwenden.

Zuvor hatte bereits die Siebrecht-Gruppe

im nordrhein-westfälischen Brakel Insolvenz

beantragt und konnte sich nur über

Notverkäufe retten. Experten sehen bereits

den Auftakt einer wahren Pleitewelle im

Brötchen-Business: „Die deutschen Bäckereien

stecken in einer tiefen Strukturkrise“,

sagt der Berliner Insolvenzverwalter Rüdiger

Wienberg, dessen Kanzlei bereits in

zahlreiche Bäckereiverfahren involviert

war. „Die Insolvenzzahlen steigen, und diese

Entwicklung dürfte sich in den kommenden

Jahren fortsetzen“, so Wienberg. Ganz

Automaten- oder Bäckerbrötchen? Der

Handel macht dem Handwerk Konkurrenz

ähnlich klingt der Kölner Verwalter Christoph

Niering: „Gerade viele mittelgroße Bäckereiketten

können kaum noch mithalten“,

sagt er. Gleich an mehreren Fronten müssen

sie kämpfen: Die Billigangebote von

Back-Discountern und die steigenden Energie-

und Personalkosten zehren an der Marge.

Noch entscheidender ist ein Trend im

Lebensmittelhandel: der flächendeckende

Ausbau sogenannter Backstationen.

In einer Aldi-Filiale in Köln-Ehrenfeld

verrichtet der Bäckerschreck leise surrend

sein Werk. Nach einem Knopfdruck zur

Auswahl der Brotsorte säuselt eine Frauenstimme:

„Einen Moment bitte“. In der zwei

Meter hohen ockerfarbenen Maschine

rumpelt es, wenig später landet „Unser rustikales

Brot“ im Entnahmefach. 85 Cent

kostet das Roggengemisch, und über die

Frage, ob es sich dabei um ein frisch gebackenes

Brot oder um einen erwärmten

Teigling handelt, streiten die Anwälte des

Billigheimers mit denen der Bäckerlobby.

TOASTER ODER BÄCKER

Der Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks

hat den Handelskonzern

vor das Landgericht Duisburg gezerrt. In

der Klageschrift heißt es, Aldi werbe damit,

die Produkte in den Automaten frisch zu

backen. Tatsächlich aber würden sie „nur

erhitzt und/oder gebräunt“. Aldi widerspricht.

Nun sollen Sachverständige bewerten,

ob die Aldi-Maschine mehr ist

als ein großformatiger Toaster. Wann

die Entscheidung fällt, ist offen.

Für die Branche dürfte das Urteil

ohnehin wenig ändern. Der Siegeszug

der Backstationen scheint

kaum zu stoppen. Nicht nur Aldi

setzt auf die vor Ort aufgebackene

Ware. Auch in Märkten von Lidl,

Penny, Kaufland und Co. ergänzen

längst frisch erhitzte Croissants und

Baguettes das Backsortiment in Regalen

und Tiefkühltruhen. Der Edeka-Ableger

Netto Markendiscount will nach Informationen

der WirtschaftsWoche noch im laufenden

Geschäftsjahr die Zahl der Backstationen

in seinen Filialen bundesweit flächendeckend

ausbauen. Ende 2013 wurde

bereits in knapp 1200 der 4150 Netto-Filialen

stationäre Aufwärmware verkauft.

Die Offensive im Handel hat Folgen:

Zum einen sparen sich viele Kunden den

Weg zum Bäcker und nehmen ihre Brötchen

beim Einkauf gleich mit. Zum anderen

werden die Bäcker immer öfter aus den

sogenannten Vorkassenzonen verdrängt.

Bisher waren die Flächen im Eingangsbereich

der Händler oft an Bäcker untervermietet.

Neuerdings würden die Händler jedoch

dazu übergehen, „Mietverträge für

Vorkassenzonen zu kündigen“, hat der Sanierungsberater

Clemens J. Jobe bei der

Restrukturierung der Großbäckerei Wilhelm

Middelberg festgestellt. Damit würden

„ausgerechnet die umsatzstärksten

und lukrativsten Standorte“ wegfallen. n

henryk.hielscher@wiwo.de, nele hansen

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 59

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Technik&Wissen

Sofortmaßnahmen

am Sanierungsort

VERKEHR | Rostfraß, Betonkrebs, Risse – Tausende Brücken müssen mit Milliardenaufwand

saniert werden. Dank neuer Verfahren könnte das viel schneller und günstiger

gehen als bisher. Wenn Deutschlands Bürokraten und Bauunternehmen nur wollten.

Viele Nerven hat diese Brücke

schon gekostet: Stop-and-go

über Stunden, Tempo 60 maximal,

einspurig durch den Stau,

ungezählte Unfälle. Die Helterbachtalbrücke

der A 7 unweit von Kassel ist

marode. Und das entlang einer der wichtigsten

Nord-Süd-Verbindungen Deutschlands.

Die Brücke ist so malad, dass sie vor

wenigen Wochen abgerissen wurde. Ende

2015 soll – geht alles glatt – der Verkehr wieder

reibungslos über den Neubau rollen.

Die gigantische Baustelle an der A 7 ist eine

von Hunderten, die Autofahrern zurzeit

auf deutschen Fernstraßen das Fortkommen

verleiden. Bei fast der Hälfte der rund

38 000 Brücken des Bundes warnte das

Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung

schon vor einer „gravierenden Vernachlässigung

der Erhaltungsmaßnahmen“. Im

Klartext: Sie sind reparaturbedürftig. In

den Kommunen muss jede zweite der

knapp 67 000 Überführungen saniert werden,

meldet das Deutsche Institut für Urbanistik.

Etwa jede siebte braucht Ersatz.

Verkehrsforscher und Politiker schlagen

Alarm. Ob in Hessen oder Hamburg, Berlin

oder Bayern, bundesweit bröckelt die Infrastruktur

– und damit eine der wichtigsten

Stärken des Standorts Deutschland:

das dicht geknüpfte Netz an Verkehrswegen;

für Millionen Pendler alltäglicher Berufsweg,

für Unternehmen unersetzliches

Glied der Just-in-time-Produktion.

Es ist ein Verfall mit Ansage. Während die

Investitionen in den Verkehr seit Anfang

der Neunzigerjahre stagnieren, stieg der

Personenverkehr um ein Viertel. Die Verkehrsleistung

im Gütertransport hat sich

gar verdreifacht. Bis 2050, so die Prognosen,

Chronisch unterfinanziert

Seit Jahren decken die Ausgaben für

Ausbau und Erhalt der Bundesfernstraßen

nicht den Investitionsbedarf*

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

2006

Ausgaben

Deckungslücke

0 1 2 3 4 5 6 7 8

*inMilliarden Euro, ab 2014 Prognose;Quelle:

BMF, BMVI, ProMobilität,Daehre-Kommission

Interaktiv

Wo staut’s und

warum? In der

App finden Sie

eine interaktive

Liste aller Autobahnbaustellen

könnte der Schwerlastverkehr

nochmals um 80 bis 100 Prozent

steigen. Je mehr Transporte aber

über Straßen und Brücken rollen,

desto rasanter verfallen sie.

Ein Grund für den Renovierungsstau

ist der Aufbau Ost, in

den nach der Wiedervereinigung

Milliarden Euro flossen. Daneben

aber haben politische Fehlentscheidungen

die heutige Misere herbeigeführt:

„Große Teile der Bevölkerung freuen sich an

neuen Straßen. Wer Straßen wegen Renovierung

sperrt, macht sich selten beliebt“, sagt

Karl-Heinz Daehre (siehe Interview Seite

62). Der Ex-Verkehrsminister (CDU) von

Sachsen-Anhalt hat mit seiner Kommission

zur Zukunft der Verkehrsinfrastrukturfinanzierung

den Sanierungsbedarf analysiert.

Schon jetzt ist absehbar: Passiert nicht bald

etwas, müssen mehr Brücken gesperrt werden,

so wie vor einigen Monaten die Rheinquerung

der A 1 bei Leverkusen.

Dort hatten Lkws monatelang

Fahrverbot, nachdem Techniker

Risse im Bau entdeckten.

Aber es gibt Hoffnung. Denn so

mancher angejahrte Bau lässt sich

womöglich weit günstiger und

schneller sanieren, vor allem aber

deutlich länger nutzen, als es die

Experten bisher kalkuliert haben.

Das ermöglichen neue Reparaturverfahren,

die helfen, kränkelnde Brücken zu kurieren,

alternde Bauwerke zu verjüngen.

„Wir können verhindern, Millionen für den

vorschnellen Abriss zu verpulvern“, sagt

Frank Schladitz, Bauingenieur an der Technischen

Universität Dresden und ausgewiesener

Spezialist dafür, bröckelnder Bausubstanz

ein zweites Leben zu verleihen.

GIGANTISCHE LÜCKE

Mithilfe dieser Verfahren steigen die Chancen,

mit den vorhandenen Geldern etwas

auszurichten. Seit Jahren beträgt der Verkehrsetat

des Bundes für Straßen, Schienen

und Wasserwege zehn bis zwölf Milliarden

Euro – mit einem Übergewicht bei

Neubauten. Inzwischen, immerhin, steuert

die Politik um: Die neue Bundesregierung

setze auf Erhalt vor Neubau, konstatiert

Ex-Minister Daehre.

Im Haushalt 2014 hat die große Koalition

rund sieben Milliarden Euro für den Erhalt

der Verkehrswege eingestellt. Darüber hinaus

wollen die Parteien laut Koalitionsvertrag

bis zu nächsten Wahl 2017 zusätzlich

insgesamt „fünf Milliarden Euro für

dringende Investitionen in öffentliche Verkehrsinfrastruktur“

mobilisieren. Doch das

Geld reicht vorne und hinten nicht. Denn

60 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CARO/ROBERT SEEBERG

Daehres Kommission hat eine gigantische

Finanzierungslücke errechnet: Die öffentliche

Hand habe einen zusätzlichen Finanzbedarf

von 2,55 Milliarden Euro jährlich,

nur um Straßen und Brücken angemessen

zu warten oder Rückstände auszugleichen

– für die kommenden 15 Jahre.

Fast im Wochentakt preschen Politiker der

großen Koalition daher mit neuen Finanzierungsvorschlägen

vor: mal mit einer

Sonderabgabe für Pkws (SPD), mal mit der

Pkw-Maut für Ausländer (CSU), mal mit einer

Ausweitung der Lkw-Maut (CDU).

Korsett für Pfeiler Stahlträger sollen die Rader

Hochbrücke an der A 7 wieder fit machen

Statt sich immer neue Abgaben auszudenken,

sollte sich die Politik für neue Sanierungsverfahren

öffnen. „Ehe etwas

Neues zugelassen wird, geht ein ganzes Arbeitsleben

drauf“, bedauert Roger Bill, Manager

beim Verkehrsbauunternehmen Eurovia

mit Sitz in Hofheim-Wallau. Weil die

Mühlen der Bürokratie langsam mahlen,

muss jeder, der neue Materialien und Verfahren

einsetzt, diese einzeln genehmigen

lassen. Aber auch die Baubranche greift

lieber auf etablierte Technik zurück, als

sich mit Neuheiten abzumühen. Innovative

Materialien sind daher viel eher im Ausland

als in Deutschland zu finden.

Doch allmählich tut sich angesichts des

riesigen Sanierungsstaus etwas. Denn ausbessern,

verstärken, vorbeugen – all das

funktioniert mit neuen oder anders komponierten

Werkstoffen besser. Allem voran

sind es neue Betonmixturen, mit denen die

Baupioniere arbeiten. Sie sollen härter, widerstandsfähiger,

stabiler sein als jene

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 61

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Technik&Wissen

INTERVIEW Karl-Heinz Daehre

»Auf Verschleiß gefahren«

Der Ex-Minister und Verkehrsexperte über die Versäumnisse der

Politik und die Maut als neue Geldquelle für den Straßenbau.

DER WEG-WEISE

Daehre, 69, war bis 2011 für die CDU Verkehrsminister

in Sachsen-Anhalt. Bis

2013 leitete er die Kommission zur Zukunft

der Verkehrsinfrastrukturfinanzierung.

Herr Daehre, Ihre Kommission hat bei

den Verkehrsnetzen einen Reparaturbedarf

von 100 Milliarden Euro über die

nächsten 15 Jahre ermittelt – zusätzlich

zu den derzeitigen Mitteln. Wie

kommt dieser Riesenbetrag zusammen?

Seit Jahrzehnten hatte der Neubau Vorrang

vor Betrieb und Erhalt. Dafür gab es

gute Gründe. Gerade der Osten hatte

immensen Nachholbedarf, weil es ohne

leistungsfähige Infrastruktur keine

Investitionen gibt – und keine Arbeitsplätze.

Nebenbei, Politik und große Teile

der Bevölkerung freuen sich an neuen

Straßen. Wer Straßen wegen Renovierung

sperrt, macht sich selten beliebt.

Wie ernst ist die Lage tatsächlich?

Quantitativ hat Deutschland eines der

besten Verkehrsnetze der Welt. Bei der

Qualität droht Gefahr, steuern wir nicht

gegen. Wir sind jahrelang auf Verschleiß

gefahren. Ex-Bundesverkehrsminister

Peter Ramsauer hat erstmals gegengesteuert.

Auch bei seinem Nachfolger Alexander

Dobrindt gilt: Erhalt vor Neubau.

Müssen wir bald mit Brückeneinstürzen

wie in den USA rechnen?

Die Sicherheitsstandards sind streng.

Da stürzt nichts ein. Aber wir zerstören

in riesigem Maß Substanz, weil wir sie

nicht angemessen instand halten. Jeder

Euro, der nicht in Reparaturen fließt, vernichtet

am Ende zwei Euro Volksvermögen!

Das gilt für Brücken genauso wie für

Straßen, Schienen- und Wasserwege.

Also sollen Autofahrer nun mit ihrer

Maut für Straßen bezahlen, die sie

schon mit Steuern finanziert haben?

Wer ein Haus baut, weiß, irgendwann

muss er das Dach erneuern, auch wenn

er es schon einmal bezahlt hat. Das gilt

auch für Straßen. Aber die Politik muss

ehrlich sein: Wenn wir die Steuern aus

dem Verkehr – mehr als 50 Milliarden

Euro im Jahr – etwa für Soziales verplanen,

müssen wir die Nutzer stärker an

der Finanzierung der Straßen beteiligen.

Reicht die Ausweitung der Lkw-Maut?

Sie ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Sie muss aber auch für Land- und Kommunalstraßen

gelten, um Ausweichverkehr

zu verhindern sowie um Ländern

und Kommunen zusätzliche Mittel zu

garantieren. Und warum bleiben Kleinlaster

ab 3,5 Tonnen befreit, deren Zahl

stark wächst? Oder Fernbusse? Noch

wichtiger: Wegen der Mauteinnahmen

darf nicht der reguläre Etat gekürzt werden.

Das Geld gehört in einen Fonds, aus

dem die Infrastruktur finanziert wird.

Und was bringt eine Pkw-Maut, wenn

sie – wie vom Verkehrsminister versprochen

– aufkommensneutral bleibt?

Erst mal trifft sie vor allem Ausländer.

Langfristig wird das vielleicht anders.

Aber worüber reden wir? Sagen wir, Nutzer

kleinerer Pkws zahlen im Monat drei

Euro, größere sechs. Im Schnitt also

circa 50 Euro im Jahr. Dies bedeutet bei

42 Millionen Pkws Einnahmen von etwa

zwei Milliarden Euro jährlich. Wichtig

ist, alle Fahrzeuge, vom schweren Lkw

bis zum kleinsten Pkw, entsprechend

ihrer Belastung der Straße zu beteiligen.

Eine solche solidarische Lösung halte

ich für vertretbar. Natürlich werden die

Verkehrsteilnehmer zusätzlich zur Kasse

gebeten. Aber: Schon heute zahlen wir

ganz selbstverständlich Maut, wenn wir

andere europäische Länder besuchen.

thomas.kuhn@wiwo.de

»

aus den Sechziger- und Siebzigerjahren,

die nun reihenweise zerbröseln.

Mehr noch, mittlerweile haben die Wissenschaftler

sogar Beton- und Asphaltmischungen

entwickelt, die sich selbst heilen

können und gefährliche Risse wieder

schließen. Durch sie dringt sonst Wasser in

die Bauwerke und lässt den Stahl im Beton

rosten. Oder es gefriert bei Frost und

sprengt das Baumaterial. Dazu vermeiden

etliche neue Verfahren das sonst übliche

Verkehrschaos bei Reparaturen durch

Fahrbahnsperrungen oder minimieren es

zumindest. Und sie sind schnell.

MIKROBEN ALS HELFER

„Selbstheilender Beton wird die Lebensdauer

sanierter Bauwerke verdoppeln“, glaubt

Erik Schlangen, Materialforscher an der

Technischen Universität Delft. Er arbeitet im

Rahmen des Projekts Healcon der Europäischen

Union an neuen Baustoffen.

Die Niederländer mischen in ihren Labors

dem Beton Bakterien mit so kryptischen Namen

wie Bacillus B2-E2–1, Bacillus pseudofirmus

DSM 8715 und Bacillus cohnii DSM

6307 bei. Sind die Bauten intakt, schlafen die

Mikroben als inaktive Sporen im Baustoff.

Kommen sie mit Wasser in Kontakt, das

durch Risse eindringt, vermehren sie sich rasant

und produzieren festes Calciumcarbonat;

ein weißes Mineral, das den Spalt kittet.

Dichtung, die von innen kommt – sozusagen.

Damit der stark alkalische Beton nicht jedes

Leben binnen Kurzem auslöscht, betten

Forscher ihre Wundheiler in ein schwammartiges

Tonmineral. „In der Natur überdauern

Bacillus-Sporen 200 Jahre“, sagt Wissenschaftler

Schlangen. Er glaubt: „Sie werden

im Beton länger leben als jeder Tunnel und

jede Brücke.“

Sein Team entwickelt auch einen selbstheilenden

Sprühbeton, der versehrte Brücken

kitten soll. Binnen weniger Tage könnten

ihn Arbeiter auf die baufälligen Objekte

auftragen. Einzelne Fahrbahnen müssten

nur kurze Zeit gesperrt werden. Die Materialkosten

für den Spezialbeton lägen zwar

um bis zu 25 Prozent über dem handelsüblicher

Ware. „Dafür lassen sich Millionen sparen,

wenn die Brücken viel länger halten und

nicht mehr so oft saniert werden müssen“,

betont der Bauingenieur.

Auch andere Ansätze können helfen, Risse

zu reparieren, bevor die Bauten Schaden

nehmen. So mischen Forscher Beton mit

dem saugfähigen Substrat aus Windeln. Das

soll sich bei Feuchtigkeit in den bereits entstandenen

Rissen ausdehnen und diese gegen

weiteres Wasser abdichten. In anderen

62 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: SZ-PHOTO/MARCO URBAN, INSTITUT FÜR MASSIVBAU, TU DRESDEN

Projekten versetzen die Wissenschaftler den

Baustoff mit klebstoffgefüllten Kapseln.

Reißt der Beton, brechen diese auf, der Kleber

fließt heraus und wird hart. Verblüffende

Erkenntnis bei ersten Tests: Mit jedem Riss

wurden die Versuchsträger stabiler.

Und auf der Autobahn A58, im Süden der

Niederlande, testen die Forscher sogar einen

selbstheilenden Straßenbelag: Dazu haben

sie Stahlfasern in den Asphalt gemischt. Bekommt

der Risse, etwa nach Frost, wollen sie

die Stahlfasern mit einem Magnetfeld induktiv

aufheizen, so wie einen Topf auf einem

modernen Küchenherd. Der Asphalt um die

Fasern schmilzt, fließt in den Riss und verschließt

ihn.

Stoff statt Stahl Brücken aus Textilbeton,

wie hier im bayrischen Kempten, rosten nicht

PFLASTER AUS KOHLEFASERN

Weil so sanierte Brücken ihren Kern aus

Stahl und Beton besser schützen, ließe sich

die Lebensdauer verdoppeln, wenn alle vier

Jahre ein Induktionsfahrzeug darüber rollt,

kalkulieren die Niederländer. Nun wollen sie

die Technik serienreif machen. Die Einsparung

beziffern die Erfinder auf etliche Hunderttausend

Euro je Kilometer.

Bei vielen maroden Überführungen ist es

mit der Versiegelung durch eine neue

Schicht Funktionsbeton oder Fahrbahnbelag

nicht mehr getan. „Das wäre, als wollte

man einen zerfallenden Schuh mit Creme

und Politur reparieren“, sagt Karl-Heinz Haveresch

vom Landesbetrieb für Straßenbau

in Nordrhein-Westfalen.

Die Brücken müssen verstärkt werden,

damit sie die größeren Lasten durch den rasant

wachsenden Schwerlastverkehr aufnehmen

können. Bisher spannen dazu Arbeiter

oft im Brückenkasten, dem hohlen Inneren

des Bauwerks, zusätzliche Stahlseile.

Doch die Technik, die schon Hunderte Brücken

aufgerüstet hat, stößt an Grenzen: Sie

erhöht die Lebensdauer häufig nur um zehn

Jahre. Und der Stahl erhöht das Eigengewicht

des Bauwerks massiv. Die Methode

lässt sich nicht beliebig ausreizen, soll die

Überführung nicht unter ihrer eigenen Last

zusammenbrechen.

In Australien, Kanada, der Schweiz und

Österreich stehen daher längst Brücken, bei

denen wenige Zentimeter breite Bandagen

aus Kohlefasern die Stahlseile ersetzen. Diese

Kohlefaserlamellen werden in den Brückenkasten

an den Beton geklebt. Das geht

doppelt so schnell wie das Schweißen von

Stahl. Zudem müssen keine Fahrbahnen gesperrt

werden.

„Weltweit wird das sehr erfolgreich eingesetzt“,

sagt Bauingenieur Roland Niedermeier

von der Technischen Universität München.

„Dieses Jahr soll das Material auch in

Deutschland zugelassen werden.“

Magnete heilen

Risse im Spezialasphalt.

Der hält

doppelt so lang

Doch die Ingenieure wollen nicht nur

Kohlefaser-Pflaster auf das Bauwerk kleben.

Sie experimentieren auch damit, hauchdünne

Gewebe aus Glas- oder Carbonfasern in

den Beton einzuarbeiten. Wenige Lagen des

weichen Stoffs genügen, um Textilbeton genauso

belastbar zu machen wie die stählerne

Version. Noch spannender: So bewehrter

Beton rostet nie.

Experten halten Textilbeton für den Baustoff

des 21. Jahrhunderts. Namhafte Unternehmen

wie Bilfinger oder Strabag bauen

bereits damit. Drei Fußgänger- und Radfahrerbrücken,

alle mit nur wenigen Zentimeter

dicken Trägern, haben Ingenieure in

Deutschland schon errichtet. Eine weitere

entsteht derzeit im bayrischen Naila. Jetzt

geht es darum, ob sich die Erkenntnisse auf

Autobahnen übertragen lassen.

Zwar sind Carbonfasern 20-mal teurer als

Stahl. Trotzdem könnte sich das am Ende

rechnen, weil die Bauleute nur ein Bruchteil

des Materials benötigten, dieser nicht rostet

und deshalb viel länger hält, glauben die

Bauforscher aus Dresden.

Noch wichtiger: Brücken, die dem Abriss

geweiht sind, weil sie mit mehr Stahl zu

schwer würden, könnten, saniert mit dem

leichten Textilbeton, ohne Weiteres einige

Jahrzehnte weiterleben. Schladitz’ Kollege

an der TU Dresden, der Bauingenieur Manfred

Curbach, glaubt gar: „Wir können 80

Prozent aller Brücken retten.“

„Textilbeton bietet, woran es heutigen Autobrücken

hapert: Er ist robust und tragfähig“,

sagt Jürgen Krieger von der Bundesanstalt

für Straßenwesen an. Deshalb sollen

nach Auskunft der Dresdner Ingenieure

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 63

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Technik&Wissen

ÜBERWACHUNG

Intelligenz

für Brücken

Sensoren sollen Bauwerke rund

um die Uhr kontrollieren, damit es

gar nicht erst zu Schäden kommt.

Alle sechs Jahre unterziehen Ingenieure

Brücken einer Hauptprüfung. Meist sperren

sie das Bauwerk in dieser Zeit für

den Verkehr– was für die Autofahrer extrem

lästig ist. Hunderte Forscher weltweit

arbeiten deshalb an einer Technik,

die gefährliche Risse oder Schwingungen

selbstständig erkennt und meldet.

In der Gebäudeüberwachung nutzen

sie dafür meist Dehnungsmessstreifen,

die sich ausdehnen und ihren elektrischen

Widerstand ändern, wenn sich

der Bau verzieht. Da sich Brücken aber

auch ohne Schaden bei Temperaturschwankungen

stark ausdehnen, sind

Dehnungssensoren dafür ungeeignet.

SENSIBLER BRÜCKENWART

Stattdessen arbeiten die Wissenschaftler

mit Sensoren etwa aus Glasfasern,

durch die Licht geleitet wird. Ändert

sich die Krümmung der Brücke, kommt

weniger Licht an. Auch druckempfindliche

Piezokristalle erkennen bedenkliche

Veränderungen. Forscher des Karlsruher

Instituts für Technologie messen

wiederum Schwingungen der Stahlseile

im Inneren der Brücken, um Rostschäden

frühzeitig zu entdecken.

Kollegen von der Universität Lübeck

haben bereits eine Brücke in Bad Segeberg

mit Sensoren versehen, die ohne

externe Stromversorgung auskommen

und per Funk kommunizieren. Damit ist

keine aufwendige Verkabelung erforderlich.

Das Sensornetzwerk erfasst,

wie viel die Brücke befahren wird, ob

Risse sich vergrößern oder sich die Neigung

des Bauwerks verändert.

Das Projekt ist Teil eines Forschungsvorhabens

der Bundesanstalt für Straßenwesen

zum Thema intelligente Brücken.

Ziel ist eine Art elektronischer

Brückenwart. Der soll Alarm schlagen,

wenn sich erste, leichte Schäden zeigen,

die sich noch beseitigen lassen,

bevor teure Sanierungen anstehen.

susanne donner, lothar kuhn

Vorbild Niederlande Unsere Nachbarn testen

bereits hochfesten Beton wie hier bei Utrecht

»

nun zwei Autobrücken mit dem Material

für die Zukunft fit gemacht werden.

Ein weiteres bereits im Ausland bewährtes

Verfahren: ultrahochfester Beton, der Stahlfasern

von ein bis zwei Zentimeter Länge

enthält. Das Material ist nicht nur extrem widerstandsfähig,

sondern trägt fünf- bis zehnmal

mehr Gewicht als gewöhnlicher Beton.

Dabei ist die Oberfläche so glatt und dicht,

dass Wasser und Tausalze kaum noch eindringen

können.

Bisher kam der Spezialwerkstoff unter anderem

in Kühltürmen zum Einsatz, in denen

Stahlbeton zu schnell rostet. Nun will ein

niederländisches Unternehmen damit die

240 Meter lange Galecopperbrücke der A 12

bei Utrecht sanieren. Bis 2015 soll sie mit

dem Spezialbeton für mehr Lkw-Verkehr

verstärkt werden. Französische Straßenbauer

rüsteten damit unter anderem eine Autobrücke

in der Nähe von Rouen für den Straßenbahnverkehr

nach.

Obwohl der Spezialbeton vier- bis fünfmal

teurer ist als Standardware, kam er die Bauherren

teils mehr als zehn Prozent günstiger.

Denn da er große Lasten trägt, reichten oft

schlankere Konstruktionen – mit deutlich

weniger Materialbedarf.

Wegen des Zulassungsaufwandes kam

auch dieses Material in Deutschland mit

Ausnahme einiger Fußgänger- und Radfahrerbrücken

bisher kaum zum Einsatz.

„Aber wir stehen in den Startlöchern, die

Lebensdauer maroder Überführungen auch

damit zu verlängern“, sagt einer der führen-

den Forscher, Ekkehard Fehling von der Universität

Kassel.

Die neuen Betonsorten haben noch einen

entscheidenden Vorteil: Da aus ihnen gefertigte

Brückenteile weniger wiegen als bisher,

müssen Arbeiter sie nicht auf der Baustelle

herstellen, indem sie Beton vor Ort in Formen

gießen. Stattdessen lassen sich die Teile

in Fabriken vorfertigen und dann per Lkw an

den Einsatzort transportieren. Dort montieren

die Bauleute die Teile wie bei einem Fertighaus

in kurzer Zeit zusammen. Bei einer

Fahrradbrücke aus ultrafestem Beton nahe

Leipzig dauerte der Aufbau keine zwei Stunden.

Je leichter die Teile, desto rasanter die

Sanierung und umso weniger Stau.

BRÜCKENTEILE AUS DEM DRUCKER

„Das modulare Bauen hat viele Vorteile“,

sagt Christoph Gehlen, Betonforscher an

der Technischen Universität München. „Es

ist schneller. Aber auch die Qualität, die

beim Fertigen im Betonwerk erzielt wird,

kann man nicht erreichen, wenn der Beton

bei Wind und Wetter aushärtet.“ Gehlen

will die Vorfabrikation auch beim Sanieren

zum Maßstab machen. Dazu entwickelt

sein Team ein 3-D-Druckverfahren für Beton.

Für komplette Brücken eignet es sich

zwar nicht, weil das Material nur langsam

aushärtet. Kompakte Werkstücke, wie einen

Zylinder aus Beton, haben Gehlens

Studenten allerdings schon hergestellt.

Seine Vision: Passgenau zur jeweiligen

Schadstelle an einer Brücke könnte in ein

paar Stunden ein Ersatzteil gedruckt werden.

Saniert würde über Nacht.

n

susanne donner | technik@wiwo.de, thomas kuhn

FOTO: ARUP/TON BORSBOOM

64 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»Citymaut ist wünschenswert«

INTERVIEW | Johanna Appelhans Die Expertin des Umweltbundesamts in Dessau über die Ursachen

der derzeit hohen Feinstaubbelastung in den Städten und was dagegen getan werden muss.

Schwaben gelten gemeinhin als

sauber und ordentlich. Ihre Kehrwoche

ist berühmt-berüchtigt.

Doch ausgerechnet mitten in der

schwäbischen Hauptstadt Stuttgart, Am

Neckartor, findet sich Deutschlands

schmutzigste Straße. Auf ihr fahren jeden

Tag 80000 Autos durch die City. Nirgendwo

in Deutschland messen die Behörden höhere

Feinstaubwerte, nirgendwo sonst

herrscht dickere Luft. Im ersten Vierteljahr

wurde der Tagesmittelwert dort bereits

44-mal überschritten. Das EU-Recht erlaubt

nur 35 Tage im ganzen Jahr.

Ähnlich hohe Werte alarmieren dieses

Frühjahr Bewohner und Behörden auch an

anderen verkehrsreichen Straßen der Republik

etwa in München oder Berlin – sechs

Jahre nachdem Köln und Hannover die ersten

Umweltzonen eingerichtet haben.

Doch nirgendwo zeigt sich die Ohnmacht

der Behörden in Sachen Luftqualität so

drastisch wie in Stuttgart.

Der Chemiker Ralf Zimmermann von

der Universität Rostock und dem Deutschen

Forschungszentrum Umwelt und

Gesundheit am Helmholtz Zentrum München

wundert sich, wie wenig trotz der hohen

Feinstaubbelastung passiert. „Es ist indiskutabel,

dass beispielsweise Kreuzfahrtschiffe

mit 3000 Menschen an Bord oder

Containerschiffe mit Dieselmotoren ohne

Filter betrieben werden“, kritisiert er. Selbst

Dicke Luft

wenn die Schiffe Leichtöl einsetzen, so seine

Studien, wirkt der Feinstaub auf

menschliche Lungenzellen toxisch. „Aus

Sicht des Gesundheitsschutzes führt bei

Schiffen kein Weg an Rußfiltern vorbei“,

sagt Zimmermann. Zudem hält er es für

dringend notwendig, zu erforschen, welche

Teile des Feinstaubes besonders gesundheitsgefährdend

sind. Dann ließen

sich diese viel gezielter herausfiltern.

GEFAHR FÜR HERZ UND LUNGE

Feinstaub ist eines der großen Umweltprobleme.

Die winzigen Partikel gefährden

nachweislich die Gesundheit der Menschen.

Sie führen zu Entzündungen der

Atemwege bis hin zur Bildung von Ablagerungen,

den Plaques, in Blutgefäßen. Der

Feinstaub wirkt je nach seiner Größe sehr

unterschiedlich; je kleiner die Teilchen

sind, desto weiter dringen sie in den Organismus

ein. Größere Partikel bleiben beim

Menschen in Nasenhöhle und Luftröhre

hängen, kleinere erreichen die Bronchien.

Als besonders gefährlich gelten ultrafeine

Partikel, weil sie bis in die Lungenbläschen

vorstoßen können. Hohe Feinstaubkonzentrationen

führen daher zu mehr Atemwegs-

und Herz-Kreislauf-Erkrankungen,

was als wissenschaftlich gesichert gilt. Ärzte

gehen davon aus, dass hierzulande Feinstaub

für bis zu 70 000 Todesfälle im Jahr

verantwortlich ist.

Diewichtigsten Verursacher der Feinstaubbelastung* (von 2002 bis 2012,inProzent)

78

53

28

Transportdurch die Luft**

65

30

39

Maximal Mittelwert Minimal

29

6

1

5

0,02 0,2

Kraftfahrzeug-Verkehr Industrie, Energieerzeugung Gebäudeheizung

*jenach Jahreszeit, Wetter und Region; ** Feinstaub kann per Wind über weite Distanzen wandern;Quelle:UBA

Frau Appelhans, trotz der 48 Umweltzonen

in Deutschland ist die Luft in vielen

Städte weiter mit gesundheitsschädlichem

Feinstaub und Stickoxiden belastet. Sind

die Autofahrer damit völlig unnötig zu Umwegen

gezwungen worden und mussten

umsonst für die Plaketten zahlen?

Nein. Es gibt ausführliche Analysen in

Städten wie Berlin, München und Köln.

Die zeigen: Die Umweltzonen haben die

Luftqualität verbessert und eine Zunahme

der Belastung verhindert. Aber die einzelnen

Städte handhaben die Regeln für die

Umweltzonen sehr unterschiedlich.

Was bedeutet das?

Es gibt immer noch 14 Städte wie Köln oder

Augsburg, die auch Autos mit gelber Plakette

in die Zonen fahren lassen. Natürlich

sollten sich etwa Krankenwagen und Behindertenfahrzeuge

frei bewegen dürfen.

Aber darüber hinaus kann jede Stadt noch

weitere Ausnahmen festlegen. Wir würden

es sehr begrüßen, wenn die Regeln

deutschlandweit vereinheitlicht würden.

Müssen die Bestimmungen noch strenger

werden bis hin zu Fahrverboten?

Hauptziel der Umweltzone war, die Fahrzeugflotte

in Deutschland zu modernisieren.

Die Kunden sollten Modelle kaufen,

die weniger Schadstoffe ausstoßen. Das hat

funktioniert. Insofern stößt das Instrument

Umweltzone langsam an seine Grenzen.

Die Umweltzonenregelungen weiter zu

verschärfen ist aber derzeit nicht geplant.

Für Fahrzeugbesitzer stellen die Umweltzonen

eine Art Enteignung dar. Ein Auto

mit einer gelben Plakette darf heute in

den meisten Zonen nicht mehr fahren –

und lässt sich damit kaum noch verkaufen.

Muss nicht endlich die Wirksamkeit

der Zonen sauber nachgewiesen werden?

Sie können die Zonen erst umfassend analysieren,

wenn die Regeln für eine längere

Zeit galten. Nur dann sind auch die Einflüsse

des Wetters genauer bezifferbar. Die

Umweltzone sollte aber noch durch weitere

Maßnahmen ergänzt werden.

Was stellen Sie sich vor?

Wir brauchen weitere Beschränkungen, etwa

Durchfahrverbote für Lastwagen in

hoch belasteten Gebieten und selbstverständlich

den Ausbau des öffentlichen

66 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

DIE SAUBERMACHERIN

Appelhans, 36, arbeitet seit 2005 beim Umweltbundesamt in Dessau und ist dort seit

2006 im Fachgebiet Grundsatzfragen der Luftreinhaltung tätig. Sie studierte in Köln

Volkswirtschaft und Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Umwelt- und Ressourcenökonomik

sowie Energiewirtschaft.

Nahverkehrs, die Verflüssigung des Verkehrs

sowie Parkraumbewirtschaftung, um

den Suchverkehr zu begrenzen.

Wäre nicht eine Citymaut die konsequenteste

Lösung? Autos mit Verbrennungsmotoren

müssten viel zahlen, abgasfreie

Elektrowagen dagegen weniger.

Darüber diskutieren viele Städte, etwa

Köln, Berlin oder Stuttgart. Aber meines

Wissens haben alle Kommunen die Idee

wieder verworfen, weil es eine sehr umstrittene

und sehr rigorose Regelung wäre.

Ist eine Citymaut denn wünschenswert?

Ja. Die Verantwortlichen müssen aber eine

soziale Schieflage verhindern, damit sich

nicht nur Reiche die Fahrt in die Stadt leisten

können. Erforderlich ist ein gut ausgebauter

öffentlicher Nahverkehr.

Statt Autos zu belasten, sollten nicht besser

Dreckschleudern wie Baumaschinen,

Schiffe und Dieselloks bekämpft werden?

Es geht darum, alle direkten Feinstaubquellen

in den Städten zu minimieren. Dazu gehören

auch Baumaschinen. Diese arbeiten

häufig mit Verbrennungsmotoren ohne moderne

Abgasreinigung. Schon heute können

Kommunen auf den eigenen Baustellen dafür

sorgen, dass nur Maschinen mit Partikelfiltern

eingesetzt werden. Die Europäische

Kommission bereitet zudem derzeit Vorschriften

vor, um die Emissionsstandards

für diese Geräte zu verschärfen. Für Schiffe

und Lokomotiven ist das ebenso notwendig.

Der Verkehr ist nicht der einzige Schuldige.

Woher kommt der übrige Feinstaub,

der die Luft in den Städten belastet?

Weitere wichtige Quellen sind die Schornsteine

von Kraftwerken und Heizungen.

Außerdem bildet er sich aus Vorläufersubstanzen

wie Stickoxiden, die vor allem Dieselfahrzeuge

erzeugen, aber auch aus

Schwefeldioxid und Ammoniak, der fast

komplett aus der Landwirtschaft stammt.

Anfang April wehte Saharastaub

über Deutschland. Welche Rolle spielt

der Ferntransport in die Städte?

Die Belastung durch Ferntransport kann je

nach Wetterlage nach neuesten Analysen

zwischen 30 und bis zu 80 Prozent betragen.

In Berlin kann der Staub bei Ostwind

aus Polen stammen, in Köln bei Westwind

aus dem Braunkohletagebau Garzweiler.

Wer produziert noch Feinstaub?

Das ist nicht leicht zu beantworten, weil es je

nach Region und Witterung unterschiedliche

Verursacher gibt. Der Anteil des Verkehrs

ist hoch und liegt in Städten wie Stuttgart,

München oder Berlin bei bis zu 65 Prozent.

Ein anderer wichtiger Emittent sind

Hausheizungen, vor allem im Süden gibt es

immer mehr mit Holz betriebene. Dort können

sie bis zu 30 Prozent der Feinstaubbelastung

ausmachen. Im Ruhrgebiet tragen

Großfeuerungsanlagen wie Kohlekraftwerke

zu der Belastung mit bis zu 40 Prozent bei.

Und die Landwirtschaft?

Vor allem in Nordwestdeutschland ist der

Ammoniak aus der Intensivtierhaltung ein

Problem. Aus ihm bildet sich wiederum

Feinstaub. Vor allem im Frühling, wenn

Bauern die Felder mit Gülle düngen, erhöht

sich die Belastung.

Wird dagegen genug getan?

Aus unserer Sicht nicht genug. Würde Gülle

beispielsweise direkt in den Boden injiziert

statt versprüht, würde die Belastung

deutlich sinken. Auch Abluftreinigungsanlagen

für große Ställe sind sinnvoll.

Reicht das, um die gesundheitsschädliche

Feinstaubbelastung zu senken?

Nein. Wir haben Regeln für Großfeuerungsanlagen

wie Kraftwerke und Kleinfeuerungsanlagen

wie Kamine. Größtenteils

unreguliert sind mittlere Feuerungsanlagen

wie Biogasanlagen. Die EU-Kommission

hat Ende 2013 eine Richtlinie dazu

vorgelegt, die gerade verhandelt wird.

Was passiert, wenn Grenzwerte für Feinstäube

und Stickoxide weiter überschritten

werden? Drohen Strafzahlungen?

Ja. In einem langwierigen Verfahren muss

Deutschland belegen, dass es genügend

gegen die Feinstaubbelastung getan hat.

Gelingt dies nicht, kann die EU Strafzahlungen

fordern.

n

juergen.rees@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 67

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Allmählich läuft der Verkauf von

Google Glass an, auch wenn die Datenbrille stark

umstritten ist. Doch das ist nicht ihr wahres Problem.

Von Matthias Hohensee

Werbung im Auge

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Es ist ein bewährter Marketingtrick:

Nur ein beschränkter Kreis von

Nutzern darf neue Produkte ausprobieren.

Die künstliche Knappheit

weckt Begehrlichkeiten bei den

Ausgeschlossenen. Google nutzte diese

Taktik, um seinen E-Mail-Dienst Gmail zu

bewerben. Beim Start im April 2004 konnten

nur einige Auserwählte mitmachen,

die wieder andere einladen durften. Die

Strategie funktionierte. Heute ist Gmail

mit rund 600 Millionen Kunden weltweit

eins der erfolgreichsten Google-Produkte.

Bei Google Glass zeigen sich aber die

Schattenseiten von „Du musst erst einmal

draußen bleiben“. Im April 2013 konnten

sich Entwickler und einige Auserwählte die

erste Version der berühmten Datenbrille

sichern. Seitdem ist ein Jahr vergangen –

eine Ewigkeit in der High-Tech-Branche.

Einstige Fans wie der New Yorker Medienprofessor

Jeff Jarvis sind der Brille

inzwischen überdrüssig, halten sie für „kolossale

Geldverschwendung“. Sogar der im

Silicon Valley allgegenwärtige Blogger Robert

Scoble, der sich selbst beim Duschen

nicht von Google Glass trennte, ist längst

nicht mehr so enthusiastisch. Wer in San

Francisco mit der Brille durch die Straßen

geht, riskiert Anfeindungen. Nicht nur, weil

die Menschen ihre Privatsphäre verletzt sehen.

Sondern auch, weil sich das Image von

Google von einem Start-up mit dem Anspruch,

die Welt zu verbessern, zu einem

arrogant auftretenden Megakonzern gewandelt

hat. Es ist ein weiteres Beispiel

für die Selbstverliebtheit der High-Tech-

Branche, die neues Spielzeug kreiert, statt

Geißeln der Menschheit zu bekämpfen.

Auch als Mobiltelefone Anfang der Neunzigerjahre

neu waren, wurden ihre damals

vorwiegend geschäftlichen Nutzer zuweilen

kritisiert, weil sie angeblich ihre Umwelt

störten. Doch dann wurden die Handys alltäglich,

und kaum jemand stößt sich noch

an ihnen. Auch das Image tragbarer Internet-Geräte

wird sich bessern, wenn erst einmal

sinnvolle Anwendungen existieren. Immerhin

scheint es eine Nachfrage zu geben:

Vor Kurzem startete Google in den USA den

Verkauf der Datenbrille. Trotz des stolzen

Preises von 1500 Dollar waren die verfügbaren

Exemplare schnell ausverkauft. Wann

die nächste Tranche kommt, ist noch offen.

Konkurrenten wie Apple, Sony und

Samsung beobachten das interessiert.

WELLE VON GRATISANGEBOTEN

Die Herausforderung liegt woanders. Die

Telekoms hatten beim Siegeszug des

Handys klare Geschäftsmodelle. Wie Google

mit seiner Datenbrille jenseits des Verkaufs

der Hardware Geld verdienen will, ist

unklar. Der App-Verkauf ist eine begrenzte

Umsatzquelle. Werbung wird es nicht sein,

jedenfalls nicht in der heutigen Form. Nur

Masochisten werden sich Anzeigen auf die

Augen projizieren lassen – selbst wenn sie

maßgeschneidert sein sollten.

Die Risikokapitalgeber sind noch optimistisch,

dass Google und Co. Geschäftsmodelle

finden. Laut dem Beratungsunternehmen

CB Insights wurden vergangenes

Jahr 458 Millionen Dollar in 49 Unternehmen

für tragbare Internet-Geräte investiert.

Fast die Hälfte des Kapitals floss ins Silicon

Valley. Die Analysten von Credit Suisse sehen

für das Jahr 2017 einen Markt von 50

Milliarden Dollar für High Tech à la Google

Glass respektive smarter Armbanduhr

voraus. Doch Marktpotenzial und Geldverdienen

sind verschiedene Dinge.

Google hat die Regeln fürs Hardwaregeschäft

grundlegend verändert, als es

Android gratis verfügbar machte und den

Wettbewerb unter den Geräteproduzenten

ankurbelte. Seitdem hat sich die Wertschöpfung

in Richtung Software und Dienste

gedreht. Auch bei tragbaren Internet-Geräten

ist mit einer Welle von Gratis-Offerten

zu rechnen. Aber bei Kostenlos-Diensten

hat das Silicon Valley ja große Erfahrung.

Und schon geht das Spielchen mit den elitären

Einladungen für begeisterungsfähige

Erstkunden wieder von vorn los.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 69

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Management&Erfolg

Generation Nimmersatt

ARBEITGEBER-RANKING | Abwechslungsreicher Job in nettem Team, ausreichend

Zeit für Hobbys und Familie, Top-Gehalt: Arbeitgeber müssen Absolventen

heute einiges bieten, um die besten Talente für sich zu gewinnen. Das zeigt das

exklusive Arbeitgeber-Ranking des Beratungsunternehmens Universum.

Arielle die Meerjungfrau wartet

schon. Bis zum ersten Arbeitstag

der neuen Kollegin dauert

es zwar noch ein paar Wochen,

Katharina Gruner hat trotzdem

schon eine Spielkarte mit dem Konterfei

der Disney-Figur an den freien Laborplatz

geklebt – als Willkommensgruß

für die neue Kollegin mit den roten Haaren.

An Gruners eigenem Arbeitsplatz in der

Darmstädter Zentrale des Pharmahersteller

Merck hängt Anna, die Eiskönigin aus

dem gleichnamigen Disney-Film – genau

wie Gruner hat sie lange braune Haare. Einen

Tisch weiter tanzt Meshua, die Freundin

von Mogli aus dem Dschungelbuch –

dieser Laborplatz gehört einer Kollegin aus

Indien. „Es ist mir wichtig, ein nettes Team

um mich zu haben“, sagt Gruner, „Mein Arbeitgeber

muss mich auch auf der menschlichen

Ebene überzeugen.“

Dass sie die gewünschte Atmosphäre bei

Merck gefunden hat, merkte Gruner schon

an ihren ersten Arbeitstagen vor etwa einem

Jahr. Die Biologin war damals auf die

Hilfe ihrer Kollegen angewiesen, als sie ihre

neue Stelle in der Immun-Onkologie des

Pharmaherstellers antrat, wo Krebs mithilfe

körpereigener Abwehrmechanismen

bekämpft werden soll. Für die promovierte

Biologin war die Beschäftigung mit dem

menschlichen Abwehrsystem etwas völlig

Neues: So musste sie erst lernen, wie man

Immunzellen aus dem Spenderblut isoliert.

Im Gegenzug hilft Gruner ihren Kollegen

bei Fragen zu Tumorzellen weiter – damit

hatte sich die 31-Jährige in ihrer Promotion

beschäftigt.

Doch nicht nur das gute Arbeitsklima

und ein interessantes Forschungsgebiet

überzeugten Gruner, auch das Gehalt

stimmt. Die gebürtige Hamburgerin hatte

nach ihrer Doktorarbeit, die sie mit magna

cum laude bestand, auch ein Angebot als

Redakteurin bei einem großen Verlag. Doch

dort hätte sie gerade mal die Hälfte ihres damaligen

Doktoranden-Gehalts bekommen.

„Ich studiere doch nicht jahrelang“, sagt sie,

„um dann so wenig zu verdienen.“

Damit spricht Gruner vielen Studenten

und Berufseinsteigern aus der Seele – das

zeigt das große Arbeitgeber-Ranking des

Beratungsunternehmens Universum Communications,

das der WirtschaftsWoche

exklusiv vorliegt (siehe Methode Seite 76).

Gutes Gehalt und angenehmes Arbeitsklima

sind die beiden wichtigsten Faktoren,

die ein Unternehmen für junge Talente attraktiv

machen. Doch damit nicht genug:

Der perfekte Arbeitgeber sollte zudem abwechslungsreiche

Aufgaben, Sicherheit

und die richtige Balance zwischen Arbeit

und Freizeit bieten.

Mit Vollgas an die Spitze

Welche Unternehmen fächerübergreifend

vorne liegen*

Audi BMW Porsche Google VW

31 22 18 16 14

*Analyse der einzelnen Ranglisten: FürPlatz 1

gab es zehn Punkte, für Platz 10 einen Punkt;

Quelle: Universum Communications

„Die Ansprüche der Studenten an ihren

Job sind höher denn je“, fasst Stefan Lake,

Deutschland-Chef von Universum, die Ergebnisse

des diesjährigen Arbeitgeber-

Rankings zusammen.

DU BIST BEGEHRT!

Doch wer kann es ihnen verdenken? Vergeht

doch kaum ein Tag ohne neue Meldungen

zum Fachkräftemangel oder zur alternden

Gesellschaft, die den Führungskräften

von morgen signalisieren: Du bist

begehrt! Das belegt auch ein Blick auf die

Zahlen: Schon heute kommen laut einer

aktuellen Studie des Instituts der deutschen

Wirtschaft (IW) auf 100 Stellenangebote für

Elektrotechniker lediglich 55 Arbeitslose,

bei Luft- und Raumfahrttechnikern waren

es 57 und bei den Informatikern 61. Hinzu

kommt die sinkende Zahl der Menschen im

erwerbsfähigen Alter. Liegt die Anzahl der

Personen zwischen 15 und 65 Jahren heute

noch bei 50 Millionen, werden es 2030 nur

noch 42 Millionen sein. Das alles ist den Berufseinsteigern

bewusst, so schätzen laut

einer aktuellen Umfrage von Continental

72 Prozent der deutschen Studenten ihre

Karriereaussichten als sehr gut ein, lediglich

vier Prozent haben keine große Hoffnung

auf beruflichen Aufstieg.

Die Botschaft an die Studenten hinter

den Zahlen ist deutlich: Sie müssen nicht

fragen, was sie für ihren Arbeitgeber tun

können – die Unternehmen müssen sich

die Frage stellen: Was kann, was muss ich

tun, um die raren Talente an mich zu binden?

Katharina Gruners Arbeitgeber Merck

scheint darauf derzeit besonders gute Antworten

zu finden: Unter den Naturwissen-

FOTO: WOLF HEIDER-SAWALL FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

70 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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BMW

Daniel Huber, 27

Laptop auf dem Schoß: Der

Informatiker schätzt den Praxisbezug

bei BMW. Die Software

checkt er nicht nur auf

dem Prüfstand, sondern auch

auf Teststrecken in Südfrankreich

und bei München.

schaftsstudenten konnte der Pharmakonzern

im Vergleich zum Vorjahr drei Plätze

aufsteigen und ist damit eines der wenigen

Unternehmen, die in diesem Jahr neu in die

Top Fünf eingezogen sind. Bei den angehenden

Wirtschaftswissenschaftlern, Ingenieuren

und Informatikern konnten die beliebtesten

fünf Arbeitgeber ihre Position vom

vergangenen Jahr weitgehend verteidigen.

„Deutschland ist und bleibt Autoland“,

sagt Universum-Manager Lake. So wählten

die Wirtschaftswissenschafts- und Ingenieurstudenten

Audi zum beliebtesten Arbeitgeber,

direkt gefolgt von den Konkurrenten

BMW, Porsche und Volkswagen.

Den fünften Platz belegt unter den angehenden

Ingenieuren mit Daimler der

nächste Autobauer und unter den Ökonomen

der Internet-Konzern Google.

Die Informatikstudenten wählten das

US-Unternehmen wie im Vorjahr zu ihrem

beliebtesten Arbeitgeber. Google konnte

seine Position sogar noch einmal um mehr

als fünf Prozentpunkte auf knapp 33 Prozent

steigern – das ist fächerübergreifend

absoluter Spitzenwert.

Doch auch die Automobilhersteller werden

für Programmier-Cracks zunehmend

zur attraktiven Job-Adresse: Ob Elektroantrieb,

das vernetzte oder selbstfahrende

Auto – die Branche ist softwarelastiger geworden.

Diese Entwicklung lockt etwa IT-Spezialisten

wie Daniel Huber. Der 27-jährige Berufseinsteiger

arbeitet in der Serienentwicklung

bei BMW. Er und sein Team verantworten

die Software des Zentralsteuergeräts

eines neuen, noch streng geheimen

Modells. Das Zentralsteuergerät legt »

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 71

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Management&Erfolg

Die beliebtesten Arbeitgeber der...

...Wirtschaftswissenschaftler

Rang

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41

42

43

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45

46

47

48

49

50

Unternehmen

Audi

BMW

Porsche

Volkswagen

Google

Daimler

Lufthansa

McKinsey

Adidas

Siemens

Auswärtiges Amt

ProSiebenSat.1

Coca-Cola

Unilever

PwC

Deutsche Bank

L’Oréal

Europäische Zentralbank

Boston Consulting Group

Hugo Boss

EY

Robert Bosch

BASF

Procter & Gamble

KPMG

Microsoft

Amazon

SAP

Ikea

Nestlé

Deutsche Bundesbank

Ferrero

TUI

Beiersdorf

Deutsche Bahn

Goldman Sachs

Fraport

IBM

Bayer

EADS

Siemens Management Con.

Peek & Cloppenburg

Deutsche Börse

Henkel

DHL

Haribo

Roland Berger

ThyssenKrupp

Sparkasse

Bertelsmann

Prozent

20,9

19,9

17,6

14,5

13,3

13,1

12,9

7,9

7,5

7,4

7,3

7,0

6,4

6,4

6,3

6,2

6,1

6,0

5,6

5,5

5,3

5,2

4,9

4,8

4,8

4,7

4,4

4,4

4,3

4,1

4,1

3,9

3,9

3,7

3,7

3,5

3,3

3,2

3,1

3,1

3,1

3,0

3,0

2,9

2,9

2,9

2,8

2,8

2,8

2,7

...Ingenieure

Unternehmen

Audi

BMW

Porsche

Volkswagen

Daimler

Siemens

Lufthansa Technik

EADS

Robert Bosch

Deutsche Bahn

Fraunhofer-Gesellschaft

DLR

ThyssenKrupp

Hochtief

E.On

BASF

Continental

RWE

MAN

Bosch Rexroth

Bundeswehr

Bayer

Intel

Max-Planck-Gesellschaft

Philips

ZF Friedrichshafen

IBM

MTU

Solarworld

Esa

ABB

Bilfinger

Deutsche Telekom

Coca-Cola

Strabag

Bombardier

TÜV Rheinland

Carl Zeiss

Siemens Management Con.

Festo

McKinsey

Nestlé

Ford

Vattenfall

Dräger

EnBW

Sennheiser

Opel

Ferchau

TÜV Nord

Prozent

27,9

24,1

23,9

17,2

16,3

15,2

12,1

8,1

7,4

7,3

7,2

6,0

5,6

5,4

5,1

5,1

4,6

4,6

4,4

4,0

3,9

3,5

3,3

3,2

3,0

2,9

2,8

2,8

2,6

2,6

2,6

2,5

2,4

2,3

2,3

2,2

2,2

2,1

2,0

2,0

1,9

1,9

1,9

1,9

1,9

1,8

1,8

1,8

1,8

1,8

...Informatiker

Unternehmen

Google

Microsoft

Apple

Audi

SAP

IBM

BMW

Electronic Arts

Porsche

Facebook

Intel

Siemens

Daimler

Volkswagen

Amazon

Lufthansa Systems

Bundesnachrichtendienst

Crytek

Fraunhofer-Gesellschaft

Deutsche Telekom

Sony

Bundeswehr

DLR

ProSiebenSat.1

AMD

Oracle

Robert Bosch

Adobe

Cisco

Ebay

EADS

Esa

Deutsche Bahn

Max-Planck-Gesellschaft

Dell

Software AG

HP

McKinsey

Auswärtiges Amt

BASF

1&1 Internet

Philips

Deutsche Bank

Bayer

Ikea IT

Coca-Cola

Accenture

AVM

Adidas

Europäische Zentralbank

Unterschiedlicher Rang bei gleicher Prozentzahl ergibt sich aufgrund der zweiten Nachkommastelle; Quelle: Universum Communications

Prozent

32,7

19,2

16,1

14,8

14,1

12,9

11,6

9,9

9,8

9,8

9,3

8,9

8,1

7,9

7,4

7,0

6,7

6,5

6,1

5,8

5,6

4,5

4,4

4,2

4,1

4,1

4,1

4,0

4,0

3,6

3,6

3,5

3,4

3,3

3,2

3,0

2,9

2,6

2,6

2,6

2,5

2,2

2,1

2,0

2,0

1,9

1,9

1,9

1,9

1,9

...Naturwissenschaftler

Unternehmen

Max-Planck-Gesellschaft

Bayer

Fraunhofer-Gesellschaft

BASF

Merck

Novartis Pharma

Audi

Roche

DLR

Siemens

Boehringer Ingelheim

Porsche

Ratiopharm

BMW

Nestlé

Bundeswehr

Lufthansa Technik

Volkswagen

Fresenius

Unilever

Hexal

IBM

Coca-Cola

Deutsche Bahn

Esa

Daimler

Wacker Chemie

Beiersdorf

Henkel

Solarworld

RWE

Sanofi

Europäisches Parlament

Intel

E.On

McKinsey

Carl Zeiss

Robert Bosch

Boston Consulting Group

Evonik

Munich Re

ThyssenKrupp

Procter & Gamble

EADS

GIZ

Philips

Siemens Management Con.

Deutsche Telekom

TÜV Rheinland

SMA

Prozent

26,2

19,4

18,0

16,4

8,6

8,5

8,4

7,9

6,9

6,9

6,2

6,2

6,1

6,1

6,0

6,0

5,8

5,6

5,5

5,0

4,5

4,2

4,1

4,1

4,1

4,1

4,0

3,8

3,6

3,4

3,4

3,2

3,2

3,1

3,0

2,9

2,8

2,6

2,5

2,3

2,3

2,2

2,2

2,2

1,9

1,9

1,8

1,7

1,7

1,5

72 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»

den Zustand eines Fahrzeugs fest:Fährt

es oder steht es? Befindet sich der Fahrer

im Auto oder nicht? Oberstes Ziel: Energie

sparen. Wartet der Fahrer im Auto und

hört Musik, sollte das Licht brennen und

die Anlage funktionieren – sonst nichts.

Das ist gerade bei Elektroautos wichtig,

denn jedes eingesparte Watt sorgt für

mehr Reichweite.

Computerfreak Huber wollte vor allem

einen innovationsfähigen Arbeitgeber, der

mit kreativen Methoden experimentiert –

BMW etwa entwickelt Software in vielen

kleinen Schritten anstatt in wenigen großen.

Jeder dieser kleinen Schritte wird dabei

die ganze Zeit mithilfe automatisierter

Tests überwacht. Statt wie früher erst die

komplette Software zu programmieren

und sie dann in einem Versuchsmodell zu

testen, können bei dem neuen Verfahren

Fehler schon im Anfangsstadium einer

neuen Software identifiziert und behoben

werden. Eine Methode, die bisher vor allem

Internet-Schmieden wie Google vorbehalten

war.

„Für uns Informatiker ist das eine kleine

Revolution“, sagt Huber, der gerade an einer

neuen Einparksoftware arbeitet, bei

der das Auto ganz von allein startet und in

eine Parklücke oder Garage fährt.

Die Entwicklung eines völlig neuen Autos

mitzugestalten und die Testphasen

auch mal im Prototyp auf der Rennstrecke

MERCK

Katharina Gruner, 31

Herzliche Atmosphäre im sterilen Labor –

die promovierte Biologin hat bei Merck

gefunden, was sich viele Studenten wünschen:

einen abwechslungsreichen Job in

einem netten Team und mit gutem Gehalt.

vor den Toren Münchens oder in Südfrankreich

statt vor dem Computer zu verbringen

– Daniel Huber macht das, wovon viele

träumen. BMW konnte seine Position in

diesem Jahr unter den Informatikstudenten

um vier Plätze verbessern und zog damit in

die Top Ten der beliebtesten Arbeitgeber

ein. Aber nicht nur die Bayern legten ordentlich

zu. Daimler schoss von Platz 21 auf

die 13, Porsche kletterte um fünf Positionen

auf den neunten Rang, Volkswagen konnte

immerhin einen Platz hinzugewinnen.

„Die Autoindustrie bietet den jungen Talenten

das, was ihnen wichtig ist“, sagt Universum-Deutschland-Chef

Stefan Lake.

Nicht immer, aber immer öfter gilt das

auch für Deutschlands Pharmabranche –

zumindest unter den angehenden Naturwissenschaftlern.

In ihrer wichtigsten Zielgruppe

ergatterte wie im Vorjahr die Max-

Planck-Gesellschaft die beste Position, gefolgt

vom Pharmaunternehmen Bayer, der

Fraunhofer-Gesellschaft und dem Chemiekonzern

BASF. Den fünften Platz erkämpfte

sich Merck in diesem Jahr von

Siemens. Der Elektrokonzern verlor fünf

Positionen und belegt aktuell damit nur

noch den zehnten Rang.

Doch nicht nur Katharina Gruners Arbeitgeber

konnte seine Position stärken,

die Pharmabranche schnitt insgesamt

deutlich besser ab: Der zweitplatzierte

Bayer-Konzern legte noch einmal um drei

Prozentpunkte zu, Ratiopharm kletterte

von Rang 19 auf 13, Boehringer Ingelheim,

Novartis und Roche konnten jeweils einen

Platz gutmachen.

SICHERHEIT GESUCHT

„Naturwissenschaftler wollen einen sicheren

Job – und den bekommen sie in der

Pharmabranche“, sagt Universum-Marktforscher

Lake. Hinzu kommt: Die Branche

wächst, zumindest leicht. Laut des Verbands

Forschender Pharmaunternehmen

(VFA) rechnen die Unternehmen mit einem

Beschäftigungszuwachs von immerhin

0,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf

rund 80 000 Beschäftigte.

Auch Merck sucht nach neuen Talenten.

Weltweit sind etwa 100 Stellen allein im Bereich

Forschung und Entwicklung momentan

unbesetzt. Und das, obwohl das Unternehmen

sich gerade der wohl größten

Spar-Kur der Unternehmensgeschichte

unterzieht. „Fit für 2018“ heißt das Pro-

»

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 73

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Management&Erfolg

»

gramm, das das 1668 gegründete und

damit älteste Pharmaunternehmen der

Welt auf die kommenden Jahre vorbereiten

soll. 1600 Stellen werden abgebaut, gleichzeitig

übernimmt der Konzern für mehrere

Milliarden Euro Konkurrenten, um die Entwicklung

neuer Produkte voranzutreiben.

Für Merck ist vor allem die Mischung aus

Naturwissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftler

interessant, doch diese Kombination

ist selten. Um trotzdem die richtigen

Kandidaten zu finden, hält der Pharmakonzern

engen Kontakt zu den für sie relevanten

Hochschulen in Darmstadt, Mannheim,

Heidelberg und Frankfurt. Außerdem präsentiert

sich das Unternehmen auf Karrieremessen

und nimmt vielversprechende

Praktikanten in ein Bindungsprogramm

auf. Doch damit nicht genug: „Die Talente

werden immer anspruchsvoller, denn sie

können ihre eigenen Fähigkeiten realistisch

einschätzen“, sagt Ulla Siebrecht, bei Merck

zuständig für das Employer Branding.

So fragen die Studenten nicht mehr, ob

sie ins Ausland können, sondern wann. Sie

wünschen sich gute Entwicklungsmöglichkeiten

und wollen früh Verantwortung

übernehmen – aber nicht auf ihre Freizeit

verzichten. Sie schätzen die Sicherheit eines

renommierten, alteingesessenen Konzerns,

wollen aber im Arbeitsalltag die flexiblen

Strukturen und flachen Hierarchien

eines Start-ups.

GOLDMAN SACHS

Nelli Mirontschenko, 23

Die Betriebswirtin knüpfte schon im Studium

Kontakte zur Investmentbank, bei der

sie nach dem Abschluss als Analystin

einstieg. Ihr Job-Fazit nach elf Monaten:

hart, lehrreich – und extrem gut entlohnt.

„Wir bieten vielversprechenden Absolventen

individuelle Entwicklungsmöglichkeiten

außerhalb standardisierter Karrierepfade“,

sagt Personalerin Siebrecht. Außerdem

sucht Merck künftig vermehrt im

Ausland nach neuen Mitarbeitern und

möchte noch früher mit den Talenten in

Kontakt treten.

Letzteres klappt bei der Investmentbank

Goldman Sachs schon ganz gut. Nelli Mirontschenko

traf ihren künftigen Arbeitgeber,

da studierte sie gerade mal im dritten

Semester an der WHU Otto Beisheim

School of Management. Die Investmentbank

lud Mirontschenko zum Seminar

„Women in Banking“ ein, auf dem unter

anderem der Weg eines Unternehmens an

die Börse veranschaulicht wurde. „Das ist

es“, sagte sich Mirontschenko – und ließ

den Kontakt zu Goldman Sachs nicht mehr

abreißen. Im vierten Semester machte sie

ein Praktikum im Investmentbanking, direkt

nach ihrem Bachelor in International

Business begann die damals 22-Jährige als

Analystin in der Frankfurter Zentrale zu arbeiten.

Ein Job, um den sie offenbar viele Konkurrenten

beneiden: In diesem Jahr ist Goldman

Sachs unter den angehenden Wirtschaftswissenschaftlern

der höchste Aufsteiger.

Um 17 Plätze konnte sich das Unternehmen,

das US-Journalist Matt Taibbi auf

dem Höhepunkt der Finanzkrise im Juli

2009 noch mit einer Vampirkrake verglichen

hatte, verbessern. Im vergangenen Jahr verpasste

das Unternehmen den Einzug in die

Top 50, jetzt liegen die Banker auf Platz 36

und damit nur knapp hinter ihrer Position

vor der Finanzkrise (Platz 33). Als „prestigeträchtiges

Unternehmen“, bezeichnet Universum-Manager

Lake das traditionsreiche

US-Finanzinstitut. „Außerdem hat die Euro-

Krise andere Buhmänner hervorgebracht.“

IMAGE AUFPOLIERT

Zumal sich Goldman Sachs nach Kräften

bemüht, die jüngsten Negativschlagzeilen

schnell vergessen zu machen – sei es im

eigenen Unternehmen wie zuletzt den

Rosenkrieg seines Deutschland-Chefs

Alexander Dibelius mit seiner Noch-Ehefrau.

Oder in der gesamten Branche der

Investmentbanker, in der gerade eine

Selbstmordserie für Gesprächsstoff sorgte.

Stattdessen versucht Goldman, mit positiven

Nachrichten auf sich aufmerksam

»

FOTO: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

74 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Management & Erfolg

»

zu machen. War die Branche schon immer

für gute Gehälter bekannt, entdeckt sie

nun auch das Thema Work-Life-Balance

für sich: Nach dem Tod eines deutschen

Praktikanten, der sich bei der Bank of America

Merrill Lynch überarbeitet haben soll,

verordneten die Unternehmen ihren Mitarbeitern

freie Wochenenden.

AUCH MAL ENTSPANNEN

„Wer jung ist, kann es lockernehmen“, soll

Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein seinen

Sommerpraktikanten ausgerichtet

haben, „Leute, die so alt sind wie Sie, können

sich ruhig auch mal ein bisschen entspannen.“

Außerdem kündigte die Bank

an, künftig mehr Analysten einzustellen,

um die Arbeitsbelastung Einzelner zu reduzieren.

Nachwuchs-Analystin Nelli Mirontschenko

geht zumindest zweimal die Woche

zum Sport. Mal verlässt sie am Dienstagabend

das Büro um acht, am Freitagnachmittag

gar schon um fünf Uhr. „Der

Job ist intensiv, doch solange mir die Arbeit

Spaß macht, ist das akzeptabel für mich“,

sagt Mirontschenko. Die langen Arbeitszeiten

lässt sie sich schließlich auch fürstlich

entlohnen. Experten schätzen, dass Goldman

Einsteigern rund 75 000 Euro zahlen –

Boni nicht eingerechnet. Das durchschnittliche

Branchengehalt für Analysten

liegt zwischen 45 000 und 60 000 Euro.

Doch mit Geld allein lockt auch eine Investmentbank

heute keine Talente mehr.

„Die Studenten sind selbstbewusster, es

wird viel offener kommuniziert“, sagt Dorothee

Klein, Personalreferentin bei Goldman

Sachs, „sie möchten einen Sinn in der Arbeit

sehen und legen viel Wert auf eine Feedback-Kultur.“

Neben regelmäßigen Mitarbeitergesprächen

gibt es ein Mentorenprogramm,

in dem sich ein erfahrener Kollege

und ein Vize-Präsident um die Absolventen

kümmern. Am Anfang fliegt jeder Analyst

für eine vierwöchige Einführung nach New

York. „Ich habe gute Weiterbildungsmöglichkeiten“,

bestätigt Nelli Mirontschenko.

Dass überdurchschnittlich guter Lohn

und die Aussicht auf eine steile Karriere die

METHODE

So funktioniert’s

Wo möchten Sie nach Ihrem Studienabschluss

am liebsten arbeiten? Was ist Ihnen

bei der Wahl Ihres Arbeitgebers am

wichtigsten? Mehr als 30 000 Studenten

aller Semester und Fachrichtungen von

140 Hochschulen aus der ganzen Bundesrepublik

beantworteten die Fragen

des Marktforschungsunternehmens

Universum – so viel wie nie seit Beginn

der Rankings vor zwölf Jahren. Mit 37

Prozent studieren die meisten Teilnehmer

der diesjährigen Umfrage Wirtschaftswissenschaften,

gefolgt von den

angehenden Ingenieuren mit 20 Prozent.

Zwölf Prozent belegen ein naturwissenschaftliches

Fach und acht

Prozent gehören der Gruppe der Informatiker

an. Der restliche Teil setzt sich

aus angehenden Geisteswissenschaftlern,

Juristen und Medizinern zusammen.

Die Befragten konnten aus einer

Liste von 130 Unternehmen bis zu fünf

der beliebtesten Arbeitgeber auswählen,

aber auch eigene Vorschläge nennen.

Die jeweiligen Platzierungen ergeben

sich aus dem relativen Stimmanteil.

Talente der Generation Y nicht ausreichend

überzeugten, wenn Familie, Freunde

und Freizeit zu kurz kommen, mussten

in jüngster Vergangenheit auch Unternehmensberater

und Wirtschaftsprüfer lernen.

„Beide Branchen haben in den letzten Jahren

extrem an den weichen Faktoren gearbeitet“,

sagt Universum-Mann Lake. So

richtete etwa PwC Zeitkonten für seine

Mitarbeiter ein. Wer zu Stoßzeiten eine

große Menge an Überstunden gesammelt

hat, kann diese beispielsweise in Verbindung

mit einem Sabbatical abbauen. Thomas

Fritz, Personalchef bei McKinsey

Deutschland, sagte kürzlich in einem Interview

mit „Spiegel Online“, dass er auch

Backpacker einstellen würde – schließlich

gehörten zu einer Rucksackreise durch

Asien ein hohes Maß an Engagement und

Selbstvertrauen. Das kommt bei den jungen

Talenten gut an. Deutschlands Branchenprimus

stieg unter den angehenden

Ingenieuren immerhin von Position 68 auf

41. PwC konnte unter den Wirtschaftswissenschaftlern

sieben Plätze gutmachen,

die Boston Consulting Group steigerte sich

um fünf Plätze. Allein EY, früher Ernst &

Young, verlor sechs Positionen – was laut

Universum-Manager Lake vor allem an der

Namensverschlankung lag. So war es auch

bei PricewaterhouseCoopers, die zu PwC

wurden. „EY wird im nächsten Jahr bestimmt

wieder besser dastehen“, sagt Lake.

ABGESTRAFT FÜR SKANDALE

Ob diese Hoffnung auch auf andere Absteiger

zutrifft, ist ungewiss. Amazon musste

unter den angehenden Ökonomen in diesem

Jahr 19 Plätze einbüßen – so viele wie

kein anderes Unternehmen. Bei den Informatikern

waren es immerhin sechs Plätze.

Der Skandal um Dumpinglöhne und Leiharbeit

ist zwar schon fast ein Jahr her, hat

aber scheinbar bis heute Einfluss auf die

Wahrnehmung der Studenten. Ein ähnliches

Bild bei Siemens: Das Gerangel um

den ehemaligen Konzernlenker Peter Löscher

und der im September 2013 angekündigte

Abbau von weltweit 15000 Stellen

kosteten das Unternehmen bei den Naturwissenschaftlern

fünf Plätze. Unter den angehenden

Informatikern waren es vier und

bei den Ingenieuren zwei.

Probleme, die BMW nicht tangieren. Öffentliche

Diskussionen um die ausufernde

Beschäftigung von Zeitarbeitern hinterlassen

bei Talenten wie Informatiker Huber genauso

wenig nachhaltige Kratzer im Hochglanz-Image

des bayrischen Autobauers wie

die Frage nach ausreichender Freizeit.

„Das Wichtigste ist mir, dass mein Job

Spaß macht, da ergibt sich eine ausgeglichene

Work-Life-Balance fast automatisch“,

sagt der 27-Jährige. „Wenn ich gerade an etwas

Spannendem arbeite, lass ich doch

nicht um sechs Uhr den Stift fallen.“ n

lin.freitag@wiwo.de

Die Aufsteiger 2014 Diese Top-50-Unternehmen haben die meisten Plätze gutgemacht

Wirtschaftswissenschaftler

Unternehmen

Goldman Sachs

Siemens Management Con.

Hugo Boss

Quelle: Universum Communications

Rang

36

41

20

Differenz

4 17

4 9

4 8

Ingenieure

Unternehmen

McKinsey

Ford

EnBW

Rang

41

43

46

Differenz

4 27

4 24

4 19

Informatiker

Unternehmen

Lufthansa Systems

Daimler

Bundeswehr

Rang

16

13

22

Differenz

4 11

4 8

4 8

Naturwissenschaftler

Unternehmen

Coca-Cola

Solarworld

Wacker Chemie

Rang

23

30

27

Differenz

4 9

4 7

4 7

76 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Teile und beherrsche

APPLE | Um die Aktie von Apple ist ein heftiger Streit entbrannt: Dem Erfinder von Mac,

iPhone und iPad drohe der Niedergang auf Raten, sagen die einen. Die Aktie des wertvollsten

Unternehmens der Welt sei am Kapitalmarkt grotesk unterschätzt, die anderen.

Wer hat nun recht?

Ein bisschen Stolz schwang mit in

der Stimme des sonst so nüchternen

Apple-Chefs, als er sich

am Mittwochabend in einer Telefonkonferenz

zu Wort meldete,

um die jüngsten Apple-Zahlen zu kommentieren.

Timothy Cook hat viel Kritik

einstecken müssen: Die Schuhe seines Vorgängers,

des Gründers Steve Jobs, seien

ihm zu groß, hieß es, Apple sei unter ihm

weniger innovativ geworden.

Doch Mittwochabend, nachdem Cook

mit seiner Präsentation durch war, schnellte

die Apple-Aktie nachbörslich um 7,2

Prozent nach oben – und Apples Marktwert

um 23 Milliarden Euro. Tim Cook straft alle

Kritiker Lügen – vorerst: Im zweiten Quartal,

das im März endete, konnte Apple

nicht nur Umsatz und Gewinn kräftig steigern.

Vor allem das Flaggschiff der Kalifornier,

das Smart-Handy iPhone, entpuppt

sich weiter als globaler Kassenschlager:

Fast 44 Millionen Stück hat Apple von Januar

bis März verkauft – 7,5 Millionen

mehr als im gleichen Vorjahresquartal.

Das ist Wasser auf die Mühlen der Apple-

Fans, deren Reihen sich zuletzt gelichtet

hatten. Denn um Apple, mit 354 Milliarden

Euro Börsenwert das wertvollste Unternehmen

der Welt, ist ein heftiger Streit entbrannt.

Kritiker bemängeln, dass Apple seit

Jahren kein wirklich neues Produkt geliefert

hat, wie sie unter Jobs reihenweise aus

den Laboren kamen: erst der Musikplayer

iPod, dann das iPhone, schließlich der Minicomputer

iPad. Asiatische Konkurrenten

wie Samsung, Lenovo, HTC und Huawei

seien „wie eine Schar Piranhas hinter Apples

Märkten her“, schreibt der Branchenblog

Cult Of Android.

Die Hetzjagd zeigt an der Börse Wirkung:

Die Aktie fiel vom Hoch im September

2012 bei fast 700 Dollar um fast 30 Prozent,

notierte am Mittwoch bei nur noch 530

Dollar. Viel zu billig, sagen die Apple-Bullen.

Auch sie haben gute Argumente: Der

Gewinn wächst Jahr für Jahr, und kein anderes

Unternehmen der Welt generiert

auch nur annähernd so viel Cash: Über 150

Milliarden Dollar hat der Gigant auf der Bilanz.

Das, so die Befürworter, reiche, um

mehr in Forschung und Entwicklung zu investieren

als die Konkurrenz, notfalls neue

Technik einzukaufen und die Dividende

aufzustocken.

WACHSENDE NERVOSITÄT

Mehr als zwei Jahre nach Jobs’ Tod hadert

der Kapitalmarkt noch immer mit Cook.

Ein neues Buch heizt in den USA die Diskussion

an. „Haunted Empire“ von Yukari

Kane geriet zur Generalabrechnung (siehe

Seite 84). Jobs’ Nachfolger sei ein knochentrockener

Zahlenmensch, unter dem die

Apple

Verlauf der Apple-Aktie (in Dollar)

800

700

600

500

400

300

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

200

2010 2011 2012 2013 14

ISIN: US0378331005;Quelle:FactSet

75 000 Apple-Mitarbeiter weniger motiviert

seien. Cooks Augenmerk gelte vorrangig

dem Drücken der Zulieferfirmen, nicht

dem Design neuer Produkte. Cook konterte,

das sei „Unsinn“. Buchautorin Kane verstehe

weder ihn noch Jobs, noch Apple.

Kanes Vorwurf, Apple habe an Kreativität

und Innovationskraft eingebüßt, ist

nicht neu. Auch nicht falsch. Die bislang

letzte Erfindung, die zum weltweiten Kassenschlager

wurde, das iPad, ist über vier

Jahre alt. Die Konkurrenz baut es nach, billiger.

Neue Produkte, die wie iPhone oder

iPad eine technologische Lücke schließen

und so aus dem Nichts einen Milliardenmarkt

schaffen, sind nicht in Sicht, obwohl

die Gerüchteküche immer wieder hochkocht.

Mal soll eine Apple-Armbanduhr

kommen, dann ein Apple-Fernseher.

Selbst wenn: Set-Top-Boxen, die Internet

und TV verbinden, gibt es schon. Armbänder,

die Daten aus dem Netz oder vom

Smartphone anzeigen und mit Körperdaten

wie Puls und Blutdruck kombinieren,

sind nett, aber kein Blockbuster, der Umsatz,

Gewinn und Kurs treibt. Das Kernproblem:

„Die Anleger sind verwöhnt von den

Innovationen der Nuller-Jahre und erwarten

von Apple, dass sie das Rad ständig neu

erfinden“, sagt Mark Moskowitz, Leiter Research

IT Hardware bei JP Morgan.

Auch Apple-intern steigt die Nervosität.

Auf einem Treffen hochrangiger Manager

Anfang April schlug der Vertrieb Alarm,

wenn man nicht bald bessere Produkte bekomme,

seien die eigenen Ziele nicht haltbar.

„Der Konsument will etwas, was wir

zurzeit nicht haben“, so der Titel einer viel

diskutierten Präsentation. Gemeint:

Smartphones mit einem Riesen-Display

»

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

78 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Big Apple

Produkte

wie das

iPhone

sind noch

immer sehr

gefragt

Stichwort Hier fehlt noch die Bildunterschrift

79

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Geld&Börse

»

Zirkel der Macht Apples geplanter Unternehmenssitz wird Sinnbild der eigenen Stärke

(5,5 Zoll oder mehr), die das Betrachten

von Videos, Tabellen oder Grafiken erleichtern

und in die größere Akkus passen,

sogenannte Phablets. „Auf dem schnell

wachsenden Markt hat Apple erstmals

nicht die Nase vorn, sondern Samsung“,

sagt Cyrus Mewawalla von CM Research,

der treffsicherste Apple-Analyst laut Finanznachrichtendienst

Bloomberg, „hier

wird der – sonst meistens abstrakt an der

Person Steve Jobs festgemachte – Innovationsstau

konkret, Apple verliert dadurch

Marktanteile in der Zukunft.“

VOM IPHONE ABHÄNGIG

Weltweit wurden 2013 laut Marktforscher

Gartner fast eine Milliarde Smartphones

verkauft. Apple besitzt zwar im Hochpreissegment

mit dem iPhone 5 das meistverkaufte

Einzelgerät;weil aber Samsung stets

zahlreiche Modelle unterschiedlicher Größe

zugleich verkauft, hatten die Koreaner

mit mehr als 83,3 Millionen Geräten im

vierten Quartal klar die Nase vorn. Apple

kam nur auf 50 Millionen Stück.

Immerhin: Nur in der Gruppe wirken die

Konkurrenten wie Piranhas, jeder für sich

(außer eben Samsung) ist von Apple meilenweit

entfernt: Nokias Hoffnung, im Verbund

mit Microsoft verlorenen Boden gutzumachen,

hat sich kaum erfüllt; Sony,

Google, HTC, Huawei und Lenovo kommen

auf je drei bis sechs Prozent Marktanteil.

Doch der Trend für Apple zeigt nach

unten. Dramatisch wirkt es, wenn man die

Betriebssysteme betrachtet, auf denen

Smartphones laufen. Damit verdienen die

Hersteller zwar kaum Geld. Wichtig sind

sie aber, weil darauf Handyprogramme, die

Apps, laufen. Wer nicht möglichst viele, populäre

und neue Apps auf seine Handys

bringt, verkauft auch keine Geräte.

Die Handys der meisten Konkurrenten

laufen auf der offenen Softwareplattform

Android; sie hat 80 Prozent Marktanteil,

Tendenz steigend. Apple besteht auf der eigenen,

proprietären Software iOS. Das ist

gefährlich, denn die Programmierer neuer

Apps könnten sich öfter für das offene System

entscheiden, das ihnen die Kunden

fast aller Handyhersteller erschließt, statt

ihre Ressourcen an einen Hersteller (Apple)

zu binden, der obendrein Marktanteile

verliert. Schmerzhaft ist der Verlust der

Smartphone-Vorherrschaft, weil Apple

hier am meisten verdient. Das iPhone alleine

macht 56 Prozent des Umsatzes und 70

Prozent des Gewinnes aus.

Diese Pfründe sind in Gefahr. „Die Gewinnmargen

beim iPhone werden fallen“,

warnt Toni Sacconagghi von der US-Investmentbank

Sanford C. Bernstein, „Apples

Zulieferer und vor allem die Auftragsfertiger

in Taiwan begehren auf, sie selbst arbeiten

mit Margen von zwei bis acht Prozent,

wollen ein größeres Stück vom Kuchen.“

Ihre Verhandlungsmacht wächst in

dem Maß, in dem mehr Smartphones von

Apple-Konkurrenten produziert werden,

die Fertigungskapazität nachfragen.

ALLES SCHON DRIN?

„Stimmt alles“, sagen die Apple-Befürworter,

nur: Das alles sei im aktuellen Aktienkurs

schon eingepreist. Es sei „alles andere

als ausgemacht“, dass Apple ständig Innovationen

braucht, damit der Aktienkurs

steigen kann. „Eine solche Innovation

müsste aus dem Stand in Millionenstückzahlen

zum Preis von je 200 bis 300 Dollar

über den Ladentisch gehen, um sich im

Zahlenwerk von Apple signifikant niederzuschlagen“,

gibt Peter Dreide von TBF

Global Asset Management zu bedenken.

„Ist es da nicht viel sinnvoller, die bestehenden

Cash-Kühe zu verbessern und weiterzuentwickeln,

als auf Deibel komm raus

das Rad neu erfinden zu wollen?“

Analyst Mewawalla hat die jüngste Studie

„Warum Apple wieder steigen wird“

überschrieben. „Machen wir Tabula rasa“,

fordert er, „was haben wir? Wir haben ein

hoch profitables Unternehmen, das noch

Krise? Welche Krise?

Apples iPhone ist nach wie vor

ein Kassenschlager...

50

2009

...der Umsatz, Gewinn...

200

...und Apples Cash-Berg

wachsen lässt

40

iTunes und

80

150

120

Software

30

60

100

iPad

Gesamt

100

80

20

iPhone

40

Ausland

60

50

40

10

iPod

20

USA

20

0

0 Mac

0

0

10 11 12 13 14 2009 10 11 12 13

2009 10 11 12 13 09 2010 2011 2012 2013 14

iPhone Verkäufe

nach Quartal

(in Millionen)

Quelle:Unternehmensangaben, CM Research,Gartner, IDC

Umsatz

(in Milliarden

Dollar)

Gewinn

(in Milliarden

Dollar)

100

Barvermögen

(in Milliarden

Dollar)

160

140

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, REUTERS/KIM HONG-JI

80 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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immer wächst; wir haben weiter steigende

Gewinne, wenn auch langsamer als zuletzt,

und wir hatten sehr lange kein neues

Produkt.“ Apple könne kaum noch negativ

überraschen. Gerd Häcker, Leiter Portfoliomanagement

beim Vermögensverwalter

Huber, Reuss, Kollegen, sieht das ähnlich:

„Apple hat ein Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) von nur 11,5 – das wäre die angemessene

Bewertung für ein Unternehmen,

das überhaupt nicht mehr wächst.“

Doch Apple wächst, wenn auch langsamer

als in den besten Jahren: Nach 108 Milliarden

Dollar Umsatz 2011 waren es 2012

schon 157 Milliarden (plus 45,4 Prozent)

und 2013 171 Milliarden (plus 8,9 Prozent).

Für 2014 schätzen Analysten 181 Milliarden

Dollar Umsatz, immerhin 5,8 Prozent

Zuwachs. Der Gewinn je Aktie kletterte seit

2011 von 27,7 auf fast 39,8 Dollar; für 2015

werden 42,8 erwartet. Vor allem passe das

Apple-KGV nicht zum Gesamtmarkt: „Aktien

sind zurzeit nicht günstig; der S&P 500

Index hat ein KGV von 17,5, der Dax von

17,7“, sagt Häcker, „Apple wird als überdurchschnittlich

wachsendes und profitables

Unternehmen mit einem Abschlag

von fast 40 Prozent auf den Markt bewertet.“

Fondsmanager Dreide, der abwechselnd

am Bodensee und im Silicon Valley

arbeitet, meint: „Würde Apple nicht High-

Tech-Produkte, sondern, wie in dem alten

Gag im Film ,Forrest Gump‘, tatsächlich

Äpfel produzieren, wäre die Aktie derzeit

50 bis 60 Prozent teurer.“

Er verweist auf die Aktien von Lebensmittelproduzenten

wie Nestlé, die derzeit

durch die Bank hohe KGVs (zwischen 18

und 22) aufweisen. Die üblichen Erklärungen

dafür sind deren „Gewinnqualität“

und „verlässliche Dividenden“. Klar: Für

Stabilität und zuverlässige Ausschüttungen

zahlen viele Anleger einen Aufpreis. Nur:

Apples Gewinnqualität (dessen Höhe, die

Wachstumsrate und die Abwesenheit negativer

Überraschungen) ist sogar höher

als die der Nahrungsmittelkonzerne. In

zehn Jahren stieg der Gewinn neun Mal,

der Umsatz jedes Jahr. Dreide: „Da passt etwas

nicht zusammen. Auch die Margen im

Geschäft mit überteuerten Kaffeekapseln

sind schließlich nicht auf Dauer haltbar.“

Bunter, größer, schneller Konkurrent Samsung jagte Apple zuletzt Marktanteile ab

REICH, REICHER, APPLE

Noch gar nicht berücksichtigt ist dabei

Apples Cash-Reichtum: 150 Milliarden

Dollar liquide Mittel hatten die Kalifornier

zuletzt; das entspricht etwa der Wirtschaftsleistung

2013 von Neuseeland oder

Rumänien. Cook hat jetzt zwar eine Dividendenerhöhung

und weitere Aktienrückkäufe

angekündigt. Doch selbst wenn das

den Cash-Berg etwas erodiert – Apple

bleibt das reichste Unternehmen der Welt.

Rechnete man das Cash aus dem KGV heraus

– man kauft das Bargeld an der Börse

schließlich mit – sänke das KGV auf acht.

Vor allem kann Apple mit dem Geld einiges

anfangen: „Apple kann mehr in Forschung

und Entwicklung stecken als irgendein

anderer Hersteller“, sagt James

Cordwell, Analyst bei Atlantic Equities;

nicht einmal Samsung habe ein solches

Budget. Wenn alle Stricke reißen, könnte

Die Konkurrenz

ist hinter Apples

Märkten her

wie die Piranhas

umgeht, indem es Töchter in Steueroasen

ansiedelt. Rund zwei Drittel des Cash-

Reichtums kann Apple daher nicht ohne

weiteres in die USA holen. Doch selbst

wenn Apple auf die in Steueroasen lagernden,

geschätzten 100 Milliarden Dollar 25

Prozent Steuern zahlen müsste (die übliche

US-Steuerquote für Finanzgewinne),

blieben noch 125 Milliarden Dollar übrig.

NEUE GESCHÄFTSFELDER

Im wachsenden Markt für Tablets hat Apple

auch vier Jahre nach Einführung des

iPads noch fast ein Monopol, der anfängliche

Rückgang der Gewinnmargen ist gestoppt.

Anders als beim iPhone ist das iPad

den Konkurrenzprodukten technisch nach

wie vor überlegen. Wichtiger:Mit dem iPad

kann Apple neue Käuferschichten erschließen,

etwa Leute, die alte Laptops

durch ein Tablet ersetzen. Microsoft kündigte

vor zwei Wochen an, seine Bürosoftware

(Word und Excel) künftig auch in einer

iPad-Version anzubieten. Das kann

man als Eingeständnis einer Niederlage

auf dem Mobile-Computer-Markt interpretieren.

„Apple sollte nicht wie ein reiner

Hardwarehersteller bewertet werden“,

meint Analyst Cordwell. „Anders als etwa

Samsung verkauft Apple mit jedem Produkt

auch die zugehörige Software. Deren

Anteil am Umsatz ist zwar noch klein, doch

mit der Software kann Apple Kunden langfristig

an sich binden und schafft damit die

Basis für künftige Hardwareverkäufe.“

So ist zum Beispiel das iPhone zwar

nicht technisch führend in jeder Kategorie,

bei Kamera-Megapixel, Bildschirmgröße

oder Chip-Geschwindigkeit. Doch wer es

kauft, bekommt eine Menge nützliche Software,

einen Reparatur- und Update-Service

und Inhalte wie Musik-Streaming.

Apple neue Technologie auch einfach kaufen.

Hedgefondsmanager David Einhorn

und der Milliardär Carl Icahn fordern Dividendenerhöhungen.

Zuletzt schüttete

Apple drei Dollar pro Quartal und Aktie

aus. Am Mittwoch versprach Cook eine Erhöhung

auf 3,30 Dollar. Doch die Ausschüttungsquote

(Anteil des Nettogewinns,

der in Dividenden fließt) liegt noch

immer bei rund 30 Prozent – ausbaufähig.

Höhere Dividenden würden neue Aktionäre

anlocken, etwa Versicherungen oder

Pensionsfonds, die regelmäßige Ausschüttungen

für ihre Kunden brauchen. Zwar ist

richtig, dass Apple, wie viele Konzerne, die

hohen Steuern in Industrieländern teils »

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 81

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Geld&Börse

Hallo, Zukunft

Apples erster Mac

(1984, links) war zu

teuer; vom iPhone

(Mitte) hat Apple...

...schon 500 Millionen verkauft; Gadgets wie

die iWatch (Studie) sollen Schwung bringen

»

„Samsung oder HTC haben dem als reine

Hardwarehersteller nichts entgegenzusetzen“,

meint Dreide. Auf dem Samsung-

Handy läuft Musikstreaming heute von

Spotify, morgen von Pandora oder Deezer.

Samsung hat davon – nichts. Schlimmer:

Wechselt bei den Smartphones die Mode,

dann ereilt Samsung oder HTC dasselbe

Schicksal wie vor fünf Jahren Nokia. Der

Umsatz bräche ein, denn die Hemmschwelle

zum Gerätewechsel wäre weg.

Anders bei Apple, wo die Kunden damit

ihre Musik-, Film- oder App-Bibliothek

aufgäben. Diese Art der Kundenbindung

kann man kritisieren, aber sie funktioniert

offensichtlich: Zwar setzte Apple 2013 mit

Nichthardware erst 16 Milliarden Dollar

um, also gut neun Prozent des Gesamtumsatzes.

Immerhin waren das aber 25 Prozent

mehr als 2012. Und die Quote der

Kunden, die beim Upgrade auf ein neues

Handy- oder Tablet-Modell der Marke treu

bleibt, ist mit mehr als 90 Prozent die

höchste der Branche, hat UBS-Analyst

Steve Milunovich ermittelt.

Nackte Zahlen sprechen für Apple

Wichtige Kennzahlen Apples im Vergleich zu den größten Wettbewerbern

Aktie

ISIN

Kurs (in Euro)

Börsenwert 2

Umsatz 2013 2

Gewinn 2013 2

Gewinn/Aktie 1

KGV 2014 3

KUV 4

Cash/Aktie 1

Cash-Flow 2

Kurs/Cash-Flow

Kurs/Buchwert

Dividende 5

Empfehlung

Apple

US0378331005

407,35

354018

130301

27898

30,52

11,5

2,6

33,34

39861

8,1

3,4

2,6

kaufen

Samsung*

US7960508882

484,61

122796

108978

12337

77,87

9,9

1,2

162,98

19572

6,3

1,5

1,3

kaufen

Lenovo*

US5262501050

16,16

8628

26320

491

0,05

14,1

0,3

0,27

50

158,1

3,9

2,3

verkaufen

Microsoft

US5949181045

*an westlichen Börsen gehandelter Anteilsschein 1 = in Euro; 2 = in Millionen Euro; 3 = Kurs-Gewinn-Verhältnis laufendes

Jahr, geschätzt; 4 Kurs-Umsatz-Verhältnis, 2013, gesch.; 5 = Rendite in Prozent. Quelle: Bloomberg, Unternehmensangaben

28,85

238550

60217

16911

2,03

13,8

3,9

7,11

23303

10,3

3,6

2,7

halten

HTC*

US40432G2075

14,88

2887

4648

-37

Verlust

286,5

0,6

0,96

-336

negativ

1,7

0,3

verkaufen

Google

US38259P5089

392,75

258178

45056

9199

13,71

28,1

5,7

63,41

14053

19,9

4,3

0,0

halten

Natürlich kann Apple Hardwaretrends

trotzdem nicht ignorieren. Die Lücke bei

Handys mit großem Display will Apple mit

dem iPhone 6 schließen, das im Herbst

kommen soll. Apples iPhone hat mit einem

Vier-Zoll-Display bisher klar das Nachsehen

im Vergleich zu Samsung.

„Weltweit wurden 2013 bereits über 100

Millionen Smartphones mit größeren Displays

verkauft, von Quartal zu Quartal

mehr“, sagt Andy Hargreaves vom Broker

Pacific Crest. Er schätzt, dass Apple „aus

dem Stand“ 20 Millionen Großhandys verkaufen

wird und damit zehn Milliarden

Dollar zusätzlichen Umsatz macht, „obwohl

ein Teil davon die Umsätze mit dem

iPad-Mini und dem alten iPhone kannibalisieren

wird“. Allerdings soll es bei der Produktion

des iPhone 6 Probleme geben: Taiwanesische

Fachmedien kolportieren, die

Auftragsfertiger hätten „technische Probleme“

bei der Fertigung der großen 5,5-Zoll-

Displays.

Fest steht: Das neue iPhone wird teuer.

Laut Peter Misek von der US-Investmentbank

Jefferies verhandelt Apple derzeit mit

Netzbetreibern über bis zu 100 Dollar

Preisaufschlag gegenüber dem iPhone 5.

Die hätten das zunächst zurückgewiesen,

deuteten nun aber ein Einlenken an. Der

Branchendienst Business Insider spekuliert,

dass die Netzbetreiber sich aus einer

exklusiven iPhone-Vermarktung Vorteile

bei längerfristigen Verträgen mit Endkunden

erhofften. Dafür sind sie offenbar bereit,

das iPhone 6 stärker zu subventionieren

als die Vorgänger.

CHINA MACHT MOBIL

Zum Jahreswechsel schloss Apple mit China

Mobile, dem mit fast 800 Millionen Kunden

weltgrößten Mobilfunker, ein Vertriebsabkommen.

Dem Deal gingen sechs

Jahre zäher Verhandlungen voraus; er soll

über mehrere Jahre laufen. Die Apple-Aktie

hat das bisher kaum beflügelt. China

Mobile verzeichnet pro Monat etwa 1,4

Millionen neue Kunden für den neuesten,

schnellen Mobilfunkstandard LTE. Die

Hoffnung ist, dass diese Kunden für ihren

teuren Service auch teure Handys nutzen,

etwa das iPhone 6. Laut China Mobile gibt

es schon „Millionen Vorbestellungen“.

Der in der Branche viel beachtete Analyst

Gene Munster von Piper Jaffrey schätzt,

dass Apple 2014 etwa 17 Millionen iPhones

in China verkaufen wird, was rund 15 Milliarden

Dollar mehr Umsatz entspräche. Im

Geschäftsjahr 2012/13 setzte Apple insgesamt,

inklusive iTunes, Laptops, Mac, iPod

und iPad, 25,7 Milliarden Dollar in China

um. Dort erzielt Apple zudem mit dem

iPhone sehr hohe Preise: Für das iPhone 5

zahlen chinesische Kunden im Schnitt fast

900 Dollar – 200 mehr als in den USA.

Und – das wusste schon Apple-Gründer

Jobs: Wer als Premiumhersteller solche

Preise durchsetzen kann, muss den Markt

nicht nach Volumen beherrschen. n

stefan.hajek@wiwo.de

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FOTOS: PR, PICTURE-ALLIANCE/DPA, TODD HAMILTON/TODDHAM.COM

82 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Jobs’ Jünger Apple-Chef Cook (links) bewahrt

bislang vor allem Jobs’ großes Vermächtnis

In Jobs’ Schatten

APPLE | Ein neues Buch untersucht, wie sich Apple nach dem Tod

von Steve Jobs verändert hat. Und ob Tim Cook an dessen Erfolge

anknüpfen kann.

Über Steve Jobs sind Dutzende Bücher

geschrieben worden. Sie handeln

davon, wie das unternehmerische

Genie Apple gründete, dann gefeuert

wurde und bei seiner triumphalen Rückkehr

Apple nicht nur vorm Bankrott rettete,

sondern zugleich zum wertvollsten Unternehmen

des Planeten ausbaute.

Nicht weniger spannend für Apple-Fans,

Kunden und Aktionäre ist, wie sich der

Konzern nach Jobs’ Tod im Oktober 2011

verändert hat. Wie Jobs’ Nachfolger Tim

Cook tickt und welche Schlüsse sich daraus

für Apples Zukunft ziehen lassen.

Ein neues Buch von Yukari Kane, die etliche

Jahre für die US-Wirtschaftszeitung

„Wall Street Journal“ vor Ort in Kalifornien

über Apple berichtete, soll das offenlegen.

Wenige Tage nach Jobs’ Tod begann Kane

ihre Recherchen. Sie reiste mehrfach nach

China und Taiwan, interviewte Mitarbeiter

von Apples größtem Fertiger Foxconn und

befragte Zulieferer über die berühmte,

maßgeblich von Cook aufgebaute Lieferkette.

Im Geburtsort von Cook, Robertsdale,

einem 5000-Seelen-Nest im US-Bundesstaat

Alabama, erforschte sie Cooks

Kindheit und Jugend. Vor allem aber

brachte sie gegenwärtige und ehemalige

Apple-Mitarbeiter zum Reden. Apple

selbst verwehrte jegliche Kooperation.

Derzeit gibt es das Buch nur auf Englisch;

der Verlag Carl Hanser arbeitet an einer

deutschen Übersetzung.

VERHEXTES IMPERIUM

Kane schildert in ihrem Buch, wie Cook

und dessen Führungsteam versuchen, das

Vermächtnis des Apple-Gründers zu bewahren.

Dieses Versprechen hatte Jobs seinem

Nachfolger noch auf dem Totenbett

abgenommen. Bei der Buchlektüre wird

schnell klar: Bislang hat Cook sich tatsächlich

auf das Bewahren konzentriert. In Zukunft

wird er aber stärker eigene Impulse

setzen müssen, wenn sich Apples Erfolg

fortsetzen soll.

Über zwei Jahre nach Jobs’ Tod ist Apple

heute ein „verhextes Imperium“ – so lautet,

frei übersetzt, der Buchtitel. Verhext, weil

es noch immer von spektakulären Erfolgen

wie iPod, iPhone und iPad geprägt ist, die

zugleich seine Zukunft überschatten. Ein

hochprofitabler Konzern, der sagenhafte

150 Milliarden Dollar auf der hohen Kante

liegen hat. Damit könnte er mühelos Unternehmen

in anderen Märkten aufkaufen

und so das Geschäftsmodell ausweiten, so

wie Google oder Facebook das tun. Und er

könnte große Abenteuer eingehen, ohne

das Haus verwetten zu müssen.

Diesen Weg wählt Apple bislang aber

nicht. Große Übernahmen liegen nicht in

der Kultur des Unternehmens, das stets auf

seine Ideen vertraut hat und damit gut gefahren

ist.

EIN OPTIMIERER, KEIN ERFINDER

Das Problem ist nur: Cook gilt als der Meister

des gepflegten Updates, der behutsamen

Modellpflege. Seit vier Jahren hat

Apple kein bahnbrechendes Produkt mehr

auf den Weg gebracht. Die Verfolger sitzen

so dicht im Nacken wie nie zuvor. iPhone

und iPad sind in die Jahre gekommen. Der

Markt für Smartphones und Tablets ist

zwar größer geworden. Apples Anteile daran

jedoch viel stärker geschrumpft. Hohe

zweistellige Wachstumsraten sind längst

Geschichte.

Klar, Apple bleibt hochprofitabel. Hier

zahlt es sich aus, dass Cook Jobs’ Vermächtnis

treu geblieben ist. So hatte Jobs

in den Neunzigerjahren Kritik an kläglichen

drei Prozent Marktanteil bei Computern

mit Verweis auf den Autohersteller

BMW gekontert: Solange man als Premiumanbieter

Gewinne erziele, müsse man

den Markt nicht beherrschen. Doch es ist

unklar, wie lange Apple im harten Wettbewerb

um hochwertige Smartphones und

Tablets so noch bestehen kann.

Innovationen fallen Apple schwerer als

je zuvor – allein schon wegen der Größe

des Unternehmens. Apple wird im laufenden

Geschäftsjahr voraussichtlich 180 Milliarden

Dollar umsetzen. Neue Produkte

müssen zweistellige Milliardenbestseller

werden, um sich überhaupt in den Zahlen

niederzuschlagen.

Und was ist mit dem sagenumwobenen

Fernseher, an dem Apple basteln soll?

Buchautorin Kane befragte Teilnehmer

von Apples Top-100-Konferenz. Auf dieser

elitären und geheimnisumwitterten Veranstaltung

debattieren der engste Führungszirkel

sowie einflussreiche Mitarbeiter

FOTO: CORBIS/KIMBERLY WHITE

84 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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über aktuelle Produktpläne. Auf der letzten

Konferenz unter Leitung von Jobs, die im

November 2010 in einem Resort nahe des

Küstenstädtchens Monterey stattfand, war

der Apple-Gründer gefragt worden, ob

man tatsächlich einen Fernseher anbieten

werde. Nein, soll Jobs nach Recherchen

von Kane erklärt haben. „Fernseher sind

ein schreckliches Geschäft. Sie verkaufen

sich nicht schnell genug, und die Gewinnmargen

sind erbärmlich.“

Allerdings, so Jobs, müsse Apple mit seinen

Produkten im Wohnzimmer vertreten

sein. Ob das Edikt von Jobs noch gilt, darüber

kann nur spekuliert werden. Angeblich

soll der Konzern an einer Neuauflage seiner

Apple-TV-Set-Top-Box arbeiten, die

von Kabelnetzbetreibern unterstützt werden

und so hochauflösende Inhalte zuverlässig

darstellen soll. Die Markteinführung

soll sich jedoch wegen des Verkaufs von

Apple-Pilotpartner Time Warner Cable an

dessen Wettbewerber Comcast verzögern.

Schlagzeilen machte Kanes Buch in den

USA vor allem mit bislang unbekannten

Schmonzetten. Beispielsweise der, dass

sich der Verwaltungsrat weigerte, für Apple-Designchef

Jonathan Ive einen eigenen

Privatjet anzuschaffen, so wie er einst Steve

Jobs bewilligt worden war. Oder mit einem

Interview von Cooks Eltern mit deren Heimatzeitung

in Robertsdale. Damals, 2008,

hatte Jobs während einer Krebs-Operation

Cook die Amtsgeschäfte übertragen. Cooks

Eltern waren darüber so stolz, dass sie von

sich aus bei der Zeitung vorbeikamen und

über ihren Sohn plauderten. Als die Apple-

PR-Abteilung davon erfuhr, versuchte sie,

den Abdruck des Interviews zu verhindern.

Ohne Erfolg. Zumindest wurde die digitale

Weiterverbreitung verhindert.

Es waren wohl solche Details, die Apple-

Chef Cook aus der Reserve lockten. Gegenüber

dem US-Fernsehsender CNBC bezeichnete

er Kanes Buch als „Nonsens“.

Noch mehr wird er sich über Kanes Versuche

geärgert haben, seine Persönlichkeit

zu analysieren. Im Gegensatz zu Jobs ist

über Cooks Ansichten oder Gefühle nichts

bekannt. Dabei wären genau solche Einblicke

interessant, um seinen Führungsstil

besser einschätzen zu können.

Die Einblicke, die Buchautorin Kane liefert,

deuten nicht auf einen besonders

kreativen Macher hin: Cook gilt als Workaholic,

der früh aufsteht, um seinen durchtrainierten

Körper im Fitnessstudio in

Form zu halten. Während langer Konferenzen

hält er sich mit koffeinhaltiger Limonade

wach und isst Sportriegel, die er stets

Jobs war stets der

kreative Kopf –

Cook ist eher der

Buchhalter-Typ

mit sich herumträgt. So weit, so unspektakulär.

Selbst nach mehreren Besuchen in

seiner Heimatstadt Robertsdale ist die Privatperson

Cook für Kane ein Mysterium

geblieben. Bis auf eine ehemalige Schulkameradin

scheint er keine Freunde oder enge

Bekannte zu haben. Er lebt allein. Über

einen Partner ist nichts bekannt.

Als ihn Jobs 1998 persönlich vom Computerhersteller

Compaq abwarb, um

Apples Logistik zu modernisieren, bestand

er auf einem kleinen Büro in Jobs’ Nähe.

Eines seiner Lieblingszitate stammt von

Abraham Lincoln. „Ich werde mich vorbereiten,

und eines Tages wird meine

Chance kommen.“

GEFÄHRDETE LIEFERKETTE

Nun ist sie da. Kanes Buch charakterisiert

den neuen Apple-Chef Cook als Person

voller Widersprüche: „Manche sahen ihn

als Maschine, andere als fesselnd. Er konnte

seine Mitarbeiter terrorisieren, aber

gleichzeitig dazu bringen, für ein Wort der

Anerkennung rund um die Uhr zu arbeiten.“

Zumal er kaum lobt. Ganz im Gegenteil:

Wie Jobs beschimpft er Mitarbeiter

gern mal als Idioten.

Doch Jobs, dem das Image des genialen,

kreativen Kops anhaftete, der Trends nicht

nur erspürte, sondern selbst erfand, wurden

solche Ausraster schneller verziehen.

Cook ist mehr der Buchhalter-Typ. Während

Jobs sogar dafür Geld ausgab, das Innenleben

von Produkten aufzuhübschen,

feilscht Cook um jeden Cent.

Klar, auch Cook hat bereits einiges geleistet.

Seine Karriere bei Apple hat er dem

Aufbau der berühmten Lieferkette des

Konzerns zu verdanken, die bei Bedarf direkt

vom Werk in China per Luftfracht an

Yukari Kane

„Haunted Empire –

Apple after Steve Jobs“

ISBN 978-0-06-212825-6

27,99 US-Dollar

den Kunden ausliefern kann und die trotz

Massenproduktion Geheimnisse bis zur

Produktenthüllung bewahrt.

Doch diese Kette läuft offenbar nicht

mehr so geölt wie früher. Und hier liefern

Kanes Recherchen die interessantesten

Rückschlüsse auf Apples Zukunft. Denn

Apple ist zu abhängig von Foxconn, seinem

größten Fertiger, geworden. Dessen Chef

Terry Gou, so ist Kane überzeugt, ist nicht

mehr länger mit zwei bis drei Prozent

Gewinnmarge zufrieden, während Apple

die großen Profite scheffelt. Er könnte

durchaus mit dem Aufbau einer eigenen

Marke beginnen.

Apple versucht bereits, seine Abhängigkeit

zu verringern, und setzt stärker auf

andere Auftragsfertiger wie Pegatron aus

Taiwan. Doch je dichter das Know-how in

der Fertigung ist, umso schwerer wird dessen

Transfer. Apple ist zudem wegen seiner

Praktiken, Zulieferer ständig im Ungewissen

zu lassen und bis zur letzten Minute

über die Preise zu verhandeln, in Verruf

geraten. Laut Kane bemühen sich einige

Zulieferer daher gar nicht mehr um Geschäft

mit Apple.

China, immerhin Apples größter Wachstumsmarkt,

ist ein weiteres Risiko. Denn

die chinesische Regierung sieht es nicht

gern, wenn ausländische Unternehmen

hohe Marktanteile erringen und mit dem

Potenzial auch noch prahlen. Nicht ohne

Grund mischen nun die chinesischen Konzerne

Huawei, ZTE und Lenovo im

Smartphone- und Tablet-Markt mit.

Kanes Buch ist in den USA kritisiert worden,

weil es die Frage nicht beantwortet, ob

Apple nach dem Tod von Jobs dem langsamen

Untergang geweiht ist oder nicht. Das

tut es tatsächlich nicht. Doch das ist weniger

Schwäche als Stärke des Buchs.

Ob Apple gewinnen oder verlieren wird,

ist Glaubenssache. Niemand hatte erwartet,

dass Jobs das nahezu bankrotte Unternehmen

in eins der wertvollsten der Welt

wandeln würde. Und nie wird man wissen,

ob Apple heute erfolgreicher wäre, wenn

der Konzern noch von Jobs geführt würde.

Cook muss nun beweisen, dass er nicht

nur verwalten, sondern auch gestalten

kann. Ist Cook also der richtige Mann

am Ruder?

Kane zögert nur kurz. „Ja“, sagt sie. Vor allem

habe er einen unschätzbaren Vorteil.

„Er wurde von Steve Jobs auserwählt. Das

wird es nie wieder geben.“ Jobs’ großer

Schatten – er kann ein Segen sein, aber

auch ein Fluch.

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 85

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Geld&Börse

Ex-Steuertrick

DIVIDENDENSTRIPPING | Der Bundesfinanzhof hat einen besonders

ausgeklügelten Steuertrick gekippt. Nach dem Urteil arbeitet der

Fiskus nun alle Altfälle auf. Für Banken und Anleger wird es eng.

und die Finanzdirektionen der Länder

schon länger dabei, alle Altfälle aufzurollen

und doppelt erstattete Steuer zurückzufordern.

Und bei den meisten Cum-Ex-Fällen,

in denen sich die Finanzverwaltung zuletzt

geweigert hatte, die Kapitalertragsteuer zu

erstatten, können Investoren spätestens

nach dem Münchner Urteil ihre Superrenditen

endgültig abschreiben.

So viel Auflauf hatte Dietmar Gosch,

Vorsitzender Richter am Bundesfinanzhof,

in 23 Jahren noch nicht erlebt.

Im Verhandlungssaal traten sich Besucher

und Journalisten gegenseitig auf die

Füße. Und für einen winzigen Moment

schien Gosch zu bedauern, dass es das Steuergeheimnis

gibt. Denn kaum hatte er das

Gerichtsverfahren am Karmittwoch eröffnet,

musste er schon die Öffentlichkeit aus

dem Gerichtssaal im Münchner Stadtteil

Bogenhausen ausschließen. Dabei dürfte

sein Urteil auch Promis interessieren – wie

den einstigen Allfinanz-König Carsten

Maschmeyer und seine Lebensgefährtin,

die Schauspielerin Veronica Ferres. Beide

hatten Millionenbeträge in einem Steuertrick-Fonds

der Schweizer Bank Sarasin angelegt.

Der Fonds nutzte einen vergleichbaren

Steuertrick, über den Gosch und seine vier

Mitstreiter nun urteilen sollten. Dabei handelt

es sich um eine der aggressivsten und

Carsten Maschmeyer, Veronika Ferres

Das Paar hatte Millionen Euro in einen

Fonds der Bank Sarasin gesteckt, der

per Steuertrick Rendite schaffen wollte

teuersten Gestaltungskonstruktionen in

der deutschen Steuergeschichte – die die

höchsten Finanzrichter mit ihrem Urteil

nun wohl endgültig zum Einsturz gebracht

haben (I R 2/12).

Konkret urteilte der Bundesfinanzhof

(BFH) über sogenannte Cum-Ex-Geschäfte

eines Hamburger Investors, bei dem Aktien

um den Tag der Dividendenausschüttung

hin- und herverkauft wurden mit dem

Ziel, sich die nur ein Mal gezahlte Kapitalertragsteuer

zwei Mal erstatten zu lassen

(siehe Grafik). Diese Geschäfte zulasten

des Fiskus kamen Anfang der Jahrhundertwende

auf und haben den Staat etwa zehn

Milliarden Euro gekostet. Allerdings sind

das Bundeszentralamt für Steuern (BZSt)

DIE IDEE SEINES LEBENS

Vor dem BFH erschien für die Kläger Stephan

Schauhoff, Seniorpartner der Kanzlei

Flick Gocke Schaumburg. Aufseiten des

beklagten Finanzamtes Hamburg–Altona

und des ebenfalls beteiligten Bundesfinanzministeriums

standen Abteilungsleiter

Michael Sell und der Münchner Steuerprofessor

Wolfgang Schön.

Nicht anwesend war dagegen der Spiritus

Rector der Cum-Ex-Deals, Hanno Berger.

Der ehemalige Regierungsdirektor der

hessischen Steuerverwaltung und spätere

Rechtsanwalt und Steuerberater hatte in

seiner Frankfurter Kanzlei die scheinbare

Idee seines Lebens. In Fortführung einer

Rechtsprechung des Bundesfinanzhofs

zum Dividendenstripping sollte ein Unterschied

in der börsen- und steuerrechtlichen

Abwicklung von Wertpapiergeschäften

genutzt werden, um sich eine einmal

gezahlte Steuer mehrfach erstatten zu lassen.

Es ging nicht darum, die Steuerlast zu

mindern, sondern – so drastisch es klingt –

gezielt die Staatskasse zu plündern.

Nach einigen Absagen von renommierten

Steuerprofessoren fanden sich Anwälte, die

für private (Macquarie, Sarasin) und öffentliche

Banken (HSH Nordbank) Gutachten

zur Zulässigkeit von Cum-Ex-Gestaltungen

schrieben. Das Modell wurde rechtlich aufgesetzt,

Investoren wurden gewonnen und

die Deals abgewickelt.

Die Finanzverwaltung merkte zwar, dass

sie gezielt ausgenommen werden sollte,

und versuchte, den Modellen ab 2007 mit

Gesetzesänderungen einen Riegel vorzuschieben.

Doch das klappte in der Praxis

nicht, etwa weil sie keine Handhabe gegen

ausländische Depotbanken hatte.

In der Theorie beharrte die Finanzverwaltung

aber immer darauf, dass die Cum-

Ex-Geschäfte unzulässig seien. Staatsanwaltschaften

und Steuerfahndungen leiteten

Ermittlungsverfahren gegen Initiatoren

und Bankmitarbeiter ein. Einige Banken

haben sich daher wegen des Reputationsrisikos

mit der Finanzverwaltung geeinigt

und Geld bereits lange vor dem Urteil zurücküberwiesen.

FOTOS: BABIRADPICTURE/M.LUETTRINGHAUS, CORBIS/HOCH ZWEI, DEFODI.DE

86 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Seit dem endgültigen gesetzlichen Verbot

2012 steht nun die Vergangenheitsbewältigung

an. Hier spielt das jüngste BFH-

Urteil eine entscheidende Rolle. Formal

verwiesen die Richter den Fall zwar an das

Finanzgericht Hamburg zurück. Dabei

geht es aber nur um die zusätzliche Klärung

von Details. In der eigentlichen Cum-

Ex-Sache entschieden die Richter eindeutig

– mit großen Auswirkungen.

Klar ist jetzt:Die Kapitalertragsteuer darf

nur dann angerechnet werden, wenn eine

Dividende oder Dividendenersatz für eine

Aktie gezahlt worden ist. Das aber kommt

nur infrage, wenn der Zahlungsempfänger

rechtlicher oder wirtschaftlicher Eigentümer

der Aktie war. Bei der üblichen Konstruktion

der Cum-Ex-Geschäfte sei dies

nicht der Fall gewesen, so die Münchner

Richter. Damit entziehen sie rund 90 Prozent

der Cum-Ex-Geschäfte nachträglich

die Grundlage.

RUNDUM-SORGLOS-PAKET

Zum Verhängnis wurde den Beteiligten,

dass sie ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt

hatten, mit dem sie jedes Risiko

während des Deals ausschlossen. Allein

aus der doppelten Steueranrechnung sollte

risikolos ein Gewinn eingestrichen werden.

So finanzierte die Bank den Aktienkauf

per Kredit, der Käufer lieh die Aktien

direkt bis zum erneuten Verkauf wieder der

Bank, und die Bank allein trug auch das Risiko

von Kursverlusten während des Deals.

Schritt 1

Die börsennotierte AG

beschließt eine Dividende

von 4 € und führt

25% Steuern ab, die

das Finanzamt dem

Aktionär erstattet.

Hier läuft noch

alles korrekt.

Schritt 4

Das Finanzamt hat den

Überblick verloren und

erstattet auch dem

neuen Eigentümer

Steuern, obwohl der

nicht gezahlt hat.

Quelle: eigeneRecherche

Damit aber, so die Richter, sei der Erwerber

nicht in der Lage gewesen, den rechtlichen

Eigentümer aus seiner Stellung zu

verdrängen. Folglich konnte er aus den Aktien

auch keine Kapitaleinkünfte erzielen,

sondern nur eine Art Gebühr. So fehlt es

laut BFH „an einer Grundlage für einen

Anspruch auf Erstattung oder Anrechnung

von Kapitalertragsteuer“. Das Cum-Ex-Modell

basierte aber gerade darauf, dass sich

institutionelle Investoren früher die Kapitalertragsteuer

auf Dividenden erstatten

lassen konnten.

Mit der Rückendeckung des BFH setzen

das BZSt, die Finanzverwaltungen in den

Bundesländern und die Staatsanwaltschaften

ihre Ermittlungen bei Anträgen auf

Erstattung der Kapitalertragsteuer von vor

2012 fort. Von derzeit 100 Fällen ist in der

Finanzverwaltung die Rede. „Wir nehmen

Doppelt kassiert

Wiesich Investoren mehr Steuern erstatten lassen, als sie zahlen

Unternehmen

Nettodividende

3€

Kapitalertragsteuer

1€

Finanzamt

Verlust: 1€

Verkäufer

Erste

Steuergutschrift

1€

Zweite

Steuergutschrift

1€

Mirko Slomka, Clemens Tönnies

Der Fußballtrainer und der Fleischkönig

hatten ebenfalls hohe Beträge in den

umstrittenen Sarasin-Fonds investiert

Käufer

zahlt 96 €

Aktie

Aktie

zahlt 97 €

Schritt 2

Der Investor kauft eine

Aktie im Wert von 100 €

für 96 € nach Abzug

der Bruttodividende

von 4 €.

Investor

Gewinn:1€

Schritt 3

Der Investor kann

die Aktie für 97 €

verkaufen, denn auch

der Käufer kassiert

eine Steuergutschrift.

alle Banken unter die Lupe, die hier großflächig

im Geschäft waren“, sagt ein Ermittler.

„Wir überprüfen auch die internationale

Abwicklungsplattform Clearstream und

die Depotbanken.“ Alle Institute sollen sich

zum genauen Ablauf der Transaktionen

erklären: Wer trug das Kursrisiko? Wer

nicht? In die Untersuchungen fließen Erkenntnisse

aus Betriebsprüfungen genauso

ein wie Hinweise ausländischer Behörden,

die dort selbst auf Cum-Ex-Strukturen

stoßen.

LETZTE HOFFNUNG

An die Fälle, in denen die Kapitalertragsteuer

bereits ausgezahlt wurde, gehen die

Ermittler ebenfalls ran. „Wir wollen unser

Geld zurück“, heißt es aus der Finanzverwaltung.

Betroffen sind vielfach Fonds, oft

spezielle Zweckgesellschaften. Sind die

mittlerweile pleite oder abgewickelt, sollen

die früheren Geschäftsführer und beteiligten

Banken Schadensersatz leisten.

Druck kommt auch von Anlegern, die

von Banken und Initiatoren Schadensersatz

verlangen, weil die Fonds ohne den

Gewinn aus dem Steuertrick nur Verluste

einfahren. So wurde Maschmeyers Investment

nur bekannt, weil er gegen die Bank

Sarasin vorgeht, die sein Geld in die umstrittenen

Geschäfte leitete – angeblich ohne

sein Wissen. Auch andere Promis sind

betroffen (siehe Fotos).

Die letzte Hoffnung der Cum-Exler beruht

nun auf dem Wörtchen „womöglich“.

So erklärten die Richter am BFH nach ihrem

Urteil einschränkend: „Ist der Erwerber

wirtschaftlicher Eigentümer der Aktien,

steht womöglich auch ihm – neben

dem rechtlichen Eigentümer – gegenüber

der Finanzbehörde der Anspruch auf Anrechnung

oder Erstattung der Kapitalertragsteuer

zu.“

Ist dies am Ende doch ein Sieg für den

Steuertrickser Hanno Berger? Haben die

Banken sein ausgefuchstes Modell nur

nicht richtig umgesetzt?

Schwer zu sagen. Der Fiskus würde jedenfalls

in jedem Einzelfall bis zum Bundesfinanzhof

marschieren.

n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin, mark fehr | Frankfurt

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 87

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Geld&Börse

Gen Himmel Mehr Mitglieder bei Volks- und

Raiffeisenbanken dank hoher Dividenden

Dividende statt Zins

ZINSEN | Für Tagesgeld bekommen Sparer derzeit meist weniger als

ein Prozent Zins. Genossenschaften bieten deutlich mehr Rendite

– als Dividende auf Einlagen oder Zinsen für klassisches Festgeld.

Der Leitspruch der Volks- und Raiffeisenbanken

gilt für Anleger unter

den aktuell niedrigen Zinsen mehr

denn je: „Zusammen geht mehr.“ Denn als

Mitglieder profitieren sie in Wohnungsbau-Genossenschaften

oder bei genossenschaftlichen

Banken von attraktiven Dividenden,

die Zinsen auf Tages- und Festgeldkonten

um Längen schlagen.

Zwar lag die Inflationsrate in Deutschland

im März mit einem Prozent auf dem

Da geht noch was

Vergleich von Tagesgeldern und Anlagen mit fester Laufzeit

Tagesgeld

Volkswagen/Audi Bank

1822direkt

Ikano Bank

Festgeld, 12 Monate

DenizBank 3

NIBC direct 4

MoneYou 4

Zinssatz

1

1,60

1,50

1,50

Zinssatz 1

1,40

1,30

1,30

Mindestanlage

(Euro)

1000

1000

500

niedrigsten Level seit August 2010. Tagesgelder

hätten also leichtes Spiel, diese Hürde

zu überspringen. Weil Europas Notenbanker

aber an Niedrigstzinsen festhalten,

bringt Tagesgeld im Schnitt nur 0,7 Prozent

Zins, hat die Frankfurter Finanzberatung

FMH ermittelt.

Ein Ausweg für viele Anleger scheinen

die Genossenschaften zu sein. Die Berliner

Volksbank schreibt von einem historischen

Zustrom mit gut 25 000 neuen Mitgliedern

Festzinssparen bei Genossenschaften

Espabau, Bremen

WBG Einheit, Erfurt

Gewoba Nord,

Schleswig

Spezialangebote

DAB Bank

Cortal Consors

Fibank (Weltsparen.de)

Zinssatz

1 dauer

Anlage-

2,5 4 Jahre

2,25 2 4 Jahre

2,0 4 Jahre

Zinssatz

1 dauer

Anlage-

3,5 5 Tagesgeld

3,0 5 Tagesgeld

2,5 6 12 Monate

Mindestanlage

(Euro)

1 in Prozent pro Jahr; 2 0,25 Prozentpunkte Bonus für Jugendliche bis 18 Jahren; 3 österreichische Einlagensicherung;

4 niederländische Einlagensicherung; 5 für Depotschließung bei bisheriger Bank, Konditionen beachten;

6 Anlage und Einlagensicherung in Bulgarien; Quelle: FMH Finanzberatung; eigene Recherche; Stand: 23. April 2014

500

2500

500

Mindestanlage

(Euro)

5000

6000

10000

2013 – sie hat ihre Mitgliederzahl damit fast

um ein Viertel gesteigert. Drei Prozent Dividende

dürften die Neumitglieder gelockt

haben – die gab es 2013 auf die gezeichneten

Anteile (ein Anteil = 52 Euro). Die

Volksbank Mittelhessen belohnt Mitglieder

seit 2007 gar mit üppigen sieben Prozent

Dividende pro Jahr. Allerdings unterscheidet

es sich unter den Volks- und Raiffeisenbanken

stark, wie viele Anteile Mitglieder

zeichnen können. Und ohne Risiko keine

Rendite: Anleger müssten bei Insolvenz ihrer

Bank mit jedem der Anteile haften, unter

Umständen sogar Geld nachschießen.

Auch Wohnungsgenossenschaften locken

mit jährlichen Dividenden. Eigentlich

vermitteln sie Wohnraum. Wer Anteile erwirbt

und somit die Finanzierung der Immobilien

stützt, wird aber auch ohne Interesse

an einem Schlafplatz üblicherweise

mit vier Prozent Dividende belohnt. Fast 50

deutsche Wohn- und Baugenossenschaften

mit einer von der Aufsichtsbehörde Ba-

Fin kontrollierten Spareinrichtung bieten

darüber hinaus Sparpläne für ihre Mitglieder

an. Wer etwa bei der Espabau in Bremen

500 Euro für 48 Monate anlegt, erhält

2,5 Prozent Zins pro Jahr. Das Angebot gilt

deutschlandweit.

VERLOCKUNG AUS DEM AUSLAND

Wer sein Geld ohne Mitgliedschaft flexibel

parken will, hat nur wenig Spielraum, um die

Inflationsrate zu schlagen. Bestes Angebot

derzeit: 2,5 Prozent Zinsen für ein 12-Monats-Festgeld.

Die gibt es für 10000 Euro

Mindesteinlage bei der First Investment

Bank (Fibank) in Bulgarien. Auf der Web-Site

Weltsparen.de eröffnen Anleger ein Konto

bei der Frankfurter MHB Bank, darüber geht

das Geld an die Fibank. Geschützt sind die

Anlagen nur über den bulgarischen Einlagensicherungsfonds.

Der zahlt bei einer

Bankenpleite bis maximal 100000 Euro zurück

– allerdings in bulgarischen Lew. Und

ob ausländische Kunden im schlimmsten

Fall nicht doch Verluste zu befürchten hätten,

lässt sich vorab kaum sagen.

Mit weniger Risiko gibt es bei der Volkswagen

oder Audi Bank aktuell 1,4 Prozent

Zins auf Tagesgeld; garantiert aber nur für

vier Monate. Das Geld für sich arbeiten zu

lassen – momentan ein Wunschtraum für

viele Sparer. Vielmehr müssen sie selbst

hart arbeiten, um sich gegen die niedrige

Inflation abzusichern.

n

sebastian.kirsch@wiwo.de

FOTO: AGENTUR BILDERBERG/RENE SPALEK

88 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

aber nicht mehr so sicher. „Fragen

zur Verjährung in diesen

Fällen sind noch nicht abschließend

durch die Rechtsprechung

geklärt“, teilte sie mit,

zum laufenden Verfahren äußere

man sich nicht. Man werde

dem Kunden aber eine Rücknahme

der Anteile anbieten.

SPARPLÄNE

Vorsicht, Verjährungsirrtum

Anleger sollten sich mit ihren Schadensersatzansprüchen nicht abwimmeln lassen.

Bei Sparplänen zeigt sich erst

später, ob das Investment gut

war – ganz egal, welches Zielprodukt

mit dem Plan langfristig

bespart wird, etwa Aktienoder

Rentenfonds. Macht der

Anleger Verlust, kann eine beratende

Bank selbst dann schadensersatzpflichtig

sein, wenn

das Beratungsgespräch vor

der ersten Sparrate bereits Jahre

zurückliegt. Anleger sollten sich

nicht abwimmeln lassen, wenn

die Bank sich auf die Verjährung

von Ansprüchen aus

Falschberatung beruft.

So war es einem Postbank-

Kunden ergangen, der im September

2009 den offenen Immobilienfonds

Credit Suisse

Euroreal empfohlen bekam. Bei

diesem handelte es sich nach

Auffassung der Postbank um eine

Anlage, die für sicherheitsorientierte

Anleger geeignet

sei. Der Anleger schloss einen

Sparplan ab und zahlte fortan

ein. Dumm nur, dass der Fonds

im Mai 2010 die Rücknahme

der Fondsanteile aussetzte und

2012 in Liquidation ging – mit

noch ungewissem Ausgang für

die Anleger. Wie viel der Verkauf

der Immobilien erlösen

wird, ist bis heute unklar.

Der Anleger beschwerte sich

daraufhin Ende 2013 bei der

Ombudsstelle des Bankenverbands

und verlangte eine Rückabwicklung

des Anteilskaufs sowie

die Erstattung der gezahlten

Kaufpreise. Die Postbank antwortete

in ihrer Stellungnahme,

dass „ein Anspruch aufgrund

angeblich fehlerhafter Beratung

bereits verjährt“ sei. Auf Nachfrage

der WirtschaftsWoche war

sich die Postbank ihrer Sache

UHR LÄUFT AB KENNTNIS

Klaus Rotter von der Anlegerschutzkanzlei

Rotter Rechtsanwälte

warnt Sparplan-Anleger

davor, sich mit Verjährung

abwimmeln zu lassen, selbst

wenn das initiale Beratungsgespräch

mehr als drei Jahre zurückliegt.

„Der Gesetzgeber hat

die Verjährung ab August 2009

neu geregelt“, sagt Rotter, „seither

beginnt die Frist erst dann

zu laufen, wenn der Anleger

Kenntnis davon hat, eine ungeeignete

Anlage gezeichnet zu

haben.“ Dann beträgt die Verjährungsfrist

ab dem 31. Dezember

desselben Jahres drei

Jahre. Die Frist beginnt auch zu

laufen, wenn der Anleger ohne

grobe Fahrlässigkeit Kenntnis

erlangen müsste. „Wenn die

Zeitungen voll sind von kritischen

Berichten über ein Produkt,

dann kann ein Anleger

selbst schuld sein, wenn er davon

nichts mitbekommt“, sagt

Rotter. Endgültig verjährt sind

Schadensersatzansprüche wegen

Falschberatung erst mit Ablauf

der absoluten Verjährungsfrist

von zehn Jahren nach der

Vertragsunterzeichnung.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

RECHT EINFACH | Untermieter

Wenn Wohnen zu teuer wird,

denkt mancher ans Untervermieten.

Was geht und was nicht,

entscheiden häufig die Gerichte.

§

Touristen. Der Mieter einer

Zweizimmerwohnung in

Berlin durfte laut Eigentümer

untervermieten. Er legte

die Erlaubnis jedoch sehr weit

aus und vermietete per Internet

an Touristen. Als der Sparfuchs

vom Vermieter deswegen abgemahnt

wurde, ließ ihn das kalt.

Der Hauseigentümer kündigte da-

raufhin. Begründung: Die tageweise

Vermietung an ständig wechselnde

Gäste sei von seiner Erlaubnis nicht

eingeschlossen. Richtig, urteilten

die Richter am Bundesgerichtshof.

Untervermietung sehe ein „auf

gewisse Dauer“ angelegtes Mitwohnrecht

vor (Bundesgerichtshof,

VIII ZR 210/13).

Festnahme. Der Mieter in München

vermietete über Jahre Zimmer seiner

Wohnung an Dritte. Wind davon

bekam die Vermieterin erst, als die

Kriminalpolizei sie informierte, dass

sie einen der Untermieter festgenommen

habe. Die Vermieterin

stellte ihren Mieter zur Rede. Ohne

Erfolg: Der Mann leugnete beharrlich.

Die Vermieterin kündigte

fristlos. Der Rauswurf hatte vor

Gericht Bestand, weil mehrere

Zeugen die Untervermietung bestätigten

(Amtsgericht München,

423 C 29146/12).

Scheidung. Eine Mieterin aus

Bayern blieb nach ihrer Scheidung

in der ehelichen Wohnung.

Aus finanziellen Gründen wollte

sie eines der drei Zimmer untervermieten.

Der Vermieter widersprach:

Laut Vertrag sei jede Untervermietung

verboten. Die Frau

klagte daraufhin. Sie hatte Erfolg.

Angesichts der verschlechterten

wirtschaftlichen Lage habe die

Mieterin ein berechtigtes Interesse

an der Untervermietung, so die

Richter (Amtsgericht München,

422 C 13968/13).

FOTOS: VARIO-IMAGES/JÖRN WOLTER, GETTY IMAGES/WESTEND61, PR

90 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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ANLAGEBERATUNG

Investieren auf eigenes Risiko

Ein Anleger kaufte 2007 über

seine Hausbank für 35 700 Euro

Zertifikate. Davon investierte er

20 400 Euro in ein Indexzertifikat

auf den Euro Stoxx 50 sowie

15 300 Euro in ein Indexzertifikat

auf den DivDax, der die 15

dividendenstärksten Dax-Unternehmen

abbildet. Pech für

den Anleger war, dass die Zertifikate

von der Investmentbank

Lehman Brothers verbrieft wurden,

die im September 2008 insolvent

wurde. Nach der Pleite

erhielt der Anleger aus der Insolvenzmasse

nur 16 211 Euro.

Er machte einen Verlust von

19 489 Euro. Der Anleger wollte

sich diesen Betrag von seiner

ERBSCHAFTSTEUER

Günstigeres Verfahren gilt

Die Witwe eines Unternehmers

erbte von ihrem verstorbenen

Mann Anteile an Personengesellschaften.

Schon vor seinem

Tod war sie an den Unternehmen

beteiligt. Nachdem sie die

Beteiligungen geerbt hatte,

übertrug sie einen Teil an ihre

Kinder, damit diese ihren

Pflichtteil am Erbe des Vaters

erhielten. Mit dem Finanzamt

stritt sie nun, wie groß der Anteil

an den geerbten Beteiligungen

ist, der als Betriebsvermögen

bei der Erbschaftsteuer

SCHNELLGERICHT

BETRIEBSRENTE MUSS KRISENFEST SEIN

§

Ein ehemaliger Mitarbeiter der Dresdner Bank

bezog seit 1998 eine Betriebsrente. Diese Rente

passte die Bank alle drei Jahre an den Kaufkraftverlust

durch Inflation an. 2009 wurde das Kreditinstitut

mit der Commerzbank verschmolzen. Die fusionierte

Bank lehnte 2010 eine Erhöhung der Betriebsrente

ab, weil das Unternehmen wirtschaftlich nicht dazu

in der Lage sei. Das Bundesarbeitsgericht hält das für

rechtens (3 AZR 51/12). Infolge der Finanzkrise habe

die Commerzbank 2008 und 2009 hohe Verluste erwirtschaftet.

Sie musste Mittel aus dem Finanzmarktstabilisierungsfonds

aufnehmen. Es sei daher absehbar

gewesen, dass die Commerzbank nicht die Mittel

gehabt habe, um die Betriebsrente zu erhöhen.

Hausbank wiederholen und

verklagte sie wegen Falschberatung.

Die Bankberater hätten

ihn nicht hinreichend auf die

Risiken der Indexpapiere sowie

auf das allgemeine Emittentenrisiko

bei Zertifikaten hingewiesen,

argumentierte er. Zudem

habe er eine sichere Anlage

gesucht. Die Bank wandte ein,

sie habe bei der Eröffnung des

Wertpapierdepots 2006 die Broschüre

„Basisinformationen

über Vermögensanlagen in

Wertpapieren“ ausgehändigt.

Beim Oberlandesgericht Düsseldorf

konnte sich der Anleger

mit seinen Argumenten nicht

durchsetzen (I-6 U 129/13).

begünstigt ist. Der Bundesfinanzhof

(BFH) entschied,

dass die Witwe steuerlich so zu

stellen sei, als hätte sie die Kinder

vorrangig mit den schon vor

dem Tode ihres Mannes gehaltenen

Anteilen bedacht (II R

36/12). Dieses für Steuerzahler

günstigere Verfahren hatte das

Finanzamt abgelehnt. Es hatte

sich auch geweigert, Verbindlichkeiten

und Rückstellungen

anzurechnen, was der BFH bemängelte.

Das Finanzgericht

muss erneut entscheiden.

Zwar habe die Bank allein mit

der Broschüre nicht ausreichend

über das Emittentenrisiko

von Zertifikaten informiert.

Dieser Umstand sei jedoch für

das Investment des Klägers

nicht entscheidend gewesen, so

die Richter. Schließlich habe er

auch nach der Lehman-Pleite

ein anderes Zertifikat behalten,

obwohl er das Emittentenrisiko

nun kennen musste. Zudem

sei die produktspezifische Beratung

durch die Bank nicht zu

beanstanden gewesen. Der Anleger

bleibt so auf seinem Verlust

von 19 489 Euro sitzen.

Obendrauf kommen noch die

Kosten für Anwalt und Gericht.

PFLEGE

Weniger Geld

für Familie

Wer Angehörige zu Hause

pflegt, erhält dafür staatliches

Pflegegeld. Dieser Betrag ist

deutlich niedriger als der, den

private Pflegedienste von der

gesetzlichen Pflegeversicherung

erhalten. Diese Ungleichbehandlung

sei verfassungskonform,

weil das Pflegegeld

kein Engelt, sondern eine Anerkennung

für familiäre Pflege

sei, so das Bundesverfassungsgericht

(1 BvR 1133/12).

RASER HAFTEN NICHT AUTOMATISCH

§

Wer im Straßenverkehr innerorts überholt und

dabei die zulässige Höchstgeschwindigkeit

überschreitet, verstößt nicht automatisch gegen

ein „faktisches Überholverbot“ und trägt damit

eine Mitschuld an einem Unfall. Dies gilt nur, wenn

der Unfall ohne den Tempoverstoß beim Überholen

nicht passiert wäre (Oberlandesgericht Hamm,

9 U 149/13).

KEIN ETHIK-UNTERRICHT AB ERSTER KLASSE

§

Schüler, die eine konfessionslose Grundschule

besuchen, haben keinen Anspruch auf Unterricht

im Fach Ethik als Ersatz für den Religionsunterricht

(Bundesverwaltungsgericht, 6 C 11.13).

ERBSCHAFTSTEUER

OLAF GERBER

ist Notar und

Fachanwalt

für Steuerrecht

bei

Faust Gerber

in Frankfurt.

n Herr Gerber, wie kann

man auf legalem Weg

Erbschaftsteuer sparen?

Man kann sein Erbe auf mehrere

Personen verteilen und Freibeträge

nutzen. So hat der

Ehepartner 500 000, Kinder

400 000 und Enkel 200 000

Euro Freibetrag. Nur wer mehr

erbt, zahlt Steuern. Bei einem

Partner und zwei Kindern können

so bis zu 1,3 Millionen

Euro steuerfrei vererbt werden.

n Wie können Großeltern

geschickt vererben?

Stehen die Kinder finanziell

gut da, können Großeltern

eine Generation überspringen

und direkt an die Enkel vererben.

Denen steht nur der niedrigere

Freibetrag von 200 000

Euro zu. Bei sehr großen Vermögen

ist das trotzdem vorteilhaft

– denn sonst würde

beim Tod der Eltern erneut

Steuer auf das anfallen, was

zuvor Oma und Opa schon

vererbt haben.

n Wie vererben Eltern mehr

als die 400 000 Euro steuerfrei

an ihre Kinder?

Der Freibetrag gilt pro Elternteil,

das heißt Vater und Mutter

können jeweils 400 000

Euro steuerfrei vererben –

macht 800 000. Wer Kindern

schon zu Lebzeiten Vermögen

schenkt, darf den Freibetrag

alle zehn Jahre nutzen.

n Was, wenn die Mutter

kein Vermögen hat?

Dann kann der Vater seiner

Frau die selbst genutzte Immobilie

schenken, dabei fällt

keine Steuer an. Zu Lebzeiten

darf die Mutter die sogar sofort

verkaufen – und das Geld

an die Kinder verschenken.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de, annina reimann | Frankfurt

91

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Die Angst vor

Deflation schadet Anlegern

mehr als die Deflation selbst.

Von Martin Gerth

Ruhig bleiben

Mission possible

EZB-Chef Draghi,

Hüter des Euro

Wer wissen will, wie

sich der Wind auf

den Finanzmärkten

dreht, muss

sich die jeweils aktuellen Börsenbücher

anschauen. 2009

kam „Die Inflation kommt“ auf

den Markt, 2011 war es „Inflation

oder Deflation?“, im vergangenen

Jahr die „Inflationslüge“.

An vielen Anlegern ist dieser

„Wind of Change“ vorbeigegangen.

Sie kaufen weiter überteuerte

Immobilien und hoffen,

dass sie das Betongold vor dem

Inflationsmonster beschützen

wird. Aufgenommene Schulden

sollen dafür weginflationiert werden,

wie praktisch! Nur ist das

Monster bisher ausgeblieben,

der Immobilienboom flacht ab.

So brachen beispielsweise die

Zahlen für Wohnimmobilienkäufe

in den USA zuletzt unerwartet

stark ein: minus 14,5 Prozent im

März. Nur noch 384 000 Häuser

wurden verkauft. Ökonomen

hatten im Schnitt 450 000 erwartet.

Gründe dafür sind steigende

Preise für Baugrund und

das langsamer steigende Einkommen

der privaten Haushalte.

Viele US-Bürger können sich

eine eigene Immobilie schlicht

nicht mehr leisten.

Noch steigen die Verbraucherpreise

in Europa — wenn

auch nur in homöopathischen

Dosen. Sollten die Preise auf

breiter Front sinken, also Deflation

eintreten, dann müssten

Immobilienbesitzer hilflos zusehen,

wie auch ihr Haus Monat

für Monat an Wert verliert. Erschwerend

käme hinzu, dass

ihre Hypothek real mehr wert

wäre. Es würde für Häuslebauer

immer schwerer, die Raten für

den Baukredit aufzubringen.

Besser sähe es für Goldbesitzer

aus. Zwar gilt Gold als Inflationsschutz,

das ist jedoch nur

eine Seite der Medaille. Für das

Edelmetall spricht, dass bei

einem Deflationsszenario mit

abflauender Konjunktur die Aktienkurse

unter Druck geraten.

Gold wäre eine Versicherung

gegen Börsencrashs.

Ob Aktien unter Deflation leiden,

hängt davon, ob sinkende

Preise von einem konjunkturellen

Einbruch oder steigender

Produktivität verursacht würden.

Im ersten Fall wäre ein breites

Anlageportfolio einschließlich

Gold ein Sicherheitsnetz. Im

zweiten Fall hätte die Deflation

keinen Einfluss auf die Gewinne

der Unternehmen und damit

auch nicht auf die Aktienkurse.

ERBÄRMLICHE RENDITEN

Wenn die Deflation kommt, hätten

Anleihebesitzer wenig zu

lachen. Sobald ihre Zinspapiere

im Depot auslaufen, müssten

sie sich nach Alternativen umschauen,

die es dummerweise

nicht gibt. Auf neu investiertes

Geld bekämen sie nur noch

erbärmliche Renditen. Nur wer

noch Papiere mit langer Restlaufzeit

im Depot hat, könnte die

Deflation aussitzen.

Die größte Gefahr für Anleger

ist jedoch nicht die Deflation

selbst, sondern die zunehmende

Angst davor. Wenn die Notenbanken

weiter Anleihen aufkaufen

und die Finanzmärkte mit

Geld fluten, entstehen bei Sachwerten,

beispielsweise Immobilien,

gefährliche Blasen. Wenn

diese Blasen platzen, hätten

Anleger ein echtes Problem. Die

Deflation, die der Staat eigentlich

verhindern wollte, hätte er

am Ende selbst herbeigeführt.

Etwas mehr Gelassenheit statt

hysterischen Krisengeschreis

würde den Anlegern helfen.

TREND DER WOCHE

Von wegen Weich-Geld

Der Euro ist so stark geworden, dass er selbst neue

expansive Schritte der Notenbank EZB überleben dürfte.

Noch nie seit der Einführung

des Euro war sein Zinsnachteil

gegenüber dem Dollar so groß:

Bundesanleihen mit zehnjähriger

Laufzeit bringen derzeit 1,5

Prozent pro Jahr, zehnjährige

US-Bonds dagegen 2,7 Prozent.

Normalerweise würde ein solcher

Unterschied den Dollar

beflügeln und den Euro bremsen

(wie 2000 und 2005). Doch

es gibt drei wichtige Gründe,

die den Euro derzeit stützen:

n Das Wachstum der amerikanischen

Wirtschaft ist zwar höher

als das der europäischen;

die US-Wachstumsraten jedoch

verharren bei zwei bis drei Prozent,

während sie in Europa seit

dem Konjunkturtief Anfang

2013 dynamisch zulegen.

n Fed-Chefin Janet Yellen hat

zwar frühzeitig ein Ende der

amerikanischen Niedrigzinsen

angekündigt, die forsche Prognose

aber schnell widerrufen.

Die Nachfolgerin von Ben Bernanke

hält damit die Schleusen

der Geldpolitik weit geöffnet.

n Die EZB dagegen ist weniger

expansiv als oft angenommen.

Das zeigt sich besonders am

Geldvolumen, das den Geschäftsbanken

als Kredit gewährt

wird und das seit Sommer

2012 deutlich zurückgeht.

Natürlich, ein weiterer Anstieg

über 1,40 Dollar hinaus könnte

die EZB zu einer stärkeren Expansion

bewegen, etwa zu Anleihekäufen.

Eine Weich-Währung

würde der Euro deshalb

aber nicht. Dafür ist das Vertrauen,

das er trotz Zinsnachteil

mittlerweile an den Märkten gewonnen

hat, zu groß geworden.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 24.4.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9548,68 +1,5 +23,1

MDax 16275,20 +0,8 +21,6

Euro Stoxx 50 3189,81 +1,1 +18,1

S&P 500 1881,80 +0,9 +19,2

Euro in Dollar 1,3820 –0,3 +6,3

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,51 +0,02 2 +0,27 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,69 –0,04 2 +0,99 2

Rohöl (Brent) 3 109,27 –0,7 +8,8

Gold 4 1291,50 –0,6 –9,6

Kupfer 5 6731,00 +1,5 –2,9

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 934,79 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CITYPRESS, DDP IMAGES/NEWSCOM

92 Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Kurstreibende Pillen

Der Ausbau des Pharmageschäfts kann Bayer-Aktien

langfristig erheblich wertvoller machen.

HITLISTE

Gefährliches Terrain

Hausse-Symbol Bulle

vor Wall Street

Bis zu 100 Milliarden Dollar

könnte sich der amerikanische

Pharmariese Pfizer eine

Übernahme des britischen

Konkurrenten AstraZeneca

kosten lassen. Jeder Dollar

Jahresumsatz wäre so mit

dem Vierfachen bezahlt – der

gleiche Preis, den Top-Pharmakonzerne

wie Novartis und

Pfizer selbst auf die Waage

bringen. Damit verglichen ist

die zweifache Umsatzbewertung

des Leverkusener Bayer-

Konzerns geradezu provinziell.

Der Grund: Pharma

macht bei Bayer nur den halben

Umsatz aus, die andere Hälfte

entfällt auf Chemie und Pflanzenschutz.

Kein Wunder, dass

Bayer das Pharmageschäft forciert,

wie der Zukauf des

norwegischen Krebsspezialisten

Algeta mit seinem wichtigen

Medikament Xofigo zeigt.

Auch eigene Entwicklungen liefern

gute Ergebnisse, zuletzt ein

Präparat gegen Lungenhochdruck.

Vorteil für die Aktie: Je

stärker das Pharmageschäft

zulegt, desto eher wird Bayer

ein Übernahmekandidat.

BULLE UND BÄR

Auslaufmodell

Der aktuelle Bullenmarkt an Wall Street hat zeitlich

und preislich überzogen, zumindest statistisch.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9548,68 +4,1 +23,1

Aktie

Stand: 24.4.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 76,73 –0,8 –3,7 4,51 4,38 18 16053 1,76

Allianz 122,80 +4,8 +11,1 12,65 13,59 9 55991 3,66

BASF NA 82,07 +6,6 +20,1 5,88 5,91 14 75380 3,17

Bayer NA 97,01 +6,0 +20,3 5,66 6,11 16 80222 1,96

Beiersdorf 71,15 +1,4 +2,2 2,38 2,56 28 17930 0,98

BMW St 91,46 +3,7 +34,8 7,77 8,65 11 58776 2,73

Commerzbank 13,02 +4,1 +67,3 0,50 0,72 18 14818 -

Continental 174,30 +8,2 +97,3 10,02 12,57 14 34861 1,29

Daimler 67,75 +5,9 +67,0 4,56 5,90 11 72454 3,32

Deutsche Bank 31,95 +2,6 –1,9 4,08 3,52 9 32570 2,35

Deutsche Börse 54,04 +3,8 +17,1 3,79 3,87 14 10430 4,26

Deutsche Post 27,20 +5,4 +48,8 1,45 1,70 16 32885 2,57

Deutsche Telekom 11,65 +5,4 +30,1 0,69 0,64 18 51856 6,01

E.ON 13,78 +2,1 +0,4 1,29 0,95 15 27564 7,99

Fresenius Med.C. St 49,74 +2,5 –6,7 3,75 3,63 14 15298 1,51

Fresenius SE&Co 109,30 +3,7 +11,8 5,82 6,38 17 24667 0,87

Heidelberg Cement St 61,95 –0,1 +17,9 3,56 3,97 16 11616 0,76

Henkel Vz 78,63 +3,0 +9,9 4,03 4,30 18 33234 1,55

Infineon 8,46 +6,7 +47,7 0,26 0,40 21 9142 1,42

K+S NA 24,06 +4,3 –26,8 2,92 1,29 19 4604 5,82

Lanxess 54,42 +2,4 +0,6 3,31 2,59 21 4528 1,84

Linde 146,30 +3,1 +3,1 8,48 8,37 17 27160 1,85

Lufthansa 19,27 +6,7 +29,0 1,25 1,88 10 8861 -

Merck 119,65 +5,8 +1,5 8,57 9,17 13 7732 1,42

Münchener Rückv. 166,60 +4,7 +6,8 16,94 17,05 10 29878 4,20

RWE St 27,04 –4,9 +1,0 3,91 2,38 11 16375 3,70

SAP 57,48 ±0 –3,4 3,37 3,45 17 70614 1,91

Siemens 97,49 +2,7 +27,0 4,80 6,74 14 85889 3,08

ThyssenKrupp 20,47 +6,2 +45,8 -0,55 0,50 41 10529 -

Volkswagen Vz. 196,25 +3,7 +30,2 21,42 21,84 9 90226 1,81

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Ein Bärenmarkt an Wall Street

dauert 15,6 Monate und sorgt

im S&P 500 für 34,65 Prozent

Verlust. Ein Bullenmarkt dauert

54 Monate und bringt

101,2 Prozent Indexplus. Das

sind die Mittelwerte seit 1929.

So gesehen hat der aktuelle

Bullenmarkt, der am 9. März

2009 begonnen hat, zeitlich

und preislich überzogen. Er

dauert schon 61 Monate und

hat 180,4 Prozent plus gebracht.

Ein Gedankenspiel: Angenommen

der S&P 500 hätte mit seinem

bisherigen Rekord von

1897,28 Punkten am 4. April

den Wendepunkt erreicht.

Dann müsste der neue Bärenmarkt

am 24. Juli 2015 enden,

bei 1239,87 Punkten im S&P 500

– rein statistisch.

Dauer von Bären- und Bullenmärkten an Wall Street seit 1929 und

ihre prozentuale Entwicklung

Hoch

erreicht am...

16.9.1929

10.3.1937

9.11.1938

29.5.1946

15.6.1948

2.8.1956

12.12.1961

9.2.1966

29.11.1968

11.1.1973

28.11.1980

25.8.1987

24.3.2000

9.10.2007

...bei

Index-stan

d

31,86

18,67

13,79

19,25

17,06

49,74

72,64

94,06

108,37

120,24

140,52

336,77

1527,46

1565,15

Mittelwert 1

4.4.2014 1897,28

vorheriger

Preisanstieg

in Prozent


+324,3

+62,2

+157,7

+23,9

+267,1

+86,4

+79,7

+48,1

+73,5

+125,6

+228,8

+579,4

+101,2

+101,2

+180,4

Dauer Tief

...bei Preisrückgang

Dauer

61,0 24.7.2015 2 1239,87 2 –34,65 2 15,6 2

Bullenmarkt

erreicht am... Index-

Bären-

in

stand in Prozent markt in

Monaten

Monaten

S&P 500

– 1.6.1932 4,40 –86,2 32,1

57,6 31.3.1938 8,50 –54,5 12,5

7,2 28.4.1942 7,47 –45,8 41,1

49,2 19.5.1947 13,77 –28,5 11,5

13,2 13.6.1949 13,55 –20,6 11,8

84,0 22.10.1957 38,98 –21,6 14,5

50,4 26.6.1962 52,32 –28,0 6,4

43,2 7.10.1966 73,20 –22,2 7,8

25,2 26.5.1970 69,29 –36,1 17,7

31,2 3.10.1974 62,28 –48,2 20,4

74,4 12.8.1982 102,42 –27,1 20,2

60,0 19.10.1987 224,84 –33,2 1,8

148,8 9.10.2002 776,76 –49,2 30,1

60,0 9.3.2009 676,53 –56,8 16,8

54,0 Mittelwert 1 –34,65 15,6

1 Median; 2 eigene Prognose; Quelle: O’Higgins Asset Management, Ibbotson Associates/

Morningstar, Marc Faber Ltd.

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 93

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE William Demant

Lauschangriff per

Smartphone

Verstärker Jüngere Kunden

sollen Umsätze steigern

Die Hörgerätehersteller reiben

sich die Hände: Der demografische

Wandel soll ihren

Markt wachsen lassen,

um gut vier Prozent pro Jahr.

In den Kursen steckt dieses

Wachstum schon drin. Jetzt

gibt sich die Branche ein junges

Image. Per Bluetooth lassen

sich Hörgeräte über das

iPhone steuern. In Kürze

bringt die dänische Holding

William Demant Geräte ihrer

Marke Oticon auf den Markt,

die mit dem Smartphone

kompatibel sind. Auch die

Konkurrenten Sonova

(Schweiz) und GN Store Nord

(Dänemark) haben solche

Hörgeräte neu im Programm.

Wichtigste Kunden von

William Demant sind aber

nicht technikaffine Senioren,

sondern Gesundheitsversorger

wie der britische National

Health Service. Problem:

Demant ist ihren Erstattungsrichtlinien

ausgesetzt. Jüngst

kürzten Dänemark und die

Niederlande ihre Zuschüsse

für Hörgeräte. Auf diesen

wichtigen Märkten büßten

die Dänen 2013 etwa zwei

Prozent Umsatz ein. In

Deutschland dagegen erstatten

die gesetzlichen Kassen

mit 785 Euro jetzt fast doppelt

so viel wie noch 2012. Hier

setzte William Demant zuletzt

mehr um, als von Analysten

erwartet. Insgesamt lief 2013

gut, das Konzern-Betriebsergebnis

(EBIT) wuchs um

acht Prozent.

Trotzdem stürzte die Aktie

Ende Februar wegen eines

schwachen Jahresausblicks um

zwölf Prozent ab. William Demant

rechnet nur mit fünf bis

zehn Prozent Gewinnwachstum

pro Aktie, zu wenig für Investoren.

Nach dem Kursrutsch

ist die Aktie auf Basis des für

2014 geschätzten Gewinns

günstiger (Kurs-Gewinn-Verhältnis

19,1) als die Konkurrenten

Sonova (24,7) und GN Store

Nord (23,1). Demant dürfte keinen

wilden Ritt nach oben starten,

aber stetes Wachstum deutet

sich an: Neue Versionen der

Geräte der Marke Oticon bringen

die Konkurrenz unter Zugzwang.

Auch die Akquisitionen

(vor allem des Implantatherstellers

Neurelec) sollen drei bis

vier Prozent Umsatzwachstum

bringen. Aktienrückkäufe im

laufenden Jahr von 500 Millionen

Dänischen Kronen dürften

den Kurs zusätzlich treiben.

Problematisch bleibt die

Entwicklung auf den Devisenmärkten:

Währungseffekte

könnten das Ebit 2014 um 100

Millionen dänische Kronen

schwächen.

William Demant

ISIN:DK0010268440

600

500

400

300

200

100

2003 06 09 12 14

Kurs/Stoppkurs (DKK): 481,30/394,60

KGV 2013/2014: 21,0/19,1

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle:FactSet

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Elbe am Pool

Die Ausgaben für

Naturkatastrophen

sinken

AKTIE Münchener Rück

Günstige Gelegenheit

für ein Top-Investment

1,3 Milliarden Euro müsste

die Münchener Rückversicherung

verdienen, um ihren Aktionären

auch in Zukunft die

gerade erhöhte Dividende

(7,25 Euro je Aktie) zu zahlen.

Drei Milliarden Euro, so die

Münchener, sollen 2014 netto

bleiben. Eine selbstbewusste,

aber realistische Prognose.

Wegen ihrer Top-Position

auf dem internationalen

Rückversicherungsmarkt

dürfte es den Münchnern gelingen,

den Preisdruck in der

Branche abzufedern. Wie

kleinere Konkurrenten musste

Munich Re bei den diesjährigen

Neuverhandlungen

zwar niedrigere Prämien hinnehmen,

dafür gewann sie

aber Marktanteile. Und sollten

die Großschäden im Jahresverlauf

wieder zunehmen,

dürften auch die Prämien

wieder steigen. Im vergangenen

Jahr waren die Schadenszahlungen

für Naturkatastrophen

von 1,3 Milliarden auf

764 Millionen Euro gesunken.

Nachholbedarf hat die Erstversicherungstochter

Ergo.

Sie leidet unter dem niedrigen

Zinsniveau und dem zähen

Geschäft mit Lebensversicherungen.

Immerhin, neue Policen

ohne Garantiezins und

Spezialversicherungen (etwa

für Kunstwerke) gleichen das

zum Teil aus. Die Rendite aus

den Kapitalanlagen (insgesamt

210 Milliarden Euro) dürfte

zwar weiter schrumpfen; dafür

holen sich die Münchner Zusatzerträge

wie gerade 58 Millionen

Euro aus dem Verkauf ihres

8,5-prozentigen Pakets am

Technologiezulieferer Jenoptik.

Am 2. Mai (nach der Hauptversammlung

am 30. April) gibt

es die nächste Dividende. An

diesem Tag wird die Aktie deutlich

niedriger notieren – eine

gute Gelegenheit für den Einstieg

in ein langfristiges Investment.

Münchener Rück

ISIN: DE0008430026

180

160

140

120

100

80

50-Tage-Linie

60

200-Tage-Linie

2004 2010 14

Kurs/Stoppkurs(in Euro): 167,40/142,30

KGV 2013/2014: 8,7/9,8

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:FactSet

Hoch

FOTOS: GETTY IMAGES, REUTERS/THOMAS PETER, KELAG BILDARCHIV

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl, Sebastian Kirsch

Nr. 18 28.4.2014 WirtschaftsWoche

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CHARTSIGNAL

Fußkrank

Die Aktie von Deutschlands größter Bank hängt

besonders stark am Tropf der Notenbanken.

Nachdem 2009 rund zwölf

Milliarden Dollar aus dem

Rettungsprogramm der US-

Notenbank Fed für den Versicherungskonzern

AIG die

Deutsche Bank erreichten,

legte deren Aktie von 14 Euro

bis auf 53 Dollar (Strecke A–B)

zu – ein Plus von knapp 280

Prozent. Die „Whatever it

takes“-Rede von EZB-Präsident

Mario Draghi (Strecke

C–D) vom Juli 2012 und zuvor

die beiden längerfristigen

Refinanzierungsgeschäfte

(Long Term Financing Operation,

LTRO ) der Europäischen

Zentralbank (Strecke E–F)

hievten den Kurs nur noch auf

knapp 40 Euro, ein Plus von

jeweils etwa 80 Prozent.

Anfang 2014 scheiterte die

Aktie am Widerstand bei 40

Euro und an der dort verlaufenden

Abwärtstrendlinie T1

(1). Damit droht der Titel nun

aus einem groß angelegten

symmetrischen Dreieck zu

kippen. Symmetrische Dreiecke

sind typische Konsolidierungsformationen.

Nach

dieser Lesart würde sich der

Abwärtstrend zwischen 2007

Droht der nächste Kurskollaps?

2

A

und 2009 fortsetzen. Anleger

sollten die Trendlinie T2 im Auge

behalten. Ein signifikanter

Fall unter T2 würde den Weg

freimachen bis auf die Tiefkurse

von 2009. Eine erste Unterstützung

findet der Titel bei Kursen

um 21 Euro.

Die Aktie der Deutschen

Bank eignet sich gut für die

charttechnische Analyse. Die

große Schulter-Kopf-Schulter-

Formation zwischen 2006 und

2008 war eine Warnung an die

Haussiers. Nach dem Durchbruch

der Nackenlinie (2) kollabierte

der Kurs. Zwischen 2009

und 2011 bildete sich ein Rechteck

aus. Diese Formation kann

als Trendwende- oder Konsolidierungsformation

auftreten.

Nach dem Fall unter die Unterstützung

bei 36 Euro (3) kollabierte

der Kurs erneut.

Seit Anfang 2013 hat sich wieder

ein Rechteck ausgebildet.

Diesmal liegt die Unterstützung

bei 30 Euro. Ein Durchbruch

dieser Marke wäre die Vorentscheidung

für einen Durchbruch

der T2. Die Aktie der

Deutschen Bank braucht dringend

ein neues Hilfsprogramm.

Die Deutsche-Bank-Aktie braucht dringend ein neues Hilfsprogramm

100

80

60

40

20

10

Schulter

Quelle: FactSet

Kopf

Nackenlinie

Deutsche Bank

(Aktienkurs in Euro)

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Schulter

Rechteck

Widerstand

B

T1

Widerstand 1

F D

Unterstützung 3

Unterstützung

Symmetrisches E

Dreieck

C

T2

Unterstützung

2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 14

ANLEIHE Kelag

Öko und

rentabel

Wasser marsch Speicherkraftwerk

Koralpe in Kärnten

An 150 Zapfstationen in Österreich

können Fahrer des

BMW i3 ihren Elektroflitzer

aufladen. Bis Jahresende sollen

es 300 Ladepunkte werden,

an denen sich natürlich

auch Besitzer anderer Stromer

bedienen können. Hinter

der alpenländischen E-Dynamik

steht unter anderem die

Kelag, die Kärtner Elektrizitäts-Aktiengesellschaft

aus

Klagenfurt, einer der führenden

Energieversorger Österreichs.

Dass der i3 und andere

Elektromobile in Bewegung

kommen, ist für Kelag mehr

als ein PR-Gag: Die Kärtner

holen 100 Prozent ihres

Stroms aus erneuerbaren

Quellen und sind damit seit

Jahrzehnten rentabel. Anleihen

von Kelag (Laufzeit bis

2022, 150 Millionen Euro Volumen)

sind mit 2,4 Prozent

Jahresrendite zwar nicht ganz

so flott, jedoch ein solides Investment,

das von Standard &

Poor’s ein A-Rating mit stabilem

Ausblick bekommt.

Seit der Gründung als Kärtner

Wasserkraftwerke (1923)

setzt das Klagenfurter Unternehmen

auf die Nutzung von

Speicherkraftwerken. Kern

der Energieerzeugung sind

heute die Speicherkraftwerksgruppe

Fragant in den Hohen

Tauern und das Pumpspeicherkraftwerk

Koralpe an der

Grenze zur Steiermark. Zum

Stromgeschäft (drei Viertel

des Umsatzes) gehört auch

der Betrieb von 17 900 Kilometer

Leitungen.

Neu ausgebaut wird das

Geschäft mit Bioenergie, industrieller

Abwärme und

Restmüllverwertung. In Villach

wurde ein Biomassekraftwerk

in Betrieb genommen,

im Burgenland eine Fernwärmeversorgung.

Die Expansion

im Ausland kommt voran:

Energiehandel in Slowenien,

Kleinwasserkraftwerke im Kosovo,

Windkraftanlagen an Bulgariens

Schwarzmeerküste.

Kelag holte im vergangenen

Jahr aus 1,5 Milliarden Euro

Umsatz 96 Millionen Euro Nettogewinn.

Da sich der Rückgang

des Stromhandels im vergangenen

Jahr nicht noch einmal wiederholen

sollte, sind für 2014

bei insgesamt stabilem Geschäft

ähnliche Zahlen zu erwarten.

Vor Zinsen, Steuern,

Abschreibungen und Amortisation

dürften mehr als 200 Millionen

Euro bleiben. Das allein

würde die Nettoverschuldung

(Ultimo 2013: 225 Millionen Euro)

etwa decken. Die Bilanz ist

mit 37 Prozent Eigenkapital gut

gepolstert.

Hinter Kelag stehen der österreichische

Energiekonzern Verbund

(35 Prozent), das Bundesland

Kärten (26 Prozent) und

der Essener Versorger RWE (38

Prozent). Ein Prozent der Aktien

werden gehandelt. Dass einer

der Großaktionäre auf absehbare

Zeit aussteigt, ist angesichts

der vielversprechenden

Geschäftsentwicklung von

Kelag wenig wahrscheinlich.

Kurs (%) 106,31

Kupon (%) 3,25

Rendite (%) 2,41

Laufzeit bis 24. Oktober 2022

Währung

Euro

ISIN

AT0000A0X913

WirtschaftsWoche 28.4.2014 Nr. 18 95

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS nordIX Renten plus

Riskante Wetten mit

Griechen-Bonds

Abgehängt Hellenic-Anleihe ist

vor Schuldenschnitt geschützt

Die Hamburger nordIX ist eigentlich

ein Rentenmakler.

Nebenprodukt des Makelns

ist ein Anleihefonds für risikofreudige

Anleger. Das Managementteam

um nordIX-

Vorstand Claus Tumbrägel

kauft vor allem Bank- und

Staatsanleihen mit kleinen

Emissions- und Handelsvolumina.

„Papiere, die Versicherungen

und Pensionskassen

nicht halten dürfen, sind für

uns häufig Kaufgelegenheiten“,

sagt Fondsmanager

Tumbrägel. Oft kauft das

nordIX-Team, wenn der Emittent

in einer Krise steckt, eine

Pleite aber wenig wahrscheinlich

scheint. So nutzten die

Hamburger die Schieflage der

österreichischen Hypo Alpe

Adria. „Das Bundesland

Kärnten, das für die Schulden

der Bank bürgt, kann sich eine

Pleite nicht leisten, denn

sonst wäre es selbst zahlungsunfähig“,

sagt Tumbrägel.

Auch die Krise in Griechenland

schreckt nordIX nicht ab.

So kauften sie Papiere der

Hellenic Railways. „Die Anleihen

sind nach englischem

Recht aufgelegt und wären

daher von einem Schuldenschnitt,

den der griechische

Staat verordnet, nicht betroffen“,

sagt der nordIX-Vorstand.

Nur wenige Stücke der

Hellenic-Anleihe gingen an

der Börse um, der Fonds habe

sie in sehr kleinen Paketen,

teilweise von einigen Zehntausend

Euro, kaufen müssen.

Derzeit hält der Fonds noch

Papiere von Hellenic Railways

im Wert von etwa einer halben

Million Euro.

Wenn es zu brenzlig wird,

zieht nordIX die Notbremse.

Zuletzt war das bei der niederländischen

Sparkassengruppe

SNS der Fall. Der Fonds hielt

zeitweise Nachranganleihen

des niederländischen Kreditinstituts.

„Wir hatten den Eindruck,

dass das Management

die Wende nicht schafft und der

niederländische Staat die angeschlagene

Immobilienfinanzierungssparte

abwickeln will“,

sagt Tumbrägel. Auch bei der

HSH Nordbank stiegen die

Hamburger aus, weil sie eine

Abwicklung wie bei der WestLB

fürchteten.

Derzeit hat nordIX die russische

VTB Bank im Visier. Im Zuge

der Ukraine-Krise sei die Aktie

des Kreditinstituts abgestraft

worden. Noch allerdings, so

Tumbrägel, sei das Kursniveau

der Anleihen, gemessen am

Risiko, zu hoch. Die 2017 und

2018 auslaufenden Papiere notieren

derzeit zwischen 102 und

103 Prozent.

nordIX Renten plus

ISIN: DE000A0YAEJ1

140

130

120

110

100

90

Chance

Risiko

JPM Global Bond TR

2011 2012 2013 14

Niedrig

IndizesinEuroumbasiert;

Quelle:Thomson Reuters

Hoch

Die besten Fonds mit Euro-Anleihen

Wie die erfolgreichsten Portfolio-Manager abgeschnitten haben

Fondsname

nordIX Renten plus

Lyxor 10Y MTS Spain Gov. Bond

GAM Star Credit Opp.

Nordea-1 European Financial Debt

iShares Spain Government Bond

iShares Italy Government Bond

Henderson Hor. Euro High Yield Bd.

Lemanik Selected Bond

Aberdeen Global Sel. High Yield

EdR Signatures Financial Bonds

Pictet EUR High Yield-P

AB Euro High Yield

Schroder Euro High Yield

BlueBay Investment Grade Euro

Dexia Bonds Euro High Yield

UBS (Lux) BF Euro High Yield

DWS Hybrid Bond Fund

DWS Invest Euro High Yield Corp.

iShares Euro Gov. Bond 10-15yr

Swiss Life Bond Euro Corp.

DKO-Lux-Renten Hybrid

Fidelity European High Yield

Aberdeen Global II Euro High Yield Bd.

Natixis Euro High Income

Tendercapital Bond Two Steps

Amundi Gov. Bond Inv. Gr.

R Euro Credit C

Lyxor ETF EuroMTS 10-15Y Inv. Gr.

Deka-CorporateBond High Yield

Bankhaus Neelmeyer Rentenstrategie

Amundi Gov. Bond Inv. Gr. 10-15

LFP Obligations LT I

DekaGenüsse + Renten

Amundi Fds Bd Euro High Yield

Tendercapital Income Premium

Deka-Nachhaltigkeit Renten

SPDR Barclays Cap EUR High Yield

db x-trackers II iBoxx EUR Sov. 10-15

db x-trackers II MTS x-Bank of Italy

iShares Euro Gov. Bond 15-30yr

Parvest Bond Euro High Yield

Lyxor iBoxx € Liq. HighYield 30 Ex-Fin.

Allianz Corp. Bond Europ. High Yield

Aberdeen Global Sel. Euro High Yield

CBK € 12,5 Corporate Bond

AXA WF Euro 10+LT AC

Pioneer Euro High Yield

HSBC GIF Euro High Yield Bond

Standard Life Euro High Yield

Parvest Bond Euro Long Term

KBC Renta Long EUR

Jupiter JGF Dynamic Bond L

Aviva Inv. Long Term Europ. Bond

Lyxor ETF EuroMTS 15+Y Invest Gr.

ISIN

DE000A0YAEJ1

FR0011384148

IE00B567SW70

LU0772944145

IE00B428Z604

IE00B7LW6Y90

LU0828815224

LU0099064445

LU0231461004

FR0011034495

LU0133807163

LU0496383703

LU0849399786

LU0549543014

LU0012119607

LU0085995990

DE0008490988

LU0616840772

IE00B4WXJH41

LU0441493979

LU0188083231

LU0110060430

LU0513451269

LU0556617156

IE00B90F5P70

FR0010892190

FR0007008750

FR0010037242

LU0139115926

LU0809243487

FR0010754143

FR0000425241

DE0008479825

LU0119110723

IE00B8PQ3H61

LU0703711035

IE00B6YX5M31

LU0290357333

LU0613540185

IE00B1FZS913

LU0823380802

FR0010975771

LU0110014080

LU0119174026

LU0588500636

LU0251661087

LU0229386650

LU0165128348

LU0233953479

LU0823381875

LU0117158930

LU0459992896

LU0044652708

FR0010481093

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

9,3







3,1

8,4

6,5

7,7

10,0



10,5

8,9

10,0


10,0

8,2

6,3

8,7

8,6


4,4

8,6

7,6

9,4

8,0


9,9

8,6

8,3

6,6




10,4


11,3

6,2

8,6

7,6

5,6

12,8

11,5

7,8

9,2

7,2

10,5

11,4


9,3

11,2

seit 1

Jahr

19,5

17,4

16,9

16,5

13,2

11,5

11,4

11,2

10,7

10,6

10,5

10,5

10,3

10,1

9,8

9,7

9,6

9,6

9,5

9,5

9,5

9,4

9,3

9,2

9,2

9,2

9,2

9,0

9,0

8,9

8,9

8,9

8,8

8,7

8,7

8,7

8,6

8,6

8,5

8,5

8,4

8,4

8,4

8,4

8,3

8,3

8,3

8,2

8,1

8,1

8,1

8,0

7,9

7,9

Volatilität

2

in

Prozent

1 jährlicher Durchschnitt (in Euro gerechnet); 2 je höher die Jahresvolatilität (Schwankungsintensität)

in den vergangenen drei Jahren, desto riskanter der Fonds;

Quelle: Morningstar; Stand: 17. April 2014

9,1







19,5

11,1

11,6

9,8



8,0

11,1