Himmel und Erde - Lutherkirche Wiesbaden

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Stein gewordene

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Es ist eine ganz spannende Sache

mit unserem Gehirn: All die

Dinge, die wir tagtäglich benutzen

und in den Händen bzw. im Blick

haben, werden nicht genau im Gedächtnis

abgespeichert. Können Sie aus dem Kopf heraus

aufmalen, wie Ihr Handy aussieht? Können Sie aktiv die

Armaturen Ihres Autos wiedergeben? Falls Sie noch Armanduhren

tragen – im Handyzeitalter ist das ja nicht

mehr so verbreitet –, probieren Sie es doch einmal, aus

der Erinnerung heraus das Ziffernblatt und das Schriftbild

der Zahlen aufzumalen! Und wie sieht es mit Geldstücken

aus? Können Sie aus dem Stand die Euro-Münzen

erinnern und aufmalen? Und die Geldscheine? Jeder von

uns hat sie ungezählte Male schon gesehen und zwischen

den Fingern gehalten. Man müsste denken, bei der hoch

entwickelten Spezies Mensch wären diese häufig wahrgenommenen

Informationen längst bestens abgespeichert.

Ich muss hier jedoch passen, wie die allermeisten Menschen

auch. Es gibt sehr wenige Ausnahmen und das sind

die mit einem fotografischen Gedächtnis, denen es anders

geht. Sie könnten uns dann auch erzählen, dass auf jedem

Euroschein eine Brücke abgebildet ist, die einen bestimmen

Baustil repräsentiert. Insgesamt sieben Brücken, die

ursprünglich der Fantasie entsprangen, um kein Euroland

zu benachteiligen oder Konkurrenzgedanken, gar Eifersüchteleien

unter den Völkern zu bewirken. Nein, ganz im

Gegenteil sollen die neutralen Brücken auf Verbindendes

und Zusammenwachsendes hinweisen und Kulturleistungen

gemeinschaftlich würdigen.

Erinnerung

von Ilona Dudas-Gürtler

Und nachdem ein niederländischer Grafikdesigner ohne

fotografisches Gedächtnis einmal lange auf das Bezahlen

warten musste, dabei die Gelegenheit nutzte, die Euroscheine

im Portemonnaie genauer zu betrachten und später

im Internet feststellte, dass die abgebildeten Brücken

allesamt Fantasiegebilde waren, beschloss er, dies zu ändern:

Robin Stam sprach den Bürgermeister seiner Heimatgemeinde

»Spijkenisse« bei Rotterdam auf seine Idee an,

das wasserreiche Neubaugebiet des Ortes mit nachgebauten

farbechten »Euroschein-Brücken« zu verschönern.

Der Bürgermeister war begeistert, Investoren und

Architekten schnell gefunden. So stehen bereits seit Ende

2011 die ersten »Euro-Brücken« im 73 000 Seelen Ort und

überspannen Grachten. Insgesamt wird es sechs Brücken

statt der sieben Geldscheinabbildungen geben, die letzte

zu bauende ist eine Mischung aus zwei Stilepochen. Das

Wohnviertel soll dann statt »Het Land« in »Het Euroland«

umbenannt werden.

Ob das Bauvorhaben nicht risikoreich sei, fragte man

die Entscheider angesichts der dauerhaften Eurokrise?

»Nein«, war die Antwort, denn selbst wenn der Euro unterginge

und es wieder Gulden im Land gäbe, hätte man

die Bauwerke als Stein gewordene Erinnerung und könnte

in einzigartiger Weise »auf dem Euro herumtrampeln«!

himmel und erde | Juli – Oktober 2013

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