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Der Fall Renneberg – Flucht nach Sorgerechtsentzug | Manuskript

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Der Fall Renneberg ‐ Flucht nach Sorgerechtsentzug

Bericht: Maria Kusnezow, Anett Wittich

Silvia Renneberg hat Sehnsucht. Nach ihrer Tochter Claudia und ihrem sechsjährigen Enkel

Timon. Seit vier Monaten hat sie die beiden nicht gesehen. Sie sind untergetaucht. Jetzt

wurde ihr ein Video zugespielt – ein erstes Lebenszeichen. Wo die beiden sind, das wisse sie

nicht.

Silvia Renneberg:

„Dann immer der Gedanke, was machen sie jetzt? Wo sind sie? Wie geht es ihnen? Es geht

uns einfach um die Nähe, die wir so sehr vermissen.“

Rückblick: August 2013. Hier in diesem Haus entführt Claudia Renneberg ihren eigenen Sohn.

Der Junge lebt zu diesem Zeitpunkt seit über einem Jahr in einer Pflegefamilie. Die Mutter

darf ihn nur unter Aufsicht treffen. Eines dieser Treffen nutzt sie zur Flucht. Die Großmutter

hält die Betreuerin fest, der Großvater versperrt die Tür. So können Tochter und Enkel fliehen.

Claudia Renneberg wird seitdem per Haftbefehl gesucht.

Silvia Renneberg:

„Sie hat es nicht verdient, dass sie gejagt wird wie ein Schwerverbrecher, überhaupt nicht.

Ich würde sagen, manches Kind würde sich glücklich fühlen, wenn es so eine Mutter

hätte.“

Das Drama beginnt mit einem fragwürdigen Gutachten. Nach der Trennung hatten sich

Timons Eltern um das Umgangsrecht gestritten. Das Gericht beauftragt den Sozialpädagogen

Thomas S., die Erziehungseignung der Eltern zu prüfen.

Silvia Renneberg:

„Dieser Gutachter hat eigentlich eine Familie zerstört. Ich kann es nicht schön reden, ich

kann es auch nicht einfacher sagen, es ist so.“

Thomas S. stellt in seinem Gutachten eine Überbehütung seitens der Mutter fest, welche vor

allen Dingen negative pädagogisch‐psychologische Konsequenzen hätte. Denn bei Timon

gäbe es deutliche Anzeichen einer ADHS‐Störung und einer Störung des Sozialverhaltens. Dabei

war Timon bislang nicht auffällig gewesen und hatte sich im Kindergarten völlig

unproblematisch integriert, so erzählt es seine Erzieherin.

Hinweis: Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf nur für den privaten Gebrauch des Empfängers

verwendet werden. Jede Verwertung ohne Zustimmung des Urheberberechtigten ist unzulässig.


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Exakt hatte das Gutachten dem psychologischen Sachverständigen Werner Leitner gezeigt.

Er befasst sich seit langem wissenschaftlich mit Familiengutachten und sieht nicht nur den

Inhalt des Papiers äußerst kritisch, sondern auch die Qualifikation von Thomas S.

Dr. Werner Leitner, psychologischer Sachverständiger:

„Der Sachverständige in diesem Fall verfügt über keine Approbation und ist damit auch

nicht befugt, klinische Tests zu interpretieren. Dies hat er in diesem Gutachten aber getan.

Außerdem hat er Tests eingesetzt, die von den Gütekriterien gar nicht als Tests im

wissenschaftlichen Sinne hinreichend gelten können.“

Dennoch ist das Gutachten von Thomas S. ein wesentlicher Grund für das Amtsgericht in

Auerbach, Timon in eine Pflegefamilie zu stecken. Seit September bittet Exakt dort

vergeblich um eine Stellungnahme. Auch das Landratsamt und das Jugendamt sind zu

keinem Interview bereit.

Seit Silvia Renneberg selber zur Fluchthelferin wurde, geht sie nur noch selten aus dem Haus,

befürchtet, dass man sie als Kriminelle sieht. Doch viele Reichenbacher nehmen Anteil am

Schicksal ihrer Familie.

Passantin:

„Ich habe von Ihnen in der Zeitung gelesen und auch im Fernsehen viel gehört. Und ich finde

das sehr, sehr traurig, dass Sie jetzt in der Weihnachtszeit nach so vielen Monaten ihr Kind

nicht haben.“

Immer wieder wird sie während ihres Stadtbummels angesprochen. Auch vom Verband der

Alleinerziehenden bekommt Familie Renneberg Unterstützung. Sie sammeln Unterschriften,

wollen erreichen, dass Gericht und Jugendamt ihre Entscheidungen noch einmal

überdenken.

Sabine Richter, Verband der Alleinerziehenden Reichenbach:

„Also wir wollen die Leute informieren davon, dass hier in Reichenbach so ein Fall

geschehen ist, der unserer Meinung nach total schief gelaufen ist.“

Trotz des großen Engagements – die Behörden haben bislang nicht eingelenkt. Wie soll es

weiter gehen? Seit vier Monaten ist die Wohnung von Mutter und Sohn nun schon verwaist.

Dass Claudia Renneberg mit ihrem Sohn sehr gern wieder nach Hause kommen möchte, das

erzählt sie auch auf dem übermittelten Video.

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Claudia Renneberg:

„Die Voraussetzung für eine Rückkehr wäre natürlich, dass ich keine strafrechtliche

Verfolgung befürchten müsste und dass ich fortan unbehelligt und in Frieden mit meinem

Sohn leben kann.“

Wieder unbehelligt leben? Kann das überhaupt noch möglich sein? Wir sind verabredet mit

dem Anwalt von Claudia Renneberg. Dass Timon aus seiner Familie genommen wurde, weil

ihn seine Mutter aus Sicht des Gutachters überbehütet haben soll, diese Begründung ist für

Klaus Bartl nach wie vor nicht nachvollziehbar. Er will die Rückkehr der beiden ermöglichen,

führt Gespräche mit den Behörden. Klaus Bartl will vor allem erreichen, dass der Haftbefehl

ausgesetzt wird. Und er sieht gute Chancen, dass Mutter und Sohn zusammen bleiben

dürfen.

Klaus Bartl, Rechtsanwalt:

„Ich glaube, dass die Behördenseite mit der Situation auch nicht glücklich ist. Ich glaube

auch, man denkt darüber nach, ob alles richtig war, was entschieden worden ist. Und die

Größe zu sagen, da korrigieren wir uns in dem und dem Punkt und nehmen die neue

Entwicklung auf, trau ich den dort zuständigen Behörden alle mal zu.“

In sechs Tagen ist Weihnachten. Silvia Renneberg hat Angst vor dem Fest, denn die Familie

wird sicherlich ohne Timon und Claudia sein. Besonders nah geht ihr der Wunsch von Enkel

Timon auf dem Video.

Timon:

„Mir geht es gut, ich will bei meiner Mama bleiben.“

Silvia Renneberg:

Meine große Hoffnung ist eigentlich, dass das jetzt wirklich jeder gehört hat und dass man

Timons Wunsch akzeptieren sollte. Er hat doch gesagt, was er möchte und nur um ihn geht es

doch. Es geht um ihn, es geht um sein Wohl und er hat gesagt, was zu seinem Wohl wichtig

ist. Seine Mama.“

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