Die Gabe der Freude - Pfarreiforum

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Die Gabe der Freude - Pfarreiforum

Diplomatisch, diskursiv

So nah wie die Präsidentin des Frauenbundes

und der Pfarrer erlebt Markus

Urech-Pescatore den Bischof nicht. Als

Präsident des Kirchenverwaltungsrates ist

für ihn nicht die bischöfliche Verwaltung,

sondern der Administrationsrat die

Oberbehörde. Er hat den Bischof das

letzte Mal am 8. Mai von nahem gesehen,

bei der Erinnerungsfeier an den Untergang

des Gallusklosters vor 200 Jahren.

Dort hat er erfahren, dass es in einem

solchen Amt diplomatisches Fingerspitzengefühl

braucht. «Mich hat beispielsweise

gestört, dass die Geistlichen ausgezogen

sind, noch bevor die Vertreter des

Staates ihre Ansprachen gehalten haben.»

Aber auch Markus Urech hat den Bischof

noch in einer andern Rolle kennen gelernt.

Als früherer Rektor des Seminars

Rorschach gehörte er zur Rektoren-Runde,

die alle zwei Jahre vom Bischof und

dem evangelischen Kirchenratspräsidenten

zu Tisch geladen wurden. «Dort gabs

jeweils eine ungezwungene Aussprache

über schulische Fragen wie etwa den Religions-

oder Ethikunterricht. Bei solchen

Gesprächen zeigte sich der Bischof von

seiner diskursiven Seite.»

Noch zeitgemäss?

Fragt sich, wie zeitgemäss das Bischofsamt

ist. Ob es sich einem modernen

Menschen erschliesst, plausibel erscheint.

Rosmarie Koller hat da keine Mühe: «Für

mich stimmt das Amt.» Es sei einleuchtend,

dass eine geistliche Ordnung wie

die Kirche einen spirituellen Leiter an der

Spitze brauche. Was Rosmarie Koller allerdings

mit einem ihr wichtigen Nachsatz

versieht: «Natürlich steht und fällt

das Amt mit der Person, die es ausübt.»

Genau so findet auch Markus Urech, dass

die hierarchische Struktur der Kirche

sinnvoll sei: «Papst und Bischof verkörpern

die Einheit der Kirche, machen sie

sichtbar nach aussen; das ist wichtig bei

einem derart grossen, vielgliedrigen Gebilde.»

Kollegialität praktiziert

Roland Strässle stimmt dieser Sicht zwar

durchaus zu, meint aber, dass das Bischofsamt

unterschiedlich ausgeübt werden

kann: «Man kann es monarchisch, auf

die eigene Person hin, zuspitzen; man

kann ihm aber auch eine kollegiale Ausgestaltung

geben.» Gerade hierin

sieht Strässle das besondere Verdienst

von Ivo Fürer: Er habe

von Kollegialität nicht nur geredet,

sondern sie praktiziert, in

den ungezählten Gesprächsrunden,

zu denen er in den letzten

zehn Jahren eingeladen hatte. In

dieser Richtung müsste sich seiner

Meinung nach auch das

Amt weiterentwickeln. Bischof

Ivo habe die administrativen

Aufgaben im Ordinariat verteilt,

bei den Räten Rat geholt

und danach seine Entscheidungen

getroffen. Dies habe in den

letzten zehn Jahren Bistum und

Bischof gleichzeitig geprägt. «Er

wirkt freudig, aufgestellt,

scheint sein Amt mit leichter

Hand auszuüben und ist gerade

dadurch stets am Puls der Zeit.»

«Uns Frauen gegenüber ist der

Bischof stets offen. Der Frauenbund

hat unter ihm eine gute

Zeit erlebt. Uns freuts natürlich

auch, dass im Ordinariat Frauen

vertreten sind: im Amt der Kanzlerin,

der Kommunikationsbeauftragten und

der Leiterin des Amtes für Katechese.»

Welche Kirchenverfassung?

Beim Wechsel im Bischofsamt wird dem

Katholiken seine Kirchenverfassung bewusst,

vor allem auch im Unterschied zu

jener der reformierten Kirche. Wenn beispielsweise

ein reformierter Kirchenratspräsident

zu wählen ist, dann tritt das

Kirchenparlament zusammen und wählt

nach dem üblichen demokratischen Prozedere.

In der katholischen Kirche ist es

anders; da wird der Bischof in der Regel

von Rom eingesetzt. Und auch das Wahlrecht,

das St. Gallen (als seltene Ausnahme

besitzt), darf lediglich vom Domkapitel

(13 Domherren) und nicht von einem

breiten Parlament ausgeübt werden. Hätte

das reformierte Modell für die drei

Mitglieder des Forum-Gesprächs eine geheime

Anziehungskraft?

Nicht für Rosmarie Koller. Sie kann mit

der heutigen Struktur der Kirche grundsätzlich

gut leben; auch wenn die Frauen

einzelne Sachfragen anders beurteilen als

der Bischof. Sie findet, dass sich mit Bischof

und Frauenbund zwei starke Partner

gegenüberstehen, die einander aber

respektieren.

© PfarreiForum/Regina Kühne

Der Bischofsstuhl in der Kathedrale

St. Gallen.

Für Markus Urech, den Kirchenratspräsidenten,

gibt es klar zwei unterschiedliche

Ansätze: «In der demokratisch gewählten

Kirchenverwaltung gehen wir von den Finanzen

aus; die Seelsorger stehen in einer

andern, der hierarchischen Linie.» Dieses

zweigleisige, katholische System könne

durchaus positiv sein.

Für grössere Flexibilität

Roland Strässle meint, dass die Kirchenverfassung

eine grössere Flexibilität zuliesse,

als sie heute in der katholischen

Kirche gelebt wird: «Die paulinischen

Gemeinden waren weit weniger vertikal

strukturiert als die judenchristlichen. Die

katholische Kirchenstruktur beruft sich

genau so wie die reformierte auf das Neue

Testament. Die katholische Kirche entwickelte

sich auf einen schwerfälligen

Zentralismus hin, die Kirchen der Reformation

haben Mühe, sich auf ein gemeinsames

Glaubensbekenntnis zu einigen

und suchen heute ihre Identität. Beide

Strukturen haben ihre Vor- und Nachteile;

wichtig jedoch ist die Einsicht, dass sie

in ihrer historisch gewachsenen Gestalt

veränderbar sind – oder wären.» (or)

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