Nebenwirkungen der Strahlentherapie im Becken

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Nebenwirkungen der Strahlentherapie im Becken

a

b

Quelle: Piechota,UKM Münster

Abb. 2: Strahlenbedingte Gewebeschäden verschiedener

Beckenorgane: a) Makroskopisches Präparat einer Blase mit ausgedehnter,

schwerer hämorrhagischer Zystitis (Grad IV); b) Konfluierende

feuchte Epitheliolysen der Haut im Genital- und Analfaltenbereich

während Strahlentherapie (Grad III° RTOG).

Quelle: Riesenbeck

der Bestrahlung auftreten. Es existieren

derzeit weder prophylaktische noch therapeutische

Maßnahmen. Experimentelle

Ansätze wie die Gabe von Pentosanpolysulfat

oder von nicht-steroidalen

Antiphlogistika haben bisher keinen

Eingang in die Klinik gefunden. Als

symptomatische Maßnahme sind Spasmolytika

oder andere Tonus-regulierende

Medikamente (Anticholinergika)

möglich.

An der Harnröhre zeigt sich eine

typische akute Schleimhautreaktion mit

Schmerzen, selten gefolgt von chronischen

fibrotischen Veränderungen, die

zu Strikturen führen können. Für die

Harnröhre liegen wie für die Blase keine

Erfahrungen zu prophylaktischen oder

therapeutischen Möglichkeiten vor.

Vagina: Die Strahlenreaktion entspricht

im wesentlichen der anderer Schleimhäute,

ist jedoch stark hormonabhängig.

Sowohl bei akuter als auch bei chronischer

Kolpitis ist die Applikation von

Östriol-haltigen Vaginalsuppositorien zu

empfehlen. Sie reduzieren Trockenheitsgefühl

und Pruritus.

Früh nach Abheilen der Akutreaktion,

4–6 Wochen nach Abschluss der

Strahlentherapie, sollte durch mechanische

Dilatation (Wiederaufnahme von

Geschlechtsverkehr, Dilatatoren) eine

Prophylaxe der Vaginalstenose aufgenommen

werden.

Ovarien: An den Ovarien ist die Beeinträchtigung

der Hormonproduktion relevant.

Bereits ab Bestrahlungsdosen von

ca. 1 Gy sind Amenorrhoe und Unfruchtbarkeit

möglich. Die radiogene

Menopause äußert sich durch Hitzewallungen,

Stimmungslabilität, Depressionen,

Schlafstörungen, Tachykardie, Dyspareunie,

Pruritus vulvae und Osteoporose.

Therapeutisch kommt die Hormonsubstitution

in Betracht, abgestimmt

auf Alter und Gesamtsituation.

Andere: Die Testes können bei Beckenbestrahlung

fast immer aus dem Bestrahlungsfeld

herausgehalten bzw. speziell

abgeschirmt werden, die Belastung

durch Streustrahlung ist jedoch möglich.

Strahlenreaktionen treten bereits ab Dosen

von 0,15 Gy auf. Die Schädigung der

Stammzellen der Spermatogenese, vor allem

der A-Spermatogonien, führt zu einer

Oligo- oder Azoospermie ab ca. 7

Wochen nach Bestrahlung. Die Dauer ist

dosisabhängig und kann mehrere Jahre

betragen, ab einer Dauer >3 Jahre ist eine

Erholung nicht mehr wahrscheinlich.

Hormonelle Störungen als Strahlenfolge

treten nicht auf.

Die Strahlenreaktionen von Uterus

und Zervix sind nur wenig erforscht;

akut findet sich häufig fötider Ausfluss,

chronisch Schrumpfung und Vernarbung.

Sämtliche im Bestrahlungsfeld liegenden

Hohlorgane (Dünndarm, Dickdarm,

Rektum, Blase, Urethra Vagina,

Uterus) können von Fistelbildungen betroffen

sein, die in der Regel der operativen

Sanierung in spezialisierten Kliniken

und durch Operateure mit besonderer

Erfahrung mit Eingriffen in radiogen

vorbelasteten Gebieten bedürfen.

Zusammenfassung und

Schlussfolgerungen

Die komplexen Strukturen im Beckenbereich

zeigen vielfältige Strahleneffekte.

Eine intensive Aufklärung der Patienten

sowie eine engmaschige Kontrolle und

die individuelle symptomatische Therapie

sind nötig. Studien zur Etablierung

prophylaktischer und therapeutischer

Maßnahmen sind wünschenswert.

Literatur bei den Verfassern

Dr. med. Dorothea Riesenbeck

Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie

– Radioonkologie –,

Westfälische Wilhelms-Universität,

Albert-Schweitzer- Str. 33,48129 Münster

Tel 02 51 / 8 34 - 78 31

Fax 0251 / 8 34 - 73 55

E-mail: riesenbeck@freenet.de

PD Dr. med. vet. Wolfgang Doerr

Leiter Strahlenbiologisches Labor,

Klinik fuer Strahlentherapie,

Fetscherstrasse 74,01307 Dresden

Tel 03 51 / 4 58 - 33 90

Fax 03 51 / 4 58 - 43 47

E-mail: doerr@rcs.urz.tu-dresden.de

Im Focus Onkologie 8/2001

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