Naturoasen inmitten der Hochfinanz - marina.ch - das nautische ...

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Naturoasen inmitten der Hochfinanz - marina.ch - das nautische ...

Naturoasen inmitten

der Hochfinanz

Wer von Zug hört, denkt wohl eher an Steuerparadies und Kirschtorte als an die

beiden Seen, die zum kleinen Kanton gehören. Natürlich haben der Zuger- und

der Ägerisee neben ihrem grossen Bruder, dem Vierwaldstättersee, einen schweren

Stand. Doch beide haben ihre Reize. Auch wenn einige erst bei genauerem

Hinschauen zu entdecken sind.

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Text: walter rudin

Fotos: swy, zugersee tourismus

Die Meinungen über ihn sind geteilt. Freunde schwärmen

von einmaligem Erholungsgebiet und Naturreservat,

Miesmacher sprechen vom dreckigen, eintönigen

und windlosen Algenpfuhl. Gemeint ist der

Zugersee, zehntgrösstes Gewässer der Schweiz, weich

eingebettet in die Moränenlandschaft im Herzen der

Zentralschweiz. Er wird durch die bewaldete Halbinsel

Chiemen in den bergumrahmten tiefen Obersee

im Süden und in den flachen und breiten Untersee im

Norden geteilt. Romantiker schwärmen vom einmaligen

Zuger Sonnenuntergang. Auf der nördlichen

Westseite des Sees gegenüber der Stadt Zug stehen

keine Berge. Somit ist der Horizont frei und die Sonne

versinkt abends fast sprichwörtlich im Wasser. Diese

Naturgegebenheit ist in der Schweiz selten, da der

Blick auf den Horizont bei den meisten Seen durch

Bergkämme oder Hügelketten versperrt ist. Aber auch

ohne Abendsonne lohnt sich ein Besuch der gepflegten

Zuger Altstadt, die sich direkt über dem See erhebt.

Trotz dem explosionsartigen Wachstum der Agglomeration

hat Zug den Charme der Kleinstadt wahren

können. Wer von den Boutiquen genug hat, kann die

Altstadt auf der breiten Seepromenade verlassen,

welche direkt in die Natur hinaus führt.

Viel Erholungsraum

Trotz der hohen Bevölkerungsdichte sind die Uferpartien

im Norden des Sees fast gar nicht verbaut.

Villenzonen für Gutbetuchte, von denen es in der

Steueroase Zug wohl einige gibt, sucht man hier

vergebens. Das wäre auch schade, denn die ausgedehnten

Flachwasserzonen zwischen Zug und

Buonas zählen zu den attraktivsten und beliebtesten

Naherholungsgebieten. Beim Lorze-Ausfluss in Cham

stehen mit dem Hirsgarten und dem Villettepark

gleich zwei grosse Parklandschaften. Der imposante

alte Baumbestand sucht weit herum seinesgleichen.

Wer es gerne noch schattiger mag, den lädt die

Chiemen Halbinsel ein. Der Spaziergang führt durch

dichten Wald, fast immer dem Ufer entlang.

Der ausgedehnte Schilfgürtel verleiht dem Zugersee

seinen unverwechselbaren Charakter. Gleichzeitig liefert

er Tieren und Pflanzen ideale Lebensbedingungen.

Die Schilfbestände sind seit Anfang des 20. Jahrhunderts

allerdings stark zurückgegangen. Nach neusten

Untersuchungen sollen vor allem die Graugänse daran

schuld sein, welche sich am Wurzelwerk des

Schilfes verköstigen. Damit sind die Motorbootfahrer

etwas aus der Schusslinie. Lange Zeit hatte man nämlich

einzig den Wellenschlag der Motorboote für den

Rückgang verantwortlich gemacht und die Wassersportler

an den Pranger gestellt. Mit verschiedenen

Massnahmen wie Schutzzäunen soll der Schilfbestand

wieder ins Lot gebracht werden, denn ohne Schilf

erodieren die unstabilen Seekreide-Böden. Die flachen

Uferbereiche werden abgetragen und wandeln

sich zu Steilufern, auf denen sich das Schilf nicht wieder

ansiedeln kann.

Zwar ist das Wasser der Nachbarseen sauberer. Doch

seit dem Bau einer Abwasserringleitung hat sich die

Phosphorzufuhr in den Zugersee merklich verringert,

die Algenbildung ist zurückgegangen. Die Genesung

dauert aber noch an, was auch nicht weiter verwunderlich

ist. Das Hauptproblem ist nämlich der

schlechte Wasserdurchfluss. Während beim Vierwaldstättersee

ein Baumstamm, der in Flüelen in den

See gespült wird, innerhalb von zwei Wochen nach

Luzern treibt, hat das Wasser des 3.18 km 3 ³umfassenden

Zugersees eine mittlere Verweildauer von 14.5 Jahren.

Dafür können sich die Badefreudigen am stets zwei

bis drei Grad wärmeren Wasser freuen. Nicht weniger

als sieben Badeanstalten zählt denn auch alleine

das Nordufer.

Segler trotzen der Flaute

Mit Wind werden Segler auf dem Zugersee nicht

gerade verwöhnt. Damit reiht er sich in die Galerie der

Mittellandseen ein. Der Untersee liegt zwar bei Westwindlagen

schön offen und auch die Bise hat freien

Zugang. Trotzdem zieht es nur richtig bei entsprechenden

Grosswetterlagen. Etwas Trost gibt es aber,

Revierkenner spüren eine neue Tendenz: Seitdem die

Stadt Zug und die Region Cham stark überbaut sind,

gibt es eine leichte Sommerthermik. Die Chiemen

Halbinsel wirkt als Windbarriere. Beim Obersee im

Süden ist der Zugang für den Föhn offen. Hier ist der

See von Osten und Westen durch Rossberg und Rigi

windgeschützt. Trotz Mangelware Wind sind auch

Spektakel zu erleben. Am 21. Juni hat sich vor

walchwil eine Windhose gebildet.

Für Wassersportfreunde gibt es nur zwei bedeutende

Häfen am Zugersee, beide bestechen durch eine

besonders markante Bauweise. Der Zuger Stadthafen

überzeugt durch seine grosszügige Platzgestaltung im

Uferbereich. Der wohl renommierteste Segelverein der

Zentralschweiz, der Yacht Club Zug, bewirtschaftet

hier sein Clubhaus. Dies ist auch architektonisch

interessant und bietet von der Terrasse im Obergeschoss

einen wunderbaren Ausblick über den See.

Die doppelt gebeugte Aussenmole des privaten Arther

Yachthafens Aarzopf bietet ein schönes Pendant zum

nördlichen Seeende. Beide Marinas bieten auch

gästeplätze an.

Die vier am Zugersee beheimateten Segelclubs tragen

zu ihrer gemeinsamen Langstreckenmeisterschaft,

dem Zugersee Cup, je eine Regatta bei. Jede wird mit

Yardstick Handicap gewertet, alle dienen sie aber

Flaniermeile: Ob ein Spaziergang

entlang des Alpenquais

(links) oder eine Fahrt mit dem

Pedalo: Die Stadt Zug bietet

viele Möglichkeiten. In der

Altstadt gibt es schmucke

Häuser zu bewundern.

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besonders der Geselligkeit. Die Klubs im Norden, Zug

und Cham, sind sehr aktive Regattaveranstalter. Sie

organisieren Punktemeisterschaften, Klassenmeisterschaften

und auch Juniorenevents. Seit dieser Saison

macht auch die Swiss Sailing Match Race Tour am

Zugersee halt. Ganz im Zeichen der Nostalgie steht

der Barrique Cup, der jeweils am 1. August vor Cham

durchgeführt wird. Nur Boote, die 40 Lenze oder

mehr auf dem Buckel haben und aus Holz gebaut

sind, dürfen daran teilnehmen. Die Regatteure

erscheinen oft in zeitgerechten Kleidern. Ihnen ist das

Bestaunen der Oldtimer am Steg wichtiger ist als das

Regattieren auf dem See.

Rund um den See warten einige Seerestaurants mit

Anlegemöglichkeiten, wie zum Beispiel das Hotel

Waldheim in Risch, auf Gourmets. Auch in Immensee,

Buonas oder Walchwil kann man Restaurants

vom See aus ansteuern. Wer gerne dem Dolce far

niente frönt, findet viele gute Ankerplätze. Flachufer

gibt es besonders auf der Westseite genügend. Allerdings

tut man gut daran, sich etwas vom Schilfgürtel

fernzuhalten, da die Naturschutzgebiete nicht mit

gelben Bojen gekennzeichnet sind. Im Böschenrot

besitzt der Yacht Club Zug ein markiertes Ankerfeld.

Idylle Ägerisee

Wer den Zugersee auf dem Landweg Richtung Osten

verlässt, stösst nach wenigen Kilometern auf den viel

kleineren Ägerisee. Das Nordufer wird von den beiden

Dörfern Oberägeri und Unterägeri gesäumt, das Südufer

ist praktisch unbebaute Natur pur. Hier fand 1315

die berühmte Schlacht am Morgarten statt, die erste

Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und

den Habsburgern. Unsere Vorfahren sollen hier die

österreichischen Ritter in einem Überraschungsangriff

in das sumpfige Ufer des Sees getrieben haben. Daran

erinnert aber heute nichts mehr in der friedlichen

landschaft am Seeufer. Höchstens das Wetter zeigt

sich manchmal etwas aufmüpfig und hält sich nicht

gerne an die Prognosen. Die Region Ägeri braut in ihrer

eigenen Wetterküche. Schlechtwetterfronten werden

vom Föhn lokal aufgehalten, umgekehrt können auch

wetterbesserungen auf sich warten lassen. Im Herbst

geniesst man hier über dem Nebel die Sonnenstrahlen.

Oft gute Windverhältnisse

Das Ägerital steigt genau wie das Urner Reusstal in

Richtung Süden an. Bei Föhnlagen ist also mit Wind

zu rechnen, wenn auch nicht grad so ruppigem wie

auf dem Urnersee. Neben den üblichen Winden aus

Grosswetterlagen freuen sich Segler auf dem Ägerisee

an warmen Sommertagen über eine lokale

Thermik mit konstantem, wenig drehendem Wind.

einheimische sprechen auch noch vom Einsiedler-

Föhn, einem Ostwind mit drei Beaufort Stärke, dessen

Ursprung allerdings ein Rätsel bleibt.

Der See ist beliebter Austragungsort für Segelregatten.

Legendär sind die Events in den Sommerferien, wo

meist traditionelle Klassen in Oberägeri zu Gast sind.

Der Segel Club Ägeri besitzt ein nostalgisches Clubhaus,

welches früher den Holzflössern als Umschlagplatz

diente. Geflösst wird auf dem See übrigens immer

noch. Seit Generationen wird das am steilen

Südufer geschlagene Holz über den See zu den Dörfern

gebracht. Allerdings ist dieses Spektakel nur noch

alle paar Jahre einmal zu sehen. Viel häufiger sind die

Fischer auf dem See unterwegs. Mit ihren kleinen

Booten lauern sie auf Röteln und andere Edelfische, die

in dem klaren Gewässer häufig anzutreffen sind. Der

Ägerisee wird seit 1992 als Trinkwasserreservoir

genutzt. Nur den Schwänen scheint das saubere

wasser nicht zu behagen. Mehrere Versuche, die

grossen Wasservögel heimisch zu machen, sind

gescheitert. Sie wühlen wohl lieber im Zugersee, wo sie

bedeutend mehr Schlamm als Nahrung finden.

«Familienunternehmen» Monnin

Welcher Vater wünscht sich nicht, dass sein Sohn auch sportlich in seine Fussstapfen

tritt und möglichst noch etwas erfolgreicher wird als er selber? Wie

bringt ein segelverrückter Vater das Kunststück fertig, dass gleich alle drei Söhne

erfolgreiche Regatteure werden? Luc Monnin aus Immensee hat das Erfolgsrezept:

Man bilde eine Familiencrew, gehe früh an Regatten, lasse die Jungs so die

Fortschritte erleben, lerne als Vater bald Kompetenzen an den Nachwuchs abzutreten

und verpasse ja den richtigen Zeitpunkt nicht, die Söhne alleine aufs

Wasser zu schicken.

Schon als die Söhne noch jung waren, segelte Vater Luc und mit seinen drei Söhnen

auf einer Surprise. Selbstcoaching, Learning by doing und ein unbändiger

Wille führten die Immenseer Familiencrew bis zum Europameistertitel. Inzwischen

haben sich die Monnin-Brüder als bestes Schweizer Match Race Team

etabliert. Ausserdem hat jeder ein persönliches Palmarès aufzuweisen: Eric, der

Teamleader, hat mit einem Sieg an der Schweizer Meisterschaft der olympischen

470er gezeigt, dass er auch sehr gut auf Jollen zurechtkommt. Bruder Jean Claude

wurde Mitglied des Alinghi Design Teams. Er ist zuständig für die Entwicklung

der Bordinformatik. Einzig Marc, der Jüngste der Monnin Brüder, führt ein geregeltes

Berufsleben, das nichts mit segeln zu tun hat.

Dass die Mutter auch voll in die Segelszenerie integriert ist, versteht sich von

selbst. Sie ist nicht nur in ihrer Familie der gute Geist, sie steht auch dem

Immenseer Yacht Club als gute Fee zur Seite.

Mittags lockt die Sonne,

abends ihr Untergang: Dank

freier Sicht nach Westen

scheint sie im Zugersee zu

versinken.

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