Maria, unsere große Schwester im Glauben - Patrona Bavariae

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Maria, unsere große Schwester im Glauben - Patrona Bavariae

Maria, unsere große

Schwester im Glauben

Interview mit dem bekannten Dogmatiker und

Mariologen Professor Wolfgang Beinert

Was kann Maria heute für uns sein?

Professor Wolfgang Beinert: Das Bild Mariens, das uns vom Neuen Testament her gegeben und in

der Geschichte entwickelt wurde, ist sehr vielgestaltig. Letzten Endes hängt es von der eigenen

Biografie und der jeweiligen religiösen Sozialisation ab, welches Marienbild jemand hat.

Wenn Sie mich fragen, dann ist das eine persönliche Frage, auf die ich auch persönlich antworten

will: Für mich ist Maria im Rückgriff auf einen alten patristischen Titel die „große Schwester im

Glauben“.

Hat sich der Zugang von Katholiken zu Maria in den letzten 100 Jahren verändert?

Professor Wolfgang Beinert: Im „Marianischen Jahrhundert“, das etwa von 1850 bis 1950 gedauert

hat, drohte eine „Quasi-Vergöttlichung“ Mariens, die allerdings nie Wirklichkeit geworden ist. Das

Zweite Vatikanische Konzil hat dieser Entwicklung endgültig Einhalt geboten. Zugleich hat uns das

Konzil dadurch eine große Hilfe angeboten, indem es uns Maria als Schwester an die Seite stellt: Sie

tut, was uns am schwersten fällt: glauben. Es hat immer wieder betont, dass Maria wie wir den

Pilgerweg des Glaubens gegangen ist.

Maria kann uns dabei helfen, den christlichen Glauben aufzunehmen, im eigenen Leben umzusetzen

und fruchtbar werden zu lassen – etwa im Gespräch und in der Begegnung mit anderen Menschen.

Was können wir von Maria lernen? Mut?

Professor Wolfgang Beinert: Zu glauben ist immer mutig. Ich muss mich ja auf etwas einlassen, was

ich nicht im Voraus nachvollziehen kann. Glauben heißt ja, auf Gott zu vertrauen, was auch immer

dieser Gott mit mir machen wird. Gott hat sich für mich als Menschen entschieden und ich müsste

bei ihm bleiben. Die Tragik besteht darin, dass diese Treue des Glaubens nicht durchgehalten wird

und dass man die Flinte ins Korn wirft, sobald Schwierigkeiten auftreten. Maria hat das eben nicht

getan.

Die Lebenswende Jesu hin in Richtung auf einen gewaltsamen Tod zeichnete sich schon länger ab.

Maria, seine Familie und auch Petrus warnten ihn immer wieder vor der Gefahr. Dass Maria ertragen

hat, dass Jesus trotzdem seinen Weg gegangen ist, das ist Mut.


Wie kann heute eine zeitgemäße Marienverehrung aussehen?

Professor Wolfgang Beinert: Wir brauchen heute dringend Vorbilder, die uns dabei helfen, in einer

intelligenten, bedachten Weise dem Willen Gottes zu folgen.

Eines der wichtigsten überlieferten Worte Mariens – als ihr der Engel verkündet, dass sie ohne Mann

ein Kind empfangen soll – lautet ja „Wie soll das geschehen?“. Maria wirft sich nicht mit Hurra und

Halleluja dem Willen Gottes entgegen, sondern sie fragt durchaus kritisch nach, weil sie weiß, dass

das von Natur aus gar nicht möglich ist. Der Engel antwortet ihr mit einem Zitat aus dem Alten

Testament: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich“. Das wird dort schon zu Abraham gesagt, der nicht

fassen kann, dass seine Ehefrau Sara tatsächlich noch einmal schwanger werden soll, weil sie doch

schon so alt ist.

Im Alten wie im Neuen Testament wird vergleichbar argumentiert: Obwohl etwas nach unserem

menschlichen Wissen nicht möglich ist, kann es bei Gott geschehen. Nachzudenken, nachzufragen

und sich dann doch glaubend auf die Verheißung Gottes einzulassen, das können auch wir heute von

Maria abschauen.

Was wäre eine verfehlte Marienverehrung? Wenn man sie beispielsweise im Himmel als vierte

Person der Dreifaltigkeit zur Seite stellen wollte?

Professor Wolfgang Beinert: Nun, das wäre eine schlichte Häresie. Geschichtlich hatten wir

Tendenzen in diese Richtung. Trotz des Konzils von Chalkedon im Jahr 451, welches Gottheit wie

Menschheit Jesu gleichermaßen herausgestellt hatte, wurde die göttliche Seite Jesu in der Folgezeit

überbetont. Die Menschen befürchteten deswegen, dass er, der Gott, sie, die Menschen, in ihren

Nöten und Sorgen nicht mehr verstehen würde. Also wurde Maria als „Nur-Mensch“ verstärkt um

Fürbitte gebeten. Aufgrund des vierten Gebots – Du sollst Vater und Mutter ehren – schien ja auch

klar, dass Jesus in solchen Fragen seiner Mutter gehorchen muss. Das ist natürlich ein grobes

Missverständnis der kirchlichen Christus-Lehre.

Bei dem, was wir über Maria sagen, müssen wir uns immer an dem orientieren, was in der Heiligen

Schrift steht. Das ist zwar quantitativ nicht so viel, aber qualitativ von höchster Bedeutung. Es gibt –

von Jesus einmal abgesehen – nur ganz wenige Personen, die in den Evangelien eine Rolle spielen:

Petrus, Johannes und Maria. Diese drei haben auf je ihre Weise das Christentum weitgehend

geformt: Petrus als erster Vertreter des Papstamts, Johannes als Verkünder des Evangeliums und

Maria als die beispielhaft Glaubende.

(Interview: rif)

Wolfgang Beinert: Geboren 1933 in Breslau, Studium der katholischen Theologie in Bamberg und Rom. 1959

Priesterweihe, dann Seelsorger in der Erzdiözese Bamberg und im Bistum Regensburg. 1972 Professor für

Dogmatik an der Ruhr-Universität Bochum. 1978-1998 Lehrstuhlinhaber für Dogmatik und Dogmengeschichte

an der Universität Regensburg. Autor zahlreicher Werke, zum Beispiel des Lexikons der katholischen Dogmatik

(Herder, 1987, Neuausgabe 2012) und des Handbuchs der Marienkunde (Pustet, 1997). Seelsorger an der

„Papstkirche“ in Pentling.

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