16-21 Jurawanderung - Natürlich

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16-21 Jurawanderung - Natürlich

Skandinavische

Eine Winterwanderung durch das Vallée de Joux und

den Parc jurassien vaudois ist geprägt durch Ruhe und

Einsamkeit. Dunkle Wälder, weite Felder, jahrhundertealte

Trockensteinmauern und das scheue Haselhuhn sind

nur einige Besonderheiten dieser vom Massentourismus

verschont gebliebenen Region.

Text und Bilder: Peter Rüegg

An diesem wunderbaren Morgen

ist alles genau so, wie es in den

Wetternachrichten vorhergesagt

wurde: In Vallorbe tanzen

die letzten Flocken. In Le Brassus, Endstation

der Eisenbahnlinie, die das Vallée

de Joux mit dem Rest der Welt verbindet,

reisst eine Stunde später der Himmel auf.

Die ganze mit Schnee bedeckte Landschaft

glänzt und glitzert. Die Sonne,

gleissend hell vom Himmel scheinend,

vertreibt die letzten Wolkenfetzen.

In Le Brassus riecht die kalte Winterluft

nach verbranntem Holz, erinnert an

eine heimelige Stube mit Ofen. Doch ich

werde jetzt nicht in eine warme Wirtsstube

einkehren, sondern dem gelben

Wegweiser nach Pré Rodet folgen. Nach

dem Bahnhof biege ich nach rechts auf

die Rue des Forges ab und überquere

nach wenigen Gehminuten zum ersten

Mal den gewundenen Flusslauf der jungen

Orbe. Nach ungefähr 500 Metern

zweige ich bei Crêt Meylan links auf eine

Nebenstrasse ab. Von da an fordert der

Weg wenig Orientierungssinn, denn bis

Pré Rodet geht es immer geradeaus. Links

die Ebene, rechts die bewaldeten Abhänge

des Mont Risoux. Die letzten Gewerbebauten

und Häuser lässt man rasch

hinter sich. Auf dem Teerweg ist gut vorwärts

zu kommen. Dank der Auflage aus

festgefahrenem Schnee stört es zumindest

im Winter nicht, dass der einstige Feldweg

nach Schweizer Art mit einem festen

Belag perfektioniert wurde.

Die mäandrierende Orbe

In der Ferne schlängelt sich das Flüsschen

Orbe glitzernd durch den Talboden.

Ein wahres Wunder, denn hierzulande

haben Flüsse meist keinen Platz mehr,

um nach ihrem Willen windend und

grabend durch die Talböden zu mäandrieren.

Die Orbe aber darf das, zumindest so

lange, bis sie in den Lac de Joux mündet.

Das Wasser reisst Prallhänge an, nagt und

unterspült sie, bis wieder ein Stück Ufer

in den Fluss fällt. Kieselsteine und Sand

werden an der Innenseite später abgelagert.

So bilden sich laufend Schlaufen,

die dem Wasser einen neuen Lauf aufzwingen.

Die Orbe ist einer der letzten Flüsse

der Schweiz, die diese Freiheit noch besitzen.

Den Lac de Joux verlässt sie allerdings

eingeengt unterirdisch. Bei den berühmten

Grotten von Vallorbe kommt sie wie-


Weite

der ans Tageslicht. Über eine Reihe von

Wasserfällen gurgelt die Orbe dem gleichnamigen

Dorf zu. Doch danach ist mit

jeglicher Wildheit Schluss. Als trister Kanal

namens Thielle mündet der Fluss bei

Yverdon-les-Bains in den Neuenburgersee.

Bei der ersten schönen Stelle mit guter

Aussicht auf die Windungen der Orbe ist

das Dröhnen eines Lastwagens zu hören. Er

fährt zum nahe gelegenen Kieswerk, das

nicht so recht in diese Landschaft passen

will. Später wird der Wanderweg zur

Naturstrasse. Links des Weges versteckt

sich nun die Orbe gelegentlich in einem

Fichtenwald, der, immer wieder durchbrochen,

bis nach Pré Rodet reicht. Stellenweise

aber weichen die Fichten dünnen,

schwächlich wirkenden Bäumchen. Es

sind die anspruchslosen Bergföhren, die

hier in diesem moorigen Gebiet gerade

noch wachsen können. Sie bilden das Bergföhren-Hochmoor

von Pré Rodet, das Teil

der Moorlandschaft des Vallée de Joux und

Naturschutzgebiet ist. Das Betreten ist

selbstverständlich verboten, denn die

Moorvegetation erträgt den Druck menschlicher

Schritte nicht. Um die heiklen

Lebensräume zu erhalten, hat Pro Natura

verschiedene Dienstbarkeitsverträge abgeschlossen.

Damit sichert sie 33,7 Hektaren

Moore, Wald und Streuwiesen.

Die wunderliche

Rosmarinheide

Das Moor selber liegt im winterlichen

Tiefschlaf. Im Sommer trifft man hier den

Mittleren Sonnentau an, die Moorbeere

oder die Rosmarinheide. Hochmoore entstehen

nur in Gebieten mit wasserundurchlässigen

Böden und mit hohen

Jahresniederschlägen. Wassermangel ist

also kein Thema. Dennoch hat die Rosmarinheide

lanzettförmige Blätter, deren

Ränder zudem nach unten eingerollt

sind, als müssten sie mediterrane

Trockenheit ertragen. Auch die Spaltöffnungen,

über welche die Pflanze Gase

mit der Umgebungsluft austauscht, sitzen

auf der Blattunterseite, die mit einer

dicken Wachsschicht überzogen ist. Dieses

Wachs verhindert ebenfalls das Austrocknen

der Blätter. Unter normalen

Bedingungen braucht die Pflanze diese

Vorkehrungen nicht. Aber trocknet ein

Moor aus, ist die Rosmarinheide eine der

wenigen Pflanzen, die noch weiterlebt.

Bei Pré Rodet habe ich bereits 75

Wanderminuten in den Beinen. Ich halte

mich an den Weg, der unmittelbar oberhalb

eines Stalles vorbeiführt und weiterhin

dem Waldrand folgt. Nach rund 1,5

Kilometern überquere ich die Orbe zum

zweiten Mal und wende mich nach der

Brücke nach links durch den Bois du

Carré. Ein Reh im Winterpelz wechselt

über eine Lichtung und sucht mit weiten

Sprüngen Schutz im nahen Unterholz. Ist

die Strasse erreicht (Vorsicht beim Überqueren!),

geht man ein Stück in Richtung

Grenzposten und zweigt nach 150 Metern

im spitzen Winkel links auf eine

Waldstrasse ab. Nun beginnt der Zickzack-Aufstieg

über 200 Höhenmeter

durch einen wildromantischen Wald aus

Fichten, Weisstannen und kümmerlichen

Buchen. Nach vier Serpentinen erreicht

man ein geteertes Fahrsträsschen, das auf

die Grand Plats führt.

Welch ein Anblick: Die Landschaft

öffnet sich, gibt den Blick frei auf weite


Die Orbe, die in Frankreich nördlich

des Juragipfels La Dôle entspringt, mäandriert

an manchen Stellen frei durch die Landschaft.

Kein Massentourismus: Im Jura findet man Raum und Musse,

unbeaobachtet durch die Landschaft zu spazieren.

Da das Haselhuhn sich oft gut getarnt

auf dem Waldboden aufhält, braucht es

schon etwas Glück, ihm zu begegnen.

Die rund 200 Jahre alten Trockenmauern

stammen aus einer Zeit, als man das Vieh noch

im Wald weiden liess.

irgendwo auf einem skandinavischen

Fjäll. Die wenigen Alpbetriebe liegen verlassen

da. Unter der Schneedecke schlafen

zahllose Wildkräuter und Blumen. Im

Frühling sind die Juraweiden überzogen

von Krokussen und Anemonen, Enzianen

und Lilien. Jetzt ragen nur noch dürre

Pflanzenstängel aus dem Schnee, die die

Pracht erahnen lassen.

verschneite Juraweiden mit einzelnen

mächtigen Fichten. Kein Mensch ist

zu sehen. Nur die Spuren auf dem

Fahrsträsschen zeugen davon, dass hier

ein paar verlorene Seelen, auf vier Rädern

allerdings, den gleichen Weg genommen

haben. Der Blick schweift über die Weiten

der Grands Plats, über die bewaldeten

sanften Rücken des Mont Risoux in

der Ferne. Der Wind ist das einzige

Geräusch, und man wähnt sich mehrere

tausend Kilometer weiter nördlich,

Das scheue Haselhuhn

Auf den Grands Plats beginnt der Parc

jurassien vaudois. Eine Informationstafel

macht an einer Verzweigung darauf

aufmerksam. Noch ist der Park in der

Schweiz einzigartig. Er könnte hierzulande

Modell stehen für eine neue Kategorie

von Schutzgebieten, die es im

nahen Ausland schon lange gibt: den

Regionalen Naturpark. Bis diese neue

Art von Park in der Schweiz Verbreitung

findet, braucht es Geduld, denn der

Bundesrat muss zuerst das Natur- und

Heimatschutzgesetz entsprechend anpassen.

Eigeninitiative hat denn auch zur

Gründung des Parc jurassien vaudois

geführt – lange bevor Politiker in Bern

darüber gestritten haben, ob das Land

neue grosse Schutzgebiete braucht oder

nicht. 1973 setzten die Pro Natura Sektion

Waadt, damals noch Ligue vaudoise

pour la protection de la nature, 13 Gemeindevertreter

und verschiedene pri-


Wanderung NATUR

vate Grundeigentümer ihre Unterschrift

unter einen Vertrag, der 40 Quadratkilometer

Juraweiden, kaum erschlossene

naturnahe Wälder und vor allem auch

die typischen kilometerlangen Trockenmauern

unter Schutz stellt. Die Parteien

verpflichteten sich, die traditionelle Nutzung

so weiterzuführen, dass die Landschaft

und die Natur möglichst intakt

Flechten sind Bioindikatoren: Bestimmt man

auf der Rinde eines Baumes die Arten und

den Wachstumszustand der vorkommenden

Flechten, lassen sich daraus Rückschlüsse auf

die Luftqualität vergangener Jahre ziehen.

bleiben. Drei weitere Gemeinden schlossen

sich dem Verbund später an, sodass

mittlerweile 75 Quadratkilometer dieser

einzigartigen Landschaft zwischen

dem Col de la Givrine und dem Col du

Marchairuz im Waadtländer Jura unter

Schutz stehen.

Den Blick immer noch auf die Grands

Plats geheftet – man kann sich kaum

lösen –, erreiche ich schliesslich wieder

den tief verschneiten Fichtenwald. Zweimal

bin ich seit der Informationstafel

links abgebogen. Eben las ich noch, dass

die scheuen Auer- und Haselhühner im

Park vorkommen. Und plötzlich reisst

mich ein «Pfrrrrrrrr» aus meinen Tagträumen.

Gerade noch erblicke ich ein

kleines, graubraunes Huhn, das sich ins

Dickicht flüchtet. Es hat direkt am Weg

unter Jungfichten seine Spuren im Schnee

hinterlassen. Die Grösse der Abdrücke

gibt mir die Gewissheit: Es war ein Haselhuhn.

Zurzeit gibt es in der Schweiz rund

7500 bis 9000 Paare. Das Haselhuhn

ist ein heimlicher Bewohner unserer

Wälder. Es hält sich vor allem am Boden

auf und versteckt sich geschickt. Dank

der graubraunen Färbung ist es gut

getarnt. Seine Anwesenheit verrät es

am ehesten zwischen März und Mai

durch seinen Balzruf.

Nach dem Kulminationspunkt auf

1326 Metern führt die Waldstrasse wieder

sanft hinab, stets durch offenen und

Parc jurassien vaudois:

verkannte Schönheit

Der Waadtländer Jura fristet ein Mauerblümchen-Dasein

– zumindest auf der

touristischen Karte. Fernab vom Massentourismus

erscheinen die einsamen Wälder,

die ausgedehnten Weiden und sanften

Hügelzüge umso eindrucksvoller.

Der Parc jurassien vaudois weist eine

grosse Artenvielfalt auf. So leben beispielsweise

Gemsen, Murmeltiere, Hermeline und

der Luchse im Park. 70 Vogelarten fühlen

sich hier wohl, darunter die scheuen Auerhühner

und das heimliche Haselhuhn. Die

Flora ist überwältigend. Nach der Schneeschmelze

überziehen Krokusse die Jura-

Weiden. Später blühen Orchideen, Eisenhut,

Akelei sowie drei Arten von Seidelbast.

Eine botanische Kostbarkeit ist der Steinbrech

«Saxifrage œil-de-bouc» (Ziegenbockauge).

In der Schweiz hat diese Pflanze

im Parc jurassien vaudois ihr letztes Refugium.

Die Trockensteinmauern

Eines der Markenzeichen des Parc jurassien

vaudois sind die Trockensteinmauern. Sie

umgeben Wiesen und Waldgebiete und

haben zusammengezählt eine Länge von

über 60 Kilometern. Die jahrhundertealten

Mauern wurden einst nur mit Steinen,

welche in der näheren Umgebung zu finden

waren, und ohne Mörtel gebaut. In den

Ritzen der Mauern finden zahlreiche Tiere

und Pflanzen ihren Lebensraum. Dazu

gehören beispielsweise Asseln, Schlangen

und Vögel sowie Flechten und Farne.

Werden sie nicht regelmässig erneuert,

zerfallen die Mauern durch die Witterung

nach und nach. Um den typischen Charakter

der Kulturlandschaft zu erhalten, werden

ausgewählte Mauern aufwändig renoviert.

Zum Park gehört seit 2002 ein Besucherzentrum.

Im Hôtel-Restaurant du Marchairuz

befinden sich die Parkadministration

sowie Räume für Schulen, Gruppen und

Einzelbesucher. Gebaut wurde das Haus

1845, um Reisenden, die zwischen dem

Vallée de Joux und dem Genfersee verkehrten,

Unterkunft und Schutz zu gewähren.

Im Jahre 2000 wurde das Haus renoviert

und umgebaut.

Natürlich | 2-2005 19


Wanderung NATUR

hat das Dorf schon bessere Zeiten für den

Wintertourismus gesehen. Denn genügend

Schnee dürfte auf dieser Meereshöhe

Mangelware geworden sein.

Die Sonne hat sich tief über das Tal

gesenkt, die letzten rosa Strahlen dringen

ins Vallée de Joux. Nachtkälte gleitet

die Hänge hinab. Und wie ich nach

6 Stunden Wanderzeit zum Bahnhof von

Le Brassus zurückkehre, hat der Feierabendverkehr

eingesetzt. Die Leute ziehts

in die warme Stube, gewärmt vom Holz

ihrer Wälder. Und die Luft riecht wieder

nach verbranntem Holz.


Le Brassus, im Vallé de Joux gelegen, ist von Vallorbe aus mit dem Zug erreichbar.

halboffenen Fichtenwald. Die Orientierung

ist einfach: immer der Nase nach,

drei Kilometer bis zur Passstrasse, die

zum Col du Marchairuz hinaufführt, mit

der Sonne im Rücken. In einem Tälchen

kriecht Nebel über den Schnee. Die

Sonne scheint hindurch. Ein magischer,

traumhafter Moment. Man möchte ihn

für die Ewigkeit festhalten. Doch bald

wird es eindunkeln, und die Zugverbindungen

von Le Brassus in Richtung Basel

sind nicht dermassen zahlreich.

die Schneemahden am Strassenrand. Nach

der ersten Linkskurve stehe ich vor einer

Kuhweide mit Blick auf das halbe Vallée

de Joux, von Le Sentier bis weit über

Le Brassus hinaus. Eine Abkürzung bietet

sich an, will man nicht an der Strasse

bis ins Tal hinab leiden. Bis an den Dorfrand

folge ich dem Skilift von Le Brassus.

Die Masten haben bereits Rost angesetzt.

Die Tellerbügel warten in der Talstation

geduldig auf Skitouristen. Wahrscheinlich

Weitere Informationen:

– www.parc-jurassien.ch

– Parc jurassien vaudois, Case postale 4

1197 Prangins, Tel. und Fax 022 361 47 34

– Programm und Animation:

Daniel Béguin, c/o WSL antenne romande

CP 96, 1015 Lausanne

Telefon 021 693 57 57, Fax 021 693 39 13

E-Mail: info@parc-jurassien.ch

– Hôtel du Marchairuz, Poste, 1348 Le Brassus

Telefon 021 845 25 30

www.hotel-marchairuz.ch

Eis aus dem Jura

bis nach Paris geliefert

Nach drei viertel Stunden Wandern durch

die winterliche Einsamkeit erreicht man

die Passstrasse nach Marchairuz. Der

Pass, der das einst abgeschiedene Vallée

de Joux mit dem Genfersee verbindet,

brachte der Region wirtschaftlichen Aufschwung.

Bis ins 18. Jahrhundert war

das Vallée de Joux eine abgeschiedene

Welt und während der langen und kalten

Winter völlig von der Aussenwelt abgeschnitten.

Der Bau dieser und einer

weiteren Passstrasse hoben jedoch die

Isolation auf. Vor allem die Köhlerei in

den riesigen Jurawäldern begann zu

blühen. Die Holzkohle war genauso für

die Ausfuhr bestimmt wie das Eis des

Lac de Joux. Dieses wurde vor dem Aufkommen

von Kühlschränken mitunter

bis nach Paris transportiert.

Nach der Stille und der Erhabenheit des

Parc jurassien vaudois ist es ein Schock, in

den lärmigen Alltag zurückzukehren. Ein

Stück weit muss ich der Passstrasse talabwärts

folgen. Autos drängen mich in

Reproduziert mit Bewilligung des Bundesamtes für Landestopographie (BA056737)

Natürlich | 2-2005 21

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