Newsletter Januar 2008 - Onesimo

onesimo.ch

Newsletter Januar 2008 - Onesimo

Nr. 52 / Januar 2008

servants

news

«Wenn Sie an einem Sonntag die Wahl

haben, entweder einem Bedürftigen

zu helfen oder zur Kirche zu gehen, was

tun Sie dann?» Efren Roxas, Seite 2

2 Barmherzige Samariter in Kambodscha | 3 Veränderungen in Indien | 9 Geliebte Menschen blühen auf


EDITORIAL

Kambodscha

P H N O M P E N H

Indien

C O N N E X I O N S

Hoffnung für

Hoffnungslose

Geschichte von

barmherzigen Samaritern

Am Sonntagmorgen unterbricht mich Becky beim Duschen,

als ich mich für die Kirche bereit mache, weil eine kranke Frau

vor der Tür ist.

Das einzige Unveränderliche

ist die Veränderung

Nun schreiben wir zum letzten Mal direkt aus Kalkutta, wo wir nun fast sieben Jahre gelebt

haben! Anfang nächsten Jahres werden wir in die Schweiz zurückkehren.

Regelmässig berichten wir von jungen

Menschen, kleinen Kindern und ganzen

Familien, die arm und beinahe

chancenlos aufwachsen und leben

müssen. Durch Servants erhalten sie

handfeste Hilfe und begegnen einem

persönlichen Gott, der sie liebt und

wertschätzt. Wir lesen über Aufbrüche,

neue Hoffnung und neues Leben. Auf

der andern Seite stehen Berichte über

Randy und Rolando, die trotz Hilfe von

Onesimo viel zu jung durch Krankheit

und Gewalt dem Leben entrissen wurden.

Leben und Tod sind bei den

Armen so nahe beisammen. Dann wollen

uns Trauer und Wut lähmen und

die Frage, ob sich der Einsatz dennoch

gelohnt hat. Aber Liebe verschenkt sich

und fragt nicht nach dem Lohn.

Vielleicht möchten Sie manchmal

auch am liebsten selber dort sein, bei

Strasseneinsätzen, in Ferienlagern, Therapiehäusern,

Gottesdiensten, bei

Sportanlässen oder im Schulunterricht.

Sie möchten vielleicht mit diesen Menschen

zusammen lachen und weinen,

weil Gott sie vor den Augen der Welt

erwählt hat, um sie durch ihren Glauben

reich zu machen (Jakobus 2,5).

Mitten im Wohlstand können wir durch

Gaben und Gebete, Menschen in der

armen Welt bewegen und werden dadurch

selber gesegnet. Täglich schenken

Mitarbeiter von Servants neue Hoffnung

für Hoffnungslose. Davon berichten

wir immer wieder, damit wir nicht

aufhören, den Armen beizustehen!

Christian Schneider

Titelbild: Verzweifelter

Überlebenskampf in Manila

(Foto: Emanuel Heitz)

Becky und Efren Roxas mit dem

Motorrad, das ihnen die Vineyard-

Gemeinde Basel ermöglichte

Ich sage mir, das ist eine von vielen

Kranken hier, Becky soll selber sehen,

was zu tun ist. Etwas später kommt sie

wieder und ergänzt, die Frau sei vom

Spital weggewiesen worden. Niemand

kennt die Kranke, die nur eine Plastiktüte

mit ihren Sachen hat. Sie liegt auf

einem Karren, dünn, mit alten und frischen

Wunden am ganzen Körper. Ich

vermute, dass sie Aids hat.

Gestörte Sonntagsruhe

Über ein Dutzend Nachbarn diskutieren

jetzt mit Becky, was am besten

zu tun ist. Ich rufe einen Mitarbeiter

des Aids-Programms an und Becky ruft

unseren Teamleiter. Es ist Sonntag! Sie

haben Urlaub und auch wir gehen nun

bald zur Kirche. Müssen wir unsere Leute

mit dieser unbekannten Frau belästigen?

Lohnt sich das Risiko? Mitten in

der Not wird unser Geist rational. Als

der Aids-Mitarbeiter kommt, werden

ein paar Münzen gesammelt. Wir sind

beeindruckt, wie unsere Nachbarn ihr

hart verdientes Geld spenden und geben

auch etwas aus unserer Kasse. Das

Geld ist für den Transport zu einem

Aids-Krankenhaus bestimmt. Unter den

vielen grosszügigen Nachbarn fallen aber

zwei Personen besonders auf:

Helfer mit Alkoholgeruch

Ein Mann hebt die kranke Frau

auf, legt sie sorgfältig und liebevoll auf

einen motorisierten Karren und bittet

mich um eine Decke für ihren gebrechlichen

Körper. Dabei nehme ich seinen

Atem wahr, der nach Alkohol riecht.

Ausgerechnet er fährt sie ins Spital, um

zu garantieren, dass sie sicher dort ankommt.

Wenn uns jemand fragen würde,

warum nicht wir sie dorthin bringen,

würden wir wahrscheinlich antworten:

«Wir haben bereits Geld und eine Decke

gegeben und nun gehen wir in die Kirche.»

Spielsüchtig und verachtet

Eine Frau wird wegen ihren vielen

Trink- und Glücksspielen von den

Nachbarn verachtet. Aber sie ist nun

bereit, einer unbekannten Frau zu dienen.

Obwohl sie keinen Vorteil erwarten

kann, vergisst sie ihre eigene Sicherheit,

steigt in den maroden Motorkarren

und nähert sich ohne zu zögern der

todkranken Frau.

Helfen oder zur Kirche gehen?

Die am besten gekleideten Nachbarn

diskutieren, was zu tun ist und

geben ein bisschen Geld. Aber diese zwei

Personen setzen sich nach Kräften für

Bedürftige ein. Sie sind wahre Nachbarn!

Ich will die «Netten» und uns selber

nicht verurteilen, aber wir haben

gemerkt, dass uns als Nachbarn noch

etwas fehlt. Um zu helfen, müssen wir

manchmal nur die Routine in unserem

fest strukturierten Leben unterbrechen.

Wenn Sie an einem Sonntag die Wahl

haben, entweder einem Bedürftigen zu

helfen oder zur Kirche zu gehen, was

tun Sie dann? Können wir im christlichen

Sinn das tun, was der barmherzige

Samariter tat (Lukas 10,30-37)? Vermutlich

haben wir alle bald wieder Gelegenheit,

jemandem zu helfen. Handeln

wir aus Liebe, werden wir trotz Unterbrechung

selber gesegnet und erleben

heilige Begegnungen.

Efren Roxas

Markus und Katharina Freudiger mit ihrem Sohn

Timon

Auszug ...

Wir haben hier viele ermutigende

Augenblicke und unvergessliche Momente

erlebt, aber auch Herausforderungen

und Frustrationen. Wir hatten

immer wieder Heimweh und haben

unsere Freunde und Familien vermisst.

Seit unser Sohn Timon geboren ist, hat

uns die ungesunde Umgebung oft Sorgen

gemacht und wir hatten Angst,

dass ihn jemand entführen könnte.

Insgesamt überwiegen die guten Erfahrungen

– und so werden wir unseren

Freunden in Kalkutta mit

viel Tränen Goodbye sagen.

Mit euch wollen wir uns an

einige Höhepunkte unserer

Zeit in Kalkutta erinnern:

Unser Leben in einem Slumviertel.

Liebevolle Aufnahme

durch unsere Nachbarn und

Freunde im Slum. Aufbau

und Wachstum von Conne-

Xions mit unserer Schlüsselperson

Joya. ConneXions

hat ein eigenes Haus! Indisches

Essen und Tanzen.

Emmanuel Ministries – eine

Gemeinde vor Ort –, die uns

als Freunde und Partner begleitet

und unterstützt hat.

Verrückte Motorradtouren mit

Freunden. Die bengalische

Gemeinde wächst und ist ein

Ort, an dem sich Slumbewohner,

Waisen- und Strassenkinder

sowie Prostituierte wohlfühlen.

Ausflüge mit Frauen

aus den Slums. Die Anpassung

von Timon an Klima, Chaos,

Menschenmengen, Lärm, Essen

usw.

Die letzten Monate waren die

härteste Zeit, die wir in Kalkutta

erlebten: Gesundheitlich

ging es uns sehr schlecht,

es gab vieles, das uns belastet

hat. Der ganze Hauskauf war

sehr kräftezehrend, es gab Probleme

mit einem Leiter von

ConneXions, was viel Geduld

und Verständnis gekostet hat.

Das Bild eines Marathons

kommt uns in den Sinn: Das

letzte Stück ist das härteste,

man muss durchhalten. Man

muss kämpfen, um das Ziel zu

erreichen. Durch diese letzten

schwierigen Monate wird

uns bewusst, wie uns Gott in

den letzten Jahren gesegnet

und bewahrt hat. Wir erkennen, wie

gut Gott zu uns über all die Jahre war.

Es hätte ja immer so ein Kampf sein

können. Wir sind Gott sehr dankbar!

... und Einzug

Das gekaufte Haus für ConneXions

ist einzugsbereit! Renoviert sieht es

fast wie neu aus und alle Frauen freuen

sich riesig. Etwa achtzig Frauen aus den

Slums arbeiten Voll- oder Teilzeit bei

ConneXions. Das Zentrum empfinden

sie als Zufluchtsort in ihren harten Lebensumständen.

Ein eigenes Haus gibt

noch mehr Möglichkeiten, Slumbewohner

mit Jesus in Berührung zu bringen.

ConneXions wird ohne uns weitergehen

mit einem einheimischen Team von

Leitern, der Unterstützung unserer lokalen

Partnerorganisation Emmanual

Ministries und des Servants-Teams: Jenny

aus den USA und Kate aus Grossbritannien

sind sehr motiviert und haben

viele neue Ideen und Visionen, Menschen

aus dem Slum zu erreichen. Ab

Februar wird noch Jo aus den USA zum

Team dazustossen.

Das Bild eines Marathons

kommt uns in den Sinn:

Das letzte Stück ist das härteste,

man muss durchhalten.

Man muss kämpfen, um das Ziel

zu erreichen.

Wir werden für Besuche nach Kalkutta

zurückkehren, uns aber vorerst in

der Schweiz niederlassen. Ende Februar

erwarten wir unser zweites Kind! Uns

wieder in der Schweiz zurechtzufinden,

die Bedürfnisse und Sorgen der Leute

zu verstehen und uns anzupassen, wird

für uns eine grosse Herausforderung

sein, nachdem wir so lange in einem

ganz anderen Umfeld gelebt haben. Wir

haben so vieles erlebt, gesehen und gemacht,

was die meisten nicht werden

nachvollziehen können. Bitte betet für

uns und auch weiterhin für die Armen

in Kalkutta und für ConneXions – dass

Jesus für arme Menschen sichtbar wird!

Trotz unserer Rückkehr in die Schweiz

bleibt es unsere Leidenschaft, mit Armen,

Ausgestossenen und Notleidenden

unser Leben zu teilen. Wir fühlen

uns von ihnen angenommen und geliebt.

In ihnen sehen und erleben wir

Jesus. Ab Januar werden wir deshalb ein

Transportunternehmen übernehmen,

das Hilfsgütertransporte nach Rumänien

durchführt. Wir freuen uns, dieses

Volk und Land kennenzulernen, Gemeinden

zu besuchen, einen kleinen Teil

beizutragen, um die Not in Osteuropa zu

lindern.

2 3

M. & K.


Burma

P h i l i p p i n e n

O N E S I M O

Hoffnung trotz Ohnmacht

in Burma

Im Herbst verbrachte ich eine spannende und traurige Woche

in Burma als Konsulent der WHO, genau als die Proteste

anwuchsen und die brutale Antwort der Militärjunta einsetzte.

Im April 2007 schritt dieser buddhistischer Mönch noch leichtfüssig

über den Hof der berühmten Shwedagon-Pagode

Die Regierung hob den Benzinpreis auf

das Fünffache an, was eine Teuerung

auslöste. Der Reis wurde um ein Drittel

teurer, sodass ein Fabrikarbeiter nun

rund die Hälfte seines Lohnes für Reis

braucht, die Familie noch nicht eingeschlossen.

In Burma hungern Millionen,

viele haben nur noch Reiswasser

als Nahrung.

Zwischen Luxus und Armut

Um vor Protesten sicherer zu sein,

liess die Regierung im Urwaldgebiet eine

neue Hauptstadt bauen. Die Beamten

wohnen in teuren Wohnanlagen,

während ihre Familien immer noch in

der alten Hauptstadt leben, die 320 Kilometer

entfernt ist. Zusammen mit anderen

TB-Spezialisten fuhr ich auf fast

verkehrsfreien, überdimensionierten

Strassen an protzigen Ministerien vorbei

und besuchte den stellvertretenden

Leiter des Gesundheitsministeriums. Wir

erklärten freundlich, dass die Regierung

bedeutend mehr Geld für TB-Medikamente

investieren muss, weil die WHO

ihre Gratislieferungen einstellen wird.

Die Militärjunta ist sehr reich und herrscht

über ein verarmtes Land – eines der

korruptesten und am stärksten unter-

drückten Länder. Ich erinnere mich,

wie Wut und Traurigkeit in mir aufstiegen:

Ich sass in meinem Zimmer in

einem Luxushotel, schaute auf einen

blauen Swimmingpool hinunter und

sah im CNN eine Burmesin, die an die

Welt appellierte, Burma nicht im Stich

zu lassen.

Nichts mehr zu verlieren

Gut einen Monat später las ich

einen Artikel in der Washington Post

von einem Leiter der Protestbewegung.

Der mutige Mann lebt nun im Untergrund

und setzt den harten Kampf für

ein freieres Burma fort. Er schreibt: «Wieder

wurden die Strassen von Rangoon

und Mandalay rot gefärbt vom Blute

unschuldiger Zivilisten. Hunderte unserer

Mönche und Nonnen wurden verprügelt

und verhaftet. Viele wurden ermordet.

Wir haben nichts mehr

zu verlieren und sind darum

furchtlos.

Dass Tausende Geistliche verschwunden

sind, ist alarmierend. Unsere

heiligen Klöster wurden geplündert und

zerstört. In der Dunkelheit der Nacht

versuchen Spezialtrupps der Junta, politische

und religiöse Leiter zu verhaften.

Eine Fassade der Ruhe hat das Getöse

von Gewehrschüssen ersetzt. Ich werde

gefragt, ob ich entmutigt sei und ob die

Kämpfe für Demokratie am Ende sind.

Meine Antwort ist zweimal Nein. Ich

habe Ehrfurcht vor dem Mut von so

vielen, inbegriffen auch Sicherheitsagenten

der Junta, die heimlich Leiter

der Protestbewegung und mich beherbergten.

Und ich habe beobachtet, dass

viele unter den Militärs und Polizisten,

angeekelt von dem, was sie ihren Landsleuten

antun mussten, uns nun unterstützen.

Das Hauptinstrument der Generäle

– ein Klima von Furcht und

Gewalt – verliert seine Wirkung: Wir

haben nichts mehr zu verlieren und

sind darum furchtlos. Wir halten uns

an Gewaltlosigkeit, aber unser Rückgrat

ist aus Stahl. Es gibt kein Zurück mehr.

Es kommt nicht wirklich darauf an, ob

mein Leben oder die Leben von Kollegen

auf dem Weg geopfert werden sollten.

Andere werden unsere Sandalen

anziehen, mehr werden kommen und

mitziehen.»

Von der Christenheit hat man leider

wenig gehört während der vergangenen

Monate. Servants hofft, in gut

einem Jahr ein Team in Burma starten

zu können.

Christian Auer

Gebären im Slum, zu welchem Preis?

In den Slums wählen die Mütter den Geburtsort aus folgenden

Möglichkeiten: Zu Hause mit einer traditionellen Hilfshebamme,

die oft Fehler machen, oder mit einer ausgebildeten Hebamme,

was aber mehr kostet. Oder eine Geburtsklinik.

Joey und seine Frau Janis

Die öffentlichen Spitäler sind recht billig,

aber oft herrschen dort Hektik und

Lieblosigkeit: «Tu nicht so dumm, mach

die Schenkel auf und presse!» Manche

Hebammen drücken auf die Bäuche der

Schwangeren, um die Geburt zu beschleunigen

und führen viele unnötige

Dammschnitte durch.

Geburt bei uns zu Hause

Joey hat vor einigen Jahren bei

Onesimo ein neues Leben angefangen

und nun freut er sich darauf, Vater zu

werden. Als Broterwerb sammelt und

verkauft er leere Flaschen und Altpapier.

Sein Einkommen reicht nicht einmal

für das Nötigste, etwa für Ausgaben,

die mit einer Geburt anfallen. Da meine

Frau Janice Hebamme ist, hat sie der

jungen Janis angeboten, zur Geburt zu

uns zu kommen. Sie ist noch keine

zwanzig Jahre alt und zierlich gebaut.

Darum sind wir etwas nervös. Aber bald

ist ein gesundes, schönes Mädchen geboren.

Janis lächelt erschöpft, Joey strahlt

und ich bin stolz auf Janice und ihre

wertvolle Hilfe.

Für Säuglinge in den Slums ist das Stillen

besonders wichtig. Dies ist während

den ersten Tagen nicht einfach und

die Mütter brauchen Unterstützung. Als

Janis sehr Mühe mit Stillen hat, nehmen

wir die drei bei uns auf. Nach fünf Tagen

geht es recht gut und sie können wieder

heim in ihr 1 x 2 Meter grosses Zimmer.

Unsere Zukunft: in der Schweiz

Seit einem Jahr machen wir uns

Gedanken über meine älter werdenden

Eltern. Für viele Filipinos ist es klar,

dass man für die Eltern sorgt. Hier gibt

es nur sehr wenige Altersheime. So diskutierten

wir dies im Frühling in der

Schweiz. Es ergab sich, dass nur fünfzig

Meter von meinem Elternhaus entfernt

ein Haus mit kleinem Garten günstig

zu kaufen war. Grosszügig bot mein

Vater an, es für uns zu erwerben. Nach

gründlichen Überlegungen und Gebet

hat uns Folgendes zu einem Ja bewogen:

unsere Verantwortung für die Eltern;

Gesundheitsprobleme von Janice (sie

leidet hier immer mehr an Schnupfenanfällen

und Asthma, in der Schweiz

war sie völlig gesund) und meine

schlechte finanzielle Situation hier. Unser

spannendes und erfüllendes Leben

in Manila wird so im Sommer 2008 zu

Ende gehen. Janice wird vorher noch

ihre Ausbildung zur Krankenschwester

abschliessen und das Staatsexamen absolvieren.

Christian Auer

4 5


P h i l i p p i n e n

L I L O K

Armut – und kein Ende?!

Die Armut in Manila, meiner «zweiten Heimat», ist mir in den letzten Jahren immer weniger

aufgefallen: Menschen in Armut sind hier in der Mehrheit – keine Randgruppe, die aus dem

Rahmen fällt. Und wenn ich diese Menschen besser kennenlerne, nehme ich in erster Linie

ihre Menschlichkeit wahr und nicht ihre Armut.

Jede fünfte philippinische Familie leidet an Hunger

Armut schlägt ins Gesicht

In diesen Tagen springt mich die

Armut jedoch an. Zu viele Menschen

sind gezeichnet von einem zu harten

Leben: Sie sind von ihrem Kampf ums

Überleben frühzeitig gealtert, leidgeprüfte

Gesichter, stumpfe Haut. Männer

im besten Alter sitzen tatenlos herum

– als unqualifizierte Arbeitskraft

finden sie keinen Job mehr, mit 28 Jahren

gilt man bereits als overaged. Übrig

bleiben Jobs, die so wenig abwerfen,

dass man als Einzelperson kaum überleben

kann, geschweige denn als Familie.

Sehr viele Arbeiter verdienen sogar

weniger als den staatlichen Mindestlohn;

selbst ein völliger Hungerlohn!

Wie man so lebt? Das kann keiner sagen.

Von der Hand in den Mund –

buchstäblich. Und wenn nichts in der

Hand ist, kommt auch nichts in den

Mund. Vielleicht hat ja eine Nachbarsfamilie

etwas mehr Reis im Topf als

sonst. Irgendwie muss es halt gehen. So

beschreiben es mir meine Nachbarn.

Selbst wenn es irgendwie geht, es bedeutet

oft Unterernährung und anderen

Mangel.

Ich war gefangen (in Armut?) –

und ihr habt mich besucht

Der 17. Oktober ist der internationale

Tag der Armut. Jedes Jahr suchen

wir uns einen Ort, an dem die Armen

selbst zu Hause sind und gestalten einen

Rahmen, in dem sie sich wohlfühlen.

Diesmal feierten wir unter der grossen

Brücke in Quiapo, wo viele unserer

Freunde obdachlos und in verzweifelter

Armut leben. Platz ist auch hier ein

kostbares Gut: Wir finden einige Parkplätze

zwischen Markt und Brücke.

Zwischen geparkten Autos, Abfallhau-

fen, baufälligen Hütten, Marktständen

und einer undefinierbaren, stinkenden

Lache versammeln wir uns. Wir, das sind

Servants und Freunde aus Partnerorganisationen

sowie deren Freunde aus verschiedenen

Armenvierteln der Stadt.

Innerhalb kürzester Zeit scharen sich

viele Menschen um uns: Jede Unterhaltung

ist willkommen und, wer weiss,

vielleicht gibt es ja sogar etwas gratis!

Besonders Kinder strömen herbei,

sie kennen einige von uns durch das

Programm Onesimo Kids. Ich selbst

habe einige Bekannte hier, wofür ich

dankbar bin. Denn ich finde es schwierig,

mit solcher Armut konfrontiert zu

sein und niemanden persönlich zu

kennen. Wir singen einige Lieder mit

sozialkritischem Inhalt über die Philippinen,

die gleichzeitig einen gesunden

Nationalismus betonen. Ein Lied handelt

davon, wer eigentlich entscheiden

kann, ab wann ein Gebäude wirklich

ein Haus ist. Hier, unter der Brücke von

Quiapo, hat diese Frage eine schmerzhafte

Relevanz. Nach den Liedern machen

wir einige Spiele mit den Anwesenden

und tauschen miteinander unsere

Gedanken über ein Gedicht aus. Später

wird Strassenmalkreide verteilt, wir werden

eingeladen, unsere Träume von

einer besseren Welt auf den Boden zu

zeichnen. Solche Bodenkreide ist etwas

Neues, die Begeisterung fliesst beinahe

über. Plötzlich jedoch kommt eine Ruhe

in die Menge. Viele kauern am Boden

und zeichnen mit sicherer Hand. Die Situation

erinnert mich an die Gebete an

der Klagemauer in Jerusalem: Auf dem

Asphalt entstehen ein Haus und ein

Dach nach dem anderen. Blumen in

allen Farben spriessen und Familien

wohnen mit allen Mitgliedern zusammen

und essen an Tischen! Da gibt es

Bäume und viele Herzen und Menschen,

die sich an den Händen halten. In kleinen

Grüppchen, die miteinander zeichnen,

entstehen zarte Pflanzen der

Freundschaft zwischen bisher Fremden.

Zum Abschluss essen wir miteinander

Snacks. Es entsteht ein Chaos. Viele befürchten,

leer auszugehen. Dieses Verhalten

nervt mich, ist aber nicht grundlos

egoistisch. Hier unter der Brücke

gehen die Menschen allzu oft leer aus.

Und leer heisst hier ganz leer, nichts.

Denn nichts reicht jemals für alle! Von

nichts gibt es genug (ausser von Abfall

und Abgasen).

Gerade darauf will der Tag der Armut

hinweisen: Es gibt zu viele Menschen

in dieser Welt, die hoffnungslos zu

kurz kommen! Oder gibt es zu viele

Menschen, die schon zu lange einen

Reichtum anhäufen, der ihre wirklichen

Bedürfnisse längst übersteigt? An einem

Tag wie heute tun mir solche Gedanken

körperlich weh.

Mittlerweile ist es dunkel geworden. Wir

räumen die Lautsprecher ab und packen

zusammen. Die Erfahrung war überwältigend

und gleichzeitig unglaublich wertvoll.

Ich plaudere noch mit Zenaida,

einer Mutter von sechs Kindern. Sie

haben vor Kurzem ihre Hütte bei einer

Räumung verloren und nichts, wo sie

sonst hinziehen könnten. Ausserdem

sind ihre Kinder hier in der Schule und

das wollen sie nicht unterbrechen.

Zenaida fiel mir schon früher durch

ihre Ordentlichkeit und Geradlinigkeit

auf. Sie strahlt Frieden aus. Ich weiss

nicht, wie die Familie überlebt. Der Vater

ist seit drei Monaten im Gefängnis. Er

war im falschen Moment mit Drogendealern

im Kontakt und wurde mitgeschnappt.

Es ist schwierig zu beweisen,

dass er mit dem Geschäft nichts zu tun

hat. So trägt Zenaida alle Verantwortung

für die Familie und muss auch das

Geld alleine verdienen. «Ich kann mich

nur an Gott anlehnen», seufzt sie, und

ich weiss, dass dies ihre grösste Zuversicht

und Hoffnung ist.

Ich merke, dass unser Besuch den Menschen

hier gut getan hat, auch wenn

sich äusserlich gar nichts verändert.

Hier zu feiern, wird als Akt der Solidarität

empfunden – und dies allein hat

grossen Wert. Ein Besuch und etwas

Zeit verbringen beweist Interesse und

Freundschaft. Aber ehrlich gesagt, komme

ich hier in Quiapo immer reicher

beschenkt weg, als ich gekommen bin.

Eindrücke von zwei Teilnehmern

am Tag der Armut in Quiapo

«Ich dachte bisher, ich sei Armut

gewohnt. Aber hier in Quiapo ist das

nochmal ganz anders.»

«Unsere Familie ist auch sehr arm,

aber alle wohnen in einem Haus (Haus

bezeichnet oft eine schäbige Hütte). Aber

wir haben keinen Kontakt zueinander.

Von meinen Grosseltern weiss ich nur

ungefähr, wo sie leben und dass sie fast

nichts haben. Ich will nicht, dass jemand

in unserer Familie so auf der Strasse

endet. Ich nahm bereits am nächsten

Tag Kontakt mit einigen Familienmitgliedern

auf. Ich will wissen, wie es

ihnen geht. Wir gehören doch zueinander

und brauchen einander.»

Regula Hauser

6 7


P h i l i p p i n e n

L I L O K

P h i l i p p i n e n

O N E S I M O N E W S

P h i l i p p i n e n

O N E S I M O

Veränderung ist möglich?!

Zweieinhalb Monate war ich dieses Jahr in der Schweiz und habe

die Zeit sehr genossen! Es tat mir gut, Zeit mit Familie und

Freunden verbringen zu können und zu spüren, dass ich trotz

der drei Jahre, die ich inzwischen weg bin, tiefe Wurzeln zu

Hause habe. Ich fühle mich getragen und verstanden. Was für

ein Geschenk, Menschen zu haben, die hinter mir stehen!

Simon Fankhauser mit Filipinos

Dankbar – oder gierig?

Neu berührt war ich ebenfalls von

der Schönheit und auch Gepflegtheit

der Natur, mit der wir in der Schweiz

gesegnet sind. Ruhe, frische Luft, Alpenwiesen,

saubere Flüsse, ein geordnetes

Leben – alles Dinge, die in dem Stadtdschungel

von Manila nicht zu finden

sind. Etwas bedenklich gestimmt hat

mich aber der materialistische Trend in

der schweizerischen Gesellschaft. Vielleicht

war das schon früher so, und es

fällt mir erst durch mein Wegsein auf?

Überall neue, moderne Bauten, auf den

Immer wieder begegne ich

Menschen, die noch nicht ganz

aufgegeben haben. Menschen,

die Hoffnung in sich tragen, dass

eine bessere Zukunft möglich ist.

Strassen grosse, glänzende Autos, in der

Stadt gestylte Geschäftsleute, die ununterbrochen

mit dem Handy telefonieren,

überall Werbung, die noch mehr

und noch bessere Produkte anpreist.

Ich frage mich nur, ob wir Schweizer

durch all den Überfluss überhaupt noch

wahrnehmen, wie reich wir schon

gesegnet sind und dafür dankbar sein

können? Oder ob unser Streben nach

noch mehr Erfolg und materiellen Dingen

uns noch tiefer in Überarbeitung

und Überforderung am Arbeitsplatz, Vereinsamung,

Vernachlässigung der Familie

und moralische Armut führt?

Die Versuchung, aufzugeben

Wobei, ein Paradies auf Erden gibt

es ja bekanntlich (noch) nicht. Die Philippinen

sind ganz bestimmt auch noch

weit davon entfernt. Das wird mir neu

klar, seit ich Mitte Oktober wieder zurück

bin: Nagende Armut und Verwahrlosung

von immer mehr Menschen,

das Chaos und der Dreck auf der Strasse

und die vielen Armenviertel, all das

schlägt mir neu wie eine Faust ins Gesicht.

Wie können die Menschen hier

nur so leben? Eine mögliche Antwort ist,

dass viele gar keine Wahl haben und

von den Umständen so abgestumpft

sind, dass sie gar nichts anderes vom Leben

erwarten.

Doch auch immer wieder, sei es in der

Nachbarschaft von San Roque, wo ich

wohne, oder unterwegs, begegne ich

Menschen, die noch nicht ganz aufgegeben

haben. Menschen, die Hoffnung

in sich tragen, dass eine bessere Zukunft

möglich ist, und die selber auch etwas

dazu beitragen können und wollen. Das

gibt auch mir wieder Hoffnung, dass

mit Gottes Hilfe Veränderung möglich

ist und er unter uns seine neue Welt bauen

will. Das ist auch ein Grund, warum

ich ab November dieses Jahres eine Teilzeit-Weiterbildung

im Bereich von Community

Development (Veränderung von

Gemeinschaften wie z.B. Armenquartieren)

beginne. Durch diese Ausbildung

möchte ich verschiedene Ansätze lernen

und dann auch gleich in meinem

Alltag anwenden. Damit mit Gottes Hilfe

mehr Veränderung, wenn auch nur

im Kleinen, geschehen kann. Daneben

werde ich wie bisher im Lilok-Erwachsenenkurs

mitarbeiten.

Simon Fankhauser

Von der Müllhalde

zu Onesimo

Hier zwei Beispiele ehemaliger

Drogensüchtiger, die bei Onesimo

ihr Leben neu geordnet haben:

Wiedersehen zu Hause

Alejandro ist ein ehemaliger Schulaussteiger,

Leimschnüffler und Dieb von

der Müllhalde in Payatas. Im Sommer

trat er in die Lebensschule von Onesimo

ein. Zwei Monate später durfte er zum

ersten Mal seine Familie im Slumdorf

besuchen. Hier sein Bericht: «Auf der

Hinreise fragte ich mich, was meine Familie

beim Wiedersehen wohl sagen

wird. Auf dem Weg zur Hütte begegnete

ich meiner Tante. Sie meinte voll Freude,

ich sei kaum wiederzuerkennen, weil

ich so stark geworden bin. Dann sah ich

ein paar meiner alten Freunde. Als ich

ihnen erklärte, dass ich bei Onesimo

bin, machten Sie Witze und meinten,

wir könnten nochmals zusammen Leim

schnüffeln. Auch meine Grossmutter

war überglücklich darüber, wie ich mich

verändert hatte! Die Freude bei meiner

Mutter und meinen Geschwistern war

schliesslich unbeschreiblich. Sie stellten

hundert Fragen und hörten gespannt

zu, als ich ihnen von meinen Erlebnissen

erzählte. Nur mein Vater war leider

nicht zu Hause.»

Jimmy und seine Frau

Zehn Jahre später

Jimmy trat vor zehn Jahren als

Drogensüchtiger bei Onesimo ein. Er fuhr

vorher als «Jumper» auf den Müllwagen

mit, um zu helfen, die wertvollsten Abfälle

zu ergattern. Nun lernte er ein normales

Leben zu führen und besuchte

wieder die Schule. Nach zwei Jahren half

er als Mitarbeiter mit. Als er seine Frau

kennenlernte, verliess er die Gemeinschaft

und zog nach Payatas. Heute berichtet

Jimmy: «Ich habe zwei Kinder und eine

liebe Frau. Wir vertrauen und lieben einander.

Obwohl ich wieder als Müllsammler

arbeite, habe ich nie mehr Drogen genommen.

Die Hilfe von Onesimo werde

ich nie vergessen. Ich gehöre heute zur

Leuchtturm-Gemeinschaft und treffe

mich wöchentlich mit anderen Christen.

Der Weg mit Gott ist auf eine Weise

schwieriger als ohne ihn. Aber wir helfen

einander in unserer Armut. Die Versuchungen,

die Gott mir zumutet, sind

nie zu gross, dass wir sie nicht gemeinsam

bewältigen könnten.»

Arnold Talha, Mitarbeiter von Onesimo

Geliebte Menschen blühen auf

Auch unser fünftes Jahr in Manila verging wieder wie im Flug. Obwohl wir mit Sprache und

Kultur nun ziemlich vertraut sind, schaffen die Unterschiede immer wieder

Probleme, was dann zeitweise auch Heimweh auslöst.

Ausflug der Leuchtturm-Gemeinschaft

Wir freuen uns sehr über die monatlichen

Treffen der Leuchtturm-Gemeinschaft

für junge Familien und über die

jährliche Freizeit. Oft dürfen wir Trauzeugen

und Paten sein. Wir besuchen

die Familien regelmässig, hören von

ihren Freuden und ihrem Kummer und

beten mit ihnen. Wir möchten, dass

noch mehr junge Familien für Kamay

Krafts arbeiten. Diese Kooperative wurde

von Servants gegründet und verkauft

Produkte aus den Slums in westliche

Länder wie etwa die Taschen aus Safttüten.

Über hundert Familien verdienen

sich damit ihren Lebensunterhalt. Dank

Heimarbeit können die Mütter zu Hause

arbeiten und bei ihren Familien bleiben.

Die Workcamps für die Jungen und

Mädchen, die neu bei Onesimo aufgenommen

werden, waren wieder spannend.

Es ist sehr schön, zu beobachten,

wie sie sich in kurzer Zeit positiv verändern

und aufblühen, weil sie nun

Liebe und Fürsorge durch Gottes Gnade

erfahren.

Tod aus Verzweiflung?

Leider werden wir auch mit tragischen

Ereignissen konfrontiert. Rolando

war zwei Jahre bei Onesimo, bevor

seine Freundin schwanger wurde. Als

junger Familienvater war er in der

Leuchtturm-Family und nahm unlängst

an einem Familiencamp teil. Kürzlich

hat er sich angeblich im betrunkenen

Zustand erhängt. Er hinterlässt seine

Partnerin und die zweijährige Tochter.

Wir waren sehr bestürzt und gute Freunde

hielten das nicht für möglich, auch

weil man in der niedrigen Hütte auf

den Knien kriechen muss. Die Autopsie

ergab keinen Hinweis auf Fremdeinwirkung,

die Polizei wurde aber nicht beigezogen.

War es wirklich eine Verzweiflungstat?

Die Wahrheit kennt nur Gott.

Weiterbildung für Mitarbeiterinnen

Wir freuen uns sehr über Jonelyn,

die bei Lilok arbeitet und ein Seminar über

informellen Unterricht besucht. Damit

wird sie Jugendliche unterrichten können,

welche die Schule abgebrochen haben und

ihre fehlende Schulbildung nachholen

können.

Jessica absolviert sehr erfolgreich

ihre Ausbildung zur Sozialarbeiterin. Sie

ist auch oft Anlaufstelle für Menschen

in Not. Als die sechsjährige Melanie mit

einer schweren Gehirnentzündung ins

Krankenhaus gebracht wurde, kamen die

Eltern zu ihr. Sie brauchten dringend

Geld für Spital und Medikamente. In

solchen Fällen hilft Servants. Die Spenden

können zu hundert Prozent für

Menschen in Not und für Projekte in

Slumgemeinden verwendet werden. Dazu

berät sich eine kleine Gruppe unter

Gebet sehr sorgfältig, wo die Hilfe am

sinnvollsten ist. Auch Melanies Eltern

erhielten Geld. Trotzdem mussten sie

ihre beiden Tricycles verpfänden, mit

denen sie ihren Lebensunterhalt verdienten.

Aber Melanie ist wieder vollständig

gesund und dafür danken wir

Gott.

Ingrid & Lothar

Weissenborn

8 9


P h i l i p p i n e n

O N E S I M O K I D S

Transformation durch

Kinder und Eltern

Seit einiger Zeit merkte ich, dass meine Energie schwindet. Darum

besuchte ich als persönliche Retraite im Herbst einen Kurs.

Dabei ist mir neu klar geworden, dass das Sein vor dem Tun

kommt und dass ich lernen will, zu sein, und zwar nicht nur,

um vom Tun auszuruhen oder um mich aufs Tun vorzubereiten.

blieb lange sitzen und weinte. Bei Gott

ist es nie zu spät für Veränderung.

Das Familienlager ist immer eine herausfordernde

Zeit, aber auch eine Zeit

der vielen kleinen Wunder und Ermutigungen.

Wir müssen lernen, uns selbst

in den Hintergrund zu stellen, damit

wichtige und schwierige Prozesse in Gang

kommen. Wir reflektieren viel über dieses

Distanzieren und müssen uns selbst

gut kennen, damit wir nicht unsere eigenen

Bedürfnisse in den Vordergund

stellen.

Wir möchten eine organische

Kirche in der Strassennachbarschaft,

wo Kinder und

Eltern zu Agenten der Transformation

werden.

Servants CH

K O N F E R E N Z C H R I S T N E T

Die Schweiz –

bekannt für ihre

Barmherzigkeit?

ChristNet ist ein Forum von Christen,

das sich mit Sozialem, Wirtschaft,

Umwelt, Kultur und Entwicklung

auseinandersetzt. Am 22. September

2007 fand in Bern die fünfte Konferenz

mit knapp hundert Teilnehmern

statt.

Hanspeter Nüesch von Campus für

Christus rief zu grosszügigerem Teilen

auf und vermutete, dass dies eine geistliche

Erneuerung bewirkt. Scott Mac-

Leod, Autor von «Der Löwe des Lichts»,

wies darauf hin, dass sich die Schweizer

zwischen Materialismus und Barmherzigkeit

entscheiden müssen und ermutigte

die Anwesenden, daduch weltweit

zum Segen zu werden. In politischen

Kurzreferaten und Workshops wurde

die Schweizer Politik auf Barmherzigkeit

und Materialismus untersucht; christliche

Werte, die auf dem Wirtschaftsaltar

geopfert werden. Sieben Thesen von

ChristNet empfehlen dagegen Gottvertrauen

und persönliche Hinwendung

zur Barmherzigkeit. Im Wahljahr 2007

forderte ChristNet den Bundesrat mit einer

Petition auf, das Teilen ins Zentrum

der schweizerischen Politik zu rücken.

www.christnet.ch

P h i l i p p i n e n

O N E S I M O N E W S

Sozialamt drängt Onesimo an den Rand

Onesimo braucht wie alle Jugendhilfswerke in Manila eine Lizenz vom Sozialamt.

Dazu muss eine Liste von Bedingungen erfüllt werden wie die Anzahl

Sozialarbeiter, feuersichere Unterkünfte und saubere sanitäre Einrichtungen.

Weil dies mitten im Slum nicht erfüllbar

ist, fordert nun das Amt, alle Unterkünfte

von Onesimo bis in einem Jahr

aus den Slums hinauszuverlegen, um

die Lizenz nicht zu verlieren. Nur zwei

der acht Gemeinschaften befinden sich

in Randzonen und erfüllen die Auflagen.

Die anderen sechs Häuser stehen im

Herzen von Armenvierteln. Die Erfahrungen

damit sind gut. Die Jugendlichen

bleiben in ihrem sozialen Umfeld

und rehabilitieren sich in der realen

Welt der Armen und nicht in einer hüb-

schen Mittelklassumgebung, wo sie den

Familienkontakt verlieren und vor Heimweh

wieder ausreissen! Zudem haben

die Gemeinschaften auch eine positive

Ausstrahlung auf den Slum. Dies ist Teil

des erfolgreichen Konzepts von Onesimo.

Nun suchen wir nach neuen Lösungen

und hoffen, diese in den nächsten

Servants News näher vorstellen zu

können.

Christian Schneider

Friedlicher Wettstreit im Sport

Am 20. Oktober trafen sich 180 Teilnehmer

und Freunde von Onesimo zu

einem Sportfest mit Basketball, Volleyball,

Badminton und Schach. Leider wurde

das Gelände aus Versehen gleichzeitig

an eine zweite Gruppe vermietet.

Schliesslich konnte man sich einigen,

Drei neue Zentrumsleiter

die Einrichtungen miteinander zu teilen.

Auf einen geistlichen Input und einige

Lieder folgte ein Wettkampf ganz ohne

Streit und Unfälle. Zum Final am 10. November

bot eine christliche Basketballgruppe

ein unterhaltsames Programm

mit Rap, Breakdance und Spielen.

Drei neue Leiter haben ihre Arbeit in den acht Gemeinschaften von Onesimo begonnen:

Mitarbeiter lernen

Respekt voreinander

Die 29 voll- und teilzeitlichen Mitarbeiter

von Onesimo verbrachten im

Herbst eine Retraite ausserhalb der Stadt.

In Aussprachen, gemeinsamem Gebet

und beim Spiel mit ihren Kindern wurde

ihnen ihre gemeinsame Verantwortung

neu bewusst und der Wert ihrer

unterschiedlichen Begabungen. Der Rahmen

war gut, um schlechte Gefühle

auszusprechen, unnötige Schranken zu

beseitigen, zu vergeben, füreinander zu

danken und sich gegenseitig zu segnen.

Eine Mitarbeiterin sagte: «Es ist ein Vorrecht,

bei der Arbeit Jugendlichen beizustehen

und zu erleben, wie sie uns

wie Brüder und Schwestern werden.»

Jennifer mit ihrem Vater

Zur Zeit bin ich daran, all unsere Programme

in einem Manual zusammenzufassen.

Beim Lesen von alten Konzepten

bin ich auf folgende Vision gestossen:

«Wir sind überzeugt, dass echte Transformation

nicht geschehen kann ohne

Gottes heilende Liebe und Gnade. Darum

möchten wir sehen, wie eine organische

Kirche in der Strassennachbarschaft

entsteht, wo Kinder und Eltern selbst zu

Agenten der Transformation werden.»

Wenn Kinder den Eltern vergeben

Im November fand wieder ein

Familienlager mit Eltern und Kindern

vom Temporary Shelter statt. Vorher besuchte

Jennifer mehrmals ihren Vater,

um ihn zu überzeugen, mitzukommen.

Im Lager hat sich ihre Beziehung entscheidend

verändert. Jennifer konnte

ihrem Vater vergeben und erlebte dabei

ein Stück Heilung. An einem Abend

konnten die Eltern einen Stein in die

Mitte bringen, der all das Schwere und

die Schuld in ihrem Leben symbolisiert.

Dort zündeten sie eine Kerze an, um mit

Gott über alles zu reden. Jennifers Vater

Im November haben wir uns zum

ersten Mal im Drop-in zu einem einfachen

Gottesdienst getroffen, woran etwa

zehn Eltern, zehn Mitarbeiter und über

dreissig Kinder teilgenommen haben.

Wir wollen keine formale Kirche sein,

sondern ein Ort, wo unsere Strassenfamilien

willkommen sind, wo wir einander

ermutigen, herausfordern und stärken.

Neubau bis August

Unser Bauprojekt kommt stetig

voran. Im Herbst wurden Vermessungen

und Bohrungen zur Bestimmung

der Bodenbeschaffenheit durchgeführt.

Die Architektin hat die Detailplanung

abgeschlossen, die nun zum Wettbewerb

an Baufirmen ausgeschrieben werden.

Das Ziel ist, dass wir im nächsten August

einziehen können. Ich freue mich

sehr auf dieses neue Haus, das unsere

Bedürfnisse gut erfüllen wird.

Daniel Wartenweiler

O N E S I M O N E W S

Im September hat der Sturm «Bilis» die

Philippinen heimgesucht. Auch beim

Camp Rock ist dabei ein Schaden von

rund CHF 5000.– entstanden.

Schaden durch umgestürzten Baum

im Camp Rock

Norma: Hausmutter der neuen

Mädchengemeinschaft

Norma ist eine ledige Mutter. Dadurch

kann sie sich gut in die Mädchen einfühlen.

Sie begann einmal eine Bibelschule

und hat eine grosse Leidenschaft

für Gott. Bei Problemen holt sie

sofort Hilfe bei mir oder einer Sozialarbeiterin.

Kürzlich

erzählte sie unter

Tränen, wie die

Mädchen sie ständig

herausfordern

und trotz unermüdlichem

Mahnen

immer wieder

die Hausregeln brechen.

Sie schien nahe

daran, alles hinzuschmeissen.

Ich

ermutigte sie mit

Vorschlägen, wie

sie mit den Mädchen umgehen kann

und betete mit ihr. Sichtlich entspannt

ging sie zurück. Eine Woche später

berichtete sie glücklich, dass alles wieder

normal läuft. Als ich sie einmal

fragte, wie es ihr geht, antwortete sie

mit einem schönen Lachen: «Jahrelang

habe ich genau nach so einem Dienst

Ausschau gehalten. Ich helfe anderen

Menschen, ihren Weg zu finden und

diene damit Gott. Diese Arbeit ist sehr

erfüllend.»

Edison: neuer Hausvater in Letre

Obwohl Edison sein Theologiestudium

aus Geldmangel abbrechen musste, möchte

er einmal Pastor werden. Diese Leidenschaft

steckt in ihm. Er redet viel und

unterhält die Leute mit viel Witz. Manchmal

ist er aber auch sehr still und in sich

gekehrt. Dann hat er persönliche Probleme

oder er ist

traurig, weil einer

seiner hoffnungsvollen

Jungs wieder

ausgerissen ist.

Er ist sehr verantwortungsbewusst

und

beschreibt seine

Motivation

so: «Ich bin

Gott dankbar,

dass er mich zu

Onesimo geführt hat. Meine Geduld und

mein Charakter werden hier herausgefordert

und mein Verstand und meine

Kreativität wachsen. Die Jungen, die mir

anvertraut sind, werden bald anderen von

Jesus erzählen! Veränderungen in ihrem

Leben überwältigen mich mit grosser

Freude. Ich bin bereit, noch viel zu lernen.

Eines Tages werde ich eine Gemeinde

leiten. Aber solange ich gebraucht werde,

bin ich für Onesimo da.»

Richard: neuer Hausvater im

F. Carlos-Viertel

Richard war bisher Mitarbeiter in einer

Slumgemeinde. Seine Frau verdient als

Kindergärtnerin zu wenig, um die

Familie durchzubringen. Ich fragte ihn,

warum er bei Onesimo arbeitet: «Junge

Menschen sind mein grosses Anliegen

und die Jungen von Onesimo brauchen

noch dringender

Hilfe als in meiner

Nachbarschaft. Sie

fordern mich in

meiner Hingabe an

Gott heraus. Ich bin

auch froh um die

regelmässige Liebesgabe

für meinen

Einsatz, damit

haben wir genug

Einkommen für

meine Familie.» Die

ersten Monate musste

er sich hindurchkämpfen, er hatte

die Verantwortung für eine sehr wilde

Bande. Aber er war entschlossen und

voll Glauben. In der Auseinandersetzung

begann er, seine schwierigen Jungs zu

formen.

Dennis Manas,

Leiter Onesimo

10 11


P h i l i p p i n e n

O N E S I M O N E W S

P h i l i p p i n e n

O N E S I M O

Randy starb

an Infektion

Vor sechs Jahren stiess Randy als kleiner

Leimschnüffler von der Müllhalde zu

Onesimo. Nun ist er plötzlich einer Infektionskrankheit

erlegen. Im Juli half er

noch in einem Camp mit. Als er bei

seiner Familie war, litt er plötzlich unter

Fieber und Übelkeit. Sein Vater brachte

ihn ins Spital, wo er kurz darauf starb.

Er hatte eine Infektionskrankheit, die

von Ratten übertragen wird und mit Antibiotika

heilbar wäre. Der Vater wurde

gefragt, warum er nicht sofort Onesimo

benachrichtigte. Randy selbst wollte zunächst

keine Hilfe, weil er niemanden

belasten wollte!

Randy hatte 2006 die Grundschule

abgeschlossen

Echte

Weihnachtsfreude

Weihnachten bedeutet für viele Kinder,

Jugendliche und deren Familien neue

Freude, Hoffnung und handfeste Hilfe.

Im Ausbildungszentrum und in den verschiedenen

Gemeinschaften wurden

kleine Feste gefeiert. Über Neujahr wurden

Kleingruppenleiter in Camp Rock bereits

auf die Sommerlager vorbereitet.

Das Ziel von Onesimo ist, dass das Licht

von Weihnachten immer wieder zu den

Herzen dieser Menschen durchdringt!

Ehemaliges Strassenmädchen mit Mutter

an Weihnachtsfeier von Onesimo

Patenkinder sagen Danke

In den letzten Servants News haben wir Paten für neue Teilnehmer der

Onesimo Gemeinschaften gesucht. Fast alle sind nun finanziell versorgt.

Vielen Dank! Hier berichten wir über zwei der rund dreissig neuen Teenager.

Baby im Abfallsack

Daryll (15) wurde von seinen Eltern

im Stich gelassen, als er noch ein Baby

war. Er lag in einer alten Schachtel in

einem Abfallsack, als eine Frau namens

Joan ihn zufällig fand. Mit Hilfe der Aufsichtsbehörde

versuchte sie, seine Eltern

zu finden und fand heraus, dass sie Drogenhändler

waren. Daryll ist das Jüngste

von fünf Kindern, die alle adoptiert wurden.

Der Vater war im Gefängnis und

die Mutter wurde von einem Polizisten

getötet. Daryll wuchs nun bei Joan und

ihrem Partner auf. Mit der Zeit wurde er

aber schwierig und seine Kameraden und

Lehrer beklagten sich über ihn. Wegen

Diebstahl und Streitereien flog er nach

der ersten Klasse aus der Schule. Joan hatte

nun auch ein eigenes Kind, trennte

sich aber von ihrem Partner. Als alleinstehende

Mutter hatte sie für zwei Kinder

zu sorgen. Um Geld zu verdienen,

verkaufte sie Möbel. Bald zog ein neuer

Freund bei ihr ein, der aber Darylls Verhalten

nicht akzeptierte und ihn oft

schlug. Manchmal verschwand der Junge,

ohne etwas zu sagen, hing mit Freunden

Daryll

in einem Slum herum und bestahl Nachbarn

und Hausangestellte. Die Polizei wies

ihn in ein staatliches Erziehungsheim,

eine Art Kindergefängnis ein. Als ihn Joan

später nicht wieder aufnehmen wollte,

kam er in ein anderes Heim. Die Leiter

konnten Joan ermutigen, ihn doch wieder

zu sich zu nehmen. Aber bald riss er

wieder aus. Auch bei einem weiteren Heimaufenthalt

floh er zurück auf die Strasse.

Nach dieser langen Odyssee lebt er nun

seit dem Sommer in einer Gemeinschaft

von Onesimo. Wir hoffen fest, dass er lange

hier bleiben und sich entfalten kann.

Aufwachsen im Gefängnis

Joan (16) lebte mit der Mutter und

dem Bruder im Stadtviertel Tondo. Ihr

Vater sitzt seit dreizehn Jahren wegen

Mord im Gefängnis. Als sie acht Jahre alt

war, besuchten sie ihn dort. Die Mutter

liess die beiden Kinder beim Vater im

Gefängnis zurück – was heute nicht mehr

erlaubt ist – mit dem Versprechen, sie suche

eine Arbeitsstelle und hole sie dann

wieder. Eine Woche später wurde sie von

einem Auto erfasst und getötet. So lebten

die Kinder im Gefängnis, wo ein Sport-

Joan Borya

Ich weinte, weil mir die Kraft und

der Mut fehlten, etwas an meinem

Leben zu ändern. Danke,

lieber Pate, für Ihre Hilfe für ein

verlorenes Kind wie mich.

und Spielplatz viele Freizeitaktivitäten

erlaubte. Eine Hilfsorganisation ermöglichte

den Kindern den Besuch einer externen

Schule. Als Joan zwölf war, nahm

ein Bekannter des Vaters die Kinder zu

sich, wo noch weitere Halbgeschwister

lebten. Nach sechs Schuljahren wurde

die finanzielle Unterstützung eingestellt.

Dann lebten sie bei einer älteren Halbschwester,

die sie aber nur als Last empfand

und sie für den Tod ihrer gemeinsamen

Mutter beschuldigte. Einmal wollte

sie Joan im Rotlichtmilieu unterbringen.

Als sie realisierte, was mit ihr geschah,

rannte sie weg und lebte von da an mit

Kollegen auf der Strasse, wo sie sich akzeptiert

fühlte. Sie sorgte für ihren Lebensunterhalt,

indem sie Abfall sammelte

und bettelte. Mit den anderen Strassenkindern

zusammen trank sie Alkohol,

rauchte und schnüffelte Drogen, bis sie

zu Onesimo kam. Nun schreibt sie über

ihr Leben: «Ich hatte viele schlechte Gewohnheiten

und nahm Drogen, obwohl

ich wusste, dass dies schlecht für meinen

Körper ist. Manchmal konnte ich nachts

nicht schlafen und grübelte darüber nach,

warum unsere Familie auseinandergerissen

wurde. Auch mein jüngerer Bruder

hatte kein richtiges Zuhause. Ich war verzweifelt,

denn ohne Schulbildung bestand

keine Aussicht darauf, meinem Bruder zu

helfen. Ich weinte, weil mir die Kraft und

der Mut fehlten, etwas an meinem Leben

zu ändern. Danke, lieber Pate, für Ihre Hilfe

für ein verlorenes Kind wie mich.»

Ihrem Vater im Gefängnis schreibt

sie: «Ich bin glücklich, dass ich Gott kennenlernen

durfte und wieder gesunden

Respekt vor Erwachsenen haben kann.

Mein Leben wird neu und dein Wunsch,

dass ich die Schule abschliesse, wird wahr

mit Hilfe von Onesimo

Christian Schneider

IM SLUM ERLEBT

Mein erster Tag im Slum

Christian Schneider hat über zehn Jahre in den Slums von

Manila gelebt und berichtet in loser Folge über seine Erlebnisse,

die er in seinem Tagebuch festgehalten hat.

Schier endlos reihen sich hier die merkwürdigsten

Behausungen über das von

der Tropensonne ausgemergelte und

leicht hügelige Land. Die Sommerluft

flimmert über Tausenden von Wellblechdächern.

Die besten Hütten der Slumbewohner,

die hier zwangsweise umgesiedelt

werden, bestehen aus Backsteinen

oder dünnen Sperrholzplatten. Je weiter

wir uns von der Hauptstrasse entfernen,

desto behelfsmässiger werden die

Unterkünfte, die sich wie eine bunte

Collage aus alten Reissäcken, Plastikplanen

und Pappkartons zeigen und an Bilder

von Flüchtlingslagern erinnern. Ein

beklemmendes Gefühl packt mich; als

Weisser werde ich als reich und somit als

extremer Kontrast zu diesem Ort wahrgenommen.

Wachsende Slums – wachsendes

Elend

Im schweissdurchnässten Hemd

folge ich Rob zum Haus der Familie,

wo ich für die nächsten Monate mein

Zuhause finden soll. Rob ist Australier

und lebt mit seiner Familie seit drei

Jahren hier. Seine Frau Lorraine führt

einen kleinen Kindergarten und eine

Suppen- und Reisküche, wo ausgemergelte

Mütter einmal am Tag ihre unterernährten

Kinder hinbringen. Diese kleine

Hilfe scheint wie ein schlechter Witz

inmitten des Massenelendes. Fast täglich

bringen Lastwagen neue Siedler und

überlassen sie hier ihrem Schicksal. Einmal

mehr entwurzelt, versuchen diese

Leute einen Neuanfang. Der Transport

in die Stadt zu ihren Arbeitsplätzen,

falls sie welche haben, verschlingt ein

Drittel des Lohns, der ohnehin nicht für

ein menschenwürdiges Dasein reicht.

Vom Staat errichtete Wassertanks sind

leer und rosten vor sich hin. Um nicht

zu verdursten, haben die Bewohner Wasserlöcher

geschaufelt. Durch die vielen

Kotgruben in der Erde ist das Wasser

aber stark verschmutzt. 140 000 Menschen

versuchen hier, eine neue Existenz

aufzubauen, bald sollen es doppelt

so viele sein. Manila zählt acht Millionen

Einwohner und platzt aus allen

Nähten. Davon lebt fast die Hälfte in

Hunderten von illegalen Slums. (Heute,

18 Jahre später, zählt Manila fünfzehn

Millionen Bewohner. Die hohe Geburtenrate

unter den Armen und der Zuzug

aus verarmten Provinzen führten zu diesem

enormen Wachstum.)

Unter dem Blechdach

Als ich bei meinen Gastgebern

eintreffe, werde ich von Kindern umringt.

Eine wuchtige Frau baut sich vor

mir auf und scheucht die Kinder weg,

als wären sie ein paar lästige Fliegen.

Sie schaut mir geradewegs in die Augen

und sagt zu mir: «Chris, du bist jetzt

mein Sohn, und ich bin deine Mutter.»

Sie lacht mit rauer Stimme und wirft

etwas versteckt ihren abgebrannten Zigarettenstummel

weg. Instinktiv ahne

ich, dass Mutter hier so viel wie Boss bedeutet.

Sie zieht mich in ihren Wohnraum,

der zugleich als Schlafzimmer, Esszimmer

und Küche dient. Ihr ältester

Sohn hat sechs Jahre lang in der Wüste

von Saudi Arabien gearbeitet, aus dem

Ersparten konnten sie sich einen Kühlschrank

und einen alten Fernseher

kaufen. Der Strom fällt hier aber häufig

aus, manchmal über mehrere Tage. Die

Eltern schlafen auf einem alten Sofa

unter einem kleinen Vordach, Kopf an

Fuss, damit sie überhaupt Platz haben.

Der Sohn Noel und seine Frau Josslin und

ihr sechs Monate altes Baby wohnen,

schlafen und lieben sich auf einem bettartigen

Holzgestell. Drei weitere Kinder

rollen zum Schlafen jeweils eine Bastmatte

aus. Für mich haben sie unter dem

Blechdach einen kleinen, blickgeschützten

Schlafplatz errichtet.

Kinder, die Hilfe brauchen

Nun trifft eine grosse, rothaarige

Frau mit Sommersprossen ein, die sich

extrem von den Filipinos unterscheidet.

Es ist Lorraine, die mich sofort zu ein

paar Krankenbesuchen mitnimmt, weil

sie hofft, dass ich als Pfleger helfen kann.

Wenig später halte ich ein schwer unterernährtes

Baby auf den Armen, das

mich mit grossen, dunklen Augen ansieht.

Sein missgebildeter Wolfsrachen verhindert

die Nahrungsaufnahme. Ohne

professionelle Hilfe wird das Kind sterben.

Aber ein Spitalaufenthalt ist für

diese Familie untragbar. Ich erfahre, dass

es regelmässig Milchpulver von Servants

bezieht. Später haben ehrenamtliche

Chirurgen einer amerikanischen Organisation

das Mädchen operiert.

Lorraine bittet mich, noch nach einem

weiteren kranken Mädchen nebenan

zu sehen. Ein paar Kinder sagen uns,

die Mutter sei zum Arzt gegangen und

würde bald zurückkommen. Bald kann

alles heissen, denn Warten gehört hier

zum Leben. Hier am Äquator bricht die

Nacht nach einer farbenprächtigen

Christian Schneiders erstes Zuhause

Dämmerung sehr schnell herein. Dann

kommen alle aus ihren Hütten zum

Schwatzen, Spielen und Lachen. Wenn

die vielen Moskitos nicht wären, könnte

ich die frische Abendbrise geniessen.

Plötzlich hören wir, wie sich eine Gruppe

Menschen schnell nähert, allen voran

eine junge Frau. In ihrem Arm hält

sie den leblosen Körper ihrer Tochter.

Unendliche Verzweiflung steht der jungen

Mutter im Gesicht. Ihr sechsjähriges

Mädchen sei unterwegs an einem

epileptischen Anfall erstickt. Ich ahne,

dass sich hier niemand wirklich um die

genaue Diagnose oder Todesursache

kümmern wird. Alle drängen sich nun

um das leblose Mädchen, berühren es

ein letztes Mal, beten und weinen laut.

«Merkwürdig: Durch dieses

sinnlose Leiden gewinnen

die Hoffnung und der Glaube

an Gott an Raum.»

Ein normaler Tag

Auf dem Rückweg sind wir stumm

und benommen, jeder in seine Gedanken

versunken, während plärrende Verstärker

von alten, überdrehten Radios,

Fernsehern und das Stimmengewirr unzähliger

Menschen die Nacht im Elendsviertel

beherrschen. Plötzlich sagt Rob

trocken: «Chris, willkommen in Bagong

Silang. Merkwürdig: Durch dieses sinnlose

Leiden gewinnen die Hoffnung und

der Glaube an Gott an Raum.»

Ich will mich schlafen legen, aber

unter mir herrscht ein Riesenlärm. Etwa

vierzig Kids drängen sich um den Fernseher.

Durch jedes Fensterloch zwängen

sich die Köpfe und brüllen. Alle wollen

etwas vom Basketballspiel sehen. Für sie

ist das ein normaler Tag im Leben. Ich

selbst bin zu erschöpft, um noch mitzuschreien

– so gerne ich das zur Ablenkung

getan hätte. Trotz Müdigkeit und

ungewöhnlichem Schlaflager spüre ich

tief in mir einen Frieden. Ich fühle mich

getragen von der Gewissheit, dass ich

am Ort angelangt bin, wo ich hingeführt

wurde. Das ist köstlicher als alles, was

ich mir wünschen kann.

Christian Schneider

12 13


Servants

Servants CH

4 Fragen, 6 Antworten

Christian Auer

Regula Hauser

Katharina Freudiger

Was hat dich 2007 am

meisten berührt?

Die Hoffnung während der

Proteste in Burma, aber auch

die Ohnmacht angesichts

der brutalen Unterdrückungsmethoden

der Junta in Burma.

Ein Projekt wird nicht durch

Reglementierungen und

Strukturen am Leben erhalten,

sondern durch Beziehungen

und Ideen, die in gesunder Gemeinschaft

genährt werden.

Trotzdem ist es wichtig, immer

wieder über die Grundsätze

nachzudenken.

Eine Frau von ConneXions

wurde mit 23 Witwe und seither

mit ihren zwei Kindern

oft ausgestossen und schlecht

behandelt. Unerwartet ist sie

mit einem neuen Ehemann zurückgekehrt;

ihr grösster

Wunsch ist erfüllt worden.

Was würdest du tun,

wenn du Regierungschef

wärst?

Ich würde zu einem radikalen

Neuanfang aufrufen: Landreform,

mehr Geld für Erziehung,

Gesundheit und Landwirtschaft.

Um Streichung der hohen

Auslandschulden verhandeln,

Friedensverhandlungen und

Umweltschutz. Und ich würde

euch um Gebet bitten!

Unter den Bedingungen der

gegenwärtigen Regierungschefin

würde ich sofort zurücktreten.

Den verurteilten Ex-Präsidenten

hätte ich nicht

begnadigt. Für eine wirkungsvolle

Familienplanungspolitik

würde ich Streit mit der Kirche

in Kauf nehmen.

In Kalkutta wüsste ich nicht,

wo beginnen, weil die Not

überall so gross ist. Die einzige

Hoffnung auf Veränderung

ist Jesus und dass sein Königreich

mehr und mehr gebaut

wird.

Was würdest du tun,

wenn du eine Million

gewinnen würdest?

Schöne und leicht luxuriöse

Familienferien, Fahrräder,

Laptop, Computer. Geld für

die Ausbildung unserer Kinder

und unserer Verwandten in

den Philippinen und für den

Unterhalt unseres Hauses in

Bottmingen. Und den Rest hoffentlich

weggeben!

Zuerst staunen! Einen Teil für

die Retreat Farm von Lilok zur

Seite tun und mir ab sofort

keine Gedanken zum Fundraising

mehr machen. Mit dem

Rest würde ich vielleicht eine

Krankenkasse für die Armen

einrichten.

Die Hälfte würde ich armen

Bangladeschis zukommen lassen,

die im Sturm vor ein paar

Tagen Familienmitglieder und

ihr ganzes Hab und Gut verloren

haben. Die andere Hälfte

würde ich christlichen Werken

geben, die das Geld weise einsetzen.

Wie können wir dich in

Europa ab besten unterstützen?

Uns ermutigt sehr, wie Christen

in Basel für die Armen

und Verlorenen sorgen. Und

uns willkommen heissen,

wenn wir ab August in der

Schweiz leben, und gnädig sein

mit uns, wenn wir uns ab

und zu etwas unschweizerisch

benehmen.

Interesse zeigen für Menschen

in Armut. Beten und Glauben.

Fähigkeiten, Finanzen, Kontakte,

Ideen usw. teilen.

Indem ihr versucht zu verstehen,

dass das Wiedereinleben

in der Schweiz eine grosse Herausforderung

für uns ist. Die Arbeit

in Kalkutta braucht weiterhin

Gebet und ConneXions

benötigt Kunden für die handgemachten

Kunstwerke.

Impressum

Servants Switzerland

Rotbergerstrasse 12

CH-4054 Basel

Telefon: +41 61 382 80 30

E-Mail: switzerland@servantsasia.org

Bank: PC 80-2-2, UBS AG, CH-8098 Zürich,

zugunsten von CH29 0023 3233 9078 4640 J

233-907846.40J 233, Servants Switzerland,

CH-4054 Basel

Auflage: 2000 Exemplare

Druck: Job Factory Basel AG

Redaktion: Melanie Böhm, Markus Siegenthaler

Layout: Rita Binkert

Links

www.servantsasia.org

www.onesimo.ch

www.kamay-krafts.org

www.bornpoor.com

Servants Kambodscha

G.P.O. Box 538

Phnom Penh

Cambodia

Telefon/Fax: +855 23 425 045

E-Mail: cambodia@servantsasia.org

Servants Philippinen

P.O. Box AC-569

1109 Quezon City

Metromanila, Philippines

Telefon: +632 926 76 88

E-Mail: philippines@servantsasia.org

Servants Indien

c/o Servants Switzerland

Rotbergerstrasse 12

CH-4054 Basel

Telefon: +41 61 382 80 30

E-Mail: switzerland@servantsasia.org

Steuerabzug

Liebe Freunde, bitte betrachten Sie diesen

Einzahlungsschein nicht als Zahlungsaufforderung.

Er soll für diejenigen

eine Erleichterung sein, die unser

Werk unterstützen möchten. Unser Aufwand

für Druck und Versand der Servants

News beläuft sich im Jahr auf etwa 10 CHF

pro Adresse. Spenden an Servants werden

zu 100 % für die begünstigten Projekte

eingesetzt und lassen sich in der

Schweiz weitgehend von den Steuern abziehen.

Die Abzugsberechtigung gilt auf

jeden Fall bei den Bundessteuern und

bei den Kantonssteuern von Basel-Stadt,

Baselland, Bern, Graubünden und Thurgau.

Bei allfälligen Problemen in anderen

Kantonen rufen Sie uns an: 061 261 71 91.

Internationale Überweisungen

Für Spenden aus dem Ausland an Servants

Switzerland benötigen Sie je nach

Überweisungsformular unsere IBAN-oder

BIC-Nummer:

IBAN International Bank Account

Number: CH29 0023 3233 9078 4640 J

BIC Swift-Adresse: UBSWCHZH80A

Spenden für Onesimo lassen sich in

Deutschland von den Steuern abziehen.

Bankverbindung:

Sparda-Bank Hessen

BLZ: 50090500

BIC: GENODEF1S12

Zugunsten von (IBAN):

DE52 5009 0500 0000 2414 89

AFEK e.V.

Verwendungszweck: Onesimo

Ehrenkodex

Servants Switzerland hat den Ehrenkodex

der Schweizerischen Evangelischen

Allianz unterzeichnet. Dies verpflichtet

zu einer wahren, sachgerechten und

aktuellen Informationspolitik, Datenschutz

in Bezug auf Adressen von Spendern

und Freunden und zum wirtschaftlichen

Einsatz der anvertrauten Mittel

für den statutarischen Zweck.

Servants Switzerland ist Teil der internationalen

Bewegung Servants to Asia’s Urban Poor

Daniel Wartenweiler

Ingrid Weissenborn

Der gewaltsame Abbruch der

Hütten unter der Brücke, der

Tod eines fünfjährigen Jungen,

der überfahren wurde, und

kleine Schritte der Heilung und

Veränderung einiger Familien,

die im Familienlager neue

Hoffnung geschöpft haben.

Am meisten berührt mich fast

täglich, wie die Menschen

in Armut leben und trotzdem

die Freude und den Mut zum

Leben nicht verlieren.

Ich würde versuchen, radikal

gegen Korruption vorzugehen

und existierende Gesetze besser

zu implementieren, welche

der Landreform, Umverteilung

und sozialen Gerechtigkeit

Vorschub leisten.

Unseren Ort von Müll und

Unrat sauber halten und mit

Blumen verschönern.

Kostenfreie Schulbildung für

alle Kinder, die sonst nicht

zur Schule gehen könnten.

In ein lokales Geschäft investieren,

um unsere Arbeit hier

lokal zu finanzieren und somit

die Nachhaltigkeit zu sichern –

auch wenn wir Europäer eines

Tages nicht mehr hier sind.

Mit jeder Lighthouse-Familie

ein Konzept für den Lebensunterhalt

erarbeiten, umsetzen,

zinsfreie Kredite vergeben und

für dieses Projekt jemanden anstellen.

Das Gottvertrauen der

jungen Ehen stärken, damit

deren Kinder später nicht auf

der Strasse leben.

Indem ihr mit uns in persönlicher

Verbindung bleibt

durch E-Mails, Anrufe und Anteilnahme

an unserer Arbeit.

Beten, beten, beten und weiterhin

ein freudiges Spenderherz

haben.

Manila Projekte Indien Projekte

Onesimo

Kambodscha Projekte

Onesimo Patenschaft Fair Trade

Onesimo Kids Administration

Anderes: ________________________________

Lothar Weissenborn

Nach fünf Jahren hier lässt man

nicht mehr alles so nah an

sich rankommen, aber der Tod

von Rolando und die Umstände,

wie es passiert sein soll,

haben uns schon sehr berührt.

Ich habe den Eindruck, dass

hier niemand eine Veränderung

will. Das gesamte Schulsystem

würde ich ändern und

kostenlos anbieten. Man muss

hier lernen, logisch und vorausschauend

zu denken.

Die Million würde ich in

Schulbildung investieren,

denn das ist der erste Schritt

aus der Armut.

Europa ist weit weg, aber das

Gebet, dass uns unser himmlischer

Vater hier durchträgt, ist

eine Kraft, die bis hierher

reicht. Selbstverständlich ist

auch finanzielle Hilfe für Projekte

und Medizin weiterhin

nötig.

14


Besser oder reicher?

«Die Welt wäre reicher, wenn alle versuchten, besser zu werden.

Und die Menschen würden besser, wenn sie nicht länger versuchten, reich zu werden.

Denn wenn alle versuchen, reich zu werden, ist niemand wirklich reich.

Aber wenn alle versuchen, besser zu werden, werden alle reicher.

Alle wären reich, wenn niemand versuchte, reicher zu sein.

Und niemand wäre arm, wenn jeder versuchte, am ärmsten zu sein.

Und jeder würde, was er sein sollte, wenn jeder versuchte, so zu sein, wie er möchte, dass sein Mitmensch ist.»

Peter Maurin

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine