Tunçay Kulaoğlu: IMPULS - Metropole Ruhr

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Tunçay Kulaoğlu: IMPULS - Metropole Ruhr

Tunçay Kulaoğlu 2. Kulturkonferenz Ruhr am 20.09.2013

IMPULS: Postmigrantische Kulturpraxis

Um ein Haar wäre Nordrhein-Westfalen meine zweite Heimat geworden...

Vor 40 Jahren bekam meine Mutter eine Einladung aus Almanya. Die Bundesanstalt

für Arbeit bot ihr zwei Residenzen an: Mönchengladbach oder Nürnberg. In den

türkischen Ohren meiner Heldin klangen beide Städtenamen zuerst ziemlich

heimisch mit so schönen Umlauten wie „ö“ und „ü“. Doch Mön-chen-glad-bach!

konnte sie beim besten Willen nicht aussprechen, staunte nicht schlecht über so viele

Silben in einem Städtenamen der ansonsten eher einsilbigen Gastgeber und sagte:

Ich kann doch nicht in einer Stadt residieren, deren Namen ich nicht richtig

aussprechen kann. Also entschied sie sich für das zweisilbige Kaff in Mittelfranken.

Die Beweggründe der Migration können manchmal so einfach sein. Das nennt man

seit geraumer Zeit auch die Autonomie der Migration. Ich bezeichne das als

Selbstermächtigung.

Meine Mutter kommt aus einer Metropole, die mindestens so gross ist wie Nürnberg,

Mönchengladbach und Recklinghausen zusammen. Aus Izmir. Im Sommer 1992, da

war ich längst nachgezogen, erzählte ich meiner Mutter von einem Spiegel-Artikel, in

dem die Perle Mittelfrankens zur langweiligsten Großstadt in Almanya gekürt wurde.

Sie sagte: „Sohn, warum haben sie so lange gebraucht, um das festzustellen? Aber

es ist trotzdem schön hier...“ Das sagte meine Mutter nach den Pogromen in

Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, am Vorabend von den Morden in Mölln

und Solingen.

„Es ist trotzdem schön hier...“ Damit meinte meine Mutter keineswegs Nürnberg an

sich oder Almanya, ganz zu schweigen von Bayern – sie ist eine sehr vernüftige

Frau! - sondern Nürnbergs Kreuzberg: Gostenhof - oder Gostanbul wie die

selbstermächtigende Bezeichnung des Stadtteils lautet, in dem sich meine Eltern

soweit möglich gemütlich eingerichtet hatten, etliche Male umgezogen sind in einem

Umkreis von 500 Metern und ein Vierteljahrhundert verbracht haben.

Mitte der 1990er Jahre kam die Verwaltung der einstigen Stadt der Reichsparteitage

auf die glorreiche Idee, Nürnberg und Umgebung als Metropolenregion zu

bezeichnen. Zu der damals langweiligsten Großstadt in Almanya gesellten sich also

mit einem Schlag und zu allem Überfluss auch noch Fürth, Erlangen und Schwabach

und ich dachte: Es wird langsam Zeit, diese Metropolenregion zu verlassen und als

metropolenverwöhnter Izmiraner landete ich mangels größerer Ortschaften in Berlin.

Und dort lernte ich viele Leute kennen, darunter nicht wenige überassimilierte

Postmigrantinnen und Postmigranten, die mir nach ihren New York-Trips begeistert

erzählten, wie toll China-Town oder Little Italy dort sei. Das waren meistens Leute,

die spätestens, wenn ihre Kinder eingeschult wurden, aus Kreuzberg oder Neukölln

wegzogen, zumindest ernsthaft mit dem Gedanken spielten und im besten Falle ihre

Zöglinge in oasenhaften Montessori-Kindergärten oder Waldorf-Schulen mitten in No-

Go-Areas unterbringen konnten...

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Als ich die Einladung zu der heutigen Konferenz bekommen habe, kamen all diese

Erinnerungen hoch und ich musste mir Gedanken machen über Strategien, Vielfalt,

Interkulturalität und Metropolen, also auch über Castrop-Rauxel. Warum über

Castrop-Rauxel? Ja, warum denn nicht! Ich war noch nie in Castrop-Rauxel, aber ich

liebe diese Ortschaften mit den Bindestrichidentitäten in Nordrhein-Westfalen:

Wanne-Eickel, Oer-Erkenschwinck, Nachrodt-Wiblingwerde, Herzebrock-Clarholz...

Das an dieser Stelle nur nebenbei und glauben Sie mir, Castrop-Rauxel haben wir

am Ballhaus Naunynstrasse sogar verewigt in einem unserer Stücke. Für viele

theateraffine Postmigrantinnen uns Postmigranten in Berlin ist Castrop-Rauxel eine

Legende.

In ihren letzten Frühlingsmonaten in Nürnberg, bevor meine Eltern ihr ganzes Hab

und Gut und Erinnerungen in einen Sattelschlepper luden mit dem Zielort Izmir,

begannen sie sämtliche Grünflächen in Gostenhof mit ihren türkischen Wurzeln zu

beackern: Oliven und Thymian... Ich verstand das zuerst nicht und sagte: Ihr könnt

doch nicht einfach Samen und Setzlinge in die Erde voller Hundescheiße stecken

von Sachen, von denen ihr doch wisst, dass sie hier niemals wachsen werden! Meine

Eltern sagten nur: Irgendetwas von uns muss zurückbleiben und wenn du dich darum

kümmerst, dann werden sie auch gedeihen, mit oder ohne deutschen Hundekot!

Bevor ich den Begriff „postmigrantische Kulturpraxis“ hörte, hatten meine Eltern sie

schon verinnerlicht. Zugegeben, Künstler waren sie nicht; heute wissen sie

irgendwie, dass ich „Theater“ mache, sie stellen aber immer wieder dieselbe Frage:

Sohn, kannst du damit auch deine Miete zahlen? Sie hatten in ihrem Leben in

Almanya ganz andere Sorgen.

Im Herbst 2008, als das Projekt Ballhaus Naunynstraße an den Start ging, fragte

mich eine Hauptstadtjournalistin in einem Interview, wer denn Postmigranten seien.

Um die ein bisschen verkrampfte Gesprächssituation aufzulockern antwortete ich:

Das sind die Migranten, die bei der Post arbeiten. Ohne aufzuschauen notierte die

Zeitungsfrau meine Antwort voller Ernst in ihren Schreibblock. In diesem Moment

wusste ich, es gibt viele Fragen zu klären!

Was ist also postmigrantische Kulturpraxis? Mediteranne Samen in teutonischen

Grünanlagen, gesät von Migranten vor ihrer Rückkehr in die Heimat? Meinetwegen

ja, wenn man den Begriff Kulturpraxis im Sinne aller Alltagspraktiken versteht. Meine

Eltern selbst haben in Almanya zwar keine Wurzeln geschlagen, dies mit ihren

Thymiansamen höchstens versucht, dennoch haben die Heldinnen und Helden der

ersten Gastarbeitergeneration dieses Land bis zur Unkenntlichkeit verändert und

zwar ab dem Moment, wo sie ihren Fuß auf den deutschen Boden setzten.

Zugegeben, inzwischen ist das keine neue Erkenntnis mehr... Aber trotzdem zieht

man daraus keine Konsequenzen, problematisiert nicht die verzweifelte

Integrationsverweigerung durch die Mehrheitsgesellschaft, pflegt hilflos ein als

homogen halluziniertes ödes Deutschsein, verteufelt Parallelgesellschaften anstatt

sie liebevoll zu pflegen und verweigert Millionen von Menschen die elementarsten

Grundrechte.

Postmigrantische Kulturpraxis ist in erster Linie eine trotzige, stolze und

selbstbewusste Selbstermächtigung. Sie ist vor allem eine Gegenerzählung

angesichts der Märchen, die den Postmigranten aufgetischt werden von

Möchtergernerzählern, die eine Schande für ihre Zunft und nur unter sich sind.

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Die Magie der Kunst besteht darin, den herrschenden Verhältnissen immer ein

Schritt voraus zu sein, diese in Frage zu stellen, verknöcherte Denkweisen

durcheinander zu wirbeln und zwar so, dass es weh tut.

Und tun wir bloß auch nicht so als gäbe es eine Ära nach Migration. Denn böse

Zungen behaupten das, wenn sie den Begriff „postmigrantisch“ mehrheitskonform zu

definieren versuchen. Landauf landab ist von Neuen Deutschen die Rede. Von

Vielfalt. Von Interkulturalität. War aber Almanya das nicht schon immer?

Interkulturell? Vielfältig? Nur weil nun postmigrantische Generationen am Werkeln

sind, müssen wir das Rad neu erfinden? Wann werden wir endlich anfangen, den

Prozess der Migration historisch zu kapieren, ihn als ein soziales Phänomen zu

sehen und nicht national, ethnisch, kulturessentialistisch oder offen- bzw. subtilrassistisch

zu vereinnahmen?

Postmigrantische Erfolgsgeschichten in Sachen Kunst und Kultur sind zuerst einmal

nichts anderes als glitzernde Exponate in einem mehrheitsdeutsch gestalteten

Schaufenster, das im schlimmsten Falle die Verrohung hinter den Fassaden

verdeckt. Denn solange kein gesellschaftlicher Konsens darüber herrscht, dass eine

wie auch immer geartetete vorbildliche Interkulturalität nur dann möglich ist, wenn

alle gleichberechtigt sind, solange werden wir an den Symptomen herumdoktern oder

schwelgen in vermeintlichen Erfolgsbeispielen des Miteinanders. Abgesehen davon

und grundsätzlich die Frage:

Müssen wir denn unbedingt miteinander? Nebeneinander fände ich völlig okay, so

aus dem Augenwinkel gucken, was der Rest so treibt. Tun wir sowieso die ganze

Zeit! Viel besser als Auseinander, tun wir auch die ganze Zeit! Und Beieinander? Da

wäre man schon ein bisschen mehr zusammengerückt. Vielleicht wäre das ein

Zwischenschritt um dann bei Über-, Unter- und Ineinander zu landen! Stellen Sie sich

bitte mal vor, alle in diesem Raum wären über-, unter- und ineinander! Wie wäre

das? Ich glaube: Man würde den Sitznachbarn, die Sitznachbarin im wahrsten Sinne

des Wortes fühlen, sie oder ihn anfassen, riechen, in sich spüren... Eine Intimität, die

Spaß machen könnte, so dass ein Ruck geht durch unsere aller Körper und durch

Almanya und durch Castrop-Rauxel... Zu gewagt? Ich würde sagen, ja, aber auf

jeden Fall erstrebenswert. Aber nur unter der Voraussetzung, dass wir uns

Gedanken machen über eine gemeinsame Sprache, bevor wir uns in ein diffuses

Miteinander hineinreiten, und noch schlimmer, uns darin wohl fühlen - in Metropolen

oder woanders.

Übrigens: Wer nur über die Kulturarbeit in den Metropolen redet, versteht auch von

der Metropolenkultur wenig. Nein, das ist keine These von mir, sondern

höchstamtlich formuliert vom Fonds Soziokultur, einem von der Kulturstiftung des

Bundes geförderten Topf, dem Ballhaus Naunynstraße nicht wenige seiner Projekte

mit Jugendlichen verdankt. Das nur nebenbei, aber ich muss sagen: Respekt vor

dieser Feststellung! Möge sie ein Denkanstoß sein für Strategien für die

Kulturkonferenz Ruhr.

Meine Eltern verbrachten die Blüte ihres Lebens in einer Stadt, deren Schicksal sie in

keinster Weise mitgestalten durften. Sie durften nicht einmal mitbestimmen, ob vor

ihrer Haustür ein Zebrastreifen angebracht wird oder nicht, geschweige denn den

Stadrat mitwählen oder den Landtag oder den Bundestag. Sie und ihre

Wandergenossen waren aber trotzdem, oder gerade deswegen, fähig

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Parallelgesellschaften zu gründen und diese der Mehrheitsgesellschaft

aufzudrücken, sie damit zu konfrontrieren, sich sichtbar zu machen, sich zu

behaupten. Darin waren sie Meister, und im Falle von meiner Familie, drückte sich

diese Meisterschaft eben darin aus, dass sie kurz vor ihrer Rückkehr anfingen, in

städtischen Grünanlagen Pflanzen aus ihrer Heimat illegal anzupflanzen. Hier ein

ägäisches Olivenbäumchen, dort ein Thymiansetzling. Das war ihre Rache an

Almanya – glaube ich zumindest. Ich muss sie noch mal fragen...

Und Fragen stelle ich zuhauf, vor allem mir selber, was die postmigrantische

Kulturpraxis angeht.

Im Jahr 2004 stellte ein Journalist der Süddeutschen Zeitung nach der

Welturaufführung von „Gegen die Wand“ auf der Berlinale dem Regisseur Fatih Akın

die Frage: „Alles schön und gut Herr Akın, aber wann wollen Sie endlich eine

deutsche Geschichte erzählen?“ Zwei Wochen später, da war Fatih Akın bereits im

Besitz des Goldenen Bären und Gast in einer sehr berühmten Talkshow-Sendung mit

einer nicht minder berühmten Moderatorin, die ihm die Frage stellte: „Wie wurde der

Film bei euch angenommen?“. Fatih Akın: „Sie meinen bei den Türken?“ Die

Moderatorin: „Sie wissen schon, wie ich das meine...“

Das war vor fast zehn Jahren, kann man denken, es stimmt ja auch, seitdem hat sich

so ja einiges getan in Almanya. Das würde ich gut und gerne glauben wollen, wäre

da nicht ein Schauspieler gewesen, der sich vor kurzem am Ballhaus Naunynstraße

bewarb mit der Begründung, er hätte sich an einem anderen Theater in Berlin

beworben, wo man ihm gesagt hätte, er mit seinem Aussehen und seiner Herkunft

hätte bessere Chancen am Ballhaus. Bei diesem anderen Theater in Berlin handelte

es sich um eines der bedeutendsten im Lande mit einem weltweiten Renommé. Und:

Man hat diesen Schauspieler nicht einmal zum Vorsprechen eingeladen.

Nur zwei Beispiele aus der postmigrantischen Kulturpraxis und ich habe unendlich

mehr davon und empfehle Ihnen unbedingt, der anschliessenden

Einzelveranstaltung beizuwohnen, bei der ich versuchen werde zu erklären, ob das

Ballhaus Naunynstraße ein interkulturelles Erfolgsmodell sein kann oder nicht und

wenn ja unter welchen Bedingungen und wenn nein, warum nicht.

Was meine ich eigentlich grundsätzlich, wenn ich von postmigrantischer Kulturpraxis

spreche?

Stellen Sie sich vor, wir alle wären von Geburt an blind und wüssten nicht wie ein

Elefant aussieht. Jede und jeder von uns würde ihn anders definieren, je nachdem

wo er oder sie ihn anfasst. Demnach könnte ein Elefant eine dicke Peitsche (der

Schwanz), ein großer Schlauch (der Rüssel), eine Säule (das Bein) oder ein Segel

(das Ohr) sein... Genau dieses Experiment stellte sich der große islamische Mystiker

Mevlana Celaleddin Rumi in seinem Mitte des 13. Jahrhunderts verfassten

Hauptwerk Mesnevi vor - als Allegorie für die Suche nach der Wahrheit... Sie in ihrer

Gänze zu erfassen braucht Zeit, braucht Ruhe. Man muss bereit sein zu scheitern,

seine Perspektiven ständig in Frage zu stellen, immer wieder auf die Schnauze zu

fallen. Das ist nicht unbedingt gemütlich... Wie Blinde einen Elefanten beschreiben!

Heute ist das eine Redewendung im Türkischen und meint ein heilloses

Durcheinander in der Definition ein und derselben Sache...

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Postmigrantische Kulturpraxis ist vor allem ein Konglomerat selbstermächtigender

Praktiken, welches das Selbstverständnis der Mehrheitsgesellschaft radikal in Frage

stellt, zuerst ohne den Anspruch die große alternative Erzählung zu formulieren. Es

tut Not, sich zuerst über nicht näher definierbaren und daher unbrauchbaren Begriffe

wie Interkulturalität und Vielfalt und Metropole zu verständigen. Im besten Falle diese

auszudifferenzieren, auf die Gefahr hin, dass wir auf der Suche nach Antworten mehr

Fragen produzieren als uns vielleicht lieb ist. Das Hauptziel dabei muss sein, dass

wir uns auf eine gemeinsame Sprache einigen, die extrem unterschiedliche

Denkweisen versteht und diese übersetzt.

Postmigrantische Kulturpraktiken sind vor allem ein Prozess, eine augenblickliche

Situation und keine allgemeingültigen Rezepte und sie sind auf Gedeih und Verderb

verbunden mit den Gegebenheiten vor Ort, an dem man sie erzeugen, erfinden,

anwenden oder in Frage stellen will, ja muss. Kann das, was in den letzten fünf

Jahren in Berlin-Kreuzberg eine Ausstrahlungskraft in der gesamten

deutschsprachigen Theaterlandschaft entwickelte, übertragen werden zum Beispiel

auf Castrop-Rauxel oder auf das Westphälische Landestheater? Als Rezeptlösung

sicherlich nicht, als Denkansatz auf jeden Fall.

Postmigrantische Kulturpraktiken existieren hierzulande, wenn man als

Ausgangspunkt die Arbeitsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg nimmt, seit über 60

Jahren. Wie ich eingangs schon sagte: Eine Ära nach Migration gibt es nicht. In dem

Moment, in dem Wanderer ihren Fuss auf den deutschen Boden setzen, beginnt der

Prozess postmigrantischer Kulturpraktiken, was uns aber als Erkenntnis nicht weiter

hilft, weil, und das ist für mich die Kernfrage, die politischen Konsequenzen daraus

nicht gezogen werden. Kunst ist immer ein Schritt voraus, sagte ich bereits. Sie greift

Tendenzen auf, gibt der Politik und Kulturpolitik traumhafte Steilvorlagen, doch am

Ende bestimmen enorm komplexe soziopolitische Realitäten die Zukunft eines

Erfolgsmodels. Und eben diese Realitäten sind hierzulande seit Jahrzehnten geprägt

von diskriminierenden und rassistischen Ausschlussmechanismen, die sich durch

alle, ich meine damit wirklich alle gesellschaftlichen Schichten ziehen.

Jedes noch so erfolgreiche Experiment in Sachen postmigrantischer Kunstpraxis ist

zum Scheitern verurteilt, wenn es nicht das vorherrschende Selbstverständnis der

Mehrheitsgesellschaft radikal in Frage stellt und dort auch ankommt. Wenn wir uns

näher anschauen, was alles im Mainstream angekommen ist, so werden wir vor

allem eins feststellen: Sie plappern die Selbstverständnisse einer

Wunschhomogenität nach. Mal sind sie Lachnummer für die Mehrheitgesellschaft,

mal Opfer, mal exotisches Wunder und im schlimmsten Falle sind sie neudeutsch.

Und das, was wirklich weh tut, unangenehme Fragen stellt, braucht Unterstützung,

Förderung und einen langfristigen Plan.

Und an diesem Punkt ist die knallharte Tagespolitik heraus- bzw. aufgefordert, dass

sie trotz den verknöcherten Strukturen des Alltagsgeschäfts bereit sein muss, mit

Lust und Laune die Zeichen der Zeit zu erkennen und Experimente zu erzwingen,

Ideen und Konzepte vor Ort unkompliziert zu ermöglichen. Denn nur so wurde das

Ballhaus Naunynstraße erst möglich gemacht und ich habe da viele Tipps für alle

Multiplikatoren, die sich hier und heute hoffentlich zahlreich befinden. An dieser

Stelle noch einmal der Hinweis auf die Einzelveranstaltung im Anschluss...

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Und ganz zum Schluss noch ein Wort zu meinen Eltern: Ihren Lebensabend

verbringen sie in ihrer Heimatstadt Izmir und sie sind mächtig stolz auf das, was sie

geschafft haben, Dank und trotz Almanya. Sie sind vorsichtig. Als ich meinem Papa

von dieser Konferenz heute erzählte, fragte er: Sohn, machst du es ehrenamtlich?

Und drehe deine Worte zweimal im Mund um, bevor du sie aussprichst! Almanya

macht einen vorsichtig...

So ungefähr einmal im Jahr sind meine Eltern in Nürnberg, wenn sie mal wieder

Wehwehchen haben. Da machen sie dann Gebrauch vom deutschen

Gesundheitssystem - Autonomie der Migration. Wir sehen uns kaum. Ich weiss,

dass ich in der Schuld meiner Helden und Heldinnen der ersten Stunde stehe. Ich

wollte immer etwas wieder gut machen. Anfang der Woche habe ich sie angerufen:

Mama, Papa, am Sonntag sind hier die Wahlen, ihr durftet ja nie wählen all die Jahre,

ich stelle euch meine Stimme zur Verfügung. Besprecht das untereinander, ihr habt

zwei Stimmen und gebt mir Bescheid, wen ihr wählen wollt. Welche Partei, welchen

Direktkandidaten. Ich mache die Kreuze für euch! Sie baten um Bedenkzeit. Eine

halbe Stunde später rief meine Mutter an und fragte nur: Sohn, was machen

eigentlich unsere Pflanzen in Gostenhof?

Ich glaube, ich muss demnächst nach Nürnberg fahren um nach dem Rechten zu

schauen...

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Ach so, und für alle Wahlmüden, Unentschlossenen, Protestler unter Ihnen, die kein

Bock haben am Sonntag zur Wahlurne zu latschen, stehe ich gerne zur Verfügung.

Die Formel ist einfach: Sie verschenken einfach Ihre Stimme, wenn Sie keine Lust

haben selbst das Kreuzchen zu machen, an einen Menschen, der nicht wählen darf.

Ich bringe Sie mit den Wahllosen in Kontakt. Ich kenne einige von diesen einigen

Millionen! Das wäre nur eine symbolische Aktion, aber glasklar konkret und krass,

denn jede Stimme zählt. Also eine Art postmigrantische Kulturpraxis... Ich habe

keinen Schimmer, was dabei raus kommt, aber es lohnt sich...

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