Das große Plus der dualen Ausbildung - Personalwirtschaft

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Das große Plus der dualen Ausbildung - Personalwirtschaft

Schwerpunkt | Interview

Interview mit Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks

Das große Plus der dualen Ausbildung

Um nachhaltige Beschäftigungsfähigkeit zu sichern, ist Qualifikation

unumgänglich. Das Handwerk beteiligt sich deshalb auch beispielsweise

an der Aktion der Bundesagentur für Arbeit, junge

Erwachsene, die bereits über 25 sind, für eine Erstausbildung zu

gewinnen: Helfer und Angelernte aus den Handwerksbetrieben

sollen motiviert werden, ihre praktischen Erfahrungen als Grundlage

für eine Ausbildung zu nutzen. Der große Vorteil der dualen

Ausbildung kommt auch hier zum Tragen. Ein Grund mehr für die

Bildungspolitik, die duale Ausbildung auf allen Ebenen zu stärken.

Quelle Foto: ZDH/Stegner

Otto Kentzler, Dipl.- Ing.,

seit 1994 Präsident der

Handwerkskammer Dortmund,

seit 2005 Präsident

des ZDH, Geschäftsführender

Gesellschafter der

Kentzler GmbH und Co. KG

Weiterbildung: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen

im Ausbildungsbereich des Handwerks?

Otto Kentzler: Erstens: Die Zahl der Schulabgänger

sinkt weiter. Zweitens: Es gibt einen Trend zu Abitur

und Studium. Da vor allem leistungsorientierte Jugendliche

das Abitur anpeilen, findet also zusätzlich zur

demografischen Entwicklung eine negative Auslese

statt. Denn das Handwerk rekrutiert den überwiegenden

Teil der Auszubildenden nach wie vor von Hauptund

Realschulen. Die weltweit als Best Practice gelobte

duale Ausbildung in Deutschland wird so geschwächt.

Hier muss die Bildungspolitik umsteuern. Es gilt, duale

Ausbildung und die dahinterliegenden Strukturen

auf allen Ebenen zu stärken.

Weiterbildung: Die Industrie klagt zunehmend über

einen drohenden Mangel an Facharbeitern. Ist das auch

ein Problem für das Handwerk?

Otto Kentzler: In den vergangenen vier Jahren blieben

zusammengenommen rund 40.000 Ausbildungsplätze

im Handwerk unbesetzt. Es fehlt in vielen Berufen

dadurch an Nachwuchs. Der Facharbeitermangel ist für

die Zukunft also absehbar. Wir steuern mit allen Mitteln

dagegen: Eine Imagekampagne klärt über die Innovationsfähigkeit

und Zukunftssicherheit unserer Berufe

auf. Die Betriebe sind familienfreundlich und werben

jetzt auch damit, werden so als Arbeitgeber für Frauen

interessant; sie qualifizieren in zunehmendem Maße

ältere Mitarbeiter; Betriebe und Handwerksorganisationen

sprechen gezielt Migranten an und kümmern sich

nicht zuletzt intensiv um die Eingliederung von Jugendlichen

mit schlechteren Startchancen in die Ausbildung.

Weiterbildung: Eine aktuelle Initiative des Handwerks

zielt auf die Beschäftigung auch von Studienabbrechern

ab. Ist nicht zu befürchten, dass sich diese Zielgruppe

in Handwerksberufen überqualifiziert fühlt?

Otto Kentzler: Es ist kaum zu befürchten, dass sich

Abiturienten und Studenten im Handwerk mit einfachen

Tätigkeiten zufrieden geben. Für leistungsorientierte junge

Handwerkerinnen und Handwerker gibt es in der

Mehrzahl der Betriebe mittlerweile maßgeschneiderte

Karrierepläne. Außerdem bieten die Berufe des Handwerks

spannende Betätigungsfelder. Viele junge Leute

suchen diese Herausforderung, die eine echte Alternative

zu reinen Büro-Berufen ist. Hier einige Beispiele:

Im Bereich Medizintechnik ist das Handwerk für die

vorwiegend anwendungsorientierten Innovationen

zuständig. Im Bereich Maschinen- und Automobilbau

sourcen die industriellen Auftraggeber auch Forschung

und Entwicklung längst an die Zulieferbetriebe aus.

Die Energiewende ist ohne exzellent ausgebildete Praktiker

mit hoher Qualifikation kaum denkbar, ebenso

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die Planung und Realisierung von großen IT-Anlagen.

Große Handwerksbetriebe müssen auch besondere

Herausforderungen in Schlüsselbereichen wie Personalgewinnung

oder Logistik bestehen.

Weiterbildung: Wenn denn zum Personal auch Personen

mit Abitur, zusätzlich mit Hochschulerfahrung

und vermutlich auch absolvierten Teilprüfungen gehören:

Bringt eine dann sehr heterogene Belegschaft

gerade in kleineren Betrieben nicht Spannungen mit

sich?

Otto Kentzler: Die Belegschaft hat in der Regel eine

Gemeinsamkeit – die Ausbildung zum Gesellen. Diese

Erfahrung schweißt zusammen. Dazu kommt: Selbst

in kleinen Betrieben sorgen die Hochqualifizierten dafür,

dass die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens

steigt und damit die Arbeitsplatzsicherheit für alle Mitarbeiter.

Ich selbst habe zwei Gesellenbriefe erworben

und dann ein Studium zum Diplom-Ingenieur abgeschlossen.

Meine Qualifikation hat zum Erfolg unseres

Familienunternehmens viel beigetragen.

Weiterbildung: Welche Karrierechancen kann das

Handwerk diesem Personenkreis eigentlich bieten?

Otto Kentzler: Wir erwarten, dass sie neben dem

Gesellenbrief Zusatzqualifikationen erwerben, sich vielleicht

bis zum Meister fortbilden und damit auf einer

Stufe neben dem akademischen Bachelor stehen. Sie

können den Betriebswirt im Handwerk draufsatteln

und als Manager oder Unternehmer in einem der vielfältigen

Handwerksberufe reüssieren. Die Alternative

ist ein duales Studium mit Bachelor und Gesellenbrief

als Abschluss und damit einer Garantie auf eine Führungsposition.

In jedem Fall werden sie davon profitieren,

dass die Bildungsrendite für Menschen mit

beruflicher Bildung im Vergleich zur akademischen Bildung

höher ausfällt, wie zahlreiche Studien belegen.

Weiterbildung: Ein Dauerthema mit Blick auf den deutschen

Arbeitsmarkt sind die Geringqualifizierten. Was

versteht man eigentlich im Handwerk unter dieser Zielgruppe?

Welche Ausbildungs- und Beschäftigungschancen

kann das Handwerk dieser Gruppe bieten?

Otto Kentzler: Handwerksbetriebe beschäftigen auch

Helfer oder Angelernte. Diese Gruppe motivieren wir,

auf ihrer praktischen Berufserfahrung aufzubauen und

eine Ausbildung draufzusatteln. Dazu bieten wir auch

die schnelle Hinführung zu einer Externenprüfung. Denn

nur Qualifikation sichert nachhaltige Beschäftigungs -

chancen. 2013 hat die Bundesagentur für Arbeit eine

Aktion gestartet, um junge Erwachsene über 25 für

eine Erstausbildung zu gewinnen. Auch daran beteiligt

sich das Handwerk.

Weiterbildung: Wir arbeiten gerade an einem BMBF-

Projekt zur Förderung Geringqualifizierter. Zu den ersten,

allerdings noch sehr vorläufigen Eindrücken gehört

die Wahrnehmung, dass Ausbildung und Prüfungen im

Handwerk vielleicht zu sehr auf Wissensanhäufung

ausgerichtet sind. Zu kurz kommen unserer Einschätzung

nach formale Kompetenzen zur Steigerung der

Problemlösungskapazität. Teilen Sie diesen unseren

Ersteindruck?

Otto Kentzler: Der Eindruck erstaunt mich sehr. Die

Ausbildungsordnungen und die Prüfungen, auch auf

Meisterebene, sind in den vergangenen Jahren gezielt

auf noch mehr Praxisnähe ausgerichtet worden. Das

ist ja der wichtige Unterschied zur akademischen Bildung.

Allerdings sind viele Berufe komplexer geworden

und erfordern spezifisches Wissen. Im Betrieb wird

jedoch tagtäglich eingeübt, wie dieses Wissen zur

Umsetzung von Kundenaufträgen angewandt wird. Der

Erwerb von Kompetenzen in der beruflichen Praxis ist

das große Plus der dualen Ausbildung. Schulische Ausbildungsgänge

mit reiner Wissensvermittlung können

da nicht mithalten, das hat sich in anderen europäischen

Ländern gezeigt. Im Übrigen sollte sich bei weit über

100 Ausbildungsberufen für jedes Talent der richtige

Handwerksberuf finden lassen. Für Jugendliche, die

mit großen Defiziten aus der Schule entlassen wurden,

gibt es mit der Einstiegsqualifizierung ja auch ein

Instrument, langsam an die Ausbildung heranzuführen.

Sie versuchen sich ein Jahr lang ausschließlich an

praktischen Übungen. Unsere Erfahrung zeigt, dass

weit über zwei Drittel der so geförderten Jugendlichen

in eine reguläre Ausbildung wechseln können.

Weiterbildung: Abschließend noch ein Blick aufs Große

und Ganze: Was erwartet der Zentralverband des Deutschen

Handwerks mit Blick auf Aus- und Weiterbildung

vorrangig von der deutschen Politik?

Otto Kentzler: Wenn die Zahl der Schulabgänger sinkt,

müssen die verbleibenden Absolventen schulisch besser

vorgebildet sein. Sie brauchen auch schulbeglei-

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Schwerpunkt | Interview

tend ausreichend Projekte zur Berufsorientierung.

Außerdem erwarten wir, dass

der Trend zur Akademisierung nicht weiter

befördert wird. Die Feststellung der Gleichwertigkeit

von beruflicher und akademischer

Bildung im Deutschen Qualifikationsrahmen

war dazu ein erster, wichtiger

Schritt.

Weiterbildung: Bei welchen Plänen der EU

fühlt sich der ZDH unbehaglich?

Otto Kentzler: Derzeit wird in der EU-Kommission

gern der Deregulierung um jeden

Preis das Wort geredet. Damit sollen grenzüberschreitende

Tätigkeiten in allen Berufen

möglich werden. Qualifikationsunterschiede

werden ausgeblendet. Das ist fatal,

denn es bedeutet die Abkehr vom Lissabon-Prozess.

Wir brauchen eine möglichst

hohe Qualifikation im beruflichen Sektor, um

im globalen Wettbewerb mithalten und die

Arbeitslosigkeit, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit,

niedrig halten zu können. Es

kommt ja nicht von ungefähr, dass Spanien

oder Portugal sich intensiv für die duale

Ausbildung interessieren; dass US-Präsident

Obama unsere deutsche berufliche

Bildung als Beispiel anpreist; dass in Großbritannien

die Abschaffung der beruflichen

Ausbildung bereut und Deutschlands Weg

gelobt wird. Ein EU-Projekt wie BUILD UP

Skills zeigt dagegen, dass gemeinsame

Anstrengungen der EU-Länder, hier auf dem

Sektor Energiewende, die Qualifikation europaweit

verbessern können.

Weiterbildung: Welche Entwicklungen auf

EU-Ebene begrüßen Sie dagegen?

Otto Kentzler: Das Prinzip „Think small

first“ hilft – richtig angewandt – unseren

Betrieben zur Teilhabe an der Förderung

der Europäischen Union. Beispielsweise ist

das Handwerk weit vorne, wenn es um Innovationen,

ja auch wenn es um Forschung

geht. Tüftler haben Tradition bei uns! Doch

wenn aufgrund der Betriebsgröße eine eigene

Abteilung für die Abwicklung der EU-

Bürokratie fehlt, dann ist es gut, wenn die

Kommission die Hürden für kleine Betriebe

ganz niedrig hält. Doch daran muss man

sie jedes Jahr erinnern!

Weiterbildung: Herr Kentzler, wir danken

Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führten Ruth und Arnim Kaiser

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