BEST OF Otto Brenner Preis 2010 - Otto Brenner Shop

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BEST OF

Otto Brenner Preis 2010

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten

Preisträger 2010 · Begründungen der Jury · Prämierte Beiträge

Recherche-Stipendien · Preisverleihung 2010 · Ausschreibung 2011


BEST OF

Otto Brenner Preis 2010

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten


INHALT


Vorwort

5 Jupp Legrand

Eröffnung

8 Berthold Huber

Festrede

18 Franziska Augstein

Preisträger 2010

1. Preis

29 Carolin Emcke

„Liberaler Rassismus“

2. Preis

43 Christoph Lütgert mit NDR-Team

„Panorama – Die Reporter“

„Die KiK-Story“

3. Preis

49 Markus Metz / Georg Seeßlen

„Von der Demokratie zur

Post demokratie. Eine Gesellschaftsform

in der Krise“

Otto Brenner Preis „Spezial“

55 Willi Winkler

„Die Freuden der Denunziation“

Newcomer-Preis

69 Karin Prummer / Dominik Stawski

Artikelserie zum Missbrauchsskandal

in der katholischen Kirche

Medienprojektpreis

81 Alfons Pieper

„Wir in NRW – Das Blog“

Recherche-Stipendien I

88 Moderatorin Sonia Seymour

Mikich im Gespräch mit

Jury-Mitglied Thomas Leif

Recherche-Stipendien II

90 Jury-Mitglied Thomas Leif

im Gespräch mit ehemaligen

Preisträgern

Ergebnisse abgeschlossener Stipendien

102 Maren-Kea Freese /

Marianne Wendt (2009)

„Immer im Verborgenen“

104 Tina Groll (2009)

„Schrottimmobilien –

Angepumpt und abgezockt“

115 Thomas Schuler (2007)

„Bertelsmannrepublik Deutschland

– Recherchen und Reaktionen“

Ausgewählte Texte und Reden

124 Tom Schimmeck

„Wem gehören die Medien?“

139 Heribert Prantl

Laudatio zur Verleihung

der „Verschlossenen Auster“

148 Thomas Leif

„Journalismus wird immer mehr

zur Kommentierung von Marketing“

170 Die Jury

176 Daten und Fakten

zum Otto Brenner Preis 2010

177 Preisträger 2005 – 2009

180 Ausschreibung

Otto Brenner Preis für

kritischen Journalismus 2011

183 Impressum

184 Inhaltsverzeichnis der DVD

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VORWORT


„Es ist herrlich, diesen Preis zu bekommen!“ Tom Schimmeck, Festrede 2009

Auch die Ausschreibung zum „Otto Brenner Preis 2010“ ist wieder auf eine überwältigende

Resonanz gestoßen. 571 Bewerbungen unterstreichen, dass der Journalistenpreis

der Otto Brenner Stiftung hohes Ansehen genießt und eine breite

Wertschätzung erfährt. Aber nicht nur die Zahl der Bewerbungen sind ein Beleg

für den guten Ruf, den sich der „Brenner Preis“ schon nach sechs Jahren erworben

hat. Etwa die Hälfte der BewerberInnen gab bei der Bewerbung 2010 an,

dass sie den Preis bereits vor der Ausschreibung kannten, und gut 100 haben uns

auf persönliche Empfehlungen von KollegInnen bzw. auf Bitten einer Redaktion

die Unterlagen eingereicht. Diese Zahlen verdeutlichen, dass der „Brenner-Preis

zu einer festen Größe geworden ist und in der Fachwelt für Seriosität, Unabhängigkeit

und Professionalität steht.

Der „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“ steht für den Anspruch,

Beiträge zu prämieren, die in der breiten Masse durch eigenständige und intensive

Recherche auffallen, durch die Themenwahl überzeugen und sich durch

besondere journalistische Qualität auszeichnen. Garant für die treffsichere Auswahl

und die anspruchsvolle Auszeichnung besonderer journalistischer Leistungen

ist die unabhängige und ehrenamtlich tätige Jury.

Die „Brenner-Jury“ hat mit ihren Entscheidungen auch 2010 wieder Orientierungsmarken

für außergewöhnliche journalistische Arbeiten gesetzt und Beiträge prämiert,

die den Journalismus von seiner besten Seite zeigen. Carolin Emcke wurde

Anfang November mit dem 1. Preis der Otto Brenner Stiftung ausgezeichnet. Im

Dezember erhielt sie dann auch den „Deutschen Reporterpreis“ und wurde zur

„Journalistin 2010“ gekürt. Unser 2. Preisträger, Christoph Lütgert mit dem NDR-Team

„Panorama – Die Reporter“, gewann die Wahl zum „Wirtschaftsjournalisten 2010“.

Mit dem „Best of 2010“ dokumentieren wir Teile unserer Preisverleihung, stellen

die prämierten Beiträge vor, machen die Laudatien der Jury zugänglich und informieren

rund um den „Brenner Preis“.

Bewerbungen für den „Brenner Preis 2011“ nehmen wir vom 1. April bis zum

15. August an. Die Preisverleihung ist am 22. November in Berlin.

Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung

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ERÖFFNUNG


Berthold Huber

Rede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2010


Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

liebe Gäste der Preisträger,

liebe Mitglieder der Preis-Jury,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich Willkommen zur „Verleihung

der Otto Brenner Preise für kritischen

Journalismus“. Es freut mich, dass

wieder Viele unserer Einladung

gefolgt sind. *

Wir haben unseren Journalistenpreis

2010 zum sechsten Mal ausgeschrieben.

2005 sind wir mit 135 Bewer -

bungen gestartet. In diesem Jahr wurden

der Jury 571 Bewerbungen vorgelegt

– ein neuer Rekord! Kein Sender mit

bundesweiter Bedeutung und auch

keine Zeitung oder Magazin mit überregionalem

Einfluß fehlte bei den

diesjährigen Bewerbungen.

Auch die relevanten Regionalzeitungen

und profilierte Landessender haben

ihr Vertrauen in die Seriosität des

Preises wieder durch zahlreiche und

hervorragende Bewerbungen zum Ausdruck

gebracht. Dem „Brenner-Preis

ist es schon nach wenigen Jahren

gelungen, ein eigenes Profil zu entwickeln

und zu einer „Marke“ zu werden.

Es sind meines Erachtens drei Punkte,

die das Besondere unseres Preises

ausmachen.

Erstens: Der „Brenner-Preis“ steht für

journalistische Qualität! Viele Journalistenpreise

verfolgen – mehr oder we -

niger direkt – das Ziel, ein bestimmtes

Thema in den Mittelpunkt zu rücken.

Dass damit häufig kommerzielle Ab sichten

verfolgt oder einseitige Interessenpolitik

betrieben wird, wird nur selten

kaschiert. Die Ausschreibung des

„Bren ner-Preises“ erfolgt hingegen

unter dem Motto „Gründliche Recherche

statt bestellter Wahrheiten!“ Die

unabhängige Perspektive eines Autors

und die journalistische Qualität eines

Beitrages sind Kriterien unserer Preis-

Auswahl. Wir fördern kritischen Journalismus

und zeichnen hartnäckige

Recherchen aus. Zum Markenkern

des Otto Brenner Preises gehört, dass

er keine PR-Arbeiten prämiert oder

bestellte Wahrheiten hofiert.

Zweitens: Der „Brenner Preis“ steht für

journalistische Vielfalt! Sie werden

* Die Rede zur Verleihung der Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus 2010 ist auch als Film-Mitschnitt über die

Homepage des „Brenner Preises“ zugänglich. (Die Redaktion)

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sich heute Abend von der spannenden

Vielfalt journalistischer Arbeiten überzeugen

lassen können. Wir zeichnen

einen Fernsehbeitrag aus, der viele Zuschauer

beeindruckt hat. Zeigen aber

auch, wie spannend ein gut gemachtes

Hörfunkstück sein kann. Wir loben die

professionelle Entschlossenheit eines

Newcomer-Teams. Und wir prämieren

einen Blog, der Fehlentwicklungen in

Medien und Politik aufgespürt und viel

Staub aufgewirbelt hat. Wir ehren

„Edel federn“, die sich nicht nur eine

eigene Meinung leisten wollen, sondern

diese auch zum Ausdruck bringen.

Und das mit intellektuellem Mut, glänzender

Schreibe und stilistischer

Sicher heit. Und schließlich vergeben

wir wieder Stipendien, die Nachwuchskräften

finanziellen Freiraum für intensive

Recherchen schaffen sollen.

Diese Vielfalt und Breite zeichnet

unseren Preis aus!

Und Drittens: Der „Brenner-Preis“ steht

für journalistische Unabhängigkeit! Es

gibt Journalistenpreise, da entscheidet

der Stifter über die Preisträger. Da spielt

der Sachverstand von Fachleuten kaum

eine Rolle. Journalistische Kompetenz

ist nur als schmückendes Beiwerk

gefragt. Beim „Brenner-Preis“ ist das

anders! Die hohe Wertschätzung, die

er genießt, hängt eng mit seiner Jury

zu sammen. Profil, Professionalität,

Kompetenz, Unabhängigkeit: Dafür

steht sie.

Meine sehr geehrten

Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist mir deshalb eine große Freude,

die Mitglieder der Jury begrüßen zu

können.

Liebe Frau Mikich, herzlich Willkommen

und ganz herzlichen Dank für Ihre

engagierte Mitarbeit in der Jury! Und

wir freuen uns sehr, dass Sie wieder

die Preisverleihung moderieren.

Herzlich Willkommen, lieber Herr

Schumann! Vielen Dank, dass Sie Ihr

breites Wissen und große Erfahrung

einbringen.

Lieber Herr Prof. Dr. Prantl, herzlich

Willkommen bei der OBS und herzlichen

Dank für Ihr Engagement und

Ihre Unterstützung. Und – soviel Zeit

muß sein – : nachträglich herzlichen

Glückwunsch zur Professur! Außerdem:

Wir wünschen uns, dass Sie als

9


künftiges Mitglied der SZ-Chefredaktion

auch noch Zeit für Ihre unverwechselbaren

Meinungsbeiträge haben.

Lieber Herr Prof. Dr. Lilienthal! Ich heiße

auch Sie herzlich Willkommen. Ich versichere

Ihnen, dass wir froh sind, dass

Sie als einziger Professor für „die Praxis

des Qualitätsjournalismus“ in Deutschland

in der Brenner-Jury mitarbeiten.

Lieber Prof. Dr. Thomas Leif, herzlich

Willkommen bei der Otto Brenner Stiftung!

Vielen Dank dafür, dass Sie sich

seit Jahren für den Preis stark machen

und Ihnen besonders die Nachwuchsförderung

durch unsere Stipendien am

Herzen liegt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist mir persönlich eine besondere

Freude und für die Stiftung eine Ehre,

die heutige Festrednerin begrüßen zu

können.

Ganz herzlich Willkommen, liebe Frau

Dr. Franziska Augstein!

Wir freuen uns, dass wir die Phalanx

der männlichen Festredner durch -

brochen haben und Sie heute als erste

Journalistin die Ansprache halten.

Frau Augstein wird uns gleich einen

interessanten Einblick in die „Journaille“

geben und dabei von den

Schwierigkeiten berichten, sich „eine

eigene Meinung zu bilden“ – so

zumindest lautet der von ihr gewählte

Titel der Rede. Wir freuen uns und warten

gespannt auf Ihre Ausführungen!

Meine sehr geehrten

Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich will die Preisverleihung noch für

ein paar persönliche Anmerkungen

nutzen.

Warum – so frage ich mich – strengen

wir uns so wenig an, aus Fehlern, den

eigenen oder denen von anderen, zu

lernen?

Auf dem Höhepunkt der Finanzmarkt-

Krise schien eines klar zu sein: Ein

„Weiter so“ darf es nicht geben. Heute

ist klar: Es geht „Weiter so“. Unter

dem Motto: Auf ein Neues!

Wir befinden uns im Jahr „Eins“ nach

der Krise.

10


Die Strukturen, welche die Krise auslösten,

bestehen unverändert. Nur der

Farbanstrich wird gelegentlich erneuert.

Von einer wirksamen Regulierung

der Finanzmärkte sind wir meilenweit

entfernt. Boni-Zahlungen sind wieder

Alltag. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln

und ihren tödlichen Folgen

auch. Anders wirtschaften, nachhaltig

wirtschaften, davon reden viele, nur

wenige handeln danach.

Mein Eindruck ist: Die Phase der Kritik

an der Markt-Gläubigkeit ist bereits

wieder vorbei. Wer in den Abgrund

geschaut hat, der will wahrscheinlich

daran nicht immer wieder erinnert

werden. Nicht die potentiell Leidtragenden,

erst recht nicht die politisch

Verantwortlichen. Andererseits ist die

Empörung weit verbreitet, dass nun

die Opfer der Finanzkrise auch noch

für deren Folgen aufkommen müssen.

Wir haben es also in Öffentlichkeit

und veröffentlichter Meinung mit einer

vielschichtigen Gemengelage zu tun.

Wer sich noch einmal vergegenwärtigt,

wie diese Krise entstanden und verlaufen

ist, der nimmt Daten, Ereignisse

und Entscheidungen zur Kenntnis, die

einem wenigstens im Nachhinein als

fahrlässig, in Teilen fast absurd

erscheinen. Viele Politiker, Wissenschaftler

und Wirtschaftsführer predigten

jahrelang, dass nur freie Märkte

ein Maximum an Wohlstand bringen

und dass der Staat sich so weit wie

möglich zurückziehen sollte. Journalisten

haben diese Ideologie weiter verbreitet

und Politiker haben sie umgesetzt

– unterschiedliche Parteifarben

spielten dabei kaum eine Rolle.

An den Universitäten verdrängten die

Betriebswirte die Volkswirte, die Mikroökonomie

die Makroökonomie. Die

Theorien der Neoklassik, des Monetarismus

und der Angebotsökonomie

verdrängten den Keynesianismus und

die politische Ökonomie.

Der Aufbau einer zockenden Finanz -

industrie wurde nicht als hochriskante

Spekulation kritisiert, sie wurde als

erfolgreiches Geschäft bestaunt und

beklatscht. Die Frage, wie man aus

viel Geld sehr viel mehr Geld machen

kann, ohne den lästigen Umweg über

die Realwirtschaft nehmen zu müssen,

die faszinierte. Kritische Stimmen,

dass dabei der Rest der Welt den Bach

hinunter gehen könnte, haben nicht

wirklich interessiert, kamen gegen den

11


Mainstream nicht an. Und der berechtigte

Hinweis des großen US-Ökonomen

John Kenneth Galbraith, „Finanzgenie

ist man nur bis zum Bankrott“,

wurde nicht gehört.

Mit anderen Worten: Die Krise ist nicht

vom Himmel gefallen, sie ist auch kein

Naturereignis. Sie ist das Ergebnis

menschlichen Willens und politischen

Handelns!

Wie konnte es in den westlichen Öffentlichkeiten,

die alle demokratisch und

offen organisiert sind, die freie Massenmedien

kennen, aber keine Propaganda,

Zensur und Meinungsunter -

drückung, wie konnte es also in die sen

Gesellschaften zu diesem „kollektiven

Wahn“ kommen – wie es der Sozialethiker

Friedhelm Hengsbach genannt

hat. Zu einem kollek tiven Wahn, der

das Denken und Handeln von Börsen,

Aktien, Renditen und Märkten bestimmen

ließ.

Sind den demokratischen Gesellschaften

denn ihre Frühwarnsysteme verloren

gegangen? Und: Funktionieren

sie denn wenigstens in der Zwischenzeit

wieder? Ich habe ernsthafte

Bedenken!

Meines Erachtens steht zumindest

noch eine Aufgabe aus. Eine Aufgabe,

die nichts mit Milliarden und Gesetzen

oder Steuern zu tun hat. Aber mit

geistiger Auseinandersetzung, Orientierung

und dem gemeinsamen öffentlichen

Lernen einer Gesellschaft.

Ich bin sehr dafür, dass das, was

geschehen ist, für die Allgemeinheit

verständlich und zuverlässig rekonstruiert,

analysiert und bewertet wird.

Ich kann aber von einer gründlichen

Aufarbeitung bisher wenig entdecken.

Sie scheint – zumindest von den Eliten

– in einem unausgesprochenen stillen

common sense ad acta gelegt worden

zu sein.

Für mich steht jedenfalls fest: Die

Qualität der öffentlichen Kommunikation

hat direkte Auswirkungen auf die

Qualität der Politik und unserer Demokratie.

Und sie steht und fällt mit der

Qualität der Arbeit der Massenmedien.

Wer vermag es, unsere hoch entwickelten

Gesellschaften davor zu schützen,

in Katastrophen hineinzulaufen? Wer,

wenn nicht eine aufklärende und aufgeklärte

Öffentlichkeit?

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Ich bin weder Medien-Fachmann noch

Medien-Politiker – und will auch keines

von beiden werden. Aber ich bin selbstverständlich

immer wieder mit Medienfragen

befaßt: als Verwaltungsratsvorsitzender

der Otto Brenner Stiftung,

die eine viel beachtete Studie zum

Wirtschaftsjournalismus vorgelegt hat

und die im Frühjahr eine Studie zur

„Bild“-Zeitung veröffentlichen wird;

auch als Mitglied der Jury, die über die

Preise entscheidet, die wir heute die

Freude haben überreichen zu können.

Aber vor allem in meiner täglichen

Arbeit als 1. Vorsitzender der IG Metall

bin ich direkt und indirekt mit Fragen

des Zustandes unseres Medien systems

befaßt.

Ich ahne, welchen Zwängen, Einflüssen

und Interessen die meisten Journalisten

tagtäglich bei ihrer Arbeit ausgesetzt

sind: Da gibt es nicht nur die Versuche

von Parteien, im öffentlich-rechtlichen

Mediensystem egoistisch Einfluß zu

nehmen. Da gibt es zahlreiche Institute,

die im Auftrag mächtiger und finanzkräftiger

Auftraggeber versuchen, mit

Umfragen und fragwürdigen Gutachten

die öffentliche Meinung zu steuern.

Ich befürchte, der Fall „Brender“ und

die Manipulationsfabrik „Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft“ bilden

da jeweils nur die Spitze des Eisberges.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass

das Sparen in und an Redaktionen sehr

wohl dazu führt, schwierige Themen

zu meiden. Und meist sind die schwierigen

Themen die beson ders wichtigen

Themen. Insofern kann Sparen sehr

unspektakulär – und von außen kaum

einsehbar – nach und nach zu letztlich

sehr gravierenden inhaltlichen

Veränderungen in der Auswahl und

Darstellung von Themen führen.

Wir, die Gewerkschaften, und auch die

Gesellschaft insgesamt sollten ein

Interesse an einem gut ausgestatteten

und unabhängig kritisch arbeitenden

Journalismus haben. (Auch dann, wenn

er uns ärgert.) Denn nur er kann der für

diese Demokratie zentralen Aufgaben

nachkommen, ein möglichst breites

Publikum gut zu informieren, ihm verläßlich

Aufklärung zu bieten und bei bedeutenden

Themen und Kontroversen

als Frühwarnsystem zu funktionieren.

Aber: Wie können Redaktionen eine

demokratische öffentliche Diskussion

befördern, deren interne Arbeitsprozesse

geprägt sind: von Hierarchien

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und Kostendruck, von unsicheren

Beschäftigungsbedingungen und

Personalabbau und von einem oft

vermachteten Meinungsklima?

Ich ziehe aus diesen Rahmenbedingungen

und Fragen einen Schluß: Wir

brauchen eine ernsthafte öffentliche

Debatte über die Produktionsbedingungen

der veröffentlichten Meinung!

In meinen Augen sind Investitionen in

guten Journalismus und die Verbreitung

seiner Produkte Investitionen in

die gesellschaftliche Risikovorsorge,

Investitionen in die Infrastruktur der

Demokratie und Investitionen in die

Mündigkeit der Bürger. Wenn die

Gesellschaft das journalistische System

als eines ihrer Frühwarnsysteme

haben will, dann muß es materiell,

rechtlich und ideell auch so ausgestattet

werden, dass es dieser Aufgabe

besser nachkommen kann.

Hinter diesem Appell steht nicht der

Ruf nach mehr Staat, sondern das ist

ein Plädoyer für eine andere Medienpolitik.

Einer Medienpolitik, die die

Unabhängigkeit des Journalismus

fördert, indem sie dessen Rahmen bedingungen

verbessert. Dafür ist eine

ebenso harte wie hartnäckige Debatte

über die Leistungen des öffentlichrechtlichen

Mediensystems zu führen.

Ich spreche in besonderer Weise über

den unabhängigen öffentlich-rechtlichen

Journalismus, weil er noch viel

mehr als der privat-wirtschaftlich organisierte

Journalismus ein Dienstleister

für Öffentlichkeit, Gesellschaft und

Demokratie zu sein hat. Deshalb werden

an ihn auch besonders hohe

Anforderungen gestellt. Das ist als

Auszeichnung gedacht und als Vertrauensbeweis

zu verstehen.

Aber auch als Herausforderung: Es

wäre an der Zeit, dass das öffentlichrechtliche

Fernsehen, das ein Millionen-

Publikum anspricht, den Ehrgeiz entwickelt,

journalistische Leuchttürme in

der Wirtschafts-Berichterstattung zu

schaffen, die Vorbild für andere

Medien sein könnten.

Liebe Gäste!

Ich sehe die Qualität des Wirtschafts-

Journalismus und des wirtschaftspolitischen

Journalismus auch in einem

engen Zusammenhang mit der Qualität

und Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften.

Kann es guten unabhängigen

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Wirtschaftsjournalismus geben, wenn

er kaum auf das Wissen von kritischen

Wirtschaftswissenschaften zurückgreifen

kann? Es wird deshalb auch darum

gehen, die selbstkritische Diskussion

der Wirtschaftswissenschaften mit

wei teren Interventionen von außen

zu befördern.

gleich. Sie müssen dieses Projekt der

Aufklärung zu ihrer Sache machen!

Ich danke für die Aufmerksamkeit! –

Und wünsche allen einen schönen

Abend.

Auch diese Debatte kann und muß in

ihren wichtigen Teilen in Medien ge -

führt werden. Morgen, bei der OBS-

Jahrestagung, werden wir das Thema

aufgreifen.

Ich wiederhole heute Abend gerne,

was ich schon mehrmals gefordert

habe: Die Ursachen für die bisher mehr

schlecht als recht bewältigte Finanzmarkt-

und Wirtschaftskrise müssen

öffentlich aufgearbeitet, Ross und

Reiter endlich benannt werden. Es

geht mir um eine im besten Wortsinn

rücksichtslose Aufarbeitung. Eine Aufarbeitung,

bei der meines Erachtens

nicht einmal das Ergebnis, sondern der

Weg, der Prozeß das Entscheidende ist.

Das wird nur gehen, wenn wir die

Massenmedien und den Qualitätsjournalismus

dafür gewinnen. Wir brauchen

sie als Forum und treibende Kraft zu -

Berthold Huber, Verwaltungsratsvorsitzender

der Otto Brenner Stiftung und Mitglied der

Brenner-Preis“-Jury

15


FESTREDE


Franziska Augstein

Festrede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2010


Meine sehr geehrten Damen

und Herren!

Die vergangenen Wochen und Monate

waren nicht gerade, was man als

Glanzzeit des deutschen Journalismus

bezeichnen kann. Sie zeugten vielfach

von der Neigung unserer Profession,

sich lieber mit uns selbst und unseren

jeweiligen publizistischen Gegnern als

mit den DINGEN zu beschäftigen.

In der 14. Ausgabe der „Encyclopedia

Britannica“, die 1929 erschien, wird der

„Journalist“ folgendermaßen definiert:

„Während Qualifikation und Status von

Geistlichen, Ärzten und vielen anderen

Berufen klar umschrieben sind, folgt

der Journalist immer noch einer eher

vagen Berufung, bei der weder was er

können muß, noch was er darstellt,

präzise definiert ist.“ Mit anderen Worten:

Journalisten wissen nicht ganz

genau, was sie tun. Und die Öffentlichkeit

weiß es auch nicht. Weil ich selbst

Journalistin bin, will ich nicht behaupten,

hier jetzt Licht ins Dunkel zu bringen.

Zumal, da die Berufe von Ärzten

und Geistlichen auch nicht ganz so präzise

umrissen sind, wie die „Encyclopedia

Britannica“ sich das 1929 vorgestellt

hat: Mancher Arzt tut sich als Prediger

hervor, und mancher Geistliche

ist ein ökonomischer Analyst erster Güte.

Ich mache heute das, was wir Journalisten

am liebsten machen: Die Journaille

kritisieren – und ein bißchen loben.

Einige Usancen sind eingerissen, die

wir alle mitbetreiben, die aber in dem

Maße, wie wir es tun, zur Verdunkelung

der Dinge beitragen und uns, den Journalisten,

nicht zu Lob gereichen.

Man kennt die Geschichte, sie datiert

in einer unerleuchteten Epoche: Da

betritt ein Mann ein Dorf und schreit:

„Das Ende ist nahe. Währet dem Übel,

bevor es euch verschlingt!“ In dem Fall,

an den ich denke, lautet der Satz so:

„Das Muster des generativen Verhaltens

in Deutschland seit Mitte der

sechziger Jahre ist (...) eine (...) negative

Selektion, die den einzigen nachwachsenden

Rohstoff, den Deutschland

hat, nämlich Intelligenz, relativ und

absolut in hohem Tempo vermindert.“

Tja, wenn die Dorfbewohner gerade

nichts Besseres zu tun haben, dann

Die Festrede zur Verleihung der Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus 2010 ist auch als Film-Mitschnitt über

die Homepage des „Brenner Preises“ zugänglich. (Die Redaktion)

18


lauschen sie Thilo Sarrazin. Und

siehe: Der Mann sagt den Dorfbewohnern,

dass sie alle gut sind, nur die

Auswärtigen, die sind schlecht. Die

Vermehrung der Auswärtigen, der

genetisch Minderbemittelten, müsse

man verhindern. Zu den genetisch

Minderbemittelten zählt er dann auch

pikanterweise jene Dorfbewohner, die

seit jeher im Nordosten der Gemeinde

leben. Daraufhin zerteilt sich die Dorfgemeinschaft:

Die eine Hälfte sagt:

„Das musste endlich mal gesagt werden!“

Und die andere Hälfte sagt: Diejenigen,

die sagen, dass das endlich

mal gesagt werden musste: sie sind

mit dem Klammerbeutel gepudert,

haben als Kind zu heiß gebadet, haben

keine Ahnung von der Wirklichkeit.

Oscar Wilde war nahe an der Realität,

als er feststellte (ich übersetze frei):

„Der moderne Journalismus hat viel für

sich. Indem er bildungsfern argumentiert,

bleiben wir im Kontakt mit der Unwissenheit

der Allgemeinheit.“ Oscar

Wilde hatte bekanntlich fast immer

recht: Thilo Sarrazins Thesen sind in der

Tat bildungsfern. Warum sie es sind,

haben aber ein paar kenntnisreiche

Journalisten klargemacht, indem sie die

Argumente seines Buches sauber zerlegten.

Auf die Argumente gehe ich jetzt

nicht ein. Mich interessiert heute: Wie

kam es dazu? Warum bekommt ein

Mann soviel Aufmerksamkeit, dessen

halbgare Thesen alle vulgären Gemeinheiten

in den Schatten stellen, die der

Christdemokrat Roland Koch gegen die

Ausländer vorgebracht hat, als er sich

2003 wieder zum Ministerpräsidenten

von Hessen wählen ließ?

Das hat wenig mit der deutschen „Kollektiv-Seele“

zu tun und sehr viel mit

dem Einfluss der Medien: Die „Bildzeitung“

und der „Spiegel“ haben Vorabdrucke

aus Sarrazins Buch gebracht.

Sarrazin war eh’ schon als eigener Kopf

bekannt. Ich glaube aber: Wäre sein

Buch in den Medien nicht prominent

vorgestellt worden, wäre es nicht zu

einem Bestseller geworden. Der Vorabdruck:

Zur „Bildzeitung“ passt das. Sie

ist im Zweifelsfall national und ausländerfeindlich.

Zum „Spiegel“ passt es

weniger. Der verhielt sich anschließend

denn auch wie der Wilderer, der – das

tote Rehkitz auf der Schulter – vom Förster

erwischt wird: „Hab ich dich!“ sagt

der Förster. Und der Wilderer sagt: „Wie

denn? Was!?“ Und der Förster sagt:

„Na, und was ist das da auf deiner

Schulter?“ Der Wilderer wendet den

19


Kopf, entdeckt das Corpus Delicti auf

seiner Schulter und ruft aus: „huuch!!“

So erging es dem „Spiegel“, der sich

anschließend wirklich Mühe gegeben

hat, die Scharte auszuwetzen. Am besten

hat mir der jüngste „Kinder-Spiegel“

gefallen: Der wird aufgemacht mit einer

16-jährigen Gymnasiastin, die erklärt

„Warum ich ein Kopftuch trage“.

Das Problem an der gesamten Bericht -

erstattung über Sarrazin besteht darin:

Es ging vornehmlich um Sarrazin, es

ging nicht um die eigentliche Frage:

Wie finden wir in unserem Land ein

Verhältnis zwischen den verschiedenen

Bevölkerungsgruppen? Gegen Ausländer

wird gern vorgebracht, dass sie

dem Staat auf der Tasche lägen. Das

gilt für viele Menschen mit fremdem

Pass aber gar nicht. Für viele Deutsche

hingegen gilt es. In kaum einem europäischen

Land ist die Gesellschaft –

statistisch gesehen – so undurchlässig

wie in Deutschland: Wer arm geboren

wird, bleibt arm. Die Bundesrepublik

ist, was das angeht, hermetischer,

ungerechter als viele andere Länder –

Länder, deren Bruttosozialprodukt weit

unter dem unseren liegt. Chancengleichheit:

darum geht es. Bei uns ist sie

weniger ausgeprägt als in den meisten

anderen europäischen Ländern.

Unsere Medien neigen dazu, auch noch

die wichtigsten Themen zu persona -

lisieren. So kommt es dann dazu, dass

Thilo Sarrazin in der Tageszeitung „Die

Welt“ verteidigt wird: Er sei ein „Sündenbock“,

er werde dafür angeklagt,

dass er ausgesprochen habe, was viele

denken. Die Wahrheit ist: Die Ausgegrenzten

sind die Sündenböcke: Sie

müssen dafür zahlen, dass die Gesellschaft

seit Jahrzehnten verabsäumt,

für alle Kinder und Jugendlichen gute

Ausbildungsstätten einzurichten.

Stichwort: Personalisierung. Das ist

generell ein Trend, der in der Presse

von Übel ist. Manche Wirtschaftsteile

lesen sich streckenweise wie die ausgewalzte

Form der beliebten Rubrik

„Das Vermischte“. Da werden Firmenchefs

und Firmenchefinnen porträtiert

so wie sonst Filmstarlets. In der Politik

erleben wir das seit langem. Das ist ja

auch verständlich: Mühsam ist es aus

dem Wörterwust der Politiker Überzeugungen

zu destillieren. Viel einfacher ist

es, über die Leute selbst zu schreiben.

– Dies dann auch gern so oberflächlich,

dass es schon statistisch messbar ist.

Angela Merkel hat bekanntermaßen in

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der DDR in Physik promoviert. In den

vergangenen zehn Jahren ist sie in den

größeren Zeitungen, von den kleinen

rede ich heute nicht, mehr als 1600 mal

als „Physikerin“ tituliert worden, hunderte

Male als „promovierte Physikerin“.

Der Begriff wurde sehr oft eingesetzt,

um ihren Charakter zu beschreiben. Vor

allem, als es während des Bundestagswahlkampfes

2005 darum ging, Merkel

gegenüber Schröder stark zu machen,

wurde ihr Beruf für sie ins Feld geführt.

Ich zitiere – pars pro toto – aus einem

zeitgenös sischen Artikel in der „Süddeutschen

Zeitung“: „Angela Merkel ist

Physikerin. Sie ist gewohnt, die Dinge

von ihrem Ende her zu denken.“

Ja, ganz im Gegensatz zu – sagen wir

– Metzgern, die wissen, dass jede Wurst

zwei Enden hat, denkt Frau Merkel nur

von einem Ende her. Erstaun licherweise

hat aber auch jeder Metzger die

Angewohnheit, die Dinge „von ihrem

Ende her“ zu denken, im Bezug auf die

Frage nämlich, was er machen muss,

damit sein Geschäft läuft und er bei Jahresende

nicht verschuldet ist. Soviel dazu,

was Angela Merkel als „promovierter

Physikerin“ alles zugute gehalten wird.

Als die Presse 2005 Gerhard Schröder

mehr oder minder unisono runtergeschrieben

hat, wurde aus dem Umstand,

dass Angela Merkel 1986 in

Physik promovierte, alles Mögliche

gemacht. Heute, da die Presse mehr

oder minder unisono für Frau Merkel

nichts mehr übrig hat, hält auch wieder

ihr Studium zur Erklärung her, dies zum

Beispiel unter dem Titel „Das Ende der

Physik“. In dem Artikel wurde übrigens

nicht ihre falsche Politik, sondern ihre

mangelnde Emotionalität beklagt.

Personalisierung ist eine feine Sache.

Wer mag schon erklären, was es mit der

Föderalismusreform auf sich hat? Wer

mag uns näher Einblick geben in die

Wege und Umwege der EU-Verwaltung?

Und vor allem: Wer dankt es den Autoren,

die das tun? Viel einfacher ist es,

derlei Dinge anhand eines Menschen,

eines Politikers darzustellen. Das macht

zwar nichts verständlich, füllt aber das

aus, was die Leute, die in einer Zeitung

für die Werbeanzeigen zuständig sind,

als „Restraum“ bezeichnen. Wenn man

sich als Journalist damit zufrieden gibt,

vom Beruf eines Menschen auf seinen

Charakter zu schließen, hat man auch

nicht viel Arbeit mit einem Porträt. Diese

Haltung wird weithin befördert. Die

meisten Chefredaktionen brauchen Leute,

die viel schreiben – wenn sie keinen

21


Skan dal initiieren können, dann sollen

ihre Texte wenigstens gefühlvoll sein.

Ich will noch etwas bei der Personalisierung

bleiben. Damit einher geht ein

wirklich fataler Umstand: Es hat den Anschein,

dass viele Journalisten sich kein

eigenes Urteil mehr zutrauen. Wenn

Fernseh-Journalisten Interviews führen,

dann fragen sie zum Beispiel gern:

„Wie erklären Sie sich Ihre schlechten

Umfragewerte?“ Und die schreibenden

Journalisten halten es zunehmend genauso.

Da wird zunehmend nicht über

die Arbeit eines Politikers debattiert,

sondern darüber, wie sie ankommt.

Das ist ziemlich absurd. Journalisten

sollten diejenigen sein, die den Politikern

mitteilen, wie ihre Arbeit bei ihnen

ankommt: was sie selbst davon halten.

Stattdessen ziehen die Kollegen sich

oft auf Meinungsumfragen zurück.

Auf diese Weise ist ein Ehepaar hochgespült

worden auf den Wellen der

Meinungsumfragen, das nur in einer

Hinsicht anders ist als andere Politikerehepaare:

Die beiden sind von Adel.

Während „Zeit“, „SZ“ und andere sich

Anfang 2009 noch ein bisschen über

Guttenbergs Gelfrisur lustig machten,

hatten „Welt“ und „Bild“ im Sommer

desselben Jahres begriffen, in welche

Richtung der Zeitgeist ging. In der

„Welt“ war zu lesen: „Er gelt sein Haar,

spielt Klavier, besucht den Gottesdienst

und ist Fan der AC/DC- Hardrocker ...

Mit dieser Harmonie der Gegensätze

befreit ausgerechnet ein Adeliger das

Bürgerliche vom Stigma des Spießigen.“

Eine kleine Frage: Brauchen wir einen

Wirtschafts- oder Verteidigungsminister,

der das Bürgerliche vom Stigma

des Spießigen befreit? Sicher, es gab

auch andere Nachrichten über Guttenberg.

Da war zum Beispiel die dumme

Geschichte mit den Tanklastern in

Kundus. Da hat er sich als unerfahrener

Verteidigungsminister allzu schnell eine

Meinung gebildet, wofür dann zwei

hochrangige Bundeswehroffiziere

büßen mussten. Aber davon ist nicht

mehr die Rede. Guttenberg wird in den

Medien als Selbstdarsteller vorgestellt,

als eine Art Filmstar: da kommt es nur

auf die Darbietung an, nicht auf die

innere Substanz. Die mag er sogar ha -

ben, aber davon erfährt das Publikum

nichts. Das Publikum wird beschallt

mit den Ergebnissen von Meinungsumfragen.

Mittlerweile trauen angeblich

44 Prozent aller Bürger der Ehefrau zu,

dass sie Familienministerin werde. Die

22


Medien, die solche Nachrichten verbreiten

und das betreiben, was man

heutzutage „Hype“ nennt, sind Trendsetter.

Sie selbst sehen sich aber nur

als Berichterstatter. Diese Verkehrung

des Selbstverständnisses der Medien

ist nicht ungefährlich.

Wenn wir einen solchen Journalismus

nicht wollen, dann brauchen wir einen

starken Nachwuchs. Dann brauchen

wir einen Nachwuchs, der die Sachen

so gut kennt, dass er nicht auf Artikel

über Personen ausweichen muss.

Dann brauchen wir junge Journalisten,

die ordentlich studiert haben, und die,

mit exzellentem Fachwissen, mit Fleiß

und mit Leidenschaft den Dingen auf

den Grund und nicht den Personen auf

den Leim gehen. Journalismus ist keine

Live-Style-Veranstaltung. Die Pressefreiheit

ist nicht die Freiheit, in den

Medien politische Parties zu veranstalten;

jedenfalls ist sie nicht in

erster Linie dafür da. Vielleicht ist also

das allererste, was junge Journalisten

lernen müssen, das, was so viele ihrer

alten Kollegen vergessen haben: Journalismus

ist nicht zur Selbstbefrie digung

da und Pressefreiheit nicht dafür,

sich die Arbeit leicht zu machen.

Gustav Freytags Lustspiel „Die Journalisten“

ist 1852 in Breslau uraufgeführt

worden. Es wird heute auf den Bühnen

nicht mehr gespielt, wahrscheinlich

deswegen, weil es ohnehin täglich in

den Verlagshäusern zur Aufführung

kommt. In diesem Stück wird eine

Zeitung von einer neuen Verlegerin

namens Adelheid aufgekauft – die den

Redakteur Bolz dann befragt: „Nun,

Herr Bolz, was soll ich mit Ihnen an -

fan gen?“ Der Kollege Bolz antwortet:

„Ich bin auf alles gefasst; ich wundere

mich über nichts mehr. – Wenn nächstens

jemand ein Kapital von hundert

Millionen darauf verwendet, alle Neger

mit weißer Ölfarbe anzustreichen oder

Afrika viereckig zu machen, mich soll’s

nicht wundern. Wenn ich morgens als

Uhu aufwache, mit zwei Federbüscheln

statt Ohren und mit einer Maus im

Schnabel, ich will zufrieden sein.“

So leicht, so ohne weiteres sollte ein

Journalist nicht zufrieden sein.

Franziska Augstein schreibt seit Anfang 2001

für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung

und betreut seit Jahresbeginn 2010 redaktionell

die Rubrik „Das politische Buch“

23


1 2

3

1 „Newcomer“ Karin Prummer und

Dominik Stawski nach der Preisübergabe

2 Jury-Mitglied Volker Lilienthal

bei der Laudatio für den 3. Preis

3 Jupp Legrand überreicht Alfons

Pieper die Urkunde für den Medienprojekt-Preis

4 Jury-Mitglied

Heribert Prantl bei der Laudatio auf

den 1. Preis 5 Carolin Emcke

zwischen Christoph Lütgert und

Willi Winkler

4 5

24


1 2

3 4

5

1 Jury-Mitglieder verfolgen

die Preisverleihung aus

der ersten Reihe

2 „Spezial“-Preisträger Willi Winkler

beim Interview 3 Carolin Emcke steht

Moderatorin Sonia Seymour

Mikich Rede und Antwort

4 Moderatorin Sonia Seymour Mikich

im Interview mit Markus Metz, links,

und Georg Seeßlen, Mitte

5 „KiK-Team“ mit NDR-Justitiar

Klaus Siekmann, hinten mit Fliege

6 Jury-Mitglied Harald Schumann

laudatiert den 2. Preis

6

25


DIE PREISTRÄGER 2010


Carolin Emcke

Christoph Lütgert mit Team

Markus Metz und

Georg Seeßlen

Willi Winkler

Karin Prummer und

Dominik Stawski

Alfons Pieper


1. Preis


29

Carolin Emcke


„Liberaler Rassismus“ (DIE ZEIT, 25. Februar 2010)

Der Islam soll eine Gefahr für Europa sein – stimmt das? Carolin Emcke plädiert gegen die

Furcht vor den Fremden. In der französischen Islamdebatte zeigt sich das neurotische

Verhältnis des Landes zur Religion. In den Niederlanden führt der Politiker Geert Wilders

vor, wie man mit Demagogie gegen Muslime Stimmen gewinnt.

Carolin Emcke

geboren 1967 in Hamburg

Werdegang:

2007 Freie internationale Reporterin und Autorin, u. a. für DIE ZEIT

2006-2007 Beraterin des Studiengangs „Journalismus“ der Hamburg Media School

1998-2006 „Spiegel“-Redakteurin, als Auslandsredakteurin vornehmlich

in Krisenregionen

2004-2005 Moderation der monatlichen Diskussionsveranstaltung „Streitraum“

an der Schaubühne Berlin

2003-2004 Visiting Professor für Politische Theorie an der Yale University (USA)

1998 Promotion in Philosophie mit einer Dissertation über den Begriff

„Kollektive Identitäten“

1995-1996 Visting Fellow am Department of Political Science der Harvard University

1993 M.A. in Philosophie an der Goethe-Universität, Frankfurt a.M.

Veröffentlichungen, u. a.:

„Kollektive Identitäten – sozialphilosophische Grundlagen“, Frankfurt 2000

„Von den Kriegen – Briefe an Freunde“, Frankfurt 2004

„Stumme Gewalt – Nachdenken über die RAF“, Frankfurt 2008

30


Auszeichnungen:

„Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (2005)

Förderpreis des Ernst-Bloch-Preises (2006)

Theodor-Wolff-Preis (2008)

Deutscher Reporterpreis (2010)

Journalistin des Jahres (2010)

Homepage:

www.carolin-emcke.de

31


Begründung der Jury

Wenn man einen Text schreibt, wie den, für den Carolin Emcke ausgezeichnet wird,

muß man vor allem mit Widerwärtigkeiten rechnen. Dann kriegt man nicht nur die Briefe

der Ewiggestrigen, die ihre Geiferei und ihre Tiraden mit einem Hakenkreuz unterschreiben.

Dann kriegt man nicht nur maßlose Beschimpfungen und Beleidigungen, wie

sie jeder kennt, der für ein gutes Miteinander von Alt- und Neubürgern in Deutschland

wirbt. Wenn man Muslime gegen Pauchalverdammungen verteidigt, wie Carolin Emcke

das in brillanter Weise getan hat, erlebt man Reaktionen, wie man sie in einer halbwegs

aufgeklärten Gesellschaft nicht für möglich gehalten hätte. Es ist, als sei ein Teil der

bürgerlichen Gesellschaft mit dem Buch von Sarrazin im Marschgepäck zu einem

neuen Kreuzzug aufgebrochen.

Aber Carolin Emcke ist keine, die sich einschüchtern lässt. Carolin Emcke ist eine Ausnahmejournalistin.

Sie ist es nicht nur deswegen, weil sie oft in den Ausnahmegebieten

der Welt arbeitet, also im Irak, im Iran oder in Afghanistan. Sie ist es deswegen, weil

sie (früher beim „Spiegel“, heute vor allem für die „Zeit“) mit einer gedanklichen und

sprachlichen Präzision arbeitet, die ihresgleichen sucht – und mit einem intellektu -

ellen Mut, der bewundernswert ist. Wer wissen will, was aufklärerischer Journalismus ist,

der muss Carolin Emcke lesen. Wer wissen will, warum die Debatte über den Islam in

Deutschland so schauerlich falsch läuft, der muss ihren ausgezeichneten Text studieren.

Der ausgezeichnete Text heißt: „Liberaler Rassismus“. Schon diesen Titel halten die

liberalen und die bürgerlichen Anhänger von Sarrazin und Co für eine Unverschämtheit,

und sie haben recht, weil dieser Text ihnen sagt, warum sie sich schämen müssen:

deshalb, weil der liberale Rassismus sein eigenes Wertesystem missbraucht, wenn er

scheinbar gegen den Rassismus vorgeht, aber den Islam als Ganzes verteufelt. Er missbraucht

sein eigenes Wertesystem, wenn er gegen die Unterdrückung der Frau kämpft,

aber tatsächlich die freie Ausübung des Glaubens verhindern will.

Der neue, modische Rassismus macht alle Muslime für die Fundamentalisten haftbar.

Der belgische Extremist Wilders treibt das auf die Spitze, indem er den Islam auf ei ne

Stufe stellt mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus. Aber damit ist Wilders

wohl gar nicht Extremist, sondern Exponent und Exponat des breiten liberalen

32


Rassismus, den Emcke so eindrucksvoll kritisiert. Carolin Emcke zeigt, wie die Ideale der

Aufklärung pervertiert werden: weil man unter ihrem Deckmantel die Anhänger einer

Weltreligion als Gefahrpersonen pauschalisiert. Emcke appelliert daher, nicht auf das

Kopftuch zu schauen, sondern auf den Menschen darunter: Im Iran, darauf weist sie eindringlich

hin, kämpfen kopftuchtragende Frauen gegen ein Regime der Unterdrückung.

Emcke schwimmt gegen die gängige Meinung; aber sie schwimmt nicht nur; sie argu -

mentiert: sie tut es klug, mit dem präzisen Blick der Kriegsreporterin und mit der

Erfahrung der Journalistin, die die Krisengebiete der Welt kennt. Carolin Emcke schreibt

an gegen die Mehrheitsmeinung – mit dem Mut, der sie als Reporterin in Kriegsgebiete

geführt hat, die von anderen Journalisten nicht mehr betreten werden. Ihr Essay wider

den liberalen Rassismus steht in einer großen geistigen Tradition, in einer Tradition

wider die Kreuzzügler und die Islamophobie, in einer aufgeklärten Tradition des Rationalismus,

die einst mit John Wiclif und Nikolaus von Cues begonnen hat.

Vielleicht erstaunt es unsere Preisträgerin, wenn ich ihr einen katholischen Streit -

genossen zur Seite stelle, den verstorbenen Wiener Kardinal Franz König, einen der

ganz Großen der katholischen Religion im 20. Jahrhundert. Er hat vor zwölf Jahren in

einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt: Europa sei zwar durch das

Christentum geprägt und geformt worden; das könne aber heute nicht einfach kopiert

und neu aufgelegt werden. Und auf die Frage, ob er denn die „islamistische Herausforderung“

nicht sehe, antwortete er: „Wenn man nur in der Vergangenheit lebt, ist

das richtig. In der Zukunft muss man zu einem gegenseitigen Respektieren kommen.

Es mag sein, dass momentan das Interesse an einem Dialog nicht besonders groß ist,

aber: Wir – Christentum und Islam, Türkei und Europa – müssen miteinander leben,

nicht nebeneinander.“ Und dann sagte der alte Mann etwas Europäisch-Programmatisches:

„Wir haben so viele verschiedene Kulturen auf heimatlichem Boden, dieser

Reichtum darf nicht nivelliert werden, er muss das vereinte Europa prägen. Der Reichtum

der Sprachen, der Kulturen, der Traditionen und Religionen – er muß hinein

genommen werden in einer wirkliche Union.“

33


Dem weisen alten Kardinal würde wohl heute vorgeworfen werden, was auch Carolin

Emcke vorgeworfen wurde: Diese Argumentation verfolge „eine hinlänglich bekannte

Strategie der Verharmlosung“. Welch ein Unsinn. Der alte Kardinal, er war ein geistiger

Vater des 2. Vatikanischen Konzils, hat für den gegenseitigen Respekt der Kulturen und

Religionen geworben. Und dafür wirbt auch der ausgezeichnete Text von Carolin Emcke.

Es geht nicht nur um Toleranz; es geht um Respekt. Der Gegenbegriff zur Toleranz ist

nämlich die Intoleranz – wir wissen, wie leicht der Wechsel dorthin ist, wie wenig es

hierzu bedarf und wie schwer es ist, wieder zurück zu finden von der Intoleranz zur

Toleranz. Wir brauchen also etwas Tieferliegendes, etwas, das nicht so leicht entwurzelt

werden kann – Respekt. Das Verhältnis des katholischen zum protestantischen Bürger

oder des protestantischen zum katholischen Bürger ist dafür ein Vorbild: sich gegenseitig

nicht nur gewähren, sondern gelten lassen.

„Wir – Christentum und Islam, Türkei und Europa – müssen miteinander leben, nicht

nebeneinander“. Der Satz könnte auch auf der Preisurkunde für Carolin Emcke stehen.

Wir zeichnen Carolin Emcke aus, weil aufgeklärte Vernunft in diesen aufgeregten Zeiten

einen ersten Preis verdient – und weil ihr Text auf glänzende Weise für das Miteinander

der Menschen, ihrer Kulturen und Religionen wirbt.

vorgetragen von Prof. Dr. Heribert Prantl

34


Liberaler Rassismus

Die Gegner des Islams tun so, als würden sie Aufklärung und Moderne

verteidigen. In Wahrheit predigen sie den Fremdenhass *

Von dem afroamerikanischen Komiker und Entertainer Bert Williams stammt

der Satz: »Es ist keine Schande, schwarz zu sein. Aber es ist enorm ungünstig.«

Dieser Tage gilt: Es ist keine Schande, Muslim in Europa zu sein, aber es ist

enorm ungünstig.

Muslime im Singular scheint es nicht mehr zu geben. Sie sind als Individuen

unsichtbar, als Leute, denen ihre Mitgliedschaft im lokalen Fußballverein oder

ihre Arbeit als Krankenpfleger wichtiger sein könnte als ihre Herkunft aus Bosnien

oder Afghanistan. Muslime gibt es gegenwärtig selten als Lehrer oder Schlosser,

als Liebhaber von Neil Young oder Munir Bashir, Muslime gibt es selten als gläubig

und schwul, als Atheisten oder Opelaner – nicht weil es sie nicht gäbe, sondern

weil sie so nicht mehr wahrgenommen werden.

Jeder einzelne Muslim wird verantwortlich gemacht für Suren, an die er nicht

glaubt, für orthodoxe Dogmatiker, die er nicht kennt, für gewalttätige Terroristen,

die er ablehnt, oder für brutale Regime in Ländern, aus denen er selbst geflohen

ist. Muslime müssen sich distanzieren von Ahmadineschad in Iran, den Taliban

in Afghanistan, von Selbstmordattentätern und Ehrenmördern, und diese Distanzierung

glaubt ihnen doch keiner, weil alles gleichgesetzt wird: Islam und Islamismus,

Glaube und Wahn, Religiosität und Intoleranz, Individuum und Kollektiv.

Zum Vergleich: Es wird gegenwärtig eine Debatte über sexuellen Missbrauch

in katholischen Schulen geführt, es wird auch nach den Strukturen gefragt, die

den Missbrauch ermöglicht haben. Aber man erwartet nicht von beliebigen

Gläubigen, dass sie sich von solchen Taten distanzieren, und niemand würde

den bekennenden Katholiken Harald Schmidt auffordern, die Praktiken ihm

fremder Jesuitenpatres zu verdammen.

Früher nannte man es Rassismus, wenn Kollektiven Eigenschaften zugeschrieben

wurden – heute dagegen gelten dumpfe Vorurteile als »Angst, die man ernst

nehmen muss«. Was diesen neuen Rassismus rhetorisch so elegant aussehen

* Der preisgekrönte Beitrag ist erschienen in DIE ZEIT am 25.02.2010.

35


lässt, ist, dass das Unbehagen gegenüber Muslimen niemals als Unbehagen

gegenüber Muslimen artikuliert wird. Vielmehr kommen die Angriffe stets im

Gewand des Liberalismus und als Verteidigung der Moderne daher. Es sind

Werte einer aufgeklärten, sympathisch pluralistischen Lebensweise, die in

Stellung gebracht werden gegen den Islam.

Dabei werden Muslimen jene Eigenschaften und Überzeugungen zugeschrieben,

die eine moderne Gesellschaft als intolerant geißeln muss. Ein typisches

Beispiel ist der Einwanderungstest des CDU-regierten Bundesandes Baden-

Württemberg, bei dem die Tauglichkeit zur Einbürgerung mit der Haltung der

Einwanderer zur Homosexualität in Verbindung gebracht wird – oder der des

Landes Hessen, der ein modernes Frauenbild abfragt. Wer wollte nicht die mo -

der nen Vorstellungen des Zusammenlebens verteidigen? Das ist ja der Konsens,

auf dem unser Grund gesetz und unsere Gesellschaftsordnung beruhen. Es klingt

auch irgendwie besser und emanzipierter als die Ideologie von Leuten, die dogmatisch

an repressiven Familien- oder Sexualitätsvorstellungen festhalten.

Implizit wird dabei immer auch die eigene liberale Fortschrittlichkeit behauptet.

Vergessen sind die Versuche der CDU, gegen die eingetragene Lebenspartnerschaft

zu votieren, vergessen die Rückständigkeit des Familienbildes der Christlich-Demokratischen

Union, das Festhalten an der Ehe als einer Institution

zwischen Mann und Frau oder das Verweigern des Adoptionsrechts für homo -

sexuelle Paare. Es ist eine eigenwillige Allianz aus atheistisch-kritischem Feminismus

und christlichem Konservativismus, die etwa das Kopftuch als Projektionsfläche

für berechtigte Kritik an der Misshandlung von Frauen einerseits

und zugleich für eine phobische Scheu vor Andersartigkeit instrumentalisiert.

Da überrascht es gelegentlich, wem es auf einmal so außerordentlich um Frauenrechte

geht, und der Verdacht liegt nahe, dass Missachtung vor allem dann entdeckt

wird, wenn es sich um muslimische Formen des Patriarchats und des Ma -

chis mo handelt – als wären die nicht genauso widerwärtig, wenn sie von

Nicht muslimen ausgeübt werden. Wie vielen nichtmuslimischen Bewohnern

Baden-Württembergs oder Hessens die Staatsbürgerschaft entzogen werden

36


müsste, wenn auch sie den Test ihrer aufgeklärten Toleranz ablegen müssten,

bleibt unklar. Intolerant und illiberal sind immer nur die anderen.

So ist eine Diskussion um den Islam in Europa entbrannt, die nicht mehr nur

am rechten Rand Gemüter erhitzt, sondern das bürgerliche Zentrum erreicht hat.

Das Misstrauen gegen muslimische Europäer wird nicht mehr nur von den schrillen

Vertretern rechts-nationalistischer Parteien geschürt – wie Nick Griffin von

der British National Party (BNP) in England, der eine Repatriierung von »nicht

indigenen« Briten fordert, oder Geert Wilders von der Freiheits-Partei (PVV) in

den Niederlanden. Solche Parteien haben es geschafft, dass auf einmal die bürgerliche

Mitte über Konfliktlinien diskutiert, die von rechts außen diktiert wurden:

In der Schweiz sollen Minarette verboten werden, in Frankreich die Totalverschleierung,

und in den Medien wird eine Debatte über die »Eroberung Europas durch

den Islam« geführt.

Was aber hat dieser Blick auf den Islam mit Europa zu tun? Was sagt diese

Diskussion über uns Nichtmuslime, Christen, Juden oder Atheisten, aus?

Wenn eine Minderheit die Mehrheit so verunsichern kann, wie gefestigt ist

dann die eigene Identität?

Muslimische Fanatiker gab es schon früher, Ehrenmorde und Selbstmordattentate

auch. Vielleicht ist es aber kein Zufall, dass der Blick auf die Integration der

europäischen Muslime sich gerade in jener historischen Phase schärft, in der

Europa sich mit seiner eigenen Integration befasst. Möglicherweise gibt es auch

einen Zusammenhang zwischen schrittweiser Emanzipation und gleichzeitiger

Diskriminierung der eben emanzipierten Bürger. Es könnte sein, dass gerade die

Reform des Staatsangehörigkeitsrechts unter der rot-grünen Bundesregierung

1999 zu Paradoxien bei der Anerkennung der Muslime geführt hat. Wer vorher

als Tunesier oder Iraker wahrgenommen wurde, ließ sich national unterscheiden.

Sobald die Einwanderer Deutsche werden konnten, mussten sie mindestens

Muslime bleiben, sonst wären sie ununterscheidbar gewesen. Erst in den Jahren

nach der rechtlichen Anerkennung als Staatsbürger wurde deutlich, dass die

37


formale Gleichstellung keineswegs eine soziale bedeutete. Wie auch die fran -

zösischen und die Schweizer Islamdiskussionen in eine Zeit der nationalen

Verunsicherung fallen.

Wenn die Konflikte mit Muslimen aber weniger mit den Muslimen als mit uns

selbst und mit Europa zu tun haben, dann sollten wir uns fragen, was die europäische

Aufklärung kennzeichnete, was die historischen Prozesse und Prinzipien,

die sie etablierte – Säkularisierung, Liberalismus und Toleranz –, wirklich

bedeuten und was diese Werte im Umgang mit Muslimen verlangen.

Ursprünglich bezeichnete »Säkularisierung« lediglich den Rechtsakt, durch den

der Besitz und die weltlichen Güter der Kirche geschmälert wurden. Im weiteren

Sinne bezeichnet der Begriff die Verdrängung kirchlicher Autorität aus dem Bereich

weltlicher Herrschaft. Säkularisierung stellt also nicht die Praktiken der Gläubigen

infrage, sondern etabliert das politische System als unabhängig von kirchlichen

Einflüssen – Säkularisierung ist nicht antireligiös, sondern antiklerikal. Die individuelle

Frömmigkeit, aber auch die öffentliche Sichtbarkeit von religiösen Symbolen

sind eine ganz andere Frage.

Wer das Kopftuchtragen an öffentlichen Schulen oder den Bau von Minaretten

untersagen will, sollte sich daher nicht auf die Säkularisierung berufen. Das ist

einer der Gründe, warum die Verfechter des Kopftuchverbots den Schleier auch

nicht als Ausdruck religiösen Glaubens anerkennen, sondern ihn als Instrument

und Symbol der Unterdrückung deklarieren – so wie die Anhänger des Minarettverbots

die Moschee nicht als Gotteshaus, sondern als Raum der Terrorvorbereitung

definieren. Was dem einen die rhetorische Keule der Terrorgefahr, ist dem

anderen die der Unterdrückung von Frauen.

Das Problem ist weniger die Frage, ob es muslimische Mädchen und Frauen

gibt, die zum Tragen des Schleiers gezwungen werden – das kann nicht bezweifelt

werden –, die Frage ist: Was unterdrückt? Wirklich das Stück Stoff selbst? Oder

die patriarchalen Beziehungsgeflechte, die die Autonomie der Frau ignorieren?

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Stoppt das Verbot des Kopftuchs die Strukturen der Unterdrückung? Oder ergänzt

diese Entscheidung nur das Gefühl der Entmündigung durch Vater oder Ehemann

um das Gefühl der Entmündigung durch Gesellschaft und Staat? Das Kopftuch

darf oder muss die Frau dann nicht mehr tragen, aber wird sie damit auch schon

aus der Struktur der Unterdrückung befreit? Wären nicht Ausbildungs- oder Jobangebote

an muslimische Frauen ein erfolgversprechenderes Instrument der

Emanzipation als ein Burka- oder Kopftuchverbot? Wenn wir die häusliche Verwahrlosung

eines Kindes an seiner Kleidung in der Schule erkennen, glauben

wir dann, die Anordnung von Schuluniformen würde das Problem beheben?

Der Rationalismus der Aufklärung und der liberale Individualismus, auf die sich

die Islamkritiker gern berufen, orientieren sich stets an der Autonomie des einzelnen

Menschen. Was Aufklärung und Liberalismus verteidigen, ist das Selbstbestimmungsrecht

des Individuums: Nicht Kirche, soziale Klasse und Herkunft

sollen über das moderne Subjekt bestimmen dürfen, sondern die autonome,

freie Wahl des Einzelnen muss vom Staat geschützt und verteidigt werden.

Wer das Kopftuch prinzipiell verbietet, muss sich also fragen, ob es wirklich

undenkbar sein soll, dass eine Frau freiwillig ein Kopftuch tragen möchte. Wenn

eine Muslimin ein Kopftuch tragen möchte, muss das in einem liberalen Staat

ebenso schützenswert sein wie ihre Entscheidung, keines zu tragen. Wer Frauen

verteidigen will, sollte ihnen eine selbstbestimmte Wahl ermöglichen, sollte

Gewalt gegen Frauen (ob muslimisch oder nicht) ahnden und die, die sie misshandeln,

verurteilen.

Nun bleibt die Gefahr, die Befürworter eines Burkaverbots zu Recht benennen,

dass das soziale Umfeld, in dem Frauen die Burka tragen, eine solche freie Wahl

vielleicht nicht zulässt. Das ist ein ernst zu nehmender Einwand. Aber wenn

Frauen, wie in Frankreich erörtert, das Burkatragen in Bussen oder U-Bahnen

verboten wird – werden die Frauen, die zur Burka gezwungen werden, dann von

ihren Ehemännern wirklich unverschleiert auf die Straße gelassen? Oder müssen

sie zu Hause bleiben? Die Publizistin Hilal Sezgin hat in der Frankfurter Rundschau

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dazu den Vorschlag gemacht, Frauen mit Burka sollten lieber Übersetzer zur

Seite gestellt bekommen, um ihre Spielräume zu vergrößern.

Das Erbe der Aufklärung bedeutet, einen Freiraum zu verteidigen, in dem individu -

elle Vorstellungen des Glücks gelebt werden können, ohne dass der Staat intervenieren

darf. Säkularisierung war insofern auch immer gekoppelt an das Prinzip der

Glaubensfreiheit. Das politische System, die Gesetze des Staates, das Bildungswesen

sollten weltlich und dem Einfluss der Kirche entzogen sein, aber innerhalb

dieser politischen Ordnung sollte den Bürgern ihre eigene Religiosität, ihre eigene

Weltanschauung, ihre eigene Vorstellung vom guten Leben gestattet sein.

Dieses Erbe bedeutet die Möglichkeit, sich rational oder irrational, religiös oder

nichtreligiös zu orientieren, es bedeutet die Freiheit, sich nach einer anderen Welt

zu sehnen, aber den Rechtsstaat und die Glaubensfreiheit der anderen anzuerkennen.

Diese Freiheit, sich selbst oder die Realität überschreiten zu wollen, ist

es, die Menschen kreativ sein lässt. Es mögen religiöse oder atheistische Visionen

sein, die uns über uns hinauswachsen lassen. Aber wir verkümmerten in unserem

Gemeinwesen und in unserer Lebensfreude, wenn wir sie beschneiden würden.

Eine Glaubensfreiheit, die eigentlich Zwangsatheismus als einzige Form der

Modernisierung akzeptiert, ist keine. Eine Glaubensfreiheit, die nur den christlichen

Glauben meint, ist auch keine. Toleranz ist in Wahrheit immer Toleranz

von etwas, das einen anwidert oder irritiert. Toleranz dämmt Abneigung, nicht

Zuneigung. Und in modernen, pluralistischen Gesellschaften mit unterschiedlichsten

existenziellen, sexuellen oder ästhetischen Neigungen wird das Tolerieren

von Praktiken und Überzeugungen anderer von jedem verlangt: Die Geißelungen

bei den Osterprozessionen in Sevilla erscheinen den einen so pervers wie anderen

die Sadomaso-Spielchen auf den Christopher-Street-Day-Paraden in Paris oder

Berlin; der männliche Blick, der junge Mädchen unter den Schleier zwingt, er -

scheint den einen ebenso sexistisch wie anderen der, der sie sich in High Heels

quetschen und rundum entblößen lässt; die Vorstellung der Eucharistie ist den

einen so befremdlich wie den anderen der Glaube an 72 Jungfrauen im Paradies;

40


die Wagner-Begeisterten in Bayreuth wirken auf die einen so befremdend wie

auf andere die St.-Pauli-Fans am Millerntor. Wer denkt, nur Muslime glaubten an

unwahrscheinliche Geschichten, sollte gelegentlich in eine Messe gehen oder

Chatrooms im Internet besuchen. Für ähnlich geartete Lebensformen oder Überzeugungen

braucht es keine Toleranz.

Natürlich gibt es eine richtige und notwendige Kritik an radikalem Fundamen talismus

und Gewalt, ob sie nun von Muslimen oder Christen ausgehen (wer meint,

nur unter Muslimen gebe es Antisemiten oder religiös motivierte Kriminelle, sollte

sich die Pius-Brüder ansehen oder die gewalttätigen evangelikalen Abtreibungsgegner).

Aber der Unterschied zwischen Aufklärung und Rassismus macht sich

daran fest, ob diskriminierende Praktiken und Verbrechen angeklagt werden –

oder ganze Bevölkerungsgruppen. Die Gefahr für das Erbe der Aufklärung sind

nicht Andersgläubige, sondern die Ideologen, die politische oder soziale Fragen

in religiöse oder ethnische umdeuten. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

sind ebenso Feinde der europäischen Idee wie Glaubensfuror und Terrorismus.

Die europäischen Ideale der Aufklärung, der Säkularisierung, der Toleranz und

der Rechte des Individuums scheinen in Europa immer mehr in Vergessenheit zu

geraten. Verteidigt werden sie gegenwärtig am ehrlichsten nicht in Berlin oder in

Paris, sondern in Teheran. Es sind junge Frauen mit Kopftuch, die gegen ein religiös-fundamentalistisches

Regime kämpfen, junge Menschen, die Allahu Akbar,

Allah ist groß, rufen und ihr Leben riskieren im Kampf gegen Despotie. Sie sind

der Beweis dafür, dass Aufklärung und Menschenrechte, Toleranz und Glaubensfreiheit

universal gelten müssen, für Gläubige oder Ungläubige, Muslime oder

Christen, Juden oder Atheisten. Daran sollten wir in Europa uns erinnern.

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2. Preis


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Christoph Lütgert mit Team


Panorama – Die Reporter „Die KiK-Story“ *

(NDR; gesendet in „ARD-exklusiv“, 4. August 2010)

25,96 Euro – für diese Summe konnte sich „Panorama“-Reporter Christoph Lütgert in

einer Filiale des Bönener Textil-Discounters KiK von Kopf bis Fuß einkleiden. Auf dem

roten Teppich präsentieren sich zu Werbezwecken auch Promi-Ikonen wie Verona Pooth

in einem Outfit des Textildiscounters. Doch Fragen zu Produktionsmethoden und

Dumpinglöhnen wollte Pooth nicht beantworten. Und auch die Geschäftsführung von

KiK schwieg lange. Dabei gab es viele Vorwürfe, die so unbeantwortet blieben: Verkäuferinnen,

die kaum von ihrem Gehalt leben können, Druck und Kontrollen am Arbeitsplatz

sowie die Ausbeutung in Produktionsländern wie Bangladesh. All das zeigten

Lütgert und sein Team ** in der 30-Minuten-Reportage „Die KiK-Story“.

Christoph Lütgert

geboren 1945

Werdegang:

seit Juni 2010 Ruhestand und freier Mitarbeiter im NDR

1995-2010 Chefreporter Fernsehen des Norddeutschen Rundfunk (NDR)

1988-1995 Erster Reporter in der „Panorama“-Redaktion des NDR

1986-1988 Hörfunkkorrespondent des NDR im Hauptstadtstudio Bonn

1995-1986 Reporter im WDR-Fernsehstudio Düsseldorf

1970-1985 dpa-Reporter, landespolitischer Korrespondent in NRW,

bundespolitischer Korrespondent in Bonn

Auszeichnungen, u. a.:

Leuchtturm-Preis vom Netzwerk Recherche (2002)

Fernsehpreis der internationalen Jury der Rias Berlin Kommission (2003 und 2005)

Wirtschaftsjournalist des Jahres (2010)

* Der preisgekrönte Fernsehbeitrag ist sowohl über die der Dokumentation beigefügte DVD (hinten, 3. Umschlagseite)

zugänglich als auch u. a. über die Homepage des „Brenner Preises“. (Die Redaktion)

** Das Team, siehe S. 45, wurde für die „Kik-Story“ zur Redaktion des Jahres 2010 gewählt.

44


Veröffentlichungen, u. a.:

Der Untergang der Estonia – die programmierte Katastrophe (TV-Dokumentation, 1995)

Der Untergang der ME 110 – Rätsel um drei Wehrmachtsflieger (TV-Reportage, 1997)

Der Herausforderer – Kanzlerkandidat Gerhard Schröder (TV-Reportage, 1998)

Panorama – die Reporter: Jagd auf Egon Krenz (2009/2010)

Das „KiK-Team“:

Christoph Lütgert, Presenter und Texter

Sabine Puls, Autorin und Rechercheurin

Kristopher Sell, Autor und Rechercheur

Dietmar Schiffermüller, Redaktionsleiter

Britta von der Heide, Redaktion, Kamera, Regisseurin

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Begründung der Jury

Haben Sie sich nicht auch schon ab und zu gefragt, wie es sein kann, dass in manchen

Läden ein T-Shirt nur einen Euro kostet und man sich für 30 Euro vollständig einkleiden

kann? Klar, man kann es sich denken: Die Ware kommt aus Ausbeuterfabriken in armen

Ländern und auch die Verkäuferinnen kriegen nur Armutslöhne. In der Regel verdrängt

man dann solche Gedanken schnell, so ist sie eben, die Globalisierung, da kann man

eh nichts machen.

Oder kann man vielleicht doch? Kann man versuchen, die Hersteller und die Vermarkter

zu zwingen, für bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen,

indem man ihre Praktiken öffentlich macht? Genau das hat dieses Reporterteam des

NDR in diesem Jahr versucht, und ich sage gern, dass ihnen das mit Bravour gelungen

ist. Christoph Lütgert, Sabine Puls, Britta von der Heide und Kristoffer Sell haben mit

ihrem Film „Die Kik-Story“ bewiesen, dass es sehr wohl möglich ist, einen scheinbar

unausrottbaren Missstand für eine breite Öffentlichkeit so aufzubereiten, dass zumindest

jenen, die den Film gesehen haben, künftig das Wegschauen schwer fällt. Wer

diese Reportage über die Methoden des Billigdiscounters KiK gesehen hat, der wird

die Läden dieses Unternehmens künftig so lange meiden, bis es glaubhaft nachweisen

kann, dass existenzsichernde Löhne gezahlt werden und die Näherinnen menschenwürdige

Arbeitsbedingungen genießen.

Das Besondere an diesem Film ist aber nicht, dass er Zahlen und Fakten und Verantwortliche

nennt, das haben auch andere schon vielfach getan. Die herausragende

Leistung liegt vielmehr darin, dass es den Autoren gelungen ist, das Schicksal der für

KiK arbeitenden Näherinnen in Bangladesch und das der Verkäuferinnen ihrer Produkte

in Deutschland wirklich authentisch zu schildern. Die Opfer der menschenverachtenden

Methoden im asiatischen Textilgewerbe werden dem Zuschauer so nahe

gebracht, dass er wirklich versteht, wie ihre Notlage mit der unreflektierten Schnäppchenjagd

bei uns verknüpft ist. Herausragend ist auch, wie es den Autoren gelingt, die

zynische Verachtung der verantwortlichen Manager einzufangen. Perfekt werden da

die Werbeveranstaltungen des Konzerns mit ihrem inszenierten Frohsinn mit den Bildern

aus den Slumwohnungen der Arbeiterinnen in Dacca gegengeschnitten. Und die

dümmlich dreiste Verweigerung des Konzernchefs, dazu Stellung zu nehmen, erzählt

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alles über seine Einstellung. Selten wurden die Ausbeuter im globalen Textilgeschäft

so deutlich an den Pranger gestellt.

Hervorzuheben ist schließlich, dass die Autoren ihre Zuschauer auch daran teilhaben

lassen, wie der Konzernboss und seine Anwälte versuchen, den Bericht per Gerichtsbeschluss

zu verbieten. Damit demonstrieren sie vorbildlich, wie solchen Anschlägen

auf die Pressefreiheit zu begegnen ist: Nämlich, indem man genau solche Repressalien

öffentlich macht. Dazu gehört allerdings auch, dass man Chefredakteure und Justiziare

hat, die zu ihren Leuten stehen und auch mal einen Prozess riskieren. Das ist leider

keineswegs alltäglich. Insofern gebührt dieser Preis nicht den Autoren allein, sondern

auch den Verantwortlichen beim NDR, die keine Kosten und Prozessrisiken gescheut

haben, um das Vorhaben umzusetzen.

Und der große Erfolg der „KiK-Story“ bei den Zuschauern hat ihnen Recht gegeben.

Damit ist der Film auch Beleg dafür, dass aufwändig recherchierte und verständlich

erzählte Reportagen über Missstände in der globalisierten Ökonomie auch zur besten

Sendezeit auf breites Interesse stoßen. Das ist preiswürdig, keine Frage. Und am

besten wäre es, wenn dieser Erfolg den Entscheidern beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Mut macht, ihre Gebühreneinnahmen auch für weitere solcher Projekte bereit

zu stellen. Liebe Kollegen, wir brauchen noch viel mehr davon.

vorgetragen von Harald Schumann

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3. Preis


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Markus Metz

Georg Seeßlen


„Von der Demokratie zur Postdemokratie.

Eine Gesellschaftsform in der Krise“ *

(Hörfunk Bayern 2 „Zündfunk Generator“, 31. Januar 2010)

Deutschland hat ein Problem: Freiheit und Demokratie beginnen einander zunehmend

ins Gehege zu kommen. Immer mehr Bürger nehmen sich die Freiheit, den demokra -

tischen Staat und seine Organe zu ignorieren, zum Beispiel indem sie nicht zur Wahl

gehen. Zugleich fühlt sich der demokratische Staat bemüßigt, immer stärker in die

Bürger- und Menschenrechte einzugreifen, Daten zu sammeln, Überwachung zu organisieren

oder Maßnahmen auch gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen.

In ihrem Beitrag beschäftigen sich Markus Metz und Georg Seeßlen mit der Zukunft

eines Systems, das immer als das fortschrittlichste galt: die Demokratie.

Markus Metz

geboren 1958 in Oberstdorf

Werdegang:

seit 1988 freier Journalist und Autor

1987-1988 Geschäftsführer Radio Föhn, Lokalradio-Kleinanbieter für das Oberallgäu

1980-1986 Studium Publizistik, Politik, Theaterwissenschaft an der Freien Universität

Berlin, Abschluss M.A.

Georg Seeßlen

geboren 1948 in München

Werdegang:

Seit ca. 1970

freiberuflicher Autor für verschiedene Tageszeitungen, Zeitschriften

und für den Hörfunk

Studium der Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie in München

* Der preisgekrönte Radiobeitrag ist sowohl über die der Dokumentation beigefügte DVD (hinten, 3. Umschlagseite)

zugänglich als auch u. a. über die Homepage des „Brenner Preises“. (Die Redaktion)

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Gemeinsame Veröffentlichungen, u. a.:

Krieg der Bilder, Bilder des Krieges. Abhandlung über die Katastrophe

und die mediale Wirklichkeit. Edition Tiamat (2002)

Wir sind BILD! Boulevard-Journalismus, Wertewandel und Menschenwürde (2008)

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Begründung der Jury

„Zündfunk Generator“ heißt die Sendereihe auf Bayern 2, in der diese Radioarbeit

unserer Preisträger Markus Metz und Georg Seeßlen lief. Hier ist der Name im besten

Sinne Programm. Denn Metz und Seeßlen spannen vor unseren wissbegierigen Ohren

einen weiten Bogen voll zündender Gedanken, sie schaffen kraftvolle Aufklärung zum

Hören at it’s best.

Postdemokratie ist ihr Thema, eines, das auch andere Journalisten für sich und uns

entdeckt haben, doch noch viel zu wenige und längst nicht alle so gut und gültig wie

hier. Denn die Entwicklungen, die Metz und Seeßlen nachzeichnen, intelligent interpretieren

und diskutieren, sind bedrohlich. Geringere Partizipation der Bevölkerung

an der Willensbildung und somit eine schwächere Legitimation politischer Entscheidungen

sind dabei nur zwei Schlagworte.

Metz und Seeßlen sind ein bewährtes Autorenduo. Zehn Jahre liegen zwischen den

beiden Männer, Generationsgenossen sind sie nicht, doch überaus kreative Kollegen.

In ihrem preiswürdigen Radiofeature zeigen sie anschaulich, was die vielbeschworene

„Krise der Demokratie“ in der Wirklichkeit bedeutet – und wohin das alles

noch führen kann.

Dabei arbeiten Metz und Seeßlen mit allen Mitteln moderner Funkdramaturgie: mit

kommentiertem O-Ton, mit Expertenstatement, mit eigener Recherche, deren Ergebnisse

in gewinnender Sprache wiedergegeben werden, mit eleganten Musikakzenten,

gelegentlich auch mit Stilmitteln wie Kontrastierung. Ein kurzes Zitat nur: „In der Arztpraxis

hört die Demokratie auf. In der Universität hört die Demokratie auf. Bei öffentlicher

Ruhestörung hört die Demokratie auf. Beim Geld hört die Demokratie auf.“

Als Hörer dürfen wir gut 50 Minuten lang Zeugen dieses öffentlichen Nachdenkens sein,

wir werden bereichert in unserem Wissen und unserer Urteilskraft und am Ende, hoffentlich,

von bloßen Zeugen zu Akteuren. Im Interesse einer revitalisierten Demokratie.

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Die Preisträger haben sich in einem Interview bei ihrer Redaktion im Bayerischen

Rundfunk bedankt. Zitat: „Es ist ein Glückfall, dass hier eine sehr mutige Redaktion

sitzt, die solche Themen auch möglich macht.“

Hoffen wir als das gebührenzahlende Publikum, dass dieses preisgekrönte Exempel

auch ein Symptom ist für eine Renaissance des öffentlich-rechtlichen Reflexionsradios,

und zwar in modernisierter Form: kritisch und klug, informierend, analytisch, geistreich

und gerne auch amüsant.

vorgetragen von Prof. Dr. Volker Lilienthal

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Spezial-Preis


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Willi Winkler


„Die Freuden der Denunziation“

(„Süddeutsche Zeitung“, 13. Februar 2010)

Geschichte eines Niedergangs:

einst besaß der Verrat Größe – inzwischen geht es um Datenhehlerei und Steuerbetrug

Willi Winkler

geboren 1957 in Sittenbach (Bayern)

Werdegang:

seit 1998 Pauschalist „Süddeutsche Zeitung“

1991-1998 freier Autor und Übersetzer

1989-1991 Ressortleiter Kultur bei „Der Spiegel“

1988-1989 Redakteur „Die Zeit“

1978-1984 Studium der Linguistik und Literaturwissenschaften

in München und St. Louis

1977-1978 angelernter Lagerarbeiter (Metallbranche)

Auszeichnungen, u. a.:

Ben-Witter-Preis (1998)

Veröffentlichungen, u. a.:

Der Schattenmann (2011)

Die Geschichte der RAF (2007)

Karl Philipp Moritz (2006)

Übersetzungen:

Übersetzungen von Büchern von John Updike, Anthony Burgess und Woody Allen

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Begründung der Jury

So einen wie Willi Winkler hätte ich gern zum Kollegen. Er säße dann in einem Büro, ei -

nem Café in der Nähe und hätte Kenntnisse parat, wenn ich ihm von einem Film er zähl te,

der nichts taugt oder ihn zum neuen Buch von Keith Richards befrage (immerhin hat er

über die Stones und Dylan selbst Bücher geschrieben) oder warum der Sarrazin-Hype so

gut funktioniert hat. Er würde inspirieren und mir für ein paar Stunden den Gegenbeweis

liefern, dass das Gros der Journalisten zur Oberfläche verdammt ist. Dass wir Bausteine

einer industriellen Fertigungsstrasse sind, dass unser Geschäft das Flüchtige ist.

Sie fallen eben auf, sie fallen ins Gewicht: die Artikel, Kommentare und Analysen

des freien Journalisten Willi Winkler. Sie zu lesen ist für mich Pflicht und Kür zugleich,

weil solche unverbrauchte Gedanken in schöner Sprachmacht selten geworden sind.

Im Kosmos des Willi Winkler geht es recht frei zu, da kommen Themen und Figuren

zusammen, die kaum miteinander zu tun haben. Oder doch? Hosea Dutschke, Katja

Ebstein, Dieter Kunzelmann, David Lettermann. Die Sünden der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Die Bagdad-Istanbul-Bahn. Axolotl Roadkill.

Das Spektrum ist riesig, und Wissensgier, Bildung und das Glück aufzuklären strahlen

aus jedem Text hervor.

Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte der Begriff „Renaissance Man“ in der englischen

Kulturkritik auf, gemeint war einer, der auf vielen Feldern der Kultur und Wissenschaft

sich Expertise erwirbt und zu einer eigenen Philosophie zu verweben versteht. So

einer ist Willi Winkler, er schreibt tiefsinniger als ein Generalist, verständlicher als

ein Spezia list, eben ein Renaissance Man und schade, dass dieser Qualitätsbegriff

so nicht im Deutschen existiert. Und auf eine Renaissance Woman möchte man auch

hoffen.

Ob er sich mit dem Zeitgeist der 68er befasst, die RAF analysiert oder für großes

Kino wirbt – Winkler nimmt sich journalistische Freiheit mit vollen Händen, und das

verführt den Leser und die Leserin. Dabei beweist er ein feines Gefühl für „Oben“ und

„Unten“, für Abhängigkeit und Unabhängigkeit.

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In einem Gespräch im alpha. Forum des Bayrischen Rundfunks sagt Winkler etwas, das

man in Volontärskursen debattieren lassen müsste: „Es gibt keinen Grund, je mandem

vors Schienbein zu treten, es sei denn, er ist reich und mächtig“. Ein Zitat aus dem

amerikanischen Journalismus, das er explizit lobt. Das passiert ihm zu wenig, und

weiter heisst es: „Der Widerspruchsgeist, das grundsätzlich Nicht-Einverstandensein

mit dem, was ist – wäre für mich eine männliche Tugend“. Er ist nicht einverstanden mit

dem, was man früher „die herrschenden Verhältnisse“ nannte. In der Aufmerksamkeitsund

Mediengesellschaft haben sich die Journalisten anscheinend „dafür entschlossen,

nur noch das Streichquartett zu bilden zu dem, was passierte und zu wenig zu zweifeln ...“

Winklers Arbeiten reichen weit über das politische Feuilleton hinaus, er ist feuriger

Gesellschaftskritiker, der sich von der Diktatur des Aktuellen und Modischen nicht

beeindrucken lässt. Diese Rede würde unglaublich lang werden, wenn ich aus allen

Texten, die mir besonders gefielen, zitieren würde. Aber zwei, drei mag ich mir nicht

verkneifen, besonders zu loben.

In seinem großen Essay über „Die Freuden der De nunziation“ zum Beispiel verknüpft

er geistreich den Aufstieg und Fall des Schweizer whistle-blowers Christoph Meili mit

anonymen Steuer-CDs, mit dem notwendigen Verrat des Judas und Deserteuren des

Vietnamkrieges. Das nenne ich assoziieren! Verrat als sittliche Pflicht – eine ungewöhnliche

Fragestellung in einer Zeit des moralischen Relativismus. Und beim Thema

Steuerhinterziehung gilt: selten hat es jemand so genau beschrieben, welche spie -

ßigen, glanzlosen Mechanismen hinter dem Drang stehen, den Staat und die Mitbürger

betuppen zu wollen – weil es jeder so macht.

Lakonisch und böse ist der Artikel über die junge Erfolgsautorin Helene Hegemann, die

für das Buch Axolotl Roadkill ja ganze Passagen von einem Blogger abschrieb – die

Tech nik ihrer Generation. Dass Copyrightverletzungen, kruder Textklau einen freien,

ewig unterbezahlten Autoren besonders irritieren müssen, ist das Eine. Winkler bringt

vor allem den Hype auf den Punkt: „Marketing ist alles, der Markt, so ist er nun mal,

giert nach Frischfleisch...“ Und die 17jährige entzaubert er als Traumfräulein für

alternde Feuilletonherren, denen der „morbide Vitalismus einer wohlstandserschöpften

Jugend“ einen – irgendwie sexuellen – Kick gibt.

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Beim Lesen über die Person Willi Winkler kam mir eine Vorstellung, warum er diesen

klaren Blick hat. Die Entwicklung zum Schreiber war nichts Geschenktes und Glattes.

Willi Winkler kommt aus einfachen Verhältnissen, ein Kleinhäuslersohn aus einem

153-Seelen-Dorf, dem Bildung die Welt auftat. Vom bayerischen Dorf Sittenbach zu

den feinen Etagen im Norden, zur „Zeit“ und zum „Spiegel“. Ohne Bafög hätte er nicht

studieren können, ein Günstling der Bildungsreform der 70er wie er schreibt. Daher

auch das Unbehagen eines Arbeiterkindes, wenn Studiengebühren diskutiert werden.

Es ehrt Sie, lieber Willi Winkler, wenn Sie in dieser „abgehobenen, abstrakten, akademischen,

journalistischen Sphäre“, das sind Ihre Worte, etwas fremdeln, sich als „Hochstapler“

bezeichnen. Die nassforschen Alpha-Journalisten waren immer schon verdäch -

tig, zu interessiert an Privilegien und Prominenz zu sein. Es tummeln sich in dieser

Society zu viele Maulwerksburschen, die von der eigenen heissen Luft nach oben

getragen werden. Ihre Texte sind anders. Bei Ihnen ist das Gemachte stets wichtiger als

der Macher. Es heisst von „Arbeitgeberseite“, dass Sie sagenhaft produktiv seien, ein

Vielschreiber, dem die Ideen und Projekte nie ausgingen, der gar nicht genug publizieren

kann. Und dass Sie vom Gegenüber volle Präsenz verlangen, ausweichen geht nicht.

Kritischer Journalist, Essayist, Schriftsteller und Übersetzer. Vielleicht ist das nur

möglich, weil Sie sich von den Apparatschiks der Redaktionsetagen losgesagt haben

und Freiberufler wurden.

Das Originäre UND das Skeptische prägen alle Arbeiten wie ein Kammerton. Mit dem

Spezial-Preis zeichnet die Jury einen unabhängigen, kritischen Kopf aus, wie er dem

Journalismus gut tut. Der Sprachkünstler und Widerspruchsgeist Willi Winkler lässt

unseren Berufsstand glänzen.

Und wir aus der Jury haben uns schnell und leicht für diesen Winkler entschieden, der

sich für seine Arbeit die eigene Zeit, die eigenen Wertmaß stäbe und den eigenen Raum

nimmt, und darum ist er ein beneidenswerter Mensch.

vorgetragen von Sonia Seymour Mikich

59


Die Freuden der Denunziation

Geschichte eines Niedergangs: Einst besaß der Verrat Größe –

inzwischen geht es um Datenhehlerei und Steuerbetrug *

Der Wachmann Christoph Meili, 28 damals, gelangte am 8. Januar 1997 auf

seinem nächtlichen Rundgang in einen Kellerraum der Schweizerischen Bankgesellschaft

(SBG), in dem Akten geschreddert werden sollten. In einer Bank

fällt viel Papier an, und das Vernichten von Akten ist ein normaler Vorgang. Die

Lagerkapazität ist bald erschöpft, und irgendwann endet selbst fürs Finanzamt

die Aufbewahrungsfrist. Meili langweilte sich auf seiner nächtlichen Tour; später

erzählte er, dass er sich dort in aller Ruhe ein Pin-up-Mädchen anschauen wollte.

Dann jedoch entdeckte er etwas noch viel Interessanteres: Alte Kontobücher lagen

da, Protokolle über Zwangsversteigerungen in Berlin, Gutschriften, Verbuchungen,

normale Geschäfts post, über fünfzig Jahre alt. Meili war im Zweiten Weltkrieg

noch nicht am Leben, er war kein Historiker, er hatte Computer verkauft und

schließlich mit viel Glück diesen Job ergattert, der ihm erlaubte, seine Frau und

seine beiden Kinder zu ernähren.

Aber wer immer es ihm eingegeben haben mag: Meili bemerkte in diesem mitternächtlichen

Bankverlies, dass es sich bei dem Altpapier um die Belege für ein

Verbrechen handelte. Die SBG, die heute UBS heißt und weltweit operiert, hatte

nicht nur die für die Schweiz üblichen Geschäfte mit Diktatoren und Waffenhändlern

gemacht, sondern das nationalsozialistische Deutschland dabei unterstützt,

als die Juden vor und nach ihrer Ermordung auch noch ausgeplündert wurden.

Der Wachmann ging petzen

Ein Schweizer Gesetz sah seit 1996 vor, dass solche Unterlagen aufbewahrt

werden müssten, denn die Schweiz wollte sich endlich zu ihrer wenig ruhm -

reichen Vergangenheit als kollaborierende Finanzmacht bekennen. Die UBS

dagegen wol lte dem lieber aus dem Weg gehen und suchte die Abkürzung über

den Schredder. Christoph Meili stahl die Unterlagen und brachte sie zur Jüdischen

Cultusgemein de in Zürich. Deshalb wurde er von seinem Wachdienst entlassen,

die Staatsanwaltschaft erstattete Anzeige wegen Diebstahls, denn Meili war

* Der preisgekrönte Beitrag ist erschienen in der Süddeutschen Zeitung am 13.02.2010.

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seiner Aufsichtspflicht etwas zu gründlich nachgekommen und hatte dabei

die Loyalität vernachlässigt.

Es war alles rechtens. Jeder Arbeitsvertrag trifft Vorsorge, dass der Angestellte

über seine Tätigkeit Stillschweigen bewahrt. Er ist seiner Firma zur Loyalität

verpflichtet und wird unter anderem dafür bezahlt, dass er nichts hinausträgt.

Wer über Vorgänge in seiner Firma plaudert, begeht einen Rechtsbruch und

kann jederzeit entlassen werden.

Christoph Meili hatte grob gegen seine Loyalitätspflichten verstoßen. Nachdem

er deswegen von seinen Landsleuten lang genug sekkiert worden war, ging er

mit Frau und Kindern in die USA, wo man ihn maßlos feierte. Er trat bei Galas

auf und sagte als Zeuge im Untersuchungsausschuss aus. 35 Preise sammelte

er ein für seinen Verrat. Die Amerikaner gewährten ihm als erstem Schweizer

politisches Asyl und bürgerten ihn 2005 ein.

Der Verrat zählt zu den schlimmsten Sünden in der säkularen Welt. Er ist ein letzter

Gruß aus einer Zeit, die noch der Religion bedürftig war. Ein Verrat bildet schließlich

die Grundlage für die erfolgreichste Ideologie der Weltgeschichte, für das

Chris tentum. Der erste Verräter war Judas. Seine Geschichte begab sich am ersten

Gründonnerstag, als Jesus sich mit seinen Jüngern an den Tisch setzte, um mit ihnen

das zu feiern, was dann das Letzte Abendmahl wurde. „Einer unter euch, der mit

mir isst, wird mich verraten.“ (Markus 14,18) Die Jünger sind bestürzt, fragen

einander, wer es sein könnte und weisen den Verdacht vorsorglich weit von sich.

Auf dem Gemälde Leonardos im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria

delle Grazie in Mailand sitzt Judas ganz rechts außen. Er ist bereits als der Verräter

entlarvt. Judas öffnet die Hände, als wollte er die Vorwürfe abwehren, wollte weiter

leugnen, was doch offensichtlich ist. „Wehe aber dem Menschen“, fährt Jesus fort,

„durch welchen der Menschensohn verraten wird. Es wäre für diesen Menschen

besser, er wäre nie geboren worden.“

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Der Verräter wird nicht bloß von der Tischgesellschaft, sondern aus jeder Gesellschaft

ausgestoßen. Dabei ist er unabdingbar. Judas, der das Vertrauen Jesu und

seiner Jünger missbraucht hat, ist der V-Mann des Weltgeistes. Erst Judas voll -

endet die Heilsgeschichte, weil er Jesus ans Kreuz bringt.

Die Evangelien danken es ihm so wenig wie die Nachwelt, der nur gemeldet wird,

dass sich der Verräter in der Verzweiflung über sein Tun erhängt habe. Judas war

zerrissen zwischen zwei Loyalitäten: Sollte er weiter Christus nachfolgen oder den

Pharisäern, die ihm dreißig Silberlinge für den Verrat bezahlten? Das macht ihn

zu einer einmalig tragischen Figur: Er verrät eine spirituelle Lehre an weltliche

Machthaber; aber wenn er es nicht getan hätte, fehlte der christlichen Lehre das

Fundament, der Opfertod ihres Gründers.

Der Verrat kann eine Sache der Ehre sein –

die Preußen wussten das

Seit sich widerstreitende Loyalitäten anbieten – für den Staat oder für die Kirche,

für einen anderen Staat, für einen anderen Glauben –, gibt es auch den Seitenwechsel

und den Verrat. Der Krieg, der 1789 nach der Französischen Revolution

ausbrach, schuf unendlich viele Loyalitätskonflikte. Schiller wurde Ehrenbürger

der Französischen Revolution und fürchtete doch lieber um seine endlich begonnene

Karriere. Ein anderer ehemaliger Aufrührer, der zum Geheimen Conseil-Rath

avancierte Goethe, zog mit seinem Herzog gleich in den Krieg gegen die Revolution,

die er durch seinen „Werther“, seinen „Götz von Berlichingen“, mit herbeigeführt.

Die Berliner Salonnière Henriette Herz erzählt in ihren Erinnerungen, wie der

Diplomat Friedrich von Gentz, einst glühender Verfechter der Französischen

Revolution, plötzlich zum Reaktionär wurde. „An einem schönen Morgen jedoch

war die Allen welche ihm näher standen sehr bekannte Geldnoth, wenn auch

nicht gehoben – dazu hätte es sehr ansehnlicher Summen bedurft – doch ganz

augenscheinlich gemildert, und die Freisinnigkeit verschwunden.“ Der Revolutionär

war keiner mehr, sondern gekauft. „Eine österreichische Pension hatte

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eide Wunder bewirkt. Er war damals noch, und noch längere Zeit nachher, als

Kriegsrath beim General-Directorium in preußischen Diensten.“

Der Verrat kann auch eine Sache der Ehre sein. 1812, am Tag vor Silvester, lief eine

preußische Heerschar unter der Führung Yorck von Wartenburgs zu den Russen

über. Die Preußen waren mit Napoleon verbündet und zum Kriegsdienst auch

gegen Russland verpflichtet, ihr Seitenwechsel war also nichts anderes als Hochverrat.

Yorck erwartete das Erschießungskommando, doch dem preußischen König

blieb mit Rücksicht auf die Volksmeinung nichts anderes übrig, als sich diesem

Aufstand anzuschließen und den Verrat zur Staatsraison zu erklären. „Große Opfer

werden von allen Ständen gefordert werden; denn unser Beginnen ist groß, und

nicht geringe die Zahl und die Mittel unserer Feinde“, dröhnte der König. „Keinen

andern Ausweg gibt es, als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen

Untergang. Auch diesem würdet Ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre willen;

weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag.“

Der Ehrbegriff der preußischen und deutschen Soldaten vertrug sich dann erstaunlich

lang mit dem Nationalsozialismus, doch am 20. Juli 1944 waren einige Offiziere

endlich zum Verrat bereit und gewillt, dabei auch ihr Leben einzusetzen.

Niemand liebt den Verräter. Als der Lehrer Fritz Rodewald im Juni 1972 erfuhr,

dass zwei Leute in seiner Wohnung übernachten wollten, kamen ihm Zweifel. Er

ahnte, wer sich da anmeldete, und wahrscheinlich wusste er sogar, dass es sich

um Ulrike Meinhof und Begleitung handelte. Rodewald hatte viel Erfahrung mit

dem Verrat. Er gehörte zu einem konspirativen Netzwerk, das amerikanische

Soldaten, die sich zur Desertion entschlossen hatten, auf geheimen Wegen an

die Ostsee und ins neutrale Schweden schaffte.

In der Propaganda an der sogenannten Heimatfront waren diese Fahnenflüchtigen

Verräter. Sie schwächten die Wehrkraft, sie schadeten dem Ansehen der USA, sie

verhinderten, dass die amerikanische Armee im Dschungel von Vietnam endlich

den Sieg über die schlitzäugigen Kommunisten davontrug. Doch 1972 glaubte kein

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vernünftiger Mensch mehr, dass die USA in Vietnam die Freiheit des Westens

ausgerechnet mit Bombenteppichen und Napalmgarben verteidigen sollten. Es war

also eine Frage der Ehre, den wehrpflichtigen Deserteuren zur Flucht zu verhelfen.

Auf andere Art, nämlich mit Rohrbomben, betrieb die RAF im Jahr 1972 den Widerstand

gegen den Vietnamkrieg. Nachdem die USA die Häfen Nordvietnams vermint

hatten, legte die RAF in Deutschland Bomben. In Frankfurt und Heidelberg starben

bei ihren Anschlägen auf US-Einrichtungen vier Menschen, Dutzende wurden

verletzt und verstümmelt. Die RAF hatte die staatlich verordnete Waffenbrüderschaft

mit den USA aufgekündigt und war zur vietnamesischen Volksbefreiungsarmee

übergelaufen.

Rodewald war Teil der Anti-Vietnam-Bewegung, aber er sympathisierte nicht mit

der Gewalt. Deshalb ging er, nach langem Zögern, zur Polizei. Ulrike Meinhof

wurde mit einem gigantischen Waffenarsenal festgenommen, Rodewald galt

fortan als Verräter. Die ausgesetzte Belohnung gab er an die „Rote Hilfe“, aber

er wurde seines Lebens nicht mehr froh.

Der Tragödie hat programmgemäß das Satyrspiel zu folgen. So appellierte der

im Wilhelminismus aufgewachsene Konrad Adenauer 1962 an das Gewissen

der Wehr machtsgeneration, als er im Bundestag von einem „Abgrund von Landesverrat“

sprach und damit den Überfall auf den Spiegel camouflieren wollte,

den er zusam men mit seinem ungeliebten Kronprinzen Franz Josef Strauß unternommen

hatte.

Der Spiegel hatte, wie eine eilends angestellte Untersuchung ergab, keinerlei

militärische Geheimnisse verraten, konnte aber die Regierung stürzen, die ihm

das vorwarf. Die Schriftsteller der Gruppe 47 formulierten sogleich eine Resolution,

in der sie den Landesverrat zur Bürgerpflicht erhoben: „In einer Zeit, die den

Krieg als Mittel der Politik unbrauchbar gemacht hat, halten (die Unterzeichner)

die Unterrichtung der Öffentlichkeit über sogenannte militärische Geheimnisse

für eine sittliche Pflicht, die sie jederzeit erfüllen würden.“

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Der Verrat als sittliche Pflicht – auch das hat es schon gegeben

Der Verrat als sittliche Pflicht – das hatte etwas von dem hohen Pathos, mit dem

die Diplomaten der „Roten Kapelle“ Hitlers Welteroberungspläne weitergaben.

Da tremolierte das Gewissen, mit dem die Offiziere des 20. Juli 1944 zu Werke

gingen. Doch welche militärischen Geheimnisse hätten die Schriftsteller

Andersch, Roehler, Enzensberger und Johnson schon verraten können? Harro

Schulze-Boysen, Arvid Harnack, Claus Stauffenberg und etliche andere kostete

der Verrat den Kopf. Die aufgeregten Autoren mussten nur eine lächerliche Anzeige

erleiden, und der spielverderberische Staatsanwalt verfolgte sie nicht weiter,

weil er in dem Aufruf bloß eine „strafrechtlich irrelevante’ pathetisch-deklamatorische

Meinungsäußerung’“ erkennen mochte.

Der Verrat ist seither zum alltäglichen Vergehen geworden – jeder, der seine Steuern

hinterzieht, übt den Vaterlandsverrat. Dieser Verrat kommt ohne große Deklamationen

aus, und vor allem kostet er nichts. Steuerhinterziehung ist mindestens

so gründlich verbreitet wie Witze über die Schwiegermutter und ungefähr genauso

originell wie diese. Aber jeder kann es, jeder tut es. „Nein, nein, nein, unsre Steuern

zahl’n wir nicht!“, geht der Refrain, und in seinem Mannesmut vorm Finanzamt,

das sich so leicht übertölpeln lässt, ist jeder ein Stauffenberg, jeder ein Yorck.

Die Allgegenwart des Verrats gebiert notwendig den Denunzianten. Der Verräter

ist über die Jahre vom Helden nicht zum Schurken, sondern zum kleinen Ganoven

herabgesunken. Der Denunziant ist die Kippfigur des braven Bürgers, der, wie es

beim Finanzamt vornehm heißt, „Gestaltungsmissbrauch“ treibt, seine Steuer

verkürzt und das Ersparte in mühseliger Kleinarbeit persönlich über die Landstraße

von Lindau über Bregenz ins sichere Rorschach schafft.

Wie in der Zeichnung von A. Paul Weber linst der Denunziant durch Schlüsse l-

löcher, horcht an der Wand, kopiert heimlich Unterlagen, zählt die Flaschen, die

sich am Morgen in den Papierkörben der Kollegen finden und ist, gegen gutes Geld

selbstverständlich, allzeit bereit, jede Art von Daten zu beschaffen. Vom Verräter

unterscheidet den Denunzianten zunächst einmal nicht viel: Er trägt weiter, was

65


im Vertrauen auf das Schweigen des anderen gesagt, getan oder unterlassen

worden ist. Er ist ein Mitbürger wie du und ich, ein Kollege, ein Freund. Er missbraucht

das Vertrauen anderer, aber nicht, weil er aufs Heldentum spitzt, sondern

um schlichter materieller Vorteile willen. Er ist der Mann der Stunde – glanzlos

und bestimmt kein Held. Und doch spiegelt sich auf jeder neuen CD, die ins

Finanzamt hereingereicht wird und prompt bezahlt wird, die große Tragödie, die

Geschichte des Verrats.

Christoph Meili, so geht die letzte Meldung, ist aus den USA zurück. Er hat seine

Frau verloren, seine Kinder, längst auch das Geld, das er als Belohnung für seinen

Verrat erhalten hat. Er hat nichts. In seiner Heimat gilt er den einen als rechter Tor,

die anderen kennen ihn nur noch als große Nervensäge. Der Verräter Christoph

Meili ist einer der letzten Helden dieser Welt.

66


1

2

3

1 Willi Winkler im Gespräch mit

Berthold Huber und Jupp Legrand

2 + 3 „Spezial“-Preisträger

Willi Winkler beim Interview mit

Sonia Seymour Mikich

67


Newcomerpreis


69

Karin Prummer

Dominik Stawski


Artikelserie über Missbrauchsfälle in

der katholischen Kirche

(„Süddeutsche Zeitung“, 13./14. März 2010 ff.)

Titel des ersten Beitrags: „Ratzingers Bistum setzte pädophilen Pfarrer ein“

(13./14. März 2010)

hier dokumentierter Beitrag: „Wer singen will, muss schweigen“

(31. März 2010)

Karin Prummer

geboren 1983 in Mainburg

Werdegang:

seit April 2009 Volontärin der „Süddeutschen Zeitung“, München

2008-2009 Autorenbeiträge, FTD, ZEIT Campus, SZ Magazin

2003-2008 Praktika und freie Mitarbeit u.a. bei „Financial Times Deutschland“,

Bayerischer Rundfunk, N 24, Radio Trausnitz

2004-2009 Studium der Journalistik und BWL an der Katholischen Universität

Eichstätt-Ingolstadt

Auszeichnungen, u. a.:

Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes (2007-2009)

Stipendiatin der Hanns-Seidel-Stiftung (2004-2009)

Nationaler Preisträger des Journalist Award der EU (2008); mit Dominik Stawski

Medienpreis des Bundesforum Familie (2008); mit Dominik Stawski

Dominik Stawski

geboren 1984 in Bergisch Gladbach

Werdegang:

seit April 2009 Volontär der „Süddeutschen Zeitung“, München

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2007-2009 Beiträge für SZ Magazin, UniSPIEGEL, SPIEGEL, ZEIT Campus

2003-2008 Praktika in Print und Funk, u.a. WDR, ARD Washington,

dpa Washington, SPIEGEL

2006-2007 Auslandsstudium und Lehrtätigkeit am Boston College, USA

2004-2009 Studium der Journalistik und Betriebswirtschaftslehre

an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

Auszeichnungen, u. a.:

Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung

der Konrad-Adenauer-Stiftung (2005-2009)

Stipendiat der Stiftung der Deutschen Wirtschaft (2005-2009)

Nationaler Preisträger des Journalist Award der EU (2008); mit Karin Prummer

Medienpreis des Bundesforum Familie (2008); mit Karin Prummer

Veröffentlichungen, u. a.:

Die Prozente der Presse. Nutzung und Bewertung von Journalistenrabatten (2010)

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Begründung der Jury

Sie sind Volontäre noch und haben doch schon eine überaus reife journalistische

Leistung hingelegt: Karin Prummer und Dominik Stawski haben im März 2010 in einer

Artikelserie der „Süddeutschen Zeitung“ an zwei schlagenden Beispielen über den verantwortungslosen

Umgang der Katholischen Kirche mit sexuellem Missbrauch berichtet.

Nach monatelangen Nachforschungen, nach einer Recherchearbeit deutlich jenseits

der Arbeitszeitordnung, konnten sie detailgetreu rekonstruieren, wie ein pädophiler

Priester sich mangels kirchlicher Kontrolle immer wieder in gefährlicher Nähe zu

Jugendlichen aufhalten konnte. Und sie deckten in einem kritischen Sittenbild auf,

dass selbst ein weltbekannter Elitechor der katholischen Jugend, die Regensburger

Domspatzen, lange Jahre unter einem grausamen Innenleben mit körperlicher und

sexueller Gewalt litt.

Die beiden Newcomer Prummer und Stawski haben damit ihr Meisterstück gefertigt. Die

besondere Qualität zeigt sich in ihrer Beharrlichkeit, in Sorgfalt und in der Genauigkeit,

mit der sie erkennbar versuchten, auch Entlastendes zusammenzutragen. Neben

der umfassenden Recherche ist es auch der Ton ihrer Darstellung, der die Jury überzeugt

hat. Hier verbindet sich journalistische Distanz mit Dezenz, und die Distanz ist

kein Hinderungsgrund für Empathie. Noch ein D-Wort kommt als Qualitätskriterium

hinzu: Große sprachliche Disziplin zeichnet die Reihe dieser Berichte aus, Disziplin,

die nötig war, um im Milieu des Heiklen und Prekären jeden falschen Ton zu vermeiden.

Mit dieser Art der Berichterstattung über die „größte Kirchenkrise seit 1945“ wird ein

Stück der Menschenwürde wieder zur Geltung gebracht, die man den misshandelten

jungen Menschen einst genommen hat. Für die Betroffenen, die sich den Reportern

Prummer und Stawski anvertraut haben, wird das eine Genugtuung gewesen sein. Im

Sinne kritischer Öffentlichkeit sind die Vorteile für uns, das Publikum, die wichtigsten:

verstärkte Aufmerksamkeit dank konsequenter Unterrichtung über Ungeheuerliches.

Eine tadellose Leistung in Inhalt und Form.

vorgetragen von Prof. Dr. Volker Lilienthal

72


Wer singen will, muss schweigen *

Diese Kinder waren Auserwählte, denn sie gehörten zu einem der ältesten und

berühmtesten Knabenchöre der Welt. Doch was sie bei den Regensburger Domspatzen

erlebten, machte sie sprachlos. Erst jetzt, als Erwachsene, können sie

darüber reden.

Regensburg – Es dauerte Jahrzehnte, bis sie zurückkehrten, an den Ort, der sie

nicht loslässt. Josef Eder zum Beispiel. Er streifte durch die Ruine des Internats,

durch Scherben und Müll.

„Es war gruselig, so als ob ich auf dem Weg durch die Gänge und Räume

erfolglos meine Kindheit suchte. Es war pervers und lebensprägend, was

damals geschah.” (Josef Eder, 45, Choreograph, von 1972 bis 1982 Domspatz)

Josef Eder war acht Jahre alt, als er in den Chor kam, als er in das Internat gehen

durfte. Er war einer der Auserwählten. Als Erwachsener kam er zurück in die

Dom spatzenstraße, um zu sehen, wie seine alte Schule verfiel. Er kam wieder,

wie so viele, die ihre Jahre hier in diesem Dorf, in Etterzhausen bei Regensburg,

als die schlimmsten ihres Lebens beschreiben. Als Straflager. Die Zeit in der

Vorschule der Regensburger Domspatzen.

Die Ehemaligen erzählen jetzt von Schlägen, und die seien nicht die Ausnahme,

sondern die Regel gewesen. Sie erzählen von einem Klima der Angst und von

seelischen Schäden, die geblieben sind. Die meisten haben Jahrzehnte nicht

darüber gesprochen. Sie sind zwischen 28 und 66 Jahre alt, arbeiten als Choreo -

graph wie Eder, als Arzt und Psychotherapeut, Wirtschaftsprofessor, Manager,

Schafzüchter, Pädagoge. Acht Männer aus vier Jahrzehnten Domspatzen, von

1954 bis 1992 – jetzt reden sie, auch wenn zwei ihren Namen nicht nennen wollen.

Die Domspatzen, sie sind einer der ältesten Knabenchöre der Welt, zu dem es

Münzen gibt, Sonderstempel und eine Briefmarke. Ein Chor, der schon vor der

Queen und US-Präsident Ronald Reagan auftrat; der auf Konzertreisen in Japan

von Fans belagert wird.

Jahrzehntelang gab es höchstens Anspielungen. Der Münchner Amerikanistik-

Professor Gert Raeithel beschrieb unter dem Pseudonym Richard W.B. McCormack

das Volk der Bayern und auch die bayerische Sangeslust: „Vorbildlich hierin die

* Die preisgekrönte Artikelserie ist erschienen in der Süddeutschen Zeitung ab 13./14.03.2010; der für das Best of 2010

von den Autoren ausgewählte und hier veröffentlichte Beitrag am 31.03.2010. (Die Redaktion)

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Regensburger Domspatzen, die das Publikum in aller Welt bejubelt und denen

man die blauen Flecken kaum noch ansieht, die die Ausbildung bei ihnen hinterließ.”

Auch die Kinder haben es angedeutet: Die Ausgabe einer Faschingszeitung

der Schüler, mehr als 50 Jahre ist das her, hieß „Alptraum”, darunter stand: „Noch

Betten frei”. Niemand fragte nach. Doch jetzt, da die Berichte über Missbrauch

und Misshandlungen nicht abreißen, haben viele den Mut gefunden, das Verdrängte

öffentlich zu machen.

„Wir Domspatzen haben mit Hingabe versucht, unter vielen Entbehrungen,

Woche für Woche im Regensburger Dom die Menschen mit unserem Gesang

ein bisschen glücklich zu machen. Nun verlange ich nur von Seiten der Kirche,

gefälligst mit aller Kraft bei der Aufklärung mitzuwirken.” (Markus Geiger, 37,

Handelsfachwirt, von 1982 bis 1987 Domspatz)

Wilhelm Ritthaler sitzt auf einem antiken Stuhl in seinem Bungalow, vor ihm

liegt ein Blatt Papier. Darauf die elf wichtigsten Stichpunkte zu seinem Leben.

Unter Punkt sechs steht „Suizidalität”. Wilhelm Ritthaler, 63 Jahre alt, Arzt und

Psycho therapeut, will nichts aus seiner Geschichte vergessen, deswegen die

Liste. Neben ihm steht eine Kiste mit Zeitungsausschnitten, Bildern und Prüfungsplänen.

Es ist das, was materiell übrig geblieben ist von seinen elf Jahren als

Domspatz. Die Ausschnitte zeigen ihn als blonden Jungen, er steht weit vorne

im Chor. Es gibt Bilder vom Besuch beim Papst. Zu solchen Anlässen schrieben

Zeitungen Schlag zeilen wie „Lobpreis der Engel”, „Musikalischer Zuckerguß”,

„Domspatzen zwitschern”. Ritthaler war der Klassenprimus, viele Jahre Klassensprecher,

er war nicht der beste Sänger, aber er war gut genug. Er durfte mitreisen

zu den Politikern und den Stars. Nun aber erzählt er von dem, was nicht in den

Zeitungen stand: Dass ein Domspatz so sehr geschlagen worden sei, dass er

eine Kieferoperation gebraucht habe, dass es „öffentliche Hinrichtungen” im

Speisesaal gegeben habe, bei denen Schüler minutenlang zusammengeschlagen

worden seien, und dann das Tischgebet folgte.

„Ich mochte keine Blutwurst. Aber die Ordensschwester zwang mich dazu, sie

aufzuessen. Ich musste mich übergeben. Dann zwang mich die Schwester,

das Erbrochene wieder aufzuessen. Vor den Augen der anderen Schüler, auch

der Direktor und die anderen Schwestern schauten zu. Das war eine der vielen

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Ernie drigungen. Und es war noch nicht mal die schlimmste.” (Wilhelm

Ritthaler, von 1955 bis 1966 Domspatz)

Als System und als Methode der Erziehung bezeichnen er und die anderen die

Gewalt, mit der sie lebten und lernten. Es gab auch Fälle von sexuellem Missbrauch.

Sie fanden in Ritthalers Zeit im Chor statt, bekannt ist auch ein Fall in

den Siebzigern. Ein Täter ist bereits tot, ein anderer wurde vor kurzem vom Dienst

in einer Pfarrgemeinde suspendiert. Die Bistumsbeauftragte für Fälle körperlicher

Gewalt hat am Dienstag einen Zwischen bericht vorgestellt. Viele Betroffene hätten

sich gemeldet. „Die geschilderten Taten widersprechen der gottgegebenen

Würde der Kinder und Jugendlichen”, erklärt das Regensburger Bistum. Von den

neun Beschuldigten seien mindestens sechs schon gestorben.

Die Laufbahn bei den Domspatzen beginnt oft im Grundschulalter, in der sogenannten

Vorschule. Sie stand einst in Etterzhausen, Anfang der achtziger Jahre

zog sie ins nahe Pielenhofen um. Wer gut ist, schafft es aufs Domspatzengymnasium

in Regensburg. Es ist die Vorschule, die vielen als besonders schlimm in

Erinnerung ist. Die Schüler waren in zwei Gruppen geteilt, eine betreut vom Präfekten,

die andere von einer Erzieherin oder einer Ordensschwester. Wer bei den

Frauen landete, hatte Glück, dort soll es nur selten Übergriffe gegeben haben.

Die Älteren berichten, auch auf dem Gymnasium sei geschlagen worden. Die

Jüngeren, die in den Siebzigern dorthin kamen, empfanden den Übertritt als

Erleichterung. „Regensburg war ein Gymnasium, Etterzhausen ein Schlachtfeld”,

sagt Josef Eder. An der Spitze stand fast 40 Jahre lang Direktor Johann Meier.

Die Schläge und die Gewalt hätten erst geendet, als er 1992 in den Ruhestand

ging und der neue Schulleiter kam. Heute gibt es keine großen Schlafsäle mehr,

heute arbeiten ausgebildete Erzieher in den Domspatzen-Internaten. Mit dem

alten Personal sei auch die Gewalt verschwunden.

Den früheren Direktor Meier beschreiben die Ehemaligen aber als Sadisten und

den Präfekten, der für die Erziehung zuständig war, als nicht minder gewalttätig.

Auch andere Lehrer hätten die Kinder gequält. Auf verstörende Weise gleichen

sich die Strafen, die Erniedrigungen aus den verschiedenen Jahrzehnten.

„Wir standen militärgerecht in Zweierreihen auf dem Gang, um nach Namensaufruf

die Post überreicht zu bekommen. Direktor Meier nutzte diese Momente

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immer, um seine Strafexekutionen vor den Augen aller durchzuführen. Auf seine

Frage, wer denn einen Kaugummi zwischen die Klavierhämmer geklebt habe,

trat schüchtern und mutig einer meiner Mitschüler nach vorne. Er konnte gar

nicht so schnell schauen, da lag er schon von Meiers Rückhand zu Boden

gemäht vor ihm. Meier trat weiter wie auf ein Stück Vieh auf ihn ein. Er krümmte

sich, Meier ließ ab, ging weg und machte normal mit der Briefübergabe weiter.

Mitzuerleben, wie jemand geschlagen wird, ist fast noch prägender, als selber

geschlagen zu werden. Er stahl damals unsere Seelen.” (Josef Eder)

Josef Eder leitet Tanzprojekte mit Jugendlichen auf der ganzen Welt. Er kommt

aus dem Bayerischen Wald, die Eltern sind Bauern. Als er in den siebziger Jahren

Domspatz wurde, war das ein großer Tag für die Familie. Ein Bekannter organisierte

ein Stipendium, die Eltern hätten das Schulgeld nicht zahlen können.

Josef Eder ist der Typ Surfer. Leinenhemd, bunte Hawaii-Kette, unrasiert, locker,

lustig. Aber geht es um die Domspatzen, kämpft er mit den Tränen. „Es war Angst,

Terror und Charakterbrechung”, sagt er. „Du kannst als Kind ja nicht ein mal be -

werten, ob das, was du erlebst, vielleicht einfach normal ist.”

Psychologen sprechen von einem Schweigekartell. Es kann in geschlossenen

Institutionen entstehen, in denen es ein Machtgefälle und keine Kontrollmechanismen

gibt. Die Opfer begehren nicht auf, sondern leiden still, weil sie nicht

wissen, wie sie die Situation einschätzen sollen. Verängstigt und verschämt

beobachten sie, was die anderen tun. Und weil die das Gleiche tun, schweigen

alle. Wem sollten wir es denn sagen, fragen viele Ehemalige. Den Ordensschwestern?

Niemals hätten die was unternommen, sagen sie, denn die Schwestern

vergötterten die Geistlichen, die Internatsleitung.

„Der Präfekt verübte seine Übergriffe vor allem auf Kinder, deren Eltern aus

einfachen Verhältnissen kamen und kreuzkatholisch waren. Da hatte er nichts

zu befürchten. Mir ging es besser, mein Vater war Akademiker. Ich wurde selbst

nicht sexuell missbraucht und auch nicht so oft geschlagen.” (Dieter Kammerer,

66, pensionierter Pädagoge, von 1954 bis 1963 Domspatz)

„Das Credo war: Man muss hart sein, weil man später mal etwas Besonderes

wird. Also hielt man still. Sie drohten, dass man sonst nicht mit den anderen

Schülern im Dom singen dürfe. Darauf fieberten wir Vorschüler das ganze

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Jahr hin.” (Manager, 28, von 1990 bis 1992 in der Vorschule Pielenhofen)

Viele Eltern glaubten dem Monsignore und dem Präfekten. Sie werden schon

wissen, was unseren Kindern guttut, sagten sie. Andere beschwerten sich bei der

Schulleitung in Pielenhofen, hätten aber zu hören bekommen, das sei normal.

Wieder andere nahmen ihr Kind von der Schule. Doch oft erfuhren die Eltern gar

nicht erst von den Misshandlungen. Die Briefe in der Vorschule seien zensiert

worden, sagen die Domspatzen. Und viele Jungen dachten, dass sie die Strafen

verdient hätten. Sie wollten ihre Eltern stolz machen, ihnen keine Sorgen bereiten.

„Ich habe Bilder vor Augen von Kindern, die mit ihren eigenen Händen unter

dem Zaun graben, der das Internat umspannt. Sie suchten ihr Heil in der Flucht

nach Hause. Wir sahen immer wieder diese Löcher. Jene, die ausbrachen,

brachte die Polizei ein paar Stunden später zurück. Diese Bilder prägen mich

bis heute.” (Markus Geiger)

„In Etterzhausen gab es etwa acht bis zehn sogenannte Geigenkammern

nebeneinander. Jeder musste darin jeden Tag eine Stunde lang üben. An den

Türen war ein Guckloch wie im Gefängnis, durch das schaute die Kontrollperson,

um zu prüfen, dass man ja übt. Einer meiner Mitschüler hat in die Kammer

geschissen und mit seinem Kot die Wände beschmiert. Für mich war er

damals schon ein Held. Es war der genialste, logischste und vernünftigste

Ausdruck eines Achtjährigen, um sprachlos mit seiner Umwelt zu kommunizieren

und sein Leid auszudrücken.” (Josef Eder)

Aus den Achtjährigen wurden Erwachsene, doch sie schwiegen weiter. Wie kann

es sein, dass jahrzehntelang niemand aufbegehrte? Die Scham der Betroffenen

hört auch im Erwachsenenalter nicht auf, sagen Psychologen. Der stärkste Impuls

sei, die traumatisierenden Ereignisse zu verdrängen und die Zeit zu beschönigen.

„Ich glaube, das Ganze konnte so lange gut gehen, weil wir ja berühmt waren,

ein Pool von talentierten Knaben aus der ganzen BRD. Um es drastisch auszudrücken:

Man pinkelt ja nicht auf sein eigenes Bild.” (Anton Kellner, 53,

Schafzüchter, von 1966 bis 1972 Domspatz)

Viele brauchten Jahrzehnte, um sprechen zu können. Sie begannen, Bücher zu

schreiben, aber sie verstauten sie in Schubladen. Jetzt fassen sie Mut – doch viele

vertrauen dem Regensburger Bistum nicht. Bischof Gerhard Ludwig Müller sagt,

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die Medien hätten sich die Domspatzen als Opfer ausgesucht. „Ein Glanzstück

des Bistums Regensburg soll in den Dreck gezogen werden. Ein katholisches

Internat mit Buben beschäftigt die Phantasie, die sich genüsslich ausmalt, was

alles hinter den ,hohen Mauern‘ des Musikgymnasiums vorgehen mag.”

Die Opfer sagen, dass sie sich von solchen Sätzen verhöhnt fühlen. Einige

schreiben an das Bistum und schicken die E-Mail in Kopie an Medien. Als am 5.

März die ersten Fälle von Misshandlungen an der Vorschule bekannt wurden, teilte

Bischof Müller mit, dass die Vorschule nicht zu den Domspatzen gehöre. Auch das

ärgert die Opfer. Die Vorschule ist zwar formal selbständig, aber de facto wurde

sie gegründet, um noch früher Domspatzen heranzuziehen. Im Kuratorium der

„Stiftung Etterzhausen der Regensburger Domspatzen” saßen ein Vertreter der

Kirche und der Domkapellmeister, also der Leiter der Domspatzen. Zwischen

1964 und 1994 war das Georg Ratzinger, der Bruder des heutigen Papstes.

Er hat vor kurzem zugegeben, dass er selbst Ohrfeigen ausgeteilt hat. Ratzinger

soll cholerisch gewesen sein, erzählen die Domspatzen. Aber, und das betonen

fast alle, es war kein Terror. Bei ihm war viel Leidenschaft für die Musik. Dass aber

unter seiner Führung Misshandlungen stattfanden, kritisieren sie. In einem Aufsatz

zum Jubiläum des Regensburger Musikgymnasiums schrieb Ratzinger über den

Abschied des gefürchteten Vorschuldirektors Meier, „dass sein Erziehungsstil in

der modernen Zeit nicht mehr verstanden wurde”.

Ratzinger gestand ein, dass ihm Domspatzen auf Reisen von den Schlägen

erzählten, aber er habe nicht gewusst, dass es so schlimm war. Die Ehemaligen

sagen, als Domkapellmeister hätte er es wissen müssen. „Ein Wort von ihm hätte

gereicht”, sagt Wilhelm Ritthaler. „Und der Terror wäre vorbei gewesen.”

Psychische Gewalt wirkt oft traumatisierend: Albträume, Depressionen, wenig

Selbstwertgefühl, Angst vor Menschen, vor Bindungen, vor sexuellen Beziehungen,

das alles können Folgen sein.

„Für mich war das die mit Abstand schlimmste Zeit meines Lebens. Ich

glaube, dass jeder von uns innere Verletzungen davongetragen hat. Als ich

weg war, habe ich versucht, mir zu sagen: Schwamm drüber, ich habe ja

überlebt.” (Gottfried Rühlemann, 52, Hochschulprofessor und Wirtschaftsprüfer,

von 1965 bis 1971 Domspatz)

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Viele Ehemalige waren und sind deshalb in Psychotherapie. Zwei kamen Ende der

achtziger Jahre auch in die Praxis von Wilhelm Ritthaler. Sie litten unter Depressionen.

Ritthaler sagte ihnen nicht, dass auch er Domspatz war. Er war selbst oft

verzweifelt und lebensmüde. Er erzählt das ruhig, distanziert. Er spricht von

emotionaler Deprivation, von posttraumatischer Belastungsstörung und Flashbacks.

Und er sagt, ohne Therapie hätte er nicht überlebt.

Seit die Medien über Misshandlungen und Missbrauch bei den Domspatzen

berichten, sind viele Ehemalige nicht mehr zur Ruhe gekommen.

„Eigentlich hätte ich am 1. April eine neue Arbeitsstelle antreten sollen. Ich

bin Handelsfachwirt. Aber die letzten Wochen waren einfach zu viel. Diese

vielen Berichte über die Domspatzen haben alles wieder hochkommen lassen.

Die Zeit dort hat mich krank gemacht. Ich beginne jetzt eine Traumatherapie

in München. Ich muss das alles aufarbeiten.” (Markus Geiger)

Wilhelm Ritthaler trifft sich in diesen Wochen mit Psychotherapeuten aus ganz

Deutschland. Er will helfen, ein Institut zur Prävention und Rehabilitation bei

körperlichem, emotionalem und sexuellem Missbrauch zu gründen. Das ist sein

großes Ziel – andere wollen Rache.

„Direktor Meier hat auf seinem Grabstein ,Monsignore‘ stehen (ein päpstlicher

Ehrentitel, Anm. d. Redaktion). Es wäre ein kleines Zeichen der Genugtuung,

diesen ,Monsignore‘ auf seinem Grabstein entfernen zu lassen – auch

wenn er es nicht mehr spüren wird, der Herr Prügeldirektor.” (Angestellter im

öffentlichen Dienst, in den siebziger Jahren in der Vorschule Etterzhausen)

Jeder der acht Männer freut sich, dass nun auch andere reden. Aber sie wissen

auch, dass sie Ärger bekommen werden. Sie wissen, dass sie sich rechtfertigen

werden müssen vor denen, die sie als die Schuldigen sehen. Weil wegen ihnen

nun ein Schatten auf den glänzenden Ruf der Domspatzen fällt.

Es ist nun schon wieder viele Jahre her, dass Choreograph Joseph Eder und die

anderen durch die Ruinen des Internats in der Dompatzenstraße in Etterzhausen

streiften. Wo früher aber die verwitterten Reste des Internats lagen, stehen nun

Einfamilienhäuser mit Pool im Garten. „Plötzlich eine heile Welt”, sagt ein Domspatz.

„Als hätte jemand mit aller Macht die Vergangenheit auslöschen wollen.”

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Medienprojektpreis


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Alfons Pieper


„Wir in NRW – Das Blog“

Start des Blogs Dezember 2009

www.wir-in-nrw-blog.de

Alfons Pieper

geboren 1941 in Waltrop (NRW)

Werdegang:

Dezember 2009 Gründung des Blogs „Wir in NRW“

2006 Pensionierung

2003-2006 Chefkorrespondent der WAZ in Berlin

1994-2003 stellv. Chefredakteur und Politikchef der WAZ in Essen

1988-1994 Parlamentskorrespondent der „Augsburger Allgemeinen“

1981-1988 Parlamentskorrespondent der WAZ in Bonn

1973-1981 Politischer Redakteur bei der WAZ

1972-1973 Volontariat bei der WAZ, danach Redakteur

1972 Studium der Geschichte in München

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Begründung der Jury

Man liest und hört es immer wieder: Das Internet, so heißt es, sei ein per se demo -

kratisches Medium. Ein jeder kann dort veröffentlichen, was er oder sie für richtig

hält. Die etablierten Medien haben kein Monopol mehr auf die Verbreitung von Nachrichten

und Meinungen. Die Bürger können mit wenig Aufwand dagegen halten und

vor allem können sie sich heute mit Hilfe des Netzes untereinander viel schneller

verständigen als ehedem. Doch trotz all der vielen Blogs und Aktivistenseiten im Netz

gilt: professionellen Journalismus hat das Internet keineswegs überflüssig gemacht,

sondern eher im Gegen teil: Die Infoflut ist so gewaltig angeschwollen, dass es eigentlich

nur mit Hilfe von gelernten Informationsarbeitern möglich ist, den Überblick zu

behalten. Kritischer Journalismus bleibt eine Conditio sine qua non für die Herstellung

von Öffentlichkeit, ohne die Demokratie gar nicht funktionieren kann, daran ändert

das Internet erst mal gar nichts.

Doch es gibt Situationen, da kann das Publizieren im Netz zum wahren Rettungsanker

für die demokratische Meinungsbildung werden, dann nämlich, wenn die bezahlten

Profis an der Informationsfront ihre Arbeit nicht mehr richtig tun oder tun können. Wenn

die etablierten Medien bei ihrer Aufgabe versagen, und die Verfehlungen der Mächtigen

gar nicht mehr berichtet werden. Sei es, weil in den Redaktionen ohne Rücksicht auf

die Qualität massenhaft Stellen abgebaut werden oder sei es, weil der Filz zwischen

Politik, Unternehmen, Verlegern und Chefredakteuren dazu führt, dass kritische Journalisten

bei den etablierten Medien gar nicht mehr zum Zuge kommen.

Wie einer solchen Lage richtig zu begegnen ist, das haben unsere diesjährigen Preisträger

für das beste Medienprojekt bewiesen. Alfons Pieper, selbst lange Jahre stellvertretender

Chefredakteur der Westdeutschen Allgemeinen (WAZ), hat den Niedergang

der politischen Berichterstattung in Nordrhein-Westfalen lange verfolgt und in

der Zeit vor der Landtagswahl selbst zur publizistischen Nothilfe gegriffen. Gemeinsam

mit fünf Kollegen rief er den Blog „Wir-in-NRW“ ins Leben und schuf so Gegenöffentlichkeit

im besten Sinne des Wortes. Seit Dezember 2009 haben er und sein Team

über all die fragwürdigen Wahlkampfpraktiken des damaligen Ministerpräsidenten

Jürgen Rüttgers und seiner Parteifreunde berichtet, die bei den Zeitungen und Sendern

der Region zunächst gar kein Thema waren.

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Pieper und seine Kollegen waren es, und eben nicht die Zeitungen und Sender der

Region, die herausbrachten, dass hoch bezahlte Beamte der Staatskanzlei für die

Parteiarbeit abgestellt wurden oder dass angeblich unabhängige Wähler-Initiativen

ihre Ausgaben über ein CDU-Konto abwickelten. Sie prangerten an, dass Industrielle

ihre Parteispenden als Betriebskosten abrechneten oder dass ein aus öffentlichen

Geldern bezahlter Politik-Professor sich in den Dienst der Wahlkämpfer stellte. So

waren die Autoren von „Wir-in-NRW“ bei vielen brisanten politischen Themen nicht

nur ganz vorne mit dabei. Vielfach brachten sie die Berichterstattung der übrigen

Medien überhaupt erst in Gang. Wie nötig diese journalistische Intervention war,

bewies nicht zuletzt der Umstand, dass sich die Regierenden nicht zu schade waren,

staatsanwaltschaftliche Ermittlungen gegen die Blogger zu veranlassen, obwohl diese

lediglich normale journalistische Arbeit leisteten.

Unbezahlt und in ihrer Freizeit haben die Autoren von „Wir-in-NRW“ auf diesem Weg

vorbildlich demonstriert, wie man Fehlentwicklungen in den Medien und der Politik

bekämpft und korrigiert. Dafür gebührt ihnen Dank und als kleiner Ausgleich für die

viele Mühe dieser Preis. Eine Bitte haben wir allerdings: Bleiben Sie dran!

vorgetragen von Harald Schumann

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1

2

3

1 Moderatorin Sonia Seymour Mikich

im Gespräch mit Jury-Mitglied

Thomas Leif 2 Jury-Mitglied Thomas

Leif im Gespräch mit Gewinnern des

Recherche-Stipendiums 3 Jury-Mitglied

Thomas Leif mit „Handelsblatt“

und Preisträgerinnen 4 300 Gäste

verfolgen die Preisverleihung

4

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RECHERCHESTIPENDIEN I + II


Marianne Wendt und

Maren-Kea Freese

Tina Groll

Thomas Schuler


Moderatorin Sonia Seymour Mikich im Gespräch

mit Jury-Mitglied Thomas Leif

Mikich: Redundanz ist manchmal ganz wunderbar. Wir haben schon mehrfach

gehört, aber ich sage es auch noch mal, Recherche kann nicht genug ermutigt

und gefördert werden, gerade weil zu viele Journalisten sich mit dem kurzen

Google-Klick zufrieden geben müssen. Die Zeit nachzuhaken, Gegenzuchecken

wird immer knapper. Investigativer Journalismus ist ein sehr teurer Zeitfresser

und darum helfen die Recherche-Stipendien der Otto Brenner Stiftung jungen

Kollegen, sich doch auf diesem schwierigen Terrain zu beweisen. Thomas Leif

wird Ihnen berichten, was in diesem Jahr besonders auffiel und welche Projekte

jetzt mit Hilfe der Stipendien auf den Weg gebracht werden. Thomas Leif ist ein

Kollege, der sich fast besessen um die Jugend kümmert und auch beim „Netzwerk

Recherche“ alles daran setzt, Nachwuchskräfte zu finden, sie zum Glühen zu

bringen und auch zum Glänzen. Thomas, gab es thematische Schwerpunkte in

diesem Jahr ? Irgendein Trend, wofür sich die Leute besonders interessierten?

Leif: Das kann man so leider nicht sagen. Die eingereichten Bewerbungen sind

thematisch sehr, sehr unterschiedlich, auch in der Qualität sehr verschieden.

Einen großen Trend konnten wir nicht entdecken. Auffällig ist, dass die Leute

sehr gerne ins Ausland reisen möchten. Wir sind bei diesen Anträgen, die einen

längeren Auslandsaufenthalt erfordern, aber sehr skeptisch und zurückhaltend.

Mikich: Aber wie war denn die diesjährige Bewerbungslage?

Leif: Knapp 30 Bewerbungen unterschiedlicher Qualität wurden eingereicht.

Daraus haben wir dann die Besten rausgefischt.

Mikich: Und die Besten sind?

Leif: Die Besten sind anonym, weil alle drei, die dieses Mal ein Stipendium

bekommen, schon mitten in den Recherchen sind. Alle arbeiten auf eine ganz

spezifische Art vertraulich und allen drei könnte es schaden, wenn wir jetzt ihre

Namen rausposaunen würden. Sie sollen in Ruhe, mit ganz viel Fleiß und viel

Zeit, arbeiten.

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Mikich: Auch undercover?

Leif: Einer undercover und die anderen undercover in dem Sinne, dass sie mit

Recherchen einsteigen, wo nicht von vornherein klar ist, das sie das alles, was

da ermittelt und besprochen wird, später auch veröffentlichen.

Mikich: Du hast das ja jetzt Jahr für Jahr begleitet. Auch bei Netzwerk Recherche

kommen natürlich immer wieder junge Leute an mit fantastischen Ideen. Gibt es

Grund zum Optimismus?

Leif: Ja, es wird besser. Wobei man auch zugeben muss, dass es überhaupt nicht

schlimm ist, wenn mal eine Recherche scheitert. Mich hat ein Redakteur vom

„Medium Magazin“ genervt, der ständig nur wissen wollte, wie viele Stipendien

gescheitert seien. Das ist kein Problem, weil wir offen legen, wenn einer abbricht

oder wenn es nicht funktioniert. Wichtig ist, dass ein zweites Prinzip funktioniert,

was wir vorhaben. Nämlich, dass ein erfahrener Journalist oder eine Journalistin

die Stipendiaten begleitet und betreut. Meine Erfahrung ist die: Je intensiver die

Betreuung ist, umso besser ist das Ergebnis. Ich will ein Beispiel nennen: Astrid

Geißler hat wunderbare Arbeit geleistet, ist selbst in Ostdeutschland unterwegs

gewesen und hat dort die Neonazi-Szene beobachtet. Das Recherche-Ergebnis

füllte dann zwei Seiten in der „taz“, Seite 1 und 2! Und sie hat nachher noch einen

großen, renommierten Journalistenpreis damit gewonnen. Das ist sozusagen die

Glücksspirale, die wir anstreben. Nicht immer kann es so sein, aber bei den drei

Stipendien, die wir dieses Jahr vergeben haben, sieht alles schon sehr sehr gut aus.

Mikich: Und jetzt erzählt Thomas Leif, was aus den Stipendiaten der letzten

Jahre wurde. Er sorgt, das habe ich schon angedeutet, wie eine Art Übervater

dafür, dass die Leute auch glänzen. Und Du kannst wirklich zu recht stolz sein

auf Marianne Wendt, Maren-Kea Freese, Tina Groll und Thomas Schuler.

Und ich bitte Sie auf die Bühne.

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Jury-Mitglied Thomas Leif im Gespräch

mit ehemaligen Preisträgern

Leif: Wir wollen zeigen, was aus den Stipendien der vergangenen Jahre geworden

ist, damit Sie wissen und nachvollziehen können, wie sinnvoll und anspruchsvoll

die Stipendien sind.

Wir beginnen mit den beiden Frauen links von mir. Und zwar haben die sich

gekümmert um Analphabeten in Deutschland. „Immer im Verborgenen. In einer

Welt der Schriftkultur“, heißt das Feature *, das als Ergebnis des „Brenner-

Stipendiums“ demnächst gesendet wird. Können Sie uns erzählen, was das

Haupt ergebnis Ihrer Untersuchung war?

Wendt: Ich denke, dass frappierendste war, im direkten Gespräch mit den Betroffen

zu erfahren, wie tief und wie weitreichend die Beeinflussung des Alltagslebens

von Leuten ist, die von Analphabetismus betroffen sind. Was weit darüber

hinaus geht, dass eben ein Text oder eine Schrift nicht begriffen werden kann,

sondern dass das komplette Leben im Grunde genommen davon dominiert wird.

Leif: Von wie vielen Menschen geht man in Deutschland offiziell in der Statistik

aus, die dieses Problem haben?

Freese: Bisher wurde von 4 Millionen ausgegangen. Jetzt gibt es neue Zahlen,

die von 9,5 Millionen Menschen sprechen – wenn man auch noch die Risikogruppen

mit dazu nimmt. Bei dieser Zahl sind dann auch die Leute, die wirklich

schon lange in dem Thema engagiert sind, erschrocken.

Leif: Habe ich Sie richtig verstanden? Sie sprechen von 9,5 Millionen Menschen,

die davon betroffen sind?

Freese: Ja. Es geht bei dieser Zahl um funktionale Analphabeten. D. h.: man hat in der

Schule rudimentäre Buchstabenkenntnisse erworben, aber das nützt einem nicht

viel. Es ist trotzdem eine Art Buchstabenwald, in dem man sich Tag für Tag befindet.

* Wir machen das Feature über die DVD, siehe innere Umschlagseite, zugänglich. (Die Redaktion)

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Leif: Können Sie uns in aller Kürze vermitteln, was für ein Leid das ist. Was sind

die Handicaps, die diese Menschen im Alltag haben?

Freese: Ich meine, die Probleme im Alltag sind – wenn man so will – das Vordergründige.

Man hat Schwierigkeiten, mit der U-Bahn in einen anderen Bezirk zu

fahren. Das ist so, als wenn wir jetzt irgendwo in China stünden. Hinter diesem

Alltagsproblem gibt es weitere Schwierigkeiten, die dann etwa das Selbstbewusstsein

und die Selbstsicherheit der Leute betreffen.

Leif: Gibt es in Deutschland eine soziale Infrastruktur, die sich mit diesen

Menschen beschäftigt? Wer hilft ihnen eigentlich?

Freese: Leider sehr wenige. Hauptsächlich werden VHS-Kurse angeboten – da

wird ein- bis zweimal die Woche dann abends zwei Stunden geübt. Das ist

natürlich zu wenig. Es gibt ganz wenige Einrichtungen, die wirklich Hilfe und

Unterstützung anbieten. Und selbst das ist, wenn man das absolviert hat,

immer noch nicht ausreichend – muss man ehrlicherweise sagen.

Leif: Also ein Problem, das man ganz gerne beiseite schiebt, was niemand wahrhaben

will. Wie ist es Ihnen denn gelungen, die Menschen zum Sprechen zu bringen?

Das war ja bei Ihrer Recherche, bei Ihrem Feature im Grunde das Wichtigste?

Wendt: Ja. Wir haben zwei Protagonisten gefunden, die wir dann auf dem Weg

leider wieder verloren haben. Wir mussten lernen, mit diesem Verlust umzugehen

und haben dann lange Zeit auch erste Gespräche ohne Mikrofon geführt, um ihnen

die Angst zu nehmen. Wir haben uns dann einmal, zweimal, dreimal, sogar bis

zu sechsmal mit den Leuten über einen längeren Zeitraum getroffen und irgendwann

haben sie gemerkt, dass wir sie ernst nehmen, dass wir ihr Problem nicht

lächerlich finden. Zu dem Titel „Immer im Verborgenen“ sind wir deswegen gekom

men, weil das Hauptproblem ist, dass die Leute schwer zu erreichen sind,

weil sie gar nicht erreicht werden wollen. Sie haben irgendwann, meist sehr früh

in ihrer Biografie, die Erfahrung gemacht, dass Bildung nichts positives ist. Sie

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fühlen sich bloßgestellt, sie kommen nicht mehr mit, sind abgehängt und dann

verstecken sie sich.

Leif: Was ist Ihre Quintessenz, was Sie uns, den Zuhörern, mitgeben wollen?

Was kann man lernen, was muss die Politik tun, um dieses Problem möglicherweise

etwas einzudämmen?

Wendt: Es ist der schönste und simpelste Satz, den einer der Experten, die sich

mit dem Thema beschäftigen, gesagt hat: „Analphabeten haben keine Lobby!“

Keiner interessiert sich für sie, das Thema ist unschön, es ist unfein.

Freese: Man kann damit nicht punkten in der Politik.

Leif: Was nehmen Sie nach der langen Beschäftigung mit dieser Recherche mit?

Was würden Sie als politische Empfehlung daraus destillieren?

Freese: Lesen und Schreiben e. V., ein Beispiel aus Neukölln, ist erfolgreich und

vergleichbares müsste auch in anderen Bundesländern initiiert werden. Schon

in der Grundschule müssten die Probleme erkannt und behoben werden. Je

später eingegriffen wird, desto überforderter sind die Lehrer in den Schulen.

Leif: Vielen Dank und herzlichen Glückwunsch noch mal für diese Superarbeit!

Wir kommen zu einem anderen Thema. Tina Groll hat sich mit den sogenannten

Schrottimmobilien beschäftigt. Was ist denn einer Familie in Berlin passiert, die

eine Schrottimmobilie gekauft hat? Vielleicht können Sie ganz kurz schildern,

was der Kern der Story ist.

Groll: Diese Familie, Familie Blaschek aus dem wunderschönen kleinen Städtchen

Thale im Harz, ist gnadenlos abgezockt worden. Die beiden sind Mittel- oder

Kleinverdiener, er ist Krankenpfleger, sie ist medizinisch-technische Assistentin.

Die beiden haben 2 Kinder, die noch in der Ausbildung sind. Und die haben auch

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ein kleines Einfamilienhäuschen im Harz, das sie noch abzahlen. Eigentlich

wollte die Familie für ihr Alter vorsorgen. Und sind auf ein sogenanntes Steuersparmodell

reingefallen. Eigentlich die klassische Nummer. Sie kennen das vielleicht

noch aus den 90er Jahren. Damals gab es etwa eine halbe Million Schrott -

immobilien, die vor allem über die Bausparkassen vertrieben wurden.

Leif: ... sogenannte Bauherrenmodelle.

Groll: Genau.

Leif: Aber damals sind ja sehr viele Zahnärzte betroffen gewesen, mit denen man

nur begrenzt Mitleid haben kann.

Groll: Das Neue an der Geschichte ist, dass es jetzt die Klein- und die Gering -

verdiener trifft

Leif: ... warum trifft sie das, warum?

Groll: ... und, um den Satz noch zu Ende zu bringen, dass dieses Geschäft vor

allem von Landesbanken und ihren Töchtern vermittelt wurde. Warum trifft sie

das? Die Leute wollen vorsorgen, die Leute wollen eigenverantwortlich handeln.

Sie glauben den Versprechungen und den Aufforderungen, die die Politik macht

und fallen einfach darauf rein. Die Maschen der Betrüger sind gnadenlos. Die rufen

an und sagen: „Ja, wir machen hier ’ne Umfrage zur Steuersparpolitik. Wollen

Sie nicht auch Steuern sparen?“ Und zuerst lassen sich die Leute vielleicht nicht

unbedingt drauf ein. Beantworten vielleicht zwei, drei Fragen und wollen gar

nicht mitmachen. Und ein paar Wochen später kommt ein erneuter Anruf und

dann heißt es: „Sie haben doch neulich an so einer Umfrage teilgenommen. Sie

haben eine Steuersparberatung gewonnen!“ Und dann sind sie in den Fängen

der Betrüger und werden eingelullt.

Leif: Was heißt „in den Fängen der Betrüger“? Die gleichen Leute investieren doch

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unglaublich viel Zeit, wenn sie sich ein Flachbildschirm kaufen. Gehen sieben

Mal zur Verbraucherberatung, checken das alles rauf und runter. Warum soll

man Mitleid mit den Leuten haben, die sich so über den Tisch ziehen lassen?

Das war ja auch in dem Blog bei „Zeit online“ nachzulesen: „Dummheit muss

bestraft werden!“

Groll: Das waren Leserkommentare, die nach der Veröffentlichung kamen. Ja

natürlich, auch das ist eine Frage, die man den Leuten stellen muss. Die Leute

unterschreiben letztendlich bei diesen Betrügern in den Büros Verträge für

Immobilien. Die kaufen ’ne Schrottwohnung, in der alles schimmelig ist, moderig,

ohne sie sich vorher angesehen zu haben für eine Viertel Million Euro. Denen

wird erzählt, sie würden dann 10 Jahre lang eine Patenschaft übernehmen und

könnten damit 50.000 Euro Steuern sparen. Leute, die ein Gehalt von 1200 Euro

haben. Warum passiert das? Diese Betrüger arbeiten mit psychologischen Mitteln,

die belabern diese Menschen und es passiert einfach. Es ist wie Hexerei, wie

Zauberei. Also sie werden bequatscht und wahnsinnig unter Druck gesetzt. Und

das Problem ist: Diese Leute, die schämen sich dann hinterher wahnsinnig.

Wenn man ihnen sagt: „Ja, warum sind Sie denn so dumm, warum unterschreiben

Sie denn so einen Vertrag?“ dann schämen sich diese Menschen. Diese Menschen

trauen sich dann auch nicht mehr, sich zusammen zu schließen, in die Öffentlichkeit

zu gehen oder eine Lobby zu gründen.

Leif: Aber machen Sie es den Leuten nicht zu leicht? Auch in Ihrem Text wird ja

von dieser Dummheit überhaupt nicht ...

Groll: Doch, ich habe kritisch nachgefragt.

Leif: Ja, aber nur ganz rudimentär. Wenn man die Blogs liest – 90 Leute haben

geschrieben – findet man häufig das Argument: Zum Betrug gehören immer

zwei. Einer, der betrügt, und ein anderer, der sich betrügen lässt. Das haben Sie

in Ihrer Story relativ knapp behandelt.

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Groll: Das würde ich so nicht sagen. Wenn man mit den Leuten spricht, stellt

man schnell fest, dass sie „fertig“ sind. Die sind finanziell ruiniert. Und es gibt

keinerlei Chance, diese Schrottwohnung loszuwerden. Wenn man sie für eine

viertel Million Euro nicht los wird, man aber in diesem Vertrag drin hängt, muss

man zahlen, zahlen, zahlen. Man schämt sich irrsinnig dafür, dass man diesen

verdammten kleinen Fehler gemacht hat. Und wird dafür dann auch noch hämisch

von der Öffentlichkeit belacht. Wir dürfen nicht vergessen, dass das, was mit

den Schrottimmobilien in den 90er Jahren passiert ist auch während der Finanzkrise

mit Landesbanken und ihren Töchtern weitergegangen ist. Und das ist der

Ursprung gewesen in den USA, der zur Finanzkrise geführt hat. Und ich glaube,

dass wir nicht selbstgefällig sein dürfen. Ich glaube auch, dass man verständnisvoll

sein muss. Und ich glaube auch, dass Politik in Verantwortung genommen

werden muss.

Leif: Aber die Politik hat doch jetzt gerade dafür gesorgt, dass es keine wirksamen

Kontrollen dieser Schrottimmobilien gibt. Ein Verbraucherschützer sagte heute

den Satz: Ich fordere gar nicht mehr Kontrollen, weil der Staat die Kontrollen gar

nicht mehr umsetzen kann.

Groll: Es ist absurd, wenn man sich überlegt, dass wir versuchen dafür zu sorgen,

dass kein Gammelfleisch in Umlauf kommt, aber was ständig im Umlauf ist,

sind faule Finanzprodukte, weil die niemand kontrolliert. Es gibt einfach kaum

Kontrolle. Es heißt immer Verbraucherschutz! Aber nun sieht die öffentliche

Finanzaufsicht nicht vor, dass die Verbraucher geschützt werden. Man muss

eigenverantwortlich sein. Es gibt nun diese Beratungsprotokolle. Was machen

die Betrüger? Was machen auch die Banken? Die wissen davon, es ist ein institutionalisiertes

Zusammenwirken. Die fummeln da einen kleinen Halbsatz rein.

Unterschreibt man diese Beratungsprotokolle, unterschreibt man, dass man

über alle Risiken aufgeklärt worden ist. Und diese Leute, diese vielleicht auch

dummen oder naiven Leute, die diesen Steuersparversprechungen glauben,

hängen für immer dran und haben durch diese Beratungsprotokolle jetzt überhaupt

keine Chance mehr, gerichtlich irgendwas zu tun. Ein Riesenproblem bei

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der Gesetzeslage ist eben auch, dass, wenn ich so dumm war vielleicht mich

darauf einzulassen, ich beweisen muss, dass die Betrüger institutionalisiert

zusammengearbeitet haben mit der Bank. Und das ist nahezu unmöglich.

Leif: Letzte Frage: Warum ist diese tolle Recherche nur in „Zeit online“ erschienen

und nicht im Mutterblatt?

Groll: Ich bin Online-Journalistin, Online-Redakteurin bei „Zeit-online“ und wir

haben uns ganz bewusst dafür entschieden, diese Geschichte nur online laufen

zu lassen, weil wir der Meinung sind, gute, investigative, hartnäckige Recherchen

können auch online stattfinden. Und sie haben online stattgefunden.

Leif: Das war nur keine Antwort auf meine Frage. Liegt es vielleicht daran, dass

die Leser der „Zeit“ zur Zielgruppe der Akquisition gehören?

Groll: Nein. Das liegt nicht daran. Ganz klar: Wir wollten ...

Leif: ... jetzt die ehrliche Antwort! Warum ist es nicht in der „Zeit“ erschienen?

Groll: Weil ich in der Onlineredaktion arbeite und es unbedingt so haben wollte.

Leif: Sie sehen, wie schwer es ist, die Wahrheit zu erfahren. Aber die werden wir

jetzt von Tom Schuler hören. Bitte schön.

Ich will einfach nur mal das „Handelsblatt“ zitieren, das ist ja, sozusagen, die

kritische wirtschaftsinvestigative Zeitung in Deutschland. Und da fragt das Handelsblatt:

„Kommen wir zu einem anderen Buch, anders als das von Sarrazin,

das eine heftige Diskussion über die Bertelsmann Stiftung angestoßen hat.

Haben Sie sich über Thomas Schulers Buch ‚Bertelsmann Republik Deutschland’

sehr geärgert?“ Und Thomas Schuler liest jetzt die Antwort von Herrn Thiel, dem

Chef der Bertelsmann Stiftung.

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Schuler (liest aus „Handelsblatt“ vor): „Der Vergleich hinkt. Das Buch von Sarrazin

interessiert Millionen, das Buch von Thomas Schuler nur eine überschaubare

Fachöffentlichkeit im Stiftungsbereich. Thomas Schuler beschäftigt sich seit

Jahren mit der Familie Mohn und Bertelsmann. Er unterstellt der Familie eine zu

große wirtschaftliche und politische Macht. Er glaubt sogar, die Stiftung sei in

erster Linie ein Steuersparmodell.“

Leif: Das glaubt Tom Schuler. Und dann gibt es die nächste Frage im „Handelsblatt“:

„Trifft die Kritik zu?“

Schuler (liest aus „Handelsblatt“ vor):

„Nein, das ist doch absurd. Reinhard Mohn hat drei Viertel seines Vermögens

an die Gesellschaft in Form der gemeinnützigen Bertelsmann Stiftung verschenkt.

Er hat immer nach der Maxime ‚Eigentum verpflichtet’ gelebt. Wenn sie ein Vermögen

verschenken, zahlen sie darauf keine Steuern mehr. Aber es ist auch

nicht mehr in ihrem Besitz“.

Leif: „Handelsblatt“ – letzte Frage: „Was lernt die Stiftung aus diesem Buch?“

Schuler (liest aus „Handelsblatt“ vor): „Wir nehmen das Buch als Anregung, die

Arbeit der Stiftung noch transparenter zu gestalten. Alles kann man verbessern,

auch die Bertelsmann Stiftung. Allerdings beschäftigt sich das Buch mit alten

Projekten und Inhalten. Ich hätte mir gewünscht, Herr Schuler hätte sich mehr

mit Gegenwart der Stiftung als mit der Vergangenheit auseinandergesetzt“.

Leif: Das war eine kleine Kostprobe aus dem „Handelsblatt“. Wir wollten es Ihnen

leicht machen, damit Sie wissen, um was es geht.

Herr Schuler, ich glaube für einen politischen Autor gibt es nichts schöneres, als

einen Artikel in der FAZ, wo ein Stiftungsrecht-Experte Ihre Thesen bestätigt und

den Leuten in Gütersloh wirklich Ärger macht. Was haben Sie rausgefunden?

Wie bewerten sie den inneren Charakter der Bertelsmann Stiftung?

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Schuler: Der Punkt, auf den sich der Stiftungsexperte Prof. Rabert in der FAZ

bezogen hat, war auch mir wichtig: Herauszuarbeiten, dass diese Stiftung immer

vorgibt, gemeinnützig zu sein. Dass aber diese Stiftung eine Konstruktion gefunden

hat, eine Doppelkonstruktion, bei der immer das Wohl des Unternehmens

an erster Stelle steht. Weil nämlich das Unternehmen auf perfekte Art über diese

Stiftung geführt wird. Weil der Satz von Reinhard Mohn „Die Stiftung ist ausschließlich

gemeinnützig tätig“, schon deshalb nicht stimmt, weil die Konstruktion

darauf angelegt ist, mit dieser Konstruktion das Unternehmen zu führen. Da gibt

es vielfältige Gründe, die mit der Ausschüttungspolitik zu tun haben. Die mit aktuellen

Dingen zu tun haben. Das, glaube ich, habe ich versucht herauszuarbeiten.

Leif: Wie hat die Bertelsmann Stiftung es geschafft, in den parlamentarischen

Anhörungen das Stiftungsrecht al Gusto zu gestalten ?

Schuler: Die Stiftung geht da sehr subtil vor und sie besetzt ein Thema. Sie

hatte als einzige Stiftung in Deutschland diesen Reformprozess aktiv begleitet.

Sie hat auch als einzige Stiftung Rederecht in diesem Ausschuss, also vor den

Parlamentariern, bekommen. Ist da sehr gelobt worden für den Einsatz, für die

fachkundige Begleitung und und und. Was sie gemacht hat: Sie hat ein kritisches

Modell, nämlich das eigene Modell, aus dem Feuer genommen. Sie hat verhindert,

dass dieses Modell, das eigentlich im ersten Reformansatz 1997 von Antje

Vollmer beendet werden sollte, Thema war. Das sollte eigentlich als ein schlechtes

Modell geoutet werden, das abgeschafft gehört.

Leif: Ist das eine Glanzleistung der Stiftung gewesen?

Schuler: Es ist niemand aufgefallen.

Leif: Ihnen ist es ja aufgefallen, Gott sei Dank. Können Sie uns noch mal eine

kleine Kostprobe geben. Wie haben Sie eigentlich gearbeitet? Wenn man Ihr

Buch nimmt, ist das im Grunde klassisch amerikanische Schule. Sehr viele Fakten,

sehr dezent, wenig Meinung, wenig Bewertung. Wie haben Sie gearbeitet?

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Schuler: Ich hatte ja bereits ein Buch davor gemacht, 2004 über die Familie

Mohn. Das hat mir bei manchen Managern, bei Leuten in der Stiftung, aber auch

im Unternehmen Kredit gegeben. Bertelsmann hat in den letzten Jahren einige

hochrangige Leute an die Luft gesetzt. Das waren willkommene Gesprächspartner

für mich. Mein Ansatz war der, dass ich nicht die Überzeugten überzeugen muss,

sondern dass ich versuchen muss, bestimmte Fakten in den Vordergrund zu

rücken, um bei den Ehemaligen hehre Zweifel aufkommen zu lassen.

Leif: Sie haben einen Riesenerfolg gelandet. Ich glaube, kein Buch in diesem

Herbst, im Sachbuchbereich Politik, ist so gut rezensiert worden. Ist es Ihr größter

Erfolg in Ihrem Leben?

Schuler: Höchstens halb. Nachdem ich das Gefühl habe, dass ich das Buch aus

2004 noch mal nachgearbeitet habe – auch in dem Punkt, der die Personalisierung

betroffen hat. Damals ging es mehr um die Ehe, die Familie Mohn und Dinge,

die oft sehr in den Vordergrund gerückt worden sind. Notwendigerweise, auch

von mir, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Ich glaube, dass ich mit diesem Buch

sehr viel stärker auf das System abgehoben habe. Und habe bewusst, viele

Details, viele persönliche Sachen in den Hintergrund gerückt oder weggelassen.

90 Prozent meiner Recherche sind ja eh für den Abfalleimer. Also, insofern be -

trachte ich es als einen Erfolg. Ja.

Leif: Heute sagte mir ein Stiftungsexperte, dass dieses Buch ganz konkrete

Konsequenzen haben wird. Können Sie uns zum Schluss noch sagen, welche

Konsequenzen?

Schuler: Ich hoffe natürlich, dass es gewisse Folgen hat. Ich hoffe, dass diese Art

der Trägerstiftung sehr viel mehr auch in die Kritik kommt, als sie bereits jetzt

ist. Dass die Reform, die zum Erliegen kam, weitergeht. Dass irgendein Politiker

das ähnlich wie Antje Vollmer zu seinem Projekt macht. Und es gibt ganz klare

Sachen, die eigentlich wie ein Drehbuch erreicht werden sollen, im Sinne von

Gemeinnützigkeit, Transparenz usw. usf. Und da hoffe ich, dass es voran geht.

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Leif: Zum Schluss noch mal die kurze Frage: Was ist der Leitsatz der Recherche,

den Sie jetzt gemeinsam aus Ihrer Arbeit mitnehmen. Bei Tom Schuler ist es:

„Qualität kommt von Qual“. Was haben Sie, Frau Groll, am Ende gelernt? Dass

online schreiben einen auch nicht ausfüllen kann, oder was ist die Erkenntnis

der Online-Journalistin?

Groll: Die Erkenntnis der Online-Journalistin ist, dass man natürlich auch online

kritisch recherchieren kann. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gerne meinem

Recherche-Mentor Harald Schumann danken dafür, dass auch er einige Überstunden

gemacht und mir dabei geholfen hat, die richtigen kritischen Fragen zu

stellen. Denn teilweise habe ich erst einmal gelernt: Gehe einen Schritt zurück,

wühl dich ganz, ganz tief ein, arbeite hart. Durchackere solche Berge von Akten,

bist du wirklich weißt, welche die richtigen Fragen sind, die du stellen kannst.

Leif: Ihre Quintessenz, was haben Sie, Frau Wendt und Frau Freese, gelernt?

Freese: Ich denke, dass man unterschiedliche Strategien auch bei unterschiedlichen

Menschen haben muss. Und man muss dass irgendwie auch manchmal

intuitiv erfahren. Dann hat man da einen kleinen Fehler gemacht, da muss man

noch mal nachhaken und da muss man es irgendwie noch mal anders probieren.

Wendt: Zu wenig Nähe schadet, weil es einfach kein Ergebnis bringt. Und zuviel

Nähe irgendwann auch blind macht. Das war eine Erkenntnis.

Leif: Mit dieser Erkenntnis verabschieden wir uns von den Rednern hier. Toll,

dass diese Stipendien geklappt haben und die Stiftung sie ermöglicht hat.

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RECHERCHESTIPENDIEN II

Ergebnisse

abgeschlossener

Stipendien

Marianne Wendt und

Maren-Kea Freese

Tina Groll

Thomas Schuler


Marianne Wendt (2009)

„Immer im Verborgenen –

Als Analphabet in einer Welt der Schriftkultur“ *

Vier Millionen Analphabeten leben in Deutschland. Die Gefahr vor Isolation,

Arbeitslosigkeit und Armut, sowie der schwierige Weg, aus dieser Situation

auszubrechen, sind der Öffentlichkeit nicht bekannt. Die Autorinnen treffen

verantwortliche Bildungspolitiker, stellen – unter anderem – die Frage, warum

in einem Land, das sich seines hohen Bildungsniveaus rühmt, so wenig gegen

Analphabetismus getan wird. Sie versuchen, mit ihrem Hörfunkfeature dieses

tabuisierte Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

* Die Recherchen zu diesem Hörfunkbeitrag wurden u.a. ermöglicht durch das Stipendium, das die Autorinnen 2009

von der Otto Brenner Stiftung erhielten. Der Hörfunkbeitrag ist über die der Dokumentation beigefügte DVD (hinten,

3. Umschlagseite) zugänglich; eine Kurzfassung über die Homepage des „Brenner Preises“. (Die Redaktion)

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Maren-Kea Freese (2009)

rbb, Rundfunk Berlin-Brandenburg

Kulturradio

Künstlerisches Wort

Feature

Sendedatum: 8.12.2010

Produktion: 27.09 – 01.10.2010

Regie:

die Autoren

Sprecher: Matthias Scherwenikas

Ton:

Martin Seelig und Anja Bause

Produktion: RBB/NDR 2010

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Tina Groll (2009)

„Schrottimmobilien – Angepumpt und abgezockt“ *

Sie wollten Steuern sparen und wurden in den Ruin gestürzt:

Die Bank DKB hat reihenweise Schrottimmobilien für Kleinverdiener finanziert.

Plattenbau in Berlin: Als Schrottimmobilien werden

Wohnungen bezeichnet, die zu einem stark überteuerten

Preis als Anlageobjekt verkauft wurden

Es ist kurz vor Weihnachten 2009, als das Ehepaar Blaschek aus Thale im Harz

zum ersten Mal seine Eigentumswohnung in der Brüderstraße, Ecke Jägerstraße

in Berlin-Spandau betritt. Kabel hängen lose von der Decke herab, die Wände

sind feucht und schimmlig, eine morsche Spüle steht in der modrig riechenden

Küche. Die 120 Quadratmeter Altbau sind ein Sanierungsfall. Bezahlt haben die

Blascheks dafür 228.000 Euro.

Den Kredit für die Wohnung erhielten der Krankenpfleger und die Wissenschaftlich-Technische

Assistentin von der Deutschen Kreditbank (DKB), einer Tochter

der Bayerischen Landesbank. Kontakt zur DKB hatte das Ehepaar allerdings nie

und 228.000 Euro ist die Wohnung auch nicht wert. Ein Sachverständiger

schätzt sie auf 85.000 Euro, im sanierten Zustand.

* Der dokumentierte Beitrag ist erschienen auf ZEIT-ONLINE am 02.09.2010.

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Guido und Kathrin Blaschek wollten die Wohnung gar nicht kaufen. „Wir dachten,

wir nehmen an einem Steuersparmodell teil“, sagt Guido Blaschek. Er macht

eine Pause. Der Krankenpfleger schämt sich. Die Familie hat eine sogenannte

Schrottimmobilie erworben – und sie sind nicht die einzigen. Bundesweit haben

Anleger überteuerte Wohnungen mit Krediten der DKB gekauft.

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Vermittelt wurden sie von verschiedenen dubiosen Strukturvertrieben. „Wir gehen

davon aus, dass die DKB Kredite in Höhe von 1,5 bis drei Milliarden Euro im grauen

Immobilienmarkt vergeben hat und zwar vorrangig an Klein- und Mittelverdiener“,

sagt der Berliner Anlegerschutzanwalt Jochen Resch. Die Leute mussten keinerlei

Eigenkapital bereitstellen, sondern wurden dazu verführt, eine Vollfinanzierung in

Anspruch zu nehmen – ähnlich wie die Immobilienfinanzierungen in den USA, die

erst die Kleinverdiener, dann Amerika und schließlich die ganze Welt in die Finanzkrise

stürzten. Im Fall der Familie Blaschek vermittelte eine Firma mit dem Namen

„Die Steuerfüchse“ sowohl die Wohnung als auch den Kredit. Die Firma gibt es

mittlerweile nicht mehr. Die Raten für den Kredit laufen aber weiter.

Angefangen hat alles im Sommer 2008: Das Ehepaar Blaschek bekommt einen

Anruf – einen sogenannten Cold Call, wie es in der Branche heißt. „Angeblich

war es ein Meinungsforschungsinstitut, das eine Umfrage zur Steuerpolitik in

Deutschland machte“, erinnert sich Guido Blaschek. „Wenige Wochen später

wurde ich dann von den Steuerfüchsen angerufen. Sie boten eine Steuerberatung

an und wollten prüfen, ob wir für ein Steuersparmodell infrage kämen.“

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Ein Mitarbeiter der Firma stattet dem Paar einen Besuch ab und erklärt schnell,

dass Familie Blaschek für ein solches Modell geeignet ist. Da aber Haustür geschäfte

verboten seien, müsse das Ehepaar ins Büro der Steuerfüchse nach

Berlin kommen. Wenige Tage später holt ein Fahrer das Paar ab. Zuvor hat sich

Guido Blaschek über die Firma im Internet informiert. Der Webauftritt wirkt

seriös und auch das Büro macht Blaschek nicht misstrauisch. „Da hingen die

Referenzen an der Wand. Der Geschäftsführer hatte einen Doktortitel, alles sah

ordentlich aus“, sagt er.

Das Beratungsgespräch dauert etwa eine Stunde. Eine Stunde, in denen dem Krankenpfleger

und seiner Frau das Modell einer Immobilienpatenschaft erläutert wird.

„Uns wurde erzählt, dass wir denkmalschützerisch tätig werden. Das Programm sei

auf zehn Jahre angelegt, danach würde das Objekt wieder verkauft“, erinnert sich

Blaschek. Die „Steuerberater“ zeigten dem Paar zwei Wohnungen in Berlin und

Leipzig in einem Hochglanzprospekt und rechnen vor, dass die monatlichen Belastungen

etwa 80 bis 100 Euro betragen würden. Die Steuerersparnis wurde mit

56.000 Euro für einen Zeitraum von zehn Jahren angegeben, sagt Blaschek.

Vermieter würde das Paar nur auf dem Papier, eine Hausverwaltung würde sich

um alles kümmern. Ein Rundum-Sorglos-Paket. „Wir konnten unser Glück kaum

fassen. Das klang alles in sich logisch. Von einem Kredit war nie die Rede, wir

hatten auch nie Kontakt zur Bank“, sagt Blaschek.

Die vermeintlichen Steuerberater bringen das Ehepaar noch am Abend zu einem

Notar. Er und seine Frau unterschreiben die bereits vorbereiteten Unterlagen: einen

Kreditvertrag mit der DKB über 228.000 Euro sowie den Kaufvertrag der 120 Quadratmeter

großen Wohnung in Berlin-Spandau. Den Hochglanzprospekt für die

Immobilie gibt es mit dazu. Einen Schlüssel für die Wohnung allerdings nicht.

So unglaublich es klingt, neu ist das Phänomen nicht. Mindestens 300.000 Ver -

braucher in Deutschland wurden in den neunziger Jahren Besitzer einer sogenannten

Schrottimmobilie, Wohnungen, die von windigen, psychologisch geschulten

Verkäufern deutlich über ihrem tatsächlichen Wert an zumeist Vermögende ver-

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kauft wurden. Verbraucherschützer gehen sogar von über einer halben Million

Schrottimmobilien aus. Die Kredite kamen von Privatbanken wie der Hypo vereinsbank

(HVB), die rund 100.000 Kredite finanziert haben soll.

„Man sollte meinen, dass Verbraucher heute gewarnt sind“, sagt Frank Pauli, Ba n k enexperte

beim Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV). „Aber immer noch fallen

viele auf die Masche herein.“ Die dubiosen Geschäftemacher haben mit den

Vollfinanzierungen für Kleinverdiener neue Opfer gefunden. Ist der Vertrag erst

unterschrieben, kommt man kaum wieder heraus. „Es mangelt bis heute an einer

gesetzlichen Regulierung“, sagt Pauli. Die Betroffenen müssten beweisen, dass

der Immobilienvertrieb und die Bank institutionalisiert zusammengearbeitet ha -

ben und sie falsch über die finanziellen Folgen des Kaufs informiert worden seien.

Ein institutionalisiertes Zusammenwirken liegt beispielsweise dann vor, wenn

mehrere Wohnungen aus demselben Objekt über die gleiche Bank finanziert

wurden und vom gleichen Vermittler oder Verkäufer veräußert wurden.

Diesen Nachweis müssen auch Guido und Kathrin Blaschek erbringen. An eine

Vermietung der Wohnung in Berlin-Spandau ist nicht zu denken. Rund 1300 Euro

beträgt die monatliche Ratenzahlung für den Kredit. Zusammen haben der Krankenpfleger

und die Wissenschaftlich-Technische Assistentin im Monat etwa 3000

Euro zur Verfügung. Im Heimatort Thale im Harz besitzen sie ein kleines Eigenheim.

Sie haben zwei Kinder. Eines davon ist noch in der Ausbildung. Geld für die

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dringend nötige Sanierung der Berliner Wohnung hat das Ehepaar nicht. Etwa

40.000 Euro müssten sie investieren, um die Wohnung vermieten zu können.

Die Einnahmen würden aber deutlich unter den Raten liegen, die sie monatlich

an die Bank zahlen müssen.

„Für die Falschberatung der Anlageberater haftet der Verkäufer“, sagt Anlegerschutzanwalt

Resch. Nur müssen sie dies nachweisen können. Er betreut nach

eigenen Angaben fast 1000 Mandanten, die über Strukturvertriebe Wohnungen

erwarben. „Fast jede Woche bekommen wir neue Fälle, alle von der DKB“, sagt

Resch. Die Verkaufsmasche der Vertriebe sei so gewieft, dass die Anleger oft erst

sehr viel später realisieren, dass sie eine Eigentumswohnung erworben haben.

Bei den Blascheks war genau das der Fall. Als sie es bemerkten, war es schon

zu spät. Das Büro der Steuerfüchse in der Brandenburgischen Straße in Berlin

gab es auf einmal nicht mehr. Die Firma hatte ihren Namen zwischenzeitlich in

Steuerschotten, Steueralarm und Steuerlupe gewechselt. Irgendwann stellte sie

ihr Geschäft ganz ein.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Blascheks noch nicht einen Fuß in ihre Wohnung

gesetzt. Das ändert sich erst, als sie Anlegeranwalt Jürgen Resch beauftragten,

ihre Interessen zu vertreten. Jetzt hofft das Paar, den Kredit in einer außergerichtlichen

Einigung mit der DKB rückabwickeln zu können. Gelingt dies nicht,

müssten sie mindestens 30 Jahre lang abzahlen. Sie wären dann Ende 70.

Anwalt Resch gibt sich optimistisch, dass die Blascheks keine 30 Jahre zahlen

werden. Im Januar erstritt er vor dem Landgericht Berlin ein Urteil, das die DKB

zum Schadensersatz verurteilte. In diesem Fall hatten die Kläger eine Eigentumswohnung

in Berlin-Mariendorf erworben. Die Finanzierung erfolgte ebenfalls über

die DKB. Auch hier wurden die Kläger falsch beraten.

Das Landgericht stellte fest, dass die DKB über einen Wissensvorsprung verfügte,

der den Käufern nicht offenbart wurde. Die Bank arbeitete nach Auffassung des

Gerichts mit den Vermittlern institutionalisiert zusammen. Mindestens zwei weitere

Prozesse haben Anleger inzwischen gegen das Institut in erster Instanz gewonnen.

Die DKB hat Berufung gegen die Urteile eingelegt. Sie behauptet, von den Ver-

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sprechungen der Kreditvermittler nichts gewusst zu haben. Die Bank bestreitet

zudem, mit ihnen institutionell zusammengearbeitet zu haben. Ob eine Immo -

bilie direkt vom Verkäufer oder von einem Immobilienvermittler vertrieben

werde, sei für die Kreditvergabe der DKB unerheblich.

Der dadurch existierende Interessenskonflikt scheint der Bank egal zu sein: Die

Vertriebe kaufen die Wohnungen zu niedrigen Preisen auf und veräußern sie

dann für ein Vielfaches. Außerdem kassieren die Vermittler satte Provisionen

durch die Kreditvermittlung. „Die Banken können auf diese Weise ihr privates

Kreditgeschäft aufblähen. Für die Vermittler gibt es bis zu 35 Prozent Provision“,

sagt Anlegerschützer Resch.

Mittlerweile gibt es ein lukratives Zweit- und Drittmarktgeschäft. Schrottimmobilien,

die irgendwann rückabgewickelt werden konnten, werden von den Ver-

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trieben erneut billig gekauft, bevor der ganze Spuk wieder von vorne losgeht.

Im Fall der Eigentumswohnung in Berlin-Mariendorf kümmerte sich die Thomas

Friese Unternehmensberatung um die Finanzierung, die sich im Briefkopf als Partner

der DKB bezeichnet. „Zwischenzeitlich hatte die Firma Singularis, der damalige

Partner der DKB, sogar ihr Büro im Wohnhaus des Herrn Friese, wo auch seine

Unternehmensberatung ihr Büro hatte“, sagt Jochen Resch. Die DKB bestätigt,

dass die Unternehmensberatung Immobilienkredite vermittelt habe. Allerdings

betont die Bank, die Kreditvergabe erfolge erst nach eingehender Prüfung der

Unterlagen. ZEIT ONLINE liegen allerdings Dokumente vor, in denen die Thomas

Friese Unternehmensberatung einem Kleinverdiener mit negativem Schufaeintrag

die Finanzierung für eine Eigentumswohnung in Berlin vermitteln wollte. Die

Bank teilt zu diesem Vorgang mit, „dass Darlehensanträge bei der DKB unabhängig

vom Vertrieb und innerhalb einer zentralen Produktionseinheit geprüft

werden. Die DKB vergibt keine Darlehen an Kunden mit unzureichendem Schufa-

Score.“ Doch die Unterlagen legen nahe, dass der Kleinverdiener den Kredit

bewilligt bekommen hätte. Gerade noch rechtzeitig nahm sich der Mann allerdings

einen Anwalt.

„Das ist keine verantwortungsvolle Kreditvergabe“, urteilt der Esslinger Anwalt

Ralph Schäfer. Auch er vertritt viele Mandanten, die überteuerte Wohnungen

gekauft haben. Die Finanzierung erfolgte auch hier häufig über die DKB.

In den meisten Fällen ist die Bank nicht bereit, von ihren Forderungen Abstand

zu nehmen. „Können Kunden ihren Ratenverpflichtungen nicht mehr nachkommen,

findet die DKB gemeinsam eine einzelfallorientierte Lösung, wie Laufzeitstreckungen

oder Ratenanpassungen“, heißt es von der DKB. „Die vorzeitige

Fälligstellung eines Engagements würde allerdings ein Schaden für die Bank

bedeuten.“ Vorzeitige Fälligstellung heißt: Die Bank verlangt die Zahlung der

gesamten Kreditsumme auf einen Schlag zurück. Das können die Anleger aber

nicht leisten. Einziger Ausweg ist dann ein Vergleich oder die Privatinsolvenz.

In beiden Fällen würde die Bank Geld verlieren. Viel lukrativer ist es, die Kreditnehmer

Jahrzehnte lang abzahlen zu lassen.

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Die DKB kann sich offenbar ihre harte Haltung leisten: Nur ein Bruchteil aller

Fälle komme überhaupt vor Gericht, sagt Anwalt Schäfer. Der Grund ist simpel:

Den meisten ist vorher längst finanziell die Puste ausgegangen – klagen kostet.

„Die Gewinnchancen solcher Fälle betragen etwa zwei Prozent“, sagt Schäfer.

„10 bis 20 Prozent werden verglichen, der Rest wird verloren. Dann zahlen die

Leute 20, 30 Jahre lang die überteuerte Immobilie ab“, sagt Schäfer.

Einer, der seit fast 30 Jahren abzahlt, ist Uwe Weidmann aus Fellbach. Weidmann

ist ein sogenannter Altfall. 1983 erwarb der Programmierer eine 64 Quadratmeter

große Zwei-Zimmerwohnung in Darmstadt. Die Finanzierung – insgesamt

220.000 D-Mark – lief über die heutige DKB-Mutter, die Bayerische Landesbank.

„Eigentlich habe ich damals schon die klassische Masche erlebt“, erinnert sich

Weidmann. Es gab eine Mietgarantie, eine Wohnungsverwaltung, die sich um

alles kümmern sollte und großzügige Steuersparversprechen. Ein Wertgutachten,

eine Wohnungsbesichtigung – auf all das verzichtete Weidmann. Drei Jahre lang

ging auch alles gut, dann blieben die Mietzahlungen aus und die Finanzierung

geriet ins Wanken. Zu diesem Zeitpunkt gab es den Strukturvertrieb, der die

Wohnung und die Finanzierung vermittelt hatte, längst nicht mehr.

„Ich saß auf einem Berg von Schulden, und die BayernLB ließ nicht mit sich

verhandeln“, sagt Weidmann. Seit über 25 Jahren streitet er nun mit der Bank.

Weidmann hat Anwälte eingeschaltet, sich mit anderen Besitzern von Schrott -

immo bilien ausgetauscht, sogar einen Brief an den Staatsminister des baye -

rischen Finanzministeriums geschrieben. Mittlerweile hat die Familie die Wohnung

in Darmstadt für 25.000 Euro verkauft. Nach fast 30 Jahren sind noch 80.000

Euro bei der Bayerischen Landesbank offen. Jetzt, wo die Kinder erwachsen sind,

käme eine Privatinsolvenz vielleicht doch infrage. „Dann könnten wir dieses

Ding endlich beenden.“ Er wäre dann mit Eintritt ins Rentenalter schuldenfrei.

Einzelne Finanzierungen für Schrottimmobilien kamen bei Landesbanken schon

immer vor. Vor wenigen Jahren stiegen sie aber verstärkt in den Bereich der privaten

Immobilienfinanzierungen ein.

112


Doch muss man nicht auch den Anlegern den Vorwurf machen, nicht eigenverantwortlich

gehandelt zu haben, zu leichtgläubig und möglicherweise auch zu

gierig gewesen zu sein?

Nein, sagt der Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick (Grüne). „Verantwortung

kann man nur dann übernehmen, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen

stimmen.“ Der Finanzmarkt sei aber immer noch vollkommen intransparent.

Verbraucherschützer fordern seit Jahren eine strengere Regulierung. „Wir brauchen

eine Finanzierungsaufsicht, die auch den Verbraucherschutz umfasst und die

Banken stärker in die Verantwortung nimmt“, sagt Verbraucherschützer Frank

Pauli. „Sie können ihren Schaden noch immer umverlagern und Ausfälle ab schreiben.

Aber die Anleger, die erst einmal durch den Erwerb einer solchen Schrott -

immobilie in die Schuldenfalle geraten sind, kommen bis heute kaum aus dieser

Situation heraus.“ Auch die Novellierung des Anlegerschutzgesetzes hat daran

wenig geändert. Nach wie vor arbeitet die Finanzaufsicht nur im öffentlichen

Interesse, der Verbraucherschutz zählt, anders als in anderen europäischen

Ländern wie Schweden, nicht dazu.

„Solche Kredite lohnen sich vor allem dann, wenn sie in Massen vergeben und verbrieft

werden können“, sagt Grünen-Politiker Schick. Verbriefung heißt: Immobilienkredite

mit unterschiedlichen Ausfallrisiken werden zu Paketen verpackt und in

handelbare Wertpapiere umgewandelt. Schick vermutet, dass genau das auch mit

den Schrottimmobilienkrediten passiert ist. Der Abgeordnete, der auch im Untersuchungsausschuss

um die Pleite der Hypo-Real-Estate (HRE) saß, versuchte herauszufinden,

ob die rund 100.000 Schrottimmobilien-Kredite der HVB an die HRE als

verbriefte Papiere ausgelagert wurden. „Meine Sorge ist, dass es durchaus auch

in Deutschland Entwicklungen in Richtung eines Subprime-Segments gegeben

hat“, sagt der Politiker. Bislang hat er dies aber noch nicht beweisen können.

Subprime in Deutschland? Schick stellte im Januar 2009 eine Anfrage an die

Bundesregierung, wie man den Markt für Kredite mit geringer Bonität in

Deutschland regulieren wolle. Die Antwort sei ein weitgehendes Achselzucken

gewesen. Anleger müssten eigenverantwortlich entscheiden, ob der Erwerb

113


einer Immobilie für sie sinnvoll sei oder nicht. Wenn ein Schaden entstünde,

gebe es ja den Anspruch auf Rückabwicklung. Heißt: An der Beweispflicht der

geprellten Anleger und einem mitunter Jahre dauernden, teuren Rechtsstreit

ändert sich vorerst nichts.

Familie Blaschek hat den Kampf mittlerweile aufgenommen. Berichte über sie

im heute-Magazin und in der Zeitschrift Finanztest haben für Aufmerksamkeit

gesorgt. „Wir haben jetzt wenigstens das Gefühl, etwas tun zu können“, sagt

Guido Blaschek. Sein Vertrauen in die Banken hat er überdies nicht verloren,

wohl aber das in die DKB.

Die Bank selbst kämpft ebenfalls. Sie teilt mit, dass sie bereits im März 2009

ihre Kreditvergaberichtlinien verschärft habe, seither sei auch die Zahl der

Finanzierungen gesunken. Mittlerweile habe man eine Eigenmittelunterlegung

von mindestens acht Prozent eingeführt, heißt es von der DKB. Zudem seien die

Aktivitäten im Bereich der Baufinanzierung eingeschränkt worden. Die Bank

fokussiere sich nun „auf Geschäftsfelder, die weniger Risikoaktiva binden“.

Beim Esslinger Anwalt Schäfer kommen trotzdem ständig aktuelle Fälle hinzu.

„Höhepunkt war vor Kurzem, dass ein Anleger unter dem Vorwand, er würde

eine Werbung auf seinem Fahrzeug angeboten bekommen, in die Verkaufsräume

eines Vermittlers gelockt wurde“, erzählt der Anwalt. Stattdessen wurde

der Kleinverdiener zum Notar geschleppt, um noch einige Steuervorteile zu

gewinnen. Tatsächlich wurde dem Mann aber eine Immobilie verkauft, „die über

die DKB, fix und fertig vorbereitet, finanziert werden sollte“.

Die Bayerische Landesbank hat ihr Geschäft mit privaten Immobilienfinanzierungen

Anfang 2009 komplett eingestellt. Aber man betont, „oberste Zielsetzung“

für den Umgang mit den laufenden, problematischen Fällen sei „nicht etwa das

Kredit engagement zu beenden, sondern ein Sanierungskonzept zu entwerfen,

das dem Kreditnehmer hilft, seinen Forderungen langfristig nachkommen zu

können“. So wie bei Uwe Weidmann, der seit über 25 Jahren für seine Schrottwohnung

zahlt.

Die Recherchen für diesen Artikel wurden mit dem Recherchestipendium der Otto Brenner Stiftung (OBS) 2009

ermöglicht.

114


Thomas Schuler *

„Bertelsmannrepublik Deutschland –

Recherchen und Reaktionen“

Die Recherchen zu den Geschichten über Stiftungen lassen sich in zwei Kategorien

einteilen: Die eine Sorte betrachtet die Gründer gemeinnütziger Stiftungen

als Helden der Zivilgesellschaft, die ihr Vermögen verschenken. Die andere Sorte

handelt von Steuerflüchtlingen, die ihr Geld mit Hilfe von eigennützigen Familienstiftungen

in der Schweiz oder in Liechtenstein verstecken. Aber inwiefern dient

auch eine gemeinnützige Stiftung privaten Interessen?

Dieser Frage ging ich am Beispiel der Bertelsmann Stiftung nach, weil sie mit

330 Mitarbeitern und 65 Millionen Euro Jahresbudget besonders groß und einflußreich

ist. Man könnte sie als private Universität mit exklusivem Zugang zur

politischen und gesellschaftlichen Elite bezeichnen. Als operative Stiftung fördert

sie nicht, sondern verfolgt nur eigene Projekte (seit 1977 rund 750). Der

Nach kriegsgründer von Bertelsmann, Reinhard Mohn, starb am 3. Oktober 2009.

In seinen Augen war nicht sein Unternehmen (u. a. RTL, Arvato, Gruner + Jahr,

Random House), sondern seine Stiftung sein Lebenswerk. Mit ihr wollte er den

Erfolg seines Unternehmens auf Staat und Gesellschaft übertragen.

Alles sollte messbar sein, damit Wettbewerb entsteht. Was Bertelsmann groß

machte, das sollte das gan ze Land voranbringen. Sein Anspruch war eine

„Bertelsmannrepublik Deutschland“. Den Begriff benutzte er nicht, aber er gibt

seinen Denkansatz wieder.

* Thomas Schuler lebt als freier Journalist in München. 2004 veröffentlichte er das Buch „Die Mohns“ über die Eigentümer

der Bertelsmann AG. „Bertelsmannrepublik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik“ ist 2010 im Campus Verlag

erschienen. Die Recherchen zu dem Buch wurden u.a. ermöglicht durch das Stipendium, das der Autor 2007 von der

Otto Brenner Stiftung erhielt. (Die Redaktion)

115


Die Bertelsmann Stiftung ist ein Zentrum der Macht, mit dem die Familie Mohn

(die noch 23 Prozent der Bertelsmann AG besitzt, aber auch die Stiftung kontrolliert)

Nähe zur Politik schafft, Einfluss nimmt und ihr Unternehmen erhält. Die

Stiftung hat sogar das Politikgeschäft in ihrem ureigenen Bereich beeinflusst,

indem sie vielfältige Aktivitäten, Foren und Schriften zum Stiftungswesen veranstaltet

und herausgegeben hat. Am Ende setzte die rot-grüne Regierung nur Vorschläge

um, die der Stiftung nicht schadeten. Die Stiftung ist für Familie Mohn

in erster Linie ein Finanzierungs- und Führungsinstrument, mit der sie Gewinne

im Unternehmen behalten und reinvestieren kann. Obwohl die Stiftung fast 80

Prozent am Unternehmen besitzt, erhält sie eine Dividende, die einer Minderheitsbeteiligung

entspricht. Von den sieben Milliarden Euro aus dem Verkauf der

AOL-Anteile hat die Stiftung so gut wie nichts erhalten.

Stiftungen sind nicht demokratisch legitimiert. Niemand wählt sie. Und niemand

kann sie abwählen. Sie sind niemandem verantwortlich. Das ist für eine Stiftung,

die politischen Einfluß wahrnehmen will, ein Problem. Deshalb arbeitet die Bertelsmann

Stiftung so gerne mit dem Bundespräsidenten zusammen. Sie gibt Geld

für Projekte und er soll ihr überparteiliche Legitimation verschaffen.

Um zu zeigen, wie die Stiftung Einfluß in Berlin erlangt, suchte ich Projekte, die

den Zugang zur Politik beispielhaft erklären und belegen. Eine wissenschaftliche

Arbeit über Bundespräsident Roman Herzog war so ein Türöffner. Der Autor

Michael Jochum hatte vier Jahre lang Zugang zu allen Mitarbeitern und Terminen

Herzogs, besprach regelmäßig mit Herzog dessen Pläne und behauptete am

Ende, er habe den Anstoß für das Stichwort „Ruck“ zu Herzogs berühmtester

Rede gegeben, die den Startschuß gab für den Wechsel in Berlin und die Reformen

der rot-grünen Regierung. Beleg dafür, wie eng und frei der Mitarbeiter der

Bertelsmann Stiftung im Bundespräsidialamt eingebunden war, ist ein Ge spräch

mit Wilhelm Staudacher, dem ehemaligen Staatssekretär von Herzog. Staudacher

sagt: „Jochum war bei allem dabei.“ Eine geplante Biographie Herzogs hat

Jochum nie veröffentlicht. Sein Projekt ist damit eigentlich gescheitert; aber für

die Bertelsmann Stiftung war sein Zugang dennoch wertvoll. Das gescheiterte

116


Buchprojekt war nicht der einzige Türöffner: immer wieder wurden Herzog und

seine Vorgänger und Nachfolger nach Gütersloh eingeladen, um in ihren Reden

der Stiftung die Gemeinnützigkeit zu bestätigen.

Entgegen der Beteuerungen agiert die Stiftung nicht unabhängig, sondern in

Abstimmung mit den Chefs des Unternehmens und der Familie. Dass die Stiftung

bei der Reform der Rundfunkaufsicht vor zehn Jahren nur vordergründig

unabhängig, tatsächlich aber interessengeleitet und zum Nutzen der Konzerntochter

RTL und des Unternehmen Bertelsmann tätig wurde, hatte ich selbst als

Reporter der Berliner Zeitung 1999 recherchiert und bei der entscheidenden

Tagung in Gütersloh wichtiges Schriftmaterial und Eindrücke gesammelt. Ein

wichtiges Dokument, das den Interessenskonflikt belegt, ist eine schriftliche

Anweisung von Mark Wössner, damals Vorstandsvorsitzender der Stiftung und

zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des Unternehmens. An Mitarbeiter der Stiftung

schrieb er, die Stiftung solle sich mit dem Unternehmen koordinieren, um

Argumente für „unsere Seite (Privatfunk)“ zu sammeln. Das Schriftstück erhalte

ich erst nach Redaktionsschluß und verwende es für einen Artikel im SPIEGEL.

Die Rundfunkreform liegt lange zurück. Gibt es weitere, aktuelle Projekte der Stiftung,

bei der sich ihre Interessen vermischen? Beispielsweise indem sie Politiker

gemeinsam ansprechen und ihre Wünsche und Erwartungen formulieren. So luden

Unternehmen und Stiftung 2004 die neue EU-Kommission ein, um ihr zu versichern,

wie sehr man an der EU-Erweiterung interessiert sei, um neue Märkte zu erschließen.

Die Stiftung hielt zahlreiche Konferenzen zur EU-Erweiterung ab und trat für

die Aufnahme Kroatiens ein. Liz Mohn flog eigens zu einem Treffen mit dem kroatischen

Ministerpräsidenten nach Zagreb. Bertelsmann lud den Ministerpräsidenten

nach Gütersloh und Berlin ein. Im gleichen Jahr erhielt das Tochterunternehmen

RTL eine Staatsfernsehlizenz in Kroatien. Zufall? Die Auslagerung von Verwaltungsaufgaben

ist ähnlich problematisch. Die Stiftung riet dazu, das Unternehmen

machte ein Geschäft daraus. Pilotprojekt in Deutsch land ist „Würzburg

integriert“, das Arvato neue Märkte erschließen soll. Problematisch ist schließlich

auch die Einmischung bei der Stiftungsreform selbst – dazu später.

117


Den Einfluß in der Politik beschreibe ich anhand der Arbeitsmarktreform, Hartz IV.

Die Stiftung leistete die Vorarbeit mit einem Bericht für das Bündnis für Arbeit

und organisierte und begleitete im Auftrag des Kanzleramtes die Arbeit der

Hartz-Kommission. Eine kritische Darstellung der Arbeitsrechtlerin Helga Spindler

wird von Mitarbeitern der Bertelsmann Stiftung in vertraulichen Gesprächen als

faktisch richtig bestätigt. Ein Mitglied der Hartz-Kommission, der Politikprofessor

und Arbeitsmarktexperte Günther Schmid, beschreibt auf Anfrage den Einfluß

der Stiftung auf die Reformen und dass sie für Kommissionsmitglieder Reisen

ins Ausland zu jenen Modellen organisierte, die sie für Reformen geeignet hielt.

Die Kommissionsmitglieder seien beeindruckt gewesen, erinnert sich Schmid.

Ich konfrontiere ihn mit Widersprüchen der Arbeitsmarktberichte der Stiftung

mit seiner eigenen Forschung. Das bringt Schmid dazu, über Fehler und Ungenauigkeiten

in den Ländervergleichen der Stiftung zu sprechen.

Der Gründer und langjährige Präsident der ersten privaten Universität in Witten /

Herdecke, Konrad Schily, spricht mit mir über die Promotion von Brigitte Mohn

1993 – ein heikles Thema. Brigitte Mohn hatte gar keines der Fächer studiert, die

in Witten angeboten werden. Ihre Promotion war nur möglich, weil unter Reinhard

Mohn als Vorsitzendem des Direktoriums das Promotionsrecht auf das Studium

fundamentale (eine Art Grundstudium) ausgeweitet worden war. Schily erzählt,

dass Reinhard Mohn bei ihm ungeduldig nachfragte, warum die Promotion seiner

Tochter so lange dauere, und das, obwohl sie insgesamt nur ein Jahr daran

arbeitete. Ein Sprecher der Universität bestätigt, dass Brigitte Mohn die erste

Promovendin im Studium fundamentale war. Daß Mohn die Universität im Laufe

der Jahre mit 35.1 Millionen Euro unterstützt hat, hatte die Stiftung 2003 veröffentlicht.

Besonders fragwürdig ist, dass – wie ich erfahre – Mohn dem wissenschaftlichen

Mentor und Gutachter der Promotion seiner Tochter wenige Monate

später einen Beratervertrag gewährt hat. Den Zweitgutachter betraute er ein jahrelanges

Projekt an. Weder Universität noch Stiftung wollen den Beratervertrag

bestätigen. Die Bestätigung erfolgt erst, als ich im Auftrag des SPIEGEL anfrage.

118


Die Grünen-Politikerin Antje Vollmer wollte die Fehler und Missstände, die sich

beispielsweise in einer geringen Dividenden-Ausschüttung zeigen, mit einer

Reform des Stiftungsrechts korrigieren, wie sie mir sagt. Sie wollte große Stiftungen

wie Bertelsmann und Bosch zwingen, mehr Geld auszuschütten. Vollmer

hoffte auf Kooperation und Einsicht der Stiftungen – vergeblich. Die Bertelsmann

Stiftung engagierte sich wie keine andere Stiftung in dieser Reform -

debatte und hat Vollmers Reformansatz keine Beachtung geschenkt oder mit

Kritik bedacht und stattdessen andere Punkte in den Vordergrund geschoben.

Auch das eine Vermengung eigener und gemeinnütziger Interessen. Meine

These: Die Stiftung war zu mächtig geworden in Kanzler Gerhard Schröders

Amtszeit, als dass er Reformen gegen sie durchsetzen wollte oder konnte.

Stiftungsfachanwälte bestätigen das.

Schließlich interessierte mich, ob die Stiftung sich selbst reformieren kann. Wie

geht sie mit eigenen Fehlern um? Wie effizient arbeitet sie, immerhin ist Effizienz

ihr Zauberversprechen und ihre Begründung für Reformen? Ist das Steuergeld, das

sie selbst einsetzt, effizient eingesetzt? Dazu befrage ich Gerd Wixforth, den ehemaligen

Stadtdirektor von Gütersloh, der nach seiner Pensionierung 1999 fünf

Jahre beratend in der Stiftung gearbeitet hat. Laut Wixforth ist die Effizienz der Stiftung

ein Mythos, an den er selbst jahrzehntelang glaubte, der sich aber aus der

Nähe als völlig falsch herausstellte. „Ich dachte viele Jahre, die Stiftung sei optimal

organisiert und kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, dass die eine Hand nicht

weiß, was die andere tut. Das Delegationsprinzip funktioniert vorne und hinten

nicht.“ Interne Bewertungen von Mitarbeitern der Stiftung bestätigen das. Die

Stiftung ist gemeinnützig und agiert steuerfrei. Deshalb geht es auch um die

Frage, wie sehr die Bertelsmann-Stiftung dem Allgemeinwohl verpflichtet ist. Ist

eine Stiftung, die Politik beeinflusst – und das tut die Bertelsmann-Stiftung –

noch die Privatangelegenheit der Familie Mohn? Ich denke nicht. Die Öffentlichkeit

hat in Deutschland bei Stiftungen aber nichts zu sagen – im Gegensatz zu

den USA. Die Wohltäter betonen gerne, dass ein Stifter wie Reinhard Mohn fast

sein ganzes Vermögen der Allgemeinheit geschenkt hat. Das ist eine geschickte

PR-Formulierung. In Wirklichkeit gehören Stiftungen sich selbst. Die Frage ist,

119


wer sie kontrolliert. Im Falle der Bertelsmann-Stiftung ist das nicht die Allgemeinheit,

sondern die Familie Mohn, die sich ihre Macht über eine komplizierte Stiftungskonstruktion

sichert. Die eigentliche Macht liegt in einer kleinen GmbH, in

der Liz Mohn das Sagen hat.

Reinhard Mohn hat in seinem Buch »Erfolg durch Partnerschaft« 1986 geschrieben,

die dann »nicht mehr durch Erbschaftssteuer belastete Finanzierungskontinuität«

sei die »dominierende Zielsetzung« für die Gründung der Stiftung 1977

gewesen. Die Stiftung sollte verhindern, dass seine Erben Teile des Unternehmens

verkaufen müssen. Familie Mohn hat geschätzte zwei Milliarden Euro Erbschaftssteuer

gespart. Bislang allerdings hat die Stiftung in ihren Projekten weniger

als 900 Millionen Euro ausgeschüttet. Mohns Hinweis auf die Erb schafts steuer

wird heute gerne heruntergespielt oder ganz vergessen. Man tut so, als stehe

nur der Gemeinnutz im Vordergrund. Tatsächlich hat Mohn 1998 im Handbuch

Stiftungen selbst postuliert, die Stiftung arbeite „ausschließlich im Sinne des

übergeordneten Gesellschaftsinteresses“.

Ausschließlich übergeordnete, gemeinnützige Interessen? Die Familie hat die

Satzung der Stiftung mehr als 20 mal geändert, um ihren Einfluss für alle Zeiten

zu sichern und sich nicht mit dem Versprechen der Unabhängigkeit der Stiftung

vertragen. Warum sollte sie nur unabhängig von politischen Parteien sein (wie

sie selbst behauptet)? Warum nicht auch unabhängig vom Unternehmen Bertelsmann

AG und der Eigentümerfamilie Mohn?

Die Recherchen führen zu konkreten Forderungen: Unternehmen sollten nicht

mehrheitlich im Besitz einer gemeinnützigen, steuerbefreiten Stiftung sein und

von ihr verdeckt geführt werden. Die Leitung einer Stiftung (Vorstand) darf nicht

identisch sein mit der Leitung bzw Aufsicht und Kontrolle des Unternehmens

(Aufsichtsrat), an dem sie beteiligt ist – wie es bei Bertelsmann jetzt der Fall ist.

Vorstandsmitglieder einer Stiftung dürfen nicht zugleich Mitglieder des Aufsichtsgremiums

der Stiftung sein (wie jetzt im Fall von Liz Mohn). Die Dividende

muß stärker an die Höhe des Gewinns gekoppelt sein. Schließlich: Die Stiftung

120


muß unabhängig sein von den Erben des Stiftungsgründers. Bei Bertelsmann ist

das Gegenteil der Fall.

Was davon wird die Politik umsetzen? Wird ihr eine Reform gelingen? Das ist die

zentrale Frage des Falles Bertelsmann: werden sich Politiker für eine Reform

stark machen und die Arbeit von Antje Vollmer fortführen? Der tageszeitung

sagte Vollmer als Reaktion auf mein Buch im September 2010: „Die Stiftung übt

erheblichen Einfluss auf die Politik aus. Das ist nicht illegal, aber die Politik

sollte sich dessen bewusst sein und kann nicht so tun, als wäre die Bertelsmann

Stiftung eine neutrale, nur dem Gemeinwohl verpflichtete Einrichtung.“

Die Politik sei deshalb besonders gefordert, das Stiftungswesen zu reformieren.

Vollmer sagte: „Nachdem es jetzt viel mehr Stiftungen gibt, muss es eine solche

Auseinandersetzung auch im Bundesverband deutscher Stiftungen geben. Vor

15 Jahren war das noch ein sehr exklusiver Club, weil es die vielen neuen Bürgerstiftungen

gar nicht gab. Es geht aber auch nicht, ohne dass jemand aus der

Politik dieses Anliegen für eine gewisse Zeit zu seiner Aufgabe macht. Die Instrumente

sind alle bekannt: Wenn man das 20-Prozent-Modell der USA übernähme

und die Forderung nach Mindestausschüttung, hätte man Bertelsmann schon

ein paar dicke Brocken vorgesetzt.“ Bislang wartet man jedoch vergeblich auf

eine konkrete politische Initiative.

Am Tag des Erscheinens meines Buches kündigte Gunter Thielen, der Chef der

Stiftung, eine rechtliche Prüfung an, die offenbar keine ausreichenden Argumente

anführen konnte, um gegen das Buch rechtlich vorzugehen. So verlegte

die Stiftung sich darauf, auf der eigenen Website gegen mich und mein Buch zu

polemisieren. Doch die Statements der Bertelsmann Stiftung gehen auf den

Inhalt meines Buches und die darin aufgeworfenen Fragen nicht ein: sie findet

offenbar keine Antworten auf berechtigte Fragen. Peter Rawert, ein Hamburger

Professor für Stiftungsrecht, bestätigt meine Kritik und schreibt in der FAZ,

Bertelsmann nutze Lücken im Stiftungsrecht. Er nennt die Stiftungskonstruktion

von Bertelsmann ein „hybrides Gebilde“, weil es unter dem Deckmantel des

Gemeinnutzes eigene Interessen verfolge. Rawert nennt das den „wahren

Skandal des Falles Bertelsmann“.

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AUSGEWÄHLTE TEXTE

UND REDEN


Tom Schimmeck

Heribert Prantl

Thomas Leif


Tom Schimmeck

„Wem gehören die Medien?“ *

„Wem gehören die Medien?“ war der Titel der Hausaufgabe, die ich für diesen

Kongress bekommen habe. Das klingt zunächst nach einer Fleißarbeit mit vielen

Schaubildern, mit Prozentangaben und Kästchen. In denen Namen wie Bauer,

Burda, Holtzbrinck, Neven Du Mont stehen. Aus denen ersichtlich wird, dass der

Westen der Republik publizistisch in der Hand der WAZ-Gruppe ist – Kenner

reden von der Brost- und der Funke-Linie –, der Süden hingegen in der Hand der

Südwestdeutschen Medien Holding, hinter der eher öffentlichkeitsscheue Eigner

wie etwa ein Herr Schaub stecken.

Außerdem gibt es da noch Verleger wie Ippen und Ganske und wie sie alle

heißen. Und natürlich die mächtigen Witwen Springer und Mohn.

Denen gehören die deutschen Printmedien, die „Holzmedien“, wie wir neuerdings

gern und keck sagen. Schon weil der Begriff automatisch die Assoziation

freisetzt, dass da wohl irgendwie der Wurm drin ist. Wir haben es hier weitgehend

mit alten Imperien zu tun, mit einer Hand voll Milliardären, die sich größtenteils

in der Forbes-Liste der Reichsten der Welt wiederfinden. Alle haben

inzwischen auch ihre Online-Portale, produzieren Firmenblätter, machen

sowieso in TV, Merchandising und so weiter. […]

* Wir dokumentieren (leicht gekürzt) die Rede des Journalisten und Autor Tom Schimmeck, die er auf dem Kongress

„Öffentlichkeit und Demokratie“ am 2. Oktober 2010 in Berlin vortrug und danken ihm für die Abdruckgeneh migung.

(Die Redaktion)

124


Paul Sethe, einer der fünf Gründungsherausgeber der FAZ, spitzte die Zustände

schon 1965 sehr knapp zu: „Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten,

ihre Meinung zu verbreiten.“ 200 wäre heute vielleicht ein bisschen hoch

gegriffen. Und auch der verlegerische Impetus hat sich stark verändert. Früher

war der Verleger der Patriarch, der Talente um sich sammelte. Da durften auch

ein paar dabei sein, die gar nicht seiner Meinung waren. Als Konfetti. Zum

Schmuck. Als Hofnarren. Inzwischen aber hat sich auch hier – Oskar Negt sprach

gestern davon – die rein betriebswirtschaftliche Logik durchgesetzt. Die Inhaber

sind zunehmend verunsichert über die Zukunft ihrer „Holzmedien“.

In den Obergeschossen der Verlagshäuser herrscht eine Mischung aus Resignation

und Aggression. Nicht, dass diese Imperien unmittelbar dem Untergang

geweiht wären. Aber die hochgesteckten Renditeziele sind in den letzten Jahren

doch zeitweise deutlich verfehlt worden.

Das Plus stimmte nicht mehr. Weshalb die Medieneigner die Unternehmens -

berater in Marsch setzten, die Bergers, McKinseys und Co. Allesamt natürlich

Experten in Sachen demokratischer Öffentlichkeit. Die zogen mit dem Rechenschieber

in die Redaktionen. Und kamen – Überraschung – zum Ergebnis, dass

Qualitätsjournalismus doch verdammt teuer ist. Also wurde entlassen, entlassen,

entlassen. Oh nein, Verzeihung: Freigesetzt.

Das klassische „Geschäftsmodell“

Ja, das klassische „Geschäftsmodell“ der Blätter hat Probleme. Aber das Untergangsgeschrei

war auch enorm nützlich, um eine höhere Rendite zu sichern. […]

Immer mehr Medieninhaber betreiben ihr Geschäft, als würden sie Schrauben,

Schnittkäse oder Sonnenschirme verkaufen. Sie haben kein Anliegen mehr das

größer ist als Geld.

Besonders gut sichtbar sind die Folgen eines rein renditeorientierten Betriebs

bei den Privatsendern. Seit 2007 sind Finanzinvestoren auf diesem Sektor

direkt aktiv: Die Permira Beteiligungsberatung GmbH sowie Kohlberg Kravis

125


Roberts & Co (KKR) befehligen ProSiebenSat1. Diese Leute machen keinen Hehl

daraus, dass sie sich genau null Sekunden lang für die gesellschaftliche Rolle

ihrer Sender interessieren.

Information? Aufklärung? Was ist das? Was kostet das?

Kriegen wir die Zuschauer auch billiger? Es ist halt nur ein Investment.

Durch Druck, Betriebsverlegungen und Entlassungen trimmen sie den Börsenkurs

genau so lange, bis sie den besten Preis bekommen. Verglichen damit

wirkt manch Altverleger schon wieder wie ein Musterdemokrat. Selbst die FAZ

sprach angesichts des Treibens im Münchner Sender einmal von „Heuschreckenlogik“.

Womit geklärt wäre, wem Printmedien und Privatsender „gehören“.

Im Sinne von: in Besitz sein.

Koch – Wilhelm – Seibert

Und dann haben wir da noch die öffentlich-rechtlichen Sender, die Anstalten,

wie es so schön und manchmal allzu treffend heißt. Das sind diese großen Häuser

mit diesen endlos langen Korridoren, in denen die Machtkämpfe besonders

kompliziert sind. Meiner Ansicht nach ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk

eines der schönsten Geschenke, die uns die alliierten Siegermächte, vorneweg

die Briten, nach 1945 gemacht haben. Aus der verheerendsten Propagandawaffe

der Nazis wurde ein zumindest potentiell demokratisches Medium, das

obendrein, zumindest potentiell, im Besitz aller ist. […]

Die beunruhigendste Tendenz: Die geistige Entleerung der Massenprogramme im

Fernsehen wie im Radio. Die wachsende Neigung, alles was im Hirn einen Funken

schlagen könnte, auf hübschen Sonderkanälen wie Arte oder im Nachtprogramm

wegzusenden. Während die Hauptprogramme nur noch einlullende Massenbe -

spaßung abstrahlen. Vor allem die Christenunion zeigt immer wieder, dass sie ein

gestörtes Verhältnis zum Grundauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat,

ihn eher als Werkzeug betrachtet. Und sich im Zweifel auf die Seite der Medien-Privatbesitzer

schlägt, mit denen sie irgendwie enorm gut befreundet zu sein scheint.

126


Die Verleger haben ihren Spaß mit dieser Regierung. Ihr wichtigstes Schlachtfeld

ist derzeit das Internet. Der Markt der Zukunft. Wo die Verleger mehr verdienen

wollen, etwa mit Hilfe eines neuen sogenannten „Leistungsschutzrechtes“,

dass ihnen – nicht den Urhebern – das Inkasso für Online-Inhalte erleichtern soll.

Zugleich feuern die Medienbesitzer, vor allem der Bundesverband Deutscher

Zeitungsverleger und der Verband Privater Rundfunk und Telemedien seit Jahren

aus allen Rohren gegen die Online-Präsenz der Öffentlich-rechtlichen. Die sollen

aus dem Netz gedrängt werden. Unter tatkräftiger Mithilfe vieler Politiker.

Das erinnert an den Kampf um die Claims in der Antarktis. Wo jeder, der genug

Macht zu haben glaubt, mal eben seine Fahne ins Eis rammt. Um sich Schätze

zu sichern. Auch hier geht es um Marktanteile. Die Erfolge sind erschreckend:

Die Politik war den Medienbesitzern zu willen. Dank eines neuen Medienstaatsvertrages

sind ARD und ZDF seit Neustem gezwungen, zur Löschung ihrer In hal te

im Internet zu schreiten. Eine Massenvernichtung von Information. Stoff, für den

wir Gebühren zahlen. Und der weg muss, damit bei anderen die Kasse stimmt.

Medien sind die Plattform für alle Öffentlichkeit

Medien sind die Plattform für alle Öffentlichkeit, die über unseren persön lichen

Gesichtskreis hinausreicht, über die unmittelbare Familie, die Kollegen, Bekan n -

t en, Freunde und Feinde. Wobei das nicht mehr ganz stimmt: Ein soziales Netzwerk

wie Facebook, das ja ebenfalls Medium ist, strukturiert auch die Wahrnehmung

der unmittelbaren Umgebung neu.

Medien liefern uns das Material zur Deutung der Welt, unserer Welt. Medien

liefern uns Unmengen Informationen frei Haus, auch Sichtweisen und Einsichten,

Lebensstile, Stimmungen, Zerstreuung – Lachen und Weinen inklusive. Weshalb

die Frage so wichtig ist, wem sie gehören. Und wem sie gehorchen.

Politik wird immer mehr zur Seifenoper

Beim Gehorchen tut sich auch so einiges. Vor allem auf jenem Sektor, den ich

„orchestrierte Kommunikation“ nennen möchte. Die industrielle Meinungsmache,

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den Spin. Es gibt eine wachsende Kontrolle von öffentlicher Darstellung, einen

wachsenden Hang zur Inszenierung. Politik wird immer mehr zur Seifenoper, wird

in Szene gesetzt und vermarktet wie früher nur Margarine, Mode und Popstars.

Das hat mit der Privatisierung der Welt zu tun. Damit, dass immer größere Teile

des Gemeinwesen in den Besitz nicht demokratisch legitimierter Macht übergehen.

Auch mit den Rating-Agenturen. Denn ein klares Triple-A von Standard &

Poor‘s ist heute wichtiger als alles Journalistengeschnatter – für Firmen wie für

Staaten. Das hat überdies damit zu tun, dass sich öffentliche Wahrnehmung

zusehends auf eine kleine Schar von Top-Akteuren verengt, die zumeist auch

nicht mehr als politische Wesen, als artikulierte Interessen, sondern nur mehr

als Solo-Darsteller erlebt werden, die sich auf der polit-medialen Bühne mehr

oder weniger raffiniert präsentieren.

Es ist an der Zeit sich verstärkt mit den Dirigenten dieses Orchesters auseinan -

de rzusetzen. Da ist nicht nur die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, über

deren keckes Treiben wir uns so gerne lustig machen. Meinungsmache ist eine

globale Industrie geworden. Immer mehr sucht sie unser aller Sicht auf die Verhältnisse

zu bestimmen. Keine Figur von Rang tritt mehr in der Öffentlichkeit auf

ohne eine Armada von Imageberatern, Agendasettern und Marketingexperten.

Politische Entscheidungsprozesse sind in allen Stadien den Pressionen einer

kolossalen Lobby-Maschinerie ausgesetzt. Journalisten werden geschickt um -

schmeichelt und mit Geschichten gefüttert. Keine Party steigt mehr ohne Eventmanager.

Selbst Kriege werden heute unter Feuerschutz von mindestens einem

Dutzend PR-Agenturen geführt.

Zu diesem Bild gehört auch das vermeintlich unpolitische Wirken der Zerstreuungsindustrie.

Die Welt der Promis, der Lightshows und des menschelnden

Schwachsinns. Sie führt zur Entkoppelung breiter Massen vom gesellschaftlichen

Diskurs. Sie kreiert eine Art Anti-Welt. Eine Öffentlichkeit, die Wirklichkeit

verweigert. Sie befördert das Auseinanderdriften der Gesellschaft, vertieft den

Graben zwischen Habenden und Habenichtsen. Verschärft das Unten und

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Oben. Unten macht sich ein fatalistischer Verdruss über die sogenannten Eliten

breit. Während oben die Verachtung gegenüber dem sogenannten einfachen

Volk wächst. Die Mittelschicht lebt derweil in Angst und zeigt einen wachsenden

Drang zur Abgrenzung gegen alles Fremde, das ihr den Platz streitig

machen könnte.

Wem gehören die Medien? Wem sollten sie idealerweise gehören? Die Antwort

ist einfach: Allen. Uns. Medien spiegeln und formen Gesellschaft. Medien sind

der Ort, wo unsere Wirklichkeit beschrieben, reflektiert, debattiert und bewertet

wird. Wo die Gesellschaft zu sich spricht. Zivilisation – das ist die Zügelung von

Macht und Gewalt in einer und durch eine informierte Öffentlichkeit. Medien sind

die Vehikel dieser öffentlicher Kontrolle. Oder sollten es doch sein. Deshalb

nennt man sie die vierte Gewalt.

Ja, es gibt andere Öffentlichkeiten: den Marktplatz, die Parteien, die Gewerkschaften,

Vereine, Initiativen, NGOs. Doch auch, was hier besprochen und getan

wird, erschließt sich einer großen Zahl von Menschen nur über Medien. Es ist

elementar für die Demokratie, wer mitreden darf, wer den Ton angibt. Wie laut

abweichende Meinungen werden dürfen. Und am Ende immer, wer die Entscheidungen

trifft. Die „Elite“ und ihre Experten, die exklusiven Clubs? Die Börse, die

Bürokratie, die Billionäre? So kann es nicht gehen.

Der hochgeschätzte Kollege Mathias Greffrath hat es schon vor Jahren klar um -

rissen: „In den letzten drei Jahrzehnten sind die Medien dem Marktgesetz verfallen.

Ihre neue `Vielfalt´ ist passgenauer Überbau der ökonomischen Basis:

Unterschichten lernen auf Unterschichtenschulen, schlucken Unterschichten -

essen, sehen Unterschichtenfernsehen; Eliten gehen auf Privatschulen, essen

und joggen mit Stil und lesen FAZ, SZ und notfalls Die Welt.“

Deutschland, ein Inkompentenz-Zentrum

Öffentlichkeit ist auch der Ort, in der sich eine Gesellschaft über ihren Fortschritt

verständigt. Da kann es einen schon manchmal rasend machen, wie wenig sich

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hier in eine gute Richtung bewegt. Ich glaube, es liegt auch daran, dass Ideen

und Visionen heute als bedrohlich, gefährlich und spinnert gelten.

Warum etwa haben wir nicht endlich eine Schule, die alle Kinder fördert, ihnen

hilft, möglichst fröhliche, tolerante, kluge und neugierige Menschen zu werden?

Der Kampf darum tobt seit mindestens 40 Jahren, ein zäher Stellungskrieg in

mittlerweile 16 Fürstentümern. So sehr sich viele mühen, es im konkreten Alltag

gut zu machen – das marode Fundament stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es

darf nicht angetastet werden, es steht unter ideologischem Denkmalschutz.

Unser „bürgerliches Lager“ will es so. Wir sind neben Österreich inzwischen das

letzte Land in Europa, das auf Frühselektion setzt. Das Resultat ist dokumentiert:

eine gigantische Verschwendung von Talent und Lebensglück. Der soziale

Status der Eltern entscheidet weiter über die Chancen der Kinder. Deutschland,

ein Exzellenz-Cluster? Nein, ein Inkompentenz-Zentrum.

Es ist die zweite Demokratie, die wir in Deutschland haben. Die erste ist nicht

zuletzt am Versagen der Medien zugrunde gegangen, an Propaganda, Gleichschaltung,

Duckmäusertum. An einer zunehmend lautstarken Verachtung der

Demokratie. Der Rüstungs- und Medienunternehmer Alfred Wilhelm Franz Maria

Hugenberg, der die halbe deutsche Presse kontrollierte, war einer der wichtigsten

Wegbereiter des Nationalsozialismus. Was genau haben wir seit Hugenberg

dazugelernt??

Ich glaube, eine ganze Menge. So lange öffentlich-rechtlicher Rundfunk halbwegs

funktioniert, so lange Verleger nicht zu Fabrikanten regredieren, sondern

gesellschaftlich verantwortlich handeln – und begreifen, dass ihre Medien nicht

nur einen Warencharakter haben, sondern eine darüber hinausgehende, sehr

grundlegende kulturelle Funktion, ist unser duales System im Prinzip gar nicht

schlecht. Wir genießen einen Murdoch nur in homöopathischen Dosen. Wir

haben kein Fox News. Und, ganz nebenbei, auch kein ZK mehr, dass die Medien

streng steuert und zensiert.

130


Verleger? Das ist ein komisches Wort. Es ist vor Jahrhunderten entstanden und

hieß eigentlich wohl Vorleger. Das war der, der die Kosten für den Druck eines

Buches vorlegte … . Verlegen – das war in Deutschland immer eine Sache des

Clans. Man wurde es qua Geburt – wie Bauer, die Holtzbrincks, Neven DuMont,

auch Axel Springer und Hubert Burda. Oder per Eheschließung. Oder per Adoption.

Der vierte Weg war – nach Kriegsende – die Lizenz. Die alliierten Sieger

über das faschistische Deutschland legten unser Mediensystem vor 65 Jahren

still. Die Herstellung und der Vertrieb von Presse war nur nach Erhalt einer solchen

Lizenz möglich. Weil klar war: Ohne das Versagen und die darauf folgende

Gleichschaltung von Presse und Rundfunk wäre der Triumph des Nationalsozialismus

undenkbar gewesen.

Neue, integre Medienbesitzer sollten fortan die Öffentlichkeit bedienen. Die

Suche nach den richtigen, „demokratisch gesinnten“ Leuten verlief streckenweise

ziemlich mühsam. Findungskommissionen brausten in Jeeps durch das in

jeder Hinsicht verwüstete Land. Gerd Bucerius, Henri Nannen, Rudolf Augstein

und andere erhielten schließlich Lizenzen. Bei Axel Caesar Springer, der eigentlich

Opernsänger werden wollte, fügte es sich doppelt: Er erbte einen kleinen

Verlag – und bekam eine Lizenz. Springer war ein ziemlicher Aufschneider. Als

die Briten ihn fragten, ob er im Dritten Reich verfolgt worden war, soll er geantwortet

haben: „Eigentlich nur von den Frauen!“

Es war ein echter Neuanfang. Na ja, fast. Die Burdas und die Mohns verschleierten

die Rolle ihrer Verlage unter den Nazis. Der deutsche Verleger ist nämlich auch

flexibel. Während des Krieges druckte Burda Generalstabskarten. Und Bertelsmann

„Feldausgaben“ für die Front. Georg von Holtzbrinck war NSDAP-Mitglied.

Der Historiker Wolfgang Benz resümierte sein Wirken so: „Die Geschichte des

Unternehmers Georg von Holtzbrinck im Dritten Reich ist so unspektakulär wie bedrückend.

Er war kein fanatischer Ideologe, kein bösartiger Antisemit, kein wilder

Militarist, er hat sich nur einfach angepasst. Um des Geschäftserfolgs willen.“

131


Und trotzdem: Ein Neuanfang. Als John Seymour Chaloner, Presseoffizier der britischen

Besatzungszone sich 1946 zum ersten Mal mit Rudolf Augstein traf, war

Chaloner 21 Jahre alt. Und Augstein 22. Er bekam die britische Lizenz Nr. 123.

Die Süddeutsche Zeitung hatte die US-Lizenz Nr. 1. Mit dem Grundgesetz 1949

kam dann eine Generallizenz zum Zeitungsmachen. Seither darf jeder. Man

wünscht sich manchmal, dass da wieder einer käme und ein paar mutigen

Habenichtsen die Lizenz zum Medienmachen in die Hand drückte. Aber das

wird nicht passieren. Oder nur um den Preis einer Katastrophe.

Maschinenraum der Öffentlichkeit

Das Problem ist nicht nur ein strukturelles. Es hat auch etwas mit der Haltung

des Einzelnen zu tun. Vor allem in meinem Beruf, dem Journalismus. Der ja so

etwas wie der Maschinenraum der Öffentlichkeit ist.

Der Politik- wie der Wirtschaftsjournalismus haben sich im neuen Jahrtausend

schon gründlich blamiert. Wirtschaftsressorts verkamen zu marktfundamentalistischen

Sekten. Deutsche Politschreiber haben sich 2005 mit einer großen

Merkelei lächerlich gemacht. 2009 gaben sie sich dann betont gelangweilt –

was keinen Deut besser war. Die publizistischen Alphatiere fielen in eine postdemokratische

Attitüde, fanden Demokratie plötzlich ziemlich lahm und langweilig

und die Politiker sowieso alle doof.

Global sind wir Journalisten in diesem Jahrtausend bereits an George W. Bush,

Wladimir Putin, Jörg Haider und Silvio Berlusconi gescheitert. Aus höchst unterschiedlichen

Gründen. Die Öffentlichkeit steckt nicht nur in Deutschland in der

Krise. Der Journalismus hat einen Haltungsschaden. Auch, zum Beispiel in den

USA. „Das renommierte Corps der Hauptstadtkorrespondenten“, resümierte der

Pulitzer-Preisträger Russell Baker zum Ende der Ära Bush, habe sich „mit Lügen

abspeisen und zur Hilfstruppe einer Clique neokonservativer Verschwörer ma chen

lassen“. Das liegt unter anderem daran, dass die meisten Journalisten kaum noch

Journalismus machen. Im Sinne von: Rausgehen und recherchieren.

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Wenn die schiere Zahl der Journalisten Garant für hohe Qualität wäre, spottet der

US-Medienökonom Robert Picard, „wäre niemand überrascht worden vom Bankendebakel,

dem Zusammenbruch des sowjetischen Blocks, der internationalen

Schuldenkrise, der US-Hilfe an Regierungen in Zentralamerika, der Iran-Contra-

Affäre, der Kinderarbeit in Entwicklungsländern, dem explosiven Wachstum der

chinesischen Wirtschaft oder dem wachsenden nationalen oder internationalen

Terrorismus“. Denn die Zahl der Journalisten sei ja seit 1970 stark gewachsen.

Das Problem, so Picard: „Die meisten Zeitungsjournalisten kümmern sich um

alles außer den wichtigen Nachrichten. Sie verbringen ihre Zeit, um Geschichten

über Stars, Essen, Autos und Unterhaltung zu schreiben.“ Auch deshalb

erscheint Demokratie immer öfter wie ein Ritual, ein inszeniertes Spiel, eine

hohle Nummer, ein Placebo.

Was eine brandgefährliche Tendenz ist. Weil sie dem Rechtspopulismus die Tür

aufreißt. Dessen Trick es ist, der Komplexität einer sich globalisierenden Welt

die simple Formel entgegenzubrüllen, Schuld zuzuweisen: Den Fremden, den

Muslimen, den Juden, den Linken, den ... – jedenfalls immer den anderen. Er

schafft Fronten und Feindbilder. Es bündelt die Angst der Menschen und zieht

sie an ihr durch die Manege. […]

Medien bestimmen den Diskurs

Sie alle bedienen mit ihren Medien und ihrer Rhetorik die Emotionen des

Volkes. Vor allem dessen Angst. Und bestimmen so den Diskurs. Erregung ist

dabei die wichtigste Waffe. Was wir just im kleinen auch in Deutschland sehen

durften. Bei der sagenhaften Sarrazin-Debatte. Ein Paradestück der seit Jahren

grassierenden Erregungskultur. Ein Musterbeispiel für ein Medientornado, für

jenes Saureiter-Gewerbe, zu dem Journalismus gerne mal verkommt. Ja: Man

muss die Sau rauslassen. Und sie durchs Dorf treiben. Das schafft Aufmerk -

samkeit. Aufregung. Auflage.

Was ist geschehen? Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat, Volkswirt, Ex-Senator und

Bundesbanker, schrieb ein Buch: „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser

133


Land aufs Spiel setzen“. Voller Zahlen. Und voller Verachtung für die vermeintlich

dumme, aber umso vermehrungsfreudigere Unterschicht. Am schlimmsten:

Diese Zugewanderten. Vor allem die Türken. Die ja, das hatte der Banker schon

im vergangenen Jahr laut kundgetan, viel zu viele „Kopftuchmädchen“ produzieren.

Es kam daher als kalte Kosten-Nutzen-Analyse. Für solch ein Buch muss

es Bumm machen. Auf großer Bühne. Und tatsächlich sorgen Bild und Spiegel –

die neue, unheilige Sautreiber-Allianz – für maximalen Lärm. Ihre angeblich 18

Millionen Leser dürfen sich vorab in den knackigsten Phrasen suhlen. Das lohnt

sich – für Sarrazin wie für die Blätter.

Nun stürzen alle anderen Medien dieser Sau hinterher – schreiben, knipsen und

senden, was das Zeug hält. Ein „Aufreger“ ist geboren. Und weil so eine tolle

Erregung schneller zusammenfällt als ein Soufflé, muss nachgeheizt werden.

Zum Beispiel mit ein bisschen erbbiologischem Unfug. Mit ein wenig Gerede von

den Genen der Juden oder der Muslime, der Klugen und der Dummen, der Oberund

der Unterschicht. Das sind Perlen für die Sau. Das kreiert noch mehr Schlagzeilen.

Noch mehr Auflage. Das weckt Empörung und Protest. Was wiederum die

Möglichkeit schafft, die Tabu-Taste zu drücken. Der Spiegel titelt über den

„Volksheld Sarrazin“. Während Bild – das Zentralorgan unterdrückter Minderheiten

– ihren „Klartext-Thilo“ zum Opfer bitterböser Kritiker stilisiert.

Meine Lieblingsschlagzeile: Bild kämpft für Meinungsfreiheit! Das wird man ja

wohl noch sagen dürfen!, heißt es jetzt in großen Lettern, und: Wir wollen keine

Sprechverbote! Illustriert übrigens, oh Gipfel der Ironie, mit einem Foto, dass den

vermeintlich mundtot gemachten Propheten zeigt, wie er von einer gigantischen

Zahl von Mikrofonen bedrängt wird, deren Halter nur das eine wollen: Mehr von

diesem geilen Sarrazin-Superstoff. Nun gehen auch die Lautsprecher flugs in

Stellung. Das Stammpersonal der Talkrunden stürzt sich in den Sautreiber-Strom.

Dampfplauderer wie Arnulf Baring, Hans-Olaf Henkel, Henryk M. Broder und

Matthias Matussek. All die Wellenreiter der öffentlichen Erregungsstürme. Und

die Vollzeit-Pyromanen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, von hinten

halb rechts auf den teuren Sozialstaat und die öde „Konsensgesellschaft“, auf

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die Muslime und alle sogenannten „Gutmenschen“ niederzugehen. Niedere

Instinkte sind geweckt. Der Lärmpegel steigt. Das Niveau sinkt weiter. Schon

jubelt die NPD. Während Frank Schirrmacher sich in der FAZ die „Frau Merkel“

vorknöpft, weil sie das Buch noch nicht komplett gelesen hat. Dieses „wichtige

Buch“, das auch „Bild“ weiterhin tagtäglich feiert. Das endlich sagt, was das

Volk wirklich will, diese ewig unverstandene, gequälte Masse, dessen neue,

klare Stimme nun Sarrazin heißt. „Die Politik“ hingegen ist ach so bös und fern

und unter aller Sau. „Die Politiker“, so klingt seit Monaten der postdemokratische

Refrain, der auch jetzt wieder laut angestimmt wird, „die Politiker“ taugen ja

sowieso alle gar nichts.

Klassische Rezeptur des Rechtspopulismus

Das ist die klassische Rezeptur des Rechtspopulismus. Sicher: Demokratie –

die Herrschaft des Volkes – kann nur als Annäherung gelingen, bleibt ein Ideal.

Immer bloß bedingt erreichbar. Es wird immer Menschen geben, die nur vor sich

hin leben, nur konsumieren, in Ruhe gelassen werden und ein bisschen bespaßt

werden wollen – von den Medien. Es wird immer Gruppen geben, die sich nur

schwach artikulieren können, die weniger durchsetzungsstark und damit „wert“

sind als potente, lautstarke Interessen.

Umso wichtiger ist, dass Medien für das Recht auf Teilhabe aller an den Entscheidungen

– und am Wohlstand – eintreten. Dass sie gerade jene Menschen

mitreden lassen, die solches nicht qua Amt, Macht, Geld ohnehin tun. Dass sie

immer wieder fragen: Wie sind die Chancen verteilt? Wie sozial, wie frei, wie

gerecht ist unsere Gesellschaft? Wie viel Würde genießt der einzelne? Wie viele

fallen hinten runter? Wer hat noch das Wort? Tatsächlich aber inszeniert die Talk-

Demokratie zumeist nur den stets gleichen Leer-Diskurs einiger hundert Darsteller.

Genug Misere. Reden wir von der Zukunft. Fragen wir uns: Wie eine Öffentlichkeit

herstellen – oder wiederherstellen, die mehr kann, als nur die fetteste Sau

durchs Dorf reiten? Kann der Markt es richten? Was tun, wenn auch auf diesem

Sektor ein Marktversagen eintritt?

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Jürgen Habermas hat 2007 zur Rettung des seriösen Zeitungswesens eine

gesellschaftliche Alimentierung nach Art des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

vorgeschlagen. Weil Leser, Hörer und Zuschauer nicht nur Konsumenten sind,

sondern – Zitat – „zugleich Bürger mit einem Recht auf kulturelle Teilhabe,

Beobachtung des politischen Geschehens und Beteiligung an der Meinungsbildung“.

Weil der durch die Verfassung garantierte Rechtsanspruch auf mediale

Grundversorgung nur durchsetzbar sei, wenn Medien unabhängig von Werbung

und Sponsoreneinfluss bleiben. Staatsknete für die Zeitungen? Die Reaktionen

waren überwiegend unbegeistert.

Es gibt auch andere Modelle: Stiftungen etwa, die unabhängigen Journalismus

fördern. Wie wäre es zum Beispiel mit einer deutschen Filiale des „Center for Investigative

Reporting“? Oder mehr Recherchestipendien, wie sie etwa vom Netzwerk

Recherche oder der Otto Brenner Stiftung vergeben werden? Man könnte hier

moderne investigative Auftragsdienste schaffen, nach dem Vorbild des amerikanischen

„Spot us“ – Recherche sozusagen on demand, im bezahlten Leserauftrag.

Als ich vor über 20 Jahren online ging, gab es noch kein World Wide Web. Die

Schirme zeigten grüne Buchstaben. Man musste kryptische Kommandos eingeben,

um auch nur den Inhalt der eigenen Diskette betrachten zu können. Aber

das Internet gab es schon. Und es war ein Hochgefühl, das erste mal in diese

Welt einzutauchen, online zu gehen, mit lächerlichen 300 Bits pro, also, bei

guter Verbindung; knapp 38 Buchstaben pro Sekunde – man konnte mitlesen.

Schon damals gab es Email und Foren. Listserver, auf denen Leute aus aller

Welt sich über Themen austauschten und Informationen zur Verfügung stellten.

Und es war klar: Das wird gut.

Das Internet – ein demokratisches Wunder

Ich weiß, es gibt immer noch viele Leute, auch Journalisten, die finden, das

Internet sei des Teufels und eigentlich sowieso nur eine interaktive Datenbank

für Kinderpornos. Es gibt auch immer noch Snobs, die lieber mit dem Füllfederhalter

schreiben. Das sei ihnen gegönnt.

136


Doch wenn wir über demokratische Öffentlichkeit reden, vor allem über Gegenöffentlichkeit,

nimmt das Internet die absolute Schlüsselrolle ein. Es wächst

rasant. Es liefert nicht nur Unmengen von Informationen. Es verändert auch die

Kommunikation. Sicher: Das Internet ist auch full of shit. Es erhöht das ohnehin

lärmende Grundrauschen. Und viele chatten sich einfach nur ins Nirwana.

Größere Zusammenhänge haben es auch im Internet oft nicht leicht. Man kann

eine große Reportage, eine komplexe Analyse, nicht einfach in 150 Textkrümel

zerbröseln und versimsen oder vertwittern.

Und trotzdem ist das Internet ein demokratisches Wunder. Es ist, als ob ein

guter Geist allen Erdenbürgern – fast allen, auch der Zugang zu Computern ist

begrenzt – eine Druckmaschine in die Hütte gezaubert hätte. Und dazu, was

noch viel wichtiger ist, ein blitzschnelles, weltweites Vertriebssystem. In vielen

Ländern entstehen online neue, gute Medien. In Frankreich etwa haben viele

gefeuerte Redakteure neue digitale Projekte aufgezogen, Internet-Zeitungen wie

Rue89 oder mediapart.

Ein paar Bausteine zum Schluss:

1. Die Enteignung Springers gelang nicht. Das war vielleicht ganz gut so. Die

Linke hätte sich ohnehin nie auf einen Chefredakteur einigen können. Was

bleibt: Die Gesellschaft muss die Medieninhaber viel stärker in die Pflicht

nehmen. Sie handeln nicht mit Schrauben oder Schnürsenkeln. Sie haben

eine enorme demokratische Verantwortung.

2. Wir brauchen eine öffentlich-rechtliche Renaissance, einen Rundfunk, der tatsächlich

von den gesellschaftlich relevanten Gruppen gesteuert wird. Wir müssen

dem politischen Erstickungstod von Anstalten wie etwa dem Hessischen

Rundfunk entgegentreten. Und die Entleerung der Hauptkanäle verhindern.

3. Wir brauchen ein anderes, freieres, zornigeres, couragierteres journalistisches

Selbstverständnis. Zu viele werden gebrochen durch lebenslange Praktika,

durch den Druck des Marktes. Zu viele schwimmen mit im Mainstream.

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Übrigens, nebenbei: Es ist – das Wort hab ich lange nicht mehr benutzt –

auch eine Klassenfrage. Wir haben immer besser ausgebildete Journalisten,

aber die feinere Mittelschicht ist hier kolossal überrepräsentiert. Und mit ihr

eine bestimmte Lebenswirklichkeit, eine bestimmte Wahrnehmung. Auch ein

Grund, warum ein Thema wie Mindestlohn es so schwer hat.

4. Wir brauchen Strukturen wie Stiftungen und Vereine, die unabhängigen Journalismus

fördern.

5. Wir müssen mehr große Internet-Experimente wagen. Magazine, Foren und

Portale aufbauen, die echte Öffentlichkeit schaffen. Und Wege finden, damit

sie Erfolg haben und sich tragen.

Warum müssen?

Ganz einfach: Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie.

Und die gehört uns.

138


Heribert Prantl

Laudatio zur Verleihung der „Verschlossenen Auster“ *

Der heilige Christophorus ist, wie allgemein bekannt, der Schutzpatron der

Autofahrer. Aber nicht nur die Autofahrer haben einen Schutzpatron, sondern

auch die Journalisten – die meisten Journalisten wissen das gar nicht. Viele wollen

wohl auch gar keinen katholischen Schutzpatron haben und empfinden ihn als

aufgedrängte Bereicherung. Diese Bereicherung heißt jedenfalls Franz von

Sales: Papst Pius XI. hat ihn im Jahr 1923 zum Journalistenpatron gekürt.

Der heilige Franz von Sales lebte im 16. Jahrhundert und war Bischof von Genf.

1564, am Beginn seiner priesterlichen Tätigkeit, erhielt er den Auftrag, die Menschen

im Chablais, also südlich vom Genfer See, wieder für den katholischen

Glauben zu gewinnen; sie waren zum Calvinismus übergetreten. Als die politischen

Machthaber von dieser Mission des Franz von Sales erfuhren, verboten

sie der Bevölkerung unter Strafe, dessen Predigten zu besuchen. Der junge

Geistliche musste andere Wege finden, seine Botschaft unters Volk zu bringen.

Er druckte also seine Predigten auf Flugblätter, heftete sie an Bäume, Tore und

Haustüren. Und er hatte Erfolg damit: Nach drei Jahren konnte er seinem

Bischof die Rückkehr der Bevölkerung zum katholischen Glauben berichten.

* Das „netzwerk recherche e.V.“ (nr) vergibt diesen „Negativpreis“ im Rahmen ihrer Jahrestagung. 2010 ging die

„Verschlossene Auster“ an die Deutsche Bischofskonferenz als „Auszeichnung“ für die Informationsblockade der

katholischen Kirche. Wir dokumentieren hier ungekürzt die Laudatio von Prof. Dr. Heribert Prantl, vorgetragen am

10. Juli 2010 in Hamburg, und danken ihm und dem „netzwerk recherche“ für die Abdruckgenehmigung. (Die Redaktion)

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Dieser Erfolg beruhte nicht allein auf dem damals gerade modern gewordenen

Medium Flugblatt, sondern vor allem darauf, dass der Mann die richtigen Worte

fand: Erstens übernahm er nicht den damals bei Glaubensauseinandersetzung

allgemein üblichen polemischen Stil; zweitens war seine Recherche über den

Calvinismus, mit dem er sich auseinandersetzte, sehr präzise; drittens verfasste

er seine Flugblatt-Texte in der Landessprache, was in der vom Latein beherrschten

katholischen Kirche sensationell war.

Franz von Sales konnte also das, was die katholische Kirche heute nicht mehr

kann: Er war glaubwürdig; er kannte die richtigen Worte; er hatte die Sprache,

um Gehör und Glauben zu finden. Diese große Gabe ist der katholischen Kirche

nicht mehr gegeben. Eine Gemeinschaft, die vom Wort lebt wie keine andere, hat

die Sprache verloren. Sie ist sprach- und sprechunfähig geworden, nicht nur, aber

vor allem, wenn es um ihr Verhältnis zur Sexualität geht. Die Diskussion über den

Zölibat samt der Sexualität der Priester ist ein Tabu, die Diskussion über die

katholische Sexuallehre ist ein Tabu, das Reden über Verhütung ist tabu. Wenn

es so viele Tabus gibt, gibt es keine Wahrhaftigkeit mehr. Die Institution, die

diese Tabus aufgestellt hat, geht den heiklen Fragen aus dem Weg, weil sie

keine Antworten geben will. Und wenn die Fragen gleichwohl drängend werden,

schlagen die Antworten Haken wie der Hase auf der Flucht. Ausgerechnet die

Kirche als Fachinstitution für das Benennen und Eingestehen von Verfehlungen,

als Fachinstitution für Schuldbekenntnis, Buße, Reue und Vergebung musste

und muss von Opfern und Medien gezwungen werden, Stellung zu beziehen.

Ritus und Liturgie der Kirche bauen auf den Glauben daran, dass Worte eine Kraft

haben, die sogar Materie verwandeln kann. Das Wort hat die Kraft zur Wandlung.

„Im Anfang war das Wort“ – so beginnt denn auch das Johannesevangelium.

Das bedeutet unter anderem: Der Evangelist Johannes war der erste Kommunikationswissenschaftler.

Und das bedeutet vor allem: Kirche ist Kommunikation.

Ohne Kommunikation gibt es keine Mission, keine Klarheit, keine Wahrheit.

Unterdrückung von Kommunikation ist daher nicht Mission, sondern Demission.

Wenn beispielsweise das Bistum Regensburg gegen das Online-Portal Regens-

140


urg Digital klagt, wenn es Kritiker zum Schweigen bringen will, und sich die

deutsche Bischofskonferenz weigert, dazu eine Stellungnahme abzugeben,

dann mag das zwar juristisch zulässig sein, aber es ist eine Demission.

Die Kirche redet wenig, die Opfer reden viel. Aus der Schweigespirale ist eine

Redespirale geworden; darüber mäkeln kann nur der, der die Opfer nicht kennt.

Seitdem der mutige Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisiuskollegs der

Jesuiten im Januar 2010 in einem Brief an 600 ehemalige Schüler die jahrelangen

sexuellen Übergriffe durch Lehrkräfte an seiner Schule öffentlich bekannt hat,

haben Opfer im ganzen Land den Mut zum Reden gefunden. Die Erschütterung, die

Mertes zu seinem Schritt getrieben hat, sie hat die Mauern der reformpädago -

gische orientierten Odenwald-Schule genauso zum Einsturz gebracht wie die

des konservativen Klosters Ettal. Die Schweigespirale wurde umgedreht; und an -

gesichts der vielen Jahrzehnte, die geschwiegen worden war, kann man nach den

paar Monaten des Erkennens und Bekennens gewiss nicht sagen, dass nun schon

zu viel geredet wird. Dieses Reden ist das beste Mittel gegen sexuelle Gewalt.

Man muss mit den Opfern reden, dann versteht man, worum es geht. Matthias

Drobinski, der Kirchenredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat das so geschildert:

„Sie rufen an und reden und hören gar nicht mehr auf, sie schreiben Mails,

die kein Ende finden, die schreien vor Not und Bitterkeit. Die Verletzung von vor

20, 30 oder 40 Jahren ist ihnen Gegenwart geblieben, die Demütigung, die ins

Intime, ins letzte Eigene vordringt und es zerstört. Ein Erwachsener übt totale

Macht aus über den Körper und die Seele eines Kindes – das allein ist furchtbar.

Dass er es im Namen er Institution, der guten Sache, der Religion, gar Gottes tut,

macht das Verbrechen unfassbar.“ Es ist sexueller Sadismus in Gottes Namen.

Die Kirche war nicht die Täterin des sexuellen Missbrauchs. Aber sie war und ist

die Heimat der Täter. Sie hat ihnen die heiligen Räume zur Verfügung gestellt, in

denen die Täter so geschützt agieren konnten und in denen die Opfer so ungeschützt

waren; sie, die Kirche, hat den Tätern die Würde des Amtes verliehen,

mit der sie sich tarnen und in der sie sich verstecken konnten. Es sind so viele

141


Amtsträger, die als unwürdig entlarvt worden sind, und bei fast allen hat die

Amtskirche so lange weggeschaut. Und lügnerische Figuren wie der zurückgetretene

Augsburger Bischof Walter Mixa haben das Wort Hierarchie zu einem

Synonym für Heuchelei gemacht. Und so sind auch zahllose untadelige, hochengagierte

Seelsorger und Jugenderzieher unter Generalverdacht geraten. Das

ist gewiss nichts, was evangelische Christen klammheimlich freuen kann; denn

dieser Generalverdacht infiziert alles Kirchliche.

Die Kirche hat eine Garantenstellung dafür, dass ihre Amtsträger die heiligen

Räume, die Würde des Amtes und das damit verbundene Vertrauen nicht missbrauchen.

Sie muss Vorsorge treffen, dass das nicht geschieht; und sie muss

Nachsorge treffen, wenn es geschehen ist. Sie hat das so lange nicht getan: Die

Amtskirche, bis hinauf zu dem Mann, der heute Papst ist, hat seinerzeit neue

Verbrechen an Kindern nicht konsequent verhindert, als sie von den alten Verbrechen

erfahren hatten. Sie hat pädophile Priester einfach woanders hin versetzt,

sie hat die Fälle von sexueller Gewalt an Schutzbefohlenen der Kirche viele Jahre

systematisch verschleiert. Und erst in jüngster Zeit hat sie begonnen, die Schleier

abzulegen und wegzureißen – gedrängt von den Opfern und den Medien.

In der Kirche wird nun Klage geführt darüber, dass dieses Drängen nicht immer

in ziemlicher Form geschehe, es wird Klage geführt über den Zorn, die Wut und

den Hass, der angeblich in diesem Drängen steckt. Ja, es gibt diesen Zorn, diese

Wut und es gibt vielleicht auch Hass – es wäre ein Wunder, wenn es nicht so

wäre. Hässliches erzeugt Hass. Eine Kirche, die sich ja als Fachinstitution für

den Umgang mit Verfehlungen begreift, darf sich darüber eigentlich zu allerletzt

wundern. Ich selber wundere mich eher darüber, wie wenig reißerisch, wie sachlich

und sorgfältig die Berichte über sexuelle Gewalt und Misshandlung trotz

alledem ganz überwiegend waren und sind.

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sieht seine Kirche von den

Medien viel zu hart angepackt, er sieht bösartige Kräfte am Werk; er sieht die

Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus. In der

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Wortwahl steht er alleine. Aber in vielen Predigten wird die Kirche als verfolgte

Unschuld präsentiert, bedrängt von einer feindlichen Kampagne, gejagt von

antiklerikalen Journalisten, die angeblich aus Lust an der Zerstörung der letzten

moralischen Anstalt handeln. Bischof Müller hat den Journalisten, die über die

Regensburger Domspatzen recherchierten, öffentlich „kriminelle Energie“

bescheinigt. Gegen die Kirche, so sagt er, wird gezischt, „als ob man gerade in

einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte“. In einer Predigt sprach er

von „missbrauchter Pressefreiheit“ und von einer „Diffamierungs-Lizenz, mit

der man scheinbar legal all diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften

ihrer Würde beraubt, die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-

Atheismus und der Diktatur des Relativismus nicht fügen.“ Es wird bei dieser

Medienschelte, bei dieser Verfluchung so getan, als sei die sexuelle Gewalt

nicht in der Kirche entstanden, sondern ihr von außen angetan worden – vom

„Zeitgeist“ oder vom „Relativismus“.

Der Vorwurf „antikatholischer Propaganda“ wird auf den Webseiten der Regensburger

Ordinariats erhoben, von einer „primitiven Manipulation und gezielten

Volksverdummung“ ist die Rede und von einer Journalismus, der „die Wahrheit

so unverschämt niederhält. Man möchte den Heiligen Franz von Sales zu Hilfe

rufen: nicht für die Journalisten – sondern für einen maßlosen und uneinsich -

tigen Episkopus.

Sicher gibt es journalistische Fehlleistungen: Wenn etwa die Schüler vom

Regens burger Domspatzen-Gymnasium am Schulhof abgefangen werden, wenn

ihnen regelrecht aufgelauert wird, dann ist das eher Stalking als fairer Journalismus.

Solche Verirrungen gibt es, leider, bei anderen Skandalen auch. Aber bei

den sonstigen angeblichen Verfehlungen, die der Regensburger Bischof geißelt,

handelt es sich nicht um Verfehlungen, sondern um Journalismus. Eine „ständige

Wiederholung von Vorgängen aus alter Zeit“ hat der Bischof beklagt, welche nur

den Sinn habe, die Kirche als verderbten Laden darzustellen. Er verkennt, wie Journalismus

funktioniert; er verkennt, wie Aufklärung funktioniert. Franz von Sales

hätte es gewusst. Es ist gewiss richtig, dass die Fakten, dass die einschlägigen

143


„Fälle“ aus den diversen Diözesen und Klöstern immer wieder wiederholt worden

sind, weil die neu entdeckten „Missbrauchsfälle“ in die alten eingereiht wurden.

Das ist aber kein Tort, der der Kirche angetan wird. Es wird auf diese Weise nur

der Fortsetzungszusammenhang hergestellt. Das ist bei Skandalen in der Kirche

nicht anders als bei denen in der Politik, bei Siemens, BP, VW oder den Banken.

Die Amtskirche hat aber geglaubt und glaubt zum Teil immer noch, ihr gebühre

ein schonender Sonderstatus, sie sei unantastbar, weil sie so alt, erhaben und

wertvoll sei. Anders herum wird ein Schuh daraus. Wer, wie es die Kirche tut

und immer getan hat, sich die Rolle der Hüterin der öffentlichen Moral zu schreibt,

wer, wie es die Kirche tut und immer getan hat, gern darauf verweist, dass er

über ein gereiftes Orientierungswissen und über besondere Problemlösungskompetenz

verfüge, der muss sich schon genau anschauen lassen, wenn es um

die Unmoral in den eigenen Reihen geht, und der muss sich fragen lassen, wie

es denn um die Qualität dieses Orientierungswissens bestellt ist und wo die

Problemlösungskompetenz bleibt.

Viel zu lange hat sich die Kirche nur selbst beweihräuchert, sich für sakrosankt

erklärt und vertuscht, was nicht zum Bild von ihr passte. Dabei ist das Herz der

Kirche erstarrt. Statt zuzuhören, Trost zu spenden, Hilfe zu geben und selbst

bußfertig zu sein, hat sie sich verbarrikadiert, kritische Fragen an sich abprallen

lassen und darauf mit rechthaberischen Worten gekontert. Das unselige Ultimatum

von Erzbischof Zollitsch, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz,

an Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger war ein

letzter Ausläufer dieser Haltung: Sie sollte sich binnen 24 Stunden für den Vorwurf

entschuldigen, die Kirche würde mit den Strafverfolgungsbehörden nicht

konstruktiv zusammenarbeiten. Dieses katholische Ultimatum hatte bei aller

Empörung etwas Hilfloses, es war ein Ausdruck hilfloser Empörung. Die Zeiten,

in denen die Kirche mit Fluch und Bann beeindrucken konnte, sind eigentlich

lange vorbei.

144


Nach langen Jahren des Schweigens und des Verdrängens hat sich die Amtskirche

schließlich doch noch zur Aufklärung und Verfolgung von sexueller Gewalt durchgerungen.

Sie hat zuletzt Stärke gezeigt beim administrativen Reagieren auf den

Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Aber es gibt immer noch, wie bei der

sogenannten apostolischen Visitation des Klosters Ettal, die alte Krähenmoral.

Und über den katholischen Geschmack des Missbrauchsskandals, wie das der

Jesuit Klaus Mertes formuliert hat, kann diese Kirche nach wie vor nicht reden.

Kirche ist Kirche nur dann, wenn sie für andere da ist. Denn Kirche ist ursprünglich

und eigentlich die Stimme der Schwachen. Aber im sogenannten Missbrauchsskandal

überwiegt in der Amtskirche noch immer die Sorge um die Institution

die Anteilnahme mit den Opfern. Es zeigt sich hier das kalte Herz der Kirche.

Wenn sie aber vor allem für sich und zu ihrer Selbstverteidigung da ist, verliert

sie sich. Mehr als jede Kirchenkritik der Kirche schaden kann, schadet sie sich

selbst, wenn sie sich der Diskussion verschließt und versperrt.

Das Problem der Kirche ist nicht die Öffentlichkeit, ihr Problem sind nicht die

Medien, ihr Problem ist die sexuelle Gewalt und ihr Umgang damit. Andere

Diözesen, andere Bischöfe haben ganz anders reagiert als Bischof Müller in

Regensburg. Erzbischof Reinhard Marx in München-Freising hat die Devise

ausgegeben: „Nichts verschweigen, nichts vertuschen, der Wahrheit ins Auge

sehen“. Marx hat diese Devise auch praktiziert. Aber das zentrale Problem

bleibt: Es ist die „Unfähigkeit, die eigenen pathogenen Strukturen und die

Folgen der klerikalen Vertuschungen zu erkennen, zu erörtern und daraus praktische

Konsequenzen zu ziehen“, wie es der Familien- und Religionssoziologe

Franz-Xaver Kaufmann auf den Punkt gebracht hat. Pädophilie ist das Risiko

einer zwangszölibatären und monosexuellen Kirche, der in 2000 Jahren zwar

die Vertreibung der Frauen aus allen Machtpositionen, aber nicht die Entsexualisierung

des Menschen gelingen konnte.

„Die“ katholische Kirche als einen kompakten Block des Wegschauens, als ein

monolithisches Kartell des Schweigens gibt es nicht mehr. Es gibt auf der einen

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Seite einen Pater Klaus Mertes, den Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, der

mit seinem Mut zu Aufdeckung und Aufklärung den Schritt hin zu einer kirchlichen

Verantwortungskultur getan hat. Es gibt den Jesuitenprovinzial Stefan

Dartmann, der weltweit alle Jesuiten, die Kinder missbraucht haben, aufgefordert

hat, sich selbst anzuzeigen. Es gibt den wackeren Alois Glück vom Zentralkomitee

der deutschen Katholiken, der den Pflichtzölibat in Frage stellt. Es gibt

den München Erzbischof Reinhard Marx, der das höchst widerstrebende Kloster

Ettal zum öffentlichen Bekenntnis gezwungen hat. Es gibt einen Papst Benedikt

XI., der vor kurzem bekannt hat, dass „die größte Verfolgung“ der Kirche nicht

„von den äußeren Feinden“ kommt, sondern aus dem Inneren, „aus der Sünde

in der Kirche“.

Und es gibt die ganz andere Seite der Kirche, auch in der Person des genannten

Papstes Benedikt XI, der zuletzt die deutschen Bischöfe Zollitsch und Marx

dafür gerügt hat, dass sie mit dem lügnerischen Amtsbruder Mixa nicht gnädig

genug umgegangen seien. Es gibt den Papst, der beharrlich schweigt, wenn alle

Welt eine Erklärung erwartet, der keinen Sinn hat für rechten Augenblick, keinen

Sinn für den Kairos, für das große Mea Culpa, vor dem sein Vorgänger nicht zö -

gerte. Es gibt die Mönche von Ettal, die sich so verfolgt wähnen wie der Regensburger

Bischof Müller, es gibt eine Kirchenpresse, die schnell beleidigt ist. Es

gibt einen Vatikan, dessen Verhalten in Skandal und Krise an die Echternacher

Springprozession erinnert. Im Missbrauchsskandal ist es so, dass die Kurie nicht

nur vor und zurück, sondern auch seitlich springt: Einem Bekenntnis folgen zwei

Beschwichtigungen und drei Ausreden.

Es gibt eine Kirche, deren Selbstmitleid größer ist als das Mitleid mit den Opfern.

Es gibt eine Kirche, die glaubt, sie habe lediglich ein Problem mit angeblich

missliebigen Medien. Dieser Kirche ist dieser Negativpreis, die „verschlossene

Auster“, gewidmet. Ich widme ihn, pars pro toto, dem Bischof meiner Heimat -

diözese Regensburg, dem Bischof Gerhard Ludwig Müller. In diesem Bistum

Regensburg liegt Wackersdorf, der Ort, an dem einst eine Wiederaufbereitungsanlage

gebaut und mit aller Macht und Staatsgewalt gegen den Willen der

146


Bevölkerung durchgesetzt werden sollte. Was Wackersdorf für die CSU war, ist

Bischof Müller für die katholische Kirche: ein Fiasko.

Kirche kann ihr gesellschaftliches Gewicht nicht mit Geld, Geschichte und Steuermitteln

erhalten oder zeugen. Es entsteht von selber durch Glaubwürdigkeit,

und es verfällt mit Unglaubwürdigkeit. Die Kirche braucht das, was die Mediziner

„restitutio in integrum“ nennen, die vollständige Ausheilung. Mit der Forderung

nach Öffnung und Demokratisierung hat Papst Johannes Paul II. einst den

Ostblock gesprengt. Diese Forderung „liegt jetzt auf den Stufen des Petersdoms“

(so Jobst Paul im DISS-Journal 19/2010). Damals, im Ostblock, hieß das Neue

„Glasnost“ und „Perestrojka“. Heute, in der katholischen Kirche, heißt es, unter

anderem, Aufhebung des Pflichtzölibats und Frauen-Ordination. Glaubwürdig

wird die Kirche nur dann, wenn sie den Ursachen für die sexuelle Gewalt und

deren jahrzehntelange Vertuschung auf den Grund geht. Sie muss dazu die verstörten

und empörten Fragen der Menschen hören.

Ich habe mit dem Heiligen Franz von Sales begonnen; mit ihm will ich auch

schließen. Dieser heilige Franz von Sales ist nämlich nicht nur Patron der Journalisten.

Er ist auch Patron der Gehörlosen. Als solchen möchte man ihn bitten,

sich doch der katholischen Kirche anzunehmen.

147


Thomas Leif

„Journalismus wird immer mehr zur

Kommentierung von Marketing“

Edward Bernays * hat 1928 einen „Klassiker“ vorgelegt, der heute noch ertrag reicher

ist als zahllose „Standardwerke“ aus der Feder der PR-Meister der Gegen wart.

Sein großer Kunstgriff besteht in der Gleichsetzung von ‘Propaganda’ und ‘PR’.

In einer fast schonungslos-naiven Art entziffert er Schritt um Schritt die PR als

Führungsinstrument demokratischer Öffentlichkeit. Mit seinen nüchternen Analysen,

klugen Fallbeispielen und seinem elitären Habitus richtet er den Lichtkegel

in eine Schattenwelt, die eigentlich von der Intransparenz lebt. Viele seiner Analyse-Bausteine

lassen sich auf den Journalismus unserer Zeit beziehen, der mit

seinen bestellten Wahrheiten zu einem verkrüppelten Journalismus beiträgt.

Die PR-Blaupause der Atomkonzerne

Es gibt Schlüsseldokumente, die belastbar und gerichtsfest sind. Dokumente, die

das wahre Gesicht einer Branche zeigen, die sich gerne diskret und seriös gibt,

mit der Aura nüchterner Argumente und überprüfbarer Fakten schmückt. Es geht

um die Atomenergie-Lobby, die mit der 109-seitigen Studie „Kommunikationskonzept

Kernenergie – Strategie, Argumente und Maßnahmen“ der Öffentlichkeit

eine einmalige Blaupause ihrer bislang verborgenen Praxis und ihrer wahren

Identität geliefert hat.

* Edward Bernays, Propaganda, Neuauflage 2011, Orange Press, Freiburg. Wir danken dem Autor für die Abdruckgenehmigung.

(Die Redaktion)

148


Wer den bislang geheim gehaltenen DNA-Code der Energie-Lobby entziffern und

die Manipulationstechniken dieser Branche verstehen will, ist nicht mehr auf

Sekundärinformationen angewiesen. Diesen Kollateralnutzen hat die Berliner

„Unternehmensberatung für Politik- & Krisenmanagement“ (PRGS) mit ihrer

„Studie“ der Öffentlichkeit beschert. „Gespräche wurden durchgeführt u.a. mit

Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, des Handelsblattes, der Wirtschaftswoche

und der Welt“, schreiben die Autoren der ungewöhnlich detaillierten

Geheim-Studie. „Selbstverständlich wurden diese Gespräche ohne Nennung

(des Auftraggebers) oder des Auftrags geführt.“ Offenbar auch mit Hilfe

dieser Quellen wurden 16 Redakteure der zentralen Leitmedien politisch genau

taxiert und auf der ‘links-rechts-Achse’ eingeordnet. „Lediglich die Welt nimmt

mit Daniel Wetzel als schwarz-grünem Redakteur eine vermittelnde Position zwischen

den Lagern wahr,“ heißt es anerkennend. Warum der Aufwand? Diese

einfache Frage wird von den Lobby-Experten später in entwaffnender Offenheit

beschrieben: „Grundlage des Lobbyings ist fundiertes Material. Politiker bevorzugen

wie Journalisten quellenbasiertes Informationsmaterial, das die Neutralität

der Information suggeriert.“ Die Betonung liegt auf Suggestion, auf dem

Schein der Seriösität, der Anmutung von Wahrheit. In der Studie wird das

gesamte Spektrum der modernen PR und der auf Manipulation gegründeten

Kooperation mit den Medien durchbuchstabiert: gekaufte und frisierte Studien

mit wissenschaftlichem Antlitz, manipulierte Umfragen, Argumentations-Leitfäden,

die Gegenargumente ausblenden und Werbebotschaften priorisieren,

Nega tive Campaigning-Strategien gegen Atomkraft-Kritiker und Jubelbeiträge für

die Förderer der Atomenergie. Das Leistungsversprechen der Autoren für die

Auftraggeber (offenbar die E.on AG), rechtzeitig vor der Bundestagswahl 2009)

im November 2008 ist kristallklar: „Die Ergebnisse von IfD (Anm. Institut für

Demoskopie Allensbach), Emnid u.a. legen daher immer den Schluss nahe,

dass allein ein Regierungswechsel ausreichen würde, um die Stimmung in

Deutschland pro Kernenergie zu drehen.“

Es handelt sich folglich um ein einmaliges Dokument, das – wie Branchenkenner

bestätigen – allerdings auch in ähnlicher Form als „Maske“ exemplarisch

149


für andere PR-Akteure gilt. Würde Bernays heute reformuliert, müsste die PRGS-

Blaupause seine Sammlung von Fallbeispielen ergänzen. Strategische Leitmotive

von den auf PR spezialisierten Agenturen wie PRGS sind bezogen auf die

Medien folgende Punkte:

• Themen und Positionen – wie im skizzierten Fall die langfristige Laufzeitgarantie

für Atomkraftwerke – werden in Form der sogenannten „orchestrierten

Kommunikation“ in der Öffentlichkeit verankert.

• Semantisch positiv aufgeladene Begriffe und Fahnenwörter wie etwa „Kernenergie

als Brückentechnologie“, eingebettet in das Konzept der „Nachhaltigkeit“,

sollen über die Medien etabliert und verankert werden. Die CDU

nutzt beispielsweise den von der AKW-Lobby erfunden Begriff der „Brückentechnologie“

in ihrer Programmatik.

• Ausgewählte Journalisten und Medien werden mit „bestellten Wahrheiten“

versorgt; sie erhalten frisierte (wissenschaftliche) Studien, passende Meinungsumfragen,

getürkte Statistiken, von PR-Agenturen geschriebene Texte,

Interviews und Meinungsbeiträge etc. Das Spektrum dieser Dienstleistungen

und Informations-Rohstoffe ist schier unbegrenzt. Dazu gehört auch die Vermittlung

von sogenannten „Experten“, die als „Mietmäuler“ einsetzbar sind.

• Medien-Kritiker werden mit allen denkbaren Methoden des negative campaignings

überzogen, diffamiert und disqualifiziert. Ihre Reputation soll

beschädigt werden.

• Blogs, web-Seiten und andere „social media“-Plattformen werden von PR-

Dienstleistern – wie im Fall der Bahnprivatisierung dokumentiert – gezielt

instrumentalisiert und manipuliert.

• Verbände und Organisationen, die sich im Feld des jeweiligen PR-Themas

bewegen, werden mit großem Aufwand auf ihre Korruptionsanfälligkeit hin

getestet und entsprechend instrumentalisiert.

• Diese Aktivitäten werden von den Auftraggebern in einem „eisernen Dreieck“

gesteuert. Dazu gehören sogenannte „Public Affairs Agenturen“ und PR-

Agenturen, die ihre Arbeit nach journalistischen Kriterien ausrichten und

selten Spuren hinterlassen. Affirmative Medien und kühle Lobbyisten bilden

150


und stabilisieren dieses Dreieck. Der Wechsel sehr erfahrener journalistischer

Profis in die PR unterstreicht diesen organischen Prozeß der Professionalisierung

der Branche. Enge Kooperationsbeziehungen bestehen zu Lobbyorga

nisationen und geneigten Politikern.

• Der Handel mit sogenannten „Exklusiv-Informationen“ floriert. Agenturfähige

Informationen werden gegen Wohlverhalten getauscht. Gute Informanten

leben – sozusagen als Gegenleistung – in einer medialen Schonzone. Es gilt

der Grundsatz: „In die Hand, die mich füttert, beiße ich nicht.“

Blaupause für die Manipulation der Medien

All diese Techniken werden in der PRGS-Studie exemplarisch durchgespielt, analysiert

und auf ihre potentielle Wirkung hin ausgewertet. Edward Bernay konnte 1928

dieses Arsenal der PR-Industrie noch nicht beschreiben. Zwischen den (geschönten)

Zeilen seines Propaganda-Buches finden sich aber die argumentativen Muster

der skizzierten „Handwerksordnung“ der professionellen PR fast 100 Jahre später.

Sein professionelles Handwerk gibt PRGS-Geschäftsführer Thorsten Hofmann

künftig in der „Quadriga Hochschule“ in Berlin weiter. Das Tochterunternehmen

der Deutschen Presseakademie (depak) bietet seit April 2010 eine 18-monatige

PR-Ausbildung als berufsbegleitendes Studium in Berlin an (Studiengebühren

bis zu 26.000 Euro, vgl. www.Quadriga.eu). Hofmanns Qualifikationsnachweis

ist offenbar die PRGS-Studie. Der Perfektionist der PR-Manipulationen „verantwortet

innerhalb des Fachbereichs Politics & Public Affairs der Quadriga Hochschule

den kontinuierlichen Transfer zwischen Wissenschaft und Praxis“. Ausgerechnet

die Vorsitzende von Transparency International (TI), Edda Müller, agiert

bei Quadriga ebenfalls als Abteilungsleiterin und optimiert so die Qualifikation

künftiger Lobbyisten und PR-Akteure. Dabei kann der Atom-Berater sich auf

einen renommierten Beirat exponierter Vertreter deutscher Leitmedien verlassen.

Das heißt: Chefredakteure und Generalsekretäre – sogar aus der ARD – assistieren

dem ausgewiesenen PR-Experten Thorsten Hofmann dabei, wie mit den

dokumentierten Manipulations-Techniken die Öffentlichkeit künftig hinter die

Fichte geführt werden kann. Ob diese Beirats-Tätigkeit von renommierten Chef-

151


edakteuren und sogar ARD-Generalsekretären mit den gültigen Staatsverträgen

und den Kodizes der Qualitätsmedien in Einklang zu bringen ist, mögen Justi tiare

und öffentlich-rechtliche Kontrollgremien entscheiden.

In den WDR-Richtlinien für eine unabhängige Wirtschaftsberichterstattung heißt

es eindeutig: „Wir überprüfen alle Themenvorschläge und Beiträge kritisch auf

mögliche PR und Schleichwerbung.“ Der verbindliche Verhaltenskodex für NDR-

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist noch klarer: „Wir nutzen unsere NDR-Tätigkeit

nicht für kommerzielle PR, unangemessen hoch dotierte Nebentätigkeiten

oder andere private Vorteile.“

Die Methoden des führenden Lehrpersonals der Quadriga-Hochschule sind

aktenkundig (www.quadriga.eu). Dass prominente Journalisten aus der ersten

Reihe der Leitmedien diese Methoden, die die Pressefreiheit und die Leitwerte

eines unabhängigen Journalismus faktisch aushöhlen, auch nur tolerieren, ist

sehr bedenklich. Ein erfahrener WDR-Feature-Redakteur der renommierten Sendung

„die story“ wurde jüngst entlassen, weil er sich mutmaßlich vor den PR-

Karren eines Salbenherstellers spannen ließ. Anfang 2011 gewann der Redaktuer

vor dem Arbeitsgericht. Eine drakonische Strafe, die für den WDR sicher

Maßstab für vergleichbare Fälle auf höherer Ebene sein wird.

Journalisten und PR – ein Cocktail aus Naivität und Gewöhnung

Journalismus unter Kosten- und Zeitdruck ist heute immer öfter die verlängerte

Werkbank professioneller PR-Strategen und Marketingabteilungen. Dankbar

nehmen die Medien die Themen und Stories auf, die andere „Redakteure“ in

professionellen PR-Agenturen konzipieren, komponieren und konfektionieren.

Viele Journalisten kommen offenbar auch ohne originäre Informanten aus.

„80 Prozent der Journalisten haben gar keinen echten Informanten – sie glauben,

der Pressesprecher sei ein Informant.“ Diese nüchterne Lageeinschätzung von

Kuno Haberbusch (NDR) (WAMS, 11.6.2008), mit der Textzeile „Redaktionsleiter

von Zapp kritisiert die Faulheit deutscher Journalisten“ zugespitzt, rührte eigentlich

an ein Tabu. Aber die pointierte These provozierte keine Gegenreaktionen;

152


offenbar gab es gar keinen Anlaß für ein Dementi. Haberbusch weist auf Missstände

im Journalismus hin, die auch der Medienforscher Lutz Hachmeister bei

der Wächterpreis-Verleihung der „Stiftung Freiheit der Presse“ in Frankfurt in

einer wegweisenden Rede analysiert hat. Qualitäts-Journalismus müsse unabhängig

von Ökonomie sein, unabhängig von Public Relations und den Standpunkten

der eigenen Medienunternehmen. Guter Journalismus für alle Medien

beruhe auf den „vier Faktoren Zeit, Geld, Recherche und Stil“ (dpa, 7.5.08). Weiter

führte Hachmeister aus: Die „ungesunden Beschleunigungstendenzen im

Online-Journalismus“ seien fühlbar, „auch die verschärfte Konkurrenz um

Pseudo-Nachrichten in der Hauptstadt, wo die wirklich entscheidenden politischen

und legislativen Prozesse, die sich auf der Ebene von Ministerialbeamten

und Lobbyisten abspielen, zu selten reportiert werden“.

Zu den Säulen „Zeit, Geld, Recherche, Stil“ müsste eigentlich auch noch das

Kriterium „Distanz“ hinzukommen. Denn immer häufiger verarbeiten (und veredeln)

Journalisten nur noch die Stoffe, die PR-Ingenieure, Pressesprecher, interessengeleitete

Lobby-Informanten und Marketingabteilungen erfinden und

dosiert weitergeben. Jürgen Leinemann mahnte schon vor einigen Jahren, dass

die größte Korruptionsgefahr im Journalismus von Informanten ausgehe, denen

man auf Grund der zuverlässigen Liefer-Beziehung nicht mehr mit der gebotenen

Distanz begegne. In unserer „cross-medialen Hochgeschwindigkeits-Welt“

wächst der Einfluß dieser oft anonymen Informanten. Wächst die Macht von

Rohstofflieferanten, die fertige Geschichten, frisierte Statistiken und das dazu

passende „wording“ (kostenfrei) in die redaktionellen Kreisläufe der Medien

einspeisen. In diesem System arbeiten immer mehr Journalisten als secondhand-Produzenten

von Medienprodukten aller Art. Immer mehr große Geschichten

werden „kalt“ am Arbeitsplatz mit Material aus dem Fundus oder der Gedankenwelt

der PR- und Lobbyindustrie geschrieben, ohne nur einmal mit einem der

beschriebenen Akteure selbst zu sprechen oder ihre wahren Quellen anzugeben.

Diese Reduzierung auf die ‘Kommentierung von Marketing’ ist weiter verbreitet,

als Journalistenverbände, Kommunikationswissenschaftler, Redaktionsleiter und

Presseräte ahnen wollen. Bernays setzt sich in seinem Buch zynisch von „inves-

153


tigativen Journalisten“ ab. Dazu gibt es heute kaum mehr einen Grund. Es gilt die

vereinfachte Faustformel: Je stärker die PR, umso schwächer der Journalismus.

Inszenierte Exklusivität durch privilegierte PR-Information

Im so genannten ‚Visa-Untersuchungsausschuss’ gegen Joschka Fischer wurde

beispielsweise die Instrumentalisierung der Medien zur Perfektion getrieben. Im

Hintergrund bündelte ein hoch-professioneller und medienerfahrener Mitarbeiter

der CDU/CSU-Fraktion (der heute wieder prominenten Hauptstadtjournalismus

betreibt), die gesamte Pressearbeit. Er führte Journalisten mit seinen Informationen

wie Marionetten und steuerte die Kommunikation gegen Fischer nach „journalistischen

Kriterien“. Sein Erfolgsrezept: er bediente ein führendes Medium

mit den sorgfältig ausgesuchten Dokumenten und steuerte so den Exklusivitätsstrom.

Die so bediente Tageszeitung konnte dann stets mit „Exklusivrecherchen“

aufwarten und die Agenturen entsprechend versorgen. Dieser Kreislauf funktionierte

perfekt, vernebelte den eigentlichen Absender der Botschaften und verlagerte

die Auseinandersetzung vom Parlament in die Medien-Arena. Dieses PR-

Modell hat sich mittlerweile bei nahezu allen Strippenziehern in parlamentarischen

Untersuchungs-Ausschüssen, aber auch bei anderen ‘gesetzten Informationen’

herumgesprochen. Selektiv gefilterte Informationen aus den Akten werden

selektiv weitergegeben, um geadelt mit dem „Stempel exklusive Recherchen“

den Weg über die Nachrichtenagenturen in eine breite Medien öffentlichkeit zu

finden.

Dieser zentrale Lehrsatz der PR-Industrie war 1928 offenbar noch nicht so präsent.

Bernays führt dieses Premium-Prinzip – das spurenfreie Eindringen in journalistische

Kreisläufe – jedenfalls nicht aus. Auch frühere Untersuchungsausschüsse

– etwa zur CDU-Spendenaffaire – wurden mit detailliert abgestuften Hintergrund -

runden für ausgewählte Journalisten unterfüttert und gelenkt. Im Lichte dieser

gängigen Praxis wirkt dieses publizistisch aufgeblasene ‚Ermittlungsverfahren’

in der Rückschau etwas sonderbar. Ein Lehrstück im Fach ‚negative campaigning’

und politischer Doppelmoral. Die gezielte Instrumentalisierung der Medien im

Umfeld des „Visa-Untersuchungsausschusses“ könnte als Lehrbeispiel für mo -

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dernes agenda setting, gezielte Skandalisierung und professionelles negative

campaigning gelten. Nicht immer verläuft der Kommunikationsprozeß so idealtypisch.

Aber dieser Fall wirft ein Schlaglicht auf die Thema tisierungs-Chancen

von „spin-doctors“ und „Pressesprechern“ im politischen Journalismus. Viele

PR-Dienstleister, Lobbyisten und Kommunikationsexperten haben sich in Berlin

auf dieses Fach spezialisiert. Immer wieder wird die Öffentlichkeit mit kleineren

und größeren „Skandalen“ versorgt. Aus erfolgreichen Kampagnen dieser Art

wächst die Stabilität des „eisernen Dreiecks“.

Reputations-Vernichtung durch negative campaigning der PR-Industrie

Einzelne PR-Agenturen und Lobbyisten haben sich mittlerweile darauf spezia lisiert,

relevante Medien mit negativen Informationen im Sinne ihrer Auftraggeber

zu füttern. Marktvorteile im politischen Wettbewerb erreicht man heute wohl

nicht zuerst mit klugen Ideen und ausgereiften Konzepten, sondern eher durch

die Verbreitung von ‚heiklen’ oder reputationsschädigenden Informationen über

die zu attackierenden Akteure. Kurt Beck machte beispielsweise die Strippenzieher

„aus der zweiten Reihe“ für seinen Sturz vom SPD-Vorsitz verantwortlich.

Ende Dezember 2010 berichtete die Süddeutsche Zeitung von Aktivitäten der

Landes-CDU, die vor der rheinland-pfälzischen Landtagswahl das Privatleben des

Ministerpräsidenten von einem „investigativen“ Journalisten ausspähen ließ.

Dieser beschaffte immerhin Becks Patientendaten, Steuer-Informationen und

andere intime Details aus seinem Privatleben. Erinnerungen an Barschels Praktiken

scheinen wieder auf.

Andrea Ypsilanti konnte die „Wortbruch-Kampagne“ und die zum Teil infamen

Angriffe auf ihre Person und ihr Privatleben nicht überstehen. Ihr wurde ein

„Tricksilanti-Image“ zugeschrieben, das von einzelnen Medien offensiv propagiert

wurde. In der Politik steht das Wachstums-Modell ‚negative campaigning’,

inszeniert von PR-Agenturen oder professionellen ‚Gegner-Beobachtern’, in

einem Konjunktur-Hoch. Ein führender PR-Dienstleister brachte den Kaufmann

Harald Christ, 2009 Mitglied für das Wirtschaftsressort im Schattenkabinett von

Frank Steinmeier (SPD), gezielt in die Nähe von pädophilen Aktivitäten. Die

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15-seitige Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft Münster vom 25.2.2010 ist ein

atemberaubendes Dokument krimineller Rufzerstörung. Der PR-Profi Norbert H.

Essing hatte demnach nichts unversucht gelassen, den Ruf seines früheren

Kunden zu zerrütten. Bereits in früheren Bundestagswahlkämpfen wurden

wichtige ‚Kampagnen-Themen’ von den Parteien über ausgewählte Journalisten

erfolgreich in die Medien geschleust. Edmund Stoibers Entgleisungen gegenüber

den undankbaren Ostdeutschen wurden etwa von der SPD-Gegnerbeobachtung

mit Hilfe von vermeintlich neutralen ‚Informanten’ erfolgreich in die Öffentlichkeit

geschleust. Was später als „Recherche“ der Medien spektakulär präsentiert

wird, ist oft nur professionell gesteuerte Kommunikation über eine simple Zulieferung.

In Bernays Buch „Propaganda“ steht wenig zu diesen schmutzigen Tricks;

Tendenzen in diese Richtung gab es aber schon damals. PR wird von Bernay als

saubere Disziplin schöngeschrieben; über „schwarze PR“ erfährt man nichts.

In dieser dunklen Disziplin gelten folgende Arbeitsprinzipien. PR-Spezialisten

suchen sich professionelle Informanten, ‚ihre Journalisten’ und ‚ihr Medium’

aus. Der potentielle Wirkungshorizont einer ‚Geschichte’, die Mechanik ihrer

Verwertung, die Garantie der Anonymität, langjähriges Vertrauen in einem Geschäft

von „Geben und Nehmen“ sind nur einige Kriterien, die diese Zusammenarbeit

prägen. Die Faustregel lautet: Je relevanter das Informanten-Material, umso

gezielter wird das „passende Medium“ ausgesucht, das mit Sicherheit „Exklusivmeldungen“

(an nachrichtenarmen Wochenenden) generieren kann. Denn darauf

kommt es an: Parteien, Ministerien, Regierung und Opposition, aber auch

NGO’s haben gelernt, das nicht sie selbst eine „relevante“ Information veröffentlichen

sollten. Der Umweg über eine Exklusiv-Geschichte einer namhaften

Zeitung oder eines Magazins stimuliert den Medien-Hype wesentlich intensiver.

PR-Manipulation über Pseudo-Experten

Die Problematik von (vermeintlichen) Experten als Quellen wird unter Journalisten

oder von professionellen Medienbeobachtern aus der Kommunikations -

wissenschaft systematisch ignoriert. Zu diesem auch von der Medienkritik ignorierten

journalistischen Tabu-Thema gibt es eine hoch interessante interne

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Anleitung der Nachrichtenagentur AP zum „Umgang mit Quellen“ (AZ: FH/Letzte

Aktua lisierung 02.10.2006). Hier werden alle Mitarbeiter auf die Regeln bei der

Quel lenprüfung, auf die Problematik von blogs und Quellen im www, auf die

Quellenaufbewahrung und Quellenhinweise aufmerksam gemacht. Besonders

aufschlussreich ist das Kapitel ‚Experten/Schwarze Liste’. In dem nicht öffentlichen

Dokument heißt es: „In dieser – bislang noch sehr unvollständigen – Liste

aufgeführte Experten oder Institutionen haben uns aus unterschiedlichen Gründen

schon Probleme bereitet und werden daher in der AP-Berichterstattung nicht

berücksichtigt. Alle AP-Mitarbeiter, die schlechte Erfahrungen mit Experten/

Institutionen gemacht haben, mögen diese bitte per Mail an (...) mailen, damit

wir sie ggf. in diese Liste aufnehmen können.“ Nur zwei Fallbeispiele: „Geheimdienste:

Udo Ulfkotte (nicht unumstrittener Geheimdienstexperte, der inzwischen

auch als ddp-Mitarbeiter firmiert und damit für uns endgültig nicht mehr in Frage

kommt). Gesundheit: Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik

(DIET) (betreibt sehr geschickt verdeckte Produkt-PR; wurde vor zwei Jahren von

der ‘SZ’ als unseriös enttarnt.“ Die interne Liste der Nachrichtenagentur AP ist

eine sehr wertvolle Quelle. Gleichwohl müssten nicht nur die großen Nachrichtenredaktionen

diese Sensibilität pflegen, wenn interessengebundene ‚Rentenexperten’,

‘Börsenexperten’ oder ‚Automobilexperten’ die jeweilige Marktlage

aus ihrer PR-Perspektive erklären. Journalisten suchen sich oft „ihre“ Experten

aus und benutzen sie als „inneres Geländer“ für ihre Story. Eine Prüfung der tatsächlichen

Kompetenzen und Interessen-Verfilzung ist die seltene Ausnahme.

Ein Experte ist heute schon ein Experte, wenn die Medien ihn zum Experten gemacht

haben. Nicht selten spielen auch die permanente Verfügbarkeit des jeweiligen

Experten und dessen sprachliche und intellektuelle Anpassungsleistung

an die (reduzierte, vereinfachende) Erwartungshaltung des jeweiligen Mediums

eine zentrale Rolle.

Die schleichende Veränderung der Nachrichtenfaktoren begünstigt den Zugriff

der PR-Industrie auf die Medien

„Gesprächswert“ ist heute in den meisten Medien wichtiger als der klassische

„Nachrichtenwert“ eines Themas. Skandalisierung, Personalisierung und Visua-

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lisierung sind heute nahezu unschlagbare Nachrichtenfaktoren, die selbst seriöse

Nachrichtenagenturen nicht mehr ausblenden können. In diesem Zusammen hang

werden der Öffentlichkeit zunehmend Legenden wie die angebliche „online first-

Strategie“ mancher Verlage präsentiert. Selbst gestandene Nachrichtenredakteure

protestieren nicht, wenn sie die news nicht mehr nach den klassischen

Relevanzkriterien, sondern nach den thematischen Bedürfnissen ihrer „Kunden“

auswählen, texten, redigieren und platzieren. Brennpunkte und Themenschwerpunkte

gibt es, wenn der Winter mal ein echter Winter ist, nicht aber zur gezielten

Manipulation der Arbeitslosenzahlen in Deutschland. Einmal durch Wiederholung

gelernte und mit einer einfachen Story verkaufte Skandale beschäftigen

die Medien oft monatelang. Geschichten im Umfeld von Amtsmissbrauch und

Korruption werden jedoch selten von Journalisten ‚ausgegraben’, sondern oft von

gut präparierten Informanten auf die agenda ‘gesetzt’. Alle Belege und Fakten zu

Rudolf Scharpings verhängnisvoller Verbindung mit dem Waffen-Lobbyisten und

PR-Mann Moritz Hunzinger wurde zunächst dem Spiegel offeriert; erst danach dem

Stern, für den sich der Informations-Deal schließlich auszahlte. Ernst Weltekes

(Ex-Bundesbank) Adlon-Ausflug zur Euro-Taufe mit familiärer Entourage wurde

von seinen Konkurrenten und einstigen Weggefährten im Finanzministerium mit

Hilfe von Kopien der Rechnungsbelege skandalisiert. Auch im Fall der RWE-Lobbyisten

Laurenz Meyer und Hermann-Josef Arentz kannten die professionellen

Informanten die Grammatik der neuen Nachrichtenfaktoren und bauten auf geschicktes

timing, kalkuliertes Dementi, dosierte Materialergänzung – und schließlich

den öffentlichen Abgang. Die Dramaturgie solcher Exit-Prozesse planen PR-

Profis präzise am Reißbrett.

Passivität der PR-Verbände

Oft wird in solchen Fällen – auf Empfehlung von PR-Beratern – mit großem Aufwand

versucht, die ‚Nestbeschmutzer’ (Informanten) zu finden, um die undichten

Löcher zu schließen. Im Fall Florian Gerster, einst Chef der Bundesagentur für

Arbeit (BA), lancierten interessierte Referenten sogar einen FAZ-Artikel. Ganz

unverhohlen wurde die frühere stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-

Kefer an den Informanten-Pranger gestellt: „Die Hauptverdächtige Engelen-Kefer

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ist unterdessen auf Tauchstation ...“, hieß es lakonisch. (FAZ 29.11.2003). Die

Medien veröffentlichten in diesem Fall zwar das Material von Gersters Konkurrenten

(und Nachfolger Weise), aber sie bohrten nicht nach: Die wirklichen Skandale

um die freihändige Vergabe und mangelhafte Durchführung von millionenschweren

Beratungs-Projekten der BA im IT-Bereich sind bis heute nicht aufgedeckt.

Bei der Berichterstattung über Unternehmens-Skandale gibt es ein wesentliches

Handycap. Einen Informations-Anspruch gegenüber Unternehmen gibt es für

Journalisten nicht. Eigentlich ein Thema für die zahlreichen Berufsverbände der

PR-Industrie, den Bundesverband der Pressesprecher oder den Deutschen Presserat.

Aber auch Chefredakteure könnten sich gegen die als naturgegeben wahrgenommene

Informationssperre wehren. Ähnlich wie bei der Kampagne zur

„Autorisierungs-Zensur von Politiker-Interviews“ oder der Beschränkung von

Promi nenten-Fotografen (‚Fall Caroline’) könnte die ‚Schweige-Zensur’ von

betroffenen Unternehmen, Behörden und Pressestellen prominent thematisiert

werden. Auffällig ist jedoch die Passivität etablierter Verbände, wenn es um die

Negativ-Wirkungen der PR-Akteure auf den Journalismus geht. Die faktische Verschmelzung

hat auch hier offenbar ihre Spuren hinterlassen.

Agenda cutting als professionelle Disziplin der PR-Industrie

Themen platzieren – das ist das Standbein der PR-Industrie. Themen zu verhindern,

zu verzögern und zu blockieren – ist das Spielbein der Branche, die sich

nur ungern in die Karten schauen lässt. Intern gilt die „systematische Informationsblockade“

ohne Spuren zu hinterlassen als die „Königsdisziplin“ der PR-

Branche. Wem es gelingt bereits ausgereifte Recherchen zu verhindern, Artikel

geschmeidig und geräuschlos v o r ihrer Veröffentlichung zu entfernen, darf mit

dem höchsten Respekt der Kollegen rechnen.

Der überall gültige Informations-Ermittlungsanspruch leitet sich aus der Presseund

Rundfunkfreiheit ab. Der Grundkonsens: „Die Presse erfüllt eine öffentliche

Aufgabe. Insbesondere dadurch, dass sie Nachrichten beschafft und verbreitet,

Stellung nimmt, Kritik übt und auf andere Weise an der Meinungsbildung mitwirkt.“

In fast allen Landespressegesetzen gibt es dementsprechend eine aus-

159


drückliche Normierung: „Die Behörden sind verpflichtet, den Vertretern der

Presse die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgaben dienenden Auskünfte zu

erteilen,“ heißt es etwa im § 4 Landespressegesetz NRW.

Doch diese Auskunftspflicht der Behörden entwickelt sich in der Praxis immer

mehr zu einer Farce. Ministerien und Behörden mauern immer dann, wenn es

heikel wird. Die Ausnahmeregeln spulen die Pressesprecher auswendig ab:

„Schwebendes Verfahren“, „Vorschriften über die Geheimhaltung“, „Datenschutz“

oder „schutzwürdige Interessen“. Die Abschottung und die von manchen

Ministerien – wie dem Gesundheitsministerium – sogar öffentlich eingeräumte

‚Auswahl’ von Journalisten, die Informationen erhalten, amputiert

gezielt die Pressefreiheit und züchtet einen ‚Generalanzeiger-Journalismus’, wo

Pressesprecher als Füllfederhalter der Medien agieren. Diese Abschottungs-

Techniken, verbunden mit der Androhung juristischer Maßnahmen gegen die

Journalisten, gehören zum Dienstleistungsangebot von PR-Experten. Ein Beispiel:

Immer wieder wurde die Öffentlichkeit zum Thema ‚NPD-Verbot’ gezielt

desinformiert. Führende Politiker versuchen den Konflikt mit dem Bundesverfassungsgericht

allein auf die Rolle der zahlreichen NPD-V-Leute zu reduzieren. Tatsächlich

haben aber die beiden von den Innenministerien eingesetzten Arbeitsgruppen

von Verfassungsschützern und Staatsrechts-Experten gewichtige

andere Gründe gegen ein NPD-Verbot aufgelistet. In einem nicht öffentlichen

Gutachten haben Staatsrecht-Experten die jahrelang abwartende, beobachtende

Rolle der Politik kritisiert, die militante Gewaltbereitschaft der NPD in

Frage gestellt und die hohen Hürden des Parteienverbots juristisch begründet.

All diese Argumente wurden aus dem öffentlichen Diskurs ausgeblendet, auch

weil die Behörden die fundierten, aber unbequemen Berichte der beiden Beratungs-Gremien

nicht herausgeben. Der Fall „NPD-Verbot“ ist nur ein Beispiel

einer zunehmenden Informations-Selektion von Politikern, Wirtschafts- und

Behördenvertretern.

PR-Desinformation durch Informationsverweigerung und gezielte Auslassung.

Diese Technik funktioniert auch, weil zu viele Journalisten sich zu schnell von

den Behörden abweisen lassen. Oft hilft in Konfliktfällen schon die Forderung

160


einer schriftlichen Begründung für die Informations-Blockade. Solche Ablehnungen

– die meist verweigert werden – könnten Journalisten sammeln und öffentlich

machen. Dies wäre der wirksame Protest gegen die konsequente Informationsverhinderung

von Pressesprechern, die sich – bis auf wenige Ausnahmen

– allein den Gesetzen der PR verpflichtet fühlen.

Denn ihr Bild von einer funktionierenden Presse ist ganz einfach. Die Medien sollen

das veröffentlichen, was die Pressestellen ihnen mitteilen. Rückfragen überflüssig,

Nachfragen unnötig. Das rheinland-pfälzische Innenministerium sieht

Me dien so gar in der Rolle eines ausführenden Organs, wie ein entsprechendes

Dokument zum Umgang der Polizei mit den Medien belegt. Wenn diese Praxis

aber weiter kritiklos hingenommen wird, verkümmert die Auskunftspflicht der

Behörden in rasantem Tempo und wird am Ende so praktiziert, wie – schon

heute – die rigide Informationspolitik der Unternehmen. Offenbar verfahren

auch Medienvertreter hier nach dem Motto des Broadway-Kolumnisten Walter

Winchell, der den PR-Leuten aus dem Herzen sprach: „Zu viel Recherche macht

die schönste Geschichte kaputt.“

Der restriktive Umgang mit dem Informationsfreiheitsgesetz auf Bundes- und

Landesebene illustriert zudem – bezogen auf das Informationsverhalten – das

Klima des überholten Obrigkeitsstaates. Veröffentlicht wird nur das, was mit

Hilfe der Ausnahmeregelungen nicht verhindert werden kann. Aber auch hier

muss eingeräumt werden, dass nur wenige Journalisten – fünf Jahre nach Einführung

des Gesetzes im Januar 2011 – an diesem Instrument der Informationsbeschaffung

interessiert sind.

Die Bequemlichkeits-Falle der „Churnalisten“ ist das soziale Kapital

der PR-Akteure

Nicht ausgeklammert werden sollte aber die naive PR-Abhängigkeit, die immer

mehr Journalisten freiwillig eingehen. Diese Grundtendenz belegt eine hochinteressante

Studie aus Großbritannien. Nick Davies, erfahrener Sonderkorrespondent

der britischen Tageszeitung ‚The Guardian’, hat die britische Qualitäts-

161


presse einem aufwändigem Test unterzogen. Seine Ergebnisse sind niederschmetternd

und vielleicht eine Folie für deutsche Kommunikationswissenschaftler,

die ähnliche Tendenzen in der deutschen Medienlandschaft bislang nicht erkennen

konnten. „Ich war gezwungen mir einzugestehen, dass ich in einer korrumpierten

Profession arbeite“, so das Fazit des 400-seitigen Werks mit dem Titel

‚Flat Earth News’. Die Journalisten seien im „professionellen Käfig“ ihrer „Nachrichtenfabriken“

gefangen und zu „Churnalisten“ verkommen. (nach ‘to churn

out’ = auswerfen). Sie schrieben Pressemitteilungen oder Agenturmeldungen

nur noch schnell um, ohne selbst nachzuforschen.

Dieser Zustand mache die Massenmedien äußerst anfällig für die Verbreitung von

Falschmeldungen, irreführenden Legenden und Propaganda. In seiner Buch-Re z-

ension zitiert Henning Hoff in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (www.

faz.net) schockierende Zahlen einer empirischen Untersuchung von 2000 Berichten

(im Frühjahr 2006) der britischen Qualitätspresse. „Sechzig Prozent bestanden

ausschließlich oder hauptsächlich aus PR-Material oder Berichten von Nachrichtenagenturen,

die aber auch nur bei zwei Prozent als Quelle angegeben worden

waren. (...) Nur zwölf Prozent der Texte ließen auf eigene Recherchen schlie ßen.“

Die Ursache für diese Entwicklung – die wohl keine britische Spezialität ist – sieht

Davis so: „Das Grundproblem ist, dass eine kommerzielle Logik die journalistische

abgelöst hat.“ Nicht nur im online-Markt wird heute nicht mehr von Journalismus,

sondern von ‚Geschäftsmodellen’ gesprochen. Journalismus als Wa re, die mit

mög lichst geringem (personellem) Aufwand hergestellt werden soll? Nick Davies

er schütternde Analyse endet mit einer bitteren Botschaft: „Ich fürchte, ich be schreibe

nur den Tumor, der uns umbringt, ohne eine Therapie anbieten zu können.“

Journalisten haben ein naives Verhältnis zu PR

In fast keinem journalistischen Lehrbuch findet sich ein Kapitel zum Thema

„PR“ und Journalismus, in dem die Motive und Methoden der florierenden Branche

untersucht werden. Keine Warnungen, keine Hinweise, keine skeptischen

Gedanken. Vielleicht liegt das daran, dass viele PR-Berater sich selbst als Journalisten

sehen und möglicherweise sogar ihre Mitgliedsbeiträge an die gleiche

162


„Gewerkschaft“ , den DJV oder dju in verdi, abführen. Die meisten Journalisten

haben längst die „Vermittler- und Service-Rolle“ der PR-Agenturen akzeptiert,

„verkaufen“ gerne weiter, was ihnen zuvor „verkauft“ wurde. Ein Ausflug auf

die webseite von www.journalismus.com illustriert das naive Verhältnis vieler

Journalisten gegenüber PR. Die hier aufgelisteten – von der PR-Industrie erfundenen

– Journalistenpreise mag als Dokument dienen, wie Journalismus und PR

zusammengewachsen sind.

Die Kommunikationswissenschaft hat die Kolonialisierung und die Degenerierung

des Journalismus durch PR-Systeme nicht einmal auf der wissenschaftlichen

Tagesordnung. Dissertationen (der Druck wurde von der PR-Agentur

fischerAppelt finanziert) mit dem Titel „Journalismus und Public Relations“ gipfeln

in der bahnbrechenden Analyse, dass die PR und Journalismus „noch nicht

existentiell aufeinander angewiesen“ sind. (Hoffmann, 2001: 239). Offenbar hat

die Forschung in diesem Feld ein ähnliches Verhältnis zu ihrem Gegenstand,

wie ein Atomphysiker von Preussenelektra zur Atomenergie. Diesem „wissenschaftlichen“

Verständnis entspricht eine heikle Tendenz, die in Deutschland

kritiklos hingenommen wird. An zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen

werden Journalismus u n d PR parallel gelehrt und in der Praxis trainiert.

Die Verschmelzung zwischen PR und Journalismus wird hier institutionalisiert.

Von einem eigentlich selbstverständlichen Trennungsgebot hat man sich hier

schon lange verabschiedet. Auch die Studierenden scheint dies nicht zu stören:

„Was mit Medien“ steht auf ihrem Plan.

Nicht nur für den Schweizer Publizisten René Grossenbacher steht der publizistische

Sieg der PR-Branche über den recherchierenden Journalismus bereits fest:

„Das Public-Relations-System hat auf Kosten der Medien und der Journalisten

gewonnen; dieser Trend wird anhalten.“ Fast zwei Drittel der Berichterstattung

basieren auf „offiziellen Verlautbarungen, Pressekonferenzen, Pressemitteilungen

und anderen PR-Quellen. Weil nur noch jeder zehnte Artikel aus journalistischer

Initiative entstehe, so Grossenbacher, mutiere der Journalist zunehmend zum

„Textmanager“, der sich „aufs Kürzen und oberflächliches Neutralisieren von

Texten“ beschränke. Die viel beschriebenen Tendenzen im Journalismus – wie

163


die Nutzwert-, Unterhaltungs- und Personalisierungs-Orientierung – fördern

diese Entwicklung. Andere Zwänge des Medienbetriebs führen meist zu der

Frage: „Lässt sich die Story rasch, unkompliziert und ohne großen Aufwand

umsetzen?“ Bei der Beantwortung dieser Frage sind die helfenden Hände der

PR-Referenten auf allen Ebenen gerne behilflich. Sie fungieren gleichsam als

Informations-Lieferanten, als intellektuelle Sauerstoff-Oasen und (kostenlose)

Stoff-Lieferanten für die Medien. PR-Experten werden immer häufiger zu den

intellektuellen Kontaktbeamten, die Journalisten stets mit Rat und Tat zur Seite

stehen. Dieser Tauschprozess – Materiallieferung auf der Basis von Wohlverhalten

– hat mittlerweile eine derartige Dynamik erhalten, dass selbst PR-Mitarbeitern

die Intensität der Entgrenzung „zu weit geht“.

Ein wesentlicher, struktureller Vorteil der PR-Branche ist ihre noch wachsende

Finanzausstattung. Das Instrument der wissenschaftlichen Auftragsforschung

oder der kosmetischen Demoskopie wird beispielsweise gerne „eingekauft“,

um die Medien so mit Nachrichten und „Fakten“ zu füttern. Nicht nur die Deutsche

Bahn AG hat einen neuen Weg eingeschlagen. TV Sender werden mit fertigem

„footage“-Material mit Bildern und O-Tönen ausgestattet. Gleichzeitig darf

man auf keinem deutschen Bahnhof ungestört mit einem Kamerateam drehen.

Nicht nur vom privaten Hörfunk werden „fertige Hörfunkbeiträge“ aus den PR-

Werkstätten ohne Hinweis auf die Quelle des kostenfreien Journalismus gesendet.

Wie sich dieses System in der Fernsehpraxis auswirkt, hat der HR-Redakteur

Ingo Nathusius analysiert. Distanzlosigkeit, Faulheit, derangierte Berufsauffassung

und die soziale Nähe sind demnach die Grundlagen für die Manipulations-

Mechanismen, auf die sich viele Journalisten einlassen. Wie perfekt das System

von „Geben und Nehmen“ mittlerweile organisiert ist, beschreibt Nathusius an

Hand von zahlreichen Praxisbeispielen. Doch die Mischung aus „Bilderwahn

und Zeitdruck“ – sozusagen das Gleitmittel der bestellten Wahrheiten – kommt

nicht ohne die Produzenten im schnellen Geschäft aus: „Es lockt wenig Dichter

und Denker an. Eher mögen vorbehaltlose Einsatzfreude, Flexibilität, ein Hauch

Oberflächlichkeit und eine Prise Eitelkeit vorherrschen. In solchen Strukturen ist

das Bedürfnis nach Selbstkritik und Reflexion gering.“

164


In einer Zeit, in der nach dem großen Boom die Berufsgruppe der Journalisten

zunehmend mit Entlassungen und Niedriglöhnen zu kämpfen hat und PR-Unternehmen

sich als Jobmaschinen anbieten, werden gewohnte Tabuzonen geöffnet,

gelten bewährte Standards nicht mehr. Manche Privatsender müssten sich

eigent lich als „Dauerwerbesendung“ etikettieren; denn immer häufiger wird auf

kostenfreie Beiträge externer Anbieter zurückgegriffen. Journalismus im Gewand

der PR. Längst ist es kein Geheimnis mehr, dass bestimmte Publikationen nicht

für den Lesermarkt, sondern allein für den Anzeigenmarkt kreiert werden. Nicht

selten liefern die Redaktionen das ansprechende Umfeld für die Werbung; zu

diesem Zweck gibt es langfristige Beilagen-Planungen und kurzfristige Absprachen

zwischen Redaktion und Anzeigen-Abteilung. Nicht wenige Verlage unterhalten

noch eigene Konkurrenz-Blätter in ihrer Region, um einen ernsthaften

publizistischen Wettbewerb zu unterbinden. In diesem Klima kann Public Relations

wachsen, wie Champignons im warmen Treibhaus.

Doch all diese Entwicklungen sind nur selten Thema der journalistischen Kritik.

Mit wenigen Ausnahmen. Thomas Gierse von der Rhein-Zeitung beklagte die

bedenklichen Tendenzen bereits im Almanach für Journalisten 2002. Sein pragmatisches

Fazit: „Passives Hinnehmen solcher Trends, Kapitulieren vor den immer

wieder neu formulierten Ansprüchen der PR-Macher muss dennoch nicht sein.“

Medien folgen künftig dem „maximalen werblichen Gesamtnutzen“

Der Kampf um Aufmerksamkeit der Kunden wird im Zeitalter der Reizüberflutung

künftig wesentlich mit Hilfe von PR-Agenten ausgetragen. Die Ausgaben für klassische

Werbung werden weiter abschmelzen. Sponsoring, Medienkooperationen,

Sonderwerbeformen, PR in allen Varianten, Investitionen in social media und an -

dere versteckte Werbeformen wachsen in rasanten Tempo. Ziel ist die möglichst

„kreative inhaltliche und formale Vernetzung unterschiedlicher Werbeträger“,

schrieb Annette Coumont („Spezialistin für vernetzte Kommunikationslösungen“)

schon vor 10 Jahren in der WDR-Hauszeitschrift print (9/2002). „Ziel ist die Verzahnung

von klassischen und nicht-klassischen Medien, um den maximalen

werblichen Gesamtnutzen zu erreichen.“

165


Die Verschmelzung von Journalismus und PR, von Werbung und anderen Kommunikationsangeboten

ist der Megatrend, den Edward Bernays 1928 so noch

nicht beschrieben hat. Den manipulativen Gehalt einer „dressierten Öffentlichkeit“

konnte man allerdings aus der Fülle seiner Fallbeispiele herauslesen.

Schafft sich der Journalismus als Anhängsel der PR selbst ab?

Jürgen Leinemann, ein Urgestein des deutschen Politik-Journalismus, hat gefährliche

Grundtendenzen im Medienbetrieb schon früh auf den Punkt gebracht:

„Alles, was nach Drama aussieht, kommt gut an. Die Leute wollen Helden und

Schurken, Richtig und Falsch.“ Diese Publikumswünsche werden von den PR-

Spezialisten erkannt, die „Kunden“ entsprechend bedient. Dazu kommt die fast

dominierende Haltung vieler Journalisten, mit ihren Rückfragen lediglich eine

taktische Absicherung ihrer Hypothesen im Herdentrieb, des gerade gültigen

mainstreams oder verbreiteter Vorurteile, vorzunehmen. Fundierte Sachanalysen

und kompetente Einordnung von Fakten und Prozessen auf der Grundlage langjähriger

fachlicher Beobachtung werden so zu seltenen Ausnahmen.

Das heikelste Problem im Verhältnis von „PR und Journalismus“ ist die Ignoranz

vieler Journalisten gegenüber den vom PR-System ausgehenden verdeckten

Angriffen auf die Unabhängigkeit der Medien und der forcierten Gefährdung der

journalistischen Profession. Gegen diese Abwehrhaltung ist (noch) kein Kraut

gewachsen. Aber vielleicht kann man wirksame Gegenmittel empfehlen:

Bernays Buch „Propaganda“.

166


Die Dokumentationen

nr-Werkstatt:

Die Einsteiger

nr-Werkstatt:

Online-Journalismus

nr-Werkstatt:

Fact-Checking

nr-Werkstatt:

Werte und Orientierungen

können kostenfrei gegen einen adressierten und

ausreichend frankierten Rückumschlag (DIN C5, 1.50 Euro)

beim netzwerk recherche bezogen werden.

Bezugsadresse:

netzwerk recherche e.V.

Geschäftsstelle

Stubbenhuk 10, 5.OG

20459 Hamburg

www.netzwerkrecherche.de

infoπnetzwerkrecherche.de

@


DIE JURY


169

Sonia Seymour Mikich

Prof. Dr. Heribert Prantl

Harald Schumann

Prof. Dr. Volker Lilienthal

Prof. Dr. Thomas Leif

Berthold Huber


Sonia Seymour Mikich

Geboren 1951

Redaktionsleitung des ARD-Magazins Monitor

Werdegang

2004 - April 2007: Redaktionsleitung der ARD/WDR-Dokumentationsreihe „die story“

Seit Januar 2002: Redaktionsleitung und Moderatorin des ARD-Magazins Monitor, WDR Köln

1998 - 2001: Korrespondentin und Studioleitung des Deutschen Fernsehens in Paris

1992 - 98: Korrespondentin des Deutschen Fernsehens in Moskau (ab 1995: Studioleitung)

1982 - 84: Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk, Redakteurin und Reporterin

1979 - 81: wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arnold-Gehlen-Forschungsgruppe am Institut

für Soziologie an der RWTH Aachen. Freie Journalistin für Zeitschriften, Tageszeitungen und

Aufsatzsammlungen

1972 - 79: Studium Politologie, Soziologie und Philosophie an der RWTH Aachen mit

Magisterabschluss Februar 1979

1970 - 72: Volontariat bei der Aachener Volkszeitung

Auszeichnungen, u. a.

Telestar als Beste Reporterin (1996); Bundesverdienstkreuz (1998); Deutscher Kritikerpreis für

Auslandsberichterstattung (2001); Marler Fernsehpreis für Menschenrechte (2007); ASF-Preis

Rote Rose (2011)

Veröffentlichungen, u. a.

Der Wille zum Glück. Lesebuch über Simone de Beauvoir, Reinbek 1986; Planet Moskau.

Geschichten aus dem neuen Rußland, Köln 1998

170


Prof. Dr. Heribert Prantl

Geboren 1953

Ressortchef Innenpolitik und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Werdegang

Seit 2011: Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Seit 1995: Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

Seit 1988: Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Zunächst innenpolitischer Kommentator

und innenpolitischer Redakteur mit Schwerpunkt Rechtspolitik

1981 - 87: Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt

Studium der Philosophie, der Geschichte und der Rechtswissenschaften. Erstes und Zweites

Juristisches Staatsexamen, juristische Promotion, juristisches Referendariat. Parallel dazu

journalistische Ausbildung

Auszeichnungen, u. a.

Thurn und Taxis-Preis für die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (1982); Leitartikelpreis der

Pressestiftung Tagesspiegel Berlin (1989); Pressepreis des Deutschen Anwaltvereins (1992);

Geschwister-Scholl-Preis (1994); Kurt-Tucholsky-Preis (1996); Siebenpfeiffer-Preis (1998/99);

Theodor-Wolff-Preis (2001); Rhetorikpreis für die Rede des Jahres 2004 der Eberhard-Karls-

Universität Tübingen; Erich-Fromm-Preis (2006); Arnold-Freymuth-Preis (2006); Roman-Herzog-

Medienpreis (2007); Justizmedaille des Freistaats Bayern (2009)

Veröffentlichungen, u. a.

Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit, München 2005; Der Terrorist als

Gesetzgeber. Wie man Politik mit Angst macht, München 2008

171


Harald Schumann

Geboren 1957

Redakteur für besondere Aufgaben bei „Der Tagesspiegel“, Berlin

Werdegang

Seit 10. 2004: Redakteur „Der Tagesspiegel“ Berlin

2003 - 04: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

2000 - 02: Ressortleiter Politik bei SPIEGEL ONLINE

1992 - 2000: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

1990 - 91: Leitender Redakteur beim Ost-Berliner „Morgen“

1986 - 90: Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL

1984 - 86: Redakteur für Umwelt und Wissenschaft bei der Berliner tageszeitung, Studium

der Sozialwissenschaften in Marburg, Landschaftsplanung an der TU Berlin, Abschluss als

Diplom-Ingenieur

Auszeichnungen, u. a.

Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1997); Medienpreis Entwicklungspolitik (2004);

Gregor Louisoder-Preis für Umweltjournalismus (2007); „Das politische Buch“, Friedrich-Ebert-

Stiftung (2009); „Der Lange Atem“, Journalistenverband Berlin-Brandenburg (2010)

Veröffentlichungen, u. a.

Futtermittel und Welthunger, Reinbek 1986; Die Globalisierungsfalle (gemeinsam mit Hans-Peter

Martin), Reinbek 1996; attac – Was wollen die Globalisierungskritiker? (mit Christiane Grefe und

Mathias Greffrath), Berlin 2002; Der globale Countdown, Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung –

die Zukunft der Globalisierung (gemeinsam mit Christiane Grefe), Köln 2008

172


Prof. Dr. Volker Lilienthal

Geboren 1959

Inhaber der Rudolf Augstein Stiftungsprofessur für „Praxis des Qualitätsjournalismus“ (Uni Hamburg)

Werdegang

2005 - 2009: Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“

1997 - 2005: stellv. Ressortleiter „epd medien“

Seit 1989: Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd)

1999: Lehrbeauftragter für Medienkritik und Medienjournalismus an der Universität Frankfurt/M.

1996 - 98: journalistischer Berater und Autor der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

1988: Redakteur von „COPY“ (Handelsblatt-Verlag)

1987: Dr. phil. in Germanistik der Universität-GH Siegen

1983: Diplom-Journalist der Universität Dortmund

Auszeichnungen, u. a.

Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien (2006); Nominierung zum Henri Nannen

Preis in der Sparte „Bestes investigatives Stück“ (2006); „Fachjournalist des Jahres“ (2005);

„Reporter des Jahres“ (2005); „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ der Journalistenvereinigung

„netzwerk recherche e. V.“ (2004); zweiter Preis „Bester wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz“

der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

(DGPuK) (2004); „Besondere Ehrung“ beim Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik (2002);

Hans-Bausch-Mediapreis des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (1997)

Veröffentlichungen, u. a.

Professionalisierung der Medienaufsicht (Hrsg., Wiesbaden 2009); Literaturkritik als politische

Lektüre, Am Beispiel der Rezeption der ,Ästhetik des Widerstands’ von Peter Weiss (Berlin 1988);

Sendefertig abgesetzt. ZDF. SAT.1 und der Soldatenmord von Lebach (Berlin 2001); TV-Dokumentation

„Der Giftschrank des deutschen Fernsehens“ 1994 auf VOX/DCTP.

173


Prof. Dr. Thomas Leif

Geboren 1959

1. Vorsitzender ‘netzwerk recherche e. V.’

Werdegang

Seit 2009: Moderator von „2+Leif“ (SWR)

Seit 2001: Vorsitzender der Journalistenvereinigung netzwerk recherche e. V.

Seit Januar 1997: Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz

Seit März 1995: Redakteur/Reporter beim SWR-Fernsehen

Seit Mai 1985: fester freier Mitarbeiter beim Südwestrundfunk Mainz in den

Redaktionen Politik, ARD Aktuell, Report u. a.

1978 - 85: Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Pädagogik an der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Bis 1989: Promotion an der

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt / Main

Veröffentlichungen, u.a.

Die strategische (Ohn)-Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen

in den achtziger Jahren (Opladen 1990); Rudolf Scharping, die SPD und die Macht (zus. mit

Joachim Raschke) (Reinbek 1994); Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungs-

Berichte (Hrsg.) (Opladen 1998); Mehr Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte.

Ein Handbuch zu Recherche und Informationsbeschaffung (Hrsg.) (Opladen 2003);

Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland (Hrsg.) (Wiesbaden 2006); Beraten und Verkauft.

McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater (Gütersloh 2007); 10. Auflage; Aktua -

lisierte Neuauflage; (München 2008) (Taschenbuch); Angepasst und Ausgebrannt. Die Parteien

in der Nachwuchsfalle (München 2009)

174


Berthold Huber

Geboren 1950

Erster Vorsitzender der IG Metall und

Präsident des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes (IMB),

Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung

Werdegang

Seit 2007: Erster Vorsitzender der IG Metall

2003 - 2007: Zweiter Vorsitzender der IG Metall

1998 - 2003: Bezirksleiter für Baden-Württemberg

1993 - 1998: Koordinierender Abteilungsleiter

1991 - 1993: Abteilungsleiter

ab 1990: Hauptamtliche Tätigkeit bei der IG Metall in Ostdeutschland

1985: Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Frankfurt

1978: Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzender

1971: Ausbildung zum Werkzeugmacher und Tätigkeit bei der Firma Kässbohrer

(heute Evo-Bus) in Ulm

Aufsichtsratmandate

Audi AG, Ingolstadt (stellvertretender Vorsitzender); Siemens AG, München (stellvertretender

Vorsitzender); Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart; Volkswagen AG, Wolfsburg (stellvertretender

Vorsitzender)

175


Daten und Fakten zum Otto Brenner Preis 2010

Termine

Bewerbungszeitraum 01.04. – 13.08.2010

Jury-Sitzung

21.09.2010 Frankfurt/Main

Preisverleihung

03.11.2010 Berlin

Eingereichte Bewerbungen 571

Otto Brenner Preis 438

Otto Brenner Preis Spezial 52

Newcomer-/Medienprojektpreis 55

Recherche-Stipendium 26

Preisgelder

45.000 Euro (insgesamt)

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

Spezial-Preis

10.000 Euro

drei Recherche-Stipendien

je 5.000 Euro

Newcomer-/Medienprojektpreis

2.000 Euro

Preisträger

Medienprojektpreis

Newcomerpreis

Recherche-Stipendien *

Alfons Pieper, freier Journalist

Karin Prummer und Dominik Stawski, Volontäre

1. Preis Carolin Emcke (DIE ZEIT)

2. Preis

Christoph Lütgert mit Redaktion

„Panorama – Die Reporter“(NDR)

3. Preis Markus Metz und Georg Seeßlen (Bayern 2)

Otto Brenner Preis „Spezial“

Willi Winkler, freier Autor

* Die Namen der Preisträger 2010 werden erst mit dem Abschluss der Stipendien öffentlich gemacht, damit der Erfolg

der Recherche nicht gefährdet wird.

176


Preisträger 2005 - 2009

„Spezialpreis“

2009 Christian Semler (freier Autor, taz)

für seine Beiträge zu Demokratie und Bürgerrechten;

Würdigung seines journalistischen Gesamtwerkes

2008 Christian Bommarius (Berliner Zeitung)

Gesamtwürdigung für Kommentare, Leitartikel, Meinungsbeiträge

2007 Tom Schimmeck (freier Autor und Publizist)

„Angst am Dovenfleet“ (taz, 30. Dezember 2006)

2006 Keine Vergabe des Preises

2005 Keine Vergabe des Preises

„1. Preis

2009 Marc Thörner

„Wir respektieren die Kultur – Im deutsch kontrollierten Norden Afghanistans“

(Deutschlandfunk, 6. Februar 2009)

2008 Anita Blasberg und Marian Blasberg

„Abschiebeflug FHE 6842“ (Die Zeit – Magazin Leben, Nr. 03/2008)

2007 Michaela Schießl

„Not für die Welt“ (Der Spiegel, 19/2007)

2006 Redaktion „Der Tag“ (HR)

für Radiobeiträge „Der Tag – hr2“

2005 Marcus Rohwetter

„Ihr Wort wird Gesetz“ (Die Zeit, 6. Oktober 2005)

„2. Preis

2009 Ulrike Brödermann und Michael Strompen

„Der gläserne Deutsche – wie wir Bürger ausgespäht werden“

(ZDF, 7. April 2009)

2008 Jürgen Döschner

„Fire and Forget – Krieg als Geschäft“ (WDR 5, 21. März 2008)

2007 Ingolf Gritschneder

„Profit um jeden Preis – Markt ohne Moral“ (WDR, 28. Februar 2007)

177


Preisträger 2005 - 2009

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

2006 Frank Jansen

Gesamtwürdigung für Langzeit-Reportagen über die Opfer rechtsextremer

Gewalt in Deutschland

2005 Nikola Sellmair

„Kollege Angst“ (Stern, 31. März 2005)

„3. Preis

2009 Simone Sälzer

„Leben in Würde“

(Passauer Neue Presse, Artikelserie 21. Februar – 25. Mai 2009)

2008 Steffen Judzikowski und Hans Koberstein

„Das Kartell – Deutschland im Griff der Energiekonzerne“

(ZDF, Frontal 21, 14. August 2007)

2007 Markus Grill

Gesamtwürdigung für pharmakritische Berichterstattung

2006 Redaktion „ZAPP“ (NDR)

„Verdeckt, versteckt, verboten – Schleichwerbung und PR in den Medien“

(NDR, 2. November 2005)

2005 Brigitte Baetz

„Meinung für Millionen – Wie Interessengruppen die öffentliche Meinungsbildung

beeinflussen“ (Deutschlandfunk, 26. August 2005)

„Newcomer-/Medienprojekt-Preis

2009 Attac Deutschland

für Plagiat der Wochenzeitung „Die Zeit“

2008 Andrea Röpke

für „langwierige und schwierige Recherchen in der Neonazi-Szene“

2007 Keine Vergabe des Preises

2006 Lutz Mükke

„Der Parlamentsbroker“ (Medienmagazin Message, 4. Quartal 2005)

2005 Maximilian Popp

„Passauer Neue Mitte“ (Schülerzeitung „Rückenwind“, März 2005)

Andreas Hamann und Gudrun Giese

„Schwarzbuch Lidl“

178


Preisträger 2005 - 2009

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

„Recherche-Stipendien“

2009 Sandro Mattioli

„Auf Dreck gebaut: Wie sich die Müllmafia in Deutschland etabliert“

Tina Groll

„Angepumpt und abkassiert: Subprime in Deutschland“

Marianne Wendt, Maren-Kea Freese

„Ich schreibe, also bin ich. Als Analphabet in einer Welt der Schriftkultur“

2008 Veronica Frenzel

„Das Geschäft mit illegalern Einwanderern“

Clemens Hoffmann

„Verkaufte Kinder – Kinderhandel in der Ukraine“

Günter Bartsch

„Helios Media: Das Geschäft mit der Eitelkeit“

2007 Katrin Blum

„Was kostet das Leben – oder sind wir vor dem Tod wirklich alle gleich?“

Thomas Schuler

„Softpower – zum Einfluss der Stiftungen in Deutschland“

Martin Sehmisch

„Unkontrollierte Macht? Wie die Monopolstellung einer lokalen Tageszeitung

die politische Landschaft verändert – und wie sich Widerstand formiert“

2006 Boris Kartheuser

„Beispiel: RFID-chips“ (Recherche im Bereich „Datenschutz“)

Thomas Schnedler

„Stell mich an!“ (Selbstversuch im Bereich „Leiharbeit“)

Melanie Zerahn

„Beispiel: Studenten-Praktikum“

2005 Golineh Atai

„Auslandsadoptionen im Globalen Kindermarkt“

Julia Friedrichs

„McKinsey und ich“

Astrid Geisler

„Das vergessene Land? Über den leisen und stetigen Aufstieg der Rechtsextremen

in Ostvorpommern“

179


Otto Brenner Preis

für kritischen Journalismus 2011


„Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste

Bürgerpflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“

(Otto Brenner 1968)

Ausschreibung

Otto Brenner Preis 2011

Es werden Beiträge prämiert, die für einen kritischen Journalismus

vorbildlich und beispielhaft sind und die für demokratische und gesellschaftspolitische

Verantwortung im Sinne von Otto Brenner stehen.

Vorausgesetzt werden gründliche Recherche und eingehende Analyse.

Der Otto Brenner Preis ist mit einem Preisgeld

von 45.000 Euro dotiert, das sich wie folgt aufteilt:

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

Zusätzlich vergibt die Otto Brenner Stiftung:

für die beste Analyse (Leitartikel, Kommentar, Essay)

den Otto Brenner Preis „Spezial“

10.000 Euro

in Zusammenarbeit mit „netzwerk recherche e. V.“

drei Recherche-Stipendien von je

5.000 Euro

und für Nachwuchsjournalisten oder Medienprojekte

den „Newcomer- / Medienprojektpreis“ 2.000 Euro

Einsendeschluss: 15. August 2011

Die Bewerbungsbögen mit allen erforderlichen Informationen erhalten Sie unter:

www.otto-brenner-preis.de

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt am Main

E-mail: info@otto-brenner-preis.de

Tel.: 069 / 6693 - 2576

Fax: 069 / 6693 - 2786


Spendenkonten der Otto Brenner Stiftung

Die Otto Brenner Stiftung ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall mit Sitz in

Frankfurt/Main. Als Forum für gesellschaftliche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung

ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augenmerk gilt dabei

dem Ausgleich zwischen Ost und West.

Sie ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt/M. V-Höchst vom 20. März 2009 als

ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden.

Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar

bzw. begünstigt.

Geben Sie bitte Ihre vollständige Adresse auf dem Überweisungsträger an, damit wir Ihnen nach Eingang

der Spende eine Spendenbescheinigung zusenden können oder bitten Sie in einem kurzen

Schreiben an die Stiftung unter Angabe der Zahlungsmodalitäten um eine Spendenbescheinigung.

Spenden erfolgen nicht in den Vermögensstock der Stiftung, sie werden ausschließlich für Projekte

entsprechend des Verwendungszwecks genutzt.

Bitte nutzen Sie folgende Spendenkonten

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Förderung der internationalen Gesinnung und des Völkerverständigungsgedankens

Konto: 905 460 03 Konto: 161 010 000 0

BLZ: 500 500 00 oder BLZ: 500 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB Bank Frankfurt/Main

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland

(einschließlich des Umweltschutzes),

– Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa,

– Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit.

Konto: 905 460 11 Konto: 198 736 390 0

BLZ: 500 500 00

oder

BLZ: 100 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB-Bank Berlin

Verwaltungsrat und Geschäftsführung der Otto Brenner Stiftung danken für die finanzielle

Unterstützung und versichern, dass die Spenden ausschließlich für den gewünschten

Verwendungszweck genutzt werden.

182


Impressum

Herausgeber

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt / Main

Verantwortlich

Jupp Legrand

Redaktion

Jan Burzinski, Jupp Legrand

und Burkard Ruppert

Fotonachweis

Dany Hunger (S.6, 16, 24-26, 43,

67, 85) © OBS

Artwork

N. Faber de.sign, Wiesbaden

Druck

ColorDruck Leimen

Redaktionsschluss

4. März 2011

183


Inhaltsverzeichnis der DVD

1. Eröffnungspräsentation zur Preisverleihung 2010

2. 2. Preis: Fernsehbeitrag:

„Die KiK-Story“

3. 3. Preis: Hörfunkbeitrag:

„Von der Demokratie zur Postdemokratie“

4. Ergebnis des Recherche-Stipendium 2009, Marianne Wendt und Maren Kea-Freese:

Radio-Feature: „Immer im Verborgenen –

Als Analphabet in einer Welt der Schriftkultur“

184


www.otto-brenner-preis.de

www.otto-brenner-stiftung.de

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