28.04.2014 Aufrufe

Beschauliche Ruhe - marina.ch - das nautische Magazin der Schweiz

Beschauliche Ruhe - marina.ch - das nautische Magazin der Schweiz

Beschauliche Ruhe - marina.ch - das nautische Magazin der Schweiz

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Lakeside _Brienzersee

Beschauliche Ruhe

Wer mit wenig Wind zufrieden ist, kann den Brienzersee

auch als Segelrevier geniessen. Alle andern Seebenutzer finden

in ihm eine Naturoase, die man fast für sich alleine hat.

Walter Rudin

«Wir reisten nach Sydney, nach Holland, an den

Garda see und dabei waren wir noch nie auf dem

Brienzersee!» schrieb Sandra Lehmann, Chefin der

Yngling Thunerseeflotte in einem Rundbrief an ihre

Mitglieder und blies zum Aufbruch: Man solle doch

einmal einen Wochenendtörn auf dem verschmähten

Nachbargewässer wagen! Angesprochen auf den

Brienzersee, sagt schmunzelnd die Berner Segel ikone

Rico Gregorini: «Ja, es ist schon so, er ist kein Eldorado

für Segler.»

Michael Imboden, Präsident des einzigen Segelclubs

am Brienzersee, ist damit aber gar nicht einverstanden:

«Ich weiss auch nicht woher dieses Gerücht

kommt, aber eigentlich haben wir gar nicht so wenig

Wind. Es gibt eine wunderbare, leichte sommerliche

Abendthermik am westlichen Seeende zwischen

Inter laken und Ringgenberg und auch am Ostende

76 marina.ch_April_2013

marina.ch_April_2013 77


Lakeside _Brienzersee

_Die Farben des Brienzersees variieren

von windbewegtemTintenblau bis zu

windstillem Türkisgrün.

gibt es thermische Winde. Zugegeben: In der Seemitte

herrscht oft Flaute, aber das ist ja auf dem

Thunersee ähnlich

Das Vorurteil vom mangelnden Wind mag vielleicht

erklären, wieso wenig Segler auf dem Brienzersee

unterwegs sind. Es gibt aber auch nur wenige

Motorboote, grosse Motoryachten gar keine. «Siehst

du vier Boote auf dem Brienzersee, dann sind es auf

dem Thunersee mindestens vierzig», sagt man im

Berner Oberland. Warum dem so ist, weiss niemand

genau. Klar, die Ufergebiete des Brienzersees sind

weniger stark besiedelt als am Nachbarsee und die

urbanen Metropolen liegen weit weg. Es existieren

auch keine grossen Marinas am See und die wenigen

kleinen Häfen lassen sich an einer Hand abzählen.

In Brienz ist soeben ein zweiter kleiner Hafen

neben der Schiffsstation fertiggestellt worden und

in Bönigen findet man einen schönen Naturhafen in

der Lütschinenmündung. Die anderen Bootsplätze

sind mehr Stege als Häfen, so wie bei der einzigen

Bootswerft am See, der Abegglen Werft in Iseltwald,

wo auch Holzboote gebaut werden. Die

meisten Bootsbesitzer müssen sich mit einem

Platz an einer Boje zufrieden geben oder ziehen ihr

Boot nach jedem Ausflug aufs Wasser an Land.

Nautische Tradition

Dabei hatte die Schifffahrt auf dem Brienzersee früher

einen hohen Stellenwert. Wegen der steilen Uferhänge

dominierte der Seeverkehr bis ins 20. Jahrhundert.

Es handelte sich nicht nur um den Transitverkehr

vom Brünig- und Grimselpass nach Bern. Auch der

lokale Verkehr benutzte vorzugsweise den Seeweg.

Die Bauern verluden das Vieh auf Kähne, um es auf

ihre Alp zu bringen, die Handwerker verschifften ihre

Waren zu den Uferdörfern und die Holzer flössten

die Baumstämme vom Südufer über den See. Die

Landwege ausserhalb der Dörfer waren bloss

schlecht ausgebaute Karrwege, zu sehr waren diese

den Launen der Natur ausgesetzt. Wie heftig die

78 marina.ch_April_2013

marina.ch_April_2013 79


Lakeside _Brienzersee

_01

_02

_01 Hochsommer und kein Schiff in

Sicht! Das gibts nur auf dem Brienzersee.

_02 Die Schneckeninsel vor Iseltwald

ist die einzige Insel des Sees.

Murgänge – Schlamm- und Gesteinslawinen– noch

heute ausfallen können, musste Brienz vor wenigen

Jahren wieder schmerzlich erfahren.

Kursschiffe verkehren schon seit bald 200 Jahren auf

dem See und die Flotte von fünf Schiffen, da runter das

prächtig renovierte Dampfschiff «Lötschberg», lädt

heute auch mit Spezialfahrten zum «Indian Dinner»,

zu «Fisch und Jazz» oder zur «Latin Dance Cruise» ein.

Den grossen Massentourismus aber gibts kaum. In

Brienz tummeln sich an schönen Sommertagen zwar

zahlreiche ausländische Tagestouristen, die sich mit

der ältesten Dampfzahnradbahn der Welt auf das

2350 m hohe Rothorn fahren lassen. Doch unten, an

der schönen Seepromenade ist es ruhig.

Beschauliche Ruhe

Wer mit einem Boot unterwegs ist, kann ganz schnell

noch mehr Ruhe finden: Letzte Touristen lassen sich

am Giessbachfall ausmachen, wo das Wasser über

500 Meter in mehreren Stufen tosend in den See

stürzt, doch wer weiter Richtung Westen fährt, entschwindet

fast vollständig der Zivilisation. Kilometerlanges

unberührtes Waldufer lockt zum erholsamen

Dolce far Niente in mitten von türkisfarbigem

Wasser. Wegen der Sedimente aus Sand und Ton

scheint der See zwar etwas trüb, tatsächlich zählt

aber der Brienzersee zu den saubersten Gewässern

der Schweiz. Doch erst im Hochsommer erreicht

die Wassertempera tur Werte, die zum Baden

einladen.

Wer sich am bewaldeten Südufer etwas einsam fühlt,

fährt zur Halbinsel nach Iseltwald oder gönnt sich

einen Abstecher zur Schneckeninsel, zum «Schnäggeninseli»

wie die Einheimischen sagen. Und wer

Wind sucht, der fährt nach Ringgenberg ans Westende

des Sees um die Abendthermik zu geniessen.

Aber vor einem kühlen Abend braucht man sich nicht

zu fürchten. Mit dem Sonnenuntergang verschwindet

auch der Wind – der See ist wieder spiegelglatt.

Ideal für einen Abendspaziergang durch eines der

ruhigen, heimeligen Dörfer und für Hungrige gibt es

rund um den See einige Restaurants, die für ihre

frischen Fischgerichte bekannt sind.

Übrigens, die Yngling Segler sind tatsächlich an den

Brienzersee gefahren. Und sie haben an diesem Wochenende

viel Wind angetroffen, ideale Verhältnisse

für eine Regatta mit dem einheimischen Segelverein.

Zurückgebracht haben sie einen ganzen Rucksack

voller positiver Erfahrungen. Darin Platz hatte nicht

nur die Erkenntnis, dass es auch auf dem Brienzersee

Wind gibt, es blieben auch Erinnerungen an ein

Revier, wo sich alle Segler noch persönlich kennen,

wo Kameradschaft und Gemütlichkeit gross geschrieben

werden und wo eine Ambiance herrscht,

wie sie in der Anonymität der überfüllten grossen

Reviere selten ist.

« »

Es gibt eine wunderbare,

leichte sommerliche Abendthermik

am westlichen Seeende

zwischen Interlaken

und Ringgenberg und auch

am Ostende.

_Fotos Jost von Allmen, Adrian Michel,

Walter Rudin, Kurt Schchter, Christof

Sonderegger (swiss-image.ch).

marina@marina-online.ch • www.marina-online.ch

marina@marina-online.ch • www.marina-online.ch

80 marina.ch_April_2013

marina.ch_April_2013 81

Tel. 031 301 00 31 • Tel. Abodienst: 031 300 62 56

Tel. 031 301 00 31 • Tel. Abodienst: 031 300 62 56

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!