Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-05-05 (Vorschau)

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19

5.5.2014|Deutschland €5,00

1 9

4 1 98065 805008

Die Aktienmafia

Wie Kurse manipuliert werden

Schlacht um Alstom

Feuerprobe für Siemens-Chef Kaeser

Der neue Trick der Euro-Politik

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Es gibt keine Steuererhöhung, dennoch steigen die

Steuern – immer weiter. Die große Koalition zeigt ein

bizarres Staatsverständnis. Von Roland Tichy

Herrischer Gestus

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Zwei Zahlen reichen aus, um den

herrschenden Steuerwahn zu beschreiben:

2005 kassierten Bund,

Länder und Gemeinden rund 450

Milliarden Euro Steuern. Im Jahr 2015

werden es 670 sein, also knapp 50 Prozent

mehr. Zwischen den beiden Zahlen liegen

eine Finanzkrise, eine Fast-Weltwirtschaftskrise,

das Griechenland-Debakel

und die Staatsschuldenkrise. Das war alles

ganz fürchterlich – auf die Steuereinnahmen

hat das aber kaum Auswirkungen

gehabt. Stellt sich die Frage: Wo bleibt

eigentlich das ganze Geld? Oder anders

herum: Könnte man davon nicht etwas an

die zurückgeben, die es erwirtschaften,

die Steuerzahler nämlich?

An dieser Stelle lohnt der Blick ins Kleingedruckte,

und das besagt: Es wird noch

viel mehr abkassiert; die Rekordeinnahmen

reichen immer noch nicht. Eigentlich

sollten Beschäftigte und Betriebe seit Januar

um 7,5 Milliarden Euro entlastet werden

– durch die gesetzlich vorgesehene Senkung

des Rentenversicherungsbeitrags. So

ziemlich als erste Maßnahme hat die große

Koalition dieses Geld aber einbehalten, um

es für das Nahles-Rentenpaket wieder auszugeben.

Ebenfalls zum Januar wurden,

wie jedes Jahr, die Beitragsbemessungsgrenzen

in der Sozialversicherung angehoben.

Die Grünstrom-Umlage schießt um

18 Prozent nach oben. Nimmt man alle die

weitverzweigten und versteckten Abgaben

zusammen, dann zahlt ein Reicher heute

gut 62 Prozent seines Einkommens – und

reich ist schon, wer als Single rund 70 000

Euro zu versteuern hat.

Reicht eigentlich – oder?

Es könnte tatsächlich reichen. Aber mittlerweile

haben die Politiker der großen Koalition

eine Argumentation aufgebaut,

nach der es nie reichen wird, und wenn es

morgen Geld in 200-Euro-Scheinen auf

Berlin regnet. „Ihr wollt funktionierende

Straßen? Dann müsst ihr auch jenseits von

Steuern bereit sein, etwas in einen Reparaturfonds

zu geben – so lange, bis wir wieder

heile Straßen haben“, sagte Torsten Albig,

der SPD-Ministerpräsident in Kiel. Das ist

klasse. Bisher galten Steuern als eine Art

Flatrate – der Bürger zahlt ein Mal, und dafür

erhält er Polizei, Verteidigung, Verwaltung,

Infrastruktur. Neuerdings wird praktisch

jede öffentliche Leistung wie Straßen

oder Schule an eine neue Steuer geknüpft.

Dahinter steht der Gedanke, dass, was immer

kassiert wird, einer und nur einer

Gruppe zur Verfügung steht: den Politikern.

Jede staatliche Leistung, die eigentlich

damit abgegolten sein sollte, wird ein

zweites Mal in Rechnung gestellt.

STREIK VOR DEM FINANZAMT

Nun geht es in diesem Jahr um Peanuts.

Das ist die kalte Progression, also die Steuern,

die wir auf inflationär aufgeblähte

Löhne zahlen, ohne dass unser kaufkräftiges

Einkommen steigt. Vier Milliarden Euro

pro Jahr würde den Staat eine Abschaffung

kosten. Das wird verweigert: „Keinen

Spielraum“ gäbe es dafür, lässt Angela Merkel

erklären. Wie bitte? Die Rekordmehreinnahmen

und keinen Spielraum? Aber

wohin geht dann die Kohle?

Ähnlich hübsch ist die Verweigerungsargumentation

der SPD-Rechten, die eine

„solide Gegenfinanzierung“ einklagen. Die

Steuerzahler sollen also eine Finanzierung

erbringen für Steuern, die man ihnen ungerechtfertigterweise

abgeknöpft hat – eine

Beweislastumkehr. Das ist die verfeinerte

Variante der Torsten-Albig-Rotzigkeit. Von

da an ist es nicht weit zur SPD-Linken, die

dem nur zustimmen will, wenn dafür Steuern

für „Reiche“ erhöht werden. Reichen

62 Prozent Abgaben immer noch nicht?

Das Wortgeschwindel offenbart einen

herrschaftlichen Gestus wie aus vordemokratischen

Zeiten: Dem Staat gehört alles,

dem Bürger nur noch das, was der Steuereintreiber

ihm gnadenhalber zu überlassen

geneigt ist. Bemerkenswert, dass neuerdings

die Gewerkschaften dagegen

aufmucken und sogar SPD-Chef Sigmar

Gabriel zumindest teilüberzeugt haben.

Schon an ihrer eigenen Gehaltsabrechnung

wird den DGB-Bossen klar, dass sie

Lohnforderungen nicht vor den Fabriktoren

stellen sollten, sondern besser vor dem

Finanzamt streiken. Denn dort wird mehr

Brutto zu immer weniger Netto.

n

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Rennwagen mit Hybridantrieb

8 ADAC Postbus: Autoclub prüft Ausstieg

9 Wurstkartell: Millionenstrafen drohen |

Porsche: Staatsanwalt erwägt neuen Vorstoß

10 Interview: TCL-Multimedia-Chef E Hao will

europäischen TV-Markt aufrollen

12 Business Angels: Schäuble plant Steuererlass

| Netzagentur: Ohrfeige für Telekom-

Chef | Drei Fragen zu Burger King

14 Fonds: Neue Initiativen | Pharma: Flucht in

Übernahmen | Kaufhof: Häusertrick

16 Chefsessel | Start-up Saving Global

18 Chefbüro Jochen Digel, Vorstand des

Herrenausstatters Digel

Politik&Weltwirtschaft

20 Deflation Die EZB spielt mit der Angst

vor fallenden Preisen – und bereitet eine

weitere Lockerung ihrer Geldpolitik vor |

Interview: Moody’s-Ökonom Mark Zandi

über den Kurs der Zentralbank | Worauf sich

Anleger einstellen müssen

30 Interview: Christian Lindner Der FDP-

Chef will die EU radikal verschlanken

32 Gewerkschaften Die personelle Neuaufstellung

ändert wenig an den Problemen

des Arbeitnehmer-Dachverbands

34 Dossier Was macht der neue DBG-Chef

Reiner Hoffmann?

36 Ukraine Die wirtschaftliche Spaltung des

Landes schreitet voran

37 Berlin intern

Titel Der Trick mit der Deflation

Politiker und Zentralbanker aus

den Euro-Krisenländern warnen vor

einer Deflation. Doch hinter der

Panikmache steckt eine Strategie: Die

EZB soll die Geldschleusen öffnen

und die Staatshaushalte mit der

Notenpresse finanzieren. Seite 20

Ums Ganze

Noch kein Jahr im Amt, muss

Siemens-Chef Joe Kaeser

in den Clinch mit General-

Electric-Chef Jeffrey Immelt

um den Einstieg beim

französischen Wettbewerber

Alstom – mit Chancen,

zu gewinnen. Seite 44

Der Volkswirt

38 Kommentar | New Economics

39 Denkfabrik US-Ökonom Martin Feldstein

über die Lücken in Chinas Sozialpolitik

40 Sachbuch Der französische Ökonom

Thomas Piketty elektrisiert die Branche

Unternehmen&Märkte

44 Siemens Der Kampf um Alstom wird

zur Bewährungsprobe für Konzernchef Joe

Kaeser | Was aus deutsch-französischen

Gemeinschaftsunternehmen wurde

53 Bethmann Die Frankfurter Privatbank treibt

die Konsolidierung in der Branche an

54 Interview: Frank Lotze Der Chef der

Werbeagentur BBDO geht auf die Jagd

56 Digitale Wirtschaft Gesetzgeber, veraltete

Paragrafen und etablierte Anbieter bremsen

neue Internet-Dienste aus

58 Deutsche Bahn Die Logistiksparte Schenker

enttäuscht die Wachstumshoffnungen

60 Interview: Hans Demant Der VW-Vorstand

erklärt das geplante Billigauto für China

62 Hochtief Der Baukonzern versorgt Wettbewerber

mit Top-Managern

64 Spezial Mittelstand Bei Familienunternehmen

sind immer öfter die Töchter die

Lösung des Nachfolgeproblems

Ihr neuer Chef: der Computer

Erst ersetzten

Maschinen die

Muskelkraft, jetzt

übernehmen smarte

Rechner die Kopfarbeit

von Juristen,

Medizinern oder

Journalisten. Es

droht die nächste

große Automatisierungswelle.

Seite 74

4 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 19, 5.5.2014

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA,CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/ZHONG ZHI; TITELILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN,

Kurstreiber im Fadenkreuz

Staatsanwälte wie Philipp Zmyj-Köbel jagen schmierige

Tippgeber und ihre Hintermänner, die Hunderte von

Aktien manipulieren und Anleger abkassieren. Seite 92

Töchter an die Macht

Bei Mittelständlern übernehmen immer häufiger Frauen die

Nachfolge. Der weibliche Nachwuchs harmoniert oft besser mit

den Patriarchen – und ist besser ausgebildet denn je. Seite 64

Jubeln lernen

Chinas Regierung wünscht

sich Erfolge auch im internationalen

Fußball. Die

Begeisterung wächst. Doch

noch schießen importierte

Stars die Tore. Seite 114

Technik&Wissen

74 Künstliche Intelligenz Maschinen

bedrohen die Jobs der Wissensarbeiter

80 Verkehr Wie Autohersteller den CO 2 -

Ausstoß ihrer Flotte schönrechnen

85 Valley Talk

Management&Erfolg

86 China Deutsche Unternehmen nutzen für

Geschäfte zunehmend den Yuan als Rechnungswährung.

Wie die Umstellung gelingt

90 Erfolgsgeheimnisse Wie bekannte Manager

aus Wirtschaft, Kultur und Sport den Grundstein

für ihre Karriere legten

Geld&Börse

92 Aktien-Mafia Betrüger ziehen Kurse hoch.

Wer sind sie, wer ihre Hintermänner – und

warum haben es Fahnder so schwer?

100 Crowdinvesting Pleiten bei von Kleinanlegern

finanzierten Start-ups häufen sich

104 US-Aktien Investoren erwarten Ende der

lockeren Geldpolitik

106 Steuern und Recht Kirchensteuer auf

Kapitalerträge | Stromschäden bei Elektrogeräten

| Unternehmensübertragung |

Abschreibungen auf Immobilien

108 Geldwoche Kommentar: Krieg der Hedgefondsgiganten

| Trend der Woche: Öl | Dax-

Aktien: Deutsche Bank | Hitliste: Übernahmewelle

| Aktien: Novartis, Suncor Energy |

Anleihe: Porr | Chartsignal: Hochzinsanleihen

| Investmentfonds: Kapital Plus |

Nachgefragt:Dev Randhawa, Chef von

Fission Uranium, über Uran-Investments

Perspektiven&Debatte

114 Sport China will auch beim Fußball Weltspitze

sein. Doch beim Nachwuchs hapert’s

118 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 120 Leserforum,

121 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einer Galerie

der mächtigsten Frauen

der deutschen Wirtschaft

sowie zwei kleinen Artikeln,

die kein Journalist,

sondern ein Computer

geschrieben hat.

wiwo.de/apps

n Wahl-O-Mat Der digitale Fragebogen

der Bundeszentrale für politische

Bildung soll vor der Wahl zum EU-Parlament

die Entscheidung erleichtern. twitter.com/

www.wiwo.de/wahl-o-mat wiwo

facebook.com/

wirtschaftswoche

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 5

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Seitenblick

MOTORSPORT

Forschungslabor

In der Langstrecken-Weltmeisterschaft erproben die

Autokonzerne neue Spritspar-Technologien unter

härtesten Bedingungen, bis zu 24 Stunden lang. Es ist

ein Kräftemessen der Ingenieure und Fahrer – aber

auch ein Kampf der Schwestern Audi und Porsche.

Drei Hybrid-Rennwagen – drei Antri

350Millionen Euro gibt Toyota nach

Schätzungen von Experten für den Einsatz der beiden

Prototypen in Le Mans und den übrigen sieben Läufen

zur FIA Langstrecken-Weltmeisterschaft aus – dafür

könnte man auch eine Formel-1-Saison bestreiten. Die

Budgets von Porsche und Audi sollen bei 250 Millionen

Euro liegen. Immerhin soll die eingesetzte Hybridtechnik

später auch Serienautos zugutekommen.

Porsche 919 Hybrid

Motor V4-Benziner, 2000 ccm Hubraum,370 kW (503 PS)

Hybridsystem mehr als 185 kW (251 PS)

Energiespeicher großer Lithium-Ionen-Akku

Höchstgeschwindigkeit ca. 340 km/h

Das Antriebskonzept des

Porsche 919 Hybrid im Detail

4,79Liter Benzin (mit 20 Prozent

Ethanol-Beimischung) oder 3,95 Liter Dieselsprit darf

ein Sportwagen nach dem neuen Reglement maximal

verbrauchen – pro Runde. Umgerechnet sind das

rund 37 Liter Benzin oder 29 Liter Diesel pro 100 Kilometer.

Je leistungsfähiger das Hybridsystem ist und

je mehr Energie zurückgewonnen wird, desto weniger

Kraftstoff darf eingesetzt werden (siehe auch Seite 80).

1

16Gesamtsiege hat Porsche seit 1970 in

Le Mans eingefahren, den letzten 1998. Die

heutige Konzernschwester Audi kommt auf zwölf Siege

und als amtierender Weltmeister am 14. Juni zum

Circuit Bugatti, der Traditionsrennstrecke südlich von

Paris. Hybridpionier Toyota will beim 16. Anlauf

seit 1985 endlich den ersten Sieg beim Langstreckenklassiker

einfahren.

franz.rother@wiwo.de

+VIDEO

QR-Code mit Smartphone scannen. Sie benötigen

eine App wie Barcoo oder RedLaser

1 x Elektrogenerator (KERS) zur Rückgewinnung kinetischer

Bremsenergie und zum Antrieb der Vorderachse.

Bei der Beschleunigung fungiert der Generator als

Elektromotor – der Hybrid-Rennwagen wird zum Allradler.

6 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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ebssysteme

Audi R18 e-tron quattro

Motor V6-Diesel, 4000 ccm Hubraum, 395 kW (537 PS)

Hybridsystem mehr als 170 kW (231 PS)

Energiespeicher Schwungrad auf dem Co-Piloten-Platz,

kleiner Lithium-Ionen-Akku für die Bordelektronik

Höchstgeschwindigkeit ca. 330 km/h

Toyota TS 040 Hybrid

Motor V8-Benziner, 3700 ccm Hubraum,382 kW (520 PS)

Hybridsystem 353 kW (480 PS)

Energiespeicher Superkondensator von Nishinbo

Höchstgeschwindigkeit ca. 325 km/h

2

5

3 4

2x Flüssigkeitsgekühlter Lithium-

Ionen-Akku mit Zellen des US-Herstellers

A123 für eine elektrische

Reichweite von ca. 15 Kilometern.

3 xSteuerungselektronik

zur Koordination der

Antriebskräfte an Vorderund

Hinterachse.

4 xVier-Zylinder-Ottomotor mit

Turboaufladung und Benzin-

Direkteinspritzung, zwei Liter Hubraum

und über 500 PS Leistung.

5 x Elektrogenerator

(ERS) für die Rückgewinnung

thermischer

Abgasenergie.

FOTOS: PR

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 7

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Menschen der Wirtschaft

Fahrt ohne Ziel

ADAC-Vize Markl

will schnell

entscheiden, wohin

die Reise des

ADAC Postbusses

gehen soll,

die Post wartet

ADAC POSTBUS

Autoclub prüft Ausstieg

Die ADAC-Zentrale erwägt, aus dem

Geschäft mit Fernbussen auszusteigen.

Das Joint Venture mit der Deutschen Post

steuert unsicheren Zeiten entgegen.

Vor seiner Hauptversammlung am nächsten Samstag

in Saarbrücken streitet der ADAC um die Zukunft

des ADAC Postbusses. Gemeinsam mit der Deutschen

Post betreibt Europas größter Autofahrerclub

seit 2013 Fernbuslinien. Wie die WirtschaftsWoche

aus Clubkreisen erfuhr, will das Management um

ADAC-Vizepräsident August Markl das Projekt

einstampfen. Dagegen stemmen sich allerdings die

meisten Regionalclubs, die im Verwaltungsrat über

strategische Fragen mitentscheiden. Markl leitet die

Clubgeschäfte seit dem Rücktritt von Peter Meyer im

Februar kommissarisch.

Als der Verwaltungsrat vor zwei Wochen tagte,

sollen nur die Regionalclubs Nordbayern und Südbayern

die Zentrale unterstützt haben. Die 16 anderen

Regionalclubs wollen dem Vernehmen nach

am Postbus festhalten. Der Verwaltungsrat hat die

hauptamtliche Geschäftsführung des ADAC nun

beauftragt, Zahlen zu unterschiedlichen Szenarien

zu erarbeiten. Dann solle entschieden werden, wie

es mit dem Busprojekt weitergehe. Bis wann eine

Entscheidung fallen soll, ist offen. Der ADAC teilte

auf Anfrage mit, er äußere sich nicht zu Inhalten

von Gremiensitzungen.

Der ADAC Postbus war erst im November 2013

gestartet. Inzwischen betreibt das Joint Venture

neun Linien. 60 Busse verbinden rund 30 Städte in

Deutschland miteinander. Insider des ADAC vermuten,

dass der Postbus geopfert werden könnte,

um ein Zeichen zu setzen und die Glaubwürdigkeit

des Vereins zurückzugewinnen, die unter dem

Skandal um gefälschte Auto-Rankings sehr gelitten

hat. Die Deutsche Post wollte sich nicht direkt zu

den Plänen der ADAC-Führung äußern. Man sei

aber mit dem Partner „sehr zufrieden“, und eine

Evaluierung sei ohnehin für den Sommer dieses

Jahres geplant, heißt es bei der Post.

Wie die Fernbusse ausgelastet sind und wie viel

Umsatz sie erzielen, wollen weder ADAC noch

Deutsche Post sagen. In Kreisen des Autoclubs ist

zu hören, dass der Postbus bisher keine Gewinne

einfahre. Allerdings weisen ADAC-Insider darauf

hin, dass damit in der Anlaufphase auch nicht zu

rechnen gewesen sei. Nach einem halben Jahr liegt

der Marktanteil der ADAC Postbusse laut der Berliner

Verkehrsberatung Iges bei zwölf Prozent – weit

hinter MeinFernbus, den Bustöchtern der Deutschen

Bahn und Flixbus (siehe Grafik). Daten des

Vergleichsportals Fahrtenfuchs.de zeigen, dass der

Anteil der Nutzer, die das Portal zur Buchungsseite

des ADAC Postbusses weiterleitet, leicht unter dessen

Marktanteil liegt – was für eine eher geringere

Auslastung spricht.

florian.zerfass@wiwo.de, christian.schlesiger@wiwo.de, franz rother

Start-ups vorne

Marktanteil von Fernbusanbietern

in Deutschland

(in Prozent)*

5

2

3

4

38

12

18

18

MeinFernbus

Flixbus

Deutsche Bahn-Busse

ADAC Postbus

National Express

DeinBus.de

Touring

Sonstige

* nach aktuell angebotenen Fahrplankilometern;

Zahlen gerundet;

Quelle: Iges

8 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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WURSTKARTELL

Millionenstrafen drohen

Schon seit fünf Jahren ermittelt

das Bundeskartellamt gegen

rund 25 Hersteller von Wurst

und Fleischwaren, weil sie Preise

abgesprochen haben sollen.

In den nächsten Wochen dürfte

der Präsident des Bundeskartellamts

Andreas Mundt die

Höhe der Geldstrafe bekannt

geben. Kartellanwälte rechnen

mit insgesamt mehr als 300 Millionen

Euro, mindestens aber

mit 150 bis 200 Millionen Euro.

Zu Jahresbeginn hatte Mundt

schon ein Bierkartell zerschlagen

und den beteiligten Brauereien

eine Geldbuße von insgesamt

338 Millionen Euro

aufgebrummt. In der Branche

wird damit gerechnet, dass

schon im Mai wenige kleine

und geständige Unternehmen

einen Bußgeldbescheid erhalten.

Bis Ende Juni bekommen

dann wohl auch die anderen

Post. Betroffen sind nach Informationen

der WirtschaftsWoche

unter anderem der Schweizer

Bell-Konzern mit den

deutschen Töchtern Abraham

und Zimbo, der für die Marke

Gutfried bekannte Hersteller

Nölke, die Nestlé-Tochter Herta

sowie Meica, Wiltmann, Rügenwalder,

Stockmeyer, Reinert

und Döllinghareico. Beschuldigt

wird auch die zur-Mühlen-

Gruppe von Schalke-04-Boss

Clemens Tönnies mit den Firmen

Böklunder und Könecke.

Im Laufe des Verfahrens hatten

sich mehrere Unternehmen

entschlossen, mit dem Kartellamt

zu kooperieren. Offenbar

ist dadurch zuletzt auch der

Lebensmittelriese Unilever mit

seiner Marke „Du darfst“ ins

Fadenkreuz der Wettbewerbshüter

geraten. Das Kartellamt

und einige der betroffenen Unternehmen

wollten sich auf Anfrage

nicht äußern, die anderen

wiesen die Vorwürfe zurück.

mario.brueck@wiwo.de, harald schumacher

Erst das Bier, dann das Fleisch

Kartellamtschef Mundt

Aufgeschnappt

Ausgebrannt Nicht jeder Whiskey

aus Tennessee ist ein Tennessee-Whiskey.

Entscheidend

ist, wie er gebrannt wird. Das

Verfahren schreibt der US-Bundesstaat

seit einem Jahr detailliert

vor. Es entspricht – so ein

Zufall – exakt dem des Lokalmatadors

Jack

Daniel’s. Nun

drängt der britische

Getränkekonzern

Diageo

auf eine Reform.

Er produziert

in Tennessee

die Marke

George Dickel,

darf sie aber

nicht mehr als

Tennessee-

Whiskey vermarkten.

Schweißtreibend Finnlands

Jugend gerät ins Schwitzen. Das

spürt insbesondere die Universitätsstadt

Tampere. Grund ist

aber nicht eine neue Pisa-Prüfung

für Schüler und Studenten,

sondern eine neue Mode:

Saunaflöße sind groß im Kommen.

40 schwimmende Saunen

tuckern schon, angetrieben von

einem Yamaha-Motor, über

den Näsijärvi-See bei Tampere,

für sie gibt es sogar einen Floßhafen.

Jetzt baut die Stadt am

Pyhäjärvi-See einen zweiten.

PORSCHE

Beschwerde

erwogen

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart

will an diesem Montag

entscheiden, ob sie Beschwerde

dagegen einlegt, dass das

Landgericht die Anklage gegen

Ex-Porsche-Chef Wendelin

Wiedeking und Ex-Finanzvorstand

Holger Härter nicht

zugelassen hat. Die Staatsanwaltschaft

„tendiert zu einer

Beschwerde“, sagt ein Insider.

Sie wirft den Managern Marktmanipulation

vor. Wiedeking,

Härter und Porsche bestreiten

das. Sollten sich die Staatsanwälte

gegen eine Beschwerde

entscheiden, könnten auch

Aufsichtsräte von Porsche, darunter

die Großaktionäre Wolfgang

Porsche und Ferdinand

Piëch, aufatmen. Gegen sie hat

die Staatsanwaltschaft wegen

Beihilfe zur Marktmanipulation

ermittelt. Die Untersuchungen

sind abgeschlossen und

könnten in den kommenden

Monaten in Anklagen münden.

„Wenn es kein Verfahren

gegen Wiedeking und Härter

geben sollte, würden wir allerdings

auch diese Verfahren

einstellen“, heißt es in Kreisen

der Stuttgarter Staatsanwaltschaft.

martin.seiwert@wiwo.de

Warentester schlagen alle

Wem die Bürger vertrauen, ihre Interessen als Verbraucher wirksam zu vertreten

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), DOMINIK PIETSCH, PR

Stiftung

Warentest

sehr großes/

großes Vertrauen

15 %

82%

gering/

sehr gering

Rest zu 100%:keine Angabe; Quelle: GPRA

Bundeskartellamt

Verbraucherzentralen

20 %

77%

Bundesamtfür

Verbraucherschutz und

Lebensmittelsicherheit

36%

60%

53%

43%

Bundesministerium

fürErnährungund

Landwirtschaft

42%

53%

14 %

Politische

Parteien

83%

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 9

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Genmais

Verwirrung stiftet, dass

sogenannter Genmais

die ökotrophologisch

korrekten, biologischdynamischen

Gemüter

erhitzt, während wir

doch aus der intensiv

geführten Debatte um

die Thesen des Ex-

Bundesbankers und

SPD-Politikers Thilo

Sarrazin längst zutreffend

gelernt hatten:

Gene besagen gar

nichts. Wer also den

transgenen Mais

ablehnt, dem wird

man mit einiger

Berechtigung vorhalten

können, er ernähre sich

rassistisch, was die

UNO mit Blick auf

Deutschland gerade

jetzt zusätzlich

irritieren wird.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW E Hao

»Wir wollen in Europa zu

den Top Drei gehören«

Der Chef des chinesischen Unternehmens

TCL Multimedia drängt mit TV-Geräten und

Spielkonsolen nach Europa.

Herr Hao, fast 14 Jahre lang

waren Spielkonsolen in China

verboten. Erst seit Januar sind

sie erlaubt, prompt bringt TCL

eine eigene heraus. Wie wollen

Sie sich gegen die internationale

Konkurrenz durchsetzen?

Es gibt entweder Hardcore-

Spieler, die auf dem PC zocken,

oder aber Leute, die auf ihrem

Smartphone spielen. Unsere

Plattform synchronisiert Android-Smartphones

mit einem

internetfähigen Fernseher, und

Sie können mit dem Handheld

sofort spielen.

Das mag in China gut ankommen,

da Smartphones für

viele Chinesen die einzige

Möglichkeit sind, ins Internet

zu kommen. Aber im Westen?

Wir fangen in China an und stoßen

später nach Europa und in

die USA vor. Mit dem französischen

Spielehersteller Gameloft

kooperieren wir schon; jeden

Monat wollen wir mindestens

ein neues Spiel herausbringen.

Wollen Sie damit der Xbox

von Microsoft und Sonys Playstation

Konkurrenz machen?

Wir setzen auf Android-Spiele

und werden damit nicht in direkter

Konkurrenz zu Sony und

Microsoft stehen, sondern uns

vor allem an Handyspieler richten

– allerdings nicht nur.

Bei Fernsehern, dem Kerngeschäft

von TCL, ist Ihr Marktanteil

in Europa sehr gering.

Wie wollen Sie hier wachsen?

2009 lag unser Marktanteil In

Westeuropa bei knapp einem

Prozent, letztes Jahr waren es

über drei Prozent. Das ist immer

noch wenig, aber mehr als

eine Verdreifachung. Unser Ziel

ist es, in Europa unter die Top

Drei der Fernsehhersteller zu

kommen. Frankreich ist dafür

unsere Basis, dort haben wir

sehr gute Fortschritte erzielt.

In Frankreich haben Sie 2003

ein gemeinsames Unternehmen

mit dem Technologiekonzern

Thomson gegründet. Was

planen Sie in Deutschland?

Der deutsche Markt ist extrem

schwierig, aber extrem wichtig.

DER EROBERER

E Hao, 40, leitet seit August

2013 TCL Multimedia, Teil der

südchinesischen TCL Group, die

1981 gegründet wurde. Heute

beschäftigt sie 60 000 Mitarbeiter,

setzte 2012 zehn Milliarden

US-Dollar um und ist drittgrößter

Anbieter von Flachbildschirmen

weltweit.

Ein Weg, hier zu wachsen, sind

Übernahmen. Dazu hatten wir

Möglichkeiten, haben uns aber

zunächst dagegen entschieden.

Doch Übernahmen sind nicht

der einzige Weg. Wir sind für alle

Alternativen offen, vor allem

für Joint Ventures.

Viele chinesische Marken

haben im Westen ein

Imageproblem. Was fehlt?

Ich kann nur sagen, dass man

gerade im Entertainment-Bereich

sehr viel Wert auf Marketing

legen muss. Bei unserem

Branding setzen wir vor allem

auf Hollywood-Studios. Wir haben

Kooperationen mit Disney,

iMax, Paramount und Studio

Fox. Wir wollen, dass diese Namen

irgendwann automatisch

mit TCL verknüpft werden. Da

sind wir auf einem guten Weg,

planen Product Placement und

haben 2013 das Chinese Theatre

in Los Angeles gekauft, das

weltberühmte Kino am Hollywood

Boulevard.

China wird wegen steigender

Lohnkosten unattraktiver. Wie

reagieren Sie darauf?

Wir verfolgen zwei Strategien:

In den neuen Werken unserer

Tochter China Star stehen fast

nur noch Roboter. Die Produktion

innerhalb Chinas ist zu einem

hohen Grad automatisiert.

Auf der anderen Seite aber

verlagern wir Teile der Massenproduktion

in Länder, die ein

niedrigeres Lohnniveau haben.

In Indonesien und Vietnam

haben wir mittlerweile einen

großen Standort aufgebaut.

Produkte, die wir in Indonesien

fertigen, werden in Europa

verkauft.

Wandern chinesische Unternehmen

aus China ab?

So weit wird es nicht kommen.

Niedrige Löhne sind nicht alles.

Hier in Shenzhen ist mittlerweile

ein einzigartiges wirtschaftliches

Umfeld entstanden. Innerhalb

einer Autostunde finden

wir hier jede Komponente,

die wir brauchen, und zwar in

hoher Qualität. Das gibt es

so in anderen Ländern nicht.

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: PR

10 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

BUSINESS ANGELS

Schäuble plant Steuererlass

Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble (CDU)

will das Investitionsklima für

Jungunternehmen verbessern.

Insbesondere der staatliche Investitionszuschuss

für Wagniskapital

soll steuerfrei gestellt

werden. Damit würde sich der

Fördereffekt des Investitionszuschusses

um bis zu 80 Prozent

erhöhen. Einen entsprechenden

Gesetzentwurf möchte Schäu-

Herz für Unternehmensgründer

Finanzminister Schäuble

ble nach der Sommerpause ins

Kabinett einbringen. Geplant ist

eine Rückwirkung der neuen

Steuervorteile ab 1. Januar 2014.

Einige Details der Pläne erläutert

Schäubles Staatssekretär Michael

Meister bereits in einem

Schreiben an den grünen Bundestagsabgeordneten

Thomas

Gambke, das der Wirtschafts-

Woche vorliegt. Darin räumt

Meister ein, dass „der vergleichsweise

niedrige Anteil von Venture-Capital-finanzierten

Investitionen

in Deutschland auf

mögliches Verbesserungspotenzial

im deutschen Innovationssystem

hinweist“. So betrug der

Einsatz von Wagniskapital laut

Finanzministerium im vorigen

Jahr hierzulande 674 Millionen

Euro und damit rund 0,02 Prozent

des Bruttoinlandsproduktes.

Im Vergleich dazu kam Spitzenreiter

Israel nämlich auf 0,39

Prozent, dahinter lagen die USA

mit 0,17, Schweden mit 0,05 und

Großbritannien mit 0,04. Kritisch

sieht das Finanzministerium,

dass Bankdarlehen „in der

Regel selten zur Verfügung“

stünden, woraus sich Finanzierungslücken

„vor allem für das

Early-Stage-Segment ergeben“.

Finanzexperte Gambke hält

die Pläne für unzureichend und

fordert, auch direkte Förderprogramme

aufzustocken und den

Zugang dazu zu erleichtern.

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

DREI FRAGEN...

...zu Burger King

Alexander

van Bömmel

40, Burger-King-

Betreiber und

Vize des Verbandes

Systemgastronomie

n Die Berichte über Probleme

in Burger-King-Filialen

verunsichern Kunden. Wie

trifft Sie das?

Gott sei Dank macht die Berichterstattung

klar, dass es

um Vorwürfe gegen einen einzelnen

Franchisenehmer

geht. Es besteht immer die Gefahr,

dass sich solche Berichte

auf die Marke ausweiten. Meine

Kollegen und ich werden

bereits von unseren Gästen

auf diesen einen Franchisenehmer

angesprochen. Ich

hoffe, dass wir klarmachen

können, dass solche Vorwürfe

gegen einen Einzelnen nicht

auf die ganze Marke übertragbar

sind.

BUNDESNETZAGENTUR

Ohrfeige für

Höttges

Drei Jahre lang schreckte der

Wissenschaftliche Arbeitskreis

für Regulierungsfragen davor

zurück, sich in die Diskussion

über die Neuordnung der Telekommunikationsmärkte

einzumischen.

Nun attackiert das

Gremium, das bei der Bundesnetzagentur

angesiedelt ist, die

Forderung von Telekom-Chef

Timotheus Höttges nach

einer Kehrtwende in der Wettbewerbs-

und Regulierungspolitik.

Höttges appellierte wiederholt

an die EU, sie solle sich am

Wettbewerbsmodell der USA

orientieren, das die Bildung weniger

großer Telekomanbieter

zulasse. „Die Forderungen der

Deutschen Telekom basieren

auf einer Reihe von Einschätzungen,

die einer näheren

Überprüfung nicht standhalten“,

watschen die Wissenschaftler

den Telekom-Chef ab.

So führe das amerikanische Regulierungsmodell

gar nicht zu

besseren Marktergebnissen.

„In Europa liegt die durchschnittliche

Empfangsgeschwindigkeit

von Internet-Anschlüssen

deutlich über dem

Zahlen auseinandergenommen

Telekom-Chef Höttges

US-amerikanischen Mittelwert“,

ermittelte der Arbeitskreis.

Auch seien die Tarife in

den USA deutlich höher.

Außerdem sei die Telekom-

These falsch, dass nur gegen

übermäßigen Wettbewerb geschützte

große Telekomunternehmen

ein Garant für Netzinvestitionen

seien. Von den 62,3

Milliarden Euro, die Netzbetreiber

seit 2004 in Deutschland investierten,

stammten 55 Prozent

von den Konkurrenten der

Telekom. Ein Lockern der Fusionskontrollen

sei nicht erforderlich,

so der Arbeitskreis. Bis

heute verhinderten die EU-

Wettbewerbshüter keine grenzüberschreitende

Übernahme.

„Hindernisse ergeben sich vor

allem daraus, dass die Nationalstaaten

die Kontrolle über ihre

früheren Staatsunternehmen

nicht gänzlich aufgeben.“

juergen.berke@wiwo.de

n Ärger gibt es seit Monaten.

Was tut Ihr Verband?

Wir nehmen Beschwerden

ernst und gehen diesen nach.

Schon nach den ersten Meldungen

fanden Gespräche mit

dem Franchisegeber und der

Franchisenehmerschaft von

Burger King statt. Glauben Sie

mir – und jetzt spreche ich

nicht nur als Verbands-Vizepräsident,

sondern auch als

Burger-King-Franchisenehmer

–, solche Berichte machen

keinen Spaß.

n Kürzlich wurde ein Burger-King-Geschäftsführer

ins Präsidium des Verbandes

berufen. Kein Problem?

Burger King ist Gründungsmitglied

und steht zu den Werten

des Bundesverbandes. Es ist

gerade bei solchen Vorwürfen

gut, ein Mitglied der Geschäftsführung

in Verbandsverantwortung

zu haben.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR

12 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

VERMÖGENSVERWALTER

Fonds gegen

Anlagenot

Klein anfangen, groß rauskommen

– das wollen zwei renommierte

Aktienexperten mit neuen

eigenen Fonds. Elisabeth

Weisenhorn war einst Starmanagerin

beim Branchenriesen

DWS. Zusammen mit Michael

Hochgürtel, dem Ex-Chefhändler

der BHF-Bank, lenkt sie

jetzt den Mischfonds Portikus

International Opportunities. Er

soll weltweit in Aktien, Indexfonds

und Anleihen investieren.

Mischfonds sind zurzeit Verkaufsschlager.

In diesem Jahr

flossen ihnen netto schon mehr

als 3,5 Milliarden Euro zu.

Mit einem Fonds für deutsche

Aktien steigt auch

Manfred Piontke wieder ins

Geschäft ein. Er hatte sich im

September vom Fondshaus

Frankfurt Performance Management

getrennt, das er 2001

mitgegründet hatte. Im Fonds

MPPM Deutschland will er

auch eigenes Geld anlegen:

„Ich habe keine Idee, wo ich

mein Geld besser anlegen

könnte als in deutsche Aktien.“

Aktuell beherrschen fünf große

Fondsgesellschaften drei Viertel

des 634 Milliarden Euro

schweren deutschen Marktes

für Privatanlegerfonds.

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

GALERIA KAUFHOF

Optischer

Häusertrick

05.05. Euro Die Finanzminister der Euro-Staaten beraten

am Montag über den Ausstieg Portugals aus dem

Rettungsprogramm. Irland vollzog den Schritt

schon im vergangenen Dezember.

06.05. Middelhoff Vor dem Landgericht Essen beginnt

am Dienstag der Prozess gegen Thomas Middelhoff,

den früheren Chef der Karstadt-Mutter Arcandor.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Untreue

in 49 Fällen vor. Er soll auf Kosten

des Unternehmens

Charterflugzeuge privat

genutzt haben.

Middelhoff beteuert,

er habe

sich korrekt

verhalten.

Steuern Der Verfassungsgerichtshof Nordrhein-

Westfalens entscheidet über die Klage von 60

Kommunen gegen das Gemeindefinanzierungsgesetz.

Sie fühlen sich durch den neuen Schlüssel

für die Zuteilung von Geld benachteiligt.

08.05. EZB Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB)

berät am Donnerstag seinen geldpolitischen Kurs.

09.05. Die Linke In Berlin beginnt am Freitag der Parteitag

der Linken. Die Vorsitzenden Katja Kipping und

Bernd Riexinger stellen sich zur Wiederwahl.

10.05. FDP Vorsitzender Christian Lindner eröffnet am

Samstag in Dresden den Bundesparteitag.

Warenhaus-Bilanz aufgehübscht

Kaufhof-Chef Mandac

TOP-TERMINE VOM 05.05. BIS 11.05.

CSU Auf dem kleinen Parteitag in Nürnberg

schwört Parteicef Horst Seehofer die Christsozialen

auf die Europawahl am 25. Mai ein.

ADAC Auf der Hauptversammlung in Saarbrücken

diskutieren die Delegierten über die Reform des

affärengeschüttelten Autoclubs.

Wenn Metro-Chef Olaf Koch

am kommenden Donnerstag

die Halbjahresbilanz für den

Düsseldorfer Handelskonzern

vorlegt, könnte die Warenhaustochter

Galeria Kaufhof für Erstaunen

sorgen. Die Kaufhäuser

dürften im gebeutelten Metro-

Reich mit ungeahnter Ertragskraft

glänzen. Grund ist allerdings

eine konzerninterne

Neuordnung: Die Metro-eigenen

Immobilien werden nicht

mehr als separates Geschäftsfeld

ausgewiesen, sondern den

jeweiligen Sparten zugeschlagen.

Von dieser Bilanz-Optik

profitieren zwar auch die Großmärkte

und die Real-Warenhäuser,

doch bei Kaufhof ist der

Effekt am stärksten. Gleich 59

Immobilien gehören nun zum

Reich von Kaufhof-Chef Lovro

Mandac. Wären die Immobilien

schon im vergangenen Geschäftsjahr

den Sparten zugeordnet

worden, hätte Kaufhof

statt 144 Millionen rund 229

Millionen Euro verdient. Die

Umsatzrendite wäre von 4,7 auf

7,4 Prozent geschnellt.

henryk.hielscher@wiwo.de

PHARMAINDUSTRIE

Flucht in

Übernahmen

In der Pharmabranche grassiert

das Übernahmefieber – so stark

wie schon lange nicht mehr. Ian

Read, Chef des US-Multis

Pfizer will den britischen Konkurrenten

AstraZeneca kaufen.

Die britische GlaxoSmithKline

(GSK) und die Schweizer Novartis

tauschen milliardenschwere

Geschäftsbereiche. Pfizer,

Novartis und GSK hinken der

Konkurrenz hinterher, legt eine

Studie der Unternehmensberatung

Accenture nahe. Keiner der

drei gehört demnach zu den

Top-Unternehmen der Branche.

Zu den „High Performern“

zählt Accenture dagegen Novo

Nordisk (Dänemark), Bristol

Myers Squibb (USA), Roche

(Schweiz), Amgen (USA) und

Astellas (Japan). Die Top-Unternehmen

zeichnen sich durch

höhere Wachstumsprognosen,

bessere Innovationsstrategien

und Aussichten auf neue Pharmaprodukte

aus, heißt es in der

Studie. Pfizer, Novartis und GSK

scheinen da Nachholbedarf zu

haben. Insgesamt haben sich

laut der Studie die Aussichten

für die Pharmaindustrie in den

vergangenen Jahren wieder verbessert.

Die Berater haben weltweit

16 Unternehmen untersucht,

die mehr als 75 Prozent ihres

Umsatzes mit Pharmaprodukten

erzielen. Der Bayer-Konzern

und Merck aus Darmstadt

waren nicht darunter, da sie

über ein starkes Chemiegeschäft

verfügen. Dabei mischt

auch Bayer derzeit den Markt

auf:Das Leverkusener Unternehmen

ist offensichtlich daran

interessiert, das Geschäft mit

rezeptfreien Medikamenten des

US-Konzerns Merck & Co. für

rund 14 Milliarden Dollar zu

übernehmen. Gegen Bayer soll

dabei die britische Reckitt Benckiser

konkurrieren.

juergen.salz@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, DDP IMAGES/BERTHOLD STADLER

14 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

JIL SANDER

Rodolfo Paglialunga, 46,

ist neuer Kreativchef des

Modehauses Jil Sander, das

seit sechs Jahren zur japanischen

Onward-Holding gehört.

Der Italiener folgt auf

die Hamburgerin Jil Sander,

70, die nach ihrem Comeback

vor knapp zwei Jahren

das von ihr gegründete Unternehmen

im vergangenen

Oktober zum dritten Mal verlassen

hatte. Seither war der

Posten verwaist. Paglialunga

startete beim italienischen

Modedesigner Romeo Gigli,

arbeitete dann für Prada und

zuletzt für Vionnet.

VNG

Konstantin von

Oldenburg, 38, leitet jetzt

den Gaseinkauf des Leipziger

Importeurs Verbundnetz

Gas (VNG). Er löst Toni

Philipp, 65, ab. Oldenburg

verantwortet damit ein

Drittel der deutschen

Gaseinkäufe. Der Import

von russischem Erdgas

über Pipelines ist das wichtigste

Geschäft des Konzerns, der seit

Jahrzehnten Beziehungen zu

Russland pflegt und schon

welche zur Sowjetunion hatte.

Zuletzt verantwortete Oldenburg

das Neugeschäft von E.On

in Russland, etwa Dienstleistungen

zur Energieeffizienz.

Nicht nur das hilft dem Adelsspross

im neuen Job. Die Familie

des Juristen kann auf langjährige

Kontakte ins Russische

Reich zurückblicken. Oldenburg

entstammt einer Fürstenfamilie

mit Stammsitz auf dem

Stadtschloss im niedersächsischen

Oldenburg. Ein Zweig

war im 19. Jahrhundert mit Zar

Nikolaus II. verwandt und

gehört noch heute zum Jetset-

Hochadel.

BAIN & COMPANY

Walter Sinn, 48, steigt am 1.

Juni zum Deutschland-Chef

der amerikanischen Beratungsgesellschaft

auf, für die

er bereits seit Frühjahr 2011

arbeitet. Amtsinhaber Rolf-

Magnus Weddingen gibt den

Posten nach fünf Jahren turnusgemäß

ab, er berät dann

wieder Private-Equity-Firmen.

Kunden aus der Bankenwelt

schätzen Sinns Expertise,

so konnte er Bains Marktanteil

trotz knapper Budgets steigern.

Zuvor war Sinn beim

Konkurrenten Boston Consulting

Group.

KAFFEE

165 Liter

Kaffee trank jeder Deutsche im Schnitt 2013, erstmals wieder

mehr als in den Vorjahren. 2012 und 2011 betrug der Pro-Kopf-

Verbrauch je 149 Liter, 2010 sogar 150 Liter. Das größte Absatzplus

verzeichneten Kapseln mit 27 Prozent. Doch 72 Prozent des

zu Hause konsumierten Kaffees ist aufgebrühter Filterkaffee.

SAVING GLOBAL

Raus aus den Niedrigzinsen

Unter niedrigen Zinsen leiden insbesondere die Sparer in

Deutschland. Denn europaweit agierende Banken wie UniCredit

oder Rabobank zahlen ihren deutschen Kunden weniger Zinsen

als etwa ihren italienischen oder niederländischen. Tamaz

Georgadze (rechts) bietet Bundesbürgern einen Ausweg an.

„Wir geben die höheren lokalen Zinssätze an unsere Kunden weiter“,

sagt er. Gemeinsam mit seinen früheren McKinsey-Kollegen

Michael Stephan und Frank Freund (von links) und hat er

dafür das Unternehmen Saving Global gegründet. Auf seinem Internet-Portal

Weltsparen.de bietet es Festgeldkonten im Ausland

an. Dort gibt es beispielsweise je nach Laufzeit 2,5 bis 3,3 Prozent

bei der Fibank, der größten unabhängigen Bank Bulgariens.

Als zweites Geldhaus ist nun ein portugiesisches hinzugekommen,

das zwei Prozent für zwölf Monate zahlt. Eigentlich sollte das

Angebot zusammen mit zwei weiteren schon seit März verfügbar

sein, doch die Umsetzung dauerte länger als geplant. In den nächsten

Monaten will Georgadze drei, vier weitere Banken aufnehmen.

Die Anlagen seien bis zu 100 000 Euro geschützt. „Das Geld liegt

immer auf Konten, die

Fakten zum Unternehmen

Team Das Start-up beschäftigt

derzeit 21 Mitarbeiter

Kunden inzwischen etwa 1500

Finanzierung aus Eigenmitteln

140 000 Euro, dann von Investoren

wie RI Digital 2 000 000 Euro

von der Einlagensicherung

abgedeckt sind“, versichert

Georgadze. Das

Start-up arbeite mit der

Frankfurter MHB-Bank

zusammen und habe

selbst keinen Zugriff auf

die Gelder.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: GETTY IMAGES/VICTOR BOYKO, PR, DOC-STOCK

16 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Jochen Digel

Vorstand des Herrenausstatters Digel

Ein einziges Wort aus der

Modebranche genügt, um das

Büro zu beschreiben: „Maßgeschneidert“,

sagt Jochen Digel,

36, seit 2011 Vorstand des

Herrenausstatters Digel. Fast

spartanisch wirkt das Ambiente

im knapp 30 Quadratmeter großen

Arbeitszimmer in Nagold,

knapp 60 Kilometer südwestlich

von Stuttgart. Alles ist reduziert

auf das Wesentliche.

„Funktionsgerecht, ein Büro

ohne Faltenwurf“, nennt Digel

die schlichte Anordnung aus

Schreibtisch, Sideboard und

Aktenschrank. Sie tragen die

Label der beiden Möbelmanufakturen

Renz und Steelcase.

„Wir sind der kleine

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Hugo Boss“, vergleicht

der Diplom-

Kaufmann sein

Unternehmen mit

Deutschlands wohl

bekanntestem Herrenkonfektionär.

„Die

spielen in der Champions

League wir in der Europa-Liga.“

Mit ihrem „Baukästle-Prinzip“,

wie Digel die

Kombinationsmöglichen von

Sakko mit Hose nennt, machte

das Unternehmen im vergangenen

Jahr einen Umsatz von

rund 85 Millionen Euro. Gegründet

hat es 1939 Gustav Digel,

der Großvater des heutigen

Chefs. 20 Mitarbeiter

schneiderten damals

für das Familienunternehmen;

heute

arbeiten dort 250 Beschäftigte.

Gefertigt

werden die Kleider

von Partnerunternehmen

in Polen,

Rumänien sowie der Türkei

und neuerdings auch in China.

Kunst sucht man im Chefbüro

vergebens. Dafür steht ein Liegestuhl

mit dem Digel-Schriftzug

werbewirksam in einer

Ecke. „Der hat die Beach-Party

überlebt, die wir gesponsert haben“,

erklärt Digel. Auf seinem

Schreibtisch liegen, akkurat

nach Dringlichkeit geordnet,

Tagespost und Dokumente.

Auch seine Familie ist immer

präsent. „Per Mausklick als

Bildschirmschoner“, sagt der

Mode-Manager und zeigt auf

seine Frau Saskia und die

Kinder Frederik und Moritz.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Der üble Trick

mit der Deflation

EURO-RETTUNG | Politiker und Zentralbanker aus den Krisenländern

der Währungsunion warnen vor einer Deflation. Doch hinter der

Panikmache steckt eine Strategie. Die EZB soll die Geldschleusen öffnen

und die Staatshaushalte mit der Notenpresse finanzieren.

Normalerweise scheren

sich Banker und

Börsianer nicht darum,

ob das Osterfest in den

März oder in den April

fällt. Doch dieses Jahr

ist es anders. Denn die ferientypischen

Preisaufschläge bei Pauschalreisen wirbeln

zurzeit die Inflationsraten in der Währungsunion

durcheinander. Und die sind so wichtig

wie selten zuvor. Denn seit die Euro-Inflation

im März unerwartet auf 0,5 Prozent einkrachte,

streiten sich Ökonomen, Politiker

und Zentralbanker, ob der Währungsunion

eine gefährliche Deflation, also eine Phase

mit rückläufigen Preisen, droht.

Deshalb war die Spannung groß, als die

europäische Statistikbehörde Eurostat Mitte

vergangener Woche die Inflationsrate für

den Monat April veröffentlichte. Wegen

des späten Osterfestes im April kam es zu

einem leichten Teuerungsschub. Doch mit

nur 0,7 Prozent liegt die Inflationsrate weiter

meilenweit unter dem selbstgesteckten

Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB)

von knapp unter zwei Prozent.

BEREIT ZUM HANDELN

Das ist Wasser auf die Mühlen all jener, die

seit Wochen lautstark vor einer Deflation

warnen und die EZB auffordern, die geldpolitischen

Zügel zu lockern. So mahnte vergangene

Woche Frankreichs Regierungschef

Manuel Valls, die Währungshüter sollten eine

„angemessenere Geldpolitik“ betreiben,

um den vom starken Euro ausgehenden Abwärtsdruck

auf die Preise zu bekämpfen.

Unterstützt wird Valls aus der Finanzindustrie.

Seit Wochen feuern Analysten von

Banken und Finanzdienstleistern Studie

um Studie ab, in denen sie das Menetekel

einer deflationären Abwärtsspirale für die

Euro-Zone an die Wand malen. „Die EZB

muss aggressiver gegen den starken Euro

und die anhaltend niedrige Inflation vorgehen“,

fordert Mark Zandi, Chefökonom

des US-Finanzinstituts Moody’s Analytics

(siehe Seite 26).

Noch hält die EZB dem Druck stand. Ihr

Chef, Mario Draghi, betonte bis zuletzt, er

könne keine sich selbst verstärkende Deflation

in der Euro-Zone erkennen. Sollten die

Abwärtsrisiken für die Preise jedoch zunehmen,

sei die EZB zum Handeln bereit. Dass

»Wir haben das

Tief der Inflation

hinter uns«

Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

dies schon am Donnerstag dieser Woche

der Fall sein könnte, wenn sich die Euro-

Hüter in Brüssel treffen, um über die Geldpolitik

zu beraten, halten Beobachter für

wenig wahrscheinlich. Sie setzen auf das

Treffen der Notenbanker Anfang Juni. „Die

EZB wird dann nicht darum herumkommen,

ihre Inflationsprognose nach unten zu

revidieren“, sagt Klaus Bauknecht, Ökonom

der Düsseldorfer Bank IKB. Die EZB könnte

dies zum Anlass nehmen, die geldpolitischen

Schleusen noch weiter zu öffnen.

Es wäre ein geldpolitischer Coup sondergleichen.

Denn von einer schweren Deflation,

wie sie die Warner an die Wand malen,

ist die Euro-Zone so weit entfernt wie der

Neptun von der Sonne. „Wir haben das Tief

der Inflation hinter uns, bis Ende des Jahres

wird sie in Richtung ein Prozent steigen“,

sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

ALARMISTISCHES GESCHREI

Das legt den Verdacht nahe, dass die Deflationswarner

etwas anderes im Schilde führen,

als die Wirtschaft vor einer Abwärtsspirale

zu bewahren. Mit ihrem alarmistischen

Geschrei wollen sie der EZB argumentativ

den Weg zu einer Inflationspolitik bereiten.

Das Ziel dahinter: Die hoch verschuldeten

Staatshaushalte sollen vor dem Bankrott bewahrt

und durch die Notenpresse finanziert

werden. Weil in den Krisenländern die Bereitschaft

zu drakonischen Sparmaßnahmen

politisch erschöpft, die Aussicht auf

hohe Wachstumsraten gering und ein

Schuldenschnitt tabu ist, bleibt ihnen nur,

die Zinsen zu drücken und die Inflation zu

erhöhen, um ihre Schuldenquoten in den

Griff zu bekommen.

Dazu aber benötigen sie die EZB. Bringen

sie die Euro-Hüter dazu, Staatsanleihen zu

kaufen, wäre die Finanzierung der öffentlichen

Haushalte über die Notenpresse gesichert

– und der Druck zu harten Reformen

endgültig verschwunden. Die Euro-Hüter

mutierten in diesem Fall zum Lakai der Finanzminister

– und die Euro-Schuldenspirale

drehte sich immer schneller.

Was es mit der viel beschworenen Deflationsgefahr

wirklich auf sich hat und wie Deflation

auf die Wirtschaft wirkt, erfahren Sie

auf den folgenden Seiten.

Lesen Sie weiter auf Seite 22 »

FOTO: LAIF/POLARIS/THIERRY MONASSE

20 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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DRAGHIS DILEMMA

Es ist der Fluch der guten Tat. Mit der Ankündigung,

notfalls alles zu tun, um den Euro

zu retten, hat EZB-Chef Mario Draghi den Euro

starkgeredet. Das macht Importe billiger –

und trägt zum Preisrückgang im Euro-Raum bei.

1,4 (Dollar je Euro)

1,3

Euro-Wechselkurs

zum Dollar

1,2

06/2012 04/2014

3,0 (Prozent)

2,5

2,0

Euroland-Inflation*

1,5

1,0

0,5

07/2012

03/2014

* Veränderung der Verbraucherpreise zum Vorjahr in Prozent

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 21

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Politik&Weltwirtschaft

Was ist Deflation, und

wie entsteht sie?

Deflation ist – ebenso wie Inflation – ein

monetäres Phänomen. Sie zeigt sich in einem

dauerhaften Rückgang des Preisniveaus,

der mit einer schrumpfenden Geldmenge

einhergeht. Deflation kann mehrere

Gründe haben.

■ Wachstum: Technologische Innovationen

lösen kräftige Wachstumsschübe aus.

Die Produktivität, also der Output je Kopf,

steigt. Wächst die Geldmenge nicht in gleichem

Maße wie die reale Produktion, stehen

für die Produkte weniger Geldeinheiten

zur Verfügung. Die in Geld gerechneten

Güterpreise sinken. Allerdings bewirkt der

Produktivitätsschub, dass auch die Kosten

je Produkteinheit zurückgehen. Sinken

Preise und Kosten in gleichem Maße, bleiben

die Gewinnspannen der Unternehmen

unverändert. Dies stabilisiert Investitionen

und Beschäftigung.

Deflation als Folge von Wachstum beteiligt

die Arbeitnehmer an den Früchten ihrer

Arbeit. Denn sie müssen weniger Geld für

die Güter ausgeben. Derzeit gibt es Wachstumsdeflation

vor allem bei modernen

Kommunikationsgeräten. Der technologische

Fortschritt drückt die Stückkosten und

die Preise von Computern, Tablets und

Smartphones nach unten. Der Versuch der

Zentralbanken, einer Wachstumsdeflation

durch die Ausweitung der Geldmenge entgegenzuwirken,

hat üble Folgen. Die Notenbanker

berauben nicht nur die Arbeitnehmer

der Chance auf steigende Realeinkommen.

Das zusätzlich in die Wirtschaft gepumpte

Geld löst zudem einen künstlichen

Boom aus, der später in eine Krise mündet –

so wie Anfang der Zweitausenderjahre. Damals

hätten die Verbraucherpreise wegen

der internetbasierten Produktivitätszuwächse

sowie der Globalisierung eigentlich

fallen müssen. „Durch die enorme Geldproduktion

des Bankensystems bei historisch

niedrigen Zinssätzen wurde dies verhindert“,

sagt Philipp Bagus, Ökonomieprofessor

an der Universität Rey Juan Carlos in

Madrid. „Die Folge waren zunächst

Dotcom- und Immobilienblase,

dann die Finanz- und Staatsschuldenkrise“,

erklärt Bagus.

■ Geldhortung: Die Preise fallen zudem,

wenn die Menschen Geld horten,

statt es auszugeben. Technisch

gesprochen sinkt die Umlaufgeschwindigkeit

des Geldes. Ein Grund

Video

In unseren App-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein Video

zur Deflation

Schnäppchenjäger

in Aktion

Kunden im Elektronikmarkt

dafür kann sein, dass die Menschen verunsichert

sind. Die Kaufzurückhaltung führt zu

sinkenden Preisen. Eine Hortungsdeflation

korrigiert sich meist von selbst. Die rückläufigen

Preise blähen den realen Geldbestand

der Bürger auf, ihre Neigung, Geld auszugeben,

steigt dadurch wieder. Geldinjektionen

der Zentralbank richten mehr Schaden als

Nutzen an. Sie stören den Selbstkorrekturmechanismus

und pumpen Preisblasen auf.

■ Kreditkontraktion: Am meisten gefürchtet

wird Deflation, wenn sie das Resultat einer

schrumpfenden Kredit- und Geldmenge ist.

Kreditkontraktionen treten im Gefolge von

Bereinigungskrisen auf, denen inflationäre

Boomphasen vorausgegangen sind. Das

derzeit herrschende Papiergeldsystem ist

besonders anfällig für solche Boom-Bust-

Zyklen. Weil die Banken nur einen kleinen

Teil ihrer Sichteinlagen durch Zentralbankgeld

decken müssen, können sie aus dem

vorhandenen Zentralbankgeld ein Vielfaches

an Krediten quasi aus dem Nichts produzieren.

Der Kredit landet als Buchgeld auf

dem Konto der Bankkunden. Die Ausweitung

von Geld und Kredit drückt die Zinsen

nach unten und löst so einen mit Fehlinvestitionen

gespickten Boom aus. Jüngstes Beispiel

dafür sind die Immobilienmärkte

in Amerika und der Euro-

Zone. Fehlinvestitionen hatten

dort Preisblasen und Überkapazitäten

aufgepumpt.

Zeigt sich, dass die Projekte

statt der erwarteten Gewinne Verluste

abwerfen, werden sie liquidiert.

Die Folge ist eine tiefe Rezession

mit einem Haufen notleidender

Kredite in den Bankbilanzen. „Die Banken

werden vorsichtiger und vergeben zurückgezahlte

Gelder nicht erneut, manche gehen

sogar bankrott“, sagt Bagus. Die Folge:

Das aus dem Nichts geschaffene Buchgeld

verschwindet im Nichts, die Kredit- und

Geldmengen schrumpfen, die Preise gehen

auf Talfahrt. Eine Deflation durch Kreditkontraktion

ist mithin nicht die Ursache der

Krise, sondern Teil der notwendigen wirtschaftlichen

Bereinigung.

Wer gewinnt, wer verliert

durch Deflation?

Sinkende Preise schmälern die Erlöse der

Verkäufer von Waren und Dienstleistungen.

Dagegen können Käufer günstiger zuschlagen.

Weil jeder Arbeitnehmer und jeder Unternehmer

sowohl als Käufer als auch Verkäufer

von Waren und Dienstleistungen (etwa

der eigenen Arbeitskraft) auftritt, entscheidet

das Ausmaß der Preisreduktion bei

den verschiedenen Gütern darüber, wer verliert

und wer gewinnt. Sinken die Einkaufspreise,

Verkaufspreise und Löhne in gleichem

Maße, ändert sich an den Gewinnspannen

der Unternehmen nichts. Auch die

Kaufkraft der privaten Haushalte bleibt unverändert.

Den sinkenden Lohneinkommen

stehen sinkende Lebenshaltungskosten gegenüber.

Gehen die Preise hingegen in unterschiedlichem

Maße zurück, werden Einkommen

und Vermögen zwischen Verkäu-

22 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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fern und Käufern umverteilt. An den realen

Produktionsmöglichkeiten der Volkswirtschaft

ändert sich dadurch jedoch nichts.

Deflation beeinflusst auch das Verhältnis

zwischen Schuldnern und Gläubigern.

Verlierer sind die Schuldner, deren Verbindlichkeiten

real aufwerten. Zur Gruppe

der Schuldner gehört der Staat, er ist in vielen

Ländern der größte Schuldner. Auf der

Gewinnerseite stehen hingegen die Gläubiger,

denn ihre Forderungen sind real

mehr wert. Entscheidend ist, ob die

Schuldner bei Deflation in der Lage sind,

ihre Außenstände zu begleichen. Das

hängt davon ab, ob ihre Einnahmen und

Ausgaben synchron schrumpfen. Ist das

der Fall, bleibt der Einnahmenüberschuss

stabil. So können sie ihre Schulden tilgen.

Schwierig wird es, wenn zwar die Einnahmen,

nicht aber die Ausgaben sinken.

Dann ist die Zahlungsfähigkeit gefährdet.

Abschreckendes Beispiel

Suppenküche für Arbeitslose

in den Dreißigerjahren

von rund 1,3 Millionen 1928 auf knapp 5,6

Millionen im Jahr 1932. Dem wirtschaftlichen

Absturz war eine gewaltige Kreditbonanza

vorausgegangen, deren Quelle die

extrem lockere Geldpolitik der US-Notenbank

Fed war.

Deutsche Unternehmen, Banken und die

Regierung deckten sich damals mit Krediten

in Amerika ein. Mit dem geliehenen

Geld finanzierten sie die Reparationsverpflichtungen,

den Ausbau des Sozialstaates

und das Handelsbilanzdefizit. Als die USA

nach dem Aktiencrash 1929 ihre Kredite

aus Deutschland abzogen, platzte hierzulande

die Kreditblase. Unternehmen und

Banken gingen bankrott, die Kreditvergabe

brach ein, die Menschen horteten ihr Geld,

die Preise gingen in den Keller. Weil die

Löhne wegen der starren Tarifverträge

nicht schnell genug folgten, kam es zu Massenentlassungen.

Historisch gesehen, war die Große Depression

jedoch eine Ausnahme, wie eine

Studie der US-Ökonomen Andrew Atkeson

und Patrick Kehoe zeigt. Die beiden Forscher

haben die Entwicklung in 17 Ländern

in der Zeit von 1820 bis 2000 analysiert.

Sie identifizierten insgesamt 73 Deflationsphasen,

von denen jedoch 65 (89 Prozent)

ohne Rezession verliefen. Selbst in

der Zeit der Großen Depression ging nur in

der Hälfte der untersuchten Länder die Deflation

mit einer Rezession einher. Die andere

Hälfte der Länder wies zwar Deflation,

aber keine Rezession auf.

Dass Deflation meist sogar mit Prosperität

einhergeht, zeigt das Beispiel der USA in

der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Damals herrschte in Amerika der Goldstandard,

und es gab große Produktivitätsschübe.

Die Ausbeutung der Goldminen

konnte mit der realwirtschaftlichen Expansion

nicht mithalten. Das ließ die Güterpreise

von 1865 bis 1896 um rund 27 Prozent

sinken, ein Minus von rund einem

Prozent pro Jahr. Dennoch wuchs die Wirtschaft

in dieser Zeit um über vier Prozent

jährlich.

Positive Erfahrungen mit der Deflation

machte auch Japan. Die Ende der Neunzigerjahre

einsetzende Deflation hat Japan

gerade keine verlorene Dekade beschert,

vielmehr wuchs die Wirtschaft ähnlich

kräftig wie die in Amerika und Europa.

Auch die These, die Japaner hätten sich

wegen der sinkenden Preise mit Güterkäufen

zurückgehalten, ist ein Märchen. Tatsächlich

ging die Sparquote der Japaner

von zehn Prozent Ende der Neunzigerjahre

auf aktuell 1,4 Prozent zurück. Shoppen

statt Sparen ist angesagt.

Entscheidend ist, dass die Deflation in

Japan mit 0,5 Prozent pro Jahr recht moderat

ausfiel. Dadurch konnten die Löhne

nach unten folgen, die Gewinnmargen

»

FOTOS: VISUM/JÖRG MÜLLER, ULLSTEIN BILD/SZ PHOTO

Führt Deflation zum wirtschaftlichen

Niedergang?

Viele Ökonomen verbinden Deflation mit

wirtschaftlichem Niedergang. Das ist vor

allem auf die traumatischen Erfahrungen

mit der Großen Depression Anfang der

Dreißigerjahre zurückzuführen. In der Zeit

von 1929 bis 1932 schrumpfte die deutsche

Wirtschaftsleistung um knapp 36 Prozent,

die Verbraucherpreise gingen zwischen

1929 und 1933 um insgesamt 23 Prozent

zurück. Die Zahl der Arbeitslosen kletterte

Menetekel GroßeDepression

Bruttosozialprodukt* und Konsumentenpreise**

in Deutschland

140

130

120

110

100

90

80

70

60

Bruttosozialprodukt

Konsumentenpreise

1925 1929 1932 1936

* 1925 = 100; ** 1913/14 = 100;

Quelle: Philipp Bagus

155

150

145

140

135

130

125

120

115

Wachstum trotzDeflation

Reales Bruttoinlandsprodukt und

Verbraucherpreisindex

in Japan*

Verbraucherpreise

Bruttoinlandsprodukt

2000 2005

* ohne Energie und Nahrungsmittel,

jeweils Veränderung gegenüber Vorjahr

in Prozent; Quelle: Commerzbank

6

4

2

0

-2

-4

-6

2010 13

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 23

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Politik&Weltwirtschaft

»

der Unternehmen nahmen zu. Der

deutsche Ökonom Arthur Salz erkannte

schon 1932, dass bei der Deflation, wie bei

so vielem im Leben, die Dosis das Gift

macht. In einem Aufsatz für „Der deutsche

Volkswirt“, der Vorgängerzeitschrift der

WirtschaftsWoche, schrieb Salz: „Es ist

aber das rasche und plötzliche starke Sinken

und Steigen der Preise, nicht etwa das

Sinken der Preise an sich, was die Störung

der ganzen Wirtschaft bedingt.“

Wie groß ist das

Deflationsrisiko derzeit?

Die Deflationswarner verweisen darauf,

dass die Teuerungsrate in der Euro-Zone

aktuell mit 0,7 Prozent gefährlich nahe an

der Null-Prozent-Marke liegt. In Ländern

wie Griechenland, Spanien und Portugal

sinken die Preise bereits. Die Deflation drohe

daher auf die gesamte Euro-Zone auszugreifen.

Zumal die Kreditvergabe an Private

seit geraumer Zeit schrumpft. Was die Kritiker

jedoch übersehen: Die Deflation in den

Krisenländern ist Teil der erforderlichen Bereinigung

nach den inflationären Übertreibungen

vor der Krise. Ohne sinkende Löhne

und Preise können Griechenland und

Co. nicht wettbewerbsfähig werden. Denn

in der Währungsunion steht ihnen das Mittel

der Abwertung ihrer Währung nicht

mehr zur Verfügung.

In den meisten Euro-Krisenländern waren

die Löhne erstaunlich flexibel. So gelang

es Spanien, die Lohnstückkosten seit

2009 um rund sieben Prozent zu senken, in

Irland gingen sie um neun Prozent, in Griechenland

um 15 Prozent zurück. Die Unternehmen

dort verfügen daher noch über

viel Spielraum, die Preise zu senken.

Dass die Kreditvergabe in den Krisenländern

schrumpft, ist ebenfalls Teil der

notwendigen Korrektur. Viele Unternehmen

und Bürger sind überschuldet.

Sie müssen alte Kredite zurückzahlen,

statt neue aufzunehmen. Die Sorge, die

Krisenländer könnten die Währungsunion

in die Deflation treiben, ist unbegründet.

Zum einen wächst die Geldmenge in der

Euro-Zone nach wie vor, die eng gefasste

Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen)

expandierte zuletzt mit einer Rate

von 5,6 Prozent. Zudem boomt die Konjunktur

in den nördlichen Ländern, allen

voran in Deutschland. Hohe Tarifabschlüsse

lassen die Lohnstückkosten

hierzulande kräftig steigen. Mittelfristig

sind also in Deutschland und in anderen

Ländern im Norden der Euro-Zone steigende

Inflationsraten zu erwarten. Das

wird die Produkte und Dienstleistungen

der Krisenländer zunehmend attraktiv für

die Nordländer machen. Die steigende

Nachfrage wirkt dem Abrutschen der

Preise entgegen.

Kreditvergabe schrumpft

Kredite an nichtfinanzielle

Unternehmen*

Italien

Febr.2004 2009

Euro-Zone

* Veränderung zum Vorjahr in Prozent;

Quelle: IKB

Spanien

Febr.2014

Krisenländerwerdenbilliger

Lohnstückkosten, 2007 = 100*

120

115

110

105

100

95

90

2007 09 11 13 15

* 2014 und 2015: Prognose;

Quelle: EU-Kommission

35

25

15

5

-5 0

-15

Deutschland

Portugal

Spanien

Irland

Griechenland

Blick nach oben Spaniens Autobauer sind

dank sinkender Löhne wieder gefragt

Was steckt hinter den

Deflationswarnungen?

Politiker und Zentralbanker erwecken den

Eindruck, als ginge es darum, eine gefährliche

Abwärtsspirale der Wirtschaft zu verhindern.

Tatsächlich stecken jedoch andere

Motive hinter den Deflationswarnungen.

Mit alarmistischem Tonfall soll in der

Öffentlichkeit der argumentative Boden

bereitet werden, auf dem die EZB dann unter

dem Deckmantel der Deflationsbekämpfung

eine Inflationspolitik betreiben

kann. Deren Ziel ist, die überbordenden

Staatsschulden abzuschmelzen.

In der Finanzkrise haben die Regierungen

gigantische Schuldenberge angehäuft.

Derzeit belaufen sie sich im Schnitt

der Euro-Zone auf 93 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Legen Preise und Löhne

den Rückwärtsgang ein, gehen die Einnahmen

des Fiskus aus Mehrwert- und

Einkommensteuer auf Talfahrt. Dagegen

sind die meisten Sozialausgaben durch

Leistungsgesetze festgezurrt. Sie abzuspecken

ist politisch äußerst schwierig.

Eine Deflation würde die Staatshaushalte

daher noch tiefer in die roten Zahlen

rutschen lassen.

Dazu kommt, dass sinkende Preise die

Wachstumsrate des nominalen Bruttoinlandsprodukts

(BIP) nach unten drücken.

Das lässt die Schuldenlast in Relation zum

BIP steigen – für die ohnehin wachstumsschwachen

Krisenländer im Süden der

Währungsunion wäre das ein Desaster. In

einer aktuellen Studie haben Ökonomen

des Analyseinstituts Oxford Economics

ausgerechnet, dass bei einer jährlichen Deflation

von einem Prozent die Schuldenquoten

Spaniens, Italiens und Portugals bis

2024 um 30 bis 40 Prozent über das Niveau

kletterten, das sie bei einer jährlichen Inflation

von 1,5 Prozent erreichen.

Besonders hart träfe es Italien. Die

Schuldenlast des Mittelmeerlandes kletterte

von derzeit 140 auf rund 166 Prozent im

Jahr 2024. Anleger könnten aus Angst vor

einem Schuldenschnitt einen großen Bogen

um die Südländer machen. Die Folge:

steigende Zinsen, sinkende Investitionen

und weniger Wachstum. Daher kann es

nicht wundern, dass vor allem Politiker

und Zentralbanker aus dem Süden der Euro-Zone

Deflationsängste schüren. So soll

die EZB gedrängt werden Staatsanleihen

zu kaufen und die verschuldeten Haushalte

mit der Notenpresse zu finanzieren.

»

FOTO: VISUM/PANOS PICTURES/ALFRED CALIZ

24 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Mark Zandi

»Gefährliche Preisspirale«

Der Chefökonom des US-Finanzinstituts Moody’s Analytics rechnet mit einer niedrigen Inflation in den

Euro-Ländern und erwartet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) aggressiv gegen die Euro-Stärke vorgeht.

Herr Zandi, Portugal und Griechenland

können sich wieder Geld am Kapitalmarkt

leihen. Ist das Vertrauen der

Finanzmärkte in die Euro-Länder

zurückgekehrt?

Die Lage in der Euro-Zone hat sich tatsächlich

entspannt. Investoren und

Konsumenten sind optimistischer. In

einigen Peripherieländern sind Reformen

passiert, nicht so umfangreich wie

gewünscht, aber es gibt Fortschritte.

Wie gefährlich ist die niedrige Inflation

in den Euro-Ländern?

Vor allem die südlichen Länder Europas

haben mit der niedrigen Inflation ein

Problem. Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit

von durchschnittlich zwölf Prozent

setzt die Preise massiv unter Druck.

Spanien steckt in einer gefährlichen

Preisabwärtsspirale. Hier haben wir es

bereits mit einer handfesten Deflation zu

tun. Ich rechne damit, dass die Inflation

in der Euro-Zone auch in den kommenden

Monaten niedrig bleiben wird und

nicht nur ein Ostereffekt war, wie Mario

Draghi, Präsident der Europäischen

Zentralbank, Mitte April behauptet hat.

Was ist der Grund für diese Annahme?

Die niedrige Inflation hat fundamentale

Gründe. Außer der hohen Arbeitslosigkeit

ist vor allem die stockende Kreditvergabe

in den südlichen Euro-Ländern

ein Problem. Die niedrige Inflation und

der hohe Euro-Wechselkurs sind eine

Gefahr für eine weitere wirtschaftliche

Erholung im Euro-Raum.

Welche Rolle spielt der starke Euro?

Der hohe Euro-Wechselkurs von 1,38

oder 1,39 Euro zum Dollar funktioniert

für Deutschland, aber nicht für die anderen

Euro-Länder, vor allem nicht für die

Länder im Süden. Ich erwarte zwar, dass

durch die Geldpolitik der US-Notenbank,

Fed, die ihre Anleihekäufe Monat

für Monat reduziert, der Euro bis Ende

des Jahres bei 1,30 zum Dollar stehen

wird. Bis Ende 2015 rechne ich mit einem

Euro-Dollar-Wechselkurs von 1,25.

Doch das ist immer noch zu hoch. Die

EZB muss deshalb aggressiver gegen den

DER ANALYST

Zandi, 54, ist Chefökonom der US-Finanzfirma

Moody’s Analytics und Wirtschaftsberater

von US-Präsident Barack Obama.

starken Euro und die anhaltend niedrige

Inflation vorgehen. Ich rechne damit, dass

sie darauf spätestens in der zweiten Jahreshälfte

mit neuen geldpolitischen Lockerungen

reagieren wird. Dafür gibt es im

Übrigen noch einen weiteren Grund.

Welchen?

Der Stresstest, den die EZB derzeit bei den

größten europäischen Banken durchführt,

führt zu einem großen Druck auf die Finanzinstitute.

Banken werden weniger

Kredite vergeben können, weil sie im Zuge

des Stresstests Assets verkaufen, um ihre

Bilanzen zu bereinigen. Sinkt die Kreditvergabe

in den Euro-Ländern aber noch

weiter, hat das negative Folgen für das

Wachstum. Und anders als in den USA gibt

es in Europa kaum andere Quellen der Finanzierung

außer über die Banken. Wenn

also das Wachstum in den Euro-Ländern

wegen der weiter nachlassenden Kreditvergabe

der Banken stockt, dann ist das

ein Grund für die EZB, geldpolitisch einzugreifen

– vor allem dann, wenn der Euro

immer noch bei 1,37 zum Dollar steht. Ich

rechne deshalb damit, dass Draghi schon

vor der Bekanntgabe der Stresstestergebnisse

im Herbst eingreifen wird. Er bereitet

die Märkte ja derzeit intellektuell mit Worten

darauf vor. Quantitative Easing würde

den Euro drücken, die Banken könnten

sich billiger rekapitalisieren.

Rechnen Sie damit, dass auch die EZB

ein Anleihe-Ankaufprogramm startet, so

wie es die US-Notenbank getan hat?

Der Kauf von Wertpapieren wie Staatsanleihen

und Hypothekenpapieren, wie

es die US-Notenbank tut, ist schwierig

für die EZB. Da kommen nicht nur rechtliche

Probleme auf, wie die Frage, ob die

EZB damit Staatsfinanzierung betreibt.

Zudem ist unklar, ob das Geld, welches

die EZB über den Ankauf von Staatsanleihen

den Banken zukommen lässt, tatsächlich

in der Realwirtschaft ankommt,

also ob damit die Kreditvergabe angekurbelt

wird.

Welche geldpolitischen Instrumente

kämen dann infrage?

Eine Möglichkeit wären zum Beispiel

Covered Bonds, gedeckte Schuldverschreibungen.

Der Markt hat derzeit ein

Volumen von rund einer Billion Euro. Es

gab ja bereits zwei Programme zum Ankauf

solcher Papiere durch die EZB, um

den Refinanzierungsproblemen der

Banken entgegenzuwirken.

Was erwarten Sie von dem Banken-

Stresstest, den die Europäische

Zentralbank gerade bei den 128 größten

Banken durchführt?

Es hat seit der Euro-Krise drei Stresstests

gegeben, die alle nicht genügten. Mehr

als fünf Jahre nach der Krise sinkt die

Kreditvergabe in den Euro-Ländern immer

noch. Deshalb ist dieser Stresstest

sehr wichtig. Dieses Mal scheint er in die

richtige Richtung zu gehen. Die Banken

fangen an, sich über die Härte des Tests

zu beschweren. Das ist ein gutes Zeichen

dafür, dass die Prüfer hart zur Sache gehen.

Ein wunder Punkt an der angestrebten

zentralen europäischen Bankenaufsicht

ist der Bail-out-Fonds. Der ist mit

55 Milliarden Euro viel zu klein. Hier

müssen die Politiker noch nachlegen. Es

ist ein großes Risiko für die Euro-Länder,

sollten die Banken nicht über genügend

Kapital verfügen.


angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: BLOOMBERG NEWS/ANDREW HARRER

26 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Was wird die EZB gegen

die Deflation tun?

Auch wenn das Risiko einer ausgewachsenen

Deflation gering ist, könnte die EZB die

Geldschleusen weiter öffnen. Das dürfte

der Fall sein, wenn die Kreditvergabe weiter

schrumpft. Weil das Papiergeldsystem

auf Kreditwachstum beruht, könnte eine

Kontraktion der Kredite dessen Fundament

hinwegspülen. In der Logik der Regierungen

und Zentralbanker gibt es daher

nur eine Gegenreaktion: Die Kreditvergabe

muss wieder in Gang gesetzt oder durch

gewaltige Liquiditätsspritzen aus der Ampulle

der Notenbank ersetzt werden.

So diskutieren die Währungshüter derzeit

darüber, den Zinssatz für Einlagen der

Banken bei der EZB in den negativen Bereich

zu drücken. Das soll die Banken dazu

bewegen, mit dem Geld der Zentralbank

Kredite zu vergeben, statt es auf den Konten

bei der EZB zu horten. Zudem erwägen

die Euro-Hüter, den Markt für verbriefte

Kredite an Unternehmen zu beleben.

Ebenfalls in der Diskussion sind vergüns-

DieGeldschwemmeebbtab

Bilanzsumme der EZB

(in Billionen Euro)

31.1.2007 2010 31.3.2014

Quelle: Bloomberg

3,5

3,0

2,5

2,0

1,5

1,0

0,5

tigte Geldleihgeschäft, die an die Bedingung

geknüpft sind, dass die Banken mit

dem Geld der EZB Kredite an Unternehmen

in den Krisenländern vergeben.

Ob das ausreicht, die Kreditvergabe anzukurbeln,

ist fraglich. Daher könnte die EZB

versuchen, frisches Geld auf direktem Wege

in die Wirtschaft zu pumpen. Dazu könnte

sie Wertpapiere von Nichtbanken kaufen.

Die Banken schreiben den Verkäufern den

Erlös auf deren Konten gut. So entsteht zusätzliches

Geld. Die wachsende Geldmenge

0

könnte als Nebeneffekt den Euro auf Talfahrt

schicken. Das verteuerte die Importe

und kurbelte die Inflation an. Das Problem

ist nur: Durch Wertpapierkäufe drückte die

EZB die Zinsen weiter nach unten und löste

einen neuen Boom mit Fehlinvestitionen

aus. Die Wirtschaft taumelte von einem

Boom-Bust-Zyklus zum nächsten.

Um dies zu vermeiden, müsste das Geldsystem

auf eine neue Basis gestellt werden.

Geld müsste wieder werden, was es ursprünglich

war: ein durch Gold oder andere

Edelmetalle gedecktes Tauschmittel. Banken

könnten Kredite nur vergeben, wenn

diese durch entsprechende Ersparnisse gedeckt

sind. Ein zu 100 Prozent real gedecktes

Geld kann sich – anders als das Buchgeld im

Papiergeldsystem – nicht in Luft auflösen.

Eine Deflation durch Kreditkontraktion

kann es dann nicht mehr geben. „In einem

vollgedeckten Warengeldstandard ist Preisdeflation

vollkommen harmlos und das

Symptom eines starken Wirtschaftswachstums

oder einer erfolgreichen Kassenbildung“,

sagt Ökonom Bagus.


malte.fischer@wiwo.de

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Politik&Weltwirtschaft

GELDANLAGE

Aus Mini wird Maxi

Sinkende Preise und Zinsen treffen Anleger. So wehren sie sich.

Die Lebenshaltungspreise in der Euro-

Zone sind im April gegenüber Vorjahr um

0,7 Prozent gestiegen, in Deutschland lag

das Plus bei 1,3 Prozent. Beide Werte liegen

weit unter zwei Prozent, dem von der

Europäischen Zentralbank (EZB) angestrebten

Wert. Zwar sieht EZB-Präsident

Mario Draghi noch keine Deflationsgefahr

für die gesamte Euro-Zone, dennoch

bereitet sich die EZB auf eine weitere Lockerung

der Geldpolitik für den Fall vor,

dass der Preisrückgang in den Euro-Krisenländern

anhält. Anleger in Deutschland

sollten sich also auf allenfalls moderate

Preisanstiege und auf niedrige oder

sogar fallende Zinsen einstellen.

Tages- und Bargeld sind deshalb wenig

aussichtsreich. Der Zinsertrag ist gering.

Nur wenn Preise und Löhne tatsächlich

fallen, würde sich ein höherer Realzins

einstellen. Allerdings drohten bei Banken

dann Kreditausfälle, weil Schuldner ihre

fixen Raten nicht mehr zahlen könnten.

Wenn die Zinsen niedrig bleiben oder

weiter sinken, sollten Zinsanleger längere

Laufzeiten wählen, etwa mit Festgeld

Das Anti-Deflations-Depot

und Anleihen. Börsennotierte Anleihen

bringen Anlegern bei sinkenden Zinsen

Kursgewinne. Je länger die Restlaufzeit,

desto größer der Gewinn. Geben zusätzlich

noch die Preise nach, kämen Anleger real

auf besonders hohe Erträge. Auch hier gilt:

Die Anleihen stark verschuldeter Unternehmen

oder Festgelder von schwachbrüstigen

Banken wären bei Deflation nicht empfehlenswert,

da Schuldner in Zahlungsschwierigkeiten

kommen könnten: Unternehmensanleihen

wären schneller vom Ausfall

bedroht, Banken könnten über vergebene

Kredite in Schieflage geraten.

So würde es Immobilieneigentümern bei

Deflation schwerer fallen, Hypothekenkredite

zurückzuzahlen. Die Monatsraten

würden immer mehr Einkommen aufzehren.

Im Extremfall könnte dies Immobilien

insgesamt schaden: Käme es gehäuft zu

Zwangsversteigerungen, würden Wertverluste

drohen. Allenfalls niedrige Kreditzinsen

könnten Käufer locken.

Anleger mit einer Lebensversicherung

würden von sinkenden Zinsen profitieren –

aber nur kurz. Lebensversicherer legen fast

Mit diesen Investments sind Anleger für eine Phase sinkender Preise und Zinsen gerüstet

Anleihen

Emittent

Bundesrepublik Deutschland

Europäische Investitionsbank

Deutsche Bahn

Aktien

Unternehmen (Branche)

Hannover Rück (Versicherung)

Hochtief (Bau)

Sanofi (Pharma)

SAP (Software)

Unilever (Nahrung, Haushalt)

Gold

Anlage

Anlagemünze, 1 Unze

1 in Prozent; 2 in Prozent pro Jahr (Dividendenrendite: geschätzt für 2014); 3 in Euro;

Quelle: Morgan Stanley, Bloomberg, eigene Recherche; Stand: 29. April 2014

ISIN

DE0001102341

XS0752034206

XS1045386494

ISIN

DE0008402215

DE0006070006

FR0000120578

DE0007164600

NL0000009355

Name

Krügerrand

Kurs 1 /

Rendite 2

102,61/2,4

119,49/2,6

102,89/2,5

Kurs 3

67,34

67,28

77,18

57,71

30,85

Kurs 3

967,00

Laufzeitende

15.8.2046

14.3.2042

19.3.2029

Dividendenrendite

2

4,4

2,6

3,8

1,8

3,5

80 Prozent der Kundengelder zu festen

Zinsen an. Auch die Kurse der von ihnen

gehaltenen Anleihen steigen bei sinkenden

Zinsen. Bislang werden Kunden bei

Kündigung oder Vertragsende an Kursgewinnen

zur Hälfte beteiligt; die Regierung

plant jedoch eine Abschaffung dieser

Beteiligung. Mittel- bis langfristig würden

niedrige Zinsen den Versicherten so

oder so massiv schaden. Neu investiertes

Geld könnten Versicherer nur noch zu

Niedrigstrenditen anlegen. Ihren Altkunden

haben sie jedoch bis zu vier Prozent

Zins auf die um Kosten geminderten Beiträge

versprochen. So viel würden die

Versicherer nicht mehr erwirtschaften. Im

Extremfall könnten sie Zusagen nicht einhalten.

Schon vorher würden Kunden mit

niedrigeren Zinszusagen benachteiligt.

AKTIEN? JA! ABER DIE RICHTIGEN

Solange die Preise nicht stark fallen, sind

Aktien eine gute Wahl. Die niedrigen Renditen

anderer Anlagen machen sie attraktiv.

Da die Notenbanken für Geldzufluss

sorgen, gibt es viele Käufer. Erst wenn die

Preise deutlich nachgeben und Deflation

der Konjunktur schadet, würde das auch

Aktien treffen. Unternehmen könnten Absatzprobleme

bekommen, wenn Kunden

ihre Käufe in Hoffnung auf niedrigere

Preise verschieben. Oft lassen sich auch

Produktionskosten nicht schnell genug

senken; Gewinnmargen würden sinken.

Selbst in solch einem Umfeld dürften sich

einige Branchen aber gut schlagen. Es

sind Unternehmen, die Zulieferern ihre

Bedingungen diktieren können und deren

Produkte die Kunden dringend oder

zwingend brauchen: Pharma- oder Nahrungsmittelindustrie,

aber auch Rückversicherer.

Starke Marken oder gehaltene

Patente helfen ihnen. Hohe Exportanteile

sichern ab, solange Preisrückgänge regional

begrenzt bleiben.

Gold wäre auch bei Deflation attraktiv.

Das Edelmetall hängt an keinem Zahlungsversprechen,

sodass kein Schuldner

ausfallen kann. Die laufenden Kosten des

Goldinvestments – entgangene Zinsen –

wären minimal. Außerdem dürfte Gold als

Krisenversicherung profitieren. Nur das

allgemein sinkende Preisniveau könnte

den Goldpreis drücken.

Unsere Tabelle zeigt empfehlenswerte

Geldanlagen für Zeiten mit sinkenden

Preisen und Zinsen.


niklas.hoyer@wiwo.de

28 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

COMEBACK-CHRISTIAN

Lindner, 35, war Nachwuchshoffnung der

FDP in NRW, dann im Bund, nahm aber als

Generalsekretär Reißaus. Er sammelte sich,

reüssierte in Düsseldorf, und als die Bundestagswahl

verloren ging, stand er zuerst

vor den Mikrofonen. Heute ist er Parteichef.

»Das ist rechtswidrig«

INTERVIEW | FDP-Chef Christian Lindner will die Europäische

Union radikal verschlanken und keine Angst vor der AfD haben.

Sie setzen sich ziemlich niedrige Ziele.

Sicher nicht. Aber jeder Realist weiß doch,

dass man für die Wiederaufrichtung einer

Partei Zeit braucht.

Die von Ihnen zitierte Unzufriedenheit im

konservativen Lager bringt bisher nichts.

Abwarten. 19 Prozent der Wähler in

Deutschland sagen: Es braucht die FDP als

marktwirtschaftliches Korrektiv. Die

schauen jetzt, in welche Richtung die Partei

sich entwickelt. Geht sie nach links, um

sich beim Zeitgeist der Umverteilung, des

übertriebenen Ökofimmels und der Staatsfixierung

anzudienen? Machen wir nicht!

Jetzt schauen sie, ob wir nach rechts gehen

und nach jedem populistischen Strohhalm

greifen. Auch das passiert nicht. Der Weg

der Prinzipienfestigkeit, der Aktualisierung

einer Politik, wie sie Otto Graf Lambsdorff,

Gerhart Baum oder Hans-Dietrich Genscher

heute machen würden, ist das Ziel.

Christian Lindner als Inkarnation der

liberalen Dreifaltigkeit?

Sie haben Humor. Ich spreche vom Profil

einer liberalen Partei, das Marktwirtschaft,

Bürgerrechte und Weltoffenheit verbindet.

Was fehlt, damit die Wähler anbeißen?

Es braucht Zeit, aber die große Koalition

hilft. Das Rentenpaket ist Ausdruck der

Happy-Hour-Mentalität von Union und

SPD: Eine Generation wird beschenkt, alle

anderen leiden. Dagegen wenden wir uns,

ohne aber Rente mit 63, 67 oder 70 zu fordern.

Ich halte das für gestrig, die Lebenslagen

unterscheiden sich viel zu stark. Wir

wollen mehr Selbstbestimmung wagen

und den individuellen Renteneintritt zwischen

Arbeitgeber und Arbeitnehmer aushandeln

lassen. Wie in Schweden.

Deutschland geht’s gut. Können wir uns

die Geschenke vielleicht einfach leisten?

Das Skandalöse an den Rentengesetzen ist,

dass die Koalition nur wenige Tage gebraucht

hat, um dieses teure Paket zu beschließen,

und gleichzeitig jetzt das Dämpfen

der kalten Progression schon wieder

absagt. Dabei wäre jetzt der Zeitpunkt, um

den Bürgern etwas zurückzugeben.

Wir notieren: Das Tabuthema Steuerpolitik

ist zurück. Ganz schön gewagt nach

der vergangenen Legislaturperiode.

Herr Lindner, auf 4,8 Prozent kam die FDP ter, wo Schröder und Fischer den Maastricht-Vertrag

gebrochen haben. Wer die

bei der Bundestagswahl, das klang nach

Untergang. Wie viel brauchen Sie bei der FDP wählt, sendet ein Signal für solide Finanzen.

Mit dieser Haltung wenden wir

Europawahl, um wieder Land zu sehen?

Natürlich wollen wir ein respektables Ergebnis.

Bevor man Wahlziele nennt, sollte schaftler unter den Unions-Wählern.

uns aktiv an die enttäuschten Marktwirt-

man aber über Inhalte sprechen. Die große Ein schlechteres Ergebnis als 2013 wäre

Koalition veranstaltet ein politisches Erntedankfest,

und Wolfgang Schäuble hat Ich bin gleichermaßen entspannt wie opti-

dennoch eine persönliche Niederlage.

schon wieder Verständnis für zu hohe mistisch. Klar ist aber, dass wir im Jahr 2014

Schulden in Frankreich. Die machen wei- noch lernen, wo die FDP steht.

»

FOTO: LAIF/OLIVER TJADEN

30 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

FOTO: LAIF/OLIVER TJADEN

»

Wenn selbst der DGB die Forderung

nach Dämpfung der kalten Progression

von der FDP übernimmt, dann werde ich

da kein Schweigegelübde ablegen.

Stellen Sie vielleicht auch noch den

ausgeglichenen Staatshaushalt infrage,

um das zu bezahlen?

Wir haben seit 2010 strukturell höhere

Steuereinnahmen, nicht nur konjunkturell.

Das zeigt die steigende Steuerquote. Deshalb

sollte nach der schwarz-gelben Finanzplanung

2015 mit der Tilgung von Altschulden

begonnen werden, bei gleichzeitiger

Bekämpfung der kalten Progression.

Das ist abgesagt, um Wahlgeschenke zu

verteilen.

Und die Rentenkasse füllen wir ab

2017 auf Pump? Oder müsste man die

Schuldenbremse verschärfen?

Auf das Rentenpaket sollte man verzichten.

Die Schuldenbremse muss weiterentwickelt

werde. Die Sozialversicherungen

müssen einbezogen werden, damit sich so

ein Griff in die Sozialkassen nicht wiederholen

kann. Versicherungsfremde Leistungen

dürften nicht mehr den Beitragszahlern

aufgeladen werden.

Genügt das, um bei der Europawahl Erfolg

zu haben?

Zunächst mal ist das in der Sache richtig.

Europa braucht eine Partei für solide

Staatsfinanzen. Das ist die FDP. Europa hat

seit 2010 Fortschritte bei der Konsolidierung

gemacht. Jetzt wird dieser Kurs von

Deutschland verlassen: Rente mit 67 –

rückabgewickelt. Bankenunion in Europa –

führt dazu, dass am Ende wieder der Steuerzahler

haftet.

Was gefällt Ihnen bei der Bankenrettung

nicht?

Ich will gar keine staatliche Bankenrettung

mehr, weil das eine Perversion der Marktwirtschaft

ist. Um das konsequent zu machen,

gehört ein Verbot der Bankenrettung

in die Verfassungen. Wenn die Finanzmärkte

rechtzeitig wissen, ab dem Zeitpunkt

X darf der Staat uns nicht mehr beispringen,

wird sich das Geschäftsgebaren

heute schon ändern.

Sie wollen mehr Europa. Aber will das

auch die Bevölkerung?

Die Bevölkerung will Schutz gegen kommerzielle

Datensammler. Die Leute wollen

weniger für Energie zahlen. Und sie

wollen sich frei in einem Raum ohne Grenzen

bewegen. Das ist eine europäische

Freiheitsordnung, wie ich sie vor Augen

habe. Es ist kein Europa, das als paternalistische

Superbehörde in unseren Alltag

hineinregiert.

Diese Grundfreiheiten sind

doch leidlich erfüllt. Mehr

Europa wollen in Wahrheit die

wenigsten Bürger. Sie wollen

nicht die französische Industriepolitik,

den britischen

Arbeitsmarkt, die italienische

Steuerpolitik.

Was wir brauchen, ist mehr Subsidiarität.

Es darf da auch kein Tabu sein, Zuständigkeiten

aus Brüssel zurück in die nationale

Hand zu holen. Mehr Europa brauchen wir

bei der kollektiven Sicherheit und als gemeinsame

Antwort auf NSA und Google.

Ich sehe zudem große Chancen durch einen

europäischen Energie-Binnenmarkt.

Das wäre Notwehr für die Bürger gegen

den aberwitzigen deutschen Alleingang

mit Dauersubventionen und der einseiti-

»Herr Lucke will

nur den Hörsaal

gegen den Plenarsaal

tauschen«

gen Fixierung auf Klimaschutz zulasten

von Arbeitsplätzen.

In der Energiepolitik rufen Sie Brüssel

gegen die Energiewende zu Hilfe?

Ja, da will ich Binnenmarkt. Erklären Sie

mir doch bitte, warum dürfen wir Bücher

in Luxemburg bestellen, aber keinen

Strom? Das würde die Stromrechnung der

Haushalte halbieren. Das will ich.

Hätten Sie das nicht alles im Wahlkampf

für die Bundestagswahl fordern müssen?

Ja. Aber die Europawahl ist wichtiger, als

viele meinen. Es wird diskutiert, ob bei den

Rettungsschirmen in Zukunft das Parlament

mitentscheiden soll. Dann würde die

Mehrheit der Nehmerländer über die Geberländer

entscheiden! Wer das verhindern

will, dem bleibt die FDP.

...oder die AfD.

online

Die Langfassung des

Interviews ab 5. Mai

unter wiwo.de/Lindner

Wer das denkt, der täuscht sich.

Herr Lucke will nur den Hörsaal

gegen den Plenarsaal tauschen,

um dort seine vermeintlichen

Einsichten zu verbreiten. Gestalten

will er ja nicht, er hat schon

angekündigt, dass er sich keiner

Fraktion anschließen will.

Aber freut es Sie nicht, wenn es möglichst

viele Euro-Kritiker ins Parlament schaffen,

damit das Gegengewicht gegen die

Umverteilungszentralisten größer wird?

Nein. Es geht um Gestaltung und nicht nur

um Kritik. Das Ergebnis wäre das gleiche

wie in Deutschland: eine große Koalition,

die Politik links der Mitte veranstaltet. Es

fehlt dann das gestaltende Korrektiv. Wer

AfD wählt, erhält eine schrille Stimme

mehr im Parlament, aber die Entscheidungen

werden dann anderswo getroffen.

Die Vertreter der etablierten Parteien im

Europaparlament wollen aber allesamt

die Macht der EU ausbauen – schließlich

wächst damit ihre persönliche Macht.

Nein. Da will ich differenzieren. Es gibt eine

unkritische „Mehr-Europa-ist-immergut-Fraktion“,

die ist größer als in den nationalen

Parlamenten. Aber für die Liberalen

von Olli Rehn über Neelie Kroes bis zu

unserem Spitzenkandidaten Alexander

Graf Lambsdorff nehme ich in Anspruch,

dass wir für Subsidiarität stehen.

Brauchen wir auch weniger Kommissare?

Selbstverständlich. Nämlich nur so viele,

wie es die Verträge vorsehen: zwei Drittel

der Anzahl der Mitgliedstaaten. Im Moment

haben wir einen Kommissar pro

Land, das ist ein rechtswidriger Zustand!

Und bei den Mitgliedstaaten, sehen Sie

da wenigstens noch Wachstumschancen?

Wir erleben eine Struktur- und Identitätskrise

in Europa. Da können wir erst mal

keine neuen Mitglieder gebrauchen.

Gerade im Angesicht des Konflikts mit

Moskau setzen einige Staaten wie Moldau

große Hoffnungen auf eine europäische

Perspektive.

Ich bin dafür, dass wir eine Politik der Partnerschaft

verfolgen, aber Beitritte erst mal

zurückstellen.

Und was ist mit laufenden Verhandlungen

wie mit der Türkei?

Wenn man hört, wie Herr Erdogan sich

gegenüber unserem Bundespräsidenten

geäußert hat, dann ist klar, dass er unser

Verständnis von Menschenrechten und

Meinungsfreiheit nicht teilt. Bei den Beitrittsverhandlungen

sollte man Herrn Erdogan

eine Besinnungspause gönnen. n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin, konrad fischer

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 31

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Politik&Weltwirtschaft

Teamgeist gesucht

GEWERKSCHAFTEN | Der Deutsche Gewerkschaftsbund stellt sich

personell neu auf – die strukturellen Probleme bleiben.

Und es war Sommer

Der scheidende

DGB-Chef (rechts)

mit Nachfolger

Reiner Hoffmann

zelgewerkschaften auf eine Linie einzuschwören.

Während der Wirtschaftskrise

kamen zündende Ideen vor allem von der

IG Metall. Beim Mindestlohn hat sich der

DGB zwar profilieren können, aber auch

erst, als IG Metall und IG BCE ihren Widerstand

aufgaben. Dass die Energiewende

zum industriepolitischen Problem wird,

hat der Verband lange Zeit verschlafen.

Manche Probleme sind freilich systemimmanent:

Die dominanten Gewerkschaften

IG Metall und Verdi scheren sich häufig

nicht um Befindlichkeiten ihres Dachverbands.

Trotz einer DGB-Organisationsreform

vor einigen Jahren gibt es noch Abgrenzungsprobleme

und Doppelarbeiten.

Der DGB dürfe „nicht auftreten wie die

neunte Einzelgewerkschaft“, heißt es in der

IG BCE. Auch Hoffmann kritisiert intern

„Kopfgeburten“ wie einen rund 100000 Euro

teuren wissenschaftlichen Kongress in

Berlin, der inhaltlich und von den Teilnehmern

her fast identisch war mit einer Veranstaltung

der IG Metall wenige Monate später.

Über mangelnden Zuspruch aus der

Politik kann sich der Deutsche Gewerkschaftsbund

(DGB) nicht beklagen.

Wenn sich ab Sonntag kommender

Woche 400 Delegierte zum DGB-Bundeskongress

auf dem Berliner Messegelände

einfinden, hält Bundespräsident Joachim

Gauck die Festrede, auch von den Parteien

haben sich diverse Spitzenpolitiker angekündigt.

Auf der sechs Tage währenden

Veranstaltung wollen die Gewerkschaften

ihre politischen Leitlinien der kommenden

vier Jahre festzurren – und eine neue DGB-

Führung wählen. Nach zwölf Jahren im

Amt tritt Michael Sommer ab, auf ihn folgt

der Chemiegewerkschafter Reiner Hoffmann

(siehe Dossier Seite 34).

Mit dem DGB übernimmt Hoffmann allerdings

einen angeschlagenen Tanker. Die

vergangenen vier Jahre liefen nicht übermäßig

gut für den Dachverband von acht

Einzelgewerkschaften. Gelähmt von internen

Grabenkämpfen konnte der fünfköpfige

Geschäftsführende Bundesvorstand

(GBV) kaum Impulse setzen, vor allem die

Ex-Vorstände Claus Matecki und Ingrid

Sehrbrock galten vielen als Fehlbesetzung.

„An der DGB-Spitze herrschte ein Klima

des Misstrauens. Da fehlte jeder Teamgeist“,

tönt es etwa aus der IG BCE.

Die atmosphärischen Probleme an der

Spitze schlugen sich auch in der inhaltlichen

Arbeit nieder. Zwar habe „der DGB in

den vergangenen Jahren dazu beigetragen,

das Verhältnis zwischen Gewerkschaften

und Politik zu verbessern“, lobt Hagen

Lesch, Gewerkschaftsexperte beim Institut

der deutschen Wirtschaft. Das Verhältnis

von Sommer zu Bundeskanzlerin Angela

Merkel etwa war weit besser als zuvor zu

SPD-Kanzler Gerhard Schröder. Trotzdem

habe „der DGB in den vergangenen Jahre

politisch kaum etwas bewegt“, sagt Lesch.

Sommer schaffte es nicht, bei strittigen

Themen – etwa der Tarifeinheit – alle Ein-

Sieger und Verlierer

Mitgliederzahl der DGB-Gewerkschaften*

Ver.di

2064500

(+0,16 %)

DGB

gesamt

6142700

(-0,14 %)

IG Metall

2265900

(+0,1%)

IG Bergbau, Chemie,

Energie 663800 (-0,78 %)

IG Bauen-Agrar-Umwelt

288400 (-3,14 %)

Gewerkschaft Erziehung

und Wissenschaft

270100 (+1,32 %)

Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft

209000 (-2,12 %)

Gewerkschaft Nahrung-

Genuss-Gaststätten

206900 (+0,35 %)

Gewerkschaft der Polizei

174100 (+0,52 %)

* Mitgliederzahl der DGB-Gewerkschaften Ende 2013

(in Klammern: Veränderung gegenüber Vorjahr

in Prozent); Zahlen gerundet; Quelle: DGB

VORSTAND WIRD KLEINER

Hoffmann will nun einiges umkrempeln

und den DGB stärker internationalisieren.

Auch will er über Betriebsrätekonferenzen

die Arbeitnehmervertreter verschiedener

Branchen vernetzen – was in den auf Eigenständigkeit

bedachten Einzelgewerkschaften

nicht nur Beifall finden dürfte. Bereits

beschlossen ist, den GBV von fünf auf vier

Personen zu verkleinern. Neu in die Führungsriege

rückt neben Hoffmann der Metaller

Stefan Körzell, bisher Leiter des DGB-

Bezirks Hessen-Thüringen. Bereits seit Juni

ist die Verdi-Funktionärin Elke Hannack als

stellvertretende Vorsitzende an Bord. Aus

dem alten Vorstand bleibt die Arbeitsmarktexpertin

Annelie Buntenbach übrig.

Positiv für den DGB ist, dass sich zumindest

die finanzielle Lage stabilisiert. Der

Mitgliederrückgang ist nicht gestoppt, geht

mittlerweile aber vor allem auf Sterbefälle

zurück. Die Mitgliederzahl in den Betrieben

steigt – und damit die Einnahmen.

Die Gewerkschaften führen zwölf Prozent

ihrer Beitragseinnahmen an den DGB

ab. Das hier und da zu hörende Geraune,

über die zwölf Prozent ruhig mal zu diskutieren,

hat der künftige Vorsitzende rigoros

unterbunden. Wenn sie an der Finanzierung

herumfummeln, so Hoffmanns interne

Botschaft, müssen sich IG Metall und

Co. einen anderen DGB-Chef suchen. n

bert.losse@wiwo.de

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FOTO: LAIF/POLARIS/HERMANN BREDEHORST

32 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft | Dossier

Vorbilder

Unter Genossen

Wenn man ihn nach politischen

Vorbildern fragt, muss

Reiner Hoffmann nicht lange

überlegen – es sind die SPD-

Granden Willy Brandt und

Johannes Rau. Wegen

Brandts Ostpolitik trat Hoffmann

1972 noch als Handelsschüler

in die SPD ein.

An dem langjährigen NRW-

Ministerpräsidenten und

späteren Bundespräsidenten

Johannes Rau schätzte er

„vor allem dessen Einsatz für

Chancengleichheit in der

Bildungspolitik“. Und noch

etwas verband den gebürtigen

Wuppertaler Hoffmann,

der auch als DGB-Chef seinen

privaten Lebensmittelpunkt

im Bergischen Land

halten möchte, mit Rau: Die

beiden waren im selben

SPD-Ortsverein.

Privat geprägt haben Hoffmann,

der Witwer ist und

zwei erwachsene Kinder hat,

vor allem seine Eltern. Diese

stammten aus einfachen

Verhältnissen und zogen ihn

unter zum Teil schwierigen

Verhältnissen auf. Dies geschah

„mit Disziplin und

klarem Regiment, aber ohne

autoritär zu sein“, sagt er. Genau

das dürfte nun auch seine

Leitlinie bei der Führung

des DGB sein.

Im selben Ortsverein

SPD-Ikone Johannes Rau

Wechsel nach Berlin

Chemiegewerkschafter

Hoffmann

...und jetzt die große Bühne

Wie tickt der neue DGB-Chef Reiner Hoffmann – und was will er erreichen?

Erstmals seit zwölf Jahren rückt wieder ein

Vertreter einer Industriegewerkschaft an

die Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbunds:

Auf den Verdi-Funktionär Michael

Sommer folgt kommende Woche Reiner

Hoffmann, 58, von der IG Bergbau, Chemie,

Energie (IG BCE). Seine Wahl auf dem

DGB-Bundeskongress in Berlin gilt als sicher,

nachdem sich die Einzelgewerkschaften

– nach einigem Gezerre – auf ihn als

einzigen Kandidaten verständigt haben.

Hoffmann hat eine klassische Gewerkschafterkarriere

hingelegt. Nach der Volksund

Handelsschule arbeitete er zunächst

bei Hoechst als Groß- und Außenhandelskaufmann,

später studierte er über den

zweiten Bildungsweg Ökonomie an der Gesamthochschule

Wuppertal. Von 1983 bis

1994 war er bei der gewerkschaftsnahen

Hans-Böckler-Stiftung beschäftigt, zuletzt

als Leiter der Abteilung Forschungsförderung.

Dann begann ein längeres Intermezzo

in Brüssel: Bis 2003 war Hoffmann Direktor

des Europäischen Gewerkschaftsinstituts,

anschließend Vize-Generalsekretär

des Europäischen Gewerkschaftsbunds. In

Brüssel hatte er eine Organisation mit 85

Gewerkschaftsverbänden aus 36 Ländern

mit zu managen – keine schlechte Vorbereitung

auf seinen künftigen Job, wo er die oft

divergierenden Interessen von acht DGB-

Gewerkschaften unter einen Hut bekommen

muss. 2009 wechselte Hoffmann, der

im Aufsichtsrat von Bayer, Evonik Services

und Sasol sitzt, als Leiter des IG-BCE-

Bezirks Nordrhein nach Düsseldorf.

Nun muss er beweisen, dass er sich auch

auf der großen politischen Bühne behaupten

kann – im Haifischbecken Berlin.

bert.losse@wiwo.de

34 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Vorlieben

Rückenwind bitte!

Hoffmanns Hobby ist

das Radfahren

Es lebe der Sport

Dem Churchill zugeschriebenen

Zitat „No sports“ kann

Hoffmann nichts abgewinnen.

Seitdem es ihn an der Bandscheibe

zwickt, geht er regelmäßig

joggen und schwimmen;

mit seinem künftigen

Widerpart, Arbeitgeberchef

Ingo Kramer, teilt er die Leidenschaft

fürs Segeln. Und er

ist passionierter Radfahrer;

einmal ist er von Quebec aus

quer durch Kanada geradelt,

um den Kopf frei zu kriegen.

Im Tagesgeschäft hat Hoffmann

eine Affinität zu monetären

Themen: Beim Europäischen

Gewerkschaftsbund war

er für Finanzen zuständig und

bekam hautnah mit, wie knausrig

Gewerkschaften sind, wenn

es um internationale Belange

geht. Auch im DGB-Bundesvorstand,

in den er im Februar

einrückte, ist er für den Haushalt

zuständig, zudem für

Finanz- und Steuerpolitik.

Stärken &

Schwächen

Eher pragmatisch

Hoffmann ist ruhig, eloquent

und ein umgänglicherer Typ

als sein bärbeißiger Vorgänger

Michael Sommer. Er hat

14 Jahre in Brüssel verbracht

und ist seitdem in der europäischen

Gewerkschaftsszene

gut vernetzt. Hoffmann,

der von sich selber sagt, er

könne „auch hedonistische

Züge an den Tag legen“,

spricht fließend Englisch und

FOTOS: VISUM/JENS GYARMATY, WERNER SCHUERING, LAIF/THOMAS EBERT, VARIO IMAGES, ETUC/ERIC LUNTANG

Ziele & Visionen

Internationaler werden

Während sich Unternehmen

immer stärker globalisieren,

kommen die Gewerkschaften

bei der internationalen Vernetzung

nur schleppend voran.

Und wenn es denn mal

Treffen mit ausländischen

Kollegen gibt, bereiteten sich

viele Funktionäre „widerwillig

und erst im Auto auf den Termin

vor – und haben oft schon

auf der Rückreise vergessen,

über was sie gesprochen haben“,

heißt es in Hoffmanns

Umfeld. Der neue DGB-Chef

will das ändern und beim

Dachverband drei bis vier

Stellen schaffen, die sich nur

mit internationalen Fragen

und grenzüberschreitender

Kooperation befassen. Dafür

könnte die DGB-Mitbestimmungsabteilung

geschlossen

werden. Für das Thema Mitbestimmung

ist ohnehin die

gewerkschaftsnahe Hans-

Böckler-Stiftung zuständig,

deren Vorsitz Hoffmann ebenfalls

übernehmen wird. Gut

möglich ist auch, dass Hoffmann

als DGB-Chef zusätzliche

Gelder für den Europäischen

Gewerkschaftsbund in

Brüssel lockermacht oder zumindest

eigenes Personal

dorthin entsendet.

Innergewerkschaftlich befürchtet

Hoffmann, dass sich

die Gewerkschaften mit ihrem

Kampf gegen prekäre Beschäf-

Gemeinsamer Protest Europäische

Gewerkschafter in Brüssel

tigung verzetteln und das

Normalarbeitsverhältnis aus

dem Blick verlieren. Er will

sich vor allem um das Thema

Lebensarbeitszeit kümmern

und mit den Arbeitgebern

über Strategien beraten, „damit

die Menschen länger arbeiten

können“. Prinzipiell

will er die Gewerkschaften

attraktiver für Besserverdiener

machen. Sein Credo:

„Hoch Qualifizierte benötigen

eine andere Ansprache

als Schichtarbeiter. Der Solidaritätsgedanke

allein zieht

bei dieser Klientel nicht.“ Die

Bundesregierung darf sich

darauf einstellen, dass der

neue DGB-Chef das Thema

Werkverträge oben auf die

Tagesordnung setzt. Er fordert

ein Vetorecht der Betriebsräte

gegen den Einsatz

von Werkvertragsarbeitnehmern

– was der Koalitionsvertrag

nicht vorsieht. Hoffmann

will zudem den

Kündigungsschutz für Betriebsräte

auf Beschäftigte

ausweiten, die Betriebsratswahlen

anstoßen.

Hoch hinaus DGB-Zentrale

am Henriette-Herz-Platz

Französisch – und ein bisschen

Niederländisch. Als

Funktionär der konsensorientierten

IG Bergbau,

Chemie, Energie steht er politisch

für einen eher pragmatischen

Kurs, hat keine

Berührungsängste gegenüber

Leiharbeit und Teilzeit

und warnt die Gewerkschaften

vor „ideologischen Barrieren“.

Umso irritierender

war, wie vorbehaltlos er im

Vorfeld seiner Wahl in die Jubelarien

der Gewerkschaften

zu umstrittenen Regierungsplänen

wie dem Mindestlohn

einfiel. Hier lehnt er

starr jede Ausnahme ab. Ob

er im DGB angesichts der

dominanten Einzelgewerkschaften

IG Metall und Verdi

eigene Impulse setzen kann,

muss sich erst noch zeigen.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 35

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Politik&Weltwirtschaft

An allen Fronten

UKRAINE | Die Regierung tut sich schwer, ihre guten Reformideen

dem Osten zu verkaufen – und riskiert die Spaltung des Landes.

InKiew gibt es Stimmen, die behaupten,

Rinat Achmetow müsse bloß mit dem

Finger schnippen – schon wäre Ruhe im

Osten der Ukraine. Achmetow gilt als König

der Donbass-Region, wo das Herz der

Kohle- und Stahlindustrie des Landes

schlägt. Der elf Milliarden Dollar schwere

Oligarch kontrolliert die Wirtschaft und

sorgt für Lohn und Brot von mehr als

300 000 Arbeitern. Im Konflikt um den Osten

der Ukraine spielt er indes eine dubiose

Rolle: Einerseits wirbt er per Pressemitteilung

für den Verbleib des russophilen Ostens

in der Ukraine, andererseits kreuzt er

des Nachts bei Separatisten in einem besetzen

Gebäude auf und verspricht, die Erstürmung

durch ukrainische Polizeikräfte

zu verhindern. Während die Krise eskaliert,

laviert der einflussreiche Achmetow zwischen

allen Fronten.

Dabei bräuchte die Ukraine einen ehrlichen

Vermittler mit Einfluss im Osten in

diesen angespannten Tagen nötiger denn

je. Die Interimsregierung um Premier Arseni

Jazenjuk hat zwar in Windeseile einen

schlüssigen Plan für den ökonomischen

Wiederaufbau vorgelegt. Allein, die guten

Ideen sind keinen Pfifferling wert, sollte

sich Kiew weiterhin mit deren Kommunikation

derart schwertun. Viel zu spät ist Jazenjuk

in den Osten gereist, um seine Vorhaben

zu erklären. Unter dem Einfluss russischer

Propaganda betrachten die Ukrainer

im Osten die Übergangsregierung als

eine Horde Faschisten, die das Land in den

Abgrund führen wird.

So schlittert die Ukraine ungebremst der

Spaltung entgegen. Im Osten besetzten Separatisten

in den vergangenen Tagen erneut

Gebäude, dem für die ukrainische Einheit

eintretenden Bürgermeister von Charkow

schossen Unbekannte in den Nacken. In

Kiew geht geschäftig der Alltag voran; die

Im Tauchgang

Leistungsbilanzsaldo und Staatsverschuldung

der Ukraine (in Prozent des

Bruttoinlandsprodukts)

38,4

–2,2

34,5 35,2

38,8

–5,5 –8,4 –8,1

2010 2011 2012 2013

Quelle: Weltbank, IWF

Staatsverschuldung

Leistungsbilanzsaldo

Contra Kiew

Gewalttätige

Proteste

in Donezk

Zeltdörfer im Zentrum sind zu Armenküchen

für arbeitslose Landarbeiter geworden.

Im halbrunden Betonbau der Regierung

grübeln unterdessen Technokraten

über radikale Reformpläne, die sie am vergangenen

Mittwoch auch den Vertretern

des Internationalen Währungsfonds (IWF)

vorstellten. Der Fonds schnürt ein Hilfspaket

von 17 Milliarden Dollar, bereits im Mai

könnte die erste Rate ausgezahlt werden.

IDEALE WERKBANK

Seinem Ruf als Finanz-Feuerwehr wurde

der IWF in der Ukraine gerecht. Selten hat

der Fonds in so kurzer Zeit von kaum zwei

Monaten ein solch großes Paket geschnürt.

Was auch damit zusammenhängt, dass die

Kiewer Übergangsregierung dessen Bedingungen

im Vorgriff erfüllt: Drastische Etatkürzungen,

Erhöhung der Gaspreise, flexible

Wechselkurse – die neuen Machthaber

sind zu den tiefen Einschnitten in den quasisowjetischen

Vollkaskostaat bereit, gegen

die sich noch jede Vorgängerregierung vehement

gesträubt hat.

Kurzfristig tun diese Reformen den Verbrauchern

weh. Zu Monatsbeginn schnellte

der Gaspreis um die Hälfte hoch, ab Juni

steigen die Kosten für Fernwärme um 40

Prozent. Dafür pumpen westliche Geldgeber

zusammen rund 23 Milliarden Dollar

für Stabilisierung und Wiederaufbau in das

Land. Wirtschaftsminister Pawlo Scheremeta

will die Ukraine für Investoren öffnen

und hat bereits mehr als 100 Vorschriften

gekappt, die Investoren stören könnten

(WirtschaftsWoche 18/2014). „Die Ukraine

kann zur idealen Werkbank für Europa

werden, wenn sie sich bei Investoren ein

besseres Image erarbeitet“, sagt Julian Ries,

Rechtsanwalt der Kanzlei Gide Loyrette

Nouel in Kiew.

Tempo und Entschlossenheit der ersten

Reformschritte haben auch Robert Kirchner

positiv überrascht: „Sowohl die kurzfristigen

Pläne zur makroökonomischen

Stabilisierung als auch wirtschaftspolitische

Schritte zur Stimulierung von Wachstum

sind schlüssig und können wirken“, urteilt

der Volkswirt, Mitglied der Deutschen

Beratergruppe für die ukrainische Regierung.

Die entscheidenden Fragen allerdings

bleiben, ob die neue Regierung auch

die Korruption beenden und vor allem anderen

den Deckel auf dem Pulverfass in der

Ostukraine halten kann. Das aber hat sie

nur zum Teil selbst in der Hand – der

mächtige Oligarch Rinat Achmetow müsste

ihr da schon zu Hilfe eilen.

n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTO: LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES

36 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Statt den Arbeitnehmern mehr

von ihren Lohnzuwächsen zu lassen und die kalte

Progression zu lindern, lenkt Schwarz-Rot auf

Nebenkriegsschauplätze ab. Von Henning Krumrey

Kalte Provokation

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ARCHIV-KLAR/ANNEMIEKE KLAR

Höflichkeit oder Hohn? Finanzpolitiker

Steffel will Geld durch gute Worte ersetzen

Sie senkt sie, sie senkt sie nicht. Sie

senkt sie, sie senkt sie nicht. Wie

im Abzählreim der zweifelnden

Verliebten konnten die Steuerbürger

fast im Tagesrhythmus spekulieren,

ob die große Koalition vielleicht doch noch

an die kalte Progression herangeht.

Spätestens wenn neue Rekordeinnahmen

registriert werden, geht bei den Finanzpolitikern

stets das Gezerre los.

Allein in den vergangenen vier Wochen

gab es mehr als ein halbes Dutzend unterschiedlicher

Vorstöße und Rückzüge aus

dem Regierungslager, ob und wie sich vielleicht

doch etwas Geld an die Steuerzahler

zurückgeben ließe. Mit jeder Lohnerhöhung

– und sei sie nur ein Inflationsausgleich –

rutschen die Arbeitnehmer in eine Zone

höherer Belastung, denn in einem progressiven

System steigt der Steuersatz mit

zunehmendem Einkommen. Durch diese

„kalte“ Progression steigt die Belastung

stetig, ohne dass die Kaufkraft wächst. Im

Vergleich zur Rente halte die große Koalition

hier „eine weit größere Gerechtigkeitslücke

mutwillig offen“, schimpft der FDP-

Finanzpolitiker Volker Wissing, der seit

Jahren gegen die kalte Progression kämpft.

Erst stand Finanzminister Wolfgang

Schäuble auf der Bremse, dann sagte

Kanzlerin Angela Merkel Nein. Plötzlich

signalisierte Schäuble vorsichtig Bewegung.

Unter dem Druck der Gewerkschaften,

die für ihre Leute ein kräftiges

Brutto-Lohnplus herausgeschlagen haben,

verzichtet SPD-Chef Sigmar Gabriel sogar

auf die Gegenfinanzierung durch einen höheren

Spitzensteuersatz. Dem unwürdigen

Pingpong machten die Vorstände der Koalitionsfraktionen

unter Führung von Volker

Kauder (CDU) vergangene Woche ein eiskaltes

Ende: keine Linderung.

Statt die Belastung der Massen zu senken,

schultert die Koalition Randprobleme.

CDU-Mann Frank Steffel schlägt vor: Die

Finanzämter sollten jedem Steuerbescheid

einen Dankesbrief beilegen – so wie man

dem Schaf einen Klaps gibt, wenn es sich

brav hat scheren lassen. Für Arbeitnehmer,

von deren Lohnerhöhung kaum etwas übrig

bleibt, ist das eher Hohn denn Höflichkeit.

Die Fraktionsvorständler rangen sich zu

einer scheinbar generösen Geste durch

(die allerdings schon im Koalitionsvertrag

steht): Hörbücher sollen künftig, genau wie

gedruckte Literatur, nur noch mit dem verringerten

Mehrwertsteuersatz von sieben

Prozent belegt werden. Das freut die Verlage,

auch denjenigen, in dem die WirtschaftsWoche

erscheint. Und es freut die

Kunden. Entlastet sie aber insgesamt nur

um 30 bis 40 Millionen im Jahr – ein Hundertstel

dessen, was die kalte Progression

die Bürger kostet.

Erstaunlich ruhig blieb es ob dieser

Großtat. Die üblichen Rituale unterstellt,

müssten die Parteien ihr bizarres Streit-

Schauspiel aufführen: Die CDU bejubelt,

dass nun auch Ältere begünstigt Bücher

konsumieren können, auch wenn sie wegen

schwacher Augen nicht mehr lesen können.

Die SPD lobt den verbesserten Zugang

von Geringverdienern zu Materialien der

Erwachsenenbildung und die große Literatur

zum kleinen Preis. Die FDP beklagt die

nächste Steuersubvention (es sei denn, die

CDs werden im Hotelzimmer gehört). Die

Linke verlangt einen höheren Rabatt für

CDs mit Befreiungsliteratur und Arbeiterliedern.

Und die Grünen? Sind hin- und

hergerissen: Weniger Papierverbrauch

rettet Bäume, aber Plastik-CDs sind Müll.

In dieser Woche kommen die Ergebnisse

der neuen Steuerschätzung, dann geht das

Progressions-Theater wieder los. Sie senkt

sie, sie senkt sie nicht. Eher wieder nicht. Obwohl:

Zwei Wochen später ist Europawahl.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 37

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die guten Arbeitsmarktdaten

bergen eine Gefahr –

die Politik könnte noch sorgloser

herumregulieren. Von Bert Losse

Steilvorlage

Wann hat Frank-Jürgen

Weise eigentlich

das letzte Mal

schlechte Nachrichten

verkünden müssen?

Nur die Älteren von uns werden

sich erinnern. Als der Chef der

Bundesagentur für Arbeit (BA)

am vergangenen Mittwoch in

Nürnberg die neuesten Arbeitsmarktdaten

für Deutschland

präsentierte, durfte er einmal

mehr völlig entspannt vor die

Presse treten. Denn die Zahl

der Arbeitslosen ist im April um

111 000 auf 2,943 Millionen

gesunken.

Ein Rückgang ist nach den

Wintermonaten zwar normal,

diesmal fällt er jedoch wegen

der gut laufenden Konjunktur

kräftiger aus als in vielen Vorjahren.

Saisonbereinigt ging die Arbeitslosigkeit

im Vergleich zum

Vormonat um 25 000 zurück.

Die Quote reduzierte sich um

0,3 Punkte auf 6,8 Prozent. Der

BA-Stellenindex (BAX) – ein Indikator

für die Nachfrage nach

Arbeitskräften – stieg im April

um einen Zähler auf 156 Punkte.

Wenn man die BA fragt, in

welchen Branchen neue Leute

besonders gesucht sind, muss

man sich angesichts der Antwort

(Verkauf, Mechatronik,

Energie, Elektro-, Metall-, Maschinen-

und Fahrzeugtechnik,

Gesundheit, Verkehr, Logistik,

Tourismus, Gastronomie)

fast schon fragen, wo es derzeit

eigentlich keine guten Jobperspektiven

gibt.

AGENDA GROKO

Der Jobaufschwung hat allerdings

eine Kehrseite. Die Politik

könnte ihn als Freibrief für eine

Zubetonierung des Arbeitsmarktes

betrachten – und ökonomische

Zweifel an den Vorgaben

des Koalitionsvertrags noch

kompromissloser ignorieren, als

sie es jetzt schon tut. Nach dem

Motto: Geht doch. Das hält der

Arbeitsmarkt schon aus.

ZEITARBEIT IM VISIER

Der gesetzliche Mindestlohn ab

2015 ist ja nur ein erster Schritt.

Im Koalitionsvertrag vereinbart

ist eine weitere Einschränkung

der Zeitarbeit; auch will die Groko

den Betrieben verbieten, bei

Arbeitskämpfen streikende Mitarbeiter

vorübergehend durch

Leiharbeiter zu ersetzen. Union

und SPD sind sich über eine

drastische Ausweitung der Allgemeinverbindlichkeit

von Tarifverträgen

einig, die SPD würde

zudem gern die „sachgrundlose

Befristung“ von Arbeitsverträgen

abschaffen. Die Fahnder der

beim Zoll angesiedelten Finanzkontrolle

Schwarzarbeit sollen

künftig verstärkt Werkverträge

von Unternehmen überprüfen.

Beim Thema Werkverträge

bleibt der Koalitionsvertrag zwar

ansonsten schwammig und

sieht lediglich stärkere Informationsrechte

der Betriebsräte vor.

Die Gewerkschaften trommeln

aber massiv dafür, hier nachzulegen

und Werkverträge mitbestimmungspflichtig

zu machen.

Sicher, das alles klingt herrlich

sozial. Aber ist es das wirklich?

Die Flexibilität des Arbeitsmarkts

zählt zu den wichtigsten

Gründen für das deutsche Jobwunder.

Es wäre deshalb fatal,

in guten Zeiten wie diesen die

Weichen so zu stellen, dass den

Betrieben in den – ganz sicher

kommenden – schlechten Zeiten

die Luft zum Atmen fehlt.

Politik mit Augenmaß ist für eine

Bundesregierung allemal sinnvoller,

als die 1.-Mai-Agenda der

Gewerkschaften abzuarbeiten.

NEW ECONOMICS

Ansteckende Schulden

Eine neue Studie zeigt: Wenn eine Stadt mehr

Schulden macht, ziehen die benachbarten Kommunen

gerne nach.

Es klingt paradox:Die

Steuereinnahmen sprudeln

– und trotzdem sind

Städte und Gemeinden so hoch

verschuldet wie nie. In manchen

Städten sind Zinszahlungen

mittlerweile einer der größten

Ausgabenposten. Dafür gibt

es unterschiedliche Gründe –

und einen bisher kaum benannten

und besonders interessanten

weisen jetzt erstmals

die Ökonomen Frank Fossen,

Ronny Freier und Thorsten

Martin von der Freien Universität

Berlin nach*. Sie haben sich

der Frage gewidmet, inwiefern

Schulden „ansteckend“ sein

können. Denn wenn eine Stadt

Schulden macht, dann geht es

den Bürgern zunächst besser.

Sie kann Schulen bauen und

Spielplätze renovieren, Straßen

teeren und Sozialleistungen

erhöhen. Kurzum: Das Leben

vor Ort erscheint angenehmer.

Das bemerkt man auch in der

Umgebung. Schnell fordern

die Bürger im Umland, dass ihre

Stadt nachzieht. Warum

müssen unsere Schüler immer

noch auf Tafeln schreiben, während

es um die Ecke schicke

Whiteboards gibt? Warum donnern

bei uns die Autos durch

die Innenstadt, während die

Nachbarn einen Tunnel bauen?

Mithilfe von Regressionsanalysen

haben die Forscher verglichen,

ob sich das Schuldenniveau

einer Gemeinde

verändert, wenn sich die angrenzenden

Gemeinden Dinge

leisten, für die eigentlich kein

Geld da ist. Um andere Effekte

auszuschließen, wurden die

Gemeinden zudem mit dem

* Race to the Debt Trap? Spatial

Econometric Evidence on Debt in

German Municipalities. Frank Fossen,

Ronny Freier, Thorsten Martin,

DIW Working Paper 1/2014.

Viel Geld hilft wenig

Kurzfristige Verbindlichkeiten

undSteuereinnahmen der

Kommunen in Mrd. Euro

100

80

60

40

Steuerreinnahmen

Kassenkredite

20

2004 2012

Quelle: Bundesfinanzministerium, DStGB

Schuldenniveau in weiter entfernten

Gemeinden verglichen,

die, der These folgend, keinen

Einfluss haben dürften. Außerdem

wurde der Einfluss anderer

Faktoren wie Arbeitslosigkeit,

Sozialausgaben oder Demografie

überprüft. Die Forscher verwendeten

dafür Daten aus den

größten Bundesländern Bayern

und Nordrhein-Westfalen und

verglichen jeweils die Verschuldung

pro Kopf.

Das Ergebnis ist eindeutig. In

beiden Bundesländern gibt es

einen ausgeprägten Zusammenhang

zwischen den Schulden

der Nachbarn und der eigenen

Spendierlaune. In NRW

steigen die kreditfinanzierten

Ausgaben einer Gemeinde

demnach um 16,30 Euro pro

Kopf, wenn die Nachbarn ihre

Schulden um 100 Euro pro Kopf

erhöhen. In Bayern ist der Zusammenhang

sogar noch ausgeprägter.

Steigen die Schulden

der Nachbargemeinden um 100

Euro pro Einwohner, erhöhen

die Kommunen ihre eigenen

Schulden um durchschnittlich

32,70 Euro je Bürger. Auch die

fiskalischen Musterknaben von

heute können also schnell zu

Sorgenkindern werden.

konrad.fischer@wiwo.de

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

38 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Chinas Wachstum ist für die Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung. Das

Problem: Die Chinesen sparen zu viel und konsumieren zu wenig – auch weil das soziale

Sicherungssystem unterentwickelt ist. Eine bessere Krankenversicherung könnte den

Konsum ankurbeln, weil die Bürger kein Geld mehr horten müssen. Von Martin Feldstein

Gesunder Weg

FOTOS: LAIF/POLARIS, DDP IMAGES/XINHUA/SIPA USA

Chinas Wirtschaftspolitiker

beklagen zu

Recht die Exportlastigkeit

ihrer Volkswirtschaft

und das Übergewicht

der Schwerindustrie im Land.

Der Anteil des privaten Konsums

am Bruttoinlandsprodukt

(BIP) soll endlich wachsen –

das ist das erklärte Ziel der Regierung

in Peking. Nur über

den Weg dorthin gibt es noch

keinen Konsens. Dabei würde

schon eine vergleichsweise einfache

Änderung der vom Staat

gesetzten Rahmenbedingungen

viel bewirken: China muss

die Krankenversicherung seiner

Bürger fördern.

Was ist der ökonomische Hintergrund?

Der Binnenkonsum in

China soll helfen, einen höheren

Lebensstandard für die Menschen

zu erreichen, ein Hauptbestandteil

des von der politischen

Führung oft zitierten „chinesischen

Traums“. Mehr privater

Verbrauch würde dafür sorgen,

dass Chinas BIP wieder schneller

wächst. Das ist auch deshalb nötig,

weil das Land Millionen neuer

Arbeitsplätze für die Millionen

von Menschen braucht, die derzeit

aus ländlichen Regionen in

die Städte strömen. Hinzu

kommt die hohe Zahl junger Leute,

die Jahr für Jahr ihr Studium

an einer chinesischen Universität

abschließen und auf den

Arbeitsmarkt drängen.

Derzeit taugt der Konsum

noch nicht zum Wachstumsmotor:

Er macht in China nur 36

Prozent vom BIP aus, das ist etwa

halb so viel wie in den USA

oder in Westeuropa.Wo also

liegt der Schlüssel zur Ankurbelung

des Binnenkonsums?

Die politisch Verantwortlichen

müssen sich klarmachen,

warum ihre Landsleute so viel

sparen: Es liegt am Risiko chinesischer

Arbeitnehmer, ihren

Arbeitsplatz zu verlieren, am

Fehlen eines vertrauenswürdigen

Rentensystems – und an der

Angst vor unbezahlbaren Arztrechnungen.

RÜCKLAGE FÜR DEN ARZT

Die Chinesen geben einen ungewöhnlich

großen Teil ihres Lohns

schlicht deshalb nicht aus, weil

sie Furcht vor Erkrankungen haben.

Sie legen stattdessen viel

Geld für den Fall beiseite, dass

man selbst oder ein Familienmitglied

ins Krankenhaus muss. Die

»Der Konsum

macht in China

derzeit nur

36 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts

aus«

staatliche allgemeine Krankenversicherung

ist nur lückenhaft, private

Versicherungen gibt es

kaum. Ersatzweise horten die Bürger

Bargeld.

Private Krankenversicherungen

würden exzessives Sparen unnötig

machen, indem sie relativ kleine

Prämien von Einzelpersonen –

oder ihren Arbeitgebern – sammeln

und sie an diejenigen auszahlt,

die von hohen Arztrechnungen

betroffen sind. Der Staat

müsste also den Abschluss von

Krankenversicherungen fördern.

Dann würde die Sparquote sinken,

und den einzelnen Chinesen

ginge es besser, weil sie befreit

vom Risiko hoher Krankheitskosten

mehr Geld für andere Zwecke

zur Verfügung hätten.

Am einfachsten wäre es, Arbeitgeberzahlungen

für Krankenversicherungen

vom steuerpflichtigen

Einkommen der Arbeitnehmer abzuziehen.

Das ist ein wirksamer

Anreiz, wie sich in den USA und in

Großbritannien gezeigt hat. Auch

könnten private Abschlüsse von

Krankenversicherungen begünstigt

werden, indem der Fiskus die

Prämienzahlungen steuerlich abzugsfähig

macht.

Mit Steueranreizen fördert der

chinesische Staat heute schon Arbeitgeberzahlungen

für die Altersversorgung

ihrer Mitarbeiter. Seit

Finanzrisiko Krankheit Patientin

in einer chinesischen Klinik

Kurzem werden zum Beispiel

Arbeitgeberbeiträge für die Altersrenten

nicht mehr versteuert.

Auch die Fonds, die dieses Geld

anlegen, müssen ihre Gewinne

nicht mehr versteuern. Eine derartige

steuerbegünstigte Geldanlage

zugunsten der Arbeitnehmer

ist ein guter Ersatz für ein umfassenderes

Rentensystem. Sie hat

leider die unerwünschte Nebenwirkung,

die Sparquote zu erhöhen,

statt den Konsum zu fördern.

Im Gegensatz dazu würden vergleichbare

Reformen bei der

Krankenversicherung die Sparquote

senken.

Folgt die Regierung dieser Idee,

sollte sie aber nur die Versiche-

rung kostspieliger Behandlungen,

etwa die Chirurgie und die

Behandlung von Diabetes, steuerlich

fördern. Denn nur aus

Furcht vor den Kosten richtig

teurer Erkrankungen horten die

Chinesen so viel Bargeld. Die

Unterscheidung ist nötig, weil

sonst das Geld der Versicherungen

für andere Behandlungsfelder

verschwendet würde, für die

niemand Geld hortet.

BESSERE VERSORGUNG

Die hier skizzierte neue chinesische

Krankenversicherung

wäre auch förderlich für die allgemeine

gesundheitliche Versorgung

der Menschen. Es gäbe

bessere medizinische Leistungen

im Land, weil, angelockt

von der gesteigerten Nachfrage,

private Anbieter in den Markt

eintreten dürften. Auch der

Staat könnte sein Angebot an

Gesundheitsdiensten ausweiten.

Zusammengefasst: Die steuerliche

Begünstigung von Versicherungen

gegen hohe Krankheitskosten

würde die

gesamtwirtschaftliche Sparquote

reduzieren, den privaten Konsum

fördern, die Ängste der Gesellschaft

vor hohen Arzt- und

Krankenhauskosten verringern

und die medizinische Versorgung

verbessern. Je eher die politisch

Zuständigen handeln,

desto schneller wird der chinesische

Traum Wirklichkeit: China

wird zugleich reicher und gesünder.

Martin Feldstein ist Professor

an der Harvard-Universität. Der

renommierte US-Ökonom

schreibt jeden Monat exklusiv

für die WirtschaftsWoche und

wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 39

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Der Volkswirt

Leistung lohnt sich doch nicht

SACHBUCH | Der französische Ökonom Thomas Piketty elektrisiert die Branche: Im Kapitalismus gilt

das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit. Eine Revolution? Ach, Gott. Von Dieter Schnaas

Thomas Piketty ist der neue Leitstern der ökonomischen

Zunft. Angeblich hat er die Weltformel des Kapitalismus entdeckt.

„r > g“ lautet sie, return on capital ist größer als economic

growth, die Rendite aus Vermögen übertrifft das Wirtschaftswachstum.

In den Vereinigten Staaten war die Reaktion auf Pikettys

Entdeckung so überschwänglich, dass man die Übersetzung

von „Le capital au XXIe siècle“ – „Das Kapital im 21. Jahrhundert“

vorzog. Seither fällt Lob und

Preis wie Manna vom Himmel. Vom

Wirtschaftsbuch des Jahrzehnts ist die

Rede. Von einem epochalen

Werk. Von einer Revolution. Gerade

so, als handle es sich bei Thomas Piketty

um ein Kaliber wie Adam Smith,

Karl Marx, Joseph Schumpeter.

Der Grund des Jubels ist ersichtlich.

Piketty wird von der linksliberalen Intellektualität

(Paul Krugman, Joseph

Stiglitz, Robert Solow) wie ein Heilsbringer

gefeiert, weil seine Formel ins

meinungskonjunkturelle Klima passt

und das Zeug hat zur politischen

Kraftentfaltung. Das 700-Seiten-Opus

soll helfen, das neoliberale Mentalitätsregime

– Deregulierung, Niedrigsteuern

für Wohlhabende, trickledown-economy

– endgültig zu beerdigen,

mindestens aber den von Milton

Friedman und Ronald Reagan geprägten

Volksglauben erschüttern,

Kapitalismus, Marktfreiheit und Demokratie

verhielten sich komplementär zueinander. Pikettys These

lautet genau andersherum: Der Kapitalismus schädigt die Demokratie.

Und der Markt erzeugt Ungleichheiten, die westliche

Gesellschaften zurück in eine neofeudale Zukunft führen – in ein

viktorianisches 21. Jahrhundert, in dem die Erben von Manager-

Milliardären ihren leistungslos gewonnenen Reichtum genießen

(und vermehren), während die arbeitende Bevölkerung mit immer

kleineren Stücken vom Wohlstandskuchen abgespeist wird.

DIE ÖKONOMEN GRATULIEREN SICH SELBST

Der zweite Grund des Jubels: Die Volkswirtschaftslehre gratuliert

in Thomas Piketty sich selbst. Endlich ist da wieder ein Ökonom,

der nicht nur enormen empirischen Aufwand betreibt, sondern

seine gewaltigen Zahlenkolonnen auch in die Form einer großen

Erzählung zu gießen versteht. Endlich wieder ein kluger Kopf aus

der Mitte der Zunft, der die Dechiffrierung des Kapitalismus

nicht Philosophen, Anthropologen, Psychologen überlassen

muss. Der historisch informierte moral science betreibt, statt sich

Der Abstand zwischen den

vielen Habenichtsen und...

fühllos-interessegeleitete Zombies herbeizufantasieren, um die

Welt und die Menschen seinen Optimalmodellen anzuverwandeln.

Aber hält Pikettys gründlich recherchiertes Buch wirklich,

was sich so viele seiner Rezensenten von ihm versprechen? Wird

die Evidenz seiner Datengebirge den nächsten Debattentrend

überstehen? Oder ist die politische Ausbeutung seiner Thesen

schon heute größer als ihr wissenschaftlicher Wert?

Piketty spart nicht mit Brusttönen.

Sein Gesetz der zunehmenden Ungleichheit

gelte nicht nur „für die gesamte

Menschheitsgeschichte“, sondern

umso mehr, wenn Bevölkerungs-

und Wirtschaftswachstum

schwach sind. Die natürliche Tendenz

des Kapitalismus zur Ungleichheit

nehme daher in den USA und Europa

besonders dramatische Züge an.

In Gesellschaften mit vielen Ein-

Kind-Familien konzentriere sich das

Kapital eben schneller als in einer Gesellschaft

mit großen Familien. Und

in langsam wachsenden Volkswirtschaften

trügen Erbschaften eben

mehr zur Verdichtung von Vermögen

bei als in schneller wachsenden Ökonomien.

Wobei Piketty nicht behauptet,

dass der arbeitende Teil der Bevölkerung

grundsätzlich vom Großteil

der Wohlstandszuwächse abgeschnitten

ist. Die Versprechen von

Ludwig Erhard („Wohlstand für alle“)

und John F. Kennedy („A rising tide lifts all boats“) hätten sich nicht

unbedingt und jederzeit als leer und hohl erwiesen. Piketty sagt

nur, dass der Abstand zwischen Vermögenden und Arbeitenden

prinzipiell uneinholbar ist – und dass er sich in den nächsten Jahrzehnten

sehr wahrscheinlich vergrößern wird – mit Folgen, die

„potentially terrifying“ seien.

Piketty hat die Fakten auf seiner Seite. Er wertet, unterstützt von

Kollegen wie Anthony Atkinson (Oxford) und Emmanuel Saez

(Berkeley), seit mehr als zehn Jahren historische Steuerlisten aus,

füttert seinen Rechner mit Wirtschaftsdaten aus 20 Ländern. Dass

wir seit einigen Jahren nicht mehr über die Vermögensentwicklung

des reichsten Zehntels oder Hundertstels in unseren Gesellschaften

spekulieren müssen, sondern auf der Basis von immer genaueren

Zahlen vorurteilsfrei über Kapitalkonzentration zu urteilen

vermögen, ist nicht zuletzt Piketty zu verdanken. Seine wichtigsten

Ergebnisse in Zahlen: Die Wachstumsraten in den Industrieländern

seit dem 18. Jahrhundert liegen bei durchschnittlich

0,5 bis 1,0 Prozent. Die Rendite auf Grund und Boden, Maschinen,

FOTOS: MAURITIUS IMAGES

40 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Immobilien und Aktien hingegen liegt bei vier bis fünf Prozent. Piketty

folgert daraus: Wenn g = 1 ist und r = 5, braucht der Kapitalist

nur ein Fünftel zu sparen, um sein Vermögen im Gleichschritt mit

dem des Angestellten wachsen zu lassen. Der Rest ist Konsum, Luxus,

Vermögensaufbau: Die Reichen werden immer reicher – und

die Habenichtse auf Abstand gehalten.

Es sei denn, Kriege und Nachholprozesse setzen das Gesetz der

zunehmenden Ungleichheit vorübergehend außer Kraft. Piketty

weist nach, dass der Zweite Weltkrieg immense Vermögenswerte

vernichtet hat, und zeigt, wie sich in der Phase des Wiederaufbaus

„nivellierte Mittelstandsgesellschaften“ (Helmut Schelsky) herausbilden

konnten. Aber eben nur vorübergehend. Und genau hierin

liegt die provozierende Brisanz von Pikettys Buch: Er hält die „soziale

Marktwirtschaft“ für die Ausnahme von der kapitalistischen

Regel. Und das liberale Dogma von der nivellierenden Kraft des

marktwirtschaftlich organisierten Wettbewerbs für leeres Geschwätz.

Wachstum, Produktivitätsplus, mehr Bildung, Effizienz

und Innovationskraft können das Gefälle verringern, nicht aber das

Gesetz der zunehmenden Ungleichheit

außer Kraft setzen. Damit aber

stehen das bürgerliche Selbstverständnis

und die ökonomische Legitimation

westlicher Marktstaaten selbst

auf dem Spiel. Piketty behauptet, dass

das liberale Aufstiegsversprechen eine

Illusion ist, weil die oberen Zehntausend

längst Gipfel erklommen haben,

die anderen unerreichbar bleiben;

dass es sich beim meritokratischen

Prinzip („Leistung lohnt sich“)

um eine Leerformel handelt, weil sich

die Leistungslosigkeit der Erbengeneration

mehr lohnt. Ins Ökonomische

übersetzt: Die Kuznets-Kurve, die die

Form einer Glocke hat und den frohen

Gedanken der 30 goldenen Nachkriegsjahre

veranschaulicht, dass die

Ungleichheit in der Entwicklung eines

Landes zunächst steigt und danach

fällt, gehört auf den Müllhaufen der

Ideengeschichte. Die sie ersetzende

Piketty-Kurve hat die Form eines U:

Die Ungleichheit im Kapitalismus ist ursprünglich hoch, fällt vorübergehend

und steigt dann ad infinitum.

Zum Beleg schickt Piketty eindrucksvolle Zahlen ins Feld: 35

Prozent des Vermögens konzentriert sich in der Hand des reichsten

Prozents der US-Bevölkerung. Den obersten zehn Prozent gehören

70 Prozent des Vermögens, der Mittelschicht (40 Prozent) 25

Prozent – und der unteren Hälfte der Amerikaner gerade mal fünf

Prozent. Gleichzeitig sind die Gehälter extrem auseinandergedriftet:

Während ein Top-Manager 1950 rund 20-mal so viel verdiente

wie der durchschnittliche Angestellte seines Betriebs, strich er

2010 bereits 200-mal so viel ein. Machten Arbeitseinkommen

1970 noch 68 Prozent der Gesamteinkommen

aus, waren es 2010 nur noch 62

Prozent... Und so geht es in einem fort, Seite um

Seite, bis der Leser restlos überzeugt ist: Es gibt

heute „levels of inequality never before seen“.

Warum aber macht einen das Buch, allem

Aufwand, aller Dramatik zum Trotz, nicht satt?

...den wenigen Reichen ist

prinzipiell uneinholbar

Erstens: Piketty schreibt nichts Neues. Allenfalls beglaubigt er statistisch,

was bereits den Literaten des 19. Jahrhunderts geläufig war:

Eine Karriere als Arzt oder Jurist anzustreben ist mit mehr Anstrengung

verbunden, als reich zu heiraten und von den Erträgen zu leben,

die die Ländereien oder Bergwerke des Partners abwerfen...

Im Übrigen sind neue Daten über die Ungleichheit – auch in

Deutschland – mittlerweile fast wöchentlich im Umlauf. Auch sind

das „Schrumpfen der Mittelschicht“, die „Erosion des Leistungsprinzips“

und die „Refeudalisierung“ der Gesellschaft längst Standardthemen

in soziologischen Proseminaren.

KEINE GLOBALE, KEINE HISTORISCHE PERSPEKTIVE

Schwerer wiegt, dass Piketty „Ungleichheit“ ohne Angabe von

Gründen als ein Problem voraussetzt, um sich 700 Seiten lang das

Nachdenken über sie zu ersparen. Mit dem paradoxen Ergebnis,

dass seiner historischen Analyse die geschichtliche Tiefe fehlt.

Die (relative) Ungleichheit ist heute so groß wie im 19. Jahrhundert?

So what? Wir sind krankenversichert, haben prima Jobs, gehen

samstags ins Fußballstadion und

genießen 30 Ferientage im Jahr. Ungleichheit

vor 150 Jahren war ungleich

elementarer – und nie schöner

als heute. Vielleicht sogar auch noch

nie gerechter. Piketty beschreibt mit

Energie die zunehmende Ungleichheit

in China. Dass der Kapitalismus

dort 400 Millionen Menschen aus

der absoluten Armut befreit hat, ist

ihm hingegen kaum der Erwähnung

wert. Er verzichtet nicht nur auf eine

historische, sondern auch auf eine

globale Perspektive.

Und auf eine theoretische. Warum

ist welche Ungleichheit problematisch?

Haben wir die Ungleichheit von

Bill Gates zu fürchten, die von Roman

Abramowitsch oder beide gleichermaßen

– und wenn ja: warum? Welche

Macht zur Durchsetzung seiner

Interessen hatte der Geldadel früher,

welche heute? Warum ist der Wohlstand

der Superreichen, deren Kapitaleinkommen

größer sind als deren Arbeitseinkommen, „potenziell

schrecklich“, wenn es nur einen Superreichen unter 10 000

Bürgern gibt? Piketty gibt auf all diese ungestellten Fragen keine

Antwort. Weil er, anders als Malthus, Ricardo, Marx, die er statistisch

stolz zu übertrumpfen meint, auf eine Analyse des Kapitalismus

verzichtet. Es macht aber einen Unterschied, ob sich das Kapital

in Briefkastenfirmen von Ölmultis oder in den Händen von

Staatsfonds autokratischer Länder konzentriert, die Anteile an

Daimler kaufen – oder ob Warren Buffett damit Stiftungen gründet.

Kurzum: Pikettys Buch hört nach zwei erschöpfenden Lesetagen

Der Bestseller

Die englische

Übersetzung

gibt es auch

als E-Book für

20,83 Euro.

Auf Deutsch im

Frühjahr 2015.

exakt da auf, wo es anfinge, spannend zu werden.

Übrigens auch ökonomisch: Wie lange dauert

die Niedrigzinsphase noch? Und was, wenn der

kreditaufgeschäumte Pumpkapitalismus endlich

zusammenbricht und die großen Vermögen ausradiert?

Kommt dann die Rückkehr der Kuznets-

Glocke? Oder doch nur das Ende der Piketty-

Kurve?

n

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 41

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Unternehmen&Märkte

Unter Strom

Siemens-Chef Kaeser und

seine Aktionäre müssen

abwägen, wie viel ihnen die

Abwehr des Erzrivalen General

Electric in Europa wert ist

44 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Flucht nach vorn

SIEMENS | Noch kein Jahr im Amt, steht Konzernchef

Joe Kaeser vor einer gewaltigen Bewährungsprobe.

Der lange angekündigte und breit angelegte Umbauplan

für das Unternehmen war so gut wie fertig – nun muss er

in den Clinch mit General-Electric-Chef Jeffrey Immelt

um die Vorherrschaft beim französischen Konkurrenten

Alstom. Die Chance, zu gewinnen, hat Kaeser.

Vorteil Siemens

WelcherAusgang der Übernahmeschlacht um den französischen

Alstom-Konzern der wahrscheinlichste ist

Mögliche Gewinner Wasdafür/dagegen spricht Fazit

Grün =Pluspunkt, Rot=Minuspunkt

ICE-Produktion an Alstom

Jobgarantie für drei Jahre

Interesse an Abwehr von GE

Unterstützung durch französische Regierung

Stärkung des Energie-Servicegeschäftes

Überschneidung bei Turbinen

Vorbehalte des Alstom-Verwaltungsrates

Drohende Kartellprobleme bei Zügen

Kaum Überschneidungen

Kaum Jobverluste

Favorit des Alstom-Verwaltungsrats

Französische Regierung dagegen

Zentrale in den USA

Bedrohung durch neuen starken Konkurrenten

Einige Überschneidungen beim Geschäft

Derzeit schwache Ertragslage

Erfolgreiche Rettung 2004

Zustimmung der Gewerkschaften

Fehlendes Geld

10:7

7:5

3:2

2:3

Als an einem Wochenende im

vergangenen Juli in einer beispiellosen

Schlammschlacht

um die Nachfolge von Siemens-

Chef Peter Löscher gerungen

wurde, trug Joe Kaeser eine Feuerwehruniform.

Die freiwillige Feuerwehr in Thalersdorf,

einem Nest mit ein paar Hundert Seelen,

das zu Kaesers Heimatdorf Arnbruck

im Bayerischen Wald gehört, hatte zum alljährlichen

Sommerfest geladen. Kaeser ist

seit Jahrzehnten Mitglied. Die Sonne

schien, ein neues Feuerwehrauto wurde

eingeweiht, die Stimmung war gut.

Während Aufsichtsräte und Vorstände in

zahllosen Handytelefonaten und Geheimtreffen

einen Nachfolger für den glücklosen

Löscher zu bestimmen suchten, marschierte

der damalige Siemens-Finanzvorstand

Kaeser fröhlich mit im örtlichen Kirchenzug.

„Zwar schaute er oft auf sein

Handy“, erinnert sich einer, der dabei war,

„aber er war hier, und das war wichtig.“

Arnbruck hat knapp 2000 Einwohner

und ist Idylle pur. Schmale Straßen schlängeln

sich den Berg hinauf. Die Gasthäuser

heißen „Zum Dorfwirt“ oder „Zur Linde“.

Über dem Tor zum Spritzenhaus steht in

roter Frakturschrift „Freiwillige Feuerwehr“.

Im Hintergrund erheben sich die

grünen Züge des Bayerischen Waldes.

Kaeser, seit neun Monaten Siemens-

Chef, lebt hier mit seiner Familie völlig unauffällig.

Wann immer es die Zeit erlaubt,

kommt er zurück in die Heimat. Der Chef

des 76-Milliarden-Euro-Konzerns gilt im

Dorf als zugänglich, kommunikativ und

unkompliziert. Jedes Standesdünkel sei

ihm fremd, erzählen sie sich.

Es sind Qualitäten und Fähigkeiten, die

Kaeser in nächster Zeit mehr brauchen

wird, als ihm lieb sein kann. Denn er muss

die fast 370 000 Siemens-Mitarbeiter rund

um den Globus mitnehmen auf eine Reise,

die nicht nur lang und teilweise unvergnüglich

werden kann.

Seit einer Woche ist auch völlig offen, wo

diese Reise hingeht. Denn mitten in die

letzten Abstimmungen für Kaesers Masterplan,

mit dem der 56-jährige Niederbayer

Siemens umbauen und von bürokratischen

Fesseln befreien will, platzte das

Übernahmeangebot des amerikanischen

Mischkonzerns General Electric (GE) für

den angeschlagenen französischen Konzern

Alstom. Am kommenden Mittwoch

will Kaeser seinen Umbauplan der Öffentlichkeit

vorstellen; doch es ist ein Plan, der

angesichts des Vorstoßes aus Amerika in

den kommenden Wochen und Monaten

»

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 45

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Unternehmen&Märkte

»

an einigen Stellen wohl noch angepasst

werden wird. GE-Chef Jeffrey Immelt hat

Kaeser die Show fürs Erste verhagelt.

Knapp 13 Milliarden Euro bietet der Konzern

aus Connecticut für die Energietechniksparte

der Franzosen. Seitdem steht

Kaesers Genesungsplan im Schatten einer

der größten Übernahmeschlachten in der

europäischen Industrie seit Jahren – und

der neue Siemens-Chef vor der schwersten

Bewährungsprobe seiner bisherigen Laufbahn.

Nach der Korruptionsaffäre vor sieben

Jahren, die das Unternehmen an den

Rand des Zusammenbruchs brachte, geht

es am Wittelsbacher Platz wieder ums große

Ganze – um die Zukunft des wichtigsten

deutschen Technologiekonzerns.

Eine Allianz aus GE und Alstom ließe vor

der Haustür der Münchner ein Schwergewicht

entstehen, das Siemens vor allem im

Energiegeschäft schwer zu schaffen machen

würde. „Auf mittlere Sicht würde das

neu geschmiedete Unternehmen ein gefährlicher

Wettbewerber für Siemens“, sagt

Wolfgang Donie, Analyst der Nord/LB.

Mit seinem Produktportfolio – etwa

Wind- und Gasturbinen, Kraftwerksgeneratoren,

Wassertechnik, aber auch Medizintechnik

– ist GE mit einem Umsatz von 110

Milliarden Euro ein direkter Wettbewerber.

Für die Münchner ist der hoch profitable

GE-Konzern, dessen Bonität Standard &

Poor’s mit der Supernote AA+ bewertet, seit

Jahrzehnten ein gefürchteter Gegner und

zugleich ein Vorbild. „Schlagt General

Electric“, lautete schon die Parole des früheren

Siemens-Chefs Heinrich v. Pierer. Auch

für Kaeser ist GE das Maß aller Dinge, vor

allem, was die Profitabilität betrifft.

ZWEI NEUE CHAMPIONS

Die Schlacht ist in vollem Gange, der Ausgang

völlig offen, denn Kaeser kontert seinen

Rivalen Immelt. Siemens will von Alstom

für etwa elf Milliarden Euro das Energiegeschäft

übernehmen, eine Sparte die

zuletzt immerhin 70 Prozent zum Umsatz

von rund 20 Milliarden Euro des Konkurrenten

aus Frankreich beisteuerte. Im Gegenzug

solle Alstom von Siemens das Geschäft

mit Lokomotiven und Hochgeschwindigkeitszügen

erhalten. Das Kalkül:

Durch den Tausch entstünden zwei europäische

Champions: einer, der beim Geschäft

mit Kraftwerksturbinen und Umspannplattformen,

ein anderer, der bei

Hochgeschwindigkeitszügen und Lokomotiven

ganz vorne mitspielen könnte.

Bis es zu einer Entscheidung kommt,

können Wochen, vielleicht Monate vergehen.

Siemens hat zunächst um Zugang zu

den Büchern von Alstom gebeten. Der Verwaltungsrat

des französischen Konzerns

spricht sich zwar für die GE-Offerte aus,

ohne Siemens dabei auszuschließen. Allerdings

gibt es einige Gründe, die am Ende

dazu führen könnten, dass die Deutschen

den Zuschlag bekommen. Zentraler Punkt

ist, dass anders als in den meisten anderen

Ländern in Frankreich die Politik bei solchen

Entscheidungen ein gewichtiges

Wort mitzureden hat. Siemens bietet Alstom

an, für drei Jahre keine Jobs zu streichen.

Nicht unwichtig in einem Land, das

mit ernsten wirtschaftlichen Problemen zu

kämpfen hat. „Das Kapitel ist noch nicht

geschlossen“, sagte Frankreichs Wirtschaftsminister

Arnaud Montebourg am

Mittwoch im Parlament.

Auch wenn der französische Staat keine

Anteile an Alstom besitzt, könnte er GE so

lange triezen, bis die Amerikaner die Lust

verlieren. Das war jüngst so, als Yahoo das

französische YouTube-Pendant Dailymoti-

FOTOS: PR(2), MARITIUS IMAGES/IMAGEBROKER, LAIF/KAI NEDDEN

Was wäre, wenn? Wie groß die künftige Siemens-Energie- und die Alstom-Zugtechniksparte würde.

WINDENERGIE

Bei Windkraftanlagen auf hoher See ist Siemens unangefochtener

Weltmarktführer. Das Geschäft mit den Mühlen auch an Land,

spielt bei Alstom eine untergeordnete Rolle, soll aber wachsen.

GAS- UND DAMPFTURBINEN

Auch wegen der Energiewende lahmt das Geschäft. Doch hoch

lukrativ sind die Wartungsverträge für die Kraftwerke. Siemens

wäre durch die Übernahme der Alstom-Sparte ein Schwergewicht.

Umsatz

7,0 Mrd. €

Umsatz

19,9 Mrd. €

Mitarbeiter

16 300

Mitarbeiter

67 290

46 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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on kaufen wollte und Wirtschaftsminister

Arnaud Montebourg auf die Barrikaden

ging. Oder auch schon 2005, als Pepsico

angeblich den französischen Milchproduktehersteller

Danone übernehmen wollte

und der konservative Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses

im Parlament dagegen

ätzte. Auch eine rein französische Lösung,

bei der am Ende der Staat bei Alstom einsteigt,

ist offenbar noch nicht vom Tisch.

Ins Spiel gebracht wurde zudem ein möglicher

Einstieg von ABB.

Die Ausgangslage der Übernahmeschlacht

ist bekannt. Bei der Rendite und

Innovationskraft ist Siemens gegenüber

mächtigen Konkurrenten wie GE oder ABB

zuletzt ins Hintertreffen geraten. Im Ende

September 2013 abgelaufenen Geschäftsjahr

schrumpften Umsatz und Gewinn.

Der Riese aus München ist behäbig geworden,

die Bürokratie wuchert, und lokale

Machtzentren mit eigenen Agenden bremsen

die Dynamik. Kaeser hat das erkannt

und arbeitet deshalb mit Hochdruck daran,

Deutschlands Vorzeigeunternehmen

wieder ganz an die Spitze zu führen.

Dass der Mittfünfziger nun auch noch in

einen Bieterkampf mit dem Erzrivalen aus

den USA einsteigt, passt zu seinem Naturell.

Für ihn steht fest: Er will unbedingt

den Zuschlag. Anders als sein Vorgänger

Löscher, der oft zauderte und zögerte, tritt

Kaeser, den ein langjähriger Weggefährte

als „blitzgescheit mit einem unbestechlichen

Gespür für richtige Reaktionen“ beschreibt,

mit seinem Gegenangebot zu der

GE-Offerte die Flucht nach vorn an.

ATTRAKTIVE KRAFTWERKSSPARTE

„Siemens erkennt die Bedrohung für seine

Wettbewerbsfähigkeit durch einen möglichen

Zusammenschluss von GE und Alstom“,

meint Simon Toennessen, Analyst bei

Credit Suisse, und habe sich deshalb zu

dem Angebot entschlossen. Vor allem

beim Energiegeschäft, einem wichtigen Ertragsbringer

der Deutschen, würde der neu

geschmiedete Riese aus GE und Alstom

den Münchnern gefährlich nahekommen.

So unsicher Kaesers Erfolgsaussichten

sind, so klar zeichnen sich die Chance und

Risiken eines Einstiegs von Siemens bei

Alstom ab, bei dem beide Seiten am Ende

wichtige Geschäftsfelder tauschen.

Größten Reiz hat für Siemens die Kraftwerkstechnik

von Alstom, die größte Sparte

des Konzerns. Die Franzosen sind hier

mit einem Marktanteil von 25 Prozent die

Nummer eins weltweit, GE liegt auf Platz

zwei, Siemens auf Platz drei. Zusammen

mit Alstom könnten die Münchner GE weit

hinter sich lassen und wären unangefochtene

Marktführer.

Geschäftlich interessant ist dabei nicht

nur der Bau von Turbinen und Generatoren,

sondern auch die teilweise über Jahrzehnte

laufenden Wartungs- und Dienstleistungsverträge,

„die zum Teil mit hohem

Ersatzteilbedarf jedenfalls bisher eine

Goldgrube waren“, sagt ein Kraftwerksmanager

des Düsseldorfer Energiekonzerns

E.On. Alstom würde außerdem Siemens’

Stärke bei Gaskraftwerken gut ergänzen.

Allerdings würde sich Käser mit der

Kraftwerkssparte auch einige Probleme an

den Hals hängen. Dank der geringen Größe

fehlten Alstom in den vergangenen Jahren

die Mittel zur Expansion etwa nach Amerika

und Asien. Dadurch ist das Geschäft extrem

von Europa abhängig, wo zuletzt 42

Prozent des Konzernumsatzes anfielen.

Doch weil der Kontinent seit 2008 in der

Dauerkrise steckt, verbucht Alstom immer

weniger Aufträge. Im vergangenen Ge-

»

ZÜGE UND BAHNTECHNIK

Durch eine Zusammenlegung der entsprechenden Sparten

entstünde ein echter Weltmarktführer, der vor allem auch der

Züge wachsenden und Bahntechnik Konkurrenz aus China Paroli bieten könnte.

UMSPANNTECHNIK UND ENERGIEÜBERTRAGUNG

Alstom ist Weltmarktführer bei Strom-Umspanntechnik, hat

anders als Siemens aber bei den großen schweren Umspannplattformen

auf hoher See bisher kaum Projekte vorzuweisen.

Umsatz

8,6 Mrd. €

Umsatz

10,0 Mrd. €

Mitarbeiter

38 200

Mitarbeiter

40 870

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 47

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Unternehmen&Märkte

»

schäftsjahr fielen die Einträge in den

Auftragsbüchern um zwölf Prozent auf 15

Milliarden Euro. Insbesondere das Geschäft

mit Kraftwerksturbinen hat unter

der europäischen Flaute gelitten.

Kaum neue Impulse dürfte Alstom dem

für Siemens wichtigen Geschäft mit Windenergie

geben. Die Münchner sind mit einem

Marktanteil von 7,4 Prozent der viertgrößte

Windanlagenbauer der Welt, hinter

der dänischen Vestas, dem chinesischen

Hersteller Goldwind und Enercon aus Aurich

in Ostfriesland. Alstom dagegen spielt

als Hersteller von Windkraftanlagen weltweit

keine Rolle, taucht in den Rankings

nicht einmal auf.

Bei großen Turbinen für den Einsatz auf

hoher See ist Siemens mit großem Abstand

sogar Weltmarktführer. Kein anderer Hersteller

hat so viele Windräder vor britischen,

dänischen, niederländischen oder

deutschen Küsten in den Schlick gerammt

wie Siemens mit seinen riesigen Fertigungsstraßen

in Dänemark. Vergangenes

Jahres gab der Konzern bekannt, zwei gewaltige

Offshore-Windparks vor der Insel

Juist mit Turbinen der Multi-Megawattklasse

auszustatten: Fast 100 Mühlen, jede

mit einer Leistung von sechs Megawatt,

Auf beiden Seiten des Rheins

Wichtige Produktionsstätten von

Siemens und Alstom

Siemens

Alstom

La Rochelle

Züge und

Bahntechnik

Weitere Standorte:

Yekatarinenburg

(Russland)

Levallois

Windenergie

Weitere Standorte:

Lingang (China), Ford

Madison (USA),

Sorel Tracy (Kanada)

Krefeld

Belfort

Aix-les-Bains

Brande

Engesvang

Mülheim a. d. Ruhr

Weitere Standorte:

Redmond (USA),

Wuhan (China)

Aalborg

Nürnberg

Umspanntechnik und

Energieübertragung

Berlin

Graz

Weiz

Gas- und

Dampfturbinen

Weitere Standorte:

Charlotte (USA)

Chattanooga (USA)

werden sich dort bald drehen. Auch Alstom

versucht, im schwierigen, aber lukrativen

Offshore-Geschäft Fuß zu fassen. Doch die

Franzosen sind mit einer eigenen Sechs-

Megawatt-Turbine noch in der Testphase.

Trotz dieser Bedeutungslosigkeit wäre

ein Einstieg von GE bei Alstom für Siemens

möglicherweise doch gefährlich. Denn die

Franzosen unterhalten bei der Offshore-

Windkraft ein Joint Venture mit dem chinesischen

Unternehmen China XD Electric.

Über das Gemeinschaftsunternehmen erhielte

GE Zugang zum Geschäft mit Windturbinen

auf hoher See, ein Bereich, in dem

die Amerikaner Siemens bisher nichts entgegenzusetzen

hatten.

Eher eine Nebenrolle, allerdings eine interessante

für Siemens, spielt Alstom auch

bei den gigantischen, bis zu 12 000 Tonnen

schweren Konverterplattformen. Diese

wandeln den Wechselstrom der Windparks

auf hoher See in Gleichstrom um, um ihn

auf diese Weise fast verlustfrei über Seeund

Landkabel abzutransportieren. Alstom

konnte das milliardenschwere Projekt

Dolwin 3 an Land ziehen, eine 900 Megawatt

starke Anbindung für Windparks im

südwestlichen Teil der deutschen Nordsee.

Alle anderen von den Netzbetreibern Tennet

(Nordsee) und 50Hertz (Ostsee) bisher

in Auftrag gegebenen Netzanbindungsprojekte

auf dem Meer schnappten sich die

Konkurrenten Siemens und ABB.

Alstoms große Schwäche ist nach Meinung

von Jacques Sapir, Ökonom an der

französischen Hochschule EHESS, die enorme

Abhängigkeit von Staatsaufträgen. „Es

gibt kein großes Projekt, weder im Bahnnoch

im Energiesektor, das nicht vom Staat

oder den Regionen finanziert würde.“ Das

gelte nicht nur für den heimischen Markt

Frankreich, sondern auch fürs Ausland.

FINANZIELLE PROBLEME

Die Abhängigkeit ist auch Folge der enormen

finanziellen Schwierigkeiten, die vor

zehn Jahren beinahe zur Pleite geführt hätten.

Bevor 2004 der Staat einsprang und gut

21 Prozent der Anteile übernahm, hatte Alstom

aus lauter Not etwa die Herstellung kleiner

Industrieturbinen an Siemens verkauft,

nur um Geld in die Kassen zu bekommen.

Die Abgabe des Geschäfts mit Hochgeschwindigkeitszügen

wie dem ICE und Lokomotiven

an Alstom wäre für Siemens

hochwillkommen. Die Sparte bereitete den

Münchnern zuletzt erhebliche Probleme,

lieferte vor allem aber kaum Erträge.

Doch ob Kaeser Alstom damit einen

Dienst erweisen würde, den die Franzosen

uneingeschränkt genießen können, ist

zweifelhaft. Denn eine Zusammenlegung

des Zuggeschäfts der Deutschen und Franzosen

dürfte zunächst die Europäische

Wettbewerbskommission auf den Plan rufen.

Seit Jahrzehnten sind die beiden Hausund

Hoflieferanten von deutscher und

französischer Staatsbahn Marktführer in

Europa. Inzwischen hat Alstom mehrere

Hundert der TGV und AGV genannten Züge

hergestellt, Siemens kommt auf eine

ähnlich hohe Zahl von ICE-Zügen, die im

Ausland unter dem Namen Velaro fahren.

Das klingt nach Quasimonopol – und einem

Fall für die Wettbewerbshüter.

Einzige Hoffnung für Alstom: Die Dominanz

der beiden Marktführer in Europa

bekommt Risse. Der kanadische Konzern

Bombardier lieferte der italienischen

Staatsbahn Trenitalia 2013 den ersten von

50 Schnellzügen des Modells Zefiro, die bis

zu 360 Kilometer pro Stunde schnell sind.

Bombardier sieht sich sogar als Marktführer,

weil es für fast alle Züge Komponenten

herstellt. Hinzu kommt, dass die chinesischen

Konkurrenten CNR und CSR zunehmend

weltweit anbieten, indem sie für

ihre Schnellzüge auch die Finanzierung

offerieren.

»

48 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: CORBIS/REUTERS/TIM SHAFFER

DEUTSCH-FRANZÖSISCHE UNTERNEHMEN

À la méthode française

Was aus Firmen wurde, bei denen Franzosen eingestiegen sind.

Die Bilanz der Allianzen und der Übernahmen

deutscher Unternehmen durch Franzosen

fällt durchwachsen aus. Der Versuch

der Deutschen Bahn und der französischen

Staatsbahn, Siemens und Alstom

zur Entwicklung eines gemeinsamen

Hochgeschwindigkeitszuges zu bewegen,

scheiterte 2004 kläglich. Dagegen expandiert

die frühere Citibank in Deutschland

kräftig, nachdem die französische Genossenschaftsbank

Crédit Mutuel das Unternehmen

2008 für fünf Milliarden Euro

übernahm und in Targobank umbenannte.

Die prominentesten Beispiele:

ADIDAS

Mindestens drei Mal kreuzten Franzosen

die Wege des Dax-Konzerns Adidas. Erst

kaufte zu Beginn der Neunzigerjahre der

schillernde Geschäftsmann Bernard

Tapie den Dassler-Erben das damals in

seiner Existenz bedrohte Unternehmen

ab und machte es anschließend konzeptlos

fast völlig platt. Dann rettete

Tapies Landsmann Robert Louis-Dreyfus

den heute zweitgrößten Sportartikler der

Welt, indem er ihn zur geölten Marketingmaschine

umbaute.

Allerdings fiel 1997 auch der Kauf des

Wintersportunternehmens Salomon aus

dem südostfranzösischen Annecy in die

Ära Dreyfus – ein veritabler Fehler. Denn

der für umgerechnet 1,2 Milliarden Euro

übernommene Skihersteller führte weiter

ein nicht kontrollierbares Eigenleben.

Adidas-Chef Herbert Hainer bekannte

später: „Wir haben es nicht geschafft, die

Marke Salomon zu integrieren.“ Nach

acht mauen Jahren mit sinkenden Erträgen

verkaufte Adidas das französische

Kuckucksei 2005 für rund 485 Millionen

Euro an den finnischen Sportkonzern

Amer.

Endstation Paris

Impfstoffproduktion

bei Sanofi

renten Rhône-Poulenc in Lyon. Das neue

Unternehmen hieß fortan Aventis. Der Sitz

war im französischen Straßburg, den Chefposten

bekam Dormann. Doch das optische

Gleichgewicht währte nicht lange. Schon

nach gut zwei Jahren zog sich der Deutsche,

wohl auch zermürbt vom Machtpoker

der Franzosen, zurück und wechselte an

die Spitze des Aufsichtsrat. Im Aventis-Vorstand

dominierten fortan Franzosen und

Amerikaner.

Der zweite Streich folgte 2004, als Aventis

vom französischen Pharmakonzern Sanofi-Synthelabo

geschluckt wurde. Dadurch

wurde das Unternehmen endgültig französisch

mit Konzernsitz in Paris. Von hier wird

auch der Rest von Hoechst in Frankfurt

gesteuert wird, wo noch gut 7000 Beschäftigte

unter anderem das Insulinpräparat

Lantus herstellen. Die Zahl der Mitarbeiter

hat sich zuletzt unter französischer Ägide

um 330 Arbeitsplätze verringert.

AREVA

Der Deutschland-Zentrale des französischen

Atomkraftkonzerns Areva in der

Paul-Gossen-Straße 100 in Erlangen sieht

man nicht an, dass dies einmal die kerntechnische

Sparte Kraftwerksunion (KWU)

HOECHST

Eigentlich war das deutsch-französische

Gemeinschaftsprojekt fein austariert.

1999 fusionierte der einst stolze Frankfurter

Pharmakonzern Hoechst, nachdem

er von seinem Chef Jürgen Dormann rigoros

zerlegt worden war, mit dem Konkurvon

Siemens war. KWU baute in den Siebziger-

und Achtzigerjahren die Atomkraftwerke

in Deutschland, zusammen mit der

untergegangenen AEG. Unter dem heute

französischen Konzerndach arbeiten in

Deutschland 5800 Beschäftigte. Knapp

5000 sind mit der Belieferung und Wartung

der hiesigen Atommeiler beschäftigt,

800 in der Sparte Erneuerbare Energien.

So stellt Arvea Deutschland Rotorblätter

für Windmühlen her und ist damit Nummer

zwei beim Bau von Offshore-Windanlagen.

Areva steht für den Abschied von Siemens

aus der Atomtechnik. Die Münchner

verkauften 2001 und schließlich

2009 ihr strahlendes Geschäft an die

Franzosen, die die Sparte sanierten und

rund 1300 Beschäftigte in Deutschland

feuerten. Für ein teures Wiedersehen mit

den Franzosen sorgte Siemens-Aufsichtsratschef

Gerhard Cromme, als er 2010

den Schulterschluss mit dem russischen

Nuklearausrüster Rosatom suchte. Areva

zog eine Wettbewerbsklausel und zwang

Siemens über ein Schiedsgericht zur Zahlung

von 650 Millionen Euro.

AIRBUS GROUP

Beim Luft- und Raumfahrt- sowie Rüstungskonzern

EADS, der seit Januar Airbus

Group heißt und an dem Deutschland

und Frankreich je zwölf Prozent halten,

klappt die deutsch-französische Zusammenarbeit

fast 15 Jahre nach der Gründung

gut. Nutznießer des produktiven

Miteinanders sind allerdings immer weniger

die deutschen Standorte. Die große

Expansion findet in Zukunft außerhalb

Europas statt, etwa in China. Die ursprüngliche

Parität, die die Deutschen

zum einen dem Rüstungsgeschäft verdankten,

bröckelt zugunsten der Franzosen,

weil der Absatz von Kriegsgerät

schrumpft. Berlin kann nicht mehr groß

auf Jobs in Deutschland pochen, weil es

in den nächsten zehn Jahren keine

staatlichen Finanzierungshilfen für neue

Modelle geben wird.

Schließlich läuft es auch beim Personal

für die Franzosen. Der Konzernsitz ist

Toulouse, nicht mehr auch München.

Daimler ist als Aktionär raus, sodass von

dort keine Top-Kräfte kommen. Und

deutsche Ingenieure zieht es lieber in die

Autobranche.

jürgen salz, peter steinkirchner, andreas wildhagen |

unternehmen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 49

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Unternehmen&Märkte

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Vor diesem Hintergrund ist nicht auszuschließen,

dass die EU auf Druck Frankreichs

und Deutschlands einen Zusammenschluss

der Zugsparte von Siemens

und Alstom durchwinken würde. Wirtschaftlich

hätte die Liaison in jedem Fall

Sinn. „Ein Zusammenschluss des Zuggeschäfts

von Siemens und Alstom wäre daher

ein überfälliger und sinnvoller Schritt,

um Kräfte zu bündeln und die Qualitätsführerschaft

zu erhalten“, sagt Maria Leenen,

Geschäftsführerin der Beratung SCI

Verkehr. Gemeinsam ließen sich Kosten für

Zulassung und Entwicklung senken.

Auch politisch dürfte eine Übernahme

der ICEs durch Alstom erwünscht sein.

Denn dies dürfte die europaweite Zulassung

der hochkomplexen Zugtechnik beschleunigen.

Derzeit muss jeder Zug seinen

Sicherheitscheck in jedem Land separat

durchlaufen – das birgt Risiken. So lieferte

Siemens in diesem Jahr die ersten 8 von 17

ICE-Zügen an die Deutsche Bahn aus, obwohl

die Züge bislang weder in Belgien

noch in Frankreich fahren dürfen. Alstom

hatte sich 2008 aus der Ausschreibung zurückgezogen,

wohl wissend, dass eine europaweite

Zulassung bis Ende 2011, wie

einst von der Bahn bestellt, utopisch sei.

Sollte Siemens am Ende den Zuschlag

für Alstom bekommen, fingen die Probleme

dann allerdings erst richtig an: die

schwierige Eingliederung des Alstom-Geschäfts

in den schon jetzt komplexen Siemens-Verbund;

die teure Jobgarantie über

drei Jahre, die Kaeser abgegeben hat;

Kämpfe mit den französischen Gewerkschaften

und der örtlichen Politik, die gerne

in die Geschäfte privater Unternehmen

hineinregiert; Auseinandersetzungen mit

der IG Metall in Deutschland über den Erhalt

von Jobs in der Zugsparte, um die Zustimmung

der Arbeitnehmervertreter im

Siemens-Aufsichtsrat zu erlangen.

GE AUF EUROPAKURS

Die Siemens-Aktionäre dürfte ein Deal mit

Alstom einiges kosten (siehe Seite 52). Doch

wäre das der Preis dafür, dass sie sich den

gefährlichsten Wettbewerber vom Leib halten.

Zwar ist Siemens in Europa gegenüber

GE noch der unangefochtene Platzhirsch.

Doch die Amerikaner sind voll auf Angriff

gepolt. „Wir müssen mehr wie Deutschland

werden“, hat GE-Chef Immelt seinen Leuten

eingebläut. Soll heißen: GE will Siemens in

den Domänen der Deutschen, bei der Qualität

und der Innovationsstärke angreifen.

Dazu hat Immelt in den vergangenen

zwei Jahren fast die gesamte Führungsmannschaft

in Europa ausgewechselt. Die

rund 17 Prozent des Umsatzes, die GE in Europa

erzielt, sind ihm viel zu wenig. Um etwa

beim Windgeschäft an Land den Druck auf

Siemens zu erhöhen, hat GE im vergangenen

Jahr eigens für den deutschen Markt eine

Windturbine entwickelt. Die Anlage mit

einer Leistung von 2,5 Megawatt soll sich gut

verkaufen. Zudem hat GE mehr als 60 Forschungs-

und Produktionsstandorte in Europa

eingerichtet, 17 davon in Deutschland,

6 in Frankreich.

Sollte Kaeser gegen Immelt am Ende den

Kürzeren ziehen und ihm auf dem europäischen

Heimatmarkt ein mächtiger Konkurrent

erwachsen, bliebe ihm nichts anderes

übrig, als sein geplantes Umbauprogramm

für den Konzern mit umso größerem Druck

umzusetzen und die Fehler aus der Löscher-

Ära zu korrigieren. Kaeser will mit seinem

Schlachtplan den Tanker Siemens vor allem

wieder wendiger und dynamischer machen

und das „Geschäft näher zum Kunden bringen“,

wie er es formuliert.

Dazu will er etwa die sogenannte Cluster-Struktur,

nach der Siemens den Konzern

weltweit organisiert, abschaffen. Im

Regionalcluster Nordostasien etwa sind

Länder wie Korea, China und Taiwan zusammengefasst.

Kaeser will den einzelnen

Landesgesellschaften wieder mehr Macht

geben, damit sie schneller agieren können.

Auch soll sich der Technologiekonzern

»

Schaulaufen im Élysée

Siemens-Chef Kaeser und

Aufsichtsratschef Cromme

(links )sprechen bei

der französischen Regierung

vor. Zuvor war GE-

Chef Immelt angetreten.

FOTOS: LAIF/RIVA PRESS/VINCENT NGUYEN, LAIF/REA/GILLES ROLLE

50 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 51

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Unternehmen&Märkte

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von der Einteilung des Geschäfts in vier

Sektoren mit insgesamt 16 Divisionen verabschieden.

Künftig sollen die Aktivitäten

des Konzerns in acht oder neun Divisionen

zusammengefasst werden, sagt eine Insiderin.

Siemens will sich hierzu nicht äußern.

Durch eine solche Neuorganisation

entfiele eine komplette Hierarchieebene,

was auch die Vorstandsmitglieder zu spüren

bekommen dürften. Anders als in der

Vergangenheit sollen die mächtigen Sektorenvorstände

nicht mehr exklusiv für einzelne

Geschäftsfelder zuständig sein, sondern

sich nur noch im Bedarfsfall um diese

kümmern. „Da werden gerade Machtzentren

zerschlagen“, sagt die Insiderin.

Als wichtigen Wachstumsmarkt hat Kaeser

die Digitalisierung in den Fabriken definiert.

Um beim Thema Industrie 4.0 in Zukunft

ganz vorne mitspielen zu können,

wollen die Münchner jetzt auch Ausschau

nach Zukäufen in der Softwareindustrie

halten. Die Münchner wollen von der zunehmenden

Bedeutung der Cybersicherheit

bei industriellen Prozessen profitieren.

FÜR STRESS GESORGT

Dabei müssen sich die fast 370 000 Siemensianer

wohl auch auf unangenehme Entscheidungen

einstellen. So dürfte es nicht

bei der im vergangenen Herbst angekündigten

Streichung von 15 000 Stellen bleiben,

heißt es in der IG Metall. „Da könnte

noch einiges dazukommen“, sagt ein Gewerkschaftsvertreter.

Das seien lediglich

Spekulationen, so ein Siemens-Sprecher.

Zusätzliche Jobverluste befürchten die Arbeitnehmervertreter

nun für den Fall einer

Zusammenlegung des Bahngeschäfts von

Siemens und Alstom. Die IG Metall stellte

schon mal klar, dass sie für die 11 500 Beschäftigten

der Sparte Sicherheiten einfordern

werde.

Doch Kaeser kann darauf zählen, dass er

den Großteil der Siemens-Mannschaft hinter

sich hat. Anders als sein Vorgänger Löscher

geht der bodenständige, bisweilen

spontane Niederbayer auf die Belegschaft

zu und hört sich geduldig deren Probleme

an. Mit den üblichen Insignien der Macht

kann Kaeser dagegen wenig anfangen.

Als er vor einigen Monaten die Chinazentrale

des Konzerns in Peking besuchte,

wollte der Chef keinen Personenschutz, erzählt

ein Siemens-Mitarbeiter in der chinesischen

Hauptstadt: „Sehr sympathisch,

hat bei uns aber für Stress gesorgt.“ n

matthias.kamp@wiwo.de | München, mario brück,

karin finkenzeller | Paris, christian schlesiger | Berlin,

martin seiwert | New York, andreas wildhagen

SIEMENS-AKTIE

Lauter Kröten

Der Poker um Alstom kann Siemens-

Anleger teuer zu stehen kommen.

Mit Kursverlusten quittieren die Siemens-

Aktionäre den Angriff von General Electric

(GE) auf den französischen Konkurrenten

Alstom und die Gegenoffensive von

Siemens-Chef Kaeser. Noch ist nicht

entschieden, wie das Rennen um Alstom

ausgeht, doch Siemens-Aktionären drohen

empfindliche Nachteile.

Sollte Siemens Alstom ganz übernehmen,

dürfte der Preis für eine solche

Kompletttransaktion deutlich über dem

aktuellen Alstom-Börsenwert von 9,1 Milliarden

Euro liegen. Bei zwölf Milliarden

Euro zum Beispiel würde Siemens jeden

Euro Jahresumsatz von Alstom mit 60

Cent bezahlen. Das ist zwar vergleichsweise

günstig, hat aber auch einen

Grund: Die Nettorendite von Alstom

(Reingewinn vom Umsatz) lag zuletzt ein

Drittel unter der von Siemens. Mit anderen

Worten: Alstom käme Siemens zwar

Aktien-Info Siemens

ISINDE0007236101

240

WertentwicklunginProzent

220

Siemens

200

180

160

140

120

100

80

Alstom

60

40

2009 2010 2011 2012 2013 14

Umsatz (in Mrd. €)

Nettoergebnis (in Mrd. €)

Umsatzrendite (in %)

Mitarbeiter weltweit

KGV

Börsenwert (in Mrd. Euro)

Chance

Risiko

Niedrig

Siemens*

75,9

4,3

5,6

360000

13,9 (09/14)

82,8

Geschäftsjahr zum: *30.9.2013;**31.3.2013;

Quelle:Bloomberg,Thomson Reuters

Alstom**

20,3

0,8

4,0

93460

11,2 (03/15)

8,3

Hoch

SolidesWachstum,anziehende Renditen unddie

hohe Finanzkraft habenSiemens-Aktien überdurchschnittlich

steigen lassen. Eine möglicheÜbernahme

vonAlstomkönntediese Kurstreibergefährden.Die

Risikenfür Anlegernehmenzu.

auf den ersten Blick nicht besonders teuer,

doch würde der Zukauf so gar nicht in

die aktuelle Effizienz-Strategie Kaesers

passen. Und gerade an der Börse war die

Aussicht auf steigende Renditen in den

vergangenen Monaten das entscheidendes

Argument für Siemens. Zusätzlicher

Nachteil für Anleger: Um finanziellen

Spielraum zu bekommen, wurde ein Aktienrückkaufprogramm

auf Eis gelegt.

KOSTSPIELIGER WETTLAUF

Statt Alstom komplett zu kaufen, käme

Siemens ein wechselseitiger Tausch von

Unternehmenssparten günstiger. Das

Energiegeschäft von Alstom ginge zu Siemens,

umgekehrt die ICEs von Siemens

zu Alstom. Allerdings besteht auch hier

das gleiche Problem: Während Siemens

im reinen Energiegeschäft zuletzt operative

Margen von rund zehn Prozent erzielt

hat, lagen sie bei Alstom deutlich darunter.

Schlimmer noch: Gerade im Energiegeschäft

brachen Alstom in den vergangenen

Monaten die Aufträge zweistellig

weg. Siemens bekäme also nicht nur ein

wenig effizientes Geschäft, sondern

müsste sich auch noch mit schrumpfenden

Umsätzen herumschlagen.

Und wenn es zu einem preistreibenden

Bietergefecht zwischen GE und Siemens

kommt? Solvent sind beide Konzerne.

Siemens hat in der jüngsten Bilanz 8,9

Milliarden Euro Cash ausgewiesen, GE im

internationalen Geschäft zweistellige

Milliardenbeträge angesammelt. Für

Siemens-Aktionäre wäre ein Wettlauf

abermals schlecht, da er über einen höheren

Kaufpreis die Investition in Alstom

unrentabler machen würde.

Mit einer schnellen Lösung des Problems

brauchen Anleger nicht zu rechnen.

Aus industriepolitischen Gründen

wird sich die französische Regierung das

letzte Wort dazu vorbehalten, was aus

Alstom wird. Für Siemens-Aktionäre stecken

auch da wiederum zwei Kröten drin:

Gehen große Teile von Alstom an Siemens,

dürfte das mit Auflagen verbunden

sein – etwa möglichst viele Arbeitsplätze

zu erhalten, egal, was es kostet. Das

schmälert die Rendite. Sollte der Zuschlag

an die Amerikaner gehen, hätte

Siemens ebenfalls mit Zitronen gehandelt

– und mit einer verstärkten GE einen

gefährlichen Gegner im Energiegeschäft

direkt vor der Haustür.

anton.riedl@wiwo.de

52 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Auf Schnäppchenjagd

PRIVATBANKEN | Kostendruck und Regulierung forcieren die Konsolidierung in der Branche.

Wichtiger Treiber ist die Frankfurter Bethmann Bank.

Der Bethmannhof in der Frankfurter

Innenstadt ist ein Stück Stein gewordene

Bankgeschichte. Hier eröffnete

1923 die erste Kassenhalle einer deutschen

Bank. Finanzreliquien in Glasvitrinen und

Antiquitäten erzählen von fast 300 Jahren

Bankgeschichte. Wo schon die Einrichtung

die Zeiten unbeschädigt überdauert hat, so

die Botschaft an die wohlhabenden Kunden,

bleibt auch deren Vermögen unversehrt.

Dabei gibt es bei der Bank jede Menge

Wandel. Sie entstand 2004 aus dem Zusammenschluss

der Bankhäuser Delbrück,

Bethmann und Maffei unter dem Dach der

niederländischen ABN Amro Bank und hat

turbulente Zeiten hinter sich, kauft aber

kräftig zu – eine Ausnahme in der von

schrumpfenden Bilanzen geprägten Bankenwelt.

Bethmann hat sich so zum Treiber

der Konsolidierung im deutschen Private

Banking gemausert. Aktuell übernimmt

die Bank gerade die deutschen Private-Banking-Aktivitäten

der Credit Suisse.

So schluckte Bethmann bereits 2011 den

Deutschland-Ableger der Liechtensteiner

LGT. Merck Finck gehört seit 2012 dem

Emir von Katar. Die Deutsche Bank hat die

Frankfurter BHF Bank an den Investor RHJI

unter Führung des früheren Dresdner-

Bank-Vorstands Leonhard Fischer verkauft.

Schweizer Banken wie Sarasin und Vontobel

haben ihr Geschäft restrukturiert, die

UBS fängt sich erst allmählich wieder.

Auch Bethmann hat die Krise durchgerüttelt.

2007 übernahm ein Konsortium aus

der spanischen Santander, der Royal Bank

of Scotland und der belgisch-niederländischen

Fortis ABN Amro das Institut für den

te es einen ersten Anlauf für den schon 2011

geplanten Staatsausstieg geben. Bethmann

soll dazu den deutschen Beitrag leisten. Allerdings

machte die Bank 2012 noch einen

Verlust von rund 16 Millionen Euro – vor allem

durch die Kosten der LGT-Übernahme.

Auch 2013 stand am Ende ein Minus.

„Durch die aktuelle Credit-Suisse-Übernahme

entstehen keine zusätzlichen Kosten,

weil wir nur Berater, Spezialisten, Kunden

und Vermögenswerte, aber nicht die

Infrastruktur übernehmen“, sagt Bethmann-Chef

Horst Schmidt. Dafür könne

die Bank ihr Angebot zum Beispiel um Beteiligungen

bei Private Equity erweitern

FOTO: LAIF/MORGENSTERN

ABSCHIED VOM STAAT

„Wachsende Anforderungen bei Regulierung

und IT erhöhen den Kostendruck“,

sagt der für das internationale Private Banking

verantwortliche ABN-Amro-Manager

Jeroen Rijpkema. „Um dauerhaft erfolgreich

zu sein, sollte eine Bank in Deutschland

im Private Banking Vermögen von

mindestens 20 Milliarden Euro verwalten.“

Bethmanns jüngster Zukauf soll das betreute

Kundengeld um 10 auf knapp 35

Milliarden Euro steigern. Das macht die

Bank zur Nummer drei auf dem deutschen

Markt hinter Deutscher und Commerzbank.

Und katapultiert sie in eine Dimension,

in der zu guten Zeiten allenfalls die

2009 an die Deutsche Bank notverkaufte

Kölner Privatbank Sal. Oppenheim zu

Hause war.

Der Markt privater Geldanlage ist so zersplittert

wie umkämpft. Zwar wuchsen die

verwalteten Vermögen nach einer McKinsey-Studie

von 2013 um acht Prozent. Die

Gewinnmargen sanken jedoch leicht, während

die Anforderungen an Beratung und

Technik stiegen. Viele ehrgeizige Pläne

sind deshalb gescheitert, Eigentümer traten

den Rückzug an.

Wo das Geld wohnt Tresorraum der Bethmann

Bank in der Frankfurter Innenstadt

stolzen Preis von 71 Milliarden Euro. Bethmann

sollte an Fortis gehen. Doch vor Abschluss

der Transaktion Ende 2008 war

Fortis pleite und musste vom Staat gerettet

werden. Die Niederlande steckten Milliarden

in die Stabilisierung und gründeten

aus den Trümmern 2010 ABN Amro neu.

Die Bank konzentriert sich nun auf das

Geschäft mit Privatkunden und Unternehmen.

Der niederländische Staat lässt auch

Zukäufe etwa in Deutschland und Frankreich

zu, die zum Geschäftsmodell passen

und den Wert steigern. Ende des Jahres dürfund

die Qualität ihrer Beratung steigern.

Schmidt: „Wir sind eine deutsche Privatbank

mit internationalem Netzwerk.“

Die Konkurrenz bleibt skeptisch. So haben

sich bereits Credit-Suisse-Berater zu

Wettbewerbern verabschiedet. Andere

sollen nur wegen aufgestockter Halteprämien

geblieben sein. Die Fluktuation halte

sich im üblichen Rahmen, hält Schmidt

dagegen. Die Bank müsse zwar weiter

sparen, werde aber von sich aus keine

Stellen abbauen. Im Gegenteil: Die 200

Banker der Credit Suisse sind willkommen,

die Zahl der Beschäftigten steigt mit

ihnen auf 630.

n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 53

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Unternehmen&Märkte

»Ausrede für sinkende Quoten«

INTERVIEW | Frank Lotze Der Chef der größten deutschen Werbeagentur BBDO ärgert sich über schlechtes

Fernsehen, will 2014 der Konkurrenz Werbeetats abjagen und schneller wachsen als die Branche.

Herr Lotze, warum gilt Werbung aus

Deutschland weltweit als so langweilig und

weit abgehängt von witzigen Kampagnen

aus den USA, England oder Brasilien?

Moment, Einspruch: Kennen Sie unseren

aktuellen Spot für den Smart nicht?

Den, in dem der Wagen zu lauter Rockmusik

in felsigem Gelände stecken bleibt?

Genau – erst scheitert das Auto im unwirtlichen

Gelände, dann prescht es in der

Stadt in eine winzige Parklücke, und der

Zuschauer denkt: Der kann und darf das.

Der Film funktioniert weltweit, ist sehr erfolgreich

und der bisher am meisten ausgezeichnete

TV-Spot aus Deutschland. In

allen Ländern, in denen für Smart geworben

wird, wurde der Film häufiger geschaltet

als geplant. Er lief sogar während des

Endspiels um die US-Football-Meisterschaft,

dem Superbowl. Gar so öde scheint

Werbung aus Deutschland nicht zu sein...

Kassieren Sie nun bei jeder weiteren

Ausstrahlung mit?

Der Aspekt der Honorierung ist sekundär.

Wir freuen uns sehr darüber, dass der Film

weltweit läuft, das ist im Bereich

Auto nicht selbstverständlich.

Mit dem britischen Zigarettenkonzern

Imperial Tobacco

Group haben Sie

gerade einen internationalen

Großkunden

gewonnen.

Kamen Sie innerhalb

Ihres

Netzwerkes BBDO nur zum Zuge, weil Ihre

Konzernmutter in England und den USA

eine strikte Anti-Qualm-Politik verfolgt?

Nein, es gibt kein grundsätzliches No-Go

bei BBDO. Wir sind ein liberales Netzwerk

ohne irgendwelche Anti-Tabak-Richtlinien.

Zigaretten sind ein frei verkäufliches

Produkt, das man bewerben darf. Insofern

waren wir völlig frei, uns um diesen Etat zu

bewerben...

...der Ihnen nun angeblich mehr als 20

Millionen Euro im Jahr beschert?

Die Zahl kommentiere ich nicht, aber das

ist sicher einer der größten Etats, der international

in den vergangenen zwölf Monaten

ausgeschrieben wurde. Wir sind verantwortlich

für alle ITG-Marken weltweit,

also etwa Gauloises, JPS, Davidoff und

West. Allein für ITG werden wir in Düsseldorf

80 Mitarbeiter einstellen. Bei uns haben

sich Leute aus der ganzen Welt beworben,

sie kommen von Top-Agenturen wie

AKQA, Razorfish und Wieden & Kennedy

und werden unseren Standort noch einmal

zusätzlich beleben. Gleichzeitig bauen wir

Teams in Bristol, am Hauptquartier des

Kunden, und London auf. Und in Hamburg

stocken wir unser Designteam auf.

Vor drei Jahren kündigten Sie an, dass

BBDO in der Rangliste der kreativsten

deutschen Agenturen unter die Top Drei

kommen soll, heute stehen Sie tatsächlich

auf Platz eins. Haben Sie Geld in

einen Award-Etat gepumpt, um in

Kreativ-Wettbewerben zu glänzen?

Nein, im Gegenteil: Wir liegen mit

unseren Award-Ausgaben im

unteren Drittel dessen, was

lokale Agenturen hierzulande

für die Teilnahme

an Wettbewerben ausgeben.

Ausschließlich

ungebriefte Award-

Ideen für Scheinkunden

zu produzieren,

vollkommen

losgelöst vom Tagesgeschäft,

ist

nicht marktkonform.

Wir haben

stattdessen in Köp-

54 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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fe und Talente investiert. So hat die BBDO-

Gruppe mit Wolfgang Schneider seit 2011

wieder einen gesamtverantwortlichen

Kreativchef. Diese Strategie zahlt sich nun

aus.

2014 vergeben viele Unternehmen ihre

Werbeetats neu. Haben Sie Vorgaben

aus der Zentrale in New York, wie viel

Neugeschäft Sie an Land ziehen müssen?

Dazu brauchen wir keine Vorgaben, das ist

für uns wie beim Fußball: Wenn wir antreten,

wollen wir gewinnen. Bislang sind wir

gut unterwegs: Keine andere Agentur hat

in den vergangenen drei Jahren so viel

Neugeschäft gewonnen wie wir. Vor zwei

Wochen etwa haben wir den ARAG-Etat

geholt – gegen starke Konkurrenz.

Der Gesamtverband der Werbeagenturen

rechnet für 2014 mit einem Umsatzwachstum

im Agenturgeschäft von

7,4 Prozent – wären Sie damit zufrieden?

Nein, das wäre ich nicht, denn unser Anspruch

als Marktführer ist es, über dem

Durchschnitt zu wachsen. Bis jetzt haben

wir das auch geschafft. Wir haben den Umsatz

und Gewinn in der Gruppe seit 2010

kontinuierlich gesteigert.

Dann müssten Sie die 500-Millionen-

Umsatz-Schwelle bald erreicht haben?

Dazu möchte ich nichts sagen, weil unsere

Konzernmutter in New York

an der Börse notiert ist. Wir

sind allerdings auf einem

sehr guten Weg und profitieren

davon, dass auch potenzielle

Kunden BBDO wieder

als erstklassige Kreativagentur

wahrnehmen. Es gibt

kaum einen großen Pitch, zu

dem wir nicht eingeladen

sind.

Liegt das nicht eher daran,

dass immer mehr

Werbekunden ihre Etats auf

Großagenturen konzentrieren?

Ja, das wirkt sich positiv für uns aus. Alles

andere wäre aber auch am Markt vorbeigedacht.

In der globalisierten und digitalisierten

Produkt- und Marketingwelt findet eine

Konzentration auf die großen Agenturzentralen

statt. Natürlich haben auch

lokale Agenturen ihre Berechtigung.

Und das ist auch gut so. Aber bei

weltweiten Etats – wie dem von

ITG – bleiben lokale deutsche

Agenturen meist außen vor.

Warum?

Weil sie nicht die internationale

Düsseldorf vorn

Diefünf kreativsten Werbeagenturen

Deutschlands (in Punkten*)

BBDO

Serviceplan

Ogilvy

WERBESTRATEGE

Expertise haben, weil ihnen

Kolle Rebbe

Saatchi

Lotze, 47, ist gebürtiger

Düsseldorfer. Der Diplom-

Kaufmann führt seit 2010

die 5700 Mitarbeiter von

BBDO Germany. Zur Holding

gehören neben BBDO

die Agentur Proximity, die

PR-Agentur Ketchum Pleon

sowie der Designspezialist

Peter Schmidt Group und

der Dienstleister Sellbytel.

740

860

1020

*inWerbewettbewerben erzielte Punkte;

Quelle: GWA

1900

1860

das globale Netzwerk fehlt und weil sie

nicht so breit aufgestellt sind, um das gefragte

Leistungsspektrum zu bieten. Kommunikation

lässt sich nicht mehr auf Landesgrenzen

oder einzelne Kanäle beschränken.

Wir leben in einem Verdrängungswettbewerb,

und der wird härter.

Budgets werden gebündelt und wachsen

nur noch bedingt. Gleichzeitig müssen

Agenturen in der Lage sein, viel mehr Kanäle

zu bespielen. Früher gab es praktisch

nur TV, Funk, Print und Plakat. Heute liegt

der Anteil dieser klassischen Medien bei

großen, internationalen

Etats oft nur noch bei 30 bis

40 Prozent. Das Gros fließt

in digitale und dialogische

Maßnahmen.

Welche Rolle spielt das

Fernsehen noch?

Werbefilme werden immer

das dominante Format sein.

Nichts emotionalisiert

mehr. Ob die Filme dann im

TV oder auf dem Tablet laufen,

ist egal.

Aber ist Opas Fernsehen

wirklich noch attraktiv genug als Werbeumfeld?

Die kaufkräftigen Zuschauer

wandern ab, und auch die Älteren sehen

immer häufiger Filme und Serien auf

Web-Portalen wie Watchever oder bei

Amazon.

Man muss sich die Frage stellen, ob die TV-

Sender genug für ihr Medium tun. Sind sie

innovativ genug, produzieren sie ausreichend

gute Formate, erregen sie die Neugier

der Zuschauer? Für meinen Geschmack

könnten die Sender hier mehr

unternehmen. Eine Agentur sucht ein attraktives

Werbeumfeld, weil sie viele Menschen

erreichen möchte für ihre Kunden.

Mein Eindruck ist, dass das traditionelle

Fernsehen dies oft nicht optimal erfüllt.

Woran liegt das?

Die Programmverantwortlichen setzen

häufig auf Althergebrachtes, auf bekannte

Muster, die sich dann totlaufen. Mittlerweile

ist ja schon jede deutsche Familiensaga

durchgefilmt worden. Oder die immer

gleichen Castingshows, die rauf und runter

laufen. Dabei suchen die Zuschauer

durchaus nach neuen Formaten. Da ist es

kein Wunder, dass immer mehr Leute – vor

allem die jüngeren – ins Internet zu den

Portalen abwandern. Allerdings ist das

kein Naturgesetz. Es gibt genug Vorbilder

für kreative Inhalte, die funktionieren.

Woran denken Sie?

In den USA gibt es gerade eine regelrechte

Renaissance des Fernsehens dank toller

Serien wie „House of Cards“ oder „Game of

Thrones“. Das sind einzigartige Formate.

Damit lassen sich Millionen vor die Bildschirme

locken. Bei uns wird stattdessen

die nächste Kochshow serviert, bis uns das

Ganze zum Hals raushängt. Entscheidend

ist die Qualität des Inhalts und nicht die

Berechtigung des Mediums an sich.

Aber zersplittert das Publikum nicht

dennoch in immer kleinere Fraktionen?

Das ist so, wird aber allzu oft auch schlicht

als Ausrede für sinkende Quoten missbraucht.

Denn gleichzeitig vernetzen sich

die Leute auch so stark wie nie zuvor. Und

das müssen wir genauso berücksichtigen

wie die angebliche Zersplitterung. Werbung

muss Menschen clustern und versammeln,

ich kann nicht jeden individuell

ansprechen, das wäre völlig ineffizient. Wir

müssen möglichst viele Menschen mit einer

Werbebotschaft erreichen.

Angeblich brechen doch gerade für

Werber goldene Zeiten an, weil sie dank

Big Data – den Unmengen von Daten, die

jeder Internet-Nutzer hinterlässt– individualisierte

Werbung schneidern können?

Daten sind ein toller Rohstoff, nicht weniger,

aber auch nicht mehr. Mit ihrer Hilfe

können wir Zielgruppen segmentieren:

Wen will und kann ich erreichen? Mit welcher

Botschaft? Erreiche ich die richtigen?

Wann sind sie empfänglich für die Werbebotschaft?

Aber selbst, wenn ich Tausende

von Daten beisammen habe, braucht es

noch immer die kreative Idee, die packende

Story der Marke, mit der ich Menschen

erreiche und involviere. Ohne solche Ideen

sind Daten nutzlos. Daten sind Teil der

Lösung. Aber sie sind nicht die Lösung. n

peter.steinkirchner@wiwo.de

FOTO: FRANK REINHOLD FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 55

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Unternehmen&Märkte

Von wegen Freiheit

DIGITALE WIRTSCHAFT | Gesetzgeber und etablierte Anbieter bremsen

neue Internet-Dienste aus. Der Streit geht um Privilegien und

um die Frage: Wann ist ein Geschäft ein steuerpflichtiges Gewerbe?

Airbnb

Brian Chesky

Auf der 2008 gegründeten

Online-Plattform gibt es 600 000

Unterkünfte in 192 Ländern.

Umsatz 250 Millionen Dollar

Es war der 24. August, als die Regierung

des größten Schweizer Kantons Graubünden

verkündete: Ab sofort sei das

Autofahren auf allen Straßen verboten, weil

der Post- und Fahrverkehr mit Kutschen

mehrfach gefährdet worden sei. Graubünden

werde so zur „friedlichen Oase, in welcher

man von all den Plagen des Automobils

gesichert ist“. Das war 1900. Ein ganzes Vierteljahrhundert

sollte es am Ende dauern, bis

das Verbot fiel.

In einer ähnlichen Situation fühlt sich gerade

der Limousinen-Vermittler Uber in

Berlin – nur dass sich hier nicht Kutscher,

sondern Taxibesitzer bedroht sehen. Denn

vergangenen Monat erwirkte der Vorsitzende

der Berliner Taxivereinigung, Richard

Leipold, vor Gericht eine einstweilige Verfügung,

die Uber das Geschäft in Berlin untersagt.

Das US-Unternehmen habe keine Taxilizenz.

Uber will im Ernstfall bis vor den Europäischen

Gerichtshof ziehen. Der Rechtsstreit

wird sich wohl Jahre hinziehen.

Mit der App von Uber können Nutzer Luxuslimousinen

samt Chauffeur ordern und

bezahlen – zum Taxipreis. Die Fahrer sind

meist selbstständige Kleinunternehmer. Seit

Kurzem setzt Uber-Chef Travis Kalanick

noch eins drauf: Mit dem Dienst UberPop

kann jedermann Hobbychauffeur werden.

Berlin ist nicht der einzige Ort, wo er auf Widerstand

eingesessener Konkurrenz stößt.

In Belgien wurde UberPop verboten, in Paris

zertrümmerten Taxifahrer Autoscheiben.

Uber ist nur eines vieler Web-Unternehmen,

die von klassischen Anbietern mit allen

Mitteln am Geschäft gehindert werden.

Der Couch-Surfing-Anbieter Airbnb legt

sich mit der Hotelbranche an und bekommt

nun weltweit regulatorischen Gegenwind

zu spüren – auch in Deutschland.

Je häufiger Unternehmen mithilfe des Internets

in etablierte Märkte eindringen oder

wirtschaftlich Brachliegendes zum Geschäft

machen, desto mehr stoßen sie an rechtliche

und politische Grenzen. Entweder sind

die Gesetze für die neuen Geschäftsideen

nicht ausgelegt. Oder etablierte Anbieter

nutzen die einschränkenden Paragrafen,

um ihre wirtschaftlichen Privilegien zu verteidigen.

„Die klassischen Player sehen die

digitale Transformation oft nur als Gefahr

und versuchen die Entwicklung abzuwehren,

statt selbst aktiv zu werden“, sagt Tobias

Kollmann, Professor für E-Business und

Vorsitzender des Beirats Junge Digitale Wirtschaft

im Bundeswirtschaftsministerium.

An deutlichsten zeigen sich die Konflikte

in der neuen sogenannten Sharing Economy,

frei übersetzt: dem Geschäft mit dem

FOTOS: CORBIS OUTLINE/FORBES COLLECTION/ERIC MILLETTE, LAIF/REDUX/JEFFERY A. SALTER

56 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Teilen. Hier nutzen Privatpersonen Internet-Portale,

um mit privaten Gütern Geschäfte

zu machen, die aufgrund des hohen

Informationsaufwandes bisher oft nicht

möglich waren: etwa die eigene Wohnung

ganz oder teilweise zu vermieten. Selbst das

Auto lässt sich so gegen Geld verleihen,

wenn es während der Arbeit im Büro oder

der Geschäftsreise ungenutzt herumsteht.

Der Streit mit etablierten Wettbewerbern

entzündet sich regelmäßig an der Frage:

Wann ist ein Geschäft ein netter Zuverdienst

und wann ein Gewerbe? Sebastian Ballweg

etwa, Ex-Einkäufer bei Daimler, ist zurzeit

im Clinch mit den Autovermietern. Der

Stuttgarter gründete 2011 die Internet-Plattform

Autonetzer, deren Nutzer ihr Auto an

andere vermieten können. „Der Bundesverband

der Autovermieter hat uns deswegen

vor den Kadi gezogen“, schimpft Ballweg,

„die haben sich auf die Fahnen geschrieben,

ihren Mitgliedern Wettbewerb vom Hals zu

halten.“ Dabei vermittle er erfolglose Anfragen

an Mietwagenfirmen weiter. Nun müssen

Richter beurteilen, ob die von Ballweg

mobilisierten Autobesitzer gewerbliche Vermieter

sind. Auch bei den Hobby-Taxifahrern

von UberPop ist das der Knackpunkt.

13 Start-ups, darunter Autonetzer und

Airbnb, haben deshalb im Netz eine Petition

an die Adresse des Finanzministeriums gestartet

und fordern Rechtsklarheit. Wer jährlich

weniger als 5000 Euro etwa durch die

Vermietung eines Teils seiner Wohnung

oder seines Autos einnimmt, soll als Privatperson

gelten. Davon sollten auch mehr als

die bisher 256 Euro pro Jahr steuerfrei sein.

Uber

Travis Kalanick

Das 2009 in San Francisco gegründete

Unternehmen vermittelt in 35 Ländern

per App Limousinen mit Chauffeur.

Umsatz 213 Millionen Dollar

NEUER HÄUSERKAMPF

Welche Dimension der Kulturkampf inzwischen

hat, zeigt die Reaktion von EU-Digitalkommissarin

Neelie Kroes:Eine „verrückte

Entscheidung“ sei das Verbot von Uber in

Brüssel. Es gehe dabei nur darum das „Taxi-

Kartell“ zu schützen, das Urteil sei ein Signal

der Technikfeindlichkeit.

Juristischer Ärger und Bußgeld drohen

auch Berliner Airbnb-Nutzern. Mehr als ein

Drittel der 27000 Angebote für Kurzzeitmieter,

die es bei Airbnb hierzulande gibt, stammen

aus der Hauptstadt. Dem macht jetzt

der Senat mit einem Zweckentfremdungsverbotsgesetz

ein Ende. Ab 1. Mai dürfen

Bürger die eigene Wohnung oder Einzelzimmer

eigentlich nicht mehr an Urlauber

vermieten. Der Senat will so die steigenden

Mietpreise bremsen. Vermieter müssen nun

bei den Behörden Ausnahmegenehmigungen

beantragen. Unter welchen Umständen

die erteilt werden, konnten drei Bezirksämter

auf Anfrage nicht beantworten. Freuen

können sich die Hoteliers, denen Online-

Vermieter die Touristen wegschnappen. In

Deutschland gehe ein Viertel der 370 Millionen

Übernachtungen im Jahr verloren, klagt

Willy Weiland, Präsident des Deutschen

Hotel- und Gaststättenverbandes.

In die Röhre schauen private Kurzzeitvermieter

und Start-ups, die Privatanbieter und

Kunden im Web zusammenbringen. „Das

Geschäft ist für uns unkalkulierbar geworden“,

sagt Stephan Uhrenbacher, Gründer

des Airbnb-Konkurrenten 9Flats aus Hamburg.

Als Konsequenz schloss das Start-up

sein Berliner Büro. In Hamburg ist die Komplettvermietung

möblierter Wohnungen

neuerdings erst ab sechs Monaten erlaubt.

Allein bei 9Flats schrumpfte das Angebot

laut Uhrenbacher so um 30 bis 40 Prozent.

Ob dadurch mehr Touristen in Hotels absteigen

und die Umsätze in den Städten steigern,

ist fraglich. Airbnb argumentiert, dass

eigene Gäste in Berlin im Schnitt 6,3 Tage

bleiben – dreimal so lange wie Hotelgäste.

Daher würden sie mit Ausgaben von durchschnittlich

845 Euro fast doppelt so viel Geld

in der Stadt lassen wie ein Hoteltourist.

Auf der Straße reguliert der Staat das Geschäft

neuer Internet-Dienste besonders

hart: Was erlaubt ist und was nicht, steht im

Personenbeförderungsgesetz, das bis vor

Kurzem die meisten Fernbusverbindungen

verbot. Die Vorschrift diente dem Schutz der

Deutschen Bahn. Erst jahrelange Klagen des

Start-ups DeinBus, dass als „Bus-Mitfahrzentrale“

auftrat, kippten die Klausel. Mit

dem gleichen Kniff greifen nun UberPop sowie

das Hamburger Start-up Wundercar die

Taxis an. Sie bieten eine Art Mitfahrzentrale

für die Stadt. Wundercars Werbespruch:

„Teure Taxis kannst Du einfach vergessen“.

ZUKUNFT OHNE LOBBY

Entsprechend schäumt das Taxigewerbe.

„Das ist ein Aufruf zu Steuerhinterziehung

und Sozialversicherungsbetrug“, schimpft

Taxiunternehmer Leipold. „Ich erwarte,

dass es stante pede verboten wird.“ Die

Chancen stehen gut. Zwar prüft die zuständige

Behörde noch. Doch schon warnt die

Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

„Fahrer und Fahrgäste dringend vor der

Nutzung solcher Angebote“.

Die Regeln, gegen die Start-ups auf der

Straße kämpfen müssen, changieren nicht

selten zwischen Verbraucherschutz, verkappten

Privilegien für etablierte Anbieter

und verstaubten Vorschriften. Als der deutsche

Uber-Konkurrent Blacklane auch Fahrten

mit dem Zweisitzer Smart anbieten

wollte, musste Firmengründer Jens Wohltorf

in Berlin eine Ausnahmegenehmigung

beantragen. Grund: Einer Verordnung nach

müssen Taxen und Mietwagen auf der rechten

Seite mindestens zwei Türen haben, damit

Passagiere auf der Rückbank nach einem

Unfall schnell aussteigen können.

Uber wiederum hadert mit dem sogenannten

Rückfahrgebot im Personenbeförderungsgesetz,

das Chauffeure beziehungsweise

Mietwagenfahrer dazu zwingt, ausschließlich

vom firmeneigenen Stellplatz

aus Kunden zu bedienen. Ursprünglich sollte

dies Passanten davor schützen, ständig

von Chauffeuren belästigt zu werden. In

Zeiten des Smartphones und der Apps wird

der Schutz jedoch zur Barriere für Firmen

wie Uber, weil sie so unterwegs keine Bestellung

via Internet aufnehmen und Kunden

direkt auflesen dürfen. „Wir nutzen technische

Möglichkeiten, die in Gesetzen und

Rechtsprechung noch nicht berücksichtigt

sind“, sagt der deutsche Uber-Manager

Fabien Nestmann. Ungerecht sei auch, dass

seine Fahrgäste 19 Prozent Mehrwertsteuer

zahlen, die der Taxis aber nur sieben.

Christophe Maire, einer der umtriebigsten

Investoren der deutschen Gründerszene,

fordert von der Politik, sie solle nicht auf

die hören, die am Ende doch überrollt werden:

„Die Zukunft hat keine Lobby.“ n

oliver.voss@wiwo.de, thomas stölzel

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 57

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Unternehmen&Märkte

Matte Perle

DEUTSCHE BAHN | Die Logistik des Konzerns um die Speditionstochter

Schenker hat die Wachstumshoffnungen enttäuscht.

Grob verschätzt

Gewinn der Konzerntöchter der DeutschenBahn 2013 undAbweichung vomZiel*

777

665

Gewinn (in Millionen Euro)

323

335

229

+14%

71

Regionalverkehr

Bahnhöfe

-3%

Abweichung vom Ziel

Schwerstarbeit

20-Achser von

DB Schenker im

Einsatz bei Mailand

Energie

-24%

Fernverkehr

-46%

* Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) laut Mittelfristplanung 2009

für das Jahr 2013; Quelle: Deutsche Bahn

Was zusammengehört, soll endlich

zusammenrücken. Darum baut

Schenker, die Logistik- und Speditionstochter

der Deutschen Bahn, eine

neue Zentrale. Ende April war Grundsteinlegung

in der Kruppstraße in Essen, nicht

weit vom Hauptbahnhof. 700 Mitarbeiter

aus acht Gebäuden in Essen und Mülheim

sollen unter ein gemeinsames Dach. Die

Kommunikation werde so „deutlich einfacher“,

schwärmt Vorstandschef Thomas

Lieb, der Neubau zudem den „künftigen

erhöhten Raumbedarf sicherstellen“. 200

zusätzliche Kräfte seien willkommen.

Expansion also auf ganzer Linie – ist die

Land-, Luft- und Seefrachtspedition die

Schienennetz

-57%

Logistik (Schenker)

-83%

57

Güterbahn

Wachstumsperle des sonst

eher lahmenden Schienenriesen?

Aus diesem Grund hatte

Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn

2002 das Unternehmen,

das bis 1991 zum Bahn-Konzern

gehörte, zurückgekauft.

Doch nach den Erfolgen der

ersten Jahre kehrt bei Mehdorns

Nachfolger Rüdiger

-451%

Grube Ernüchterung ein. So

richtig angekuppelt an den

Konzern wirkt das Speditionsgeschäft bis

heute nicht. Eigentlich sollte die Tochter

als Umsatzstütze dienen und hohe Gewinne

einfahren. Von den Zielen musste sich

Grube teils verabschieden. 2014, so seine

Vorgabe, soll es wieder bergauf gehen.

Die Zeit drängt. Am Wohlergehen der

Logistiksparte hängt auch Grubes Zukunft

auf dem Chefsessel. Vollmundig kündigte

er vor zwei Jahren an, der Konzernumsatz

werde sich bis 2020 auf 70 Milliarden Euro

nahezu verdoppeln. Doch 2013 sanken die

Einnahmen um einen halben Prozentpunkt

auf 39,1 Milliarden Euro – vor allem,

weil die Sparte DB Schenker Logistics um

3,5 Prozent schrumpfte. Schafft Grube

nicht ganz schnell Wachstum im Gütertransport,

kann er seine Ziele vergessen.

Der Optimismus, dass dies gelingt, wird

vom Aufsichtsrat der Bahn nicht unbedingt

geteilt. Die Kontrolleure sind misstrauisch

geworden, weil sie von den Erwartungen

der Manager bei der Güterbahn und im

Speditionsgeschäft mitunter enttäuscht

wurden. So kündigte DB-Schenker-Chef

Lieb vor drei Jahren ein 30-prozentiges

Wachstum bis 2015 an. 2012 schien er mit

einem Rekordjahr bei Umsatz und Gewinn

noch in der Spur. Doch der Einbruch 2013

rückt sein Ziel in weite Ferne.

Ein Blick in die Planzahlen der vermeintlichen

Wachstumsperle von 2009 zeigt das

ganze Ausmaß der enttäuschten Hoffnungen

vor allem beim Gewinn. Blieben die

Schenker-Gesellschaften Spedition und

Güterbahn 2013 jeweils knapp drei Prozent

unter den damaligen Umsatz-Vorhersagen,

rauschte der Betriebsgewinn in der

Logistik um 83 und bei der Güterbahn um

451 Prozent runter (siehe Grafik).

WENIG FRÜCHTE

Grube wird nun von Kritik an Mehdorns

Akquisitionen eingeholt. Der hatte für die

frühere Tochter Schenker 2,5 Milliarden

Euro hingeblättert und 2006 für 1,1 Milliarden

Dollar den US-Logistiker Bax Global

erworben. Gegner der Deals bezweifelten

damals, dass dies den Gütertransport auf

der Schiene beflügeln könnte. Zudem monierten

sie, dass ein Staatsunternehmen

ins Geschäft privater Konkurrenten wie des

Logistikriesen Kühne+Nagel einstieg.

Tatsächlich lassen die Früchte der Einkaufstour

bis heute auf sich warten. Die

Schienengütersparte gilt zwar als Europas

erfolgreichste Güterbahn. Am Jahresende

blieb ein kleiner Gewinn von knapp 60 Millionen

Euro, der ohne Unwetter und Hochwasser

um die Hälfte höher ausgefallen

wäre. 2014 lägen die Ergebnisse zudem klar

über Vorjahr, heißt es aus Konzernkreisen.

Doch eine Integration mit den Logistikaktivitäten

ist nur in Nuancen erkennbar.

FOTO: DEUTSCHE BAHN

58 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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„Die Zukäufe waren strategisch richtig, allerdings

fehlt es noch immer an einer gemeinsamen

Identität“, sagt Christian Kille,

Logistik-Professor an der Hochschule

Würzburg. Die stark mittelständisch geprägte

Firmenkultur von DB Schenker treffe

auf eine vergleichsweise starre und regulierte

Konzernstruktur. „Noch immer sind

die Bereiche Logistik und Güterbahn formal

voneinander getrennt, obwohl sie inhaltlich

zusammengehören.“

Die Bahn-Manager führen gern die Erfolge

an, wenn sie gemeinsam um Unternehmen

werben, die Waren zu transportieren

haben. So schickt die Bahn seit 2011

Züge zwischen Deutschland und China auf

die Reise. Sie transportieren Produkte etwa

für Hewlett-Packard und BMW über 10 000

Kilometer. Pro Jahr sind es 100 Güterzüge,

die Güter anstelle von Schiffen und Flugzeugen

befördern, und das zu Preisen und

Fahrtzeiten, die in der Mitte der Konkurrenzangebote

liegen. Inzwischen verdienen

die Züge operativ sogar Geld.

Doch dies sind Nischengeschäfte. Den

Hauptumsatz macht Schenker mit Schwergut.

Beim Transport per Lkw ist die Bahn-

Tochter Nummer eins in Europa. Allerdings

sind die Anbieter zahlreich, der

Marktanteil liegt im einstelligen Bereich.

Preiserhöhungen ließen sich „nur begrenzt

durchsetzen“, heißt es im Geschäftsbericht.

Folge: Die Marge lag 2013 bei mageren 1,4

Prozent. Nun will Lieb umstrukturieren

und die Direktfahrten für Großkunden

vom Transport einzelner Waren trennen,

die aufwendig zu Ladungen zusammengestellt

und umgeschlagen werden müssen.

Auch in der See- und Luftfracht soll

Schenker produktiver werden. Die Zahl

transportierter Standardcontainer über die

Weltmeere sank 2013 leicht, ebenso die

Tonnage per Luftfracht. Kühne+Nagel erreichte

beim Volumen in der See- und Luftfracht

ein Plus von drei und mehr Prozent.

ZAHLREICHE NEUKUNDEN

Doch es gibt auch Lichtblicke. Das Geschäft

mit der Lagerhaltung entwickelte

sich 2013 zum Wachstumstreiber. Die Kontraktlogistik

legte beim Umsatz um fünf

Prozent zu – dank zahlreicher Neukunden.

So gewann Schenker kürzlich einen lukrativen

Auftrag des brasilianischen Flugzeugherstellers

Embraer. Das Unternehmen

übertrug Schenker die Ersatzteillogistik für

Europa, den Mittleren Osten und Afrika.

Aufträge gab es auch vom Schmuckhersteller

Swarovski, Lebensmittelproduzenten

Kellogg und Aufzughersteller Kone.

Das Unternehmen scheint für solche

Aufträge gut gerüstet. „Für DB Schenker ist

die Kontraktlogistik ein Wachstumsbereich“,

sagt Kille. Das Geschäft sei äußerst

kapitalintensiv. „Vor allem mittelständische

Unternehmen haben sich an solchen

Projekten verhoben.“ Es sei eben nicht trivial,

ein Lager von Daimler oder BMW zu

übernehmen. „Schenker bringt für das Geschäft

die Expertise und Finanzkraft mit.“

Die wirtschaftlichen Aussichten sind interessant.

Die Renditen bewegten sich laut

aktueller Studie von Kille zwischen mageren

null und attraktiven zehn Prozent.

Lieb braucht das Geschäft. In fünf Jahren

wolle er die Marge in der Logistik auf vier

Prozent verdoppeln, sagte er kürzlich. Mangelnden

Einsatz kann man ihm nicht vorwerfen.

Bis zu 150 Tage pro Jahr jettet er um

die Welt – eine Herausforderung für den

Biorhythmus. „Wenn es gar nicht geht, muss

man halt auch einmal eine Nacht wach

liegen können und das wegstecken.“ n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

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Unternehmen&Märkte

»Preiswert heißt nicht klein«

INTERVIEW | Hans Demant Der Volkswagen-Vorstand erklärt, warum der Konzern ein Billigauto braucht,

was dieses auszeichnet und wie es in den nächsten Jahren realisiert werden soll.

Herr Demant, der Volkswagen-Konzern hat

seine Marken in den vergangenen Jahren

immer mehr im höheren Preissegment

positioniert. Warum wollen Sie auf einmal

mit aller Macht auch Billigautos anbieten?

Um das noch mal zu unterstreichen: Es

wird kein „Billigauto“ unter dem Dach des

Volkswagen-Konzerns geben. Unser Budget

Car wird die hohen Anforderungen des

Volkswagen-Konzerns an Qualität und Zuverlässigkeit

absolut erfüllen. Im Prinzip

geht es um die Frage, ob ein Konzern wie

Volkswagen den Markt für preiswerte Autos

ignorieren kann. Weltweit hat der eine

Größenordnung von zehn Millionen Fahrzeugen

pro Jahr. Diese Kunden können wir

derzeit nicht erreichen, weil wir für sie kein

Angebot haben.

Wo sind denn diese Kunden?

Der Markt für preiswerte Fahrzeuge liegt

im Wesentlichen in China mit einem Volumen

von jährlich rund drei Millionen Fahrzeugen.

Irgendwann können auch Märkte

wie Indien oder Afrika interessant werden.

Wann haben Sie beschlossen, all

diese Märkte und Kunden nicht länger

der Konkurrenz zu überlassen?

Wir arbeiten jetzt seit etwa einem Jahr mit

einem Kernteam von rund 20 Leuten intensiv

daran, unsere Modellpalette an dieser

Stelle zu erweitern. Als ersten Zielmarkt haben

wir uns China vorgenommen. China ist

der größte Markt für solche Autos, und hier

haben wir den größten Wettbewerb.

Was wird denn das für ein Auto? Eine VW-

Version des indischen Einfach-Autos Tata

Nano, das es schon für 5000 Euro gibt?

Ein Vergleich etwa mit dem Tata Nano ist

völlig abwegig. In dieses Segment wollen

wir mit unserem Fahrzeug nicht. Preiswert

heißt nicht notwendigerweise klein und

billig. Dabei wird es sich um ein vollwertiges

Automobil mit allen in diesem Segment

notwendigen Features handeln – zuverlässig,

langlebig, einfach zu reparieren

und günstig zu warten.

Meinen Sie Fahrzeuge wie den Great Wall

C30 mit rund 4,50 Meter Länge?

Zum Beispiel. Autos wie diese sind gut ausgestattet,

haben alle Airbags, ABS, Klimaanlage

und bieten ordentlichen Komfort.

Das sind alles andere als Verzichtsautos.

Ein Modell wie dieses ist so groß wie

ein VW Jetta und wird in China umgerechnet

für etwa 7500 Euro angeboten.

Und wie teuer wird Ihr Auto?

Die Zielgröße ist ein Verkaufspreis von

rund 7000 Euro. Dahin wollen wir, dahin

müssen wir.

MANN FÜR SCHWIERIGE FÄLLE

Demant, 63, ist seit Oktober 2010 im VW-

Vorstand für die Koordination internationaler

Projekte verantwortlich. Auch leitet er das

Projekt Budget Car. Der Diplom-Ingenieur

Egal, was es letzlich kostet?

Wir wollen nicht mit aller Gewalt in den

Markt für Budget Cars, um Volumen zu generieren,

sondern das Projekt muss sich

wirtschaftlich rechnen. Dafür nehmen wir

uns die Zeit, die wir brauchen. Natürlich

fallen die Margen in diesem Fall nicht so

aus Wiesbaden war zuvor über 30 Jahre in

verschiedenen Funktionen für den US-Autobauer

General Motors tätig, die letzten

sechs Jahre als Vorstandschef von Opel.

FOTO: MATTHIAS HASLAUER

60 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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hoch aus wie bei höherpreisigen Volumenautos.

Aber nach Auswertung unserer Untersuchungen

peilen wir auch für unser

Budget Car eine auskömmliche Marge an.

Das heißt, über „Untersuchungen“ sind

Sie mit Ihren Überlegungen noch nicht

hinausgekommen? Angeblich gibt es doch

bereits eine Vorstandsentscheidung.

Wir haben noch keine finale Entscheidung,

das Auto zu bauen. Das Projekt ist aber bereits

weit fortgeschritten und befindet sich

auf einem guten Weg

Wie wollen Sie ein Auto für 7000 Euro mit

Gewinn produzieren? Durch Verzicht

auf Features, durch billigere Materialien?

Und unter welcher Marke wird der neue

Wagen fürs Volk verkauft, als Volkswagen

oder Skoda?

Wir wollen die Marken des Konzerns nicht

verwässern. Wir brauchen deshalb eine

neue Marke, unter der wir das Budget Car

auf den Markt bringen. Wie die Marke heißen

wird, steht noch nicht fest.

Wo würde das Auto gebaut?

In China, komplett, inklusive aller Teile.

Ist schon eine Fabrik gefunden?

Noch nicht. Unsere Planungen sehen vor,

dass wir die Fertigung eines Budget Cars in

bereits bestehenden Werksstrukturen einrichten

werden.

Das Design

kommt von

Italdesign,

der Motor

von VW und

gebaut wird

in China

Das funktioniert so nicht. Wie bereits gesagt,

wir sprechen hier nicht über ein Verzichtsauto.

Eine Entfeinerung des Autos

zur Kostensenkung reicht allein nicht aus.

Es hat sich gezeigt, dass man wesentlich intensiver

an allen Stellen arbeiten muss, um

ans Ziel zu kommen. Wir werden zum Beispiel

bewährte Plattformen nutzen, auf denen

der aktuelle VW Polo, Audi A1 oder der

China-Jetta basieren. Dazu kommen Komponenten,

deren Kosten wir, vielleicht mit

lokalen Lieferanten, nochmals reduzieren.

Das ist eine riesige Herausforderung.

Was für einen Motor kriegt das Auto? Der

Käfer-Motor kommt ja wohl nicht infrage.

Wir werden mit Blick auf die Abgasgrenzwerte

der Zukunft auf die neueste Motorengeneration

zurückgreifen. Der Wagen

würde mit einem Vier-Zylinder-Benziner

mit 1,5 Liter Hubraum und etwa 100 PS

Leistung ausgestattet. Das Auto wird es nur

mit einem Motor geben, mit zwei Getrieben

zu ordern sein und in wenigen Ausstattungslinien.

Das vereinfacht die Produktion

und macht sie günstiger.

Wann könnte die Produktion beginnen?

Ende 2016, Anfang 2017 halte ich für realistisch

– das hängt davon ab, wann die endgültige

Entscheidung für das Budget Car

fällt.

Der Erfolg des französischen Herstellers

Renault in Europa mit dem Billigauto

Dacia zeigt, dass es nicht nur in China

einen Markt für Billigautos gibt. Wird das

Auto später auch in Europa angeboten

werden?

Nein, Westeuropa steht aktuell nicht auf

unserer Agenda. Wir sind in Westeuropa

mit unseren Marken und einer umfassenden,

attraktiven Produktpalette sehr gut

aufgestellt. Wir konzentrieren uns erst einmal

voll auf China.

Wie viele Fahrzeuge wollen Sie von

der dann 13. Marke des VW-Konzerns

herstellen?

Wir reden im ersten Schritt von mindestens

200000 Einheiten. Wir werden uns

nicht gleich auf riesige Stückzahlen stürzen.

Wir wollen die Produktion bewusst

langsam hochfahren.

Da bleibt aber nicht viel für den Export.

Ein Export hätte keinen Sinn. Wenn man

auf andere Märkte geht, müsste man dort –

allein oder mit einem Kooperationspartner

– eine lokale Produktion aufziehen. Hohe

Transportkosten, vielleicht Einfuhrzölle

und schließlich noch Währungsschwankungen

machen den Export schnell unwirtschaftlich.

n

franz.rother@wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 61

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Unternehmen&Märkte

Beherzt

zugreifen

HOCHTIEF | Den personellen Aderlass

bei dem Essener Bauriesen

nutzen aufstrebende große

Mittelständler der Branche wie

Porr und Zech: Sie verstärken

sich mit Hochtief-Managern,

denen ganze Teams folgen.

Inden Kantinen der deutschen Baukonzerne

und bei Branchentreffs ist das

Thema allgegenwärtig: Welcher Hochtief-Manager

und welcher bekannte Hochtief-Kollege

hat gerade den Bauriesen verlassen?

Und vor allem: Wo geht er hin?

Wie nach den Insolvenzen der deutschen

Schwergewichte Philipp Holzmann

vor zwölf und Walter Bau vor neun Jahren,

verändert derzeit eine Völkerwanderung

des Fachpersonals die Baubranche. Denn

die spanische Hochtief-Mutter ACS, die bei

den Essenern seit der feindlichen Übernahme

vor drei Jahren das Sagen hat, verkauft

nicht nur im Europageschäft einen

Unternehmensteil nach dem anderen. Vorstandschef

Marcelino Fernández hat zudem

der Europatochter Hochtief Solutions

eine für viele nicht nachvollziehbare neue

Struktur verordnet. Er schasst reihenweise

Manager, die sich nicht fügen. Und im Rahmen

eines Abbauprogramms hat sich

Hochtief bereits mit einem Großteil der angesprochenen

800 bis 1000 Mitarbeiter auf

ein Ausscheiden geeinigt.

Von den fast 10 000 Hochtieflern, die es

noch Ende 2012 in Deutschland gab, werden

nach dem Fernández-Kahlschlag wohl

nur 3000 übrig sein. Kein Wunder, dass

Führungskräfte und zum Teil hoch qualifizierte

Spezialisten das Abbauprogramm

nutzen und mit Abfindung gehen. Eine

goldene Gelegenheit für die Konkurrenz,

sich mit ganzen Teams zu verstärken –

auch um Terrain zu besetzen, das Hochtief

und der stärker auf Dienstleistungen fokussierte

Bilfinger-Konzern räumen.

„Wir haben den ein oder anderen Manager

von Hochtief übernommen“, räumt

Strabag-Vorstandschef Thomas Birtel vorsichtig

gegenüber der WirtschaftsWoche

ein. Zum Portfolio des Wiener Bauriesen

gehören die Straßenbau-Tochter Strabag in

Köln sowie Züblin in Stuttgart mit Hochund

Ingenieurbau. Zahlen will Birtel nicht

nennen. Keiner der Konkurrenten möchte

als Personalkidnapper erscheinen. Die Bewerber

wurden ja auch nicht abgeworben,

sondern ergriffen meist selbst die Initiative.

GUT IM GESCHÄFT

Vor allem große Mittelständler greifen beherzt

zu. Denn so einfach kommt man

nicht oft an qualifiziertes und erfahrenes

Personal. Bedarf und Chancen sind da:

„Industriekonzerne haben Bauaufträge

früher vorwiegend an die großen Bauunternehmen

vergeben. Inzwischen sind die

führenden Mittelständler der Baubranche

mit der Industrie gut im Geschäft“, sagt Jan-

Kahlschlag Hochtief-Vorstandschef

Fernández setzt auf schlankere Strukturen

– und dabei viel Personal frei

Hendrik Goldberg, Mitglied der Geschäftsleitung

beim ostwestfälischen Hochbau-

Anbieter Goldbeck, der mit 3300 Mitarbeitern

1,3 Milliarden Euro umsetzt.

Nach WirtschaftsWoche-Recherchen

sind allein zum kleineren Wiener Strabag-

Konkurrenten Porr – 13 000 Mitarbeiter, 3,5

Milliarden Euro Bauleistung – rund 30

Hochtief-Führungskräfte und -Projektleiter

gewechselt. Auf 50 dürfte die Zahl im

Lauf dieses Jahres noch wachsen.

Auf rund 25 Zugänge aus der Hochtief-

Crew dürfte die ebenfalls aufstrebende

Zech-Group in Bremen – 6000 Mitarbeiter,

Umsatz 2013: 1,2 Milliarden Euro – kommen.

Zech profilierte sich zuletzt mit den

Düsseldorfer Renommier-Projekten Kö-

Bogen und Vodafone-Campus.

Gemeinsam ist beiden Unternehmen,

dass sie Manager gewinnen konnten, denen

ganze Teams folgen. Und beide verstärken

sich dank des Hochtief-Braindrains

nicht nur punktuell, sondern verbessern

ihre Marktposition strategisch.

Zu Zech etwa wechselten die früheren

Hochtief-Solutions-Vorstände Heiner Hel-

FOTOS: NETZHAUT/DIRK HOPPE, MAURITIUS/IMAGE BROKER, WAZ FOTOPOOL/LARS HEIDRICH

62 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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»

big und Rainer Eichholz. Helbig ist bei

Zech seit zwei Jahren Finanzvorstand,

Eichholz kam vor einem Jahr in die Geschäftsführung

– mit Zuständigkeit für den

Immobilienbereich. Bei Hochtief hatte

Eichholz unter anderem die Verantwortung

für die Projektentwicklung.

Genau da verstärkt Inhaber Kurt Zech

nun sein Unternehmen. Sowohl das Führungspersonal

der neuen Zech-Niederlassung

in Frankfurt am Main als auch das der

neu gegründeten Dependance in Hamburg

rekrutierte er aus der Führungsriege

der Hochtief-Projektentwickler.

„Wir bekommen verstärkt Bewerbungen

von Hochtieflern“, bestätigte die Zech-

Group der WirtschaftsWoche bereits im

November 2013. Vor fünf Jahren, als Hochtief

noch unabhängig war, hatten die Bremer

den Essenern bereits deren Brasilien-

Geschäft Hochtief do Brasil abgekauft, das

heute unter Zech 1700 Mitarbeiter hat.

Ebenso systematisch nutzt Porr das

plötzliche Angebot bewährter Fachkräfte.

Zu den Wienern, die in Österreich Bau-

Marktführer vor Strabag sind, wechselte im

Oktober nach 30 Hochtief-Jahren der Geschäftsführer

der Solutions-Sparte Energie

und Infrastruktur, Stephan Hebgen.

Viele Weggefährten folgten dem 49-

Jährigen, ohne dass ein Headhunter involviert

war. Porr-Vorstandschef Karl-Heinz

Strauss freut sich über den Zulauf: „Seit

2013 sprechen uns verstärkt hervorragende

Fachkräfte an, die bei Mitbewerbern

aufgrund von Umstrukturierungen gehen

mussten oder dort keine Zukunft mehr für

sich und ihre Qualifikationen sehen. Der

Know-how-Zuwachs kam uns vor allem im

Tunnel- und im U-Bahn-Bau zugute.“

AKQUISE IN DEUTSCHLAND

Durch die Verstärkung kann Porr etwa den

Bau der U-Bahn-Strecke Green-Line in Katar

– mit fast einer Milliarde Euro der größte

Auftrag der Unternehmensgeschichte –

besser bewältigen.

Porr forciert auch die Akquise in

Deutschland. Derzeit bauen die Wiener an

zwei deutschen Großaufträgen mit insgesamt

einer halben Milliarde Auftragsvolumen:

dem Fildertunnel, der zum künftigen

unterirdischen Stuttgarter Hauptbahnhof

führen wird, und dem Albaufstieg, der zur

neuen Bahnstrecke Stuttgart–Ulm gehört.

Gut möglich, dass Porr-Neulinge bei Terminen

mit dem Auftraggeber anderen Ex-

Hochtieflern gegenübersitzen: Ein halbes

Dutzend ist zur Deutschen Bahn gegangen.

Die versierten Bauingenieure und

Projektleiter können ja auch für Bauherren

deren Vorhaben planen und managen.

Auch im Hochbau hat sich Porr verstärkt.

Das schätzungsweise halbe Dutzend neuer

Managementkräfte in dieser Sparte kam

teils von Hochtief, teils von Bilfinger. Auch

der Mannheimer MDax-Konzern baut

Bau-Fachkräfte ab oder lässt sie ziehen, da

er sich seit Jahren zum Industrie-, Gebäude-

und Kraftwerksdienstleister wandelt.

Bauen ist wegen höherer Risiken und konjunktureller

Anfälligkeit an der Börse weniger

beliebt – bei Bilfinger zählt es nicht

mehr zum Kerngeschäft.

Die gestärkten Mittelständler hoffen auf

gute Geschäfte auch dank der Netzwerke

ihrer neuen Kräfte. „Bauen ist ein People-

Business“, sagt Porr-Chef Strauss. „Der eine

oder andere Auftraggeber, der früher mit

einem unserer Mitbewerber zusammengearbeitet

und gute Erfahrungen gemacht

hat, wird seine bewährten Geschäftspartner

jetzt bei Porr finden.“

Für Hochtief hat der Aderlass womöglich

doch Folgen. „Wie weit Hochtief Solutions

inzwischen ausgehöhlt ist, ist Außenstehenden

nicht klar“, sagt ein Ex-Hochtiefler.

„Die sind personell ausgedünnt“, sagt ein

Insider. Glaubt man Fernández, ist das so

Personal-Gewinner Porr Aktuelles Bauprojekt

Fildertunnel, Teil der neuen Bahnstrecke

Stuttgart–Ulm

Personal-Gewinner Zech Vorzeigeprojekt

Kö-Bogen in Düsseldorf mit markanten

Bauten von Stararchitekt Daniel Liebeskind

gewollt: „Wir brauchen schlankere Organisationsstrukturen,

kürzere Wege und einfachere

Prozesse“, sagt der Spanier und versucht

die verbleibende Hochtief-Crew von

einer Struktur zu überzeugen, die die alte

Arbeitsweise über den Haufen wirft.

ALLE MACHEN ALLES

Denn bisher waren die Hochtief-Standorte

Kompetenzcenter: Die Hafenanlagen-Spezialisten

etwa agierten von Hamburg aus,

das Know-how für maschinellen Tunnelbau

saß in Essen, der Kläranlagen- und

Brückenbau in Berlin. Nun sollen alle Niederlassungen

für alle Leistungen zuständig

sein. Die Spezialisten sitzen in einem technischen

Kompetenzzentrum, auf das die

regionalen Einheiten zugreifen können.

„Kaum einer außer Fernández glaubt, dass

das funktionieren wird“, sagt ein Top-

Manager: „Wenn alle alles machen sollen,

machen viele vieles falsch.“

Ex-Hochtiefler sehen die Gefahr, dass

Hochtief verloren gegangenes Know-how

künftig verstärkt durch Subunternehmen

hereinholen muss. Das könnte Aufträge

gefährden. Ein Branchenkenner warnt,

wer weniger eigene Kompetenz mitbringe,

sei als Partner für potenzielle Bieter- und

Arbeitsgemeinschaften uninteressanter.

Tatsächlich fällt auf, dass die dank Hochtief

personell wachsenden Wettbewerber

eher den umgekehrten Weg gehen.

Porr-Chef Strauss etwa setzt auf maximale

Fertigungstiefe: „Wir sind und bleiben

ein Bauunternehmen, das möglichst

selbst baut und nicht nur auf Subunternehmer

angewiesen ist. Die Kompetenz dafür

wollen wir im eigenen Konzern haben. Unsere

Auftraggeber wissen dies bei komplizierten

Projekten zu schätzen, weil das die

Bauvorhaben überschaubarer und kalkulierbarer

macht. Die Verantwortung liegt

bei uns und wird nicht verwässert.“

Ob es am falschen Konzept lag? In Doha,

wo Porr eine der drei U-Bahn-Strecken

mitbaut, zog Hochtief bei der Vergabe der

noch attraktiveren Gold-Line-Strecke im

Februar überraschend den Kürzeren – ein

Auftrag im Gesamtwert von 3,3 Milliarden

Euro, vergeben vom Emirat Katar, das

zweitgrößter Hochtief-Aktionär ist. „Der

Auftrag war auf Hochtief zugeschnitten“,

sagt ein Wettbewerber und versteht die Absage

als Kritik der Katari an Fernández’

Kurs. Den Zuschlag erhielt ein Konsortium

unter Führung der indischen Larsen&

Toubro-Gruppe sowie türkischer und

griechischer Baukonzerne.

n

harald.schumacher@wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 63

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Spezial | Mittelstand

Obenauf und mittendrin

Betriebswirtin Esterer führt

den väterlichen hessischen

Tanklastzugspezialisten Helsa

Superheldinnen

gesucht

ÜBERGABE | Deutschlands Unternehmertöchter sind immer öfter

die Lösung des Nachfolgeproblems. Auf sie wartet eine

doppelte Herausforderung: Sie sollen die väterlichen Betriebe

restrukturieren – und zugleich für bessere Vereinbarkeit

von Familie und Beruf sorgen.

ImJahr 2007 hängt der Himmel noch voller

Geigen. Im Vietnam-Urlaub sagt sie Ja,

als ihr Vater sie fragt, ob sie in die Geschäftsführung

seines Unternehmens einsteigt.

Zehn Monate später sitzt Julia Esterer

im nordhessischen Helsa im schmucklosen

Betriebsgebäude des Tanklastzugspezialisten

Esterer – und muss einen Kulturschock

verkraften. Denn bis dahin hatte die

heute 41-Jährige eine Bilderbuch-Konzernkarriere

gemacht, war für BMW in Asien

Marketingleiterin. Sie lebte unter anderem

in Thailand, genoss die buddhistische Gelassenheit

in Fernost samt Chauffeur, Bediensteten

und allen Annehmlichkeiten des

Expat-Lebens.

Nun, mit Mitte 30, und zurück in Helsa

krempelt sie die Produktion des heimischen

170-Mann-Betriebes um (siehe Porträt Seite

71). Doch die Belegschaft stemmt sich gegen

ihre Veränderungen. Nicht die einzige

Baustelle: Ihre Beziehung geht über der Entscheidung,

die Verantwortung für die väterliche

Firma zu übernehmen, in die Brüche.

Esterer fragt sich: „Mein Gott, habe ich das

richtig gemacht?“

BESTENS AUSGERÜSTET

Immer öfter werden Töchter von ihren Unternehmer-Vätern

gebeten oder auch gedrängt,

in die Firma einzusteigen. Die vermeintlich

natürliche Erbfolge vom Vater auf

den Sohn hat ausgedient.

Zum einen, weil das Verhältnis zwischen

Vätern und Töchtern meist harmonischer

ist als der konkurrenzbeladene Kampf zwischen

den Patriarchen und ihren Söhnen.

Zum anderen, und das spielt die Hauptrolle,

weil der weibliche Nachwuchs heute besser

ausgebildet ist denn je.

Die Frauen, die später in Lara-Croft-Manier

durch die Betriebe fegen, verfügen oft

über zwei Studienabschlüsse, wie Innenarchitektin

Sarah Maier, die BWL aufsattelte

(siehe Porträt Seite 70). Oder sie haben wie

Esterer gleich in einem halben Dutzend

Ländern Erfahrungen gesammelt.

Aber auch nicht mehr jeder Sohn will in

die Fußstapfen des Alten treten, Work-Life-

Balance lockt mehr als eine 80-Stunden-

Woche. So steigt der Druck bei der Nachfolgersuche

enorm. Und in Gremien, Verbänden

und Familien verfestigt sich der Gedanke,

dass die Töchter die Lösung des Problems

sein könnten.

Das ist gewaltig: „Die Nachfolgesuche

wird immer schwieriger. Mittlerweile wird

fast jede zweite Firma an Externe übertragen“,

sagt Marc Evers, Leiter Unternehmensnachfolge

beim Deutschen Indus-

»

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

64 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»

trie- und Handelskammertag in Berlin.

40 Prozent der Unternehmer finden keinen

Nachfolger. Gründe seien auch die hohe

emotionale Bindung des Inhabers an sein

Lebenswerk, überhöhte Preisvorstellungen

oder die zu späte Vorbereitung der

Übernahme, so eine DIHK-Studie.

Bis 2019 werden 135000 Firmen einen

Chef suchen, so das Bonner Institut für

Mittelstandsforschung. Das sind pro Jahr

27000 Unternehmen mit 400000 Beschäftigten.

Je nach Betriebsgröße übernehmen

zwischen 13 und 23 Prozent Frauen den

Chefsessel. Am oberen Ende der Skala, bei

Betrieben von mehr als 50 Millionen Euro

Umsatz, sind Frauen in der Führung aber

immer noch „sehr überschaubar“, beobachtet

Tom-Arne Rüsen, Geschäftsführender

Direktor des Wittener Instituts für Familienunternehmen

(WIFU).

Chefinnen

In unserer App-

Ausgabe zeigen

wir die mächtigsten

Frauen der

deutschen

Wirtschaft.

VATER-SOHN-KONFLIKT

Nicht nur der Zeitgeist, auch die Erfahrung

aus den Zerreißproben, die einer Übergabe

an Söhne folgen können, lassen die Väter öfter

über die Tochter als mögliche Hüterin

des Familienschatzes nachdenken. Denn

Verdrängungskämpfe zwischen Senior und

Junior mit verheerenden Folgen für den Betrieb

mahnen reichlich.

So endet die Übergabe

von Klaus Fischer,

Chef des gleichnamigen

baden-württembergischen

Dübelherstellers,

an seinen

Sohn Jörg im Frühjahr

2012 im Desaster. „Fa-

Verschwiegen Öffentlich halten sich die

Dorma-Töchter Christine und Stephanie

Mankel bedeckt, zuvor gab es Ärger

miliendrama“ und

„Dübel-Patriarch entmachtet

den eigenen Sohn“ – so lauten die

Schlagzeilen, nachdem der Vater den Sohn

erst inthronisiert und dann vom Hof gejagt

hatte. Der Jörg habe zu schnell zu viel ändern

wollen, Mitarbeiter und Kunden verärgert

und das Geschäft gefährdet – sagen

die einen. Andere sagen: Der Senior kann

nicht loslassen.

Doch das Etablieren von Töchtern birgt

andere Tücken. Ein Beispiel: Just als Karl-

Rudolf Mankel, Inhaber des Türenspezialisten

Dorma im nordrhein-westfälischen

Ennepetal, 2009 die große Mehrheit seiner

Geschäftsanteile den Töchtern Christine

und Stephanie überschreibt, wirft der langjährige

Geschäftsführer Michael Schädlich

die Brocken hin. Er sei ohnehin nur „der

Oberknecht“ gewesen, gibt er zu Protokoll.

Insider sagen, Schädlich sei nicht beglückt

gewesen, anteilsmäßig leer ausgegangen

zu sein, und zudem nicht damit zurechtgekommen,

zukünftig an zwei junge

Damen im Gesellschafterkreis berichten

zu müssen. Bei Dorma ist man deshalb

vorsichtig geworden. Mankels Töchter treten

zwar zu repräsentativen Zwecken auf,

öffentlich äußern möchten sie sich nicht.

Vorsichtig sind Töchter quer durch alle

Branchen auch bei der Offenlegung ihrer

Anteilsverhältnisse. Meist ist es eine Frage

von familieninterner Diplomatie und externem

Sicherheitsbedürfnis. Zudem spiegeln

die Anteilsverhältnisse nicht zwingend

die Machtverhältnisse wider.

Sorgen bei der Nachfolge

So viel Prozent der potenziellen

Übernehmer...

...haben Finanzierungsschwierigkeiten

...finden kein passendes

Unternehmen

...unterschätzen

Anforderungen

...haben unzureichende

Qualifikation

...befürchten hohe Erbschaftsteuerbelastung

Quelle: DIHK, 2010

19

32

45

44

59

KOOPERATIVERE TÖCHTER

Dabei liegt das Akzeptanzproblem erfahrungsgemäß

häufiger auf der Seite der Männer,

oft sind die Frauen sehr wohl am Rat

und Erfahrungsschatz des Älteren interessiert.

So akzeptieren Töchter viel öfter längere

Verweildauern von Seniorchefs in den Betrieben

als ihre männlichen Pendants, hat

WIFU-Chef Rüsen festgestellt: „Anders als

Söhne denken Töchter oft eher in Kooperations-

statt in Konkurrenzlogik“, sagt der Experte.

Aus Teamgedanken lehnt es etwa Katja

Lohmann-Hütte, Geschäftsführerin des

Stahlwalzwerks Friedr. Lohmann in Witten

im Ruhrgebiet, konsequent ab, „immer als

Frau herausgestellt zu werden“. Ihre Position

und die Branche legen es nahe, „bei jedem

Weltfrauentag angerufen zu werden“. Denn

Lohmann-Hütte leitet gemeinsam mit Bruder

und Vetter das letzte unabhängige

Blechtafelwalzwerk in Europa. Dass sie den

Küchenherd gegen die Verwaltung von 1500

Grad heißen Stahlpfannen eingetauscht hat,

findet sie selbst nicht bemerkenswert. Die

Mutter zweier kleiner Kinder hat einen

„emanzipierten Mann“, wie sie sagt, der vier

Jahre Elternzeit genommen hat.

MEHR FRAUEN, BESSERE SITTEN?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist

ein zentrales Thema für die Nachfolgerinnen.

Viele scheitern am doppelten Erwartungsdruck:

Sie sollen den Betrieb erfolgreich

führen und zugleich die Dynastie erhalten

– sprich: Kinder bekommen. Das

führt nicht selten zu Verwerfungen auf dem

einen, anderen oder beiden Feldern.

„Die Familienproblematik lässt sich nicht

wegdelegieren, und die Führung der Familie

liegt fast immer auf den Schultern der Frauen“,

sagt Sarah Maier, Geschäftsführerin der

Ursula Maier Werkstätten in Markgröningen.

Die Architektin hat drei Kinder im Alter

von zwei, vier und neun Jahren – und organisiert

die Betreuung mithilfe ihrer Mutter.

Die Frauen müssen selber für Reformen

sorgen. „Wir brauchen einen anderen Managementstil,

damit Frauen Firmen- und

Familienleben unter einen Hut bekommen

können“, sagt WIFU-Direktor Rüsen. „Die

9-to-5-Logik einer Anwesenheit im Betrieb

passt generell nicht mehr. Nachfolgerinnen

können die Strukturen zu ihren Gunsten ändern.

Das ist ein großer Vorteil.“ Und so sollen

die Superheldinnen aus der Provinz die

Lösung für alles finden: die Betriebe restrukturieren

und die Vereinbarkeit von Beruf

und Familie reorganisieren.

Trotz dieser Herkulesaufgabe sagt Julia

Esterer heute: „Ich bereue nichts.“ Der Laden

läuft. Und sie hat einen neuen Lebenspartner,

der auch Unternehmer ist. Mit ihm

erwartet sie das zweite Kind. Neulich hat sie

ihren Vater gefragt, ob er sie ab September,

wenn der Nachwuchs kommt, eine Zeit

lang in der Firma vertritt.

Er hat Ja gesagt.

n

katja marjan | unternehmen@wiwo.de

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FOTO: PR

66 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Mission: Konservativ handeln,

vorausschauend zukaufen

EVA CLÜSSERATH gehört zu den Winzertöchtern, die Weine von

Weltrang produzieren – von diesen Frauen gibt es immer mehr.

Am Anfang hat Ansgar Clüsserath manchmal

geschimpft: „Ich denke, ich stehe statt

mit meiner Tochter mit meinem eigenen

Vater im Weinkeller.“ Was ihn in Rage

brachte: Seine Eva, die 2001 in das preisgekrönte

Riesling-Weingut eingestiegen war,

hatte noch konservativere Ansichten beim

Weinmachen als er.

„Verkehrte Welt“, sagt Eva Clüsserath, die

jede Art von Hochtechnologie für ihren Betrieb

ablehnt: „Mein Vater tut das zwar

auch, aber ich bin noch puristischer.“ Im

Herzen war der Vater trotz gelegentlichem

Dissens wohl doch froh, dass die beiden in

die gleiche Richtung denken.

Noch ist das Gut im Besitz des Vaters.

Der kleine, aber feine Betrieb produziert

mit acht Mitarbeitern jährlich nur 40 000

Flaschen. Die Weine aus bekannten Lagen

wie Trittenheimer Apotheke werden auch

in Norwegen, Taiwan, Japan und den USA

gerne getrunken. Winzerin Clüsserath gehört

zu den Trendsetterinnen in der deutschen

Wirtschaft. Denn in keiner mittelständischen

Branche übernehmen so viele

Töchter die Betriebe ihrer oft sehr erfolgreichen

Väter wie gerade beim Weinbau.

Sie scheinen das richtige Näschen zu haben

– denn oft machen sie die Güter noch

berühmter. So reiht sich mittlerweile ein

klangvoller Name an den nächsten: Dorothee

Zilliken (Weingut Forstmeister Geltz-

Zilliken), Caroline Diel (Schlossgut Diel),

Meike Näkel (Weingut Meyer-Näkel), Carolin

Spanier Gillot (Weingut Kühling-Gillot),

Sandra Sauer (Weingut Horst Sauer) –

sie alle sind Weinkennern ein Begriff.

Die Kaderschmiede dieser Könnerinnen

liegt in den meisten Fällen in Geisenheim

am Rhein. Auch wenn damals die Männer

dort noch überwogen. Von den 60 Studenten

des Fachs Weinbau aus Clüsseraths Ab-

schluss-Jahrgang vor 14 Jahren war gerade

ein Zehntel weiblich. Heute, schätzt die

38-Jährige, „ist das Verhältnis 50 zu 50“. Insofern

ist mit noch mehr weiblichen Erfolgsgeschichten

zu rechnen. Gleichzeitig

gilt die Universität als Heiratsmarkt, wie

Clüsserath lachend erzählt. Auch in ihrem

Fall war es so: Den Eltern ihres Kommilitonen

und heutigen Ehemannes Philipp gehört

das rheinhessische Weingut Wittmann.

DREIFACH BELASTUNG

Das macht Clüsseraths Leben organisatorisch

nicht einfacher. In Trittenheim an der

Mosel betreut sie den väterlichen Weinbau

und im Büro des Gatten in Westhofen bei

Worms macht sie die kaufmännische Abwicklung.

So wurde sie zur Dauer-Pendlerin.

Dass sich das mit der Betreuung der

beiden Kinder vereinbaren lässt, ist vor

allem den Großeltern zu verdanken. Alle

vier beteiligen sich an der Betreuung der

vierjährigen Tochter und des zehn Monate

alten Sohnes. Bei Clüsserath keimt zeitweilig

das schlechte Gewissen gegenüber

den Kindern auf. Doch meistens schiebt

sie es erfolgreich beiseite. Sie ist gern

Unternehmerin und denkt an Expansion:

„Ein paar gute Lagen würde ich schon

noch dazukaufen.“

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Mission: Online-Geschäft ausbauen,

ohne zu kannibalisieren

TESSA TESSNER will den Möbelhändler Roller auch im Netz zum

führenden Discounter ausbauen.

Martina Neeck ist sauer. Sonntagmorgen

um 10.17 Uhr macht die Kundin sich auf

der Facebook-Seite des Möbelhändlers

Roller so richtig Luft.

Seit Monaten warte sie auf fehlende Teile

für die beim Discount-Dickschiff gekaufte

Vitrine. Der Service sei miserabel, hämmert

sie in Großbuchstaben in die Tastatur.

Keine Stunde später bietet ein Mitarbeiter

in ruhigen Antworten Hilfe an.

Tessa Tessner, Geschäftsführerin beim

Gelsenkirchener Möbelhändler Roller,

schätzt soziale Netzwerke. Dass Facebook-

Fans dort auch Ärger loswerden, hilft der

für Marketing und E-Commerce zuständigen

Managerin, „herauszufinden, wo wir

was verbessern müssen“. Das wird dann

auch geregelt. Und auf Wunsch der Chefin:

Aber zackig.

Tessner, blond, schlank, sportlich, sanfte

Stimme, starker Wille, arbeitet seit zehn

Jahren im vom Vater Hans-Joachim aufgebauten

Unternehmen. Offiziell ist der

70-Jährige bei Roller nicht mehr präsent. Er

hält allerdings noch die Mehrheit an der

Tessner Holding KG, zu der neben dem

Möbelgeschäft auch Immobilien sowie

Land- und Forstwirtschaft gehören.

Tochter Tessa und ihre Schwester Anke

besitzen am Konglomerat jeweils Anteile

„im zweistelligen Bereich“. Anke zog sich

vom Unternehmen operativ zurück, Tessa

stieg nach dem Studium ein und blieb.

Der Auftrag an die Betriebswirtin ist klar

umrissen: online Marktanteile sichern.

Roller gehört zu den preisaggressiven

Möbelmarktketten in Deutschland. Im

Geschäftsjahr 2012/13 setzte das Unterneh-

men mit rund 5000 Mitarbeitern 1,3 Milliarden

Euro um. Hinter Platzhirsch Ikea ringt

Roller vor allem mit den Konkurrenten Höffner

und XXXLutz um Kunden. Rollers Online-Handel

wächst beständig, schätzungsweise

fünf Prozent vom Gesamtumsatz sind

es heute, deutlich mehr als zehn Prozent

sollen es werden. Zugleich fräst sich der Aldi

der Möbelbranche auch stationär weiter

durchs Land: Von 112 Filialen will Roller

schnellstmöglich auf 160 Läden aufstocken.

Für Tessner sind Laden und Internet kein

Widerspruch: „Wir betreiben seit zehn Jahren

Online-Handel, bei uns kann man auf

allen Wegen bestellen, liefern lassen oder

abholen. Die Dichte des Niederlassungsnetzes

hilft uns bei der Logistik“. Solche

Themen diskutiert sie auch mit ihrem Vater.

„Bei Familientreffen sitzt die Firma mit am

Tisch“, sagt Tessner. Unternehmerkinder

kennen es von klein auf nicht anders.

Tessner schätzt ihr karrieredominiertes

Leben, auch wenn das Privatleben leidet.

In ihrer Freizeit joggt sie gern mit ihrer Cockerspaniel-Münsterländer-Mischung

Blacky,

gerettet aus einem spanischem Tierheim.

Auch beim Sport sei ihr Motto: „Es

gibt keine Wunder. Nur hartes Training.“ »

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Spezial | Mittelstand

Mission: Betrieb modernisieren,

zugleich Tradition erhalten

SARAH MAIERS Möbel sind selbst in New York begehrt. Heute einen

Handwerksbetrieb zu führen ist trotzdem eine Herkulesaufgabe.

Der Schriftsteller Ernest Hemingway hat

Courage einmal mit „Anmut unter Druck“

beschrieben. Auf kaum jemanden passt die

Definition „Grace under Pressure“ so gut

wie auf Sarah Maier.

Die Innenarchitektin sitzt gespannt wie

eine Feder am Schreibtisch und zeichnet

Entwürfe für den Umbau einer Villa in Baden-Baden.

Die russischen Besitzer möchten

es neobarock, und Maier wird diesem

Auftrag auf die ihr eigene Art nachkommen.

Sie wird das gewünschte Ambiente

mit viel Gold durch knallige Farben und

dem Einsatz von ungewöhnlichen Materialkombinationen

wie Holz, Kunststoff,

Lederfliesen und Filz konterkarieren.

In ihrer Jugend war sie vielfache deutsche

Meisterin im Synchronschwimmen

und hat sich schon oft im Leben mutig ins

Ungewisse gestürzt. Bestens vorbereitet für

die Aufgaben im Familienunternehmen

war sie zudem mit ihren beiden Diplomen

als Architektin und Kauffrau.

Trotzdem sagt die 37-Jährige heute, sie sei

„damals heillos überfordert gewesen“, als

sie 2006 als Geschäftsführerin in den Familienbetrieb

Ursula Maier im schwäbischen

Markgröningen einstieg. Ehrliche Worte.

Maier stand vor großen Aufgaben. Die

Firma, die Möbel designt und Inneneinrichtungen

fertigt, bedurfte der dringenden

Modernisierung, bei gleichzeitiger

„Bewahrung der handwerklichen Traditionen,

die uns berühmt gemacht haben“, sagt

Maier. Angemerkt habe ihr die Nervosität

aber höchstens ihre Mutter.

Die, Ursula Maier, ist Schreinermeisterin

und hat den über 100 Jahre alten Betrieb

mit heute 25 Mitarbeitern vergangenes

Jahr an ihre Tochter übergeben. Sie folgte

einem Gründer, der 1910 Akademieprofessor

für Möbelentwurf war, und dessen

Nachfolger, der neue Schreinerei-Maschinen

entwarf, die er weltweit verkaufte und

die das Handwerk revolutionierten. Die

Messlatte liegt hoch in diesem Betrieb.

Dann übernahmen die Frauen: Sarahs

Mutter wandelte die Schreinerei in einen

Komplettanbieter für Inneneinrichtungen

um. Sarah ist die Experimentierfreudige

mit nüchternem Geschäftssinn. Sie hat

diverse Designpreise gewonnen, vor

allem für die Kreation ihrer Küchenkollektion:

„Da stand ein 45 Jahre gelagerter

französischer Nussbaum im Keller, genau

passend für einen Küchenblock“, sagt sie.

Dem verpasste sie eine magentafarbene

Oberfläche. Der pinkfarbene Küchenknaller

ziert inzwischen alte Bauernhäuser im

hohen Norden, ultramoderne Unternehmervillen

in Schwaben und ein Loft in

New York.

FEHLER ERLAUBT

Die Designerin meint, mit ihr sei eine völlig

neue Unternehmer-Generation am Werk:

„Ich stehe zu meiner Lernkurve. Anders als

meine Vorfahren kann ich Fehler zugeben.“

Um auch ihre Mitarbeiter darin zu schulen,

aus ihren Missgeschicken zu lernen und

über Innovationen nachzudenken, gab es

lange Zeit zwei Ordner. Einen mit der Aufschrift

„Geldvernichtung“ und einen mit

dem Titel „Zukunft“. „Da haben wir dokumentiert,

was schiefgelaufen ist und was

wir noch erfinden müssen“, lacht Maier.

Heute, gibt sie zu, ist sie längst nicht

mehr so fordernd wie am Anfang ihrer

Unternehmerlaufbahn. Frisch am Start,

mit 29 Jahren, schaffte sie kurzerhand das

13. Gehalt ab und ersetzte es durch eine gewinnorientierte

Provisionierung – „rein

leistungsbezogen“. Den anschließenden

Aufschrei der Mitarbeiter wetterte sie ab.

„Ich hab das Ding einfach durchgezogen“,

sagt Maier, „heute bin ich milder.“ Und

schickt gleich hinterher, dass sich das

„dringend“ wieder ändern müsse.

Aber Firmen- und Familienaufbau fordern

ihren Tribut. Um alles parallel mit

gleicher Energie voranzutreiben, fehle ihr

manchmal schlicht die Kraft, gibt die dreifache

Mutter zu. „Aber die Kinder sind

wichtig. Nachwuchs erdet. Und ein geerdeter

Chef ist ein anderer Chef.“

Um Luftschlösser zu bauen, ist die Geschäftslage

auch zu volatil. Leider, sagt

Maier, verdiene sich das Geld heutzutage

nicht mehr so leicht im Hochlohnland

Deutschland. Dann seufzt sie. Kaum hörbar.

Und nur kurz. Drückt das Kreuz durch

und zeichnet einfach weiter.

FOTO: DENIZ SAYLAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

70 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Mission: Die gesamte

Fertigung neu aufsetzen

JULIA ESTERER liebt Verantwortung, Freiheit und hohes Risiko – ist

lieber Unternehmerin als angestellte und abgesicherte Managerin.

Durchhaltevermögen hat die 41-Jährige

schon früher bewiesen: Ihr Hobby war der

Marathonlauf – gern auch quer durch die

Alpen. Heute schafft sie nicht mal mehr

eine Runde um die Kasseler Kuppe – nicht,

weil es ihr an Fitness mangelt, sondern

schlicht an Zeit. Als Vertretung des Produktionschefs

leitete sie wochenlang ab sechs

Uhr morgens die Fertigung.

Von einer 35-Stunden-Woche, wie sie die

Mitarbeiter ihres in der IG Metall organisierten

Betriebes für den Aufbau von Tanklastzügen

haben, kann sie nur träumen:

„Manchmal sehe ich mein Kind erst

abends beim Sandmännchen wieder.“

Trotzdem ist sie angekommen in ihrer

Rolle als Unternehmerin. Esterer macht 37

Millionen Euro Umsatz mit der Produktion

von Betankungsanlagen für Laster. Braucht

ein Flugzeug in Frankfurt Sprit oder eine

heimische Heizung neues Öl, ist meist ein

von Esterer ausgerüsteter Wagen unterwegs.

Es ist ein Männerbusiness: 15 von

170 Mitarbeitern sind weiblich.

Mit Vater Harold teilt sie sich die Geschäftsführung,

beide sind Gesellschafter.

Die Tochter macht das Operative, der Vater

die Finanzen. Er denkt inzwischen über

seinen Rückzug nach. Der 72-Jährige ließ

sie gewähren, als in der Fertigung kein

Stein auf dem anderen blieb. Die Tochter

hatte die Prozesse nach dem Muster von

Automobilfertigungen restrukturiert, und

die Mitarbeiter murrten, weil sie sich von

alten Gewohnheiten trennen mussten.

Hinter den Kulissen gab es natürlich Diskussionen

zwischen Vater und Tochter

über die höhere Komplexität. „Aber wir haben

ein super Verhältnis“, sagt sie. Auch

wenn die Juniorin anders führt als der

Seniorchef: „Mein Vater ist ein sehr

kooperativer Typ.“ Sie hingegen ist der Meinung,

dass man in Veränderungsprozessen

„die Zügel mehr anziehen muss“.

Für den Einstieg in Vaters Firma brachte

Esterer ein BWL-Studium, Managementerfahrung

von BMW und Auslandserfahrung

mit. Trotzdem musste sie sich erst an die

neue Aufgabe gewöhnen. Mit dem Vater

vereinbarte sie deshalb ein Probejahr.

Als Zweifel sie plagten, ob es die richtige

Entscheidung sei, suchte sie sich einen

Coach. Der zeigte ihr Wege auf, um die

richtigen Antworten zu finden: „Ich musste

vier Wochen lang jeden Morgen nach dem

Aufstehen aufschreiben, was mir auf der

Seele liegt. Das hat mir geholfen, die Gedanken

zu sortieren.“ Sie steht dazu und ist

offen für externe Hilfe und Ratschläge –

auch für die ihres Vaters. „Der bremst mich

schon mal, wenn ich zu sehr aufs Gas trete.“

Esterer ist froh, dem Konzernleben den

Rücken gekehrt zu haben: „Kein Manager

weiß, was es heißt, die volle Verantwortung

zu tragen“, sagt sie, „oder wenn immer das

gesamte Hab und Gut an der Firma hängt.“»

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Spezial | Mittelstand

Mission: In siebter Generation

die erste Frau – und in Teilzeit

NICOLA LEMKEN leitet den gleichnamigen Landmaschinenhersteller

– ruhig, gelassen und mit reduzierter Stundenzahl.

Man kann sich problemlos vorstellen, dass

Nicola Lemken, auf einem Traktor sitzend,

einen Pflug über den Acker zieht und die

kontemplative Monotonie dieser Tätigkeit

mag – dass sie also die Produkte zu schätzen

weiß, die sie da verkauft: Pflüge, Eggen,

Sämaschinen.

Die 43-Jährige strahlt Gelassenheit aus.

Unaufgeregt führt Lemken den 1780 als

Schmiede gegründeten gleichnamigen

Landmaschinenhersteller aus Alpen am

Niederrhein. Sie managt das Unternehmen

in siebter Generation und ist die erste Frau

an der Spitze. Lemken ist Mitglied der

sechsköpfigen Geschäftsleitung und nach

eigener Ansicht ein Beispiel dafür, dass

sich Familie und Führungsjob vereinbaren

lassen. Und dass nicht der Chef, die Chefin,

unter allen Umständen derjenige sein

muss, der morgens aufschließt und abends

als Letzter das Licht ausmacht.

Da sie zwei kleine Kinder hat, arbeitet sie

Teilzeit, in der Regel zwei Tage in der Woche.

Daraus macht sie kein Geheimnis.

Angst vor Kontrollverlust hat sie nicht. Die

Hauptgesellschafterin nimmt an allen

wichtigen Sitzungen teil und arbeitet ansonsten

streng projektbezogen. So hat sie

beispielsweise die Baustelle beim Umbau

des Betriebs betreut.

Sie hält das auch deshalb für eine gute

Lösung, weil sie so Geschäftsführer Anthony

van der Lay nicht in die Quere kommt,

der das Tagesgeschäft leitet und dem sie

„voll vertraut“.

Die Nachfolge regelte sie standesgemäß

mit Vater Viktor auf der Rückfahrt von einer

Pflugweltmeisterschaft 1999. Das dauerte

keine zwei Stunden, denn beide machten

nicht viele Worte. „Mein Vater hat mich gefragt,

ob ich mir das vorstellen kann. Über

die Details waren wir uns schnell einig.“

Sie kann nicht sagen, dass ihr das Geschäft

in die Wiege gelegt war. In ihrem

Kleinmädchenleben spielten eher die

Klassiker wie Ballett und Blockflöte eine

Rolle als der väterliche Maschinenpark.

Aber eine Banklehre in Krefeld machte

sie dann doch nach dem Abitur und studierte

in Münster Betriebswirtschaftslehre.

Nach dem Start in das Berufsleben bei Bayer

arbeitete sie im internationalen Rechnungswesen.

„Ich war schon immer mehr

der Mathe-Typ“, sagt sie über sich selbst.

ERFOLGREICH VERSCHWIEGEN

Rechnen kann sie also. Und ihre Geschäfte

rechnen sich auch. 363 Millionen Euro

Umsatz machte der international operierende

Betrieb im vergangenen Geschäftsjahr

mit 1144 Mitarbeitern. Über

Gewinne schweigt sich die Chefin aus, aber

die Margen dürften auskömmlich sein.

Über die Zukunft macht sich Lemken für

ihre Branche keine Sorgen. „Die Landtechnik

hat Konjunktur“, sagt sie, „weil die Weltbevölkerung

wächst. Damit bleibt die Welternährung

das dominierende Thema.“

Traktor fahren kann sie übrigens wirklich.

Und sie ist eine Befürworterin nachhaltiger

Landwirtschaft. Lemken ist und bleibt erdverbunden.

n

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

72 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Rapport beim Roboter

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ | Nicht mehr lange, dann ist Ihr neuer Kollege eine

Maschine, Ihr Chef ein Computer. Denn die Arbeitswelt steht vor der nächsten Welle

der Automatisierung. Nun sind sogar die Jobs der Wissensarbeiter bedroht.

Wenn die 90 Minuten um

sind, wenn Lahm und Reus

erschöpft vom Spielfeld

schlurfen, laufen die Sportjournalisten

zur Höchstform

auf. Binnen Minuten nach dem

Schlusspfiff schicken sie ihre Eilmeldungen

an die Redaktionen. Aber bald können

sie sich Stress und Mühe sparen. Denn

noch diesen Sommer will die Stuttgarter

Kommunikationsagentur Aexea ein Sportportal

starten, das ganz ohne Journalisten

auskommt: Statt Menschen liefern automatische

Computerprogramme die Texte.

Die Artikel, die per Rechenformel entstehen,

sind nicht preisverdächtig – aber als

Informationshappen gut genug. Und sie

lassen sich in Massen produzieren: 3,6 Millionen

Nachrichten schreibt ein Roboter-

Redakteur pro Tag, mit zusätzlicher Server-

Leistung auch mehr, und das in acht verschiedenen

Sprachen. „Die Software kann

auch über die Kreisliga im Volleyball berichten“,

sagt Aexea-Gründer Saim Alkan,

„und sogar ein Fußball-Match aus der Perspektive

einzelner Spieler erzählen.“

War es vor Kurzem nicht mal denkbar,

dass Computer komplexe Texte verfassen,

schreiben sie plötzlich ganze Nachrichtenportale

voll. Oder sie schneiden, wie die

Smartphone-App Wibbiz, aus Filmschnipseln

automatisch Videonachrichten für eine

Art Roboter-Tagesschau zusammen.

Das sind nur die jüngsten Beispiele eines

atemberaubenden Intelligenzschubs, den

Maschinen zuletzt vollzogen haben: Software

wie Apples digitaler Assistent Siri verstehen

unsere Sprache, Superrechner erstellen

medizinische Diagnosen, und Autos

steuern ohne Fahrer durch Großstädte.

Die US-Ökonomen und Buchautoren

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom

Massachusetts Institute of Technology

(MIT) nennen das, was wir gerade erleben,

eine digitale Revolution. So wie Dampfmaschinen

im 19. Jahrhundert menschliche

Muskelkraft vervielfacht habe, so werde im

21. Jahrhundert die Digitalisierung unsere

Geisteskräfte potenzieren.

Chips statt Grips

Wie viel Wissensarbeit Computer bis 2025

übernehmen können (in Vollzeitstellen)

Verwaltung, Kundendienst, Vertrieb

50-60 Mio.

Bildung, Gesundheit

20-30 Mio.

Management

15-20 Mio.

Forschung, Entwicklung, IT

15 Mio.

Finanzen, Recht

10 Mio.

Quelle: McKinsey

ROTE LISTE FÜR BÜROJOBS

Doch mit dem Leistungssprung kommt

auch eine neue Welle der Automatisierung

auf uns zu. Erstmals sind auch Wissensarbeiter

nicht vor ihr gefeit. So wie einst

Dampf zigtausendfach Muskelkraft obsolet

machte, schicken sich nun Chips und Algorithmen

an, Geistesleistungen zu ersetzen.

Und zwar in gigantischem Ausmaß: 2025

schon könnten schlaue Maschinen die Arbeit

von 140 Millionen Wissensarbeitern

leisten, ergaben Berechnungen der Unternehmensberatung

McKinsey (siehe Grafik).

Was der Trend im Einzelnen bedeutet,

haben Carl Benedict Frey und Michael Osborne

von der Oxford-Universität am Beispiel

der USA für 700 Berufe untersucht.

Die Studie der Ökonomen liest sich wie die

rote Liste aussterbender Arten.

Von der Automatisierung bedroht sind

danach etwa Kreditsachbearbeiter, Versicherungsgutachter,

Bibliothekare, Pharmaingenieure

und sogar Köche. Insgesamt

haben 47 Prozent der Beschäftigten ein hohes

Risiko, ihre Stelle an einen Computer

zu verlieren. Nicht morgen, aber im Laufe

der nächsten ein, zwei Dekaden.

„Viele Menschen werden feststellen,

dass ihre Ausbildung obsolet wird“, prophezeit

auch Tyler Cowen, Professor für

Wirtschaftswissenschaften an der George-

Mason-Universität bei Washington (siehe

Interview Seite 79). Kenneth Brant, Forschungsdirektor

beim Marktforscher Gartner,

glaubt gar, dass „Arbeitsplätze bald

schneller zerstört werden, als der Markt

neue wertvolle Stellen schaffen kann“.

Brants Pessimismus kontert der Zukunftsforscher

Sven Janszky: „Wir können

glücklich sein, dass die Technologie uns

Jobs abnimmt – und den Schmerz fehlender

Fachkräfte in Unternehmen lindert.“

Doch selbst wenn noch offen ist, wie

drastisch die Verwerfungen am Ende ausfallen:

Die Entwicklung der Computertechnik

beschleunigt massiv. Alle zwei Jahre hat

sich die Rechenleistung von Computerchips

verdoppelt – und der Trend hält an.

Dadurch war schon Apples iPhone 4 so rechenstark

wie der schnellste Supercomputer

im Jahr 1975, der damals fünf Millionen

Dollar kostete.

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

74 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Zugleich ist der Großteil des Weltwissens

inzwischen digital gespeichert. Und es

wächst mit atemberaubendem Tempo,

denn immer mehr vernetzte Sensoren versorgen

Computer mit neuen Daten. Schon

bald sind Internet-Telefonate und E-Mails

nur ein Flüstern, verglichen mit dem globalen

Geschwätz der Maschinen.

Vor allem aber haben Computer gelernt,

diese Datenberge mittels schlauer Algorithmen

auszuwerten. Deep Learning nennen

Forscher die Technik, bei der Computer

in Massen unsortierter Daten Muster

erkennen – und dabei ähnlich wie das

menschliche Gehirn dazulernen. Mit einem

verwandten Verfahren gewann etwa

IBMs Supercomputer Watson schon vor

drei Jahren in der US-Quizshow Jeopardy

gegen zwei menschliche Kandidaten.

Plötzlich ist künstliche Intelligenz (KI)

wieder Trendthema. Google etwa hat KI-

Vordenker Ray Kurzweil zum Leiter der

technischen Entwicklung gemacht, für 400

Millionen Dollar das britische KI-Unternehmen

DeepMind gekauft und sich zudem

acht Robotikhersteller einverleibt.

Facebook investierte im März Millionen

in das Start-up Vicarious, das den menschlichen

Neokortex nachbilden will, den Teil

des Gehirns, der Sprache versteht, sieht,

rechnet und Körperbewegungen steuert.

Bis Computer so schlau und so vielseitig

sind wie Menschen, wird es Jahrzehnte

dauern, und vielleicht werden sie es nie.

Doch schon kleine Fortschritte vernichten

Arbeitsplätze. Der Analogfilmhersteller

Kodak etwa beschäftigte einst 140 000 Menschen.

Dann kam die Digitaltechnik – und

für Kodak Anfang 2012 die Insolvenz.

»

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 75

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Technik&Wissen

Der Hersteller Engineered Arts baut

Androiden für den Serviceschalter

»

Drei Monate später zahlte Facebook eine

Milliarde Dollar für die Foto-App Instagram.

Das Start-up hatte zu dem Zeitpunkt

30 Millionen Nutzer – aber nur zwölf

Mitarbeiter. Software und Serverfarmen,

betreut von wenigen Programmierern, das

zeigt auch dieses Beispiel, machen Fabriken

voller Fachkräfte überflüssig.

Welche Jobs trifft die Digitalisierung als

Nächstes? Umgekehrt, sagt US-Ökonom

Cowen, ergebe die Frage mehr Sinn: Welche

Jobs sind überhaupt noch sicher?

ELEKTRONISCHER ANWALT

Schon jetzt ist absehbar: Es werden immer

weniger klassische Schreibtischjobs darunter

sein. Noch vor ein paar Jahren etwa

war beim US-Energiekonzern Constellation

Energy Recherche Handarbeit. Waren

juristische Zweifelsfälle zu klären, mussten

bis zu 30 Mitarbeiter Berge an Dokumenten

durchstöbern, um entscheidende Informationen

zu finden. 45 000 Arbeitsstunden

kamen so im Jahr 2005 zusammen.

Heute hat sich die Arbeit radikal verändert:

Statt der Menschen setzt der Energiekonzern

die Suchsoftware Clearwell des Sicherheitsspezialisten

Symantec ein. Was

Fachleute früher Tage beschäftigte, erledigt

das Programm in Minuten – ohne Kopfschmerzen

zu bekommen.

Big Data nennen IT-Experten die riesigen

Mengen gespeicherter Texte, E-Mails

oder Bilder, die sich heute auf Firmenservern

türmen. Die Softwareanalyse dieser

Daten könnte bis 2025 laut Berechnungen

von McKinsey die Arbeitsleistung von zehn

Millionen Finanzexperten und Juristen automatisieren.

Das gilt auch für viele andere Aufgaben,

die sich durch Big Data verändern – oder

ganz verschwinden. Beim Versandhändler

Otto berechnet eine Software Tag für Tag

Verkaufsprognosen für jedes der mehr als

zwei Millionen Produkte im Sortiment des

Handelsriesen. Kollege Computer stützt

sich auf rund 200 Faktoren, etwa die Wettervorhersage

oder geplante Werbekampagnen.

Disponenten, die diese Arbeit mit

Rechentabelle und Stift erledigen, braucht

es im Online-Handel längst nicht mehr.

Haben Sie mit digitaler Technik Kunden gewonnen,

Ihr Geschäftsmodell erneuert oder

Kosten gesenkt? Dann bewerben Sie sich bis

zum 31.5. beim Digital Transformation

Award, den WirtschaftsWoche, neuland,

strategy& und T-Systems vergeben. Die Jury

unter Schirmherrschaft des Bundesministers

für Verkehr und digitale

Infrastruktur, Alexander

Dobrindt, verleiht den

Preis im Herbst in Berlin.

Mehr Infos unter:

www.dt-award.de

Und so wie der Geldautomat viele Bankkassierer

überflüssig gemacht hat, könnte

Software bald auch viele andere Bank- und

Versicherungsangestellte ersetzen. Längst

haben Computer große Teile des Aktienhandels

übernommen. Im Handelsraum

der Frankfurter Börse sind nur noch aus

Nostalgie Schreibtische besetzt. Nun verschieben

Rechner im Millisekundentakt

Millionenbeträge – und machen aus kleinen

Kursbewegungen große Gewinne.

Schon heute übernehmen in vielen Anwaltskanzleien

in den USA Computer die

Rolle von Rechtsanwaltsfachangestellten.

Tausende Seiten juristischer Dokumente

nach Präzedenzfällen durchstöbern, Verträge

entwerfen – was bis vor Kurzem noch

als verheißungsvoller Ausbildungsberuf

galt, erledigen heute Programme von US-

Unternehmen wie Blackstone Discovery

oder Cataphora schneller und preiswerter.

AUTOMATISCHER SEKRETÄR

Die Schrecken vieler Sekretariate dagegen

heißen Siri, Google Now und Cortana – die

virtuellen Assistenten auf den Smartphones

von Apple, Android und Microsoft.

Jeder kann ihnen Termine diktieren, damit

Restaurants suchen oder sich die Route

zum Geschäftstreffen anzeigen lassen.

Noch ist die Technik nicht immer zuverlässig.

Aber weil auch die persönlichen

Smartphone-Assistenten stetig lernen,

werden sie immer wertvoller für ihre Nutzer.

Microsofts neuer Dienst Cortana etwa

sammelt wichtige Informationen über seinen

Nutzer – Lieblingsverein, Wohnort

und mehr – in einem virtuellen Notizbuch.

Bald, glauben die Marktforscher von Forrester,

begleitet jeden von uns ein virtueller

Assistent, etwa in Form eines Ansteckmikrofons,

der für uns Sachen im Internet bestellt,

uns auf unbezahlte Rechnungen hinweist

oder warnt, wenn wir zu viel Stress

haben. Ein Sekretär ohne Vorzimmer.

Und warum nicht auch Kundenanfragen

per Software beantworten? 500 000 Callcenter-Mitarbeiter

in Deutschland helfen

via Telefon weiter, wenn der Internet-Zugang

streikt oder ein neues Handy fällig ist.

Doch Schritt für Schritt werden Maschinen

auch Hotlines übernehmen. BMW setzt in

Großbritannien bereits einen SMS-Dienst

namens iGenius ein, der Fragen über die

neuen Elektroautos des Münchner Autoherstellers

beantwortet. Die Antworten

schreibt eine Software des britischen Anbieters

London Brand Management.

Und auch, wer am Flughafen oder im

Shoppingcenter hinter einem Schalter

»

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

76 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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ROBOTER

Befreite Maschinen

Auch die Werkhallen erreicht eine neue Welle der Automatisierung.

Ein Roboter als Kollege, das klingt nach

Science-Fiction. Im Volkswagen-Motorenwerk

Salzgitter ist es Alltag: Seit vergangenem

Herbst arbeiten hier Mechaniker

mit einem mannshohen Roboterarm quasi

Hand in Hand. Der metallene Helfer

steckt Glühstiftkerzen in schwer zugängliche

Bohrlöcher von Otto- und Dieselmotoren

– der Mensch klebt die Stelle zu.

UR5, so der Name des schlauen Arms,

darf Menschen so nahe kommen, weil er

anderen Maschinen in einem wichtigen

Punkt voraus ist: Er erkennt mithilfe von

Sensoren, wenn ihm Wesen aus Fleisch

und Blut in die Quere kommen und hält

inne. Darum braucht der Roboter, anders

als sonst, keinen Sicherheitszaun – und

Kollege Mensch keine Schutzkleidung.

WIE EIN KIND

„Wir befreien Roboter aus ihren Käfigen“,

verkündet Esben Østergaard, Mitgründer

des dänischen UR5-Herstellers Universal

Robots. 2500-mal hat er den smarten

Arm schon verkauft – auch, weil der mit

22 000 Euro weit weniger kostet als herkömmliche

intelligente Maschinen. Neue

Aufgaben lernt er wie ein Kind, indem ein

Mensch ihn per Hand führt.

Preiswert, leicht bedienbar, handzahm:

Mit diesen Vorzügen erobern neue Roboter

wie der UR5 oder sein Kollege Baxter

vom US-Hersteller Rethink Robotics derzeit

die Werkhallen. Dank winziger Sensoren,

drahtlosem Internet und intelligenter

Software sind sie vielseitiger denn je.

Damit steht die Industrie vor einer neuen

Welle der Automatisierung. Werkelt

bisher jeder zweite Roboter in einer Autofabrik,

wird die Technik nun zunehmend

für Lebensmittelhersteller, die Pharmaindustrie

oder den Maschinenbau interessant.

Die Blechmänner stapeln Frischkäsepackungen,

polieren Metallteile oder

legen fertige Waren in Versandkartons.

Mit flexiblen, preiswerten Robotern

können auch kleine Unternehmen Aufgaben

automatisieren, die bisher Menschen

erledigten – und ihnen damit oft monotone

und ungesunde Arbeit abnehmen.

Das verschärft zugleich den Kampf um

die Industriejobs. Bei noch mehr Investitionen

als früher muss ein Top-Manager

entscheiden, ob er die Produktion in ein

Land mit billigen Arbeitskräften verlagert,

mit der Belegschaft hierzulande weitermacht

– oder automatisiert.

Und die Visionen reichen weiter: Das

US-Start-up Knightscope beispielsweise

hat einen Cyber-Polizisten gebaut. Der an

den Star-Wars-Charakter R2D2 erinnernde

Roboter scannt sein Umfeld mit Kameras,

Mikrofonen und Nachtsichtgeräten –

und kann so künftig nachts durch Fabriken

patrouillieren oder durch Siedlungen,

in denen sich Einbrüche häufen.

Das US-Start-up Momentum Machines

will sogar eine Fast-Food-Kette ohne Köche

eröffnen. Die Gründer entwickeln eine

Maschine, die Tomaten und Gurken in

Scheiben schneidet, Fleisch brät und die

Zutaten automatisch zu Hamburgern stapelt

– 360 Stück pro Stunde.

ANDROIDE ALS LEHRER

Forscher am Münchner Fraunhofer-

Institut für Produktionstechnik und Automatisierung

wiederum haben einen Putzroboter

namens „Care-o-Bot“ gebaut.

Es ist eine Art kleiner Schrank auf vier

Rollen, der saugt, fegt und mit seinem

Greifarm auch Papierkörbe leert.

Bis er Reinigungskräfte ersetzt, werden

wohl noch ein paar Jahre vergehen. Aber

längst arbeiten die Ingenieure daran, Robotern

die nötigen menschlichen Fähigkeiten

beizubringen: aufrecht zu gehen

und Treppen zu steigen, verschiedenste

Objekte zu erkennen und sie zu greifen.

Sogar Emotionen lernen die Maschinen

zu verstehen, damit sie uns bald auch als

Assistent zur Seite stehen. Forscher der

Jacobs-University in Bremen etwa testen

einen Roboter im Unterricht: Der Plastik-

Androide spricht mit acht- bis elfjährigen

Schülern, gestikuliert, stellt ihnen Fragen

und korrigiert sie. Künftig könnte er als

Tutor die Arbeit von Lehrern ergänzen.

andreas.menn@wiwo.de

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Technik&Wissen

IBMs Computer Watson wird zum

Cyber-Arzt, der Therapien empfiehlt

»

sitzt, muss bald mit Maschinen konkurrieren.

Diese Jobs, so das nüchterne Urteil

der Oxford-Forscher Frey und Osborne, erfordern

– trotz des Umgangs mit Menschen

– „nicht zwingend hohe soziale Intelligenz“.

Der britische Roboterhersteller Engineered

Arts will das beweisen – mit einem

Service-Roboter namens Socibot. Der Androide

hat ein Gesicht aus Plastik, auf das

ein Projektor das Bild von Augen, Mund

und Nase wirft. Zwei Kameras und ein

Raumsensor erkennen, wenn sich jemand

nähert. Die Maschine kann einfache

Gespräche führen – und weiß per Gesichtserkennung

auch, ob das menschliche Gegenüber

gut oder schlecht gelaunt ist. Umgerechnet

17 600 Euro kostet der Socibot –

ein Angestellter ohne Streikrisiko.

VERKÄUFER IN DER HANDY-APP

Das US-Softwareunternehmen Fluid geht

den umgekehrten Weg – weg von der realen,

dreidimensionalen Welt – und entwickelt

virtuelle Modeverkäufer für den Online-Handel.

Diesen Sommer startet das

Unternehmen für die Outdoor-Marke

North Face einen Smartphone-Assistenten,

mit dem sich Kunden auf ganz natürliche

Weise unterhalten können. Kaufinteressenten,

verspricht Fluid, sollen auch auf

komplexe Fragen gescheite Antworten erhalten,

wie etwa: „Ich will im Winter nach

Patagonien, was muss ich mitnehmen?“

Der virtuelle Verkäufer weiß die Antwort,

und wenn nicht, fragt er gezielt nach.

Seine Intelligenz verdankt das System einem

der schlauesten Computer, der derzeit

auf dem Markt ist: Watson, ein rasend

schnelles Silizium-Gehirn des Softwarekonzerns

IBM. Der Supercomputer versteht

gesprochene Sprache und sogar wissenschaftliche

Studien. Pro Sekunde

durchstöbert er 500 Gigabyte an Daten –

das entspricht einer Million Büchern. Und

er lernt mit jeder Interaktion dazu.

Seit November erlaubt IBM es Programmierern,

ihre Smartphone-Apps mit Watson

zu koppeln. Jedes Handy kann dadurch

bald Dienste bieten, die auf modernster

künstlicher Intelligenz basieren.

So arbeitet sich Kollege Computer die

Karriereleiter hoch. Sogar in komplizierten

Metiers wie der Medizin. Schon jetzt führen

Roboter vorprogrammierte Operationsschritte

durch – und entlasten Chirurgen.

Software wie R2 Digital CAD vom Hersteller

Hologic durchsucht Röntgenbilder

nach Krebsgeschwüren. Prüfen heute zwei

Ärzte eine Mammografie, reichen bald ein

Arzt und ein Computer.

IBMs digitales Superhirn Watson empfiehlt

Ärzten im Memorial Sloan Kettering

Cancer Center, einer renommierten Krebsklinik

in New York, sogar schon Therapien.

Die Mediziner haben den Computer mit

mehr als zwei Millionen Seiten an medizinischen

Studien, Behandlungsempfehlungen

und Notizen von Ärzten und Krankenschwestern

gefüttert. Die Ärzte füttern die

Software mit den Symptomen ihrer Patienten.

Binnen Sekunden gleicht Watson die

Informationen mit seinem Datenschatz ab

– und rät zur passenden Behandlung. Mit

neuesten Studien versorgt, bleibt der Computer

stets auf dem aktuellen Wissenstand.

Ärzte müssten dafür laut IBM pro Woche

160 Stunden lang Fachliteratur lesen.

Zwar werden Mediziner mit der Computertechnik

nicht gleich in Gänze überflüssig.

Doch teure, gut ausgebildete Fachärzte

könnten bald von weniger gut bezahlten

Generalisten ersetzt werden, die sich von

einer Software assistieren lassen. 20 bis 30

Millionen Stellen lassen sich auf diese Weise

bis 2025 laut McKinsey im Gesundheitsund

Bildungswesen automatisieren.

WAS BLEIBT FÜR DIE MENSCHEN?

Was aber bleibt für die Menschen zu tun,

wenn Roboter die Kommunikation, das

Rechnen und das Denken übernehmen?

Hoch qualifizierte Berufe wie Ingenieure,

Architekten oder Richter, so prophezeien

die Oxford-Forscher Frey und Osborne,

werden noch länger gebraucht. Auch Aufgaben,

deren Fingerfertigkeit Roboter nicht

so rasch erreichen, bleiben auf absehbare

Zeit erhalten – etwa Friseure oder Chiropraktiker.

Daneben werden sich viele Menschen

Berufe suchen, die Kreativität erfordern

oder hohe soziale, emotionale Kompetenz:

Musiker, Tänzer, Schriftsteller, Kindergärtner,

Yoga-Trainer, Psychologen.

Mehr noch: Das Roboter-Szenario könnte

auch Konsumgüter und Mobilität erschwinglicher

machen oder sogar Häuser,

die in Fabriken vorgefertigt werden. Menschen

könnten mehr Zeit für neue spannende

Aufgaben gewinnen – und auch

mehr Freizeit. Vermutlich wird es zudem

zahlreiche Berufe geben, die wir uns heute

noch nicht vorstellen können. Vielleicht

Avatar-Designer, Genom-Analysten, Köche

für Gerichte aus 3-D-Druckern.

Die Frage ist nur: Wie soll sie aussehen,

die Gesellschaft, in der immer weniger

Menschen gut bezahlte Arbeit finden – und

die anderen vom Wohlstand abhängig

sind, den smarte Maschinen schaffen? n

andreas.menn@wiwo.de

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN; FOTO:LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES

78 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Tyler Cowen

»Die Mittelschicht stirbt«

Der US-Ökonom prophezeit, dass künftig nur noch wenige Menschen

gutes Geld verdienen werden – und trotzdem keine Revolten drohen.

DER AUGUR

Cowen, 52, ist Professor

für Wirtschaftswissenschaften

an der

George Mason University

bei Washington.

Mit seinen Bestsellern

wie zuletzt „Average is over“ entfachte

der einflussreiche Blogger und Kolumnist

Debatten über das Ende des Wachstums

und der amerikanischen Mittelschicht.

Herr Cowen, der Computer macht immer

weitere Jobs überflüssig. Droht eine

Massenarbeitslosigkeit?

Nein, Maschinen werden nicht so

schnell jede Arbeit erledigen. Alte Jobs

werden zwar zerstört, aber auch neue

geschaffen. Nur: Die meisten neuen

Stellen werden nicht so gut bezahlt sein

wie die alten. 10 bis 20 Prozent hoch

Qualifizierte werden sehr viel Geld

verdienen – die anderen weniger. Die

Mittelschicht stirbt aus.

Warum das?

Weil eine Hilfskraft, die eine intelligente

Maschine nutzt, künftig so viel leisten

kann wie heute ein Experte. Anwaltskanzleien

etwa setzen schon heute oft

keinen Juniorpartner mehr für die Recherche

in juristischen Dokumenten ein,

der 160 000 Dollar im Jahr verdient – ein

Praktikant, kombiniert mit einer Software,

reicht auch. Viele Arbeitnehmer

werden feststellen, dass sie obsolet sind.

Wovon leben die Menschen künftig?

Wer besonders gut in seiner Sache ist,

kann viel Geld verdienen: Ein besonders

zuverlässiger persönlicher Assistent, ein

guter Yoga-Trainer, ein hervorragender

Gärtner. Oder wenn Sie ein guter Manager

sind, Menschen motivieren können,

stark im Marketing sind, werden Maschinen

auf absehbare Zeit nicht mit Ihnen

konkurrieren. Jede Anwaltskanzlei

braucht Partner, die neue Aufträge hereinbringen

und diese steuern. Für die

meisten wird die Zukunft aber mehr finanzielle

Unsicherheit bringen.

Eine düstere Prognose.

Die Aussichten sind nicht gerade tröstlich.

Aber: Zwar wird das Einkommen

sehr ungleich verteilt sein, doch nicht

unbedingt das Glück. Viele Menschen

werden freier über ihre Arbeit entscheiden

können, interessante Aufgaben

übernehmen, und viele werden ein Leben

führen, das reich an sozialen Kontakten

ist. Schauen Sie nach Berlin. Viele

Menschen dort haben wenig Geld, führen

aber den Lebensstil der Bohème.

Viele sind smart, künstlerisch talentiert

und kommen über die Runden, indem

sie verschiedene Jobs verknüpfen.

Aber niemand schuftet gerne auf Dauer

in drei Jobs zugleich, um etwa bei steigenden

Mieten in Berlin über die Runden

zu kommen. Drohen bald Unruhen?

Ich glaube nicht, dass es zu einer Revolution

kommen wird. Rebellion gab es zuletzt

in den Sechzigern, ausgerechnet als

die Mittelschicht wuchs. Die Gesellschaften

in Deutschen und den USA sind

heute im Schnitt viel älter – und werden

dadurch konservativer und friedlicher.

Aber wenn künftig vor allem Maschinen

Wohlstand schaffen, muss er dann nicht

anders verteilt werden als heute?

Es wird wahrscheinlich etwas mehr soziale

Fürsorge geben, in den USA zeigt

sich das bereits mit der Gesundheitsreform

Obamacare. Vermutlich werden

Maschinen und geistiges Eigentum künftig

stärker besteuert.

Ist das nicht nur Kosmetik? Nur wenige

werden wohlhabend sein.

Ja, aber wer smart ist, kann sogar aus der

Armut seinen Weg an die Spitze finden.

Junge Leute in Indien oder China können

via Internet studieren. Weil alles online

geschieht, alles permanent bewertet

wird, werden Talente viel schneller entdeckt.

Wer ein Genie ist, wird umworben

werden, auch wenn er in Indien lebt.

andreas.menn@wiwo.de

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Technik&Wissen

Mit eingebauter

Vorfahrt

VERKEHR | Realitätsferne Testvorgaben verhelfen Hybridautos wie

BMWs neuem Supersportler i8 zu unrealistisch guten Verbrauchswerten.

Und nicht nur da rechnet sich die Branche die Welt schön.

verbraucht sein Steckdosenhybrid im

Schnitt gerade einmal 2,1 Liter Benzin auf

100 Kilometer Fahrstrecke. Ein sensationeller

Wert für einen Sportwagen. Gleichstarke

Modelle des Porsche 911 verbrauchen

fast fünfmal so viel.

So weit die Norm. Was aber heißt das im

Alltag? Bei ersten Testfahrten kam der i8

auf reale Verbräuche um die sieben Liter.

Die Erklärung: Der BMW profitiert wie alle

Plug-in-Hybride von einer komplexen Regel

zur Verbrauchsmessung. Denn obwohl

sie auch Benzinmotoren besitzen, gelten

Autos mit einer elektrischen Reichweite

von 50 Kilometern und mehr als E-Mobile.

Esist nicht einfach, bei diesem Wagen

Haltung zu bewahren: Wer den flachen

Sportwagen mit den schicken

Flügeltüren besteigen will, muss den Kopf

tief einziehen und sich dann mit angewinkelten

Knien über eine baumdicke Türkante

auf den Fahrersitz fädeln. Lohn der

Übung: BMWs neuer Supersportler i8 sieht

nicht nur schnell aus, er ist es auch. Dank

362 PS Antriebsleistung beschleunigt er

standesgemäß in nur 4,4 Sekunden von

null auf Tempo 100.

Dabei ist der i8 alles andere als ein gewöhnlicher

Sportwagen, denn für den

Schub sorgt nicht nur ein Duo aus einem

Verbrennungs- und einem Elektromotor.

Dank der Batterie, die sich an der Steckdose

aufladen lässt, kommt er auch rein elektrisch

bis zu 37 Kilometer weit. BMW preist

den Plug-in-Hybrid als leicht und extrem

sparsam: Die Fahrgastzelle besteht aus

teurem Carbon, die Karosserie aus Kunststoff

und das Fahrgestell aus Aluminium.

So bringt der bayrische High-Tech-

Sportwagen nur 1485 Kilo auf die Waage,

etwa so viel wie ein Porsche 911 GT3. Und

das, obwohl der BMW zusätzlich Batterie

und Elektromotor unter der Haube hat.

„Der i8 ist das revolutionärste Auto, das

wir je gebaut haben“, verkündet BMW-Entwicklungsvorstand

Herbert Diess. Der

Grund für seinen Stolz ist klar: Nach dem

Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ)

Technische Details BMW i8

Motor

Drei-Zylinder-Benziner + Elektromotor

Leistung

231 PS Benzinmotor + 131 PS Elektro

Fahrleistungen

0–100 km/h in 4,4 Sekunden,

Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h

Verbrauch

2,1 Liter Super/100 km nach ECE-Norm

CO 2 -Ausstoß: 49 Gramm pro km

Gewicht

1485 Kilogramm

Verkaufspreis

Basispreis: 126 000 Euro

STRAFZAHLUNGEN DROHEN

Das nutzen die Hersteller aus, um die

durchschnittlichen CO 2 -Emissionen ihrer

Fahrzeuge zu drücken. „Wir stellen den

Flottenverbrauch über die elektrische

Reichweite ein“, sagt Wolfgang Ziebart. Der

frühere BMW-Vorstand ist heute Technikchef

von Jaguar Land Rover. Der Kniff hilft,

millionenschwere Strafzahlungen zu verhindern,

die fällig werden, wenn die Verbräuche

der angebotenen Fahrzeuge bestimmte

EU-Grenzwerte überschreiten.

Die Autoindustrie

Leicht dank Carbon

BMWs Flügeltürer

i8 setzt auf

neue Werkstoffe

macht sich dabei den

etwa 20-minütigen

Fahrzyklus des NEFZ

zugute, den jedes

neue Auto für die

Typzulassung auf einem Rollenprüfstand

absolvieren muss. Laut Vorgabe wird dieser

zunächst im Elektrobetrieb absolviert

und der Ausstoß an Kohlendioxid (CO 2 )

dabei mit null festgelegt. Dann folgt eine

weitere Fahrt unter gleichen Bedingungen

mit Verbrennungsmotor. Der dabei gemessene

CO 2 -Wert wird mit dem Null-Ausstoß

der Elektrofahrt verrechnet: Bei einer Elektroreichweite

von 25 Kilometern bringt das

eine Halbierung des Abgas-Messwerts, bei

50 Kilometer Reichweite sogar eine Reduktion

um zwei Drittel.

Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen

Umwelthilfe (DUH), nennt das „ärgerliche

Verbrauchertäuschung“. Der Testzyklus

liefere „willkürliche Werte“, die im

Alltag kaum wiederholbar seien.

Der Verband der Automobilindustrie

(VDA) sieht das naturgemäß anders. Dessen

Geschäftsführer Ulrich Eichhorn verweist

darauf, dass „der NEFZ gesetzlich

vorgeschrieben ist und die Fahrzeuge vergleichbar

macht“. Zudem gäben die Hersteller

in den technischen Daten der Fahrzeuge

zusätzlich zu den Verbrauchswer-

»

FOTO: PR

80 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Porsche Panamera E-Hybrid

Leistung 416 PS (Elektro und Benzin)

Fahrleistungen elektrische Reichweite

30 km, 270 km/h

Normverbrauch 3,1 Liter pro 100 km

Preis ab 110 409 Euro

Volvo V60 Plug-in-Hybrid

Leistung 280 PS (Elektro und Diesel)

Fahrleistungen elektrische Reichweite

50 km, 230 km/h

Normverbrauch 1,8 Liter pro 100 km

Preis ab 58 710 Euro

Mitsubishi Outlander PHEV

Leistung 203 PS (Elektro und Benzin)

Fahrleistungen elektrische Reichweite

50 Kilometer, 170 km/h

Normverbrauch 1,9 Liter pro 100 km

Preis ab 39 990 Euro

Audi A3 e-tron

Leistung 204 PS (Elektro und Benzin)

Fahrleistungen elektrische Reichweite

50 km, 222 km/h

Verbrauch 1,5 Liter pro 100 Kilometer

Preis ab etwa 37 000 Euro

»

ten den Stromverbrauch und die elektrische

Reichweite an. Doch geworben wird

praktisch nur mit den Fabelwerten.

Damit drohen die eigentlich pfiffig gemachten

Plug-in-Hybride in Misskredit zu

geraten. Auf Kurz- und Pendelstrecken fahren

sie rein elektrisch; ist die Batterie leer

oder fordert der Fahrer viel Leistung an,

springt der Benzinmotor an. Die Urangst

aller Fahrer eines E-Autos, nachts im Wald

mit leerem Akku stehen zu bleiben, erledigt

sich damit. Der Versuch, das Beste aus

zwei Welten zu vereinen, hat aber seinen

Preis: Das Fahrzeug schleppt das Gewicht

zweier Motoren plus Batterie mit sich herum,

der E-Antrieb treibt die Kosten.

Dennoch kann es, wie beim Hybridpionier

Prius von Toyota, sinnvoll sein, Elektro-

und Benzinmotor zu vereinen. Beim

Bremsen wirkt der E-Motor als Generator

und erzeugt Strom, der sich in die Batterie

zurückspeisen lässt. Das hilft, den Verbrauch

zu senken.

Und zugegeben: Wer es schafft, mit Plugin-Hybriden

innerhalb

der elektrischen Reichweite

zu bleiben, der verbraucht

kein Benzin.

Wohl aber elektrische

Energie. Und in

Deutschland stammt der

Ladestrom zum überwiegenden

Teil noch immer

aus Kohlekraftwerken,

die reichlich CO 2

ausstoßen. Zudem haben viele der neuen

Hybridautos PS-starke Verbrennungsmotoren

an Bord, um den Fahrspaß zu steigern

und kurze Sprints verbrauchsgünstig

zu gestalten. Selbst Kompaktwagen wie der

Audi A3 e-tron haben über 204 PS. Laut

Norm verbraucht der Wagen trotzdem nur

etwa 1,5 Liter Benzin auf 100 Kilometer, ein

Opel Ampera glänzt im Verkaufsprospekt

mit 1,2 Liter Durchschnittsverbrauch. Das

ist zu gut, um glaubwürdig zu sein.

Wie absurd das Ganze ist, zeigt das Beispiel

des Supersportlers Porsche 918 Spyder.

Der verfügt über einen Acht-Zylinder-

Motor aus dem Rennsport sowie zwei Elektromotoren.

Der knapp 1,17 Meter flache

Hybridflitzer hat damit 887 PS, beschleunigt

in nicht mal drei Sekunden von null

auf 100 und kostet 768 026 Euro. Dank

NEFZ-Kalkulation mutiert er dabei rechnerisch

zum ökologischen Drei-Liter-Auto.

Um den Realverbrauch zu berechnen,

benötigen Fahrer drei Werte: die maximale

Reichweite im reinen Elektrobetrieb, den

Stromverbrauch in Kilowattstunden pro

Supersportler

mit 887 PS

mutiert zum

Drei-Liter-Öko

100 Kilometer und den Benzinverbrauch

pro 100 Kilometer bei leerer Batterie.

Das ist auch deshalb wichtig, weil sich

nicht nur die Effizienz der Elektromotoren

unterscheidet: „Manche Hersteller verwenden

billige Ladegeräte, mit relativ hohen

Verlusten“, sagt Umweltexperte Resch. Das

heißt, der Strom fließt zwar in Richtung Akku,

und der Kunde muss ihn bezahlen. Er

landet nur nicht in der Batterie, sondern

geht als Abwärme im Ladegerät verloren.

Auch diese Information aber fehlt in der

Werbung. Zu groß ist die Verlockung durch

den Werbeeffekt der Miniverbräuche.

Auch deshalb nehmen alle Hersteller die

Verzerrungen billigend in Kauf.

E-MOBILE SCHÖNEN DIE STATISTIK

Erst recht aber, weil es den Herstellern bei

den Hybriden, von denen sie eh nur kleine

Stückzahlen absetzen, um viel mehr geht

als um Verkaufszahlen.

Ihr Geld nämlich verdienen Audi, Mercedes,

Jaguar, Land Rover, Volvo oder BMW

mit schweren und leistungsstarken

Modellen.

Solche lukrative Brummer

mit hohem Verbrauch

aber können sich

die Hersteller künftig nur

noch erlauben, wenn sie

zugleich genug sparsame

Fahrzeuge anbieten,

die die Umweltbilanz

ausgleichen.

Denn ab 2020 fordert die EU, dass alle

Modelle eines Anbieters im Schnitt nicht

mehr als 95 Gramm CO 2 pro Kilometer

ausstoßen. Da fügt es sich, dass Brüssel

den Herstellern entgegenkommt. Wer

nämlich Fahrzeuge mit weniger als 50

Gramm CO 2 -Ausstoß verkauft, darf sich die

zweieinhalbmal auf die Flottenbilanz anrechnen.

Was Wunder, dass etwa der i8 mit

genau 49 Gramm vom Prüfstand fährt.

Aber auch für die Käufer von Hybridautos

hat die Politik ein Bonbon: Bundesumwelt-

und Bundesverkehrsministerium haben

beschlossen, dass Elektroautos künftig

etwa Busspuren in den Städten mitbenutzen

dürfen. Die Regel gilt nur für Fahrzeuge,

die mindestens 30 Kilometer rein elektrisch

fahren können oder höchstens 50

Gramm CO 2 pro Kilometer ausstoßen.

Besonders streng ist die Vorgabe nicht.

Die meisten E-Autos und Plug-in-Hybride

erfüllen sie bereits. Und auch der i8 braust

künftig – dank eingebauter Vorfahrt – auf

den Sonderspuren am Stau vorbei. n

juergen.rees@wiwo.de

FOTOS: PR

82 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Die Wirtschaft im High-Tech-Tal

läuft heiß, so viel ist klar. Nicht aber, wie lange das

noch gut geht. Von Matthias Hohensee

Ausgeprägte Exzesse

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Es gibt einige Indikatoren für die

wirtschaftliche Überhitzung des

Silicon Valley. Der augenfälligste

ist der Verkehrsinfarkt am Morgen

und Spätnachmittag, der die Hauptverkehrsadern,

den Highway 101 und seine

Zubringerstraßen, lahmlegt. Ohne die in

San Francisco oft geschmähten Zubringerbusse

für Google, Facebook, Yahoo und

Apple kollabierte der Verkehr vollends.

Dann jagen sich High-Tech-Unternehmen

wie zu besten Dotcom-Boom-Zeiten

mit aberwitzigen Prämien Talente ab:

Reichten 1999 noch ein Porsche Boxster

und ein Hermann-Miller-Bürostuhl, zahlen

Google und Facebook heute sechsstellige

Antrittssummen für begabte Programmierer

und halten diese regelmäßig mit opulenten

Unternehmensausflügen bei Laune.

In der Chefetage sind die Exzesse noch

ausgeprägter. Der Hedgefondsaktivist Jeffrey

Ubben, der vergangenes Jahr Microsoft-Chef

Steve Ballmer zu Fall brachte,

nahm jüngst Eric Schmidt aufs Korn. Der

Google-Verwaltungsratschef hatte 100 Millionen

Dollar Prämie erhalten. Für minimale

Arbeit, wie Ubben klagte. Das i-Tüpfelchen

ist der Aktiensplit von Google, mit stimmrechtslosen

Papieren, die die Macht des

Triumvirats aus Schmidt und den Gründern

Larry Page und Sergey Brin zementieren.

HOFFNUNG AUF DEN JACKPOT

Ein weiteres Indiz für die Überhitzung ist die

Summe, die im ersten Quartal in Start-ups

investiert wurde: 4,7 Milliarden Dollar von

US-weit 9,5 Milliarden Dollar flossen ins

Silicon Valley – der höchste Wert seit 2001.

Und die Gesamtsumme liegt sogar noch

höher, da viele Facebook- und Google-Millionäre

privat investieren, was statistisch

nicht erfasst wird. Die Investoren hoffen auf

Jackpots wie jüngst den 19-Milliarden-Dollar-Kauf

von WhatsApp durch Facebook.

Oder der IT-Geldadel steckt sein Geld in

Häuser. Im prestigeträchtigen Palo Alto kosten

selbst bescheidene Einfamilienhäuser mit

drei Zimmern im Schnitt 1,6 Millionen Dollar.

1999 war es rund die Hälfte.Normalverdiener

müssen wieder ins Umland flüchten.

Steht also wieder ein Zusammenbruch

bevor? Wie zur Jahrtausendwende, als das

Silicon Valley ebenso im Geld schwamm?

Spekulanten wie David Einhorn von Greenlight

Capital wetten auf eine Korrektur.

Doch es gibt auch Argumente, dass der

Boom noch nicht vorbei ist. So sind Silicon-

Valley-Unternehmen heute viel globaler

aufgestellt als vor der Dotcom-Krise. Die

Größen des High-Tech-Tals machen das

Gros ihrer Umsätze im Ausland. Selbst Krisen

wie in Russland lassen sich abfedern,

weil gleichzeitig die US-Wirtschaft leicht

anzieht. Sie erhöhen sogar den Kapitalfluss

in die USA. Vorwiegend russisches Geld finanzierte

den Boom der sozialen Medien.

Jetzt wird es durch chinesische Investoren

ersetzt, die auf den Online-Handel setzen.

Und der Ökonom Mark Cannice von der

Universität von San Francisco untersucht

regelmäßig die Stimmung unter Wagniskapitalgebern.

Die ist trotz der drohenden

Börsenkorrektur gut: Zum einen weil Google,

Yahoo und Facebook fleißig Unternehmen

aufkaufen. Zum anderen, weil in boomenden

Märkten wie Cloud Computing, Big

Data, mobilen Internet-Anwendungen, industrielles

Internet sowie Unternehmenssoftware

noch jede Menge Wachstumspotenzial

steckt. Das klingt nachvollziehbar,

andererseits werden Wagniskapitalgeber

sicher nicht öffentlich an dem Ast sägen,

auf dem sie sitzen.

Und das Problem bleibt, dass auch der

Dotcom-Boom Ende der Neunzigerjahre

durch das immense Wachstumspotenzial

des Internets gerechtfertigt wurde. Da war

was dran, wie die vergangenen zehn Jahre

zeigen. Trotzdem gab es mit dem Platzen

der Dotcom-Blase eine massive Korrektur.

Die wird auch diesmal kommen. Zumindest

die überlebenden Unternehmen im Silicon

Valley aber können sich damit trösten,

dass – wie die letzte Dekade belegt – nach

schlechten Zeiten noch viel bessere folgen.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 85

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Management&Erfolg

Rechnen lernen

auf Chinesisch

CHINA | Kosten senken, Wechselkursrisiken reduzieren, Preisnachlässe durchsetzen:

Statt Dollar und Euro verwenden deutsche Unternehmen für Geschäfte in China

zunehmend den Yuan als Rechnungswährung. Für wen sich die Umstellung lohnt

und wie sie gelingt.

Auf den ersten Blick sieht das

neue Auto aus wie ein Mittelklassemodell

aus Japan. Tatsächlich

aber ist der Denza ein

E-Mobil, das Daimler mit dem

chinesischen Batteriehersteller Byd auf die

Räder gestellt hat. „Erstmals haben wir außerhalb

von Sindelfingen ein Fahrzeug entwickelt“,

sagt Arno Röhringer, Chef des

deutsch-chinesischen Automobil-Joint-

Ventures. Produziert wird das Fahrzeug,

das am 20. April auf der Automesse in Peking

vorgestellt wurde, in China.

Doch nicht nur in Sachen Entwicklung

und Produktion geht Daimler mit seinem

E-Mobil innovative Wege: Der Stuttgarter

Automobilkonzern lässt sich die Elektroautos

in Yuan bezahlen.

So selbstverständlich es klingt, für seine

Produkte die ortsübliche Währung zu kassieren

– in China haben Auslandsunternehmen

bis vor wenigen Jahren ausschließlich

in Dollar oder Euro abgerechnet.

Daimler akzeptiert hingegen seit zwei

Jahren für seine Limousinen, SUVs und

Roadster den Yuan – auch für Modelle, die

aus Deutschland angeliefert werden. Außerdem

bezahlen die Schwaben in chinesischer

Währung, wenn sie Bauteile und

Komponenten in China einkaufen.

Aus Sicht der Daimler-Manager hat der

Yuan gleich ein ganzes Bündel von Vorzügen:

So können die Einkäufer attraktive Rabatte

aushandeln, wenn sie in Yuan zahlen.

Auch umgekehrt ist es vorteilhaft, für die

Exporte in die Volksrepublik Yuan einzustreichen:

Werden Ein- und Ausfuhren in

der gleichen Währung abgewickelt, reduzieren

sich Wechselkursrisiken auf ein Minimum.

Mit seiner Währungspolitik steht der

Stuttgarter Autobauer nicht allein da. Zwar

wird es noch eine Weile dauern, bis die chinesische

Regierung, die ihr strenges Währungsregime

seit 2010 schrittweise lockert,

den Yuan frei handelbar macht. Doch der

Yuan ist dabei, neben US-Dollar und Euro

zur dritten Weltwährung aufzusteigen.

Zehnjähriger Höhenflug

Entwicklungdes Yuan gegenüber

US-Dollar und Euro

150

140

130

120

110

100

Index: 1.1.2005 =100

Euro

Yuan

90

Dollar

80

2005 2014

Dominanter Dollar

Welchen Anteil die wichtigsten

Währungen an den internationalen

Devisenreserven haben (in Prozent)

Sonstige

Yen 6,5

3,9

Pfund 4,0

Euro

24,4

Quellle: Morgan Stanley; IWF

6220

Milliarden

Dollar

61,2

Dollar

Die Folge: Ob Konzern oder Mittelständler

– viele Unternehmen, die in China aktiv

sind, haben in jüngster Vergangenheit damit

begonnen, den Yuan als Rechnungswährung

einzuführen.

TÜREN ÖFFNEN, KOSTEN SENKEN

Die Vorteile liegen auf der Hand: Spart ein

Unternehmen doch dadurch nicht nur Kosten

und zeitlichen Aufwand der Währungssicherung.

Ausländische Unternehmen

kommen mit Kunden in China oft überhaupt

nur dann ins Geschäft, wenn sie für

ihre Waren chinesische Devisen akzeptieren.

Wer in China Rechnungen in der Landeswährung

zahlt, kann bei seinen Geschäftspartnern

außerdem erhebliche

Preissenkungen durchsetzen. Der Grund:

Für chinesische Lieferanten ist der Umtausch

ausländischer Devisen in Yuan mit

enormer Bürokratie verbunden. Jedes Mal

müssen die Unternehmen eigens einen Antrag

bei den lokalen Behörden stellen, die

für die Kontrolle des Devisenverkehrs zuständig

sind. Das dauert manchmal mehrere

Monate. Obendrein verlangen die Banken

für den Umtausch hohe Gebühren.

Schließlich reduzieren sich die Wechselkursrisiken,

wenn Exporte nach und Importe

aus China in derselben Währung abgerechnet

werden: Die Unternehmen können

die Zahlungsströme saldieren; nur

noch die Differenz unterliegt Kursschwankungen

zwischen dem Euro und dem Yuan,

der nach wie vor recht eng an den amerikanischen

Dollar gekoppelt ist. Derzeit

darf der Kurs pro Tag nur innerhalb einer

sehr engen Bandbreite abweichen.

Wer seinen chinesischen Lieferanten

dann auch noch dieses restliche Wechsel-

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

86 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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kursrisiko abnimmt – Dollar- und Euro-

Guthaben der Lieferanten verlieren oft an

Wert, bis sie nach Monaten in Yuan umgewechselt

werden können –, kann dies an

anderer Stelle oft mehr als ausgleichen:

Wer das Wechselkursrisiko trägt, hat im

Gegenzug Spielraum bei den Preisen.

Von der Umstellung auf Yuan profitieren

vor allem Unternehmen aus der Fertigungsindustrie,

die einen weltweiten Produktionsverbund

betreiben. Im Automobilbau,

der Elektrotechnik, dem Maschinenbau

und der Luft- und Raumfahrt sind

lange, oft weit verzweigte Lieferketten üblich,

die sich meist über mehrere Länder

erstrecken. Den Yuan als grenzüberschreitende

Rechnungswährung einzuführen

ist daher auch für große Mittelständler

sinnvoll.

Kein Wunder also, dass neben Automobilherstellern

wie Daimler, BMW und

Volkswagen, den Chemiekonzernen Bayer,

Evonik und Lanxess auch die Buchhalter

beim Hausgerätehersteller Miele längst

wie selbstverständlich mit der chinesischen

Landeswährung hantieren. Beim

Getriebehersteller ZF Friedrichshafen werden

immerhin rund fünf Prozent der Zahlungen

mit chinesischen Geschäftspartnern

in Yuan abgewickelt. Bosch hat Anfang

2014 begonnen, den Geldfluss zwischen

der Robert Bosch GmbH in Stuttgart

und zwei ausgewählten Tochtergesellschaften

in China in Yuan abzuwickeln. Ist

das Experiment erfolgreich, sollen weitere

Bosch-Firmen einbezogen werden. Und

Siemens erhob den Yuan neben Dollar und

Euro sogar zur dritten, gleichberechtigten,

offiziellen Konzernwährung.

»

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 87

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Management&Erfolg

»

„Seit drei Jahren bieten wir unseren

Kunden die Kontoführung in chinesischer

Währung an“, sagt Frank-Oliver Wolf, Experte

für Zahlungssysteme bei der Commerzbank.

„Anfangs wollte davon niemand

etwas wissen. Heute haben mehr

als 350 Firmenkunden bei der Commerzbank

in Deutschland ein Yuan-Konto.“

Auch BSH Bosch und Siemens Haushaltsgeräte

nutzt den Yuan seit zwei Jahren als

grenzüberschreitende Rechnungswährung.

Wird doch der chinesische Markt für das

Münchner Unternehmen immer wichtiger:

Vergangenes Jahr erlöste BSH in der Volksrepublik

mit dem Verkauf von Elektroherden,

Kühlschränken und Waschmaschinen

KOMPLEXE KETTEN VEREINFACHEN

Siemens produziert in China beispielsweise

Computertomografen, bei denen zahlreiche

Komponenten lokaler Lieferanten

verbaut werden. In Deutschland werden

die Geräte mit Software für bildgebende

Verfahren ausgerüstet, bevor sie an Krankenhäuser

in der ganzen Welt ausgeliefert

werden. Entlang der gesamten Wertschöpfungskette

der Tomografen kann heute in

Yuan abgerechnet werden. Ebenso komplex

wie in der Medizintechnik ist die weltweite

Liefer- und Leistungskette in den Siemens-Sparten

Energie, Industrie und

Bahntechnik. Mehr als 50 Konzern-Töchter

können ihre Geschäfte heute in Yuan abrechnen,

rund 300 000 Rechnungen können

heute konzernweit pro Jahr in Yuan

ausgestellt und bezahlt werden.

„Wir haben aber auch sehr viel Wert darauf

gelegt, die Yuan-Umstellung und ihre

Vorzüge ausreichend zu erklären“, sagt Stefan

Harfich von Siemens Financial Services

in Hongkong, der die schrittweise Implementierung

der neuen Konzernwährung

seit Anfang 2012 verantwortete. Zunächst

richtete das Unternehmen in Hongkong

ein konzernweites Yuan-Konto ein. „Die

zentrale Kontoführung erleichtert die Saldierung

und damit den Ausgleich von

Währungsrisiken“, erläutert Harfich. Innerhalb

Chinas werden alle Zahlungen mit

Kunden und Lieferanten in Yuan abgewickelt.

Die Komponenten und Vorprodukte,

die BSH China von ausländischen Unternehmen

bezieht, werden ebenfalls so weit

wie möglich in Yuan beglichen. Aber auch

wenn Waschmaschinen aus München

nach Nanjing geliefert und umgekehrt

Bauteile aus China nach Deutschland oder

in Drittländer eingeführt werden. Diese

konzerninternen Importe und Exporte wickelt

BSH über ein zentrales Yuan-Konto in

Hongkong ab und tauscht nur noch die

Differenz in Euro um.

Hinzu kommt: Yuan-Konten in Hongkong

erleichtern westlichen Unternehmen

Milliardensummen, die die Leverkusener

dort pauschal gegen Wechselkursrisiken

absichern können.

Noch leichter sollen Transaktionen wie

diese zu handhaben sein mithilfe des neuen

Yuan-Handelszentrums in Frankfurt,

das chinesische und deutsche Partner gemeinsam

bis Endes des Jahres aufbauen

wollen. Noch im Lauf des Jahres soll, so ist

aus Finanzkreisen zu hören, eine Anleihe

in Yuan in Höhe von 50 Millionen Euro

ausgegeben werden. Deckname: Goethe-

Bond. Über die neue deutsch-chinesische

Plattform können Banken und Unternehmen

dann Währungs- und Sicherungsgeschäfte

in Yuan abwickeln.

So lange wollte Siemens nicht mehr warten:

Schon seit Oktober 2013 können alle

Gesellschaften des Elektronikkonzerns, die

mit chinesischen Geschäftspartnern Handelsgeschäfte

abwickeln, in Yuan fakturieren

oder zahlen. Betroffen sind nicht nur

die Produktions- und Vertriebsgesellschaften

in China. Auch alle anderen Siemens-

Töchter, die an diese Tochterunternehmen

liefern oder von chinesischen Betrieben

Güter und Leistungen beziehen, dürfen

nun den Yuan verwenden.

Wer Rechnungen in Yuan bezahlt,

kann erhebliche Rabatte aushandeln

umgerechnet 1,5 Milliarden Euro – knapp

15 Prozent der weltweiten Umsätze.

„Wo immer wir den Yuan für unser chinesisches

Geschäft verwenden können,

hat dies für uns Priorität“, sagt Kai Schrickel,

der bei BSH den Zentralbereich Finanzen

leitet.

Will BSH seine führende Position in China

behaupten, muss das Unternehmen auf

die Wünsche seiner Kunden eingehen.

Und Großhändler, Fachgeschäfte und Warenhäuser,

die Hausgeräte made by BSH

verkaufen, möchten die gelieferte Ware

nun mal gern in heimischer Währung bezahlen.

Zumal für BSH das Devisenmanagement

vergleichsweise einfach ist. Innerdie

Absicherung von Wechselkursrisiken,

weil das Unternehmen die erwarteten Zahlungen

als Termingeschäft an eine Bank

verkaufen und damit das Wechselkursrisiko

auf das Kreditinstitut abwälzen kann.

Für Bayer sind solche Transaktionen

mittlerweile Routine: Um sich den Kampf

mit den chinesischen Devisenkontrolleuren

zu ersparen, stellte der Chemiekonzern

im Herbst 2012 die Rechnungswährung bei

einigen Tochtergesellschaften in China

von Dollar auf Yuan um. Gleichzeitig eröffnete

der Konzern ein Yuan-Konto in Hongkong.

Dort landet jeder Yuan, den der Konzern

für den Verkauf seiner Medikamente

und Pflanzenschutzmittel in China erzielt.

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

88 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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halb des Konzerns hat dies jedoch erst einmal

höheren bürokratischen Aufwand zur

Folge: Gutschriften und Belastungen auf

dem Yuan-Konto müssen exakt den betroffenen

Tochterfirmen zugeordnet werden.

Zudem wurden innerhalb des Konzerns

zahllose IT-Systeme im Rechnungswesen

auf die neue Währung umgerüstet.

Die Folge: Nicht allen betroffenen Buchhaltern,

Einkäufern oder Vertriebsingenieuren

war unmittelbar einsichtig, wofür

der Mehraufwand gut sein sollte. Den

Durchbruch brachte ein schlagendes Argument:

Wer in Yuan zahlt, kann Preisnachlässe

durchsetzen – bis zu fünf Prozent

hält Harfich für realistisch. Der Grund:

in China. Die Autos, die dort vom Band rollen

werden, sind vor allem für chinesische

Käufer vorgesehen, die die Fahrzeuge in

Yuan bezahlen. Auch bei Investitionen befolgt

Volkswagen in China die schlichte Erkenntnis:

Wenn Kosten und Erlöse in der

gleichen Währung anfallen, sinken die

Wechselkursrisiken auf ein Minimum.

GÜNSTIGSTE METHODE

Die Emission einer Dim-Sum-Anleihe ist

für ausländische Unternehmen mit guter

Bonität meist die günstigste Methode, um

den Bau einer neuen Fabrik oder andere

Investitionen in China zu finanzieren – die

Zinsen für klassische Investitionskredite

in Hongkong sorgt keine Zentralbank dafür,

dass die Banken jederzeit flüssig genug

sind, um alle Anlegerwünsche zu erfüllen.

Konkurrent Daimler hat sich daher – als

erstes westliches Unternehmen überhaupt

– statt für den Dim-Sum-Markt für eine andere

Finanzierungsvariante mit einem

mindestens ebenso exotischem Namen

entschieden: Die Panda-Anleihe, emittiert

im März 2014, mit einem Volumen von 500

Millionen Yuan, umgerechnet knapp 60

Millionen Euro. Diese Anleihen werden

nicht in Hongkong, sondern in Festlandchina

ausgegeben. Und auch wenn dort die

Anleger höhere Renditen fordern und der

bürokratische Aufwand für eine eher kleine

Viele Lieferanten schätzen es, wenn sie

sich Mühe und Kosten sparen können, die

in China mit dem Umtausch von Devisen

verbunden sind. Obendrein müssen sie

kein Währungsrisiko mehr tragen, wenn

sie Yuan erhalten.

Einen Schritt weiter ist VW: Der Autokonzern

rechnet nicht nur intern längst in

Yuan, er hat seit 2011 drei Anleihen mit einem

Volumen von insgesamt 3,7 Milliarden

Yuan (rund 430 Millionen Euro) begeben.

Dim-Sum-Bonds heißen die Papiere

unter Bankern, die in Hongkong, Taipeh

und London emittiert werden.

Das Kapital, das VW auf diesem Weg erschließt,

fließt in den Bau neuer Fabriken

bei einer chinesischen Bank sind höher.

Hinzu kommt:Eine Genehmigung der chinesischen

Behörden ist für die Emission

dieser Bonds ebenso wenig nötig wie für

den Transfer der Erlöse nach Festlandchina.

Da überrascht es nicht, dass laut der

Marktforschungsfirma Dealogic von Anfang

Januar bis Ende März 2014 bislang 29

Offshore-Anleihen in Yuan begeben wurden

– fast dreimal so viel wie im ersten

Quartal 2013. Das heftige Wachstum könnte

aber womöglich bald an eine Grenze stoßen:

Im Offshore-Markt ist die Liquidität

derzeit noch arg begrenzt. Zwar fliegen Investoren

aus China, dem übrigen Asien

und selbst Europa auf die Anleihen. Doch

Emission immens hoch ist, setzt der Stuttgarter

Autobauer schon aus strategischen

Gründen auf die Rolle des finanziellen Vorreiters:

Daimler will die Erlöse aus dem Bären-Bond

für Investitionen in China nutzen.

Dort steht dem Unternehmen eine anstrengende

Aufholjagd bevor – auf dem

wichtigsten Automarkt der Welt sind die

Konkurrenten Audi und BMW den Schwaben

davongebraust. Künftig soll in China

auch die neue S-Klasse gefertigt werden.

„China ist für uns einer der wichtigsten

Märkte“, heißt es bei Daimler. „Daher möchten

wir unseren wachsenden Finanzbedarf

langfristig in diesem Land decken.“ n

günter heismann | management@wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 89

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Management&Erfolg

»Manchmal auch

ein Revoluzzer«

ERFOLGSGEHEIMNISSE | Akribie, Besessenheit und eine Portion

Glück: Wie renommierte Manager aus Wirtschaft, Kultur und

Sport den Grundstein für ihre Karriere gelegt haben. Ein exklusiver

Vorabauszug aus dem Buch „Erfolge und ihr Geheimnis“.

»Es gibt diesen

wunderbaren

Satz von Woody

Allen: ,90 Percent

of Success is

Being There.‘

Und ich war oft

zur richtigen Zeit

an der richtigen

Stelle – dafür

braucht man

Glück.«

Herbert Henzler,

Ex-McKinsey-Deutschland-Chef

»Ich bin nicht der Typ, der

nur ein bequemes

Leben führen möchte –

nach dem Motto ,Meine

Frau, meine Kinder,

mein Haus, mein Auto,

meine Pferde‘ – und bloß

keinen Stress, keine Krise,

keine Kündigungen. Krisenmanagement

ängstigt

mich nicht. Ich freue mich

über jede Herausforderung.«

Andreas Jacobs,

Chef der Jacobs Holding AG

»Akribie und

Empathie sind für

mich der Schlüssel

zum Erfolg. Ich

war immer gut vorbereitet,

weil ich

ein hohes Maß an

Pflichtbewusstsein

und Besessenheit

habe. Wenn man

etwas nicht unbedingt

will, wird

man es auch nicht

erreichen.«

Günter Netzer, Ex-Fußballprofi und

Vereinsmanager, heute Manager beim

Sportrechte-Unternehmen Infront

»Die Geigerin Anne-Sophie Mutter wusste schon mit

zehn Jahren: ,Ich will Weltgeigerin werden!‘ Und

sie ist es, basierend auf einzigartigem Talent und großer

Willenskraft, auch geworden. Für mich ist deshalb

unbedingter Erfolgswille primäre Grundlage, auf der

Erfolg aufbaut.« Mark Wössner, Ex-Bertelsmann-Chef

FOTOS: LAIF/HANS-BERNHARD HUBER, PICTURE-ALLIANCE/DPA (3), BRAUER PHOTOS/DOMINIK BECKMANN, CARO FOTOAGENTUR/FRANK SORGE, IMAGO/STEPHAN GÖRLICH, PR

90 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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»Warum heißt Erfolg Erfolg? Weil er Folgen hat! Und was sind

die Folgen des Erfolgs? Dass man nicht so weitermachen

darf, wie man zum Erfolg gekommen ist. Oder wie es Einstein

formuliert hat: ,Probleme kann man niemals mit der

gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.‘«

Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm

»Unternehmer kommen

nur voran, wenn sie bereit

sind, sich und ihr Unternehmen

ständig zu hinterfragen

und zu verändern.

Ein moderner Unternehmer

muss auch manchmal ein

Revoluzzer sein.«

Wolfgang Porsche, Aufsichtsratschef der Porsche AG

»Ich habe für Dingolfing

und Landshut in der

Amateurliga gespielt.

Da waren Fußballer, die

deutlich talentierter

waren als ich. Aber ich

habe trainiert wie ein

Ochse und bin zweimal

Torschützenkönig

geworden. Ohne

Training kein Erfolg –

das gilt auch im

Geschäftsleben: an den

Dingen arbeiten, die

noch nicht laufen.

Versuchen, sich und

andere zu verbessern

und weiterzutreiben.«

Herbert Hainer, Adidas-Chef

»Man muss sich in seinem Metier absolut

auskennen. Mir macht heute deshalb

keiner was vor, weil ich den Job des Kunsthändlers

von Grund auf gelernt habe –

von den Teppichen über die Malerei bis zu

den Alten Meistern.« Konrad Bernheimer, Kunsthändler

„Erfolge und

ihr Geheimnis“

Martin Steinmeyer

und Rudolf

Schröck. Plassen

Verlag. 19,99 Euro.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 Redaktion: lin.freitag@wiwo.de

91

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Geld&Börse

»Mit der Aktie

Jo-Jo spielen«

BÖRSENMANIPULATION | Schmierige Tippgeber ziehen die Kurse Hunderter Aktien

nach oben und kassieren Anleger ab. Wer sind diese Leute, wer sind ihre Hintermänner,

wie arbeiten und woran verdienen sie – und warum sind sie den Ermittlern immer

einen Schritt voraus?

Akten, Akten – Stapel auf dem

Sideboard, Ordner auf dem

Schreibtisch, Papierberge am

Beistelltisch. Sein Büro: groß

wie ein Tanzsaal. Die „sehr

großen Zimmer“ bräuchten die Frankfurter

Fahnder, meint Oberstaatsanwalt Philipp

Zmyj-Köbel, „weil man sonst wegen

der Aktenberge nicht mehr reinkäme“.

Die Stapel in der Abteilung für Kapitalmarktstrafsachen

dürften kaum

kleiner werden. Am Main sind

noch über 100 Verfahren offen, in

denen es um Aktien geht, deren

Kurse Betrüger manipuliert haben:

Obskure Rohstoffunternehmen,

Energieaktien oder Internet-

Werte, deren Kurse stiegen, nachdem

sie in Börsenbriefen oder im

Internet empfohlen wurden. Werden

Anleger angelockt, laden die

Täter oder ihre Hintermänner eigene

Papiere bei ihnen ab.

Zmyj-Köbel hebt die Tasse mit

den chinesischen Motiven,

nimmt einen Schluck Chai-Biotee,

atmet ruhig durch – und

scheint doch innerlich zu kochen.

Die Akten stapeln sich

auch, weil Leute fehlen, die sich

in Wirtschaftssachen auskennen, sagt der

50-Jährige. „Wir haben zu wenig Personal

bei der Polizei“, so der Oberstaatsanwalt,

„mitunter werten meine Staatsanwälte

selbst Konten aus, um Geschädigte zu ermitteln

und sie anzuschreiben – eine Aufgabe,

die eigentlich die Polizei übernehmen

müsste.“

Und doch ist Zmyj-Köbel mit seiner Abteilung

zuletzt ein bemerkenswerter Schlag

Viel Lärm um wenig

Wasaus den Untersuchungen der Finanzaufsicht

wegen Marktmanipulation geworden ist

neue Untersuchungen

offene Untersuchungen

Täter verurteilt

Vonder Staatsanwaltschaft...

...eingestellt

...gegen Geldauflage eingestellt

250

218

208

208

166

150

116

115

104

90

71

74

43

56

14 18

24

11

9 7 16

13

19 8 21

2009 2010 2011 2012 2013

Quelle: BaFin-Jahresberichte

gegen eine vermeintliche Bande von Kursmanipulateuren

gelungen. Sein Staatsanwalt

Torsten Krach hat monatelang ermittelt,

Telefone abhören lassen, Täter hinter

Decknamen gefunden und mindestens

vier Haftbefehle erwirkt. An die 50 Ordner

füllen die Akten des Verfahrens.

Der daraufhin eröffnete Prozess vor dem

Landgericht Frankfurt und Recherchen der

WirtschaftsWoche zeigen erstmalig im Detail,

wie das Netzwerk der Kurspusher

funktioniert – vom Hintermann über den

Vermittler bis hin zu Aktienhändlern, Bankern

und Werbern.

Die Täter manipulieren Kurse und ziehen

Tausende Anleger über den Tisch – mit zum

Teil sehr plumpen Mitteln. Aktuell wirbt ein

Anbieter im Newsletter mit „1000 Prozent

Gewinn“. Wer das Kleingedruckte liest,

merkt, dass den wohl andere einstreichen

werden: Eigentümer und Mitarbeiter des

Verlags dürfen die beschriebenen Papiere

halten: „Wir möchten (...) davon profitieren,

wenn die Aktien der von uns dargestellten

Unternehmen an Wert gewinnen.“

Zum Prozessauftakt des Frankfurter Verfahrens

finden sich im Saal I drei Herren ein.

Die Staatsanwaltschaft hat sie wegen des

Verdachts auf bandenmäßigen Betrug und

Marktmanipulation angeklagt. Der prominenteste

ist Ex-TV-Moderator

Markus Frick, 41, Anfang 2013

festgenommen, 2011 vom Landgericht

Berlin wegen Marktmanipulation

in 36 Fällen zu 21 Monaten

auf Bewährung verurteilt. Er

hat Aktien empfohlen, die er über

verschlungene Kanäle besessen

und verkauft hat, als Anleger angebissen

haben.

ANLEGER AUSGENOMMEN

In Frankfurt wird Frick in Handschellen

vorgeführt. Blasses Gesicht,

die Hände übereinandergelegt,

der Rücken krumm. Die

Anklage: Frick und Komplizen

sollen über die Börsenbriefe

„Deutscher Aktiendienst“ und

„Kursraketen24“ die Kurse des

Shoppingportals LetsBuyIt, der heute insolventen

Technologiefirma Autev und der

auf Online-Spiele spezialisierten Venatus

getrieben haben. Hintermänner hätten die

Nachfrage der Leser genutzt, um Papiere

loszuschlagen. Frick wurde durch seine

TV-Show „Make Money“ auf N24 bekannt.

Fans verschlangen sein Buch „Ich mache

Sie reich“, abonnierten seine E-Mail-Hotline

– und kauften, was er empfahl.

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

92 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Vollbeschäftigter Ermittler

Oberstaatsanwalt Philipp Zmyj-Köbel leitete

bislang die Abteilung für Kapitalmarktstrafsachen

in Frankfurt. Die hat noch viel

vor sich. Am Main sind über 100 Verfahren

offen, in denen es um Aktien geht, deren

Kurse Betrüger manipuliert haben sollen.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 93

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Geld&Börse

»

Aus Fricks E-Mail-Dienst

Real-Depot vom 6. Mai 2012:

„Wir waren vor Ort in Paris und haben

(...) mit dem Vorstand gesprochen

(...). Alles hat uns überzeugt.

Auch andere Analysten waren vor

Ort und wir erwarten deshalb neue

Kaufempfehlungen für LetsBuyIt.“

„Herr Frick machte einen sehr ehrlichen

Eindruck“, sagt die 73-jährige

Gisela Günther* aus dem hessischen

Taunusstein. Sie und ihr

Mann hatten Frick einst auf einem

Börsenseminar die Hand geschüttelt.

In ihrem Wohnzimmer plätschert

der Zimmerbrunnen, als es

an der Tür klingelt – der Verkäufer

von Bofrost. Sie wolle nichts, sagt

die alte Dame. Doch der Fahrer

preist eine neue Spezialität an. „Das

kann ich mal probieren“, erwidert

sie – und kauft. Es scheint, als ziehe

sich das durch ihr Leben: Dinge

kaufen, die andere ihr aufdrängen.

Real-Depot vom 6. Mai 2012:

„Wichtig ist, dass Sie vor uns

investiert sind, denn wir werden

im Mai die Aktie LetsBuyIt neu

ins Real-Depot aufnehmen. Wir

müssen uns jetzt beeilen, denn

gestern sind die Umsätze drastisch

angestiegen.“

Die Werbung für Fricks Aktiendienst landete

ungefragt im E-Mail-Postfach des

Ehepaares. Im Mai 2012 bestellen die Günthers

den Börsenbrief – ohne zu wissen,

dass Frick dahintersteckt. 249 Euro kostet

das Sonderangebot für gut sieben Monate.

Die Macher des Briefes empfehlen solide

Werte: BMW, Lanxess, Hugo Boss. Das ist

typisch: Haben Anleger erst mal Vertrauen

gefasst, kommen die dubiosen Tipps.

Sie habe sich dann schon gewundert,

sagt die Rentnerin, dass auf einmal total

unbekannte Aktien empfohlen worden seien.

Trotzdem investierte das Ehepaar über

20 000 Euro in LetsBuyIt .

Solange die Bande für die Aktie trommelte,

fragten Anleger das Papier nach –

und wurden reichlich mit Aktien bedient.

Nach rund drei Wochen aber wirkten die

Empfehlungen nicht mehr, drückte das

überreiche Angebot den Kurs: „Plötzlich

sind die Dinger voll runtergegangen“,

schimpft die alte Dame – ihr Geld war weg.

* Name geändert und der Redaktion bekannt

Dreister Kurspusher

Markus Frick hat euphorisch Aktien in Börsenbriefen

empfohlen und profitierte mit Millionen. Er wurde wegen

Marktmanipulation verurteilt.

Real-Depot vom 31. Mai 2012:

„Wir (...) wurden gefragt, warum wir am

Dienstag nicht mutig waren und nochmals

LetsBuyIt bei 0,60 Euro einkauften (...)

aber nach diesem Kursdesaster hat uns

echt der Mut gefehlt.“

Eilig holt der Ehemann einen Stapel Börsenbriefe.

„Kennen Sie den? Oder den?“,

fragt er. Ein bisschen Hilfe brauche er bei

der Anlageentscheidung, sagt der 75-Jährige

und deutet auf ein Buch: „Tradingpsychologie

– So denken und handeln die Profis“.

Menschen, zitiert er den Inhalt aus der

Erinnerung, würden vom Unterbewusstsein

gesteuert. „Sie wissen, was Sie falsch

machen und machen es wieder falsch.“

Im Zentrum der Frankfurter Ermittlungen

steht die Berliner ISP Finanz. Geld verdient

sie offiziell mit der Web-Seite moneymoney.de

und dem Börsenbrief „Money-

Money“, den sie an Anleger vertreibt. Alleiniger

Gesellschafter war mindestens bis Juni

2012 Walter Frick, Vater von Markus

Frick. Der Senior hat die Firma 2008 gegründet

und Sohn Markus bis Mitte 2012

zum Geschäftsführer bestellt; die Taten der

im Prozess verhandelten Marktmanipulation

fallen in diese Zeit. ISP-

Sitz ist die Sophie-Charlotten-Straße

30, an der damals auch der Sohn

gemeldet war.

Über das Konto der ISP liefen

auch Einnahmen aus weiteren Börsenbriefen.

Eine Rechnung, die der

Redaktion vorliegt, beläuft sich auf

99 140 Euro – für die Vermarktung

eines anderen Börsenbriefes. Fragen

dazu haben weder ISP noch

Frick beantwortet.

Walter Frick, schrieb sein Anwalt

schon früher, habe mit den Vorgängen

im Prozess gegen Sohn Markus

„nicht das Geringste zu tun“. Er sei

ein „schwer arbeitender“ älterer

Herr, der die Öffentlichkeit nichts

angehe. Seine ISP aber hat zwischen

2010 und Ende November

2012 rund elf Millionen Euro verdient.

Sollte der Senior von den

fragwürdigen Geschäften seines

Sohns und Geschäftsführers tatsächlich

nichts bemerkt haben?

WERBUNG FÜR AKTIEN

Wie das System arbeitet, zeigt das

Beispiel der Aktie LetsBuyIt, die

Frick empfahl. Einen Teil der Papiere

des Unternehmens hielt 2012 zumindest

indirekt der Investor Castro

Khatib. Der gebürtige Israeli lebt in Monaco,

Mitglieder seiner Familie wechselten

sich zwischen 2009 und Mitte 2011 im Verwaltungsrat

der LetsBuyIt ab. Auch Khatib

mischt dort zeitweise mit.

Khatib soll, so sagte in Frankfurt ein Zeuge

vor Gericht, „großes Interesse“ an Werbung

für die Aktie gehabt haben – vermutlich,

um profitabel verkaufen zu können.

Für eine Stellungnahme war Khatib nicht

erreichbar. In der Frick-Anklage heißt es,

dass LetsBuyIt an der Börse Frankfurt von

Januar bis Ende April 2012 zwischen 1,80

und 2,05 Euro notiert habe. „Der Umsatz“

sei gering gewesen, „insgesamt wurden

überhaupt nur an 11 Tagen Aktien gehandelt.

An den übrigen Handelstagen blieb

die Aktie umsatzlos“. Khatib hätte seine Anteile

bis dahin kaum verkaufen können,

schon gar nicht zu einem guten Preis.

Khatib soll nach Aussage des Zeugen

Manfred Haindl* vor Gericht Drahtzieher

der LetsBuyIt-Manipulation gewesen sein.

Haindl, der sich selbst „Kapitalmarktberater“

nannte, saß einige Wochen in Untersuchungshaft,

weil die Staatsanwaltschaft

vermutet, dass er ein Mitglied der Bande

»

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2)

94 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

»

um Frick gewesen sei. Fragen

dazu beantwortete er nicht. Vor Gericht

sagte der Anfang 30-Jährige

mit den gegelten Haaren, er sei

durch die Frankfurter Wertpapierhandelsbank

Renell auf LetsBuyIt

aufmerksam gemacht geworden.

„Renell hat mich darauf angesprochen,

ob es eine Empfehlung zu der

Aktie geben kann“, so Haindl. Renell

beteuert, dass die Bank „kein

Interesse“ habe, „Wertpapieraufträge

mit zweifelhaftem Hintergrund“

auszuführen. „Eine aktive

Beteiligung unseres Unternehmens

an Marktmanipulationen hat es

nicht gegeben.“

MACHTLOSE AUFSICHT

Renell hat nicht nur die „neue“

LetsBuyIt – es gab schon einmal ein

gleichnamiges Vorgängerunternehmen

am Neuen Markt – an die

Börse gebracht, sondern auch einen

großen Teil der Aktien im berüchtigten

First Quotation Board

der Deutschen Börse. Im Jahr 2010,

brüstete sich Renell in einer Präsentation,

sei die Bank mit 65 Notierungen

hier Marktführer gewesen. Das

Board war der am wenigsten regulierte

Bereich der Börse.

In Börsenkreisen heißt es, dass

bei mindestens einem Drittel der Papiere

im Board manipuliert worden ist. „Im First

Quotation Board war ein großer Teil der

Aktien, die an die Börse gebracht worden

sind, eine Erfindung, um den Aktienkurs

zu manipulieren und wertloses Papier

teuer zu verkaufen“, sagt Oberstaatsanwalt

Zmyj-Köbel. Ende 2012 schloss die Börse

das Board, aufgrund von „massiven und

Eiskalter Abverkäufer

Geschäftsmann Castro Khatib beauftragte seine Bank,

Aktien von LetsBuyIt zu verkaufen – wenige Tage, bevor

ein Börsenbrief massiv für diese Aktie warb.

häufigen Verdachtsfällen auf Marktmanipulation“.

Recherchen belegen, dass Castro

Khatib Kunde von Renell war und er

der Bank kurz vor Fricks Werbeaktion für

LetsBuyit Verkaufsaufträge für die Aktie

erteilt hat. Unterlagen eines Bankinsiders

zufolge hat Renell „umfangreiche Verkäufe“

von LetsBuyIt-Aktien ausgeführt.

Die riefen im Sommer 2012 die Finanzaufsicht

auf den Plan. Die BaFin wollte

wissen, wann und für wen die Bank

Aufträge abgewickelt habe. Abzuliefern

seien Mails, Audiomitschnitte,

Chatprotokolle, Verträge

und Namen und Adressen von Auftraggebern.

Renell zierte sich, Antworten

blieben schwammig. Die BaFin

musste mehrfach nachhaken. Aufträge

seien „in der Regel mündlich

erteilt“ worden, so die Bank. Nicht

immer: In einer Mail zum Beispiel

schreibt Khatib an einen Renell-

Händler: „Let’s sell at 2.11“ – er

wollte für 2,11 Euro verkaufen. Renell

legt Wert darauf, dass die Bank

Anfragen der Aufsicht „stets umfassend

beantwortet“ habe.

Der Aufsicht reichten die Antworten

der Bank jedoch nicht: Sie

drohte Zwangsgeld an, Renell sollte

5000 Euro zahlen, weil nicht alle

Fragen beantwortet worden seien.

Es war nicht das erste Mal, dass Renell

ins Visier der Behörde geraten

ist: Eine Geldwäsche-Sonderprüfung

der Aufsicht soll zu dem Ergebnis

geführt haben, dass die Bank bei

Geldwäsche-Kontrollen schwerwiegende

Fehler machte. Die Bank

schwieg dazu. Konsequenzen hat

das alles ohnehin kaum. Die Vorstände

amtieren noch, Renell betreut in

Frankfurt rund 60 Aktien.

Schläft die Bankenaufsicht?

Klären kann das womöglich ein Bankinsider.

Er will anonym bleiben, beim

Treffen in einem Hinterhofcafé blickt er

nervös umher. Die Aufsicht habe Renell

mit Auskunftsersuchen überschüttet, sagt

er. „Die BaFin hat zwar wild gefaucht,

»

6. Mai

„10 000 Aktien von LetsBuyIt

kommen NEU ins Real-Depot“

Let’s push it!

Wieder Aktienkurs von LetsBuyIt im Mai 2012 per Börsenbrief manipuliertworden ist

20

3. Mai

Ein Hintermann gibt Auftrag an

seine Bank, Aktien zu verkaufen

10. Mai

„Wir raten Ihnen dringend Aktien von

LetsBuyIt zu kaufen“

Kurs (Euro)

31. Mai

„Nach diesem Kursdesaster fehlt

uns der Mut, erneut zu kaufen“

16

12

8

7. Mai

Aktienumsätze an der Börse ziehen an

Tagesumsatz (Stück)

Kurse um Kapitalmaßnahme (Zusammenlegung von Aktien) bereinigt; Quelle: Bloomberg, „Real-Depot“, eigene Recherche

Mai

4. Juni

Umsätze an der Börse

flauen ab

Juni

4

60 000

40 000

20 000

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WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 95

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Geld&Börse

»

aber ist ja doch nur ein zahnloser

Tiger.“ Die BaFin verwies in einer

Stellungnahme auf ihre Verschwiegenheitspflicht.

Die Bank habe Dutzende zweifelhafte

Aktien ins First Quotation

Board gebracht. „Es hat sich sehr

schnell rumgesprochen, dass Renell

einfach alles an die Börse

bringt“, sagt er. Banken bekommen

für solche Listings Geld. Diese Gebühren

aber sollen für Renell nur

Peanuts gewesen sein: Zusätzlich

hätten Manager von Renell auch

mit dem Gedanken gespielt, sich

Aktien übertragen zu lassen, sagt

der Mann, und hebt seine Tasse an

den Mund, als könne er sich dahinter

verstecken. Renell bestreitet, jemals

eine „Entlohnung in Form von

Aktien“ bekommen zu haben.

Der Insider schiebt ein Blatt über

den Tisch, die letzte Seite eines Vertrags,

den Chef Marc Renell unterschrieben

hat. Darin wurde festgelegt,

zu welchem Preis wie viele Aktien

eines Unternehmens verkauft

und wie die Erlöse unter mehreren

Partnern verteilt werden sollten.

Renell sollte demnach 20 Prozent

des Verkaufserlöses bekommen –

für eine Bank extrem ungewöhnlich.

Renell hat Fragen der Redaktion

zu dem Vertrag nicht beantwortet.

HIN- UND HERGEHANDELT

Die Frankfurter Staatsanwälte verdächtigen

Renell-Mitarbeiter zudem, den Kurs und

das Handelsvolumen einer anderen Aktie

beeinflusst zu haben. Geschäfte sollen abgesprochen

worden sein. Mitte März rückte

dann die Staatsanwaltschaft Stuttgart bei

drei Händlern an. Die Ermittler vermuten,

dass sie die Aktie von Clean Enviro Tech,

angeblich ein Technologieunternehmen,

immer wieder ge- und verkauft haben.

Das ist zwar verboten, aber typisch beim

Aktienpush: Anleger sollen glauben, dass

ein Papier liquide ist, also jederzeit handelbar.

Weder Renell noch Clean Enviro Tech

haben Fragen dazu beantwortet. Letztere

soll nur eine Briefkastengesellschaft ohne

Mitarbeiter und Umsatz sein. Und der

Push soll gelaufen sein, wie so oft: Aggressive

Werbung für die Aktie, massiver Kursanstieg,

Auftraggeber verkaufen eigene Papiere.

Brutto sollen die Täter 2,3 Millionen

Euro erlöst haben.

Zurück zu LetsBuyIt und dem Frick-Verfahren:

Berater Haindl sagte vor Gericht, er

Entgegenkommender Banker

Die Bank Renell (Foto: Chef Marc Renell) verschaffte

dubiosen Firmen eine Börsennotierung. Mitarbeiter sollen

Aktienumsätze manipuliert haben. Dazu schweigt Renell.

sei sich mit Khatib handelseinig geworden.

Die Provision sei an den Kurs gekoppelt gewesen.

Etwa die Hälfte, von dem, was verkauft

worden sei, sollte fließen – vor Gericht

sprach Haindl von rund zwei Millionen

Euro. Dafür habe er auch den Kontakt

zwischen Khatib und Frick organisiert.

Schon eine Woche nach Beginn der Werbeaktion

in den Börsenbriefen – so sagte es

Zeuge Haindl aus –, soll Khatib per Kurier

500 000 Euro in bar an den Main bringen

lassen haben, per Auto aus der Schweiz.

Mehrere Zehntausend Euro behielt Haindl

ein, er bezahlte damit den Fahrer und einen

Mann, der 30 000 Euro bekommen haben

soll. Nach Informationen der WirtschaftsWoche

handelte es sich bei dem

Mann um einen Aktienhändler. Den Rest

des Khatib-Geldes hat Haindl dann zu

Frick gebracht. Der hatte laut seinem Geständnis

stolze 1,9 Millionen Euro in bar

kassiert.

Der Prozess in Frankfurt macht klar, wie

detailliert Aktienpusher ihre Aktionen planen.

Abgesprochen war, wie lange die Werbung

pro Aktie dauern und über welchen

Börsenbrief sie gepusht werden sollte, so

hieß es über den Spielanbieter Venatus,

dass der erst „ganz schnell

auf vier Euro steigen“ sollte und

dann zwischen drei und fünf Prozent

am Tag. Für Leser der Börsenbriefe

sollte es wohl nach einem gesunden

Kursanstieg aussehen.

Fricks Anwalt wollte insgesamt keine

Stellungnahme abgeben.

Die Verkäufer hatten bereits zu

Beginn der Aktion Verkaufslimits

an der Börse platziert. Sie achteten

offenbar darauf, dass nicht zu

schnell zu viel verkauft wurde,

schließlich sollte der Kurs steigen.

Real-Depot vom 6. Mai 2012:

„Bitte schreiben Sie uns Anfang

Juni keine Email, ob Sie nun bei

3 Euro noch einsteigen können,

denn heute bekommen Sie das

Papier für nur 2,05 Euro. Günstiger

wird es nicht mehr werden.“

Anleger Fridolin Wagner* besitzt

noch LetsBuyIt-Aktien – unverkäufliche

Depotleichen. Der dunkelhaarige

Mann im grau melierten

Sakko wirkt keineswegs naiv. Er ist

kaufmännischer Leiter bei einem

internationalen Unternehmen, ist

verheiratet, hat vier Kinder und ein

großes Haus mit Garten.

Anfang 2012 kam die erste Werbemail

vom Deutschen Aktiendienst, ungefragt –

und weckte doch Interesse. „Ich musste

Wochen warten, bis ich in den Verteiler

aufgenommen worden bin“, sagt Wagner.

So glaubte er, Zugang zu einem ausgewählten

Kreis zu bekommen.

Real-Depot vom 10. Mai 2012:

„Wenn Sie schon investiert sind, dann

können Sie sich freuen, denn LetsBuyIt

wird in den nächsten Wochen über 3,50

Euro steigen.“

Der Kurs der LetsBuyIt stieg tatsächlich.

Wagner verabschiedet sich auf eine Geschäftsreise.

„Ich habe kurz an Verkaufen

gedacht, aber die Gier war doch größer als

das Hirn“, sagt er. Es lief schief, als er wieder

nach Hause kam, stand die Aktie am Einstandskurs,

am Ende hat er 22 000 Euro in

den Sand gesetzt. „An Betrug habe ich

nicht gedacht, eher: shit happens“, sagt er

heute. Dass etwas nicht mit rechten Dingen

zugeht, merkte er erst, als auf seine

»

* Name geändert und der Redaktion bekannt

FOTO: WERNER DUPUIS

96 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

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Anfragen hin keine Antwort

mehr vom Aktiendienst kam. „Ohne

die Empfehlung wäre ich nie auf

die Papiere gekommen –, aber die

Entscheidung zum Kauf habe ich

ganz alleine getroffen“, sagt Wagner.

Real-Depot vom 28. Mai 2012:

„Nun spekulieren wir auf einen

Wieder-Einstieg bei LetsBuyIt im

Real-Depot. Bitte bedenken Sie,

dass die Analysten (...) ein Kursziel

von über 5,00 Euro angesetzt

haben.“

Seine Geschichte muss Wagner als

Zeuge vor Gericht wiederholen,

„bestimmt eine Stunde lang“. Frick

habe „keinen Ton“ gesagt, bloß

„sein smarter Anwalt“ habe ihn

ganz schön auseinandergenommen.

Ob er noch mal mit einem

Börsenbrief anlegen würde? „Nur,

wenn ich ihn selbst gefälscht habe“,

sagt er und lupft die Brille.

Frick wurde Ende Februar gemeinsam

mit einem Mitangeklagten

wegen Marktmanipulation verurteilt.

Das Verfahren des dritten

Angeklagten wurde gegen Zahlung

von 20 000 Euro eingestellt. Der

Mann war nur für Technik zuständig.

Die beiden anderen Angeklagten

aber, sagte Richter Klaus Wiens,

„handelten vorsätzlich“. Ihre Werbeschreiben

enthielten „unwahre Angaben“. So gab

es weder den namentlich genannten

Chefredakteur Schindler, noch ein Real-

Depot. Um nicht entdeckt zu werden, hatten

die Männer Synonyme verwendet. Ihre

Mobiltelefone waren auf falsche Namen

zugelassen.

Frick hat der Richter zwei Jahre und sieben

Monate aufgebrummt. Das Urteil ist

nicht rechtskräftig, da Frick Revision eingelegt

hat. Für ihn dürfte das Verfahren in

Frankfurt ohnehin nicht das letzte gewesen

sein. Die Staatsanwälte am Main ermitteln

weiter gegen ihn – wegen anderer Börsenbriefe.

Eine Stellungnahme dazu gab er

nicht ab. Sein Komplize hat ein Jahr und

sechs Monate auf Bewährung bekommen

und das Urteil akzeptiert.

Den Vorwurf des Betruges – ungleich

gravierender als Marktmanipulation – hat

Zmyj-Köbel fallen lassen. Für Betrug müssen

der Schaden beim Anleger und der

Vermögensvorteil beim Täter deckungsgleich

sein. Doch als die Kurse stiegen, haben

auch Menschen Aktien verkauft, die

Geprellter Anleger

Dieser Investor möchte anonym bleiben – der Familienvater

hat mehrere Zehntausend Euro mit Investments

aus dem Frick-Börsenbrief verloren.

mit den Börsenbriefen nichts zu tun hatten.

„Wir hätten filtern müssen, welche Aktien

von den Tätern verkauft worden sind“,

erklärt Zmyj-Köbel. Verkäufe aber laufen

oft über ausländische Banken. „Wir hätten

uns daran einen Wolf ermittelt“, sagt Zmyj-

Köbel. „In Wirtschaftsstrafsachen mit komplexen

Sachverhalten ist es schwer, zu einer

Verurteilung zu kommen“, hatte er

schon im Schlussplädoyer in Frankfurt gesagt,

„wenn man sieht, welche Anforderungen

die Rechtsprechung stellt, und die

sind ja in den vergangenen zehn Jahren

massiv gestiegen.“

Anleger können sich nicht darauf verlassen,

dass die Justiz ihr Geld schon zurückholen

wird.

Real-Depot vom 31. Mai 2012:

„In der Redaktion haben wir (...) heftig

diskutiert, wie man so etwas in Zukunft

vermeiden kann. Die Lösung ist, dass wir

(...) keine SmallCaps mehr empfehlen

werden. Wir haben festgestellt, dass

solche Empfehlungen von Spekulanten

und Altaktionären dazu genutzt werden,

um mit der Aktie Jo-Jo zu spielen.“

Die Durchsuchung im Zuge des

Frankfurter Verfahrens hat der ISP

nicht das Genick gebrochen. Der

Laden von Vater Frick macht weiter,

sein Frontmann heißt nicht mehr

Markus Frick, sondern Jan Pahl.

Der junge Mann nennt sich Finanzjournalist,

hat Knopfaugen und das

perfekte Lächeln für Zahnpastawerbung.

Einer, dem Großmutti

wohl jedes Versprechen abnehmen

würde. Mitte März ist Pahl in Sakko

und Schlips zum „MoneyMoney-

Seminar“ gereist. Im InterCity Hotel

am Flughafen Frankfurt hat ISP

die Räume „Euro“ und „Dollar“ gemietet.

100 Menschen waren da,

um Pahls Tipps zu lauschen.

Pahl weiß, wie er Aufmerksamkeit

bekommt – und hält sein Buch

zwischen den Zuschauerreihen in

die Luft. „Wer als Erster aufspringt

und es greift, bekommt das Buch“,

ruft Pahl ins Mikrofon. Exklusiv auf

dem Seminar soll das Buch zusammen

mit einer DVD über Devisenhandel

39 Euro kosten. 2000 Euro

Gewinn könne man am Tag mit Devisenhandel

erzielen, verspricht

Pahl. „Ich will doch kein Hoeneß

werden“, ruft ein Zuschauer. Pahl

kontert: „Sie wollen nur nicht ins

Gefängnis. Hoeneß hat damit auch

70 Millionen gemacht. Wenn man an der

Börse was machen will, kommt man um

Devisenhandel nicht herum.“ ISP und Pahl

haben nicht auf Fragen geantwortet.

NEUE WEGE, ALTE TRICKS

Die Szene organisiert sich neu, einige versuchen,

ihr Geschäft zu legalisieren. Entscheidend

für die Verurteilung sei, hatte

Richter Wiens im Frick-Prozess betont,

dass die Täter nicht offengelegt hatten,

dass sie von steigenden Kursen profitieren.

Die Gauner haben verstanden. Viele arbeiten

jetzt mit Warnhinweis. „Da steht

drin: ‚Wir handeln grundsätzlich in diesen

Werten und behalten uns vor, jederzeit und

ohne Ankündigung zu kaufen und zu verkaufen.‘

Solange die Täter nur Stimmungen

schildern und keine nachweisbar falschen

Informationen geben, kommen wir da

rechtlich schwer dran“, sagt Zmyj-Köbel.

Sein Problem ist das nicht mehr: Der erfolgreiche

Oberstaatsanwalt wechselt nach

Gießen, weit weg von der Börse. Mit den

Aktenstapeln muss sich seit Anfang Mai

sein Nachfolger herumschlagen.

n

annina.reimann@wiwo.de, melanie bergermann | Frankfurt

FOTO: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

98 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Crowd und Rüben

SCHWARMFINANZIERUNG | Der Anfangszauber ist verflogen, die

Pleiten bei massenhaft von Kleinanlegern finanzierten Start-ups

häufen sich. Investoren merken jetzt, dass sie kaum Rechte haben.

Nur: In der Kette aus Start-ups, Wagniskapitalgebern,

Crowdinvesting-Anbietern

und Anlegern bilden Letztere das

schwächste Glied. Sie erwerben in der Regel

keine Anteile am Unternehmen, tragen

aber dennoch volles unternehmerisches

Risiko. Die meisten Anbieter verschaffen

der Crowd nämlich keine Anteile an den

Jungunternehmen, sondern nur stille Beteiligungen

oder Genussscheine.

Die Marktführer der Szene, Seedmatch

und Companisto, vermitteln Darlehensverträge

mit Laufzeiten zwischen fünf und

acht Jahren. Anleger beteiligen sich auf

beiden Plattformen über ein sogenanntes

partiarisches Nachrangdarlehen an den

Start-ups. Das sind Kredite, die wie Eigenkapital

funktionieren, weil im Pleitefall erst

alle anderen Gläubiger ihr Geld zurückbekommen,

bevor die Crowd dran ist. „Für

partiarische Nachrangdarlehen gilt nicht

die Prospektpflicht im Kapitalanlagegesetz“,

sagt Lars Hornuf von der Ludwig-Maximilians-Universität

(LMU) München.

Anleger verzichteten auf Kontrolle durch

die Finanzaufsicht – und ohne Aussagen in

rechtsverbindlichen Prospekten blieben

Schadensersatzforderungen aussichtslos.

Lifeaction sprengt die Zukunft deiner

Realität.“ Mit diesem Claim sammelte

das Berliner Start-up vor zwei Jahren

100 000 Euro auf der Crowdinvesting-Plattform

Seedmatch ein. Edgar Schreiner* war

einer von 159 Investoren, die den Spielentwicklern

damals Geld überwiesen. Heute

ist die Firma so gut wie pleite. So zumindest

versteht Schreiner den Wortlaut einer

E-Mail, die ihn am 10. Dezember erreichte:

„Wir werden es ohne Ihre Mithilfe nicht

schaffen. Unsere Liquidität reicht noch bis

Anfang Februar ... Zur Überbrückung …

benötigen wir 25 000 Euro. Da alle anderen

Möglichkeiten der Finanzierung leider erfolglos

waren, wenden wir uns an Sie mit

einem weiteren Beteiligungsangebot.“

Im Chatroom von Lifeaction, der nur für

Investoren geöffnet hat, schäumten viele

vor Wut. Auch Schreiner machte dort seinem

Ärger Luft. Die Gründer seien „überfordert“,

so der 48-Jährige, der wissen will,

warum er seinem schlechten Geld gutes

hinterherwerfen soll.

Noch boomt das Geschäft von Seedmatch,

Companisto und anderen. Etwa 20

Wo ist das Geld geblieben? Rollenspiel

„Der Heilige Gral“ von Lifeaction

Millionen Euro haben Anleger in den vergangenen

drei Jahren über derartige Plattformen

in mehr als 100 Start-ups gepumpt,

den größten Teil davon in den vergangenen

zwölf Monaten. Die neuen Portale locken

Anleger wie Schreiner mit der Aussicht

auf dreistellige Renditen und dem Argument

der Schwarmintelligenz. Die Weisheit

der Masse (crowd) werde die profitabelste

Investition schon ans Licht oder –

besser noch – wie Facebook irgendwann

an die Börse bringen. Und die Früh-Investoren

wären von Anfang an dabei.

»Die den Anlegern

angebotenen

Erlöse sind

relativ niedrig«

GLÄUBIGER, NICHT EIGENTÜMER

Sieben von der Crowd finanzierte Jungfirmen

sind inzwischen pleite (siehe Tabelle

Seite 102). Und Schreiner sagt, das sei erst

der Anfang. Vier seiner sechs Beteiligungen

hangelten sich wie Lifeaction nur noch von

Monat zu Monat. „Spätestens, wenn die

Start-ups in drei Jahren massive Liquiditätsprobleme

bekommen, weil dann die ersten

Beteiligungsverträge auslaufen und die

Kleinanleger ihr Geld wiedersehen wollen“,

werde es Probleme geben, sagt Matthias

Wenn, Dozent an der privaten Hochschule

FOM.

Anleger unterschreiben in ihrem Beteiligungsvertrag

zwar, dass sie nur Gläubiger

und nicht Eigentümer sind. Dass sie damit,

anders als Profis wie Business Angels oder

Venture-Capital-Fonds kaum von einer

Steigerung des Unternehmenswertes profitieren,

wissen aber die wenigsten. Zwar

wird ihnen in den Verträgen oft eine gewinnabhängige

Verzinsung versprochen,

doch welches Start-up erwirtschaftet in

den ersten Jahren schon Gewinne?

Bei Seedmatch bekommen Anleger während

der fünfjährigen Laufzeit des Kredits

gerade mal ein Prozent Zinsen. „Das ist

eher ein symbolischer Zinssatz. Parallel investierende

Profis müssen dank dieser Kredite

weniger Eigenkapital einsetzen“,

Michael Mödl, Max-Planck-Institut

* Name von der Redaktion geändert »

FOTO: PR

100 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

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sagt ein deutscher Business Angel. Komme

es nach zwei oder drei Finanzierungsrunden

zum Verkauf der Firma, sei der Anteil

der Crowd ohnehin so stark verwässert,

dass er kaum noch ins Gewicht falle. Doch

selbst dann, im sogenannten Exit-Fall, steht

der Crowd laut Vertrag lediglich ein „Auseinandersetzungsguthaben“

entsprechend

dem einfachen Umsatz der Firma zu.

Zum Vergleich: Als Versandhändler Zalando

im Rahmen der letzten Finanzierungsrunde

2013 mit knapp vier Milliarden

Euro bewertet wurde, erwirtschaftete das

Unternehmen einen Umsatz von 1,8 Milliarden

Euro. „Die von den Plattformen angebotenen

Beteiligungserlöse sind relativ

niedrig, eine echte Exit-Beteiligung ist das

nicht“, sagt Michael Mödl vom Max-Planck-

Institut für Innovation und Wettbewerb. Eine

hohe Exit-Rendite aber sei schließlich

der Sinn von Risikokapital.

„Die Verträge der Plattformen bescheren

vor allem den Start-ups günstige Konditionen“,

sagt Mödl. Das war nicht immer so. So

schützte Seedmatch die Kleinanleger bis

2012 im Fall einer Anschlussfinanzierung

vor einer Verwässerung, also davor, dass ihr

Anteil am Start-up sinkt. Wegen dieser Klausel

bekam Schreiner am 18. Januar 2013

Post von Bloomy Days. Monatelang hatte er

zuvor nichts von dem Online-Schnittblumenversand

gehört. Nun hieß es in dem

Schreiben, man stehe „in fortgeschrittenen

Verhandlungen über eine neue Finanzierung

in Höhe von 500 000 bis 600 000 Euro

mit einem renommierten internationalen

Venture-Capital-Investor“. Dieser, die niederländische

Firma Otto Capital Partner,

forderte, dass die Crowd zuvor raus müsse.

Also bot Bloomy-Days-Gründerin Franziska

von Hardenberg Schreiner und den

»26 Plattformen

beackern den

intransparenten

jungen Markt«

Lars Hornuf, LMU München

anderen 166 Investoren fünf Monate nach

der erfolgreichen Crowdfinanzierung über

100 000 Euro 30 Prozent Rendite für die

Aufhebung ihrer Beteiligung an oder aber

die Möglichkeit, ihren Anteil in einer Unterbeteiligungsgesellschaft

zu parken.

Frist: drei Wochen. Wer nicht mitmache,

riskiere die Pleite der Firma.

Es gab Investoren, die freuten sich über

das Angebot. 30 Prozent in fünf Monaten –

wo kriegt man das schon? Wer aber auch

nur im Kleinen das nachmachen will, was

Investoren der ersten Stunde etwa bei

Facebook vorgemacht haben, dem reichen

30 Prozent nicht. Er braucht enorme Renditen

erfolgreicher Investments, um viele

Totalausfälle auszugleichen, schließlich

scheitern 75 bis 90 Prozent aller Start-ups.

Schreiner hatte sich im Herbst 2012 vor

allem deshalb für Seedmatch und Bloomy

Days entschieden, weil er glaubte, seinen

Anteil auch nach einer Anschlussfinanzierung

in voller Höhe zu behalten. Schreiner

ärgert sich heute noch über das Angebot

von Bloomy Days. Vor allem, weil der Blumen-Shop

dem Investor, das sagt auch

Gründerin Franziska Hardenberg ganz offen,

deutlich mehr wert gewesen sei als die

1,5 Millionen Euro Unternehmenswert,

aus denen sie ihr Angebot an die Crowd

seinerzeit ableitete. „Wenn es um die Bewertung

eines Start-ups geht, also darum,

welchen Anteil am Unternehmen Anleger

für ihr Geld erhalten, kapitulieren die

meisten Crowd-Anleger“, sagt Mödl.

„Die geringe Standardisierung bei der Vertragsgestaltung

und bei der Bewertung sind

beispielhaft für die Intransparenz auf dem

noch jungen Markt, den jede der inzwischen

26 Plattformen anders beackert“, sagt Wissenschaftler

Hornuf von der LMU, der ebenso

wie das European Crowdfunding Network

für eine spezifische Regulierung plädiert.

Doch noch hält sich die Finanzaufsicht diskret

zurück. Zwar empfahl die BaFin schon

im September 2012 in einem Aufsatz, jeden

einzelnen Anbieter zu prüfen. Bislang ist es

aber bei dieser Absichtserklärung geblieben.

FUNDING STATT INVESTING

In den USA ist Crowdinvesting – anders als

Crowdfunding für soziale oder kulturelle

Projekte – generell verboten. Start-ups weichen

deshalb auf Crowdfunding-Plattformen

wie Kickstarter oder Indiegogo aus,

auf denen sie Geld für die Entwicklung eines

Produkts sammeln. Wenn sich Nachfrage

abzeichnet, geht das Produkt in Serie.

Wer via Crowdfunding Geld gegeben

hat, bekommt Rabatt: Franz Salzmann,

Gründer der Firma Lock8, bietet 742 Unterstützern

sein digitales Fahrradschloss statt

für umgerechnet 145 Euro für 84 Euro an.

Anleger Schreiner holt noch mehr heraus –

mit Schweizer Uhren: Für 500 Franken hat

er sich am Crowdfunding der Manufaktur

Dubois-et-Fils beteiligt. Dafür bekommt er

deren Chronografen DBF001–07 statt für

10 000 Franken nun für 5500 Franken. n

marcus pfeil | geld@wiwo.de

Hier irrte die Schwarmintelligenz

Von der Crowd mitfinanzierte Pleite-Unternehmen

Unternehmen

Geschäftsmodell

Plattform

Geld eingesammelt

im

Datum und Art des Problems

Investment der Crowd

(in Euro)

betandsleep

Amsaa

Speed Car

sporTrade

BluePatent

Zapitano

foodieSquare

Hotelvermittlung

Spezialmanufaktur

für Lederbekleidung

Schlagloch-Beseitigung

Sportartikelmarktplatz

Schutzrecht-Recherchen

TV-Comunity

Lebensmittel-Versand

Quelle: Crowdstreet, eigene Recherche

Seedmatch

Deutsche Mikroinvest

Deutsche Mikroinvest

Companisto

Seedmatch

Companisto

Seedmatch

November 2012

April 2013

Mai 2013

Oktober 2013

November 2011

Oktober 2013

Oktober 2012/

September 2013

August 2013 (Einstellung Geschäftsbetrieb)

k.A. (Insolvenz)

Oktober 2013 (Ablehnung Insolvenzverfahren

mangels Masse )

Februar 2014 (Insolvenz)

Februar 2014 (Insolvenz)

Februar 2014 (Antrag Insolvenzprüfungsverfahren)

März 2014 (Antrag Insolvenz)

100000

k.A.

k.A.

100000

100000

100000

>530000

102 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Barron’s

Mehr Schein als Sein

UMFRAGE | Die US-Profianleger erwarten ein baldiges Ende der

lockeren Geldpolitik. Warum die meisten dennoch auf Aktien setzen.

es keine Blase“, meint Neil Rose,

Chief Investment Officer von Cadinha

aus Hawaii, der etwa eine

Milliarde Dollar verwaltet.

Die meisten Geldmanager erwarten

für die US-Wirtschaft

langsames, aber stetiges Wachstum,

wobei das Bruttoinlandsprodukt

(BIP) dieses Jahr im

Durchschnitt um 2,5 bis 3,0 Prozent

zulegen sollte. Im vierten Quartal 2013

war das BIP gegenüber dem Vorjahresquartal

um 2,6 Prozent gestiegen.

Tim Call, Chefanleger von Capital Management,

der ein Kundenvermögen von

390 Millionen Dollar managt, erklärt seine

Zuversicht mit der Belebung des Häusermarktes,

außerdem mit dem Schiefergasboom,

der die Energieabhängigkeit der

USA zunehmend reduziert, und mit den

neu geschaffenen Arbeitsplätzen in der

US-Industrie. Durch die Folgeeffekte daraus

könnte das Wirtschaftswachstum in

den USA 2014 vier Prozent erreichen,

meint Call. Er rät seinen Kunden angesichts

der mageren Renditen von Anleihen

ab und empfiehlt die Aktien großer Unternehmen.

Für den US-Arbeitsmarkt sind die Geldmanager

durch die Bank optimistisch. Fast

alle prognostizieren für die nächsten zwölf

Monate eine Arbeitslosenquote von 6,0 bis

6,5 Prozent; zuletzt lag sie bei 6,7. Für die

nächsten zwei Jahre erwarten immerhin 38

Prozent einen Rückgang der Arbeitslosigkeit

auf 5,0 bis 5,5 Prozent.

Die Aktienrally der vergangenen

Jahre hat viele Profianleger in

den USA reicher gemacht – und

zugleich die ersten etwas vorsichtiger,

was die Einschätzung künftiger

Gewinnchancen betrifft: In der jüngsten

Big-Money-Umfrage von „Barron’s“ unter

institutionellen US-Investoren gaben nur

noch 56 Prozent der Befragten an, sie seien

für US-Aktien „optimistisch“ oder „sehr optimistisch“.

Vor sechs Monaten waren es

noch 68 Prozent.

Den „Big Money Poll“ führt Barron’s

zweimal im Jahr zusammen mit dem

Marktforschungsinstitut Beta Research

durch. Barron’s erhebt so seit mehr als 20

Jahren die Meinung professioneller Investoren

zu den Finanzmärkten und der Wirtschaftslage.

Auf den jüngsten, Ende März

2014 versandten Fragebogen, antworteten

152 Portfoliomanager – Vertreter der größten

amerikanischen Vermögensverwalter

ebenso wie kleinere Firmen.

Die Bullen sind noch in der Überzahl,

aber ihre Reihen lichten sich. Sie erwarten,

dass eine stabile Wirtschaft die Aktienkurse

bis Mitte 2015 im Schnitt um weitere zehn

Prozent steigen lassen wird – dies trotz des

von der US-Zentralbank Federal Reserve

(Fed) noch vor Jahresende geplanten Ausstiegs

aus ihrem Anleihekaufprogramm,

das die Zinsen bisher gedämpft und die Investoren

in den Aktienmarkt geschickt hat.

„Die Konjunktur läuft und hat bei Weitem

noch nicht ihren Höhepunkt erreicht“,

meint etwa Charles Lemonides, Manager

des New Yorker Hedgefonds Value Works.

HOFFEN AUF DIE KONJUNKTUR

Gleichzeitig aber denkt eine wachsende

Zahl von US-Geldmanagern, die guten

Nachrichten aus der Konjunktur seien in

den Aktienkursen schon drin. John Roberts,

Partner und Portfoliomanager bei

Denver Investments, der rund zehn Milliarden

Dollar Kundengelder verwaltet:

„Der Markt ist nicht so teuer wie 1999, aber

billig ist er auch nicht mehr.“ Damit repräsentiert

Roberts die Mehrheitsmeinung: 73

Prozent der Vermögensverwalter halten

den Aktienmarkt für fair bewertet; für 18

Prozent sind Aktien überteuert.

Die wachsende Skepsis interpretieren

die Bullen allerdings gern um in weiteres

Aufwärtspotenzial: „Solange viele Marktteilnehmer

so besorgt sind, gibt

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

ZUNEHMEND NERVÖS

Gleichzeitig wächst die Vorsicht der Profianleger.

Der Bullenmarkt seit 2009 hat bereits

einige Rückschläge hinnehmen müssen

– mit einem weiteren rechnen immer

mehr Geldmanager. Ein neuerlicher Rücksetzer

um zehn Prozent sei in den nächsten

zwölf Monaten durchaus wahrscheinlich,

meinen zwei Drittel der Befragten. Das

heißt nicht, dass die Aktienkurse in einem

Jahr nicht wieder höher stehen könnten,

aber „aller Wahrscheinlichkeit nach ist der

Markt reif – wenn nicht überreif – für eine

Korrektur um rund zehn Prozent“, schrieb

einer der Manager. „Auslöser dafür könnten

geopolitische Spannungen oder ein

Missgriff in der Zentralbankpolitik sein.“

Die US-Notenbank Fed hat angekündigt,

sie werde ihre lockere Geldpolitik noch

dieses Jahr beenden. Fed-Chefin Janet Yellen

hat dem US-Kongress mitgeteilt, dass

sie darüber hinaus ab Mitte 2015 die Zinsen

wieder anzuheben gedenke.

Das wäre schlecht für Aktien;

doch so schnell scheinen die US-

Profianleger der Zentralbankchefin

ihren angekündigten

Kurswechsel nicht abzukaufen:

Selbst nach den bereits kräftigen

Kursgewinnen der letzten Jahre

halten 71 Prozent Aktien nach

wie vor für das Mittel der Wahl.

Dieser Mehrheit zufolge werden

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

104 Nr. 19 5.5.14 WirtschaftsWoche

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Aktien auch in den kommenden zwölf Monaten

unter allen Anlageklassen die beste

Performance erzielen.

Nur zwölf Prozent erwarten die größeren

Wertsteigerungen bei Immobilien, für fünf

Prozent ist Bargeld der Anlage-Favorit.

Gold spielt nur noch eine Nebenrolle in

den meisten Portfolios – 66 Prozent rechnen

bei dem gelben Metall mit weiterhin

sinkenden Preisen.

Bei Anleihen sind die Geldmanager

nach wie vor sehr skeptisch: Sie haben

ebenfalls starke Kursgewinne hinter sich

und könnten Verluste erleiden, wenn die

Fed die Zinsen tatsächlich signifikant anzuheben

beginnt. Fast 90 Prozent der Umfrageteilnehmer

sehen die Aussichten für

US-Staatsanleihen daher düster.

GEFAHR VON AUSSEN WÄCHST

Die Aktien-Bären sprechen ihre Bedenken

ebenfalls offen an. Arnie Schneider, Gründer

von Schneider Capital Management

mit 1,5 Milliarden Dollar Kundengeldern,

meint, die Börse könnte vor allem durch

Krisen im Ausland unter Druck geraten.

Konkret nennt er die Kreditblase und wirtschaftliche

Verwerfungen in China, die

Schuldenprobleme Japans und die Unruhen

in Syrien. „Die heimische US-Wirtschaft

ist zwar in ganz guter Verfassung“, so

Schneider, „aber ein Drittel ihrer Gewinne

machen die US-Unternehmen im Ausland,

wo die Risiken zunehmen.“

John Boland, Chef von Maple Capital

Management, meint, das Wirtschaftswachstum

sei noch nicht kräftig genug, um

weiterhin steigende Gewinnerwartungen

der Anleger zu rechtfertigen. Er vergleicht

den aktuellen Markt mit dem der Siebzigerjahre,

als die großen Indizes sich seitwärts

bewegten. Boland empfiehlt, sich „vorerst

an große Qualitätsaktien“ zu halten, da die

Kursgewinne mancher der zuletzt spektakulär

erfolgreichen kleineren Titel nicht zu

halten sein werden.

Auch Roberts von Denver Investments

geht davon aus, dass die im S&P 500 enthaltenen

Unternehmen ihre Gewinnprognosen

für 2014 nur mit Mühe erreichen

werden. Er verweist auf die Möglichkeit einer

Lohninflation, wenn sich das Wirtschaftswachstum

beschleunigt, sowie auf

steigende Investitionen zur Ausweitung

von Kapazitäten und zur Modernisierung

von Anlagen und Maschinen. Beides würde

die derzeit rekordhohen Gewinnmargen

der US-Unternehmen empfindlich

drücken. Roberts: „Die Maschinen und

Ausrüstungsgegenstände in den USA sind

derzeit durchschnittlich 22 Jahre alt – so alt

wie seit 1949 nicht mehr. Investitionen sind

daher eine gute Sache, die von langfristig

orientierten Aktionären sehr begrüßt werden

sollte, aber kurzfristig kosten sie eben.“

Bei den Einzelaktien liegt in der Umfrage

General Electric (GE) vorn: Der Industriewert

sei „mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) von 14 auf Basis des für das kommende

Jahr erwarteten Gewinns trotz bester

Kennzahlen noch moderat bewertet“,

meint Peter Raimondi, Chef von Banyan

Partners, die ein Vermögen von 4,5 Milliarden

Dollar verwalten. Die Dividendenrendite

liegt mit 3,3 Prozent zudem über dem

Schnitt des US-Marktes, wo die Unternehmen

mit Dividenden traditionell mehr

knausern als in Europa. GE hat im März

den Börsengang seines Konsumentenkreditgeschäfts

als Synchrony Financial auf

den Weg gebracht. „Die Abspaltung wird es

GE erlauben, sich wieder mehr auf sein

Kerngeschäft zu konzentrieren“, erklärt

Raimondi. „Ich denke, dass der Markt GE

mit einem höheren Kurs-Gewinn-Verhältnis

belohnen wird.“

Die Geldmanager mögen mehrheitlich

Bankaktien, besonders die der Bank of

America und der Citigroup, die zu einem

KGV von rund neun (auf Basis der geschätzten

Gewinne des nächstens Jahres)

„zu billig sind, um links liegengelassen zu

werden“, sagt Tim Cummings, Chef von Sonata

Capital in Seattle. Er rechnet aber damit,

dass der Dow Jones Index zunächst auf

16 000 Punkte abrutscht, bevor er weiter

zulegen kann. „Den Großteil der Hausse

haben wir der ultralockeren Geldpolitik

der Fed zu verdanken“, so Cummings. Er

gehe zwar davon aus, dass die US-Wirtschaft

weiter erstarke, „aber es wird noch

ein, zwei Quartale dauern, bis sich die bessere

Konjunktur als Umsatzwachstum in

den Unternehmenszahlen niederschlägt.

Bis dahin machen Anleger keinen großen

Fehler, wenn sie abwarten.“ Cummings bevorzugt

die seiner Ansicht nach günstigen

Aktien großer, bekannter Marken, wie Coca-Cola,

Clorox und McDonald’s.

2014 zog die Geldpolitik der US-Notenbank

(genauer: der drohende Ausstieg aus

deren lockeren Geldpolitik) die Aufmerksamkeit

der Anleger auf sich. Inzwischen

gilt der Ausstieg als Konsens, der Fokus verlagert

sich auf die Zeit nach den Anleihekäufen.

64 Prozent erwarten, die Fed werde

ihr Anleihekaufprogramm 2014 plangemäß

beenden. Jeff Schoenfeld, Partner bei

Brown Brothers Harriman, meint, es wäre

an der Zeit, dass die Fed überschüssige Liquidität

aus dem Finanzsystem abzieht:

„Die Strategie der Fed hat gut funktioniert.

Die Haushalte haben ihre 2008 erlittenen

Vermögensverluste nicht nur wettgemacht,

sie sind wohlhabender denn je.“

Joseph Parnes, Gründer von Technomart

Investment Advisors, ergänzt, viele Investoren

hätten noch gar nicht erkannt, wie

viel sich seit 2008 geändert habe – etwa die

großen Bemühungen der USA um mehr

Unabhängigkeit in der Energieversorgung.

Heute produzieren die USA rund acht Millionen

Fass Öl (je 159 Liter) pro Tag, was etwa

der Hälfte ihres Bedarfs entspricht. Damit

ist die Wirtschaft durch Angebotsschocks,

wie sie etwa durch eine politische

Krise im Nahen Osten entstehen können,

nicht mehr so gefährdet wie früher.

Die US-Notenbank wird ihre Anleihekäufe

beenden und die Zinsen erhöhen

Fast 80 Prozent der Profianleger erwarten

außerdem, dass die Fed ab Mitte 2015

die Zinsen wieder anheben wird. Weitere

sieben Prozent erwarten einen solchen

Schritt erst im ersten Quartal 2016 und nur

acht Prozent angesichts der – ihrer Meinung

nach immer noch schwachen Verfassung

der Wirtschaft – erst nach 2016.

54 Prozent der Manager prognostizieren

bei einer Anhebung der Zinsen durch die

Fed ein Absacken der Aktienkurse. Mit

überwältigender Mehrheit – 83 Prozent –

meinen die Big-Money-Manager, Yellen

habe ordentliche Arbeit geleistet. „Sie hat

gezeigt, dass sie vernünftig und gut informiert

ist“, schrieb ein Befragter als Anmerkung

in den Fragebogen.

„Entscheidend wird sein, wie die Fed das

Auslaufen der lockeren Geldpolitik kommentiert“,

schrieb ein anderer. „Die Stunde

der Wahrheit wird schlagen, wenn die Fed

ihren Leitzins anheben muss – jenen Zinssatz,

zu dem die Banken einander über

Nacht Geld leihen und der als Grundlage

für andere Zinssätze dient.“

n

jack willoughby | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 105

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Geld&Börse | Steuern und Recht

BETRIEBSÜBERGABE

Rente ist

abziehbar

KIRCHENSTEUER AUF KAPITALERTRÄGE

Massenhaft Gretchenfragen

Banken bekommen die Religion der Kunden offengelegt. Widerspruch ist möglich.

Ab 1. September stellen Banken beim Bundeszentralamt

für Steuern massenhaft die Gretchenfrage

(„Wie hast du’s mit der Religion?“). Sie erfahren,

ob ihr Kunde überhaupt und wenn, dann

wie viel Kirchensteuer zahlen muss, und ziehen

diese automatisch ein. Wollen Kunden das nicht,

sollten sie bis Juni beim Bundeszentralamt für

Steuern einen Sperrvermerk beantragen (Formular:

http://springhin.de/kirchensteuer). Die

abgefragten Daten nutzen Banken für das Folgejahr;

das neue Verfahren greift also erst für in

2015 ausgezahlte Erträge. Bislang können Kunden

ihrer Bank freiwillig die Religion mitteilen.

Machen kirchensteuerpflichtige Kunden das

nicht, müssen sie Erträge in der Steuererklärung

angeben. Das Finanzamt führt dann nachträglich

Kirchensteuer ab. Ohne diese Nachversteuerung

hinterziehen die Anleger Kirchensteuer. Außer

in Niedersachsen bleibt dies bislang aber meist

folgenlos, da die Hinterziehung von Kirchen

steuer nicht als Steuerhinterziehung verfolgt wird

(Bundesgerichtshof, 5 StR 547/07). Das neue

Verfahren schließt die Lücke. Lassen Anleger den

Sperrvermerk eintragen, bekommt ihre Bank

zwar weiter keine Auskunft: Die Abfrage führt

zum gleichen Ergebnis (Nullwert) wie bei Anlegern

ohne Religionszugehörigkeit. Die kirchensteuerpflichtigen

Anleger müssen dann jedoch

eine Steuererklärung abgeben. Außerdem

meldet das Bundeszentralamt bei Sperrvermerken

jede Abfrage dem Finanzamt, sodass die fällige

Kirchensteuer leicht ermittelt werden kann.

Unternehmer übertragen ihren

Betrieb häufig gegen lebenslange

Versorgungsleistungen an

ihre Kinder. Dabei können die

Nachfolger die Versorgungsleistungen

steuerlich als Sonderausgaben

absetzen. Mit dem

Jahressteuergesetz 2008

wurden die Regeln hierfür verschärft.

Ein Landwirt hatte 2007

gegen Nießbrauch, also das

Recht auf Miet- und Pachteinnahmen,

landwirtschaftliche

Flächen an seinen Sohn übertragen.

2010 verzichteten

die Eltern auf den Nießbrauch.

Stattdessen sollten sie 12 000

Euro pro Jahr als Versorgungsleistung

erhalten. Diese 12 000

Euro wollte der Sohn 2011 als

Sonderausgaben absetzen. Das

Finanzamt lehnte jedoch ab.

Es sei eine private Vermögensübertragung,

weil der Betrieb

schon Ende der Neunzigerjahre

aufgegeben wurde. Seit 2008

seien solche Übertragungen

nicht mehr begünstigt. Das Niedersächsische

Finanzgericht

hielt den Steuerabzug dagegen

für berechtigt (4 K 298/13).

Schließlich sei der Nießbrauch

bereits 2007 zustande gekommen.

Dass die Versorgungsleistung

erst 2010 vereinbart wurde,

spreche nicht dagegen, die

12 000 Euro abzusetzen. Das Urteil

ist noch nicht rechtskräftig.

RECHT EINFACH | Detektiv

Wer Beweise braucht, schaltet

Detektive ein. Ob die Kosten

hierfür im Prozess erstattet

werden, hängt vom Einzelfall ab.

§

Schwammig. Ein Busfahrer

war ständig krankgeschrieben.

Zwei Detektive bestätigten:

Der Fahrer übe „Arbeiten

im Bistro seiner Ehefrau

aus“. Der Arbeitgeber kündigte.

Die Aussage reichte den Richtern

jedoch nicht, um dem Busunternehmen

Ersatz für die Detektivkosten

zuzusprechen. Sie sei

nicht stichhaltig genug, um eine

Arbeitsunfähigkeit während der Bistro-Aufenthalte

zu belegen (Bundesarbeitsgericht,

8 AZR 1026/12).

Umtriebig. Ein leitender Angestellter

bezog nach einem Motorradunfall

Leistungen seiner Unfallversicherung.

Ein Detektiv stellte jedoch

fest, dass der Mann schon wieder

an Motorradrennen teilgenommen

hatte. Die Versicherung kündigte

den Vertrag und klagte die Detektivkosten

ein. Mit Erfolg. Die Überwachung

habe zwar sowohl den

geschäftlichen als auch den privaten

Bereich des Ex-Kunden

betroffen, sei aber angesichts des

Tatverdachts angemessen (Oberlandesgericht

Köln, 20 U 98/12).

Dauerhaft. Ein Unterhalt zahlender

Ex-Gatte vermutete, dass

seine Ex mit einem Neuen zusammenlebe.

Ein verdeckter Ermittler

brachte einen GPS-Sender am

Wagen der Frau an. Der Verdacht

einer neuen Lebensgemeinschaft

bestätigte sich. Unterhalt musste

der Geschiedene nun nicht mehr

löhnen; auf den Detektivkosten

blieb er aber sitzen. Begründung

des Gerichts: Die wochenlange

Bewegungsüberwachung sei ein

„unverhältnismäßiger Eingriff“ in

das Privatleben der Ex gewesen;

statt eines „Bewegungsprofils“

hätten „punktuelle“ Beobachtungen

ausgereicht (Bundesgerichtshof,

XII ZB 107/08).

FOTOS: CARO/FRANK SORGE, MAURITIUS IMAGES/FACT, PR

106 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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ABSCHREIBUNGEN AUF IMMOBILIEN

Zu hoher Steuervorteil bleibt erhalten

UNTERHALT

Rollenverteilung mit Folgen

Ein Ehepaar war nach der Wende

aus Ost- nach Norddeutschland

gezogen. Während der

Mann direkt Arbeit fand, bemühte

sich die Frau, eine Chemie-Ingenieurin,

lange vergeblich

um einen Job. Nach der

Geburt eines Sohnes kümmerte

sie sich um Kinderbetreuung

und Haushalt. Um nahe bei der

Familie zu bleiben, bewarb sie

sich nur noch im Umkreis von

50 Kilometern – erfolglos. Nach

der Scheidung stritten die Ex-

Gatten um den Unterhalt. Der

SCHNELLGERICHT

RISIKEN OFFENER IMMOBILIENFONDS

§

Viele offene Immobilienfonds haben die Rücknahme

von Fondanteilen in den vergangenen Jahren

wegen Liquiditätsengpässen ausgesetzt, Anleger

kamen nicht mehr an ihr Geld. Der Bundesgerichtshof

entschied nun, dass Banken vor Zeichnung auf

dieses Risiko hinweisen mussten. Ohne Warnhinweis

können Anleger unter Umständen Schadensersatz

verlangen (XI ZR 477/12 und XI ZR 130/13).

Mann sah nicht sein, warum die

Gehaltseinbußen seiner Frau

plötzlich als ehebedingt angesehen

wurden. Doch der Bundesgerichtshof

fand das richtig

(XII ZB 214/13): Die gemeinsam

gestaltete Lebensführung

sei Ursache für die Einkommensnachteile

gewesen. Ohne

die in der Ehe gewählte Rollenverteilung

hätte sich die Frau

bundesweit bewerben können,

entschieden die Richter. Ihr

Mann müsse ihr die Nachteile

daher teilweise ausgleichen.

Vermieter können ihre zu versteuernden

Mieteinnahmen

durch die steuerlichen Abschreibungen

auf die Immobilie

drücken. Normalerweise

dürfen private Vermieter steuerlich

jedes Jahr linear zwei Prozent

der Anschaffungs- oder

Herstellungskosten abschreiben

(bei Fertigstellung vor 1925:

2,5 Prozent). Hat ein Bauherr

ein Gebäude selbst gebaut oder

ein Käufer es noch im Jahr der

Fertigstellung gekauft, hatte er

früher eine Alternative: Bei Kauf

oder Bauantrag vor 2006 konnten

Vermieter alternativ eine

degressive Abschreibung wählen.

Dabei waren die steuerlichen

Abschreibungen zu Beginn

höher und fielen dann. So

entstanden anfangs höhere

Steuervorteile. Konnten Käufer

aber schon andere Steuervorteile

nutzen, etwa weil sie die

frühere Sondergebietsabschreibung

für Immobilien in den

neuen Bundesländern in Anspruch

nahmen, mussten sie

auf jeden Fall linear abschreiben.

In einem Fall hatte ein Paar

1995 ein Mehrfamilienhaus in

Ostdeutschland gekauft. Obwohl

sie die Sondergebietsabschreibung

nutzten, schrieben

sie die Immobilie auch noch

degressiv ab. Damit waren die

Abschreibungen und die entsprechenden

Steuervorteile zu

Beginn viel zu hoch. Dem

Finanzamt fiel der Fehler allerdings

erst 2009 auf. Nun war

zwischen Finanzamt und dem

Vermieterpaar strittig, welche

Folgen der Fehler hat. Der Bundesfinanzhof

sprach nun ein

Machtwort (IX R 12/13). Alle bis

einschließlich 2006 ergangenen

Steuerbescheide seien bestandskräftig,

die Steuervorteile

blieben bestehen. Von 2007 an

sei jedoch nur noch der verbliebene

Restbuchwert der Immobilie

abzuschreiben. Angesetzt

würden jeweils die Werte, die

sich bei korrekter, also linearer

Abschreibung ergeben hätten.

SCHNEEBALLSYSTEM

Steuer auf

Scheingewinn

Schneeballsysteme brechen

am Ende zusammen, Anleger

verlieren ihren Einsatz und die

ausgewiesenen, aber nicht

ausgezahlten Erträge. Trotzdem

müssen sie Steuer auf diese

Scheingewinne zahlen, wenn

Auszahlungswünsche anderer

Anleger zum Zeitpunkt der Gutschrift

noch erfüllt worden sind.

Der Bundesfinanzhof hält an

dieser umstrittenen Rechtsprechung

fest (VIII R 25/12).

WERBUNGSKOSTEN BEI KAPITALERTRÄGEN

§

Seit Einführung der Abgeltungsteuer können

Anleger keine Werbungskosten bei Kapitalerträgen

mehr geltend machen. Nun läuft beim Bundesfinanzhof

ein neues Verfahren, in dem ein Paar sich dagegen

wehrt. Es hatte 2009 zum Wertpapierkauf einen

Kredit aufgenommen und will die Kreditzinsen absetzen.

Andere Anleger können Einspruch gegen ihren

Steuerbescheid einlegen und auf das laufende Verfahren

verweisen (Bundesfinanzhof, VIII R 18/14).

GERINGERE BEITRÄGE FÜR KINDERBETREUUNG

§

Eltern können in vielen Kommunen auf geringere

Kosten für die Betreuung ihrer Kinder in städtisch

geförderten Tagesstätten oder bei Tageseltern hoffen.

Bei der Berechnung der Beiträge ist in der Regel das

um die Eigenbeiträge geminderte Einkommen anzusetzen,

selbst wenn die Eigenbeiträge steuerlich nicht

als Werbungskosten absetzbar sind (Verwaltungsgericht

Köln, 19 K 5817/13).

STROMSCHÄDEN

ANGELO VALLONE

ist Anwalt der

Kanzlei Luther,

Düsseldorf,

und auf

Energierecht

spezialisiert.

n Herr Vallone, der Bundesgerichtshof

hat die Haftung

bei Spannungsschäden an

Elektrogeräten verschärft.

Welche Folgen hat das?

Bisher haften die Netzbetreiber

für Sachschäden bis zu

5000 Euro, wenn ihnen eine

Schuld nachzuweisen ist.

Nach dem BGH-Urteil haften

sie auch über das Produkthaftungsrecht

für Schäden

in unbegrenzter Höhe. Für

Stromkunden gilt lediglich ein

Selbstbehalt von 500 Euro.

n Müssen Stromkunden den

Netzbetreibern dafür eine

Schuld nachweisen?

Nein, anders als im Energierecht

haftet der Stromerzeuger

im Produktrecht, ohne

dass ihm eine Schuld nachzuweisen

ist. Da der Netzbetreiber

den Hochspannungsstrom

in Niederspannungsstrom für

private Haushalte umwandelt,

gilt er laut BGH rechtlich als

Stromerzeuger.

n Deckt die Produkthaftung

alle Schäden ab?

Abgedeckt sind nur Schäden

an privat genutzten Geräten.

Wer beispielsweise über eine

private Solaranlage Strom

erzeugt und überwiegend ins

Netz einspeist, sie also gewerblich

nutzt, kann den

Netzbetreiber für Schäden an

der Anlage durch Überspannung

nicht haftbar machen.

n Bringt das Urteil Stromkunden

auch Nachteile?

Netzbetreiber müssen wegen

der erweiterten Haftung höhere

Versicherungsprämien

zahlen, die sie über die Netzentgelte

an die Stromkunden

weiterreichen werden.

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 Redaktion: niklas.hoyer@wiwo.de, martin gerth

107

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Wer fallende Kurse

will, muss was dafür tun. Hedgefondsstar

Bill Ackman weiß, wie

das geht. Von Martin Seiwert

Titanenkampf

Kalter Krieg?

Förderanlage

im sibirischen

Bazhenov-

Gebiet

Die Firma: ein zwielichtiger

Direktvertrieb.

Die Produkte: dubiose

Nahrungsergänzungsmittel,

Diätpulver, Vitamincocktails.

Der Gründer:

segnete nach einem viertägigen

Alkohol- und Medikamentenexzess

im Alter von nur 44 Jahren

das Zeitliche. Der für einen

Fitnessprodukte-Erfinder eher

unpassende Tod markierte allerdings

nicht das Ende des US-

Unternehmens Herbalife. Mit

dem Ableben von Mark Huges

vor 14 Jahren nahm die Herbalife-Geschichte

erst so richtig

Fahrt auf – eine Geschichte von

sich bekriegenden Hedgefondstitanen,

von Lobbyismus in

nie gekanntem Ausmaß, von

Milliardenwetten und FBI-Ermittlungen.

Herbalife steht für eines der

größten Spektakel seit dem Zusammenbruch

der Investmentfirma

Stratton Oakmont – der zu

Jahresbeginn als „Wolf of Wall

Street“ in die deutschen Kinos

kam. Auch Herbalife soll den

Weg auf die Leinwand finden,

Anfang Mai in New York, an

einem geheim gehaltenen Ort.

Dann sollen in einem 15-minütigen

Dokumentarfilm angebliche

Opfer von Herbalife zu Wort

kommen.

Auftraggeber der konspirativen

Filmpremiere ist Bill Ackman,

Gründer und Chef des 13

Milliarden Dollar schweren

Hedgefonds Pershing Square.

Ackman hat vor knapp eineinhalb

Jahren eine Milliarde Dollar

auf den Niedergang der Herbalife-Aktie

gesetzt. Seither führt er

Krieg gegen das Unternehmen.

Er will beweisen, dass der Direktvertrieb

der Firma ein

Schneeballsystem ist, das eines

Tages zusammenbrechen werde.

Und er tut viel, um diesen

Kollaps herbeizuführen.

Ackman legt sich damit aber

mit seinen mächtigsten Wettbewerbern

an. Denn die halbe US-

Hedgefondselite – darunter die

Multimilliardäre Carl Icahn und

George Soros – hat nach der

Kampfansage Ackmans Herbalife-Aktien

gekauft. Die Zahlen

haben die Titanen überzeugt: In

den vergangenen zehn Jahren

verdreifachte sich der Herbalife-

Umsatz auf zuletzt 4,8 Milliarden

Dollar, der Nettogewinn

verfünffachte sich auf über eine

halbe Milliarde Dollar, und der

Aktienkurs verzehnfachte sich

seit 2009.

LOBBY-FEUERWERK

Lange sah es aus, als würden

Icahn, Soros und Co. gewinnen.

Doch zu Jahresbeginn wendete

sich das Blatt. Eine von Ackman

initiierte, sündhaft teure Lobbying-Kampagne

mündete darin,

dass Politiker von Aufsichtsbehörden

Ermittlungen gegen Herbalife

forderten. Ackman hatte

dafür die besten Strippenzieher

der Hauptstadt engagiert und

Vertreter von Afroamerikanern

und Latinos mobilisiert, bei deren

Klientel sich Herbalife-Produkte

besonderer Beliebtheit erfreuen.

Inzwischen gibt es gegen

Herbalife Ermittlungsverfahren

bei der für den Verbraucherschutz

zuständigen US-Bundesbehörde

Federal Trade Commission

und offenbar auch beim FBI

und bei den Staatsanwaltschaften

von Manhattan und Illinois.

Seit das bekannt wurde, läuft

für Ackman alles nach Plan: Der

Aktienkurs brach um gut ein

Viertel ein. Für Ackman aber nur

ein Etappensieg. Er sagt, er wolle

den Kampf gegen Herbalife

„bis ans Ende der Erde tragen“.

TREND DER WOCHE

Russische Ölkrise

Die Ukraine-Unruhen schüren Ängste vor teurem

Rohöl. Dabei kann der Ölpreis deshalb sogar sinken.

Fast auf den Dollar genau kostet

das Fass Rohöl derzeit so viel

wie vor Ausbruch der Ukraine-

Krise. Zwar gab es Mitte April

eine Angst-Phase, in der zahlreiche

Spekulanten auf steigende

Preise setzten, doch nun haben

sich die Wogen auf dem

Ölmarkt wieder geglättet.

Dabei hat die Ukraine-Krise

durchaus Einfluss auf den Ölpreis;

vor allem, wenn sie zu einer

Russland-Krise wird. Denn

das Land produziert nicht nur

zwölf Prozent des weltweiten

Rohöls, es verbraucht auch mit

elf Prozent fast ebenso viel. Sollte

die russische Wirtschaft, wie

der IWF befürchtet, im Zuge der

Ukraine-Unruhen und der

Sanktionen weiter abdriften,

geht die russische Ölnachfrage

massiv zurück. Die Produktion

hingegen dürfte stabil bleiben;

immerhin finanziert Russland

mit Erlösen aus dem Öl- und

Gasgeschäft die Hälfte seines

Staatshaushalts.

Eine schwache russische

Nachfrage würde das derzeitige

Überangebot auf dem Weltmarkt

vergrößern: In den USA

ist die Versorgung reichlich, die

Opec hat im April mehr produziert,

die Förderung im Irak

erholt sich, in Libyen sollen die

Produktion und der Export

über die großen Ölhäfen wieder

aufgenommen werden.

Für Anleger heißt das: Selbst

bei einer Verschärfung der

Ukraine-Krise ist kein nachhaltiger

Ölpreis-Anstieg zu erwarten.

Im Gegenteil: Dann ist

sogar ein Preisrückgang in

Richtung 100 Dollar möglich.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 30.4.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9603,23 +0,6 +22,0

MDax 16081,88 –1,3 +20,0

Euro Stoxx 50 3198,39 +0,7 +17,9

S&P 500 1878,71 +0,2 +17,6

Euro in Dollar 1,3850 +0,1 +6,0

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,48 –0,05 2 +0,27 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,67 –0,04 2 +1,02 2

Rohöl (Brent) 3 107,88 –0,8 +5,9

Gold 4 1288,50 +0,3 –12,3

Kupfer 5 6724,00 +1,2 –4,9

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 929,79 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BLOOMBERG NEWS/ANDREY RUDAKOV, BLOOMBERG NEWS/CHRIS RATCLIFFE

108 Nr. 19 5.5.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Eine Frage des Kapitals

Wenn die Deutsche Bank Anlegern nicht bald neue

Aktien anbietet, wird der Kursverfall weitergehen.

HITLISTE

Zug der Begierde

Wartungshalle des von

GE umworbenen Eisenbahnherstellers

Alstom

In den nächsten Monaten

könnte die harte Kapitalquote

der Deutschen Bank von 9,5

auf 9,0 Prozent sinken. Die

Bank braucht dringend mehr

eigene Mittel, mit denen sie

risikoreiche Geschäfte hinterlegt.

Das fordert nicht nur

die Aufsicht, auch Anleger

pochen darauf, dass die Bank

ihre Substanz aufpolstert.

Um die Kernkapitalquote so

weit anzuheben, dass die

Deutsche den Malus der Unterkapitalisierung

abschüttelt,

muss die Bank fünf Milliarden

Euro draufsatteln – mindestens.

Und dabei reicht es nicht, an

ausgesuchte Investoren ein

paar eigenkapitalähnliche

Hybridbonds zu verticken. Die

Deutsche braucht eine substanzielle

Kapitalerhöhung mit echten

Aktien. Die kann, wegen der

schieren Masse der neuen Anteile,

den Kurs vorübergehend

drücken. Doch gleichzeitig hat

die Deutsche damit die Chance,

am breiten Markt Vertrauen zurückzuerobern.

Wer Mumm

hat, kann sich bei Kursen um 30

Euro auf die Lauer legen.

ÜBERNAHMEN

Fieberwahn

In diesem Jahr wurden bereits Übernahmeangebote

von mehr als 1000 Milliarden Dollar abgegeben.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9603,23 +0,6 +22,0

Aktie

Stand: 30.4.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 76,93 +0,5 –2,6 4,51 4,33 18 16095 1,75

Allianz 124,85 +2,5 +11,0 13,05 13,57 9 56925 3,60

BASF NA 83,43 +2,4 +18,0 5,37 5,92 14 76629 3,12

Bayer NA 100,00 +3,3 +25,7 5,66 6,10 16 82695 1,90

Beiersdorf 72,26 +1,3 +5,2 2,38 2,56 28 18210 0,97

BMW St 90,18 –2,7 +29,1 8,10 8,68 10 58057 2,77

Commerzbank 12,81 –3,9 +73,4 0,53 0,71 18 14579 -

Continental 168,85 –3,3 +87,0 11,98 12,59 13 33771 1,48

Daimler 66,73 –1,7 +59,5 6,40 5,93 11 71363 3,37

Deutsche Bank 31,76 –0,9 –3,5 3,40 3,47 9 32376 2,36

Deutsche Börse 52,79 –2,9 +13,0 3,46 3,84 14 10188 4,36

Deutsche Post 27,14 +0,5 +51,8 1,45 1,70 16 32807 2,58

Deutsche Telekom 12,09 +4,7 +33,3 0,63 0,63 19 53792 5,79

E.ON 13,79 –0,4 +0,6 1,29 0,94 15 27584 7,98

Fresenius Med.C. St 49,55 –0,4 –5,6 3,77 3,64 14 15239 1,51

Fresenius SE&Co 109,55 ±0 +13,4 5,82 6,34 17 24723 0,87

Heidelberg Cement St 62,52 +0,3 +15,5 3,56 3,97 16 11723 0,75

Henkel Vz 80,27 +2,4 +12,6 4,03 4,29 19 33521 1,52

Infineon 8,38 +0,7 +41,8 0,26 0,41 20 9057 1,43

K+S NA 25,21 +5,6 –23,7 2,92 1,29 20 4824 5,55

Lanxess 54,80 +0,3 +0,5 1,37 2,56 21 4560 1,82

Linde 149,45 +2,4 +5,0 7,82 8,37 18 27745 1,81

Lufthansa 18,08 –5,7 +21,3 1,25 1,90 10 8316 -

Merck 121,55 +1,7 +6,3 8,78 9,17 13 7855 1,40

Münchener Rückv. 166,45 –0,7 +10,4 18,50 17,17 10 29851 4,21

RWE St 27,49 –0,4 +1,4 3,91 2,37 12 16635 3,64

SAP 58,04 +0,8 –3,2 3,37 3,42 17 71302 1,90

Siemens 95,00 –2,5 +23,4 4,80 6,73 14 83695 3,16

ThyssenKrupp 20,52 +0,6 +48,1 -0,55 0,54 38 10557 -

Volkswagen Vz. 194,10 –0,9 +27,7 18,69 21,95 9 89831 1,83

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Mit der 104 Milliarden Dollar

schweren Offerte von Pfizer

für AstraZeneca überstieg das

Volumen der 2014 weltweit

angekündigten Übernahmeangebote

in der vergangenen

Woche die Marke von 1000

Milliarden Dollar. Diese

Grenze wurde damit in diesem

Jahr 54 Tage früher erreicht

als 2013, berichtet der

Börsendienst Bloomberg.

Sollte das Übernahmefieber

Ziel (Verkäufer)

AstraZeneca

Time Warner Cable

Time Warner Cable

Allergan

Lafarge

SFR (Vivendi)

Forest Laboratories

SFR (Vivendi)

WhatsApp

Beam

CITIC (CITIC Group)

Onkologie-Portfolio

(GlaxoSmithKline)

OTC-Sparte

(Merck & Co.)

Biomet

Alstom

Ziggo

Greenland Holding

Grupo Corporativo ONO

Käufer

Pfizer

Comcast

Charter Comm.

Valeant Pharma

Holcim

Bouygues

Actavis

Altice

Facebook

Suntory Holdings

CITIC Pacific

Novartis

mögl. Käufer: Bayer,

Reckitt Benckiser

Zimmer Holdings

General Electric

Liberty Global

Shanghai Jinfeng

Vodafone Group

1 in Milliarden Dollar; Quelle: Bloomberg; Stand: 29. April 2014

im Jahresverlauf weiter so grassieren

wie zuletzt im April,

dann dürften 2014 Deals mit einem

Gesamtvolumen von 4000

Milliarden Dollar auf den Weg

gebracht worden sein. Es wäre

damit das Jahr mit dem zweitgrößten

Volumen überhaupt.

Das muss nicht zwingend ein

gutes Omen sein. Die bisher

größten Aktivitäten fanden 2007

statt. Ein Jahr später brachen

die Börsen dann zusammen.

Wert 1

104,0

68,4

61,3

44,4

37,5

22,2

20,8

18,8

18,0

15,9

15,6

14,5

13,5

13,4

13,0

11,1

10,6

10,0

Ausschüttung

Cash + Aktien

Aktien

Cash + Aktien

Cash + Aktien

Aktien

Cash + Aktien

Cash + Aktien

Cash

Cash + Aktien

Cash

Cash + Aktien

Cash

Cash

Cash + Aktien

Cash

Cash + Aktien

Cash + Aktien

Cash

Deal-Status

geplant

anstehend

abgesagt

anstehend

anstehend

abgesagt

anstehend

anstehend

anstehend

anstehend

anstehend

anstehend

geplant

anstehend

geplant

anstehend

anstehend

anstehend

WirtschaftsWoche 5.5.2014 Nr. 19 109

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Novartis

Rochade für dauerhaft

höhere Rendite

Blick voraus

Suncor-Tanker

vor der Ostküste

Kanadas

Labor fürs Leben 31 neue

Medikamente in der Pipeline

Schon bald, so Novartis-Chef

Joseph Jimenez, werde Krebs

für Menschen im Alter zwischen

55 und 84 Jahren die

Todesursache Nummer eins

sein, noch vor Herzkrankheiten.

Der Bedarf an Medikamenten

gegen Krebs werde auf

Jahrzehnte hinaus kontinuierlich

zunehmen – und darauf

richtet Novartis, der größte

Pharmakonzern der Welt, sein

Kerngeschäft aus. Mit dem

Zukauf der Onkologie-Sparte

(Medikamente gegen Krebs)

des britischen Konkurrenten

Glaxo wird Novartis in diesem

Geschäft die Nummer zwei

hinter dem Konkurrenten

Roche (von dem Novartis ein

Drittel der stimmberechtigten

Aktien besitzt). Besonders

wertvoll ist dabei, dass Novartis

damit an sechs neue Präparate

gegen Krebs kommt, die

gerade erst am Markt gestartet

sind und deren Patentschutz

zum Teil bis 2030 reicht.

Um den Zukauf zu finanzieren,

gibt Novartis das zuletzt

verlustreiche Geschäft mit

Impfstoffen und die wenig

rentable Tiermedizin ab. Die

für Novartis weniger interessante

Sparte rezeptfreie Medikamente

kommt in ein Gemeinschaftsunternehmen,

bei

dem Glaxo die Mehrheit hält.

Schon bisher ist das Pharmageschäft

von Novartis der

stärkste Wachstumsträger, der

weit mehr als die Hälfte der

Gewinne beisteuert. So legten

die in den vergangenen fünf Jahren

eingeführten Medikamente

2014 im Durchschnitt um 17

Prozent zu. In der Entwicklungspipeline

stecken 31 neue Wirkstoffe.

Bei ebenso vielen Präparaten

werden neue Anwendungsmöglichkeiten

erforscht.

Auch mit ihren weiteren

Schwerpunktsparten verdienen

die Schweizer gutes Geld. In der

Augenheilkunde des Ablegers

Alcon (Umsatzanteil 18 Prozent)

liegt die operative Rendite bei 35

Prozent;Generikatochter Sandoz

(16 Prozent Umsatzanteil)

kommt auf etwas mehr als 16

Prozent Rendite.

Bis Mitte 2015 soll der Konzernumbau

über die Bühne gegangen

sein. Novartis dürfte

dann mehr als 60 Milliarden

Dollar Jahresumsatz erzielen

und an die 14 Milliarden Dollar

netto verdienen. Da mit weiteren

Aktienrückkäufen zu rechnen

ist, sollten das dann 5,60

Dollar Nettogewinn je Aktie werden,

ein KGV von 15, angesichts

der Marktstellung moderat. Kein

Problem dürfte es damit auch

sein, die bisherige Dividende

(mehr als drei Prozent Rendite)

weiter zu zahlen.

Novartis

ISIN: CH0012005267

80

75

70

65

60

55

50-Tage-Linie

50

200-Tage-Linie

45

2012 2013 14

Kurs/Stoppkurs(in CHF): 75,50/64,18

KGV2013/2014:15,7/15,1

Dividendenrendite(in Prozent):3,2

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:FactSet,

eigeneBerechnungen

Hoch

AKTIE Suncor Energy

Obama hat hier nichts

zu melden

Die Ausbeute von Öl aus Teersanden

hat die kanadische

Ölproduktion auf 3,2 Millionen

Barrel pro Tag getrieben.

Bis 2030 wird mit einem weiteren

Anstieg auf 6,7 Millionen

Barrel gerechnet. Allerdings

fehlen die Kapazitäten,

um das zusätzliche Öl abtransportieren

zu können.

Abhilfe schaffen könnte die

Keystone-XL-Pipeline, die kanadisches

Öl bis zu den Raffinerien

in Texas transportieren

könnte. Doch der Genehmigungsprozess
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