62-63 Wendehals - Natürlich

natuerlich.online.ch

62-63 Wendehals - Natürlich

GESELLSCHAFT

Lebensstil

Wendehals fängt neu an

Eine Frühlingsgeschichte für Kinder und Erwachsene

Text: Christoph Schwyzer

Illustrationen: Ueli Abt

In einem Wald lebten einmal viele Eichhörnchen.

Es gab saftige Kräuter, süsse

Beeren und nahrhafte Nüsse; Bäche

sprudelten munter von den Hängen;

mächtige Eichen krallten sich im Boden

fest und die Blätter der Birken zitterten im

kühlen Wind. Die Eichhörnchen hüpften

von Ast zu Ast, flitzten über Wiesen und

spielten miteinander. Die alten erfahrenen

Eichhörnchen halfen den kleinen und

übermütigen. Die Kräftigen und Flinken

standen den Verträumten und Traurigen

bei. Und auch die eifrigsten Eichhörnchen

genossen ab und zu die lange Weile, blickten

ab und zu von ihren Baumkronen zu

den fernen Bergen. Für sie gab es kein

schlechtes Wetter; sie wussten: die Sonne

scheint immer, selbst wenn dicke, graue

Wolken am Himmel ziehen.

Doch nicht alle Tiere lebten so heiter

wie die Eichhörnchen. Da gab es auf der

anderen Seite des Waldes seltsame Wesen –

Vielfrasse wurden sie genannt. Von weitem

ähnelten sie einem Hund: Sie hatten spitze

Mäuler, scharfe Zähne, kurze Beine und ein

braunes Fell. Das Auffälligste aber waren

ihre grossen, prall gefüllten Bäuche, die wie

Glocken hin- und herbaumelten und

manchmal den Boden berührten. Vielfrasse

mit kleinem Bauch hielten sich meistens

versteckt, aus Angst, ausgelacht zu werden.

Die ganz Dicken waren die Angesehensten

und Mächtigsten; sie wurden von Dutzenden

von Vielfrassen umhergetragen, damit

diese nach neuen Futterplätzen Ausschau

halten konnten.

Nicht nur das Fressen machte den Vielfrassen

unheimlich Spass, sondern auch

das Grosstun liebten sie sehr. Ein jeder erzählte

mit stolzer Stimme: «Hahaha, ich

bin schon auf den höchsten Berg gestiegen,

durch den tiefsten See geschwommen und

über die weiteste Ebene gewandert!» Sie

wollten immer besser sein als alle anderen

Tiere im Wald, und darum waren sie eifersüchtig,

hinterhältig und logen, dass sich

die Birken bogen. Tag für Tag stritten sie

ums Essen, stopften hastig die kostbarsten

Beeren und Pilze in sich hinein und machten

auf alle Tiere Jagd, die nicht rechtzeitig

flüchten konnten. Waren sie müde und

satt, zogen sie sich in ihre Höhlen unter

den Wurzeln der Bäume zurück und dösten

so lange, bis sie von ihren knurrenden

Mägen geweckt wurden.

Eines Tages passierte es, dass ein abgemagerter

Vielfrass dem Anführer, es war

der allerdickste und fetteste Vielfrass, vor

die Augen kam. Was dieser am meisten

hasste, waren schmächtige und hagere

Exemplare. Darum rief er den dünnen Vielfrass

zu sich. Dieser hiess Wendehals, weil

er stets das Gegenteil von dem machte, was

die anderen von ihm verlangten, und weil

er stets, sobald ein anderer Vielfrass auftauchte,

ängstlich den Kopf zur Seite

drehte. Wendehals trat also näher, drehte

seinen Kopf zur Seite und starrte in den

Wald. Der dicke Vielfrass, der wegen seines

grossen Bauches seine Beine kaum noch

bewegen konnte, schnauzte ihn mit kratzender

Stimme an: «Wendehals, du ausgedorrtes

Leichtgewicht! Du bist unfähig, in

unserer Welt anständig und wie es sich

gehört zu leben. Mager bist du und blass,

62 Natürlich | 4-2004


Lebensstil GESELLSCHAFT

aus dir wird nie ein richtiger Vielfrass werden.

Verschwinde aus meinem Reich! Nie

mehr will ich dich hier sehen!»

Wendehals spürte weder Wut noch

Trauer. «Es kann ja nur besser werden»,

dachte er, und so zottelte er durch den

Wald. Während seiner Flucht stieg er auf

den höchsten Berg, schwamm durch den

tiefsten See und wanderte durch die weiteste

Ebene. Ziellos irrte er umher. Was

sollte nun aus ihm werden? In die Welt

der Vielfrasse zurück konnte er nicht, und

den Glauben an eine ferne, bessere Welt

hatte er nicht. In seiner hoffnungslosen

Situation lief er immer weiter und weiter –

Tag und Nacht.

Eines Nachmittags schmerzten seine

Beine und in seinem Kopf hämmerte es. Er

war müde und erschöpft. Keine Wolke war

am Himmel, die Sonne brannte heftig, und

so wollte er sich in den Schatten einer

mächtigen Eiche legen. Als er sich dem

Baum näherte, sah er im Gras ein rötlichbraunes

Büschel, das sich plötzlich bewegte.

Wie unter seinesgleichen üblich,

wollte er in den fremdartigen Strauch beissen.

Doch der Strauch war kein Strauch,

sondern ein Tier – ein Eichhörnchen.

Husch, husch war es weg und nicht mehr

zu sehen. «He, wo bist du? Komm runter

und zeig dich!», rief der Vielfrass.

Das Eichhörnchen streckte, nachdem

sich seine Angst etwas gelegt hatte, vorsichtig

seinen Kopf zwischen den Blättern

hervor und fragte: «Woher kommst du, du

komischer Kerl?» «Ich bin kein komischer

Kerl, ich bin ein Vielfrass! Auf dem Weg

hierher bin ich auf den höchsten Berg gestiegen,

durch den tiefsten See geschwommen

und über die weiteste Ebene gewandert»,

sagte der Vielfrass mit tiefer, stolzer

Stimme. «Soso», sagte das Eichhörnchen

leise und schwieg. Der Vielfrass wurde ungeduldig,

er konnte die Stille nicht aushalten

und fragte: «Und du, was hast du unter

diesem Baum gemacht?» Das Eichhörnchen

huschte durchs Geäst und stand auf

einmal vor dem Vielfrass. Es antwortete:

«Ich habe unter diesem Baum gelegen und

mich von meinen Träumen tragen lassen.

Höher als die höchsten Berge, tiefer als die

tiefsten Seen, weiter als die weitesten Ebenen.»

«Was sind Träume?», wollte der Vielfrass

wissen. «Träume sind Bilder im Kopf,

die plötzlich in Bewegung geraten und zu

tönen beginnen. Vor meinem inneren Auge

sehe ich die höchsten Berge, das Meer, den

Wald und die Flüsse.» Der Vielfrass

staunte. Er wusste nicht, dass es im Wald

noch andere Tiere gab; Tiere, die nicht nur

immer ans Fressen denken. Und er erzählte

dem Eichhörnchen die Geschichte seines

gierigen Volkes und warum er aus dem Gebiet

der Vielfrasse verbannt worden war.

«Was nützen euch die köstlichsten

Früchte und die dicksten Bäuche, wenn

ihr keine Zeit zum Staunen habt? Keine

Zeit, um zwischen den alten Eichen zu

liegen? Keine Zeit, um an einer Blume zu

schnuppern? Keine Zeit, um in den Himmel

zu gucken? Keine Zeit, um zu spielen

und zu lachen oder um euch gegenseitig

zu kraulen?» Still weinte der Vielfrass.

Tränen hingen in seinem Fell. In seinem

ganzen Leben hatte er noch nie aufrichtig

gelacht, war er noch nie staunend vor

einem Baum oder einer Blume stehen geblieben,

hatte er noch nie jemanden hinter

den Ohren gekrault. Das Eichhörnchen

spürte die Not des Vielfrasses. Darum

streckte es ihm sein Pfötchen hin und

sagte: «Vielfrass, ich mag dich, so wie du

bist. Komm mit mir, ich will dich das

Staunen und Lieben lehren!»


Natürlich | 4-2004 63

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine