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PRAXIS – Tierische Erzeugung

Naturschutz mit Mutterkühen

Manfreds Schmids Rinder vom Weideprojekt Wolfratshausen

Foto: Katharina Geiger

Den Sommer über weidet mitten im Naturschutzgebiet „pupplinger Au“ unweit von

Wolfratshausen eine Herde Murnau-Werdenfelser rinder. Das hilft dabei, dort die

seltenen Schneeheide-Kiefernwälder zu erhalten – und als Nebeneffekt auch bei der

Vermarktung des Fleisches.

An das leuchtende Blau der Enzianblüten

im Frühling kann sich Hans Dosch noch

besonders gut erinnern. „Ein Traum war

das“, erzählt der Wirt im „Gasthaus Aujäger“

in Puppling – damals, als er noch ein

kleiner Junge war und die Isar-Auwälder

vor der Haustüre der Familie noch licht

und blumenreich. Sein Großvater fuhr wie

die anderen Kleinbauern der Region im

Herbst zur Streumahd in die Auen, und

immer wieder zogen Schäfer mit ihren

Herden durch das baumreiche Gelände.

Aber dann rentierte sich die Nutzung der

Auen immer weniger, zum Teil sei sie

auch verboten worden – und das Gesicht

der Landschaft veränderte sich: „Die Flächen

sind verbuscht und wurden immer

undurchdringlicher“, sagt Hans Dosch.

„Mit den Enzianblüten ist es schon lange

vorbei“.

„Mähen wäre viel zu teuer“

Jetzt dürfen sie sich wieder ausbreiten.

Ebenso wie seltene Orchideenarten,

geschützte Schmetterlinge – und auch die

Kreuzottern. Denn auch im Landratsamt

Bad Tölz wollte man den langsamen Niedergang

der artenreichen Kulturlandschaft

auf den Staatswaldlächen nicht länger

anschauen und engagierte schließlich eine

ganz besondere Helfertruppe: 16 Murnau-

Werdenfelser Mutterkühe mit ihren Kälbern

und einem Stier. Die robusten Rinder

fressen den Sommer über das massenhaft

aufkommende Pfeiffengras und verhindern

so, dass sich weiterhin dichte Streuilzdecken

bilden. „Mähen wäre auf den

47 Hektar, die das Projektgebiet derzeit

umfasst, viel zu teuer. Es ist dort sehr uneben,

hindernisreich und waldig“, erklärt

der Initiator im Landratsamt, Joachim Kaschek.

Auch eine Beweidung durch Ziegen

oder Schafe war keine Option: Wegen dem

zu erwartenden Verbiss kam das für die

ohnehin skeptischen Forstämter nicht in

Frage. Dann also Rindviecher.

„Fressen sie das Gras überhaupt?“

„Am Anfang wollte ich meine Kühe nicht

dafür hergeben“, erzählt Manfred Schmid,

Naturland Landwirt und Besitzer der

Tiere. „Es wusste ja keiner, ob sie das

raue Gras auch wirklich fressen“. Zudem

sind die Flächen 25 Kilometer von seinem

Öko-Betrieb mit Direktvermarktung in

dem kleinen Weiler Fletzen entfernt – das

verstärkte seine Bedenken, denn eine

Kontrolle der Herde schien ihm dadurch

viel zu aufwändig. Aber dann hat er sich

doch überreden lassen. Zu gut war das

Weideprojekt vorbereitet und geplant worden

und zu ansteckend war die Begeisterung

seines Freundes Markus Henning

vom Maschinenring Wolfratshausen.

Markus Henning ist so etwas wie ein Exot

in der Maschinenring-Gemeinschaft. Der

Diplom-Ingenieur für Landschaftsarchitektur

wurde 1999 eingestellt, um für die

Landwirte neue Einkommensquellen in

Naturschutz-Projekten zu erschließen.

Seinem Engagement ist es zu verdanken,

dass der Maschinenring Wolfratshausen

AG die Projektleitung des Weideprojektes

in der Pupplinger Au übertragen wurde.

Dabei geht es vor allem um die praktische

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PRAXIS – Tierische Erzeugung

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Interview mit Hans Dosch

Hans Dosch führt das „Gasthaus Aujäger“,

ein Auslugslokal ganz in der Nähe

der Flächen, auf denen im Sommer die

Naturland Murnau-Werdenfelser Rinder

weiden.

Herr Dosch, Sie bieten Gerichte mit

dem Fleisch der Weiderinder an.

Was sagen ihre Gäste dazu?

Dosch: Es kommt sehr gut an. Besonders

die Wanderer und Radler sind

begeistert, die auf dem Weg zu uns

direkt an den Weiden vorbeigekommen

sind. Da wird häuig nachgefragt und

die Gerichte gehen sehr gut. Und wer

das zarte Fleisch einmal probiert hat,

der bestellt es bei nächsten Mal wieder.

Ich könnte viel mehr verkaufen, aber

die Mengen sind natürlich begrenzt.

Welche Gerichte kommen besonders

gut an?

Was immer gut läuft sind Steaks oder

der klassische Rinderbraten. Aber es

gibt auch Leute, die gerne etwas ausgefallenere

Sachen bestellen: Innereien

oder Beinscheiben zum Beispiel.

Umsetzung: Markus Henning ist für die

Abstimmung mit dem Landwirt zuständig,

er kümmert sich um die Aufstellung und

Instandhaltung der Weidezäune, er organisiert

die umfangreiche wissenschaftliche

Begleitung („Es wird genau geprüft,

Naturland Landwirt Manfred Schmid

Foto: Katharina Geiger

ob sich der Aufwand auch wirklich lohnt“)

und die Öffentlichkeitsarbeit. Finanziert

wurde das 90.000-Euro-Projekt in den

Wo ist der Unterschied zum

konventionell erzeugten rindleisch?

Die Qualität dieses Fleisches ist sehr

hoch, und was für uns in der Gastronomie

besonders wichtig ist: Sie ist

immer gleich hoch. Auch ein Steak aus

Südamerika kann sehr zart und gut sein

– man kann aber auch eines erwischen,

das nicht ganz so gut ist. Das passiert

bei den Murnau-Werdenfelsern nie.

Zahlen die Gäste dafür auch einen

höheren preis?

Das Fleisch ist hochwertig, schließlich

sind die Tiere sehr langsam gewachsen

und haben nur Milch getrunken und

unbehandeltes Gras gefressen. Wer

etwas Billiges will, der bekommt halt

auch etwas Billiges. Die Gerichte aus

dem Fleisch der Murnau-Werdenfelser

kosten so um die 13 Euro, das sind

etwa vier Euro mehr als die Rindleischgerichte

aus konventionell erzeugtem

Fleisch. Und das sind sie auch wert, gar

keine Frage. Es hat sich jedenfalls noch

nie jemand beim Bezahlen über den

Preis beschwert.

vergangenen drei Jahren zum größten Teil

über den Bayerischen Naturschutzfonds,

aber auch der Isartalverein e.V. als Projektträger

sowie der Bezirk Oberbayern

und das Landratsamt Bad Tölz – Wolfratshausen

beteiligten sich mit eigenen

Mitteln.

„Tiere und Zaun werden täglich

kontrolliert“

Weil sich Markus Henning und Maschinenring-Mitglied

Manfred Schmid schon

lange gut kennen, war das nötige Vertrauen

da, damit sich der Landwirt überhaupt

auf das Experiment einlassen konnte.

Heute, nach drei Jahren Projektlaufzeit, ist

klar: Es funktioniert. Die Kälber nehmen

den Sommer über ordentlich zu und die

leichte Gewichtsabnahme bei den Mutterkühen

und dem Stier ist unproblematisch.

Das Pfeiffengras wird wie gewünscht dezimiert,

und der unerwünschte Verbiss zum

Beispiel an den Frauenschuh-Beständen

ließ sich durch eine leichte Verschiebung

der Weidezeiten gut in den Griff bekommen.

Auch für die tägliche Kontrolle der

Herde fand sich eine Lösung: Die „Isarranger“,

die im Sommer ohnehin tägliche

Rundgänge durch die Naturschutzgebiete

der Isarauen machen, übernehmen es von

Montag bis Freitag, nach den Tieren zu

schauen und den Zaun zu kontrollieren.

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PRAXIS – Tierische Erzeugung

selbst. Die Fahrtkosten dafür bekommt er

erstattet, zusätzlich zur Basis-Vergütung

von jährlich 270 Euro je Hektar Weideläche.

Das entspricht dem üblichen Fördersatz

im Vertragsnaturschutz.

Noch lieber wäre es dem 57jährigen,

wenn die Projekt-Flächen als landwirtschaftliche

Nutzlächen anerkannt würden

und eine Säule-1-Förderungen möglich

wäre.

Mit dieser Forderung steht er keineswegs

alleine da. Der Deutsche Verband für

Landschaftsplege (DLV) setzt sich dafür

ein, innerhalb der Gemeinsamen Agrarpolitik

der EU einen neuen Nutzungscode

„Landwirtschaftlich genutzte Naturschutzlächen“

einzuführen. „Es ist fachlich

unbestritten, dass großlächig-extensive

Beweidung sehr gute Dienste beim Schutz

von Biodiversität, Gewässerqualität und

Klima leistet“, sagt Prof. Dr. Eckhard

Jedicke, Projektleiter im DLV, „bisher ist

die Einstufung aber oftmals mühsam und

viele Flächen werden nicht anerkannt. Der

neue Nutzungscode würde es den Bauern,

den Behörden und auch den Kontrolleuren

deutlich einfacher machen“. Ob er

tatsächlich kommen wird, ist derzeit auch

für den DLV nicht absehbar.

„Es kommen neue Kunden aus der

region dazu“

In der Pupplinger Au werden im nächsten

Jahr trotzdem wieder die braun-schwarzen

Rinder von Manfred Schmid auf den Weiden

stehen. Unter dem Strich lohnt es sich

für ihn trotzdem, dass seine Rinder jetzt

Naturschutz betreiben – denn das Projekt

hilft ihm, zusätzliche regionale Kundschaft

für seine Direktvermarktung aufzubauen.

„Seit die Kühe in der Pupplinger Au stehen,

nimmt zum Beispiel der Holaden in

Gelting, acht Kilometer von Naturschutzgebiet

entfernt, einen Teil des Fleisches

ab“, erzählt der 57jährige,, „und das

Auslugslokal „Gasthof Aujäger“ bietet

jetzt extra Rindleischgerichte mit Hinweis

auf die Herkunft der Tiere an. Das sind für

mich Vorteile, mit denen ich am Anfang

gar nicht gerechnet hatte“.

Mit Gemeinschaftsgeist

Fast 200.000 Landwirte in Deutschland sind Maschinenring-

Mitglieder in einer der 260 regionalen Ringgemeinschaften.

Wie das Weideprojekt in Wolfratshausen zeigt, geht es in der

Selbsthilfeorganisation nicht mehr allein um die Vermittlung von

Technik und Betriebshelfern – diese Aufgaben stehen bei der

täglichen Arbeit zwar weiterhin an erster Stelle, aber zusätzlich

wird das Netzwerk heute vielfach für zusätzliche Projekte im

ländlichen Raum genutzt. Der Aufbau von Wärmenetzen, die Optimierung von Biogasanlagen

oder die Nährstoffvermittlung sind weitere Beispiele für das wachsende

Aufgabenfeld in vielen Regionen.

Öko-Betriebe sind als Maschinenring-Mitglieder bisher noch eher Exoten. Sie können

von den Vermittlungsangeboten jedoch ebenso proitieren wie konventionell

wirtschaftende Landwirte. Die gemeinsame Nutzung von spezialisierter Technik

erhöht die Auslastung und sorgt so auf beiden Seiten für inanzielle Vorteile. Wenn

Arbeitszeit frei ist, sind Landwirte sehr willkommene Arbeitskräfte – als Betriebshelfer,

bei Kollegen mit Arbeitsspitzen oder auch für Aufgaben wie Baumschnitt

und Grünlandplege für außerlandwirtschaftliche Auftraggeber. Der Maschinenring-Navigator

unter www.mrnavigator.de zeigt, welche Ringgemeinschaft als

Ansprechpartner in allen Regionen Deutschlands in Frage kommt.

Extensive Weidewirtschaft in Naturschutzprojekten: Pro & contra

pro:

Die großen europaweiten Schutzziele

wie Biodiversität, Klimaschutz und

Wasserschutz können mit Beweidungsprojekten

vergleichsweise kostenschonend

erreicht werden. Es geht um die

Einhaltung von EU-Wasserrahmenrichtlinie,

FFH-Richtlinie, Biodiversitäts- und

Nachhaltigkeitsstragien.

Gerade in touristischen Gebieten steigt

der Erholungswert der Landschaft,

durch den Anblick der Tiere ebenso wie

durch die Offenhaltung der Flächen.

Weitere Einnahmen für die Betriebe

sind möglich, wenn die Beweidung

touristisch genutzt wird. Viele Betriebe

bieten bezahlte Führungen zu ihren

Contra:

Weidelächen an (z.B. Kremserfahrten),

sie verköstigen die Besucher und vermarkten

im Direktverkauf ihre Wurstund

Fleischprodukte.

Weil kein Kraftfutter eingesetzt wird

und die Tiere meist lokal oder regional

vermarktet werden, fördern Weideprojekte

die Regionalentwicklung vor Ort;

die Wertschöpfung kommt dem nahen

Lebensumfeld zugute.

Extensive Weidenutzung ist eine

althergebrachte und sehr nachhaltige

Form der Landnutzung. Der Landwirt

zeigt der Öffentlichkeit damit, dass er

die natürlichen Ressourcen bestmöglich

schont und entwickelt.

Katharina Geiger, Freie Autorin

Bislang keine Säule-1-Förderung auf

Naturschutzlächen möglich. Es geht

meist nur mit Idealismus der Landwirte.

Der Fleischzuwachs der Tiere ist gering.

Dafür sehr hohe Qualität.

Enge Kooperation mit Experten ist

nötig, damit die Beweidung auch wirklich

die gewünschten Ergebnisse hat.

Welche Tiere kommen im jeweiligen

Gelände zurecht, welche Effekte für die

Landschaft sind gewünscht? Teilweise

ist zum Beispiel Verbiss durch Ziegen

oder Schafe sogar sehr erwünscht,

um Büsche klein zu halten, teilweise

müssen die Weidezeiten an Brut- oder

Planzperioden angepasst werden.

Der landwirtschaftliche Betrieb muss

umgestellt werden, damit die Tiere

auch auf den eigenen Flächen untergebracht

werden können. Liebe zu alten,

robusten Rassen ist eine Grundvoraussetzung.

Am Anfang großer Aufwand für Umzäunungen.

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