zum PDF Download - Bundesverband Musikindustrie

musikindustrie.de

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KLASSIK

MAGAZIN

2013

Das groSSe Heft

der Preisträger

Interviews,

Hintergründe

und Reportagen

zur ECHO klassiK

Gala in Berlin

Sendetermin

6.10.2013

22 Uhr im ZDF

Klassik


macht

Bumm!


Moderator und Preisträger

Rolando Villazón

über die Kraft Verdis

www.echoklassik.de


ECHO KLASSIK MAGAZIN

Musikalische MoMente

ganz exklusiv

Die Klassik: das

Chamäleon der Zeit

D

er 20. ECHO Klassik wird verliehen – das ist nicht nur Grund für eine außergewöhnliche

Feier der Musik im Konzerthaus Berlin und im ZDF, das ist auch der

Zeitpunkt für einen Rückblick. Der ECHO Klassik hat sich als Fixpunkt im Klassik-

Terminkalender etabliert, ist Ort, an dem Künstler gefeiert und einer breiten

Öffentlichkeit vorgestellt werden. Ein Preis, bei dem die großen Stars auftreten und neue

Entdeckungen vorgestellt werden.

Sie werden in dieser Ausgabe des ECHO Klassik-Magazins viele neue Gesichter kennenlernen,

die ihren individuellen Weg durch die Welt der Musik gefunden haben. Aber Sie werden auch

auf alte Bekannte treffen, die bereits mehrfach mit dem begehrten Preis ausgezeichnet wurden.

Der ECHO Klassik tritt damit gleich zwei Beweise an: Zum einen, dass die Musik von Bach,

Beethoven und Boulez eine zeitlose Größe ist, dass sie ihre Kraft und gesellschaftliche Relevanz

aus der Beständigkeit zieht, und dass sie uns immer wieder auffordert, auf die Geschichte

zurückzublicken, um unsere Gegenwart einzuordnen. Auf der anderen Seite zeigt der ECHO

Klassik auch die Wandlungsfähigkeit unserer Musik: Labels, Künstler und auch das Publikum

lassen sich immer wieder auf neue Interpretationen der alten Werke ein, erweitern die Klangzone

von der Bühne über die CD bis ins Internet.

Die klassische Musik gilt oft als gestrig, dabei hat sie seit Jahrhunderten bewiesen, dass sie

sich wie keine andere Kunst ständig den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit anpassen kann.

Diese Wandlungsfähigkeit hat der ECHO Klassik bereits zum 20. Mal unter Beweis gestellt.

Und wir freuen uns, dass wir Ihnen auch in diesem Jubiläumsjahr wieder eine spannende Lektüre

bieten können, um die Abenteuer der einzelnen Künstler genauer kennenzulernen.

Viel Spaß bei Ihrem ECHO Klassik–Magazin wünschen

Rebecka Heinz und Axel Brüggemann

Igor Levit und Mischa Maisky

Thomas Quasthoff

Simone Kermes

Strahlende Stimmen, virtuose Instrumentalisten und berauschendes

Ensemblespiel: Erleben Sie an Bord von MS EUROPA die Magie

klassischer Musik hautnah, und freuen Sie sich darauf, hochkarätige

Weltstars aus nächster Nähe in der privaten Atmosphäre unseres

Schiffes zu erleben. Die schönste Yacht der Welt schafft den idealen

Rahmen für musikalische Abende der Extraklasse. Meisterliche

Konzerte namhafter ECHO-Preisträger und weltberühmter Klassikstars

verwöhnen Ihr Gehör auf das Höchste. Kreuzfahrten mit der EUROPA

sind Ihre exklusive Eintrittskarte für unvergessliche Momente mit

außergewöhnlicher Unterhaltung.

Michael Nagy

inhalt

2 Vorworte 6 Die Aura des Klanges 10 Rückblick

14 Helmuth Rilling 16 Kristian Bezuidenhout, James Wood

18 Rolando Villazón 20 Joel Frederiksen, Dorothee Oberlinger

22 Der „Ring“ 23 Alexandre Tharaud 24 Joyce DiDonato

26 Jordi Savall, Martha Argerich 27 Elīna Garanča, Jonas

Kaufmann 28 Cecilia Bartoli 29 Sol Gabetta, Hélène Grimaud

30 Simon Rattle, Emanuel Ax 31 Julia Lezhneva 32 Janine

Jansen, Leonidas Kavakos 33 Max Emanuel Cencic 34 Sol

Gabetta 36 Fazil Say 37 Alexander Krichel 38 Duo Tal &

Groethuysen, Patricia Kopatchinskaja 39 Christian Schmitt,

Nikolai Lugansky 40 Lang Lang 41 Esa-Pekka Salonen, Mark

Padmore 42 Aapo Häkkinen, Arthaus Musik 44 Max Richter,

Daniel Hope 46 Nikolaus Harnoncourt, Concentus Musicus

Wien 47 MDG 48 Der ECHO-YouTube-Channel

Weitere Informationen erhalten Sie in Ihrem Reisebüro oder unter 0800 2255556

(gebührenfrei) mit dem Kennwort HL1305104 und auf www.hlkf.de


ECHO KLASSIK MAGAZIN

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Sendetermin

6.10.2013

22 Uhr im ZDF

EIN FEST

für die Musik

D

ie 20. Verleihung des „ECHO Klassik“

ist ein schöner Anlass, auf

seine Erfolgsgeschichte zurückzublicken.

1994 erstmals verliehen

wurde er zwei Jahre später mit dem Einstieg

des ZDF auf einen neuen Level gehoben und

erstmals im TV ausgestrahlt: „Ein Echo für

Dresden“ war Preisverleihungsgala und Benefizveranstaltung

für den Wiederaufbau der

Frauenkirche zugleich.

Heute ist der ECHO Klassik nicht nur der

wichtigste und bekannteste Klassik-Preis

Deutschlands, sondern zählt auch zu den

bedeutendsten Auszeichnungen weltweit. Die

Liste seiner Preisträger liest sich wie das Who

is Who der Klassik, alle Großen der Branche

sind stolz darauf, „ihren“ ECHO in der Vitrine

stehen zu haben.

Ein besonderes Anliegen ist der Jury die Nachwuchsförderung,

so manche Karriere hat durch

den ECHO Klassik und die TV-Übertragung

ihren entscheidenden Impuls bekommen.

Unter den Newcomer-Preisträgern der frühen

Jahre finden sich Namen wie Christine Schäfer

(1998), Hilary Hahn, Daniel Harding (beide

1999) oder Magdalena Kožená (2000) – heute

allesamt Weltstars.

Zu den bewegendsten Augenblicken der Gala

zählt stets die Verleihung des ECHO Klassik

für das Lebenswerk, wenn Künstler wie Montserrat

Caballé, Plácido Domingo, Anneliese

Rothenberger, Mstislaw Rostropowitsch oder

Dietrich Fischer-Dieskau auf ihre Karriere

zurückblicken. Die emotionale Kraft dieser

Momente kann kein anderes Medium so unmittelbar

übertragen wie das Fernsehen. Jahr

für Jahr schauen sich Millionen die Verleihung

des ECHO Klassik im ZDF an. Das zeigt, dass

Klassik den öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag

und das Publikumsinteresse, Qualität und

Quote zusammenbringt.

Auf seinen Anteil am Erfolg des ECHO Klassik

ist das ZDF sehr stolz, denn Klassik ist eines

unserer Markenzeichen. Unser Angebot ist

breit gefächert und reichte allein in diesem

Sommer von der Übertragung der Jubiläums-

„Aida“ zum Verdi-Jahr aus der Arena von

Verona bis zu einem internationalen Konzerthighlight

der Extraklasse, der „Sommernachtsmusik“

mit Anna Netrebko vom Roten

Platz in Moskau. Und mit dem Silvesterkonzert,

das wir seit drei Jahren aus der Dresdner

Semperoper senden, haben wir einen Trend

setzen können und die Wiederentdeckung der

Operette mit angestoßen.

Das Konzerthaus Berlin ist der ideale Ort für

die Verleihung des ECHO Klassik 2013, es bietet

eine ausgezeichnete Akustik und zugleich

ein stilvolles Ambiente für unsere TV-Gala.

Und mit dem Konzerthausorchester wissen

wir ein hervorragendes Ensemble an der Seite

unserer Preisträger.

Ich gratuliere unserem Partner, dem Bundesverband

Musikindustrie, zur 20. Verleihung

des ECHO Klassik, und freue mich, die gute

Zusammenarbeit in den nächsten Jahren fortzusetzen.

Ihnen, liebes Publikum, wünsche ich

einen anregenden Konzertabend!

DR. thomas bellut

intendant des ZDF

Eine reise

Des Klanges

K

lassik hat in Deutschland eine

lange Tradition und Klassik aus

Deutschland wird in der ganzen

Welt gehört. Um den Künstlerinnen

und Künstlern dieses Genres die

Anerkennung zukommen zu lassen, die sie

verdienen, und um immer mehr Menschen für

die Klassik zu begeistern, hat die Deutsche

Phono-Akademie 1994 den ECHO Klassik ins

Leben gerufen.

Was damals in kleinem Rahmen begann, hat

sich heute zu einer der renommiertesten Auszeichnungen

für klassische Musik weltweit

entwickelt. Namhafte Größen der Klassikwelt

haben die ECHO-Trophäe persönlich entgegengenommen

und damit den internationalen

Stellenwert des Preises unterstrichen. Im

Laufe der Jahre durften wir nicht nur Weltstars

wie Sir Simon Rattle, Anna Netrebko, Giora

Feidman, Cecilia Bartoli, Nigel Kennedy, Lang

Lang oder Anne-Sophie Mutter auf der ECHO

Klassik-Bühne begrüßen, sondern auch zahlreiche

Nachwuchstalente, für die der ECHO

nicht selten auch das Sprungbrett für eine

internationale Karriere bedeutete.

Dass der ECHO Klassik mit den Jahren seine

heutige Strahlkraft entfalten konnte, haben

wir unter anderem auch der Kooperation

mit dem ZDF zu verdanken. Seit nunmehr

18 Jahren steht uns das ZDF als Partner zur

Seite und hat maßgeblich dazu beigetragen,

dass der Preis einem Millionenpublikum

erlebbar ist. Gemeinsam haben wir in zahlreichen

Städten gastiert und beeindruckende

Konzerthäuser gesehen, darunter München,

Hamburg, Dresden, Frankfurt, Baden-Baden,

Weimar und Berlin. Besonders freue ich mich

dabei auch darüber, dass der ECHO Klassik im

Rahmen von RUHR2010 in der Philharmonie

Essen Zwischenstation machen konnte.

In diesem Jahr findet die 20. Verleihung im

Konzerthaus Berlin statt – der perfekte

Rahmen, um ein Jubiläum zu feiern. Und

auch in diesem Jahr können wir uns auf eine

Reise durch die Welt der Klassik freuen,

von ihren Ursprüngen bis hin zu modernen,

grenzüberschreitenden Interpretationen

und Darbietungen. Ein Vorgeschmack auf die

Verleihung und einen Einblick in das Leben

der ausgezeichneten Preisträger bietet dieses

Magazin – mit vielen spannenden Neuentdeckungen

und Geschichten über gefeierte Stars.

Ich wünsche Ihnen eine gute Reise durch die

Welt der Klassik und beste Unterhaltung mit

diesem Magazin.

Prof. Dieter Gorny

Vorstandsvorsitzender

Bundesverband Musikindustrie e.V.


ECHO KLASSIK MAGAZIN

grussworte

Zum 20. Mal rollt die Deutsche Phono-Akademie herausragenden

Künstlerinnen und Künstlern der klassischen

Musik bei der Verleihung des ECHO Klassik

den roten Teppich aus. Im Namen Berlins heiße ich alle Gäste

herzlich willkommen im Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Eine Lanze brechen für die Klassik: Das ist das Kernanliegen

der Veranstalter, mit dem

sie auf eine immer größere

Resonanz stoßen.

So hat sich die Preisverleihung

als Fest der Kreativen

etabliert, das eine

beachtliche Ausstrahlung

in die breite Öffentlichkeit

entfaltet. Und der

Preis selbst hat sich im Laufe der Jahre zu einem der bedeutendsten

Klassikpreise der Welt entwickelt, bei dem beides

zählt: künstlerische Qualität und Publikumserfolg.

Ich wünsche dem Publikum eine unterhaltsame Gala mit

unvergesslichen Hörerlebnissen, allen Akteuren viel Freude

beim Musizieren und dem ECHO Klassik, dass der Funke auf

all jene überspringt, welche die Klassik noch nicht für sich

entdeckt haben.

I

ch heiße Sie herzlich willkommen zur 20. Preisverleihung

des ECHO Klassik im festlichen Saal des

Konzerthaus Berlin. Seit seiner Gründung im Jahr

1994 hat sich der ECHO Klassik zu einer renommierten

Auszeichnung des Deutschen Musiklebens und einem

wichtigen Treffpunkt für die internationale Klassikbranche

entwickelt.

Auch das Konzerthaus

Berlin beherbergte

in seiner fast

200-jährigen Geschichte

viele bedeutende

Komponisten

und Interpreten, wie

Ludwig van Beethoven,

Richard Wagner, Franz Liszt oder Leonard Bernstein

und prägte so das Musikleben Berlins.

Daher ist es für uns eine große Freude, der Gastgeber

der diesjährigen ECHO Klassik-Preisverleihung zu sein.

Wir gratulieren den Künstlern und Ensembles, die dieses

Jahr das Rennen gemacht haben und wünschen Ihnen

allen einen unterhaltsamen und bewegenden Abend hier

im Konzerthaus Berlin.

»Ich lese

crescendo«

Elisabeth Kulman,

Mezzosopranistin

Klaus Wowereit

Regierender Bürgermeister von Berlin

Prof. Dr. Sebastian Nordmann

Intendant Konzerthaus Berlin


ECHO KLASSIK MAGAZIN 6 | 7

Die Aura

des Klanges

Der ECHO Klassik wird zum 20. Mal verliehen.

Die Zeiten und die technischen Möglichkeiten wandeln sich.

Die Idee aber bleibt die Gleiche: Wir verstehen unsere Gegenwart

nur aus der Vergangenheit heraus.

in Zeiten

der Multimedien

Die Aura

des Klanges

in Zeiten

der Multimedien

Von Axel Brüggemann

E

s war einmal eine Zeit, in der die Klassik keinen

ECHO brauchte. Damals, im 18. Jahrhundert

etwa, als in fast jeder Kirche an fast jedem

Sonntag die Uraufführung eines modernen Meisterwerks

gegeben wurde – natürlich vor vollen Rängen.

Musik war schließlich Teil des allgemeinen Lebens. Oder

im 19. Jahrhundert, als das neue, mächtige Bürgertum

begann, Konzert- und Opernhäuser zu bauen, als in Paris,

Rom und Berlin jeden Abend die neuesten Hits von Wagner,

Verdi, von Donizetti und Puccini gegeben wurden. Damals

war die Klassik auch noch nicht „klassisch“, sondern

populäre Musik für ein breites Publikum, die in der Öffentlichkeit

debattiert wurde: in den Gassen, in der Philosophie

oder in der Politik. Wie groß der Einfluss der Töne auf die

Geschichte der Menschheit im 19. Jahrhundert war, zeigen

die Jubilare dieses Jahres: Richard Wagner und Giuseppe

Verdi, die beide vor 200 Jahren geboren wurden, trieben in

ihren Opern die Revolutionen ihrer Länder voran und komponierten

den Soundtrack des neuen, nationalstaatlichen

Europas, in dem wir noch heute leben.

Inzwischen sieht die Situation etwas anders aus. Die Klassik

kämpft um ihre Existenz. Sie gilt als Musik von gestern,

als Klang der Vergangenheit, der unserer Gegenwart höchstens

Orientierung, Vergleiche mit dem Alten, ein bisschen

Glamour und moralische und seelische Muße geben kann.

Sie wird als kostspieliges Hobby einiger Freaks verstanden,

als kulturelle Aufgabe des Staates, der sie in Opernhäusern,

Konzertsälen oder durch die Unterhaltung großer

Orchester subventioniert – im Glauben, dass die klassische

Musik ein schützenswertes Kulturgut ist. Tatsächlich

aber ist die Klassik auch heute noch Teil unserer Kultur.

Aktuelle Umfragen haben ergeben, dass ein Großteil der

Bevölkerung, der nicht in Klassik-Veranstaltungen geht,

es trotzdem wichtig findet, dass Theater und Orchester

unterhalten werden – vielleicht auch, weil jeder ahnt, dass

die klassische Musik Teil unserer Menschwerdung ist, dass

die Musik von Mozart und Co. auch heute noch etwas in

uns bewegt.

Dabei scheinen gerade Orchester mit über 100 Musikern in

Zeiten, da Musik oft mit nur einem Computer produziert

wird, wie Anachronismen zu wirken: Opernaufführungen,

bei denen über 300 Menschen mitmachen, sind opulente

Kostenfaktoren. Und zum Hören von Kammermusik, die

sich um die Details der Kompositionen kümmert und stets

das Experimentierfeld der Klassik war, scheinen in unserer

schnellen Gegenwart oft einfach die Zeit und die Muße zu

fehlen.

Früher galten Opern als moderne Multimedien. Sie waren

die einzigen Kunstwerke, in denen Musik, Text, Architektur

und Malerei miteinander verbunden wurden. Die Musik

scheint also Vorgänger jenes multimedialen Zeitalters zu

sein, in dem wir leben. Und deshalb müssen sich alle Menschen,

die mit Klassik zu tun haben, die Frage stellen, wie

die Erfindung neuer Medien auf das Medium Klassik wirkt.

Heute werden Songs bei iTunes für 1,29 Euro angeboten,

meist drei oder vier Minuten Musik. Die Datenbank ist für

den langen Atem der klassischen Musik kaum ausgelegt.

Gleichzeitig ist die multimediale Revolution noch lange

nicht so weit, dass man sich ganze Symphonien oder Opern

auf dem Computer in perfekter Qualität anschauen kann.

Klassik fordert aber gerade diese Perfektion in Bild und

Klang, hält sich nicht an die schnellen Rhythmen einer

schnellen Zeit – sie fordert Ausgeglichenheit, Ruhe und

das Nachdenken. Klassik entschleunigt uns, um unsere

Zukunft besser überdenken zu können.

L

ange profitierte die klassische Musik von der

technischen Entwicklung. Kein Wunder, denn

die Musik ist eine Kunst mit zwei Schöpfungen:

Die eine ist die alte Partitur – sie fand in der

Vergangenheit statt. Die andere ist eine Schöpfung im

Jetzt: das Erklingenlassen der Musik in Konzerten und auf

der Bühne. Jeden Abend hören wir die gleichen Stücke von

Bach oder Beethoven – und immer hören sie sich anders

an. Und genau darum geht es in den neuen Medien auch:

diese Gegenwärtigkeit der zweiten Schöpfung zu transportieren,

sie darzustellen. Der Philosoph Walter Benjamin

hat von der Aura eines Kunstwerkes geredet und meinte

damit die Magie, die entsteht, wenn wir einem Bild wie

der Mona Lisa direkt gegenüberstehen – eine Magie, die


ECHO KLASSIK MAGAZIN 8 | 9

in einer Reproduktion, auf einem Foto, niemals entstehen

kann. In der Klassik ist das anders. Aura entsteht immer

erst, wenn eine „stumme Partitur“ zum Klingen gebracht

wird, also immer nur in der Gegenwart. Und die Aufgabe

und Herausforderung der Plattenfirmen ist es, diese Aura

so gut wie möglich zu transportieren. Eine neue Klassik-

Aufnahme ist also immer eine Auseinandersetzung mit der

Vergangenheit, die viel über unsere Zeit verrät. Und gerade

deshalb haben sich neue Medien und die alte Kunst der

Klassik oft gut verstanden. Die Klassik versucht, die Aura

des Klanges zu retten und zu transportieren.

Für die ersten Schellack-Platten waren die Gassenhauer

von Caruso bestens geeignet, und auch die CD war letztlich

eine Pionierleistung von Klassik-Künstlern wie Herbert von

Karajan, die eine optimale Klangqualität anstrebten. Selbst

auf dem MP3-Markt sind es wieder die Klassik-Firmen, die

neue Qualitätsstandards schaffen und Formate entwickeln,

die weit über die gewohnten Tonqualitäten hinausgehen.

Und trotzdem scheint diese Musik oft nicht mehr

in unser Medienverhalten zu passen, das sich an schnellen

Bildern, rasanten Schnitten und möglichst kleinen Erzählbögen

orientiert. Die Klassik ist immer weiter aus unserem

Alltag in eine Nische verschwunden.

D

ie Klassikpioniere haben erkannt, dass wir im

Zeitalter der Aufmerksamkeits-Ökonomie leben.

Lange hatte sich die klassische Musik auch

im Fernsehen als Teil der Unterhaltungskultur

gehalten: In „Erkennen Sie die Melodie?“ wurden selbst

unbekannte Werke von Debussy und Strauss erraten, bei

„Einer wird gewinnen“ war es selbstverständlich, dass

René Kollo mit einer Arie auftrat, Anneliese Rothenberger

und später Justus Frantz hatten eigene Klassik-Sendungen

im Hauptprogramm. Aber diese Zeiten gingen zu Ende: Die

Ära der kurzweiligen Unterhaltung, des Infotainments und

der Berieselung setzte ein. Der Bildungsauftrag wurde in

die Nischenkanäle von arte und 3sat übertragen, im Fernsehen

begann die Quote zu regieren. Da stellten sich einige

Vertreter des langen musikalischen Atems die Frage, wie

sie diesen Trends begegnen sollten.

Die Phono-Akademie ist eine Einrichtung, in der sich jene

Schallplattenunternehmen zusammengeschlossen haben,

die – anders als Opern- oder Konzerthäuser – klassische

Musik ohne Subventionen am Leben halten müssen.

Und diese Einrichtung suchte nach einer Möglichkeit, das

Abenteuer ihres Tuns in die Öffentlichkeit zu bringen: die

klassische Musik als noch immer notwendigen Teil unserer

Gegenwart zu behaupten. Zum ersten Mal wurde der ECHO

Klassik 1994 verliehen. Und er war eine klare Antwort

auf das Verschwinden dieser Musik aus dem allgemeinen

Leben. Ein Plädoyer für die Zeitzeugenschaft des Klanges.

Eine Jury wählt nicht nur die künstlerisch wertvollsten,

sondern auch die beim Publikum beliebtesten Klassik-Neuerscheinungen

und prämiert die Besten. So wurde nicht nur

ein neuer Preis in Anlehnung an den ECHO Pop gegründet,

sondern die Aufmerksamkeit auch auf die klassische Musik

gelenkt, die sich fortan in einer eigenen, großen Gala in

Szene setzte. Dabei standen nie allein die Großmeister der

Musik im Vordergrund, die Stars, die eh in der Öffentlichkeit

stehen, sondern auch Musikpioniere, kleinere Labels,

Tontechniker, Nachwuchskünstler und Ensembles aus den

Nischen der Musikwelt.

Inzwischen ist die Geschichte des ECHO Klassik auch eine

„Hall of Fame“ der Klassik-Legenden. Die größten Künstler

ihrer Zeit wurden ausgezeichnet. Erste Preisträgerin war

die Geigerin Anne-Sophie Mutter. Außerdem wurden die

Sänger Angela Gheorghiu, Cecilia Bartoli, Rolando Villazón

oder Thomas Quasthoff ausgezeichnet, aber auch Elisabeth

Schwarzkopf, Anneliese Rothenberger und Plácido

Domingo. Ebenso die Dirigenten Claudio Abbado, Daniel

Barenboim, Sir Simon Rattle oder die Instrumentalisten

Maurizio Pollini, Nigel Kennedy oder Lang Lang.

Die Liste der Preisträger verrät aber auch etwas anderes

über die Wirkungskraft dieser Auszeichnung: Künstler, die

mit dem Nachwuchs-ECHO Klassik ausgezeichnet wurden,

haben später oft eine große Karriere gemacht. Darunter

sind so große Namen wie die Pianistin Ragna Schirmer

(2003), der Geiger Daniel Hope (2004), der Dirigent Gustavo

Dudamel (2007), die Geigerin Lisa Batiashvili (2008) oder

der Violaspieler Nils Mönkemeyer (2009). Und bei aller Kritik

an den Mechanismen des Marktes und der Selbstinszenierung

der Klassik-Szene, bleibt sich die Jury in ihrem

Credo treu: die klassische Musik braucht sowohl strahlende

Stars als auch Musiker, die sich jenseits der Genregrenzen

auf Seitenwege begeben, vor einem vielleicht kleinem

Publikum Neues ausprobieren, die fast vergessene Instrumente

zu neuem Leben erwecken.

Die Regel, dass unbekannte Musiker von bekannten Künstlern

profitieren, weil diese in einer großen Öffentlichkeit

für die Klassik werben, und die großen Stars sich von den

innovativen Formen der jungen Musiker inspirieren lassen,

lässt sich auch an den Labels festmachen: Der Klassik-

Markt, der gerade in diesem Jahr etwa mit dem Verkauf des

Branchen-Riesens EMI zu wackeln scheint, basierte schon

immer auf Wechselwirkungen zwischen den Labels. Und

auch heute noch ist er ein stabiles Konstrukt: Zum einen,

weil andere Major-Labels sich noch immer zur Entdeckung

junger Künstler und zu Investitionen in ihre Vorzeigemusiker

verpflichtet fühlen, zum anderen aber auch, weil gerade

kleine CD-Firmen ein stabiles Publikum für ihr Repertoire

gefunden haben, weil sie sich jedes Jahr aufs Neue als

Entdecker präsentieren und das Abenteuer Musik gerade

dort beleben, wo das Ohr nicht sofort hinhört. In diesem

Jahr sind besonders einige kleine Labels durch die Erschütterungen

im internationalen Vertrieb gebeutelt – aber sie

sind es, die auch die Superstars mittragen. Wir können uns

nicht leisten, auf sie und ihre Innovationskraft zu verzichten.

Klassik funktioniert nur mit Solidarität.

Der ECHO Klassik zeigt also auch, wie groß die Spannbreite

der klassischen Musik ist, und vor allen Dingen, dass diese

Kunst voller Überraschungen steckt. Denn klassische Musik

beschäftigt sich nicht nur mit der Aufführung großer

Meisterwerke, sondern auch mit ihrer Präsentation. Es sind

weitgehend Labels wie MDG, die am optimalen Surround-

Klang tüfteln, Major-Labels, die nach Lösungen suchen,

auch im MP3-Format beste akustische Möglichkeiten zu

schaffen. Es gibt Künstler, die sich bewusst um den musikalischen

Nachwuchs und die Pädagogik kümmern, ebenso

wie Gäste aus anderen Genres, die in ihrer Musik mit der

klassischen Form oder dem klassischen Instrumentarium

flirten. Für all diese Entdecker und Erneuerer der Musik gibt

es Kategorien beim ECHO Klassik, weil seine Veranstalter

wissen, dass der Markt für ihre Musik vielleicht klein, aber

äußerst lebendig und wirkungsstark ist. Und dass alle

Künstler und Labels letztlich nur eine Chance haben, wenn

sie gemeinsam auftreten.

Gerade im Jubiläumsjahr des ECHO Klassik scheint

sich die Branche neu zu orientieren: Labels

suchen nach neuen Wegen, stehen vor strukturellen

Mammut-Aufgaben, aber auch unter den

Künstlern, an Konzert- und Theaterhäusern, bei Orchestern

und in der Musikpädagogik findet ein tiefgreifender

Wandel statt, dessen Ende wir noch gar nicht absehen

können. Die Zeichen und Fortschritte sind ermutigend: Die

Klassik, die sich lange Zeit lieber in ihren Elfenbeinturm

zurückgezogen und vornehm gewartet hat, von neuen

Zuhörern entdeckt zu werden, geht inzwischen auf die

Menschen zu – und dabei verschwimmen die Grenzen

zwischen der traditionellen Bühne und dem Konzertpodium

und den neuen Medien. Die Berliner Philharmoniker,

die Metropolitan Opera in New York oder die Bayreuther

Festspiele zeigen ihre Aufführungen live in den Kinos oder

streamen sie über den Computer und treffen dabei auf ein

neugieriges, neues Publikum. Theater und Orchester haben

es längst als ihre Aufgaben verstanden, den mangelnden

Musikunterricht an den Schulen durch Eigeninitiativen,

durch Apps und Computerprogramme voranzutreiben und

die Jugendlichen dort abzuholen, wo sie zu Hause sind.

Fernsehsender wie arte oder 3sat suchen nach neuen,

frischen Formen, um die Geschichte von Künstlern und

Komponisten aus unserer Zeit heraus zu erzählen. Und

seit es Schallplatten gibt, ist es die wichtigste Aufgabe

der Produzenten, den Zuhörern zu Hause etwas von der

Größe und Einmaligkeit eines echten Konzertbesuches

in die Wohnzimmer zu bringen – die Aura der Klassik. Die

neuen technischen Entwicklungen und die über 700 Jahre

alte Erfahrung mit dem Medium Musik ergänzen sich dabei

prächtig. Und genau darum geht es dem ECHO Klassik.

„Unsere Aufgabe ist es", sagt Prof. Dieter Gorny vom Bundesverband

Musikindustrie, „die Einmaligkeit der Klassik

zu präsentieren. Werke von Bach, Mozart oder Beethoven

sind Fixpunkte unserer Kulturgeschichte. Und das Tolle an

ihnen ist, dass sie immer wieder neu entstehen müssen. In

der Klassik dient die Vergangenheit also immer als Größe,

unsere eigene Zeit neu unter die Lupe zu nehmen – den

Klang und die technischen Möglichkeiten mit denen

unserer Gegenwart in Relation zu setzen. Und für diese

Arbeit, dieses Bewusstsein, dafür stehen unsere Labels

und Künstler."

Dieses Mal schaut der ECHO Klassik auf seine eigene Geschichte

zurück. Wie bei der ersten Preisverleihung, ist

es noch immer sein Ziel, den Wandel unserer Zeit und die

Weltaufgeschlossenheit von CD-Labels unter Beweis zu

stellen, die wie vielleicht kein anderes Unternehmen ihr Ohr

am Geist der Gegenwart haben, weil sie um die Bedeutung

des Vergangenen wissen.


ECHO KLASSIK MAGAZIN

Klassik

Das ECHO

der Stars

gut finden.

Die Klassik-Trophäe wird

zum 20. Mal vergeben.

Hier einige Fakten.

N

ur, wer sich ändert, bleibt sich

treu. Das gilt auch für den ECHO

Klassik. Seit die Trophäe 1994

zum ersten Mal vergeben wurde,

hat sich der Zeitgeist geändert. Ebenso wie

die Show des ECHO Klassik. Bei der ersten

Verleihung in der Kölner „Flora“ wurden Anne-

Sophie Mutter, Sabine Meyer und Christa

Ludwig ausgezeichnet. Drei Preisträger von

damals werden allerdings auch 2013 ausgezeichnet:

die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli,

der Dirigent Sir Simon Rattle und der Trompeter

Reinhold Friedrich.

Seit 1996 wird der ECHO Klassik im ZDF ausgestrahlt,

zum ersten Mal aus der Semper oper,

danach von wechselnden Orten und heute aus

dem Konzerthaus in Berlin. Die eigentliche

Feier beginnt allerdings erst nach der Aufführung.

Dann treffen sich die Preisträger und die

Plattenbosse beim großen Empfang, tauschen

sich über aktuelle Trends aus, besprechen

neue Projekte oder konzentrieren sich einfach

auf die Party.

Höhepunkte der ECHO Klassik-Geschichte waren,

als Bundespräsident Johannes Rau 2003

mit einem Sonderpreis für sein Projekt „Musik

für Kinder“ ausgezeichnet wurde, Nikolaus

Harnoncourt und Hélène Grimaud für die Förderung

der Musik in der heutigen Gesellschaft

warben oder als Plácido Domingo, Montserrat

Caballé oder José Carreras mit dem ECHO Klassik

für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurden.

Datum Austragungsort moderation

24. März 1994 Köln, Flora Ingrid Roosen

30. März 1995 Hamburg, Rathaus Stadt Hamburg Ingrid Roosen

15. September 1996 Dresden, Sächsische Staatsoper Senta Berger/Gunther Emmerich

14. September 1997 München, Prinzregententheater Senta Berger/Jochen Kowalski

25. Oktober 1998 Hamburg, Laeiszhalle Senta Berger/Roger Willemsen

24. Oktober 1999 Weimar, Deutsches Nationaltheater Senta Berger/Roger Willemsen

22. Oktober 2000 Berlin, Schauspielhaus am Gendarmenmarkt Senta Berger/Roger Willemsen

30. September 2001 Baden-Baden, Festspielhaus Senta Berger/Roger Willemsen

13. Oktober 2002 Frankfurt, Alte Oper Senta Berger

26. Oktober 2003 Dortmund, Konzerthaus Senta Berger

24. Oktober 2004 München, Philharmonie im Gasteig Senta Berger

16. Oktober 2005 München, Philharmonie im Gasteig Senta Berger

22. Oktober 2006 München, Philharmonie im Gasteig Maria Furtwängler

21. Oktober 2007 München, Philharmonie im Gasteig Maria Furtwängler

19. Oktober 2008 München, Philharmonie im Gasteig Götz Alsmann/Natalia Wörner

18. Oktober 2009 Dresden, Semperoper Götz Alsmann/Natalia Wörner

17. Oktober 2010 Essen, Philharmonie Thomas Gottschalk

02. Oktober 2011 Berlin, Konzerthaus Thomas Gottschalk

14. Oktober 2012 Berlin, Konzerthaus Nina Eichinger/Rolando Villazón

06. Oktober 2013 Berlin, Konzerthaus Nina Eichinger/Rolando Villazón

NEU!

JETZT

BUNDESWEIT

DAS KONZERT- UND OPERNMAGAZIN 9|13

MATTHIAS GOERNE

Singen bedeutet keine

Überwindung: »Ich habe ein

glückliches Leben«

GIDON KREMER

Ob musikalischer Nachwuchs

oder Politik: »Ich empfinde

eine Verantwortung«

Hélène

Grimaud

Über mentales

Training am Klavier

Die Auftritte Ihrer Lieblingskünstler finden Sie jetzt so einfach wie

noch nie: in concerti, dem Magazin für Konzert- und Opernbesucher.

Mit exklusiven Interviews, inspirierenden Konzert- und Operntipps

sowie aktuellen CD-Rezensionen. Jeden Monat aktuell!


ECHO KLASSIK MAGAZIN 12 | 13

Bariton Erwin Schrott freut sich gemeinsam mit seiner

Laudatorin Nazan Eckes.

Pop goes Klassik: Tori Amos auf dem roten Teppich.

Let’s Dance!

Die Macher finden’s gut: Dieter Gorny

vom Bundesverband Musikindustrie und

ZDF-Intendant Thomas Bellut.

Der alte Meister Thomas Quasthoff und der

Nachwuchs: Khatia Buniatishvili.

Trompete und ECHO: Preisträgerin Alison Balsom

Literatin Donna Leon und Leseratte Rolando Villazón.

„Rolando, erklär mir die Klassik!“: Das neue Moderatorenpaar

des ECHO Klassik hat klare Aufgaben: Nina Eichinger lässt

sich von der Begeisterung des Tenors Rolando Villazón

anstecken und in die Geheimnisse der klassischen Musik

einführen. Sie haben die Moderation des Preises von

Thomas Gottschalk übernommen.


ECHO KLASSIK MAGAZIN 14 | 15

„Musik? Ein

Geschenk

Gottes!“

Der Dirigent, Musikpädagoge und Bach-

Verrückte Helmuth Rilling wird für

sein Lebenswerk ausgezeichnet

H

elmuth Rilling hat eine der größten friedlichen

Revolutionen der Schallplattengeschichte zu

verbuchen. Für einen Klang-Kampf, wie er ihn

geführt hat, muss man ein bisschen wahnsinnig

sein: 15 Jahre lang, von 1970 bis 1985, hat Rilling als erster

Dirigent sämtliche Kantaten von Johann Sebastian Bach

auf Schallplatte eingespielt – später folgte das Gesamtwerk

des Komponisten auf 172 CDs!

Helmuth Rilling, geboren 1933 in Stuttgart, ist überzeugter

Schwabe. Und vielleicht zählt für ihn deshalb auch nicht

nur der Wert der Kunst, sondern ebenso die organisatorische

Machbarkeit des Unmöglichen. Der einstige Kantor

der Stuttgarter Gedächtniskirche ist ein Tausendsassa und

hat schnell verstanden, dass auch die klassische Musik

Strukturen braucht: 1954 gründete Rilling die Gächinger

Kantorei – weil er ein Ensemble wollte, das den finanziellen

und künstlerischen Freiraum hatte, um sich intensiv mit

Alter Musik zu beschäftigen. Zehn Jahre später erfand er,

aus gleichem Grund, das Bach-Collegium Stuttgart.

Rilling, der sich jahrzehntelang in den musikalischen

Welten vor der Bach-Zeit aufhielt, schaffte es mit seinem

Kantaten-Projekt, sowohl Musiker als auch das Publikum

und vor allen Dingen einen CD-Verlag für sein Unternehmen

zu begeistern: Von führenden Solisten über den Bundespräsidenten

bis zum Schallplattenboss Friedrich Hänssler

überzeugte er jeden von der Wichtigkeit Bachs.

Der Grandseigneur versteht es, die Musik ohne erhobenen

Zeigefinger unter die Leute zu bringen. Für Ihn ist

sie Bestandteil unseres Lebens: „Kann es ein Leben ohne

Gott geben?“, fragt er gern – und meint damit, dass große

Werke für ihn einer Offenbarung gleichkommen. „Musik

gehört zum Leben“, sagt er, „sie ist ein wunderbares Geschenk

Gottes.“

Rilling war einer der Pioniere von Gesprächskonzerten,

in denen er die Alten Meister wie unsere Zeitgenossen

behandelte – nie populistisch, sondern immer aus dem

Abenteuer ihrer Musik heraus. Kein Wunder also, dass ein

Mann wie er, für den es keine Grenzen in Zeit und Raum

gibt, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in unserer

Gegenwart zu Hause ist. „Zunächst finde ich es sehr

wichtig und unabdingbar“, sagt er, „dass Musiker, die sich

mit Alter Musik beschäftigen, die Augen und Ohren offen

halten für Musik, die in heutiger Zeit entsteht. Die Komponisten

unserer Zeit können sicher auch etwas sagen zu den

Themen, zu denen schon Bach etwas gesagt hat. Den Menschen

das zu zeigen, sehe ich auch als meine Aufgabe.“

Rilling hat unter anderem das „Requiem der Versöhnung“

uraufgeführt – eine Komposition von 14 Komponisten zum

50. Jahrestag des Kriegsendes oder Krysztof Pendereckis

Meisterwerk „Credo“.

Helmuth Rilling erhält nun den ECHO Klassik für sein

Lebenswerk – und das besteht noch immer darin, das

Selbstverständnis zu schärfen, dass der Klang Teil unserer

Existenz ist, und dass es in der Welt der Musik keine Unmöglichkeiten

gibt, wenn man sie mit schwäbischer Mentalität

anpackt.


Helmuth Rilling / Lebenswerk.

Sängerin des Jahres

Joyce DiDonato

Drama Queens

erato / Warner Classics

Sänger des Jahres

Jonas Kaufmann

Wagner

DECCA / Universal

Instrumentalistin des Jahres (Klavier)

Martha Argerich

Lugano Concertos

Deutsche Grammophon / Universal

Instrumentalist des Jahres (Trompete)

Reinhold Friedrich

Russische Trompetenkonzerte

MDG


1 Finley, Harnoncourt u. a. | Händel (Arr. Mozart): „Bacchus, ewig jung und schön“ 4:53 2 Schorn, Minetti

Quartett | Mozart: Klarinettenquintett A-Dur KV 581, Larghetto 6:25 3 Bartoli, Antonini u. a. | Bellini:

„Casta Diva“ 5:00 4 Chiaroscuro Quartet | Beethoven: Quartett f-Moll op. 95, Allegretto ma non troppo

6:54 5 Ottensamer, Nézet-Séguin u. a. | Debussy (Arr. Koncz): „La fille aux cheveux de lin“ 2:54 6 Bates,

La Nuova Musica | Händel: „De torrente in via bibet“ 3:55 7 Oberlinger | Telemann: Fantasie Nr. 3

h-Moll 3:41 8 Oliver Schnyder Trio | Schubert: Klaviertrio Nr. 1 B-Dur D. 898, Scherzo. Allegro

6:31 9 German Hornsound | Wagner/Verdi: Siegfried und Violetta 3:50 10 Florio |

Wagner (Arr. Rubinstein): „Karfreitagszauber“ (Ausschnitt) 6:02 11 Machaidze, Gatti

u. a. | Puccini: “Quando me’n vò” aus „La Bohème“ 2:26 12 Beczała, Berlin

Comedian Harmonists u. a. | Romberg: „Overhead The Moon Is Beaming“

3:28 13 Strawinski, Columbia Symphony Orchestra | „Danse

de la terre“ 1:15 14 Buttmann | Reger: Passacaglia d-Moll

WoO IV/6 6:41 15 McFerrin und Band | McFerrin:

„Gracious“ 2:34

ECHO KLASSIK MAGAZIN

Ensemble statt Ego

Kristian Bezuidenhout befreit Mozart

vom lästigen Goldpapier.

K

ristian

Bezuidenhout gilt längst als Mr. Mozart. Vor sechs

Jahren sprang er in Barcelona für den erkrankten Andreas

Staier ein, musizierte gemeinsam mit dem Freiburger

Barockorchester und stellte sich der Welt als einen der

aufregendsten Pianisten seiner Generation vor: der 1979 in Südafrika

geborene Klavierspieler hat Mozart aus dem Goldpapier gewickelt, den

Schoko-Mantel abgeknabbert und den Kern seiner Musik offengelegt.

Bezuidenhout macht dem Zuhörer sofort klar, dass sein Instrument

selbst in Mozarts Klavierkonzerten nicht immer im Vordergrund steht,

dass er sich zurücknehmen kann, wenn andere Stimmen gerade wichtiger

erscheinen. Und das tut er auch auf der neuen CD. Hilfe bekommt

er in dieser Herangehensweise durch sein Instrument, das der alten

Wiener Klavierwerkstatt von Anton Walter nachempfunden ist. Bezuidenhout

schafft einen transparenten

aber zurückhaltenden

Klang, der die Musik nicht vom

Ego sondern vom Ensemble her

denkt.

Bezuidenhout und das Freiburger

Barockorchester haben oft miteinander

gespielt und erscheinen

als Traumpaarung: Orchester und Solist verschmelzen zu einer Einheit,

inspirieren sich in ihrer Virtuosität und stacheln sich zu Temperament

und Spielfreude an. Oft hat das Barockorchester gemeinsam mit Bezuidenhout

sein Können auf Konzertpodien vorgestellt, nun endlich ist

ihre erste CD mit Mozarts Klavierkonzerten KV 453 und 482 herausgekommen

und gleich mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet worden.

Weil Mozart selten mit so viel Verständnis gespielt wurde und das

Zuhören seiner Musik so viel Verstehen bedeutete.

Kristian Bezuidenhout, Freiburger Barockorchester / Mozart:

Klavierkonzerte KV 453 & 482 (harmonia mundi) / Konzerteinspielung

des Jahres (bis inkl. 18. Jh.) / Klavier.

Dissonanzen

eines Mordes

James Wood hat einen musikalischen Krimi

gelöst und die Cantiones von Carlo Gesualdo

zusammengefügt.

M

anchmal

ist Musik wie ein Krimi – und wenn es sich um

den Komponisten Carlo Gesualdo handelt, führt die

Spurensuche in der Regel direkt zu jenem Mord, den

er aus Eifersucht angerichtet hat, als er seine untreue

Frau für ihre Eskapaden bestrafte. Den britischen Dirigenten James

Wood hat allerdings eine ganz andere Kriminalgeschichte interessiert:

Drei Jahre lang dauerte seine Fahndung nach Gesualdos

Motetten des „Zweiten Buches“ der „Sacrae Cantiones“. Sie waren

1603 im Druck erschienen – aber nur als Stimmbücher, nicht als

Partituren. Zwei komplette Stimmen waren überdies verschollen.

Wood spricht von einem „überdimensionalen Kreuzworträtsel“,

das er zusammensetzen

musste, zumal Gesualdo

als erstklassiger Harmoniker

gilt, der sein Publikum

immer wieder durch

mystische Chromatik und

einfallsreiche Harmonien

überraschte.

Wood hat das Ergebnis

seiner Ermittlungen

nun gemeinsam mit

dem Vocalconsort

Berlin vorgestellt: Drei-

Minuten-Lieder, die das

wohl Komplexeste sind,

was die Musikgeschichte

des 17. Jahrhunderts zu

bieten hat. Auch heute

existieren nur wenige Chöre, die Gesualdos Ansprüchen gerecht werden.

Das Vocalconsort ist eines von ihnen. Gemeinsam mit Wood

erweckt es die verschollene Partitur zum Leben. Zu hören ist ein

Krimi in Tönen, ein Weltbild seiner Zeit – und die Psychologie des

vielleicht bekanntesten Mörderers der Musikgeschichte.

Die Spuren des Blutbades, das Gesualdo und seine Helfer in einem

Palast östlich von Neapel hinterlassen haben, sind noch zu betrachten

– James Wood hat dafür gesorgt, dass wir nun auch noch die

Klänge hören, die diesem Ausnahmekomponisten im Kopf herumgeschwirrt

sind.

Vocalconsort Berlin, James Wood / Carlo Gesualdo: Sacrae

Cantiones, Liber secundus (harmonia mundi) / Chorwerkeinspielung

des Jahres.

das hört man gern.

Interviews,

Reportagen,

Rezensionen,

Termine – die

ganze Welt

von Klassik

und Jazz.

Hörbeispiele aus aktuellen CDs

#57

All rights reserved.

For promotion only.

Not for sale.

#57

Hörbeispiele aus aktuellen CDs

Das

Klassik

& Jazz

Magazin

Instrumentalistin des Jahres (Cello)

Sol Gabetta

Schostakowitsch: Cellokonzert Nr. 1,

Rachmaninoff: Cellosonate

Sony Classical

Instrumentalist des Jahres (Tuba)

Andreas Martin Hofmeir

Uraufnahmen

GENUIN classics

Foto Sébastien Grébille

Als Magazin alle zwei Monate kostenlos im CD-Handel

und in Ticketshops und online jeden Samstag neu auf

www.rondomagazin.de


ECHO KLASSIK MAGAZIN 18 | 19

von Anna Netrebko

R

olando ist ein herrlicher Mensch, ein wunderbarer

Kollege und ein großer Künstler. Ich freue

mich wirklich aus tiefstem Herzen, seine Stimme

auf dieser CD so wunderschön strahlen zu

hören. Wie kaum jemand sonst versteht es Rolando, Verdis

Kunstfiguren auf der Bühne oder selbst nur auf CD mit

echtem Leben zu erfüllen.

Das ist es doch, was wir Sänger immer versuchen: Wir spielen

fremde Menschen, die sich jemand erdacht hat, und

versuchen sie so zu spielen, als wären sie ein Teil von uns,

auch wenn sie mit uns selbst vielleicht überhaupt nichts

zu tun haben. Und manchmal passiert es, dass aus diesem

Spielen etwas entsteht, was die Menschen mitreißt. Es ist

schwer zu erklären, es ist wie Magie. Rolando schafft diese

Magie jedes Mal wenn er singt, weil er sich mit voller Kraft

und seinem ganzen Gefühl auf die Musik stürzt. Er kann

sich vorstellen, welche Menschen sich Verdi da ausgedacht

hat und sie auf einmal ganz nah zu uns bringen. Darum

geht es in der Oper, nicht um kalte Perfektion, sondern um

die Wärme eines großen und echt empfundenen Gefühls.

Und weil Rolando ein im besten Sinne Verrückter ist,

nimmt er nicht einfach nur Verdis bekannteste Arien auf,

sondern spannt einen Bogen von den frühen Opern bis zur

letzten Arie, die Verdi für Tenor geschrieben hat. Rolando

kann nicht genug kriegen, würde immer weiter singen, viel

mehr, als auf eine CD passt. Wir brauchen diese Wahnsinnigen

in der Kunst, die uns zeigen, was das Leben sein

kann, welche Vielfalt es haben kann. Und er singt so schön,

so mitreißend, mit einer Inbrunst, die jedes Herz rührt.

In jeder Arie sieht man ihn vor sich, kann sich mühelos

vorstellen, wie er in diesem Moment auf der Bühne wirken

würde. Das ist mehr als nur die Musik, das ist wirklich Oper,

Theater, das ist Spielen, ohne das es in unserem Job nicht

überzeugend geht. Durch Künstler wie ihn können wir

vollkommen verstehen, worum es wirklich geht, denn der

Ausdruck stimmt – und Ausdruck ist alles.

Rolando

Er moderiert den ECHO Klassik

und ist gleichzeitig Preisträger.

In diesem Jahr ist Rolando Villazón

außerdem noch Verdi-Botschafter.

An dieser Stelle gratuliert ihm die

Bühnenpartnerin und Verdi-Spezialistin

Anna Netrebko.

ist ein

Verrückter!

„Es macht bummmmm!“

Rolando Villazón über den Meister aus Italien

Welchen Verdi lieben wir 200 Jahre

nach seiner Geburt?

Wir denken, dass er der Komponist

der Gassenhauer ist. Aber er war viel

mehr: Er hat seinen Stil langsam entwickelt,

seine Musik ist politisch, gesellschaftlich

und zutiefst emotional.

Ich denke, dass wir Verdi auch deshalb

lieben, weil er alle Aspekte des Lebens

in seiner Musik verhandelt.

Warum wird seine Musik noch heute

in Filmen und in der Werbung gespielt?

Weil sie jeder verstehen kann. Verdi

nimmt keine Umwege, wenn er unser

Herz treffen will. Bei ihm macht es

meist sofort „Bummm!“ – und uns

stehen die Tränen im Auge. Verdi war,

wenn man so will, ein Meister unserer

unterbewussten Gefühle. Und das

macht ihm bis heute kaum einer nach.

Was sollten wir im Verdi-Jahr noch

entdecken?

Ich finde, dass seine frühen Opern wie

„Oberto“ zu Unrecht vergessen sind.

In ihnen hört man schon viel seiner

späteren Meisterschaft. Am Anfang

ist er noch der Musiktradition Italiens

verbunden, die er aber immer weiter

entwickelt. Ich glaube, dass es wichtig

ist, diese Opern anzuhören, um zu

verstehen, wie wichtig Verdi auch für

die Geschichte der Musik war.

Instrumentalist des Jahres (Violine)

Leonidas Kavakos

Beethoven: The Complete Violin Sonatas

DECCA / Universal

Würdigung des Lebenswerkes

Helmuth Rilling

Dirigent des Jahres

Esa-Pekka Salonen

Lutosławski: The Symphonies

Sony Classical

Ensemble / Orchester des Jahres

Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt

Walzer Revolution

Sony Classical


ECHO KLASSIK MAGAZIN

Mal eben die Zeit

auflösen

Joel Frederiksen zeigt den Groove des Barocks

und die Zeitlosigkeit des Folks.

K

ünstlerbiografien

können zutiefst unterschiedlich sein:

Der Lautenist John Dowland hatte erst am Ende seines

langen Lebens jene Stellung ergattert, von der er immer

geträumt hatte. Er wurde Musiker am königlichen Hof

in England. Das war im Jahre 1612 – seither inspirieren seine Gesänge

die Musikgeschichte. Ein anderer großer Musiker, Nick Drake,

konnte seine Lebensträume nie erfüllen, er starb 1974 mit nur

26 Jahren an einer Überdosis Antidepressiva. Man muss schon sehr

viel Vertrauen in die Musik haben, um diese zwei Künstler miteinander

zu verbinden und so unbefangen durch die Musikgeschichte

reisen zu lassen wie Joel Frederiksen.

Der in München lebende Amerikaner schmilzt durch seine Klänge

Welten und Zeiten zusammen. Frederiksen ist selbst Sänger, Arrangeur

und Lautenist. Gemeinsam mit dem Ensemble Phoenix

München hat er die Klangwelten Dowlands und Drakes nun ineinander

verwoben, Volks- und Folkmusik miteinander verschmolzen

und den ganz undidaktischen und sinnlichen Beweis angetreten,

dass beide Klangwelten durch genialische Übergänge mit einer

verblüffenden Lässigkeit ineinander fließen können.

Die aufregende Erkenntnis dieses Albums ist, dass 400 Jahre Zeitunterschied

in der Welt der Musik einfach nichts sind! Frederiksen

zaubert mit seiner Gambe popreife Bässe, webt ein gregorianisches

„Requiem“ in seine Musik ein und singt von Zeit zu Zeit Duett mit

einem Tenor. Seine Musik schwebt im Raum, wirkt nie konstruiert,

so, dass die „Frankfurter Allgemeine“ jubelte: „Diese Musik ist als

Erfahrung nicht mehr auszulöschen.“

Joel Frederiksen, Ensemble Phoenix Munich / Requiem for a Pink

Moon (harmonia mundi) / Klassik-ohne-Grenzen-Preis.

Wenn die Flöte

Freude trägt

Auf ihrem Album „Flauto Veneziano“ reist Dorothee

Oberlinger in die Lagunenstadt. Auf ihrer neuen CD

nimmt sie sich Telemann vor.

I

hre erste Flöte war ein billiges Instrument, das ihre Eltern von

einer Reise nach Polen zurück nach Aachen brachten. Obwohl

Dorothee Oberlinger auch passionierte Cellospielerin war, ließ ihr

das Blasinstrument keine Ruhe – auch deshalb, weil ihre Mutter,

eine Querflötenspielerin, sie inspirierte. Dorothee Oberlinger bevorzugt

allerdings die Flöten ohne Klappen, ihren reinen, natürlichen Klang, der

dem der menschlichen Stimme ähnelt. Und: Sie ist eine leidenschaftliche

Forscherin in der Musik des Barock. „In der Barockmusik kann und

muss man selber ornamentieren beziehungsweise improvisieren“, sagt

sie, „es braucht dazu das Wissen, wie man beispielsweise phrasiert und

die Tempi nimmt. Dieses Wissen kann man sich aneignen. Es gibt viele

Texte, welche Einblick in die Musik des Barockzeitalters geben.“

Auf ihrem neuesten Album geht Oberlinger auf Spurensuche bei Georg

Philipp Telemann. Mit dem ECHO Klassik wird sie für ihr Album „Flauto

Veneziano“ ausgezeichnet, in dem sie sich gemeinsam mit dem Alte

Musik-Ensemble Sonatori de la Gioiosa Marca mit der Flötenkunst

Venedigs von der Renaissance bis zum Spätbarock beschäftigt hat –

den Meister-Kompositionen für „Flauto“, wie das Instrument damals

hieß. Zu hören sind die virtuosen Solokonzerte Antonio Vivaldis und

Raritäten von venezianischen Komponisten

wie Dario Castello, Antonio Caldara,

Alessandro Marcello oder Massimiliano

Neri.

Oberlinger stellt sowohl

im neuen Telemann-

Album als auch in ihrer

musikalischen Reise

nach Venedig unter

Beweis, dass die Offenheit

der Barockmusik, ihre

Einladung zur Interpretation

und Improvisation dieser

Kompositionen sie automatisch

in unsere Gegenwart

holt. Oberlinger schafft es,

dieses begeisternde Repertoire

mitten in unsere Zeit

zu stellen.

Dorothee Oberlinger,

Sonatori

de la Giosa

Marca / Flauto

Veneziano (DHM) /

Konzerteinspielung

des Jahres (bis inkl.

18. Jh.) / Flöte.

WIR GRATULIEREN!

Simon Rattle

& Berliner Philharmoniker

Sinfonische Einspielung 20./21. Jh.

Strawinsky: Le Sacre du Printemps

Joyce DiDonato

Sängerin des Jahres

Drama Queens

Alexandre Tharaud

Klassik ohne Grenzen

Swinging Paris

Vilde Frang

Konzerteinspielung Violine 19. Jh.

Nielsen/Tschaikowsky:

Violinkonzerte

Ensemble / Orchester des Jahres

San Francisco Symphony

Adams: Harmonielehre & Short Ride

in a Fast Machine

SFS Media

Nachwuchskünstlerin des Jahres (Gesang)

Julia Lezhneva

Alleluia!

DECCA / Universal

Foto © Xenia Valeras

Max Emanuel Cencic

Operneinspielung 17./18. Jh.

Vinci: Artaserse

Tine Thing Helseth

Nachwuchskünstlerin Trompete

Tine

www.emiclassics.de

Ian Bostridge

Operneinspielung 20./21. Jh.

Britten: The Rape of Lucretia


ECHO KLASSIK MAGAZIN 22 | 23

Tasten Tanzen

AUf dem Vulkan

Weltuntergang

total multimedial

Der „Ring“ an der MET ist die Apokalypse

des 21. Jahrhunderts. Ein DVD-Ereignis.

D

ie Metropolitan Opera in New York ist mehr als

ein Opernhaus – sie ist medialer Knotenpunkt

der Bühnenkunst: 150.000 Zuschauer haben

den legendären „Ring des Nibelungen“ im Auditorium

gesehen, fast eine Millionen Zuschauer verfolgten

die Aufführungen weltweit in den Kinos. „Es ist unglaublich,

wie viele Menschen Interesse für die Oper haben“, sagt

MET-Chef Peter Gelb, „Wagner ist eben auch 200 Jahre

nach seiner Geburt ein Vordenker der Globalisierung und ein

Meister des Musiktheaters geblieben.“

Die Deutsche Grammophon hat dieses musikalische Ereignis,

die größte Oper, seit es Musik gibt, nun als DVD

herausgebracht: Eine opulent ausgestattete Fernseh-Oper

in der multimedialen Genie-Inszenierung von Robert Lepage.

Ein „Herr der Ringe“ mit Mega-Soundtrack, und vor

allen Dingen: Eine Aufführung mit Star-Besetzung. Die

Dirigenten James Levine und Fabio Luisi leiten ein Ensemble,

in dem Bryn Terfel Ansprüche auf den Wotan unseres

Jahrzehnts erhebt, in dem Jonas Kaufmann als strahlender

Siegfried zu hören ist und Debora Voigt als stimmgewaltige

Brünnhilde.

Dieser „Ring für das 21. Jahrhundert“, wie die Presse jubelte,

wird durch eindrucksvolles Bonus-Material begleitet,

das einen Blick hinter die Kulisse zulässt. Stars wie Plácido

Domingo, Joyce DiDonato kommen zu Wort, und es werden

die Geheimnisse der Probearbeit gelüftet. Selten ist

Wagners Weltuntergangswerk so groß in Szene gesetzt

worden, und nie so eindringlich dokumentiert. Diese acht

Opern-DVDs sind der Beweis, dass die Apokalypse des

Richard Wagner auch heute noch ein Spiegel unserer Welt

ist.

Robert Lepage, Deutsche Grammophon / Der Ring des

Nibelungen (Deutsche Grammophon) / Musik-DVD-

Produktion des Jahres.

Das Paris der 20er Jahre war wild und verrückt –

Alexandre Tharaud hat es besucht.

A

lexandre Tharaud hat ein Problem: Wenn er

ein Klavier sieht, kann er nicht anders, als es

zu spielen. Inzwischen hat er eine eigene Therapie

gefunden. Er hat den Flügel aus seiner

Wohnung verbannt und sich ein weltweites Netzwerk von

Freunden mit Klavier aufgebaut, bei denen er üben kann.

So schafft er es besser, nicht nur Musiker, sondern auch

Mensch zu sein. Und die Menschlichkeit spielt in den Alben

dieses Ausnahmekünstlers eine große Rolle.

Für seine Aufnahme „Swinging Paris“ ging er dort auf Spurensuche,

wo die Komponisten der 20er Jahre den Takt des

gesellschaftlichen Lebens angegeben haben: Im Cabaret

„Le Boeuf sur le toit“ („Der Ochse auf dem Dach“) gingen

George Simenon, Coco Chanel und Jean Cocteau ein und

aus. Am Abend swingten hier die Kompositionslegenden

Darius Milhaud, Maurice Ravel und der Pianist Clément

Doucet. Dessen Faible galt außerdem Cole Porter und George

Gershwin. Alexandre Theraud hat seine musikalischen

Freunde wie die Sopranistin Natalie Dessay, den Klavierspieler

Frank Braley und Größen der Pariser Chanson-Szene

eingeladen, um mit ihnen noch einmal den Tanz auf dem

Vulkan der 20er Jahre zu wagen. Herausgekommen ist nicht

nur Musik, sondern das Stimmungsbild einer verrückten

Zeit, die unserer so ähnlich ist.

Nun kehrt Tharaud wieder zurück zur großen Klassik, natürlich

nicht, ohne wieder einem eigenen, stimmungsvollen

Programm zu folgen. „Autograph“ nennt er die neue CD,

auf der er persönliche Raritäten versammelt. Das Album

überspannt vier Jahrhunderte Musikgeschichte, und allen

Werken ist die kleine Form gemein – der Ausdruck auf

engstem Raum. „Natürlich liebe ich große Werke wie die

Sonate von Liszt, Konzerte oder Musik von Wagner“, sagt

der Pianist, „aber ich liebe auch die Préludes von Chopin.

Ein Dreiminuten-Stück kann uns genauso viel sagen wie

eine Sinfonie.“ Tharaud verbindet Chopins perlenden Minutenwalzer

mit einer meditativen Gymnopédie von Satie,

Rachmaninovs brodelnde cis-moll-Prélude und Griegs

farbiges Tonbild vom Hochzeitstag auf Troldhaugen. Bachs

h-moll-Präludium spielt er in der virtuosen Bearbeitung

des Rachmaninov-Lehrers Alexander Siloti; und Tharaud

selbst bearbeitete einen Konzertsatz nach Vivaldi. Was

diesen Künstler ausmacht, ist, dass er bekannte Werke

vollkommen neu entdeckt, indem er sie in einen verblüffenden,

anderen Zusammenhang stellt.

Alexandre Tharaud / Swinging Paris (erato) / Klassikohne-Grenzen-Preis.

Nachwuchskünstlerin des Jahres (Trompete)

Tine Thing Helseth

Tine

Warner Classics

Nachwuchskünstler des Jahres (Klavier)

Alexander Krichel

Frühlingsnacht

Sony Classical

Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Joel Frederiksen, Ensemble Phoenix Munich

Requiem for a Pink Moon

harmonia mundi

Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Max Richter, Daniel Hope

Recomposed by Max Richter:

Vivaldi – The Four Seasons

Deutsche Grammophon / Universal


ECHO KLASSIK MAGAZIN 24 | 25

Persönlich ist Joyce DiDonato alles andere als eine Drama Queen.

Aber auf der Bühne verwandelt sie sich in eine Furie, in exaltierte

Charaktere und besinnungslos berauschte Frauengestalten.

Dafür wird sie nun mit dem ECHO Klassik ausgezeichnet. Ihr neues

Album aber ist eine Danksagung an ihr Publikum. Ein Bekenntnis,

dass die Charaktere der Oper Teil unseres Lebens sind.

Wem ich mein

Wissen

über die

liebe

verdanke

Von Joyce DiDonato

W

as für ein unendliches Glück

ist es, Prinzessinnen, Königinnen,

wahnsinnige Frauen,

Verliebte, Teenager, Helden

und Nonnen verkörpern zu dürfen, ihre Gefühlswelten

zwischen Freude, Leidenschaft,

Scham und Vergebung zu erobern. Jede von

ihnen ist mir zur Freundin geworden. Und

dennoch habe ich bei allen das Gefühl, dass sie

noch so viele Geheimnisse in sich bergen, die

ich gern mit meiner Stimme erobern würde.

Ich verdanke mein Wissen um die Liebe dem

Cherubino und seiner Verletzlichkeit und Romeos

Wagemut. Ich habe die Freude von Elena

und Cenerentola gelernt und die Vergebung

durch Schwester Helens Mut, sich im Tode zu

opfern. All diese Dramen von Händel, Mozart,

Rossini und Strauss entfalten ihre ganze Kraft

aber erst, wenn man sie hört. Wenn man mit

ihnen tanzt, lacht und, ja, auch weint oder –

im Handeln dieser Personen auch sich selbst

entdeckt.

Die Aufgabe dieser Charaktere ist es vielleicht,

dass wir das Mysterium des Lebens kennenlernen.

Und ich glaube daran, dass Komponisten

diese Figuren erfunden haben, wir Sänger und

Musiker sie beleben, dass aber letztlich das

Publikum, dass SIE selbst diese Charaktere

entdecken müssen – sie gehören zu ihrem Leben!

Für mich als Sängerin ist es vielleicht eine

der größten Befriedigungen, die Tränen, die

roten Wangen, das Lachen in den Gesichtern

der Zuhörer zu sehen. Weil ich dann weiß, dass

meine Freunde etwas in Ihnen bewegen. Und

deshalb freue ich mich auch, dass wir nun das

erste interaktive Album vorstellen können,

auf dem das Publikum Einfluss auf den Sänger

nimmt. Meine Freunde bei Facebook haben 15

Titel ausgewählt, die sie besonders berühren,

mit denen sie leben wollen. Und sie haben

sogar über den Titel abgestimmt: „ReJoyce!“

Genau das ist das Gefühl, das ich habe, wenn

ich Kunst mache, wenn ich in die Haut von

anderen Menschen schlüpfe, wenn ich hoffe,

Sie durch meine Stimme bewegen zu können:

ich juble vor innerer Freude über die Kraft der

Musik!

Joyce DiDonato / Drama Queens

(ERATO) / Sängerin des Jahres.

Klassik-ohne-Grenzen-Preis

Alexandre Tharaud

Swinging Paris

Erato / Warner Classics

Sinfonische Einspielung des Jahres

(bis inkl. 18. Jh.)

Aapo Häkkinen, Helsinki Baroque Orchestra

Franz Xaver Dussek: Vier Sinfonien

Naxos

Sinfonische Einspielung des Jahres (19. Jh.)

Bernard Haitink, Symphonieorchester

des Bayerischen Rundfunks

Mahler: Symphonie Nr. 9

BR Klassik

Sinfonische Einspielung des Jahres

(20./21. Jh.)

Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker

Le Sacre du Printemps

warner Classics


ECHO KLASSIK MAGAZIN 26 | 27

So klingt der Ort

der Sehnsucht

Jordi Savall entdeckt die Seele Armeniens – und leistet

wunderschöne und intime Trauerarbeit.

E

inige

Aufnahmen sind für Musiker

besonders persönlich – das Album

„Armenian Spirit“ ist so eine CD. Der

katalanische Ausnahmegambist und

Künstler Jordi Savall legt gleich zwei Lamenti

über sein neues Album: Auf der einen Seite ist

die Aufnahme eine private Hommage des Musikers

an seine verstorbene Frau, die Sängerin

Montserrat Figueras, deren große Liebe der

armenischen Musik galt. Auf der anderen Seite

spiegelt das Album die Seele jenes Landes

wider, das in seiner Geschichte immer wieder

Opfer von Kriegen, Besetzungen und blutigen

Vertreibungen geworden ist. Der „armenische

Geist“, den Jordi Savall gemeinsam mit seinem

Ensemble Hespèrion XXI hier zum Klingen

bringt, ist getragen von dieser hypnotischen

und exquisiten Melancholie, die nie in Selbstmitleid

verfällt, sondern stets aufrecht bleibt,

schön und voller Anmut.

Savall ist ein Musiker, der dort nach Klängen

sucht, wo andere nie hinhören würden. Besonders

gern war er in Arabien unterwegs. Musik

ist für ihn eines der wenigen Dinge, die Völker

auch in Zeiten der Not mitnehmen können.

„Musik entsteht ja oft in dramatischen Situationen“,

erklärt er, „nehmen wir die Juden,

die immer wieder vertrieben wurden, auch aus

Spanien. Sie haben alles verloren. Doch ihre

Musik konnten sie mitnehmen. Und durch ihre

Musik konnten sie wieder ein wenig Hoffnung

haben. Sie half ihnen, etwas Freude zu empfinden.

Darum hat diese Musik eine solche

unglaubliche emotionale Dimension. Und

eine einfache Melodie kann in uns oft mehr

auslösen, als ein ganzes Orchester oder eine

Sinfonie.“ Für Armenien gilt wohl das Gleiche –

und Savall ist Botschafter dieser langen musikalischen

Tradition.

Er entführt seine Hörer dieses Mal in die Welt

neuer Klänge, und wie immer, wenn ein Pedant

wie er ans Werk geht, entdeckt er neue, originale

Instrumente, verfolgt die musikalische

Zeit eines Volkes aus dem 14. Jahrhundert

bis in unsere Gegenwart. Savall entführt uns

mit dieser zurückhaltend trauernden, sinnlich

schluchzenden, stets aber stolzen Musik in

die Welt eines großen Volkes und gleichsam

in seine privaten Gedanken- und Erinnerungswelten.

Jordi Savall, Hespèrion XXI / Armenian Spirit

(Alia Vox) / Kammermusikeinspielung des

Jahres (bis 17./18. Jh.) / gem. Ensemble.

Die Sprache macht den Ton

Auf vier CDs ist Martha Argerichs Begegnung mit musikalischen Freunden

in Lugano nachzuhören. Intime Einblicke in die Welt des Klanges.

Immer wieder ruft Martha Argerich ihre musikalischen

Freunde nach Lugano, um dort mit

ihnen in Musik zu kommunizieren. Herausgekommen

sind intime Konzerte unter Gleichgesinnten.

Selten spricht die Pianistin über Musik,

sie spielt lieber Klavier. Aber hier erklärt sie, warum

man über Töne nur schwer Worte verlieren kann.

Frau Argerich, wie sind Sie zur Musik gekommen?

Ich bin schon mit zwei Jahren in einen Kindergarten

gekommen und habe jemanden Klavier

spielen hören – es waren nur Kinderlieder.

Aber das Instrument und der Klang haben

mich magisch angezogen.

Was ist das Besondere an Lugano?

Das ist ein Ort, an dem ich versuche,

meine Freunde zu treffen, um mit ihnen

in intensiven Stunden das zu tun,

was wir alle lieben: Musik machen.

Ihre Freunde kommen aus der

ganzen Welt. Welche Rolle spielt

die Sprache in der Musik?

Ich wurde ja in Argentinien geboren, wuchs mit

Spanisch auf, aber mit meinen Töchtern spreche

ich Französisch. Diese Sprache gefällt mir, sie erinnert

mich an Chopin. Aber ich denke, dass seine

Musik auch von der polnischen Sprache beeinflusst

ist. Ich glaube, dass die Sprache das Musizieren beeinflusst

und denke inzwischen sogar, dass es – je

nach Herkunft – selbst in existenziellen Gefühlen

unterschiedliche Nuancen der Wahrnehmung gibt.

Gibt es Lieblingskomponisten?

Prokofjew ist sicherlich mein bester Freund – er

hat mich nie enttäuscht. Er macht mich einfach

glücklich.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie Musik machen?

Das ist zu schwer zu beschreiben – es handelt sich

ja um Musik, und ich scheitere immer wieder daran,

Worte für diese, vielleicht größte Form des Ausdruckes

zu finden.

Martha Argerich / Lugano Concertos

(Deutsche Grammophon) / Instrumentalistin

des Jahres / Klavier.

Wie Klugheit

Ohren öffnet

Es gibt ein Reich zwischen Kopf und Bauch –

und das besingen die Stimmen von

Elīna Garanča und Jonas Kaufmann.

E

ine Stimme ist immer auch ein Geheimnis. In ihr

verbergen sich private Seelenwelten der Künstler,

die Ideen eines Komponisten – und stets

auch der Geist jener Zeit, in der sie singen. Jonas

Kaufmann und El na Garanča sind sicherlich zwei Stimmen,

die stellvertretend für den Gesang unserer Epoche stehen.

Ihre Kunst besteht nicht allein darin, Noten zu singen und

Emotionen zu schaffen, sondern vor allen Dingen darin,

dass sie jenseits der Schönheit ihres Repertoires die Ohren

ihrer Zuhörer durch Klugheit öffnen.

Auf ihrem Album „Romantique“ zeigt El na Garanča, was

damit gemeint ist. In den schönsten Arien von Camille

Saint-Saëns, Charles Gounod, Hector Berlioz oder Peter

Tchaikovsky lässt sie ihren samtigen Mezzo nicht einfach

um der Schönheit willen über dem Orchester schweben,

sondern scheint innerhalb der kurzen Arien in eine Sphäre

einzutauchen, in der sich der Mensch mit all seinem Fühlen

in einer Welt des Klanges auflöst. Wie kaum eine andere

Sängerin schafft es die Garanča, die Romantik als Ort von

Seelenlandschaften zu beschreiben, als Prozess, der in Gedanken

beginnt und bei der Auflösung des Körpers endet.

Einen ähnlichen Ansatz wählt Jonas Kaufmann, wenn er

auf seinem Album „Wagner“ den Opern-Jubilar zu seinem

200. Geburtstag in Szene setzt. Jonas Kaufmann ist kein

Tenor der alten Schule, der mit hohen Tönen ringt und sich

auf die Schwierigkeiten der Partituren konzentriert. Er

schafft es stets, in seinen Auftritten und Arien, Geschichten

zu erzählen. Kaufmann sucht den Subtext in der Musik,

das, was nicht in den Worten steht, sondern im Geist seiner

Charaktere passiert. Egal, ob er die Winterstürme der

„Walküre“ toben lässt, die Liebesgöttin Venus im „Tannhäuser“

bejubelt, als Gralsritter in „Lohengrin“ Abschied

von der Welt nimmt oder Wagners innige „Wesendock-

Lieder“ interpretiert: Bei ihm ist der Klang stets Teil des

Dramas, der epischen Geschichte. Seine Stimme setzt nie

nur auf den Effekt der Virtuosität, sondern sucht wie ein

Seismograph nach den psychologischen Sollbruchstellen

seiner Rollen, nach inneren Konflikten und abgrundtiefen

Schmerzen.

Beide Stimmen sind auch deshalb Ausdruck unserer Zeit,

weil sie die Oper als pure Unterhaltung ebenso hinter sich

gelassen haben wie die Oper als rein intellektuelle Angelegenheit.

El na Garanča und Jonas Kaufmann verstehen

es wie derzeit kaum ein anderer Sänger, das Pathos und

das Schwelgen mit Klugheit und tiefen Gedanken zu paaren

– sie singen mit Kopf und mit Bauch, mit Seele und mit

Körper. Und so darf man gespannt auf das nächste Album

sein, auf dem die beiden zu hören sein werden: In Verdis

„Requiem“ werden sie den Bereich zwischen Leben und

Tod ausloten. Ein geheimnisvolles Reich, das sie mit Klängen

beleben werden.

Elī na Garanča / Romantique (Deutsche Grammophon) /

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang (Duette/

Opernarien).


Jonas Kaufmann / Wagner (DECCA) / Sänger des Jahres.

Konzerteinspielung des Jahres

(bis inkl. 18. Jh.) / Klavier

Kristian Bezuidenhout, Freiburger Barockorchester

Mozart: Klavierkonzerte KV 453 & 482

harmonia mundi

Konzerteinspielung des Jahres

(bis inkl. 18. Jh.) / Flöte

Dorothee Oberlinger, Sonatori de la Gioiosa Marca

Flauto Veneziano

dhm / Sony

Konzerteinspielung des Jahres

(19. Jh.) / Violine

Vilde Frang

Nielsen / Tschaikowsky: Violinkonzerte

EMI Classics

Konzerteinspielung des Jahres (19. Jh.) / Orgel

Christian Schmitt, Bamberger Symphoniker,

Stefan Solyom Charles-Marie Widor:

Orgelsymphonien op. 42, 3 & 69

cpo / jpc


ECHO KLASSIK MAGAZIN 28 | 29

So beginnt

Geschichte

zu fliegen

Cecilia Bartoli hat mal wieder ein Wunder

ausgegraben: Agostino Steffani – und die

Fortsetzung folgt.

W

enn Cecilia Bartoli in die Archive der

Musikbibliotheken hinabsteigt,

kann man davon ausgehen, dass

sie mit atemberaubenden Neuentdeckungen

zurückkehrt. Wie keine andere Sängerin

gelingt es der Römerin, in den Katakomben

der Musikgeschichte Staub zu wedeln und Juwelen

zu entdecken. Niemand anderes schafft es so wie sie,

vergessenen Komponisten zum posthumen Ruhm zu

verhelfen.

Dieses Mal hat Bartoli den italienischen Komponisten

Agostino Steffani entdeckt, der lange Zeit

in Deutschland wirkte. Er war ein Universalgenie

am Anfang des 18. Jahrhunderts, Bischof und

Geheimagent seines Herren Ernst August von

Hannover. Sein Leben ist so spannend, dass

Bartoli die Bestseller-Autorin Donna Leon gleich

zu einem neuen Fall inspirierte.

In der Hauptsache aber war Steffani Komponist.

Er lernte die Legenden seiner Zeit, etwa den

großen französischen Komponisten Lully, kennen,

schuf aber eine eigene musikalische Sprache,

die Bartoli nun vorstellt. „Steffani zeigt uns in

seinem Schaffen eine musikalische Welt der

Effekte und Gefühle – einen berauschenden

Kosmos“, sagt sie. „Mir geht es so, dass seine

Musik zum Fliegen animiert.“ Und genau diese

Schwerelosigkeit im Universum der Töne liegt

der Bartoli. Sie singt nicht nur, sondern malt

die Arien Steffanis in bunten, hellen und dunklen

Farben. Ihr zur Seite die „I Barocchisti“

unter Diego Fasolis, mit denen sie das Steffani-

Projekt nun auch weiter treibt und die „Stabat

Mater“ des Komponisten aufnimmt.

„Musikalische Luft

zum Atmen“

Sol Gabetta und Hélène Grimaud beflügeln sich gegenseitig,

wenn sie zusammen spielen. Hier reden sie über den Zauber ihrer

gemeinsamen Arbeit.

Sol Gabetta: Wir haben zwei gemeinsame

Konzerte gegeben, bevor wir die CD „Duo“

aufgenommen haben. Die ersten Begegnungen

waren so natürlich und selbstverständlich,

dass wir sie unbedingt fortsetzen

wollten.

Hélène Grimaud: Ja, es war eine sehr intensive,

gleichsam aber auch irgendwie luftige

und leichte Zusammenarbeit – leicht im

Sinne von schwebend.

Gabetta: Das Tolle ist, dass nicht viele

Worte nötig sind. Es ist ja nicht leicht,

Musiker zu finden, mit denen man sich

gegenseitig inspiriert – ohne sich zu verbiegen.

Ich merke, wenn ich mit dir spiele, dass

wir es schaffen, einen Raum für Musik zu

kreieren, der, wenn es nach mir ginge, gar

nicht aufhören sollte.

Grimaud: Das liegt vielleicht daran, dass

wir zwar ernsthaft arbeiten und uns gar

nicht immer einig über jede Phrase sind.

Aber wir musizieren auf der gleichen Wellenlänge.

Dabei sind der Klang von Cello

und Klavier ja schwer vereinbar. Wenn das

Cello in der tieferen Region spielt, passiert

es leicht, dass das Klavier das Cello übertönt.

Wir müssen also stets aufeinander

hören und auf die spezifischen Eigenschaften

der unterschiedlichen

Instrumente

reagieren.

Gabetta:

Vielleicht ist es

das, was mich

so begeistert,

dass ich in dieser

Konstellation

immer Luft zum

musikalischen

Atmen habe.

Und was die Wellenlänge betrifft, glaube

ich, dass sie darin besteht, dass bei dir,

Hélène, beim Musizieren alles zusammenkommt:

Konzentration, Fluss, Epik und

Effekt. Wir haben, glaube ich, eine ähnliche

Meinung davon, was genau wir in einem

Stück zum Klingen bringen wollen.

Grimaud: Das Programm beflügelt ja auch

durch seine Unterschiedlichkeit: Schumann,

Debussy, Brahms und Schostakowitsch

– das ist wie eine Reise ...

Gabetta: Eine abwechslungsreiche Reise

mit vielen Gegensätzen. Und gerade da

braucht man innere Gemeinsamkeit, um sie

anzutreten.

Hélène Grimaud, Sol Gabetta /

Duo (Deutsche Grammophon)/

Kammermusikeinspielung des Jahres

(19. Jh) / gem. Ensemble.

Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Diego Fasolis /

Mission (DECCA) / Welt-Ersteinspielung des Jahres.

Konzerteinspielung des Jahres

(20./21. Jh.) / Violine

Patricia Kopatchinskaja

Bartók / Eötvös / Ligeti: Violinkonzerte, Seven

Naïve / Indigo

Konzerteinspielung des Jahres

(20./21. Jh.) / Klavier

Herbert Schuch Viktor Ullmann: Piano Concerto

op. 25; Beethoven: Piano Concerto No. 3

OehmsClassics

Konzerteinspielung des Jahres (20./21. Jh.) /

Klavier-Duo Duo Tal & Groethuysen,

Musikkollegium Winterthur, Douglas Boyd

Ralph Vaughan Williams: Concerto for two Pianos

& Orchestra / Symphony No. 5 Sony Classical

Chorwerkeinspielung des Jahres

Vocalconsort Berlin, James Wood

Carlo Gesualdo: Sacrae Cantiones,

Liber Secundus

harmonia mundi


ECHO KLASSIK MAGAZIN 30 | 31

Mit „Le Sacre du Printemps“ schließen

die Berliner Philharmoniker und

Simon Rattle einen musikalischen Kreis.

Große Dirigenten werden im Zusammenhang

mit ihren Orchestern ja oft durch

wenige Stücke erinnert: Furtwängler und

Karajan durch ihre Interpretationen von

Beethovens Neunter mit den Berliner Philharmonikern,

Claudio Abbado mit seinem Mahler-Zyklus – und

Sir Simon Rattle, der Erneuerer des Berliner Klanges,

wird wahrscheinlich stets mit Stravinskys „Le Sacre

du Printemps“ verbunden werden, diesem Schocker

der Musikgeschichte, der das Publikum der Uraufführung

an den Rand des Wahnsinns getrieben hat.

Pünktlich zur Bekanntgabe, dass Simon Rattle die

Berliner Philharmoniker verlassen wird, und pünktlich

zum 100. Jubiläum von Stravinskys Skandal-

Stück, hat der Dirigent dieses Werk nun mit seinem

Orchester aufgenommen. Und dahinter steckt wohl

mehr als die pure, hörbare Begeisterung des Maestros

für die aufgeregt nervöse Musik. Das „Sacre“

war einer der ersten Meilensteine der Ära Rattle in

Die Veränderung

des ewig Gleichen

Emanuel Ax nimmt die Kunst der Variation unter

die Lupe und verblüfft durch lustvolle Aperçus.

D

ie Variation ist die

Wiederkehr des immer

Gleichen in veränderter

Form. Was sich

in Worten so akademisch anhört,

ist in der Musik ein beliebtes

und unterhaltsames Spiel unter

Komponisten gewesen. Alles

dreht sich dabei um die Frage,

welche Kunstgriffe dem Schöpfer

einfallen, um eine weitgehend

eingängige Melodie durch minimale

Wandlungen, unterschiedliche

harmonische Einbettungen

und trickreiche Neudeutungen

möglichst spannungsreich zu

deklinieren. Haydn, Beethoven

und Schumann waren Meister

in dieser Disziplin. In der Regel

haben sie eine leichte Melodie

ausgewählt, um aus ihr dann –

Der allzu menschliche Rhythmus

im Verlauf des Werkes – ein

Meisterwerk zu entwickeln. Die

Variation hört sich aufgrund ihres

Ohrwurm-Charakters oft an wie

eine Fingerübung, ist aber in der

Regel ein zutiefst anspruchsvoller

Kompositionsvorgang, der Interpreten

vor die Herausforderung

stellt, ihre eigene Vielfältigkeit

unter Beweis zu stellen.

Zu hören ist das in den f-Moll-

Variationen von Joseph Haydn,

in Robert Schumanns Symphonischen

Etüden und Beethovens

Eroica-Variationen, die so heißen,

weil der Komponist das Thema

später auch im Schlusssatz seiner

dritten Sinfonie verwendete.

Und irgendwie passt die Variation

zu einem Pianisten wie Emanuel

Ax, der vor 39 Jahren den Arthur-

Rubinstein-Wettbewerb gewonnen

hat und seitdem als einer der

versiertesten Klavierspieler in der

ganzen Welt auftritt: stets bescheiden,

sich selbst in den Hintergrund

stellend – ein Diener der

großen Komponisten. Es erstaunt

also nicht, dass Emanuel Ax, wenn

er sich nun die kleinen Mikrokosmen

der Variationen vorknöpft,

ebenso lustvoll zu Werke geht wie

dann, wenn er auf seiner Homepage

schnippische Kommentare

über das Applausverhalten in

Berlin. Das Stück bildete die Grundlage für sein weltweit

einmaliges Education-Programm, das mit dem

Film „Rhythm is it“ bekannt wurde – in ihm tanzen

Berliner Kinder zu Stravinskys wilden Klängen. „Le

Sacre du Printemps“ stand lange für den Aufbruch

in Berlin.

Auf ihrer aktuellen Aufnahme lassen die Philharmoniker

und Simon Rattle nun hören, dass sie dieses

rhythmisch harte Stück auch musikalisch neudeuten

können und schließen damit einen Kreis: Neben den

furiosen Passagen kümmert sich der Dirigent einfühlsam

darum, im Rausch immer auch das humane

Antlitz hörbar zu machen, stellt die Effekte gern

hintenan, um das allzu Menschliche in dieser Partitur

herauszuschälen und dem zerstörerischen Rausch

ein Fünkchen Hoffnung entgegenzustellen. Mit ihrer

nächsten Einspielung werden die Berliner und Simon

Rattle dann erneut ein rhythmisches Meisterwerk

unter die Lupe nehmen: Sergej Rachmaninoffs „Glocken“.

sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker / Le

Sacre du Printemps (Warner Classics) Sinfonische

Einspielung des Jahres (20. / 21. Jh.).

Konzerten schreibt oder Aperçus

der Klassik-Welt erzählt. Plötzlich

wird klar, was diesen Klavierspieler

ausmacht: Sein feinfühliges Gespür

für Pointen, seine Fähigkeit

zu erzählen, seine ernsthaft untermalte

Ironie und die Fähigkeit,

selbst in kleinen Noten-Konstellationen

ganze Gedankenwelten

entstehen zu lassen.

Emanuel Ax / Haydn, Beethoven,

Schumann: Variations (Sony

Classical) / Solistische

Einspielung des Jahres

(19. Jh.) / Klavier.

„Ich kann nicht

aufhören zu singen“

Die russische Sängerin Julia Lezhneva ist erst 24 Jahre jung.

Hier erklärt sie ihren Weg zur ersten CD.

Von Julia Lezhneva

I

ch spielte Klavier, seit ich fünf Jahre alt bin und habe

mit anderen Kindern im Chor gesungen. Als ich sieben

Jahre alt wurde, ist meine Familie nach Moskau

gezogen, und ich habe am Moskauer Konservatorium

Klavier studiert. Aber ich habe auch immer mit dem Singen

weitergemacht, so wie all die anderen Kinder damals auch.

Singen war und ist für mich der tiefste Ausdruck meiner

Gefühle.

Ich habe schon sehr früh begonnen, mich für CD-Aufnahmen

zu begeistern. Mein großes Idol war damals John Eliot

Gardiner. Seine Einspielung von Händels „Hercules“ habe

ich mindestens tausend Mal gehört. Es passierte immer

irgendetwas Mystisches: Ich bin in eine eigene Welt abgetaucht,

konnte mich in den Klängen verlieren und auflösen

in dieser Musik. Zur gleichen Zeit hat mich aber auch die

„Markus-Passion“ von Bach begeistert. Ich habe sie an

manchen Tagen stundenlang gehört und dabei alle Rollen

auswendig gelernt. Das war natürlich alles noch Spielerei.

Aber ziemlich schnell hat meine Stimmausbildung dazu

geführt, dass ich nun auch technisch in der Lage war, all

diese wunderschöne Musik, die ich immer gehört habe,

selber zu singen.

In meinem zweiten Jahr an der Cardiff International Academy

of Voice kam die großartige Sängerin Kiri Te Kanawa,

um eine Meisterklasse zu geben. Damals habe ich ihr eine

Rossini-Arie vorgesungen, und sie hat mich spontan eingeladen,

mit ihr bei den „Classical Brit“ aufzutreten. Das war

einer der schönsten Momente für mich, und ich bin Kiri Te

Kanawa für immer dankbar.

Nun habe ich für DECCA das Album „Alleluia!“ mit großartiger,

barocker Kirchenmusik aufgenommen – und ich habe

jede Sekunde dieser Arbeit genossen. Natürlich auch, weil

ich mich schon seit Langem besonders in die Motetten, die

wir aufgenommen haben, verliebt hatte. Ich war sehr jung,

als ich sie zum ersten Mal gehört habe. Aber Mozart war ja

auch erst 16 Jahre alt, als er sein „Exultate Jubilate“ komponierte.

Das muss man sich einmal vorstellen!

Trotzdem sind das alles natürlich sehr komplizierte Werke,

die wir ausgewählt haben. Aber ich habe erlebt, wie schön

es ist, während der Proben offen mit seinen Gedanken zu

sein, sie zu teilen und die Gedanken anderer zu verstehen.

So ist mit dem Orchester Il Giardino Armonico unter Maestro

Giovanni Antonini ein Album entstanden, das langsam

gewachsen ist – durch die Inspiration vieler unterschiedlicher

Musiker, die im Laufe der Zeit eine gemeinsame

Basis entwickelt haben. Plötzlich war das Singen so, als

würde ich mit mir selber sprechen – ein sehr innerlicher und

intimer Moment.

Julia Lezhneva / Alleluia! (DECCA) / Nachwuchskünstlerin

des Jahres / Gesang.

Operneinspielung des Jahres (17./18. Jh.)

Max Emanuel Cencic, Philippe Jaroussky,

Diego Fasolis, Concerto Köln

Vinci: Artaserse

Erato / Warner Classics

Operneinspielung des Jahres (19. Jh.)

Mariinsky Orchestra, Valery Gergiev

Wagner: Die Walküre

Mariinsky / note1

Operneinspielung des Jahres (20./21. Jh.)

Ian Bostridge

Britten: The Rape of Lucretia

erato / warner Classics

Solistische Einspielung des Jahres

(17./18. Jh.) / Orgel

Leo van Doeselaar

Heinrich Scheidemann: Orgelwerke

MDG


ECHO KLASSIK MAGAZIN 32 | 33

Die neue Macht

der Emotion

Janine Jansen und Leonidas kavakos

sind die Geiger, die den Klang unserer Zeit

erzeugen.

K

lassik ist, wenn immer neue Generationen sich

die alten Meisterwerke zu eigen machen. Und

die beiden Geiger Leonidas Kavakos und Janine

Jansen stehen vielleicht für die Vielfalt, die unsere

Zeit ausmacht. Kavakos, der griechische Ausnahmevirtuose,

den man auf dem Konzertpodium erlebt haben

muss. Ihm gelingt es innerhalb weniger Töne, eine magische

Aura zu entfalten, welche die Luft im Publikumssaal

vibrieren lässt. Bei ihm ist sofort alles Musik. Dieses

Erlebnis ist nun auch auf drei CDs in der Einspielung seiner

Beethoven-Violinkonzerte zu hören.

Eine ganz andere Aura verströmt

die niederländische Geigerin

Janine Jansen: Ihr Spiel ist von

einer modernen Frische geprägt,

von technischer Schönheit

und emotionaler Tiefe.

Selten hat man Schönbergs

verklärte Nacht und Schuberts

Streichquartett verträumter, jenseitiger

und weiter außerhalb dieser Welt angesiedelt gehört

als bei ihr. Was diese Generation der Geiger ausmacht,

ist ihre Ernsthaftigkeit und ihr unbedingter Glaube an die

Emotionalität als Ausdrucksmittel. Beide engagieren sich

neben ihren Solo-Auftritten für die Vermittlung von Musik:

Kavakos als Leiter der Camerata Salzburg, Janine Jansen als

künstlerische Chefin eines eigenen Kammermusikfestivals

in Utrecht. Das Einzige, was sich bei diesen beiden Ausnahmegeigern

alt anhört, sind ihre Instrumente: Beide spielen

Stradivaris und erzeugen auf ihnen den Soundtrack unserer

Gegenwart.

Leonidas Kavakos / Beethoven: The Complete Violin

Sonatas (DECCA) / Instrumentalist des Jahres / Violine.

Janine Jansen / Schönberg: Verklärte Nacht, Schubert:

Streichquartett (DECCA) / Kammermusikeinspielung des

Jahres (19. Jh.).

Höher geht

es nicht

Der Countertenor Max Emanuel Cencic

hat seine Kollegen versammelt und eine

Oper der Superlative organisiert.

A

ls Sir Georg Solti Max Emanuel Cencic

bei den Wiener Sängerknaben hörte,

sagte er, dass er gerade den schönsten

Knabensopran der Welt gehört habe.

Inzwischen ist Cencic 37 Jahre alt – und noch immer

Sopran. Wohl kaum ein anderer Sänger hat in seiner

Karriere so viel für die Berühmtheit von Countertenören

getan wie er. Cencic ist mehr als ein Sänger,

er sucht sich Gesangspartner, um gemeinsam mit

ihnen die Kunst der hohen Stimme zu feiern, trommelt

Kollegen für spektakuläre Konzerte zusammen

und arbeitet als Produzent für seine eigene Firma

Parnassus, um das Kastratenfach mit Aufnahmen in

die Welt zu tragen.

Für sein Plattenlabel hat der Sänger aus Zagreb

nun einen seiner größten Coups gelandet. Er hat die

fünf führenden Countertenöre unserer Zeit für eine

Einspielung der Oper „Artaserse“ von Leonardo Vinci

zusammengebracht. Gemeinsam inszenieren sie ein

spektakuläres Feuerwerk der hohen Noten: Der Franzose

Philippe Jaroussky, der Argentinier Franco Fagioli,

der Rumäne Valer Barna-Sabadus, der Ukrainer

Yuriy Mynenko und Max Emanuel Cencic selber stürzen

sich in die Partitur um einen Sohn, dessen Vater

einen Mord gesteht, und den Sturz des Thronfolgers

Artaserse. Ein Opernkrimi, der seinen Protagonisten

virtuose Höchstleistungen abverlangt.

All das scheint für den Dirigenten Diego Fasolis und

sein Concerto Köln kein Problem zu sein. Er manövriert

die Sänger durch ergreifende Leidenschaften,

Verzweiflung und barocke Seelenwelten. Cencics

Star-Ensemble wandert durch die Turbulenzen der

Mythologie, verwischt die Grenzen von Mann und

Frau und stellt stets den singenden Menschen als

Form des höchsten Ausdrucks in den Mittelpunkt.

Wer noch immer überzeugt werden muss, dass

Countertenöre die wahren Diven der Opernwelt sind,

kommt an dieser Einspielung einfach nicht vorbei.

Max Emanuel Cencic, Philippe Jaroussky, Diego

Fasolis, Concerto Köln / Vinci: Artaserse (ERATO) /

Operneinspielung des Jahres (17./18. Jh.).

Solistische Einspielung des Jahres

(19. Jh.) / Klavier

Emanuel Ax

Haydn / Beethoven / Schumann: Variations

Sony Classical

Solistische Einspielung des Jahres

(20./21. Jh.) / Klavier

Nikolai Lugansky

Rachmaninov: Klaviersonaten 1 & 2

Naïve / Indigo

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang

(Duette / Opernarien)

Elīna Garança

Romantique

Deutsche Grammophon / Universal

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang

(Arien / Rezitale)

Rolando Villazón

Villazón Verdi

Deutsche Grammophon / Universal


ECHO KLASSIK MAGAZIN 34 | 35

Wahrhaftigkeit

als Zustand der Normalität

Wenn Sol Gabetta Schostakowitschs Cellokonzert

spielt, interpretiert sie es nicht – sie verkörpert es.

D

as Kultur-Diktat der Stalin-Diktatur war 1959

allmählich überwunden, Dimitri Schostakowitsch,

der unter dem Sowjet-System zu

leiden hatte, atmete wieder Morgenluft – und

schrieb vielleicht eines seiner größten und emotionalsten

Werke. Im ersten Cellokonzert rechnete der Komponist

mit dem Diktator, unter dem er gelitten hatte, ab. Der

große Mstislaw Rostropovich führte das Werk damals

zum ersten Mal in Leningrad auf. Neben den politischen

Anspielungen versteckte Schostakowitsch auch intimste,

zärtlichste Botschaften. So klang in seinem autobiographischen

Streichquartett Nr. 8, in dem er seine stille Sehnsucht

nach einem besseren Leben ausdrückte, bereits das

Hauptmotiv des Cellokonzertes an. Dieses Werk ist mehr

als Musik: Es ist Ausdruck des zerrissenen Menschseins.

Und ein mentaler Marathon, ein aufwühlendes Klangereignis,

das vom Musiker den Einsatz des gesamten Körpers

fordert – die absolute Hingabe.

Sol Gabetta hat dieses Cellokonzert zum ersten Mal gespielt,

als sie 16 Jahre jung war. Heute ist das für sie fast

unvorstellbar. Wenn sie sich daran erinnert, erklärt sie:

„Dieses Stück verlangt so unglaublich viel Kraft vom Solisten,

nicht nur mental, sondern auch physisch. Damals

konnte ich all das nur durchstehen, weil ich jeden Tag

gelaufen bin, um meinen Körper für diese Musik fit zu

machen.“

Inzwischen ist die Cellistin aus Argentinien weiter gereift.

Und ihre Interpretation von Schostakowitschs Mammutwerk

gemeinsam mit den Münchener Philharmonikern

unter Marc Albrecht ist ein urgewaltiges Klangerlebnis.

Gabetta scheint sich mit ihrem Körper in Musik aufzulösen,

tritt den Beweis an, dass Musik immer auch eine Form

physischen Ausdrucks ist und verwandelt ihr Cello sofort

wieder in puren Geist, wenn sie den luftig melodiösen

Gedanken hinterherlauscht. „Natürlich ist Rostropowitsch

für alle Cellisten ein großes Vorbild“, sagt sie zum Interpreten

der Uraufführung, „aber der Reiz der klassischen Musik

liegt ja auch darin, dass man seine eigenen Interpretationen

findet, sich die alten Meisterwerke zu eigen macht.“

Und gerade auf diesem Feld ist Sol Gabetta eine Meisterin.

Ein Teil ihres Erfolges liegt sicherlich darin begründet, dass

sie sich im Moment des Spieles vollkommen im Raum der

Musik bewegt, dass sie es schafft, sich und ihre Zuhörer

in einem Kosmos aus Noten, Körper und Geist aufzulösen,

dass sie aufgrund ihrer technischen Brillanz die Freiheit

hat, sich selbst bei kompliziertesten Stellen allein um den

Ausdruck zu kümmern – und dass sie es mit jedem Werk

schafft, eine natürliche Interpretation zu finden, Musik aus

ihrer eigenen Welt, aus ihrem eigenen Dasein wortwörtlich

zu „verkörpern“.

Seit Jahren hat sich Sol Gabetta als führende Cellistin etabliert,

die so lebt, wie sie musiziert: voller Begeisterung,

Hingabe und Freude an der Musik. Diese Künstlerin scheint

den Klang zum Atmen zu brauchen, lässt uns erfahren, was

es bedeutet, dass Musik existenziell sein kann – überlebensnotwendig.

Diese Freude vermittelt Gabetta nicht nur

auf dem Konzertpodium, sondern auch in der Fernsehsendung

„KlickKlack“ und bei ihrem Festival „SOLsberg“ im

schweizerischen Olsberg, wo sie mit Freunden musiziert

und die Intimität des Ausdrucks feiert. Sol Gabetta ist eine

der wenigen Musikerinnen unserer Zeit, für die Wahrhaftigkeit

ein Zustand der Normalität ist.

Sol Gabetta / Schostakowitsch: Cellokonzert

Nr. 1, Rachmaninoff: Cellosonate (Sony Classical) /

Instrumentalistin des Jahres / Cello.

Solistische Einspielung des Jahres /

Gesang (Lied)

Mark Padmore

Britten: Serenade & Nocturne; Finzi: Dies Natalis

harmonia mundi

Kammermusikeinspielung des Jahres

(bis 17./18. Jh.) / Bläser

Ensemble Villa Musica

Devienne: Sonaten für Oboe und Fagott

MDG

Kammermusikeinspielung des Jahres

(bis 17./18. Jh.) / gem. Ensemble

Musica Alta Ripa

Leclair: Récréations de musique

MDG

Kammermusikeinspielung des Jahres

(bis 17./18. Jh.) / gem. Ensemble

Jordi Savall, Hespèrion XXI

Armenian Spirit

Alia Vox / harmonia mundi


ECHO KLASSIK MAGAZIN 36 | 37

Was

Orient

undOkzident

Fazil Say ist nicht nur begnadeter Pianist

und Komponist, sondern auch ein Wandler

zwischen den Welten, der für die freie Meinung

sein Leben riskiert und sich mit der

Politik in seiner Heimat, der Türkei streitet.

Herr Say, wie unterschiedlich sind die kulturellen

Hintergründe zwischen Orient und

Okzident in der Musik?

Wenn man alles von der Harmonielehre aus

betrachtet, sind diese Kulturen eigentlich

nicht miteinander zu verbinden. Sie basieren

auf komplett unterschiedlichen Tonartverständnissen:

Im Westen denkt man in Dur

und Moll, aber im 16. Jahrhundert haben wir

in Anatolien ganz andere Harmonien benutzt.

Wir haben heute 550 unterschiedliche Tonalitäten,

mit denen wir spielen. Und die kann

man nicht einfach in die temperierte westliche

lernen können

Musik übersetzen. Ein „A“ am Klavier bleibt

ein „A“ – eine türkische Flöte aber spielt mit

Zwischentönen, das kann schnell schief gehen.

Was bedeutet das für die Zusammenführung

von Kulturen?

Für mich ist die Lehre aus der Musik auch eine

Lehre für das Leben. Wir können die unterschiedlichen

Kulturen nicht einfach so miteinander

verschmelzen. Was wir aber können,

ist, sie gleichberechtigt nebeneinander stehen

zu lassen, Unterschiede zu akzeptieren und

harmonische Brücken bauen. Wir müssen

uns der Unterschiede bewusst werden, sie

verstehen und pflegen. So mache ich das auch

in meinen Kompositionen, in denen Musik aus

Orient und Okzident zur gleichen Zeit nebeneinander

erklingen – zu so viel Toleranz sollten

wir Menschen doch auch in der Lage sein.

Fazil Say / Sonderpreis.

Die

kunst

Alexander Krichel ist hochbegabt

als Mathematiker. Als Musiker ist

er aber noch besser.

A

chtung, hier kommt ein Mann,

der anders ist als viele andere.

Beispiele gefällig? Bitte schön:

Alexander Krichel war Preisträger

bei der Mathematik-Olympiade, beim Bundeswettbewerb

Fremdsprachen und beim Wettbewerb

„Jugend forscht“ im Bereich Biologie.

Er war in der Förderklasse für Hochbegabte

Mathematiker an der Universität in Hamburg –

und wenn es nach seinen Eltern gegangen

wäre, würde der 24-Jährige heute als Arzt Operationen

durchführen. Aber zum Glück ist Alexander

Krichel bereits mit 14 Jahren seinem

großen Idol, Franz Liszt, begegnet und dessen

Ballade „Hero und Leander“. Diese Musik hat

ihn in eine andere Welt entführt. Und fortan

wusste er, dass Musik seine Berufung sein

der

emotionalen

Mathematik

wird. Kurzerhand hat Krichel sich entschlossen,

seine Karriereplanung umzubauen – und

das mit Erfolg. Nach seinem CD-Debüt bekam

er einen Exklusiv-Vertrag bei Sony Classical,

wo er das Album „Frühlingsnacht“ mit Werken

von Schumann, Mendelssohn, Schubert und

Weber aufnahm. Sein einfühlsames Spiel,

seine brillante Technik und seine musikalische

Hingabe haben die Jury des ECHO Klassik so

sehr begeistert, dass sie diesen Ausnahmekünstler

sofort als Nachwuchskünstler des

Jahres ausgezeichnet hat.

Die Welt der Musik ist am Ende ja auch nur

der emotionale Ausdruck von Alexander Krichels

Lieblingsfach Mathematik: Klang ist die

Kunst, das Geheimnis der Zahlen mit Leidenschaft

zu verbinden. Und für den jungen Pianisten

ist Musik noch viel mehr. „Sie gibt mir

die Möglichkeit, mich auszudrücken, wie ich es

mit Worten kaum könnte“, sagt er. Vielleicht

macht genau das seine Kunst aus: Krichel ist

ein romantischer Erzähler am Klavier, jemand,

der Klänge für Worte findet, die oft unaussprechbar

sind: sensibel, einfühlsam und jenseits

der eigentlichen Sprache. Im Vordergrund

steht bei ihm stets die Sinnlichkeit: „Durch

Musik bin ich auch als Mensch gegenüber den

Gefühlen viel offener“, erklärt der Pianist.

In Deutschland gehört er noch zu den Geheimfavoriten,

im Ausland sieht all das schon anders

aus. Nach seiner Tournee durch Venezuela

wird er in Südamerika wie ein Popstar gefeiert.

Das allein aber reicht Krichel nicht – noch immer

übt er fast zehn Stunden täglich und zieht

sich gern zurück, um an eigenen Kompositionen

zu tüfteln. Alexander Krichel lebt derzeit

in Musik – und es sind große Ereignisse, wenn

er auftaucht und uns in seinen Konzerten oder

auf seinen CDs an dieser Welt teilhaben lässt.

Alexander Krichel / Frühlingsnacht

(Sony Classical) / Nachwuchskünstler

des Jahres / Klavier.

Kammermusikeinspielung des Jahres

(19. Jh.) / Streicher

Belcea Quartet

Beethoven: Die kompletten Streichquartette Vol. 1

Zig Zag Territories / note1

Kammermusikeinspielung des Jahres

(19. Jh.) / gem. Ensemble

Hélène Grimaud, Sol Gabetta

Duo

Deutsche Grammophon / Universal

Kammermusikeinspielung des Jahres

(19. Jh.) / Streicher

Janine Jansen Schönberg: Verklärte Nacht,

Schubert: Streichquintett

DECCA / Universal

Kammermusikeinspielung des Jahres

(20./21. Jh. ) / Streicher

David Geringas, Gringolts Quartett

Braunfels: Streichquintett, Strauss:

Metamorphosen Profil


ECHO KLASSIK MAGAZIN 38 | 39

Die Tücke des „Zack!“

Seit 28 Jahren spielt das Duo Tal & Groethuysen nun

zusammen – und gewinnt seinen fünften ECHO Klassik.

E

s

gibt Künstler, die so etwas wie Stammgäste beim ECHO

Klassik sind. Bereits vier Mal wurde das Klavierduo Yara Tal

und Andreas Groethuysen ausgezeichnet – ein Zeichen dafür,

dass die klassische Musik von Kontinuität lebt. Seit 28

Jahren treten die Pianistin aus Israel und ihr musikalischer Partner aus

München gemeinsam auf. Ihrem Spiel ist die musikalische Symbiose

anzuhören, ein blindes Selbstverständnis in Interpretationsfragen und

ein gemeinsames Öffnen gegenüber den Partnern, mit denen sie auftreten.

Längst sind die großen Zentren der Musik ihre Wohnzimmer:

das Concertgebouw, die Berliner Philharmonie und die Tonhalle Zürich.

Neun Preise der Deutschen Schallplattenkritik für das in München

lebende Super-Duo und ihr Label Sony Classical sprechen für sich.

Das Spiel von Klavierduos ist besonders kompliziert, erklärt Andreas

Groethuysen: „Musikalisch-technisch gibt der Anschlag beim Klavierspiel

im ersten Moment einen sehr hohen Impuls und verklingt dann

sehr schnell. Bei den meisten anderen Instrumenten entwickelt sich

ein Ton für gewöhnlich. Aber beim Klavier geht es: ‚Zack!’ Und dieses

‚Zack!’ muss beim Duospiel perfekt zusammen sein. Eine fehlende

Synchronität merkt der Zuhörer hier viel stärker als bei anderen Besetzungen.“

Von Ad-hoc-Duos mit fremden Musikern hält der Pianist deshalb

nicht viel, weil er seit Jahren weiß, dass gemeinsames Musizieren

ein tiefes gemeinsames Verständnis für Klang bedeutet – so wie er es

mit Yara Tal entwickelt hat.

Mit der Einspielung des Konzerts für zwei Klaviere und Orchester des

englischen Komponisten Ralph Vaughan Williams stellen die beiden

Pianisten einmal mehr ihre Weltklasse unter Beweis. Mit beeindruckender

Präzision und hinreißender Musikalität interpretieren sie das

selten eingespielte Doppelkonzert, das sich durch seinen großen Reichtum

an Klangfarben und seine Vielfalt an Stimmungen auszeichnet.

Das Musikkollegium Winterthur unter Douglas Boyd begleitet das

Doppelkonzert einfühlsam und gestaltend zugleich.

Duo Tal & Groethuysen, Musikkollegium Winterthur, Douglas Boyd /

Ralph Vaughan Williams: Concerto for two Pianos & Orchestra /

Symphony No. 5 (Sony Classical) / Konzerteinspielung des Jahres

(20./21. Jh.) / Klavier-Duo.

„Mit Beethoven kann

ich nicht reden“

Patricia Kopatchinskaja untersucht die ungarische

Seele und wendet sich nun Russland zu.

Wer die Geigerin aus Moldavien auf dem Konzertpodium hört, hört

vor allen Dingen: pure Energie. Auf ihren CDs schafft es Patricia

Kopatchinskaja, diese Kraft zu retten.

Frau Kopatchinskaja, Sie haben drei ungarische Komponisten aufgenommen

– neben Bartók auch Ligeti und Eötvös. Was gefällt

Ihnen an Gegenwartsmusik?

Musik mit lebenden Komponisten zu machen, ist eine Herausforderung.

Für mich ist Eötvös einer der besten Komponisten unserer

Zeit, und ich wollte ihn unbedingt fragen, ob er mitmacht – und er

hat „Ja“ gesagt und dirigiert auch. Unter anderem Ligeti, dessen

Uraufführung er schon geleitet hat. Eötvös hatte sogar die Originalnotizen

dieser Uraufführung in seiner Partitur. Das löst bei mir

Gänsehaut aus. Mit Beethoven kann ich nicht mehr reden, aber

es ist ein Erlebnis, intensiv mit den großen Meistern unserer Zeit

zusammenzuarbeiten.

Was hat Eötvös zu Ihrer Interpretation gesagt?

Er hat mir viel Freiheit gegeben. Kompositionen sind für Komponisten

ja wie Kinder: Irgendwann muss man sie einfach gehen lassen

und den Künstlern vertrauen. Die Schönheit der Kunst besteht

in ihrer Subjektivität.

Auf Ihrem neuen Album spielen

Sie Prokofiev und Stravinsky,

eine andere Welt …

Die ungarische Musik zeichnet

sich durch individuelle Gedanken,

die mit Volksmusik

verbunden sind, aus. In der

russischen Schule ist der

nationale Hintergrund noch

viel größer, weil Russland

eine Weltmacht und eine

Diktatur war – die privaten

Kämpfe der Komponisten

mit der Politik schwingen

da immer mit.

Patricia Kopatchinskaja /

Bartók, Eötvös, Ligeti:

Violinkonzerte, Seven

(Naive) / Konzerteinspielung

des Jahres (20./21. Jh.) /

Violine.

Christian Schmitt gehört zu den

Virtuosen der jungen Organisten.

Nun nimmt er sich das Werk Widors

vor.Zuweilen sind es technische Errungenschaften

bei Instrumenten, die

neue Kompositionen erst ermöglichen.

Als der Orgel-Tüftler Cavaillé-

Coll Ende des 19. Jahrhunderts Instrumente

mit ganz neuen Klangformen entwickelte,

spornte das den Komponisten Charles-Marie

Widor zu seinen Orgelsinfonien an: Spektakuläre

Stücke, in denen die Orgel

als gleichwertiges Instrument zum

Orchester behauptet wird – eine

Herausforderung für jeden Organisten.

Christian Schmitt ist einer

der profiliertesten jungen Organisten

und hat diese Sinfonien mit den Bamberger

Symphonikern nun in einem CD-Projekt von

Von der Datscha

in die Welt

Nikolai Lugansky ist einer der besten Rachmaninov-

Interpreten. Das beweist er nun mit dessen Klaviersonaten.

Bevor Nikolai Lugansky seine erste Klavierstunde erhielt, war er bei

Freunden auf einer benachbarten Datscha zu Besuch. Aus Zeitvertreib

setzte er sich ans Klavier und spielte eine Beethoven-Sonate, die er zuvor

nur gehört hatte. Seine Eltern erkannten sein „absolutes Gehör“ und der

Junge durfte „das Geschenk der Musik, das in mir schlummerte“ ausleben. Heute zählt

Lugansky zu den gefeiertesten Pianisten unserer Zeit.

Das beweist er einmal mehr mit seiner Einspielung von Sergej Rachmaninovs Klaviersonaten.

Rachmaninov war sehr skeptisch, was Aufnahmen betraf. Er sagte einmal: „Ich werde

sehr nervös bei Einspielungen. Wenn mir bewusst wird, dass dieses Ergebnis jetzt von

Dauer sein soll, werde ich nervös, und meine Hände beginnen sich anzuspannen.“ Bei Lugansky,

einem der versiertesten Rachmaninov-Kenner, könnte der Komponist entspannen:

akkurat, kühl analysierend, gleichzeitig emotional erfüllt und voller Persönlichkeit interpretiert

er die Klaviersonaten eins und zwei. Wer ebenfalls skeptisch ist, was Aufnahmen

betrifft, hat immer wieder die Möglichkeit, diesen Ausnahmepianisten auch live zu erleben:

in Hannover (24.,25.10.), Mannheim (5.12.), Freiburg (6.12.) oder Frankfurt (8.12.).

Nikolai Lugansky / Rachmaninov: Klaviersonaten 1 & 2 (Naive) /

Solistische Einspielung des Jahres (20./21. Jh.) / Klavier.

Die unendlichen Möglichkeiten

eines Instruments

cpo (in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen

Rundfunk) aufgenommen. In der zweiten

Folge wird die 7. Orgelsolo-Symphonie op. 42

mit der Orgelsymphonie op. 69 verbunden,

dem ersten derartigen Werk Widors, das der

Komponist selbst als „großes Konzert für

Orgel“ beschrieb.

Schmitts energisches und zupackendes Spiel

wird den Anforderungen an die Orgel als

Instrument der Überwältigung gerecht, der

Musiker spielt mit dem Orchester und den

Möglichkeiten des Klanges. Kritiker von „Klassik

Heute“, „klassik.com“ und „ClassicsToday“

loben ihn als Orgelmeister der jungen Generation

und feiern seine Poesie und seine Kraft,

wenn er den Cavaillé-Coll-Klang wiederbelebt.

Einen Sound, der so modern ist, dass er uns

noch immer die Ohren putzt.

Christian Schmitt, Bamberger Symphoniker,

Stefan Solyom / Charles-Marie Widor:

Orgelsymphonien op. 42, 3 & 69 (cpo) /

Konzerteinspielung des Jahres (19. Jh.) / Orgel.

Kammermusikeinspielung des Jahres

(20./21. Jh.) / gem. Ensemble

Steffen Schleiermacher, Andreas Seidel

Morton Feldman: Violine und Klavier

MDG

Welt-Ersteinspielung des Jahres

Cecilia Bartoli, I Barocchisti, Diego Fasolis

Mission

DECCA / Universal

„Klassik für Kinder“-Preis

Andreas N. Tarkmann, Deutsche

Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz

Na warte, sagte Schwarte / Die verlorene Melodie

Coviello Classics / MBM

Audiophile Mehrkanal-Einspielung des Jahres

Ewald Kooiman, Ute Gremmel-Geuchen,

Gerhard Gnann, Bernhard Klapprott

J.S. Bach: Die Orgelwerke (Gesamtaufnahme auf

Silbermann-Orgeln) Aeolus / note1


5

ECHO KLASSIK MAGAZIN 40 | 41

Der Mann mit

„Ich will erzählen!“

Der Tenor Mark Padmore über den Gesang als Poesie.

dem langen Atem

Dinge,

Esa-Pekka Salonen hat mit den Los Angeles Philharmonics

die Sinfonien von Witold Lutosławski belebt.

der Muse Benjamin Brittens. Nun wird der Tenor Mark Padmore

Er ist Brite und damit Landsmann des großen Sängers Peter Pears –

die Sie über

für sein Album mit Britten-Liedern ausgezeichnet. An dieser Stelle

Lang Lang wissen müssen

W

ie gut Dirigenten wirklich sind, zeigt sich nur selten

erklärt er, was den Zauber dieser Musik ausmacht.

an einem Abend. Oft ist ein langer Weg nötig, um

Klangvorstellungen bis ins Detail zu verwirklichen, viel Benjamin Britten hat all seine Tenor-Lieder für seinen Lebenspartner

Arbeit und ein großer Atem. Esa-Pekka Salonen stand Peter Pears geschrieben, und beide haben sich unglaublich für Poesie

1984 zum ersten Mal vor den Los Angeles Philharmonics – damals als interessiert. Vielleicht ist das ein Grund, dass Britten so viele wunderschöne

finnischer Shooting-Star in den USA. Aber die Musiker waren derart

Gedichte vertont hat. Für mich ist das auch ein musika-

Er ist der Superstar der Klassik.

beeindruckt von der emotionalen Analyse dieses Mannes, dass sie ihn lisches Bekenntnis und eine Herausforderung für meine Stimme. Ich

Sein Chopin-Album ist der Bestseller

immer wieder einluden und 1992 zu ihrem Chef gekürt haben. Seither glaube, dass für Britten stets die Poesie des Klanges im Vordergrund

des Jahres. Wir meinen alles über

Der Mann für besondere Anlässe:

hat Esa-Pekka Salonen dem Ensemble einen in der Orchesterlandschaft stand.

4

Lang Lang zu wissen. Hier einige

Manche Musiker sind überall dort,

einmaligen Klang verliehen, eine technisch perfekte und emotional aufbrausende

Tonfarbe, mit der nicht Passionen zu singen. Hier ist man als Sänger tatsächlich ein Erzähler.

Eine der größten Lehren war für mich, den Evangelisten in Bachs

wo Geschichte geschrieben wird, weil ihr

unbekannte Fakten.

Spiel für Besinnung, Frieden und Menschlichkeit

nur das Orchester selbst, sondern Und ich glaube, dass es entscheidend ist, die Texte exakt herüberzu-

steht. Lang Lang hat Mozarts 250.

auch ihr Chef international zum bringen. Mir geht es nicht nur um die Qualität der Stimme, sondern

Geburtstag in der Großen Halle des Volkes

Spitzenpersonal der Klassik geworden

auch um ihren Ausdruck. Nicht nur in der Klassik sondern auch in

sind.

anderen Genres begeistern mich Stimmen, die es schaffen, das

Ein eigenes Piano: Andere Weltstars

haben Parfums und Modechen

eröffnet, zu den Olympischen Spielen

Der lange gemeinsame Weg ist Publikum in ihren Bann zu ziehen – die eine glaubhafte Geschichte

in Peking gefeiert, die Fußball WM in Mün-

1

labels. Die Firma „Steinway & Sons“ hat für

und bei der Verleihung des Friedensnobelpreises

nicht nur ein Experimentieren

erzählen können. Und das erwartet Britten von uns.

den Pianisten dagegen eine Klavierlinie

an Barack Obama gespielt. Er be-

und Tüfteln am Klang unter

Wenn man alte Aufnahmen von Peter Pears anhört, ist es das, was

designt. Vom Schulklavier bis zum großen

gleitete Jackie Chan am Klavier bei der Expo

gleichgesinnten Musikern sondern

er ebenfalls tut. Inzwischen liegt ja eine Sängergeneration zwischen

stets auch die Ausweitung ihm und mir – etwa der große Robert Tear. Auch an ihm orientiere

Flügel ist hier alles zu haben. Lang Lang

Ein Leben mit Chopin: Längst hat in Shanghai und war beim Thronjubiläum

glaubt: „Die Schönheit eines Stückes hängt 2 Lang Lang bewiesen, dass er in

von Queen Elisabeth II.

der Klangzone. Guten Dirigenten ich mich, denn Musik ist ja immer eine Befragung der Vergangenheit

nicht nur von der Komposition ab, man

jedem Repertoire zu Hause ist. Aber kein

wie Esa-Pekka Salonen ist es

durch die Gegenwart. Ich verstehe es als meine Aufgabe, bei diesem

braucht dafür auch die richtigen Hände

anderer Komponist begleitet ihn so lange

wichtig, dass ihre Musiker Neues Spagat meinen ureigenen Stil zu finden.

und das richtige Instrument.“

wie Frédéric Chopin. Das erste Mal, als er

Der Nachwuchsförderer: Lang Lang

kennenlernen, dass sie neben dem Standard-Repertoire auch die Seitenwege

der Musik beschreiten und Erfahrungen sammeln. Außerdem

Finzi: Dies Natalis (harmonia mundI)

Mark Padmore / Britten: Serenade & Nocturne,

China verlassen hat, um am Ettlinger 5 entdeckte die Musik als Kind, nun

Wettbewerb für junge Pianisten teilzunehmen,

hilft er Kindern, das Abenteuer Klassik zu

glaubt der Dirigent fest daran, dass auch sein Publikum willig ist, mitzu-

Solistische Einspielung des Jahres / Gesang (Lied).

war er zwölf Jahre jung. Er spielte

entdecken. Seit zehn Jahren besteht seine

denken und sich auf Neues einzulassen.

Chopins Etüde für schwarze Tasten. Seine Foundation. „Es ist mir ein Anliegen, die

Einer der Höhepunkte dieser Pionierarbeit ist die Aufnahme von Witold

Eltern hatten Schulden für diese Reise

Begeisterung für die Musik weiterzutragen,

Lutosławskis Sinfonien. Der polnische Komponist, der 1994 verstarb,

aufgenommen – aber Lang Lang hat gewonnen

das ist vielleicht meine zweite Karriere“,

erlebt gerade eine internationale Renaissance. Salonen hat ihm nun

und seine Weltkarriere begonnen. sagt der Pianist. In München hat er gerade

mit der Einspielung des sinfonischen Werkes ein Denkmal gesetzt: Er

Heute dankt der Pianist Chopin dafür mit ein Junior Music Camp geleitet, in Chicago

zeichnet die Wandlungen in der Ästhetik des Komponisten nach. In der

seinem Bestseller-Album.

einen Music Summit und in Oxford ein

vierten Sinfonie pflegt Lutosławski eine melodische Leidenschaft und

Musik-Event für Kinder.

wirft viele atonale Elemente von früher wieder über Bord. Die dritte

Sinfonie lebt von ihrer inneren Zerrissenheit und einem traumhaften

Über die Tasten ins Netz: Lang Lang

Klangszenario, das Salonen gespenstisch in Szene setzt. Außerdem

3 ist Musiker unserer Zeit. Nirgendwo

spielt das Orchester die „Fanfare for Los Angeles Philharmonic“, in der

kommt man ihm näher als auf seiner Seite

sich die Verbundenheit des Tonsetzers zum Orchester ausdrückt. In

www.langlang.com. Wer nicht die Chance

dieser Sammlung wird deutlich, was passiert, wenn ein echter Maestro

hat, seine Konzerte zu besuchen, kann hier

und sein Spitzenorchester auf Spurensuche gehen: Sie ordnen selbst im

seine fast täglichen Blogeinträge lesen,

Neuen die Musikgeschichte ein und entwickeln Klangkosmen, die uns

Fotos von seinen Weltreisen betrachten

verblüffen.

oder sich die neuesten Fernsehauftritte

Kein Wunder, dass Esa-Pekka Salonen inzwischen zu den gefragtesten

des Stars anschauen. Wohl kein anderer

Dirigenten unserer Zeit gehört. Auch, weil Musik für ihn eine Angelegenheit

Klassik-Künstler ist in der virtuellen Welt

des langen Atems ist.

von Twitter und Facebook so zu Hause wie

Lang Lang.

Esa-Pekka Salonen / Lutosławski: The Symphonies (Sony Classical) /

Dirigent des Jahres.

Lang Lang / The Chopin Album (Sony Classical) /

Bestseller des Jahres.

Musik-DVD-Produktion des Jahres

Arthaus Musik

Klassik und Kalter Krieg –

Musiker in der DDR

Arthaus Musik

Musik-DVD-Produktion des Jahres

Paul Smaczny, Accentus Music

John Cage: Journeys in Sound

Accentus Music

Musik-DVD-Produktion des Jahres

Robert Lepage, Deutsche Grammophon

Der Ring des Nibelungen

Deutsche Grammophon / Universal

Bestseller des Jahres

Lang Lang

The Chopin Album

Sony Classical


ECHO KLASSIK MAGAZIN

gehört.

gelesen.

Der andere Mozart

Aapo Häkkinen entdeckt die lichten Klangwelten

von Franz Xaver Dussek.

A

ls

Mozart in Prag seine Oper „Don Giovanni“ beendete,

leistete ihm der tschechische Komponist Franz Xaver

Dussek Gesellschaft. Die beiden waren Brüder im Geiste.

Dussek, von der Musikgeschichte oft vergessen, war

Pionier der klassischen sinfonischen Form. In den 1760er und 1770er

Jahren nahm er die Inspiration der frühen Wiener Musik auf, orientierte

sich an Joseph Haydn und verstand es – ebenso wie dieses Vorbild aller

klassischen Komponisten – geschickt mit den Erwartungen und dem

Ohr der Zuhörer zu spielen.

Nun haben Aapo Häkkinen, der finnische Meister der Alten Musik, und

das Helsinki Baroque Orchestra die Werke Dusseks wieder ans Tageslicht

gebracht: klare und kluge Sonatenhauptsatzformen, fröhliche

und sonnige Orchesterwerke, die auf Heroismus verzichten und noch

weitgehend unberührt vom „Sturm und Drang“ sind. Häkkinen zeigt

Dussek als Meister der einfachen und eingängigen Melodie, die bei ihm

stets im Zentrum steht, und an der sich allmählich gebrochene Akkorde

orientieren, die nie aufhören, wenn man es eigentlich erwartet. Häkkinen

geht auf die Spurensuche einer Epoche, stellt vor, was Haydns und

Mozarts Zeitgenossen getrieben haben – und entdeckt ein unglaublich

strahlendes und frohsinniges musikalisches Schaffen.

Aapo Häkkinen, Helsinki Baroque Orchestra / Franz Xaver Dussek:

Vier Sinfonien (Naxos) / Sinfonische Einspielung des Jahres

(bis inkl. 18. Jh.).

Preis für Nachwuchsförderung

Singschule an der

Peterskirche Weinheim

Wie Emotionen

Geschichte schreiben

Gänsehaut ist, wenn ein Volk sich im Gesang befreit.

Arthaus musik beschreibt Aufstieg und Fall der DDR

in Musik.

M

usik ist größer als politische Systeme: Auf der einen Seite

wird sie von Staatslenkern benutzt, um die Emotionen

des Volkes zu steuern, auf der anderen Seite bleibt sie

stets individueller Ausdruck der Menschen. In seinem

packenden Film „Klassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR“ geht

Thomas Zintl diesem Spannungsfeld zwischen Obrigkeitskultur und

humanistisch-musikalischer Sehnsucht nach, in dem sich Künstler in

der DDR bewegen mussten.

Sein Film beginnt mit jungen russischen Soldaten, die nach dem Krieg

das „Heidenröslein“ sagen. Er befragt Peter Schreiter, Kurt Masur, Theo

Adam, Otmar Suitner und Kanzler Helmut Schmidt, der feststellt: „Jede

Musik kann missbraucht werden, um politische Ziele zu verfolgen.“

Zintl erklärt, wie der Sänger Theo Adam als erster Reisefreiheit eingefordert

hat und das DDR-System erpresste, um bei den Bayreuther

Festspielen aufzutreten. Selbst zur 40. Jahresfeier der DDR, am 7. Oktober

1989, inszenierte sich der Staat noch mit einem Klassik-Konzert.

Aber die Musik wurde übermächtig. Zu Beethovens „Gefangenenchor“

haben die Zuschauer minutenlang geschrien und geweint. Beethovens

Humanismus siegte, die DDR ging unter. Dieser Film ist mehr als eine

Studie über die Kraft der Klassik, er ist der Beweis, dass Klänge Geschichte

schreiben.

Arthaus Musik / Klassik und Kalter Krieg – Musiker in der DDR (Arthaus) /

Musik-DVD-Produktion des Jahres.

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Fazil Say

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ECHO KLASSIK MAGAZIN 44 | 45

Vivaldi ins

Jetzt gebeamt

Max Richter hat sich die „Vier Jahreszeiten“ vorgenommen

und sie für das 21. Jahrhundert aufbereitet. Star-Geiger

Daniel Hope ist Teil dieser musikalischen Zeitmaschine.

M

an kann Musik auch als Rohstoff

verstehen, und die Meisterwerke

der Klassik als goldenes Erbe der

künstlerischen Natur. Wenn man

das tut, ist es nur logisch, es zu schmieden, zu

bearbeiten, es unserer Zeit entgegen zu formen

und allseits bekannte Standardwerke wie

Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ daraufhin

zu befragen, wie sie wohl in unserer Gegenwart

klingen würden.

Max Richter ist auf der einen Seite gefeierter

Computer-Musiker und Komponist von preisgekrönten

Spielfilmen wie „Waltz with Bashir“,

auf der anderen Seite ist er als Klassik-

Komponist sozialisiert, hat mit seinem Ensemble

„Piano Circus“ Komponisten wie Arvo

Pärt, Brian Eno, Philipp Glass und Steve Reich

aufgeführt. Der Brite wohnt in Berlin – und es

war naheliegend, dass die Deutsche Grammophon

diesen Grenzgänger auswählt, um sich

Vivaldis Bestseller vorzunehmen und ihn in

unsere Zeit zu beamen. Richter sucht im verborgenen

Alten das Neue, schafft eigenwillige

Klangkosmen und tritt dem „roten Priester“

Vivaldi mit großem Respekt entgegen.

„Vivaldi ist auch eine Form der ‚Pattern-

Musik‘“, sagt Richter, „Musik, die einem

bestimmten Muster folgt. Und so würde ich

auch meine Musik beschreiben. Wir leben in

einer Post-Minimal-Zeit und Vivaldi ist genau

jemand, der diese effektvollen Patterns

komponiert hat. Insofern ist da für mich eine

natürliche Verbindung.“ Genau so klingt sein

„Recomposed“ dann auch: Der Star-Geiger

Daniel Hope spielt weitgehend originale Vivaldi-Klänge,

das Konzerthaus Kammerorchester

Berlin bettet die Geige ein, und Richter schaltet

den Computer ein, um den Lounge-Charakter

zu erhöhen, um Vivaldis Naturgewalten

zu konzentrieren, zu fokussieren – oder eben

die Patterns ins Unendliche zu dehnen. Bei

all dem schwingt das Original wie eine ferne

Welt mit, die über digitale Musik mit unserer

Lebensrealität, unseren Großstadt-Gedanken

und unserer Sehnsucht nach Schönheit verwoben

wird.

Die Klangsprache Richters ist ein faszinierender

Hybrid aus traditioneller Kompositionskunst

mit Einflüssen aus Romantik,

Impressionismus und Minimalismus und

elektronischem Klangdesign mit Anklängen

aus Ambient, Electronica und Postrock. Das

Besondere ist, dass er – anders als andere

Künstler in der Reihe „Recomposed“ – nicht

auf einen Remix gesetzt hat. „Vivaldi funktioniert

über die Noten“, sagt der Komponist,

der seine Werke ebenfalls noch ganz klassisch

auf Papier niederschreibt. „Man kann

die Fragmente nicht so einfach individuell

herumschieben. Daher habe ich das Werk neu

geschrieben und von einem Orchester spielen

lassen.“ Das Ergebnis ist nicht nur verblüffend,

sondern eine Fortsetzung der Vier Jahreszeiten

für das Zeitalter der Lofts, Clubs und

Metropolen-Bewohner und ein Nummer-Eins-

Hit in den U.S.-iTunes-Charts überdies. Richter

hat es geschafft, die Musik als Rohstoff zu

begreifen, um einen kunstvollen, modernen

Jahreszeiten-Ring zu schmieden.

Max Richter, Daniel Hope / Recomposed by

Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons

(Deutsche Grammophon) / Klassik-ohne-

Grenzen-Preis.

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ECHO KLASSIK MAGAZIN

46 | 47

„Etwas lief

falsch“

Mit ihrer Walzer-Aufnahme zeigen Nikolaus Harnoncourt

und sein Concentus Musicus wien wie revolutionär diese

Musikform sein kann – von den Tänzen Mozarts bis zu Johann

Strauss. Das Orchester war ein Pionier der Historischen Aufführungspraxis

und zeigt bis heute, wie neu das Alte klingt. Hier

spricht nikolaus Harnoncourt über die Anfänge der Bewegung

und seine Kämpfe gegen das Establishment.

Herr Harnoncourt, eine Grundidee Ihres Orchesters war

das Spiel auf alten Instrumenten als modernes Klangerlebnis.

Haben Sie einen Gegenpol zum etablierten Musikgeschäft

der großen Orchester eröffnet?

Wahrscheinlich schon. Aber das war lustigerweise nur

möglich, weil ich auch am „normalen“ Musikleben teilgenommen

habe. Mein Job als Cellist bei den Wiener Symphonikern

hat mir die finanzielle Basis für die Forschung und

für das Neue gegeben. Man muss allerdings auch sagen,

dass es uns schon als Studenten nicht allein um die Musik

ging. Wir haben uns grundsätzlich für die Bedeutung der

Kunst im Leben interessiert.

Sie sind diesen Weg nicht allein gegangen, sondern mit

Freunden und mit Ihrer Frau.

Ich habe meine Frau am ersten Tag an der Akademie getroffen.

Ich kam damals als eine Art Provinzdepp an, und

sie war ein Star der Wiener Musikhochschule. Ziemlich

schnell haben wir einen kleinen Musizierkreis gebildet, mit

dem wir in Museen oder zu Architektur-Wanderungen aufgebrochen

sind. Uns hat gestört, dass ausgerechnet in der

Musik alles, was vor Mozart lag, schlecht geredet wurde.

Von unserem historischen Wissen sind wir zu der Überzeugung

gekommen, dass das so nicht stimmen konnte. Also

haben wir die Bibliothek der Wiener Musikhochschule leer

gelesen und leer gespielt. Dabei sind wir darauf gekommen,

dass die alten Instrumente anders klingen. Mit 20 Jahren

habe ich also gewusst, wie ein Instrument im 15. Jahrhundert

klang und habe einen unglaublichen Respekt bekommen.

Das hatte allerdings weniger mit unserer Kunstfertigkeit

als vielmehr mit der Kunst der Instrumentenmacher zu

tun. In diesem Moment hat sich auch langsam eine Verachtung

gegenüber der herrschenden Ignoranz entwickelt.

Was genau haben Sie verachtet?

Wir haben gespürt, dass unser Musikleben in einer falschen

Schiene lief. Man hat nicht nach rechts und nicht nach

links geschaut. Ich habe die „Matthäus-Passion“ von Furtwängler

am Klavier begleitet gehört oder den schrecklichen

Hermann Scherchen mit der „Kunst der Fuge“ – er hatte

keine Idee von Klang. Oder freundlicher gesagt: Ich hatte

durch meine Beschäftigung mit den alten Instrumenten

eine ganz andere Klangvorstellung als er. Während die anderen

einfach weiter gemacht haben, saßen wir da, haben

geschnüffelt und gestöbert und eigentlich nur auf den Moment

gelauert, endlich selbst etwas auf die Beine stellen

zu können. Die Wiener Symphoniker haben uns eine finanzielle

Basis dafür gegeben. Aber das gilt nicht nur für das

Geld, sondern auch für die Erfahrung. Von 1952 an habe

ich außer mit Furtwängler fast unter jedem Dirigenten

gespielt – selbst mit dem alten Kleiber, aber auch unter

Strawinsky oder Hindemith. Diese alten Meister hatten ja

einiges zu sagen. Die Oberflächlichkeit der Musikalität hat

eigentlich erst in den Zwischenkriegsjahren eingesetzt und

nahm ihren weiteren Lauf in der Nachkriegszeit.

Ein Querkopf wie Sie hatte es sicherlich nicht leicht gegen

all die übermächtigen Größen …

Ich habe immer Widerstand geleistet, also war diese Situation

für mich nicht neu. Ich bin schon als Kind nicht den

Ideen meines Vaters gefolgt. Ich bin meinen Lehrern nie

blind nachgerannt, und meine zweifelnde Grundhaltung

hat sich natürlich auch auf die Musik übertragen. Allerdings

wurde mir auch ziemlich schnell klar, dass man in

seinem Zweifel auch etwas wagen muss. Es ist einfach

sicherer, etwas zunächst nicht zu glauben, anzuzweifeln,

zu hinterfragen. Aber dazu gehört auch, dass man die Konsequenzen

aus seinen Überzeugungen zieht. Ich habe die

Wiener Symphoniker 1969 verlassen. Da hatten wir bereits

vier Kinder, aber kein anderes Einkommen. Meine Frau hat

mich unterstützt. Sie sagte, dass sie notfalls in einem Spital

putzen würde, wenn es nicht klappen würde, oder dass

sie im Burgtheaterorchester spielen würde, weil die großen

Orchester damals noch keine Frauen aufgenommen haben.

Concentus Musicus Wien, nikolaus Harnoncourt / Walzer

Revolution (Sony Classical) / Ensemble/Orchester des

Jahres.

Musica Alta Ripa

Das Gute, Seltene

und Spannende

Das Label MDG feiert gleich fünf ECHO Klassik-Gewinner

und besticht durch einmalige Tonaufnahmen.

S

eit Jahrzehnten stellt das Label MDG

regelmäßig gleich mehrere ECHO Klassik-

Preisträger. Jeder, der die abenteuerlichen

Wege der Musik sucht, sich auf Seitenwege

einlässt, Neues im Alten entdecken will oder einfach

nur sicher gehen möchte, dass die Tonqualität das

technisch Beste ist, was derzeit möglich ist, weiß

darum, dass gerade in Nischen große Kunst entsteht.

Dieses Jahr feiert MDG gleich fünf

Preisträger. Reinhold Friedrich ist

mit seiner Einspielung russischer Trompetenkonzerte

Instrumentalist des Jahres – auch weil er

sich, seit er den ARD-Wettbewerb 1986 gewonnen

hat, kontinuierlich für das Bekanntwerden

des Repertoires seines Instruments einsetzt.

Ebenso wie Friedrich profitiert auch der Organist

Leo van Doeselaar von der plastischen Aufnahmequalität

bei MDG, wenn er an einer der bedeutendsten

frühbarocken Orgeln durch das Oeuvre

Reinhold Friedrich

des Großmeisters Heinrich Scheidemann führt.

Echte Pionierarbeit hat das Ensemble

Villa Musica geleistet, indem es die

Oboen- und Fagottsonaten des französischen

Multitalents François Devienne

ausgräbt. Das Ensemble mit Ingo Goritzki

und Sergio Azzolini präsentiert

Trouvaillen der Musikgeschichte.

Leo van Doeselaar

Ähnlich spannend ist

die Entdeckung des

Ensembles Musica

Alta Ripa, das die

„Récréations“ von

Jean-Marie Leclair

wiederentdeckt. Bevor

Sergio Azzolini

Leclair ein berühmter

Geiger wurde, war er Tänzer auf der Bühne in Lyon

Ingo Goritzki

und Ballettmeister in Turin. Musica Alta Ripa lässt

die zwei Seelen in seiner Brust erklingen: die französische und die

italienische Barockmusik, die

sich hier harmonisch vereinen.

Neue Akzente in der Gegenwartsmusik

setzen der Geiger

Andreas Seidel und der Pianist

Steffen Schleiermacher. Nachdem

sie bereits Werke von John

Cage und Wolfgang-Rihm für

Dabringhaus & Grimm eingespielt

haben, kümmern sie sich

nun um Cages besten Freund,

den US-Komponisten Morton

Feldman und beleuchten seine

geniale Reduktion von Klang

und Instrumenten.

Andreas Seidel und

Steffen Schleiermacher

Wir bedanken uns bei unseren Partnern:


ECHO KLASSIK MAGAZIN

Hier sprechen die

Stars der Klassik

Der ECHO Klassik im Internet: WWW.YOUTUBE.COM/ECHOMUSIKPREIS

Hier erleben Sie die Stars der Preisverleihung hautnah. Axel Brüggemann

befragt die Künstler, Laudatoren und Ehrengäste der ECHO

Klassik-Nacht ganz privat, nimmt Musikunterricht bei ihnen, gibt Einblicke

in ihre neuen Projekte und lässt sich musikalische Hintergründe

erklären. Erleben Sie die Party-Stimmung des ECHO Klassik hinter den

Kulissen exklusiv auf unserem Youtube-Channel.

„Ich will Kathedralen

aus Klängen bauen“

Tori Amos

„Die Geige ist meine

beste Freundin“

David Garrett

Musik zum Entspannen und Genießen

Klassik Hits

„Ich bin stolz,

ein ECHO Klassik-

Gewinner zu sein“

Erwin Schrott

„Die Geschichte des

Barock ist wie ein Krimi“

Donna Leon

„Singen ist wie:

unerklärliche Magie“

Rolando VILLAZÓN

Fotograph Clive Arrowsmith

Anna Netrebko, David Garrett,

Rolando Villazón, Nigel Kennedy...

Wunderbar entspannte Klassik.

Filmmusik

Fluch der Karibik, Herr der Ringe,

Avatar, Titanic...

Die größten Filmmusik Hits.

auf Blu-ray und DVD erhältlich

Klassik Lounge

ECHO Klassik Magazin

IMPRESSUM

Erscheinungsdatum September 2013

© Bundesverband Musikindustrie e. V.

Nachdruck und Vervielfältigung, auch

auszugsweise, nur mit schriftlicher

Genehmigung des Herausgebers.

Herausgeber:

Bundesverband Musikindustrie e. V.

Reinhardtstraße 29

10117 Berlin

Tel.: 030 — 59 00 38 -0

Fax.: 030 — 59 00 38 -38

www.musikindustrie.de

Redaktion:

Dr. Florian Drücke (V.i.S.d.P.), Rebecka Heinz

Chefredakteur: Axel Brüggemann (operatext)

Claudia Elsässer

Projektleitung:

Rebecka Heinz

Art Direktion:

Dominik Schech (schech.net)

Gesamtherstellung:

schech.net

Strategie. Kommunikation. Design.

www.schech.net

Bildnachweis:

Titel: DG // 2: Carmen Sauberbrei / ZDF // 3: Markus Nass / BVMI // 4: Katja Renner, Rainer

Jensen / dpa // 6: istockphoto.com, qushe // 12: Monique Wüstenhagen / BVMI, Markus Nass /

BVMI // 14: Holger Schneider / Hänssler // 16: Marco Borggreve, Rosi Arndt / Harmonia Mundi //

18: Gabo / DG // 20: Thomas Zwillinger / Harmonia Mundi, Felix Broede / dhm // 22: DG //

23: Marco Borggreve / ERATO // 24: Josef Fischnaller / Virgin Classics // 26: Toni Peñarroya /

Alia Vox, Susesch Bayat / DG // 27: DG // 28: Uli Weber / DG // 29: Mat Hennek / DG //

30: Sheila Rock / Warner, Lisa Marie Mazzucco / Sony // 31: Uli Weber / DG // 32: Harald

Hoffmann / DG // 33: Parnassus ARTS Productions Julian Laidig / ERATO // 34: Uwe Arens /

Sony // 36: Fazil Say // 37: Uwe Arens / Sony // 38: Uwe Arens / Sony, Marco Borggreve /

Naive // 39: Christian Schmitt / CPO, Marco Borggreve, Naãve-Ambroisie / Naive // 40: Harald

Hoffmann / Sony // 41: Katja Thaejae / Sony, Marco Borggreve / Harmonia Mundi //

42: Studio Heikki Tuuli / Naxos, Gewandhaus // 44: Harald Hoffmann / DG // 46: Sony //

47: Judith Schlosser, Archiv Mendelssohn-Haus, Frank, Marco Borggreve / MDG //

48: BVMI /Monique Wüstenhagen.

Entspannen mit sanften Downbeats,

gemixt von Europas besten DJs.

radio klingt heute einfach anders | www.klassikradio.de


www.glaesernemanufaktur.de

Die Gläserne Manufaktur von Volkswagen in Dresden:

Fertigungsstätte der Volkswagen Oberklasse und verlässlicher Partner in Sachen Kultur.

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