1. Predigt Barmherzigkeit.pdf

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Predigtreihe: Die 7 Werke der Barmherzigkeit. Kreuzbergfest Vilseck 2007

1. Predigt : Barmherzigkeit

„Wer glaubt, ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich. Man wird schließlich auch kein

Auto, wenn man in einer Garage steht.“ –

Kein Protest gegen diese Aussage? Na gut, bis gleich. Woran, liebe Schwestern und Brüder,

erkennt man dann aber einen Christen, eine christliche Frau und einen christlichen Mann? Was ist

das Entscheidende?

Das „untrügliche Merkmal", an dem keiner vorbeisehen kann, ist die tätige „Barmherzigkeit", so

altmodisch dieses Wort auch klingen mag. Wer das erbarmende Herz nicht hat und keine

helfenden Hände dazu, lebt nicht in der Nachfolge des Jesus von Nazaret.

Aber barmherzig können wir nur sein, wenn uns bewusst ist, dass wir selbst aus der

Barmherzigkeit Gottes leben. – Aus diesem Wissen und unserem Dank gegen Gott fließt die

eigene Barmherzigkeit. Der Dank aber will sich ausdrücken und er wird normalerweise in Gebet

und Gottesdienst ausgesprochen. – Insofern ist der einleitende Satz meiner Predigt wieder ins

rechte Lot gebracht.

Aber es bleibt dabei: für Jesus Christus hat Barmherzigkeit eine zentrale Bedeutung. Barmherzigkeit

ist - um die Bibel einmal ganz wörtlich zu nehmen - der „Schlüssel zum Himmelreich".

Die Evangelien sagen uns von Jesus, dass durch ihn die Menschen Heil, Rettung, die Umkehr

ihrer Not erfuhren. Viele von ihnen glaubten ja, ihre Not sei ein Verdammungsurteil, eine Strafe

Gottes. Von Jesus aber erfuhren sie: Gott hat euch nicht verworfen; er steht besonders an der

Seite der Bedrängten und Ausgestoßenen, er engagiert sich leidenschaftlich für sie. Jesus brachte

Gott den Menschen nahe, sie erfuhren die konkrete Anwesenheit Gottes in dem Erbarmen, das

ihnen Jesus entgegenbrachte. – Auf diese Weise räumte Jesus mit einem falschen Gottesbild

auf. Einem Gottesbild, in dem Gott nur gerecht ist. So predigte Johannes der Täufer: Gott richtet,

straft und verwirft.

Deshalb trennte sich Jesus auch seinerzeit von jener Gruppe frommer Leute, die sich um

Johannes den Täufer geschart hatte und rückte in dessen einseitiges Gottesbild die

Barmherzigkeit Gottes hinein. Er verkündigte von nun an eine Frohe Botschaft und verleiblichte sie

durch sein eigenes Leben, die Botschaft, dass Gott barmherzig ist, das heißt, „ein Herz für Arme“

hat, ja, dass sich sein Herz zusammenzieht, zutiefst betroffen ist vom Leben und Leiden des Menschen.

Gott hat Mitleid mit uns Menschen, d.h. er leidet mit uns, und sein Herz entbrennt leidenschaftlich

dafür, die Not zu wenden.

Erst wenn es uns auch so ergeht, mit und in unserem Herzen, beginnen wir, Jesus nachzufolgen.

Du beziehst die Not des Menschen, der in Dein Blickfeld kommt, auf Dich. Dieser Mensch ist dann

eine „Provokation“ für Dich - und eine Chance.

Die Chance wäre vertan, wenn wir bei unserem bloßen Mit-Gefühl stehenblieben, die Not

bejammerten, und andere dafür verantwortlich erklären - Institutionen, den Staat z.B. oder die

Caritas, die sich beruflich mit der Not befassen. Wenn´s ernst wird, sagen ja viele: „Geht mich

nichts an“ – unsere Caritassammlerinnen können ein Lied davon singen.

Du kannst Dich aber auch persönlich der Not annehmen, dich ansprechen, dich herausrufen

lassen – das heißt nämlich Provokation. Und dann entdeckst Du zuerst den unendlichen Vorrat an

Liebe und Barmherzigkeit in Dir, mit der Gott Dich erschaffen hat und erhält.

Der Arme, den du da erkennst, ist der aktuelle Anruf Gottes, das Wort Gottes an dich: „Folge mir!"

Jetzt kannst du dich zu Gott, zu seiner Barmherzigkeit bekehren. Ja, Sie haben richtig gehört: Wir

müssen uns zu Gottes Barmherzigkeit hin bekehren, unsere eigene bliebe zu dürftig.

Da stellt sich aber erneut die Frage: Wo anfangen? Beim Almosengeben?

Einem bekannten Sprichwort ähnlich könnte man sagen: „Wenn du einem Armen ein Brot gibst,

wird er einen Tag satt, gibst du ihm aber einen eigenen Acker und ein Säckchen Weizen, wird er

nie mehr Hunger haben.“ – Womit wir dann wieder beim Geld wären, nur um ein Vielfaches mehr?

Und wenn wir es spendeten als großes persönliches Opfer oder durch das Zusammenlegen vieler

kleinerer Beträge irgendwelcher Benefizveranstaltungen – was tun wir dann in der Regel: Wir

lehnen uns zufrieden zurück.


Doch der barmherzige Gott beruhigt und besänftigt uns hoffentlich nicht. Seine Barmherzigkeit löst

hoffentlich weiter Unruhe und Mitleiden aus - für jene, die unter die Räuber gefallen sind und

fordert uns auf, die ungerechten Wirtschaftssysteme zu erkennen und die weltweiten Strukturen

der Räuberei aufzudecken und zu durchbrechen. Barrmherzigkeit geht weit über Mitleid und

Almosengeben hinaus. Es hat auch einen politischen Faktor:

Irgendwo habe ich gelesen, dass „Jesus nachfolgen“ heißt: Gott auf die Spur kommen. Jesu Spur

zu den Menschen nachfolgen, bis in die Brennpunkte der Gesellschaft und Welt hinein.

Dann hörst Du nämlich auf, bloß uninteressierter Nebenmensch zu sein. Du hörst auch auf, andere

als Untermenschen anzusehen und zu behandeln. Du erkennst, wo Menschen dazu gemacht

werden und suchst nach befreienden Wegen.

Aber – fragen wir uns einmal ehrlich – geht uns die himmelschreiende Ungerechtigkeit der

Großgrundbesitzer in Südamerika überhaupt ans Herz? Schlägt die Hungersnot der Menschen in

Dafour uns auf den Magen? Nimmt die blutige Verfolgung der Christen in vielen islamischen

Ländern uns den Atem? Krampft sich bei uns alles zusammen ob der Menschenrechtsverletzungen

in China? – Im Grunde doch nicht!

Immer wieder entschuldigen wir uns mit dem Hinweis, dass ich, weil so klein und allein, doch gar

nichts ausrichten kann.

Mir waren die friedlichen Protestierer gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm sehr sympatisch;

durch ihr bloßes Dasein, durch ihr „Zwischensein“, das ist Interesse, haben sie z.B. erinnert, dass

die großen Acht allesamt, darunter auch unsere Regierung, ihre bisherigen Versprechen, die Hilfe

für Afrika aufzustocken, nicht im Geringsten eingehalten haben.

Nicht alle hätten wir freilich nach Heiligendamm fahren können – aber wie wäre es, wenn wir vor

den nächsten Land- und Bundestagswahlen die Abgeordneten nicht immer nur für unsere eigenen

Nöte belangen, sondern sie auch nach ihrem Engagement für die Entwicklungshilfe, für die Einhaltung

der Menschenrechte, für den Schutz von Minderheiten beurteilen und wählen würden?

Oder ganz anders und noch kleiner und bei uns angefangen: Wir haben durch Jesus erfahren,

dass Gottes Barmherzigkeit keine Grenzen kennt. Wenn wir das ein wenig nachahmen: dann

finden wir uns einfach nicht ab mit den Stammtischparolen und Vorurteilen gegenüber

Sozialhilfeempfängern, Geistig-Behinderten, Linken und Rechten, Aussiedlern und Asylanten.

Hören wir doch z.B. auf mit dem Gerede vom vollen Boot! Nach Kriegsende, als Millionen

Flüchtlinge aus den Ostgebieten in den Westen kamen, war das Boot zum Bersten voll, und die

Zeiten viel schlechter als heute und es ging doch alles gut.

Dann, ja dann würden wir Seiner Spur folgen, der Spur Gottes, und wir würden ihm ähnlicher

werden; dann würde die Hoffnung nicht sterben, weil der Himmel über den Menschen aufginge.

Dann würde unser Leben richtig schön werden, nicht im Sinn der Kosmetiksalons und

Wellnesstudios, wohl aber als Schönheit des Herzens, eine Ausstrahlung, die anziehend und

liebenswürdig zugleich macht.

Wer aber immer noch meint: Barmherzigkeit sei nur etwas für die Caritas – der bekehre sich sofort

und auf der Stelle, rufe die heilige Elisabeth um ihren Beistand an und nehme sich fest vor, noch

heute etwas Barmherziges zu tun. Die Welt wird dadurch heller werden – und das eigene Herz

froher und zuversichtlicher. Amen.

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