Vertrauen, Sozialkapital und wirtschaftliche Entwicklung - Institut für ...

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Vertrauen, Sozialkapital und wirtschaftliche Entwicklung - Institut für ...

Zwischen Kultur und Kalkül: Vertrauen, Sozialkapital und

wirtschaftliche Entwicklung

Jörg Faust / Johannes Marx

Abstract:

Vertrauen und Sozialkapital, so ein breiter Konsens in der Forschung, wirken

in sozialen Netzwerken als informelle Institutionen, begünstigen die

Kooperation zwischen Akteuren und fördern Entwicklung. Weiterhin herrscht

Übereinstimmung darüber, dass die geringe Ausstattung mit Sozialkapital in

vielen Ländern des Südens eine zentrale Entwicklungsbarriere darstellt. In

diesem Beitrag ordnen die Autoren die Debatte um Sozialkapital und

Vertrauen zunächst in den Kontext neoinstitutionalistischer

Forschungsansätze ein, um daraufhin zu zeigen, dass sich hinter diesen

Ansätzen wie auch in der Diskussion um Sozialkapital und Vertrauen zwei

Forschungsprogramme verbergen. Im Rahmen eines stärker soziologischen

Institutionalismus wirken Vertrauen und Sozialkapital als kulturelle

Phänomene prägend auf gesellschaftliche Entwicklung, während eine

institutionenökonomische Vorgehensweise kulturell beeinflusste

Anreizsysteme wie Vertrauen und Sozialkapital auf strategische

Handlungskontexte zurückführt. Die Autoren zeigen, warum eine Mischung

beider Ansätze bislang zu theoretisch unbefriedigenden Ergebnissen führt

und lediglich die institutionenökonomis che Variante die Ursachen für die

geringe Ausstattung mit Sozialkapital in Entwicklungsländern erklären kann.

Abschließend werden aus einer solchen Perspektive einige Konsequenzen für

die Entwicklungszusammenarbeit abgeleitet.

Länge: (6975 Wörter)


2

1. Einleitung

Als eine der zentralen Entwicklungsbarrieren für die Länder des Südens wurde

in den vergangenen Jahren immer wieder Handlungsdilemmata bei der

Erstellung kollektiver Güter identifiziert. Damit änderte sich der Fokus der

wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Entwicklungstheorie auf

Phänomene wie ‚Rentenstreben’, ‚Trittbrettfahren’ und ‚exklusive

Verteilungskoalitionen’ (Olson 1982; Weede 1991; Boeckh/Pawelka 1997).

Doch die hierdurch induzierte vertikalen Strukturen sozialer Beziehungen

treten nicht in allen Gesellschaften im gleichen Maße auf (vgl. North 1988:

Kap.5). Als Ursache für die unterschiedlichen gesellschaftlichen Fähigkeiten

wird in der jüngeren Literatur häufig auf die Bedeutung von sozialen und

politischen Institutionen verwiesen (Bates 2001/Clague 1997).

Zwischen Mikro- und Makroebene angesiedelt, wirken Institutionen auf

das Handeln von Akteuren und beeinflussen somit bestehende

Kooperationsprobleme zwischen diesen. Im Zuge der Renaissance kultureller

Einflussfaktoren richtete sich das Augenmerk besonders auf die informalen

Institutionen, welche Kooperation begünstigen oder hemmen. Insbesondere

im Rahmen des maßgeblich von den Ideen Toquevilles beeinflussten

Konzeptes der Zivilgesellschaft (vgl. u.a. Merkel /Lauth 1999) nehmen die

Begriffe ‚Vertrauen und Sozialkapital’ einen zentralen Stellenwert ein (vgl.:

Levi 1996; Newton 1997). Vertrauen und Sozialkapital, so ein breiter Konsens

in der Forschung, wirken in sozialen Netzwerken als informelle Institutionen

und begünstigen die Kooperation zwischen Akteuren. Umgekehrt wird das

Fehlen von Ve rtrauen und Sozialkapital für die Persistenz struktureller

Entwicklungsdefizite verantwortlich gemacht (vgl. Skidmore 2001). Doch

angesichts der Vielzahl jüngerer Beiträge zur Entstehung und Wirkung von

Vertrauen und Sozialkapital, drohen beide Begriffe unscharf zu werden, so

dass deren Erklärungsgehalt abnimmt .

Ziel des folgenden Beitrages ist es daher, die Diskussion um die Ursachen

und Wirkungen von Vertrauen und Sozialkapital in eine Auseinandersetzung

zwischen unterschiedlichen Forschungsprogrammen einzubetten. Zwei

Thesen stehen hierbei im Mittelpunkt unserer Argumentation.

Zum einen soll gezeigt werden, dass die Verwirrung um die beiden

Begriffe auf ungenügender theoretischer Trennschärfe beruht. So lässt sich

die vielfache Konzeption und Verwendung von ‚Vertrauen und Soziakapital’

auf die Differenzen unterschiedlicher neoinstitutionalistischer

Forschungsansätze zurückführen. Da es sich hierbei aus


wissenschaftstheoretischer Perspektive um unverträgliche

Forschungsprogramme handelt, mindert der Ve rsuch der unreflektierten

Kopplung unterschiedlicher Ausgangspositionen die Erklärungskraft der

daraus resultierenden Aussagen. Im Rahmen eines soziologischen

Institutionalismus werden soziokulturelle Phänomene wie Vertrauen und

Sozialkapital als Determinanten gesellschaftlicher Prägung herangezogen.

Hingegen interpretiert eine institutionenökonomische Sichtweise

soziokulturelle Einflüsse als externe strukturelle Anreize. Zum zweiten wollen

wir verdeutlichen, warum der institutionenökonomische Ansatz besser dazu in

der Lage ist, die Ursachen und Wirkungen von Sozialkapital theoretisch zu

fassen und empirisch zu untersuchen, während mit dem Ansatz des

soziologischen Institutionalismus erhebliche konzeptionelle Schwächen

verbunden sind.

Zur Begründung der vorgestellten Thesen werden wir in vier Schritten

vorgehen. Nach der Einleitung erfolgt in einem zweiten Kapitel zunächst ein

Überblick über die Renaissance von sozialen Institutionen in der politik- bzw.

sozialwissenschaftlichen Forschung. Im dritten Kapitel stehen die unterschiedlichen

Vorstellungen über die Ursachen und Wirkungen institutionellen

Wandels im Zentrum. Es wird gezeigt, warum eine Mischung beider Ansätze

zu unbefriedigenden Ergebnissen führt und wir uns im Folgenden auf die

institutionenökonomische Variante konzentrieren. Im vierten Kapitel werden

wir versuchen, vorliegende institutionenökonomische Studien über Vertrauen

und Sozialkapital miteinander in Beziehung zu setzen, um die Schwierigkeiten

vieler Länder bei der Schaffung jener entwicklungsbegünstigenden Faktoren

zu verdeutlichen. Schließlich sollen im fünften Kapitel einige Konsequenzen

für die konkrete Entwicklungszusammenarbeit aufgezeigt werden.

3

2. Die Bedeutung von Institutionen

Seit etwa Mitte der 80er Jahre setzte eine Renaissance der Beschäftigung mit

gesellschaftlichen und politischen Institutionen in den Sozialwissenschaften

ein. 1 Trotz der innerhalb dieses Forschungsstranges anzutreffenden

theoretischen Vielfältigkeit lassen sich zunächst drei Gemeinsamkeiten der

neoinstitutionalis tischen Forschung herausstellen.

Erstens lässt sich eine Bedeutungsveränderung des Institutionenbegriffs

konstatieren. Institutionen werden demnach nicht mehr als die maßgeblichen

Staatsorgane begriffen (vgl. Friedrich 1953). Stattdessen nimmt man eine

1

Vgl. grundlegend zum soziologischen Institutionalismus March /Olsen 1989, zur Institutionenökonomik

North 1992, Weingast 1996, im Überblick Peters 1996.


4

analytische Trennung zwischen den Institutionen als den Spielregeln gesellschaftlicher

Interaktion und den Individuen und Organisationen als den Spielern

dieser vor. Dabei stellt die Beschäftigung mit Institutionen den Versuch

dar, einen Brückenschlag zwischen gesellschaftlicher Makro- und individueller

Mikroebene herzustellen. Dies trägt der Erkenntnis Rechnung, dass

individuelles Handeln immer in soziale, historische und kulturelle Strukturen

eingebettet ist. Erhebliche Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Beantwortung

der Frage, wie die soziokulturelle Einbettung individuellen Handelns

zu modellieren ist.

Die zweite Gemeinsamkeit der neoinstitutionellen Ansätze ist die Unterteilung

in formale und informale Institutionen. Unter formalen Institutionen

versteht man dabei staatlich kodifiziertes Recht, welches durch Staatsgewalt

durchgesetzt bzw. eingefordert wird. Informale Institutionen dagegen sind

Ergebnis eines gesellschaftlichen Selbstorganisationsprozesses und beziehen

ihre Stabilität und Gültigkeit keineswegs aus einem staatlichen Gewaltmonopol,

sondern aus den individuellen Beiträgen gesellschaftlicher Akteure. Dabei

können formale und informale Institutionen sowohl konform als auch

konfliktär zueinander stehen (Beyme 1991: 32). Während Änderungen der

formalen Institutionen zügig auf Basis politischer Entscheidungen vorgenommen

werden können, sind Änderungen der informalen Institutionen staatlich

nur schwer steuerbar (North 1992: 7). Auch deshalb rücken die Verstrickungen

staatlicher Akteure in informale gesellschaftliche Regelwerke

zunehmend in das Zentrum der Auseinandersetzung um das Zusammenspiel

formaler und informaler Institutionen (vgl. Evans 1995; North 1992:20;

O’Donnell 1994). Kollidieren diese etwa in Form von klientelistischen oder

neopatrimonialen Strukturen mit den formalen Prinzipien von Rechtssicherheit

und Rechtsstaatlichkeit, so sind gerade während Phasen politischer

Transformation erneut erhebliche Kooperationsprobleme und ökonomisch

ineffiziente Reformen zu erwarten (vgl. Merkel/Croissant 2000; Faust 2001a). 2

Die dritte Gemeinsamkeit liegt auf der Betonung von Vertrauen und Sozialkapital

zur Lösung von gesellschaftlichen und politischen Kooperationsproblemen.

So verweist etwa die Schwierigkeiten junger Demokratien bei der

Etablierung der Kollektivgüter Rechtsstaat und liberaler Ordnungspolitik auf

die Bedeutung von gesellschaftlichem Vertrauen. Häufig besteht ein informales

Erbe von Autokratie darin, dass die gesellschaftlichen Akteure wenig

Vertrauen in die kooperative Lösung von Konflikten haben. Dabei wird Ve r-

trauen als eine informale Institution verstanden, die als wesentlicher Schlüssel

2

So zeigen Clague/Knack/Keefer/Olson 1996, dass Rechtssicherheit und Vertragssicherheit

in konsolidierten Demokratien am ausgeprägtesten sind. Hinsichtlich junger

Demokratien und Autokratien in der Liberalisierungsphase ist dies nicht der Fall.

Aufgrund der Unsicherheit im Zuge institutionellen Wandels weisen solche

Regimetypen eine hohe Rechtsunsicherheit auf, die stärker sein kann als in stabilen

Autokratien.


für die Lösung gesellschaftlicher und politischer Kooperationsprobleme fungiert

(Coleman 1995; Putnam 1993). Besondere Beachtung finden dabei

gesellschaftliche Organisationsstrukturen, welche Vertrauen und Sozialkapital

zwischen den Akteuren aber auch Vertrauen in die Effektivität und Legitimität

formaler Institutionen fördern bzw. behindern (vgl. Skidmore 2001). Politik-

Netzwerke, Vereine, zivilgesellschaftliches Engagement aber auch klientelistische,

neopatrimoniale oder mafiöse Beziehungen werden als Voraussetzungen

oder Hindernisse von gesellschaftlicher Kooperation angesehen.

Insgesamt ergibt somit eine vordergründige Betrachtung des gegenwärtigen

Forschungsstandes, dass ein weitgehender Konsens hinsichtlich der institutionellen

Einflussfaktoren auf die Lösung gesellschaftlicher Kooperationsprobleme

bzw. Entwicklungsbarrieren herrscht. Erst eine genauere Betrachtung

der skizzierten Forschungserträge zeigt, dass die unterschiedlichen

institutionalistischen Konzepte von kaum zu vereinenden ontologischen Prämissen

ausgehen.

5

3. Theoretische Unterschiede im Neoinstitutionalismus

3.1 Erkenntnis - und handlungstheoretische Grundlagen

Wenngleich die oben erläuterte Renaissance der institutionenorientierten

Analyse einige Gemeinsamkeiten aufweist, so verbergen sich hinter diesen

Gemeinsamkeiten zumindest zwei unterschiedliche Forschungsansätze. Dies

kann zu erheblichen Schwierigkeiten hinsichtlich der Kohärenz und Präzision

theoretischer Aussagen führen, wenn eine Vermischung unterschiedlicher

Forschungsprogramme durchgeführt wird. Exemplarisch hierfür steht das

Vorgehen von Douglass North, der grundsätzlich im Rahmen des rationalchoice

Ansatzes argumentiert, dabei aber dennoch mit Versatzstücken des

Homo Sociologicus – Paradigmas hantiert (North 1988: 46-60). Deutlich wird

dies bei der von North angebotenen Erklärung der Lösung von free-rider

Problemen. Das Ziel von Ideologien sei es, „Gruppen dazu anzuspornen, sich

entgegen einem einfachen, hedonistischen, individuellen Kosten-Nutzen-

Kalkül zu verhalten“ (North 1988: 54). Ideologie bezeichnet in diesem Zusammenhang

eine Menge von Überzeugungen und Urteilen eines Individuums

, die während des Sozialisationsprozesses erworben werden. In diesen

internalisierten moralischen Einstellungen, etwa durch Schule und Familie

geprägt, sieht North die Lösung für die angesprochenen Trittbrettfahrerprobleme.

Hierdurch ergibt sich jedoch ein Widerspruch in seiner Theorie aufgrund

der Unvereinbarkeit der zwei verwendeten Forschungsansätze. North

selbst formuliert dies wie folgt:


6

„Trotzdem bietet die alltägliche Beobachtung reichlich Belege dafür, dass der

einzelne Regeln gehorcht, obwohl sein individuelles Kalkül ihn anders handeln

lassen sollte“ (North 1988: 46).

Hier vollzieht North eine unzulässige Erweiterung des ursprünglich verwendeten

rational-choice Erklärungsmusters, das Erklärungsmodell verliert an

Widerspruchsfreiheit und Präzision. Denn indem er sich zunächst auf die

neoklassische Theorie festlegt setzt er voraus, dass Akteure Nutzenmaximierer

sind. Die Feststellung, dass sich im Alltag zahlreiche Gegenbeispiele finden

und die undifferenzierte ad hoc Einführung einer zusätzlichen Variable

(Ideologie) muss daher als unangemessener Immunisierungsversuch gewertet

werden (vgl. Lakatos 1974). 3

Wie bereits angedeutet, besteht das Problem darin, dass die zwei zentralen

Forschungsprogramme der Sozialwissenschaften in unbefriedigender

Weise miteinander kombiniert werden, deren jeweilige ontologischen Ve r-

pflichtungen bzw. handlungstheoretische Grundlagen sich substantiell voneinander

unterscheiden. 4 1) Auf der einen Seite das Homo Sociologicus-Paradigma,

das von einem normbefolgendem Akteur ausgeht, und 2) auf der anderen

Seite das Homo Oeconomicus-Paradigma, das den Menschen als nutzenmaximierenden

und interessensgeleiteten Akteur betrachtet.

Ad 1) Vertreter des homo -soziologischen Forschungsprogrammes behaupten

folglich, dass die normativen Strukturen auf der Makroebene mittels

des Sozialisierungsprozesses von den Akteuren als Einstellungen

internalisiert werden. Dabei wird der Sozialisierungsprozess mittels Bestrafung

von unerwünschten und Belohnung gesellschaftlich erwünschten

Handlungen gesteuert. Diese so erlernten Normen und Einstellungen sind für

die Aktivierung der gesellschaftlich erwünschten Handlungen verantwortlich.

Dahrendorf fasst diesen Zusammenhang folgendermaßen zusammen: „Der

Mensch verhält sich rollengemäß“ (Dahrendorf 1977: 100). Über die

Aggregation der individuellen Handlungen werden wiederum die normativen

Strukturen gestützt, aus denen sie hervorgegangen sind.

Ad 2) Auch die sozialwissenschaftliche Vorgehensweise im Rahmen des

Homo Oeconomicus-Paradigmas berücksichtigt sowohl Makro- als auch

Mikroebene. So wird in einem ersten Schritt die auf der Makroebene liegende

3

Verschiedene Autoren haben in diesem Zusammenhang bereits versucht, eine

Erweiterung des klassischen Homo Oeconomicus im Hinblick auf kulturelle

Einflussfaktoren vorzunehmen, wobei eine konsistente und allgemein akzeptierte

Theorieerweiterung bislang nicht ergeben hat (vgl. Akerlof/Dickens 1982; Weingast

1995; Busch 2000).

4

Erst aus dem Eingehen unterschiedlicher ontologischer Verpflichtungen ergibt sich das

Problem der Unvereinbarkeit konkurrierender Ansätze. Die wissenschaftlich

betrachtete Welt sieht in dem Licht des einen Ansatzes anders aus und ihr werden

andere Eigenschaften zugeschrieben wie aus Sicht eines konkurrierenden Ansatzes

(vgl.: Stegmüller 1988: 487f.; Quine 1980).


Struktur der Situation analysiert. Aus der speziellen sozialen Situation, in

welche die Akteure eingebettet sind, lassen sich die Bedingungen ableiten,

die ihrerseits die Handlungsmöglichkeiten der Akteure strukturieren (vgl.

Esser 1999: 94). In einem zweiten Schritt ist dann auf der Mikroebene ein Auswahlmechanismus

in Form einer Handlungstheorie entwickelt, deren Funktion

darin besteht, aus der Vielzahl, der vom Akteur in der Struktur der Situation

wahrgenommenen Handlungszüge, einen auszuwählen. Demnach wird der

Akteur diejenige Handlungsalternative ausüben, die ihm den größten Nutzen

verspricht (vgl. Coleman 1995: 17). In einem dritten Schritt stellt man die

Verbindung von der Individualebene zur Ebene der sozialen Struktur wieder

her, indem man mittels der Aggregation der individuellen Handlungen die

Konsequenzen für die soziale Struktur ermittelt.

3.2 Soziologischer und ökonomischer Neoinstitutionalismus

Die in 3.1 skizzierten akteurstheoretischen Basismodelle finden sich in weiterentwickelter

Form auch in der neueren Institutionentheorie wieder. So

werden einmal Institutionen als gesellschaftliche Bezugsgruppen betrachtet,

die den Interaktionsrahmen von Individuen strukturieren. Dabei geht man

davon aus, dass die normative Erwartungshaltung der Bezugsgruppe durch

den Akteur erlernt und als handlungsleitende Einstellung internalisiert wird

(vgl. Scott 1994: 66). Das Verhalten der Akteure resultiert dabei aus einem

Abrufen der internalisierten Einstellungen, was wiederum die normative

Struktur auf der Makroebene stärkt. Eine neo-institutionalistische Variante

davon erklärt die Entstehung von Institutionen in dem unreflektierten

Gebrauch von Routinen, Sitten und Gebräuchen. „So verstanden, spielen sich

Institutionen von selbst ein. Bestimmte Verhaltensweisen und aufeinander

bezogene Handlungsketten wiederholen und verselbständigen sich im Laufe

ihrer Anwendung“ (Hasse/Krücken 1999: 54, vgl. auch Berger/Luckmann 1980:

56-72). March und Olsen übertragen diese Überlegungen auf den politikwissenschaftlichen

Kontext und grenzen den soziologischen Neo-Institutionalismus

gegenüber einem auf individuellen, nutzenmaximierenden Akteuren

basierenden Institutionenverständnis deutlich ab (vgl. March/Olsen 1984,

1989; vgl. Kaiser 1999). An die Stelle einer zweck- und zielorientierten,

ökonomischen Handlungslogik setzen sie auf eine Handlungslogik, welche

auf normativen Vorstellungen über angemessenes Verhalten basiert (vgl.

Hasse/Krücken 1999: 27, 28).

Die ökonomische Variante des Neoinstitutionalismus dagegen bezieht

sich explizit auf das nutzenmaximierende und interessengeleitete Handeln von

Akteuren. Jedoch wird im Unterschied zu den Modellannahmen der neoklassischen

Ökonomie in der Neuen Institutionentheorie die Annahme der vollkommenen

Rationalität zugunsten einer eingeschränkten individuellen Ratio-

7


8

nalität aufgegeben (vgl. Simon 1957, Coase 1960, Williamson 1985). So

begegnen politische Akteure einer für sie unübersichtlichen Umwelt; in der

weder vollkommene Information existiert, noch unendlich hohe

Anpassungsgeschwindigkeit. Akteure handeln im Rahmen dieser Theorie nur

beschränkt rational. Mit der Aufgabe der vollkommenen Rationalität tritt der

Wert von Informationen für das individuelle Handeln in den Vordergrund.

Zusätzlich zu dem Gegenwert, der für ein bestimmtes Produkt aufzubringen ist,

fallen demnach auch Transaktionskosten an. 5 Um diese Kosten zu senken, ist

es für Akteure rational, sich zu organisieren. Mit der Einführung von

konsistenten Regeln und Handlungsnormen sinken die Entscheidungs- und

Überwachungskosten einzelner Transaktionen. Man spricht in diesem Fall

auch von Institutionen. Diese sind definiert als „ein System formgebundener

(formaler) und formungebundener (informeller) Regeln einschließlich der

Vorkehrungen zu deren Durchsetzung“ (Richter/Furubotn 1999: 7). Zu

beachten ist, dass historische und kulturelle Variablen auch im institutionenökonomischen

Ansatz eine große Rolle spielen. Doch Kultur wird hierbei nicht

modelliert über die Ausübung internalisierter Normen, sondern als Menge

externer informeller Institutionen begriffen, die spezifische Erwartungshaltungen

generieren und darüber einen Einfluss auf individuelles Handeln ausüben.

6

Institutionen verdanken ihre Entstehung dem Streben von Akteuren, die

Unsicherheit riskanter Transaktionen zu minimieren (Bates 1999). Sie bestehen

aus einem System von Regeln, Zustimmungsverfahren und Verhaltensnormen,

die das Verhalten von einzelnen im Interesse der Nutzenmaximierung zu

Gunsten anderer Akteure beschränken (North 1988: 207). Das entscheidende

Moment bei riskanten Transaktionen ist die Abschätzung der

Vertrauenswahrscheinlichkeit anderer Akteure (vgl. Gambetta 1988: 51, Knight

1998). Durch die Einführung wirksamer Normen wird die Unsicherheit riskanter

Transaktionen gemindert und die Wahrscheinlichkeit kooperativer

Handlungen erhöht. In diesem Zusammenhang spielt Vertrauen in Personen

bzw. in Institutionen (Sozialkapital) eine wichtige Rolle bei der Verringerung

von Unsicherheit. Doch wenngleich fast alle Studien zu Vertrauen und

Sozialkapital diesen zentralen Aspekt hervorheben, lässt sich zeigen, dass

5

Diese setzen sich aus Informations- und Suchkosten, Verhandlungs- und

Entscheidungskosten sowie Überwachungs-, Versicherungs- und Durchsetzungskosten

zusammen.

6 Dieser informale Erwartungsrahmen kann sich durch eine Verschiebung der

Ressourcenausstattung aber auch durch eine Veränderung der Informationsausstattung

verändern. Damit wird Kultur eben nicht mehr zur Residualkategorie, die alles

erklären soll, was mit anderen Variablen nicht mehr erklärt werden kann. Kultur wird

vielmehr in das Erklärungsmodell integriert und als Summe von spezifisch

kontextgebundenen informellen Institutionen verstanden (Faust 2001b).


auch hier die handlungstheoretische Grundlage im Hinblick auf die beiden

neoinstitutionalistischen Forschungsansätze variiert.

3.3 Sozialkapital und Vertrauen aus zwei Perspektiven

Während ökonomisches Kapital eine individuelle Ressource ist und einem

einzigen Individuum zugeschrieben werden kann, drückt sich Sozialkapital in

den sozialen Beziehungen zwischen den Individuen aus. Erst eine solche

Beziehung ermöglicht das Entstehen von Vertrauen in dezentral angelegte

Organisationsmuster gesellschaftlichen Zusammenlebens. Solches Vertrauen

in die gesellschaftlichen Spielregeln soll im Folgenden unter Sozialkapital

verstanden werden, während Personenvertrauen konkret auf persönliche Beziehungen

zugeschnitten ist. Die Bezeichnung Sozialkapital rührt aus der

Tatsache, dass es wie ökonomisches Kapital auch einen bestimmten Wert

darstellt. Akteure, die über Sozialkapital verfügen, sind in der Lage, daraus

einen Nutzen zu ziehen.

Im Folgenden sollen die unterschiedlichen Forschungsprogramme

innerhalb der Sozialkapitaldebatte anhand der Überlegungen von Francis

Fukuyama für das soziologische Programm sowie der Argumentation James

Colemans für den institutionenökonomischen Ansatz vorgestellt werden.

Fukuyama betrachtet Sozialkapital in erster Hinsicht als ein kulturelles

Phänomen. Eine Gesellschaft verfügt über Sozialkapital, wenn dort eine Kultur

des gegenseitigen Vertrauens herrscht.

„Die Fähigkeit des einzelnen, mit anderen zusammenzuarbeiten, hängt wiederum

davon ab, in welchem Grad eine Gemeinschaft Normen und Werte

teilt und dazu in der Lage ist, individuelle Wünsche den Interessen größerer

Gruppen unterzuordnen. Auf der Basis solcher gemeinsamer Werte erwächst

Vertrauen, und Vertrauen besitzt (...) einen erheblichen, messbaren wirtschaftlichen

Wert.“ (Fukuyama 1997: 25)

Nach Fukuyama ist Vertrauen ein konstitutives Element entwickelter, liberaler

Demokratien (vgl. Fukuyama 1992). Dennoch hängt das gute Funktionieren

der demokratischen und wirtschaftlichen Institutionen in großem Maße von

vormodernen kulturellen Mustern und ererbten ethischen Gewohnheiten ab,

die sich in Form von wechselseitiger Loyalität, einem Moralkodex,

Pflichtgefühl gegenüber den Mitmenschen und sozialem Vertrauen äußern.

„Eigenschaften also, die mehr auf Gewohnheiten als auf rationalem Kalkül

basieren“ (Fukuyama 1997: 27). Diese moralischen Verhaltensmuster werden

im Freundeskreis, über die Familie, Nachbarn und das gesellschaftliche Umfeld

erlernt, aber durch die traditionellen religiösen und ethischen Systeme werden

die notwendigen Werte für das kulturell bedingte kooperative Verhalten

transportiert (vgl. Fukuyama 1997: 55). Die Wertvorstellungen werden von

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10

den Akteuren als Einstellungen internalisiert und somit handlungsrelevant.

Fukuyama stellt damit einen direkten Zusammenhang zwischen dem

moralischen Verhalten auf individueller Ebene und kulturellen Normen und

Werten auf der Systemebene her. Auch Offe bezeichnet Sozialkapital als die

ererbte, über Jahrhunderte weitergegebene, sozialmoralische Grundausstattung

einer Gesellschaft (Offe 1999: 117). Es ist demnach eine Kultur des

Vertrauens, welche für die individuelle Internalisierung altruistischer Einstellungen

verantwortlich ist, die wiederum ebensolches Verhalten hervorrufen.

Es spricht jedoch ein schwerwiegendes Problem dagegen, diesen Forschungsansatz

zur Erklärung der Phänomene Vertrauen und Sozialkapital

heranzuziehen bzw. auf seiner Grundlage Empfehlungen zur Förderung von

Sozialkapital und Vertrauen auszusprechen. Ungelöst bleibt bei den vorgestellten

Überlegungen, wie es zu einer Kultur des Vertrauens kommt , da der

soziologische Ansatz lediglich betont, inwieweit bei einem bestehendem

normativen System, moralische Überzeugungen von der Makro- auf die

Mikroebene transportiert werden. Ableiten ließe sich hieraus allenfalls die

Notwendigkeit der Förderung erwünschter Normsysteme auf der Systemebene

zur Bildung von Sozialkapital. Doch wie dies im Einzelnen geschehen sollte ist

nicht Bestandteil der Überlegungen, da diese sich lediglich mit der Wirkung

von Sozialkapital auf die individuelle Kooperationsbereitschaft und den

ableitbaren Effekten auf der Makroebene beschäftigen. Mithin wird die Entstehung

von Sozialkapital bzw. Personenvertrauen als exogene Variable betrachtet,

die nicht innerhalb der Handlungssituation angelegt ist, sondern als

kultureller Faktor einer Handlung vorausgeht. Angesichts dieser Problematik

sind empirische Arbeiten auf Grundlage dieses Ansatzes bislang kaum dazu in

der Lage, konsistente Erklärungen der Entstehung bzw. Vernichtung von

Sozialkapital zu geben.

Angesichts dieser ungelösten Problematik wenden wir uns nunmehr dem

institutionenökonomischen Ansatz zu, der einen vollkommen anderen Zugang

zur Analyse beider Phänomene wählt. Hier gilt es, kooperatives Handeln

gerade mit den nutzenmaximierenden Eigenschaften der Akteure zu erklären,

um nicht dem tautologischen Argument zu verfallen, kooperatives Verhalten

aus kooperativen Einstellungen herzuleiten:

„Unterstellt man nämlich a priori den Menschen Kooperationswilligkeit, so hat

man das, was erklärt werden soll, bereits als Motiv vorausgesetzt“ (Ökonomie

und Gesellschaft 1995: 7).

Im Rahmen der ökonomischen Erklärung von Kooperation und Institutionen

gilt es den Nutzen und die durch die Herstellung entstehenden Opportunitätskosten

miteinander abzuwägen. Die Investition in eine Form von Kapital

verschließt die Möglichkeit, die hierfür eingesetzten Ressourcen anderweitig

zu verwenden (vgl. Ostrom 1997: 156 f.). Coleman (1995) unterscheidet nun


Sozialkapital von anderen Kapitalformen, in dem er Sozialkapital als ein

Kapitalvermögen des Individuums begreift, das aus sozialen Beziehungen

resultiert.

„Soziales Kapital wird über seine Funktion definiert. Es ist kein Einzelgebilde,

sondern ist aus einer Vielzahl verschiedener Gebilde zusammengesetzt,

die zwei Merkmale gemeinsam haben. Sie alle bestehen nämlich aus

irgendeinem Aspekt einer Sozialstruktur, und sie begünstigen bestimmte

Handlungen von Individuen, die sich innerhalb der Struktur befinden. (...)

Anders als andere Kapitalformen wohnt soziales Kapital den Beziehungsstrukturen

zwischen zwei oder mehr Personen inne“ (Coleman 1995: 392).

Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist die Unterstellung nutzenmaximierender

Akteure, die miteinander interagieren. Durch die Einbettung der

Interaktionen in ein Netzwerk und der dadurch entstehenden hohen Erwartungswahrscheinlichkeit

weiterer Interaktionen verändert sich die Anreizstruktur

der Handlungssituation für die einzelnen Akteure. Wenn bei einem

einmaligen Spiel noch die Unsicherheit über das Verhalten des Mitspielers

den Handlungszug bestimmt und deshalb Kooperation als Strategie ausscheidet,

kann sich bei einer erwarteten Vielzahl von Wiederholungen der Spiels i-

tuation Kooperation entwickeln (vgl. Axelrod 1984). Der Grund dafür liegt in

der Erwartung eines höheren Nutzens, der bei wiederholter Kooperation von

beiden Handlungspartnern erwirtschaftet werden kann. So meint Vertrauen in

diesem Zusammenhang auch nicht ein ‚metaphysisches Grundvertrauen’

gegenüber anderen Personen, sondern die rationale Wahl einer Handlungsalternative

unter Risiko. Von Vertrauen spricht man also, wenn die Erwartung,

dass eine einseitige Vorleistung nicht hintergangen wird und somit dem Ve r-

trauensgeber ein Nutzen entsteht, höher ist als die Erwartung, dass der Ve r-

trauensnehmer das Vertrauen enttäuscht und die einseitig getätigte Vorleistung

von ihm ausgenutzt wird (vgl. Coleman 1995: 132; Knight 1998). 7 Eine

Handlung wird demnach ausgeführt, wenn der erwartete Gewinn größer ist als

der erwartete Verlust. Kooperation bedeutet demnach nicht die unreflektierte

Ausübung einer Kooperationseinstellung, sondern ein Handeln mit wohlkalkuliertem

Risiko. Es gilt abzuwägen, ob durch eine kooperative Handlung der

11

7

Vertrauen kann hierbei als eine Art der Risikobestimmung innerhalb sozialer

Beziehungen aufgefasst werden. Existiert Vertrauen in einer sozialen Beziehung, so

wird ein Akteur A zum Zeitpunkt t1 eine Handlung vornehmen in der Erwartung, dass

Akteur B zum Zeitpunkt t2 diejenige kooperative Handlung vornehmen wird, die für

beide nutzenmaximierend ist (vgl. Knight 1998, Preisendörfer 1995). Das Risiko für

Akteur A besteht dabei in der zeitlichen Asymmetrie zwischen beiden

Handlungszügen. Der institutionelle Charakter von Vertrauen liegt darin begründet,

dass der Grad an Vertrauen die Erwartungshaltung der Akteure prägt und damit einen

direkten Einfluss auf die Bewertung von Handlungsoptionen ausübt.


12

Nutzen vergrößert werden kann oder nicht. Verschiedene Faktoren müssen

dabei berücksichtigt werden.

Zunächst gilt es die Anzahl der möglichen Spiele abzuschätzen. Zwar

kann bei einer hohen Anzahl von erwarteten Spielwiederholungen mittels

Defektion kurzfristig ein hoher Gewinn erreicht werden, doch nimmt man sich

hierdurch die Chance, die größeren Vorteile aus dauerhafter Kooperation zu

erwirtschaften. Zudem muss das institutionelle Umfeld beurteilt werden. So

verändern bereits anerkannte Normen die Anreizstruktur einer Handlungssituation

und lösen bestehende Dilemmasituation auf oder verstärken sie

sogar (vgl. Bates: 1988). Jedoch werden diese Normen nach dem Homo

Oeconomicus–Paradigma nicht internalisiert und in Form von Einstellungen

handlungswirksam, sondern wirken als Erwartungshaltungen auf die Handlungswahl

des Akteurs ein. Sozialkapital wird im Rahmen dieses Forschungsprogramms

somit als endogene Variable betrachtet, die innerhalb der sozialen

Struktur angelegt ist.

Angesichts der gezeigten ontologischen Differenzen zwischen beiden

Forschungsprogrammen sind Argumentationen, die diese Unterschiede nicht

berücksichtigen, mit Vorsicht zu genießen. Beispielhaft lässt sich dies anhand

der Werke Robert Putnams Making democracy work bzw. Bowling alone

verdeutlichen. Zwar ordnet sich Putnam selbst dem ökonomischen Forschungsprogramm

zu und sieht den Ausgangspunkt der Sozialkapitaldiskussion

bei Coleman. Zugleich sieht er jedoch in dem Mechanismus des Vertrauens

den entscheidenden Faktor, der nicht nur innerhalb der Gruppe zur Entstehung

von Kooperation beiträgt, sondern mittels kultureller Internalis ierung

auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene Wirkung entfaltet. Dieses Argumentationsmuster

kann man deutlich anhand seines Werkes Making democracy

work zeigen. Putnam leitet die schwächere Entwicklung des Südens

aus unterschiedlichen historischen Voraussetzungen ab, die weit im Mittelalter

zurückliegen. Schon im 12. Jahrhundert sollen sich Unterschiede zwischen

Nord– und Süditalien im Hinblick auf bürgerliche Tugenden und politische

Strukturen feststellen lassen (vgl. Putnam 1993: 126). Während der Norden

durch horizontale Beziehungen gekennzeichnet sei, zeichne sich der Süden

durch vertikale und hierarchische Strukturen aus (vgl. Putnam 1993: 130).

Darauf aufbauend postuliert Putnam eine Pfadabhängigkeit, die bewirkt,

dass sich die Regel ‚Nicht kooperieren’, als kulturelles Merkmal für den Süden

Italiens internalisiert hat und entsprechend auch im 20. Jahrhundert fortbesteht

(vgl. Putnam 1993: 183). Trotz veränderter institutioneller Rahmenbedingungen

bewirkt damit die internalisierte Nichtkooperationsnorm, die in

informellen Institutionen weitergegeben wird, daher ein schlechteres Abschneiden

des Südens in Bezug auf die ökonomische Leistungsfähigkeit und

demokratische Performanz. Diese Überlegungen ergänzt Putnam durch die

spieltheoretische Einsicht, dass es im Gefangenendilemma zwei stabile


Gleichgewichtszustände gibt. Solche Gleichgewichtszustände glaubt Putnam

auch in Bezug auf Italien zu beobachten. Einmal sieht er die Strategie ‚Niemals

kooperieren’ als Strukturmerkmal des Südens, während er auf der anderen

Seite eine Kooperationsstrategie als Strukturmerkmal des nördlichen Italiens

annimmt. Den Grad des Vertrauens, den er im Fall des Mittelalters endogen,

also aus den politischen Strukturen jener Zeit heraus erklärt, zieht Putnam für

das heutige Italien als exogenen, strukturunabhängigen Faktor zur Erklärung

der unterschiedlichen Performanz in Italien heran. Demnach sei heute die

überaus dauerhafte politische Kultur für das Funktionieren bzw.

Nichtfunktionieren der formellen Institutionen im Norden bzw. Süden verantwortlich.

In seinem Aufsatz „Bowling Alone“ sowie in der Monografie gleichen

Namens dreht Putnam die Argumentation in bezug auf Amerika um, ohne die

Wahl des nunmehr veränderten Argumentationsmusters näher zu begründen.

Er „konstatiert die Gefährdung der amerikanischen Demokratie durch den

Verlust sozialen Kapitals, (...) der aber in den letzten zwanzig Jahren eingetreten

sei“ (Kunz 2000: 23). Putnam macht insbesondere die steigende Intensität

des Fernsehkonsums sowie den Anstieg der Frauenerwerbsquote, die

Veränderungen in den Arbeitsbeziehungen und die steigende Mobilität der

Menschen für den Rückgang an Sozialkapital verantwortlich (vgl. Putnam

1999 und 2000: 245). Hier werden also gerade nicht die kulturell geprägten

dauerhaften Dispositionen der Bürger, sondern eine drastische Veränderung

der informellen institutionellen Strukturen für den Rückgang des Sozialkapitals

verantwortlich gemacht. Dieser wird als notwendige Konsequenz der

abnehmenden sozialen Kontakte der Bürger gesehen. An diesen Stellen

spricht Putnam offensichtlich im Rahmen eines Erklärungszusammenhangs,

der auf dem Prinzip der Nutzenmaximierung als Handlungsgrundlage beruht.

Im Gegensatz dazu erklärt er in Making Democracy Work das heutige Niveau

des Sozialkapitals aus der historischen Entwicklung der politischen Kultur.

Hier argumentiert er im Rahmen des homo soziologischen Erklärungsansatzes.

Anhand der beiden zentralen Arbeiten des wohl prominentesten Vertreters der

Sozialkapitalforschung“ lässt sich somit aufzeigen, wie widersprüchlich

Erklärungsversuche verlaufen können, wenn ad hoc auf schwer vereinbar

Forschungsansätze rekurriert wird.

13

4. Empirische Evidenz aus institutionenökonomischer

Perspektive

Angesichts der skizzierten Probleme, die mit dem Ansatz des soziologischen

Institutionalismus im Hinblick auf die Untersuchung Sozialkapital und Ve r-


14

trauen verbunden sind, nehmen neuere Studien über OECD- und Entwicklungsländer

meist eine institutionenökonomische Perspektive ein. John

Whiteley begründet dies wie folgt:

“This approach to the analysis of social capital rejects the idea that trust is a

long-run phenomena which is difficult to explain, and even more difficult to

change. Rather it adopts Coleman’s (1988) interpretation of social capital which

suggests that it can be created and destroyed in the short run, just like any other

forms of capital. Moreover, it is assumed that social capital is generated by

income, which may be a simplification of the processes which generate trust in

society, but one which is consistent with the empirical evidence” (Whiteley

1997).

Die Befunde dieser empirischen Untersuchungen zum Thema Sozialkapital

und Vertrauen lassen sich zunächst wie folgt skizzieren. Zum einen zeigen

neuere quantitative Studien mit OECD Ländern, dass vertrauensbejahende

Einstellungsmuster innerhalb einer Gesellschaft keinen konsistenten oder

starken Effekt auf Politikfeldgestaltung (vgl. Deth 2000) und Wirtschaftswachstum

aufweisen (Kunz 2000: 216). Nun ließe sich hieraus zwar ableiten,

dass alleine die Aussage über die Wünschbarkeit bestimmter mit Sozialkapital

und Vertrauen kompatibler Ordnungs- und Beziehungsmu ster noch wenig

darüber berichtet, inwieweit sich die Befragten in konkreten Handlungssituationen

auch entsprechen verhalten werden. Doch zum anderen bestätigen

quantitative Studien mit Entwicklungs- und OECD-Ländern den vermuteten

Zusammenhang zwischen Vertrauen und Sozialkapital einerseits sowie wirtschaftlichem

Wachstum andererseits (Knack/Keefer 1997; Whiteley 1997).

Fasst man beide Ergebnisse zusammen, so ließe sich daraus ein abnehmender

Grenznutzen bei der Ausstattung mit Vertrauen und Sozialkapital in einer

Gesellschaft ableiten. Je höher die Ausstattung einer Gesellschaft mit Sozialkapital

ist (OECD Länder), desto geringer wird dessen Bedeutung für die

wirtschaftliche Entwicklung, während ein mehr an Sozialkapital in Entwicklungsländern

einen überproportional starken Effekt an wirtschaftlichem

Wachstum bewirkt.

Ebenfalls in Übereinstimmung mit einer institutionenökonomischen Modellierung

bestätigen quantitative Studien weiterhin den negativen Einfluss

einer hohen Anzahl wirtschaftsnaher Freiwilligenorganisationen auf das gesamtwirtschaftliche

Wachstum (Weede 1996; Kunz 2000). Der bereits von

Mancur Olson (1962, 1982) formulierte Befund über den gesamtwirtschaftlich

schädlichen Einfluss von Verteilungskoalitionen wird hierdurch gestützt.

Zudem zeigt eine Analyse der Daten des World Value Service, dass zwischen

der Mitgliedschaft in zivilgesellschaftlichen Organisationen und der gesamtwirtschaftlichen

Performanz, gemessen an der Investitionstätigkeit und am

Wirtschaftswachstum kein eindeutiger Zusammenhang besteht (Knack/Keefer


1997). Auch eine Unterscheidung zwischen eher wirtschaftsnahen Organisationen

einerseits sowie wirtschaftsfernen gesellschaftlichen Organisationen

führt zu keinen eindeutigen Zusammenhängen hinsichtlich der gesamtwirtschaftlichen

Performanz (Knack /Keefer 1997: 21). Deutlich wird somit, dass

diese Ergebnisse mit der Hypothese Putnams (1995) kontrastieren, der zu

Folge ein positiver Zusammenhang zwischen dem Engagement in Freiwilligenorganisationen

und dem Grad an Vertrauen und Sozialkapital postuliert

wird (Knack /Keefer 1997: 30).

Schließlich verdeutlichen quantitative Studien den positiven Zusammenhang

zwischen Rechtssicherheit und Vertrauen. Eine rational-bürokratische

Verwaltung korreliert demnach stark mit dem Grad an Personenvertrauen in

einer Gesellschaft, woraus sich folgern ließe, dass in politischen Systemen,

deren Regierungen mittels institutioneller Beschränkungen an diskretionären

Eingriffen gehindert werden, ein höherer Grad an individueller Kooperationsbereitschaft

vorhanden ist (Knack/ Keefer 1997; Knack/Zak 1998).

Zusammenfassend lässt sich mithin folgendes festhalten: Erstens hat in

Entwicklungsländern der geringe Grad an Sozialkapital und Vertrauen eine

wachstumshemmende Wirkung. Zweitens sind horizontal angelegte Netzwerke

besonders dann in der Lage Sozialkapital zu produzieren, wenn effektive

Sanktionsnormen bestehen, die Defektion für die beteiligten Akteure zur

kostspieligen Option werden lassen. Demnach wäre es eben nicht das Ve r-

trauen, was den Aufbau von effizienten Ordnungen erleichtert, sondern vielmehr

das Vorhandensein eines Sanktionsmechanismus gegenüber Defektion,

der dann Vertrauen in die Funktionsfähigkeit eines dezentralen Steuerungsmechanismus

nach sich zieht und somit Sozialkapital produziert (Ostrom 1997:

161). Nur wenn die Erwartung hinsichtlich der Wiederholbarkeit kooperativer

Handlungsmuster durch das Vorhandensein von Sanktionsmechanismen

gestärkt wird, wird Kooperation in sozialen Netzwerken von Bestand sein.

Gleichwohl bedeutet die Existenz funktionsfähiger Netzwerke noch keine

Lösung von Entwicklungsbarrieren. Vielmehr können gerade die unterschiedliche

Organisationsfähigkeit von Interessengruppen zu einer asymmetrischen

Verteilung von Sozialkapital und den daraus resultierenden ökonomischen

Effekten innerhalb einer Gesellschaft führen. Die Etablierung eines Mengenkartells

kann etwa als eine erfolgreiche Lösung eines Prisoner Dilemmas

zwischen den beteiligten Firmen begriffen werden. Gemäß der bisherigen

Überlegung wird besonders dann ein hoher Grad an Vertrauen in die Organisation

bestehen, wenn potentielle Trittbrettfahrer, die sich nicht an die zugewiesenen

Mengen halten, sanktioniert werden. Mit der Größe der Mitglieder

des Kartells dürften jedoch die Anreize der Mitglieder steigen, Trittbrett zu

fahren (Olson 1965). Kleine Gruppen sind demnach vergleichsweise besser

dazu in der Lage, horizontale Netzwerke mit funktionsfähigen Sanktionsmechanismen

aufzubauen. Wie das Beispiel des Mengenkartells jedoch verdeut-

15


16

licht, sind solche Organisationsstrukturen oftmals aus einer gesamtgesellschaftlichen

Perspektive entwicklungshemmend, da sie Anreizstrukturen für

eine effiziente Allokation von Ressourcen verhindern (Olson 1982).

Eine erfolgreiche Lösung eines Kooperationsproblems auf einer gesellschaftlichen

Ebene kann mithin auf einer höheren Ebene Kooperationsprobleme

nach sich ziehen. Überträgt man dies auf große Gesellschaften mit

einer hohen Anzahl an anonymisierten Tauschakten, so scheint der demokratisch

programmierte Rechtsstaat eine geeignete Ordnung zur Vermeidung

gesellschaftlicher Fragmentierung darzustellen. Doch ist es eben nicht das

Vertrauen zwis chen den Bürgern, das eine funktionsfähige Ordnung nach sich

zieht, vielmehr ist die Produktion von Sozialkapital auf die Steigerung der

"Verlässlichkeit einer Ordnung" auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zurückzuführen.

"There is typically no reliable contract enforcement unless there is an impartial

court system that can call upon the coercive power of the state to require individuals

to honor the contracts they have made." (Olson 1993: 572)

Situationen, die einem Gefangenendilemma ähnlich sind, werden entsprechend

dann gelöst, wenn entweder zwischen ähnlich „mächtigen“ Akteuren die

Wiederholbarkeit des Spiels gewährleistet ist, oder aber wenn bei hoher

Wiederholbarkeit des Spiels eine neutrale Instanz über die Einhaltung von

kooperativ ausgerichteten Verträgen wacht. Ist diese Instanz vorhanden,

nehmen die Transaktionskosten zur Überwachung ab; das Vertrauen auf kooperative

Lösungen steigt an. Vor diesem Hintergrund kann ein liberaldemo -

kratisches Institutionengefüge als ein Anreizsystem verstanden werden, das

zu Vertrauen und Sozialkapital führt und nicht umg ekehrt. 8

Wenn soziale Ordnungen eine Wiederholbarkeit kooperativ ausgerichteter

Spielstrategien gewährleisten, wenn sie nicht leistungsbezogene

Macht- oder Ressourcenakkumulation (Renten) beschränken und damit

asymmetrische Interdependenzen zwischen den Akteuren verringern, dann

steigen Personenvertrauen und Institutionenvertrauen an. Gefangendilemmata

können durch die Wiederholbarkeit des Spiels sowie durch symmetrische

Interdependenzbeziehungen zwischen den Akteuren entschärft werden (Axelrod

1984). Ist letzteres nicht der Fall, wie in vielen Ländern des Südens, dann

bedarf es eines neutralen „Schiedsrichters“, der die Akteure auf Kooperation

verpflichtet bzw. einseitige Defektion sanktioniert. Entsprechend werden

soziale Ordnungen im Sinne von Sozialkapital vertrauenswürdig, wenn Me-

8

So weisen Staaten mit strukturellen Anreizsystemen, die Vertrauen begünstigen, höhere

Investitionsquoten auf als Staaten, in welchen Anreize wie geringe sozioökonomische

Fragmentierung existieren sowie Institutionen zur Beschränkung von

Machtakkumulation staatlicher oder gesellschaftlicher Akteure fehlen (Knack/Zak

1997).


chanismen existieren, die Defektion sanktionieren. Entsprechend werden

Marktreformen nur dann eine effiziente Verteilung produktiver Ressourcen

nach sich ziehen, wenn parallel hierzu Spielregeln eingeführt werden, welche

der Akkumulation von Marktmacht in den Händen weniger Wirtschaftssubjekte

vorbeugen sollen (vgl. Faust 2001a). Dort wo Markt- bzw. Wettbewerbsversagen

droht, wird nur dann das Vertrauen in die kooperationsbegünstigende

Funktionsfähigkeit institutioneller Anreizsysteme (Sozialkapital)

steigen, wenn Sanktionsmechanismen vorhanden sind, die rent-seeking verhindern.

17

5. Schluss: Sozialkapital Entwicklungsbarrieren und Handlungsempfe

hlungen

Gemäß der bis herigen Argumentation lassen sich die wirtschaftlichen Vorteile

für Sozialkapital wie folgt zusammenfassen: Erstens wird durch die Existenz

von Vertrauen in dezentral angelegte Ordnungssysteme die Einschätzung des

Verhaltens anderer erleichtert, was die Transaktionskosten reduziert. Zweitens

wird durch das Vertrauen in die Kooperationsbereitschaft des anderen die

Weitergabe von Wissen erleichtert und drittens reduziert Sozialkapital das

Trittbrettfahrerproblem und erhöht somit die Möglichkeit, kollektive Güter zu

erstellen. Mangelndes Sozialkapital stellt mithin eine erhebliche Entwicklungsblockade

dar, die in vielen Ländern des Südens maßgeblich auf zwei

Faktoren zurückgeführt werden kann.

Zum einen ist es die Persistenz vertikaler Patron-Klient-Beziehungen als

Ausdruck mangelnder symmetrischer Interdependenz in sozialen Beziehungen.

Sind diese Patron-Klient-Beziehungen stabil, so können die beteiligten

Akteure zwar von einer hohen Wiederholbarkeit strategischer Interaktionen

ausgehen. Doch die Verteilung der Ressourcen wird aufgrund von Machtasymmetrien

kaum effizient sein. Die vertikale Beziehungsstruktur begünstigt

somit die Ungleichverteilung von Ressourcen und damit sozioökonomische

Fragmentierung. Gesellschaften, die durch solch personalistische und vertikal

angelegte Organisationsstrukturen gekennzeichnet sind, kann allenfalls ein

gewisses Maß an Personenvertrauen innerhalb von Patron-Klient-Beziehungen

existieren, nicht jedoch Sozialkapital als Vertrauen in horizontale Netzwerke

auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene, welches die Erstellung gesamtgesellschaftlicher

Kollektivgüter erleichtert. Spiegelt sich in staatlichen

Strukturen gesellschaftliche Fragmentierung in Form von neopatrimonialen

oder oligarchischen Staatsstrukturen wider, so fehlt auch die „neutrale“

Schiedsinstanz, welche die Akteure zur Kooperation verpflichten könnte.

Zum zweiten kann während vieler politischer und ökonomischer Transformationsprozesse

eine wachsende Instabilität vertikaler Beziehungsmuster

beobachtet werden, ohne dass diese durch funktionsfähige, horizontal ausge-


18

richtet Organisationen ersetzt werden. In einer solchen Situation steigt die

Unsicherheit der Akteure stark an und auch das Personenvertrauen wird sich

verringern. Die ökonomische Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft wird sich

durch das steigende Maß an Unsicherheit verringern. Der Zerfall alter neopatrimonialer

Strukturen ohne die Herausbildung eines meritokratisch organisierten

Staatsapparates führt somit zur Verringerung politischer Stabilität, was

wiederum die notwendige Erwartungssicherheit für langfristige Investitionen

reduziert.

Offensichtlich sind viele Länder des Südens daher vor allem durch zwei

Faktoren betroffen, die mangelnde Ausstattung mit Vertrauen und Sozialkapital

und damit geringere Investitionen, niedrigere Produktivität und niedriges

Wirtschaftswachstum nach sich ziehen: Asymmetrische Machtbeziehungen

bzw. gesellschaftliche Fragmentierung sowie das Fehlen einer neutralen

Schiedsinstanz die Rechtssicherheit gewährleistet und auf Kooperation verpflichtet:

Beide Faktoren verhindern die Entstehung und den Schutz dauerhaft

wettbewerbsintensiver Märkte und damit das Vertrauen in eine Ordnung,

welche die effiziente Ve rteilung von Gütern und Dienstleistungen garantiert.

Entsprechend wird sich eine Veränderung nur dann ergeben, wenn die asymmetrischen

Machtverhältnisse sich ändern. Hiermit lässt sich auf die Förderung

von Sozialkapital durch Demokratisierung begründen.

"To begin to modify a general constitution in which serious asymmetry exists,

what needs to be done is to raise the price of rulership. To do this, one must find

ways of introducing new elements of symmetry in order to leverage greater reciprocity

from rules. Success will depend upon a capacity to sustain such relatively

autonomous organizations as private businesses, labor unions, churches, and local

governments, which are able to constrain the decisions of rulers… Only the

development of countervailing structures of authority and power can introduce

greater reciprocity into the general constitution of a society in which serious political

asymmetries exist" (Oakerson 1993:154)

Doch leider vollzieht sich eine spontane Veränderung von stark asymmetrischer

Ausstattung mit Verhandlungsmacht hin zu einer symmetrischen

Ausstattung von Machtressourcen zwischen politischen Akteuren meist nur

in unruhigen Zeiten, nämlich dann, wenn sich in Folge von Revolution, Krieg

oder Anarchie ähnlich einflussreiche Interessengruppen gegenüberstehen,

von denen keine die anderen dominieren kann. Dieses wirkt sich

begünstigend auf die Herausbildung dezentraler Ordnungen aus.

„Therefore, those who establish a power-sharing arrangement have an incentive to

arrange for disputes about property and contracts – and about the interpretation

of the law-to be settled by those who have no personal stake or interest in the

dispute“ (Olson 2000: 36).


Sollen solch unruhige und leidvolle Zeiten vermieden werden, so bieten sich

für die entwicklungspolitische Zusammenarbeit zwei Stoßrichtungen an. Zum

einen die Förderung von Staatsreformen wie etwas Verwaltung- und Justizreformen,

welche die Herausbildung einer rationalen Bürokratie begünstigt und

damit der Erhöhung von Rechtssicherheit dient. Zweitens die Demokratieförderung,

da liberale Demokratien offenbar wesentlich besser dazu geeignet

sind, die Produktion von ineffizienten Regeln der Ressourcenverteilung zu

vermeiden als Autokratien (vgl. Olson 1993). Doch die Voraussetzungen für

die Etablierung von Rechtssicherheit und Rechtsstaatlichkeit sind offensichtlich

nicht mit einem hohen Maße an sozioökonomischer Fragmentierung

vereinbar. Zudem entsteht rechtsstaatliche Herrschaft nicht im gesellschaftlichen

Vakuum und kann infolgedessen schwerlich extern oder „von oben“

oktroyiert werden. Vielmehr ist die erfolgreiche Errichtung einer rechtsstaatlichen

Ordnung an das Vorhandensein zivilgesellschaftlicher Organisationen

geknüpft, die sich wiederum durch institutionelle Arrangements auszeichnen,

die Sozialkapital produzieren (Skidmore 2001). Die Förderung von Rechtsstaatlichkeit

und Demokratie dürfte deswegen vergleichsweise wirkungslos

verpuffen, wenn sie sich lediglich auf das staatliche Institutionensystem konzentriert,

die gesellschaftlichen Voraussetzungen zur Stützung von Demokratie

und Rechtsstaatlichkeit aber nicht existieren.

Folglich sollte die Entwicklungszusammenarbeit auch darauf zielen, die

Verhandlungsposition von sozial schwächeren Interessensgruppen zu

stärken. Dies ist möglich, indem bestimmte gesellschaftliche Gruppen mit

Organisationskapital ausgestattet werden, was es ihnen ermöglicht sich

besser zu organisieren und ihre Interessen nachhaltiger und effektiver zu

artikulieren. Dies kann aber auch durch das Setzen von institutionellen

Anreizen geschehen, welche die Funktionsfähigkeit von Märkten verbessert.

Ausbildung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit kann ebenfalls

förderlich sein. Doch Ausbildung muss dann nicht so sehr als eine Erziehung

zum guten Menschen verstanden werden, in der Hoffnung, dass der moralisch

geschulte Mensch als nach einer Phase sozialer Prägung automatisch eine

höhere Kooperationsbereitschaft aufweisen wird. Vielmehr muss Ausbildung

darauf gerichtet sein, unterprivilegierten Individuen und Interessensgruppen

Informationen an die Hand zu geben, wie sie erfolgreich

Kooperationsdilemmata lösen bzw. inwiefern sie ihr Organisationskapital

verbessern können.

19


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