Planspielmethode in der Berufsausbildung - Personalwirtschaft

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Planspielmethode in der Berufsausbildung - Personalwirtschaft

Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Themenfeld 17 Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Themenübersicht Seite n Das Planspiel als „Lernwelt“ und Methode 3 – Die Ausstattung eines Planspiel-Lernszenarios 4 – Die pädagogischen Eigenarten der Planspiel-Lernumgebung 6 n Die für die Berufsausbildung wichtigsten Planspielarten mit unterschiedlichen lernmethodischen Möglichkeiten 9 – PC-gestützte Gruppenplanspiele 9 – Gruppenplanspiele mit Spielbrett 11 – Gruppenplanspiele, die eine Simulation entwickeln 12 – Onlineplanspiele 14 n Zum Einsatz von Planspielen in der Berufsausbildung 17 n Literatur 19 Der Autor: Dr. Ulrich Blötz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung „Unternehmens- und personenbezogene Dienstleistungsberufe“ im Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB). Anschrift: Bundesinstitut für Berufsbildung, Robert-Schuman-Platz 3, 53175 Bonn, Tel.: 02 28/37 71-26 19, E-Mail: bloetz@bibb.de PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 1


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung . Seite 2 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Das Planspiel als „Lernwelt“ und Methode War der Einsatz von Planspielen in der Berufsausbildung der 90er-Jahre noch eher die Ausnahme, finden sich heute eine Vielzahl von Anwendungsfällen. Der BIBB- Planspielkatalog 2008 weist über 100 unterschiedliche Planspielangebote für Auszubildende aus. [1] Hierbei handelt es sich sowohl um Planspiele, die von Ausbildern bzw. Lehrern und Auszubildenden selbst entwickelt sind als auch um Angebote von professionellen Planspielherstellern. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über das Angebot und den Einsatz von Planspielen in der (betrieblichen und schulischen) Berufsausbildung. Das Planspiel war ursprünglich ein militärstrategisches Instrument. Als pädagogische Methode wurde es in den 80er- Jahren im Zusammenhang mit der Computerentwicklung zunächst für das betriebswirtschaftliche Training von Managern entwickelt. Heute bezeichnet der pädagogische Planspielbegriff Lernszenarios, in denen mehrere Lernmethoden miteinander verknüpft sind. Planspiel-Lernszenarios dienen i. A. dem Verstehen/Erfahren/Einschätzen planungsbedürftiger Situationen sowie dem Erlernen von planendem Handeln. Hierfür gibt es computerunterstützte Szenarien, aber auch Brettspiele und andere haptische Szenarien. Vernetztes Denken An dem folgenden Beispiel kann der allgemeine lernmethodische Ansatz von Planspielen verdeutlicht werden: Beispiel für ein klassisches Planspielszenario: das sog. Unternehmensplanspiel Auszubildende erhalten die Aufgabe, im Rahmen einer Simulation ein fiktives Unternehmen betriebswirtschaftlich möglichst erfolgreich zu steuern. Dazu werden sie in fünf Gruppen zu je drei Auszubildenden eingeteilt; jede Gruppe stellt die Führungscrew eines Unternehmens dar; insgesamt sollen so fünf Unternehmen zueinander in einem fiktiven Markt in Wettbewerb treten. PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 3


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Die Auszubildenden erhalten dazu (Spiel)Unterlagen: Informationen über das Profil und den Zustand des Unternehmens, über den Markt, Chancen und Risiken am Markt sowie Unterlagen für betriebswirtschaftliche Analyse, Planung und Entscheidung zu Investitionen in Unternehmensbereiche. Anhand dieser Unterlagen müssen sie Investitionsentscheidungen für „ihr“ Unternehmen erarbeiten. Der Ausbilder führt in das Spiel ein und unterstützt die Auszubildenden bei Spielproblemen und steuert die für das Lernen wichtige Reflexionsarbeit während des Planspiels. Die von den Auszubildenden erarbeiteten Investitionsentscheidungen werden in ein PC-gestütztes Simulationsprogramm eingegeben, das den Markterfolg jedes Unternehmens berechnet (hierfür setzt das Programm Markterfolgsfaktoren zu den Investitionsentscheidungen der fünf „Unternehmen“ in mathematische Beziehungen). Der vom PC errechnete Markterfolg (diese Auswertung organisiert der Ausbilder) wird mit den Auszubildenden ausgewertet; der Ausbilder erläutert dabei, warum die von den Auszubildenden getroffenen Entscheidungen so oder so bewertet sind. Auf dieser Basis analysieren, planen und entscheiden die Auszubildenden die nächste(n) Periode(n). Ein solches Planspiel ist als ein- oder mehrtägige Veranstaltung angelegt. Die Ausstattung eines Planspiel-Lernszenarios Das oben skizzierte Planspiel hat vier gestaltete Komponenten: (1) Simulation (2) Planspielorganisation (3) Lernorganisation (4) Anlässe für Handlungs- und Lernmotivation Seite 4 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 (1) Simulation: Eine Handlungswelt (in der gelernt werden soll) wird modelliert. Wie der Spielname schon sagt, geht es im Planspiel vor allem um planende Handlungen. Hierfür werden Handlungen, die Handlungsumgebung wie z. B. die Informationsumgebung sowie Handlungsinstrumente festgelegt. Simuliert werden die Auswirkungen von Handlungsentscheidungen; der Handlungserfolg wird bewertet. (2) Planspielorganisation: Handlungsregeln, Informationsgrundlagen und andere Hilfen für die Teilnehmer werden festgelegt und auf die einzelnen Zielgruppenbedarfe ausgetestet. Die Spieler sollen im Planspiel selbst entscheiden, ob und wie sie handeln; mit der Bewertung des Handlungserfolgs, die ihnen durch die Simulation mitgeteilt werden, sollen sie selbstständig umgehen. Die Spieler werden durch einen Planspielleiter in das Spiel eingeführt. Während des Spiels hilft der Planspielleiter bei Spielproblemen der Teilnehmer. (3) Lernorganisation: Die Lernziele für die Planspielteilnehmer werden festgelegt, ebenso die durch den Planspielleiter und die Lernergruppe zu leistenden lernwichtigen Reflexionsphasen. Das Lernhandeln erfolgt nach den Festlegungen zur Planspielorganisation. Das Simulationsmodell ahndet Handlungs-(z. B. Planungs)schwächen des Teilnehmers und liefert damit Lernanlässe im Spiel. Die angelegten Handlungswiederholungen liefern Übungseffekte. Die Planspielleitung begleitet bzw. leitet die Reflexions- bzw. Lernarbeit pädagogisch. (4) Lernmotivation: Ein Planspiel-Lernszenario enthält meist mehrere der folgenden vier Anlässe zum Lernhandeln: 1. das Spielinteresse/den Konkurrenztrieb; 2. den Zwang zum Handeln/Entscheiden, zur Ausführung bestimmter Handlungen, die erlernt werden sollen; 3. den Zwang zur Selbstbehauptung in der Gruppe und Übernahme von Handlungsverantwortung im Wettbewerbermodell; 4. die Neugier auf das Ausprobieren einer neuen Rolle. Handlungswelt wird modelliert Festlegen von Handlungsregeln Festlegen der Lernziele Anlässe zum Lernhandeln Auch wenn die Ausstattung eines Planspiels sehr komplex klingt: Planspiele haben je nach dem Lernanliegen ganz un- PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 5


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung terschiedliche Komplexität. Zudem gibt es heute viele komplett vorgefertigte Planspielangebote und auch komfortable Hilfen, sog. Generatoren für die Eigenentwicklung von Planspielen. Die pädagogischen Eigenarten der Planspiel-Lernumgebung Planspiele nutzen pädagogisch (1) Labor- und (2) Rollenspielumgebungen, um (3) intransparente und unsichere, (4) planungsbedürftige Handlungssituationen zum Lerngegenstand zu machen. Aus Fehlern lernen Sich selbst erleben (1) Labor zum Experimentieren: Der Lerner wird in einem Unternehmensplanspiel in die Rolle eines Unternehmenssteuerers versetzt. Diese ist geprägt von einer unsicheren, ungewissen Handlungsumgebung; anhand der begrenzt verfügbaren Informationen muss er sich selbst behelfen, so gut er kann; er muss experimentieren und sich dabei für einen Weg entscheiden, ohne dass er genau weiß, wie erfolgreich dieser Weg ist. Er darf, in der Regel muss er Fehler machen; die Fehler beeinflussen das Spielergebnis und sie sind damit der pädagogisch beabsichtigte wesentliche Lernanlass. Indem der Lernende auf Fehler aufmerksam gemacht wird, beginnt der eigentliche Lernvorgang. Dessen Wirksamkeit hängt ab von der pädagogischen Qualität der Reflexion über die Fehler. (2) Rollenspiel – Rollenerlebnis: Der Lerner schlüpft in eine verantwortliche Rolle. Er möchte in der Regel diese Rolle gut meistern. Er erlebt sich in dieser Rolle, seine eigenen Stärken und Schwächen im Umgang mit der Verantwortung. Er erlebt sein diesbezügliches Verhalten in der Gruppe; er erlebt, wie seine eigene Art der Mitwirkung in der Gruppe ankommt. Werden Auszubildende in die Rolle eines Unternehmenssteuerers versetzt, dann geht es nicht darum, sie mit dem Planspiel für diese Funktion zu qualifizieren. Ihr Lernen in solcher Rolle verfolgt andere Ziele wie z. B. das Erfahren der betriebswirtschaftlichen „Welt“ eines Unternehmens, das Erfahren betriebswirtschaftlicher Herausforderungen, denen Seite 6 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Vorgesetzte unterliegen. Lernthema kann auch das Erlernen des Umgangs mit betriebswirtschaftlichen Planungsinstrumenten sein, wie z. B. mit der Gewinn- und Verlustrechnung, mit der Bilanz, mit dem Planungsrechnen. Gelegentlich werden mit solchen Planspielen auch ganz andere Lernziele verfolgt: z. B. betriebswirtschaftlich bezogenes Fremdsprachentraining, indem alle Spielunterlagen sowie die Kommunikation im Spiel fremdsprachlich angelegt sind. Weil das Spiel selbst Spass macht, unterstützt es das Fremdsprachenlernen besonders. Auch die Kooperation in der Gruppe kann Lernziel sein; mancher Einsatz eines Gruppenplanspiels dient einfach dazu, das Kennenlernen der Auszubildenden zu Ausbildungsbeginn zu unterstützen. (3) Das Handeln unter intransparenten oder komplexen oder risikoreichen Handlungsbedingungen: Lernen in einer simulierten Handlungswelt macht pädagogisch dann Sinn, wenn eine solche Handlungswelt anderweitig nicht zur Verfügung steht. In Planspielen werden (planungsbedürftige) Situationen simuliert, die sich dem schnellen Verstehen, Erfahren, Einschätzen entziehen, weil sie intransparent, zu komplex sind oder unbestimmt eintreten, also in der realen Arbeitspraxis oder mit anderen Lernmethoden schwer vermittelbar sind. Die Steuerung eines Unternehmens ist dafür eine klassische Referenz, ein Training mit Steuerungsfehlern in einer realen Steuerungssituation hätte ggf. fatale Folgen. Um lernwichtige Steuerungssituationen zu erfahren, muss didaktisch gesehen, eine Zeitmaschine, ein Zeitraffer her; der reale Unternehmensalltag böte solche Situationen nicht am laufenden Band und nicht zu den Zeitpunkten, an denen sie für den geplanten Lernvorgang gebraucht würden. Planspiele sind (real)zeitgeraffte Szenarien. (4) Das Lernen in planungsbedürftigen Handlungssitutionen: Handlungsgegenstand in Planspielen sind Aufgaben, die planendes, vorausschauendes Handeln erfordern; dies schließt orientierendes Handeln wie in Unternehmensplanspielen die Analyse der betriebswirtschaftlichen Situation von Unternehmen ein. Das „spielerische Planen“ unterscheidet Planspielsimulationen von reinen „Simulationen“ wie betriebswirtschaftliche Simulationen oder von Flug- und Zeitgeraffte Szenarien Planendes, vorausschauendes Handeln gefordert PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 7


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Fahrsimulatoren. Der Planspielteilnehmer ist nämlich mit seiner Individualität sozusagen authentischer Teil der Simulationen. Flug- und Fahrsimulatoren brauchen solche authentischen Elemente nicht, um zu funktionieren. Dennoch ist der Begriff Planspiel für Anwendungen in beruflichen Arbeitsund Lernzusammenhängen (welches zugleich Planspielen für Spielvergnügen davon abgrenzt) einigermaßen unzutreffend: Berufsbezogenes Planspielen bezieht sich nicht auf spielerische Absichten, wie sie dem Spielhandeln allgemein zugrunde liegen, sondern verfolgt arbeits- bzw. lernbezogene Absichten. Seite 8 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Die für die Berufsausbildung wichtigsten Planspielarten mit unterschiedlichen lernmethodischen Möglichkeiten Der BIBB-Planspielkatalog enthält eine beinahe unübersehbare Vielfalt an Planspielkonfigurationen, die sich für Zwecke der Berufsausbildung eignen. Von der Konstruktion und von den Einsatzzwecken her lässt sich diese Vielfalt aber auf wenige Grundkonfigurationen (Planspielarten) reduzieren und wird damit für den Anwender überschaubar. Zu den Planspielarten und deren Einsatzabsichten wird im Folgenden ein Überblick gegeben. Dies sind PC-gestützte Gruppenplanspiele, Gruppenplanspiele mit Spielbrett, Gruppenplanspiele, die eine Simulation entwickeln lassen, sowie Onlineplanspiele. PC-gestützte Gruppenplanspiele PC-gestützte Simulationen bieten sich dann an, wenn Prozesse quantifiziert, also durch Zahlen beschrieben werden können. Z. B. lassen sich Unternehmensprozesse und die Bewegung von Unternehmen in Märkten in betriebswirtschaftlichen Zahlenwerken und Verlaufskurven abbilden. Im Unternehmensalltag erfolgt heute die Unternehmenssteuerung weitgehend über solche Zahlensymbole; dafür hat sich das Controlling als Unternehmensfunktion entwickelt. Betriebswirtschaftliche Planspiele nutzen diese Zahlensymbolik des Unternehmensalltags; sie nutzen auch die betriebswirtschaftlichen Instrumente zur Beschreibung von Unternehmen wie Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanzen und nutzen betriebswirtschaftliche Erfahrung, wie sie sich z. B. in Preis-Absatzfunktionen darstellt. Sie haben damit realitätsnahe Spielansätze und dadurch auch Akzeptanz. Prominente Beispiele hierfür sind die Planspiele der TOPSIM- Reihe (siehe auch unter www.topsim.com). In Industrie, Handel, Banken, Versicherungen, ja sogar im Handwerk werden in der beruflichen Aus- und Weiterbildung PC-gestützte betriebswirtschaftliche Gruppenplanspiele genutzt. Realitätsnahe Spielansätze Planspiele der TOPSIM- Reihe PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 9


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Abb. 1: Computergestütztes Unternehmensplanspiel für das Handwerk: HANDSIM Aber auch andere Situationen als betriebswirtschaftliche lassen sich quantifiziert beschreiben. Im Grunde genommen können alle Wirkungszusammenhänge, soweit sie der Mensch einschätzen bzw. bewerten kann, quantifiziert werden. Vielfalt von PC-gestützten Planspielsimulationen Inzwischen gibt es eine Vielfalt von PC-gestützten Planspielsimulationen außerhalb betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge, die sich dessen bedienen, z. B. zu Themen Projektmanagement, Qualitätsmanagement, Zeitmanagement, Personalentwicklung, Ökologie, Verkehr, Politik, um nur einige zu nennen. Seite 10 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Bei diesen Planspielen handelt es sich allerdings nicht um Wettbewerbsspiele, in denen Spielteilnehmer in einem Markt um Marktanteile miteinander konkurrieren, sondern um Gruppenplanspiele, in denen eine Gruppe von Spielern gemeinsam um ein möglichst optimales (Planspiel)Ergebnis ringt. Solche Spiele können auch von einem Klassenverband in mehreren Gruppen parallel gespielt werden. Die wesentliche Lernerfahrung für alle ist, wie man zu einem optimalen Ergebnis kommt. Ein Beispiel für solche PC-gestützten Planspiele ist „Simul- Train“, ein Planspiel, mit dem die Arbeit in Projekten (Projektmanagement) unter Störeinflüssen trainiert werden kann ([1], S. 99). SimulTrain Für die Eigenentwicklung solcher Planspiele gibt es mit „HERAKLIT“ eine PC-gestützte Modellierungssoftware, die auch in der Berufsausbildung genutzt wird (mehr dazu s. u. „Gruppenplanspiele, die eine Simulation entwickeln“). Modellierungssoftware Der BIBB-Planspielkatalog weist über 150 PC-gestützte Gruppenplanspiele aus. Gruppenplanspiele mit Spielbrett Solche Planspiele nutzen Informationsdarstellungen und Handlungsmöglichkeiten, wie sie Spielbretter (z. B. analog Monopoly, Schach) bieten. Es gibt sie als betriebswirtschaftliche Planspiele und auch für andere Planspielthemen wie Logistik, Projekt- und Qualitätsmanagement. Brettplanspiele können als Wettbewerbsspiel eingesetzt werden, aber auch wie oben bereits beschrieben, als Gruppenspiel, bei dem es darum geht, ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen. Im Wettbewerbsspiel spielen mehrere Gruppen jeweils an eigenen Brettern zum gleichen Thema um das beste Ergebnis. Wettbewerbsspiel oder Gruppenspiel PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 11


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Der besondere pädagogische Vorteil von Brettplanspielen gegenüber anderen Planspielarten ist die Anschaulichkeit und damit Fasslichkeit der Handlungsumgebung, in der gespielt wird. Brettplanspiele eignen sich zum Begreifen von nicht komplexen Abläufen, Zusammenhängen und Strukturen vor allem für Zielgruppen in der Berufsausbildung. Brettplanspiele sind bislang in der Berufsausbildung am breitesten als betriebswirtschaftliche Planspiele im Handel und Kreditgewerbe verbreitet. Der BIBB-Planspielkatalog weist über 120 Brettplanspiele aus ([1], S. 90 ff.). Stellen Zusammenhänge im sozialen Kontext dar Gruppenplanspiele, die eine Simulation entwickeln Die Entwicklung einer Simulation bedeutet, sich mit Zusammenhängen und ihrer (quantitativen) Gewichtung in einem Themenfeld zu beschäftigen. Pädagogisch gesehen ist dies ein Lernvorgang, um das vernetzte Denken zu trainieren oder um Erkenntnisse über Zusammenhänge im persönlichen Leben oder in beruflichen Situationen zu gewinnen. Planspiele thematisieren – das gilt auch für betriebswirtschaftliche Planspiele – stets Zusammenhänge im sozialen Kontext, sei es Zusammenhänge zwischen den Abteilungsfunktionen eines Unternehmens, sei es den Zusammenhang zwischen Unternehmen und Markt, seien es nichtbetriebswirtschaftliche Zusammenhänge wie zwischen Politik und Gesellschaft oder Politik und individuellen Lebenschancen usw. Solche, vor allem grundlegende Zusammenhänge zu vermitteln, ist ein Schwerpunkt heutiger Berufsausbildung. Modellversuche des BIBB haben gezeigt, dass Planspiele, die Simulationen und damit Zusammenhänge entwickeln und darstellen, für Auszubildende ein reizvolles Instrument sind, um sich soziale Zusammenhänge zu erschließen. Dafür gibt es zwei erprobte Vorgehensweisen: * Die Nutzung einer PC-gestützten Modellierungssoftware; bereits oben erwähnt wurde die Software „HERAKLIT“. Seite 12 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 * Die Nutzung eines sogenannten Handplanspiels; ein solches wird beispielweise in der betrieblichen Berufsausbildung bei Siemens unter der Bezeichnung „Kugelschreiberfabrik“ genutzt. „HERAKLIT“ ist eine Software, mit der inzwischen eine ganze Reihe von Unternehmen für Bildungszwecke eigene Planspielsimulationen entwickelt haben (s. www.vernetztdenken.de). Auszubildende können sich damit jegliche Thematik sozialer Zusammenhänge erschließen, von der persönlichen Lebenssituation bis zu denen im Beruf. PC-Software „HERAKLIT“ Abb. 2: Planspielgenerator HERAKLIT Auszubildende nutzen die Software, um Zusammenhänge zu skizzieren und zu gewichten und PC-technisch darzustellen. PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 13


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Mit einem sog. Szenario-Manager können dann Ereignisse hinzugefügt werden, die Zusammenhänge beeinflussen, d. h. in ihrer Gewichtung verändern. Mit dem HERAKLIT-Player kann dann die so entstandene Simulation als PC-gestütztes Planspiel wie oben beschrieben gespielt werden. Solche Planspiele eignen sich auch zum individuellen Spielen. Beispiel: „Kugelschreiberfabrik“ „Kugelschreiberfabrik“ ist ein Beispiel dafür, Auszubildenden mit einfachen (Spiel)Mitteln Zusammenhänge im Betrieb zu erschließen und diese anschließend auf ihre Optimierung zu untersuchen. In diesem Planspiel besetzen Auszubildende im einem fiktiven Unternehmen, das Kugelschreiber herstellt, definierte Arbeitsplätze: Vorarbeiter, Montage, Test, Reparatur, Versand und Lager. Der „Kunde“ gibt Produktionsmenge und Lieferzeit vor. Schon bald gibt es in der einen oder anderen Funktion Überlastungen. Diese werden in der Planspielgruppe auf Vermeidungsmöglichkeiten diskutiert. Im Laufe des Spiels entwickelt die Gruppe ein eigenes Konzept (i. S. einer Simulation), um eine optimale Verteilung der Arbeit zu erreichen. Mit diesem Konzept (dieser Simulation) gehen die Auszubildenden in betriebliche Abteilungen, um Abläufe zu analysieren, Barrieren zu erkennen und Prozesse zu optimieren. Größere Zahl von Teilnehmern Onlineplanspiele Das Angebot ist ebenso wie die Beteiligung an Onlineplanspielen in den letzten Jahren stark gewachsen. Es handelt sich um Wettbewerbsspiele, die je nach Plattformausstattung für eine größere Zahl von Teilnehmern, in Einzelfällen für mehrere Hundert Teilnehmer bzw. Teilnehmergruppen veranstaltet werden. Die meisten dieser Planspielangebote sind für Schüler, Auszubildende und Studenten konzipiert. Bekannte Angebote für Schüler und Auszubildende sind diverse von Fernsehsendern oder Zeitschriften sowie Banken gesponserte Börsenspiele, der vom BMBF geförderte High- Tech-Planspielwettbewerb „Jugend Gründet“ (www.jugendgründet.de) oder Startup, ein bundesweiter Gründerplanspielwettbewerb (www.startup-werkstatt.de). Seite 14 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Abb. 3: Onlineplanspiel Screenshot Die meisten der Onlineplanspiel-Angebote bewegen sich im wirtschaftlichen Themenfeld. Insgesamt sind im BIBB-Planspielkatalog über 60 Angebote verzeichnet, einige davon nur als Angebote für Unternehmen, die im dortigen Intranet angeboten werden können. Die meisten für Schüler und Auszubildende angebotenen Onlineplanspiele richten sich zudem auch direkt an Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen. Dadurch, dass es sich um voll organisierte und zugleich für die Teilnehmer kostengünstige Angebote handelt, ist der Aufwand, sich an solchen Spielen zu beteiligen, gering. Online: geringe Kosten, geringer Aufwand PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 15


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Zielgruppe: Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen Der pädagogische Nutzen besteht hauptsächlich in der Aktivierung von Schülern und Auszubildenden für Themenfelder, für die durch das Spiel zusätzlich Erfahrung gewonnen werden soll. Auch der Umgang mit dem Online-Medium wird geschult. Berufsbezogene Onlineplanspiele gibt es für den Bankenund Versicherungsbereich, Touristik, E-Commerce sowie für allgemein kaufmännische Berufe. Die pädagogischen Ziele entsprechen grob etwa denen der oben erläuterten PC-gestützten Gruppenplanspiele. Die hier vorgestellten Planspielkonfigurationen beschreiben nicht alle Arten von Planspielangeboten. Weiterführende Informationen bietet die bereits mehrfach erwähnte BIBB-Publikation „Planspiele in der beruflichen Bildung“ (s. a. www.BIBB-Planspielforum.de). Seite 16 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 Zum Einsatz von Planspielen in der Berufsausbildung Der didaktische Chic der Planspielmethode besteht darin, dass die Teilnehmer selbst Teil eines dynamischen Lernszenarios sind. Sie selbst, ihr personeller Faktor gehen in das Szenario ein und erzeugen damit oft eine hohe Identifikation mit dem Spielangebot. Dies zeigt sich im Spielengagement der Teilnehmer. Es scheint, als wird vergessen, dass es ein Spiel ist. Planspielen liefert eine hohe Gruppen- und Handlungsdynamik. In Planspielseminaren ist „etwas los“. Lerner sollen die Handlungsumgebung im Rahmen der Spielidee experimentell nach ihren Vorstellungen nutzen. Für sie soll diese Handlungsumgebung ein experimenteller Raum zur möglichst erfolgreichen Umsetzung der Spielidee sein. Das Planspiel hat damit den Charakter eines Lernlabors. Experimentell lernen Planen, Entscheiden, Auswerten und Verhandeln, einschließlich Kommunizieren und Präsentieren sind hier (mögliche) Laborhandlungen. Im Fall des Einführungsbeispiels bedeutet Lernhandeln in diesem experimentellen Raum reflektierendes unternehmerisches Probehandeln. Teilnehmer versuchen, „ihr Unternehmen“ gegenüber der „Konkurrenz“ erfolgreich zu führen. Dabei vervollkommnen sie ihr Planungs-, Entscheidungs- und Verhandlungsverhalten, d. h. ihre Handlungen, Rollensichten und -verhalten aufgrund des Feedbacks im Planspiel. Feedback erhalten sie durch die Unternehmenssimulation, durch die von der Spielleitung gesteuerten Reflexionen zum Spielgeschehen sowie durch Reaktionen in der Gruppe. Der in der Simulation angelegte Zeitraffer macht Neben- und Fernwirkungen des eigenen Handelns sichtbar. Durch Feedback im Planspiel lernen Das wiederholende, Varianten probierende Handeln in mehreren Entscheidungsrunden hat zudem Merkmale von Handlungstraining, ähnlich der Anwendung von Fahrsimulatoren. PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 17


8 A/17 Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung Wirksamere Handlungsalternativen finden Vor Planspieleinsatz selbst lernen ! Planspielen dient aber nicht wie bei Fahrsimulatoren vordergründig dazu, Handlungsalternativen zu reduzieren (die ideale Fahrlinie zu finden), sondern eher welche zu finden, besser gesagt, wirksamere zu finden. Z. B. lernt der Teilnehmer im Unternehmensplanspiel, wie sinnfällig es für „sein“ erfolgreiches Kostenmanagement ist, betriebswirtschaftliche Planungsinstrumente systematisch einzusetzen. Er hat im Spiel durchaus die Möglichkeit, auf Planung zu verzichten und auf gut Glück zu handeln. Eine gut abgestimmte Simulation macht ihm aber schnell Kosten- und Gewinnnachteile seines Handelns gegenüber „solider“ planenden Wettbewerbern sichtbar. Eine lernwirksame Organisation eines Planspielangebots will aber gekonnt sein. Ausbilder, die hier noch keine Erfahrung haben, sollten sich Referenzen anschauen bzw. erst einmal selbst planspielen, um die pädagogische Herausforderung zu erfahren. Nicht selten wird nämlich die „Planspielsoftware“ relativ „ungeschützt“ an den Teilnehmer herangetragen, sodass die „Anfängerprobleme“ damit schnell die Planspielund damit Handlungsmotivation ersticken. In der Berufsausbildung bewährt sich vor allem der Einsatz von Gruppenplanspielen, ob computerunterstützt, Brettplanspiele oder in bloßer Papierform wie beim Planspiel „Kugelschreiberfabrik“. Gute Erfahrungen wurden auch mit der Planspielsoftware Heraklit gemacht, mit der Planspielthemen von Auszubildenden selbst gestaltet werden. Gruppenplanspiele eignen sich * zum gegenseitigen Kennenlernen zu Ausbildungsbeginn; dabei kann sich der Ausbilder zugleich einen ersten Überblick über das Auszubildendenverhalten sowie Stärken und Schwächen von Auszubildenden verschaffen; * zum „Begreifen“ betriebswirtschaftlicher Zusammenhänge, aber generell zum besseren Verstehen von sozialen Zusammenhängen jeglicher Art; Seite 18 PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009


Praxis-Know-how Die Planspielmethode in der Berufsausbildung 8 A/17 * zum Erlernen des praktischen Umgangs mit Planungsinstrumenten, wie sie z. B. die Bilanz und Gewinn- und Verlustrechnung für die betriebswirtschaftliche Planung darstellen; * zur Vernetzung von Fächerwissen in fachübergreifenden Aufgabenstellungen; * zur Förderung des vernetzten Denkens und der Problemlösefähigkeit; * aber auch zur begründeten Einbindung von weiteren Lernzielen wie der Verbesserung der Präsentationsfähigkeit, des Fremdsprachentrainings; * das Erleben in anderen Funktionsrollen wie der des Vorgesetzten, um das Verständnis für deren Sichtweisen zu fördern. Daneben wird immer wieder die Frage gestellt, inwieweit mit Planspielen Inhalte und andere Methoden der Berufsausbildung substitutiert werden können. Die bisherige Praxis des Planspieleinsatzes gibt darauf keine eindeutige Antwort. In der Regel dienen Planspiele bislang der Erweiterung des Methodenangebotes zur Anwendung und Festigung erworbenen Wissens bzw. der Verbesserung der Attraktivität des Bildungsangebots. Vorschläge, Planspiellernen mehrfach im Rahmen der Ausbildung mit anderen Methoden zu verzahnen, also bereits erspielte Erfahrung erneut in weiteren Planspielveranstaltungen aufzugreifen und zu vertiefen oder zu erweitern, liegen zwar vor (s. a.[1], S. 48 f.), Referenzfälle dafür sind jedoch nicht bekannt. Literatur: [1] BLÖTZ, U. (Hrsg.): Planspiele in der beruflichen Bildung. BIBB. Bielefeld 2008. Planspielkatalog auf CD-ROM PersonalAusbilden 49. Erg.-Lfg. – Oktober 2009 Seite 19


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