Bildungsreise nach Kokkola, Finnland Im Rahmen ... - OSZ Lotis Berlin

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Bildungsreise nach Kokkola, Finnland

Im Rahmen des Leonardo da Vinci Projekts CAREforVET+ ging es nach Kokkola, Finnland. Ziel dieses

Projekts ist es, Unterstützungssysteme (CARE) in der beruflichen Bildung (Vocational Education and

Training) anderer Länder kennenzulernen und auf

die Übertragbarkeit in das eigene Land zu

überprüfen. Deshalb setzte sich das Reiseteam

aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen:

zwei Sozialpädagoginnen, zwei

Schulpsycholog/innen, drei Lehrer/innen incl.

Schulleitung (von unserer Schule Vera Jaspers und

Marie Weise) und eine Polizeibeamtin, die in der

Gewaltprävention arbeitet.

Der Besuch (23. – 29. September 2012) war von

der finnischen Seite sehr gut vorbereitet. Es gab ein prallvolles Programm mit dem Besuch von 5

beruflichen Schulen, einer allgemeinbildenden Schule, eines Eingliederungsprojekts für Menschen

von 6 – 60, der Polizeistation in Kokkola und eines internationalen Jugendbegegnungszentrums.

Darüber hinaus gab es ein Rahmenprogramm mit Führung in der Altstadt von Kokkola, Besuch eines

alten Stadthauses, Führung im Stadtmuseum von Kokkola und Besuch eines typischen finnischen

Sommerhauses. Die finnischen Organisator/innen, vor

allem die Leiterin der Sozialpädagogischen Station von

Kokkola, Anne Eteläaho, gaben sich sehr viel Mühe uns

umfassend zu informieren, uns aber auch die finnische

Kultur nahe zu bringen. Wir erlebten sehr offene

Gesprächspartner, meist Gesprächspartnerinnen, die

alle sehr engagiert Auskunft gaben und ggf. auf

besondere Wünsche unsererseits eingingen.

Gleichzeitig erlebten wir eine außerordentliche

Gastfreundschaft, die uns sehr beeindruckt hat.

Dass das Erziehungssystem in Finnland sehr erfolgreich ist, wissen wir alle seit dem „PISA-Schock“

(Leseweltmeister Finnland). Was nicht so allgemein bekannt ist, ist die Tatsache, dass in Kokkola nur

2,4% (Finnlandweit 2,8%) der Schüler/innen die Schule ohne Abschluss verlassen - nach 9 Jahren

Allgemeinbildung sowie entweder 3 Jahren Gymnasium oder 3 Jahren berufliche Ausbildung. Wir

sind vor allem der Frage nachgegangen, wie die Schüler/innen, die bei uns als besonders

problematisch angesehen werden, dort zu einem Bildungsabschluss hingeführt werden.

Dieses Schüler/innen werden in Finnland als „special-needs-Schüler/innen“ im wörtlichen

(englischen) Sinne angesehen: Hinter allen Bildungsbemühungen und Unterstützungssystemen steht

immer die Frage: Was brauchen die Schüler/innen, um erfolgreich ihren Abschluss zu bekommen?

Nicht die Schüler/innen werden „passend“ gemacht, sondern ihr Umfeld wird verändert, sodass es

für sie passt. Je nach „special needs“, also nach den jeweiligen Bedürfnissen der Schüler/innen –

seien es Motivationsprobleme, Lernschwierigkeiten, Legasthenie, Dyslexie, häusliche Probleme,

Depressionen usw., wird besondere Unterstützung durch Lehrerassistent/innen, Sozialpädagogen,

Krankenschwester (jede Schule hat eine), Psychologen usw. gegeben. Dabei arbeiten alle

Unterstützer/innen gut koordiniert zusammen. Das scheint uns ein wesentlicher Unterschied zu

Deutschland zu sein. Es gibt verlässliche systematische Rückmeldungen, die/der Schüler/in ist sehr

stark eingebunden. Kommt er nicht zum Nachhilfeunterricht, wird sofort nachgefragt, wo er ist. Es


gibt sogar aufsuchende Sozialpädagogen, die Schüler/innen im Extremfall morgens aus dem Bett

holen… Bevor die Schüler/in von der 9. Klasse auf die weiterführende Schule wechselt, sprechen alle

Beteiligten (auch die Eltern) mit den Sozialpädagogen, was die-/derjenige Schüler/in braucht. Es gibt

eine Bildungsbiographie der Schüler/in, die von Schule zu Schule weitergegeben wird. Gute

Betreuung steht hierbei vor Datenschutz. Zusammengefasst könnte man das System beschreiben

mit: Hohe Individualisierung, Ressourcenorientierung statt Defizitorientierung, systematische,

verlässliche Kooperation aller Beteiligten, Ziel: „no one is left behind“.

Insgesamt wird der Schule mehr Bedeutung beigemessen, die Schule ist mehr ein Lebensort als bei

uns in Deutschland. Es gibt ein kostenloses Mittagessen samt Getränk für alle, die Schulen sind sehr

freundlich, hell und modern eingerichtet, es gibt sehr einladende Aufenthaltsbereiche für die

Schüler/innen (und auch für die Lehrer/innen, Sozialpädagog/innen, Krankenschwestern usw.).

Stressabbau und Erholung werden als wesentlicher und ernst zu nehmender Bestandteil der

Ausbildung angesehen. Schule soll ein Ort sein, an dem Schüler/innen sich wohlfühlen, damit sie gut

und gerne lernen. Dabei werden sie auch mit in die Verantwortung einbezogen. So gibt es

Schülertutor/innen, die ihren „Job“, nämlich andere Schüler/innen zu begleiten und betreuen,

lernen, indem sie an einem entsprechenden Kurs teilnehmen. Diese Tätigkeit wird z.B. in der

beruflichen Bildung mit bis zu 20 Creditpoints auf den Abschluss (120 Creditpoints erforderlich)

angerechnet.

Damit das alles möglich ist, wird in die Bildung mehr Geld als bei uns investiert. Zum Vergleich: Der

finnische Staat gibt 6,4 % des Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, Deutschland dagegen 4,8 %. In

Finnland sind die Klassen kleiner, je nach Bedürfnissen der Schüler/innen (s.o.) wesentlich kleiner, die

Gebäude sind heller, freundlicher, moderner eingerichtet, die EDV-Ausstattung ist i.d.R. auf dem

neuesten Stand, fast jede/r Schüler/in hat einen eigenen Computer zur Verfügung, alle nötigen

Bücher stehen zur Verfügung. Der Staat gibt den Schulen das Geld - zurzeit pro Kopf ca. 10.000 €, für

spezial-needs-Schüler 5.000 € extra - gibt auch grobe Vorgaben hinsichtlich des Curriculums, die

einzelnen Entscheidungen über Lehrpläne, Material usw., vor allem aber über Personal und

Ausstattung trifft die jeweilige Schule selbst. Dabei arbeiten sie ökonomisch völlig selbständig,

erzielen z.B. durch Fortbildungen eigene Einnahmen und agieren wie ein Unternehmen, das als

„Profit“ den Bildungserfolg ihrer Schüler/innen zum Ziel hat.

Vieles aus Finnland ist daher auf uns nicht so ohne weiteres übertragbar, die Richtung aber scheint

uns die richtige!!

Vera Jaspers, Marie Weise

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