Erfahrungsbericht Dieter Meier - Netzwerk - Pflege und ...

pflege.versorgungsforschung.net

Erfahrungsbericht Dieter Meier - Netzwerk - Pflege und ...

Leben mit eingeschränkter Hörfähigkeit –

Ertaubung im Alter

- Erfahrungsbericht -

Jahrgang 1926, 86 Jahre alt.

Zwei völlig unterschiedliche Abschnitte des

Hörvermögens :

•vergangener langer Abschnitt: mit geringer

Hörschädigung,

•andauernder Abschnitt mit Ertaubung.


Biografisches und

Krankheitsgeschichte

Bemerkung: Die folgenden Äußerungen beruhen auf den ganz

persönlichen Einschätzungen und Erfahrungen von Herrn Meier. Dies

betrifft auch die Kommentare zu den versorgenden Einrichtungen und

Personen.


Geringe Hörschädigung

Kind, Jugendlicher, Soldat mit sehr gutem Hörvermögen.

2. Mai 1946, jugoslawische Kriegsgefangen-schaft: schwerer Unfall mit

Felsenbeinfraktur, Verlust des Gehörs auf dem linken Ohr.

Wehrdienstbeschädigung (BVG) MdE 15 %.

Verwaltungsbeamter, nebenamtlicher Dozent an

der Fachhochschule für Verwaltung:

Behinderung relativ geringe Belastung.

Gehör auf dem rechten Ohr sehr gut immer in

Richtung der Schallquelle. Höraussetzer ohne

größere Folgen.

Musikliebhaber, jahrzehntelang Schauspiel-,

Opern- und Konzertabonnements. Immer Plätze

auf der linken Seite, damit Schall auf das rechte Ohr.

HNO-Ärzte 62 Jahre lang:

Hörnerv links zerstört.


Kein HNO-Arzt ein Cochlea-Implantat (CI) empfohlen

Erst 2008 Promontoriumstest in der MHH: Hörnerv links

funktioniert noch.

Mai 2005: Schwerhörig auf dem hörenden Ohr.

Hörgeräte mit einer so genannten CROS-Funktion (Contrabilateral

Routing of Signals)

Schall von dem linken Ohr per Funk auf das rechte

hörende Ohr, ganz gut.

August 2007: Hörsturz auf dem hörenden rechten Ohr.

MHH mit Kortison behandelt.

Weiterhin hören mit Hörgerät

Ergebnis des Abschnitts mit eingeschränkter Hörfähigkeit:

Ertaubung auf einem Ohr kein großes

Problem, wenn anderes Ohr gut


Ertaubung

April 2008 zweiter Hörsturz auf dem rechten

Ohr, an Taubheit grenzende Schwerhörigkeit

2. Juni 2008: CI der Firma Cochlear mit der Hybrid-L-Elektrode,

da rechts Restgehör:

Hohe Töne mit CI, tiefe Töne mit Akustikkomponente (In-Ohr-Hörgerät),

Soundprozessor gemeinsam programmiert.

5. Oktober 2009: Linkes Ohr CI mit

vollständiger Elektrode der Fa. Cochlear

Psychische Probleme

Ertaubung schwerer Schock fürchterliche Stille unerträglich, inzwischen

lieb geworden.

Konzept gegen Niedergeschlagenheit: Schreiben über schönste Zeit meines

Lebens Kindheit und Jugend in Breslau Hilfe gegen trübe Gedanken

Meine Frau starke Stütze. In der Sprache völlig auf mich eingestellt,

meine „Dolmetscherin“ Guter Partner wichtigste Voraussetzung mit

Behinderung fertig zu werden.


Sprachverstehen

Es hört doch jeder nur das, was er versteht (Johann Wolfgang von Goethe)

Nach Erstanpassung des Soundprozessors Geräusche gehört:

Glücklich über Vogelstimmen und Zirpen von Grillen

Rechtes Ohr (Hybrid): Sprachverstehen gering, Anfangs Sprache scheppernd,

blechern und verfälscht.

Nach Installation der Akustikkomponente natürlicher.

Linkes Ohr: Kaum Sprachverstehen, aber Geräusche,

dennoch gewisser Vorteil, da etwas beidseitiges Hören.

Üben, Üben, Geduld, Geduld, Wörter, die dem

CI-Träger auf den Geist gehen,

aber ständiges Üben unverzichtbar.


Häusliche Übungen

Danach zwei stationäre Rehabilitationen in der Kaiserberg-Klinik Bad Nauheim.

Einzel- und Gruppentherapie, PC-Programme systematisches Training des

Sprachverstehens.

Zu Hause Übung mit PC-Programm Audio-Log.

Drei Hörbücher mehrmals, kein Verstehen ohne Begleittext

- Elia Barceló „Das Geheimnis des Goldschmiedes“

- Iren Némirovsky „Der Ball“

- Allessandro Baricco „Seide“

Schönste deutsche Balladen, gelesen von Mario

Adorf, einige bekannte verstanden, weniger bekannte nur mit Begleittext.


Beidseitiges Sprachverstehen nach dem letzten

Test in der Kaiserberg-Klinik im Oktober 2010:

• Zahlen zwischen 70% (65 dB) und 100% (80 dB)

• Einsilber 1) 15% (65 dB) und 25% (80 dB)

• HSM ²) Ruhe 20 % HSM S/R 15 dB 0%

1) Freiburger Sprachtest

²) Hochmair-Schulz-Moser (HSM)-Satztest :

Kein intensives Üben Sprachverstehen mehr, Übungen nur noch sporadisch,

Erwartungen auf technische Verbesserungen


Therapien und Selbsthilfe

Beide stationären Rehabilitationen in der Kaiserberg Klinik sehr hilfreich.

Neben Hörtraining Gespräche mit Gleichbetroffenen sehr wichtig.

Psychologische Betreuung gut.

Mitglied der Selbsthilfegruppe für Hörbehinderte in der VHS

Daneben CI-Hörgruppe in der VHS, spielerisch

Hörübungen, Sorgen und Nöte ausbreiten.

Mitglied: Hannoversche Implant-Gesellschaft, (HCIG)

Deutscher Schwerhörigen-Bund (DSB)

„Schnecke“ und „Ci-Impulse“ wichtige Informationen


Beihilfe, private Krankenkasse, AOK

hochwertige Batterien für beide Prozessoren: pro Tag durchschnittlich je eine

Batterie,

Batterie 1,50 €, zwei 3,00 €, Beihilfe, private Krankenkasse, AOK

hochwertige Batterien für beide Prozessoren: pro Tag durchschnittlich je eine

Batterie,

Batterie 1,50 €, zwei 3,00 €,

Jahresbetrag von mehr als 1 000 €.

Erstattung zufriedenstellend nur ein

Selbstkostenanteil von 100 € / Jahr.

Musik

Radio, Fernsehen und live keine Musik hörbar,

nur Gedröhne und Gejaule.

Singen mit Therapeutin in der Kaiserberg-Klinik. Zunächst falsch, später

besser.

Hinweis der Therapeutin: Musikinstrument spielen. Als Kind gut Klavier,

Keyboard angeschafft.

Keyboard-Lehrer, fleißig geübt, Musik am Keyboard gut verständlich, macht

Spaß


Einschränkungen und Ressourcen


Telekommunikation

Telefonieren klappt bisher nicht.

Schwerpunkt schriftliche Kommunikation:

Briefe, Fax, am PC fit, Internet und E-Mail,

Problem: Niemand will noch schreiben

Radio, Fernsehen

Radiohören nicht möglich.

Fernsehen nur mit Untertitelung, deshalb

eingeschränkt , bisher nur Öffentlich-rechtliche,

meistens nur abends. Vorbildlich WDR 3, einige

Private beginnen.


Mündliche Kommunikation

Nicht Sehen können trennt von den Dingen. Nicht Hören können trennt von den

Menschen. Immanuel Kant

Isolation das Schlimmste für Hörbehinderte, Stetes Bemühen, dagegen

anzugehen.

Problem: Behinderung ist gar nicht oder nur wenig erkennbar.

Hörbehinderter muss sich „outen“.

- Kommunikationspartner muss langsam und deutlich sprechen.

- Schwierig, fast unmöglich, fremden Menschen zu vermitteln, wie er sprechen

soll.

- Besonderes Problem: Krankenhausaufenthalt, Arztpraxen

- Im Einzelgespräch Lippenbewegung beachten.

- Kein Sprachverstehen, wenn mehrere Personen gleichzeitig sprechen. Bei

Treffen mit Freunden, Feiern als Hörgeschädigter isoliert.

Sehr deprimierend!

- In vertrauten Gruppen: Kreis, es spricht nur einer.

Kaum noch möglich: Kleines Gespräch im Haus, auf der Straße, Schwimmbad,

Fitness Menschliche Begegnungen weniger, sehr traurig!


Technische Hilfsmittel

Direkte Kommunikation : Kleine FM-Anlage von

William Sound R 863 guter Helfer.

Sprachverstehen verbessert, auch bei Störlärm.

Sogar beim Autofahren Sprachverstehen, Fahrgeräusche durch die

Anlage eliminiert,

FM-Anlagen recht teuer, meine Anlage nur ca. 375 €.

Lichtsignalanlage (lebensnotwendig) und Blitzwecker.

Versammlungen, Gottesdienst

Teilnahme nicht möglich.

Wohnungseigentümerversammlungen. Rechte

nur auf schriftlichem Weg durchsetzen:

Aufwendig, schwierig, kein Verständnis

Voraussetzung für Teilname: Hörbehindertengerechte Ausstattung

Induktionsanlage, FM-Anlage, Schriftdolmetscher mit Beamer


Lärm

Größter Feind,

Lärm durch Soundprozessoren verstärkt.

Kindergeschrei, Kreischen, Speisesälen und

gut besuchte Gaststätten, Bahnhöfe, Flughäfen,

Straßenbahn, Arztpraxen

Mit FM-Anlage etwas zu dämpfen

Manchmal hilft nur Abschalten.


Bewertung

Keine negative Bewertung der Situation.

Obwohl in der Gemeinschaft mit CI-Trägern

Immer „Klassenschlechtester“.

Bei vielen CI-Trägern nach Ertaubung wieder

einen sehr guten Hörerfolg, bei mir leider nicht.

Anerkennung Grenzen der ärztlichen und der

technischen Kunst. Für Ertaubte ist CI einzige Möglichkeit, überhaupt wieder

etwas zu hören.

Jeder Ertaubte sollte CI erhalten, um Lebensfreude zu gewinnen.

Im Grunde zufrieden. Akzeptiere meine Hörbehinderung, mit ihr arrangiert.

Hochachtung für Herrn Professor Dr. Lenarz

und seine Teams in der MHH und im DHZ für

erfolgreiche Arbeit.

Forschung gibt Hoffnung für die Zukunft von Hörbehinderten.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine