Heft 2/2009 - Offene Kirche Württemberg

offene.kirche.de

Heft 2/2009 - Offene Kirche Württemberg

2 | November 2009

EVANGELISCHE VEREINIGUNG IN WÜRTTEMBERG

EBERHARD BRAUN

AUS DEM ALBTRAUM VON

WINNENDEN SOLL DER

TRAUM EINES GELINGENDEN

(SCHUL-)LEBENS WERDEN?

Rabenschwarzes

Bündel - multikausales

Ereignis!

Die Boller Akademie-Tagung vom 28.-30. September 2009 hatte sich die Aufgabe

gestellt, über Konsequenzen des Amoklaufs von Winnenden für Kirche und Gesellschaft

nachzudenken. Wichtigstes Ergebnis der hochkarätig besetzten Veranstaltung:

Es gibt Konsequenzen und allem Anschein nach eine ganze Reihe von Garanten

dafür, dass Veränderungen und Impulse nicht im Sand verlaufen.

Die ersten und wichtigsten sind

ohne Zweifel die Schülerinnen, Schüler,

Lehrerinnen und Lehrer der Albertville-

Realschule und ihr Umfeld. Sie haben

einen Traum: „Aus einer sinnlosen Tat

etwas Sinnhaftes entstehen zu lassen.“

Daran arbeitet auch das „Aktionsbündnis

Amoklauf Winnenden“, das betroffene

Eltern zusammen mit andern be -

gründet haben. In diesen Tagen soll eine

Stiftung gegründet werden, deren

Hauptziel der Kampf gegen Gewalt an

Schulen sein wird. Auf dem Weg zur

Stiftung wie auch sonst im durch die

Ereignisse vom 11. März ausgelösten

Prozess war und ist die Kirche – vor

allem ihre seelsorgerliche Kompetenz –

ge fragt: Das ist eine echte Herausforderung

für sie!

Begonnen hatte die Tagung „Der Amoklauf

von Winnenden“ mit bewegenden

Meditationen über Trauer: Was ist,

wenn nichts mehr ist, wie es war? Wie

können Menschen, unmittelbar Betroffene

und im Seelenbeben Verbundene

standhalten und das Unfassbare aushalten.

Zuhören – Festhalten – Loslassen –

Beten – Klagen – Zeichen – Gesten.

Dem, der nicht unmittelbar am

Geschehen beteiligt war, ist ein bedrängendes

Bild der Ereignisse und ein ganzes

Spektrum vernetzter Hilfen am Tag

der Tat und danach sichtbar geworden.

Dabei wurde vielfach bestätigt, dass

Polizeikräfte, Psychologen, Seelsorger,

Schulverantwortliche u.v.a. hervorragend

zusammengearbeitet haben und so

noch Schlimmeres verhindert werden

konnte. Große Ausnahme: Teile der

Medien, vor allem die privaten Sender,

die mit hemmungslosem Scheckbuch-

Journalismus aggressiv und verletzend

agiert haben. Die Vertreter des Südwestrundfunks

haben sich eindeutig distanziert

und wurden für ihre gute und

zurückhaltende Berichterstattung ge -

lobt. Die Frage bleibt, wie den Auswüchsen

begegnet werden kann. Der Rundfunkbeauftragte

der katholischen Kirche,

Dr. Peter Kottlorz ist überzeugt,

dass Verbraucher mehr Macht haben, als

ihnen bewusst ist. Mindestens für die

öffentlich-rechtlichen Medien gilt: Wer

sich meldet, wird in der Regel gehört! R

AUS DEM INHALT

SCHULE

INTERRELIGIÖSER DIALOG

BROT FÜR DIE WELT


2

EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser,

es herbstelt, das Jahr geht zu Ende.

Danach fängt aber wieder etwas Neues

an. So geht es uns auch gerade. Was Sie in

Händen halten, ist unser letztes gebundenes

Heft. Im Vorstand wurde beschlossen,

im kommenden Jahr stattdessen eine

richtige Zeitung herauszugeben. Das hat

natürlich mit finanziellen Überlegungen

zu tun. Wir wollen aber auch moderner

werden. Mal sehen, ob uns das gelingt.

Wer noch etwas nachblättern will: In

der Landeskirchlichen Zentralbibliothek

in Stuttgart sind alle Publikationen der

Offenen Kirche zu finden: Von 1972/73 bis

1999/Heft 1 die grünen und später violetten

OK-Informationen, von 1999/Heft 2

bis 2006/Heft 4 die „Offene Kirche“ mit

der flotten Überschrift und ab März bzw.

April 2007 die von der Grafikerin Andrea

Burk gestylte Zeitschrift „Anstöße“. Der

Name bleibt, denn der hat Tradition.

Schon zur Wahl 1971 gab es einen

„Anstoß“, damit die Kirche sich verändere.

Das versuchten die Mitglieder der

„Kritischen Kirche“ auch 1968 mit ihren

Flugblättern, mit denen sie den Verlauf

der damaligen Herbstsynode kommentierten.

Ich glaube, solche kritischen (Flug-)

Blätter brauchen wir wieder. Denn unsere

evangelische Kirche driftete deutschlandweit

wieder ins konservative Lager. Der

EKD-Ratsprädident Wolfgang Huber segnete

die Werbeautos für die Aktion „Pro

Christ“. Bischöfin Jepsen verteidigte die

Evangelikalen, bis sie den Werbefilm der

„Jugend mit einer Mission“ sah (in Pano -

rama am 8.10.2009), Mitglieder der Evangelischen

Allianz durchdringen kirchliche

Strukturen und Organisationen und versuchen

seit Jahren, mit ihren Gottesdiensten

die der Landeskirchen zu verdrängen.

Der Vorstand der OK hat nicht ohne

Grund sein „Wort zur Fastenzeit“ veröffentlicht.

Die heftigen Reaktionen der

Getroffenen und das Interesse vieler Zeitungs-

und Rundfunk-Redaktionen zeigen,

wie wichtig es war.

Jetzt also noch einmal ein Heft, ab

März 2010 eine Zeitung mit Artikeln

und Informationen, die Sie hoffentlich

interessieren, wünscht sich

IHRE RENATE LÜCK

MITGLIEDER-

JAHRESVERSAMMLUNG 2010

„ZUKUNFT DER KIRCHE – PERSPEKTIVEN DER KIRCHENREFORM“

An der Jahresversammlung der OFFENEN KIRCHE am

SAMSTAG, DEM 27. MÄRZ 2010,

wird Professor Dr. Joachim Cornelius-Bundschuh

am Vormittag den Vortrag halten.

Professor Cornelius-Bundschuh war acht Jahre Direktor des

evangelischen Predigerseminars in Hofgeismar und ist nun

im Oberkirchenrat der Badischen Landeskirche in Karlsruhe zuständig

für theologische Ausbildung und das Prüfungsamt.

Außerdem unterrichtet er als Privatdozent an der

Theologischen Fakultät der Universität Göttingen mit dem

Schwerpunkt Praktische Theologie.

INHALT 2/2009

SCHULE

Rabenschwarzes Bündel –

multikausales Ereignis ...........1

Interview mit

Ingeborg Soller-Britsch ..........4

Bildungsgerechtigkeit durch

Teilhabegerechtigkeit ............6

OK

Brenz-Medaille für Dr. Erhard

Eppler und Fritz Röhm ..........8

INTERRELIGIÖSER DIALOG

Abraham zieht um! .............10

Christlich-muslimischer Dialog..11

Begegnung ist Friedensarbeit –

Bibel, Koran und Tora geben sich

die Hand... ....................12

SICHTWECHSEL

... in andere Lebenswelten ......14

BROT FÜR DIE WELT

Ökumenische Partner treffen sich

auf dem Kirchentag in Bremen ..15

EKD

Der neue Rat der EKD..........16

GESCHICHTE DER OK

Von der „Offenen Gemeinde“ zur

Offenen Kirche“...............17

MEILENSTEINE

Martin Niemöller ..............21

KLIMAWANDEL

Bangladesch ...................23

Postkarten-Aktion

„Countdown to Copenhagen“ ..23

Bücher .........................19

Impressum ....................20

„Ich finde gut, dass es

Zusatzunterricht für die

guten Schüler in Englisch, Mathe und

Deutsch gibt, bei dem die

Störer der Klasse nicht dabei

sind. Da kann man in Ruhe

lernen. Das macht Spaß.“

R FORTSETZUNG VON SEITE 1

Insgesamt hat jene Schülerin Recht: Es

gib nichts Gutes, das nicht verbessert

werden könnte! Und darum sollte es

dann vor allem gehen. Wie kann möglicherweise

etwas verhindert, wo kann

etwas besser gemacht werden? Das ist

auch das zentrale Anliegen der Expertenkommission,

die am 30. September

2009 ihren Bericht der Öffentlichkeit

präsentierte. Der Vorsitzende Dr. Udo

Andriof erläuterte in Bad Boll die

wesentlichen Punkte: Auch wenn es keine

hinreichende Sicherheit gegen

Amoktaten gebe, sei es eine Verpflichtung

gegenüber den Opfern und ihren

Angehörigen, Risikofaktoren zu reduzieren

und Schutzfaktoren zu stärken.

NICO, 13 JAHRE

Fragen an Jugendliche einer Hauptschule:

Wie findest du deine Schule?

In der Prävention geht es vor allem darum,

vom Kindergarten an auf eine Kultur

des fairen Miteinanders hinzuwirken

und die bestehenden Angebote wie

Schulpsychologen, Gewaltpräventionsberater,

Suchtbeauftragte, Schulsozialarbeit

und Schulseelsorge zu stärken.

Amoktaten haben meist eine – oft sehr

lange – Entwicklungsgeschichte, sagt

Prof. Britta Bannenberg. Also kommt es

darauf an, die Warnsignale zu erkennen

und eine Kultur des Hinschauens zu

entwickeln. Gewalt fasziniert und wird

auch medial vermittelt und geübt. Das

wird besonders am Spiele-Markt deutlich!

Die Experten wollen die Me -

dienkompetenz stärken und die Strafbarkeit

von Gewaltspielen ausdehnen.

Die Verfügbarkeit gefährlicher Waffen

muss reduziert werden – für die Mehrheit

der Tagungsteilnehmer war ohnehin

schwer nachzuvollziehen, wieso es

so viele Menschen mit so vielen (großkalibrigen)

Waffen geben kann.

Jetzt wird die Landtagskommission die

Vorschläge sichten und in Beschlussanträge

verwandeln. Die Versprechen

klangen glaubwürdig, die Absichten

sind ernsthaft. Dennoch gab es bei den

Teilnehmerinnen und Teilnehmern der

Tagung Zweifel, ob mit den vorhandenen

Kräften die notwendige Kultur der

Anerkennung, Wertschätzung, Förderung

und Achtsamkeit vor allem an

SCHULE

Schulen geschaffen und weiterentwikkelt

werden kann. Oberkirchenrat Werner

Baur fordert: Wir brauchen eine

neue Schule! Kinder brauchen Zeit und

Räume, Begleitung und Aufmerksamkeit.

Wie kriegen sie die? Und wie verträgt

sich diese Forderung mit jener

anderen nach einem auf Effizienz, Konkurrenz

und messbarer Leistung ausgerichteten

Bildungssystem?

Der Vorhang zu, die Tagung zu Ende

und alle Fragen offen? Nun ja, vielleicht

nicht ganz: Denn es waren viele, für die

Verantwortlichen unerwartet viele, die

an der Tagung teilgenommen haben:

ein Netzwerk unterschiedlichster Kompetenzen.

Und die Tagung hat die Entschlossenheit

gefördert, im Rahmen der

eigenen Möglichkeiten auf vielen Ebenen

etwas zu tun, damit aus dem Albtraum

von Winnenden und dem Traum

der Schulgemeinschaft der Albertville-

Realschule Leben wird: „aus einer sinnlosen

Tat etwas Sinnhaftes entstehen zu

lassen“.

Weitere Berichte und Dokumente:

• www.ev-akademie-boll.de

„Probleme machen ein paar

aggressive Schüler.

Wir haben mit der Klassenlehrerin

eine Stunde darüber geredet

und alle haben sagen können, was sie stört.

Wir finden nicht gut, dass die Frechen auf

die Schwächeren draufhauen, statt erst

einmal zu fragen, was los ist.

Die mit der großen Klappe bessern sich

in der Theatergruppe.“

CHEYENNE, 13 JAHRE

3

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


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SCHULE

INTERVIEW MIT

INGEBORG SOLLER-BRITSCH

VERTRAUEN IST DAS WICHTIGSTE

5

Ingeborg Soller-Britsch ist Geschäftsführerin des Evangelischen Schulwerks in

Württemberg und kümmert sich um 120 Schulen in evangelischer Trägerschaft,

die Hälfte davon Berufschulen für soziale Berufe, die anderen allgemeinbildende

und Förderschulen. Sie hat am Perspektivpapier „Freiheit,

Gerechtigkeit und Verantwortung“ der beiden evangelischen Kirchen in

Baden-Württemberg mitgearbeitet. Deshalb die Fragen an sie, auch im Nachklapp

zum Amoklauf in Winnenden.

Eine US-Amerikanerin fragte mich,

warum in Deutschland jedermann ohne

Kontrolle in die Schulen hereinspazieren

kann. Das sei in den USA unmöglich.

Ist diese Idee in die Überlegungen zur

Verhütung solcher Katastrophen mit eingeflossen?

Man muss abwägen, ob man ein offenes

Haus haben oder total abgeriegelt sein

will. Ich persönlich bin für offene Häuser

im Stadtteil und die Schule als Zentrum.

Ein Restrisiko bleibt, das sieht

man auch in den USA.

Wie kann man erkennen, wenn ein Kind

mit seinen Problemen nicht fertig wird?

Es gibt eine Grundvoraussetzung, und

das ist ein vertrauensvolles Verhältnis

zwischen Schulkind und Lehrkraft, bei

dem man dem Jugendlichen etwas

zutraut. Hineinschauen können Sie

auch als Profi nicht. Interessieren mich

nur die schulischen Leistungen oder

will ich das ganze Kind wahrnehmen?

Ich freue mich, das sich dieses Selbstverständnis

ändert und viele LehrerInnen

näher hingucken.

Sind die Lehrkräfte dafür geschult?

Manche schon, aber es ist nicht nur

eine Frage der Personalentwicklung. In

Schulen mit Fachlehrersystem ist es

schwieriger als im Grundschulbereich.

Aber es gibt Gymnasien, in denen nicht

mehr als fünf Lehrkräfte in einer Klasse

unterrichten. Da kann man in der

Pause Beobachtungen austauschen,

sich ge genseitig informieren und ist

handlungsfähig. Voraussetzung ist, dass

man sich zuvor auf gemeinsame Ziele

verständigt hat. Aber wenn in großen

Schulen manchmal 13 Lehrkräfte in einer

Klasse sind, können Sie das nicht mehr

überblicken. Wir fördern die Wahrnehmungsfähigkeit

in Fortbildungen. Es

reicht aber nicht, Verhaltensweisen des

Individuums Lehrer/Lehrerin zu än dern,

es müssen alle mitmachen.

Sollte jede Schule einen Sozialarbeiter/

eine Sozialarbeiterin haben?

Schön wäre es. Ich meine, die Lehrkräfte

müssen eine Grundausstattung an

sozialpädagogischen Kompetenzen ha -

ben. Die meisten Schulsekretärinnen

haben sie als Naturbegabungen und

lösen viele Probleme von Bauchschmerzen

bis zum Trösten bei Tränen. In

Ganztagsschulen und Internaten ist es

das Küchenpersonal, das bei Liebeskummer

weiterhilft. Zuwendung geht

auch über den Magen. In einem ganzheitlich

pädagogischen Verständnis

kann auch der Speiseplan etwas mit

Wertschätzung zu tun haben. Es gibt

sehr schöne Beispiele.

Kann das verlängerte Zusammensein

in Ganztagesschulen die Kinder stabi -

lisieren?

Auf jeden Fall. Aber nicht nur durch

Unterricht. Man muss die Zeit nutzen

für persönliche Gespräche und Zeit

haben für Dinge, die im System der

Halbtagsschule zu kurz kommen.

„Wir haben elf Grundregeln

an der Schule, die für die Schüler

wie für die Erwachsenen gelten.

Darunter: Achtung der Menschenwürde, der

eigenen wie die des anderen. Achtung vor

dem Eigentum und allem Geschaffenen

sowie der dahinter verborgenen mensch -

lichen Arbeit. Reversibilität der Sprache und

des Handelns der Lehrer, Schüler und

aller, die sich in der Schule aufhalten.

Toleranz gegenüber anderen und nicht nur

als Forderung an alle anderen.“

SCHULLEITER MARTIN KITTEL

Pause draußen zum Austoben oder drinnen

zum Entspannen

Was ist gut am gemeinsamen Lernen bis

zur 9. oder 10. Klasse?

Entscheidend sind die Lernmilieus für

Lernerfolge. Professor Bohl hat in seinem

Vortrag in der Landessynode sehr

schön gezeigt: Je homogener die Gruppe

ist, desto schlechter sind die Lernerfolge,

die die Schule erzielt. In einer

homogenen Gruppe kann ich mich

nicht am Unterschied messen. Wir lernen

an der Differenz.

Was wünschen Sie sich für den Nach -

mittag der Schulkinder?

Die Frage geht davon aus, dass ich den

Vormittag und den Nachmittag verschieden

gestalte; vormittags normaler

Schulbetrieb und nachmittags Freizeit.

Wir sind im Positionspapier von der

gebundenen Ganztagsschule ausgegangen,

in der alle dableiben müssen. Dann

„Hier in der Schule wird

Druck auf die Schüler

gemacht, damit sie gute Zeugnisse für

die Bewerbungen bekommen und

Hoffnung auf eine Lehrstelle

haben können. Mit Mitschülern,

die Ärger machen, rede ich.“

DENNIS, SCHULSPRECHER, 13 JAHRE

kann man rhythmisierende Ganztagsschule

machen, das heißt Spannung

und Entspannung, Herausforderung

und Rückzugsmöglichkeiten. Diese Ba -

lance ermöglicht Unterricht und Freizeitangebote

im Rhythmus. Wenn Sie

sechs Stunden Unterricht am Vormittag

und am Nachmittag vier Stunden Sport

und Hausaufgaben haben, dann ist der

Nachmittag für die Schüler mehr ein

Verwahren. Sie sind am Vormitttag

überfordert und am Nachmittag unterfordert.

In der rhytmisierenden Form findet

zwei Stunden konzentriertes Lernen

statt und dann Singen oder in den

Schulgarten gehen oder ähnliches. Und

dann wieder zwei Stunden volle Kanne

lernen und das nach dem Mittagsloch

ab 15 Uhr auch. Wenn die Kinder vorher

eine Entspannungsphase hatten,

geht das. Sport und Musikschulen und

kirchliche Jugendarbeit wird dahinein

integriert. Jugendleiter von Vereinen

sind sehr willkommen. In der Urspringschule

gibt es sogar eine Jugendfeuerwehr.

DIE FRAGEN STELLTE RENATE LÜCK

Sowohl das Positionspapier

„Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung“

der beiden evangelischen

Kirchen in Baden-Württemberg

vom 26.9.2008 als auch der Entschließungstext

der 14. Württembergischen

Landessynode vom

13.3.2009 stehen im Internet unter

www.bildungsportal-kirche.de

in der Rubrik Schule, Ausbildung

& Studium.

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


6

SCHULE

NEU IN DER LANDESSYNODE:

WERNER STEPANEK

7

BILDUNGSGERECHTIGKEIT

DURCH TEILHABEGERECHTIGKEIT

Manchmal kann man auch richtig stolz sein auf seine Evangelische Kirche!

Das kommt relativ selten vor, aber wenn, dann aus voller Überzeugung. So

geschehen auf der Frühjahrstagung der Württembergischen Landessynode.

Grund für dieses kirchliche Hochgefühl war das Perspektivpapier „Freiheit,

Gerechtigkeit und Verantwortung“, mit dem die Evangelischen Landeskirchen

von Baden und Württemberg zur aktuellen Bildungs- und Schulpolitik Stellung

bezogen haben und diese von der württembergischen Synode ohne Gegenstimme

angenommen wurde. „Mehr Bildungsgerechtigkeit durch mehr Teilhabegerechtigkeit

am Bildungssystem“ lautet die Botschaft.

Das Perspektivpapier ist nach

meiner Einschätzung ein mutiges

Papier. Es ist deshalb mutig, weil es den

Menschen Mut macht, auf die Kraft von

Bildung zu vertrauen und darauf, dass

es möglich ist, ein Bildungssystem zu

gestalten, in dem junge Menschen trotz

großer gesellschaftlicher Verwerfungen

nicht zu Verlierern erklärt werden, sondern

eine individuelle Wertschätzung

und Förderung erfahren.

Und mutig ist das Papier auch, weil sich

die Evangelische Kirche deutlich und

offen zu einem gesellschaftlich hoch

relevanten Thema äußert. Das verdient

Lob und Anerkennung!

Längeres gemeinsames Lernen

Die Kernaussage des Papiers ist mit dem

Begriff der Teilhabegerechtigkeit jedes

Einzelnen am Bildungssystem um -

schrieben. Der Begriff ist ein „Ankerbegriff“

und postuliert die Grundthese,

dass alle Menschen am Bildungsangebot

nach ihren Bedürfnissen teilhaben dürfen.

Eine zentrale Maßnahme zum

Erreichen dieser Teilhabergerechtigkeit

ist die Möglichkeit des längeren gemeinsamen

Lernens. Junge Menschen brauchen

diese Zeit des längeren gemeinsamen

Lernens, um im Miteinander und

in der gegenseitigen befruchtenden Auseinandersetzung

entwicklungsspezifisch

zu reifen.

Vita: 1952 in Göppingen geboren,

Studium der Wirtschaftswissenschaften

und Germanistik, seit 1997 Oberstudiendirektor

und Leiter der Kaufmännischen

Schule in Göppingen,

verheiratet, ein Sohn, lange Zeit Stadtrat,

Mitglied im VHS-Kuratorium;

seit 2007 in der Landessynode, dort

im Ausschuss für Jugend und Bildung,

im Kuratorium Bad Boll und im Stiftungsrat

Kirche und Kunst sowie Mitglied

der EKD-Synode.

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

Gerade im Hinblick auf heterogene

Strukturen in einzelnen Klassen oder

Gruppen plädiert das Positionspapier

für mehr Offenheit und Professionalität.

Es macht Mut zum Abbau von Ängsten

im Umgang und Zusammensein mit

Menschen, die anders sind. Natürlich

verlangt Teilhabe- und Bildungsgerechtigkeit

auch eine Differenzierung im Bildungssystem.

Es geht eben nicht um

eine schwärmerische Gleichmacherei

von Bildungszielen und Bildungsabschlüssen,

sondern um die Chance einer

differenzierten individuellen Förderung.

Wer deshalb das Angstbild einer

„Einheitsschule" beschwört, hat das Po -

sitionspapier einfach nicht verstanden.

Bildungslandschaft

Mir gefällt auch das Bild von einer Bildungslandschaft,

in der sich die Menschen

nach ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten

bewegen können. Deshalb ist

es richtig, eine Vernetzung von formalen

und nicht formalen Bildungseinrichtungen

zu knüpfen.

Der Gesprächskreis „Offene Kirche" hat

sich deshalb für eine starke Vernetzung

der unterschiedlichen Bildungseinrichtungen

eingesetzt, so dass z. B. Kindertagesstätten

und Grundschule, private

und öffentliche Schulen, schulische und

außerschulische Bildungseinrichtungen

als Bildungspartnerschaften zusammenwirken.

Vor allem der wohl wichtigsten

Bildungseinrichtung muss Raum und

Zeit in einem Netzwerk eingeräumt

werden – der Familie.

Rhythmisierte Ganztagesschule

Genau an dieser Stelle muss die Forderung

nach einer rhythmisierten Ganztagesschule

genannt werden. Sie will

sicherstellen, dass junge Menschen in

einem temporär begrenzten Raum in

Schule oder anderen Bildungseinrichtungen

leben und lernen und danach

Zeit und Raum für Familie, Verein,

Freunde – und eben auch die Kirche

haben. Mit dieser Form einer rhythmischen

Ganztagesschule können wir auf

geänderte soziologische Gesellschaftsstrukturen

reagieren. Gerade diese Form

der Ganztagesschule ist in besonderem

Maße familienfreundlich, weil es auf

individuelle Bedürfnisse spezieller Fa -

milienstrukturen flexibel reagieren

kann. Die rhythmisierte Ganztagesschule

schafft Orientierung, Halt und

schließlich auch einen schulfreien

Raum.

Vor allem sozial benachteiligten Kindern

kommt die im Papier formulierte Strukturreform

des Bildungssystems zugute,

weil Perspektivlosigkeit und Stigmatisierung

in einzelnen Bildungsgängen vermieden

werden.

Das Perspektivpapier sieht in der Bildung

einen Prozess der Wertschätzung

jedes Menschen, die ihm die Möglichkeit

der Entfaltung der ihm von Gott

gegebenen Fähigkeiten und Fertigkeiten

ermöglicht. Es setzt somit auf Wertschätzung

und nicht auf Ausgleich von

Defiziten.

Das ist ein großer Unterschied – und

darauf darf man auch stolz sein!

ENTSCHLIESSUNGSTEXT DER

14. WÜRTTEMBERGISCHEN LANDESSYNODE AM 13. MÄRZ 2009

FREIHEIT – GERECHTIGKEIT – VERANTWORTUNG

»

Wir unterstützen alle Bemühungen von Bildungseinrichtungen in evangelischer, privater und

staatlicher Trägerschaft, Bildung, Erziehung und Betreuung in Schule und Unterricht so zu gestalten,

dass ein möglichst hohes Maß an Bildungsgerechtigkeit und Teilhabe an der Gesellschaft erreicht wird.

Das gilt auch im Blick auf Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie Erwachsenen- und Familienbildung.

Dies erfordert zusätzliche finanzielle Mittel und zeitliche Spielräume.

„Eine gerechte Gesellschaft muss so gestaltet werden, dass möglichst viele Menschen in der Lage

sind, ihre Begabungen zu erkennen, sie auszubilden und produktiv für sich selbst und andere

einsetzen zu können“ (EKD 2006). Bildung ermöglicht aktive Teilhabe an der Gesellschaft.

Die soziale Herkunft darf kein Bildungshindernis sein. Gerecht ist ein Bildungssystem,

das auf Chancengleichheit und Befähigungsgerechtigkeit achtet, inklusives und individuelles Lernen

praktiziert und niemanden strukturell von Bildung ausgrenzt.

»

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


8

OK

Bischof Frank Otfried July überreicht Dr. Erhard

Eppler die Urkunde zur Silbernen Brenz-Medaille

9

BRONZENE

BRENZ-MEDAILLE

FÜR FRITZ RÖHM

SILBERNE BRENZ-MEDAILLE

FÜR DR. ERHARD EPPLER

Die OFFENE KIRCHE freut sich

außerordentlich über die Entscheidung

von Bischof Frank Otfried July, den

Schirmherr des AMOS-Preises der OK,

Dr. Erhard Eppler, für seine Verdienste

für und in der Kirche mit der silbernen

Brenzmedaille zu würdigen. „Damit

wird ein Politiker und Kirchenmann

ausgezeichnet“, so die Vorsitzende der

OK, Pfarrerin Kathinka Kaden, „der

nach vorne schaut, für Neues offen ist

und Verknöcherungen und Engführungen

verabscheut“. Die OK kenne Dr.

Epp ler als „einen Repräsentanten für

Vielfalt und Freiheit in der Kirche, wie

wir es für unsere Kirche wünschen“.

Die Preisverleihung fand am 23. Juli bei

einer Festveranstaltung in seinem

Wohnort Schwäbisch Hall statt. Bischof

Frank Otfried July sagte in seiner Laudatio,

Eppler habe meist vor anderen politischen

Akteuren und Beobachtern ge -

wichtige Themen wahrgenommen, auf -

gegriffen und benannt. Aus einer christlichen

Grundhaltung heraus habe er

politische Verantwortung übernommen

und zugleich ein überzeugendes Beispiel

dafür gegeben, was evangelisch Kirche-

Sein bedeute.

Dr. Erhard Eppler gehörte den Regierungen

Kiesinger, Brandt und Schmidt

an und war Bundesminister für wirtschaftliche

Zusammenarbeit von 1968

bis 1974. In Baden-Württemberg war er

SPD-Landesvorsitzender und von 1976

bis 1980 Fraktionsvorsitzender der SPD

im Landtag. Darüberhinaus war er zweimal

Kirchentagspräsident.

RENATE LÜCK

Der Mitbegründer der Offenen

Kirche, Fritz Röhm, wurde am Samstag,

dem 11. Juli 2009, mit der Johannes-Brenz-Medaille

in Bronze ausgezeichnet.

60 Jahre arbeitet er schon

ehrenamtlich für die evangelische Kirche.

Als Kirchengemeinderat begleitete

er zuletzt den Fusionsprozess zur Ge -

meinde Stuttgart-Nord. Angefangen

hat er in der Jugendarbeit, erste Erfahrungen

sammelte er beim Kirchengemeindereform-Projekt

in Leonberg-

Ramtel, dann in der Kritischen Kirche.

Er wurde stellvertretender Vorsitzender

der Vereinigung OFFENE KIR-

CHE, Geschäftsführer des AMOS-Preises

für Zivilcourage in Kirche und Ge -

sellschaft und gründete die AMOS-

Preis-Stiftung. Seit 2007 ist der

pensionierte Industriekaufmann und

Personalleiter Ehrenvorsitzender der

Offenen Kirche.

Im Namen von Landesbischof Frank

Otfried July überreichte der (damals)

stellvertretende Stuttgarter Dekan

Eckardt Schultz-Berg Fritz Röhm

Medaille und Urkunde. In der Urkunde

schrieb der Bischof unter anderem: „Sie

sind ein Mahner, dass wir in der Kirche

für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung

der Schöpfung eintreten und tun,

was möglich ist.“ Kathinka Kaden, die

Vorsitzende der OK, brachte es auf

einen Nenner: „Immer, wenn es brenzlig

wurde, warst Du da!“ Und auch

Pfarrerin Monika Renninger dankte

ihrem Gemeindeglied für seine treue

Mitarbeit. Fritz Röhm bekannte, dass

er sehr überlegte, als ihm der Ehrenvorsitz

in der OK angetragen wurde, denn

das sei eine Herausforderung. „Ich

kann nicht sagen, ich bin im OK-Ruhestand,

sondern muss weiter mitdenken.“

Dagegen empfinde er bei der

Brenz-Medaille Genugtuung und Stolz,

dass sie auch einem OK-Mitglied verliehen

wird. Er werde auch weiterhin

am Altar aus der Bibel in gerechter

Sprache vorlesen.

Die bronzene Brenz-Medaille gibt es bei

mindestens 30 Jahren ehrenamtlicher

Mitwirkung in der Kirche. So gesehen

hätte Fritz Röhm zwei Medaillen be -

kommen müssen. Die silberne Medaille

wird nur zweimal im Jahr verliehen.

Eine goldene gibt es nicht.

Antwort

OFFENE KIRCHE

Geschäftsstelle

Gunter Kaden

Am Bronnenbühl 2

73337 Bad Überkingen

Mehr Inhalt,

mehr Vielfalt,

mehr Biss:

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


10

INTER-

RELIGIÖSER

DIALOG

EBERHARD BRAUN

Die Vorstandsprecher vom Haus Abraham

Dr. Reiner Strunk, Meinhard Tenné und Hakan Turan

11

ABRAHAM ZIEHT UM!

Es ist fast wie in der biblischen Geschichte! „Haus Abraham e.V.“, der vor zwei

Jahren mit großen Visionen auch für eine bleibende Heimat im Kloster Denkendorf

gegründete „Verein zur Förderung der Begegnung von Juden, Christen

und Muslimen“ geht auf Wanderschaft, „in ein Land, das ich dir zeigen will“

(Gen.12,1).

Der christliche Sprecher des Vereins,

Pfarrer Dr. Reiner Strunk, gab in

seinem Bericht bei der ersten Hauptversammlung

des Vereins am 19. Juli 2009

bekannt, der Verein wolle seinen Sitz

nach Stuttgart verlegen. Es sei klar, dass

es in Denkendorf keine Zukunft gebe.

Zur Zeit werden verschiedene Standorte

in Stuttgart geprüft. Die große Mehrheit

der Mitglieder nahm die Überlegungen

zustimmend zur Kenntnis. Die Großstadt

bietet Chancen, den interreligiösen

Dialog stärker mit anderen interkulturellen

Initiativen zu verbinden und mit

einer besseren Erreichbarkeit auf längere

Sicht mehr Menschen zu gewinnen.

Gleichwohl wurden auch wehmütige

Gedanken zum Abschied vom Kloster

Denkendorf geäußert, denn die traditionsreiche

Tagungsstätte hatte mit dem

„Denkendorfer Modell“ der Sprachhilfe

und dem „Gespräch zwischen Christen

JA, ICH WILL DIE OFFENE

KIRCHE KENNEN LERNEN:

Senden Sie mir bitte ausführliches

Informationsmaterial zu:

Ein Probeexemplar der „anstöße“

Das aktuelle Wahlprogramm der

Offenen Kirche

Nennen Sie mir bitte den Namen

eines Ansprechpartners in der für

mich zuständigen Bezirksgruppe.

Schicken Sie mir den kostenlosen

Newsletter. (Auch im Internet abrufbar.)

OFFENE KIRCHE – Geschäftsstelle:

Telefon: 0 73 31-44 18 14

Fax: 0 73 31-44 18 13

E-Mail: geschaeftsstelle@offene-kirche.de

www.offene-kirche.de

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / Juli 2008

und Juden“ eine große Bedeutung für

den interreligiösen Dialog und darüber

hinaus für die Landeskirche. Dass das

alles zu Ende sein soll, ist für viele

schwer nachzuvollziehen.

JA, ICH WILL DIE OFFENE

KIRCHE UNTERSTÜTZEN:

Ich werde hiermit Mitglied der Offenen

Kirche mit Stimmrecht bei den jährlichen

Mitgliederversammlungen.

Ich abonniere die Zeitung „anstöße“ der

Offenen Kirche.

Mindestens 3 Ausgaben jährlich, einmalig Euro 15 a

Einstimmig bestätigte die Mitgliederversammlung

die bisherigen Sprecher

Meinhard Tenné, Stuttgart, und Dr. Reiner

Strunk, Denkendorf, in ihrem Amt

als jüdischer bzw. christlicher Sprecher

des Vorstands. Hakan Turan aus

Schwaikheim wurde als Nachfolger des

ausscheidenden islamischen Sprechers

Bayram Tasdögen ebenfalls einstimmig

gewählt (s.Bild). Neben den Genannten

gehören dem künftig aus maximal neun

Personen bestehenden Vorstand an: Lisbeth

Blickle, Barbara Traub, Heiner

Küenzlen, Prof. Al-Radwany sowie Dilber

Yildiz als Schriftführerin und Emel

Atak als Schatzmeisterin. Mit einer Satzungsänderung

wurde ermöglicht, dass

künftig auch juristische Personen, wie

Moschee-, Synagogen- und Kirchengemeinden

sowie andere Institutionen

Mitglieder des Vereins werden können.

Das Abrahamsfest in Denkendorf hatte

mit einem sehr intensiven Podiumsgespräch

zum Thema „Nachbarschaft“

begonnen. Moderator Heiner Küenzlen

eröffnete mit dem Bekenntnis, dass die

christlichen Gemeinden in der Vergangenheit

den muslimischen Gemeinschaften

„keine guten Nachbarn gewesen“

seien eine offene und bewegende

Gesprächsrunde. Die Stuttgarter Sozialbürgermeisterin

Gabriele Müller-Trimbusch,

Meinhard Tenné, Dr. Kustermann

von der katholischen Akademie

Hohenheim und Hakan Turan machten

deutlich, dass es keine Alternative zu

einer Nachbarschaft im gegenseitigen

Respekt und mit Neugier für das

Anderssein der Menschen verschiedener

Kultur und Religion gebe. Dafür arbeitet

der Verein „Haus Abraham e.V.“, der

nach den Worten von Vorstands -

sprecher Dr. Reiner Strunk auch nach

zwei Jahren noch immer eine Baustelle

ist. Man möchte dem Verein und seinem

Anliegen viele Menschen wünschen,

die mitbauen.

ABSENDER:

NAME

STRASSE

PLZ / ORT

TELEFON / FAX

EMAIL

GEBURTSTAG*

BERUF*

* freiwillige Angabe

CHRISTLICH-MUSLIMISCHER

DIALOG – EVANGELISCH

BETRIEBEN:

HEINRICH GEORG ROTHE

Am 8. März 2008 wurde er in sein Amt als Islambeauftragter der württembergischen

Landeskirche eingeführt: Pfarrer Heinrich Georg Rothe, geb. 1955.

Heute sagt er über seine Arbeit: „Ich wusste , dass das keine einfache Aufgabe

ist, aber ich erfahre viel Ermutigendes.“

Die württembergische Landeskirche

hat länger gebraucht als andere,

bis sie eine solche Stelle eingerichtet

hat. Allerdings hatte sie schon lange im

DiMÖ, dem „Dienst für Mission, Ökumene

und Entwicklung“ und dort

besonders intensiv in der Prälatur Heilbronn

versucht, sich der Herausforderung

einer multireligiösen Gesellschaft

zu stellen. Beim DiMÖ ist nun die

Pfarrstelle des Islambeaufragten auch

angesiedelt – mit einem Auftrag für die

ganze Landeskirche. Die 13. Synode hat

2006 mit einer grundsätzlichen Entscheidung

das Programm für evangelische

Christen und Muslime in Württemberg

formuliert: „Miteinander

leben lernen“. Für H.G. Rothe befindet

sie sich damit auf der Höhe der Zeit,

denn diese Gesellschaft hat begonnen

zu verstehen und anzunehmen, dass

eine – auch religiöse – Vielfalt dauerhaft

zu ihr gehört. Mit dem synodalen

Prozess des Jahres 2006 hat die Landeskirche

konkrete Schritte eingeleitet.

Rothe hält es für bemerkenswert, dass

seither der Landesbischof den muslimischen

Gesprächspartnern zu Ramadan

und dem Fest des Fastenbrechens gute

Wünsche zukommen lässt und muslimische

Gäste die Einladung zum Jubiläum

„450 Jahre Reformation in Württemberg“

angenommen haben.

Mit Unterstützung des Oberkirchenrats

arbeitet Rothe daran, das Amt eines

Islambeauftragten in allen Kirchenbezirken

zu etablieren – in etwa der Hälfte

ist es schon besetzt – und damit die örtlichen

Erfahrungen, Kompetenzen und

Initiativen zu vernetzen und zu unterstützen.

Der landeskirchliche Islambeauftragte

will nicht in erster Linie als

Experte durchs Land reisen und als

Referent der Erwachsenenbildung über

den Islam informieren, wenngleich er

das durchaus auch tut. Es geht ihm darum,

dass die interreligiösen Aktivitäten

vor Ort, in den Gemeinden und Bezirken

gestärkt, gefördert und miteinander

verknüpft werden. Dazu dient etwa eine

jährliche Konferenz der Islambeauftragten

und ein elektronischer Rundbrief

mit Informationen.

Gemeinsame Geschichte

Natürlich ist die Arbeit und der Kurs

von Rothe nicht unumstritten in der

Landeskirche. Er spürt Gegenwind und

muss mit Kritik rechnen, wenn er den

Begriff der „abrahamitischen Ökumene“

verteidigt und das „Haus Abraham“

für eine wichtige und bedeutsame Einrichtung

hält. Nein, sagt er, da wird

nicht übersehen, dass die drei so verbundenen

Religionen sehr unterschiedliche

Bilder von Abraham haben und

keineswegs mit der Gestalt des Urvaters

schon einen tragfähigen Fundus an

gemeinsamen Überzeugungen besitzen.

Aber einen Anknüpfungspunkt und

gemeinsame Geschichte haben sie! Es

sei eine Verwandtschafts- und eine Konfliktgeschichte

und das unterscheide

den jüdisch-christlich-muslimischen

Trialog von anderen interreligiösen

Situationen.

Der islamisch-evangelische Dialog speziell

findet auf verschiedenen Ebenen

statt. Zum zweiten Mal gibt es ein Seminar,

bei dem evangelische Pfarrerinnen

und Pfarrer sich mit muslimischen Imamen

und Theologinnen gemeinsam

Gedanken machen über ihre Rolle in

ihren Religionsgemeinschaften und

über Schrift und Schriftauslegung. Da

sollen nun u.a. die in der Türkei und

neuerdings auch in Frankfurt gelehrten

Ansätze einer historisch-kritischen

Koranauslegung eine Rolle spielen. Und

eine gemeinsame Studienfahrt nach

Istanbul ist geplant. Neben der DITIB

(Türkisch-Islamische Union der Anstalt

für Religion e.V., der Dachverband der

türkischen Moscheegemeinden, der der

Kontrolle der türkischen Regierung

untersteht), zusammen mit der R

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


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INTER-

RELIGIÖSER

DIALOG

SYLVIA DIETER

13

BEGEGNUNG IST FRIEDENSARBEIT –

BIBEL, KORAN UND TORA

GEBEN SICH DIE HAND...

Auf der etwas anderen Begegnungsreise besuchen Musliminnen, Jüdinnen und

Christinnen miteinander die heiligen Stätten ihres Glaubens, um die jeweiligen

Wurzeln ihrer Spiritualität kennenzulernen. Das Besondere: Die teilnehmenden

Frauen erzählen sich ihre Geschichte und erleben, was ihnen jeweils Religion

und Glauben bedeuten.

Eine Gruppe von knapp dreißig

Frauen verschiedener Herkunft und Biografien

aus Stuttgart und Ravensburg

machten sich am Samstag, den 18. Juli

2009 auf eine christliche, muslimische

und jüdische Spurensuche. In Ravensburg

angekommen, wurden wir von den

dortigen Frauen am Bahnhof mit kulinarischen

Köstlichkeiten herzlich empfangen.

Die Migrantinnen stammen aus

dem Iran, der Türkei, aus Georgien, der

Ukraine und Russland. Die Einheimischen

wohnen im Großraum Stuttgart

und Ravensburg mit Umgebung. Nach

einem kurzen Kennenlernen pilgerten

wir miteinander zu den heiligen Stätten

des jeweiligen Glaubens: zur Evangelischen

Stadtkirche, in der wir mit einem

R FORTSETZUNG VON SEITE 11

badischen Landeskirche Kooperationspartner

in diesem Projekt, gibt es weitere

Partnerorganisationen und muslimische

Dialoggruppen und Organisationen,

zu denen Rothe Verbindung hält

oder aufbaut.

herrlichen, von allen bewunderten

Orgelspiel empfangen wurden; zur

Moschee in der uns der Hodscha persönlich

begrüßte, und zur katholischen

Jodok-Kirche, wo die Bilder und Ideen

aus der Arbeit mit Kindern einen besonderen

Eindruck hinterließen.

Auf dem Weg zwischen den Gotteshäusern

gedachte die Pilgergruppe der bis

1945 in Europa und speziell in Deutschland

ermordeten Juden, indem sie eine

weiße Rose an zwei Stolpersteinen im Ra -

vensburger Zentrum niederlegten, und

der Errungenschaften der jüdischen MitbürgerInnen

sowie der gemeinsamen

Wurzeln der drei Abrahamischen Religionen

an der ehemaligen Synagoge.

Ausbildung in Deutschland

Bemerkenswert ist die Beobachtung,

dass sich unter den Muslimen auch des

Bundeslandes Baden-Württemberg

Strukturen herausbilden, die für das Ge -

spräch mit dem Staat und angesichts der

gesellschaftlichen Herausforderungen

gebraucht werden. Beispiel: Der islamische

Religionsunterricht! Er wird von

der evangelischen Landeskirche seit langem

befürwortet. Dazu wären freilich

auch Ausbildungsstätten – also doch

wohl islamische Lehrstühle oder Fakultäten

an deutschen Universitäten? –

sinnvoll und notwendig. Der Diskussionsprozess

ist im Gang, aber so richtig

klar ist nicht, wie sich etwa eine evangelisch-theologische

Fakultät oder die

Universität Tübingen als Ganze dazu

stellt. Es sei sehr zu begrüßen, sagt Rothe,

dass die Tübinger Fakultät im Herbst

2007 mit der islamisch-theologischen

Fakultät in Sarajewo eine Kooperations-

Partnerschaft begründet habe. Wird sie

mit Leben gefüllt, dann müsste wohl

auch darüber nachgedacht werden, ob

eine Studienordnung möglich ist, die es

muslimischen Studierenden erlaubt,

Es nahmen Christinnen aus verschiedenen

Konfessionen teil (evangelisch,

katholisch, orthodox), Jüdinnen aus

Russland und Muslimas (Sunniten und

Aleviten). Sie sprachen über Liturgien in

den Gottesdiensten, Rituale der Zugehörigkeit,

Symbole des Glaubens und der

Bestattung sowie ihre Bedeutung für das

Leben im Alltag. Neben den religiösen

Symbolen drehte sich das Gespräch in

den Räumen der christlichen Kirchen

viel um die Rolle der Person, des Propheten

und des Gottessohns Jesu sowie seine

Bedeutung für Sterben und Leben: Was

ist uns Trost, was gibt uns Kraft und wie

haben die Menschen in den verschiedenen

Epochen ihren Glauben gelebt?

Es gab so vieles zu entdecken, nicht nur

in der eigenen Kultur, wie einige Äußerungen

zeigen: „Jede lernt von jeder“,

„Immer wieder entdecke ich etwas Neues“,

„Glockenläuten ist der Ruf zum Ge -

bet, wie der Ruf des Muezzins“ oder

einen Abschluss an der Fakultät zu

machen. Möglicherweise könnten aus

solchen Kooperationen weitergehende

Entwicklungen entstehen.

Für die Zukunft sieht Rothe wesentliche

Aufgaben darin, alle kirchlichen Handlungsfelder

auf ihre interreligösen

Implikationen und Herausforderungen

abzuklopfen. Was bedeutet die multireligiöse

Situation für Kindergartenarbeit,

Diakonie, Seelsorge, Religionspädagogik

u.a.? Welche Erfahrungen und welche

evangelischen Perspektiven gibt es?

Wahrhaftig keine leichte Aufgabe und in

jedem Fall ein Weg, der viel Ermutigung

braucht.

EBERHARD BRAUN

„Wir haben einen Gott, wenn wir ihn

auch mit unterschiedlichen Namen

anrufen und mit unterschiedlichen

Ritualen ehren“. Wir staunten über so

viel Gemeinsames, das unseren jeweiligen

Glauben ausmacht: den einen Gott,

der Schöpfer der Welt, das Gebet zu

Gott, die Liebe und Verantwortung für

Mitmenschen und Natur.

Dieses Miteinander zu gestalten, im

Leben wie im Sterben, zeigte uns der

Weg in Ravensburg. Der Hodscha der

sunnitischen Gemeinde erzählte uns,

dass muslimische BewohnerInnen auf

dem städtischen Friedhof muslimisch

beerdigt werden können. Das bedeutet,

die Gräber sind nach Osten ausgerichtet

und die nötigen islamischen Rituale werden

ermöglicht. Ist das nicht ein guter

Weg der Integration? Gilt dies nicht für

uns alle? Wo wir unsere Familienangehörigen,

unsere Lieben, zur ewigen Ruhe

unserem Glauben gemäß begraben können,

da vertieft sich die Zugehörigkeit.

Hier lohnt es sich weiterzudenken.

Während des gemeinsamen Picknicks, bei

dem das Mitgebrachte unter allen geteilt

wurde, kam man sich näher. Rezepte wurden

ausgetauscht und in kleinen Gruppen

wurden die Gespräche persönlicher, familiärer.

Eine besondere Freude erwuchs da -

rüber, dass es den alevitischen Frauen

zeitlich doch noch möglich war, vorbeizukommen.

Ihnen hätten wir gerne noch

länger zugehört oder miteinander über

die verschiedenen Richtungen des Islams

und deren unterschiedlichen geschichtlichen

Entwicklungen diskutiert, die in den

abweichenden Interpretationen des Ko -

rans sichtbar werden. Eine Frau meinte,

das sei ähnlich wie die verschiedenen

Richtungen im Christentum. Als kleiner

Höhepunkt erschien uns der Wunsch der

alevitischen Frauen, zukünftig bei solchen

und anderen interreligiösen Treffen in

Ravensburg auch an den Vorbereitungen

beteiligt zu sein. Das wurde mit einem

Riesenapplaus bedacht.

Wir Frauen sind überzeugt, nur durch solche

und ähnliche Begegnungen können

wir Vorurteile abbauen, den unsäglichen

Kriegen entgegensteuern und den Zwist

der Religionen überwinden. Die Ebene

der gegenseitigen Gastfreundschaft bietet

viele Möglichkeiten. Als Initiatorin freue

ich mich über diesen Dialog, der zur Integration

beiträgt. Es ist wichtig, gemeinsam

über den Reichtum der Kulturen und

Religionen zu staunen und diese miteinander

verstehen zu lernen. Wie wichtig es

für ein gelingendes friedliches Zusammenleben

ist, sich im Gespräch auf gleicher

Augenhöhe zu begegnen, habe ich bei

mehreren Auslandsaufenthalten erfahren.

Diese Art der integrierenden Begegnung

möchten die Frauen gerne zukünftig fortsetzen,

an Ideen wird bereits gearbeitet.

Veranstaltet wurde diese besondere

Begegnungsreise von den Evangelischen

Frauen in Württemberg (EFW), dem

Bezirksarbeitskreis Frauen im Kirchenbezirk

Ravensburg, einem Ökumenischen

Vorbereitungskreis in Ravensburg

in Kooperation mit: Irina Tiehlmann,

Arbeiterwohlfahrt Baden-Württemberg;

Marlene Seckler, Paritätischer Landesverband

Baden-Württemberg, und Birgit

Dinzinger, Diakonisches Werk Württemberg.

Die Idee des gegenseitigen Kennenlernens

von Migrantinnen und ein -

heimischen Frauen hat sich aus ei nem

gemeinsamen Ausflug eines Gesprächskreises

des Evang. Berufstätigenwerkes

und einer Frauengruppe der damaligen

Flüchtlingsarbeit in Stgt.-Stammheim

ergeben, das meine damalige Kollegin

Anika Matthias und ich planten. Daraus

entwickelte sich die Reihe FrauenKunst-

Gespräch – Frieden in der Stuttgarter

Staatsgalerie, die seit zirka fünf Jahren

wachsenden Zuspruch findet. Eine zweite

Reihe im Haus der Geschichte hat im

vergangenen Jahr begonnen.

Sylvia Dieter ist Referentin beim Evang.

Berufstätigenwerk und bei den Evang.

Frauen in Württemberg mit dem

Schwerpunkt Alleinlebende Frauen

Mevlana-Moschee in Ravensburg

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


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SICHT-

WECHSEL

CORNELIA EBERLE

Christa und Helmut Hess mit ihrem Gast

Dr. Agnes Abuom in Bremen

BROT FÜR

DIE WELT

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SICHTWECHSEL

IN ANDERE LEBENSWELTEN

ANREGUNGEN ZUM BLICK ÜBER DEN EIGENEN SOZIALEN TELLERRAND

Abends im Diakonieladen „Eckpunkt“ in Kirchheim/Teck. Der Laden hat schon

geschlossen. Etwa zehn Männer und Frauen sitzen auf den gebrauchten Sofas

und Sesseln, die zum Verkauf angeboten werden, und hören aufmerksam und

sichtlich bewegt zu, was zwei Mitarbeiterinnen der Diakonischen Bezirksstelle

erzählen. Wie gerät jemand in Langzeitarbeitslosigkeit? Was heißt es ganz konkret

und alltäglich, von Arbeitslosengeld II („Hartz IV“) leben zu müssen? Und

welche Möglichkeiten hat die Diakonie, diese Personengruppe zu unterstützen

und ihnen wieder eine Perspektive zu geben?

Eine der Zuhörerinnen, von

Beruf Lehrerin, sagt nachher: „Im

Bekanntenkreis bin ich eigentlich nur

mit Menschen zusammen, die Arbeit

haben. In meiner Gesellschaftsschicht

fehlt mir da einfach der Einblick. Deshalb

hat mich das interessiert. In der

Schule krieg ich von Armut nur ganz am

Rande etwas mit, man versucht ja, Ar -

mut zu verbergen. Ich möchte aber als

Lehrerin Anwalt von solchen Kindern

sein. Von allein kommt niemand und

sagt, das kann ich nicht bezahlen, wenn

man z.B. einen Ausflug macht.

Es hat mich sehr bewegt, wie der Weg

von oben nach unten aussehen kann,

wie viel familiär bedingt ist und wie viel

Kraft es braucht, da raus zu kommen.

Die beiden Sozialarbeiterinnen haben

uns das an zwei Beispielen mit sehr viel

Empathie vermittelt. Von diesen ganz

konkreten Beispielen kann ich auch im

Bekanntenkreis erzählen. Wir haben

gemerkt, wie sehr Armut ein Tabuthema

ist. Es war schon auch bedrängend, weil

es ja jeden treffen kann und vor einem

Schicksalsschlag niemand gefeit ist.“

In den letzten drei Jahren hat das Projekt

„SichtWechsel“ des Kreisdiakonieverbands

Esslingen Modelle entwickelt,

um solche Einblicke zu geben. Dahinter

steht die Erfahrung, dass das Auseinanderdriften

von Arm und Reich in unserem

Land, von Privilegierten und Be -

nachteiligten, in den letzten Jahren viele

Menschen im kirchlichen Umfeld be -

wegt, aber doch oft ein ziemlich abstraktes

Thema bleibt. Denn wer aus den häufig

bildungsbürgerlich geprägten Kirchengemeinden

kennt tatsächlich Menschen,

die arm sind, die in sozial schwierigen

Verhältnissen leben oder zu den

sogenannten „bildungsfernen Mi lieus“

gehören? Wer weiß, wie das alltägliche

Leben mit (zu) wenig Geld aussieht, und

wie es sich anfühlt, sich am Rand der

Gesellschaft einrichten zu müssen? Wer

zu den Machern und Engagierten

gehört, kann vieles im Verhalten von

Benachteiligten nicht verstehen. Erst

beim genaueren Hinsehen wird deutlich,

wie viel Kraft es kostet, den Alltag zu

bewältigen, wenn man wenig Geld hat

und wenn man zu oft erfährt: Ich werde

nicht gebraucht. Ich bin nicht gut genug.

Ich gehöre nicht richtig dazu.

Diakonische Einrichtungen

Solche realen und emotional berührenden

Einblicke in „fremde Welten“ bringen

uns in Bewegung im Sinne Jesu, der

immer neu auf Menschen am Rand zu -

ging und sie wieder in die Gemeinschaft

zurückholte. Eine mögliche Annäherung

an fremde Lebenswelten ist es, in einer

diakonischen Einrichtung von den Mitarbeitenden

über ihre Arbeit und die

Lebenssituation ihrer Klientinnen und

Klienten zu hören. Bewährt hat sich die

Form eines „diakonischen Rundgangs“

zu zwei oder drei verschiedenen Einrichtungen,

wie etwa der Schuldnerberatung,

einer Beratungsstelle für Wohnsitzlose

oder einer Jugendhilfeeinrichtung.

In manchen Kirchengemeinden ha -

ben sich Erwachsenenbildungsbeauftragte,

Diakoniebeauftragte und ein

Gottesdienstteam zusammengetan, um

regelmäßig, z.B. zweimal im Jahr, solch

eine Exkursion in eine fremde Welt mit

ei nem Themengottesdienst zu verbinden.

Diese Gottesdienste sprechen deshalb

sehr an, weil sie ganz konkrete

Erfahrungen aufgreifen und mit der

biblischen Botschaft verbinden.

Begegnungen

Einen noch intensiveren Einblick geben

direkte Begegnungen. Für einzelne Interessierte

gibt es etwa die Möglichkeit, einmal

bei einem Beratungsgespräch der

Schuldnerberatung oder einen Nachmittag

lang in einem Kinderheim dabei zu

sein. Wo eine diakonische Einrichtung am

KonfirmandInnen im Weltladen

Ort ist, können viele Begegnungsräume

geschaffen werden. So hat eine Kirchengemeinde

im Rahmen eines Jahresprojekts

die Kontakte zu einer psychiatrischen Einrichtung

intensiviert. Beim Gemeindefest

haben die BewohnerInnen ihre Gemälde

und kunsthandwerklichen Erzeugnisse

ausgestellt. Umgekehrt fand der Mitarbeiter-Dank-Abend

in der Einrichtung statt –

mit interessanten Begegnungen am Rande.

In gemischten Gruppen aus Bewohner -

Innen und anderen Kirchengemeinde n -

mitgliedern wurden Handzettel in den

Häusern verteilt, die zum Jahresfest der

Einrichtung einladen, und vieles mehr.

Wenn diese Begegnungen gut vorbereitet

und begleitet werden, können sie

Vorurteile korrigieren und einen emotionalen

Zugang zu den betroffenen Menschen

vermitteln – Verständnis für ihre

Situation und Achtung dafür, wie sie

ihren Alltag meistern. Solche „SichtWechsel“-Erfahrungen

sind dringend nötig,

wenn wir uns als Kirche und als einzelne

Christinnen und Christen stärker für

soziale Gerechtigkeit engagieren möchten,

wie es die Landessynode mit ihrer

Schwerpunkttagung zum Thema Armut

2010 vorhat. Eine empirische kirchliche

Studie über „Innenansichten der Armut“

stellt fest: In der Kirche gibt es sehr viel

grundsätzliche Akzeptanz von unterprivilegierten

Menschen – emotional aber

eigentlich Ablehnung. Was es dagegen

braucht, sind Menschen, die vom Bauch

her Sympathie mit den Armen verspüren

– den Kopf aber frei halten, um ihnen ggf.

in kritischer Solidarität mehr zuzutrauen,

als sie es selbst tun.

Nähere Informationen über erprobte

und bewährte Modelle gibt das Heft

„SichtWechsel – Diakonisch sehen lernen“.

Es ist kostenlos zu bestellen beim

Kreisdiakonieverband Esslingen, Alleen -

str. 74, 73230 Kirchheim/Teck oder info@

kreisdiakonie-esslingen.de. Weiteres Ma -

terial ist auch zu finden auf der Homepage

www.kreisdiakonie-esslingen.de

unter Download/SichtWechsel.

Cornelia Eberle war von 2006 bis 2009

Pfarrerin im Projekt SichtWechsel in

Esslingen, jetzt arbeitet sie in der

BruderhausDiakonie in Reutlingen

ÖKUMENISCHE PARTNER TREFFEN SICH

AUF DEM KIRCHENTAG IN BREMEN

Dass auf dem Kirchentag die weite Welt zu Hause ist, wissen alle, die einmal

dabei waren. Aber sie kommt auch nach Schorndorf, Dr. Agnes Abuom zum

Beispiel. Ich kenne sie von meiner Arbeit bei „Brot für die Welt“. Und so

konnten wir sie auch zu mehreren OK-Veranstaltungen und dem ökumenischen

Friedensgebet in Schorndorf gewinnen.

Dr. Agnes Abuom aus Kenia ist

seit vielen Jahren aktiv in der weltweiten

Ökumene engagiert. Von 1998 (Harare)

bis 2006 (Porto Allegre) war sie Afrika-

Präsidentin des ÖRK, seit 2006 Mitglied

im ÖRK-Exekutiv-Komitee und im

Zentralkomitee. In Afrika spielt sie eine

bedeutende Rolle im Rahmen ökumenischer

Programme für Frieden und

Versöhnung mit Schwerpunkt Horn

von Afrika und Große Seen.

Durch diese Arbeit ist Agnes Abuom

eng verbunden mit „Brot für die Welt“

und dem EED (Ev. Entwicklungsdienst),

seit mehr als 20 Jahren auch mit mir.

Einer ersten direkten Zusammenarbeit

im Rahmen eines ökumenischen Programms

im Sudan 1986 folgte ein intensiver

Austausch und gute Kooperation in

vielen Projekten zur Nahrungssicherung,

Bekämpfung von HIV/ AIDS, Durchsetzung

von wirtschaftlichen, sozialen und

kulturellen Menschenrechten in Kenia

und im gesamten afrikanischen Kontinent.

Als Leiter der Afrika-Abteilung bei

„Brot für die Welt“ (bis 2007) habe ich

die Zusammenarbeit mit Agnes Abuom

auch deshalb geschätzt, weil sie Probleme

und Konflikte in Afrika im globalen

Kontext analysiert und immer auf die

globale Verantwortung zur Beilegung

von Konflikten und für mehr Gerechtigkeit

in Afrika hingewiesen hat.

Auch nach Eintritt in den Ruhestand

bin ich verantwortlich für Programme

in Somalia und aktiv engagiert bei

einem Programm des afrikanischen

Kirchenrats „Ökumenisches Programm

für Friedensarbeit am Horn von Afrika

und den Großen Seen“. Durch meine

Mitwirkung in der Projektleitung „Zentrum

Afrika“ beim Kirchentag in Bremen

kam es auch zum Engagement von

Agnes Abuom auf der „Cap San Diego“,

wo sie neben einer eindrucksvollen Bi -

belarbeit insbesondere in der Veranstaltung

„Auf dem Weg zum gerechten

Frieden? Interreligiöser Dialog am

Horn von Afrika“ mitwirkte.

Die eskalierenden Konflikte am

Horn von Afrika, insbesondere in So -

malia, Sudan, Äthiopien und Eritrea

und die katastrophalen Konsequenzen

für die betroffene Bevölkerung bleiben

eine Herausforderung an die Ökumene,

sowohl im afrikanischen als auch im

globalen Kontext. Dies erfordert eine

gute Kooperation zwischen afrikanischen

und europäischen Akteuren, gute

Zusammenarbeit in der Ökumene und

die Intensivierung des Dialogs zwischen

den Religionen, insbesondere zwischen

Christen und Muslimen. Gute persönliche

Beziehungen und gegenseitiges Vertrauen

sind wichtige Voraussetzungen

für eine konstruktive Mitwirkung am

Aufbau von Gerechtigkeit, Frieden und

Bewahrung der Schöpfung.

HELMUT HESS

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


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EKD

RAINER WEITZEL

GESCHICHTE

DER OK

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SCHWERE ARBEIT:

DER NEUE RAT DER EKD

Der Rat der EKD ist nach Kirchenordnung und Selbstverständnis die höchste

Repräsentation des Protestantismus in Deutschland. Allerdings hat er,

bedingt durch die föderale Struktur und die Unabhängigkeit der Landeskirchen,

keine Weisungs- und Leitungsbefugnis. Seine Autorität begründet

sich in der Qualität seiner Arbeit und seiner Äußerungen. Daran hat es bei

aller Eloquenz des Ratsvorsitzenden Huber durchaus gehapert, wie der

jüngste Vorgang um die Dissonanzen mit den Katholiken über ein Referentenpapier

aus dem Kirchenamt der EKD belegt.

Das größte Projekt der abgelaufenen

Amtszeit, der Reformprozess „Kirche

der Freiheit“ oder neuerdings „Kirche

im Aufbruch“, verzeichnet wenig Nachhaltigkeit

an der kirchlichen Basis. Vielleicht

liegt es ja daran, dass Reformen von

„oben“ in der Regel nicht sehr erfolgreich

sind. Die Glut glüht immer unten!

Der neu gewählte Rat und die neue

Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann

haben eine schwere Aufgabe vor sich. Die

evangelischen Landeskirchen stehen je auf

ihre eigene Weise mit dem Rücken zur

Wand. Ihre Deutungshoheit im öffentlichen

Diskurs schwindet, zumindest bei

der jüngeren Generation. Die Mitgliederzahlen

sinken offenbar nicht nur aus

demographischen Gründen. Viele Menschen

in der demokratischen Öffentlichkeit

unseres Landes können mit alten,

noch von kleinteiligen deutschen mo -

narchischen Zeiten geprägten Kirchenordnungen

und den mangelnden Beteiligungskulturen

nichts anfangen.

Noch weniger anziehend erweist sich

der Versuch, durch die Annäherung an

evangelikale Missionsbestrebungen wieder

mehr Mitglieder zu gewinnen. Längst

ist bekannt, dass die vorgeblichen Missionsanstrengungen

evangelikaler Kreise

mehrheitlich dem Binnentransfer schon

kirchlich gebundener Menschen zu

frommeren Kirchenmitgliedern dient.

Die vermutlich der eigenen Ratlosigkeit

ge schuldete Anbiederung an die evangelikalen

Strategien hat einen hohen Preis.

Zu viele in den eigenen Reihen fühlen

sich für dumm verkauft. Viele kritische

Intellektuelle sind aus der Kirche ausgezogen.

Viele MitarbeiterInnen verhalten

sich seit Jahren opportunistisch und

möglichst unauffällig (Stichwort: innere

Emigration).

Der Versuch Hubers, vor allem die kulturellen

und wirtschaftlichen Eliten kirchlich

zu binden, führt vermutlich nicht aus

dem Dilemma. Kirche ist niemals Selbstzweck.

Es zeigt sich in ihrem politischen

Bemühen um das Wohl der Menschen,

wie sie das Evangelium hört und was sie

glaubt. Und so gilt für alle kirchlichen Verlautbarungen

und missionarischen Bemühungen

nach wie vor das Verdikt Helmut

Gollwitzers: „Ein Satz, der unser Verhältnis

zu den anderen Menschen und zur Gesellschaft

beim alten lässt, ist nicht wert, ein

Satz christlichen Glaubens zu sein.“

Mission impossible, der neue Rat tritt

ein schweres Erbe an. Wichtigste Aufgabe

wird sein, Aufbruchstimmung zu er mög li -

chen. Dies wird nicht in ausgewählten Zirkeln

und Kompetenzzentren, in Zukunftswerkstätten

oder Gemeinde ent wicklungskongressen

gehen, sondern durch

das Entzünden des Lichtes an der Basis der

Kirche, durch Mut machende Predigten,

entschiedene Parteilichkeit für die Ausgegrenzten

und geschwisterliche Beteiligungsformen.

Dazu gehört auch, dass

gewählte kirchliche Gremien ernst genommen

werden gegen die Kultur der Steuerungs-,

Arbeits- und Expertengruppen.

Wenn es die neue Ratsvorsitzende zu

Wege bringt, Identität zu schaffen zwischen

der Basis und ihrer Position und

Person, dann sind wir einen Schritt weiter

auf dem Weg.

Dem neuen Rat Gottes Segen!

Für Hermann Söhner beginnt die

gefühlte Offene Kirche schon 1961. Er

ist einfach so hineingewachsen in die

Aufbruchstimmung, die dann tatsächlich

zu ihrer Gründung führte.

VON DER „OFFENEN GEMEINDE“ ZUR

„OFFENEN KIRCHE“

Erste Impulse erhielt der heute

73-Jährige als Austauschvikar in Wolfsburg

1961/62 bei den VW-Arbeitern in

der dortigen Industrie-Diakonie. Unter

dem Titel „Offene Gemeinde“ verarbeitete

er fürs zweite Examen die Infor ma ti o -

nen aus Begegnungen mit Be triebsräten,

Gewerkschaftern, Industrie-Jugendlichen,

vielen Vertrie be nen-Gemeindegliedern

sowie dem öku menischen Projekt Urban

Industrial Mission, das ihn unter anderem

auf eine Studienreise nach Birmingham

führte. In seiner Gemeinde wurden

ökumenische Kontakte zu Polen, der

Tschechoslowakei, der Sowjetunion und

der DDR gepflegt, was einem zu dieser

Zeit schnell den Ruf der Kommunistennähe

eintrug. Söhner lernte auch die

Gossner Mission kennen, die sich noch

heute als Gossner-Kirche um Ausgegrenzte

und Arme in Indien, Nepal und

Sambia kümmert.

Zurück in Württemberg, erlebte er den

Beginn der kirchlichen Siedlungsarbeit in

der Gemeinde Marbach/Neckar-Hörnle.

Die Situationen in den Neubaugebieten,

die nach dem Krieg aus dem Boden schossen,

erforderten ein völliges Umdenken

und neue Wege, um die Menschen seelsorgerlich

begleiten zu können. Werner

Simpfendörfer, der dies von der Akademie

in Bad Boll aus nach den Vorbildern in

Frankreich und den Niederlanden initiiert

hatte, schreibt in seinem Buch Offene Kirche

– Kritische Kirche: „In Hamburg und

München, Berlin und Stuttgart, in Köln

und Hannover arbeiteten, diskutierten,

experimentierten die Siedlungspfarrer mit

ihren Arbeitskreisen, in ihren Aktionsgruppen,

traten sie in die Auseinandersetzung

mit den Behörden, holten sie sich

Rat bei Planern, befragten sie die Soziologen

und stießen sie auf die großen Chancen

der eben aus Amerika eingewanderten

Erkenntnisse der Gemeinwesenarbeit. Es

dauerte nicht lange und bedurfte nicht

vieler Anstöße, da verbanden sich die

Strömungen der kirchlichen Industrieund

Sozialarbeit mit dem urbanen Engagement

der Siedlungsarbeit. Sie drängten

gemeinsam auf das gesellschaftsdiakonische

Engagement, ohne das nach ihren

Erfahrungen Gemeindearbeit nicht mehr

möglich war.“ Also machte sich auch Hermann

Söhner auf, um mit Unterstützung

von Pfarrer Hermann Schäfer, in der Akademie

Bad Boll zuständig für die Siedlungspfarrer-Praxis,

und Sozialsekretär

Willy Wurster, ebenfalls Bad Boll, Familienwochenenden

zu organisieren und neue

Formen der offenen Jugendarbeit zu entwickeln,

was im Kirchengemeinderat

Marbach auf erhebliche Bedenken stieß

(„Mir brauchet de Heiland und koin

Bästele“). Ein Boller Hauskreis in dieser

Siedlung kümmerte sich um die Planungen

fürs Gemeindezentrum „Christophorus-Haus“,

das auf die neuen Bedürfnisse

ausgerichtet sein sollte.

1965 wurde Hermann Söhner Ge -

meindepfarrer in der Industriestadt

Schwenningen mit dem Schwerpunkt für

Jugendarbeit. Er fand sehr engagierte

Gemeindeglieder vor, die etwas verändern

wollten. So wurden Gottesdienste und

Jugendgottesdienste von einem Arbeitskreis

vorbereitet, der u.a. die Gebete formulierte,

um die Sprache Kanaans zu

überwinden. Bei seinem älteren Kollegen,

der den Deutschen Christen angehört hatte,

löste dies den Verdacht aus, dass sich

die Jungen wieder von neuen Ideologien

verführen ließen. Er sagte im Gottesdienst

der Gemeinde: „Sie haben letzten Sonntag

eine Rede gehört. Heute aber wird das

Evangelium gepredigt.“ Hermann Söhner

brachte das nicht aus dem Takt. Er lud

Industrieausbilder zu offenen Abenden

und Wochenendtagungen ein und den für

die Prälatur zuständigen Jugendreferenten

aus Bad Boll, um den jungen Leuten auf

den Weg zu helfen. Er selbst nahm an

einem Industriepfarrerkurs teil.

Erster Funke in Richtung

Offene Kirche

Dieser Industriepfarrerkurs im Frühjahr

1966 ist für Söhner die eigentliche Keimzelle

der Kritischen bzw. Offenen Kirche.

Den Anstoß dazu gab das damalige Programm

der Ludwig-Hofacker-Konferenz

zum Thema: „Viele sind auf dem falschen

Weg“. „An einem Abend saßen wir mit

Werner Simpfendörfer zusammen und

entwarfen den ersten Aktionsplan. Wir

erstellten eine Liste von Kollegen und

Gemeindegliedern, die wir als Gesinnungsgenossen

einschätzten. So entstand

ein erstes Netzwerk innerhalb der Landeskirche.

Helmut Mayer, damals noch

Oberndorf, gewann den Richter Dr. Klaus

Roth-Stielow, der als Sprecher gewählt

wurde. Heinz Hauger, damals Gemeindepfarrer

in Deißlingen, brachte sich ebenfalls

von Anfang an sehr aktiv ein.

Reformideen

und Auseinandersetzungen

Als Kurt Rommel, der zuvor Jugendpfarrer

in Bad Cannstatt gewesen war, 1966

nach Schwenningen wechselte, kam dort

richtig Stimmung auf. Er schrieb viele

neue Lieder und machte Jazz-Gottesdienste,

die nicht in der Kirche, da sie ihm verweigert

wurde, sondern im Filmpalast

gefeiert wurden. Die EC-Christen standen

entsetzt davor und warnten die Besucher.

Als die Bekenntnisbewegung „Kein anderes

Evangelium“ gegen die von Rudolf

Bultmann ausgehende Theologie kämpfte

und das wörtliche Verständnis der Be -

kenntnisaussagen verlangte, fingen die Re -

former an zu überlegen, wie viele SympathisantInnen

sie denn hätten und was sie

in der Auseinandersetzung mit der Hofakker-Vereinigung

tun könnten. Sie fanden

Gleichgesinnte für eine Gemeindereform,

bei der Nicht-TheologInnen mitreden

konnten, bei den Siedlungspfarrern, der

Kirchlichen Bruderschaft und vielen engagierten

KollegInnen. „Eine große Rolle

spielten Hans Rücker und Walter Schlenker,

zwei kämpferische Typen“, erinnert

sich Hermann Söhner. Eugen Fuchslocher

und Helmut Mayer, die aus der Kriegsgefangenschaft

kamen, brachten starke

Impulse in Richtung politischer Mündigkeit

der Gemeinden ein. Und der Kirchentag

1967 in Hannover, wo sich Reformgemeinden

vorstellten (siehe „Anstöße 1/

2009), prägte sie sehr. Die Bücher „Die

Zukunft der Kirche und die Kirche der

Zukunft“ von Johannes Christiaan Hoekendijk

(Kreuz Verlag, 1964) und „Stadt

ohne Gott“ von Harvey Cox (Kreuz Verlag

1966) wurden diskutiert. Den Titel des

Buchs von Bischofs John A.T. Robinson

„Gott ist anders“ zitierte Kurt Rommel in

dem Lied „Gott ist anders als wir denken“.

Vom Ökumenischen Rat der Kirchen

in Genf kamen viele Denkanstöße, die im

pietistischen Württemberg allerdings

nicht alle begeisterten. „Das Anti-Apartheitsprogramm

war für die Konservativen

das Schlimmste, weil mit dem Geld Kommunisten

unterstützt würden“, erinnert

sich Hermann Söhner. Doch den angehenden

OKlern lag das Programm ziemlich

nahe. Dorle Dilschneider, die Frau des

Boller Jugendreferenten Gerhard Dilschneider,

machte mit beim R

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


18

GESCHICHTE

DER OK

BÜCHER

19

R FORTSETZUNG VON SEITE 17

Früchteboykott gegen Südafrika (siehe

OK-Buch „Und strecke mich aus nach

dem, was da vorne ist“). Es war die Zeit, in

der sich Sölle auf Hölle reimte. Im

Schwenninger Kirchengemeinderat wurden

die Erfahrungen aus Leonberg-Ramtel

diskutiert und trotz unterschiedlicher

Interessen vieles an Neuerungen übernommen,

wie die Gemeindeausschüsse,

die unter dem Motto „Salz der Erde“ verantwortlich

arbeiteten. 1968 fand eine

große Gemeindereformtagung in der

Herrnhuter Brüdergemeinde in Königsfeld

statt, begleitet von Sozialsekretärin

Ilse Potschka und Hermann Schäfer aus

Bad Boll. Danach wurde die Gesamtgemeinde

neu strukturiert, damit die so

genannten Laien effektiv mitarbeiten

konnten. So ist es bis heute.

Kampf ums

richtige Glaubensbekenntnis

Und dann kam die berühmt-berüchtigte

Synodaltagung im November 1968, der

der Rücktritt von Synodalpräsident

Oscar Klumpp vorausgegangen war.

Entzündet hatte sich der Streit bei den

Vorverhandlungen zum Stuttgarter Kirchentag.

Der Riss in der Landessynode

ging zwischen der Ludwig-Hofacker-

Vereinigung, deren Mitglieder sich für

die „schon Erweckten“ hielten, und den

„noch nicht Erweckten“, wie Synodalpräsident

Klumpp und viele, „die solche

unverschämten Unterstellungen beinahe

schweigend hinnehmen und sich darauf

beschränken, traurig zu sein anstatt ...

deutliche Zeichen zu setzen, dass es mit

uns so nicht weitergehen kann“, so Oscar

Klumpp. Am 7. November gründeten

deshalb junge Theologen und NichttheologInnen

spontan die Kritische Kirche

und begleiteten den Verlauf der Landessynode

täglich mit Kommentaren. Sie

versuchten zu retten, was zu retten ist,

und forderten eine radikale Änderung

der Informationspraxis sowie die Fortsetzung

des von Klumpp eingeleiteten

Demokratisierungsprozesses in der Landeskirche.

An manchen Dingen knabbern

wir noch heute. Der von Bischof

Dr. Erich Eichele eingeladene Kirchentag

1969 war mit seinem Verlauf für die Pietisten

offensichtlich solch ein Schock,

dass noch Hans von Keler (Bischof von

1979 bis 1988) nichts von Kirchentag

hören wollte. Erst sein Nachfolger Theo

Sorg lud ihn 1989 zum Entsetzen der

Lebendigen Gemeinde wieder nach

Württemberg ein.

Aktion Synode 71

Als sich Hermann Söhner 1970 für die

Stelle des Industriepfarrers in Heilbronn

bewarb, lehnte Prälat Hege das Gesuch

ab mit der Begründung, er sei zu jung.

„Dabei war ich ihm vermutlich zu

Plakate der

Aktion Synode 71,

der Vorläuferin

der Offenen Kirche

arbeitnehmerfreundlich“,

sagt

Hermann Söhner.

Da er nun nicht

Industriepfarrer

werden durfte,

arbeitete er von

1970 bis 1980 in der Gemeinde in

Untergruppenbach. Zur Kirchenwahl

1971 nannte sich die Kritische Kirche, die

inzwischen Bezirksgruppen und

Arbeitsausschüsse gebildet hatte, in

Aktion Synode 71 um und suchte Kandidierende.

Sie wollte nicht als Partei auftreten,

sondern nur für Sachlichkeit und

Transparenz im Wahlkampf sorgen.

Hermann Söhner kandidierte für den

Bezirk Heilbronn, doch die Lebendige

Gemeinde siegte haushoch. Ein Jahr später

wurde auf einer Vollversammlung

beschlossen, die Offene Kirche – Evangelische

Vereinigung in Württemberg zu

gründen, die sich eine demokratische

Satzung gab. Die spätere Vorsitzende

Eva-Maria Agster lernte bei Pfarrer Söhner

von 1977 bis 1979 die Aufgaben

einer Vikarin, woran sich bis heute beide

gern erinnern. Von 1980 bis 1988 war

er dann Landesmännerpfarrer und

gehörte als Geschäftsführer des Landesausschusses

Württemberg des Kirchentags

dem Vorstand der Konferenz der

Landesausschüsse in Fulda an. Bei Mesnertagungen

setzte er gern die biblischen

Texte der jeweiligen Kirchentage ein und

diskutierte mit den Teilnehmenden darüber.

So versuchte er, sie zu überzeugen,

dass der Kirchentag sehr wohl auf dem

Boden der Heiligen Schrift steht.

RENATE LÜCK

„ZU TISCH, BITTE“

ist der Titel einer CD-ROM mit 148 Bild-

Variationen zu Leonardo da Vincis Meis -

terwerk „Das letzte Abendmahl“, die OK-

Mitglied Martin Bregenzer ge sammelt

und zusammen mit Schriftleiter Peter

Haigis vom Deutschen Pfarrerblatt,

Klaus Gerlinger und Andreas Reinert

vom Pädagogisch-theologischen Zentrum

im Calwer Verlag veröffentlicht hat.

Die Bild-Variationen zeigen an Leonardos

vertrautem Tisch u.a. Jesus und

die Apostel als Sträflinge, als Menschen

mit Down-Syndrom, als Farbige, als

Frauen, als Demonstrierende vor Gorleben,

als Rassen der Erde, Obdachlose,

Schwule – aber auch einen Jesus, der

alleine am Tisch sitzt, und den

berühmten „leeren Tisch“ des Künstlers

Ben Willikens sowie viele andere

Motive, Karikaturen, Verwendung für

Werbezwecke, skurrile Verballhornungen

und Verkitschungen.

Die Motive der CD, die für den Religionsunterricht,

die Konfirmandenarbeit

und die Erwachsenenbildung

gedacht ist, eignen sich auch als Einstieg

bei Seminaren und Gruppenarbeit

zum Gespräch über die Abendmahlsfeier.

Sie können dazu beitragen,

die Feier herauszuführen aus der Engführung

„Sühneopfer – Schuldbekenntnis

–Vergebung“ und den Blick

zu öffnen für Aspekte und Schwerpunkte

der Abendmahlsfeier, wie die

Existenz als Geschöpfe unter Mitgeschöpfen,

angewiesen auf Essen und

Trinken, Ge meinschaft und Teilen,

Solidarität mit denen, die „anders“

sind, als Demonstration von Offenheit

und Liebe, die niemand ausschließt, als

Vorwegnahme des Schalom (die ganze

Welt an einem Tisch), Versöhnung

über Konfessions-, Religions- und Kulturgrenzen

hinweg, Erinnerung an den

Stifter des Mahls Christus und das

Weiterwirken seines Geistes, dessen

wir uns beim Mahl vergewissern.

Die CD-ROM bietet sämtliche Mo -

tive des „Cenacolo“ in kopier- bzw.

projektionsfähiger Qualität und enthält

Kurzinformationen zum Original,

einführende Erläuterungen, eine Me -

ditation und didaktisch-methodische

Anregungen für die Verwendung in der

Gemeindearbeit, vornehmlich im Konfirmandenunterricht.

M. Bregenzer u.a.

Zu Tisch, bitte!

148 Variationen zu Leonardo

da Vincis „Abendmahl“, Calwer Disc,

ISBN 978-3-7668-3797-4

a 9,95

Variationen zu Leonardos Bild

„Das letzte Abendmahl“ von Ben Willikens

und einem anonymen Zeichner

„GENAU DANEBEN UND

RICHTIG FALSCH“

Das „kleinere Übel“ erweist sich nur

allzu oft als die größere Illusion. Das

ist kein Kommentar zum Ergebnis der

Bundestagswahl, sondern stammt aus

dem bereits im vergangenen Jahr

erschienenen schönen, weisen, nachdenklich

stimmenden Büchlein „Ge -

nau daneben und richtig falsch“ mit

witzigen Sprüchen von OK-Mitglied

Gottfried Lutz und knitzen Zeichnungen

von Ernst Lutz. Das Normale ist

nur die statistisch unwahrscheinliche

Ausnahme von der Regel, dass alles

verschieden ist. Damit ist jeder Gleichmacherei

widersprochen. Oder ein allzu

gewohntes Sprichwort wird nüchtern

kommentiert: „Ein gutes Gewissen

ist ein sanftes Ruhekissen.“ Manche

verlassen sich lieber auf ihr

schlechtes Gedächtnis. Kein Satz, der

nicht ein Stutzen oder Lachen hervorruft:

Lieber ein handfester Zweifel als

ein wackeliger Glauben. Manfred

Rommels Epigramm zu diesem Buch:

Kleine Weisheit, große Klarheit. Erst

die Summe führt zur Wahrheit. Genau

richtig zum Verschenken

KATHINKA KADEN

Gottfried Lutz

Genau daneben und richtig falsch

für a 10,– incl. Versand zu beziehen

über Gottfried Lutz, Kastanienallee 4,

73035 Göppingen

gottfried.lutz@t-online.de

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


20

BÜCHER

MEILEN

STEINE

21

„GLEICHNISSE JESU –

VISIONEN EINER BESSEREN

WELT“

Von einer „offenen Didaktik Jesu“

zeu gen die Gleichnisse, so Manfred

Köhnlein, der emeritierte Hochschulprofessor

und erfahrene Erwachsenenbildner

aus Schwäbisch Gmünd.

Diese Didaktik zeigt sich in den „pa -

ckenden Minidramen, gespielt auf

den Schaubühnen des Alltags“, die

zum Nachdenken und Mitgehen einladen

und auch nötigen. Köhnlein

zeichnet die Gleichnisse nach – nicht

mit großem wissenschaftlichen Apparat,

aber mit exegetischem Sachverstand,

anregend und unkompliziert,

sprachlich gewandt sowie literarisch

und politisch gebildet (Bert Brecht,

Walter Jens, Erich Fried u.a., Zitate

aus aktuellen EKD-Denkschriften,

immer wieder der Verweis auf antijüdische

Zusammenhänge, die spätes -

tens seit Auschwitz gesehen und aufgelöst

werden müssen) – unterbrochen

und weitergesponnen durch die

feingliedrigen Zeichnungen Jehuda

Bacons, dem Auschwitz-Überlebenden

und ehemaligen Kunstprofessor

aus Jerusalem, dessen wunderbare

Werke über die Präsenz-Galerie der

Gnadenthaler Kommunität in unser

Land hineinragen.

Köhnlein schließt mit diesem Band

seine Reihe „Ecce homo“ ab, die er

1999 mit „Szenen aus

dem Leben Jesu“

begonnen und 2005

über „Die Bergpredigt“

fortgesetzt hat.

Jetzt also der weite

Weg durch die

Gleichniswelt mit

ihren vielfältigen

Deutungsversuchen,

mit Exkursen in die

Theologie- und

Frömmigkeitsgeschichte,

der Darlegung

von Missverständnissen

und Zukunftsperspektiven

für Predigt, Unterricht, Diakonie und

Kirche. Der Grundtenor seiner Interpretation

ist die kultur- und sozialgeschichtliche

Analyse und der daraus

folgende Ruf nach der „besseren

Gerechtigkeit“ (Mth5,20), einem

Gegenentwurf für die damalige Welt

des Umbruchs, der zu Lasten der

Armen und Ärmsten ging – vergleichbar

der Gegenwart mit ihren schlimmen

Exzessen an Ausbeutung, Gewalt

und Unrecht.

Kritisch geht er dabei mit fremden

Einflüssen ins Gericht, die die Urform

und ursprüngliche Sprache mancher

Gleichnisse und deren Aussagekraft

geradezu ins Gegenteil verkehrt ha -

ben, wie bei den „Anvertrauten Talen -

ten“(Mth 25,14ff): „So kann und darf

das Reich Gottes nicht aussehen“ oder

bei den „Klugen und törichten Jungfrauen“

(Mth 25,1ff): „Es ist nicht die

ganze Bibel mit allen ihren Texten

göttlich inspiriert“. Allerdings nimmt

Köhnlein beim „Gleichnis vom Sä -

mann“(Mth 13,1ff) (das er „Äcker der

Armen“ nennt) die entscheidende

Schärfe wieder zurück, indem er dem

Gleichnis – ermutigend für heutige

LeserInnen – die Funktion der „ Seelsorge

an Lehrern und Konfirmatoren“

bei misst. So kann das um fangreiche

Werk zu inhaltlichen Anregungen und

Klärungen beitragen, weil Köhnleins

theologische und exegetische Positionen

zum selbstreflektierten Weiterdenken

und ethisch verantwortlichen

Handeln drängen.

CHRISTIAN BUCHHOLZ

Manfred Köhnlein

Gleichnisse Jesu – Visionen einer

besseren Welt

mit Zeichnungen von Jahuda Bacon

Kohlhammer Verlag 2009

ISBN 978-3-17-020569-7, a 25,–

„WARUM MUSSTEST DU

STERBEN, FIDAA?“

Friederike Weltzien arbeitete zusammen

mit ihrem Mann von 1999 bis zum

Sommer 2008 in der deutschsprachigen

evangelischen Kirchengemeinde in Beirut.

In dem Buch erzählt sie aus dem

islamisch geprägten Land, das sie als

Kind lieben lernte, das nun aber von

Krieg und Bürgerkrieg zerrissen ist. Sie

schreibt vor allem, was hinter den Kulissen

geschieht: von den Frauen, vom

Widerstand gegen die alltägliche Gewalt,

von so genannten Ehrenmorden, von

Kindern, die von ihren Vätern entführt

und für den Dschihad erzogen werden.

Manchmal gelang der Pfarrerin, bei

Zwangsheiraten einzugreifen, bei Ge -

walt und Kindesentzug. Dabei stieß sie

immer wieder an Grenzen, überwand

sie aber, indem sie ein Netzwerk aufbaute.

„Zwischen Gottes Dienst und

Ehrenmord“ – der Untertitel des

informativ geschriebenen Buchs über

den Libanon führt in die Wirklichkeit

einer Region, deren Schönheit seit

biblischer Zeit einen Namen hat und

die doch unter der Spannung der

Weltanschauungen, Religionen und

Kulturen nicht zur Ruhe kommt.

RENATE LÜCK

Friederike Weltzien

Warum musstest du sterben, Fidaa?

zwischen Gottes Dienst und Ehrenmord

– Ein Bericht aus Beirut

Herder Verlag

ISBN 978-3-451-29598-9, a 19,95

GRAND SEIGNEUR UND EIGENBRÖDLER – ERINNERUNGEN AN

MARTIN NIEMÖLLER

Es war 1977. Ich war grademal

zwanzig Jahre alt geworden, hatte in Stuttgart

das Abitur gemacht und ging zu einer

Kundgebung für Frieden und Abrüstung

nach München. Linke Sozialdemokraten

und Anhänger der DKP (Deutsche Kommunistische

Partei) kamen nach München.

Eine Ansprache hielt auch Martin

Niemöller, damals 85 Jahre alt und Grand

Seigneur der Friedensarbeit. Was Niemöller

gesagt hat, weiß ich heute nicht mehr.

Aber beeindruckt hat er mich allemale.

1979 studierte ich in Hamburg Theologie.

Mit einer kleinen Gruppe von Studenten

fuhren wir auf eine Friedensdemonstration

nach Bonn. Anlass war der vierzigste

Jahrestag der Besetzung Polens am 1.September.

Unter den Rednern war auch

Martin Niemöller, der frühere Kirchenpräsident

von Hessen und Nassau. Wir

wollten mit ihm für die Studentenzeitschrift

„zwergPREDIGT“ ein Interview

führen. Kreuzfidel nach all dem Stress mit

Demonstration und Kundgebung sagte

Niemöller: „Nu schießen Se mal los, aber

erschießen Se mich nich.“ Und er fuhr

fort: „Ich habe in der Kirche heute keinen

Einfluss mehr, weil man sagt: 'Das ist

Niemöller, der ist immer ein Eigenbrödler

gewesen und wird es auch immer bleiben.'

Ich glaube, dass Beiträge zu unserem

Menschenleben in der heutigen Zeit von

Christen kommen müssen, aber nicht von

der Kirche. Deshalb komme ich zu solchen

Veranstaltungen.“

1981: Ich absolvierte ein Praktikum beim

SWF (Südwestfunk)-Kirchenfunk in

Baden-Baden. Es soll eine Sendung entstehen

über die Haltung der Kirchen in den

50er Jahren zu Krieg und Frieden. Autor

Pfarrer Martin Niemöller, entschiedener

Gegner der Deutschen Christen und führendes

Mitglied der Bekennenden Kirche

ist der Journalist und Theologe Siegfried

von Kortzfleisch. Als Hifskraft werde ich

ihm beigegeben. Den „rechten“ Flügel

repräsentiert der ehemalige Bundestagspräsident

Eugen Gerstenmaier. Vom „linken“

Flügel der evangelischen Kirche wurden

drei Vertreter erwogen, einer von

ihnen sollte in der Sendung vorkommen.

Der emeritierte Theologieprofessor Helmuth

Gollwitzer aus Berlin hatte keine

Zeit, der Berliner Altbischof Kurt Scharf

war nach Brasilien gefahren, aber Martin

Niemöller - inzwischen 89 Jahre alt - war

bereit, die Fragen zu beantworten. Ich

weiß nicht mehr, was er im einzelnen

gesagt hat. Aber an die Atmosphäre, die in

Niemöllers Haus in Wiesbaden herrschte,

kann ich mich noch genau erinnern.

Offen war sie und herzlich. Schnaps haben

wir getrunken und Witze gemacht.

Dabei habe ich mich im Interviewteil sehr

genau an die Anweisungen gehalten, die

Niemöller mir gegeben hatte: 1. Ich stelle

die Frage. 2. Martin Niemöller denkt nach.

3. Ich erhalte von ihm ein Zeichen und

stelle den Kasettenrecorder an. Martin

Niemöller beantwortet die Frage. Mitten

in einem Satz merkt er, er muss überlegen.

4. Ich stelle den Kasettenrecorder ab. 5.

Wieder ein Zeichen, und der Kasettenrecorder

läuft wieder. Martin Niemöller

beendet den Satz und fährt in seinen

Überlegungen fort. Das klappte wunderbar.

Als er mich zum Abschied an die Tür

begleitete, nannte er mich „Bruder“. Das

habe ich allzu gern akzeptiert.

1984 im März: Martin Niemöller ist im

Alter von 92 Jahren gestorben. Zufällig

schaue ich mir die Trauerfeier im Dritten

Programm des Fernsehens an. Staat und

Kirche feiern einen Mann, der Zeit seines

Lebens so unkonventionell und widerbors

tig war. Jetzt im Tode muss man ihn

ehren. Man tut das mit weihevollen Worten.

Endlich tritt ein Mann ans Rednerpult,

der anders mit den Worten umgeht.

Paul Oesterreicher,

R

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


22

MEILEN

STEINE

KLIMA

WANDEL

23

R FORTSETZUNG VON SEITE 21

der als kleines Kind als Jude nach Neuseeland

geflohen war und nun als Priester der

Anglikanischen Kirche von England einiges

zur Aussöhnung zwischen Deutschen

und Engländern getan hat. Er spricht von

seinem Freund Martin Niemöller. Doch

plötzlich bricht der Fernsehbericht ab.

Eine Ansagerin vermeldet, dass man leider

nun die Übertragung der Trauerfeier

abbrechen müsse. Jetzt gelte wieder das

Programm, das ausgedruckt sei.

Wer war nun Martin Niemöller?

Er wird 1892 als Sohn des Pastors Heinrich

Niemöller geboren. Der Vater -

fromm und kaisertreu - wirkt zuerst in

Lippstadt, Westfalen, später in Wuppertal.

Sein Sohn Martin geht nach dem Abitur

zur Marine und wird U-Boot-Kommandant.

Nach Ende des 1.Weltkriegs arbeitet

er zunächst als Knecht auf einem Bauernhof

und entschließt sich dann, evangelische

Theologie zu studieren.

1931 wird er Pastor der Evangelischen

Kirchengemeinde Berlin-Dahlem.

Zu dieser Zeit ist Niemöller noch

sehr deutsch-national geprägt. Schon

1924 hatte er nationalsozialistisch

gewählt, 1933 die Einführung des „Führerstaates“

begrüßt. Doch diese Haltung

ändert sich im Laufe des Jahres 1933.

Von oben herab wird der Kirche befohlen,

sie dürfe nun keine zu Christen

bekehrten Juden in ihren Reihen mehr

dulden. Aus Protest gegen die Einführung

des so genannten „Arierparagrafen“

ins Kirchenrecht ruft Niemöller

zur Gründung des Pfarrernotbundes

auf, die spätere „Bekennende Kirche“.

Niemöller wird aus dem Pfarrdienst

entlassen, arbeitet weiter und wird

immer strenger überwacht.

Im Juli 1937 wird Niemöller verhaftet

und kommt ins Untersuchungsgefängnis

Moabit. Nach dem Prozess wird er

direkt ins KZ Sachsenhausen transportiert.

Hitler hatte den Pastor zu seinem

„persönlichen Gefangenen“ erklärt und

Isolationshaft angeordnet. 1941 wird er

in das Konzentrationslager Dachau verlegt.

1945 ist er frei.

Schuld der Christen

Martin Niemöller setzt sich danach

intensiv mit seiner Schuld und der

Schuld seiner Kirche in den Jahren der

Naziherrschaft auseinander. Erst im KZ

sei ihm bewusst geworden, „dass ich als

Christ nicht nach meinen Sympathien

oder Antipathien mich zu verhalten

habe, sondern dass ich in jedem Menschen

den Menschenbruder zu sehen

habe“. Diese Erkenntnis lässt ihn nicht

mehr los.

Er gehört zu den Mitunterzeichnern des

Stuttgarter Schuldbekenntnisses und des

Darmstädter Wortes. 1947 wird er zum

Präsidenten der Evangelischen Kirche in

Hessen und Nassau berufen. Er kämpft

gegen die Wiederaufrüstung in der Bundesrepublik

genauso wie gegen den Militärseelsorgevertrag

– alles ohne Erfolg.

Und auch für die Kirche in Deutschland

ist er zu eindeutig, zu radikal. So wird er

in den 50er Jahren von allen Leitungs -

pos ten innerhalb der EKD abgewählt.

Konkret: Er verliert die Mitgliedschaft

im leitenden Rat der EKD und das

Kirchliche Außenamt.

Weltweite Ökumene

Anders sieht es bei der weltweiten Ökumene

aus. Schon seine Gefangenschaft

im Dritten Reich machten Martin

Niemöller weltbekannt. Immer wieder

wurde auf Fürbittlisten für den „Gefangenen

des Führers, Pastor Niemöller“

gebetet, und das geschah bei den Inuits

in Alaska genauso wie bei den Maoris in

Neuseelands.

Martin Niemöller erhält jetzt nach dem

Zweiten Weltkrieg viele Angebote zum

Sprechen über Deutschland, und das in

der ganzen Welt. Er nimmt diese Verpflichtungen

gerne an. Es ist kein Wunder,

dass er 1961 in Neu-Dehli als einer

der sechs Präsidenten des Ökumenischen

Rates der Kirchen gewählt wird.

1964 legt Niemöller sein Amt als Kirchenpräsident

nieder. Doch sein Engagement

für die weltweite Ökumene, für

Frieden und Gerechtigkeit bleibt ungebrochen.

Auch an der Friedensbewegung der frühen

80er Jahre hat er maßgeblichen

Anteil. Niemöller führt ein Leben im

Widerstand und mit Widersprüchen. Er

wird mit dem Großen Bundesverdienstkreuz

ausgezeichnet wie auch mit dem

Lenin-Orden der Sowjetunion. Nicht

weil er Kommunist war, sondern weil er

zeigen wollte: Die Friedensfreunde gibt

es vor und hinter dem eisernen Vorhang.

Ein Motto, das ihn durch sein Leben

begleitete, war der Satz eines armen

Webers. Der Bub Martin Niemöller hatte

ihn mit seinem Vater in Wuppertal

besucht. Dieses Motto war in Leinen

gewebt und hing an der Wand des

Weberhäuschens. Es lautete: „Was würde

Jesus dazu sagen?“.

So hat Martin Niemöller gelebt und so

ist er auch gestorben. Immer mit der

Frage: „Was würde Jesus dazu sagen?“.

Materialien:

• Matthias Schreiber

Martin Niemöller

rororo Monographie

ISBN 978-3-449-50550-8

a 8,95

HERWIG SANDER

• Rebell wider Willen

Das Jahrhundert des

Martin Niemöller

Drehbuch und Regie H. Karnick

und W. Richter

DVD

• Die Martin-Niemoeller-Stiftung

betreibt politische Bildung im

„niemöllerschen“ Sinn. Vorsitzender

ist der emeritierte Siegener

Theologieprofessor Martin Stöhr,

von dem kluge Aufsätze hier zu

finden sind:

www.martin-niemoeller-stiftung.de.

BANGLADESCH

ANTWORTEN AUF DEN KLIMAWANDEL

Im Süden von Bangladesch sind die Folgen

der Erderwärmung schon jetzt spürbar.

Überschwemmungen und Wirbelstürme

suchen die Region immer häufiger

heim, Salzwasser dringt ins Landesinnere

vor. Die Organisation PRODIPAN,

eine Partnerorganisation von „Brot für

die Welt“, hilft den Betroffenen, sich den

Klimaveränderungen anzupassen. „In den

letzten 15 Jahren hat sich unsere Situation

enorm verschlechtert“, erzählt Shahagahan

Ali Sarder. „Für all die Veränderungen

sind wir nicht verantwortlich – doch

wir leiden am meisten darunter“.

Die UN-Konferenz von Kopenhagen im

Dezember 2009 wird die Klimaschutz-

Agenda für die nächsten Schritte im

Kampf gegen den Klimawandel ausarbeiten.

Die Kirchen setzen sich seit Jahren für

eine gerechte und nachhaltige Entwicklung

dieser Welt, insbesondere im

Bereich des Klimaschutzes ein. Denn

„der globale Klimawandel zerstört natürliche

Lebensgrundlagen, verschärft

Armut, untergräbt Entwicklungsmöglichkeiten

und verstärkt Ungerechtigkeit.

Die in Armut lebenden Menschen,

besonders in den Ländern des Südens,

sind die Hauptleidtragenden des Klimawandels,

d.h. des Energieüberkonsums

der Industrieländer und der globalen

Konsumentenklasse“ – so heißt es in der

„Entwicklungspolitischen Plattform der

Kirchen: Klima der Gerechtigkeit“ vom

Oktober 2008.

PRODIPAN klärt die Dorfbewohner

darüber auf, warum sich ihre Lebensumstände

so dramatisch gewandelt haben

und was sie dagegen tun können. Mit

Minidarlehen von PRODIPAN bauen

sich die Menschen eine alternative Einkommensquelle

zu Holzeinschlag, Reisanbau

oder Fischfang auf. Shahagahan

Ali Sarder zum Beispiel hat sich mit Hilfe

eines Kleinkredits von umgerechnet

etwa achtzig Euro eine kleine Zucht für

Süßwassergarnelen angelegt. Die Zucht

läuft bereits so gut, dass er nicht nur sein

Darlehen zurückzahlen konnte, er hat

Kirchen, evangelische Entwicklungswerke

und ökumenische Initiativen

wollen gegenüber den politisch Verantwortlichen

im Vorfeld der Klimakonferenz

von Kopenhagen verdeutlichen,

dass in den Industrieländern deutliche

Emissionsminderungen nötig sind und

dass es eine Verpflichtung gibt, die Entwicklungsländer

bei der Anpassung an

den Klimawandel und bei deren Re -

duktionsanstrengungen finanziell und

technologisch zu unterstützen.

Engagieren Sie sich, mobilisieren Sie

andere, unterschreiben Sie den „Ko -

penhagen-Aufruf der Kirchen“, um die

Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft

und Gesellschaft daran zu erinnern,

dass es keinen wirksamen Klimaschutz

ohne globale Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung

und die Respektierung der

Menschenrechte gibt.

sich inzwischen auch drei Kühe und vier

Ziegen angeschafft. Wie es aussieht, wird

das Unternehmen eines Tages auch seinen

fünf Kindern eine wirtschaftliche

Perspektive bieten können.

Gemeinsam mit anderen Hilfsorganisationen

hat PRODIPAN ein Netzwerk

geknüpft, das Lobbyarbeit für diese vom

Klimawandel bedrohten Menschen

betreibt.

Weitere Informationen zu diesem

Projekt finden Sie im Internet unter

www.brot-fuer-die-welt.de/projekte/

prodipan.

POSTKARTEN-AKTION

COUNTDOWN TO COPENHAGEN

FÜR EIN KLIMA DER GERECHTIGKEIT

„Countdown to Copenhagen“ ist eine

internationale Kampagne, getragen von

ökumenischen Entwicklungswerken,

dem Weltkirchenrat, Kirchen und deren

Partnerorganisationen in Europa, Afrika,

Asien und Amerika. Weitere Informationen

und den Aufruf, der online unterschrieben

werden kann, finden Sie auf

www.countdowntocopenhagen.de. Der

Aufruf kann auch in höherer Stückzahl

als Postkarte bestellt werden.

Die Postkarten liegen auch aus bei „Brot

für die Welt“ in Stuttgart in der Stafflenbergstraße

76.

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009


Absender:

Gunter Kaden

Am Bronnenbühl 2

73337 Bad Überkingen

IMPRESSUM

MARTIN NIEMÖLLER

ALS DIE NAZIS DIE KOMMUNISTEN HOLTEN,

HABE ICH GESCHWIEGEN;

ICH WAR JA KEIN KOMMUNIST.

ALS SIE DIE SOZIALDEMOKRATEN EINSPERRTEN,

HABE ICH GESCHWIEGEN;

ICH WAR JA KEIN SOZIALDEMOKRAT.

ALS SIE DIE GEWERKSCHAFTER HOLTEN,

HABE ICH NICHT PROTESTIERT;

ICH WAR JA KEIN GEWERKSCHAFTER.

ALS SIE DIE JUDEN HOLTEN,

HABE ICH NICHT PROTESTIERT;

ICH WAR JA KEIN JUDE.

ALS SIE MICH HOLTEN,

GAB ES KEINEN MEHR, DER PROTESTIERTE.

Martin Niemöller in einer Rede, gehalten 1976 in Kaiserslautern.

ERZÄHLUNG DER CHASSIDIM:

Ein alter Rabbi fragte einst seine Schüler, wie man die Stunde

bestimmt, in der die Nacht endet und der Tag beginnt.

Die Zeitschrift anstöße der Offenen Kirche wird herausgegeben

vom Vorstand der Offenen Kirche.

Vorsitzende Kathinka Kaden

Ehrenvorsitzender Fritz Röhm

Geschäftsstelle

gleichzeitig Bestelladresse:

Gunter Kaden, Am Bronnenbühl 2, 73337 Bad Überkingen

Tel.: 0 73 31 - 44 18 14, Fax: 0 73 31 - 44 18 13

Kontakt: Geschaeftsstelle@Offene-Kirche.de

Konten

OK-Konto: Kreissparkasse Ulm, Nr. 1661 479

(BLZ 630 500 00); AMOS-Preis-Konto: Evang. Kredit -

genossenschaft (EKK) Stuttgart, Nr. 3690 156

(BLZ 600 606 06). In eigener Sache: Das Postgirokonto

1838 50-703 in Stuttgart ist geschlossen. Bitte über -

weisen Sie nichts mehr dorthin.

Redaktion

Renate Lück (V.i.S.d.P.), Wolf-Dietrich Hardung, Hans-Peter

Krüger, Eberhard Braun. Die Zeitschrift der Offenen Kirche

erscheint nach Bedarf. Für Mitglieder der Offenen Kirche

ist das Bezugsgeld im Mitgliedsbeitrag eingeschlossen.

Alle anderen Bezieher Innen bezahlen jährlich 15 Euro.

Namentlich gekenn zeichnete Beiträge geben die Meinung

des/der VerfasserIn wieder und stellen nicht unbedingt die

Meinung der HerausgeberInnen oder der Redaktion dar.

Redaktionsadresse:

Renate Lück, Friedrich-Ebert-Straße 17/042,

71067 Sindelfingen, E-Mail: Renate.Lueck@t-online.de

Gestaltung und Satz

solutioncube GmbH, Reutlingen

Druck

Grafische Werkstätte der Bruderhaus Diakonie, Reutlingen

Versand

Behinderten-Zentrum (BHZ), Stuttgart-Fasanenhof

Quellennachweis

Titel: Thomas Grünwald; S. 3 oben und unten, 4 unten,

5 beide, 8, 15, 16 rechts: Lück; S. 4 oben, 10, 11 rechts,

12, 14 oben: privat; S. 6, 16: OK; S. 7: shutterstock; S. 9:

Medienhaus; S. 11 oben: Eberhard Braun; S. 14: Cornelia

Eberle; S. 18: Plakate der OK im Landeskirchenmuseum;

S. 21: Internet.

Wir bitten ausdrücklich um Zusendung von Manuskripten,

Diskussionsbeiträgen, Informationen, Anregungen und

LeserInnenbriefen. Die Redaktion behält sich das Recht

der Kürzung vor.

„Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf

unterscheiden kann?“, fragte einer der Schüler.

„Nein“, sagte der Rabbi.

„Ist es, wenn man von weitem einen Dattel- von einem Feigenbaum

unterscheiden kann?“, fragte ein anderer.

„Nein“, sagte der Rabbi.

„Aber wann ist es dann?“, fragten die Schüler.

„Es ist dann, wenn du in das Gesicht irgendeines Menschen

blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst.

Bis dahin ist es noch Nacht.“

Mehr Inhalt,

mehr Vielfalt,

mehr Biss:

OFFENE KIRCHE

OFFENE KIRCHE Ausgabe 2 / November 2009

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