Kingkong contemporary

apwolf

King Kong Contemporary Projektdokumentation 2010 /11. Mobiles Kunstprojekt an drei Standorten in Mannheim. Projekt von Fritz Stier, Barbara Hindahl und Andreas Wolf

King Kong contempoRARy art project

Projektdokumentation 2010 /11


Inhalt

KING KONG contemporary art project | Gedanken über ein Kunstprojekt, Anna E. Wilkens . . . . . . . . . . . 4

Standort 1: Ehrenhof des Barockschlosses Mannheim

„Verhängnis und Abenteuer“ 1.– 31. Oktober 2010. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6

Eberhard Bosslet, Dresden | Thorsten Tenberken, Hamburg | Heimo Wallner, Schrattenberg (AT)

Aktion: PSSST! partizipatorisches Soundpiece, Barbara Hindahl, Fritz Stier, Andreas Wolf. . . . . . . . . . 11

Soundpattern#1 „Violence in the City“ 12.– 29. November 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12

Klaus Eisenlohr, Berlin | Thomas Lüer, Frankfurt

Videoblock „Urban Research Selection, Urban Interference and the City‘s Symbols“, . . . . . . . . . . . . . 14

kuratiert von Klaus W. Eisenlohr

Soundpattern#2 „Fishing a Dragon“ 3.– 26. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16

Jens Brand, Berlin | kuratiert von Hans W. Koch, 3. – 7. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18

Peter Behrendsen, Köln | kuratiert von Hans W. Koch, 10. – 13. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

Gunilda Wörner, Darmstadt | kuratiert von Fritz Stier, 10. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23

Joker Nies, Köln | kuratiert von Hans W. Koch, 17. – 26. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

Bettina Wenzel, Köln | kuratiert von Barbara Hindahl, 17. Dezember 2010 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26

Standort 2: Herzogenried Mannheim

„Herzogenart: Public Images – Private Views“, 20.– 28. Mai 2011 Einführung von Anna E. Wilkens . . . . .28

Alexander Horn, Pame volta! Truck in the rear view mirror . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32

Veronika Witte, Der Raum zwischen uns und uns anderen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

Jutta Steudle, o. T. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34

SENNF mit Werner Degreif, Figuren aus der Sennestadt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

Eric Carstensen, Galatabirds . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36

Ana Laibach (mit Hermann Schulz), Hermann Schulz unter Nachbarn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37

Thomas Schnurr, o. T. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38

Gabriele Künne, Eine Stadt in Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

Sophie Sanitvongs, Wohnen mit Projektionen … ein zweites Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40

Harald Priem, Zwischen drinnen und draußen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41

Barbara Hindahl, Ghos T ranslation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42

Rebekka Brunke, o. T. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43

Andreas Wolf, Luftmodell 1-ZW Typ a1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

Fritz Stier, Observer (Der Beobachter) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45

Carmen Berdux / Bernd Böhlendorf, Glücksaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46

Silvia Szabó, o. T. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

Philipp Morlock, Einstiegshilfen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48

Andrea Ostermeyer, Die Dinge des Lebens / ALDI . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Standort 3: Fußgängerzone „Planken“ Mannheim

„Ruhestörung“ Kunst auf den Planken, 13.– 26. November 2011 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50

Anne Wellmer, Der Steirerhörhut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

Peter Bux, Fata Securita . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54

Claudia Schmacke, splash. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

3


KING KONG contemporary art project

Gedanken über ein Kunstprojekt

Das KING KONG contemporary art project hat von Oktober 2010 bis

November 2011 im Raum der Stadt Mannheim an drei verschiedenen

Standorten eine Reihe von Ausstellungskomplexen mit zeitgenössischer

Kunst gezeigt, organisiert und überwiegend kuratiert von Fritz Stier,

Barbara Hindahl und Andreas Wolf.

Mit King Kong, dem fiktiven Riesengorilla mit Emblemcharakter, hat sich

das contemporary art project einen einprägsamen Namen gegeben.

Im ursprünglichen Konzept- und Pressetext war angekündigt worden,

KING KONG sei ein „innovativer, nichtkommerzieller, mobiler“ Kunstraum,

der in einem „aus Containermodulen montierten Raum […]

interdisziplinäre und experimentelle Positionen zeitgenössischer Kunst“

präsentieren werde, wobei das Besondere sei, dass drei bis vier Mal im

Jahr der Standort innerhalb der Stadt Mannheim gewechselt werden

könne bzw. sollte.

Die Idee zum Namen KING KONG kam, so Fritz Stier, durch die Vorstellung

vom Riesengorilla, der durch die Großstadt wandert, und im

Falle des art projects einen Container an verschiedenen Orten hinsetzt –

das freundliche Monster, das an unerwarteten Plätzen für Kunst sorgt.

Es sollte zu denken geben, dass der King Kong des Films nicht dafür

belohnt wird, dass er sich als undomestizierbar erweist. Es ist auch zu

fragen, gegen wen sich die leise Polemik des ersten Konzepttextes

richtet, wie etwa im Schlusssatz, in dem von einer „Suchbewegung an

die Grenzen des ‚etablierten‘ Kunstbegriffes“ die Rede ist und von der

Absicht, „auf diese Weise gesellschaftlich verbindliche Erwartungen zu

unterlaufen“. Mutmaßlich richtet sich die Polemik gegen das Banausentum,

gegen die etablierte Kunst oder gegen die Etablierung von Kunst.

Die Polemik dient als Abgrenzung von der Kunstspektakelmaschinerie,

die Völkerscharen von betuchtem Publikum aus der ganzen Republik

oder gar der ganzen (sogenannten westlichen) Welt lange Reisen

zurück legen lässt, dorthin, wo das zu sehen ist, „was man unbedingt

gesehen haben muss“.

Je größer das Publikum einer Ausstellung, je populärer ein Künstler

oder eine Künstlerin, je umfangreicher die Werbemaßnahmen, desto

verdächtiger.

Was dem Geschmack „der Masse“ entspricht, kann nicht Avantgarde

sein. Die Qualität der Avantgarde ist freilich nie eine absolute, sondern

muss stets temporäre sein; das Neue kommt, wird als herausragend erkannt

(oder gar nicht wahrgenommen), etabliert sich und ist nicht mehr

das Neue, fordert daher anderes Neues heraus.

Was allgemein anerkannt ist, kann nicht mehr gleichzeitig innovativ

sein. Argwohn kommt hier auf, dass dieses Prinzip der Forderung nach

Innovation, nach Originalität, dem kapitalistischen Prinzip der steten

Profitmaximierung, des Immer-Mehr, mindestens ähnlich ist.

In der Moderne hat Kunst ununterbrochen um ihre Freiheit zu kämpfen,

je etablierter, also: je bekannter und beliebter sie ist, desto größer

die Wahrscheinlichkeit der Vereinnahmung durch die Warenwelt. Die

Gefahr, mit der sich eine Avantgarde heute konfrontiert sieht, ist nicht

so sehr Kandinskys schwarze todbringende Hand, also der Widerstand

des Establishments, sondern entweder die Vereinnahmung als Massenspektakel

oder das Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Ein wirkliches Gegenteil der etablierten Kunst jedoch kann es gar nicht

geben: Kunst ist nur dann Kunst, wenn sie von wenigstens ein paar

Menschen als solche eingeordnet wird, sie braucht immer ein Publikum,

muss also bei irgendjemandem bekannt sein.

Hinter dieser Argumentation steht ebenso die Annahme, dass jeweils

irgendetwas an einem Kunstwerk verstehbar und zugänglich sein

muss, sonst tangiert Kunst nicht einmal peripher, sondern gar nicht.

„Innovativ“ kann also nicht bedeuten: So enigmatisch, dass überhaupt

kein Muster mehr erkennbar wäre und kein Zugang möglich.

King Kong ist als Gorilla ein Menschenaffe, hat also ähnliche Gestalt

und ähnliche Bewegungen wie Menschen, ist oder scheint folglich in

Gefühlen und Handlungsmotivationen intelligibel. Als monsterhaftem

Wesen der Wildnis muss ihm aber intrinsisch die Assimilation ans

Großstadtleben verwehrt bleiben, sonst verliert er seine Identität und

ist kein Wesen der Wildnis mehr. Wenn jemand sich programmatisch

die Verweigerung der Etablierung auf die Fahnen schreibt, folgt das

Scheitern aus Gründen der Logik: Denn nicht nur das Versinken in

Nichtbeachtung, sondern auch Anerkennung und Popularität wären als

Scheitern zu werten. Der Titelheld des ersten King-Kong-Films ist eine

tragische Gestalt.

De facto sind die Verhältnisse um das KING KONG contemporary art

project nicht ganz so einfach und eindeutig, wie obige Ausführungen

zu implizieren scheinen: Selbstverständlich ist es möglich, innovative

Kunst auch einem regelmäßigen Publikum zu zeigen unter einem

regional und überregional bekannten Namen.

Die Idee mit dem mobilen Kunstraum ist gewiss nicht gänzlich neu,

aber auch nicht völlig etabliert; und an den Stellen, an denen die Kunstcontainer

von KING KONG in Mannheim tatsächlich gestanden haben,

waren sie auf jeden Fall neu.

Etabliert waren in gewissem Maße jedenfalls die drei InitiatorInnen von

KING KONG, sowohl innerhalb der Freien Kunstszene Mannheims und

der Metropolregion Rhein-Neckar wie auch als Akteure derselben bei

Institutionen der Stadt (namentlich das Kulturamt). Nach jahrelanger Bekanntschaft

waren Barbara Hindahl und Andreas Wolf beide, zusammen

4


mit zehn anderen Künstlerinnen und Künstlern, Gründungsmitglieder

von Peng! Raum für Kunst Mannheim (2006–2009), in dem unter vielen

anderen auch Fritz Stier ausgestellt wurde, beiden wiederum seit Jahren

bekannt als 1. Vorsitzender des Kunstvereins Viernheims seit dessen

Gründung im Jahr 1999 sowie Kurator der meisten Ausstellungen im

Kunstverein und im Kunsthaus Viernheim. Hier hatte Barbara Hindahl

eine Ausstellung und Wolf war einer der Künstler einer Gruppenausstellung.

Im Jahr 2008 wurden Werke von Hindahl und Stier in einer von

Andreas Wolf kuratierten und organisierten Ausstellung gezeigt. 1

2009 taten die drei sich zusammen, um das Aktionsbündnis Freie Szene

Bildender Kunst 2 Mannheim ins Leben zu rufen. Sie verfassten und

verbreiteten gemeinsam eine Petition zur Verbesserung der Situation

der Bildenden Künstlerinnen und Künstler in Mannheim, die auf große

Resonanz in der regionalen und überregionalen Kunstszene stieß. Nach

verschiedenen weiteren Aktionen, einer Demonstration, einer Podiumsdiskussion

im Nationaltheater, Treffen der Freien Szene, konnte in 2010

tatsächlich der Erfolg einer maßgeblichen Aufstockung des städtischen

Etats für die Freie Szene verbucht werden.

Im Anschluss an diese diversen Erfahrungen gemeinsamer Arbeit in

Sachen Kunst beschlossen die drei im Frühjahr 2010, zusammen einen

Kunstraum zu konzipieren und zu eröffnen. Mit relativ kurzer Vorlaufzeit

konnte die erste Ausstellung bereits im Oktober 2010 starten.

Mit herkulischer (riesengorillahafter) Anstrengung haben Fritz Stier,

Barbara Hindahl und Andreas Wolf fünf großartige Ausstellungen an

drei Containerstandorten auf die Beine gestellt.

Eine „Randerscheinung“ von mobilen Kunsträumen ist unmittelbar

einleuchtend, nämlich dass an jedem neuen Standort eine komplett

neue Infrastruktur erst geschaffen werden muss. Ein gewaltiger organisatorischer

Aufwand ist hier nötig; Genehmigungen für das Stellen der

Container müssen eingeholt, Stromanschlüsse installiert, ein rudimentäres

Mobiliar herangeschafft werden etc. Dabei ist es als nicht Ausnahmefall,

sondern zum Organisationsprozess bei mobilen Kunsträumen

zugehörig anzusehen (und übrigens auch bei solchen mit festem

Standort, nur hat man hier diesen Aufwand und begleitende Probleme

nur einmal zu bewältigen, nicht immer wieder), dass – wie in einem Fall

bei KING KONG – die zuständige Person den Standort im Bezug zum

vorhandenen Stromanschluss fehlerhaft angab, sodass der Container

genau auf dem Stromanschluss stand, der also nicht mehr zugänglich

war, oder dass der großzügig zur Verfügung gestellte Abstellraum am

Wochenende mit dem überlassenen Schlüssel nicht zu öffnen war, weil

die Schließanlage eine Öffnung am Wochenende nicht vorsah, oder

1 http://www.kunstverein-viernheim.de/,

http://www.pengmannheim.de, http://insel.andreaswolf.net/

2 http://cap-mannheim.de/

dass in der Fußgängerzone eine Ladeninhaber unglücklich war, weil der

Container vor seinem Laden stand und er Kundenverlust befürchtete.

Zuverlässige Helferinnen und Helfer müssen gewonnen werden – von

der Auswahl der zu zeigenden Kunst, deren Transport, der Unterbringung

der Künstlerinnen und Künstler ganz zu schweigen.

Alle drei Ausstellungskomplexe haben nicht ganz oder bei Weitem nicht

die Anerkennung erfahren, die die gezeigte Kunst verdient hätte. Das

ist mindestens zu einem Teil – besonders beim ersten Standort auf dem

Ehrenhof des Schlosses – der Tatsache geschuldet, dass ein potenzielles

Publikum zunächst mal wissen muss, dass der Kunstraum existiert – um

so auf den Gedanken der Etablierung zurückzukommen. Wenn etwas

nicht etabliert ist, braucht es ungleich viel mehr hinweisende Maßnahmen,

um überhaupt wahrgenommen zu werden. Das ist meist gleichbedeutend

mit einem nennenswerten Werbebudget – das KING KONG

als nicht-institutionalisierter Kunstraum freilich nicht hatte.

Hier zeigt sich außerdem ein weiterer Aspekt eines mobilen Kunstraums,

der als Problem oder als Chance angesehen werden kann: Wenn

ein Kunstraum in mobiler Containerform an eine Stelle gesetzt wird, an

der vorher keiner war, ist schlicht ungewiss, wie die Umgebung reagieren

wird. Der mobile Kunstraum ist stets Experiment, weil er nur auf

ganz allgemeine und nicht auf spezifische Erfahrungswerte zurückgreifen

kann.

Der erste Containerstandort war auf dem Ehrenhof des Mannheimer

Schlosses situiert, das heißt konkret: mitten auf dem Campus der Universität,

und der Zeitraum lag innerhalb der Semesterzeiten. Wirklich

überraschend kamen überhaupt keine Studierenden. Organisatorische

Korrektur für zukünftige ähnliche Ausstellungen, sofern man erfolgreich

sein will im Sinne von: hohe Besucherzahlen: a) ein Containermodul mit

Schaufensterscheibe wählen statt weitgehend geschlossener Module

mit Türen und kleinen Fenstern, um Passantinnen und Passanten die

Hürde des Betretens zu senken – im dritten Ausstellungskomplex in

der Fußgängerzone wurde dies umgesetzt; b) auf Universitätsgeländen

Ausstellungen nur mit langer Vorlaufzeit, um Kooperationen mit dem

Lehrbetrieb zu ermöglichen.

Es offenbart sich dabei auch ein weiteres Moment, das als ein außerordentlich

wichtiges oder sogar das wichtigste im Zusammenhang mit

dem mobilen Kunstraum angesehen werden kann: der Kunstraum als

künstlerisches Experiment ist selbst das Kunstwerk, und als ein Experiment

im besten Sinne ist ihm ein Scheitern dann doch unmöglich:

Ein Experiment hat einen offenen Ausgang, das was passiert, ist das

Ergebnis des Experiments.

Der Dokumentation des Experiments KING KONG contemporary art

project ist der vorliegende Katalog gewidmet.

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ausstelluNG 1

„VerhäNGNIS uND ABENteuer“

1.– 31. Oktober 2010 | Barockschloss Mannheim Ehrenhof

Eingeladene Künstler: Eberhard Bosslet, Dresden | Thorsten Tenberken, Hamburg | Heimo Wallner, Schrattenberg (AT)

networks

videogreetings from

artists/curators

Videobeiträge von

befreundeten Betreiber/innen

von

Kunsträumen werden

am Tag der Eröffnung

an die Containerwand

projiziert.

Eberhard Bosslet | Der Professor für Skulptur und Raumkonzepte an

der Hochschule für Bildende Künste Dresden verwendet in seinen Arbeiten

ausschließlich Produkte und Technologien aus der industriellen

und gewerblichen Wirklichkeit. Diese sind immer wesentlicher, sichtbarer

und funktionsästhetischer Bestandteil seiner Werke. Er arbeitet

mit unedlen, gewöhnlichen Werkstoffen, die in seinen Objekten zu

ungewöhnlichen Konstellationen zusammengebracht werden. Hier

präsentiert er den Videoloop Atelier 2003, in dem eine auf einem Staubsaugerroboter

(Electrolux Trilobite 2A2) montierte Kamera sein Atelier

aus der Dackelperspektive filmt.

Thorsten Tenberken | In übergreifenden Themenzyklen verbindet

Thorsten Tenberken unterschiedliche Medien wie Objekte, Bilder, Zeichnungen

und Videos zu einem sowohl konzeptuellen als auch theatralischen

Panoptikum. In Dr. Livingstone oder die Rose der Symbiose wird

eine Welt vorgeführt, in der die Figuren unermüdlich gegen Rituale des

Alltags und selbst erschaffene Spielregeln ankämpfen, ohne sich aus

dem Teufelskreis der ewigen Wiederkehr befreien zu können.

Heimo Wallner | Der in Österreich und den USA lebende Zeichner und

Animationskünstler Heimo Waller inszeniert in seiner Arbeit »einen

transportablen barocken Kuppelraum«, der den Containerraum nahezu

ausfüllt. Die aufgeblasene Wolke ist ein voluminöses Stoffgebilde, das

innen über und über mit Zeichnungen bedeckt ist. Die Zeichnungen

beschreiben obsessiv »einen Garten der Lüfte , der Dummheit, des Wollens

und Begehrens und Sich-Fürchtens«, so der geborene Österreicher.

Das Gleiche thematisiert ein parallel laufender, zehn Minuten langer

Trickfilm, den Wallner auf die Buchseiten von Band II der Gesammelten

Werke Mao Tse Tungs gezeichnet hat.

(Filmmusik: Martin Zrost, Wien)

6


Thorsten Tenberken, Still aus der Videoinstallation Dr. Livingstone oder die Rose der Symbiose

7


ContAINEr 1

Heimo Wallner: Wolke (links) und Trickfilm Maobibel (oben),

im Hintergrund Videoloop Atelier 2003 von Eberhard Bosslet

9


ContAINEr 2

Thorsten Tenberken: Videoinstallation Dr. Livingstone oder die Rose der Symbiose

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PSSST!

partizipatorisches Soundpiece

Das CD-Verteiler-Team Sören (l.) und Paul (r.)

Barbara Hindahl

Fritz Stier

Andreas Wolf

Aufführung 1. 10. 2010 in den

Mannheimer Quadraten

Beginn zwischen 21.30 und 22.00 Uhr

„Pssst“ ist sowohl Aufforderung zur Ruhe als

auch ein leiser Zuruf, der Aufmerksamkeit

sucht. Hindahl, Stier und Wolf, die Initatoren

von KING KONG, bringen hier ein eigenes

Projekt zur Aufführung. 1 000 CDs mit selbst

eingespochenen Pssst-Lauten wurden im

Vorfeld in den Quadraten, der Innenstadt von

Mannheim, verteilt. Eine Anleitung fordert

die Anwohner und Anwohnerinnen auf, am

Eröffnungstag, zu später Stunde, das Soundfile

am geöffneten Fenster über Lautsprecherboxen

abzuspielen.

Es entstand eine Ruhestörung, die sich zu

einem Konzert entwickelte. Der Zufall des

genauen Zeitpunktes, an dem die Tonträger

abspielt wurden, sowie Reaktionen von nicht

selbst Beteiligten bildeten die freie Partitur

der Komposition.

Die Beteiligung der Anwohnerinnen und

Anwohner war erstaunlich gut und das

Konzert ein voller Erfolg.

Soundpiece

in den QuADratEN

Barbara Hindahl Fritz Stier

Andreas Wolf

Im Rahmen der Eröffnung des neuen, experimentellen Kunstraums

KING KONG contemporary art project.

Vom 01.10. - 26.12.2010. im Mannheimer Barockschlosses/Ehrenhof

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ausstelluNG 2

souNDPAttern#1 „VIOlENCE IN tHE CIty“

12.– 29. November 2010

Eingeladene Künstler: Klaus Eisenlohr, Berlin | Thomas Lüer, Frankfurt am Main

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Blick in den Kunstcontainer und auf den Ehrenhof des Schlosses

Foto: Klaus Eisenlohr

Abb. links: Video einer Performance von Moel Yad 2009 Hadas Tapouchi IL,

Tel Aviv. Der in eine Uniform gekleidete Künstler hebt den Arm, eine

Geste, die wir als Hitlergruß identifizieren. Ein Gruß, der schon im Alten Testament im

Buch Nehemiah belegt ist, aber auch als römischer Gruß „Salute romano“ ausgelegt

werden könnte. Erst nachdem ein unbeteiligter Passant die Geste als „Deutschen

Gruß“ identifiziert, trauen sich die Zuschauer, ihrer Wut und ihrem Hass gegen dieses

Symbol Ausdruck zu verleihen.


KatAKOMBEN

3-Kanal-Videoinstallation

Stormwater von Tom Skipp

12. 11. 2010 Kata komben,

Schloss

Das 3-Kanal-Video erkundet das größte Flutwasser-Reservoir Europas

(Madrid) kurz bevor es eröffnet und geflutet wird. In zeitlicher Vorwegnahme

interpretiert eine Sängerin die tosenden Wasserkaskaden,

die bald in der zeitlos monumentalen Architektur rauschen werden.

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VIDEOBlOCK Urban Research Selection,

Urban Interference and the City‘s Symbols

kuratiert von Klaus W. Eisenlohr (Directors Lounge Berlin)

ContAINEr 1

Videos von:

Rinat Edelstein, IL

Beatriz + Carlos Matiella, MX

José Matiella + Iván Meza, MX

Christina McPhee, US

Elena Näsänen, FI

Richard O‘Sullivan, GB

Elham Rokni, IL

Maarit Suomi-Väänänen, FI

Pilvi Takala, FI

Pablo Useros, ES

Anders Weberg + Robert Willim, SE

Der Erfolg moderner Städte als soziale Einheiten ist verbunden mit dem

Gefühl einer relativen Sicherheit, die auf dem Vertrauen in den Gesellschaftsvertrag

zwischen den Bürgerinnen und Bürgern beruht.

Obwohl dieser ungeschriebene Vertrag ein wichtiger Teil der modernen

Gesellschaft ist, zeugen urbane Identität, aber auch Mythen und Symbole

oft von gewalttätigem Denken und Handeln.

Die von Klaus W. Eisenlohr ausgesuchten Videos beschäftigen sich auf

unterschiedliche Art und Weise mit dem sensiblen Gleichgewicht zwischen

der Gesetzesgewalt und dem Gewaltpotenzial des sozialen Scheiterns.

Einige der Künstlerinnen und Künstler zeigen in ihren Videos den

Versuch, mit urbanen Interventionen eine aktivere Rolle in der Gesellschaft

einzunehmen. Andere sehen sich selbst als „politische Aktivisten“

und wollen das Verhältnis von Politik und Gesellschaft verändern. Und

schließlich greifen wieder andere gar nach dem scheinbar unmöglichen

Traum einer besseren Gesellschaft.

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cooperate

SOUNDINStallation 2010

Thomas Lüer, Frankfurt am Main

2003/04 – Pressebilder von Folterszenen aus US-Militärgefängnissen

gehen um die Welt. Von offiziel ler Seite werden Folterungen stets

als bedauerliche Einzelfälle verharmlost. Es wird sogar grund sätz lich

abgestritten, dass es sich bei stundenlangem Stehen der Gefangenen

überhaupt um Folter handele. Vielmehr ist von innovativen Verhörmethoden

die Rede. Presserecherchen zufolge haben die Foltertechniken

der CIA eine lange Geschichte.

Hier taucht auch das Mannheimer Schloss auf. In der Zeit von 1951–54

wurde ein Teil des Schlosses als US-Militärgefängnis genutzt und dort

vor allem Folterexperimente durchgeführt. „Perioden langen Stehens

werden von Vernehmungen unterbrochen, […] um dem Gefangenen

klar zu machen, dass er sein Elend leicht beenden könnte, wenn er

kooperieren würde […]” (CIA-Studie, 1956).

Thomas Lüer führt die Besucher in einen Angstraum dieser Vergangenheit

in eine körperlich bedrückende Enge und die unsichtbare, bedrohliche

Gegenwart der Folterknechte. Begleitet von der schnarrend

tonierten Lautsprecherstimme, die in unregelmäßigen Abständen das

Wort „Cooperate “ wiederholt.

Die Presse titelte damals: „Das Gefängnis im Schloss ist kein Juwel” – der

baufällige Gebäudeanhang verschandele das historische Mannheimer

Schloss. Von den Folterungen hingegen erfuhr die Öffentlichkeit nichts.

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ausstelluNG 3

souNDPAttern#2 „fishing a drAGON“

3.– 26. Dezember 2010

Eingeladene Künstlerinnen und Künstler:

Peter Behrendsen (Köln), Thomas Lüer (Frankfurt am Main), Bettina Wenzel (Köln),

Gunilda Wörner (Darmstadt)

Hans W. Koch kuratierte Jens Brand (Berlin) und Joker Nies (Köln).

Barbara Hindahl (Mannheim) kuratierte den Videoblock „Minimale Veränderung“.

Filmstill Illucid cinema von Alexandra Hopf

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display

VIDEOBlOCK

kuratiert von Thomas Lüer (Frankfurt am Main)

3. – 13. Dezember 2010

ContAINEr 1

Videos von:

Nathalie Grenzhaeuser

Martina Wolf, Moskau

Vadim Schaeffler

Alexandra Hopf

Heide Deigert

Christine Schulz

Video: Tag des Sieges von Martina Wolf, Moskau

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PerFOrmance

Ratschen

Jens Brand, Berlin | kuratiert von Hans W. Koch

3. Dezember 2010

ContAINEr 1

smarturl.it/gaaq6f


souNDINStallation

Motor

Jens Brand, Berlin | kuratiert von Hans W. Koch

3. -7. Dezember 2010

MOTOR ist eine experimentelle Weiterentwicklung der HUM

Filme, die von Orten handeln, an denen sich visuell wenig

verändert, aber, infolge eines vor Ort befindlichen Aggregats

oder ähnlichem, ein permanenter Klang vorherrscht. Bild

und Ton erscheinen in diesen Filmen eingefroren.

In MOTOR wird ein solcher Ort nicht gefunden, sondern

erzeugt. Der abgebildete Container auf dem Ehrenhof des

Mannheimer Schlosses wurde innen so präpariert, dass

er während der gesamten Ausstellungsdauer ein deutlich

hörbares tiefes Brummgeräusch erzeugte.

ContAINEr 2

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PerFOrmance

ContAINEr 1

(not) making decisions

Peter Behrendsen, Köln | kuratiert von Hans W. Koch

10. Dezember 2010

Unter Verwendung elektronischer Musikgeräte, in diesem Fall dem

Synthesizer NordModular G2, geht Rolf W. Koch in seinen Stücken

prozesshaft vor. Diese Methode steht im Grunde in diametralem Gegensatz

zur klassischen Art des Komponierens. Die dabei verwendeten

Patches werden so komplex konzipiert, dass die Modul-Konfiguration

sich in einem instabilen, chaotischen Zustand befindet, der nur zum

Teil kontrollierbar und berechenbar ist.

smarturl.it/fh9g3m


souNDINStallation

Windkörner

Peter Behrendsen, Köln | kuratiert von Hans W. Koch

10. – 13. Dezember 2010

Die Soundinstallation ist eine Paraphrase über den

Wind, in der Windklänge nicht vorkommen. Allein

das geschriebene und gesprochene Wort „Wind“

dient als Material. So ist das Stück keine Vertonung,

sondern eine Art von konkreter Klang-Schrift-Poesie.

Ausgangspunkt sind Namen regionaler Winde aus

vielen Sprachen der Welt, die von dem Meterologen

Malte Nauper gesammelt und veröffentlicht wurden.

Sie werden von Bettina Wenzel „zersprochen“ und

von Peter Behrendsen mit einer auf der Granular-

Synthese basierenden Software des Komponisten

Karlheinz Essl bearbeitet. Mittels einfacher Zufallsverfahren

(Spielkarten und Würfelspiel) komponiert

und arrangiert er eine faszinierende Mehrspur-

Klangschicht. Die granularen Sprachklänge (eng.

„grain”= „Korn”) werden als 47-minütige Komposition

neu strukturiert und über sechs Lautsprecher-Kanäle

wiedergegeben.

Für die Installation werden die Windnamen zusätzlich

lettristisch visualisiert und dargestellt. Diese

Visualisierungen verhalten sich dabei in keiner Weise

kongruent oder synchron zur akustischen Ebene.

Sie bilden eine völlig eigenständige und ebenso

komplexe und irrationale Formsprache – keinesfalls

eine visuelle Übersetzung oder Verdeutlichung. Das

Ganze erscheint in verschiedenen Größen, mehr

oder weniger dicht übereinander geschichtet.

ContAINEr 2

http://youtu.be/rr2j6WpfRpU

21


Hans W. Koch und Paul Asquez an der Bar

Bildschirm mit dem Interface der Soundsoftware der Performance

(not) making desicions

22


Stau

PerFOrmance

Gunilda Wörner, Darmstadt | kuratiert von Fritz Stier

10. Dezember 2010

In der Videoarbeit von Gunila Wörner zeigen sich Verdichtungen,

Auflösungen oder Vereinzelungen, die der Künstlerin als

Notationen für ihr Cellospiel dienen. Sie bieten ihr die Möglichkeit

inhaltlichen Vorgaben zu folgen oder auch freien Improvisationen

und Transformationen Raum zu geben. Das Tonstück

Stau entwickelt sich so anhand der bewegten Partitur, die wie

ein immerwährender neuer Impuls wirkt.

Bewegungen und Spannungen des Einzelnen sind auch Bewegungen

und Spannungen im Ganzen.

ContAINEr 1

smarturl.it/tqc0hg

23


PerFOrmance

circuit bent instruments craze

Joker Nies, Köln | kuratiert von Hans W. Koch

17. Dezember 2010

Karneval der elektronisch modifizierten Tierchen,

denen durch Streicheln und Drücken Klänge entlockt

werden, von denen niemand ahnte, dass sie in ihnen

schlummern

smarturl.it/vz3qs7

Nach der Einzel-Performance von Joker Nies (Foto) gab es einen weiteren Auftritt zusammen mit

Bettina Wenzel. Dieser Auftritt wurde dokumentiert und ist unter der links stehenden URL zu finden.

24


SouNDINStallation

Joker Nies, Köln | kuratiert von Hans W. Koch

17. – 26. Dezember 2010

MTLC Nutwork

Joker Nies MTLC Nutwork ist ein Netzwerk aus vier

modi fizierten Spielzeug-Sprachcomputern. Deren

„Wortschatz“ besteht aus den Phonemen (kleinste

Lauteinheiten) der englischen Sprache, erweitert

um solche aus diversen außerirdischen Dialekten.

Aus diesem Pool kreieren die Computer neue Wörter

und bilden Sätze, die sie gegenseitig über ihre

Daten leitungen kommunizieren. Zuweilen erinnern

die Rekombinationen an bekannte Wörter oder sie

erscheinen als pseudo- poetische Wortketten, die

sich zu einem vierstimmigen Kanon milden Wirrsinns

steigern.

25


Live Sound Performance

PerFOrmance

Bettina Wenzel, Köln | kuratiert von Barbara Hindahl

17. Dezember 2010

Ihre Stimmausbildung erhielt Bettin Wenzel von

1992 bis 2001 am Centre Artistique Roy Hart (Thoiras /

Frankreich) nach Alfred Wolfsohn und Roy Hart.

Seither exploriert sie Stimmklang und dessen

Extreme. Sie ist ständig auf der Suche nach neuen

Möglichkeiten ihre Stimmkapazitäten zu erweitern

und schafft so aus dem gewonnenen Klangmaterial

völlig neue und innovative Strukturen.

Ihre Modulationen erinnern weniger an Gesang als

vielmehr an Instrumentalmusik, da sie ihre Stimme,

mit einem weitreichenden Tonumfang, wie ein

Musikinstrument einsetzt. Ihre Darbietungen sind

durchkomponierte beeindruckende Konzerte.

www.wenzelvoice.de

26


Minimale Veränderung

VIDEOBlOCK

kuratiert von Barbara Hindahl, Mannheim

17. – 26. Dezember 2010

Videos von:

• Stephane Pichard, Paris | L’Esplanade

• Ludo Engels (Konzept / Aufnahme), Julia Eckhardt (Viola),

Els van Riel (Video) | Doundo / Recycling, 2004, 11 min

• Jens Brand, Berlin | HUM – The Department of Water and Power

• Martina Wolf, Frankfurt am Main | Fensterbild

• Thomas Lüer, Frankfurt am Main | Schläfer

Blick auf das Video Schläfer von

Thomas Lüer, Frankfurt am Main

27


ausstelluNG 4

20.– 28. Mai 2011

herzogenart | public images – private VIEWS

Beteiligte Künstlerinnen und Künstler: Carmen Berdux / Bernd Böhlendorf, Rebekka Brunke, Eric Carstensen, Barbara Hindahl,

Alexander Horn, Gabriele Künne, Ana Laibach, Philipp Morlock, Andrea Ostermeyer, Harald Priem, Sophie Sanitvongs, Thomas

Schnurr, Uwe Sennert, Jutta Steudle, Fritz Stier, Silvia Szabó, Veronika Witte, Andreas Wolf

Für das zweite Projekt von KING KONG contemporary wanderte

der große Kunstgorilla mit seinem Container in ein Wohnviertel, in

das im Norden des Zentrums von Mannheim, jenseits des Neckars

gelegene Herzogenried.

Der Stadtteil

Der Mannheimer Stadtteil Herzogenried wurde in den Jahren 1974

bis 1977 anlässlich der Bundesgartenschau 1975 errichtet. Im Zusammenhang

mit der Gartenschau wurde die Siedlung als bundesweites

Modellprojekt für „Leben im Grünen“ konzipiert, was sich im Ausschluss

des Durchgangsverkehrs, direktem Zugang zum und teilweise Blick auf

den benachbarten Herzogenriedpark sowie großzügiger Bepflanzung

zwischen den Häusern ausdrückt.

Das mag gut klingen, andererseits ist das Herzogenried ein Wohnprojekt

des Sozialen Wohnungsbaus, die Häuser, unterschiedlich hoch,

haben bis zu 13 Geschosse, und sie sind aus Fertigbetonteilen gebaut –

die 1 746 Wohnungen sind in ihrer Anlage aus den stets gleichen Modulen

zusammengefügt.

Es handelt sich um eine für die 1970er-Jahre „typische Großwohnanlage“,

die zwar „den damaligen stadtplanerischen Erkenntnissen und

Ansprüchen an eine moderne großstädtische Wohnbebauung durchaus

entsprochen“ hat, dennoch sind hier die „für Großwohnanlagen

typischen Problemlagen wie Anonymisierung, ein niedriger Grad an

nachbarschaftlichen Beziehungen und eine daraus folgende geringe

Bindung der Bewohner an ihr Wohnumfeld“ zu finden, so ist auf der

Website der Stadt Mannheim zu lesen. 1 Migranten- und Ausländersowie

Arbeitslosenanteil sind im Herzogenried überdurchschnittlich

hoch, gemessen am Mannheimer Durchschnitt, auch die Wanderungsquote,

also Zu- und Wegzug, die Fluktuation unter den Bewohnerinnen

und Bewohnern ist höher. 2

1) http://www.mannheim.de/stadt-gestalten/quartiermanagementherzogenried

(06. 02. 2013)

2) Vgl. http://apps.mannheim.de/statistikatlas/datenreport/report_Statistische_

Bezirke_0302.html (06. 02. 2013)

Quartiermanagement

Im Herzogenried ist, um den Problemen des Stadtteils zu begegnen,

im Jahr 2004 ein Quartiermanagement ins Leben gerufen worden.

Quartiermanagements sind Einrichtungen zur Entlastung überforderter

Nachbarschaften in städtischen Gebieten, die durch wirtschaftliche

Schwächen, niedrige Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit, Mangel an

nachbarschaftlicher Hilfe, hohe Zuwanderung etc. stark beansprucht

sind. Das Management wirkt im Zusammenspiel sozialer Arbeit,

Wirtschaftförderung, Stadtplanung sowie Bildungs- und Kulturarbeit.

Ziele sind vor allem die Integration von Akteuren (Bewohnerinnen und

Bewohnern, anliegenden Wirtschaftsunternehmen), der Gestus ist einer

der Befähigung statt Betreuung: die Schaffung selbsttragender Bewohnerorganisation.

3

Das Quartierbüro ist Anlaufstelle und Versammlungsort, im Herzogenried

liegt es zentral im Erdgeschoss, Am Brunnengarten 8.

Auf der Suche nach dem nächsten Standort für die Kunstcontainer

haben die drei KING KONGs 2010 einige städtische Institutionen angeschrieben

mit dem Vorschlag einer möglichen Kooperation. Der Quartiermanager

des Herzogenried, Michael Lapp, hat sich hierauf gemeldet

und in einem längeren Prozess, beginnend im Juni 2010, mit Andreas

Wolf, Fritz Stier und Barbara Hindahl das Kunstprojekt erarbeitet. Ohne

Michael Lapp und seine Kollegin Gaby Joswig wäre das Projekt nicht

möglich gewesen.

Der Kontakt zur GBG (Mannheimer Wohnungsbaugesellschaft) kam

durch Lapp zustande; die GBG stellte daraufhin acht leerstehende Wohnungen

unterschiedlicher Größe für die Dauer des Projekts mietfrei zur

Verfügung.

Die Bereitschaft und das Interesse der Bewohnerinnen und Bewohner

des Herzogenried wurden durch das Quartiermanagement geweckt.

Zunächst erschien eine Meldung in der Stadtteilzeitung Herzog

(Januar 2011) und in zwei Bürgerversammlungen im Februar 2011 hat

KING KONG das Projekt vorgestellt; Bewohnerinnen und Bewohner

des Herzogenried haben hier Vorschläge für mögliche Standorte von

Containern gemacht, auch Vorschläge zur allgemeinen Durchführung

des Projekts.

3) So in etwa in Wikipedia zu lesen, unter dem Stichwort „Quartiermanagement“.

28


Künstlerinnen und Künstler

Zeitgleich mit der Planung und Organisation im Stadtteil hat KING KONG

20 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, sich mit ihren Werken und

Ideen am Projekt zu beteiligen. Die Aufforderung ging an die Beteiligten,

möglichst ortsbezogen zu arbeiten, das heißt, in den Arbeiten auf

die baulichen Gegebenheiten einzugehen, eventuell auf die Geschichte

des Stadtteils, sich damit auseinanderzusetzen, dass der Ausstellungsort

ein merkwürdiges Hybrid zwischen öffentlich und privat ist, indem

die eigentlich privaten Wohnungen temporär für Kunst im öffentlichen

Raum umgewidmet wurden, und schließlich und in gewisser Weise am

wichtigsten, in der Kunst aufzugreifen, dass das Herzogenried bewohnt

ist, dass die Kunstwerke von Menschen an ihrem Wohnort umgeben

sein würden.

Im Idealfall sollten die Bewohnerinnen und Bewohner in den Werken

nicht nur vorkommen, sondern sie sollten beteiligt werden als aktive

Protagonisten des künstlerischen Prozesses.

Ortsbezug

Unterschiedlich stark und in ganz verschiedener Weise sind die Künstlerinnen

und Künstler dieser Aufforderung begegnet: Mit urbanem Leben

haben sich SENNF und Werner Degreif in ihrer imaginativen Arbeit

auseinandergesetzt. Die in Hochhaussiedlungen, also eng bewohntem

Raum, unfreiwillig geteilte Initmität anderer Menschen ist Thema in

Silvia Szabós Performance, Wohnungen und ihre Einrichtungen das der

Arbeit von Sophie Sanitvongs.

In Eric Carstensens Film ist die Migration in der Geschichte vieler

Bewohnerinnen und Bewohner des Herzogenried angedeutet und

Verlassenheit leerstehender Wohnungen bei Barbara Hindahl. Die

Geschichte des Herzogenried wird in Gabriele Künnes dokumentarisch

ausgerichteter Arbeit aufgegriffen, und Andreas Wolf macht sich das

einheitliche Wohnungsmodul zur Vorlage, aus dem sich alle Wohnungen

des Herzogenried zusammensetzen.

Eingang und Ausgang, Hinein- und Hinausgehen werden spielerisch abstrakt

bei Thomas Schnurr und Philipp Morlock vollzogen oder verhindert.

Andrea Ostermeyers Arbeit an einer Hausfassade bringt das Außen

der Architektur in den Fokus und ihre Anspielung auf sowohl ALDI wie

auch die Frage danach, was im Leben wichtig ist, erzeugen einen deutlichen

Anklang an die Lebensverhältnisse im Herzogenried.

Veronika Witte, Harald Priem, Ana Laibach und Carmen Berdux / Bernd

Böhlendorf schließlich haben Bewohnerinnen und Bewohner in ihre

Werk direkt einbezogen, bei Witte und Berdux / Böhlendorf waren die

Konzepte so angelegt, dass das Kunstwerk ohne die Partizipation, die

künstlerische Arbeit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie der Besucherinnen

und Besucher gar nicht entstehen konnte.

Harald Priem hat Menschen im Herzogenried vor ihrer eigenen Wohnungstür

porträtiert, hier sind die Menschen also das Sujet, ohne

das Harald Priem freilich nicht hätte auskommen können, allerdings

erscheint das Wort „porträtiert“ eine eher passive Rolle der Abgebildeten

zu implizieren. Den Fotos ist jedoch eine für das Zustandekommen

des jeweiligen Werkes unabdingbare Kommunikation vorausgegangen:

Priem hat sich stundenlang und immer wieder in Hauseingänge und auf

Wege gestellt und Vorbeikommende angesprochen, ob sie bereit wären,

sich im Rahmen des Kunstprojekts von ihm vor ihrer Wohnungstür

fotografieren zu lassen. Diese vorangegangene Interaktion findet sich

als eine Beziehung zwischen Fotograf und Porträtierten in den Bildern

ausgedrückt.

Ein weiterer Ortsbezug ist in Priems Bildern auch darin zu sehen,

dass die Einstellung für die Fotos sowie die architektonischen Gegebenheiten

stets die gleichen sind – die serielle Modulbauweise der Häuser

ist immer mit zu sehen, kontrastiert mit den individuellen Ausschmückungen

der Eingänge durch die Bewohnerinnen und Bewohner, darin,

wie viele Menschen jeweils abgebildet sind bzw. in einer Wohnung

wohnen, ihre Haltung, ihr Ausdruck, schlicht: ihre einzigartige Persönlichkeit.

Interaktivität hat auch in Ana Laibachs Arbeit eine Rolle gespielt, dies

auf zwei verschiedene Weisen: Der abwesende Hermann Schulz hat

auf einer Schreibmaschine Notizen gemacht und Nachrichten für Ana

Laibach und seine neuen Nachbarn hinterlassen, die ihrerseits die

Möglichkeit hatten, ihm zu antworten. Außerdem hat Laibach einige

Bewohnerinnen und Bewohner zusammen mit einem Bild von Hermann

Schulz fotografiert – ähnlich wie bei Priems Arbeit haben hier

vorher ganz persönliche Gespräche stattgefunden.

Die von Berdux / Böhlendorf war auf die aktive Teilnahme von Ausstellungsbesucherinnen

und Bewohnern des Herzogenried angewiesen,

dass diese die verteilten Aufkleber mit dem aufgedruckten

Wort „Glück“ in zehn verschiedenen, im Herzogenried gesprochenen

Sprachen verteilt und das aufgeklebte „Glück“ fotografiert haben und

schließlich die Fotos bei der zentralen Anlaufstelle von „Herzogenart“,

dem Kunstcontainer auf dem Hof der Käthe-Kollwitz-Schule abgegeben

und ausdrucken lassen haben. Die so entstandene Fotowand, die

dokumentarische Sammlung des „Glücks“ ist eine Gemeinschaftsarbeit

aller Beteiligten.

Am radikalsten ist die Verlagerung der Kunstproduktion auf die Bewohnerinnen

und Bewohner des Herzogenried vielleicht in Veronika Wittes

30


Arbeit, deren Konzept die Ausführung des Werks durch im Herzogenried

Ansässige voraussetzte. In Wittes Video wird die eigene persönliche

Geschichte einer Bewohnerin einer nächsten Person erzählt, die

wiederum, wie in dem Kinderspiel „Stille Post“, sie einer dritten erzählt

als wäre es ihre eigene und so weiter, insgesamt sind es sieben Erzählerinnen

und Erzähler. 4 Diese Geschichte ist eine des „Migrationshintergrundes“,

eine politisch motivierte Flucht aus dem Iran mit verschiedenen

Stationen in Deutschland vor der Ankunft im Herzogenried.

Wiederum spielen hier die Multiethnizität und auch die große Zahl von

Migranten im Herzogenried für das Kunstwerk eine Rolle, das damit also

spezifische Merkmale des Stadtteils aufgreift.

Die Ausstellung – Schatzsuche und Pilgerweg

Vom 20. bis zum 28. Mai 2011 fand die Ausstellung im Wohnviertel

Herzogenried statt. Ausstellungen in Wohnvierteln zu veranstalten, mit

mehr oder weniger weit voneinander entfernten Stationen, ist keine

neue Idee, vergleiche etwa das Mainzer Format „3 x klingeln“ oder

auch den „Nachtwandel“ und die „Lichtmeile“ in Mannheim. Dennoch

ist weiterhin das Museum der häufigste Ausstellungsort, so war der

Besuch der Ausstellung im Herzogenried jedenfalls eine ungewöhnliche

Erfahrung.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Kunstwerke je nach

Kontext unterschiedlich wirken. Diese Einsicht bezieht sich zunächst

auf einzelne Werke; bei „Herzogenart“ sind als Beispiele für besonders

frappante Bedingungen der Rezeption zum Beispiel Thomas Schnurrs

Verbarrikadierung einer Wohnung sowie Andreas Wolfs Modell einer

Ein-Zimmer-Wohnung zu nennen: Schnurrs Arbeit befand sich in einer

Wohnung im 9. Stock, die nur über einen offenen Laubengang zu erreichen

war. Nicht nur war es dort zugig und mit dem weiten Blick sehr

offen, auch reagierten viele der Besucherinnen und Besucher mit wackligen

Knieen angesichts der Höhe (trotz der überdurchschnittlich hohen

Brüstung des Laubenganges). Direkt im Anschluss wurde man dann

damit konfrontiert, dass das Kunstwerk an dieser Stelle darin bestand,

dass nach Betreten des kleine Vorflurs der betreffenden Wohnung ein

weiteres Vordringen unmöglich war.

Ein weiterer Aspekt dieses Ausstellungsformates ist die Notwendigkeit,

zwischen der Betrachtung mehrerer der Arbeiten Wege zurückzulegen.

Es entstehen also Pausen während der Kunstrezeption, eine Art

„Entschleunigung“ des „Kunstkonsums“ bzw. die Unmöglichkeit die

Kunst in einer Weise wahrzunehmen, die mit „Konsum“ überhaupt

bezeichnet werden könnte.

Es kann auch ebenso argumentiert werden, dass diese Wege und

Pausen zur Ausstellung und damit schließlich zu den Kunstwerken dazugehören,

so wie Pausen in Neuer Musik als Stille zum Stück dazugehören

und es nicht unterbrechen, wie bei einem Pilgerweg, auf dem der

Weg mindestens Teil des Ziels ist.

Man wird ein Werk anders wahrnehmen, wenn man vorher der Orientierung

halber eine Karte gelesen hat wie bei einer Schatzsuche,

notwendigerweise die Umgebung genau wahrgenommen hat, auch

das Wetter auf dem Weg zwischen den einzelnen Stationen, wenn man

an Kinderwagen in den Hauseingängen vorbeigekommen ist, in den

engen Fahrstühlen mit Menschen geredet hat, die gerade zu ihrer eigenen

Wohnung unterwegs sind und nicht die Ausstellung besuchen: Der

Ausstellungsraum changiert zwischen öffentlich (Straße), halböffentlich

(Hausflure) und mindestens potenziell privat (die Wohnungen).

Grenzen verschwimmen auch zwischen Wohnen und Kunstrezeption,

Kunstwerken und Architektur. Der Ausstellungsbesuch wird zu einem

Prozess, der zwischen einer Art Kinderspiel – der Schatzsuche – und

einer Art Läuterungserfahrung durch das Zurücklegen von Weg und

durch das Innehalten wechselt oder alles dies gleichzeitig ist.

Wolfs Modell einer Wohnung hingegen war durch einen kleinen

Fußweg zu ebener Erde, auf dem Gelände des Wohnviertels auf einer

ausgedehnten Rasenfläche zu erreichen, mit dem ausladenden Häuserblock

im Hintergrund. Eine unauflösbare Verwirrung entstand durch

die Kontrastierung der nur durch Holzbalken in Flächen- und Höhenerstreckung

markierten Wohnung auf dem Rasen mit ihrem multiplizierten

Vorbild als ragende Wand in der Umgebung.

4) Auch dies wäre ohne das Quartiermanagement nicht möglich oder mindestens

sehr erschwert gewesen; die Kontakte zwischen Veronika Witte und ihren Erzählern

und Erzählerinnen wurden von Michael Lapp hergestellt.

31


INStAllAtION

Pame volta! truck in the rear view mirror

Alexander Horn

Der homo ludens – der spielende Mensch. Er

entdeckt im Spiel seine individuellen Eigenschaften

und entwickelt sich dadurch anhand der dabei

gemachten Erfahrungen selbst zu dem, was er

ist. Alexander Horns Installation ist eine in solcher

Weise spielerisch entstandene Arbeit.

Ein großer Postkartenständer dominiert die

Szene, gefüllt mit Fotografien vom Herzogenried,

Blumenmotiven und Sehnsuchtsorten des Künstlers.

Alles, auch die Miniserien an der Wand,

werden scheinbar kindlich unbekümmert und

fantasievoll verwoben. Dahinter steht aber auch

eine eigene Ikonografie, die es nur zu lesen gilt.

Die Kindheit des Künstlers, der in einem dem

Herzogenried vergleichbaren Neubauviertel bei

Mosbach aufgewachsen ist, die Begeisterung für

Blumenfotografie und Architektur und die Faszination

für Paul Virilios Theorien über die Logik der

Geschwindigkeit. Schließlich aber betrachtet

Alexander Horn ohnehin alles als überdimensionierten

Spielplatz.

www.alexanderhorn.eu


VIDEOINStallatION

Der Raum zwischen uns und uns anderen

Veronika Witte

Der Arbeit liegt ein ähnliches Prinzip zugrunde wie

dem Spiel „Stille Post“.

Die authentische Geschichte einer Bewohnerin des

Herzogenried wird von verschiedenen Anwohnerinnen

und Anwohnern immer wieder aus der Ich-Perspektive

weitererzählt.

Person 1 erzählt ihre Geschichte Person 2. Person 1

verlässt den Raum. Person 3 kommt, setzt sich auf

den Platz von Person 1 und hört die Geschichte jetzt

von Person 2, die die unmittelbar vorher gehörte

Geschichte nacherzählt. Jetzt verlässt Person 2 den

Raum und Person 4 setzt sich auf den Platz von Person

2 … Person 3 erzählt die Geschichte Person 4 …

usw. Insgesamt wurden so zehn BewohnerInnen des

Herzogenried mit ihren Erzählungen gefilmt.

Am Ende ist die Geschichte durch vieldeutige Verfälschungen

und wild wuchernde Assoziationen und

Bilder gekennzeichnet.

Wir hören etwas und verstehen etwas anderes,

beschreiben, leiten diese Informationen und Bilder

weiter und produzieren neue Festschreibungen.

Es geht in Wittes Arbeit um individuelle und kulturell

bedingte Filter, die bei der Weitergabe einer Information

zwischen Personen wirksam werden. Umbrüche

und Abzweigungen werden sichtbar und neue

Formen entstehen. Interessant sind dabei sowohl die

Anknüpfungspunkte als auch das im Laufe des Transfers

nicht Mitgeteilte oder Verlorengegangene.

Veronika Witte wurde in Ahaus-Wessum in Westfalen

geboren und lebt und arbeitet in Berlin. Sie

präsentierte ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen

im In- und Ausland und erhielt einige wichtige

Stipendien und Preise; unter anderem Kunststiftung

Baden-Württemberg und Stipendium Bezalel Fine

Arts University, Jerusalem.

www.veronikawitte.de

33


INStallatION

o. T.

Jutta Steudle

In ihren Papierarbeiten, die an die abgerissenen Tapetenbahnen in der

Wohnung erinnern, geht es Jutta Steudle um das Material, das Papier.

Stets steht für sie das jeweils Spezifische des verwendeten Materials im

Mittelpunkt ihres künstlerischen Interesses. Es stellt nicht nur ein profanes

Hilfsmittel dar, sondern wird zu einem eigenständigen Sinnträger.

Während des Schaffensprozesses versucht sie die unterschiedlichen

Eigenschaften des Materials herauszuarbeiten und mit Assoziationen zu

belegen.

Die so entstandenen Arbeiten haben durchaus skulpturalen Charakter,

gerade wenn man den Blick auf das Fügsame und andererseits das

Unausweichliche des Materials richtet.

Jutta Steudle wurde in Stuttgart geboren und studierte unter anderem

bei John Bock in Karlsruhe. Ihre Arbeiten wurden bisher in Karlsruhe,

Dresden, Mainz und Düsseldorf gezeigt.

www.juttasteudle.de

34


I nstallatION

Figuren aus der Sennestadt

SENNF mit Werner Degreif

Die Figuren des Berliner Künstlers SENNF sind sen(n)sible Wesen, die

die Herzogenrieder besuchen und in ihr Innerstes schauen können. Wie

außerirdische Besucher auf einer großen Wandzeichnung von Werner

Degreif gelandet, erkennen sie die innigsten, sen(n)ilen Träume der

Menschen, die sie ansehen.

Aufmerksame Besucher können vielleicht erahnen, wie blumig und

ideenreich sie von Sennestadt erzählen, einem Ort irgendwo im weiten

Universum. Eine wahre Senn-Meditation für sen(n)sitive Betrachterinnen

und Betrachter.

Werner Degreif hat die Bühne dafür geschaffen. Ganz nach Herzogenart

hat er eine komplette Wand bezeichnet. Bewusste Aussparungen sind

wie Landeplätze für die sen(n)sationellen Sennfiguren.

Gleichzeitig erweitert seine riesige Wandzeichnung den Raum, in diesem

Fall eine 2-Zimmer-Wohnung, um eine neue Dimension. Die Zeichnung,

die zwischen Flächigkeit und Tiefe oszilliert, untergräbt mit ihren

verqueren Perspektiven und Proportionen die Raumorientierung. So

schickt uns Degreifs Raumgefühl mitten in seine architekturbe zogenen

Ideen zu Herzogenried.

Wandzeichnung von Werner Degreif

mit rosa Element des Künstlers Sennf

Werner Degreif, aufgewachsen in Hamburg, lebt und arbeitet in

Mannheim. Zahlreiche Ausstellungen unter anderem in der Kunsthalle

Mannheim und der Ruhrbiennale Duisburg.

Uwe Sennert ist SENNF, abgeleitet von SENN SINN UND SENNSITIV.

In seiner Kultwelt finden sich Bilder und Gegenbilder, Bildräume und

Haltungsbilder.

www.sennf.de


VIDEOINStallatION

Galatabirds

Eric Carstensen

DVD-Loop, 4:06 min

Angezogen vom Licht kreisen Vögel nachts um den Galataturm in Istanbul.

Man sagt, dass von hier aus der erste Flug der Menschheit gestartet

ist. Jetzt sind es goldene türkische Möwen, die nun nach Mannheim

kommen und von der langen Geschichte des osmanischen Reiches erzählen.

Es ist auch ein Gruß an die Migrantinnen und Migranten aus der

Türkei, die hier im Herzogenried leben.

Eric Carstensen ist in Hennebont in der Bretagne geboren und lebt und

arbeitet jetzt in Mannheim. Er studierte Kommunikationsdesign in Essen

unter anderem bei Jürgen Klauke und gründete 1996 zusammen mit

Michael Volkmer superart.tv. Vor wenigen Jahren gründete er zudem

mit Andreas Zidek den Kunstraum Galerie Strümpfe im Mannheimer

Jungbusch.

www.superart.de

www.struempfe-jungbusch.de

36


INStAllAtION

Hermann Schulz unter Nachbarn

Ana laibach (mit Hermann Schulz)

Der alleinstehende Künstler Hermann Schulz ist im Herzogenried eingezogen.

Er ist neu und hat den Wunsch, seine Nachbarschaft kennenzulernen.

Jedoch kann er dies nicht persönlich, da er eine langwierige

Knieverletzung hat und schlecht laufen kann. Aus diesem Grund schickt

er seine Kollegin Ana Laibach vor Ort, die die Menschen im Herzogenried

zusammen mit einem Portrait von Schulz fotografieren soll. So

werden die Herzogenrieder mit Hermann Schulz vertraut und Hermann

Schulz mit den Herzogenriedern. Die fotografierten Nachbarn finden

jetzt einen Platz in Schulzens Wohnung. Über persönliche Besuche freut

er sich sehr.

Ana Laibach wurde in Braunschweig geboren und lebt und arbeitet in

Mannheim. Sie hat Kulturpädagogik in Hildesheim und Freie Kunst bei

Max Kaminski an der Staatlichen Akademie Karlsruhe studiert. Sie ist in

erster Linie Malerin, arbeitet aber auch mit Fotografie, Installation und

Projektkunst. Seit einiger Zeit betreibt sie in ihrem Atelier den „Blumenfressersalon“,

der Künstlerfreunden aus Musik, Theater und Kabarett ein

Forum bietet.

Vor ein paar Jahren begann sie, eine Parallelidentität namens Hermann

Schulz zu entwickeln und präsentiert sich seitdem mit ihm in zahlreichen

Doppelausstellungen.

www.ana-laibach.de


INStAllAtION

o. t.

thomas Schnurr

Verbarrikadieren! Blockieren! Den Zugang verwehren! Thomas Schnurrs

radikale Installation erinnert eher an einen unterirdischen Bunker als an

eine leerstehende Wohnung.

Mächtige betonartige Klötze versperren den Zugang vom Vorraum zum

Rest der Wohnung. Auch das Oberlicht ist mit Beton aufgefüllt und lässt

nur wenig Licht hindurch.

Der Künstler versteht seine Arbeit als eine kompromisslose Antithese

zum idyllischen Wohnen im Grün, die hier direkt und unmittelbar erlebbar

wird.

Thomas Schnurr lebt und arbeitet in Mannheim.

38


INStallatION

Eine Stadt in Bewegung

Gabriele Künne

Die Künstlerin thematisiert in ihrer collageartigen Rauminstallation

Gestern und Heute des Stadtteils Herzogenried. In aufwendiger

Recherche hat sie im Mannheimer Stadtarchiv erste Planungsskizzen,

Baugutachten und Entwürfe des Ideenwettbewerbs 1970 gesichtet und

teil weise kopiert. Ein zentrales Element ist der 1975 zur Bundesgartenschau

gedrehte Film Eine Stadt in Bewegung. Auf die von Tapeten bloße

Wand projiziert, kündet er optimistisch vom Wohnen im Grünen.

In ihrer Arbeit entsteht so eine Art kontroverse Gegenüberstellung von

zukunftsschwangeren Bildern, Skizzen und überschwänglichen Zitaten

mit der Realität der unrenovierten leeren Wohnung.

Gabriele Künne lebt und arbeitet in Berlin und Mannheim. Sie studierte

Kunstgeschichte, Romanistik und Freie Kunst an der TU und der HdK

Berlin. Zahlreiche Stipendien führten sie unter anderem nach Schweden

und in die Schweiz.

www.gabrielekuenne.de

39


INStallatION

Wohnen mit Projektionen, ein zweites Leben

Sophie Sanitvongs

Sophie Sanitvongs bestückt jeden Raum der Wohnung mit Artefakten,

die in der Wohnung einer gedachten durchschnittlichen Familie stehen

könnten. Von der kitschig schönen Fototapete im Wohnzimmer, der

spartanischen Schlafstätte im Zimmer der Oma, dem Hochbett der

Kinder vor Starpostern bis zu den Kinderzeichnungen in der Küche, die

man sonst an große Kühlschranktüren gepinnt findet. Jeder Raum der

Wohnung ist reduziert auf solche wenigen Dinge, die zwar klischeehaft

erscheinen, aber uns doch allen sehr bekannt vorkommen.

Darüber hinaus stehen in einigen Zimmern technische Geräte. Mal ein

Fernseher, ein Radio, ein Cassettenrecorder und ähnliches. Aber nichts

funktioniert. Werden die Einflüsse von außen überschätzt oder ist

gerade mediale Windstille?

Die Künstlerin macht sich mit ihrer Installation auf den Weg zu einer

sehr privaten Spurensuche und fragt damit nach den Dingen, die uns

ausmachen, und danach, inwieweit die bloßen Gegenstände unsere

Existenz repräsentieren können.

Sophie Sanitvongs lebt seit 2001 in Mannheim. Sie arbeitet mit Performances,

Installationen und Projekten, die meist um das Thema Identitäten

kreisen. 2005 gründete sie die Oblomov Ateliers mit Olga Weimer

und Marcel Weber im Mannheimer Jungbusch.

www.sanitvongs.de

40


FotogrAFIE

Zwischen drinnen und draußen

Harald Priem

Auf der Suche nach den Bewohnerinnen und Bewohnern im Herzogenried

hat Harald Priem Menschen an ihren Wohnungstüren an der

Schnittstelle zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum mit

seiner Kamera porträtiert.

Die formale Strenge der bildnerischen Komposition der Fotografien

unterstreicht einerseits die Uniformität des Ortes, wahrt gleichzeitig

die Intimität des Wohnraums und konzentriert den Blick der Betrachterinnen

und Betrachter auf die abgebildeten Menschen, die sich vor der

Kamera als Persönlichkeiten würdevoll und selbstbewusst präsentieren,

ohne sich in Szene zu setzen.

2011/12 hat Harald Priem mit freundlicher Unterstützung der Mannheimer

Wohnungsbaugesellschaft mbH (GBG) weiter an dieser Portraitserie

gearbeitet. Im Verlag Fölbach in Koblenz ist ein Katalog unter dem

Titel Auf der Matte – Fotografische Portraits zwischen drinnen und draußen

erschienen. Eine Auswahl von neun Arbeiten war außerdem im Rahmen

der Gruppenausstellung „Familie Mensch“ im Kunstverein 68elf in Köln

von 8. bis 23. September 2012 zu sehen.

Harald Priem lebt und arbeitet freischaffend in Mannheim. Seit 2012

ist er als Dozent für digitale Medien an der Europäischen Kunstakademie

in Trier tätig.

www.haraldpriem.de


INStallatION

Ghos T ranslation

Barbara Hindahl

Vielleicht inspiriert von der verlassenen Wohnung hat die Künstlerin

eine Geistererscheinung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt: In

einem brennenden Haus sehen viele Menschen ein Mädchen im Fenster

stehen. Das Haus brennt lichterloh, aber das Kind steht ruhig … fast

friedlich. Wirklichkeit oder eine Geistergeschichte?

Barbara Hindahl überlässt es einem Computerprogramm, die Geschichte

zu erzählen. Für eine Sprachausgabe für Blinde, die nur Englisch kann,

hat sie den Text so übersetzt, dass ein phonetisches Deutsch entsteht,

das selbst so geisterhaft wirkt wie Tonbandstimmen aus dem Jenseits.

Zwischen der Unmöglichkeit, alles verständlich zu übersetzen und der

phonetischen und inhaltlichen Poesie von Unverständlichem liegt der

Reiz dieser Arbeit.

Barbara Hindahl, geboren im Ruhrgebiet, lebt und arbeitet in Mannheim.

Nach dem Studium der Germanistik und der Kunstgeschichte

studierte sie Malerei an der Staatlichen Akademie in Karlsruhe. Seit 2005

ist sie Dozentin für freie künstlerische Arbeit an der Freien Kunstakademie

in Mannheim. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen

im In- und Ausland gezeigt. 2010 erhielt sie den Helene-Hecht-Preis der

Stadt Mannheim, und sie ist Mitbegründerin von KING KONG contemporary

art project.

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zeichnuNG

o. T.

Rebekka Brunke

Die Künstlerin begreift die Wohnung im Herzogenried als ihre Eremi tage.

Dort zeigt sie, sparsam an den Wänden verteilt, ganz persönliche, fast

intime Arbeiten – Zeichnungen, die aus eigenem und gefundenem Bildmaterial,

kunstgeschichtlichen Zitaten sowie abstrakten Bildfindungen

entstanden sind und die ihre ganz eigene Weltsicht widerspiegeln.

Teilweise sind Bestandteile der Arbeiten nur noch fragmentarisch erkennbar

und doch werden beim aufmerksamen Hinsehen Zusammenhänge

zwischen den einzelnen Elementen ahnbar. Das Unaufgelöste,

der Schwebezustand, ist durchaus im Sinne der Künstlerin.

Rebekka Brunke studierte Bildende Kunst in Braunschweig und Glasgow.

Ein DAAD-Stipendium führte sie nach Thailand und Frankreich.

Weitere Stipendien und Preise folgten, unter anderem erhielt sie den

Förderpreis der Darmstädter Sezession und 2006 den Heinrich-Vetter-

Preis in Mannheim, wo sie auch heute lebt und arbeitet.

o. T. (Ucello I), Bleistift und Buntstift auf Papier,

29,7 x 21 cm (2011)

o. T. (Ucello II), Bleistift und Buntstift auf Papier,

29,7 x 21 cm (2011)

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INStallatION

Luftmodell 1-ZW Typ a1

Andreas Wolf

Die Hochhäuser des Herzogenried wurden in den Siebzigerjahren in

einem Modulsystem entwickelt und gebaut, das heißt, alle Wohnungen

bestehen aus den gleichen Grundelementen.

Der Künstler hat ein wandloses 1:1 Holzmodell der kleinsten Einheit, einer

1-Zimmerwohnung, gebaut und zwischen den Häusern des größten

Gebäudekomplexes im Viertel platziert. Das luftige gartenlaubenartige

Gebilde lädt ein, darin herumzugehen.

Andreas Wolf, geboren und aufgewachsen in Heidelberg, studierte an

der Freien Kunstschule Rhein-Neckar und Kommunikationsdesign an

der FH für Gestaltung, Mannheim.

Er ist er Mitbegründer der Produzentengalerie Peng und des

KING KONG contemporary art project.

www.andreaswolf.net

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INStallatION

Observer (Der Beobachter)

Fritz Stier

Ein älterer Mann mit weißen Haaren steht vor der Brüstung des Balkons

des Kinderhauses.

Offensichtlich beobachtet er die Szenerie. Überwacht er alles oder ist

er gar des Lebens überdrüssig? Was will er? Welche Absichten hat er? Ist

es vielleicht der Künstler selbst, der sich alles anschaut? Fritz Stier lässt

bewusst alles im Ungewissen und bietet so viel Raum für Spekulationen.

Fritz Stier ist Künstler und Kurator und lebt in Mannheim. Er hat seine

Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt. Seit

1999 ist er zudem Ausstellungsleiter des Kunstvereins Viernheim und

Mitinitiator von KING KONG contemporary art project.

www.fritzstier.de

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INStallatION

Glücksaktion

Carmen Berdux und Bernd Böhlendorf

Im Herzogenried das Glück zu finden, es zu verteilen und festzuhalten,

darum ging es in der Kunstaktion.

Im Stadtteil wurden Aufkleber mit dem Wort „Glück“ in den im Herzogenried

am häufigsten gesprochenen Sprachen verteilt (Deutsch,

Englisch, Türkisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Bosnisch, Kroatisch,

Serbisch, Slowenisch, Griechisch, Bulgarisch und Russisch).

Dann wurden die Bewohnerinnen und Bewohner des Herzogenried

eingeladen, das „Glück“ an Stellen ihrer Wahl aufzukleben und es mit

Handy oder Fotoapparat zu fotografieren. Die Fotos wurden gesammelt

und im Infocontainer ausgestellt.

weitere Fotos im Web:

smarturl.it/ankzxs

Fotos von Manfred Zentsch

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PerFOrmance

o. T. Silvia Szabó

Silvia Szabó schlüpft in ihrer Performance in die Rolle einer fiktiven

Bewohnerin der Hochhaussiedlung. Bewusst überschreitet sie damit

die sensible Schwelle vom Selbstempfinden zum Fremden. Doch mit

beeindruckender Empathie gewährt sie dabei den Zuschauerinnen und

Zuschauern der Performance intimste Einblicke in den Lebensalltag

einer jungen Frau. Im Aufgeben ihrer eigenen Identität stößt sie damit

an Grenzen, an die dünne Haut, mit der sie sich gegen eine herandrängende

Welt schützt.

Silvia Szabó studierte Kunstgeschichte und Philosophie in Heidelberg

und Freie Kunst an der Freien Kunstakademie Mannheim. Lehrtätigkeiten

an verschiedenen Schulen, unter anderem als Dozentin an der

Volkshochschule Ludwigshafen. Sie beschäftigt sich in erster Linie mit

Performance und Video.

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INStallatION

Einstiegshilfen

Philipp Morlock

Wer mag, kann die Stufen hinaufsteigen und das Leben aus einer neuen

Perspektive betrachten. Man kann einsteigen, aussteigen, etwas verkünden,

sich der Strömung entziehen oder sich einfach größer fühlen.

Wichtig ist allein, dass man sich bewegt.

Oben angekommen, ist man gezwungen zurückzuschauen, da es kein

wirkliches Ziel zu erreichen gibt. Darin manifestieren sich Bewegung,

Umkehr und Stillstand. Morlock spielt so mit der Möglichkeit der Identitätsfindung

durch Veränderung der Sichtweise beziehungsweise des

Standpunktes.

Philipp Morlock wurde 1974 in Pforzheim geboren. Er lebt und arbeitet

in Mannheim. Bis 2004 hat er an der Staatlichen Akademie der Bildenden

Künste Karlsruhe bei Harald Klingelhöller und Andreas Slominski

studiert. Er war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes

und wurde unter anderem 2005 mit dem Stipendium „Junge Kunst

Essen“ ausgezeichnet.

www.philippmorlock.com

Die Einstiegshilfen sind Stahltreppen, die für die Dauer der Ausstellung im Herzogenriedpark gezeigt wurden.

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INStallatION

Die Dinge des Lebens / ALDI

Andrea Ostermeyer

Andrea Ostermeyer zeigt ein Banner mit Aufschrift an einer Balkonfassade

im Herzogenried. Es besteht aus einer Folie aus mehreren

aufgeschnittenen und mit der Nähmaschine zusammengenähten

ALDI-Tiefkühltüten.

Die Künstlerin spielt in ihren Arbeiten mit der gesellschaftlichen

Anforderung, sich den sogenannten wichtigen Dingen des Lebens zu

widmen, andererseits jedoch diesem Auftrag im Alltag nicht in vollem

Maße gerecht werden zu können. Eigentlich sollte sich alles um Liebe,

Treue, Freundschaft, Familie und so weiter drehen. Das sind einige

der sogenannten großen Dinge. Die kleineren Dinge gibt es bei ALDI

zu kaufen für Preise, die für die sparsame Hausfrau und den Hartz-IV-

Empfänger attraktiv sind. Und vielleicht sind es gerade die kleinen,

einfachen Dinge, die das Leben ausmachen und letztendlich sogar die

großen Dinge überstrahlen. So wie die Schriftzüge auf der ALDI-Plane

der Künstlerin.

Andrea Ostermeyer wurde in Lübeck geboren, hat lange in Köln gelebt

und seit wenigen Jahren in Mannheim.

Sie zeigte ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen, unter anderem

im Rheinischen Landesmuseum Bonn, dem Kunstmuseum Heidenheim

und der Kunsthalle Wilhelmshaven. Sie erhielt Stipendien an der Villa

Romana in Florenz sowie der Villa Massimo in Rom. 2008/2009 hatte sie

eine Gastprofessur an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

ALDI-Tiefkühltüten, Garn

1 m x 6,30 m

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ausstelluNG 5

Ruhestörung | Kunst auf den Planken

13.– 26. November 2011

Eingeladene Künstlerinnen und Künstler: Peter Bux, Leipzig | Claudia Schmacke, Berlin | Anne Wellmer, Den Haag

Zwischen Vorweihnachtshektik und Shoppingrausch werden

drei einzelne Büroc ontainer aufgestellt, die von zwei Künstlerinnen

und einem Künstler bespielt werden. Die Kunst wird aus den

abgetrennten Ruheräumen der Museen und Galerien geholt und

dorthin gebracht, wo die Menschen sind.

Dabei soll Kunst im lebendigen, pulsierenden Stadtraum kein „Verschönerungsinstrument“

sein. Sie möchte vielmehr die Stadt im Kontext

ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit markieren und zur Partizipation,

vielleicht gar zur Kollaboration aufrufen.

Wie Denkzeichen stehen die Kunstcontainer auf den Planken, der hoch

frequentierten Einkaufsmeile Mannheims. In sie, um sie herum, an ihnen

vorbei strömen die Passanten, die hier überraschende Perspektiven,

verblüffende Ansichten, erstaunliche Einsichten erleben können.

Die Kunst interveniert in den gewohnten Fluss des Einkaufstrubels,

wird Teil des geschäftigen Treibens und konterkariert es zugleich, sie

geht darin auf und unterbricht, sie wirft Fragen auf und eröffnet neue

Denkansätze.

Was ist heute Stadtraum und was vermag die Kunst in diesem zu leisten?

Wie verändern künstlerische Prozesse den städtischen Raum und

das Leben seiner Bewohner?

Gerade städtischer Raum ist ein Bedeutungsträger, der je nach individueller

Haltung unterschiedlich behandelt, konstruiert und interpretiert

wird. Er muss aktiv ergriffen werden, damit eine existenzielle

identitätsstiftende Erfahrung gemacht werden kann. Gerade mittels

künstlerischer Interventionen besteht die Möglichkeit neues Terrain

auszuloten und Wirklichkeit als einen aktiven Formungsprozess zu

begreifen. Stadt ist ein komplexes Gebilde von ineinandergreifenden

Welten des Zusammenlebens und ein mehrdimensionaler Raum, der

auf vielfältigste Weise in sich verwoben ist.

Fußgängerzone „Planken“

Friedrichsring

Wasserturm

KING KONG

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Unterwegs mit dem Hörhut:

Registrierkassen, Lüftungen und Elektrogeräte

waren für das Hören mit dem

Steirerhörhut besonders beliebt.

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PartIZIPAtION

Der Steirerhörhut

Anne Wellmer

Hut mit eingebauter Elektronik, Antenne und Kontaktmikrofon

Die Klangkünstlerin Anne Wellmer verwandelt einen KING-KONG-Container

in einen Leihsalon für den Steirerhörhut: Ausgestattet mit dem

Hörhut können Spaziergängerinnen und Spaziergänger ihr je eigenes

Hörerlebnis schaffen. Der Hörhut ist ein attraktives und praktisches,

am Kopf tragbares Mini-Set mit Antenne, Verstärker und Kopfhörern.

Er lädt seine Träger/in dazu ein, die Umgebung auf bisher ungeahnte

Weise neu zu erkunden. Mithilfe der Antenne werden die elektromagnetischen

Felder, durch die wir uns tagtäglich bewegen, als sirrende

und verblüffend reiche Klangwelten erfahrbar. Bei Bedarf ist zusätzlich

jederzeit ein leichtes kleines Kontaktmikrofon zur Hand, das, entsprechend

eingesetzt, etwa einen Ameisenhaufen oder fließendes Wasser

zum Hörerlebnis macht. Der Hörhut ist die ideale Ergänzung für jeden

Familienausflug – ob im Shopping-Center oder in der freien Natur.

Entwickelt wurde der Steirerhörhut für das Institut für Kunst im Öffentlichen

Raum des Joanneum in Graz, im Rahmen der von Josef Klammer

kuratierten Serie „D.U.R. – Der Unprivate Raum“, einer Klangkunstreihe,

die bewusst „unprivate“, also öffentliche oder teilöffentliche Räume

bespielte.

www.nonlinear.demon.nl

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INStallatION

Fata Securita

Peter Bux

Den zweiten Container gestaltete Peter Bux mit dem Modell einer

räumlichen Intervention, die um Fragen der vorgeblichen Sicherheit

kreist. Auf durchaus ironische Weise reflektiert er die ganz alltäglichen

Gefahren, die es auszuhalten gilt – „Das Leben ist lebensgefährlich“. Die

notwendige Fülle aller Möglichkeiten wird von ihm eingefordert, auch

der schlechten: nur dann können Erlebnisse vollkommen sein.

Ein Bauwerk gilt als sicher, wenn der Einsturz mit einer Wahrscheinlichkeit

von 1:1 Million ausgeschlossen werden kann. Der Passagierdampfer

Titanic wurde 1912 von der Versicherungsgesellschaft Lloyd mit eben

dieser Wahrscheinlichkeit gegen Schiffbruch infolge eines Zusammenstoßes

mit einem Eisberg versichert. Die tägliche Sicherheitserwartung

entspricht zu keiner Zeit der Ereignisvollkommenheit des Geschehens.

Spontanes Umschlagen geplanter Abläufe in unkontrollierbare Kausalketten

müssen stets einbezogen werden.

Die Fußgängerzone

Mannheims mit Blick

auf die Ecke der

Deutschen Bank.

Diese wurde von Peter

Bux im Maßstab 1:5

im davor stehenden

Container nachgebaut

und mit Stützpfeilern

ausgestattet.

Für die Intervention wurde an einem sicher erscheinenden Gebäude

mit Hilfe einer stützenden Balkenkonstruktion Baufälligkeit suggeriert

(Modell 1:5). Die überraschende Infragestellung der Stabilität soll über

das Relative von Sicherheit zu denken geben. Da es sich bei dem gewählten

Gebäude um eine Bank handelt, kann auch dieser Risikobereich

in die Deutung einbezogen werden.

Alles Vertrauen und das daraus folgende Handeln hängt von unseren

Vorstellungen von Zukunft ab. Sicherheitskrisen sind zuerst Vertrauenskrisen

in die Zukunft. Auch die letzten beiden Bankenkrisen sind die

Folge von Vertrauensverlusten. (Vertrauen in steigende Immobilienwerte,

Vertrauen in die Wertbeständigkeit europäischer Staatsanleihen).

Doch so bedeutend das Thema im Moment auch sein mag: es geht nur

um das gleiche Scheitern von Sicherheitsvorstellungen wie 1912. Sicherheit

in der Finanzwirtschaft bedeutet heute, mit dem schlimmsten Fall

zu rechnen.

www.einstweilen.de

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INStallatION

splash

Claudia Schmacke

Die Installation splash der Künstlerin Claudia Schmacke verwandelt

den KING-Kong-Container in eine Wasser- Installation: Ein Hochdruckreiniger

schießt eine Minute lang blau gefärbtes Wasser von innen

gegen ein Schaufenster. Der Strahl erzeugt eine sich kontinuierlich

ver ändernde Fließstruktur an der Schnittstelle zwischen Außen- und

Innenraum. Setzt der Strahl für 30 Sekunden aus, wird ein leerer

schwarzer Raum mit einem Wasserbecken sichtbar. Das Wasser wird

mittels eines Schlauches aus dem Becken angesaugt und zurück in den

Kreislauf eingespeist.

splash,

Wasser,

fluoreszierender

Farbstoff,

Hochdruckreiniger,

Relais, Plastikfolie,

Teichfolie,

Schwarzlichtröhre,

diverse Baumaterialien

Claudia Schmacke studierte Kunst in Düsseldorf, Amsterdam, Berlin

und Kassel. Zahlreiche Stipendien und Lehrtätigkeiten führten sie rund

um den Globus, unter anderem nach Russland, USA, Brasilien und

Japan. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

www.claudiaschmacke.de

Interview:

KING KONG: Erzähle uns etwas über splash. Wie

kam es dazu?

Claudia Schmacke: splash wurde schon 2002 für

das New Yorker Kunstprojekt „looking in“ in einem

Schaufensterladen eines leerstehenden Bürogebäudes

in Nachbarschaft zum ehemaligen World

Trade Center realisiert.

Ein Energiepotenzial entlädt sich über eine grüne

Wasserfontäne explosionsartig an eine Schaufensterscheibe.

Den überraschten Passanten, die stehen

bleiben, um die sich verändernden Muster des am

Glas konzentrisch nach außen laufenden Wassers zu

betrachten, erweist sich dieses Ereignis in seiner Wiederholung

als kalkuliertes ästhetisches Schauspiel

mit ambivalenten Deutungsmöglichkeiten zwischen

Angriff und Meditation.

KK: Der Fokus deiner Arbeit liegt in der Bildhauerei

und Installation, zudem hast du dich in den

letzten Jahren auch verstärkt mit Video beschäftigt.

Du arbeitest also sowohl mit klassischen als

auch mit neuen Medien und Materialien. Welche

Themen beschäftigen dich in deiner Arbeit?

CS: Mich fasziniert generell das Ephemere – Dinge

und Vorgänge, die vorübergehend erscheinen oder

aufscheinen und doch eigentlich unsichtbar oder

verborgen sind. Das ist geradezu so eine Art Grundanliegen

der Kunst für mich.

Wasser erscheint mir dabei – besonders als Bildhauerin

– ausgesprochen interessant. Wasser ist ein

vertrautes Alltagsphänomen, das durch genaues

Hinschauen jedoch einen möglichen Quantensprung

einleitet in eine faszinierende und rätselhafte Welt.

Wasser bestimmt das Leben, es durchzieht unseren

Körper, unsere Häuser, Straßen, Städte, aber auch

unser Denken und unsere Sprache. Es kennt keine

Grenzen und ist doch eine begrenzte Ressource.

Durch die Beschäftigung mit Wasser eröffnet sich ein

unglaublich komplexes Spannungsfeld.

Ich arbeite mittlerweile vermehrt sowohl mit klassischen

als auch mit neuen Medien. Es interessiert

mich, auf welche Weise sie verknüpft werden können

und wie sie zusammenwirken, denn ich spekuliere

auf die Erscheinung des Unerwarteten.

KK: splash wird in einem Container mitten in der

Mannheimer Innenstadt inszeniert. Was kann

Kunst im öffentlichen Raum bewirken?

CS: Kunst im öffentlichen Raum ermöglicht unerwartete

oder gar nicht gesuchte ästhetische Erfahrungen.

Hier kann die Kunst einen Raum erschaffen, der

offener ist, also weit weniger eindeutig definiert ist

als im Museum.

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KING KONG dankt

Ohne die Hilfe, das Interesse, die Kritik und die Unterstützung

einer Vielzahl von Personen ist die Realisation eines solchen

Projekts nicht möglich.

Besonders bedanken möchten wir uns bei folgenden Personen:

Paul Asquez, Friedhelm Betz, Simone Kraft, Christian, Eva Mayer,

Thorsten Mitsch, Markus Probst, Ralph Hackeland, Gaby Joswig,

Michael Lapp, Daniela Schick, Sabine Schirra, Benedikt Stegmayer,

Steffen Waessa, Anna E. Wilkens, Manfred Zentsch

besonders aber bei allen beteiligten Künstlerinnen und

Künstlern für ihre Werke und Beiträge.

Dank auch an alle, die das Projekt unterstützt haben und

jene, die an dieser Stelle nicht genannt wurden.

Barbara Hindahl, Fritz Stier, Andreas Wolf

Bildnachweis

Peter Bux: Seite 56, 57

Klaus W. Eisenlohr: Seite 4 oben, 12, 13

Thomas Lüer: Seite 15

Thorsten Mitsch: Seite 30 drei Mal unten, 32–40, 42–45

Joker Nies: Seite 25

Harald Priem: Seite 2, 41, 51, 52–55, 56 links

Stadtarchiv: Seite 29, 31 oben, 59 links

Thorsten Tenberken: Seite 7

Andreas Wolf :Seite 1, 4 unten, 5, 6, 8, 9, 10, 11, 14, 17,

16–24, 26, 27, 28, 30 oben, 48–49

Manfred Zentsch: Seite 46–47

Gestaltung

[trans-ponder.de] Andreas Wolf

Herausgeber/in

Andreas Wolf, Anna E. Wilkens

Autorinnen und Autoren

Anna E. Wilkens, Fritz Stier, Künstlerinnen und Künstler

© 2013 edition comselha Mannheim, Künstlerinnen und Künstler,

Autorinnen und Autoren, Fotografen

Mittelstraße 5, 68169 Mannheim

www.comselha.com

ISBN: 978–3–00–044415–9

Kooperationspartner | Sponsoren

Hut Winkler

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Als Förderer zeitgenössischer Kunst hat der Riesengorilla

King Kong in den Jahren 2010 und 2011 in Mannheim

Container verteilt, in denen er experimentelle Werke von

insgesamt 55 Künstlerinnen und Künstlern gezeigt hat.