Im Blick: Tiroler Gletscher per Ski - Outdoor Guide

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Im Blick: Tiroler Gletscher per Ski - Outdoor Guide

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Text und Fotos: Christian Penning

Kleine Eiszeit –

unvergesslich

High Five:

Skidurchquerung

Tiroler

Gletscher

Pulverschnee, modernste Liftanlagen, perfekt

präparierte Pisten – die Tiroler Gletscher

bieten perfekt organisierten Skigenuss. Aber auch

Stille, Einsamkeit und grossartige Abenteuer

in eisiger Hochgebirgslandschaft. Vier Tage im

Höhen flug – von Gletscher zu Gletscher.

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Freeriding on the rocks: Auf Tuchfühlung mit mächtigen Seracs bei der Abfahrt von der Weissseespitze (3518 m) im Kaunertal.

Klettern, Skifahren, Wandern – wenn es Jogy Schindler

in die Berge zieht, dann am liebsten auf einsamen Routen,

abseits ausgetretener Pfade. Fürs Studium ist er nach

Innsbruck gezogen – nicht nur des Vorlesungsangebots

wegen. Draussen zu sein, in der Natur zusammen mit

Freunden eine gute Zeit haben – das ist Jogy wichtig. Deshalb

hat er sich für die Tiroler Alpenmetropole entschieden.

Dass im Winter der Massentourismus die Berge bis

hinauf ins ewige Eis längst erobert hat, stört ihn wenig.

«Oft ist es nur ein schmaler Grat, der Schirmbar-Halligalli

und Bergeinsamkeit trennt», weiss er. Es ist Herbst.

Die ersten Schneeflocken mischen sich unter die Regentropfen,

die ans Fenster seiner Studentenbude klatschen.

Jogys Kopf arbeitet wie ein Computer mit aufgerüstetem

Arbeitsspeicher: auf vollen Touren. Neben Pauken für die

Prüfungen ist Kreativität gefragt. Neue Ideen für spannende

Skiabenteuer. Die fünf Tiroler Gletscher lägen

direkt vor der Haustür… Hintertuxer Gletscher, Stubaier

Gletscher, Ötztaler Gletscher, Pitztaler Gletscher,

Kauner taler Gletscher – die Tiroler High Five locken Skifahrerinnen

und Snowboarder mit perfekt durchorganisiertem

Schneespass: tiptope Liftanlagen mit Panoramagondeln

und beheizten Sesselliften, perfekt präparierte,

breite Pisten. Hinterher Wellness-Tempel oder Après-Ski

bis zum Umfallen. Dazu Abenteuer und Gletscher-Skifahren,

passt das wirklich zusammen? Für Jogy schon. In

seinem Kopf rumort es schon seit längerem…

Die richtigen Partner für das Projekt «Tiroler Gletscher

Tour» sind schnell gefunden. Jürg Graf aus der Schweiz,

Basti Conrad aus München und Kata Mihaljevic vom Bodensee

– allesamt Skifahrer mit Leib und Seele. Moderne

Bergmenschen mit einer Wohnung in der Stadt aber ihren

philosophischen Wurzeln in der Natur. Im Januar soll

es losgehen. Hochwinter im Hochgebirge. Doch er lässt

auf sich warten. Gletscherspalten und Felsen sind nur

tückisch überzuckert. Jogys E-Mail-Account spuckt monoton

wenig motivierende Nachrichten aus. «Betreff: verschoben…».

Anfang Februar dann endlich der erste grosse

Schneefall. Jetzt ein Schönwetterloch abpassen. Doch

die E-Mail-Postfächer des Teams quellen weiter über.

Jede Nachricht beginnt mit: «Betreff: verschoben…»: Mal

zu viel Wind, mal zu viel Neuschnee, Lawinengefahr,

Terminprobleme. Mittlerweile ist es März. Egal, auf den

Gletschern hält sich der Winter noch eine Weile.

Mitte März ist es dann so weit. Endlich! Während letzte

Schneeschauer durchziehen, trifft Jogys Truppe abends

in Hintertux ein. Das Hotelzimmer gleicht einem Bergsteiger-Basecamp.

Lawinenschaufeln, Seil, Eisschrauben,

Karabiner, Klettergurte, Steigeisen, Prusik-Schlingen –

die Rucksäcke sind ruckzuck zum Bersten voll.

Durchs winterliche Nirvana

Der nächste Morgen. Blauer Himmel. Ungeduld. Die hat

ihren Grund. Am Gletscher oben hat es 30 bis 40 Zentimeter

geschneit. Pulver von feinster Konsistenz. Eigentlich

hat Jogy eine Besteigung des 3476 Meter hohen

Olpe rers geplant. Doch die riesigen Schneefahnen, die

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Für gnadenlose Kraftübertragung

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Pulver von feinster Konsistenz: Neuschnee lässt die Herzen höher schlagen.

der aufkommende Föhn über den Grat weht, fegen diesen

Plan widerstandslos weg. Alternativprogramm:

Powdern. Noch kaum eine Spur durchzieht das makellose

Weiss. Nichts wie los! Vier Fahrer wirbeln glitzernde

Schneewolken hinter sich herziehend durchs winterliche

Nirvana. Juchzer hallen von den Felswänden wider. Die

Oberschenkel brennen. Noch ein Schwung… ratsch! Mit

einem dreifachen Überschlag befreit sich Jürg zwanglos

von seinem frisch präparierten Ski. Als er ihn verdutzt aus

dem Schnee gräbt, hat sich der Belag auf zehn Zentimeter

Länge bis zum Kern vom Ski gelöst. Da hilft nur noch eine

Not-OP mit dem Leatherman. Was solls, weiter. Noch ein

Run. Zwei Stunden später ist der Hang durchpflügt wie

ein weisser Acker. Zeit für neue Ziele. Und Zeit, das Fünf-

Gletscher-Projekt in die Tat umzusetzen. Schwer beeindruckt,

ein bisschen unsicher und ungläubig stehen Jogys

Begleiter eine halbe Stunde später im Föhnsturm an der

Wildlahnerscharte nördlich des Olperergipfels. Ein wilder

Gletscher fällt Richtung Nordwest ab. Keine Spur weit

und breit. Jogy grinst wissend. Hier beginnt seine Reise

ins Abenteuer: Die Pisten links liegen lassen, stattdessen

über Grate auf wenig befahrenen Tourenabfahrten in einsame

Seitentäler und weiter zum nächsten Gletscher – das

ist sein Plan. Als wollten sie das Quartett von der Scharte

fegen, hämmern die Windböen vom Olperer herab. Sie

machen das Anlegen der Klettergurte zur Geschicklichkeitsprüfung.

Doch was sein muss, muss sein. Spaltengefahr!

100 Höhenmeter tiefer, nach einer Querung, kehrt

im Windschatten der Seracs Ruhe ein. Der Schnee liegt

hier noch locker pulvrig. Der Sinkflug ins 1500 Meter tie-

Der Pulverschnee ist überall,

dringt bis tief in die Herzkammern ein.

Ein bisschen benebelt, ein bisschen

high – das war eine Linie!

Was für ein Tag!

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100 Schritte in die Einsamkeit: Vom Skigebiet des Stubaier Gletschers bis in die Abgeschiedenheit ist es ein Katzensprung.

fer gelegene Wildlahnertal kann beginnen. Schwung für

Schwung geht es tiefer hinein in die wilde, ursprüngliche

Hochgebirgslandschaft. Tief unten im Tal hat die Idylle

kein Ende. Lifte, Hotelburgen, Schirmbars? Nicht hier

in Toldern im Schmirntal. Ein Bauer streut Asche auf den

Schnee – als wolle er demonstrieren: Schluss jetzt mit dem

Winter! Doch Jogy und seine Freunde haben noch lange

nicht genug. Ein Taxi fährt sie nach Neustift ins Stubaital.

Dinner mit modernen Robin Hoods

Beim Abendessen im Speisesaal des Hotels werden sie

von den übrigen Hotelgästen beäugt wie Geächtete. Ein

gesetzt wirkendes, älteres Ehepaar – er im dunklen Anzug,

sie im hellen Abendkleid – tuschelt irritiert über den

Sektkühler hinweg. Sind das Robin Hoods junge Nachfahren?

Was haben die vor? Gut… strumpfsockig, in

Skiunterhosen und mit grellen Surfer-Shorts zum Dinner

zu erscheinen, mag nicht gerade dem Dresscode gehobener

Tiroler Gastronomie entsprechen. Doch was tun?

Auf Tour zählt jedes Gramm, und die Kleiderschrankkapazitäten

eines Tourenrucksacks sind nun mal limitiert.

Am nächsten Morgen verweist die Kellnerin höflich auf

einen dezent versteckten Tisch in der hintersten Ecke des

Speisesaals.

Immer noch amüsiert und mit einem schelmischen Grinsen

im Gesicht, steigt Jürg nach Kaffee, Brötchen und

Müesli eine halbe Stunde später in den ersten Bus von

Neustift zum Stubaier Gletscher. Er fühlt sich wie auf der

Fahrt mit Bus oder U-Bahn zur Arbeit in der Grossstadt.

Als der überfüllte Bus bremst, kippt ein Mann an der Mitteltür

um wie ein gefällter Baum. Schwitzend, unter kollektivem

Stöhnen, rappelt sich der beleibte Herr wieder

auf.

Eineinhalb Stunden später. Jürg ist wieder zurück in seiner

Welt, der Welt der Berge. Felle und Harscheisen an

den Skis, spurt er den steilen Anstieg hinauf zum Pfaffensattel.

Von dort ist es nur noch ein kurzes Stück zum

Zuckerhütl. Der 3507 Meter hohe Gipfel ist der höchste

in den Stubaier Alpen. Beim Aufstieg zur Gipfelpyramide

bleiben die Skis 100 Höhenmeter unterhalb im

Material depot. Mit Steigeisen und Pickel klettert Jürg

mit Basti zum Gipfel. Tief unter sich sehen die beiden

den Triebenkarlasferner. In Gedanken ziehen sie schon

ihre Lines durch das völlig unverspurte Gelände. Träumen

am Gipfelkreuz. Doch Jürg mahnt zur Eile. Die

Sonne steht schon hoch, es ist warm geworden. Für die

tiefer gelegenen Hänge bedeutet das Lawinengefahr am

Nachmittag.

Im Griesschnee versunken

Jogy hat mittlerweile das steile Felsband vom Pfaffensattel

runter zum Triebenkarlasferner nach abfahrtstauglichen

Rinnen inspiziert. «Schwierig», meint er skeptisch.

In dem einzig möglichen Couloir hat die Sonne 30 Meter

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Alpines Abenteuer: Abseilpassagen in steilen Couloirs – hier am Mutkogel im Ötztal – zählen zu den Schlüsselstellen der Tour.

weiter unten ein Schneebrett ausgelöst. Jürg seilt sich in

die enge, verwinkelte und felsdurchsetzte Rinne ab, um

einen Sicherungsplatz für die nächste Abseilstelle zu bauen.

Doch er versinkt unterhalb der Anrisskante bis zur

Hüfte im lockeren Griesschnee. «Vergiss es, zu gefährlich»,

funkt er nach oben. Mühsam quält er sich wieder

nach oben. OK, Plan B. Der lautet: Skis auf den Rucksack,

gut 100 Höhenmeter steil hinaufstapfen zum Gipfel des

Wilden Pfaff (3456 m). Dort wartet die nächste Überraschung:

Eigentlich sollte die Nordseite – wenn auch steil –

befahrbar sein. Doch der häufig extreme Wind in diesem

Winter hat die Felsen frei geputzt. Der Hang ist gespickt

mit haifischflossenartigen, spitzen Felsen, dazwischen

lockerer Griesschnee unter einer dünnen Harschschicht.

Weder Absteigen zu Fuss noch Abfahren mit Skis ist da

sicher möglich. Am Seil hinab zu sichern würde dauern.

Es ist schon spät, halb Vier vorbei. Zu spät? Selbst wenn

der Abstieg klappen würde, stünde dann noch der Aufstieg

zur Sonnklarscharte bevor. Die ist vom Gipfel aus

nicht einsehbar. Ein Gelingen dieser Mission also alles

andere als sonnenklar.

Hüttenbiwak mit drei Müesliriegeln?

Die Sonne neigt sich. Ein eisiger Wind deutet den Abend

an. Zurück ins Skigebiet? «Keine Chance, da geht kein

Lift mehr», stellt Jogy nüchtern fest. Abfahren ins Stubaital?

Zu zeitraubend. Da wären noch die Müllerhütte

und das Becherhaus in Reichweite. Aber mit gerade

mal noch drei Müesliriegeln Verpflegung für fünf Personen

hält sich die Motivation für ein Hüttenbiwak in

Grenzen. Nochmals gleiten Augen und Finger über die

Landkarte. OK, ein letzte Alternative: Ein Stück zurück

und dann durch das Gaiskar ins Windachtal. Das

Kar ist von oben schwer einsehbar. Auf der Karte sind

Felsbänder eingezeichnet. Fahrbar? Nicht fahrbar? Jürg

entdeckt am rechten Rand ein grosses Felsband. Darunter

könnte eine breitere Rinne verlaufen. Er fährt vor.

Nach 50 Metern ein Juchzer. Dann Jürgs erlösende Botschaft

per Funk: «Alles fahrbar!» Der Schnee ist sogar

noch ganz passabel. Der Felskanal führt in weite Hänge.

Hinter einem föhnigen Wolkenschleier geht die Sonne

langsam unter. In weiten Bögen umsurfen die Skis

verstreut aus dem Schnee ragende Boulderblöcke. Nach

einem lichten Föhrenwald zieht ein Forstweg der Windache

entlang talauswärts. Sulzig ist der Schnee hier

unten. Es riecht nach Holz und Harz. Ein erster Hauch

von Frühling. Ein paar letzte matschige Schneeflecken,

dann der Zielschuss über steile Graswiesen – Sölden ist

erreicht. Zwölf Stunden nach dem Start am Morgen. Es

wird schon dunkel. Weitere zwölf Stunden später: Der

vergangene Tag hat an den Kräften gezehrt. Gut, dass

nun die Gondelbahn den Aufstieg in die Ötztaler Glescherwelt

versüsst. Selbst den letzten Anstieg zum Sattel

zwischen Tiefenbachkogel und Mutkogel erledigt ein

Schlepplift. Die Rinne hat wieder sehr wenig Schnee.

Skifahren? Unmöglich. Also abseilen! Nach zwei Seillängen

warten weite Genusshänge hinüber zum Pitztaler

Gletscher.

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Der Sonne entgegen: Kräfte tanken in einer flachen Zwischenpassage.

Blankeis in der Taschachwand

Mächtige Eisbrüche begleiten den Aufstieg zur Wildspitze

(3768 m). «Sch… sch…», die Lungen pumpen geräuschvoll

die dünne, klare Bergluft in den Körper. Der Aufstieg

zum zweithöchsten Berg Österreichs kostet ordentlich

Körner. Kata, die mit breiten, schweren Freerideskis unterwegs

ist, bereut ihre Materialwahl. Sie verzichtet auf

das 360-Grad-Panorama am Gipfel. Ein wenig neidisch

begrüsst sie den Rest der Truppe nach der Abfahrt vom

Gipfel. Doch das eigentliche Highlight es Tages soll ja erst

noch kommen: die Steilabfahrt über die Taschachwand.

Nach ein paar Zwischenanstiegen steht Jogy gespannt an

der oberen Kante. Dann winkt er resignierend ab. «Tja,

das wars wohl!» Die Eiswand wird ihrem Namen mehr

als gerecht. Unterhalb einiger Schneefelder an der Einfahrt

schimmert im Steilstück nichts als türkises Blankeis.

Kälte und Wind haben es den Winter über nicht zugelassen,

dass sich hier eine Schneedecke aufbauen konnte.

Also wieder eine neue Route suchen. Die führt über den

Sexegertenferner zum Taschachhaus. Und das neuerlich

nur nach zeitraubender Kletterei mit Seilsicherung über

einen abgeblasenen Felsgrat. Die untergehende Sonne

taucht die Abfahrt über den Ferner in goldenes Licht. An

der Hütte angekommen, ist es bereits wieder dämmrig.

Mit zwei Töpfen scheppernd kommt Jürg aus der Küche.

Wasser? Das kommt hier nicht aus dem Wasserhahn,

sondern von der Schneewehe hinter der Hütte. Während

drinnen langsam die Fensterscheiben beschlagen, bollert

suchen EFFICIENT SKI unter:

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Vier Mitarbeiter von Black Diamond Europa auf einer Skitour

am atemberaubenden Morteratsch-Gletscher in der Schweiz.

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Pures Vergnügen: 50 Zentimeter Neuschnee und keine Spur – die Abfahrt vom Hintertuxer Gletscher ins Wildlahnertal.

der Holzofen vor sich hin. Statt Fünf-Gänge-Menü mit

Bedienung gibts selbstgekochte Suppe, Nudeln mit Sauce

und zum Dessert Schokolade. Nach den Kräfte zehrenden

Aufstiegen ein wahres Festessen. Über der Hütte die Sterne.

Noch eine Runde Kniffel, dann ist es Zeit, schlafen zu

gehen. Ein Licht nach dem anderen geht aus. Jeder erzählt

noch eine kurze Geschichte – fast wie bei den Waltons.

Jogy und seine Freunde – eine nette Skifamilie auf Zeit.

Die wird morgens um Fünf vom Wecker aus den Träumen

gerissen. Es gibt Porridge mit Konfitüre. Gut so, dann hält

sich wenigstens keiner zu lange mit dem Frühstück auf.

Der fahle Morgenhimmel ist nicht mehr so blank wie in

der Nacht. Wolkenschleier, diffuses Licht, nicht die Bedingungen,

um schnell auf Touren zu kommen. Doch

spätestens nach der ersten Steilpassage hinauf zum Ölgrubenjoch

(3044 m) läuft der Motor wieder. Ein zweites

Steilstück kurz vor dem Gipfel sieht auf den ersten Blick

locker aus. Doch die Lawinengefahr an den umliegenden

Hängen erzwingt wieder eine mit Schnee und Fels durchsetzte

Direktlinie. Es ist verdächtig warm geworden über

Nacht. Selbst hier in der Höhe ist der Schnee kaum gefroren.

Also Skis auf den Rucksack, Eispickel, anseilen, und

schon beginnt die nächste Kletterei. Die Tourenskischuhe

suchen auf schmalen Felsleisten Halt, der Pickel an nur

Zentimeter schmalen Felsvorsprüngen. Schön auf Zug,

dann hält das! Naja, mit schwerem Rucksack ist das leicht

gesagt. Immer wieder bricht der griesige Schnee weg. Die

Muskeln spannen sich intuitiv an, die Arme schmerzen.

Locker bleiben. Den nächsten Tritt suchen. Dann den

nächsten Halt mit dem Pickel. Und dann… endlich oben!

Umkehren kurz vor dem Ziel?

«Nur gut, dass wir nicht später los sind», bemerkt Kata auf

der Abfahrt vom Ölgrubenjoch ins Kaunertal. Denn der

Schnee wird mit jedem Höhenmeter tiefer schwerer und

matschiger. Ausgepowert und durchgeschwitzt erreicht

sie mit ihren Jungs die Gletscherstrasse am Fernergarten.

Geschafft? Nicht ganz. Denn mit der Weissseespitze

(3518 m) steht noch ein Gipfel auf Jogy Schindlers Liste.

Es ist bereits zwei Uhr nachmittags, als er mit seinen Begleitern

den Aufstieg von der Bergstation des Schlepplifts

an der Nörderscharte beginnt. Der warme Föhnwind legt

zu. Und plötzlich finden sich die Gletscherabenteurer in

einem mit Triebschnee gefüllten weiten Hang, der steiler

und steiler wird. Bei jedem macht sich Meter für Meter ein

unangenehmeres Gefühl im Bauch breit. Zwei Drittel des

Aufstiegs zum Gipfel sind geschafft. Der Hang wird jetzt

noch steiler. Kurze Konferenz über Funk. Das Ergebnis

ist vernünftig und klar: umkehren! Vier Tage grossartiges

Skiabenteuer neigen sich ihrem Ende entgegen. Auf

den letzten Metern mit falschem Ehrgeiz noch ein Risiko

einzugehen, wäre leichtsinnig. Auf der Abfahrt cruisen

Basti und Jogy genussvoll um die Wette. Jürg zieht noch

ein paar Vollgas-Turns neben den schimmernden Seracs

in den Schnee. Mit «High Five» klatscht sich die Truppe

unten beim Abschwingen im tiefen Sulzschnee ab.

«Toll wars!» Bewegende Augenblicke steigen nochmals in

Jogy und seinen Freunden hoch. Abenteuer, die sie auch

menschlich zusammengeschweisst haben. Eine unvergessliche

kleine Eiszeit. ]

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