Warum ich noch unbeirrt katholisch bin - Pfarre Oberndorf an der ...

pfarreoberndorf.at

Warum ich noch unbeirrt katholisch bin - Pfarre Oberndorf an der ...

DEBATTE

Warum ich noch unbeirrt katholisch bin

Montag 16.08.2010, 00:00 von ROBERT SPAEMANN

Müssen Kirchenskandale Gläubige verunsichern? Der einflussreichste

katholische Philosoph zieht eine Bilanz der Missbrauchsdiskussion

An den in letzter Zeit weltweit bekannt gewordenen Fällen von Sex mit Kindern ist auch ein

wenngleich verschwindend geringer Prozentsatz katholischer Priester beteiligt.

Verschwindend ist der Prozentsatz nicht nur bezogen auf die erschreckende Gesamtzahl

von Missbrauchsfällen, minimal ist er auch bezogen auf die Gesamtzahl der Priester,

nämlich weltweit über 400 000.

Das zwölfköpfige Apostelkollegium Jesu stand da schlechter da. Einer von zwölfen lieferte

Jesus ans Messer, und Petrus verging sich zwar an niemandem, schon gar nicht an

Kindern, aber er ließ seinen Meister im Stich, als es heiß wurde. Anschließend vertraute

dieser dem Petrus die Leitung seiner Kirche an: „Weide meine Schafe." (Joh. 21,15)

Die himmlische Logik ist seltsam. Allerdings wurde da nichts vertuscht. Das Versagen des

Petrus war ständiger Bestandteil der urkirchlichen Lehrverkündigung. Dennoch legten die

Leute ihre Kranken auf die Straße, damit wenigstens der Schatten des Petrus auf sie fiele

und sie geheilt würden. Leider sind kirchliche Amtsträger im gegenwärtigen Fall nicht

immer der Maxime des Papstes „Zuerst und vor allem die Wahrheit" gefolgt, sondern dem

verständlichen Reflex der Imagepflege - keine Nestbeschmutzung! Und leider hat diese

Denkweise die Krise überlebt, nur jetzt mit umgekehrter Konsequenz: Jetzt müssen auf

jeden Fall Köpfe rollen, auch ohne genaue Prüfung des Sachverhalts, sodass Rom z. B. in

Ettal erst intervenieren musste, um erwiesenermaßen Unschuldige zu rehabilitieren.

Die Reaktion der Öffentlichkeit ist naturgemäß nicht einheitlich. Da gibt es die fanatischen

Kirchenhasser, die aus jedem Skandal, der auf irgendeine Weise die katholische Kirche


erührt, so viel Honig wie möglich saugen, wo allerdings erwiesen hat, dass irgendein

ursächlicher Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie ausgeschlossen werden

muss.

Es gibt dann die Entrüstung Wohlmeinender oder sich für wohlmeinend Haftender,

die von der Kirche sogenannte Wertorientierung, also moralische Führung verlangen, zu

der auch Vorbildlichkeit des Führers gehört. In ihren hochgespannten Erwartungen sind sie

unsanft auf den Boden der Realität zurückgeführt worden und mussten lernen, dass auch

Priester versuchbare Menschen sind. Im Übrigen las man es vor wenigen Jahrzehnten

anders. Da galt die Kirche als rückständig, weil sie die Pädophilie streng verurteilte.

Damals outeten sich Männer wie Cohn-Bendit, der seine Untaten genüsslich vor der

Öffentlichkeit ausbreitete, sekundiert von einem prominenten Bundestagsabgeordneten,

der Straffreiheit für aktive Pädophile forderte. Beide sind nach wie vor in Amt und Würden.

Und immer noch werden wir von Brüssel gedrängt, jede Diskriminierung auf Grund

„sexueller Orientierung" zu verbieten, was ja nur heißen kann, dass auch notorische

Pädophile Anspruch auf Leitungsämter in allen erzieherischen Institutionen haben müssen.

Bleibt die Reaktion gläubiger Katholiken. Auch bei diesen muss man noch einmal

unterscheiden zwischen denen, die verunsichert sind in ihrem Bekenntnis „Ich glaube an die

eine heilige, katholische und apostolische Kirche" und die sich fragen, ob sie dieser Kirche

weiterhin angehören wollen oder nicht; und jenen, die großen Schmerz empfinden über das

Geschehene, ohne dass ihr Glaube davon berührt wird oder sie einen Unterschied zu

machen beginnen zwischen ihrem Glauben an Gott, ihrem Glauben an Jesus als den Sohn

Gottes, und ihrem Glauben an die Kirche als Volk Gottes und als Vermittlerin des Heils

durch Wort und Sakrament.

Ich nenne die Ersteren, dem Wort des Apostels Paulus folgend, die „Schwachen". Ihre

Reaktion hat etwas Kindliches, Unreifes. Sie können nicht unterscheiden zwischen dem

Anspruch der Botschaft auf Wahrheit und der persönlichen Glaubwürdigkeit des

Überbringers der Botschaft. Der Überbringer soll durch sein Leben bezeugen, dass er


selbst glaubt, was er verkündet. Er soll Vorbild sein. Weil dem Priester diese Erwartung

entgegenkommt, trägt er eine ungeheure

bei es sich Verantwortung besonders gegenüber Kindern, die ihn zunächst ganz

selbstverständlich als moralische Autorität betrachten.

Für den Erwachsenen aber gilt das Wort Jesu über die geistlichen Autoritäten Israels: „Sie

sitzen auf dem Stuhl des Moses. Tut also und haltet alles, was sie euch sagen. Aber nach

ihren Taten sollt ihr euch nicht richten. Denn sie sagen es, tun es aber selber nicht." (Matth.

23,2) Das ist ein Wort an Erwachsene. Kindern soll man durch eigenes Rauchen kein

schlechtes Vorbild geben. Aber ein Erwachsener handelt unreif, wenn er der

Raucherkrebsstatistik nicht glaubt, weil der Arzt, der sie ihm mitteilt, es selbst nicht schafft,

das Rauchen zu lassen.

Wessen Glaube an die göttliche Stiftung der Kirche abhängt von der Würdigkeit ihrer

Amtsträger, der hat noch gar nicht verstanden, als was die Kirche sich selbst versteht: als

Volk Gottes, als für alle Menschen geöffnetes Volk Israel. Im Unterschied etwa zum

Buddhismus ist der christliche Glaube keine Privatangelegenheit, sondern Jesus vergleicht

den Gläubigen mit einer Rebe und sich mit dem Weinstock.

Ohne Weinstock keine Rebe. Ohne die Kirche gäbe es kein Sakrament und kein

Evangelium. Ohne die Kirche wäre sogar der Name Jesus längst vergessen. Jesus selbst

hat zwar Gott nie „unseren Vater" genannt, sondern immer nur „meinen Vater und euren

Vater", weil seine Beziehung zum Vater einzigartig ist. Seine Jünger aber hat er gelehrt,

„unser Vater" zu sagen. Und er hat als Bevollmächtigte für die authentische Weitergabe

seiner Lehre und seiner Vollmacht der Sündenvergebung die Apostel bestellt: „Wer euch

hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich." (Luk. 10,16) - und:

„Welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet,

denen sind sie behalten." (Joh. 20,23)

An die Existenz Gottes glauben, das kann auch jeder für sich, obgleich auch ein solcher

erst einmal das Gerücht von Gott gehört haben muss. Christ sein, also in dem Glauben


leben, dass Gott uns sein Wesen und seinen Willen durch Jesus geoffenbart hat, das heißt,

sich dem Wort Jesu folgend taufen lassen und damit Glied der Kirche werden. Und es heißt

am von Christus gestifteten Abendmahl teilnehmen, das nach katholischer Lehre nur der

geweihte Priester der Kirche gültig spenden kann.

Der sittliche Charakter der Priester, obgleich er heute im Ganzen ungleich höher

stehend ist als zum Beispiel im 15. Jahrhundert, tut dabei nichts zur Sache. Er tat es

nie. Auf vielen mittelalterlichen Kirchenbildern des Jüngsten Gerichts sieht man unter

denen, die zur Hölle fahren, jeweils einen Papst und einen Bischof. Dante steckt Papst

Bonifaz VIII. in die Hölle, in eine noch tiefere Hölle aber die französischen Soldaten, die es

gewagt hatten, diesen Stellvertreter Christi, also in ihm Christus, ins Gesicht zu schlagen.

Was die Kirche ist, sagen uns die Amtsträger. Die es uns zeigen, sind die Heiligen, unter

denen zum Glück auch nicht wenige Priester, Bischöfe und gerade in letzter Zeit Päpste

sind. Ihre Aufgabe ist es, die lebendigen Beispiele von Heiligkeit wahrzunehmen, wie z. B.

Franziskus, die kleine heilige Töräse, Mutter Teresa von Kalkutta, Maximilian Kolbe oder

die 50 Insassen des Priesterblocks in Dachau.

Die Kirche ist nicht in der Krise, weil einige Priester versagt haben. Die Krise der

katholischen Kirche existiert schon seit Jahrzehnten. Sie würde zu einer tödlichen Krise,

wenn der Geist der Heiligkeit aus der Kirche verschwinden würde und sie keine Heiligen

mehr hervorbrächte. Dass nicht alle kirchlichen Amtsträger Heilige sind, wussten wir immer

schon. Dennoch zeichneten alle Heiligen sich durch besondere Ehrfurcht vor Priestern aus.

Warum?

Eine schöne Antwort gibt Goethe in seinen Lebenserinnerungen, wo er über die sieben

Sakramente der katholischen Kirche spricht. Nachdem er die Einheit der „inneren Religion

des Herzens" mit der sichtbaren Kirche als „das große allgemeine Sakrament" bezeichnet

hat, „das sich wieder in so viele andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit,


Unzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt", kommt er im Weiteren auf die Priesterweihe zu

sprechen als Voraussetzung der wirksamen sakramentalen Handlungen.

„Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise

seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als nicht er

es ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Knie beugen,

sondern der Segen, den er erteilt und der desto heiliger, unmittelbar vom Himmel zu

kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja

lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte." Die Reaktion eines

erwachsenen gläubigen Katholiken auf die Skandale ist zunächst: Jeder Fall ist ein Fall zu

viel. Die Reaktion ist Trauer und Schmerz. Mitleid mit den Opfern. Schmerz über eine

Niederlage des Guten durch das Böse. Schmerz über den Schaden, der der Kirche Christi

zugefügt wurde, über die Minderung ihrer Schönheit und ihrer Strahlkraft. Und schließlich

Sorge um das Seelenheil der Täter, für das ein Christ natürlich beten wird. Aber wieso

Verunsicherung? Einen vernünftigen Grund dafür kann ich nicht sehen.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine