BEST OF Otto Brenner Preis 2011 - Otto Brenner Shop

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BEST OF

Otto Brenner Preis 2011

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten

Preisträger 2011 · Begründungen der Jury · Prämierte Beiträge

Recherche-Stipendien · Preisverleihung 2011 · Ausschreibung 2012


BEST OF

Otto Brenner Preis 2011

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten


INHALT


Vorwort

5 Jupp Legrand

Eröffnung

8 Berthold Huber

Festrede

16 Prof. Dr. Norbert Lammert

Preisträger 2011

1. Preis

29 Volker ter Haseborg,

Lars-Marten Nagel

Artikelserie über den

„Gagfah-Skandal“

2. Preis

43 Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch,

Jörg Schmitt

Artikelserie

„HSH Nordbank-Affäre“

3. Preis

61 Ursel Sieber

„Gesunder Zweifel“

Otto Brenner Preis „Spezial“

67 Katja Thimm

„Vaters Zeit“

Newcomerpreis

97 Jonathan Stock

„Peters Traum“

Medienprojektpreis

113 Sebastian Pantel

Artikelserie

„Jugend und Kriminalität“

Recherche-Stipendien I

122 Matthias Dell

„Tea Party Time.

Die Rechtsbewegung der Bürger“

124 Urs Spindler

„Eulex-Mission im Kosovo:

Ein Rechtsstaat im rechtsfreien

Raum“

Recherche-Stipendien II

(Ergebnisse abgeschlossener Stipendien)

128 Marvin Oppong

135 Frank Brunner

140 Gordon Repinski

Medienpolitische Tagung

der Otto Brenner Stiftung

Einführung in die Tagung

156 Jupp Legrand

20 Thesen zum deutschen

Medienjournalismus

162 Hans-Jürgen Jakobs

174 Die Jury

180 Daten und Fakten

zum Otto Brenner Preis 2011

181 Preisträger 2005 - 2010

186 Ausschreibung

Otto Brenner Preis für

kritischen Journalismus 2012

3


VORWORT

4


Das Internet-Portal www.journalistenpreise.de listet aktuell über 420 Preise, die

– allein im deutschsprachigen Raum – jährlich an Journalisten vergeben werden.

Unternehmen, Vereinigungen, Verbände und Lobbygruppen, aber auch Privatpersonen,

Sponsoren und Stiftungen initiieren Journalistenpreise, prämieren

„ihre“ Preisträger und schaffen so Öffentlichkeit für ihr Anliegen. Viele Ausschreibungen

kaschieren dabei kaum noch ihre wahren Absichten: statt Qualitätsjournalismus

zu unterstützen, wird PR ausgezeichnet.

Die noch kurze, aber erfolgreiche Geschichte des „Otto Brenner Preises für

kritischen Journalismus“ steht für den Anspruch, nur Beiträge zu prämieren,

die in der breiten Masse durch eigenständige und intensive Recherche auffallen,

durch die Themenwahl überzeugen und sich durch besondere journalistische

Qualität auszeichnen.

Die überwältigende Resonanz, auf die die Ausschreibungen zum „Otto Brenner

Preis“ seit Jahren stoßen, unterstreicht, dass die professionelle Arbeit der ehrenamtlich

tätigen Fach-Jury hohes Ansehen genießt und der Journalistenpreis der

Otto Brenner Stiftung eine breite Wertschätzung erfährt. Jeweils über 500 Be werbungen

in den vergangenen Jahren sind ein Beleg für den guten Ruf, den sich der

Brenner Preis“ inzwischen erworben hat.

Dieses Vertrauen in den „Brenner Preis“, seine Jury und die Stiftung ist uns

Verpflichtung, auch künftig investigative Recherche zu prämieren, hohes jour -

nalistisches Können auszuzeichnen und zum Veröffentlichen von unbequemen

Wahrheiten in der deutschen Medienlandschaft zu ermutigen.

Bewerbungen für den „Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus 2012“

nehmen wir vom 1. April bis zum 31. Juli an. Die Preisverleihung findet am

30. Oktober in Berlin statt.

Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung

5


ERÖFFNUNG


Berthold Huber

Rede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2011


Sehr geehrter Herr Bundestags -

präsident Prof. Dr. Lammert!

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

liebe Gäste der Preisträger,

liebe Mitglieder der Preis-Jury,

meine sehr geehrten

Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

herzlich willkommen zur „Verleihung

der Otto Brenner Preise 2011 für kritischen

Journalismus“. 2005 sind wir

mit 135 Bewerbungen gestartet, dieses

Jahr waren es fast 550. Zum vierten Mal

in Folge wurden mehr als 500 Be werbungen

eingereicht. Dieses hohe

Niveau bedeutet für mich zweierlei:

Erstens: Der Brenner-Preis genießt

hohe Wertschätzung und hat sich im

Reigen der wichtigen Journalistenpreise

etabliert.

Zweitens: Der Preis hat sein eigenes

Profil und ist zu einer Marke geworden.

„Gründliche Recherche statt bestellter

Wahrheiten“ – mit diesem Motto un terstreichen

wir, dass wir kritischen

Journalismus auszeichnen und keine

PR-Ar beiten prämieren. Journalistische

Qualität, hartnäckige Recherche,

unabhängige Perspektive – das sind

Kriterien, nach denen die Jury jedes

Jahr die Preisträger auswählt.

Für unsere Jury gilt: sie hat Profil, sie

bündelt Kompetenz, ihre Unabhängigkeit

ist unbestritten und ihr Sachverstand

führt zu überzeugenden Entscheidungen.

Meine sehr geehrten

Damen und Herren!

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist mir eine große Freude, die Mitglieder

der Jury begrüßen zu können.

Liebe Frau Mikich, herzlich willkommen

und ganz herzlichen Dank für Ihre

engagierte Mitarbeit in der „Brenner“-

Jury! Frau Mikich, „Frontfrau“ von

Monitor, ist seit einigen Wochen auch

„Leiterin der Programmgruppe Inland

des WDR-Fernsehens“ – wie es wohl

korrekt im „Anstaltsdeutsch“ heißt.

Wir wünschen Ihnen dafür viel Erfolg

und freuen uns sehr, dass Sie heute

Nachmittag wieder mit Elan und Eleganz

durch unsere Preisverleihung führen.

Herzlich willkommen, lieber Herr

Schumann! Vielen Dank, dass Sie Ihr

8


eites Wissen einbringen und uns an

Ihrer großen Erfahrung teilhaben lassen.

Herr Schumann sorgt in der Jury mit

dafür, dass wir unseren Blick immer

wieder auch auf kritische Berichterstattungen

zu Finanz- und Wirtschaftsfragen

lenken.

Lieber Herr Prof. Dr. Prantl! Herzlich

willkommen bei der OBS und vielen

Dank für Ihr Engagement. Es mag den

einen oder anderen stören, mich persönlich

freut es aber, dass Sie auch als

Mitglied der Chefredaktion noch genügend

Zeit finden für Ihre unverwechselbaren

Beiträge und kritischen Kommentare

auf der SZ-Meinungsseite.

Lieber Herr Prof. Dr. Lilienthal! Ich

heiße auch Sie herzlich willkommen.

Wir sind sehr froh darüber, dass der

einzige Professor in Deutschland für

– ich zitiere – „die Praxis des Qualitätsjournalismus“

aktiv und engagiert in

der „Brenner“-Jury mitarbeitet.

Lieber Prof. Dr. Thomas Leif! Herzlich

willkommen bei der Otto Brenner

Stiftung!

Vielen Dank dafür, dass Sie sich von

Anfang an stark für unseren Preis

engagiert haben und entscheidend

mit dazu beitragen, dass Newcomer

unterstützt und der journalistische

Nachwuchs gefördert werden.

Verehrte Gäste!

Höhepunkt der jährlichen Ausschreibung

ist unsere Preisverleihung. Ich

freue mich, dass auch wieder zahlreiche

Medienvertreter von Redaktionen und

Sendern gekommen sind, die heute

keine Preise bekommen. Aber besonders

freut es uns, dass der journalis -

tische Nachwuchs den „Brenner-Preis

und unsere Preisverleihung zu schätzen

weiß.

Aus München ist die Kompaktklasse

der Deutschen Journalistenschule, die

Anfang des Monats ihre Ausbildung

begonnen hat, angereist. Ich darf den

Leiter der Deutschen Journalistenschule,

Herrn Jörg Sadrozinski, und den neuen

Jahrgang ganz herzlich im Namen der

Stiftung und der Jury begrüßen.

Herzlich willkommen!

Für die Schülerinnen und Schüler der

Evangelischen Journalistenschule hier

in Berlin war die Anreise nicht ganz so

weit. Aber ich heiße auch sie alle mit

ihrem Leiter, Herrn Oscar Tiefenthal,

9


ganz herzlich bei unserer Preisver -

leihung willkommen!

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

es ist mir persönlich eine Ehre und für

die Stiftung eine Freude, den heutigen

Festredner begrüßen zu können. Herr

Bundestagspräsident Prof. Dr. Lammert!

Ganz herzlich willkommen bei der

Otto Brenner Stiftung und unserer

diesjährigen Preisverleihung.

Erstmals haben wir einen aktiven

Politiker um die Festrede gebeten.

Dass der oberste Repräsentant des

Deutschen Bundestages heute zu

uns spricht, ist allerdings kein Zufall.

Sie, Herr Lammert, haben sich in den

letzten Jahren immer wieder klar und

deutlich, pointiert und kritisch zu

medienpolitischen Fragen geäußert.

So ist zum Beispiel in der „Talkshow-

Studie“ der OBS nachzulesen, dass

Sie wenig von dem Geplauder in diesen

Gesprächsrunden halten.

Für Sie – das lassen Sie unmissverständlich

die Volksvertreter wissen –

ist der Deutsche Bundestag der zentrale

Ort für politische Auseinandersetzungen

und das Parlament der öffentliche

Platz für das Ringen um politische

Entscheidungen – nicht die vielen

Plauderstunden im Fernsehen.

Im Programm des heutigen Abends

ist Prof. Lammert als „Festredner“

angekündigt. Er hat uns wissen lassen,

dass seine Rede wahrscheinlich nicht

durchgängig festlichen Ansprüchen

genügen wird. Lieber Herr Lammert,

wir haben diesen Hinweis nicht als

Bedrohung empfunden. Im Gegenteil:

er hat unsere Neugierde auf Ihre

Ausführungen nur noch zusätzlich

gesteigert.

Meine sehr geehrten

Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

heute Nachmittag stand das Thema

„Medienkritik“ im Mittelpunkt unserer

Arbeitstagung. Es wurde klar, wie

wichtig eine funktionierende Medienkritik

nicht nur für die Medien selbst

ist, sondern auch für eine lebendige

Zivilgesellschaft und das demokratische

System insgesamt. Medienkritik ist für

mich eine Seite der Medaille, wenn es

um Fragen der Qualitätssicherung in

unserer Mediengesellschaft geht.

10


Gesellschaftliche Kontrolle durch

engagierte Gremienarbeit ist die zweite,

kaum diskutierte Seite, zu der ich einige

Anmerkungen machen möchte.

65 Jahre nach der Gründung des

öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Realität tatsächlich noch abbilden.

Ich möchte auf drei Punkte aufmerksam

machen:

Erstens:

Die Integrationsleistung des Bundes

der Vertriebenen, beispielsweise beim

muss meines Erachtens überprüft

werden, ob die Zusammensetzungen

der Gremien die gesellschaftliche

Aufbau der Bundesrepublik nach dem

zweiten Weltkrieg, steht außer Zweifel.

Daraus noch heute die Berechtigung

11


abzuleiten, im Fernsehrat des ZDF vertreten

zu sein, ist jedoch schwer zu

vermitteln.

Zweitens:

Gremien von ARD und ZDF ignorieren

– bis auf wenige Ausnahmen – wichtige

Gruppen: z. B. Migranten, Menschen mit

Behinderung oder Religionsgruppen.

Obwohl diese, wie alle anderen auch,

Rundfunkgebühren bezahlen, sind sie

von der Kontrolle und Selbstverwaltung

des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

faktisch ausgeschlossen – zumindest

nicht offiziell vertreten.

Drittens:

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen

hat in vielen Fällen die Jugend verloren

– einige Intendanten räumen diesen

„Generationenabriss“ selbstkritisch ein

und drängen auf Gegenmaßnahmen.

Doch wie sieht es eigentlich in den

Gremien aus? Auch hier muss man

jüngere Menschen mit der Lupe suchen.

Wenn aber der öffentlich-rechtliche

Rundfunk die Jugend wieder gewinnen

will und von jungen Menschen weiter

auch als „ihr Medium“ wahrgenommen

werden soll, muss sich das ändern.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

die Gewerkschaften haben schon vor

einem Jahr auf eine Problematik aufmerksam

gemacht, die meines Erachtens

in der Diskussion zu kurz kommt.

Durch die digitale Entwicklung und die

damit einhergehende mediale Konvergenz

sind neue Konkurrenzsituationen

entstanden. Die Verlegerverbände

sind – wie die Journalistengewerkschaften

– traditionell in den Gremien

von ARD und ZDF vertreten.

Doch nun klagen die Zeitungsverleger

gegen die „Tagesschau“-App der ARD,

fordern ihre Verbände lautstark von

der Politik weiter Beschränkungen

für ARD und ZDF in der digitalen Welt.

Das tun sie öffentlich – aber sitzen

gleichzeitig in deren Gremien.

Beim Westdeutschen Rundfunk ist seit

einiger Zeit der Telekommunikationsund

Neue Medien-Verband BITKOM

im Rundfunkrat vertreten – auch keine

ganz einfache Beziehung. Ich weiß,

dass in vielen Rundfunkräten engagiert

Gremienarbeit geleistet wird. Aber es

ist auch nicht zu übersehen, dass sie

immer häufiger an Grenzen stößt.

12


Verehrte Gäste!

Meine Damen und Herren!

Staatsferne und unabhängiger,

kritischer Journalismus im öffentlichrechtlichen

Programm sind die Garanten

für dessen Glaubwürdigkeit. Doch

einige Gremien stehen – nicht ganz zu

unrecht – unter dem Generalverdacht,

dass zu oft Parteibücher mitentscheiden.

Nach dem erzwungenen Ab schied

des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus

Brender überprüft jetzt das Bundesverfassungsgericht

die Zusammen -

setzung der Gremien. Unabhängig von

der Entscheidung steht für mich fest:

Die Parteien, aber auch die entsendenden

Verbände und gesellschaft -

lichen Gruppen gefährden die Glaubwürdigkeit

der öffentlich-rechtlichen

Sender, wenn parteipolitisches Denken

weiter das Handeln bestimmt.

Voraussetzung für wirkungsvolle

Gremienarbeit ist Fachkompetenz,

gute Vorbereitung, Themensicherheit

und auch Mut, Fehlentwicklungen als

solche klar anzusprechen. Aber auch

Beharrlichkeit ist gefragt – und Hartnäckigkeit

wird gebraucht!

Verehrte Gäste!

Ich wünsche uns allen eine spannende

Preisverleihung und einen schönen

Abend!

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

Herr Bundestagspräsident Prof.

Lammert! Sie haben das Wort –

wir freuen uns auf Ihre Festrede!

Im Kern muss es bei Gremienbesetzungen

und deren Arbeit um etwas

anderes gehen: Im Vordergrund

müssen Begleitung, Kontrolle und

Weiterentwicklung des öffentlichrechtlichen

Rundfunks im Geiste

kritischer Loyalität stehen.

Berthold Huber, Verwaltungsratsvorsitzender

der Otto Brenner Stiftung und Jury-Mitglied

13


FESTREDE


Prof. Dr. Norbert Lammert

Festrede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2011


Sehr geehrter Herr Huber,

meine Damen und Herren,

ich bedanke mich für die freundliche

Einladung, die liebenswürdige Begrüßung

und ganz besonders für die Großzügigkeit,

eine Festrede 1 anzukündigen,

die Sie eigentlich gar nicht erwarten.

Das macht mir den Einstieg leichter,

denn die Anfrage in der damaligen

Ein ladung, ob ich „einige medien -

politische oder medienkritische Be -

merkungen“ bei der Verleihung des

Otto Brenner Preises machen könnte,

war ohne größeres Nachdenken positiv

zu be scheiden – die gleichzeitige

Vor stellung, das in den Rahmen einer

Festrede zu bringen, ist beinahe in -

kompatibel. Ich bitte Sie um Nachsicht,

wenn ich selber jedenfalls nicht

mehr ankündigen und versprechen

möchte als zwei, drei aus gewählte

medien politische und damit notwendigerweise

natürlich auch kritische

Anmerkungen, die das, was man zur

Rolle von Medien in einer modernen

Gesellschaft und zum Verhältnis von

Medien und Politik vielleicht sagen

könnte und vielleicht bei anderer

Gele genheit auch sagen müsste,

natürlich nicht annähernd vollständig

zum Ausdruck bringen.

Ich will mich im Wesentlichen auf zwei

Aspekte konzentrieren, die beide eine

auch selbstkritische Betrachtungsweise

lohnen. Den einen Aspekt hat Herr

Huber in seiner Begrüßung bereits

angesprochen, nämlich die direkten

und indirekten Wirkungen, die sich

aus der gründlichen Veränderung der

Medienlandschaft der letzten Jahre

ganz offensichtlich – und an manchen

Stellen vielleicht auch nicht ganz so

offensichtlich – ergeben. Und der

andere Aspekt, zu dem ich ein paar

Bemerkungen machen möchte, betrifft

das besonders schöne, sicher delikate,

ganz gewiss nicht spannungsfreie Verhältnis

von Politik und Medien, auch

und gerade unter dem Gesichtspunkt

des Verhältnisses von Politikern zu

Journalisten.

Die Veränderung

der Medienlandschaft

Zur Veränderung der Medienlandschaft

muss nicht mehr vorgetragen

werden, dass sich mit der Digitalisierung

von Daten und mit der Etablie-

1 Wir danken Prof. Dr. Norbert Lammert für die Abdruckgenehmigung seiner Rede aus Anlass der Verleihung der

Otto Brenner Preise 2011

16


ung des Internets zu einem bis dahin

so nicht bekannten, schon gar nicht

verfügbaren Medium, die Medienlandschaft

grundlegend verändert hat, und

dass sich seit dieser Zeit nicht nur Proportionen

im Angebot und in der Nachfrage

signifikant verschoben haben und

dies weiter tun werden. Diese gründlich

veränderte Wettbewerbssituation

zwischen verschiedenen Medien hat

erhebliche Folgen nicht nur für die je -

nigen, die Medienangebote machen

und für diejenigen, die Medienangebote

nutzen, sondern auch und gerade für

das Informationsniveau und das Urteilsvermögen

einer Gesellschaft. Der letztere

Punkt scheint mir nicht in gleicher

Weise regelmäßiger Gegenstand all -

gemeiner Aufmerksamkeit zu sein,

weswegen ich dazu ein paar Bemerkungen

machen will.

Ich beginne mit dem statistischen Hinweis,

dass wir inzwischen eine Internetnutzung

in Deutschland haben, die die

80-Prozent-Marke überschritten hat.

Und dass von den vier Fünfteln der in

diesem Land lebenden Menschen, die

überhaupt das Internet nutzen, etwa

60 Prozent täglich von diesen Ange -

boten Gebrauch machen. Dass wir

uns dabei in einer außerordentlich

dynamischen Entwicklung befinden,

wird auch daran deutlich, dass sich die

tägliche Internet-Nutzungsdauer eines

Erwachsenen in den letzten zehn Jahren

von durchschnittlich 30 Minuten auf

jetzt 95 Minuten pro Erwachsen und Tag

mehr als verdreifacht hat. Für diesen

Durchschnitt gilt das, was für jedes

statistische Mittel gilt: Jedem fallen

Beispiele ein, die deutlich davon ab weichen.

Auch wenn man berücksichtigt,

dass die Internetnutzer vielleicht über

eine noch ausgeprägtere Begabung zu

gleichzeitiger Nutzung verschiedener

Medien verfügen, gibt es irgendwo

natürliche Kapazitätsgrenzen, vor allem

unter dem Gesichtspunkt des ernsthaften

Umgangs mit denselben, sodass

sich folgerichtig mit dem Ausdehnen

der Nutzung des Mediums Internet die

Relationen mit Blick auf andere Medien

verschoben haben. Und am meisten

ausgeprägt ist die Verschiebung, die

es zwischen den elektronischen Medien

auf der einen Seite und den Printmedien

auf der anderen Seite gegeben hat.

Informationsverhalten

und Urteilsvermögen

Spannender finde ich die Frage, ob

dies für das Informationsniveau und

damit auch das Urteilsvermögen einer

17


Gesellschaft wie unserer eher nachrangig

oder doch eher signifikant ist.

Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass

diese Veränderung in der Nutzung verschiedener

Medien signifikante Wirkungen

für das Informationsverhalten

hat – und damit tendenziell auch für

das Urteilsvermögen unserer Gesellschaft.

Deswegen hat es nicht nur ganz

offenkundig beachtliche kommerzielle

Implikationen, es hat auch erhebliche

politische Implikationen, was sich im

Übrigen durch das ja wiederum auffällig

starke Nutzungsverhalten der jüngeren

Generationen mit Blick auf die elektronischen

Medien im Allgemeinen, das

Internet im Besonderen, tendenziell

eher verstärkt und keineswegs abbaut.

Der wesentliche Unterschied, auf den

ich aufmerksam machen möchte, ist

die Art des Nutzerverhaltens. Wer das

Internet als seine Quelle für das Be -

schaffen von Informationen nutzt, der

hat einen prinzipiell anderen Zugang

zu Informationen als beispielsweise

der klassische Zeitungsleser oder Zeitschriftenleser.

Der Nutzer des Internets

nutzt dieses Medium, um sich Dingen

zu widmen, an denen er Interesse hat.

Er findet mit Stichworten eine in zunehmendem

Maße gigan tische Zahl von

Fundstellen, die nach bestimmten,

eher quantitativ für relevant gehaltenen

Kriterien für ihn sortiert werden, mit

denen er sein Informations- und oder

Unterhaltungsbedürfnis bedient. Um

den Aspekt der Festrede mindestens

im Charakter zu wahren, erspare ich

uns den Hinweis, für welche Art von

Informationen die Recherchen besonders

häufig genutzt werden.

Der typische Leser einer Tageszeitung

nutzt ein Medium in der Erwartung,

mindestens in der akzeptierten Vermutung,

mit Informationen konfrontiert

zu werden, die andere für wichtig

halten. Mir kommt es im Augenblick

gar nicht darauf an, ob man das Eine

für anachronistisch und das Andere für

modern hält, das Eine für sympathisch

und das Andere für unsympathisch.

Ich will schlicht darauf hinweisen: Es

ist nicht dasselbe, ob ich auf dem einen

oder anderen Wege meine Informa -

tionen suche und beziehe. Ich glaube,

dass es auch kein unfreund licher Akt

gegenüber dem einen oder anderen

Medium ist, wenn man darauf hinweist,

dass das Internet da, wo es sorgfältig

ist, eher lexikalisch als analytisch ist,

während umgekehrt eine Zeitung, wenn

sie sorgfältig arbeitet, eher analytisch

als lexikalisch ihre Nutzer erreicht.

18


Noch einmal: Man kann das eine oder

andere spannender finden – dass es

nicht dasselbe ist, halte ich für offensichtlich.

Deswegen ist es naheliegend,

dass es Folgen für das Informations -

niveau und damit tendenziell für das

Urteilsvermögen einer Gesellschaft hat,

ob die Art der Informationsbeschaffung

ganz oder überwiegend sich durch das

eine oder das andere Medium oder

durch beide gleichzeitig und in welchen

Relationen zueinander vollzieht.

Zu den Veränderungen, die mit dem

Internet die Medienlandschaft – natürlich

nicht nur in Deutschland, sondern

weltweit – betreffen, gehört, dass sich

damit die Wettbewerbsbedingungen

im Allgemeinen einmal mehr, und zwar

gründlich, verändert haben. Zu den Veränderungen

gehört genauso, dass nicht

mehr länger die Printmedien die Wettbewerbsbedingungen

der Medienwelt

bestimmen, sondern die elektronischen

Medien dies tun. Was wiederum – unter

vielen anderen Aspekten, die auch

spannend sein mögen – zur Folge hat,

dass die Präferenzen, die die elektronischen

Medien gegenüber den Printmedien

haben, zunehmend von dem

einen auch auf das andere Medium

durchschlagen.

Bild vor Text,

Personen vor Sachverhalten,

Schnelligkeit vor Gründlichkeit

Weil ich ausdrücklich zu medien -

kritischen Anmerkungen eingeladen

worden bin, will ich nun sagen, was

mich als Mediennutzer besorgt,

gelegentlich nervt und manchmal

auch ärgert: Es gibt in meiner Wahrnehmung

eine Reihe großer Trends,

die wie mir scheint, mit dem Internet

als Medium in einer ursächlichen Weise

zusammenhängen und sich über die

elektronischen Medien – und ihren

naturgemäß besonders starken Verflechtungen

mit dem Internet – auf

die Medienlandschaft im Ganzen

niederschlagen.

Da ist zum Beispiel der Trend des

zunehmenden Vorrangs von Bildern

gegenüber Texten. Es ist der schwer

übersehbare Trend des Vorranges von

knappen Botschaften gegenüber ausführlichen

Analysen, von Schlagzeilen

gegenüber Sachverhalten. Es gibt seit

langem den Trend zur Personalisierung

von allem und jedem, und richtig schön

medienwirksam ist ein Thema, wenn

es sich mit Personen verbinden lässt.

Ohne Personalisierung fehlt ihm tatsächlich

oder scheinbar die Mindest-

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attraktivität, die mediale Verwendungsoptionen

brauchen. Es gibt – in einer

nach meiner Wahrnehmung auffällig

gesteigerten Form in Verbindung mit

dem Triumphzug des Internets quer

durch die Medienlandschaft – den

immer stärkeren Vorrang der Schnelligkeit

gegenüber der Gründlichkeit der

Informationsbeschaffung und Infor -

mationsvermittlung. Den Luxus, eine

Information auf ihre Richtigkeit zu

prüfen, bevor man sie potenziellen

Nutzern anbietet, glauben sich immer

mehr Journalisten gar nicht mehr erlauben

zu können, weil die Konkurrenzbedingungen

so sind, wie sie sind.

Und das Ganze ist schließlich verbunden

mit einer geradezu gnadenlosen

Dominanz der Unterhaltung gegenüber

der Information, die sich quer durch

die Medienlandschaft beobachten

lässt. Und sie ist natürlich im elektronischen

Bereich ausgeprägter als im

Printbereich. Dass sie dort nicht zu

beobachten sei, scheint mir eine allerdings

verharmlosende Vermutung.

Die Otto Brenner Stiftung hat neben

anderen Verdiensten den lobenswerten

Vorzug, sich immer wieder mit besonders

relevanten Fragestellungen unserer

Medienwelt auseinanderzusetzen.

Und dazu gehört etwa aus diesem Jahr

nicht nur die interessante Studie über

Talkshows und deren Prominenz und

Relevanz, sondern auch über die Entwicklung

von Nachrichten im Fernsehen.

Im Ergebnis dieser Studie steht die

ebenso plausible wie – für mich jedenfalls

erschreckende – Demonstration

einer zunehmenden Entpolitisierung

auch von Nachrichtensendungen.

Wobei mir niemand erläutern muss,

dass nicht alles, was politisch ist, eo

ipso nachrichtenrelevant sein muss,

und umgekehrt in Nachrichten nichts

Unpolitisches vorkommen dürfe. Aber

wenn man davon ausgeht, dass Nachrichten

eigentlich ein klassisches

Format für die Vermittlung politisch

relevanter Sachverhalte sein könnten,

vielleicht auch sein sollten, finde ich

schon nicht unerheblich, dass nach

Medienanalysen, die nicht ich angestellt

habe, der mit Abstand größte

Politik-Anteil in einer deutschen Fernsehnachrichtensendung

bei lediglich

48 Prozent liegt. Selbst bei keinem

öffentlich-rechtlichen Medium haben

wir in den Nachrichtensendungen einen

Politik-Anteil, der die 50 Prozent-Grenze

erreichte oder gar überböte. Bei den

privaten Anbietern liegt dieser Anteil

bei unter 20, teilweise sogar bei unter

20


10 Prozent. Dass die bei der jungen

Generation am stärksten gesehene

Nachrichtensendung nicht mehr von

öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten

angeboten wird, komplettiert das Bild.

Der Vorrang der Unterhaltung

Ich halte mich natürlich nicht für einen

unbefangenen oder gar neutralen Be -

oba chter der Szene. Jeder hat seine

besonderen Empfindlichkeiten, das

will ich nicht bestreiten. Aber zu der

immer noch nicht ganzen Wahrheit der

Medienentwicklung der letzten Jahre

gehört, dass aufgrund des Wettbewerbs

auch und gerade öffentlich-rechtliche

Rundfunk- und Fernsehanstalten sich

aus den besonderen Verpflichtungen,

die sich aus ihrer Gebührenfinanzierung

ergeben, weitgehend zurückgezogen

haben. Oder aber entsprechende An -

gebote in Nischenprogramme outgesourct

haben, um die Hauptprogramme

für den Wettbewerb freizubekommen,

denen man sich unter den gegebenen

Bedingungen unserer Mediengesellschaft

stellen zu müssen glaubt.

Heute, am 22. November 2011, ist es

auf den Tag genau sechs Jahre her, dass

mit Angela Merkel die erste Frau in

das Amt der Bundeskanzlerin gewählt

wurde. Wiederum heute auf den Tag

genau vor 21 Jahren trat die erste

britische Premierministerin von diesem

Amt zurück. Und vor 48 Jahren, 1963,

wurde John F. Kennedy in Dallas

ermordet. Alles herausragende Politik -

ereignisse, die natürlich auch und

gerade die Medien begleitet und verfolgt

haben. Mit einem vergleichbaren

Ereignis kann und will die Politik heute

sicher nicht dienen. Aber heute Morgen

hat beispielsweise im Deutschen

Bundes tag die Debatte über die Frage

stattgefunden: Wie geht eigentlich

dieses Land in Gestalt seiner verantwortlichen

politischen Institutionen

mit dieser ebenso unglaublichen

wie unerträglichen Serie von Mord -

anschlägen einer neonazistischen

Bande um? Natürlich hat, wie in der

Regel, Phoenix Bundestagsdebatten

im Programm. Bei ARD und ZDF findet

„business as usual“ statt: „Rote Rosen“,

Folge 1.152, war heute morgen in

der ARD zu sehen, während sich der

Deutsche Bundestag mit einem Thema

beschäftigt, das nun wiederum nach

der überwiegenden Mehrheit der

deutschen Medienprominenz eigentlich

das zentrale Thema dieser Republik

sein müsste. Das ZDF brachte „Volle

Kanne“ und lässt sich auch nicht

21


weiter irritieren. Und so setzt diese

Gesellschaft in Gestalt ihrer Medien

die Prioritäten, die sie für richtig hält.

Um nicht missverstanden zu werden:

Ich halte ausdrücklich an dem Prinzip

fest, dass über die Relevanz auch und

gerade von Nachrichten nicht die Politik

zu entscheiden hat. Aber ich erlaube

mir den Hinweis, dass man sich nicht

über das politische Bewusstsein einer

Gesellschaft beklagen soll, wenn man

selber als Medienvertreter die Priori -

täten so setzt und der Unterhaltung

einen gnadenlosen Vorrang gegenüber

allem und jedem gewährt.

Mir ist zugegebenermaßen auch erst

vor ein paar Jahren die Weisheit eines

schlichten Satzes von Neil Postman aus

seinem 1986 erschienenen und damals

viel zitierten Bestseller „Wir amüsieren

uns zu Tode“ so richtig zu Bewusstsein

gekommen: „Das Problem des Fern -

sehens ist nicht, dass es zu viel Unterhaltung

bringt. Das Problem des Fernsehens

ist, dass es aus allem und

jedem Unterhaltung macht.“ Die Talkshows

sind für mich gewissermaßen die

An wendung dieses Prinzips auf alles

und jedes, beispielsweise auf die

Politik. Und ich widerstehe jetzt tapfer

der Ver suchung, meine ohnehin hinreichend

bekannte „Begeisterung“ für

dieses bekannte Format einmal mehr in

ganzer Pracht und Schönheit auszubreiten.

Ich begnüge mich mit einem

einzigen, wiederum statistischen Be -

fund. Die vom öffentlich-rechtlichen

Fernsehen in Deutschland im Hauptprogramm

im Jahr übertragenen Bundestagsdebatten

machten addiert im vergangenen

Jahr 28 Stunden aus. Das ist

etwa eine halbe Stunde pro Woche. Die

im öffentlich-rechtlichen Fernsehen pro

Woche angebotenen Talkshows ma chen

22 Stunden aus, über das Vierzigfache,

zusammen 1.000 Stunden im Jahr.

Noch einmal: Dürfen die das? Ja, die

dürfen das! Für eine Errungenschaft

halte ich das aber nicht. Zumal ja jeder

seine eigenen Beobachtungen machen

kann, im Übrigen auch machen muss,

welche Aussichten durch diese Formate

für die Erläuterung, Vermittlung gerade

auch zunehmend komplexer Sachverhalte

gegeben sind.

Das Verhältnis von

Politikern und Journalisten

Aufgrund des begrenzten Zeitrahmens

beschränke ich mich auf einige wenige

Bemerkungen zum Verhältnis von Politikern

und Journalisten: Dass dieses

ein ganz besonderes ist, muss nicht

22


erläutert werden. Dass diese beiden

Berufe eine Reihe von erkennbaren

Unterschieden aufweisen, ist auch im

Einzelnen nicht erläuterungsbedürftig.

Dass es auf der anderen Seite auch

eine Reihe von Gemeinsamkeiten gibt,

sollte mindestens nicht unterschlagen

werden. Das gilt beispielsweise mit

Blick auf das jeweils relativ ausgeprägte

Selbstbewusstsein. Weder bei meinen

Kolleginnen und Kollegen in der Politik,

noch bei den Journalisten, treffe ich

regelmäßig auf ausgeprägte Minderwertigkeitskomplexe.

Beide scheinen

mir gelegentlich, die Politiker wie die

Journalisten, von der Versuchung ge -

plagt, sich für eine besondere Kategorie

der Menschheit zu halten, denen

Dinge, die für den Rest der Menschheit

gelten, eigentlich nicht zugemutet

werden dürfen. Und zu den Gemeinsamkeiten

gehört auch, dass sie beide

interessanterweise einen relativ hohen

Einfluss und beide einen relativ

schlechten Ruf haben. Beides ist grob

ungerecht, wie sich versteht – das

muss ich nicht erläutern. Mein größter

Trost, wenn ich diese konstant gleich

deprimierenden Reputationsskalen

lese, besteht darin, dass noch hinter

Journalisten und Politikern, inzwischen

nicht nur Banker rangieren, was ich ja

fast verstehe, sondern auch Buchhändler,

was ich völlig unbegreiflich

finde. Und da ich mir das überhaupt

nur mit einem frei schwebenden Ressentiment

erklären kann, neige ich

dazu, die ganze Untersuchung für

offenkundig unseriös zu halten, um

mit auf diesem Wege gestärkten

Selbstbewusstsein den übertragenen

Aufgaben weiter nachzukommen.

Ich möchte Sie jedoch gerne auf einen

interessanten Befund aufmerksam

machen, den ich in einer Studie von

Hans Matthias Kepplinger vor einiger

Zeit gefunden habe, in der er dieses

natürlich spannungsreiche Verhältnis

zwischen Politikern und Journalisten

untersucht. Er kommt dabei unter

anderem zu dem Ergebnis, dass fast

die Hälfte der Journalisten beklagt,

es sei kaum noch möglich, etwas über

die Ziele von Politikern zu erfahren,

während fast die Hälfte der Politiker

findet, es werde regelmäßig falsch

berichtet. Dabei gehen fast 80 Prozent

der befragten Journalisten und Politiker

davon aus, dass die jeweils andere

Gruppe ohnehin nur eigene Interessen

verfolgt. Politiker verfolgen persönliche

Interessen und Parteiinteressen, Journalisten

hätten nur Auflage und Quote

23


im Blick. Die Hälfte der Politiker meint,

Journalisten sei jedes Mittel recht.

48 Prozent der Journalisten, also wiederum

fast präzise die gleiche Größenordnung,

hingegen halten Politiker

für skrupellos. Nun ist das sicherlich,

meine Damen und Herren, nicht frei

erfunden; es scheint durchaus möglich,

dafür jeweils Anhaltspunkte im

wirklichen Leben zu finden. Ich halte

den Befund in seiner Verallgemeinerung

dennoch für falsch, mindestens

für stark übertrieben, denn ich kenne

eine Reihe von Journalisten, denen zur

Informationsbeschaffung und Informationsvermittlung

nicht jedes Mittel recht

ist. Und vielleicht kennt der eine oder

andere von Ihnen einzelne Politiker, die

er nicht für skrupellos hält. Es könnte

nicht schaden, wenn das gelegentlich

auch deutlich würde. Das wäre umso

begrüßenswerter, als dass das Bewusstsein

der Öffentlichkeit im Umgang mit

Sachverhalten durch die Wahrnehmung

der Wirklichkeit geprägt ist, die sich

– ich neige fast zu sagen – immer weniger

empirisch durch eigene Erfahrung,

sondern immer häufiger und immer

exklusiver über Medien vollzieht. Umso

mehr macht es Sinn, sich immer wieder

– im doppelten Wortsinn – um einen

kritischen Journalismus zu bemühen.

Einen auch selbstkritischen Journa -

lismus zu bemühen, der in dem, was

Gegenstand des täglichen Geschäfts

ist, auch die eigene Rolle reflektiert.

Und der die Wirkungen, die mit dem,

was man vermittelt – oder eben nicht

vermittelt – und der Art und Weise,

in der man es vermittelt, zum Gegenstand

des eigenen beruflichen Ethos

macht. Deshalb verbinde ich meinen

herzlichen Dank für die freundliche

Einladung mit einer ebenso herzlichen

Gratulation an die Preisträger, die nachher

dafür gepriesen werden, dass sie

solchen Ansprüchen mindestens einmal

in auffälliger Weise genügt haben

und verbinde damit die leise Hoffnung,

dass es mit und ohne Preise dauerhaft

so bleibt.

Prof. Dr. Norbert Lammert ist Präsident des

Deutschen Bundestags.

24


1

1 Berthold Huber gratuliert Volker ter

Haseborg und Lars-Marten Nagel zum

1. Preis 2 Bundestagspräsident Prof.

Dr. Nobert Lammert, Festredner 2011

3 Jury-Mitglied Harald Schumann bei

einer Laudatio 4 Preisträgerin

Ursel Sieber mit Laudator Schumann,

Berthold Huber und Jupp Legrand

5 Preisträger 2011 verfolgen gespannt

die Preis verleihung aus der 1. Reihe

2

3

4

5

25


DIE PREISTRÄGER 2011


Volker ter Haseborg und

Lars-Marten Nagel

Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und

Jörg Schmitt

Ursel Sieber

Katja Thimm

Jonathan Stock

Sebastian Pantel


1. Preis


29

Volker ter Haseborg

Lars-Marten Nagel


Artikelserie über den „Gagfah-Skandal“

(Hamburger Abendblatt, 19.04. – 17.07.2011)

Volker ter Haseborg

geboren 1979 in Hamburg

Werdegang:

seit 2010 Reporter beim Hamburger Abendblatt

2008-2009 Reporter im Ressort „Thema des Tages“, Münchner Abendzeitung

2006-2008 Politik- und Wirtschaftsredakteur bei der Münchner Abendzeitung

2001-2005 Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule

2000-2006 Studium

Auszeichnungen:

2011 Auszeichnung für eine „Herausragende Leistung“ beim Axel-Springer-Preis

2010 Deutscher Reporterpreis

Lars-Marten Nagel

geboren 1980 in Magdeburg

Werdegang:

seit 2011 freier Reporter/Rechercheur beim Hamburger Abendblatt und

Trainer für Datenjournalismus

2008-2010 Redakteur bei der dpa

2005-2006 Fulbright-Stipendiat in Missouri und Washington D.C.

2004-2005 Volontariat bei der Magdeburger Volksstimme

2000-2007 Studium

Veröffentlichung:

Bedingt Ermittlungsbereit – Investigativer Journalismus in Deutschland und in den USA.

Reihe: Recherche-Journalismus und kritische Medienpolitik, Bd. 6, 2007

30


Begründung der Jury

Stachybotrys oder Aspergillus – das sind Schimmelpilze, eklig und gefährlich. Sie sollen

nicht mit dem Menschen wohnen, denn sie machen krank. Sie lösen Allergien aus. Sie

lösten in Hamburg eine grandiose Recherche, einen Skandal, einen Widerstand aus.

Die Autoren Volker ter Haseborg und Lars-Marten Nagel sezieren den Niedergang ganzer

Wohnviertel – aus ökonomischer, kommunalpolitischer und menschlicher Perspektive.

Sie analysieren wie ein amerikanischer Hedgefonds aus ehemals staatlichem Immobilienbesitz

größtmögliche Profite herausschlägt – auf Kosten der Bewohner. Sie nennen

diesen Prozess scharfsinnig RAUBBAU. Ich bin sehr überzeugt von dieser Serie, denn

sie wirft ein gleißendes Licht auf Probleme, die Hunderttausende Menschen in diesem

Land umtreiben. Ein Aufreger-Thema mitten aus dem Leben, von größter Relevanz.

Die Autoren mussten „nur“ recherchieren, am Ort hingucken, um klar benennen zu

können, wie Markt-Macht missbraucht wird.

Ein Unternehmen mit Wohnimmobilien muss im Schnitt 12-15 Euro pro Quadratmeter

jährlich ausgeben, um die Substanz ordentlich zu erhalten. Die Gagfah senkte diese

Investitionen von neun auf sechs Euro. Renditen wurden gerettet, nicht morsche Balkone.

Und Mieter sahen hilflos zu wie aus einem Viertel ... Verfall wurde.

RAUBBAU: Die Gagfah gehört einem amerikanischen Hedgefonds, der auf der Privatisierungswelle

in deutsche Wohnstuben gespült wurde. Kommunen stießen in Milliardenhöhe

ihr Tafelsilber ab, um leere Kassen zu füllen. Aber auch, weil das Gemeinschaftliche,

das Soziale irgendwie spießig wurden. Man trug jetzt „Privatisierung“, „Profit“,

„Professionalität“. Ein Paradigmenwechsel. Auf den Schimmel in der Wohnung von

Familie Dohrwardt heruntergebrochen heißt das: „Sie lüften und heizen nicht richtig“

– so kann ein Vermieter natürlich auch seine Mieter mundtot machen, die sich

beschweren.

Die Autoren erklären sehr anschaulich, wie eingeschüchterte Mieter mit kaputten

Auf zügen, alten Leitungen und maroden Fassaden leben müssen – ohne Aussicht

auf Verbesserung, insbesondere sozial Schwache und Zuwanderer trauen sich

kaum aufzumucken. Wissen nicht, was ein Mieterverein ist.

31


Ter Haseborg und Nagel zeigen den komplexen Weg der Millionengewinne, die aus

der Misere vor Ort geschöpft werden. Sie kritisieren die Hilflosigkeit der Politiker.

Sie recherchieren den Insiderhandel der Konzernmanager. Und: sie berichten, wie

sich Mieter gegen den RAUBBAU wehren. Sehr beiläufig ist die Serie auch ein Plädoyer

für den sozialen Wohnungsbau. Solide, seriös, bürgerlich. Nicht von Gier getrieben

sondern vom Grundsatz: Es muss in einer reichen Gesellschaft das Grundrecht auf

anständiges, bezahlbares Wohnen geben.

Das ist der Kammerton der Artikelserie über den Wohnungskonzern Gagfah im Hamburger

Abendblatt. Mit knapp 160.000 Wohnungen im ganzen Bundesgebiet ist die

Gagfah zum Symbol falsch gelaufener Privatisierung geworden und so weist diese

Lokalberichterstattung weit über die Grenzen Hamburgs hinaus. Kopf und Herz des

Lesers werden angesprochen. Die Artikelserie ist ein Vorbild für engagierten Journalismus,

der aufklären und politisch bewegen will.

Vorgetragen von Sonia Seymour Mikich

32


Raubbau – Die Akte Gagfah

(Hamburger Abendblatt, 19.04.2011)

Früher konnte man hier gut leben – heute verschimmeln und verfallen viele

Hamburger Mietshäuser der Wohnungsgesellschaft Gagfah. Der Eigentümer

– ein US-Hedgefonds – investiert kaum in den Wohnungsbestand. Eine Geschichte

über Gier – und über das Grauen in den eigenen vier Wänden.

Die Finanzkrise ist lautlos in die Wohnung der Familie Dohrwardt gekommen.

Ins Wohnzimmer, ins Schlafzimmer der Kinder und vor allem ins Badezimmer.

Die Finanzkrise streut grüne Schimmelflecken, manchmal färbt sie Wände schwarz.

Sie riecht muffelig und verbreitet ein klammes Gefühl. Marcel Dohrwardt ist 15,

er schläft neben dem Schimmel. Seine Mutter Birgit sagt, dass Marcel häufig krank

ist. Im Zimmer seiner Schwester Miriam zieht es. Das 25 Jahre alte Fenster schließt

nicht mehr richtig, Wind und Regen kommen durch die Ritzen. Am schlimmsten

ist es aber im Badezimmer. An der Decke klebt der Schimmel in grünen Flecken,

an der Wand in braunen. Die Tapete blättert ab. Wenn die Dohrwardts duschen,

fällt ihnen häufig Schimmel vor die Füße.

Die Dohrwardts aus dem Fritz-Flinte-Ring 49, fünfter Stock, in Steilshoop haben

bei der Finanzkrise kein eigenes Vermögen verloren. Zu Verlierern wurden sie aber

trotzdem. Verlierer der Übernahme der ehemals staatlichen Wohnungs gesellschaft

Gagfah durch einen amerikanischen Hedgefonds, der in der Finanzkrise

unter Druck geraten war.

Die Geschichte der „Gemeinnützigen Aktien-Gesellschaft für Angestellten-

Heimstätten“ handelt von Naivität, von Gier und von Hilflosigkeit. Sie handelt

vom Raubbau an einem Unternehmen mit knapp 160.000 Wohnungen in

Deutschland. In Hamburg gehören 9.375 Wohnungen zur Gagfah, davon 2.100 in

Steilshoop und 1.300 in Wilhelmsburg, die übrigen Wohnungen verteilen sich auf

die meisten Stadtteile der Hansestadt. Etwas mehr als ein Drittel dieser Wohnungen

sind Sozialwohnungen.

Um diese Geschichte zu erzählen, hat das Abendblatt Dutzende Mieter besucht

und mit Politikern, Aktionärsvertretern und Ehemaligen der Gagfah gesprochen.

33


Das Unternehmen wurde mit dem Ergebnis der Recherchen konfrontiert. Das

Abendblatt wollte auch mit dem Chef der Gagfah, William J. Brennan, in Luxemburg

sprechen. Seine Sprecherin teilte mit: „Für ein Interview steht Ihnen Herr

Brennan nicht zur Verfügung.“

Familie Dohrwardt wohnt seit einem Vierteljahrhundert in ihrer Steilshooper

Wohnung. Für 103 Quadratmeter zahlt sie 772,16 Euro warm im Monat, der Preis

ist für eine Vier-Zimmer-Wohnung in Ordnung. Bis zum Verkauf der Gagfah gab

es keine Probleme. „Der Hausmeister war immer erreichbar. Wenn etwas kaputt

war, wurde es sofort repariert.“, sagt Holger Dohrwardt. 2004 wurde die Gagfah

an den US-Finanzinvestor Fortress verkauft. Kurz danach hatten die Dohrwardts

Schimmel in der Wohnung.

Holger Dohrwardt schrieb den Vermieter an. Mehrere Gagfah-Fachleute besichtigten

den Schaden. Nichts passierte. Seine Frau Birgit versuchte selbst, den Schimmel

zu entfernen, vergebens. Sowohl der Mieterverein zu Hamburg als auch der Verein

Mieter helfen Mietern bezeichnen Gagfah-Häuser als so marode, dass die

Wände schimmeln müssen. Die meisten hätten keine Wärmedämmung, die Feuchtigkeit

schlägt sich deshalb an den kältesten Stellen nieder.

Vor wenigen Tagen schickte die Wohngesellschaft den Dohrwardts einen Brief.

Darin stellte sie fest, „dass sich der Schimmel auf Grund falschen Heiz- und

Lüftungsverhalten gebildet hat“. Auch im Umschlag befand sich die bunte

Broschüre mit dem Titel „Feuchtigkeit in der Wohnung“.

Familie Dohrwardt ist nur ein Beispiel von vielen in Hamburg. Yvonne Taskiran

wohnt in Wilhelmsburg, Wittestraße 1, im dritten Stock eines Altbaus. Seit Jahren

schon bröckelt die Fassade, im März fielen Trümmer von den Balkonen des ersten

Stockwerks. Nebenan spielen Kinder eines Kindergartens. Taskirans Sohn Elikey

ist drei Jahre alt. Die Balkone werden auf Anordnung des Bezirksamts Mitte mit

Stahlträgern abgestützt, um die Anwohner zu schützen. „Ich würde lieber heute

als morgen raus hier. Aber in derselben Preislage gibt es nichts“, sagt Yvonne

34


Taskiran. Für ihre Drei-Zimmer-Wohnung mit 58 Quadratmetern zahlt sie

506 Euro warm.

Die Fassaden der Hochhäuser an der Korallusstraße in Wilhelmsburg sind grau.

Fenster sind zerbrochen, die Haustüren stehen offen, Klingelschilder sind demoliert,

Lampen in den Hausfluren sind kaputt. In den Treppenhäusern stinkt es

nach Müll. Die Aufzüge sind häufig defekt.

Zegbi Ameti, er wohnt im neunten Stock, Korallusstraße 8, bekommt den

Schimmel nicht mehr aus seiner Vier-Zimmer-Wohnung. 690 Euro kostet die

Warmmiete für die 88 Quadratmeter. Seit drei Jahren schimmelt es im Kinderzimmer.

„Mein Sohn hat Angst davor, hier zu schlafen“, sagt Ameti.

Torsten Wietzki wohnt mit seiner Familie in Bahrenfeld, Silcher Straße 7b, erster

Stock, in einem Acht-Parteien-Haus. „Jeden Winter, wenn die Temperaturen unter

null Grad fallen, fällt auch die Heizung aus“, sagt er. Seit sieben Jahren hat Wietzki

ein Schimmel-Problem. Seine Söhne Magnus und Tjorben sind vier und acht Jahre

alt. „Ich weiß, wie gesundheitsschädlich Schimmel ist. Deshalb haben meine Frau

und ich ihn selbst entfernt“, sagt Wietzki. Für die Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung,

83 Quadratmeter, zahlen die Wietzkis 787 Euro Warmmiete.

In fast allen Hamburger Bezirken gibt es Beschwerden von Gagfah-Mietern. Die

Fälle sind den Bezirksämtern bekannt. Ab und an sind die Behörden aktiv ge -

worden, wie in Wilhelmsburg. „Mehrere Häuser sind in schlechtem Zustand.

Seit Juli versuchen wir, deshalb Gespräche mit der Gagfah zu führen. Doch die

hat immer abgelehnt. Das ist ärgerlich“, sagt Lars Schmidt-von Koss, Sprecher

des Bezirks Mitte.

Viele Betroffene schweigen. Weil sie überfordert sind mit der Situation, die deutsche

Sprache nicht beherrschen – oder weil sie sich einfach schämen für ihren

Schimmel.

35


Lange Zeit galt die Gagfah als vorbildlicher Vermieter. Gegründet wurde sie 1918,

nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte sie der Bundesversicherungsanstalt für

Angestellte (BfA). BfA – das klingt nach Seriosität, nach Geborgenheit, vielleicht

auch nach Spießigkeit. Aber genau diese biederen Eigenschaften wünschen

sich viele Mieter von ihrem Vermieter.

Unter der Kohl-Regierung hatte es erstmals Überlegungen gegeben, die Wohnungsbestände

zu verkaufen, um mit frischem Geld die Rente zu sichern. Schon damals

warnten Mietervereine davor, dass da ein solides und soziales Unternehmen zum

Spielball von Spekulanten werden könnte. Die rot-grüne Regierung von Gerhard

Schröder erlag trotzdem der Versuchung. Privatisierungen waren in Mode und

die Rentenkasse war leer.

3,5 Milliarden Euro zahlte die amerikanische Beteiligungsgesellschaft Fortress

Investment Group für zunächst 80.000 Gagfah-Wohnungen. Hinter Fortress

stehen große angelsächsische Pensionsfonds und reiche Privatleute, „Private

Equity“ eben.

Zunächst lief alles prima. Nach dem Eigentümerwechsel setzte die deutsche

Führung der Gagfah auf Wachstum – auch in Hamburg. 2005 kaufte sie der

Norddeutschen Landesbank die Tochtergesellschaft Nileg ab. Diese verwaltete

mehr als 30.000 Wohnungen, 5.000 davon in Hamburg. Die Banker hätten

guten Grund gehabt, sich zu betrinken, sagt ein ehemaliger Nileg-Mitarbeiter.

„Viele Häuser waren in keinem guten Zustand. Viele Nachkriegsbauten und

Eisenbahnerwohnungen, die in die Jahre gekommen waren.“

Die Amerikaner schien das nicht zu stören. Sie hatten ein großes Ziel: Sie wollten

an die Börse. Der Mann, der das Unternehmen ab 2006 dafür fit machen sollte,

heißt Burkhard Drescher, ehemaliger Oberbürgermeister von Oberhausen,

Sozialdemokrat. Zumindest verbal bekam er den Spagat zwischen Hedgefonds

und Mieterschutz gut hin. „Bei Wohnungen, die ja ein intimer Lebensraum für

Menschen sind, darf man die soziale Brille auf keinen Fall vergessen“, sagte er.

36


Und es schien zu funktionieren, in Dresden kaufte die Gagfah große Wohnungsbestände

und begann zu sanieren. Auch für Hamburg wurden Pläne gemacht – für

30 Millionen Euro. Für Steilshoop waren sie sehr konkret, sagen Ex-Gagfah-Leute.

Anstatt das Unternehmen, das ausschließlich in Deutschland tätig ist und an der

Frankfurter Börse gehandelt wird, hierzulande anzusiedeln, wurde als Dach gesellschaft

die Gagfah S.A. in Luxemburg gegründet. Nach deutschem Aktienrecht muss

ein Vorstand nicht den Weisungen des Aufsichtsrats folgen – beim Modell der S.A.

in Luxemburg schon. Im Aufsichtsrat in Luxemburg, dem „Board of Directors“,

sitzen Fortress-Leute. Sie haben damit bei der Gagfah das Sagen.

Doch auch die amerikanischen Hedgefonds-Manager konnten die Finanzkrise

nicht vorhersehen. 2008 implodierte in den USA der Immobilienmarkt. Fortress

verlor Milliarden. Und Dreschers „soziale Brille“ war plötzlich nicht mehr gefragt.

Bei der Gagfah ging es jetzt um zwei Dinge: Kürzen bei der Instandhaltung und

Retten bei der Rendite. Denn auf die wollten die Aktionäre nicht verzichten. 60 bis

70 Prozent der Aktien stecken in Fonds, die Fortress managt und sich dafür gut

bezahlen lässt. 30 bis 40 Prozent der Aktien werden frei in der Börse gehandelt.

Bei der Kommunikation ihrer neuen Strategie waren die Amerikaner zurückhaltend,

der gute Ruf der Gesellschaft sollte nicht aufs Spiel gesetzt werden. „Da gibt es

keine Schriftstücke, alles nur mündlich“, sagt ein ehemaliges Mitglied der Führungsriege.

Für Hamburg bedeutete die neue Strategie des Unternehmens das Aus für den

30-Millionen-Plan.

Für jene, die im Unternehmen Widerstand leisten, wurde es ruppig. Hauptverantwortliche

verließen die Gagfah. Drescher wurde durch William J. Brennan ersetzt.

Der Amerikaner ist eine Art Anti-Drescher. Er kommt aus dem Londoner Fortress-

Büro, hat viel Erfahrung im Bereich Hochfinanz, aber wenig in der deutschen

Wohnungswirtschaft.

37


Spricht man mit ehemaligen Führungskräften über Gründe, die Gagfah zu verlassen,

dann fallen Sätze wie: „Sie lutschen das Unternehmen aus.“ Oder: „Die fahren

das Ding gegen die Wand.“ Oder: „Für die Typen wollte ich nicht einsitzen.“

Dem Abendblatt liegt eine interne Liste mit 510 sogenannten „Verkehrssicherungsmaßnahmen“

für das Jahr 2009 vor. Dabei handelt es sich um dringende Reparaturen.

Von den Schäden geht Gefahr für Leib und Leben aus. „Abbröckelnde

Betonteile“ oder „fehlende Brandschotts“ sind für Hamburger Wohnungen

notiert. Einige Schäden waren offenbar seit 2004 bekannt, behoben wurden

sie jahrelang nicht.

425.000 Euro sollte zum Beispiel die Reparatur einiger Balkone einer Hamburger

Immobilie kosten. Der Zustand wird so beschrieben: „Balkonplatten stark be -

schädigt, Tragfähigkeit nicht gewährleistet.“ Bekannt ist das seit Mai 2006.

Aber im Feld „Bemerkungen“ der Tabelle steht nur: „Keine dringenden Arbeiten

erforderlich.“ Reparaturausgaben? Fehlanzeige.

Für 700.000 Euro hätten seit 2006 in einem anderen Hamburger Objekt die alten

Bleileitungen ausgetauscht werden müssen, weil die Grenzwerte der giftigen

Substanz überschritten wurden. Ob noch jemand in dem Haus lebt und sich

langsam vergiftet, steht nicht in der Liste. Dafür aber der Hinweis, dass den

Mietern „Schadensersatzanspruch“ zustehe.

Die Liste verzeichnet präzise, was die einzelnen Reparaturen kosten würden

und was ausgegeben wurde. Alle Sofortreparaturen zusammen hätten demnach

72,9 Millionen Euro gekostet. Ausgegeben wurden der Liste zufolge 10,2 Millionen

Euro – also ein Siebtel.

Die Gagfah dementiert die Existenz der Liste nicht ausdrücklich, beharrt aber

darauf, dass die Schäden nicht akut waren: „Sofern Verkehrssicherungen auch

als diese identifiziert werden und akuter Handlungsbedarf besteht, erfolgt um -

gehend die Beseitigung des Risikos“, sagt die Sprecherin.

38


Fest steht: Es wird extrem gespart. Während ein Unternehmen mit Wohnimmobilien

normalerweise 12 bis 15 Euro pro Quadratmeter und Jahr für Sanierungen aufbringt,

hat die Gagfah diesen Betrag bewusst gesenkt, von neun Euro auf sechs

Euro. Auch verkauft wird offenbar immer mehr. 1,1 Milliarden Euro verzeichnet

der Punkt „Einzahlungen aus dem Verkauf von als Finanzinvestition gehaltenen

Immobilien“ im Geschäftsbericht für die Jahre 2009 und 2010. In den beiden

Jahren zuvor standen dort 400 Millionen Euro.

Die Gagfah investiert nicht in ihre Häuser und verkauft die Filetstücke – der Un ternehmenswert

sinkt. Trotzdem zahlt das Unternehmen weiter hohe Renditen. Der

Blick in die Bilanz zeigt: Während der Aktienkurs zwei Jahre nach Erstausgabe von

19 Euro auf fast zwei Euro abstürzte – heute liegt er um die sechs Euro –, machte

die Dividende einen Sprung von 17 auf 20 Cent je Aktie – im Quartal. Phasenweise

liegt die Dividendenrendite bei 20 Prozent. Diese Kennziffer zeigt, wie hoch die

Ausschüttung je Aktie war. Nach der Ausschüttung an Aktionäre ist das Geld für

das Unternehmen verloren. Zwei ehemalige Führungskräfte, sie wollen anonym

bleiben, haben dem Abendblatt unabhängig voneinander vorgerechnet, dass

ziemlich exakt jene Gelder, die an die Investoren abfließen, für die Reparaturen

benötigt würden.

Die Gagfah wehrt alle Kritiker ab. Erforderliche Reparaturen würden durchgeführt.

Die persönliche Kundenbetreuung sei im Notfall rund um die Uhr erreichbar. Man

verfolge eine langfristige Bestandhaltungs- und Vermietungsstrategie. Auf Abendblatt-Anfrage

verspricht die Gagfah Investitionen von neun bis zehn Euro pro

Quadratmeter für das Jahr 2011.

Helmut Kecskes kann daran nur schwer glauben. Er hat 27 Jahre bei der Gagfah

gearbeitet. Er hat selbst in Steilshoop gewohnt, in einer Gagfah-Wohnung, später

war er für die Mieterbetreuung und Instandhaltung in seinem Viertel zuständig.

Er kannte viele Mieter, nicht nur als Kunden, sondern auch als Nachbarn. Als

das Unternehmen sich noch in öffentlicher Hand befand, saß das Geld lockerer.

Die Gagfah spendierte den Mietern Sommerfeste. In dieser Zeit sei genügend

39


Geld für die Instandhaltung ausgegeben worden. Kecskes sagt, er habe die

Gagfah sehr gerne vertreten. Damals.

Im vergangenen Jahr hat er die Gagfah verlassen. Es sei zu viel für ihn gewesen,

sagt er. „Ich konnte die Leute nicht mehr mit erfundenen Argumenten vertrösten

und sie anlügen.“ Die Gagfah-Mitarbeiter in den Stadtvierteln wurden für ihren

Einsatz mit den Mietern in Konflikt-Management-Kursen und von einem Karate-

Trainer in Selbstverteidigungskursen geschult, sagt Kecskes. Das war wohl

nötig. „Uns blieb nichts anderes übrig, als die Instandhaltung gezielt heraus -

zuzögern.“

Mal sei es bestelltes Material gewesen, das auf sich warten ließ. Mal der Antrag,

der nicht genehmigt wird. Mal die falsche Jahreszeit für Außenarbeiten. Mal sei

die Kundenbetreuung nicht zuständig, mal der ausgegliederte Hausmeister service

nicht. „Einer schiebt die Schuld auf den anderen, der Mieter kommt nicht weiter

– und die Gagfah gibt kein Geld aus“, sagt Kecskes.

Er hätte Druck von oben bekommen, gegen den Leerstand anzukämpfen, sagt

er. „Wir konnten nicht mehr darauf achten, wen wir in die Wohnungen einziehen

lassen.“ So seien vor allem sozial Schwache und Zuwanderer eingezogen. „Der

Vorteil war, dass sich diese Menschen nicht über den Zustand ihrer Wohnungen

beschwert haben“, sagt er. „Dieses Unternehmen hat für mich nichts mehr mit

vernünftiger Wohnungswirtschaft zu tun.“

Kecskes hat die Seiten gewechselt und berät jetzt Mieter, die Probleme mit

diesem Vermieter haben. Der wiederum fand den Seitenwechsel nicht so gut:

Kecskes erhielt bundesweit Hausverbot. Auch juristisch setzte sich die Gesellschaft

zur Wehr, als Kecskes im Namen von Mietern die Miete kürzte. Gagfah-Leute

bezeichneten seinen Einsatz in Mieter-Sprechstunden als kriminell. Doch der

Überläufer hat sich mit „Mieter helfen Mietern“ zusammengetan – Kecskes ist

jetzt der Kontaktmann in Steilshoop, Juristen des Vereins erledigen den Rest.

40


Die Gagfah sieht keine Probleme bei der Betreuung. „Unsere Mieter wohnen

gerne in unseren Wohnungen, weil wir viel dafür tun, dass sie sich bei uns wohlfühlen“,

sagt die Sprecherin aus der Unternehmenskommunikation in Mülheim

an der Ruhr. Wie viele Mitarbeiter für die Betreuung der Hamburger Mieter

zuständig sind, will sie nicht mitteilen.

Ob die Gagfah wirklich vor dem Ruin steht, wie Kritiker behaupten, wird sich wohl

2013 zeigen. Dann muss das Unternehmen Kredite in Höhe von mehr als fünf

Milliarden Euro entweder den Banken zurückzahlen oder durch neue Kredite

ersetzen. Einige Ex-Führungskräfte glauben, dass die Gagfah sich frisches Geld

mit deutlich höheren Zinsen erkaufen müsse. Gelingt das, muss noch mehr ge -

spart werden. Gelingt es nicht, könnte es der Steuerzahler sein, der mit seinem

Geld die maroden Gagfah-Viertel retten muss.

Martin Kersting, Sprecher des Stadtteilbeirates Steilshoop, hat mitbekommen,

wie die Gagfah ihre Investitionspläne bekannt gab und wie sie die Politiker und

Bürger immer wieder vertröstete – bis die Investitionspläne schließlich ganz fallen

gelassen wurden. Sein Stadtteil sei immer ein sozialer Brennpunkt ge wesen,

sagt er, jedoch habe es durch gute Stadtentwicklungspolitik einen Erholungs prozess

gegeben. Damit ist Schluss. „Jetzt herrschen wieder Verhältnisse wie 1980“,

sagt Kersting. Regelmäßig macht er Führungen durch sein Viertel. Ein Spiel für

die Teilnehmer gehörte zu jedem Rundgang: Gagfah-Häuser raten. Doch das,

sagt Kersting, mache heute keinen Spaß mehr. Die grauen Häuser sind zu einfach

zu erkennen.

41


2. Preis


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Jürgen Dahlkamp

Gunther Latsch

Jörg Schmitt


Artikelserie „HSH Nordbank-Affäre“

(DER SPIEGEL, 30.08.2010 – 21.03.2011)

Jürgen Dahlkamp

geboren 1969 in Stockum (heute Werne)

Werdegang:

seit 1998 DER SPIEGEL

1992-1998 Frankfurter Allgemeine Zeitung

1985-1987 und 1989-1991 Studium der Journalistik an der Universität Dortmund

1984 Abitur in Werne

Auszeichnungen, u. a.:

2010 Henri-Nannen-Preis (Investigation)

2002 Leuchtturm-Preis des netzwerk recherche

1996 Theodor-Wolff-Preis

1996 Wächterpreis der Tagespresse

Gunther Latsch

geboren 1960 in Hamburg

Werdegang:

seit 1997 DER SPIEGEL

1989-1997 SPIEGEL TV

1987-1989 NDR

1980-1986 Studium

Auszeichnungen, u. a.:

2011 Nominierung Henri-Nannen-Preis (beste investigative Leistung)

2010 Henri-Nannen-Preis (beste investigative Leistung)

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Jörg Schmitt

geboren 1967 in Marburg

Werdegang:

seit 2003 Wirtschaftsredaktion DER SPIEGEL

2000-2003 Redakteur Manager Magazin

1995-2000 Wirtschaftsredaktion STERN

1994-1995 Wirtschaftsredaktion Forbes

1989-1994 Studium

Auszeichnungen, u. a.:

2011 2. Platz Wirtschaftsjournalist des Jahres

2010 Henri-Nannen-Preis Investigation

2008 Friedrich Vogel Preis

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Begründung der Jury

Stellen Sie sich vor, der Chef eines Unternehmens, das wegen einer Reihe von Fehl -

investitionen ums Überleben kämpft, hat Ärger mit der Presse und entwickelt darum

paranoide Züge. Also heuert er eine große Detektei an, die Journalisten und andere

Kritiker ausspähen soll. Weil er außerdem einen Vorstandskollegen verdächtigt, der

hätte geheime Informationen an die Medien weitergeleitet, setzen der Boss und sein

Justiziar ihren Privatgeheimdienst auf ihn an, um ihn auszuforschen. Und als dessen

Agenten nichts finden, akquirieren die privaten Ermittler einen technisch versierten

Handlanger, der eine E-Mail so frisiert, dass es so aussieht, als hätte der Mann tatsächlich

Firmengeheimnisse verraten. Der Unternehmenschef geht damit zum Aufsichtsrat,

und der zu Unrecht verdächtigte Manager verliert daraufhin seinen Job.

Aber er ist nicht das einzige Opfer der Paranoia in der Chefetage. Auch der Leiter der

New Yorker Filiale ist dem Boss im Wege. Darum setzt er einen skrupellosen Privatschnüffler

auf ihn an, der dem Mann kurzerhand Kinderpornos auf seinen Computer

speichert, die bei einer von der Konzernleitung angeordneten Durchsuchung auch

prompt gefunden werden. Natürlich wird auch der Manager in New York gefeuert.

Und mit dem Vorwurf, ein Kinderschänder zu sein, ist sein Leben gleich ganz ruiniert.

Das alles klingt so plump, dass es als Plot für einen Krimi vermutlich nicht durchgehen

würde. Aber bei der staatseigenen HSH-Nordbank passierte unter Leitung ihres außer

Kontrolle geratenen Chefs Dirk Jens Nonnenmacher genau das. Zum Glück hatten die

beiden Opfer den Rechtsstaat auf ihrer Seite. Beide wurden rehabilitiert und – auf

Kosten der Steuerzahler – mit hohen Millionenbeträgen entschädigt.

Aber, und das war der fast genauso große Skandal: Wäre es nach den Verantwortlichen

der Landesregierungen in Schleswig-Holstein und Hamburg sowie dem Aufsichtsratsvorsitzenden

Hilmar Kopper gegangen, dann hätte die Öffentlichkeit von den ungeheuerlichen

Vorgängen vielleicht nie oder nur unzureichend erfahren und Nonnenmacher

wäre womöglich gar nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Dass sie damit nicht

durchkamen, das verdanken wir den drei Kollegen Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch

und Jörg Schmitt vom SPIEGEL. Sie haben mit einer wahrlich grandiosen Recherche -

arbeit den Wahn von Nonnenmacher und die Machenschaften seiner Helfershelfer in

46


einer Serie von insgesamt 12 Artikeln Stück für Stück an die Öffentlichkeit gebracht

und damit den Druck auf die Aufseher aus den Landesregierungen so erhöht, dass sie

Nonnenmacher schließlich fallen lassen mussten.

Und obwohl ich die Bezeichnung „investigativer Journalismus“ gar nicht mag, weil in

Deutschland schon jeder Journalist als investigativ gilt, der nur seine Arbeit ordentlich

macht: In diesem Fall trifft der Begriff wirklich zu. Dieses Team war wirklich investigativ

unterwegs. Denn diese Recherche erforderte einen Einsatz, den nur wenige Kollegen

leisten. Da fanden konspirative Treffen in Wohnungen statt, die man nur getrennt

betreten und verlassen durfte, und die von neutralen Unbeteiligten gemietet werden

mussten. Da traf man sich nachts auf Parkbänken und Friedhöfen mit zweifelhaften

Gestalten, die auch gut hätten eine Falle stellen können. Oder sie wurden per SMS

des Nachts in ein Hotelzimmer gerufen, wo sie dann sechs Stunden lang einen in eng -

lischer Juristensprache abgefassten geheimen Untersuchungsbericht der einschlägig

bekannten Anwaltskanzlei WilmerHale auf Band diktieren durften. Denn Kopieren war

zu riskant, weil jedes Exemplar so gekennzeichnet war, dass der Urheber des Lecks

identifizierbar gewesen wäre.

Das sind nur die Highlights, und ich gebe zu, ich bin beeindruckt. Chapeau,

liebe Kollegen, dieser Preis ist mehr als verdient.

Vorgetragen von Harald Schumann

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Moralischer Bankrott

(DER SPIEGEL, 30.08.2010)

Die HSH Nordbank und ihr Chef Dirk Jens Nonnenmacher stehen unter einem ungeheuerlichen

Verdacht: Hat ein HSH-Team eine Kinderporno-Spur gelegt, damit

die Bank den Leiter der New Yorker Filiale billig loswerden konnte? US-Fahnder

und deutsche Bankenaufsicht ermitteln.

Die Mitteilung kam vom Vorstand, Freitag, 20. August, 16.18 Uhr, sie lief durchs

ganze Haus, sie ging an die „Lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, und wer

sie heute noch mal liest, muss sich fragen, was eigentlich schockierender an diesen

22 Zeilen ist. Die Chuzpe, mit der die HSH Nordbank ihre Mitarbeiter für dumm verkaufte.

Oder der Zynismus zu behaupten, dass diese Bank ihre Mitarbeiter liebt.

Ausgerechnet eine Bank, die, wie es aussieht, keine Skrupel kannte, Mitarbeiter

fertigzumachen. Beruflich. Und auch sonst.

Mit der Haus-Info bereitete die HSH-Spitze ihre Belegschaft darauf vor, dass der

SPIEGEL am folgenden Montag eine Geschichte bringen würde: Bevor die Bank

im April 2009 ihren Vorstand Frank Roth feuerte, fristlos, ohne Abfindung, jenen

Frank Roth also, den Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher schon lange hatte

loswerden wollen, soll ein Abhörspezialist Roths Büro verwanzt haben, sogar in

dessen Privatwohnung eingebrochen sein. Und: Die Beweise, die zum Sofortrauswurf

führten, nämlich dass Roth Bankgeheimnisse an die Presse verraten habe,

waren vermutlich falsch, gefälscht, waren ihm angehängt worden.

Von solchen Vorwürfen, so das Rundschreiben, habe auch die Hausspitze erst

vor 14 Tagen erfahren, aber jetzt werde geprüft.

Doch der HSH-Sumpf scheint noch viel schlimmer: Es gibt noch einen Fall, in

dem der Verdacht besteht, dass die Bank einen weiteren Top-Mann rauswerfen

wollte. Diesmal mit der schmutzigsten aller Methoden.

Das geht aus einem Bericht der Anwaltskanzlei WilmerHale hervor, den die Bank

selbst in Auftrag gegeben hat. Demnach läuft bei der New Yorker Staatsanwaltschaft

dazu ein Strafermittlungsverfahren gegen Mitglieder eines HSH-Teams,

darunter dem Justitiar der Bank. Sie waren an einer Razzia in der Filiale in

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Manhattan beteiligt. Zielperson: der Leiter der HSH New York, Roland K., von

dem sich die Bank trennen wollte.

Bei der Durchsuchung am 17. September 2009 wurde der HSH-Trupp prompt

fündig: Er entdeckte Kinderporno-Bilder, die er bei der New Yorker Polizei ab -

lieferte. Das hätte Roland K. nicht nur um eine Millionenabfindung gebracht,

sondern ihn in jeder Beziehung ruinieren können. Doch die Ermittlungen kippten

überraschend in die andere Richtung. Aus Sicht der US-Fahnder, so WilmerHale,

ist Roland K. vermutlich das Opfer einer Verschwörung. Und hinter allem soll

sein Arbeitgeber stehen. Auch für die WilmerHale-Anwälte spricht vieles dafür,

dass die Kinderporno-Spur vor der Razzia gezielt gelegt wurde.

Ein Desaster für die Bank: Die Staatsanwaltschaft New York führt nicht nur Justitiar

Gößmann als Verdächtigen, sondern auch Bankchef Nonnenmacher. Die Bankenaufsicht

BaFin hat in dieser Sache am Montag vergangener Woche eine Sonderprüfung

eingeleitet. Auch der Staatsanwaltschaft Hamburg liegt der rund hundertseitige

„Vorläufige Untersuchungsbericht“ der US-Kanzlei vor; die Strafverfolger

in Kiel interessieren sich ebenso dafür.

Es sollen daher auch erste Vorabergebnisse aus diesem Report gewesen sein,

die zur Entscheidung führten, Justitiar Gößmann freizustellen – ein Zusammenhang,

den Gößmann bestreitet. Jedenfalls sollte die Öffentlichkeit vom New-York-

Verfahren aber nichts erfahren. Kein Wort dazu im Schreiben an die lieben Mitarbeiter,

einzig zur Roth-Sache. Die war ohnehin nicht mehr geheim zu halten.

Natürlich rückt nun die amerikanische Affäre auch den Roth-Rauswurf in ein neues

Licht – und in das Visier der Ermittler. Roland K., Frank Roth. Ist es dasselbe Muster,

dieselbe Methode? Eine schmutzige Intrige, die möglicherweise hoch bis zu

Nonnenmacher reicht, um einen Mitarbeiter auf so billige wie bösartige Weise

zu schassen?

Die Kieler Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen Roth eingestellt – sie sah

keine hinreichenden Verdachtsmomente, dass Roth der Presse tatsächlich ge -

heime Bankinformationen zugespielt hatte. Nun steigen die Fahnder wieder ein,

nur diesmal mit einem anderen Blick: Hat die HSH die Beweise gegen Roth fingiert?

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Was dafür sprechen könnte: dieselben Namen in beiden Verfahren. Bei der Razzia

in New York half eine Juristin aus der Kanzlei des Potsdamer Anwalts Joachim Erbe

mit. Den aber hatte auch Frank Roth schon kennengelernt: Anwalt Erbe führte

Protokoll, als die Bank ihm mitteilte, er sei gefeuert. Erbe arbeitet zudem eng mit

der Münchner Sicherheitsfirma Prevent zusammen, die mit ehemaligen Polizeiführungskräften

gespickt ist und von der HSH millionenschwere Aufträge bekommt.

Und auch diese Prevent spielt in beiden Fällen eine Rolle – in den USA, bei der

Razzia, aber genauso bei Roth: Ein Subunternehmer der Prevent, Arndt Umbach,

hatte sich, so mehrere Zeugen, selbst bezichtigt, Roths Büro verwanzt zu haben

und in dessen Privatwohnung eingebrochen zu sein. Als Umbach am Sonntag

vor zwei Wochen plötzlich bestritt, je so etwas gesagt oder gar getan zu haben,

war es die Prevent, die seine Erklärung kurz danach verbreitete.

Man muss schon einen Moment innehalten: Ist das wirklich alles vorstellbar?

Bei einer deutschen Bank, hervorgegangen aus zwei Landesbanken, immer

noch zu 85,5 Prozent im Besitz der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein?

Sicher, dass die HSH Nordbank eine HSH Notbank geworden ist, dass sie am

Abgrund stand, das wusste jeder. Drei Milliarden Euro mussten die beiden

Länder für das Überleben der Bank zahlen, weil sich deren Manager verspekuliert

hatten, 40 Milliarden Euro Bürgschaften kamen noch dazu. Aber während die

staatlichen Anteilseigner voller Panik in den Abgrund starrten und gerade noch

verhinderten, dass ihre Bank hineinstürzte, hat keiner von ihnen gemerkt, dass

die HSH noch ganz anders pleitezugehen drohte. Moralisch. Und vielleicht wollte

das auch keiner merken.

So groß war nämlich die Not, dass sich die Kontrolleure der Bank bedingungslos

dem Vorstandschef Nonnenmacher ausgeliefert hatten – um seiner Fachkompetenz

willen, seiner angeblichen Fähigkeit, die Bank zu retten. Vor allem einer, der Aufsichtsratschef

Hilmar Kopper, verschweißte sein Schicksal mit dem von Nonnenmacher:

Wenn Nonnenmacher gehe, dann er mit, sagte Kopper, der damit vom

Aufpasser zum Mitmacher wurde. Dass Nonnenmacher, der Mathematikprofessor,

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Analytiker, Zahlenmann, einen besorgniserregenden blinden Fleck hatten in der

Frage, was sich gehört und was nicht, nahmen die Aufseher in Kauf. Er beharrte

auf seiner Sonderzahlung von 2,9 Millionen Euro, ohne Rücksicht darauf, dass

er damit Regierungskrisen in Hamburg und Schleswig-Holstein auslöste und tiefen

Frust unter allen in der Bank, denen er selbst den Bonus in der Krise zusammenstreichen

ließ.

Nonnenmacher geht so etwas vermutlich nicht sonderlich nahe, weil er kaum

einen nahe an sich herankommen lässt. Er fremdelt mit Menschen, mag sich nicht

öffnen, er muss sich zu Fototerminen quälen und sieht deshalb auf Fotos auch

genauso aus. Nicht mal engen Mitarbeitern erzählte er, dass er zwischenzeitlich

Vater geworden war; er hält Distanz, und vor allem: Er misstraut. „Geradezu

pathologisch“, sagt ein Bankmanager.

Schon im vergangenen Frühjahr hieß es im „Manager Magazin“, er wolle alle

anderen Vorstände austauschen; einer, der ihn erlebt hat, sagt auch: Er hat dann

keine Hand für das, was Banker ein Settlement nennen, eine Einigung im Guten,

im Frieden, mit Handschlag.

War der Bank in solchen Fällen tatsächlich alles recht, jedes Unrecht, hat sie dann

wirklich ihren Machtapparat, insbesondere die Münchner Sicherheitsfirma Prevent

und deren Zuarbeiter, hemmungslos auf Nonnenmachers Rausschmisskandidaten

angesetzt? Die HSH Nordbank und Rechtsanwalt Erbe mochten sich dazu vergangenen

Freitag auf Anfrage nicht äußern, Prevent nur insoweit, dass die Fragen in

mehreren Punkten von „unrichtigen Voraussetzungen“ ausgingen und sie aufgrund

der Komplexität des Themas mehr Zeit benötige. Der von seiner Arbeit

befreite Gößmann ließ schließlich ausrichten, er sei an keiner Aktion beteiligt

gewesen, bei der es darum gegangen sein sollte, dem New Yorker Filialleiter

Kinderporno-Material unterzuschieben. Das sei „abwegig und unzutreffend“.

Klar ist: Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt immer die Unschuldsvermutung.

Aber sollte es gleichwohl zu der Operation gekommen sein, dann würde

das bei der HSH Nordbank, mit Nonnenmacher an der Spitze, zumindest weniger

verwundern als anderswo.

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Roland K., US-Amerikaner, war seit 2002 der Leiter der New Yorker Filiale. Als

er dort 2007 Stellen abbauen sollte, mussten zwei Mitarbeiter gehen. Doch die

wehrten sich mit Sex-Vorwürfen gegen K. Er habe sich nur gegen sie und für eine

Kollegin entschieden, weil er mit ihr eine Affäre gehabt habe.

Die Bank ließ den Fall zweimal von Anwaltskanzleien untersuchen, beide Male

mit dem Ergebnis, dass K. die geschassten Kollegen nicht diskriminiert habe.

Mancher hielt die Gutachten damals für Reinwaschaktionen, andererseits: Eines

der beiden Verfahren ist mittlerweile in den USA mit demselben Ergebnis zu Ende

gegangen.

Die Lage für K. änderte sich, als im Mai 2009 deutsche Medien über die laufenden

Gerichtsverfahren der beiden Ex-Mitarbeiter in den USA berichteten – und über

Sex-Eskapaden in der Bank. Roland K. wurde zur Belastung. Eine neue Untersuchung,

von der Prüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PWC), zielte vor

allem auf Spesenrechnungen. Eine Reise mit Kunden zum Skifahren nach Wyoming

sei auffällig teuer gewesen, so der Verdacht, aber wieder sah es am Ende

so aus, als würde nichts dabei herauskommen. Das wäre nun eine schmerzhafte

Niederlage für Nonnenmacher gewesen.

Folgt man dem streng geheimen WilmerHale-Bericht, wurde es jetzt grob: Schon

im Mai 2009, als sich abzeichnete, dass PWC und eine weitere Kanzlei nicht genug

Munition besorgen könnten, traf sich demnach HSH-Justitiar Gößmann mit Mitarbeitern

der Sicherheitsfirma Prevent. Es war der Beginn des „Projekts Liberty“,

das sich die Bank gut 900.000 Euro kosten lassen sollte. Das Ziel von „Liberty“,

so soll Gößmann später reichlich unverblümt zu WilmerHale gesagt haben: Prevent

sollte mehr Tempo machen, schneller ein Ergebnis liefern als PWC. Dazu stünden

Prevent doch auch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Möglichkeiten, von

denen er besser nichts wissen wolle, um seinen guten Glauben nicht zu verlieren.

Gegenüber dem SPIEGEL bestreitet Gößmann so eine Aussage. Außerdem habe

sich die Ermittlung nicht gegen Roland K. gerichtet. Vielmehr sei es eine „neutrale

und ergebnisoffene Untersuchung der Spesenpraxis der New Yorker Niederlassung“

gewesen.

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Auch Nonnenmacher traf sich, WilmerHale zufolge, früh mit dem damaligen

Prevent-Vorstand Thorsten Mehles, um zu erfahren, wie es bei „Liberty“ stand;

später drängte er auf Resultate, unzufrieden darüber, dass auch Prevent nichts

Handfestes gegen Roland K. zu finden schien. „Liberty“ sollte die Bank von K.

befreien; es war Nonnenmachers Projekt, ein Geheimprojekt, von dem Vorstandskollegen

wie Peter Rieck nichts erfahren sollten.

Am 17. September 2009 war es so weit. Wie es bei WilmerHale hieß, hatte Nonnenmacher

für zehn Uhr eine Videokonferenz mit K. angesetzt, um sicherzugehen,

dass der im Büro sein würde. Gleichzeitig rückte ein 13-köpfiges HSH-Rollkommando

in die New Yorker Filiale ein. An der Spitze Gößmann und der Personalchef

Stefan B., dazu eine Partnerin aus der Rechtsanwaltskanzlei Erbe, der

Prevent-Mann Mehles mit vier Mitarbeitern, außerdem Computerspezialisten

einer IT-Firma, Sicherheitsleute.

WilmerHale schildert nun folgenden Ablauf: Roland K. war zwar doch nicht im

Büro, aber das Team begann damit, das Chefzimmer zu durchsuchen, alles wie

geplant. Gleich zu Beginn schlug ein Prevent-Mann vor, sich doch mal die Bilderrahmen

im Zimmer genauer anzuschauen. So ein Rahmen sei ja ein beliebtes

Versteck. Und tatsächlich: Als die Erbe-Anwältin den Rahmen mit dem Bild von

K.s Tochter aufdrückte, fand sie einen Aufkleber mit einer E-Mail-Adresse, in der

das Wort „kid“, Kind, vorkam. Daneben stand ein Begriff, der ein Passwort sein

könnte, „000ROBI“.

Eine Information, mit der die IT-Spezialisten, die sich gerade am Arbeitsrechner

von K. zu schaffen machten, schnell etwas anfangen konnten. Sie hatten zwei

dubiose Mails eines „Jan Nowak“ gefunden, in einer tauchte auch die E-Mail-

Adresse von der Rückseite des Kinderfotos auf. Mit dem Passwort vom Aufkleber

meldeten sie sich dort an und stießen gleich auf eine Mail mit Kinderporno-Bildern,

Absender jener „Jan Nowak“.

Umgehend, so WilmerHale, reichte das Team alles an die New Yorker Polizei

weiter, die ein Ermittlungsverfahren einleitete, wegen der Kinderporno-Fotos.

Doch am 22. April meldeten sich die Ermittler bei Anwälten der Bank mit dem

Ergebnis zurück: Aus ihrer Sicht sei Roland K. das Opfer einer Intrige geworden.

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Noch ist nicht klar, was die New Yorker Polizei so deutlich zu dieser Einschätzung

hat kommen lassen. Gerüchten zufolge könnte sich ein Mitglied des Teams

US-Fahndern anvertraut haben; bei WilmerHale findet sich darauf allerdings kein

Hinweis. Doch was die grundsätzliche Bewertung angeht, folgt auch der Report

den New Yorker Staatsanwälten: „Es gibt keinen belastbaren Beweis dafür, dass

Herr K. die kinderpornografischen Bilder aus dem E-Mail-Account auf seinem

Bürorechner angeschaut hat. Dagegen gibt es aber belastbare Indizien, dass

Herrn K. eine Falle gestellt wurde. Dass der E-Mail-Account von jemand anderem

erzeugt wurde. Dass der Aufkleber auf der Rückseite des Fotos von Herrn K.s

Tochter ebenso wie die E-Mails des Jan Nowak platziert wurden.“

Das Ziel laut WilmerHale: den „falschen Eindruck zu erzeugen“, K. sei der Eigentümer

des E-Mail-Postfachs mit den Kinderporno-Bildern. Doch wenn es eine Falle

war, dann schnappte sie nicht zu. Unter anderem weil ein Unbekannter aus einem

Internetcafé eine Mail von dieser E-Mail-Adresse abgesetzt hatte, als K. nachweisbar

ganz woanders war. So schnappt die Falle jetzt nach denen, die sie vermutlich

aufgestellt hatten.

Kaum hatte die Bank erfahren, dass die New Yorker Staatsanwälte Roland K. für

das Opfer, nicht den Täter hielten, erklärten die Teammitglieder ihre Unschuld:

Nein, sie wüssten nichts von einer solchen Verleumdungskampagne, schon gar

nicht seien sie daran beteiligt gewesen. Anwalt Erbe hatte das Massendementi

organisiert; nur einer aus dem Team schwieg lieber.

So mussten sich die internen Ermittler am Ende zwar damit zufriedengeben,

niemanden eindeutig überführen zu können. Dennoch notierten sie Bemerkenswertes:

Laut WilmerHale hat Gößmann schon am 22. April erfahren, dass die

New Yorker Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, aber erst am 28. April Martin

van Gemmeren darüber informiert, den für den Fall zuständigen Vorstand. In der

Zwischenzeit, vermutlich am 23. April, habe Gößmann seinen Laptop reparieren

lassen – danach seien alle Daten gelöscht gewesen.

Gößmann dementiert diesen Vorgang komplett. Erst durch van Gemmeren habe

er von den Ermittlungen in New York erfahren. „Die Unterstellung“, er habe

„bewusst Daten gelöscht beziehungsweise löschen lassen“, sei abenteuerlich.

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Vor allem aber Prevent-Ermittler Mehles, früher mal Abteilungsleiter im Hamburger

Landeskriminalamt, bekommt mit dem WilmerHale-Bericht ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Während Mehles behauptet, es sei nicht seine Entscheidung gewesen,

mit den Porno-Fotos zur New Yorker Polizei zu gehen, steht in der E-Mail eines Mitarbeiters

das glatte Gegenteil. Und während Mehles angab, erst im August von

Kinderporno-Gerüchten um Roland K. gehört zu haben, sagten Nonnenmacher und

Gößmann, das habe ihnen der Security-Mann doch schon im Juni oder Juli erzählt.

Das würde dann auch für die Vermutung im Zwischenbericht sprechen, dass es

bereits lange vor der Razzia im Team eine geheime Absprache darüber gegeben

habe, wonach sie tatsächlich suchen wollten: nicht nach Spesenbelegen, sondern

nach Kinderporno-Spuren. Nur dann nämlich, so WilmerHale, ergebe das

Zerlegen von Bilderrahmen einen Sinn.

Doch woher wollte Mehles eigentlich von Kinderporno-Gerüchten um K. im fernen

New York gehört haben? Vom FBI, sagte Nonnenmacher; das habe ihm Mehles

jedenfalls gesagt. Falsch, aus der deutschen Presseszene, so Mehles zu Wilmer-

Hale. Ständig neue Widersprüche.

Fest steht: Aus dem mutmaßlichen Versuch, Roland K. billig loszuwerden, wurde

nun die wohl kostspieligste Trennung der Firmengeschichte. Auf 2,49 Millionen

Dollar Abfindung klagte K., und noch mal auf 10 Millionen Schadensersatz. Kürzlich

einigte sich die Bank mit ihm angeblich auf 7,5 Millionen Dollar, eine Summe

irgendwo zwischen Schuldeingeständnis und Schweigegeld. Zusätzlich soll die

Bank eine Million für seinen Anwalt gezahlt haben; zusammen mit dem, was all

die eigenen Prüfer und Anwälte noch so gekostet haben, schätzt ein Insider das

Paket auf 18,5 Millionen Dollar. „Und das nur, weil Nonnenmacher sich nicht

vernünftig mit Leuten einigen kann“, heißt es aus der Bank.

Selbst wenn unklar bleibt, welche Rolle Nonnenmacher in der von WilmerHale

skizzierten Intrige spielte: Seit die Anwälte ihren Report präsentiert haben, ist

er als Chef einer Krisenbank, die auf das Vertrauen ihrer Kunden und noch mehr

auf das der öffentlichen Hand angewiesen ist, eigentlich nicht mehr zu halten.

Aber die HSH wäre nicht die HSH, wenn sie es nicht doch versuchen würde.

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Schon vergangene Woche ließ der Aufsichtsrat wissen, er halte Nonnenmacher

für entlastet; der Report bescheinige ihm, „jederzeit pflichtgemäß gehandelt zu

haben“. Wer bei WilmerHale nach so einer Aussage sucht, scheitert jedoch.

Auch Gößmann genoss Schonung. Obwohl freigestellt, behielt er nach eigener

Auskunft Zugangskarte und Diensthandy. So blieb er zumindest für Nonnenmacher

noch erreichbar, nachdem er sich in eine Klinik abgemeldet hatte.

Erst als die Bank meinte, auf öffentlichen Druck reagieren zu müssen, machte

der Vorstand im Haus bekannt, dass Gößmann vorerst kaltgestellt war. Die Rettungsstrategie

lautete nun offenbar: New York geheim halten, gleichzeitig im

Fall Roth die Vorwürfe mit aller Macht zerstreuen. Also vor allem den Vorwurf,

der Abhörspezialist Arndt Umbach habe Roth für die Bank bespitzelt, sei in

dessen Wohnung eingebrochen, habe Beweise gegen ihn gefälscht.

Die Bank bestreitet, Druck auf Umbach gemacht zu haben. Doch Zufall oder nicht:

Noch bevor der SPIEGEL vor einer Woche herauskam, fand Umbach an einem Sonntag

einen Notar, um dort schriftlich zu erklären, er habe nie etwas Illegales getan

und so etwas auch nie behauptet. Eine Kehrtwende, die der Bank gelegen kam.

Tatsächlich sind die Umstände im Fall Umbach aber nicht so, dass der Schwenk

entlastend wirkt. Zu viel spricht dagegen, dass er jetzt die Wahrheit sagt. Und

zu viel dafür, dass Roth übel mitgespielt wurde, dass auch er, wie K., offenbar

das Opfer einer Bank außer Kontrolle ist.

So wie Konzernjustitiar Gößmann diesen Fall im Ermittlungsverfahren gegen Roth

2009 darstellte, hatte Nonnenmacher Ende 2008 darüber geklagt, dass geheime

Informationen aus der Bank nach draußen sickerten. In Vieraugengesprächen

hätten sie entschieden, dem Maulwurf eine Falle zu stellen, mit einer Vorstandsunterlage.

Jeder Empfänger würde eine etwas anders markierte Kopie erhalten.

Sollte das Papier an die Presse gehen und dann zurück an die Bank, wäre klar,

wer Geheimnisse durchgesteckt hatte.

Wem aber sollte man die Falle stellen? Glaubt man Gößmann, und das ist bei

Nonnenmachers Charakter durchaus plausibel, vermutete der Vorstandschef,

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dass der Maulwurf nicht der Bank schaden wollte, sondern nur ihm. Das traute

er am ehesten seinen Vorstandskollegen zu. Auf Platz eins der Verdächtigenliste:

Roth, weil „Herr Roth weiß, dass ich ihn loswerden will“, zitierte Gößmann in

der Vernehmung Nonnenmacher.

Das Präparieren der Papiere übernahm Wim de Jong-Niehoff, ein Spezialist für

die Untersuchung von Handschriften. An einem Abend im Februar, gegen 21 Uhr,

tütete Gößmann mit Nonnenmacher vier minimal veränderte Exemplare für die

anderen Vorstandsmitglieder ein. Er selbst habe die Kopien angereicht, Nonnenmacher

sie in weiße Umschläge gesteckt und die Kuverts danach beschriftet.

Gut drei Wochen später, offenbar war das Papier nicht bei der Presse gelandet,

will Gößmann dann einen zweiten Versuch gestartet haben, diesmal mit einer

Vorstandsunterlage, die per E-Mail verschickt wurde.

Und tatsächlich: Jetzt habe es das gewünschte Echo gegeben, einen anonymen

Brief aus England an Nonnenmacher, darin: die erste Seite der Vorstandsunterlage

aus dem Februar und das jüngst per E-Mail nachgeschobene Papier. In einem

Begleitschreiben behauptete der Unbekannte, offenbar Journalist, er habe die

Blätter bekommen, um sie zu veröffentlichen. Aber da die Papiere Geschäfts -

geheimnisse der HSH enthielten, schicke er sie doch lieber an den Vorstandschef.

Die Markierungen, so Gößmann, hätten klar ergeben, dass es sich um die Unterlagen

für Frank Roth gehandelt habe. Ein Arndt Umbach aber taucht in Gößmanns

Version nicht auf.

Was so eindeutig wirkt, ist in Wahrheit so absurd, dass auch die Kieler Staatsanwaltschaft

das Verfahren gegen Roth wegen Geheimnisverrat längst eingestellt

hat. Zu der Jagd nach einem unbekannten Maulwurf passt das ganze Vorgehen

nämlich nicht, wohl aber dazu, etwas gegen genau eine Person in die Hand zu

bekommen: Roth. Gut möglich, so die Staatsanwälte, dass Roth also Opfer einer

gezielt gelegten Spur geworden sei. Allein schon, wie der Verdächtigenkreis

begrenzt wurde: Die Aufsichtsräte, die Manager der zweiten Ebene – alle hätten

auch das Leck sein können, doch sie erhielten keine markierten Dokumente.

Nur die Vorstände.

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Schon das passt alles nicht zusammen, aber am wenigsten das, was Justitiar

Gößmann über den zweiten Köder aussagte, die Vorstandsvorlage, die per E-Mail

auf den Weg ging. Auch sie, so Gößmann, habe Wim de Jong-Niehoff präpariert.

Dagegen de Jong-Niehoff in seiner Aussage bei der Kripo Kiel: „Ich kann ausschließen,

dass der Vorfall von uns bearbeitet wurde.“

Wer war es dann?

Die markierte Mail erhielten die Vorstände von der damaligen Kommunikationschefin

Michaela Fischer-Zernin Anfang März. Gößmann hatte sie zuvor eingeweiht,

dass man versuchen wolle, eine undichte Stelle zu finden; auch Nonnenmacher

hatte mit ihr gesprochen. Die Vorlage bekam sie dafür zugemailt. Ein

Unbekannter präparierte sie dann in nicht mal einer Stunde. Wer konnte das,

wenn es de Jong-Niehoff nicht gewesen ist?

Knapp fünf Monate später, am 29. Juli, traf sich Arndt Umbach in einer Hamburger

Kanzlei mit den HSH-Aufsichtsräten Olaf Behm und Rieka Meetz-Schawaller sowie

dem früheren Leiter der HSH-Konzernsicherheit. Glaubt man dem Protokoll, gab

Umbach zu, er habe im Auftrag der Bank auch diese Mail präpariert und verschickt.

Dazu stand Umbach noch am Freitag vorletzter Woche. Aber er sprach da auch

schon von Geld, das er brauche, um unterzutauchen. Zwei Tage später, am

Sonntag, änderte er seine Darstellung, seitdem ist er unauffindbar.

Seine neue Version hat ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem: Schließlich

sind die Teilnehmer des Treffens nicht die einzigen Zeugen. Direkt danach fuhr

Umbach nach Kiel zur Staatsanwaltschaft, zusammen mit dem früheren HSH-

Sicherheitsexperten.

Eine Stunde lang saßen drei Staatsanwälte Umbach und seinem Anwalt gegenüber,

es ging immer wieder um die Frage, ob Umbach bei einem Geständnis

straffrei davonkomme. Zu einer Vernehmung kam es nicht, auch weil Kiel die

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Sache an die Hamburger Staatsanwaltschaft abgab. Aber warum sollte jemand

über Straffreiheit verhandeln, wenn er gar nichts Strafbares getan hat? „Umbachs

Rückzieher hat für uns kein Gewicht“, heißt es deshalb bei Hamburger Ermittlern,

und die Kollegen in Kiel prüfen jetzt sogar, ob sie ein Verfahren einleiten gegen

Verantwortliche der Bank, wegen falscher Verdächtigung von Roth.

Diesem Vorwurf müsste auch noch ein anderer dringend nachgehen: Hilmar

Kopper, der Aufsichtsratsvorsitzende. Doch Kopper steht, in Treue erstarrt,

wo er immer schon stand: hinter Nonnenmacher. „Der Aufsichtsrat hat unein -

geschränktes Vertrauen in die Entschlossenheit des Vorstandsvorsitzenden,

derartigen rechtswidrigen Machenschaften Einhalt zu gebieten“, ließ der Aufsichtsrat

am Donnerstag nach einer Sitzung des Präsidialausschusses mitteilen.

Er gehe davon aus, dass auch Gößmann nach allen Überprüfungen „vollständig

rehabilitiert“ sein werde.

Wieder muss man einen Moment innehalten: Haben Kopper und die anderen den

WilmerHale-Bericht nicht gelesen? Oder hoffen sie nur, sie seien die Einzigen,

die ihn jemals zu lesen bekommen? Und: Wäre das Vernichten von Existenzen

durch getürkte Kinderporno-Vorwürfe in ihren Augen nur so ein Kollateralschaden

des Krisenbankings?

Er habe auch nach wie vor keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass Roth Bankinterna

an die Presse weitergegeben habe, hatte Kopper schon einige Tage zuvor bockig

behauptet. Dass Nonnenmacher in Amerika als Verdächtiger geführt wird und

WilmerHale das Vorgehen gegen Roland K. und Frank Roth ausdrücklich als Parallelfälle

bewertet, erwähnte Kopper erst gar nicht. So wenig wie die Tatsache, dass

Nonnenmacher gegen deutsches Aktienrecht verstoßen haben könnte, als er

seinen Mitvorständen Fallen stellte, ohne den Aufsichtsrat zu informieren. Dass

er sie überging, ihre Kontrolle ausschaltete – für die Aufseher offenbar alles verschmerzbar,

verzeihbar.

Nein, nie war diese Bank so am Ende wie heute.

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3. Preis


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Ursel Sieber


Gesunder Zweifel

(Berlin Verlag, 04.09.2010)

Ursel Sieber

geboren 1958 in Schorndorf-Oberberken

Werdegang:

seit 1990 Autorin für die ARD-Magazine Monitor und Kontraste

1987-1990 Parlamentskorrespondentin der taz in Bonn

1984-1987 Redakteurin der taz in Berlin

1979-1984 Studium

1976-1978 Auslandsaufenthalte in Frankreich und USA

1976 Abitur

Auszeichnungen, u. a.:

2010 Ernst-Schneider-Preis für „Endstation Chaos“

2002 Helmut-Schmidt-Journalistenpreis für „Pleiten ohne Ende“

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Begründung der Jury

Es gibt Skandale, die nur deshalb nicht als solche wahrgenommen werden, weil sie

schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten anhalten und sowohl die Politik als auch die

Medien es im Grunde aufgegeben haben, dagegen vorzugehen.

Ein solcher Dauer-Skandal ist die Plünderung der Beitragszahler der gesetzlichen

Krankenkassen in Deutschland durch die Medizin-Industrie. Jeder halbwegs auf merksame

Zeitungsleser weiß, dass es da nicht mit rechten Dingen zugeht, dass da ein

Kartell aus Konzern-Lobbyisten und Verbands-Funktionären jenseits echter öffentlicher

Kontrollen die Verteilung von dreistelligen Milliardenbeträgen unter sich aushandelt,

und dass es dabei in erster Linie um wirtschaftliche Interessen und Macht geht und

eher selten um das Wohl der Patienten oder erst recht nicht die beste Medizin auf der

Höhe der bekannten ärztlichen Kunst. Da werden Mondpreise für angeblich innovative

Medikamente bezahlt, deren Nutzen gar nicht belegt ist. Da werden massenhaft teure

Untersuchungen durchgeführt, nur um die teuren Geräte auszulasten, welche die Hersteller

in viel zu großer Zahl an Krankenhäuser und Ärzte vertickt haben. Usw. usf.

Über diese Missstände wird zwar immer wieder mal berichtet, aber es passiert nichts,

nicht zuletzt, weil die meisten kritischen Journalisten bei diesem Thema eher kurzatmig

sind. Immer wieder mal wird diese Korruption und jene Selbstbedienung aufgedeckt,

aber das war es dann zumeist auch. Die Strukturen dahinter, die solche Verschwendung

überhaupt erst möglich machen, werden kaum benannt und schon gar werden nicht

die wirklich Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.

Aber es gibt Ausnahmen von der Regel. Eine solche Ausnahme – auf Seiten des Apparats

– ist der Mediziner und leidenschaftliche Arzt Peter Sawicki. Und eine weitere

Ausnahme – auf Seiten der Medien – ist Ursel Sieber.

Als Sawicki 2004 zum Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen

berufen wurde, da schien es, als seien Reformen doch möglich. Denn Sawicki

tat wirklich, was ihm aufgetragen war: Er prüfte mit seinen Mitarbeitern Medikamente

und Therapien auf ihren wissenschaftlich belegbaren Nutzen. Und wenn es einen solchen

nicht gab, dann empfahl er, sie nicht als Kassenleistung anzuerkennen. Und er wurde

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immer häufiger fündig. Tatsächlich gibt es für 80 Prozent aller Kassenleistungen bisher

keinen wissenschaftlich sauberen Nachweis über deren Nutzen. Und bei dieser Arbeit

war Sawicki absolut unbestechlich und kompromisslos – eine Eigenschaft, die mit

den Gepflogenheiten im deutschen Gesundheitswesen offensichtlich nicht vereinbar

war. Darum wurde er über eine von langer Hand geplante Intrige im Januar 2010

schließlich abgelöst.

Das wurde berichtet, abgehakt – und vergessen. Aber Ursel Sieber wollte sich damit

nicht abfinden. Zu lange und viel zu oft hatte sie schon über das Gesundheitsunwesen

berichtet. Darum wollte sie verhindern, dass mit Sawicki die bisher größte Reformhoffnung

sang- und klanglos einfach verschwindet. Und das ist ihr hervorragend

gelungen. Ihr Buch „Gesunder Zweifel“ beschreibt eben nicht nur einzelne Fehlent -

wicklungen, sondern es erklärt an Hand des Falles Sawicki minutiös und doch leicht

zu lesen, was im deutschen Medizinbetrieb strukturell falsch läuft. Wenn Sie denken,

das wissen Sie alles schon, ich versichere Ihnen, Sie irren sich. Nach der Lektüre von

Siebers Buch sind Sie schlauer. Sollten dereinst mal wieder echte Reformer im

Gesundheitsministerium Einzug halten, hier können sie nachlesen, wo es lang geht.

Sie müssen genau da weitermachen, wo Sawicki aufhören musste.

Darum freue ich mich, dass Ursel Sieber diesen Preis heute bekommt und hoffe,

es macht ihr Mut, das Thema trotz aller Frustration nicht aufzugeben.

Vorgetragen von Harald Schumann

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Gesunder Zweifel

Einsichten eines Pharmakritikers – Peter Sawicki

und sein Kampf für eine unabhängige Medizin

In Gesunder Zweifel zeichnet die Journalistin Ursel Sieber den Einsatz von Peter

Sawicki für eine unabhängige Medizin nach. Sie zeigt, wie sich aus politischen

und wirtschaftlichen Gründen Hindernisse auftürmen, wo medizinische Fehl behandlungen

erheblichen Schaden anrichten und warum er und das Institut für

Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Deutschland

beschimpft werden, obwohl beide international hohes Ansehen genießen. Ein

Blick hinter die Kulissen des Medizinbetriebs.

Am 31. August 2010 scheidet Peter Sawicki als Leiter des Instituts für Qualität

und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) aus. Unter seiner Führung

bewertet das IQWiG seit 2004 den Nutzen von Arzneimitteln und kämpft um eine

wissenschaftlich begründete Anwendung von Medikamenten und Therapien.

Widerstand aus Gesundheitsindustrie und schwarz-gelber Politik hat eine Verlängerung

seines Vertrags unmöglich gemacht.

In Gesunder Zweifel schildert die Medizinjournalistin Ursel Sieber die Widerstände,

auf die Sawicki bei Pharma-Lobbys, Krankenhaus-Vertretern und wirtschaftsfreundlichen

Politikern gestoßen ist. Auf Basis sorgfältiger Recherchen wirft sie

einen Blick hinter die Kulissen des Gesundheitswesens: Neu am Markt eingeführte

Medikamente sind teurer und dadurch einträglich für die Industrie – haben aber

oftmals keinen Zusatznutzen und schaden manchmal sogar den Patienten.

Detailliert und anhand gut dokumentierter Beispiele aus der Therapie von

Diabetes, Demenz und Krebs berichtet Ursel Sieber von Peter Sawickis Kampf

gegen Wirtschafts- und Standesinteressen und für die Einführung einer evidenzbasierten

Medizin.

Bereits vor Erscheinen sorgte Gesunder Zweifel für große Aufmerksamkeit in

den Medien: So berichtete Der Spiegel unter Berufung auf dieses Buch über

die frühe Einmischung des Kanzleramtes in die Personalie Sawicki.

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Spezial-Preis


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Katja Thimm


Vaters Zeit

(DER SPIEGEL, 11.04.2011)

Katja Thimm

geboren 1969 in Köln

Werdegang:

seit 2009 Reporterin im Ressort Kultur/DER SPIEGEL

2000-2009 Redakteurin im Wissenschaftsressort/DER SPIEGEL

1998-2000 Redakteurin beim NDR-Fernsehen und im Auslandsressort des Stern

1995-1998 Henri-Nannen-Journalistenschule Hamburg; Rundfunkvolontariat beim NDR

1988-1995 Studium

Auszeichnungen, u. a.:

2009 Henri Nannen Preis in der Kategorie Reportage (Egon-Erwin-Kirsch-Preis)

2001 Heureka Preis für Wissenschaftsjournalismus

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Begründung der Jury

Es war in der Zeit, in der die Zahnärzte noch Dentisten hießen und sich noch nicht jeder

Deutsche die dritten Zähne leisten konnte: Wenn meine Tanten damals der Großmutter

ihre neugeborenen Enkelkinder präsentierten, dachte die alte Frau, Jahrgang 1877,

anschließend über eine anthropo-biologische Frage nach: Wie es denn komme, so

sinnierte sie, dass man gemeinhin die kleinen Kinder ohne Zähne als possierlich, die

zahnlosen Alten aber als hässlich betrachte? Die Zahnlosigkeit der Alten akzeptierte

sie unter Bezugnahme auf das Bibelwort „wenn ihr nicht werdet wie Kinder, könnt ihr

nicht ins Himmelreich eingehen“ als eschatologische Notwendigkeit; und so war,

theologisch höchst fragwürdig, aber für meine Großmutter sehr befriedigend, der

körperliche Verfall erklärt und eingebettet in die Volksfrömmigkeit.

Großmutter ist, nach einem Leben in der Großfamilie, 1962 gestorben. Sie war 77.

Seitdem hat sich unendlich viel geändert in der Gesellschaft. Die Menschen sind älter

geworden. Es sind wohl in der letzten Zeit mehr Altersheime als Kindergärten gebaut

worden. Die Generation nach meiner Großmutter, die Kriegsgeneration, stirbt im Altersheim.

Das ist das Thema von Katja Thimm. Der Vater der Autorin gehört zur Generation

der traumatisierten Kriegskinder; er war als kleiner Junge mit seiner Schwester Teil

eines ostpreußischen Flüchtlingstrecks. Über die Furchtbarkeiten, die er dabei erlebte,

hat er nie geredet. Jetzt, im hohen Alter, bricht alles aus ihm heraus, weil der mentale

Widerstand gegen diese Erinnerung zerbrochen ist. Katja Thimm schreibt das auf, sie

schreibt zart, leidenschaftlich und präzise, sie schreibt empfindsam und sachlich; sie

schafft es, die Schwierigkeiten, die sie bei der Pflege ihres eigenen Vaters erlebt hat,

zu verweben mit den Grundproblemen des demographischen Wandels.

Im Jahr 2050 werden in Deutschland mehr als vier Millionen Menschen pflegebedürftig

sein: Wie soll dann funktionieren, was schon heute, bei knapp halb so hohen Zahlen,

nicht funktioniert? Der Umgang mit den Alten ist das Megathema unserer Gesellschaft.

Katja Thimm führt uns in dieses Thema ein in einer Weise, für die man ihr unendlich

dankbar ist: Aus dem Stapel von einschlägigen neueren Veröffentlichungen ragt ihr

Beitrag nicht nur deswegen heraus, weil er ein wunderbares Beispiel für die Poetik

des Journalismus ist, sondern weil sie die Probleme der Pflege der alten Menschen

verbindet mit der Erinnerungslast der Kriegsgeneration; sie schreibt vom schweren

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Alltag und der Pflege des alten Vaters und von den schwärenden Erinnerungen an die

Kriegs- und Fluchtzeit, von den inneren Verletzungen, die nie vergehen.

Ich muss gestehen, ich habe eigentlich einen gewissen Überdruss an Ich-Reportagen,

an Erlebnis-Erzählungen, an einem Journalismus, der die Person des Autors ins Zentrum

stellt. Katja Thimms Beitrag wurzelt nun zwar in persönlichen Erlebnissen und eigenen

Erfahrungen. Aber ihr Essay ist nicht nur ein glänzendes journalistisches Gemälde all

dieser Nöte. Es ist nicht nur ein exemplarisches, ein in all seiner Individualität allgemeingültiger

Text. Katja Thimms Geschichte ist von einer Eindringlichkeit, wie sie

– aus einer ganz anderen Zeit stammend – die Bilder von Käthe Kollwitz vermitteln

können. Ihr Text ist ein Kunstwerk, das vom Umgang der Generationen miteinander

handelt. Dazu gratuliere ich Ihr mit Respekt und Bewunderung.

Vorgetragen von Prof. Dr. Heribert Prantl

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Vaters Zeit

Wenn Eltern alt und hilflos werden, vertauschen sich die Rollen: Die erwachsenen

Kinder übernehmen Verantwortung und treffen Entscheidungen für das Leben

von Mutter und Vater. Die Generationen lernen einander neu kennen. Ein Erfahrungsbericht.

Als der Rundfunkpfarrer im Radio zum gekreuzigten Jesus betet, zieht mein Vater

um. Es ist Karfreitag, im März 2005, die Sonne scheint, und Vögel zwitschern.

Ich steuere das Auto entlang der stuckverspielten Villen mit ihren Rosen und

Rondellen in den Vorgärten. Die meisten Beamten und Minister leben mittlerweile

in Berlin. Eine gediegene Behäbigkeit ist Bad Godesberg geblieben.

Mehr als dreißig Jahre lang arbeitete mein Vater in diesem Bonner Stadtteil, grüßte

morgens um acht den Pförtner des Ministeriums, das, war wieder einmal eine

Wahl vorüber, wieder einmal anders hieß. „Er arbeitet im BMJFG“, so plapperte

ich in der Grundschule, stolz, mir dieses Ungetüm gemerkt zu haben. „Im Bundesministerium

für Jugend, Familie und Gesundheit.“ Irgendwann trug es auch die

„Frauen“ im Namen, irgendwann waren mein Vater und sein Minister nur noch

zuständig für „Gesundheit“.

Manchmal, wenn er meinte, auch auf das eigene Wohlergehen achten zu müssen,

fuhr er mit dem Fahrrad ins Ministerium und setzte mit der Fähre über den Rhein.

Er besaß eine orangefarbene Pelerine, die er bei Regen überstreifte, und es störte

ihn nicht, dass sie hässlich war. Er fand sie praktisch. Meist aber nahm er das

Auto. Er brauste los im Siebengebirge und stand auf der Brücke über dem Fluss

im Stau, denn Hunderte andere Beamte der Bonner Republik hielten es wie er.

Was er genau tat in seinem Ministerium verstand ich nicht. Er ärgerte sich über

Frau Focke, Frau Huber, Frau Fuchs und Herrn Geißler – gesichtslose Namen meiner

Kindheit, doch mächtig genug, ein Wochenende zu verdüstern. Als 1994 die Ab -

geordneten den Umzug der Regierung nach Berlin beschlossen, wäre er, inzwischen

dreiundsechzig Jahre alt, gern mitgezogen. Er liebte Berlin. „Schade, dass du

zu alt bist“, sagte ich leichthin, als er die Absage erhielt; ich würde bald selbst

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arbeiten. Besuchte ich meine Eltern in den Semesterferien, konnte wie früher

ein Minister das Wochenende verdüstern, er hieß nun Seehofer und mit Vornamen

wie mein Vater, der, auch das hatte sich nicht geändert, abends wortkarg zum

Gongklang der Nachrichten aus dem Ministerium nach Hause kam. Horst Thimm

mochte es nicht, wenn jemand redete, während der Fernsehmann das Weltgeschehen

verlas.

„Lasset uns beten“, spricht der Pfarrer im Radio. In ein paar Minuten werden im

Godesberger Villenviertel die Kirchenglocken läuten, und der Westdeutsche Rundfunk

wird Nachrichten senden. Ich höre gern Nachrichten und lasse mich ungern dabei

stören. „Lasset uns beten für alle, die sich der Last ihres Lebens nicht gewachsen

fühlen, ewiger Gott, wir bitten dich.“ Auf dem Autorücksitz klappern in den Kartons

Bilderrahmen und Geschirr, dreimal Gedeck, dreimal Besteck, zwei Gläser für Bier,

vier für Wein, vier für Wasser. Ein scharfes Messer. Der Lieferwagen des polnischen

Kleinunternehmers, der beim Umzug hilft, ist bereits am Ziel. Er hat zwei Sessel

transportiert, das Bett, einen Stuhl, einen Tisch, die Regale, die Bücher. Es ist Karfreitag,

die Sonne scheint, Vögel zwitschern, und mein Vater wird fortan im Seniorenheim

leben. Im Garten dieser Unterkunft blühen violette Krokusse.

Demografischer Wandel. Pflegenotstand. Medinizischer Dienst der Krankenversicherungen.

Es werden viele Vokabeln aus dem unfassbaren Nachrichtenfluss

handgreiflich, wenn der eigene Vater in ein Heim umzieht. Vorangegangen waren

Monate der Suche.

Es wäre mir lieber gewesen, er hätte zu denen zählen können, die zu Hause Pflege

und Hilfe erhalten. Es sind dies fast so viele wie in Hamburg wohnen, 1,8 Millionen.

Es war nicht möglich. So lebt er in einer Einrichtung, und Altenpfleger, Köche,

Putzhilfen, Wäschefrauen und Sozialpädagogen teilen im Schichtdienst seinen

Alltag. Sie helfen den Bewohnern auf die Toilettenbrille, bewegen sie mit einer

elektrischen Hebehilfe vom Bett in den Rollstuhl, versehen Kleidung mit Namensschildern,

leeren Mülleimer, assistieren beim Essen oder spielen mit den Alten

Mensch ärgere Dich nicht. Es leben mehr Menschen in Deutschland in einer solchen

Einrichtung als in Frankfurt am Main, 720.000.

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Als es immer schwieriger wurde, allein in seiner Wohnung, gehörte mein Vater

zu einer Gruppe, so zahlreich wie die Einwohner von Stuttgart. Die meisten Menschen

gehören irgendwann einmal zu Stuttgart. Sie brauchen noch keine Pflege,

doch Unterstützung, denn sie scheitern an Bankgeschäften, Kleiderkäufen und

der durchgebrannten Glühbirne ganz oben in der Deckenlampe. Noch in den

ersten zwei Jahren im Altersheim zählte mein Vater zu Stuttgart.

Nie zuvor wurden in diesem Land so viele Menschen so alt. Frauen, die in diesen

Tagen ihren achtzigsten Geburtstag feiern, begehen aller Wahrscheinlichkeit nach

auch noch den neunundachtzigsten, Männer den siebenundachtzigsten. Die Zahl

der Pflegebedürftigen wird sich in vierzig Jahren auf 4,4 Millionen verdoppelt haben,

die der Demenzkranken auf 2,5 Millionen. Einmal Sachsen, einmal Brandenburg.

So lauten die Prognosen.

Nie zuvor wurden in diesem Land so wenige Menschen geboren. Sollte ich achtzig

Jahre alt werden, so alt, wie mein Vater inzwischen ist, werden mir in den Statistiken

nur noch fünf Deutsche gegenüberstehen, die jünger sein werden als ich.

Das Geld aus der Pflegeversicherung reicht, ohne eine Beitragserhöhung, noch

drei Jahre. Es deckt schon jetzt nicht alle Kosten; mancher zahlt allein für die

Pflege, die er benötigt, im Monat siebenhundert Euro selbst. Und jene, die das

nicht können, weil dann nichts bliebe für Miete und Mahlzeiten, benötigen „Hilfe

zur Pflege“, eine Art Hartz IV für Alte. Es sind bereits so viele, wie in Freiburg

wohnen, 220.000.

Der hundertfach verplätscherte Appell aus Talkshows und Sonntagsreden dröhnt,

wenn plötzlich der eigene Vater, die eigene Mutter nicht mehr können: Der demografische

Wandel ist die dringlichste Aufgabe unserer Gesellschaft! Er ist ein Gradmesser

für ihre Menschlichkeit! Mit einem Mal redet man genauso.

Und blickt um sich und sucht Unterstützung.

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Da ist Kristina Schröder; die Familienministerin will eine „Familienpflegezeit“ einführen,

jeder soll zwei Jahre lang die Arbeit auf fünfzehn Stunden in der Woche

reduzieren können, um sich den alten Eltern zu widmen. Da ist Philipp Rösler, der

Gesundheitsminister, er hat 2011 zum „Jahr der Pflege“ erklärt und will reformieren.

Ginge es nach ihm, sollte jeder in einer Art Lebensversicherung zusätzliche Rücklagen

für die drohende Gebrechlichkeit bilden. Auch die Frage, wer eigentlich

pflegebedürftig ist, will er neu beantworten. Noch addiert ein Gutachter die Minuten,

die es dauert, einem alten Menschen bei den notwendigen Verrichtungen

zur Hand zu gehen – Hilfe beim Zähneputzen, Hilfe beim Ankleiden mit Schuhen,

Hilfe beim Ankleiden ohne Schuhe. Eineinhalb Stunden am Tag ergeben Pflegestufe

1, drei Stunden Stufe 2, fünf Stunden die dritte. Doch die Not und Verlorenheit,

die Vergessen und Demenz mit sich bringen, berücksichtigen diese Rechnungen

kaum. Vor zwei Jahren schlug ein Expertenbeirat im Auftrag des Gesundheitsministeriums

Reformen vor, um das zu ändern. Sie fanden viel Zustimmung.

Seither ruhen sie.

Ohnehin ahnt jeder, dessen Eltern plötzlich nicht mehr können, dass diese

Herausforderung, dieser demografische Wandel allein staatlich finanziert und

gelenkt nie wird bewältigt werden können. Es kann nur gelingen, wenn jeder

Verantwortung übernimmt. Alle.

Längst kümmern sich mindestens vier Millionen Frauen und Männer um ihre alten

Angehörigen, bis zu 37 Stunden in der Woche. Und die Anzahl der Ehrenamtlichen,

die Senioren betreuen, steigt. Doch in der Öffentlichkeit wird selten davon ge -

sprochen. Vor allem die berufstätigen Angehörigen schweigen. Es gilt nicht als

karrierefördernd, zwischen zwei Geschäftsterminen die Windel der Mutter zu

erneuern oder eine Wechseldruckmatratze für den Vater zu besorgen.

Zu Zwei Dritteln sind es die Frauen, die Sorge tragen, es ist die alte eingeübte

Rolle. Doch der Anteil der Männer nimmt zu, und auch die Zahl jener eher jungen

erwachsenen Kinder, wie ich eines bin, wächst. Viele sind kaum vierzig Jahre alt,

manche selbst erst Eltern geworden, sie arbeiten – und plötzlich ist da noch eine

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Verantwortung. Familie und Beruf zu vereinbaren, heißt mit einem Mal, auch den

Vater, die Mutter zu versorgen.

Meist, und vielleicht birgt das die größte Schwierigkeit, sind sie wenig vertraut

mit dem Innenleben dieser Eltern. Der Vater war immer der Vater, die Mutter

immer die Mutter. Nun sind sie bedürftige Wesen und werden von mächtigen

Erinnerungen bestimmt, die sie von ihren Kindern stets ferngehalten haben.

Auch ich wusste nichts von der jahrelangen Haft meines Vaters in einem Zuchthaus

der DDR, nichts von den Leichen, die er in Brandenburg aus den Kriegstrümmern

barg, nichts von seiner Flucht aus Ostpreußen. Jedenfalls wusste ich

nichts Genaues über die Biografie von Horst Hubert Werner Thimm, Jahrgang 1931.

Ich fand ihn oft unverständlich wie seine Arbeit im Ministerium; er war karg und

großzügig, strikt und liebevoll, prinzipientreu und stur, immer zuverlässig und

manchmal schrecklich anstrengend.

Es ist die Generation der Kriegskinder, die da gerade alt wird, jene zwischen 1929

und 1945 geborenen Männer und Frauen, deren frühes Leben von Bomben, Tod,

Hunger, Flucht, Vertreibung oder der Furcht vor Vergewaltigung bestimmt war.

Zu alt, um der 68er-Bewegung anzugehören, und zu jung, um die Gräuel des

Nationalsozialismus zu verantworten, waren sie lange kein Thema gesellschaftlicher

Debatten. Sie selbst hatten früh gelernt, zu schweigen. In der Kindheit war

ihnen eine Härte gegen sich selbst gepredigt worden, die der von Krupp-Stahl

gleichen sollte. Und als alles vorüber war, und sie ihren Platz im Leben gefunden

hatten, schwiegen sie fort. Achtzig Prozent der ehemaligen Kinder dieses Krieges

haben nie von jener Zeit erzählt.

Allerdings – wer hätte ihre Geschichten auch hören wollen? Mir hätten sie noch

vor einigen Jahren nicht gefallen. Geboren 1969, wuchs ich auf mit der nationalsozialistischen

Vergangenheit Deutschlands. Ein friedensbewegter Pastor konfirmierte

mich, meine Lehrer berichteten von 1968 und linksintellektuelle Professoren

nahmen meine Universitätsprüfungen ab. Ich interessierte mich nicht für

deutsche Kriegskinder. Ich hätte es revanchistisch gefunden, mich für die Söhne

und Töchter der Täter zu interessieren. Aber sie waren Kinder. Mitten im Krieg.

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„Es fehlt uns eine vorbehaltlose vertraute Nähe zueinander“, sagt Hartmut

Radebold, der 75 Jahre alt ist und selbst ein Kriegskind. Seit Jahren forscht er

über die späten Folgen des Zweiten Weltkriegs. Der Professor für Klinische

Psychologie kennt das feinnervige Verhältnis zwischen beiden Generationen

auch aus der eigenen Familie. „Wir Kriegskinder haben unseren Töchtern und

Söhnen eine äußerlich sichere Kindheit zur Verfügung gestellt“, sagt er. „Taschengeld,

Spielzeug, Reisen – all das, was wir nicht hatten. Aber wir haben sie nach

Normen erzogen, die ihnen unzugäglich waren und die sie nicht verstehen konnten,

weil wir uns nie geöffnet haben.“

Iss den Teller leer. Geh sorgsam mit den Sachen um. Sei sparsam. Hüte dich vor

Fremden.

„Viele dieser nun erwachsenen Kinder haben uns Eltern früher so erlebt, als hätten

wir ihre alltäglichen Sorgen nicht ernst genommen“, sagt Hartmut Radebold.

„Den Ärger in der Schule, den Streit mit den Freunden. Und wahrscheinlich haben

wir ihnen auch unbewusst zu verstehen gegeben, dass sie mit solchen Kleinigkeiten

allein klarkommen müssen. Wir hatten schließlich einen Krieg überlebt.

Aber irgendwann erzählten auch die Kinder nichts mehr von ihrem Kummer. So

wussten beide Seiten oft nicht voneinander, was sie wirklich beschäftigt.“

Als sich abzeichnete, dass die Zeit für eine letzte große Reise gekommen war,

besuchten mein Vater und ich Masuren. Umgeben von den Seen seiner Kindheit,

hörte ich schließlich zu. Und er erzählte. Von dem Försterjungen, der er einmal

war, der mit der kleinen Schwester auf einen Schlitten stieg, in Kulk am Lenksee,

und sich in einen Treck einreihte, im Januar 1945. Dreizehn Jahre alt und ohne

die Eltern, der Vater war Soldat, die Mutter bei der sterbenden Großmutter im

brandenburgischen Eberswalde. Spiegelglatte Landstraßen, Hunderttausende

Flüchtlinge. Verendende Pferde, verendende Menschen.

„Und auf der Nehrung, da entluden sie alle ihre Wagen, um auf dem sandigen

Untergrund leichter voranzukommen. Überall standen Körbe mit Kochtöpfen und

Wäsche, und dazwischen Großmütter, tot, mit dem Rücken hingesetzt an einen

Kiefernbaum. Und die Kinder, Ersttagskinder, geboren auf der Flucht. Lebend

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ließ man sie hinunterfallen, weil die Mütter keine Kraft zum Stillen hatten, und

der nächste fuhr darüber hinweg. Manchmal legte sich ein Pferd zum Sterben

lang, die Fußgänger schnitten das Fleisch aus dem noch lebenden Tier. Und die

Pferde, die hatten so einen Gesichtsausdruck, als wollten sie es nicht glauben.“

„Was hast du damals gedacht?“

„Ich habe nicht viel gedacht. Man muss hier durch, irgendwie. Es war ja auch

nicht möglich, mal eben zu wenden und zurückzufahren. Der Treck hatte eine

Eigendynamik, er sah aus wie eine Ziehharmonika, kilometerlang, die irgendwo

in der Ungewissheit enden würde. Immerhin, unsere Sehnsucht, das alles zu

meistern, hatte ein Ziel: Treffpunkt Eberswalde! Da wartet die Mutter, und wenn

er den Rückzug schafft, auch der Vater. Die Brüder. Und die ältere Schwester.

Tatsächlich war sie zu dem Zeitpunkt bereits tot.“

„Wie lange warst du unterwegs?“

„Am 21. Januar, am späten Nachmittag, sind wir losgezogen. Mitte März kamen

wir in Eberswalde an.“

„Und dann?“

„Dann habe ich erst einmal gebadet. Allen Dreck wollte ich loswerden. So ein Bad

ist ja doch ein kleines Therapeutikum.“

Eine Wanne wäre schön“, sagt mein Vater, wenige Wochen vor dem Umzug in

das Altersheim. Er liegt in einem Krankenhaus, und ich sitze neben seinem Bett,

zornig, traurig über seine Badefreuden. Am Abend zuvor hat er es nicht mehr

herausgeschafft, aus der Badewanne in seiner Wohnung, immer wieder sank

sein schwerer Körper zurück. Das Wasser wurde lau, er gab warmes hinzu, doch

das Becken war bald randvoll und der Abflusspfropfen unerreichbar. So fand

ihn am Morgen die Zugehfrau.

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Ein Zimmer mit zwei Betten, ein Holzkreuz mit dem geschundenen Leib Christi,

das Haus steht in katholischer Tradition. Auf dem Nachttisch eine Karte, die Klinikverwaltung

wünscht einen guten Aufenthalt. Aus einem Schlauch tröpfelt Flüssigkeit

in seinen Arm. „Eine Wanne“, verlangt mein Vater. „Eine Wanne haben wir

nicht“, erwidert die Krankenschwester, und er sinkt zurück in die Unruhe seiner

Träume, fuchtelt in dem Luftraum über seinem Gesicht, ruft, er wolle fort, endlich

entkommen!

„Papa“, sage ich, und die Schwester sagt: „Aber Herr Thimm.“ Als er die Augen

öffnet, blickt er mich an. Er scheint mich nicht zu sehen. „Wo ist mein Sohn?

Meine Frau? Sie müssen sich beeilen.“

Er fürchtet den Tod, denke ich. Er will sie um sich wissen.

Doch mein Vater ringt nicht allein mit jenem Tod, mit dem sein septischer Körper

gerade ringt. Er sucht auch dem Tod zu entkommen, dem er als Kind entkam.

Das Krankenbett, der Schlauch, die Kanüle schließen Erinnerungen auf. Nun, da

der Körper schwach ist und der Geist erschöpft, da er sich ausgeliefert fühlt wie

der heranwachsende Junge im Flüchtlingstreck, ist er den vergessen geglaubten

Empfindungen preisgegeben. Die alten bösen Bilder erwachen. Mein Vater ist

der Wagenlenker, ein Kind noch, das um das Leben der ihm Anvertrauten bangt.

„Sie haben nicht mehr viel Zeit“, sagt er. „Ich habe nicht mehr viel Zeit.“ Dann

legt er die Hand auf meinen Unterarm. „Lange ist dies hier nicht mehr zu halten.

Erkennst du die Demarkationslinie?“

Ich rufe meine Mutter und meinen Bruder an. Sie unternehmen eine Reise und

können erst am kommenden Tag zurückkehren. „Sie sind auf dem Weg“, sage ich.

„Wo sind sie?“, fragt er, richtet sich auf, schöpft nach Luft. Ich drücke ihn aufs

Bett, die Hände auf seinem Brustkorb, der sich kaum bewegt beim Atmen, er soll

liegen bleiben, ausruhen. „Wie kannst du mich zurückhalten?“, herrscht er mich

an. „Siehst du nicht, was hier los ist?“

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„Papa“, sage ich, und er wehrt meinen Griff ab, „lass!“, flüsternd nun, und seine

Finger umklammern meinen Arm. „Da drüben. Nicht bewegen. Leise. Gefahr.“

Er sei im Krankenhaus, „in Sicherheit!“, sage ich. Meine Mutter und mein Bruder,

„in Sicherheit!“

„Gift! , schreit mein Vater und reißt an dem Infusionsschlauch.

Das Krankenhausbett eine Kampfzone. Um uns herum der Tod.

„Du brauchst die Infusion zum Überleben.“

„Weißt alles besser! Meinst, du habest alles im Griff. Doch das hier hat niemand

im Griff.“ Seine Stimme überschlägt sich, als er schreit, ich solle nicht weitergehen,

nicht über diese Linie; Männer! Plünderer! Vergewaltiger! Und flüsternd fragt

er, wo der Sohn bleibe und die Frau.

„Sie schaffen es. Und wir auch.“

„Na hoffentlich.“ Dann schimpft er über meine Leichtgläubigkeit.

Die Krankenschwester, die ich hole, sagt: „Aber Herr Thimm!“ Der junge Arzt

fühlt den Puls und blickt auf die Fieberkurve. Im Morgengrauen legt mein Vater

den Kopf auf das Kissen. Seine Finger umklammern meinen Arm. Er schläft.

Die Erinnerung an die Flucht, das verstehe ich in in dieser Nacht, ist ein Dämon, der

meinen Vater beherrscht. All die Jahre hat er den Dämon bezähmt, zog eine Schutzschicht

über die Erinnerungen und erfand merkwürdige Rituale der Versicherung.

Verreisten wir, lud er am Abend zuvor die leeren Koffer und Taschen ins Auto,

und in die Zwischenräume stopfte er Decken und Schuhe. „Probepacken“ nannte

er die Prozedur, und wir scherzten müde, „Papa, wir gehen nicht auf die Flucht.“

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Hatte alles, was wir mitnehmen wollten, theoretisch Platz gefunden, entspannten

sich seine Gesichtszüge. Er nahm die leeren Koffer und Taschen aus dem Auto,

und wir verstauten Kleidung, Bücher und Stofftiere darin. Wochentags brachte

er Brot mit nach Hause, der Laib war oft noch warm, er schwärmte für den Duft,

die frische Kruste. Gegessen hat er sie nie. Immer war da der kostbare Rest vom

Vortag. So wurde alles Brot altbackener Vorrat. Aber es lag genug im Küchenfach.

Wohin, warum, wie lange, fragte er, wenn ein Familienmitglied das Haus verließ,

und ich wütete über seine Kontrolle. Erst Jahre später verstand ich, dass ihn die

Angst trieb, uns zu verlieren, wie er den Vater und die Schwester im Krieg verlor.

Ausweise, Impfpass, Adressbuch, alles trug er stets bei sich, als müsse er im

nächsten Augenblick aufbrechen. Die braune Umhängetasche begleitete ihn in den

Skiurlaub und an die See; sie baumelte an seinem Hals, als er die Studenten -

zimmer seiner Kinder besuchte, er trug sie unter dem Anorak, sie schien seinen

Brustkorb auszubeulen, ich fand sie peinlich. Er hütet es immer noch, dieses

abgegriffene Leder. „Papas Täschchen“ nennen es mein Bruder und ich heute,

und meist klingt es zärtlich. Papas Täschchen ist eine Reliquie. An manchen

Tagen findet sich nun ein Butterbrot darin, das mein Vater für den Notfall hortet.

Es ist an der Zeit, Hartmut Radebold noch einmal zu befragen. „Das sind typische

Verhaltensweisen von Kriegskindern, die sie für völlig selbstverständlich halten“,

sagt der Professor für Klinische Psychologie. „Sie verwahren, was sich noch einmal

verwenden lassen könnte, alte Fäden, gebrauchtes Geschenkpapier; sie essen

alles auf, sie suchen in fremden Umgebungen den Notausgang.“ Äußerlich freundlich,

bleiben sie lebenslang misstrauisch. Der Argwohn, der nächste Augenblick

könne schlimmes Unheil bereithalten, verlässt sie nie.

Dreißig Prozent dieser Generation gelten als traumatisiert. „Diese Männer und

Frauen tragen eine Decke aus Beton in sich“, sagt Hartmut Radebold. „Sobald

sie sich bedroht oder abhängig fühlen, bröckelt der Beton. Oft überfluten sie

dann Angst und Panik.“

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Ein schwerer Unfall kann der Auslöser sein, der Verlust eines Verwandten, ein

Krankenhausaufenthalt. Auch Demenz bereitet dem Schrecken Einlass; das kranke

Gehirn verliert zunehmend die Fähigkeit, die verdrängten Erinnerungen zu zähmen.

Dann genügen manchmal schon ein Geräusch oder ein Fernsehbild der zerstörten

Dresdner Frauenkirche, um Angst und Panik zu entfachen. Und es kann bereits

einen Schutz bedeuten, wenn die Menschen drum herum weiche Schuhsohlen

tragen statt harter Absätze, deren Klang an Stechschritte erinnern.

„Ihr Vater ist früh dran“, sagt Hartmut Radebold. „Den meisten Kriegskindern steht

die Hilfsbedürftigkeit noch bevor. Sie sind jetzt zwischen 66 und 81 Jahre alt,

und Hinfälligkeit beginnt überwiegend erst nach dem achtzigsten Geburtstag.“

Viele wird die Gebrechlichkeit mit einer Wucht treffen, die sie nie für möglich

gehalten haben. Ihr Körper hat immer funktioniert, bei bitterem Mangel, unter

größten Strapazen, sie kennen ihn als eine funktionierende Maschine, die sich

mit Medikamenten ölen lässt. Nun, mitten in Frieden und Wohlstand, verlieren

sie ihn als Verbündeten. Sie werden abhängig, sie wehren sich. Die Hilflosigkeit

früherer Zeit soll sie nie mehr einholen.

An einem Morgen im Frühling 2008 klingelt in meinen Schlaf das Telefon. Ein

Angestellter des Altersheims teilt mir mit, dass ein Notarzt Horst Thimm in ein

Krankenhaus eingeliefert habe. „Nichts Schlimmes“, sagt er. „Aber der Mann

braucht mehr Betreuung.“

Mein Vater wird entlassen, bevor ich ihn besuchen kann. „Ich bin weiterhin gegen

eine Pflegestufe“, erklärt er, als wir telefonieren. „Je mehr Hilfe man bekommt,

desto mehr Hilfe braucht man.“

Ich muss arbeiten, mein Bruder lebt in der Schweiz, meine Mutter kann meinen

Vater nicht betreuen – aber so geht es nicht weiter. Am Wochenende, da können

wir uns treffen, beratschlagen, wenigstens ein Anfang. Er kommt uns zuvor. Wieder

leuchtet die Bonner Vorwahl auf dem Display, diesmal ist es eine der Schwestern

des ambulanten Pflegedienstes, die ihn morgens, mittags und abends mit Medi-

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kamenten versorgen. Sie hat ihn bäuchlings auf dem Teppichboden vorgefunden

und am Vortag nass und ausgekühlt im Duschraum. Die Schwester klagt mich an.

„Ihr Vater war sehr traurig. Er hat gefroren, er hat nicht getrunken. Er hat sich nicht

angezogen, er hat nicht gefrühstückt. Station 2“, sagt die Schwester, „er muss

endlich auf Station 2.“

Station 2 ist der Pflegebereich im zweiten Stock des Heims, da wachen Schwestern

und Pfleger Tag und Nacht über die Bewohner. Mein Vater hat einmal den Aufzug

genommen und Station 2 besichtigt. Eine Frau lebt dort, die dauernd auf einen

Tisch klopft. Eine andere stöhnt pausenlos, eine dritte webt immerzu mit dem

Kopf. „Holen Sie mich weg!“, ruft diese Frau, sobald sie einen Menschen erblickt.

Es gibt auch einen Mann auf Station 2. Er scheint niemanden wahrzunehmen.

Mein Vater wehrt sich. Er bittet um Aufschub. Er spricht von Würde. Wir argumentieren

stundenlang.

Ich erinnere mich an seine Erleichterung, als er die Hürde in das Altersheim ge -

nommen hatte, an die Entschlossenheit, diese Bleibe aber wirklich erst wieder

zu verlassen, wenn man ihn mit den Füßen zuerst hinaustrage. Er glaubte damals,

nie mehr aus seinen beiden Zimmern ausziehen zu müssen. Zweimal noch fahren

ihn Sanitäter in ein Krankenhaus, bevor Blaulicht und Notaufnahmen seinen

Widerstand ermatten. „Antrag auf Feststellung einer Pflegestufe“, heißt das

Formular, das wir dann ausfüllen. Doch das Versprechen, die vertrauten Zimmer

weiterhin bewohnen zu können, nimmt mir mein Vater ab.

Als der Tag gekommen ist, den er so lange abgewehrt hat, wirkt er vergnügt.

Trotz des warmen Sommers hat er ein Jackett in gedecktem Grau gewählt und

eine Krawatte umgebunden. Aufrecht wartet er im Sessel auf die Ärztin vom

Medizinischen Dienst der Krankenversicherung. Das Signal, das er so darbietet,

ist unübersehbar: Herr Horst Thimm ist ohne Zweifel in der Lage, mit vollem

Einsatz um die nächste Partie seines Lebens zu spielen.

82


Ob die Ärztin es wohl als Bestechung auffassen könne, wenn er ihr einen Kaffee

anbiete, fragt er mich. Oder einen doppelten Espresso. Wie die meisten Bewohner

hat er die Formeln modernen Kaffeetrinkens erst in der Caféteria des Altersheims

kennengelernt. „Oder dieses Milchkaffeegesöff? Wie heißt das gleich?“

„Cappuccino.“

„Nee, das andere.“

„Latte macchiato?“

„Genau. Russisch Kakao gibt es ja leider nicht.“

„Der wird ja auch mit Alkohol zubereitet.“

„Und Alkohol ist nichts für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung.

Aber wenn das Hauptgeschäft hier erledigt ist, können wir zwei in der Rheinaue

Russisch Kakao trinken.“ Er überlegt, dies gleich anfangs kundzutun, um den

Termin zu beschränken.

„Ich möchte dich nicht desillusionieren“, sage ich. „Aber wenn die Ärztin da

war, kommt die Schwester mit der Insulinspritze, und dann ist Abendbrotzeit.“

Unverständnis zieht über sein Gesicht. Solch kleinkarierte Einwände an solch

einem Tag. „Du bist doch sonst nicht so unflexibel“, antwortet er mir.

Die Ärztin möchte keinen Kaffee. Keinen Cappuccino, keinen Latte macchiato.

Nicht einmal Wasser mag sie trinken, dabei ist die Temperatur draußen auf über

dreißig Grad gestiegen.

„Herr Thimm, wie lange wohnen Sie schon hier?“

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Als wolle er sie unterhalten wie ein Conférencier, holt mein Vater aus. Wie er bei

sibirischen Minusgraden nachts in den Rabatten vor seiner alten Wohnung gelegen

habe, ausgerutscht. Wie es dort, nach einigen Stunden, doch sehr kalt wurde.

Wie ein Arzt ihn im Krankenhaus entgegen aller Erwartungen wieder hinbekommen

habe, zum zweiten Mal. „Und seither wohne ich hier“, schließt er und lächelt sie

an. „Und genieße den Blick auf den Baum vor dem Fenster.“

„Brauchen Sie, neben dem Spritzen des Insulins, noch andere Hilfe?“

„Die Schwestern haben es übernommen, die Gummistrümpfe anzuziehen und

auszuziehen.“

„Können Sie stehen?“

„Ich kann stehen. Es kommt allerdings schnell der Moment, in dem ich wieder sitze.“

„Klingeln Sie um Hilfe?“

„Nein. Wenn ich falle, hangele ich mich an einem Band am Bettpfosten hoch.

Ich habe da ein eigenes System entwickelt.“

Die Ärztin erkundigt sich nach den Medikamenten. Er hat die Frage erwartet und

zieht ein Blatt Papier aus der Brusttasche. „Meine Güte“, sagt sie, als sie die Liste

überflogen hat. „Man wird ein Medikamentenlagerhaus“, erwidert mein Vater.

„Das ist der Schatz des alten Mitmenschen.“ Dann erhebt er sich, mühsam,

aber ohne innezuhalten, nickt ihr zu und kramt in einem der Kartons im Regal.

„Wäre für Sie denn wohl ein weißer Burgunder gut?“, fragt er schließlich.

„Ja, der wäre gut“, entgegnet die Ärztin. „Aber ich nehme ihn nicht. Ein Gutachter,

der eine Flasche Wein mit nach Hause nimmt, der wäre das Letzte.“

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Bevor sie sich verabschiedet, teilt sie ihm das Ergebnis mit. „Pflegestufe 1. Der

Bedarf ist gegeben, dass jemand für Sie da ist, wenn Sie ihn brauchen, und Ihnen

außerdem morgens und abends beim Waschen und Ankleiden hilft. Wie lange

sich das in diesen Räumen realisieren lässt, ist eine andere Geschichte. Das

müssen Sie leider selbst organisieren.“

„Keine unangenehme Person“, sagt mein Vater, als sie gegangen ist. „Und mit

dem Wein, da wollte ich sie ein bisschen testen.“

Mein Vater schläft an diesem Abend mit dem Gefühl ein, das Spiel des Lebens

doch noch irgendwie zu meistern. Schließlich hat die Ärztin nicht von Station 2

gesprochen. Ratlos betrachte ich, wie er die ersten Vorbereitungen für die Nachtruhe

trifft, wie er mit dem rechten großen Zeh die Socke vom linken Fuß schiebt,

so hat er es sich angewöhnt, seit ihm das Bücken schwerfällt. Ich weiß nicht,

wer dieser jemand sein soll, morgens und abends und allzeit abrufbereit. Die

Schwestern vom ambulanten Pflegedienst jedenfalls können es nicht leisten.

Wir werden suchen müssen.

Als ich ihm eine gute Nacht wünsche, bedankt er sich für alle Unterstützung.

„Nur eines noch“, sagt er dann. „Die tägliche Körperpflege, die würde ich schon

gern weiterhin allein regeln.“

Wie machen es nur die anderen? Henning Scherf, der frühere Bremer Bürgermeister,

und seine Frau haben sich in einer Wohngemeinschaft mit Freunden

zusammengeschlossen. Er ist 72. Seine Kinder sollen ihm den Vogel gezeigt

haben, aber die Freunde wollen sich, so lange es geht, gegenseitig unterstützen.

Andere ziehen gleich mit jungen Menschen in ein Mehrgenerationenhaus. Doch

noch ist das ein seltenes Modell.

Die meisten alten Frauen und Männer harren bis zum letzten Moment in ihrem

vertrauten Zuhause aus. Es geht in vielen Heimen weniger freundlich zu als in

der Bleibe meines Vaters. In manchen Einrichtungen werden die Alten mit Medi-

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kamenten ruhiggestellt, damit sie nicht verwirrt umherlaufen. Es wird das Bettzeug

nicht regelmäßig gewechselt, es reagiert niemand auf den Notruf. Und

immer wieder überfordern die Erinnerungen der alten Menschen die Pfleger und

Schwestern, die aus Polen und aus Weißrussland stammen, aus Ecuador, der

Ukraine oder der Türkei. Sie kennen andere Erzählungen vom Krieg als jene,

die ihre Schutzbefohlenen in sich tragen, ihre Verwandten haben auf anderen

Seiten gekämpft, Begriffe wie Haff oder Bomben gehören nicht zu ihrem Sprachschatz.

Nicht jedem gelingt es, die bösen Bilder mit Herzlichkeit zu durchdringen.

Ein Psychologe, der sich mit der Seele alter Menschen auskennt, ist, obwohl un -

umstritten wichtig, selten im Stellenplan eines Heims vorgesehen.

Oft sind nicht einmal die sieben Mindestanforderungen erfüllt, die der Sozial -

pädagoge Claus Fussek formuliert hat, ein lautstarker Kritiker der Zustände:

Nahrung und Flüssigkeit nach Wunsch und Bedarf. Angemessene Unterstützung

bei den Ausscheidungen. Angemessene Körperpflege. Aufenthalte an der frischen

Luft. Freie Wahl des Zimmernachbarn. Anrede in der Muttersprache. Die Sicherheit,

dass in der Todesstunde jemand die Hand hält.

Eigentlich nicht zu viel verlangt.

Eine Frau kenne ich, 57 Jahre alt, die hat ihre Mutter aus einem Heim einfach

wieder herausgeholt. „Wäre sie noch dort, sie wäre längst erstickt“, sagt diese

Tochter. Die Mutter erhielt damals Nahrung durch eine Magensonde, dauernd

erbrach sie, ständig war der Rachen verschleimt. Seit zwei Jahren lebt die alte

Dame wieder auf ihrem Bauernhof. Sie isst und trinkt und feierte vor zehn Wochen

ihren zweiundneunzigsten Geburtstag.

Die Tochter hat eine Agentur in Polen beauftragt, sie zahlt monatlich 260 Euro

Gebühr und 1200 Euro an die Frau, die bei der Mutter wohnt. Es sind zwei Polinnen,

alle acht Wochen wechseln sie sich ab. Offiziell gelten sie als Haushälterinnen.

Denn pflegen dürfen sie als unqualifizierte Arbeitskraft nicht.

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Die Tochter lebt und arbeitet in einer Großstadt, zwei Stunden Autofahrt entfernt,

sie fährt beinahe jedes Wochenende. Manchmal ist dann der Garten umgestaltet,

oder die altbewährten Handwerker sind verärgert. Dann bewundert die Tochter

gefasst die neuen Ziersträucher und verkneift sich auch die Frage nach den un -

erledigten Reparaturen. „Die Polinnen sind jetzt die Herrinnen im Haus“, sagt

sie. „Aber ich brauchte eine Lösung – und ein Heim sollte es nie wieder sein.“

Einen Sohn kenne ich, 58 Jahre alt, der in der Zeit der Studentenproteste mit

seinem Vater gebrochen hat. Nun streitet dieser Sohn dagegen, für den Vater

aufzukommen. Nicht selten bestimmen die alten Konflikte zwischen 68ern und

ihren Eltern noch das Alter.

Die meisten erwachsenen Kinder aber sagen, dass sie die Eltern am liebsten in

einer häuslichen Umgebung betreut wissen wollen. Es ist auch volkswirtschaftlich

die günstigste Lösung – jedenfalls so lange die Pflegenden durchhalten. Mehr

als der Hälfte schmerzt der Rücken. Ein Viertel leidet an Schlafstörungen, ein

Fünftel an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und an Magenproblemen. Die Zahlen

gelten bereits für Vierzigjährige.

Viele verlieren Freunde und Bekannte. Sie finden wenig Zeit für Kaffeestündchen

oder ausgiebige Telefonate. Allein den monatlichen Schriftverkehr zu erledigen,

Widersprüche, Abrechnungen, zehrt einen Sonntagnachmittag auf. Und auch

der Urlaub ist oft Pflegezeit.

Achtzig Prozent der pflegenden Töchter und Söhne fühlen sich „sehr belastet“.

Sie sagen, das Gefühl dauernder Zeitnot und die emotional schwierigen Situationen

bedrückten sie am meisten. Die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt,

seelischer oder körperlicher, gegen alte Menschen liegt bei mindestens zehn

Prozent. Es ist schwer auszuhalten, wenn einer, der einem nahesteht, inmitten

seiner Hilflosigkeit schreit, schlägt und spuckt. Manchmal überwiegt das Gefühl

von Überforderung derart, dass ein Platz im Altersheim doch die beste Lösung

für alle bedeutet. Aber selbst wenn die eigentliche Pflege, das Betten, Waschen,

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Ankleiden, andere leisten, reihen sich die schwierigen Momente aneinander. Es

ist auch schwer auszuhalten, wenn einer gerade in jenen Stunden, die man sich

mühsam für ihn freihält, schlecht gelaunt ist oder in einer fernen Welt des Vergessens

weilt.

Der Umgang mit den bedürftigen Eltern verlangt Tugenden, die jedem durch -

geplanten Alltag widersprechen: Zeit, Muße und die Geduld, zu ertragen, was

eigentlich gerade unerträglich ist. Jeder Moment hängt von der Tagesform ab –

und je hinfälliger ein Mensch wird, je mehr sich vielleicht auch eine Demenz entwickelt,

desto weniger ist diese Tagesform zu beeinflussen oder vorherzusehen.

An einem Abend, ich will nicht lange bleiben, ich habe noch etwas vor, bittet

mein Vater mich um einen Pullover. Inzwischen, im Dezember 2008, bewohnt er

ein Zimmer im zweiten Stock. Es gehört zu Station 2.

Er trägt einen Schlafanzug und liegt bereits im Bett. „Den blauen Pullover“, sagt er,

„den will ich anziehen.“

„Ist dir denn kalt?“

„Nee. Aber ich muss ja noch rüber zu mir, über die Straße.“

„Das musst du doch gar nicht.“

„Natürlich.“ Unwirsch strampelt er die Bettdecke weg.

„Aber Papa, guck dich mal um. Was siehst du?“

„Eine Wand.“

„Und daran?“

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„Bilder.“

„Deine Bilder.“

„Natürlich meine Bilder. Sie zeigen Kulk am Lenksee.“

„Das bedeutet doch, dass du in deinem Zimmer bist. Wo sollten sie denn sonst

hängen? Möchtest du vielleicht den Fernseher anschalten, für die Nachrichten.“

„Nee.“

„Gibt es noch etwas, was ich für dich tun kann?“

„Ja, den Pullover.“

Ich denke an Schnupfen, Lungenentzündung, Krankenhaus und beginne von vorn.

Ich bin nicht in der Lage, anders zu reagieren.

„Ist dir doch kalt?“

Seine Stimme wird laut. „Nein. Ich möchte ihn haben. Und, Herrgott sakra,

ich kann ihn mir nicht allein holen. Du weißt das.“

Ich reiche ihm den Pullover. „Ich will etwas am Körper haben“, sagt er, während

er versucht, ihn über den Kopf zu ziehen.

„Dann ist dir doch kühl?“

„Ja“, sagt er. „Ja!“

Ich helfe ihm in den Pullover. Bloß kein Krankenhaus. Mein Vater streicht über

den wollenen Stoff. „Eine Hose habe ich aber noch nicht“, sagt er dann.

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„Aber die brauchst du im Bett doch wirklich nicht.“

„Im Bett nicht. Auf der Straße schon.“

Mein Vater schiebt die Beine aus dem Bett. Die Luft in seiner Matratze schaukelt,

wenn er sich bewegt, sie ist für Menschen gedacht, die viele Stunden am Tag

liegen. Bei heftigen Bewegungen verursacht die gequetschte Luft Geräusche.

Sie klingt immer lauter an diesem Abend.

Wir auch.

„Papa, bitte! Es ist doch Schlafenszeit!“

„Ja, eben! Deshalb muss ich hier raus!“

„Ja, eben nicht! Wenn Schlafenszeit ist, bleibt man im Bett! Und ich muss da jetzt

auch hin, und deshalb verabschiede ich mich.“

„Du willst gehen? Und ich soll hierbleiben?“

„Das ist doch dein Zimmer.“

„Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören. Du wirst mir ja wohl nicht die Möglichkeit

verwehren, am Ende des Tages in meine Wohnung zurückzukehren.“

Die Nachtschwester rettet uns. Es ist eine von den resoluten. Sie trägt einen strähnigen

Pferdeschwanz, ihr Kittel riecht nach Arbeit, und sie findet den richtigen Ton.

„Na, Herr Thimm, wo wollen Sie denn hin?“, fragt sie.

„Na, in meine Zimmer“, antwortet er.

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„Sie sind doch hier zu Hause, in Ihrem Bett, in Ihrem Zimmer.“

„Also ich kann mich mit dieser Interpretation nicht anfreunden“, entgegnet ihr

mein Vater. „Ich meine, ich gehöre ins Erdgeschoss.“

„Sie müssen sich nicht ins Erdgeschoss begeben, Herr Thimm. Heute geht es

nirgendwo mehr hin.“

Als er nach der braunen Umhängetasche greift, die er auf dem Nachttisch verwahrt,

greift auch die Schwester zu. „Geben Sie mal her“, sagt sie. „Die lege ich hier auf

den Tisch. Sonst erhängen Sie sich nachts noch damit. Und erhängte Leichen am

Morgen hab ich nicht so gern.“

„Dann kriegen Sie einen Schreck“, sagt mein Vater. „Wenn einer der liebenswürdigsten

Bewohner sich an der eigenen Tasche aufhängt.“

Erleichtert schließe ich die Tür. Und fliehe aus dem Altersheim.

Die Politik verliert sich in Profilierungskämpfen“ sagt Jürgen Gohde. „Aber das

Thema eignet sich nicht für Machtspielchen. Wir reden über Menschen.“

Der Theologe sitzt dem Kuratorium Deutsche Altershilfe vor und leitete auch jenen

Beirat, der vor zwei Jahren die Reformvorschläge an das Gesundheitsministerium

übergab. Er ist überzeugt, dass sich das Leben von Pflegebedürftigen und ihren

Angehörigen mit Hilfe der vorliegenden Konzepte besser gestalten ließe. „Es

müssen nur alle wollen.“

An Absichtsbekundungen mangelt es nicht. Auch Männer sollten gezielt an den

Pflegeberuf herangeführt werden, sagt zum Beispiel der Gesundheitsminister, er

hofft auf den neuen Bundesfreiwilligendienst. Und er will all jene besser stellen,

die ihre Angehörigen zu Hause pflegen. Ihr Einsatz solle bei der Bemessung der

Rente berücksichtigt werden, findet er.

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„Wir müssen die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf fördern“, sagt Ursula Lehr.

„Dann kann der demografische Wandel gelingen. Ich baue zudem auf die Männer

und rechne damit, dass die neuen wickelnden Väter auch pflegende Söhne sind.“

Die Altersforscherin war im Kabinett von Helmut Kohl Familienministerin und ist

nun, achtzig Jahre alt, Vorstandsvorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft von

mehr als hundert Seniorenorganisationen. Sie trägt einen pinkfarbenen Blazer

und schweren Silberschmuck, sie hält noch beinahe täglich einen Vortrag, und

sie weiß alle Daten auswendig.

Seit 1997 ist die Zahl derjenigen, die wegen eines hilfsbedürftigen Familien mitglieds

weniger arbeiten, von 26 auf 36 Prozent gestiegen. 47 Prozent der Pflegenden

sind überhaupt nicht erwerbstätig. Das aber, sagt Ursula Lehr, könne in Zeiten

des Fachkräftemangels doch dauerhaft kein Weg sein. „Außerdem zeigen die

Studien, dass Angehörige eine bessere Lebensqualität behalten, wenn sie intensiv

auch andere Aufgaben wahrnehmen.“

So ist die Frage, welchen Platz diese Gesellschaft den Alten einräumt, auch eine

an die Arbeitgeber. Ursula Lehr schlägt ihnen vor, das Kantinenessen an die alten

Eltern ihrer Mitarbeiter liefern zu lassen, und sie kann sich Seniorentagesstätten

vorstellen, die an ein Unternehmen angebunden sind wie ein Betriebskindergarten.

Auch die „Familienpflegezeit“, das Projekt der heutigen Familienministerin, hält

sie für sinnvoll. Wie ein Sabbatical sollten Arbeitgeber diese Phase handhaben,

meint Kristina Schröder. Der Angestellte bezieht zwei Drittel seines Lohns, und

wenn er wieder mit voller Stundenzahl arbeitet, verdient er so lange weniger, bis

sein Gehaltskonto ausgeglichen ist. Sie ist beschimpft worden für ihren Vorschlag.

Unzumutbar für Arbeitgeber, fanden die einen, völlig unzureichend, meinten die

anderen. Eine Pflege sei doch nicht planbar nach zwei Jahren beendet. Außerdem

müsse man solch eine Familienleistung ähnlich vergüten wie die Elternzeit. Und

überhaupt: Wo stehe denn geschrieben, dass sich jeder um die alten Eltern kümmern

wolle? Aus der Sicht jener aber, die es wollen, ist die Idee verlockend. Immerhin

ließen sich so unbelastet vom Arbeitsalltag beste Lösungen und eine neue

Routine finden.

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Einige Arbeitgeber bieten ihren Angestellten bereits andere familienfreundliche

Leistungen – auch weil sie Gedanken, Engagement und Kraft im Unternehmen

halten wollen. Sie kaufen „Eldercare“ bei Dienstleistungsfirmen ein, Seniorenbetreuung

im Paket. Ganze Abteilungen in diesen Firmen sind damit beschäftigt,

häusliche Pflege zu organisieren, Widerspruch gegen Versicherungsbescheide

einzulegen, geeignete Altersheime zu suchen oder eine Putzhilfe, die mit der

wunderlichen Mutter zurechtkommt. Der „pme Familienservice“ beispielsweise

versorgt 370 Firmen mit „Eldercare“, darunter den Norddeutschen Rundfunk,

Ikea und H&M. „Wir haben Anfragen von Menschen in Lübeck, deren Eltern im

Bayerischen Wald wohnen“, sagt die koordinierende Psychologin Christine Jordan.

„Wir beraten dann die Kinder in Lübeck, und unsere Zweigstelle im Bayerischen

Wald forscht nach der entsprechenden Hilfe.“

Auch neue Arten des Wohnens könnten Angehörige entlasten, vor allem in jener

Phase, in der alte Menschen noch keine Pflege, aber Unterstützung brauchen.

Eine Lieblingsidee von Ursula Lehr ist der Gemeinschaftsraum in jedem Mehrfamilienhaus.

Ein Tisch und ein Kühlschrank mit Bier und Saft sollten sich darin finden,

Kreide und eine Schreibtafel: Morgen kaufe ich ein, wem soll ich was mitbringen?

Ich muss am Samstag um drei zum Zug, fährt jemand Richtung Bahnhof? Mir fehlt

die Glühbirne im Deckenlicht, kann die jemand einschrauben?

„Wir werden niemals ohne professionelle Pfleger auskommen und auch nicht ohne

Altersheime“, sagt Jürgen Gohde. Im Gegenteil: Schon weil die Zahl der kinderlosen,

auf sich gestellten Paare zunimmt, wird der Bedarf steigen. „Aber wir dürfen

uns nicht allein auf Institutionen verlassen. Wir müssen um jeden Nachbarn, um

jeden Ehrenamtlichen werben.“ Nur sie können das Unbezahlbare geben – Zeit.

„Wir brauchen den Menschen in der Pflege“, sagt Jürgen Gohde.

Der Organismus ist an seinem Ende angelangt“, erklärt der Hausarzt an einem

freundlichen Tag im Sommer 2009. „Wir machen jetzt nur noch palliativ.“

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Die Frau, die sich im Altersheim um Palliativpatienten kümmert, kommt mit einem

Golden Retriever. Der Hund ist ausgebildet für den Dienst, den er leisten soll. Er

klettert auf einen Stuhl, damit Horst Thimm ihn besser sehen kann, und schiebt

den Kopf in dessen Hand. Dann schließt mein Vater die Augen.

Zweieinhalb Tage lang bewegt er sich nicht. Er liegt da, in ein hellblaues T-Shirt

gekleidet, das weiße Haar noch immer dicht, er atmet flach und bewegt sich nicht.

Meine Mutter und ich wechseln uns ab. Als er sich räuspert, nach zweieinhalb

Tagen, ist es gerade meine Zeit. „Katja“, sagt er. „Gibst du mir etwas zu trinken?

Ich habe schrecklichen Durst.“

Seither hatte mein Vater gute und schlechte Tage, er sagt, sie halten sich die

Waage. Er weint oft, und er lächelt oft, und anders als in meiner Kindheit zeigt

sich sein Gemüt meist so weich, wie es ist. Viele Stunden lang liegt er in seinem

Bett, und jeden Tag erlebt er sein Leben. Besuche ich ihn, kann es passieren,

dass er mich ungeduldig und freudig empfängt. Aber möglich ist auch, dass er

mich wieder wegschickt. Einmal störte ich mitten in einer Dienstsitzung. Angetan

mit einem gebügelten Hemd, saß er im Rollstuhl vor dem Fernsehapparat. Mit

einer ausholenden Handbewegung wies er auf mich. „Meine Tochter“, so stellte

er mich einer imaginären Runde vor.

Ja doch, antwortete er gleich darauf in meine Richtung, eine Birnensaftschorle

nehme er gern, aber dann müsse ich mich wirklich verabschieden. „Wie du siehst,

werden hier gerade Konzepte für eine Erweiterung des Jugendschutzgesetzes

verhandelt. Nimm es nicht persönlich, aber die Versammlung braucht Ruhe.“

Mit der gleichen Ernsthaftigkeit beobachtet er Scharfschützen auf den Zinnen

am Haus gegenüber. Dann kann es geschehen, dass er weint, wenn ich ihn be -

suche, weil er mich eben noch tot auf dem Boden liegen sah, erwürgt von Partisanenkämpfern,

und im Sessel, unter der rot-weiß-gestreiften Decke, zerschossen

meinen Bruder. Ich reiche ihm in solchen Augenblicken seine Brille. Nicht

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immer lässt er sich davon ablenken. Aber manchmal sagt er doch, er müsse

wohl dringend mal einen Optiker aufsuchen.

Häufig bemühen wir die unbeschwerten Jahre seiner Kindheit. Ich habe mich

verbündet mit Ostpreußen, jener Gegend, die ich früher nicht beim Namen

nennen wollte, weil es so heimatvertrieben klang. Beim Online-Versandhandel

werde ich nun als „lieber Freund einer vergessenen Vergangenheit“ geführt,

doch meinem Vater helfen die Bildbände und CDs, die Erinnerungen zu finden,

die ihn bergen.

Immer noch lebt er an vielen Tagen in der Wirklichkeit des Augenblicks. Bei

Sonnenschein zupft er manchmal vom Rollstuhl aus ein wenig Unkraut auf

dem hochgelegenen Beet gegenüber dem Goldfischteich. Der Gärtner des

Altersheims hat dort Kräuter ausgesät, und samstags kommt ein Küchenjunge

und schneidet für den Eintopf Maggikraut. Am Abend, bei den Vorbereitungen

zur Nachtruhe, erzählt mein Vater den Schwestern schon mal von der Arbeit im

Garten. „Die macht ja auch ein bisschen müde“, sagt er zu ihnen.

Er hat es nie so haben wollen: Pflegeschwestern, die ihn reinigen; ein grüner

Herr, der ihn ehrenamtlich unterhält; ehemalige Kollegen, die ihn treu besuchen;

Kinder, denen er Mühe bereitet; eine Frau, die nun ihm in den Mantel hilft.

Er hat es nie so haben wollen, doch er hätte es jederzeit verteidigt. Das ist der

Kleister, der unsere Gesellschaft zusammenhält, hätte er gesagt.

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Newcomerpreis


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Jonathan Stock


Peters Traum

(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.07.2011, Nr. 26, S. 2)

Jonathan Stock

geboren 1983 in Eutin

Werdegang:

2011 Auslands- und Krisenreporter bei SPIEGEL Online, jetzt freier Journalist

in Berlin

2010 Textredakteur bei GeoEpoche

2009 Henri-Nannen-Schule, 32. Lehrgang

2008 Magisterabschluss European History am University College London

2007 Geschichts- und Literaturstudium an der Edinburgh University

2003-2006 Geschichtsstudium

Auszeichnungen:

2011 Shortlist Henri-Nannen-Preis für „Wien – ein Schauspiel in sechs Akten“

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Begründung der Jury

Jonathan Stock – dieser Newcomer scheint ein früh Vollendeter zu sein. Mit literarischer

Eleganz und journalistischer Präzision zeichnet er das Bild eines deutschen Konvertiten,

der in Pakistan zum Dschihadisten wurde, heute in Hamburg scheinbar harmlos lebt

und sich doch aufgrund seines Gefährderstatus zweimal wöchentlich bei der Polizei

melden muss.

Stock hat seinem Porträt den märchenhaft anmutenden Titel „Peters Traum“ gegeben.

Der urdeutsche Vorname signalisiert, dass Peter einer von uns ist: ein Deutscher, der

sich nicht nur eine andere Religion als das in Deutschland vorherrschende Christentum

wählte, sondern der am liebsten sofort gegen alle Ungläubigen mit Gewalt vorgehen

würde. Und der doch brav den Küchentisch im Hamburger Reihenhaus abräumt, denn:

„Wenn die Mutter nicht zufrieden mit einem ist, kommt man nicht ins Paradies.“

Doch nicht nur wegen Peters Widersprüche wirkt dieses erstklassige Porträt eines uns

Fremden so verstörend. Es ist vor allem Kaltblütigkeit, mit der sich Stock seinem Objekt

nähert: Nahezu wertungsfrei wird Peters wirres Leben – vom Kriminellen zum Dschihadisten

– beschrieben, und gerade diese radikale Nüchternheit des Beobachters zwingt

uns als Leser, die bizarre Andersartigkeit religiös motivierter Aggressivität mitten unter

uns zur Kenntnis zu nehmen, ja: uns ihr auszusetzen, um besser zu verstehen. Jonathan

Stock hat hiermit eine erstklassige Dolmetscherleistung vorgelegt – eine, die die multikulturelle,

multireligiöse Gesellschaft dringend und vielfach braucht.

Allein schon, dass es Stock gelungen ist, den misstrauischen Dschihadisten Peter zu

Gesprächen mit einem Journalisten zu bewegen, ist eine große Leistung. Erst recht die

inhaltliche und stilistische Formvollendung, mit der der 28-jährige Jonathan Stock sein

Porträt geschrieben hat, ist aller Ehren wert. Von diesem Newcomer wird man noch

vieles hören, garantiert.

Vorgetragen von Prof. Dr. Volker Lilienthal

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Peters Traum

Zweimal die Woche Meldepflicht bei der Polizei, laufende Ermittlungen wegen

Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Überwachung durch den

Verfassungsschutz: Wie lebt es sich als Dschihadist in Deutschland?

In ihm gärt es, er ist ein labiles Gemüt: Das sagen Verfassungsschützer, die ihn

seit sechs Jahren beobachten. „Gilt als gewalttätig und Betäubungsmittelkonsument“,

steht in einer Akte des Bundeskriminalamtes. Er hat Schutzgeld eingetrieben,

geklaut, geschlagen: Das sagt er selbst. Viermal war er zur erkennungsdienstlichen

Behandlung beim LKA Hamburg, dort wird er als „Gefährder“ geführt.

Er sagt, in die Hölle zu kommen sei leicht. Man müsse nur seinen Begierden folgen.

In den Himmel zu kommen ist schwer. Dafür muss man den Spott ertragen, das

Unverständnis, die Versuchung und die Strafen.

Seinen Namen und sein Gesicht will er nicht in der Zeitung sehen. Er hat als Alias

„Mr. X“ vorgeschlagen, aber sein Vorname klingt so deutsch wie „Peter“. Also Peter.

Einer, der Peters Gespräche abhören kann, sagt, solche Leute seien halbgescheiterte

Hanswürste, die unendlich viel Blödsinn reden. Irrationaler Kinderkram,

meint er, verblasen, anmaßend, zu dusselig, sich ‘ne Scheibe Brot abzuschneiden.

Aber: „Man hat irgendwann mal den Eindruck, man versteht diesen Typ – so ein

rigides, geschlossenes, sehr kleinkariertes Weltbild.“

Peter sagt, die schlechten Träume schickt der Teufel, der Schaitan. Erzählen darf

man sie nicht, es ist besser über die linke Schulter zu spucken und Zuflucht zu

suchen bei Gott. Aber gute Träume, die schickt Allah. „Rein statistisch gesehen

ist es so“, sagt ein Verfassungsschützer, „Hamburg hat 130.000 Muslime, davon

sind nur 2.000 Islamisten, weniger als 2 Prozent also. Von diesen 2.000 sind

wieder nur 200 gewaltbereit. Und 40 gibt es, die ordnen wir als Dschihadisten

ein. Die sind unsere Priorität.“ Es sind Menschen, die den Dschihad unterstützen,

den bewaffneten heiligen Krieg. Peter ist einer von ihnen.

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Seinem Ziel am nächsten fühlte er sich in einer Zelle in Peschawar, wo die Sonne

nicht schien und er die Vögel nur hören konnte. Es war zwischen Morgengrauen

und Sonnenaufgang, die Stunde von Fajr, dem Frühgebet, die beste Zeit für Träume.

Er lag auf dem Boden eines pakistanischen Gefängnisses, aber im Schlaf fuhr er

BMW, 6er-Coupé, tiefergelegt, mit schwarzen Felgen, erzählt er später. Er fährt

die Straße entlang, schnell und cool, bis der Asphalt sich wandelt zu stählernen

Gleisen. Das Auto rattert, Masten und Stromkästen wachsen aus dem Boden wie

Hindernisse in einem Computerspiel. Er reißt das Steuerrad herum, umkurvt alles,

die Schiene wird zur Rampe, er rast sie hoch, die Reifen haben keinen Halt mehr.

Er fliegt, immer weiter, dem Himmel entgegen. Dann wacht er auf.

„Jeder muss seine Träume selber deuten“, meint Peter. Den Traum mit dem BMW

deutet er so: Das Fliegen, dieses Licht, das ihn ausfüllte, ein Gefühl stärker als

jeder Orgasmus, das muss der Tod als Märtyrer sein. Das Fahren um Hindernisse

aber, dieses mühsame Hin und Her: Das ist das Leben.

Zwei Monate war er im Gefängnis. Er hatte viele Träume in seiner Zelle, aber

dieser war ihm immer der liebste, der größte Traum seines Lebens, auch jetzt

noch, zwei Jahre später in einem kleinen Reihenhaus in Hamburg-Wandsbek

mit Stiefmütterchen im Garten und einem gelben Duftbaum im Flur.

Wer Peter heutzutage trifft, der muss sich an der Haustür etwas Zeit lassen,

damit Peter seine Zweitfrau ins Schlafzimmer bringen kann. Er hat Margeriten

gekauft, weil sie Bauchschmerzen hat. Und dann hat er für seine erste Frau

auch Margeriten gekauft. Das befiehlt sein Gesetz, die Scharia: Alle Ehefrauen

müssen gleich behandelt werden.

Seine Mutter hat gekocht, sie tischt Borschtsch auf, was Peter sehr liebt. Er nimmt

auf dem Sofa Platz, ein ruhiger, 30 Jahre alter Mann mit wachen, grün-grauen

Augen und einer kleinen Tochter.

Meldepflicht bei der Polizei: zweimal die Woche, mittwochs und samstags.

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Pass eingezogen laut Passgesetz, Paragraph 7 Absatz 1, da Peter „die innere

oder äußere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepublik

Deutschland“ gefährden könne.

Wanzen, die er vermutet: vier (Telefon, Wohnung, Moschee und Auto). „Aber nur

Allah sieht alles“, sagt er.

Narben: 1. Eine Stichwunde am linken Oberschenkel. 2. Eine Brandwunde am

linken Arm. 3. Etwa 100 Rasierklingenschnitte am Bauch. 4. Eine Schnittwunde

am linken Daumen.

Sie erzählen sein Leben.

Die älteste Narbe trägt er am Oberschenkel, die Stichwunde eines Messerkampfes.

„Wenn du ein Mann bist, dann kämpfst du“, hatte der Russe zu ihm gesagt, also

kämpfte er. Das war noch in der Zeit der Unwissenheit, der Dschhiliyya, bevor er

Muslim wurde, als er weder den einzigen Gott kannte noch den Propheten oder

das Gesetz.

Schutzgeld trieben sie für die Russenmafia ein, 15 000 Kilometer fuhr er im Monat

durch Deutschland. Mehrmals saß er im Knast wegen Raubes. Er weiß nicht mehr

genau, wie lange. Insgesamt zwei bis drei Jahre, schätzt er. Für den Schutzgeldjob

ist er nie angeklagt worden. Sie hätten, sagt er, immer sehr sauber gearbeitet.

Reeperbahn, Frauen, Klamotten, Uhren, Autos, Alkohol, Kiffen, Kokain. „Das war

mein Leben, verstehst du? Nur Spaß. Niemals habe ich mir etwas sagen lassen.“

Gefeiert hätten sie, wie in einer Familie, das Geld geteilt, sich Brüder genannt.

Manche kommen mit so einem Leben ganz gut klar. Andere nehmen Drogen,

wenn sie ins Grübeln kommen. Peter schien trotz der Drogen etwas zu fehlen,

auch wenn er lange nicht sagen konnte, was.

Bei einer Tour fragte er seinen Kumpel Hermann: „Gibt es eigentlich etwas,

wofür du sterben würdest?“ Es muss doch etwas geben, überlegte Peter, für das

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man alles geben würde, sogar sein eigenes Leben. Etwas, was man seinen Kindern

beibringen könnte. Denn so, wie er gerade lebte: Das mochte er seinen Kindern

nicht wünschen. „Also ist das falsch, oder?“

Was Hermann antwortete, weiß Peter nicht mehr genau, aber viel später kam er

noch einmal zu ihm, da war Peter schon Muslim. „Dein Dach ist weg. Du bist im

Knast verrückt geworden“, meinte er nur. Es war ihr letztes Gespräch.

Die zweitälteste Narbe trägt Peter am linken Arm. Da schlängeln sich die Reste

eines Tribal-Tatoos in großen, blauen Rauten die Schulter empor. „Es ist haram“,

sagt Peter, verboten. Tatoos sind Veränderungen des Körpers, den Allah erschaffen

hat. Der Schaitan verführt Menschen, die Schöpfung zu ändern. „Also habe

ich es mir herausgebrannt“, sagt Peter.

Er hat seine Vergangenheit herausgebrannt mit einer Chemikalie, die er Marganzowka

nennt, einer Lösung aus Kaliumpermanganat mit Glycerin. Sieben Minuten

lang hat sie sich durch seine Haut gefressen. Eine große, rote Brandkruste blieb

übrig.

Haram: verboten. Halal: erlaubt. Peter lernt den Unterschied bei seinem letzten

Gefängnisaufenthalt in Deutschland. Er sitzt, weil er gegen die Bewährungsauflage

verstoßen hat. Er will keine Drogen mehr nehmen. Er ist 25, er liest das Tao,

die Bibel, den Koran.

Die Bibel gefällt ihm, er trägt ein Kreuz um den Hals, aber eines versteht er nicht.

„Wenn meine rechte Wange geschlagen wird, warum soll ich dann die linke hinhalten?

Was ist das für eine Religion?“ Er redet mit dem Pastor, der will ihn vor

seinen Mitgefangenen taufen, Peter will lieber nicht. Dann sieht er eine Reportage

über den Islam im Fernsehen. „Vielleicht sollte ich Muslim werden“, sagt er sich.

Und dann weiß er nicht, was er machen soll. Er betet einfach. „Gott, Allah, gib

mir, was du willst, gib mir das, was das Beste ist. Ich weiß nicht, was richtig ist.“

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Ein Mithäftling ist Muslim, er erklärt ihm den Koran, es ist dunkel, er liest den

Thronvers. Manche Muslime weinen, wenn der Iman ihn rezitiert. „Es füllt sein

Thron / Die Weite Himmels und der Erde, / Und ihn beschwert nicht die Behütung

beider, / Er ist der Hohe, Große.“ Und in diesem Moment, sagt Peter, bekommt

er eine Gänsehaut, sein ganzer Rücken kribbelt. Er meint, es war ein Malaika,

ein Engel, der ihn umarmt, ihn umhüllt wie eine Decke. Da wusste er: Das ist es.

Er fastet, fängt an zu laufen, er geht im Winter mit kurzen Hosen raus und reibt

sich mit Schnee ab, schwimmt, macht Sport. „Ich habe damals schon angefangen

zu trainieren, ohne zu wissen, dass das richtig ist.“ Trainieren für den Dschihad.

Denn das, was er mache, sagt Peter, mache er immer zu hundert Prozent, und

Dschihad sei auf jeden Fall hundert Prozent.

Als er aus dem Gefängnis kommt, 2005, beobachtet ihn bald der Verfassungsschutz.

Sie wissen von seiner Konvertierung. Es sei nicht ungewöhnlich, dass

einer so versuche, von den Drogen wegzukommen. Seine Glaubensbrüder aber

sagen nicht, dass er konvertiert sei. Sie sagen, dass Peter zu Allah zurückgekehrt

sei. Alle sind von Geburt an Muslime. Es wisse nur nicht jeder.

Hundert Prozent, das ist für Peter auch die Al-Quds-Moschee, die Moschee, in

der auch die Attentäter des 11. September beteten. Weltbekannt unter Islamisten,

ein historischer Ort für Sympathisanten. Viele ihrer Mitglieder sahen sie als einzig

wahre Moschee Hamburgs. Dort lernt er 2008 Rami Makanesi kennen, der im

Mai 2011 wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt

wurde. Damals wollten er und andere in ein Ausbildungslager nach Wasiristan,

das Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan.

Wenn man Peter nach Gründen dafür fragt, dann erzählt er von Videos und Berichten

aus Tschetschenien und Afghanistan, von den Untaten der Ungläubigen:

Frauen die Brüste abschneiden. Das Kind im Leib der Mutter töten. Soldaten,

die in langen Schlangen vor der Vergewaltigung anstehen, und Offiziere, die

darauf achten, dass jeder drankommt. Und dass Frauen die Zähne ausgeschlagen

werden, damit sie Männer besser oral befriedigen können.

104


„Wir können doch nicht nur Tee trinken und warten“, sagt er, „wir müssen etwas

machen.“ Der Dschihad ist für ihn ein Befreiungskampf gegen die Besatzer, sein

Kampf ein Kampf für seine Glaubensbrüder. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes

war der Entschluss und die Planung eine Sache von wenigen Wochen.

Seiner Frau und seiner Mutter sagte Peter nicht Bescheid. „Sie weiß, dass ich

oft weg bin“, meint er.

Am 11. März 2009 um halb neun morgens hatte er am Flughafen von Wien-Schwechat

für den Flug QR-94 sein Gepäck eingecheckt, als die österreichische Polizei

ihn fragte, wohin er denn wolle. – Nach Pakistan, Teppiche kaufen. Und zu einer

Hochzeit. – Sie müssen ihn weiterfliegen lassen. Die pakistanische Polizei hat

weniger Bedenken, stülpt ihm einen Sack über den Kopf und sperrt ihn ein. Über

seine Mithäftlinge in Pakistan, langbärtige Krieger aus den Bergen, sagt er: „Das

waren die besten Männer.“ In Deutschland hat er im Knast nur Verbrecher getroffen.

Zwei Monate später wird er nach Deutschland abgeschoben.

Die dritte Narbe hat er am Bauch über der Leber, 2010. Er hat sich selbst geschröpft.

Hijama heißt die arabische Heilmethode, die schon der Prophet angewandt haben

soll. Er ritzt sich seine Haut mit einer Rasierklinge viele Dutzend Male ein. Dann

dreht er Papier zu kleinen Rollen, zündet die an und wirft sie in ein großes Glas.

Das drückt er auf die Haut. Der Unterdruck im Glas zieht das Blut heraus. Das

schlechte Blut, meint er. Rauch, Asche und Blut bilden ein trübes, schwarzes

Gemisch.

Peter schneidet sich die Haut auf, weil er so leben will wie Mohammed. Deshalb

isst er auch seinen Teller leer, denn das ist Sunna, so hat es auch der Prophet

gemacht. Er benutzt keine Zahnbürste, denn in Zahnpasta ist Rattengift der Un -

gläubigen. Er benutzt Salz oder den Miswak, ein Wurzelstück des Zahnbürstenbaumes,

wie der Prophet. Er schläft auf dem Fußboden, wie der Prophet.

Wer auf seinem Blümchensofa Platz nimmt, bekommt die Welt erklärt:

Die Aldi-Brüder seien Juden, und die Besitzer von Lidl und Netto und Burger

105


King. Auch Arnold Schwarzenegger. Hollywood-Schauspieler, Ex-Gouverneur,

Ehemann einer Kennedytochter: Wie könne der kein Jude sein? Der Vater von

Präsident Obama sei Jude. Angela Merkel? „Mich würde es nicht wundern.“

Die Schaitane, die kleinen Brüder des Teufels, leben im Schmutz unter den

Fingernägeln, deshalb muss man sie kurz schneiden. Wenn man gähnt, muss

man die Hand vor den Mund halten, sonst kommt der Teufel hinein. Er ist geschickt,

benutzt alles als Tor in den Körper. Die Teufel versuchen auch, in den Himmel zu

kommen, um die Gespräche der Engel zu belauschen. Deshalb werfen die Engel

mit Steinen nach ihnen, das sind die Sternschnuppen. Der Kampf gegen die Teufel

ist anstrengend, aber wer ihn erfolgreich führt, dem wird das Größte geschenkt:

das Paradies.

Am letzten Tag der Al-Quds-Moschee, im August 2010, bevor der Hamburger

Innensenator sie schließen ließ, erzählt Peter bei einem Glas Tee vom Paradies.

Er sieht müde aus, er hat wieder Blut geschröpft, diesmal am Kopf. Manchmal

streift sein Blick einen Glaubensbruder, der Geschirr abwäscht, am nächsten

Tag hält der den Polizisten, die das Schloss der Moschee aufbohren lassen,

den Mittelfinger entgegen.

Eigentlich weiß man ja, dass das Paradies eine große Sache für Dschihadisten ist,

aber wenn man Peter reden hört, denkt man, es vorher wohl doch nicht gewusst

zu haben. Peter spricht ernsthaft und sehr konkret darüber. Für ihn ist das Paradies

keine Ahnung in den Wolken, sondern Wirklichkeit. Wein gibt es dort, der bei

jedem Schluck besser schmeckt, und Frauen, so schön, dass man danach die

schönste Frau dieser Welt zum Kotzen findet. Siebzig Jahre würde man allein bei

der ersten Umarmung verbringen. Sein Glaubensbruder ruft: „Alles, was hier verboten

ist, gibt es da. Da gibt es Parties, ich will dahin mit Lichtgeschwindigkeit.“

600 Meter südwestlich wirbt ein Pornoladen mit Spielcasino mit der Aufschrift:

„Hier spielt das Leben“. Nebenan glänzt die Alster in der schönsten Abendsonne,

Jugendliche grillen eine Wiese weiter und lassen bei einem Bier die Beine ins

106


Wasser baumeln. Peter könnte hingehen, den Rausch sofort haben. Aber das

will er nicht.

Warum nicht?

Im Mai 2011 fährt Peter mit einem Volkswagen an einem Park in Wandsbek

entlang. Er hat es satt, den Verfassungsschutz, den fehlenden Pass, die Wanze

in seinem Wagen, die Meldepflicht zweimal die Woche, das Gefühl, verfolgt zu

werden. Dann sagt er: „Was ist das alles hier?“

Hier, das ist eine Wiese im Frühlingslicht, das Bellen eines Hundes, Lindenduft

und eine Frau mit blondem Haar.

Für Peter ist es das nicht. „Guck mal“, sagt er, „Was ist das für ein Leben? Die Frau

geht mit dem Hund spazieren und dann muss sie zur Arbeit, sie freut sich auf

Weihnachten, und dann ist Weihnachten vorbei. Stell dir vor, man lebt 10.000 Jahre,

aber diese 10.000 Jahre werden trotzdem vergehen.“ Das Paradies jedoch nehme

kein Ende.

Das erklärt vielleicht manche Missverständnisse, wie der Abend, als Peter zum

V-Mann gemacht werden sollte. Er war zurück aus Pakistan, 2009, zwei Monate

hatte der Gefängnisaufenthalt gedauert. Vorwerfen konnte man ihm nicht wirklich

etwas, er behauptete ja, dass er zu einer Hochzeit und mit Teppichen handeln

wollte.

Ein paar Wochen später klingelte es an der Tür und ein kleiner Mann stand davor,

Mitte 30, vermutet Peter. Ob der Mann vom LKA kommt oder vom Verfassungsschutz,

kann Peter später nicht sagen. Das LKA will sich dazu nicht äußern, ein

Verfassungsschützer sagt, er schließe „bei diesen Leuten“ gar nichts aus.

Der Mann fragt höflich, ob er hereinkommen könne, es gebe da ein Angebot. Als

sie in Peters Zimmer sitzen, erzählt er von einem Haus und Geld und einem neuen

Reisepass. „Aber“, sagt der Mann, „es ist ein Geben und Nehmen.“ Er müsse als

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V-Mann arbeiten. „Nein“, sagt Peter. Er müsse sich ja nicht sofort entscheiden,

sagt der Mann, er solle in Ruhe darüber nachdenken. „Ich bin Muslim“, sagt Peter.

„Ich will ins Paradies. Was kannst du mir geben?“ Der Mann sagt: „Spitzel hat es

immer gegeben.“ Peter erwidert: „Und es wird sie immer geben, bis zum Jüngsten

Gericht.“

Wer Spitzel ist, der ist ein Heuchler, ein Munafiq. Und die Munafiqun sind für Peter

schlimmer als die schlimmsten Feinde des Islam, schlimmer als die Un gläubigen.

Im untersten Grund des Höllenfeuers brennen sie, so steht es im Koran, in der

vierten Sure, im 145. Vers. Dort wo aus der Wurzel des Feuerbrandes heraus der

Baum Zakum wächst, dessen Früchte wie die Köpfe des Teufels sind, Früchte,

die im Magen der Heuchler deren Eingeweide kauen.

Das wusste der kleine Mann nicht.

Die jüngste Narbe hat Peter am linken Daumen, eine Schnittwunde, etwa einen

halben Zentimeter tief. Das Klappmesser trägt er immer am Gürtel. Es ist kein

Schwert, wie der Prophet es hatte. Aber wir leben in Deutschland, wir müssen

uns integrieren, meint Peter. Die Wunde kommt vom Messerkampf-Training.

Peter kann nicht in Pakistan üben, weil ihm sein Pass abgenommen wurde, also

trainiert er in Hamburg-Lohbrügge, gegenüber von Netto. Andere Muslime trainieren

mit ihm. Die Kopfhaut des Trainers sieht aus, als hätte jemand versucht, einen

Haufen Tischtennisbälle darunter zu verstecken. Er hat für die Bundeswehr ausgebildet.

Der Fernmeldezug des Feldjägerbataillons 151 aus Neubrandenburg kennt

ihn. „Mit Dank und Erinnerung“ steht an der Wand des kleinen Trainingsraums.

Er lässt Peter und die anderen auf Fäusten Liegestütze machen, drei Minuten

lang, manchmal länger, dann geht er herum und tritt ihnen in den Bauch, den

Oberschenkel oder die Brust. Keiner beklagt sich. Danach läuft er ihnen über den

Bauch, bevor sich die Schüler die Nerven an den Unterarmen kaputtschlagen.

Dann Messerkampf, Faustkampf, einer gegen zwei, einer gegen drei.

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Die gleichen Schüler umarmen sich später, scherzen, lachen sich kaputt.

An der Wand ist ein Gladiator aus rotem Nebel gemalt, daneben König Leonidas

aus dem Film „300“ mit einem Schwert in der Hand und einem Pfeil, der durch

die rechte Brustwarze eintritt und durch die linke wieder raus.

Wenn Peter kämpft, dann grinst er. Wenn er Schläge eingesteckt hat oder austeilt,

schaut er nach unten, und seine Augen werden größer. Er trainiert länger und härter

als alle anderen. Nachdem alle schon gegangen sind, macht er noch 70 Liegestütze

und 30 Klimmzüge.

Er sagt: „Disziplin ist alles, ob beim Lernen oder beim Training. Man muss

Disziplin haben. Man braucht einen Plan.“

Seine Religion hält alles zusammen. Wenn er Hijama macht, das Blutschröpfen,

seien das Wichtigste die „grundlegenden Hygieneregeln“. Nach dem Gebet geht

er herum und macht das Licht aus. Dass in der Al-Quds-Moschee ein Schild stand:

„Bitte keine Fahrräder abstellen, –onst werden ebendiese entfernt – der Vorstand“,

fand er richtig. Er sagt: „Scheiße sagt man nicht.“

Am Eingang ihres Trainingsraums haben Peter und seine Glaubensbrüder

27 Zeitungsartikel an die Wand geklebt, mit Klebegummi, so dass die Tapete

nicht kaputtgeht: Amokläufe, Brunner-Mord, das Todesprotokoll der Loveparade.

„Es reicht!“ steht dort, „Endlich Knast für 20-Cent-Killer“, „Das ist der Vergewaltiger

von Melanie“, „Tatort Neustadt: Schon wieder eine Nacht der Gewalt“.

27 Artikel über eine kaputte Welt. Peter steht davor, liest sich die Sachen durch

und schüttelt den Kopf. „Das ist, damit die Menschen wissen, was draußen

passiert, weißt du? Das sind alles Originalfälle“, sagt er.

Wenn die Stadt das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft feiert, geht Peter in die

Moschee. Während die anderen glauben, dass Peter in der falschen Welt lebt,

glaubt er das Gegenteil. Während die anderen glauben, Peter sei verloren, fühlt

er sich errettet, endlich.

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Später, unten im Trainingskeller, stimmt einer der Brüder die Sure Al-Fatiha an.

Hell und klar klingt es zwischen den Reckstangen und Hanteln. Peter betet so,

wie er kämpft: wie ein Soldat, mit genauen Bewegungen. Schulter an Schulter,

die Füße berühren die Füße der Nachbarn, alle Zehen in einer Linie, damit der

Schaitan nicht durchkommt. Peter lässt sich zuerst auf die Knie fallen, dann erst

folgen die Hände, so ist es gottgefälliger.

„Ich müsste eigentlich schon lange weg sein“, meint er danach, in der U-Bahn.

„Weg“ ist Pakistan. Der Dschihad, sagt Peter, sei seine Lebensversicherung, für

ihn und für seine Familie, tausendmal würde es ihm im Paradies zurückbezahlt.

Er will zurück, sobald er seinen Pass wieder hat.

Eric Breininger, ein Dschihadist, der in Wasiristan starb, hatte ein Lächeln auf

den Lippen, als er erschossen wurde, erzählt Peter. Sie hätten seine Leiche mit

Säure übergossen, weil sie nicht wollten, dass er andere mit seinem Lächeln

anstifte, doch die Leiche verweste nicht, roch nach Moschus zwei Wochen lang.

Er hatte einen Ständer und einen Samenerguss. Die Huris, die Engel aus dem

Paradies, sind ihm begegnet.

„Die Reise“, sagt Peter, „beginnt sofort.“

Kann man Peter aufhalten? Wie nimmt man einem Mann das Paradies?

Welche Worte setzt man dem Gott in seinem Kopf entgegen?

Wenn die Behörden Moscheen schließen, entstehen woanders neue, in Pinneberg

oder in Harburg. Die neuste, die der Verfassungsschutz noch nicht erwähnen will,

in Borgfelde. Von außen erkennt man sie manchmal nicht, selbst die Nachbarn

wissen es oft nicht. Es ist eine Welt der Hinterhöfe. Drückt man das Ohr auf den

Teppichboden in der Assalam-Moschee, in der er manchmal betet, hört man das

leise Murmeln der Betenden und die Autos in der Tiefgarage darunter.

110


Wenn Peter Wichtiges zu erzählen hat, wie Reiserouten oder Finanzierung, lässt

er sein Handy zu Hause und geht an der Alster spazieren. Er legt den Finger auf

den Mund und nimmt für Unausgesprochenes Gesten. Die Bewegung, mit der er

eine Kalaschnikow hält, ist das Zeichen für den Dschihad.

Seit Peter zum Islam konvertierte, ist seine Mutter, eine herzliche, gastfreundliche

Frau, sehr zufrieden mit ihm. Es klingt merkwürdig, aber in den letzten Jahren hat

es Peter vorangebracht in seinem Leben. Der Glaube hat ihn ruhiger gemacht.

Seine Mutter sagt: „Allah hat mir einen neuen Sohn geschenkt, Alhamdullilah,

er war nicht immer so wie jetzt.“

Wer ihn nachts anruft und um einen Schlafplatz bittet, den lässt er ein. Wer

arbeitslos geworden ist, dem verschafft er einen neuen Job. Wenn die Briefträgerin

ihren Wagen auf dem Gehweg schiebt, macht Peter Platz. „Danke“, sagt sie.

„Bitte“, sagt er. Er kauft Überraschungseier für die Kinder von Freunden, weil die

sich so freuen, und er lacht mit ihnen. Er empfiehlt Hohes C und Granini, wegen

der guten Qualität. Er hat den Hauptschulabschluss nachgemacht. Drogen hat

er nicht mehr genommen, aber Arbeit gefunden im Großmarkt Hamburg, Abteilung

Obst und Gemüse.

Er wischt den Tisch ab, nachdem er gegessen hat. „Wenn die Mutter nicht

zufrieden mit einem ist, kommt man nicht ins Paradies“, meint er.

Ein Gefühl stärker als jeder Orgasmus, das muss der Tod als Märtyrer sein.

Rauch, Asche und Blut bilden ein trübes, schwarzes Gemisch.

Seine Mutter sagt: „Allah hat mir einen neuen Sohn geschenkt, Alhamdulillah.“

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Medienprojektpreis


113

Sebastian Pantel


Artikelserie „Jugend und Kriminalität“

(SÜDKURIER, 04.05. bis 15.06.2011)

Sebastian Pantel

geboren 1979 in Wuppertal

Werdegang:

seit März 2010 Regionalreporter beim SÜDKURIER

2008-2010 Newsmanager Online beim SÜDKURIER in Friedrichshafen

2007-2008 Volontariat beim SÜDKURIER

2000-2006 Studium

Auszeichnungen, u. a.:

2011 Diakonie Journalistenpreis in Baden und Württemberg

2009 Erich-Schairer-Preis (1. Preis)

114


Begründung der Jury

Zunächst einmal muss ich einem Gerücht entgegentreten. Der Preisträger Sebastian

Pantel heißt zwar fast genau so wie ich, aber mit Heribert Prantl ist er weder verwandt

noch verschwägert. Aber ich freue mich wirklich sehr, dass ich heute einen jungen

Kollegen auszeichnen kann, der nicht nur fast so heißt wie ich – sondern auch eine

glänzende Serie im Südkurier gestaltet und geschrieben hat. Es ist dies eine Serie

über Jugendkriminalität, also über ein brennendes Problem, das viel zu viel als ein

Problem von Paragrafen und viel zu wenig als ein Problem der Gesellschaft wahr -

genommen wird. Deshalb haben wir Sebastian Pantel zum Preisträger gekürt, deshalb

laudiere ich seine Leistung herzlich gerne. So ein wichtiges, aber zu wenig beachtetes

Thema in einer Regionalzeitung wie dem Südkurier so gründlich auszuleuchten – das

ist bemerkenswert, nein mehr: das ist spektakulär.

Das Strafrecht ist der Seismograph der Gesellschaft; das Jugendstrafrecht ist ein

ganz besonders empfindliches seismographisches Instrument: Sebastian Pantel hat

sorgfältig damit gemessen und seine Erkenntnisse erstens penibel, zweitens packend

und drittens lehrreich beschrieben. Er hat sieben straffällige Jugendliche befragt, er

schildert ihre Taten, ihre Strafen, ihre Lebensverhältnisse, ihre Erfahrungen mit Erziehungsmaßnahmen,

mit pädagogischen Projekten und mit dem Jugendarrest. Es kommt

ein Jugendrichter, ein Strafrechtsprofessor, ein Gefängnisdirektor, es kommen Sozialarbeiter

zu Wort. Daraus entsteht eine Artikelserie, die Maßstäbe setzt. Im letzten Teil

der Serie stellt der Autor „uns“, die Gesellschaft also, fiktiv vor Gericht – und lässt den

Richter fragen , warum die Gesellschaft ihr Heil in immer schärferen Strafen sucht,

statt den viel klügeren Weg der Prävention zu gehen.

Die Serie, die im „Südkurier“ erschienen ist, schürft tief und rüttelt auf; sie widerlegt

die gängigen Vorurteile von einer angeblich immer krimineller werdenden Jugend; und

sie zeigt Wege auf, wie man mit Jugendkriminalität besser als bisher umgehen kann. Die

von Sebastian Pantel zusammengestellte und geschriebene Serie ist ein systemrelevantes

Medienprojekt von herausragender Qualität. Sie ist ein Spitzenprodukt der journalistischen

Aufklärung. Sebastian Pantel ist ein Aufklärer. Daher zeichnen wir ihn aus!

Vorgetragen von Prof. Dr. Heribert Prantl

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Weniger junge Straftäter

(SÜDKURIER, 04.05.2011)

Stuttgart – Zunächst einmal klingt das nach einer guten Nachricht: Die Jugendkriminalität

im Land geht zurück. Von einer „positiven Entwicklung“ sprach

Innenminister Heribert Rech (CDU) gestern bei der Vorstellung der Polizeistatistik.

Bei einem schnellen Blick auf die Statistik möchte man ihm zustimmen. Die Zahl

der Tatverdächtigen unter 21 Jahren ist um drei Prozent gesunken. Bei Sach beschädigung,

Gewalt an Schulen und schweren Fällen von Körperverletzung – typischen

Feldern von Jugendkriminalität also – gehen die Zahlen ebenfalls zurück,

zum Teil im zweistelligen Prozentbereich. Der scheidende Innenminister führt

das vor allem auf die erfolgreiche Zusammenarbeit von Schulen und Polizei bei

der Prävention zurück. Auch das Konzept, sich junger Schwellentäter anzunehmen,

also Jugendlicher, die in kriminelle Karrieren abzugleiten drohen, habe sich be -

währt, sagt Rech. Doch ihre Zahl erscheint mit gut vierhundert im Vergleich zu

insgesamt fast 64.000 Tatverdächtigen eher niedrig.

Zunahme bei Ausländern

Überhaupt lassen sich im Zahlenwerk eine ganze Reihe Punkte finden, die Anlass

zu Sorge geben. So ist beispielsweise der Anteil ausländischer Tatverdächtiger

ähnlich wie im Vorjahr um fünf Prozent gestiegen. Konkret: Von 100.000 Kindern,

Jugendlichen und Heranwachsenden zwischen acht und 21 Jahren hat die Polizei

bei Nicht-Deutschen rund 8.300 Tatverdächtige ermittelt. Das sind mehr als doppelt

so viele wie in der Gruppe der Deutschen. Allerdings beinhaltet die Statistik auch

Straftaten, die unter Deutschen und Nichtdeutschen nicht zu vergleichen sind.

So umfassen sie auch Verstöße gegen das Ausländerrecht, die nun einmal ausschließlich

von Ausländern begangen werden können.

Über Möglichkeiten, dieses Problem in den Griff zu bekommen, schweigt der

Bericht sich jedoch aus.

Anders beim Thema Alkohol. Nach wie vor ist ein Drittel der jungen Gewalttäter

während der Tat betrunken. Mit millionenschweren Förderprogrammen und dem

Einsatz jugendlicher Testkäufer versucht das Land, dies zu ändern. Dass solche

Anstrengungen nicht immer fruchten, macht der Bericht, wenn auch in wortreichen

Textpassagen versteckt, deutlich. Die Prävention habe im vergangenen Jahr sehr

unter der hohen Arbeitsbelastung der Polizei gelitten, heißt es. Auch wird beklagt,

116


dass viele Kommunen in Zeiten klammer Kassen ihr Engagement bei der Jugendhilfe

zurückfahren. Gerade den Institutionen Polizei und Jugendamt würden um -

gekehrt junge Menschen immer weniger Respekt entgegenbringen. Von „üblen

Beleidigungen gegen Polizeibeamte“ und „offener Ablehnung“ spricht der Bericht.

Anlass zu Sorge geben auch die Zahlen bei Raub und Vergewaltigung – hier stieg

die Zahl der jungen Tatverdächtigen um neun beziehungsweise 14 Prozent.

Opfer dieser Delikte sind – auch das zeigt die Statistik überdeutlich – wiederum

vor allem Jugendliche.

Ab kommender Woche beleuchten wir das Thema Jugendkriminalität in einer

großen Serie. Wir stellen junge Straftäter vor, berichten über ihre Erfahrungen

vor Gericht, im Gefängnis und bei der Rückkehr ins Leben. Zudem kommen zahlreiche

Experten zu Wort, die mit Vorurteilen aufräumen und erklären, was man

gegen Jugendkriminalität tun kann.

Dauerbaustellen

(SÜDKURIER, 04.05.2011)

Zum Abschied ein Schulterklopfen. Der scheidende Innenminister Heribert Rech

stellt den Bericht zur Jugendkriminalität im Land vor und spricht von „positiven

Entwicklungen“, die der Lohn einer „auf Dauer angelegten Strategie“ seien.

Dabei hat seine eigene Behörde ihm die ungelösten Dauerbaustellen deutlich ins

fast hundertseitige Papier geschrieben. Immer noch werden Ausländer mehr als

doppelt so oft kriminell wie Deutsche – was an verbauten (Bildungs-) Chancen

liegt und nicht an kulturellen Unterschieden, egal was die Stammtische dazu

meinen. Immer noch hängen Jugendgewalt und Alkohol unheilvoll zusammen.

Immer noch holen Mädchen und junge Frauen auf, was kriminelle Energie angeht.

Wenn, wie der Bericht nahelegt, in dieser Lage richtige Ansätze wie Pävention

und kommunale Jugendarbeit nicht ausgebaut werden, sondern zurückstecken

müssen, weil Personal und Geld fehlen, dann stimmt wohl mit der gelobten

„Strategie“ etwas nicht.

117


1 2

3

4

5

1 Jury-Mitglied Prof. Dr. Volker Lilienthal

im Gespräch mit Sandro Mattioli, Gewinner

eines Recherchestipendiums 2009

2 Festredner Prof. Lammert und

OBS-Geschäftsführer Wolf Jürgen Röder

würdigen das Programmheft zur Preisverleihung

3 Preisträger 2011 und

Publikum danken für eine gelungene

Preisverleihung 4 Jury-Mitglied und

Moderatorin Sonia Seymour Mikich im

Gespräch mit den Spiegel-Redakteuren,

die mit dem 2. Preis ausgezeichnet

wurden 5 „Spezial“-Preisträgerin

Katja Thimm mit Laudator Prof. Dr.

Heribert Prantl und OBS-Vertretern

118


1

1 Jury-Mitglied und Moderatorin

Sonia Seymour Mikich gratuliert

Jonathan Stock, Gewinner des

Newcomerpreises 2 Jury-Mitglied

Prof. Dr. Volker Lilienthal bei einer

Laudatio 3 Mehr als 350 Gäste

verfolgen mit den Preisträgern die

Preisverleihung 4 Jury-Mitglied

und Laudator Prof. Dr. Heribert Prantl

5 Sebastian Pantel, Gewinner des

Medienprojektpreises, steht

Sonia Seymour Mikich Rede und Antwort

2

3

4

5

119


Recherche-Stipendien I

Dotiert mit 5.000 Euro


Matthias Dell

Urs Spindler


Aus der Würdigung der Jury

Über die „Tea Party“, diese rechtskonservative Protestbewegung in den USA, ist auch

in Deutschland viel geschrieben worden. Matthias Dell will es genauer wissen und diese

politische Entwicklung auch intellektuell durchdringen. Wird da ein Muster erkennbar,

das auf Deutschland übergreifen könnte? Das ist ein analytischer und antizipativer

Rechercheansatz, den die Jury unbedingt fördern möchte.

122


Matthias Dell

(Der Freitag)

„Tea Party Time. Die Rechtsbewegung der Bürger“

Ausgangspunkt der Recherche ist die US-amerikanische „Tea Party“-Bewegung.

Abgebildet werden soll das Verhältnis der „Tea Party“-Anhänger zum Staat vor

allem am Beispiel Steuerpolitik. Die Einordnung der Recherchen zur „Tea Party“

mit Blick auf soziale Bewegungen schafft einen Hintergrund, vor dem in einem

zweiten Schritt auf die Situation in Deutschland fokussiert werden kann.

Matthias Dell

geboren 1976 in Erfurt

Werdegang:

Seit 2007 Kulturredakteur bei der Wochenzeitung „Der Freitag“, Berlin

2006 Praktikant am Goethe-Institut Shanghai, China

1997-2006 Studium der Theaterwissenschaft und Komparatistik an der FU Berlin

und der Université Paris 8/Université Sorbonne Nouvelle Paris 3

2004-2006 Kulturredakteursvertretung bei der Wochenzeitung und „Der Freitag“

123


Aus der Würdigung der Jury

Der junge Journalist Urs Spindler wundert sich: Europäische Polizisten und Justizbeamte

sollten Ordnung schaffen im oft noch immer chaotischen Raum. Ein Rechtsstaat im

rechtsfreien Raum – geht das überhaupt? Spindler will das scheinbare Paradoxon un -

mittelbar vor Ort überprüfen. Die Jury möchte dem jungen Auslandsreporter dabei helfen.

124


Urs Spindler

(freier Journalist)

„Eulex-Mission im Kosovo:

Ein Rechtsstaat im rechtsfreien Raum“

Die Lage auf dem Balkan ist und bleibt seit Jahrzehnten vertrackt – vielleicht ist das der

Grund, warum den Entwicklungen in der ehemaligen serbischen Provinz so wenig Beachtung

geschenkt wird. Aber wie kann die Europäische Union Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

„exportieren“, wenn es nicht mal in der direkten Nachbarschaft klappt?

Urs Spindler

geboren 1988 in Bielefeld

Werdegang:

seit Juni 2011 freie Mitarbeit SPIEGEL ONLINE

seit Mai 2011 freie Mitarbeit Erdgeschoss Verlag (Text und Lektorat)

seit 2010 Studium Journalistik und Kommunikationswissenschaft,

Universität Hamburg

Mai 2008 bis Mai 2010 www.blickwinkel-muenster.de (Text und Radio)

2008-2010 freie Mitarbeit Münstersche Zeitung Zeitung

2007-2010 Studium der Kommunikationswissenschaft,

Westfälische-Wilhelms-Universität Münster

125


Recherche-Stipendien II


Ergebnisse

abgeschlossener

Stipendien

Marvin Oppong

Frank Brunner

Gordon Repinski


Marvin Oppong

Marvin Oppong

geboren 1982 in Münster

Werdegang:

Seit 2005 Studium der Rechtswissenschaft an der Rheinischen-Friedrich-Wilhelms-

Universität Bonn, Schwerpunkt Völker- und Europarecht

2004-2005 Studium an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne im Rahmen des

Sokrates-Programms der Europäischen Union

2002-2004 Studium der Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin

Seit 2000 Tätigkeit als freier Journalist (u. a. für Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung)

Preise:

2009 Grimme Online Award in der Kategorie „Information“ mit dem Blog „CARTA“

Veröffentlichungen:

Migranten in der deutschen Politik (Hrsg.), VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,

Juni 2011

Informationsfreiheitsgesetz und Kommunikationskultur. Warum ein Journalist den WDR

verklagt – Protokoll eines Testberichts, in: Johannes Ludwig (Hrsg.), Sind ARD und ZDF

noch zu retten? – Tabuzonen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, 2009

Finger weg von der Justiz – Für eine Unabhängigkeit der Staatsanwaltschaft,

in: Zeitschrift für Rechtspolitik, 42. Jahrgang 2009, Heft 1, S. 22 f., 2009

Brauchen wir ein Europäisches Strafregister?, in: Goltdammer’s Archiv für Strafrecht,

155. Jahrgang 2008, Heft 9, S. 575-583.

128


Wikipedia oder Wahrheit

(DIE ZEIT, Nr. 49, 01.12.2011)

Wikipedia ist ein demokratisches Medium. Damit sich auf der Online-Enzyklopädie

die Wahrheit durchsetzt, darf sich jeder einmischen – unabhängig davon, ob er

schon volljährig ist oder jenseits der neunzig, ob er gebildet ist, Geld oder Kontakte

besitzt. Bei Wikipedia sind alle gleich, das bessere Argument zählt. Das ist das

Prinzip.

Und doch haben manche Autoren mehr Einfluss als andere. Sie haben sich Respekt

erarbeitet, durch ihren Fleiß und ihr gutes Händchen, eine Diskussion zu einem

fruchtbaren Ergebnis zu führen. Sie können aufsteigen und Administrator werden.

Dann haben sie nicht nur die Macht des Arguments auf ihrer Seite, sondern auch

die Macht des Systems. Sie dürfen dann Einträge löschen und andere Teilnehmer

maßregeln.

Was aber, wenn einer dieser Administratoren seine Macht missbraucht? Was,

wenn er möglicherweise Öffentlichkeitsarbeiter von Firmen in die Lage versetzt

hat, Beiträge zu schönen? Und wenn der Staat das Ganze womöglich auch

gefördert hat?

Dann ist der Ruf eines Mediums in Gefahr, das sich anschickt, ein digitales

Weltkulturerbe zu werden. Und dann muss sich Achim Raschka erklären. Doch

Raschka will nicht wirklich. „Ich habe weder die Zeit noch die Lust, Ihnen die

dringend benötigte Nachhilfe zu erteilen“, schreibt er. Dabei würde ein bisschen

Aufklärung schon reichen.

Raschka war so ein besonderer Autor, ein Administrator, ein Hüter der virtuellen

Wahrheit gewesen, ein Freiwilliger, der Wikipedia-Einträge überprüft, kommentiert

und löscht.

Der Gedanke einer demokratischen Wissensentstehung ist schön, nur leider steht

nicht immer die Wahrheit im Vordergrund. Eine Plattform, die allein in der deutschen

Version täglich achtzig Millionen Besucher hat, beeinflusst den Blick der

Deutschen auf Produkte, Marken – Kontroversen. Etwas Unangenehmes zu

129


verschweigen, die Vergangenheit ein bisschen schöner zu formulieren – das kann

sich für Unternehmen lohnen.

Wie oft das gelingt, kann niemand sagen. Achim Raschka mag vielleicht eine

Ahnung davon haben. Der Biologe hat mehr als 65.000 Mal in Artikel eingegriffen.

Er war 2004 nach eigenen Angaben dabei, als Wikimedia gegründet wurde, ein

Verein, der die deutsche Wikipedia betreibt und pflegt. Raschka war dort mal

auf diesem, mal auf jenem Posten tätig, zuletzt war er im Ressort Qualität und

saß als Beisitzer im Vorstand.

Achim Raschka war auch aktiv dabei, als vor vier Jahren das Projekt „Nachwachsende

Rohstoffe“, kurz Nawaro, startete. Es war eines der größten Schreibprojekte

der deutschen Wikipedia. Innerhalb von drei Jahren sollten über hundert neue

Einträge entstehen, von Bioenergie über Kunststoffe bis hin zu Rohstoffpflanzen.

Das Projekt zog von Anfang an keine klare Grenze zwischen Privatwirtschaft und

Gemeininteresse. Nawaro war eine Zusammenarbeit zwischen Wikimedia und

dem Unternehmen Nova-Institut, das in der privaten Forschung für unterschiedliche

Auftraggeber tätig ist. Das Verbindungsglied war der Mann, der bei beiden

arbeitete: Achim Raschka. Ihm wurde die Leitung des Projekts übertragen.

Das ist, als würde ein Autor Thema und Schreibstil bestimmten, redigieren und

sich dabei selbst kritisch beobachten. Obendrein erhielt das Projekt eine staatliche

Förderung. 234.820 Euro flossen aus den Mitteln des Verbraucher ministeriums

– in der Zeit der CSU-Bundesminister Horst Seehofer und Ilse Aigner – über

den Verein Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) direkt an das Nova-Institut.

Das Gemenge von staatlicher Finanzierung und privatwirtschaftlicher Beteiligung

ging auch einzelnen Nutzern der Wikipedia-Community zu weit. Sie fürchteten,

andere Unternehmen könnten sich an Nawaro ein Beispiel nehmen und

sich ebenfalls über Projekte in die Wikipedia einklinken.

Benutzer Heizer etwa unkte: „Das Institut firmiert als ‘nova-Institut GmbH’.

Wenn das Projekt ein Erfolg wird, dürften ja sicher noch andere staatliche Auftrag-

130


geber Interesse haben, die Wikipedia in ihre Public-Relations-Kampagnen

einzubinden. Ebenso die Privatwirtschaft.“

Der langjährige Wikipedianer und frühere Administrator Simplicius, Hauptverantwortlicher

des Diderot-Clubs bei Wikipedia und ein scharfer Kritiker Raschkas,

definiert sich seiner Benutzerseite zufolge als „unabhängiger Wikipedianer“

und fühlt sich „durch Wikimedia Deutschland e. V. nicht vertreten“. Simplicius

findet, das Projekt Nawaro habe ein „Geschmäckle“. Er meint, die öffentliche

Förderung des Projekts in Höhe von knapp einer Viertelmillion Euro sei „gigantisch,

gemessen an der Anzahl der Artikel“ und „absolut ungewöhnlich“. Letztlich entsprach

die Förderung pro bearbeitetem Artikel rund 540 Euro, während die Mitarbeit

bei Wikipedia normalerweise unvergütet ist. „Ich habe 3.000 Artikel angelegt,

dann müsste ich jetzt ja eine Finca auf Malle haben mit Pool“, meint Simplicius.

Wikimedia beantwortet schriftlich eingereichte Fragen zu diesem Komplex nicht.

Das Nova-Institut ließ sich von der Kritik ohnehin nicht stören. Die miteinander

abgestimmten Parallelstrukturen von Wikimedia und dem Institut seien „vor allem

in der Anfangsphase nicht aktiv zu kommunizieren“, so formuliert es ein Projektbericht.

Und wer waren nun die Autoren, die für Nawaro geschrieben haben, und wer hat

sie bezahlt? Auf Anfrage der ZEIT wollte oder konnte das Nova-Institut nicht antworten.

Wikimedia nahm zu diesen Fragen nach mehrfacher Aufforderung wieder

nicht Stellung.

Eines ist sicher: Die Autoren kamen nicht alle vom Projekt selbst. Im Abschlussbericht

von Nawaro kann man lesen, es seien „bezahlte Kräfte „ von „interessierten

Einrichtungen“ gewesen, die an der „Erstellung von Artikeln“ mitgewirkt hätten.

Die Fachagentur, die für das Bundesministerium das Geld verteilt, findet das

nicht weiter verwerflich. Dort heißt es auf Anfrage arglos, es sei durchaus möglich,

dass einige der Autoren von Firmen kämen.

131


In der Praxis geschah unter anderem Folgendes: Zwei Mitarbeiter des Verbands

der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland besuchen eine Autorenschulung.

Danach schreiben sie einen Wikipedia-Artikel über ihren eigenen Verein.

Eine andere interessierte Firma hieß FKuR. Das Unternehmen ist ein Kunststoffriese,

der Plastiktüten herstellt, aber auch Burgerverpackungen oder Einwegbesteck. Häufig

wird dafür der Kunststoff PLA verwendet. Weil beim Abbau von PLA durch Kompostierung

sehr viel CO2 freigesetzt wird, kritisieren Umweltverbände das Material.

Plötzlich tauchen im Jahr 2009 Fotos von FKuR-Kugelschreibern, -Einwegbesteck

und -Plastiktüten in den neu entstandenen Artikeln über nachwachsende Rohstoffe

auf. Sogar der Markenname steht unter den Fotos. Bis in die italienischsprachige

Wikipedia setzt sich die PR durch, auch auf die Inhalte dehnt sie sich

aus. Ein anonymer Nutzer setzt im Text einen Link zu einem Positionspapier auf

der Homepage von FKuR. Darin steht zum Beispiel, FKuR verwende einen Kunststoff,

der zu 100 Prozent natürliche Materialien wie PLA enthalte. Die Firma FKuR

äußert sich zu diesen Dingen auf schriftliche Nachfrage nicht.

Wer also setzte den Link? Raschka sagt dazu: „Ich bin nicht bereit, Ihnen Klarnamen

von Wikipedia-Benutzern zu nennen – dies verstößt gegen die Gepflogenheiten

der Wikipedia, und Benutzer, die dies tun, werden sehr berechtigt dafür gesperrt.“

Fakt ist: Kurz bevor der Link gesetzt wurde, waren Mitarbeiter des Projekts Nawaro

beim Unternehmen FKuR zu Besuch. Es fand ein Seminar statt, und Raschka war

als Referent vorgesehen. Offenbar waren die Mitarbeiter der Firma danach in der

Lage, Änderungen an Artikeln vorzunehmen, und das sei auch so geschehen,

sagt ein Projektbericht.

Was hat ein öffentlich gefördertes Schreibprojekt in den Räumen eines Kunststoffunternehmens

zu suchen? Und nicht nur dort: Nawaro gab weitere Seminare.

In Bonn fand eine Tagung statt, bei der auch ein Vortrag mit dem Titel Wikipedia

als PR-Instrument? gehalten wird. Und wieder entsteht danach ein neuer Eintrag

in der Online.Enzyklopädie, diesmal über den Lobbyverband des Brennstoffes

132


Holzpellet. Mitarbeiter des Verbands der Holzpellet-Industrie hatten am Seminar

teilgenommen.

Das Projekt Nawaro endete im Jahr 2010. Da war Raschka über das Online-Karriereportal

Xing bestens vernetzt. Außerdem bot er mittlerweile private und kostenpflichtige

Seminare für Organisationen und Unternehmen an. Unter anderem war

er auch bei RWE. Dort sei es unter anderem um die „Möglichkeiten einer inhaltlichen

Beteiligung im Sinne der Wikipedia-Philosophie“ gegangen, wie er selbst

formuliert. Zu diesem Zeitpunkt ist er weiter bei Wikimedia aktiv, erst Mitte Juli

tritt er wegen internen Unstimmigkeiten aus dem Verein aus.

Die Artikel, die bei Nawaro entstanden, wurden alle von der Fachagentur Nachwachsende

Rohstoffe im Namen des Verbraucherministeriums abgenommen

und genehmigt.

Was geschrieben wurde, ist jetzt Teil des Wissens der Welt. Man darf fragen:

Wie schlimm ist so ein Einfluss? Jeder weiß, dass Wikipedia keine verlässliche

Quelle ist. Aber es ist auch keine Firmenhomepage und kein Werbeprospekt,

es soll in Theorie und Praxis nicht zu kaufen sein und nicht zu manipulieren.

Darauf beruht das Vertrauen der Nutzer in Wikipedia. Angesichts der Macht der

Unternehmen, die da anklopfen, wirkt der Glaube an die Durchsetzungskraft der

Wahrheit, an das Gute im Menschen, manchmal naiv.

Ein einziger Nutzer, BJ Axel, hat damals gegen die seltsamen Markennamen in

den Artikeln über nachwachsende Rohstoffe aufbegehrt und sie gelöscht. Diese

Löschungen wurden von Raschka mehrfach rückgängig gemacht. Raschka hat

sich schriftlich zu einigen Fragen geäußert und sie teilweise auf seinem Blog

öffentlich beantwortet. Zur Aufklärung hat er damit wenig beigetragen.

Und so bleibt die zentrale Frage: Hat Achim Raschka, der Internet-Aktivist, der

Wikipedia geschadet?

133


Heimliche Einflussnahme

Beispiele, wie Unternehmen ihr Image aufpolieren wollen, sind auf der Seite

WikiScanner zu finden: Anhaltspunkte dafür liefern die sogenannten IP-Nummern.

Das sind im übertragenen Sinne die Telefonnummern von Computern im Internet.

Sie erlauben den zuverlässigen Datenverkehr von einem Adressaten zum anderen.

WikiScanner registrierte nun: Ein Nutzer hat aus dem „Störfall“ des Atomkraftwerks

Biblis ein harmloses „meldepflichtiges Ereignis“ gemacht. Von derselben IP-Nummer

aus wurde hinzugefügt, dass „Biblis Meilenstein in puncto Sicherheit“ sei. Aus

dem „Export von Atommüll“ wurde schlicht die „Rückführung von Brennstäben“. Der

Nutzer, der die Änderungen eintrug, kam von RWE. Eine IP-Adresse von der Firma

Boehringer Ingelheim löschte die Lieferung von Agent Orange an die USA aus der

Firmenvergangenheit. Der Hersteller eines Ginkgo-Gedächtnis-Präparats entfernte

einen kritischen Kommentar zur Wirksamkeit aus dem Artikel. MOP

Recherche-Stipendien der Otto Brenner Stiftung

Seit 2005 lobt die Otto Brenner Stiftung in Zusammenarbeit mit „netzwerk recherche“

jährlich jeweils drei Stipendien aus. Eine Übersicht zu allen Stipendien, die seit 2005 vergeben

worden sind, finden Sie auf S. 184 / 185 in diesem „Best of“.

Auf der Preisseite www.otto-brenner-preis.de können die Ergebnisse aller abgeschlossenen

Recherchestipendien nachgelesen werden.

Dem „Best of“ liegt der aktuelle Ausschreibungsflyer für den „Brenner Preis 2012“ bei

– mit Beispielen für erfolgreich abgeschlossene Stipendien. Der Flyer kann über die Homepage

der Stiftung und/oder über die Preisseite bestellt werden.

(Die Redaktion)

134


Frank Brunner

Frank Brunner

geboren 1972 in Karl-Marx-Stadt (jetzt Chemnitz)

Werdegang:

Seit 2011 freier Journalist im Berliner Journalistenbüro Schön&Gut,

u. a. für Spiegel-Online, Zeit-Online, taz sowie als Textchef für

den W. Bertelsmann Verlag

2009-2010 Redakteur bei der jungen Welt

2007-2009 freier Autor, u. a. für Berliner Zeitung, Tagesspiegel

2003-2009 Studium der Politikwissenschaft und der Publizistik an der FU Berlin

2001-2002 Studium der Philosophie an der TU Chemnitz

2000-2001 Abitur

Veröffentlichungen:

„Die NPD in Berlin: Geschichte und Gegenwart eines Landesverbandes der

rechts -extremen Partei“ (2009)

135


Im Körper des Feindes

(die tageszeitung, 13. / 14.08.2011)

Wie sich bekannte Journalisten vor den Karren der privaten PR-Hochschule

Quadriga spannen lassen. Und darüber eher einsilbig Auskunft geben.

Den Clou hat sich Susanne Wegerhoff für den Schluss aufgehoben. „Das, was

man in den Medien über Opel liest, ist zu 87 Prozent von uns gesteuert“, sagt

die Chefin der Konzernkommunikation des Autobauers vor knapp zwei Dutzend

Studenten der privaten Quadriga-Hochschule in Berlin.

Es ist kurz nach 20 Uhr an diesem Freitag im Mai 2011. „Über sieben Brücken

musst du gehen: Vom kommunikativen Krisenmanagement zur aktiven Image -

gestaltung“, hat Gastdozentin Wegerhoff die Stunde überschrieben. Es geht um

Werksschließungen, Entlassungen, einen widerspenstigen Betriebsratschef und

um Medien, die monatelang ein düsteres Bild von Opel gezeichnet hatten.

Die Stimmung im Unterrichtsraum dagegen ist heiter; schon während des Vortrags

gibt es Bier. Wegerhoff zeigt viele bunte Diagramme, deren Kurven erst abwärts,

später aufwärts zeigen und erklärt dazu sehr kurzweilig, wie man Journalisten

motiviert, eine Firma mit angekratztem Renommee in ein besseres Licht zu

rücken.

Hilfsbereite Journalisten

Dass Pressesprecher Medien für ihre Zwecke einzuspannen versuchen, ist Teil

ihres Berufs. Zumindest erklärungsbedürftig ist es aber, wenn Journalisten dabei

helfen, die PR-Profis jener Firmen, Organisationen oder Verbände auszubilden,

die sie eigentlich kontrollieren sollen. Sieben prominente Medienvertreter engagieren

sich für die Hochschule: im Kuratorium, als Mentoren der Studierenden

oder Berater der Lehrbeauftragten.

Die Hochschule gehört zum Firmenkonglomerat um die Helios Media GmbH von

Rudolf Hetzel. Der 37-Jährige hat mit Magazinen, Seminaren, Tagungen und Preisverleihungen

eine Art Kontakthof für Abgeordnete, Pressesprecher, Lobbyisten

und Journalisten etabliert. Sein Helios-Verlag (Politik & Kommunikation, Presse-

136


sprecher) veranstaltet mit viel Pomp und Prominenz jährlich einen Politik- und

einen Kommunikationskongress.

Die 2009 gegründete Quadriga ist Hetzels neuestes Projekt. Bis zu 26.000 Euro

kostet die 18-monatige Ausbildung zum Kommunikationsmanager. Präsident

der Hochschule ist Peter Voß. Der langjährige SWR-Intendant hat dafür einige

Kritik einstecken müssen. Der Hamburger Journalistikprofessor Volker Lilienthal

zeigte sich „überrascht“ ob dieses Engagements.

Voß sieht darin keinen Widerspruch. Pressearbeit sei zwar ein wichtiger Teil des

Berufes, spiele aber in den Studiengängen keine entscheidende Rolle. Im Mittelpunkt

der Lehre stünden die Kommunikation mit Mitarbeitern oder Investoren.

Für Lilienthal ist das schwer nachvollziehbar. „Falls Pressearbeit tatsächlich nachrangig

ist, stellt sich die Frage, wieso dann überhaupt Journalisten engagiert wurden“,

sagte Lilienthal der taz.

Strategie und Spielregeln

In der Vorlesung von Opel-Sprecherin Wegerhoff im Studiengang „Public Affairs

& Leadership“ geht es ausschließlich um Pressearbeit. „Wochenlang war nur Be -

triebs ratschef Klaus Franz in den Medien präsent, die Konzernspitze kam praktisch

nicht vor“, sagt die 54 Jahre alte Wirtschaftshistorikerin. Der US-Konzern

General Motors hatte Opel ungebremst an die Wand gefahren. Die finanzielle

Lage war prekär, ein Verkauf gescheitert und Opel-Chef Nick Reilly hatte den

Abbau von Tausenden Arbeitsplätzen angekündigt. „Wir waren für viele Redakteure

nicht mehr als eine billige Headline“, sagt Wegerhoff. Dann präsentiert die

Managerin ihre Gegenstrategie, die sie „Entgiftung“ nennt.

Quadriga-Präsident Voß spricht lieber von ethischen Standards wie dem Transparenzgebot,

das an der Einrichtung gelehrt werde. Dafür, so Voß, stehen die im

Kuratorium vertretenen Journalisten. Die reagieren auf Nachfragen zu ihrem

Engagement jedoch meist einsilbig.

137


Christoph Lanz, Fernsehdirektor der Deutschen Welle, erklärt, er könne an der

Quadriga seine „journalistischen Erfahrungen sehr gut einbringen“. Und Thomas

Schmid, Herausgeber der Welt-Gruppe, sagte der taz: „Ich habe diese Aufgabe

angenommen, da ich es nicht für problematisch, sondern für sehr sinnvoll halte,

wenn angehende PR-Leute lernen, was professionellen Journalismus ausmacht

und was dessen Spielregeln sind.“

Namen als Schmuck

Verena Wiedemann ist keine Journalistin, war aber bis zum 30. Juni General sekretärin

der ARD. Einen Interessenkonflikt zwischen ihrer Funktion als leitende An -

ge stellte eines öffentlich-rechtlichen Senders und dem Einsatz für eine private

PR-Hochschule sieht sie nicht. Sie habe zu keiner Zeit redaktionelle Verantwortung

für Programme der ARD getragen, begründet das die Medienrechtlerin gegenüber

der taz. Den Vorwurf, dass sich die Quadriga mit dem Namen einer ARD-Generalsekretärin

nur schmücken will, um Seriosität zu suggerieren, kann Wiedemann

nicht nachvollziehen.

Einige Journalisten wollen über ihr Engagement an der Quadriga gar nicht sprechen.

Sven Gösmann, Chefredakteur der Rheinischen Post, teilt mit, dass sich Voß zu

dieser Problematik „gern und erschöpfend“ äußere und er dem „wenig bis nichts

hinzuzufügen“ hat. MDR-Chefredakteur Wolfgang Kenntemich erklärt, er sei derzeit

nicht an der Quadriga engagiert und werde deshalb keine Fragen beantworten.

Auch Peter Limbourg, langjähriger Nachrichtenchef von Sat.1 und N24, ist nach

eigener Aussage nicht mehr im Kuratorium vertreten. Zu den Gründen möchte er

sich nicht äußern.

Einsilbige Journalisten

Die Quadriga wirbt auf ihrer Internetseite allerdings bis heute mit Kenntemich

und Limbourg. Laut Rene Seidenglanz, Vizepräsident der Quadriga, sind beide

Journalisten auch weiter an der Hochschule engagiert. Für eine Nachfrage der

taz zu diesem Widerspruch waren Kenntemich und Limbourg nicht zu erreichen.

Der Chefredakteur der Financial Times Deutschland, Steffen Klusmann, reagierte

auf Anfragen erst gar nicht.

138


Dafür erläutert Präsident Voß seine Sicht auf das Verhältnis von Journalismus

und PR. „Kenntnis und Verständnis der anderen Seite können von Vorteil sein“,

so Voß. Denn nur so könnten beide Seiten ihre Anforderungen artikulieren. Für

den Medienexperten Lilienthal profitiert von diesem Austausch einzig die PR-

Branche, „weil sie besser versteht, wie Journalisten ticken“. „Namhafte Journalisten,

die ihren Erfahrungsschatz weitergeben wollen, erwarte ich in der Journalistenausbildung,

da werden sie bitter benötigt.“

Dass Offenheit nicht zwangsläufig zum Handwerkszeug von Pressesprechern

und PR-Profis gehört, demonstriert Opel-Frau Wegerhoff. „Regelmäßig haben

wir ausgewählte Journalisten zu diskreten Treffen eingeladen“, erklärt sie den

Studierenden. Vertreter überregionaler Zeitungen wurden zu exklusiven Runden

mit Opel-Chef Reilly mit Oldtimern am Bahnhof abgeholt. „Männer mögen das“,

weiß Wegerhoff. „Diese Gespräche waren streng vertraulich – daran haben sich

auch alle gehalten.“

Die Medien würden nun deutlich positiver berichten als vor anderthalb Jahren.

Nur ein Student ist von der Markenpolitur noch nicht restlos überzeugt. „Von

einem Imagewechsel habe ich nichts mitbekommen“, sagt der junge Mann.

Doch davon lässt sich Wegerhoff nicht provozieren. Lächelnd hält sie die aktuelle

Ausgabe einer großen Tageszeitung hoch. Darin: ein Kommentar zu Opel.

„Besser“, so die PR-Expertin, „hätte ich das auch nicht schreiben können“.

Der Beitrag ist Teil einer Recherche über „PR und Medien“. Mit einer Recherche-Skizze zu diesem

Thema gehörte der Autor 2010 zu den Gewinnern beim jährlich ausgeschriebenen Otto Brenner

Preis für kritischen Journalismus. Die Otto Brenner Stiftung hat die Recherche mit einem Stipendium

gefördert; das „netzwerk recherche“ hat sie inhaltlich begleitet.

139


Gordon Repinski

Gordon Repinski

geboren 1977 in Hannover

Werdegang:

Seit 2010 Parlamentskorrespondent der „taz“ in Berlin, zuständig für SPD,

Verteidigungs- und Entwicklungspolitik

2008/09 Ausbildung zum Redakteur an der Deutschen Journalistenschule München

2004-2007 Arbeit als Berater für Entwicklungsprojekte in Afrika und Asien,

Traineeprogramm am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik in Bonn

1998-2003 Studium der Volkswirtschaftslehre in Hamburg, Berlin, Paris und

Kopenhagen

Veröffentlichungen:

Poverty and poverty reduction strategies in the East African Community (EAC), 2005,

Co-Autor H.-M. Stahl, 153 Seiten

Corporate social and environmental responsibilityin India – Assessing the UN Global

Compact’s Role, 2007, mit T. Chahoud / J. Emmerling / D. Kolb / I. Kubina / C. Schläger

140


Und es ward nicht

ATOM Es ist eine wunderbare Vision: Wer das Prinzip der Sonne kopiert, erhält

un endlich viel Energie. Die EU pumpt Milliarden in ein Projekt, das diese Kernfusion

schaffen soll. Erfolge? Bisher kaum. Nun soll ein niederländischer Ingenieur das

Vorhaben retten.

An einem heißen Apriltag steht Remmelt Haange an seiner Baugrube in Südfrankreich

und schwitzt. Die Sonne knallt ihm auf die Stirn, die Wangen leuchten, das

Gesicht glüht. Aber das stört ihn nicht. Haange mag die Sonne. Er setzt auf sie.

Manche sagen: Was die Sonne angeht, ist Haange der beste Mann der Welt. Er

soll sie hierherholen, nach Cadarache in Südfrankreich.

„Da drüben soll die Sonne stehen“, sagt Remmelt Haange, 66 Jahre. Er zeigt zu

einem Ort am Ende der Baustelle. Ein Erdloch, so groß, dass man zwei Modelle

des Airbus A 380 darin versenken könnte, des größten Passagierflugzeugs der

Welt. Einige Kräne ragen in den blauen Himmel. Hier hat Haanges Mission vor

wenigen Monaten begonnen. Es kommt jetzt auf ihn an.

Für die Baugrube in Cadarache ist der Niederländer die letzte Hoffnung. Er soll nicht

weniger tun, als die Prozesse der Sonne mit einem Kernfusionsexperiment zu imitieren.

In einem Reaktorgebäude könnte dann 100 Millionen Grad heißes Plasma um

eine Magnetspule wabern, die im Innern minus 269 Grad kalt ist. Atomkerne sollen

verschmelzen und unendlich viel Energie fast ohne Risiko und Rückstände bringen.

Es ist die Vision von einer wundervollen Zukunft, und es gäbe nur einen Weg dorthin.

Er führt über Haanges Baugrube, über den „Internationalen Thermonuklearen

Experimentellen Reaktor“. Den Iter.

Ronald Reagan und Michail Gorbatschow haben dieses gigantische Gemeinschaftsprojekt

1985 beschlossen. Es sollte den Kalten Krieg genauso überwinden wie

alle Energiesorgen der Menschheit. Auch heute, auch nach der Katastrophe von

Fukushima klingt Iter für die Forscher noch nach Zukunft. Er soll die bessere

Atomtechnik schaffen.

141


Der Iter ist eines der größten Forschungsprojekte weltweit geworden. Mit 45 Pro zent

zahlt die EU den größten Anteil der Mittel, daneben beteiligen sich die USA, Russland,

Japan, China, Indien und Südkorea. Über eigene Logistikagenturen werden

weltweit die Aufträge abgewickelt. Neue Straßen müssen gebaut, komplizierte

Bau teile erfunden werden. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung zahlt mit

ihren Steuern das Riesenprojekt. Alles am Iter ist gigantisch.

Außer den Erfolgen. Den Fortschritten. Den Perspektiven.

Bisher ist in Südfrankreich nur präzise planierter Lehmboden auf der Fläche

eines ganzen Dorfes zu besichtigen. Von der Sonne auf Erden zeugt höchstens

die Rö tung in Remmelt Haanges Gesicht.

Das Projekt wurde immer wieder verschoben. Zuletzt verdreifachten sich die

er warteten Kosten auf 16 Milliarden Euro. Das Management wurde fast vollständig

ausgetauscht. Der Erfolg ist ungewiss, die Finanzierung aus dem aktuellen EU-Haushalt

nicht geklärt. Selbst ehemalige Befürworter wenden sich ab. „Wir wollen zu -

rück zu den alten Zahlen“, sagt der Europapolitiker Jorgo Chatzimarkakis von

der forschungsfreundlichen FDP. Es klingt fast verzweifelt.

Niemand weiß genau, ob Menschen die Kernfusion jemals dauerhaft gelingen

kann. Die wichtigsten technischen Fragen sind offen. Und dass die Fusion die

Energie- und Klimaprobleme der näheren Zukunft lösen könnte, behaupten

nicht einmal ihre größten Fürsprecher. Im Energiekonzept der Bundesregierung

bis 2050 steht kein Wort von der Kernfusion. Sie sei „eine langfristige Option für

die Energieversorgung“, sagt Forschungsstaatssekretär Georg Schütte. Und mit

der sei vor 2050 „nicht zu rechnen“.

Aber die Welt nach Fukushima sucht einen Weg aus dem globalen Energie -

dilemma. Eine Lösung muss bis Mitte des Jahrhunderts gefunden sein. Nicht

irgendwann.

142


Haange ist seit dem 17. Januar der Technische Direktor des Iter. Er steht wie

niemand sonst für die Hoffnungen, Probleme und internationalen Verflechtungen

der Kernfusion. Sein Leben lang beschäftigt er sich mit Reaktoren und deren

Innenleben. Er hat außer in Frankreich schon in Japan, Großbritannien und

Deutschland gearbeitet. Wo immer ein wichtiges Kernfusionsprojekt läuft,

steht Haange an der Baustelle und guckt, was klappt.

In nüchternem Ton vergleicht er die Kernfusion mit dem Traum vom Automobil –

„daran hat ja auch keiner geglaubt“ – oder mit der Raumfahrt. Er weiß, dass seine

Gegner in der Politik das Projekt beenden wollen, bevor die Schwertransporte

auf das Gelände in Cadarache rollen.

Haange hat in Greifswald den deutschen Ableger des Kernfusionsprojekts aus

dem Chaos geführt. Jetzt soll er den Fusionierern der Welt ihr Projekt retten.

Zu all den Problemen, die es ohnehin schon gibt, kommt nun auch noch „dieses

Desaster da in Japan“, muss Haange feststellen. Alles werde in einen Topf ge worfen,

„Kernfusion“ klingt für Laien plötzlich gefährlich. Das bedroht die Baustelle

zusätzlich. „Eine heikle Lage“, sagt Haange.

Der Traum von der Kernfusion beginnt, als Remmelt Haange 8 Jahre alt ist, Schüler

in einem kleinen Ort an einem niederländischen Naturpark. Am 1. November 1952

um 7.15 Uhr explodiert auf der Pazifikinsel Elugelab eine Wasserstoffbombe. „Ivy

Mike“ ist die stärkste Kernwaffe der Welt, ihre Wucht 800-mal so groß wie die

der Atombombe von Hiroshima. Kilometerweit fegt die Detonation alles davon.

Die Insel Elugelab verdampft, die Forscher jubeln.

„Ivy Mike“ explodiert und liefert die Idee

Während Remmelt die Grundrechenarten lernt, denken in den Forschungszentren

der Welt die Wissenschaftler darüber nach, wie sich so viel Energie nutzen lässt.

Wie es theoretisch funktioniert, wissen sie: Die Wasserstoffisotope Tritium und

143


Deuterium müssen zuerst auf 100 Millionen Grad Celsius erhitzt werden und so

den sogenannten vierten Zustand der Materie erreichen. Die Isotope sind dann

nicht fest, flüssig oder gasförmig – sondern ionisiert. In diesem Zustand bildet

sich ein Plasma, in dem die Teilchen durcheinanderfliegen; sie kollidieren miteinander

und verschmelzen zu Helium.

Das Ergebnis: Energie im Überfluss. Ein Gramm Wasserstoff entspricht der Leistung

von elf Tonnen Kohle. Es war das Märchen von den unendlichen Ressourcen.

Es fühlte sich an, als wäre man auf Ozeane voller Öl gestoßen. Der Durchbruch

schien greifbar. Und das alles ohne die Gefahr eines GAUs. Bei einer Störung

würde sich der Reaktor sofort abkühlen.

In den Sechzigern geht Remmelt Haange zum Studieren nach Deutschland,

Maschinenbau an der RWTH Aachen. Nach dem Studium zieht er weiter nach

England. Sein erster Job in einem Hochtemperaturreaktor. „Damals hieß es: Es

sind noch 25 Jahre“, erinnert er sich. „Hurraideen passten in die Zeit“, sagt die

Vorsitzende der Grünenfraktion im Europäischen Parlament, Rebecca Harms.

Über Jahre feuerten die Forscher Unmengen Energie in den Ofen, um die 100 Millionen

Grad Betriebstemperatur zu erreichen. Heraus kam nichts. Kaum hatte man

die Teilchenverschmelzung einmal geschafft, fiel sie wieder in sich zusammen

wie ein Ballon, aus dem man die Luft lässt. Denn das widerspenstige Plasma

verflüchtigt sich in Sekundenbruchteilen, berührt die Wände des Reaktors –

und kühlt sich ab.

Auch riesige Magnetspulen, die in den Reaktor hineingebastelt sind, können

das Plasma nicht kontrollieren. Der Reaktor Tokamak, der auch im Iter verwendet

werden soll, muss andauernd weitergeheizt werden. Als wollte man einen

nassen Baum mit dem Feuerzeug anzünden. 1991, Haange arbeitete jetzt für

das Projekt Jet, den Vorgänger des Iter, gelang der Prozess für zwei Sekunden

im britischen Culham. Dann war der Sonnenofen wieder aus.

144


Damals glaubten Physiker, es werde drei Jahrzehnte dauern, bis man endlich Strom

erzeugen könne. Nichts ist in all den Jahren der Forschung so stabil wie die Zeit,

die angeblich jeweils noch bis zur kommerziellen Nutzung der Zauberenergie

gebraucht wird. Es sind immer drei bis vier Jahrzehnte. Dafür ist ein zynisches

geflügeltes Wort entstanden: die Fusionskonstante.

Immer größer – der Eisbär gilt als Vorbild

Die technischen Schwierigkeiten haben dazu geführt, dass im Laufe der Jahre

immer neue Materialien und Verfahren gebraucht wurden. Die neuen Stoffe

brachten neue Probleme. Bis heute ist kein Material für eine Reaktorinnenwand

gefunden, die 100 Millionen Grad erträgt, ohne zu schwächeln. Es gibt auch

noch keine Magnetspule, die bei mehr als minus 269 Grad funktioniert.

Ideen haben die Forscher immer gleich mitgeliefert. Um das Problem mit dem

widerspenstige Plasma zu lösen, werde nur ein größerer Reaktor benötigt, sagten

sie stets. Darin würde sich die Ionensuppe nicht so schnell abkühlen. Fusionierer

wie Haange erzählen gern die Geschichte vom Eisbären. Der könne am Nordpol

auch nur überleben, weil er dank seiner Größe nicht so viel Wärme abgebe.

Am Ende bedeutet das: Wenn so ein Gerät in 60 Jahren erst zwei Sekunden lang

funktioniert hat, findet sich immer noch eine Schraube, eine Spule oder Stütze,

die sich verbessern lässt. Und jede dieser Ideen wird ein Unikat und kostet sehr

viel Geld. Wenn man das Geld anderswo einsparen will, kostet das Zeit. Und

diese Zeit kostet dann wieder Geld.

So wurde der Iter im Laufe der Jahre immer teurer, der Start immer weiter verscho

ben. 1986, als Reagan und Gorbatschow das Projekt planten, wollten sie

in den neunziger Jahren fertig sein. Mittlerweile muss man im Kalender für den

Betriebs start bis 2026 blättern.

Erreicht wäre dann noch nicht viel. Denn nach dem Iter müsste ein Nachfolgemodell,

ein Demonstrationskraftwerk, gebaut werden. Erst danach könnte ein Kraftwerk

folgen, das ans Netz geht. Ein einziges würde noch einmal so viel kosten wie der Iter.

145


Doch allein für den Iter steigen die Kosten mit fast jeder Projektrevision. Waren

vor zehn Jahren in den Planungen noch 5 Milliarden Euro für den Bau angesetzt,

sind es nun 16 Milliarden Euro, mehr als dreimal so viel. Die Schätzung für Euro -

pas Anteil hat sich in der Zeit auf 7,2 Milliarden Euro erhöht. „Das ist eine gigantische

Geldvernichtung“, sagt der Pariser Energiefachmann Mycle Schneider,

„ein Beschäftigungsprogramm für arbeitslose Physiker.“

Erst 2010 hatten die Europäer von den Kostensteigerungen genug und begrenzten

den eigenen Anteil auf 6,6 Milliarden Euro.

Am Tag, als Remmelt Haange sich an der Baugrube in Cadarache einen Sonnenbrand

holt, beraten die Beamten der EU-Kommission gerade, wie die Mehrkosten

des Iter aufgefangen werden können. In dem provisorischen Verwaltungscontainer

auf dem Gelände hetzt Haange von Krisenrunde zu Krisenrunde, zwischendurch

klingelt das Telefon. Es sind unangenehme Gespräche. Das Verständnis für die

dauernden Kostensteigerungen in Cadarache – für 2012 und 2013 allein sind es

1,3 Milliarden Euro – sinkt allmählich. Haange meint wohl auch das, wenn er

von einer „heiklen Lage“ spricht.

Die EU-Kommission, das geht aus internen Entwürfen hervor, will nicht genutzte

Landwirtschaftsmittel verwenden und mit anderen Forschungsmitteln die übrigen

Löcher im Budget stopfen. Welche, darüber gibt die Kommission keine Auskunft.

„Der Iter kannibalisiert andere Forschungsvorhaben“, sagt die Grüne Rebecca

Harms.

Zum Beispiel die regenerativen Energien. Jährlich werden etwa 130 Millionen Euro

in die deutschen Fusionszentren gesteckt – ein Drittel des Energieforschungsetats.

In Europa fließen nach offiziellen Angaben der EU-Kommission allein in den Jahren

2012 und 2013 zwei Milliarden Euro in die Kernfusion. In die Erforschung der

regenerativen Energien steckt die EU auch etwas mehr als zwei Milliarden – in

sieben Jahren.

146


1.700 Kilometer nordöstlich von Cadarache, im Gewerbegebiet der Stadt

Greifswald, lässt Thomas Klinger seinen Gefühlen freien Lauf. Der Turbulenz -

plasmaphysiker steht mit gehärteten Spezialschuhen und Schutzhelm in der

Produktionshalle des Max-Planck-Instituts vor seinem unfertigen Fusionsex

periment. Ein Schwerlastkran fährt mit seinen gelben Greifarmen an der

Decke entlang.

Klinger ist der Chef hier in Greifswald, vor seinen Augen vollzieht sich ein entscheidender

Montageschritt. Alles sieht aus, als würde gerade ein U-Boot verschraubt.

Doch bei den vermeintlichen Bullaugen handelt es sich um Einlasslöcher

für empfindliche Messgeräte. Hier entsteht der Vorzeigereaktor der deutschen

Fusionscommunity, der Wendelstein 7-X.

Wie eine Niederkunft“, sagt der Plasmaphysiker

Ein Stück gebogene Metallschale, groß wie ein Hausdach, wird mit einem Spezialkran

auf den Wendelstein 7-X hinabgelassen. Darauf sitzen zwei Ingenieure und

lassen sich mit verladen. Nur von oben können sie sehen, ob die Schale exakt

auf den Testreaktor passt. Der Kran surrt. Klinger schaut zu. Er ist immer dabei,

wenn so etwas passiert.

Mit seinen Kupferadern und Schräubchen habe der Wendelstein 7-X etwas von

Gunther von Hagens’ Körperwelten. „Faszinierend“, sagt Klinger. Während die

Schale sinkt, wird er euphorisch. „Es ist wie eine Niederkunft“, sagt er, die vielen

Magnetspulen sind wie Kinder: „Jede ist anders.“

Viele Jahre hat Remmelt Haange den deutschen Ableger des Fusionsprojekts mit

Klinger geleitet. Jetzt hat Haange Klinger verlassen, weil er in Cadarache dringender

gebraucht wird. Klinger nennt Haange den Red Adair der Fusionstechnologie.

Adair war ein Feuerwehrmann, spezialisiert auf brennende Ölfelder.

Der Wendelstein 7-X ist so etwas wie das Gegenprojekt zum Iter geworden. Sein

Reaktortyp Stellarator hat gegenüber dem in Frankreich geplanten Tokamak-Mo dell

147


den Vorteil, dass er durchgängig laufen soll und nicht immer wieder neu gezündet

werden müsste. Der Nachteil: Der Stellarator hat zwanzig Jahre Forschungsrückstand.

Deswegen wird er wohl nur in Greifswald gebaut – danach nirgends mehr.

Trotzdem kostet er rund eine halbe Milliarde Euro, überwiegend vom Bund be zahlt.

Angela Merkel nennt den Wendelstein 7-X „ein Zukunftsprojekt“.

Wer sich nun fragt, warum es dieses Projekt auch noch geben muss, landet wieder

beim Iter. Die meisten Länder haben sich nur unter der Bedingung daran beteiligt,

dass die eigenen Forschungsvorhaben profitieren. Frankreich musste in Europa

deshalb am meisten Überzeugungsarbeit leisten. Der Iter ist nicht nur ein großer

Energietraum, sondern auch ein milliardenschweres Konjunkturprogramm für die

Region Provence. In einer französischen Karikatur von 2007 jubelte der damalige

Präsident Jacques Chirac nach dem Zuschlag für Cadarache als Standort seinem

Premier Dominique de Villepin zu. „Wir haben das Ding – nun sagen Sie mir,

was es bringt, Villepin!“

Die Antwort findet sich in den Statistiken, die Frankreich regelmäßig herausgibt.

Sie zeigen, wie viel von den internationalen Iter-Geldern im eigenen Land landen.

Im Moment sind es bei einem Projekt, für das die halbe Weltbevölkerung zahlt,

bemerkenswerte 46 Prozent. Deutschlands Unternehmen dagegen verlieren

langsam die Lust an den Ausschreibungen, ihr Anteil an den vergebenen Aufträgen

ist derzeit zwei Prozent. Wirtschaftsvertreter schimpfen auf die Verfahren, sie

seien „vordemokratisch“.

Deutschland wurde damit geködert, dass die EU den Greifswalder Wendelstein 7-X

zu einem Drittel mitfinanziert. Spanien bekam die Behörde „Fusion for Energy“,

China Unterstützung für ein Hybrid-Kraftwerk, in dem Atome erst fusioniert und

dann gespalten werden. Die USA schließlich erhalten Förderung für ihre Laser -

fusionstechnik, mit der sie militärische Tests imitieren, weil im Pazifik keine

Bombentests mehr erlaubt sind.

Das Ergebnis: Gigantische Mehrausgaben durch Ausgleichsgeschäfte, die noch

nicht einmal im Iter-Budget auftauchen. Die Steuerzahler müssen dafür trotzdem

aufkommen, sie merken es nur nicht.

148


Dass in diesem Gemeinschaftsprojekt alle ganz besonders auf sich selbst achten,

hat noch mehr kuriose Folgen: Per Vertrag wurde festgelegt, dass alle Länder

befähigt werden, alle Elemente des Reaktors bauen zu können – unabhängig

von der technischen Vorbildung der Fachleute.

Wie soll Haange das bloß alles löschen?

So werden die 18 Toroidalfeldspulen in sechs verschie denen Ländern gefertigt.

Die riesenhaften Spulen, die eines Tages aussehen wie haushohe, kupferfarbene

Torbögen, sollen einmal das Plasma im Reaktorkern einschließen. Ohne sie

läuft nichts.

Wenn die Spulen später, aus aller Welt kommend, in Südfrankreich zusammengeschraubt

werden, kann schon eine Millimeterabweichung ausreichen, und

der gesamte Reaktor funktioniert schlechter oder gar nicht mehr. Doch Toroidalfeldspule

Nummer eins wird in Japan gebaut, Nummer zwei in Europa, Nummer

drei in den USA. Das sei sicher nicht optimal, urteilen Fachleute.

Man fragt sich, wie Remmelt Haange das alles löschen soll – es brennt so viel.

Nur nicht seine Sonne.

EU-Staaten stehen vor dem Bankrott, es müssen Rettungsschirme gespannt,

Staatshaushalte gerettet werden. Und trotzdem fließen weiter Milliarden in ein

Projekt, das bisher nicht viel mehr als eine Idee ist. Rechtfertigt die Hoffnung

von der Kernfusion all diese Investitionen, die Verstrickungen und Absurditäten?

Oder muss man sich irgendwann vom Iter verabschieden?

Als der Streit über die fehlenden Haushaltsmittel im vergangenen Jahr eskalierte,

ließ die EU-Kommission die Folgen eines Ausstiegs errechnen. Das Ergebnis:

Allein durch Verträge mit Baufirmen und dem eigenen Personal wären für die EU

im Fall eines Abbruchs knapp 4,5 Milliarden fällig.

Das erinnert an das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Als die Proteste eskalierten,

präsentierte die Deutsche Bahn ein Gutachten. Der Ausstieg koste 1,5 Milliarden

149


Euro. In Stuttgart wurde so eine besondere Atmosphäre geschaffen, eine Atmos -

phäre der Ausweglosigkeit.

So argumentiert auch das Papier der EU-Kommission: Diese Schätzung schließe

„mög liche Schadenersatzklagen Dritter ein“ nicht ein, schreiben die Autoren,

ge nau so wenig das bereits ausgegebene Geld von „mehr als einer weiteren

Milliarde Euro“.

Die Zahl 4,5 Milliarden wird von den Fraktionen im Europäischen Parlament mittlerweile

als unverrückbarer Fakt hingenommen. Von einem Gegengutachten ist

nichts bekannt.

Selbst wenn die Bundesregierung die immensen Ausstiegskosten aber hinnehmen

wollte: Es wäre ungeheuer kompliziert. Deutschland beteiligt sich nicht als Land

an der Finanzierung des Iter, sondern über Beiträge an der EU-Unterorganisation

Euratom. Damit Euratom aus dem Projekt aussteigt, müsste Deutschland Länder

wie Frankreich und Spanien überzeugen. „Wenn das Ding in den USA stehen würde,

könnten wir sagen, wir steigen aus“, klagt ein Insider. „Die Internationalisierung

ist der letzte Trick der Fusionierer“, stellt Energieexperte Mycle Schneider fest.

Kein EU-Land will der Spielverderber sein

Der Spielverderber zu sein traut sich in der Staatengemeinschaften niemand.

Dann lieber weiter Geld ausgeben.

Der Iter wirkt wie ein Monstertruck, der ohne Bremsen einen Berg hinunterrauscht.

Aussteigen unmöglich.

Ans Steuer dieses Trucks haben sie jetzt Remmelt Haange gesetzt, der versuchen

muss, doch noch eine Kurve zu kriegen.

Während draußen die Planierraupen über die Erde rollen, diskutiert er dann in

seinem Verwaltungscontainer mit den Ingenieuren, die wieder einen Plan um werfen

wollen. „Die haben jeden Tag eine neue Idee“, sagt er. Er muss sie ihnen ausreden.

150


Alternativlos, sagt Angela Merkel, wenn sie etwas durchsetzen will. Basta, sagte

Gerhard Schröder. Der Iter wurde von Anfang an als alternativloses Basta-Vorhaben

vorgestellt.

„Den jungen Politikern wurde von den älteren klargemacht, dass es sich um ein

langfristiges Projekt handle, an dem nichts geändert werden kann“, erinnert sich

der SPD-Politiker René Röspel an seine ersten Sitzungen im Forschungsausschuss

im Jahr 1998. Er wunderte sich damals über die astronomischen Summen bei der

Kernfusion. Die Details der einzelnen Projekte zu verstehen, würde einen Abgeordneten

und seine Mitarbeiter allerdings viele Nächte kosten.

Und wenn sich bei einem Projekt kaum jemand auskennt, es kaum Öffentlichkeit

gibt und ein möglicher Ausstieg extrem teuer scheint, dann haben es die Lobbyisten

leicht. Alle paar Wochen treffen sich die Vertreter der interessierten Wirtschaftskreise,

dem Iter Industrie Forum, zusammen mit den Fusionsforschern und

den Spitzenbeamten im Bonner Bundesministerium und besprechen die Lage.

Dann werden zwischen Politik, Forschung und Wirtschaft in vertrauter Atmosphäre

die aktuellen Fragen geklärt. Es ist ein geschlossener Kreis.

Während sie hinter verschlossenen Türen diskutieren, muss Remmelt Haange

jetzt den Eindruck vermitteln, als könnte er die Sache in den Griff bekommen.

In diesem Jahr muss der Haushalt durchs Parlament, vor allem in diesem einen

Jahr müssen die Zahlen stehen. Sind die Mauern des Reaktors erst einmal hochgezogen,

wird ein Abbruch noch unwahrscheinlicher.

Wenn man Haange fragt, was er machen würde, sollte der Iter doch teurer werden,

sagt er deshalb: „Es gibt jetzt die Deckelung der Kosten, also halten wir sie ein.

Basta!“ Kann Grundlagenforschung mit Deckelung funktionieren? „Nein“, sagt

Haange. Aber nun muss sie eben. Auch wenn es gar nicht geht.

Da steht Remmelt Haange also an der Baugrube in Südfrankreich. Die Sonne auf

dem Kopf, dem grauweißen Haarkranz, auf dem schwarzen Anzug.

151


Hat er manchmal Zweifel, dass der große Traum Wirklichkeit wird?

„Nein, gar nicht“, sagt Haange.

„Wissen Sie, Fusion ist doch naturgegeben. Es gibt sie milliardenmal, milliardenmal“,

wiederholt er. „Überall, auf der Sonne, auf jedem Stern gibt es sie.“

Er dreht sich um, er muss jetzt weg. Sein Büro hat angerufen. Es gibt wieder Ärger.

Gordon Repinski, 33, ist Parlamentskorrespondent der taz. Seine Recherche

zum Iter hat die Otto Brenner Stiftung gefördert: Mit einer Recherche-Skizze

gehörte der Autor 2010 zu den Gewinnern beim jährlich ausgeschriebenen

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus“. Das Projekt wurde vom

„netzwerk recherche“ unterstützt und begleitet.

152


1 2

3 4

1 Jupp Legrand, OBS-Geschäftsführer, bei

der Begrüßung zur „Medienpolitischen

Tagung der OBS“ 2 Anja Reschke, NDR:

Moderationen, die ins „Schwarze“ treffen

3 Jörg Wagner, rbb 4 Brigitte Baetz, DLF

5 Ulrike Simon, freie Journalistin und

Impulsgeber Hans-Jürgen Jakobs, SZ

6 Das Publikum verfolgt interessiert die

Podiumsdiskussion

(im Großbild: Christian Meier, meedia)

5

6

153


MEDIENPOLITISCHE TAGUNG

DER OTTO BRENNER STIFTUNG


Jupp Legrand

Hans-Jürgen Jakobs


Jupp Legrand

Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung

Eröffnung der Medienpolitischen Tagung

der Otto Brenner Stiftung

Verehrte Gäste!

Im Titel der Veranstaltung fragen wir, ob Medienkritiker einsame Rufer sind oder

zahnlose Tiger? Andere sehen in ihnen „zentrale Randpersonen“ im Medien geschäft.

Manche sprechen vom Elend der Medienkritik. Zuweilen wird den Medienkritikern

auch klägliches Versagen bescheinigt.

Ich möchte Ihnen zur Einstimmung auf die Tagung 1 drei kleine Geschichten erzählen.

Geschichten, die alle um die Otto Brenner Stiftung kreisen. Die Geschichten

geben keine Antwort auf das Fragezeichen der Veranstaltung. Sie zeigen sicher

auch nur Ausschnitte unseres Thema. Aber sie können einen ersten Eindruck von

dem geben, was zu diskutieren ist.

Die erste Geschichte geht so!

Anfang April erschien auf der Medienseite der Süddeutschen Zeitung eine

Rezension der OBS-Studie über die BILD-Zeitung. Hans Leyendecker, der Autor

1 2011 verband die OBS ihre Verleihung der „Otto Brenner Preise für kritischen Journalismus“ erstmals mit einer

Medienpolitischen Tagung. Ihr Titel: „Einsame Rufer oder zahnlose Tiger? – Vom Wirken und Versagen der Medienkritik“.

Hier dokumentieren wir, gekürzt und für das „Best of“ bearbeitet, die Eröffnung der Tagung.

156


des SZ-Beitrags, ordnete die Studie in die lange Reihe der BILD-Kritik ein, lobte

neues am Forschungsansatz, wägte Stärken und Schwächen ab und kam insgesamt

zu einer ersten, recht fairen Deutung – so zumindest die Einschätzung von

Autoren und Stiftung. So weit, so gut – das dachten auch wir.

Kaum war die SZ an diesem Tag erschienen, gab es auch schon Meldungen,

Berichte und weitere Beiträge zu der BILD-Studie. Das „Verblüffende“: Die Studie

war bis dahin noch garnicht erschienen, unsere Webseite www.bild-studie.de

mit weiteren Infos noch nicht frei geschaltet. Wir rieben uns erstaunt die Augen

und wollten es erst gar nicht glauben! Nur auf der Basis der ersten SZ-Deutung

tobten sich Teile der Medienkritik aus. Nur Varianten dessen, was in der SZ stand,

wurde in den nächsten Tagen breit getreten.

Es heißt ja gelegentlich, Medienkritiker schrieben nur für Medienkritiker. Mein

Eindruck ist: Sie scheinen gelegentlich auch noch voneinander abzuschreiben!

Gute Medienkritik sieht anders aus! Medienkritiker sollten mehr Ehrgeiz haben,

als nur für Medienkritiker zu schreiben oder sich mit der Deutung eines Kollegen

zu befassen.

Meine zweite Geschichte geht so!

Noch bevor die Johanna-Quandt-Stiftung offiziell die Träger des Herbert-Quandt-

Medienpreises 2011 bekannt gab, verkündete bild-online bereits die Meldung:

„BILD-Redakteure erhalten für Griechenland-Story Journalistenpreis!“ Wir rieben uns

erneut und erstaunt die Augen und wollten es erst nicht glauben: BILD be kommt

einen renommierten und hoch dotierten Journalistenpreis! Und das für eine Serie,

die nicht nur in der OBS-Studie scharf kritisiert worden war, sondern die Michael

Spreng, Ex-„Bild am Sonntag“-Chef, an der Grenze zur Volksverhetzung sah.

Kaum war die Meldung im Umlauf, wurde die Entscheidung der Jury, in der drei

profilierte Leute vom Fach sitzen, scharf kritisiert. Allerdings nur in Blogs und

157


durch Mediendienste im Netz – aber dafür heftig, pointiert, sehr subjektiv, teilweise

auch aggressiv, aber immer meinungsstark und überwiegend faktensicher.

Für Printmedien, von Hörfunk und TV ganz zu schweigen, war das kein Thema.

Erinnern wir uns, welche Wellen der Nannen-Preis für einen Spiegel-Reporter

schlug, der NICHT im Keller und bei Seehofers Modelleisenbahn war – obwohl

seine ausgezeichnete Reportage dies vermuten ließ. Tagelang war die Jury-Entscheidung

bzw. die Preis-Rückgabe kontroverses Thema der Medienseiten und im

Feuilleton. Die wirklich skandalöse Prämierung einer unsäglichen BILD-Berichterstattung

und die ganzen Ungereimtheiten rund um den Quandt-Preis waren

dagegen keiner großen Zeitung eine einzige Zeile wert. Hier hat sich – meines

Erachtens – die Medienkritik in Deutschland einen Bärendienst erwiesen.

Es gab – das füge ich gerne hinzu – eine Ausnahme. Nach der Preisverleihung

erschien ein „Standpunkt“ in einem Fachorgan. Im MediumMagazin war zu

lesen: „Wie nie zuvor hat der Herbert-Quandt-Medienpreis (...) journalistische

und andere Gemüter bewegt, hat diese Auszeichnung irritiert und polarisiert.

Auch mich hat diese Auszeichnung bewegt, ja geärgert. Sie sendet die falschen

Signale. Sind Verallgemeinerungen guter Journalismus? Darf nationalistische

Hetze auch noch prämiert werden?“

Autor des Artikels ist Claus Döring – seit 11 Jahren Chefredakteur der „Börsen-

Zeitung“. Der Chefredakteur der Börsen-Zeitung als Sperrspitze der Medienkritik

in Deutschland? – Diese Deutung ist natürlich völlig übertrieben und überzogen.

Aber dieser Vorgang wirft einige ernste Fragen auf: Erstens: Warum ist auf den

Medienseiten der großen Zeitungen generell so wenig über andere Zeitungen zu

lesen? Zweitens: Haben Regionalzeitungen Beißhemmungen, wenn es etwa um

BILD geht, weil sie das Springer-Blatt längst als Leitmedium akzeptiert haben,

als Story-Geber nutzen und Agenda-Setter ausschlachten? Drittens: Gibt es bei

Print eine Schere im Kopf, wenn es um wirtschaftliche Verflechtungen geht oder

um finanzstarke Familienclans und große Wirtschaftsunternehmen?

158


Eines zeigt für mich diese Episode um den Quandt-Medienpreis in jedem Fall:

Die Defizite der Medienkritik in den sogenannten traditionellen Medien schaffen

Raum für neue Akteure, innovative Konzepte und andere Formen im Netz. Spannend

ist die Frage, ob dies mittelfristig nur eine mehr oder weniger sinnvolle Ergänzung

bleibt, oder ob sich die Medienkritik gänzlich in Blogs verflüchtigt. Dann droht

– soviel dürfte sicher sein – die qualitative Medienbeobachtung in Print und TV

endgültig zu einer nur noch geduldeten Randerscheinung zu verkommen!

Ich komme zu meiner dritten Geschichte.

Anfang Juli erschien, in Zusammenarbeit mit „netzwerk recherche“, bei der OBS eine

Studie zum Informationsanteil von TV-Sendungen. Im Untertitel heißt die Studie

„Interessant geht vor relevant!“ Wir sollten bald erkennen, wie treffend er ist! Denn

kaum waren unsere Pressemitteilung zur Info-Studie von Fritz Wolf auf dem Markt

und die ersten Exemplare der Studie ausgeliefert, reagierte auch schon das Erste!

Volker Herres, Programmdirektor Erstes Deutsches Fernsehen, gab eine Pressemitteilung

heraus, die im Netz schnell und breit Aufmerksamkeit erzielte. Überschrift:

„ARD weist Behauptungen der OBS-Studie entschieden zurück“! Das

verblüffend Irritierende für Autor und Stiftung: Keine der Behauptungen, die hier

von der ARD offiziell und entschieden zurück gewiesen wurden, wurde in der

Studie aufgestellt. Wir rieben uns ein weiteres Mal erstaunt die Augen und

beobachteten zwei Tage lang verwundert das Treiben.

Ergebnis: Die ARD-Mitteilung wurde fast immer wörtlich übernommen, die Aussagen

wurden nicht überprüft, über die tatsächlichen Inhalte der Studie war fast

nichts zu lesen. Wir wollten für Abhilfe sorgen und schrieben dann auf zwei Seiten

zusammen, welche offiziellen Daten von ARD und ZDF ausgewertet worden waren,

was die wesentlichen Erkenntnisse der Studie sind und welche Entwicklungen

sie kritisiert und welche konkreten Vorschläge sie macht – alles sachlich, nüchtern,

an Fakten orientiert und zum konstruktiven Dialog bereit. Umso unglaublicher

waren für uns die Reaktionen auf unsere Stellungnahme:

159


Nur drei Kostproben aus Agenturmeldungen und Mediendiensten: „Brenner Stiftung

kontert ARD-Programmchef Herres!“ – „Herres-Kritik: Stiftung keilt zurück!“

– „Otto Brenner Stiftung legt im Krach mit ARD nach!“

Meines Erachtens kann man an diesem Vorgang gut verdeutlichen, dass auch

seriöse Medienkritik nicht ohne intensive Recherche auskommt. Die schnelle

Meldung mit reißerischer Überschrift scheint zuweilen das Wichtigste zu sein.

Wer macht noch die Kärnerarbeit der ernsthaften Prüfung und klugen Ein ordnung

mit klarer Haltung? Selbstverständlich versuchen die großen überregionalen Qualitätsblätter,

mit ihren Medienseiten auch eigene Akzente zu setzen, Themen zu

entdecken, Hintergründiges zu veröffentlichen.

Dennoch bleiben Fragen. Erstens: Welche Ressourcen stellen die großen Agenturen

für professionelle Medienkritik zur Verfügung? Zweitens: Und wie sieht „Medienkritik“

bei den Regional- oder Lokalzeitungen aus, die auf die Zuarbeit der Agenturen

und von Mediendiensten angewiesen sind?

Vermutlich führt die Medienkritik hier – wenn überhaupt – ein kümmerliches

Schattendasein, das nur noch von den privaten Hörfunk- und Fernsehsendern unterboten

wird, die kein Format für Selbstreflexion und Medienkritik entwickelt haben.

Medienkritiker gelten schnell als Nestbeschmutzer! Blick nach innen und Transparenz

in der Medienwelt: beides ist nicht gefragt. Medienkritiker, oft Freie, werden

schlecht bezahlt. Und Kritik am eigenen Sender, Verlag oder Medium wird ihnen

allzuoft und allzu schnell als Nachteil im Standort-Wettbewerb ausgelegt.

Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

ist es also, unterm Strich, doch schlecht bestellt um die Medienkritik bei uns?

Wir haben Medienkritiker und Fachleute eingeladen, uns ihre Sicht der Dinge zu

160


erläutern, über Stärken und Schwächen der Medienkritik zu reden, über Wirken

und Versagen der Medienkritik zu diskutieren, für uns Schneisen der Erkenntnis

durch das Gestrüpp der Vermutungen zu schlagen.

Ich danke Herrn Jakobs von der SZ, dass er in das Thema einführt und unser

gebildetes Halbwissen mit Erkenntnissen des professionellen Akteurs bereichert.

Und ich freue mich, dass wir Anja Reschke für die Moderation gewinnen konnten.

Liebe Frau Reschke, herzlich willkommen bei der OBS. Frau Reschke hat sich als

Moderatorin von Panorama einen Namen gemacht. Sie arbeitet auch bei ZAPP,

dem aktuell einzigen TV-Medienmagazin. Auf der Webseite von ZAPP heißt es,

dass ihre Moderationen „fast immer ins Schwarze“ treffen.

„Fast immer ins Schwarze treffen!“ Angesichts der Sendetermine – morgen z. B.

kurz vor Mitternacht um 23.20 Uhr – ein Bild, das hoffentlich keine Rückschlüsse

auf die Zuschauerzahlen der Sendung zulässt.

Ich danke für die Aufmerksamkeit und freue mich auf eine spannende

Veranstaltung.

Die in der Begrüßung erwähnten Studien der OBS („Bild“-Studie und „Info“-Studie) und weitere

aktuelle Ausarbeitungen zu medienkritischen Fragen (wie etwa die „Talkshow“-Studie) sind –

solange der Vorrat reicht – über die Homepage der Stiftung (www.otto-brenner-stiftung.de) kostenlos

abrufbar.

(Die Redaktion)

161


Hans-Jürgen Jakobs

20 Thesen zum deutschen Medienjournalismus

Der aktuelle Medienjournalismus 1 wirft einige Fragen auf. Sind dort einsame Rufer

aktiv? Einsam sind sie vielleicht, ja, alle prügeln auf Medienjournalisten ein. Aber

rufen? Nach was? Nach einer neuer Medienordnung? Nach einem angemessenen

Rahmen für die digitale Revolution? Nach einer besseren Definition für „Öffentlich-

Rechtlich“? Nach Korrekturen im zentralen Markt der Media-Agenturen, wo ein

Unternehmen 40 Prozent der deutschen Werbegelder kontrolliert und vier Unternehmen

rund 80 Prozent?

Oder nach weniger Abhängigkeit von amerikanischen Datensammelstellen wie

Facebook und Google? Nach Widerstand gegen den Ausverkauf von Seiten oder

Themen an Werbungtreibende oder PR-Agenturen? Und was ist mit der Behauptung

von den „zahnlosen Tigern“, die sich da abmühen? Wo wird denn wenigstens

einmal versucht, zuzubeißen?

Bei Thomas Gottschalk, der den Deutschen erst das Fernsehen, dann die Gesellschaft

und nun sogar den Glauben erklären will, wo er sich doch nur an sich selbst

1 Wir dokumentieren hier die vom Autor gekürzte und für das „Best of“ bearbeitete Einführungsrede der OBS-Tagung

„Einsame Rufer oder zahnlose Tiger? – Vom Wirken und Versagen der Medienkritik“.

Eröffnung, Einführung und anschließende Diskussion sind auch unter www.otto-brenner-stiftung.de zugänglich.

Hans-Jürgen Jakobs, u. a. langjähriger Chef der Medienseite der Süddeutschen Zeitung, ist heute Ressortleiter

„Wirtschaft“ der SZ, München

162


abarbeitet und hofft, dass endlich einmal ein Format außerhalb von Wetten,

dass...? funktionieren wird? Bei Liz Mohn, der Eigentümerin von Bertelsmann,

die unter Nichtbeachtung wesentlicher Grundsätze ihres verstorbenen Mannes,

den Konzern dominiert und verändert, nicht immer zum Guten?

Wie oft ist es Medienjournalisten in den vergangenen Jahren wirklich gelungen,

Themen zu setzen? Wenn es immer heißt: mehr Selbstreflexion ist vonnöten,

kann das nicht bedeuten: mehr Selbstreferenz oder auch mehr Selbstbeweihräucherung.

Sondern Selbstkritik.

Und die Selbstkritik besagt, grosso modo und ehrlicherweise: Medienjournalismus

hat dramatisch an Relevanz verloren. Seine Themen erscheinen eher willkürlich.

Oft leiten sie sich von dem ab, was das TV-Programm und PR-Agenten und das

eigene Netzwerk der Eitelkeiten hergibt. Es fehlt an kontinuierlicher Begleitung

von Vorgängen. Es gibt zu wenig Recherche.

Medienjournalismus droht, zu einem Es-gibt-das-auch-noch-Ressort zu werden.

Es ist zuweilen nicht einmal „nice to have“. Es müsste aber sein: „must to have“.

„Aus unseren Kreisen“, so hieß Anfang der sechziger Jahre der erste medienkritische

Dienst von Waldemar Schweitzer, dem „DM“-Erfinder. In unseren Kreisen können

bei näherer Betrachtung 20 Befunde festgestellt werden.

I.

Medienjournalismus ist nur so gut wie Journalismus selbst. Und Journalismus

ist nur so gut wie die Gesellschaft, in der er wirkt. Aber das heißt nicht, dass er

nicht besser zu machen ist.

Wir alle wissen: Die Bedingungen sind schlechter geworden. Der Pressefreiheit

geht das Geld aus. Neue Sponsoren werden gesucht, manchmal auch nur Mäzene.

Aber noch reicht es für die meisten. Genau in einer solchen Situation braucht

man den engagierten Warner, nicht den ängstlichen Stummen.

163


II.

So wie die Medienpolitik nach der Zäsur der achtziger Jahre zerfallen ist bis hin

in die Bedeutungslosigkeit, so muss der Medienjournalismus kämpfen gegen den

Niedergang. Das Sinnbild für die Krise einer ganzen Branche ist die Institution der

Elefantenrunde des Medienkongresses, die ihre Wichtigkeit nur noch behauptet.

Der Medienjournalismus kommt von der TV-Programmbesprechung. An Bedeutung

gewann er in den 80er und 90er Jahren, mit dem Aufkommen des privaten Rundfunks,

mit dem Kampf um Lizenzen und die Medienvielfalt, mit dem Duell Leo Kirch

gegen Bertelsmann, wo ein einzelner Decoder der Schlüssel zur Zukunft zu sein

schien.

Und heute: Medienjournalismus ist mit dem digitalen Wandel nicht im entscheidenden

Ausmaß mitgegangen. Wo sind die kontinuierlichen Stücke über Apps, Twitter,

Blogs, Google, E-Tablets, Facebook? Das, was Mohn und Kirch für den Medienjournalismus

der analogen Welt waren, sind heute Mark Zuckerberg und Larry Page.

Der deutsche Medienjournalismus ist provinziell. Er fängt internationale Entwicklungen

zu selten ein. Der deutsche Medienjournalismus ist, zweitens, wenn man

so will in der Holzklasse der Publizistik stecken geblieben. Wo sind die Abhandlungen

über „digitale Brücken“? Wo wird im Medienjournalismus zwischen Print

und Online kombiniert? Welche Arbeitsteilung erleben wir?

III.

Der Medienjournalismus alter Prägung hatte seine Hochzeit in der Beschreibung

von wilden Verteilungs- und Eroberungskämpfen rund um die Etablierung des

privaten Rundfunks in Deutschland. Die neuen Verteilungskämpfe spielen sich

in der digitalen Wirtschaft zwischen amerikanischen Konzernen ab. Hierbei findet

der deutsche Medienjournalismus so gut wie nicht statt.

Den Umbruch von der analogen in die digitale Welt ist an vielen Medienseiten zwar

nicht spurlos vorübergegangen, jedoch hat sich das Themenangebot nicht aus-

164


eichend gewandelt. Vielleicht liegt es daran, dass die Spezialisten mit dem Herstellen

von iPad-Ausgaben beschäftigt sind, die ihr Publikum noch finden müssen.

Erforderlich ist die systematische Hinwendung zu Usern in Social Networks. Das

hat die Debatte über die ZDF-Moderatorin Kathrin Müller-Hohenstein bei der WM

2010 („innerer Reichsparteitag“) gezeigt. Auch haben autonome Wissenschaftsblogs

die Schleichwerbegeschäfte von Hademar Bankhofer enthüllt, die dazu

geführt haben, dass er im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nicht mehr auftritt.

IV.

Es gehört zum eher tristen Erscheinungsbild, dass wichtige Phänomene auf

Medien seiten ausgespart bleiben. Die Norm ist das Erwartbare. Man hat genug

damit zu tun, Termine abzuarbeiten.

Was fehlt? Zum Beispiel Analysen über die Machtkonzentration auf dem Markt

der Media-Agenturen, die doch über die Finanzierung der elektronischen Medien

und der Presse maßgeblich mitentscheiden. Im Fall des Themas Media-Agenturen

spielt wohl auch eine Rolle, die noch vorhandenen Werbeerlösquellen nicht zu

gefährden. Aber auch andere Mega-Trendthemen werden unzureichend erfasst.

Zum Beispiel die Vorgänge im Presse-Grosso, dem noch neutralen Verteil system

für Zeitungen und Zeitschriften, das womöglich bald in der Hand von „Bild“ und

der Bauer-Zeitschriften sein wird.

Das Thema Wikileaks ging an Feuilleton oder Politik. Berlusconi und seine Medienmacht,

das gibt reichlich Anlass für medienjournalistische Begleitung. Wo war das

akribisch recherchierte Stück rund um die Entmachtung des Nikolaus Brender

beim ZDF? Wo wird der Einfluss der Lobbys auf Themen betrachtet?

Es dominiert der Hickhack des täglichen Einerleis, zu wenig große Trends und

Entwicklungen fließen in den Medienjournalismus ein. Das Geschäft wird zu wenig

erklärt. Zu lesen gibt es viele Fernsehthemen. Sie drängen Medienökonomie

und Medienpolitik ab. Es gibt kaum Verbindung der Medienpublizistik mit den

Wissen schaften zum Thema.

165


V.

Die Schwäche des Medienjournalismus ist, dass zu viele glauben, man käme

ohne tiefe Recherche aus. Nur zu oft genügt der Augenschein, die Wirkung eines

Fernsehbildes, die geschmückt wird durch schnelle Thesenhaftigkeit.

Entscheidend für Qualität ist aber: Zusammenhänge herstellen, Hintergründe

aufzeigen, überraschende Analogien ziehen. Für Transparenz sorgen. Wo bleibt

die Aufklärung im aktuellen Medienjournalismus?

Ein bekannter Verleger sagte über Medienseiten: „Wenn es sie gibt, müssen sie

auch gefüllt werden.“ Was er meinte: „Wenn es sie nicht gibt, müssen sie nicht

gefüllt werden.“ Seine Konsequenz: Es schaffte sie ab – und damit die Existenz

von Themen, die für Verleger unangenehm sind.

VI.

Medienseiten sind in Zeitungen und Zeitschriften gelegentlich zur Manövriermasse

geworden. Die Frage ist, wem überhaupt auffällt, wenn sie einmal ausfallen oder

ganz aus dem Angebot genommen werden. Von größeren Protesten ist nichts

bekannt. Das muss zu denken geben.

Die Alarmzeichen in der Branche sind doch gar nicht mehr zu übersehen. Die

Anzeigen sind über viele Jahre drastisch zurückgegangen, höhere Vertriebserlöse

über höhere Vertriebspreise sowie additive Online-Umsätze können den Verlust

nicht ausgleichen. Papier wird zur knappen Ressource.

Das Ressort „Medien“ muss sich behaupten gegen andere Ressorts aus der

zweiten Reihe, die nicht Kernangebot sind wie Politik, Wirtschaft, Feuilleton,

Sport und Lokales. Aber: mit was?

VII.

Der Reiz des Themas Medien ist die Vielfalt der Sichtweisen, das Interdisziplinäre.

Der Reiz ist aber auch die Gefahr. Was als Querschnitt interessant sein kann, lässt

166


sich leicht in seine Einzelbestandteile zerlegen. Medienthemen können in Kultur,

Wissenschaft, Wirtschaft, Sport und Politik leicht nachvollziehbar gut aufbereitet

werden. Eine eigene Medienseite braucht eine besondere Begründung, um relevant

zu sein. Man muss sie als Kompetenzzentrum begreifen.

Kompetenzzentrum: heißt einbringen in andere Ressorts. Heißt anstrengen.

Heißt, Ressourcen nicht schrumpfen lassen.

VIII.

Medienseiten sind überall. Sie sind in der Ausgabe der Bild-Zeitung, die sich mit

„netzwerk recherche“ beschäftigt, und auf der Panorama-Seite des Wiesbadener

Kurier, der sich des Bushido-Bambi-Skandals annimmt. Medienkritik ist auch in

der heute-show zu finden oder bei Harald Schmidt.

Es kommt darauf an, sich durch Regelmäßigkeit und Wissen abzusetzen.

IX.

Medienjournalismus ist wichtig, weil er hilft, die Qualität der Medien zu sichern.

Man muss sich nur darauf einlassen. Er ist wichtiger Teil der Selbstkontrolle der

Branche.

X.

Man braucht alle Aufmerksamkeit dafür, um festzustellen, wie Aufmerksamkeit

in Medien gemacht wird.

XI.

Es ist aberwitzig, dass jeder von Mediengesellschaft redet, man einer geordneten,

kompetenten publizistischen Begleitung dieses Phänomens aber nicht das Wort

reden will.

Guter Medienjournalismus ist auch immer politisch. Er widmet sich der Frage,

wie Themen und Personen inszeniert werden, wie Bilder und Kampagnen

167


gemacht werden. Er legt die Mechanismen bloß, mit denen ein Politiker wie

Karl-Theodor zu Guttenberg zum gefallenen „Star“ wurde, der auch sein Comeback

dank der Medienpartnerschaft mit der „Zeit“ zum Ereignis macht.

XII.

Da sich in den kommenden Jahren verstärkt die Frage nach der Finanzierung von

Qualitätsjournalismus stellen wird, und damit nach öffentlichen Geldern, muss

der Medienjournalismus ganz neu Fragen nach der Legitimation und den Verfahrensweisen

des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stellen. Der Medienjournalist

wird hier Sachwalter der gesellschaftlichen Interessen. Er muss frei sein vom

Lobbyismus einer elektronischen Beteiligungs-Publizistik, die im Niederschreiben

angeblicher Rivalen womöglich ein Mittel des Marketings sieht.

ARD und ZDF können selbst mehr tun. Eine TV-Sendung „Zapp“ reicht nicht, ein

weniger bissiges „Zapp“ würde erst recht nicht reichen.

XIII.

Wie souverän ein Medium ist, sieht man an seiner Medienseite. Wem also alles

Platz eingeräumt wird. Und wem nicht.

XIV.

Zum Status quo gehört, dass viele Medienfachtitel inzwischen oft publizistisch

irrelevant sind, das Angebot im Fernsehen und Hörfunk dürftig ist, und sich im

Internet erst langsam eine Vielfaltskultur entwickelt.

XV.

Der aktuelle Journalismus versucht, ausgehend von den USA, Journalisten als Marken

zu profilieren. Wer aber ist im Medienjournalismus zu einer „Marke“ geworden?

Was ist davon zu halten, dass ein Medienjournalist einen Film macht bei einem

Sender, über den er schreibt? Oder ein anderer eine Entertainerin berät oder

Moderationstexte für eine der großen Branchenselbstbeweihräucherungsabende

168


schreibt? Oder ein politischer Journalist einer großen Zeitung als Co-Autor des

Buches des Kanzlerkandidaten auftritt?

Die Unabhängigkeit ist durch eigene Rollenverwechslung viel stärker gefährdet

als durch übereifrige Staatsanwälte oder große PR-Brigaden. Das größte Problem

ist die Haltung, die fehlt.

XV.

Nichts ist merkwürdiger, als wenn Medienjournalisten Medienjournalisten

Medienjournalisten nennen. Kurzum: Es gibt zu viel Selbstbeschäftigung und

eine Immunisierung gegen Kritik.

XVI.

Medienjournalismus ist die schwierigste Form des Gewerbes, weil er einerseits

Phänomene der Massenkultur für viele aufbereitet, also den Star an sich, die

Show, das Quotenformat in den Mittelpunkt stellt, andererseits aber das Fachpublikum

der Multiplikatoren anspricht, das an der hintergründigen, auch aufklärerischen

Aufbereitung komplexer Themen interessiert ist. Die Zielgruppe ist

gespalten. Sich aber nur auf eine konzentrieren zu wollen, wäre tödlich.

XVII.

Medienjournalisten stehen in der verführerischen Situation, von Verlagen und

Sender und Internet-Firmen als viel besser bezahlte Kommunikationsspezialisten

in der Presseabteilung arbeiten zu können. Das ist nichts Branchenspezifisches.

Das geht Journalisten in Ressorts wie Wirtschaft oder Politik genauso. Besonders

aber ist, dass Medienjournalisten permanent über potentielle journalistische

Arbeitgeber schreiben.

Es braucht hier eine besondere moralische Qualifikation.

XVIII.

Chefredakteure tendieren prinzipiell zum gegenseitigen Nichtangriffspakt.

169


Chefredakteuren geht es nicht anders wie Oligopolisten: Sie wissen, dass man

sich im Extremfall gegenseitig sehr schädigen könnte und dass es von daher

besser ist, es nicht zu tun. Die Summe der gemeinsamen Verluste wird für höher

erachtet als die Zahl individueller Erfolge.

Das Problem ist nur mit präziser Recherche, guten Geschichten und Beharrlichkeit

zu lösen. Zur Beruhigung sei gesagt: Das Phänomen hat aber nachgelassen. Seine

Hochkonjunktur erlebte es vor einigen Jahren in der Allianz des Springer-Chefs

Mathias Döpfner mit dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und dem seinerzeitigen

Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust. Hier sollte nicht nur die Rechtschreibreform

gestoppt, sondern auch mal kurz eine neue politische Kultur eingeführt werden,

mit der Generalreformerin Angela Merkel in der Form der frühen Jahre vor 2005.

Der vermeintlich kluge Chefredakteur lebt täglich mit einer persönlichen Kosten-

Nutzen-Abwägung. Was bringt beispielsweise eine Geschichte, die Stasi-Verbindungen

eines Mitglieds der Bild-Chefredaktion aufdeckt – an Reputation, Zita -

tionen, Lesern? Ist der Nutzen größer als der Ärger mit Springer? Die dann einmal

zurückschlagen werden? Die größte Angst eines bestimmten Typus Chefredakteur

ist, als „Verlierer des Tages“ in der Bild-Zeitung von Kai Diekmann aufzutauchen.

Das ist der Rache-Platz für offene und versteckte Medienkriege. Und so sagt sich

mancher Chefredakteur: „Wegen einer solchen Geschichte riskiere ich keinen

Ärger mit Diekmann.“

Und Johannes B. Kerner konnte aus seiner Sicht jahrelang berechtigterweise

damit kalkulieren, vom Spiegel in Hamburg nicht in die Pfanne gehauen zu werden,

weil Spiegel-TV seine Talk-Sendung produziert hat. Es geht hier um das Denken

in journalistischen Deals. Solche Deals haben im Journalismus nichts verloren.

XIX.

Medienjournalismus steht unter dem Generalverdacht, parteiisch zu sein – nett

zu den Freunden, gemein zu den anderen. Die Unabhängigkeit muss hier mit

besonderer Aufmerksamkeit gesichert werden, aber es lohnt sich.

170


XX.

Die in der ökonomischen Krise des einstigen Superwachstumsmarkts Medien

und Kommunikation zu beobachtende Verzichtskultur der Redaktionen führt

gerade auf Medienseiten zu einer Selbstentlarvung des Mediums, da die Leser,

insbesondere die Spezialisten, hier von Ausfallerscheinungen induktiv auf das

Ganze erschließen.

Deswegen die Verpflichtung, es gerade hier besonders gut zu machen.

Medienseiten und Mediensendungen gehören zur guten Unternehmenskultur

von Verlagen und Sendern. Sie müssen einhergehen mit anderen Maßnahmen

und Angeboten, etwa mit einem breiten Leserforum, mit dem Selbstausweis von

Korrekturen, mit Social-Media-Aktivitäten, mit einem Ombudsmann oder einer

Ombudsfrau, mit der Publizierung der Presserat-Wertungen.

Den Medienjournalismus ernst zu nehmen, gehört zur Glaubwürdigkeit von Zeitungen,

Zeitschriften und Sendern. Glaubwürdigkeit ist aber der größte Trumpf, den

Medien im verschärften Wettbewerb haben. Man braucht lange, um sie zu erwerben,

und kann sie in sehr kurzer Zeit verspielen. Medienjournalismus entstand einst

auch, weil sich niemand über den „blinden Fleck“ mokieren sollte, über das Verschweigen

von Themen mit Eigen Bezug. Gerade in Zeiten der wirtschaftlichen

Bedrohung und großer Umbrüche wird es wichtiger, hier souverän zu bleiben.

Conclusio

Man muss Medienseiten ganz neu denken – oder es damit sein lassen. Die

Alternative kann nur sein: Richtig oder gar nicht. Keine halben Sachen.

Zeitungen werden mit dem Nachrichtenjournalismus alter Prägung ohnehin in

ein paar Jahren verloren sein, wenn sie nicht Magazinelemente stärker fördern.

Journalistische Medienkompetenz kann dabei ein Differenzierungsmerkmal sein.

Mit dem Vorwurf Nestbeschmutzer lässt sich dann einfacher leben.

171


DIE JURY


Sonia Seymour Mikich

Prof. Dr. Heribert Prantl

Harald Schumann

Prof. Dr. Volker Lilienthal

Prof. Dr. Thomas Leif

Berthold Huber


Sonia Seymour Mikich

Geboren 1951

Redaktionsleitung des ARD-Magazins Monitor und

Leiterin der Programmgruppe Inland-WDR-Fernsehen

Werdegang

2004 - April 2007: Redaktionsleitung der ARD/WDR-Dokumentationsreihe „die story“

Seit Januar 2002: Redaktionsleitung und Moderatorin des ARD-Magazins Monitor, WDR Köln

1998 - 2001: Korrespondentin und Studioleitung des Deutschen Fernsehens in Paris

1992 - 98: Korrespondentin des Deutschen Fernsehens in Moskau (ab 1995: Studioleitung)

1982 - 84: Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk, Redakteurin und Reporterin

1979 - 81: wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arnold-Gehlen-Forschungsgruppe am Institut

für Soziologie an der RWTH Aachen. Freie Journalistin für Zeitschriften, Tageszeitungen und

Aufsatzsammlungen

1972 - 79: Studium Politologie, Soziologie und Philosophie an der RWTH Aachen mit

Magisterabschluss Februar 1979

1970 - 72: Volontariat bei der Aachener Volkszeitung

Auszeichnungen, u. a.

Telestar als Beste Reporterin (1996); Bundesverdienstkreuz (1998); Deutscher Kritikerpreis für

Auslandsberichterstattung (2001); Marler Fernsehpreis für Menschenrechte (2007); ASF-Preis

Rote Rose (2011)

Veröffentlichungen, u. a.

Der Wille zum Glück. Lesebuch über Simone de Beauvoir, Reinbek 1986; Planet Moskau.

Geschichten aus dem neuen Rußland, Köln 1998

174


Prof. Dr. Heribert Prantl

Geboren 1953

Ressortchef Innenpolitik und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Werdegang

Seit 2011: Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung

Seit 1995: Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

Seit 1988: Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung

1981 - 87: Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt

Studium der Philosophie, der Geschichte und der Rechtswissenschaften. Erstes und Zweites

Juristisches Staatsexamen, juristische Promotion, juristisches Referendariat. Parallel dazu

journalistische Ausbildung

Auszeichnungen, u. a.

Geschwister-Scholl-Preis (1994); Kurt-Tucholsky-Preis (1996); Siebenpfeiffer-Preis (1998/99);

Theodor-Wolff-Preis (2001); Rhetorikpreis für die Rede des Jahres 2004 der Eberhard-Karls-

Universität Tübingen; Erich-Fromm-Preis (2006); Arnold-Freymuth-Preis (2006); Roman-Herzog-

Medienpreis (2007); Justizmedaille des Freistaats Bayern (2009); Wilhelm-Hoegner-Preis (2011)

Veröffentlichungen, u. a.

Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit, München 2005; Der Terrorist als

Gesetzgeber. Wie man Politik mit Angst macht, München 2008; Der Zorn Gottes. Denkanstöße zu

den Feiertagen, München 2011; Die Welt als Leitartikel. Zur Zukunft des Journalismus, Wien 2012

175


Harald Schumann

Geboren 1957

Redakteur für besondere Aufgaben bei „Der Tagesspiegel“, Berlin

Werdegang

Seit 10. 2004: Redakteur „Der Tagesspiegel“ Berlin

2003 - 04: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

2000 - 02: Ressortleiter Politik bei SPIEGEL ONLINE

1992 - 2000: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

1990 - 91: Leitender Redakteur beim Ost-Berliner „Morgen“

1986 - 90: Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL

1984 - 86: Redakteur für Umwelt und Wissenschaft bei der Berliner tageszeitung, Studium

der Sozialwissenschaften in Marburg, Landschaftsplanung an der TU Berlin, Abschluss als

Diplom-Ingenieur

Auszeichnungen, u. a.

Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (1997); Medienpreis Entwicklungspolitik (2004);

Gregor Louisoder-Preis für Umweltjournalismus (2007); „Das politische Buch“, Friedrich-Ebert-

Stiftung (2009); „Der Lange Atem“, Journalistenverband Berlin-Brandenburg (2010)

Veröffentlichungen, u. a.

Futtermittel und Welthunger, Reinbek 1986; Die Globalisierungsfalle (gemeinsam mit Hans-Peter

Martin), Reinbek 1996; attac – Was wollen die Globalisierungskritiker? (mit Christiane Grefe und

Mathias Greffrath), Berlin 2002; Der globale Countdown, Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung –

die Zukunft der Globalisierung (gemeinsam mit Christiane Grefe), Köln 2008

176


Prof. Dr. Volker Lilienthal

Geboren 1959

Inhaber der Rudolf Augstein Stiftungsprofessur für „Praxis des Qualitätsjournalismus“ (Uni Hamburg)

Mitherausgeber von message – Internationale Zeitschrit für Journalismus

Werdegang

2005 - 2009: Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“

1997 - 2005: stellv. Ressortleiter „epd medien“

Seit 1989: Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd)

1999: Lehrbeauftragter für Medienkritik und Medienjournalismus an der Universität Frankfurt/M.

1996 - 98: journalistischer Berater und Autor der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

1988: Redakteur von „COPY“ (Handelsblatt-Verlag)

1987: Dr. phil. in Germanistik der Universität-GH Siegen

1983: Diplom-Journalist der Universität Dortmund

Auszeichnungen, u. a.

Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien (2006); Nominierung zum Henri Nannen

Preis in der Sparte „Bestes investigatives Stück“ (2006); „Fachjournalist des Jahres“ (2005);

„Reporter des Jahres“ (2005); „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ der Journalistenvereinigung

„netzwerk recherche e. V.“ (2004); zweiter Preis „Bester wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz“

der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

(DGPuK) (2004); „Besondere Ehrung“ beim Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik (2002);

Hans-Bausch-Mediapreis des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (1997)

Veröffentlichungen, u. a.

Professionalisierung der Medienaufsicht (Hrsg., Wiesbaden 2009); Literaturkritik als politische

Lektüre, Am Beispiel der Rezeption der ,Ästhetik des Widerstands’ von Peter Weiss (Berlin 1988);

Sendefertig abgesetzt. ZDF. SAT.1 und der Soldatenmord von Lebach (Berlin 2001); TV-Dokumentation

„Der Giftschrank des deutschen Fernsehens“ 1994 auf VOX/DCTP

177


Prof. Dr. Thomas Leif

Geboren 1959

Chefreporter Fernsehen, SWR, Mainz

Werdegang

Seit 2009: Moderator von „2+Leif“ (SWR); www.2plusleif.de

Seit Januar 1997: Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz

Seit März 1995: Redakteur/Reporter beim SWR-Fernsehen

Seit Mai 1985: fester freier Mitarbeiter beim Südwestrundfunk Mainz in den

Redaktionen Politik, ARD Aktuell, Report u. a.

1978 - 85: Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Pädagogik an der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Bis 1989: Promotion an der

Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt / Main

Veröffentlichungen, u.a.

Die strategische (Ohn)-Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen

in den achtziger Jahren (Opladen 1990); Rudolf Scharping, die SPD und die Macht (zus. mit

Joachim Raschke) (Reinbek 1994); Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungs-

Berichte (Hrsg.) (Opladen 1998); Mehr Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte.

Ein Handbuch zu Recherche und Informationsbeschaffung (Hrsg.) (Opladen 2003);

Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland (Hrsg.) (Wiesbaden 2006); Beraten und Verkauft.

McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater (Gütersloh 2007); 10. Auflage; Aktua -

lisierte Neuauflage; (München 2008) (Taschenbuch); Angepasst und Ausgebrannt. Die Parteien

in der Nachwuchsfalle (München 2009)

178


Berthold Huber

Geboren 1950

Erster Vorsitzender der IG Metall und

Präsident des Internationalen Metallgewerkschaftsbundes (IMB),

Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung

Werdegang

Seit 2007: Erster Vorsitzender der IG Metall

2003 - 2007: Zweiter Vorsitzender der IG Metall

1998 - 2003: Bezirksleiter für Baden-Württemberg

1993 - 1998: Koordinierender Abteilungsleiter

1991 - 1993: Abteilungsleiter

ab 1990: Hauptamtliche Tätigkeit bei der IG Metall in Ostdeutschland

1985: Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Frankfurt

1978: Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzender

1971: Ausbildung zum Werkzeugmacher und Tätigkeit bei der Firma Kässbohrer

(heute Evo-Bus) in Ulm

Aufsichtsratmandate

Audi AG, Ingolstadt (stellvertretender Vorsitzender); Siemens AG, München (stellvertretender

Vorsitzender); Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart; Volkswagen AG, Wolfsburg (stellvertretender

Vorsitzender)

179


Daten und Fakten zum Otto Brenner Preis 2011

Termine

Bewerbungszeitraum 01.04. - 15.08.2011

Jury-Sitzung

28.09.2011 Frankfurt

Preisverleihung 22.11.2011

Eingereichte Bewerbungen 546

Otto Brenner Preis 398

Otto Brenner Preis Spezial 47

Medienprojektpreis 16

Newcomerpreis 65

Recherche-Stipendium 20

Preisgelder

52.000 Euro (insgesamt)

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

„Spezial“-Preis

Medienprojektpreis

Newcomerpreis

vier Recherche-Stipendien

10.000 Euro

2.000 Euro

2.000 Euro

je 5.000 Euro

Preisträger

Medienprojektpreis

Sebastian Pantel (SÜDKURIER)

Newcomerpreis

Jonathan Stock (freier Journalist)

Matthias Dell (Der Freitag)

Recherche-Stipendien *

Urs Spindler (freier Journalist)

N.N.*

N.N.*

1. Preis

Volker ter Haseborg, Lars-Marten Nagel

(Hamburger Abendblatt)

2. Preis

Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und

Jörg Schmitt (DER SPIEGEL)

3. Preis Ursel Sieber (freie Autorin)

Otto Brenner Preis „Spezial“

Katja Thimm (DER SPIEGEL)

* Die Namen dieser Preisträger 2011 werden erst mit dem Abschluss der Stipendien öffentlich gemacht, damit der Erfolg

der Recherche nicht gefährdet wird.

180


Preisträger 2005 - 2010

Otto Brenner Preis „Spezial“

2010 Willi Winkler (freier Autor, Süddeutsche Zeitung)

für seine Beiträge als Gesellschaftskritiker, der sich von der Diktatur des

Aktuellen und Modischen nicht beeindrucken lässt

2009 Christian Semler (freier Autor, taz.die tageszeitung)

für seine Beiträge zu Demokratie und Bürgerrechten;

Würdigung seines journalistischen Gesamtwerkes

2008 Christian Bommarius (Berliner Zeitung)

Gesamtwürdigung für Kommentare, Leitartikel, Meinungsbeiträge

2007 Tom Schimmeck (freier Autor und Publizist)

„Angst am Dovenfleet“ (taz.die tageszeitung, 30. Dezember 2006)

2006 Keine Vergabe des Preises

2005 Keine Vergabe des Preises

1. Preis

2010 Carolin Emcke (Publizistin und Reporterin)

„Liberaler Rassismus“ (DIE ZEIT, Nr. 9/2010)

2009 Marc Thörner

„Wir respektieren die Kultur – Im deutsch kontrollierten Norden

Afghanistans“ (Deutschlandfunk, 6. Februar 2009)

2008 Anita Blasberg und Marian Blasberg

„Abschiebeflug FHE 6842“ (DIE ZEIT – Magazin Leben, Nr. 03/2008)

2007 Michaela Schießl

„Not für die Welt“ (DER SPIEGEL, 19/2007)

2006 Redaktion „Der Tag“ (HR)

für Radiobeiträge „Der Tag – hr2“

2005 Marcus Rohwetter

„Ihr Wort wird Gesetz“ (DIE ZEIT, 6. Oktober 2005)

181


Preisträger 2005 - 2010

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

2. Preis

2010 Christoph Lütgert und das Redaktions-Team „Panorama – Die Reporter“, NDR

„Die Kik-Story“ (ARD-exclusiv, 4. August 2010)

2009 Ulrike Brödermann und Michael Strompen

„Der gläserne Deutsche –wie wir Bürger ausgespäht werden“(ZDF, 7. April 2009)

2008 Jürgen Döschner

„Fire and Forget – Krieg als Geschäft“ (WDR 5, 21. März 2008)

2007 Ingolf Gritschneder

„Profit um jeden Preis – Markt ohne Moral“ (WDR, 28. Februar 2007)

2006 Frank Jansen

Gesamtwürdigung für Langzeit-Reportagen über die Opfer rechtsextremer

Gewalt in Deutschland

2005 Nikola Sellmair

„Kollege Angst“ (Stern, 31. März 2005)

3. Preis

2010 Markus Metz und Georg Seeßlen

„Von der Demokratie zur Postdemokratie“ (Bayern 2, 8. August 2010)

2009 Simone Sälzer

„Leben in Würde“ (Passauer Neue Presse, Artikelserie 21. Februar - 25. Mai 2009)

2008 Steffen Judzikowski und Hans Koberstein

„Das Kartell – Deutschland im Griff der Energiekonzerne“

(ZDF, Frontal 21, 14. August 2007)

2007 Markus Grill

Gesamtwürdigung für pharmakritische Berichterstattung

2006 Redaktion „ZAPP“ (NDR)

„Verdeckt, versteckt, verboten – Schleichwerbung und PR in den Medien“

(NDR, 2. November 2005)

2005 Brigitte Baetz

„Meinung für Millionen – Wie Interessengruppen die öffentliche

Meinungsbildung beeinflussen“ (Deutschlandfunk, 26. August 2005)

182


Preisträger 2005 - 2010

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

Newcomerpreis

2010 Karin Prummer und Domink Stawski

Artikelserie zu Missbrauchsfällen in der Katholischen Kirche

(Süddeutsche Zeitung, März 2010)

2009 Keine Vergabe des Preises

2008 Keine Vergabe des Preises

2007 Keine Vergabe des Preises

2006 Lutz Mükke

„Der Parlamentsbroker“ (Medienmagazin Message, 4. Quartal 2005)

2005 Maximilian Popp

„Passauer Neue Mitte“ (Schülerzeitung „Rückenwind“, März 2005)

2010 Alfons Pieper

„Wir in NRW – Das Blog“

Medienprojektpreis

2009 Attac Deutschland

für Plagiat der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

2008 Andrea Röpke

für „langwierige und schwierige Recherchen in der Neonazi-Szene“

2007 Keine Vergabe des Preises

2006 Keine Vergabe des Preises

2005 Andreas Hamann und Gudrun Giese

„Schwarzbuch Lidl“

183


Preisträger 2005 - 2010

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

Recherche-Stipendien

2010 Marvin Oppong (freier Journalist)

„Wikipedia oder Wahrheit“, DIE ZEIT, 1. Dezember 2011

Frank Brunner (freier Journalist)

„Im Körper des Feindes“, taz.die tageszeitung, 13. August 2011

Gordon Repinski (taz.die tageszeitung)

„Gigantische Kostenexplosion“, taz.die tageszeitung, 7./8. Mai 2011

2009 Sandro Mattioli (freier Journalist)

„Dreckige Geschäfte“

(Erschienen in: Kontext: Wochenzeitung, www.kontextwochenzeitung.de,

07. September 2011)

Tina Groll

„Angepumpt und abgezockt“

(Erschienen in: DIE ZEIT – online, 02. September 2010)

Marianne Wendt, Maren-Kea Freese

„Immer im Verborgenen – Als Analphabet in einer Welt der Schriftkultur“

(gesendet in: RBB Kulturradio, 8. Dezember 2010)

2008 Veronica Frenzel

„Das Geschäft mit illegalen Einwanderern“

(Erschienen in: E+Z, 50. Jahrgang, Ausgabe 6/2009, S. 234-236)

Clemens Hoffmann

„Verkaufte Kinder – Kinderhandel in der Ukraine“

(Recherche wurde abgebrochen)

Günter Bartsch

„Helios Media: Das Geschäft mit der Eitelkeit“

(Erschienen in: Günter Bartsch: Seit an Seit – Helios Media und die Berliner

Lobby-Wirtschaft. In: Bernd Hüttner / Christoph Nitz (Hg.): Weltweit Medien

nutzen – Medienwelt gestalten (Dokumentation der 7. Linken Medienakademie

2010), Hamburg 2010, S. 111-117)

184


Preisträger 2005 - 2010

Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus – Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten“

2007 Katrin Blum

„Was kostet das Leben – oder sind wir vor dem Tod wirklich alle gleich?“

(Recherche wurde abgebrochen)

Thomas Schuler

„Softpower – zum Einfluss der Stiftungen in Deutschland“

(Thomas Schuler: Bertelsmannrepublik Deutschland – Eine Stiftung

macht Politik, Campus Verlag, Frankfurt 2010)

Martin Sehmisch

„Unkontrollierte Macht? Wie die Monopolstellung einer lokalen Tageszeitung

die politische Landschaft verändert – und wie sich Widerstand formiert“

(Recherche wurde abgebrochen)

2006 Boris Kartheuser

„Beispiel: RFID-chips“ (Recherche im Bereich „Datenschutz“)

(Erschienen in: DIE ZEIT, 7. Februar 2008)

Thomas Schnedler

„Stell mich an!“ (Selbstversuch im Bereich „Leiharbeit“)

(Erschienen in: ZEIT-Campus 03/2008, Mai/Juni 2008)

Melanie Zerahn

„Beispiel: Studenten-Praktikum“

(Erschienen in: taz.die tageszeitung, 31. Januar 2007)

2005 Golineh Atai

„Auslandsadoptionen im Globalen Kindermarkt“

(Erschienen in: WDR, Weltweit, 22. September 2009)

Julia Friedrichs

„McKinsey und ich“ (Erschienen in: DIE ZEIT, 18. Mai 2006)

Astrid Geisler

„Das vergessene Land? Über den leisen und stetigen Aufstieg der

Rechtsextremen in Ostvorpommern“

(Erschienen in: taz.die tageszeitung, 8./9. April 2006)

185


Otto Brenner Preis

für kritischen Journalismus 2012


„Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste Bürgerpflicht,

sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“ (Otto Brenner 1968)

Ausschreibung

Otto Brenner Preis 2012

Es werden Beiträge prämiert, die für einen kritischen Journalismus

vorbildlich und beispielhaft sind und die für demokratische und gesellschaftspolitische

Verantwortung im Sinne von Otto Brenner stehen.

Vorausgesetzt werden gründliche Recherche und eingehende Analyse.

Der Otto Brenner Preis ist mit einem Preisgeld

von 47.000 Euro dotiert, das sich wie folgt aufteilt:

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

Zusätzlich vergibt die Otto Brenner Stiftung:

für die beste Analyse (Leitartikel, Kommentar, Essay)

den Otto Brenner Preis „Spezial“

10.000 Euro

in Zusammenarbeit mit „netzwerk recherche e. V.“

drei Recherche-Stipendien von je

5.000 Euro

für Nachwuchsjournalisten

den „Newcomerpreis“

und für Medienprojekte

den „Medienprojektpreis“

2.000 Euro

2.000 Euro

Einsendeschluss: 31. Juli 2012

Die Bewerbungsbögen mit allen erforderlichen Informationen erhalten Sie unter:

www.otto-brenner-preis.de

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt am Main

E-mail: info@otto-brenner-preis.de

Tel.: 069 / 6693 - 2576

Fax: 069 / 6693 - 2786


Spendenkonten der Otto Brenner Stiftung

Die Otto Brenner Stiftung ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall mit Sitz in

Frankfurt/Main. Als Forum für gesellschaftliche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung

ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augenmerk gilt dabei

dem Ausgleich zwischen Ost und West.

Sie ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt/M. V-Höchst vom 6. Dezember 2011 als

ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden.

Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar

bzw. begünstigt.

Geben Sie bitte Ihre vollständige Adresse auf dem Überweisungsträger an, damit wir Ihnen nach

Eingang der Spende eine Spendenbescheinigung zusenden können oder bitten Sie in einem kurzen

Schreiben an die Stiftung unter Angabe der Zahlungsmodalitäten um eine Spendenbescheinigung.

Spenden erfolgen nicht in den Vermögensstock der Stiftung, sie werden ausschließlich für Projekte

entsprechend des Verwendungszwecks genutzt.

Bitte nutzen Sie folgende Spendenkonten

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Förderung der internationalen Gesinnung und des Völkerverständigungsgedankens

Konto: 905 460 03 Konto: 161 010 000 0

BLZ: 500 500 00 oder BLZ: 500 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB Bank Frankfurt/Main

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland

(einschließlich des Umweltschutzes),

– Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa,

– Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit.

Konto: 905 460 11 Konto: 198 736 390 0

BLZ: 500 500 00

oder

BLZ: 100 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB-Bank Berlin

Verwaltungsrat und Geschäftsführung der Otto Brenner Stiftung danken für die finanzielle

Unterstützung und versichern, dass die Spenden ausschließlich für den gewünschten

Verwendungszweck genutzt werden.

188


Impressum

Herausgeber

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt / Main

Verantwortlich

Jupp Legrand

Redaktion

Jan Burzinski, Jupp Legrand

und Karin Scharf

Fotonachweis

Bild Katja Thimm: Ralf Baumgart;

Fotos S. 11, 25, 118, 119 u. 153:

Dany Hunger, Köln © OBS

Artwork

N. Faber de.sign, Wiesbaden

Druck

ColorDruck Leimen

Redaktionsschluss

5. März 2012


www.otto-brenner-preis.de

www.otto-brenner-stiftung.de

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