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Predigt von Pfarrer Dr. Dieter Koch am Karfreitag, den 22.4.2011 in der Emmauskirche Stuttgart-

Riedenberg im Anschluss an Lukas 23,33-46

Liebe Gemeinde, wir treten ein in die Karfreitagsstunde, wir treten unter das Kreuz Jesu. Dabei

stehen und zusehen, das scheint noch das Beste zu sein, was man hier machen kann. Dabei stehen

und zusehen, wie unser Herr Jesus Christus verhöhnt, gefoltert und den Fluchtod sterben wird. Dabei

stehen und zusehen, nicht aus Neugier und Sensationslust, nicht um des Spottes und der Langeweile

willen, sondern aus Hilflosigkeit und tiefer Betroffenheit angesichts dieses Leidens, dieser

Misshandlung, dieser Qual, die Jesus erleidet, die er auf sich nimmt für uns.

Ich sehe die Tiefe, aber ich kann sie nicht fassen. Ich sehe die Tiefe, aber ich kann nicht auf ihren

Grund kommen, auf den Grund und Sinn so vieler Leiden. Ich kann keinen Sinn in all den vielen

Schrecken, die wir erleben, entdecken. Der Tod ist stumm und macht stumm, der Tod so vieler, die

durch schreckliche Krankheiten dahingerafft werden, der Tod so vieler, die im Abgrund der

Hoffnungslosigkeit – Depression genannt – ertrinken, und manchmal, aber auch nur manchmal

daraus wieder überraschend auftauchen – wunderbar gerettet inmitten schwerster Not. Der Tod ist

stumm und macht stumm, der Tod so vieler, die Opfer tragischer Unfälle oder brutalster politischer

Anordnungen werden.

Es verschlägt mir die Sprache, wenn ich an die Greuel in Libyen denke. Ich verstumme vor Entsetzen,

wenn ich die tragische Hilflosigkeit, die erschütternde Hoffnungslosigkeit sehe angesichts von

Fukushima und der verstrahlten Sperrzone rund um das havarierte Atomkraftwerk. Und es macht

mich traurig, das seelisch-moralische Hinsiechen in unserem Land zu sehen, da der Dauerpartyspaß

nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Interessen die Ehrfurcht vor dem Karfreitag mehr und mehr

vermissen lässt.

Der Tod ist stumm und macht stumm, aber im Sterben Jesu wird diese Stummheit durchbrochen.

Jesus stirbt in Liebe zu Gott und sinkt dabei in die tiefste Verzweiflung, um zuletzt doch sich zu

übergeben in die Hände des liebenden Vaters. Jesus stirbt in Liebe zu den Menschen und bringt sie,

bringt uns, uns Hemmungslos-Gehemmten, uns Sehnsüchtige und doch an Begierden gefesselte, uns

mit unserer Klugheit und all den Dummheiten der vermeintlich Klugen, uns mit all unserer

Lebenstragik und mit all unseren kleinen Abgründen – Schäbigkeiten genannt – vor den Vater. Das

Wort ist da, das hilft, das rettet: Vater! Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Sie, die doch wussten, was sie taten, als sie

einen Unschuldigen zum Tode verurteilten. Sie die absichtlich ihn verhöhnten, ihn verspotteten, ihn

folterten und entehrten. Sie alle wussten, was sie taten und sie hatten ihre Lust dabei, diese so tief in

den Menschen schlummernde Lust, andere leidend zu machen, andere leiden zu sehen. Sie alle

wussten, was sie taten – moralisch gesehen ist hier nichts zu entschuldigen, schon gar nicht mit

irgendwelchen vermeintlich entlastenden Kindheitstraumen. Jeder Mörder, und das waren sie doch,

die Herren Kaiphas und Pilatus, jeder Mitläufer, und das waren sie doch, all die, die schrien: Kreuzige

ihn, kreuzige ihn, ja auch die Soldaten, die nicht nur ein Handwerk verrichteten, sondern ihren Spaß

dabei suchten, sie alle sind nicht zu entschuldigen. Und doch gilt ihnen, gerade ihnen Jesu Wort:

Vater, Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Dass das von ihnen so entstellte Menschenantlitz das Ebenbild Gottes ist, dass uns aus diesem Haupt

voll Blut und Wunden, voll Spott und voller Hohn Gottes eigenes Gesicht entgegen blickt – das

wussten sie nicht. Das konnten sie nicht wissen und schon gar nicht konnten sie gefangen in ihrer


Welt von Ehre, Blut und Rache verstehen, was Gottes Wort in diesem Leiden ist, wie es sich spiegelt

in Jesu Gebetswort an Gott: Vater, vergib ihnen! Das konnten sie nicht wissen, dass es das gibt, dass

es das für sie gibt: Vergebung, Auslösung aus den Fesseln der Rache, Erlösung inmitten der Tragik des

Lebens, Befreiung aus der quälenden Angst, weil endlich ihre Tragik und ihre Angst zum Wort werden

durch Jesu Bitte, dank Jesu Bitte, an den Himmel gerichtet, eine Bitte, seine Bitte, der man sich nicht

mehr zu schämen braucht, die Bitte, die ruft: Vater, vergib! Und die in diesem Ruf die Stimme erhebt,

die nur das eine will, das eine erhofft: Vater, nimm uns an! Nimm uns an, und stärke uns in der Spur

deiner Liebe, die Vergebung schenkt – und genau darin schon erhört und angenommen ist.

Hier gilt, was der christliche Denker Blaise Pascal unvergesslich so formulierte: Wir würden dich,

Gott, nicht suchen, nicht nach dir rufen, du hättest uns nicht schon gefunden. Jesus sucht Gott mitten

in seiner tiefsten Not, weil er von Gott, von der göttlichen Liebe gefunden ist, ein Mensch, der ganz

und gar hingegeben ist an das Wort der Verheißung: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich

Wohlgefallen. Jesus findet Gott noch in seiner tiefsten Not, weil er ganz und gar hingegeben bleibt an

die eine, große Liebe noch inmitten des Absturzes der Leiden. Das konnten sie nicht wissen, die ihn

verhöhnten, folterten und töteten, aber wir können, wir dürfen es wissen, die wir mit unter sein

Kreuz treten, wir, die wir uns einreihen, dabei stehen und zusehen, hilflos und betroffen, und doch

angesprochen von Gottes Liebe, die sich widerspiegelt in Jesu Gebetsruf: Vater vergib ihnen!

Zwischen dem ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘ und diesem ‚Vater, vergib

ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun‘ schwankt das wirkliche Erleben hin und her, zwischen

diesen beiden Polen erzittert unsere Seele und sucht der Glaube seinen Ort. „Wann wenn nicht um

die neunte Stunde als er schrie sind wir ihm aus dem Gesicht geschnitten. Nur seinen Schrei nehmen

wir ihm noch ab und verstärken ihn in aller Munde“(Eva Zeller).

Genau darin liegt sein Geschenk an uns: Ihr braucht und ihr sollt eure Trauer und eure Angst nicht

verstecken, sie hat nicht das letzte Wort, aber sie soll ans Tageslicht. Schenkt sie Gott! Ihr seid nicht

allein inmitten des Schmerzes, der rätselhaft euch überfällt, ihr seid nicht verloren angesichts so

vieler unlösbarer Rätsel, sondern ihr seid Gefährten des Gekreuzigten, der euch mitnimmt in die Spur

der Liebe, Vergebung genannt. Nur die Liebe kann vergeben. Das berechnende Kalkül kann nur ins

Schweigen treiben. Nur Gott in seiner versöhnenden Liebe kann vergeben und verwandeln. Die

Klugheit dieser Welt, so hektisch sie auch agiert, lässt alles beim alten. ‚Seh ich dein Kreuz den Klugen

dieser Erden ein ‚Ärgernis und eine Torheit werden; so sei’s doch mir trotz allen frechen Spottes die

Weisheit Gottes“(G.F. Gellert, EG 91,5). Die Weisheit Gottes – seine Vergebung, seine bis in unsere

Todesqual sich hinab neigende versöhnende Liebe. Denn wo Vergebung ist, da ist wahrhaft Leben

und Seligkeit. Wo aber ist Vergebung mehr als dort am Werk, wo um Vergebung gebeten wird, wo ist

der Sinn des Lebens, Glauben genannt, mehr verwirklicht als dort, wo wir in Antwort auf Gottes

Vergebung schenkende Liebe dieser Liebe Raum geben, indem wir, die wir doch alle aus Vergebung

leben, anderen Vergebung zuteil werden lassen – in täglicher Bitte und täglicher Tat. Vater, vergib

ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Vater, vergib uns! Vater, vergib uns unsere Schuld, wie

auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Ich schließe mit Worten des großen Dante aus dem 23.Gesang der Göttlichen Komödie:

„Denn getrieben zu dem Stamme, zu dem Holze ewigjung, glüht in uns die reine Flamme Heilige

Erinnerung! Riefs’s nicht auch, der Welt zu dienen und in Gottes Schoß zu ruhn, einst vom Holz.

Vergib es ihnen, die nicht wissen, was sie tun!“

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