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nahost

komplex

Frühjahr 2011

Unabhängiges Magazin zur RecherchereiSe ISrael/Palästina

HERAUSGEGEBEN von der Jugendpresse DEUTSCHLAND


Nahost komplex…S.04

Den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus der Ferne verstehen

zu können, ist zweifelsohne alles andere als einfach. Aber auch direkt

vor Ort findet man kaum Antwort auf die Frage nach dem Weg zum Frieden.

Die Frequenz des Friedens…S.05

Nach der Gewalt kam der Dialog: Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli

Rami Elhanan treffen sich einmal pro Woche, um in ihrer Radiosendung „Changing Direction“

über Allah, Jahwe und den Rest der Welt zu plaudern. Ein Besuch im Tonstudio.

Haus um Haus…S.06

Im September endete der israelische Siedlungsbaustopp im Westjordanland.

Das Ringen zwischen Siedlern und Friedensorganisationen ging in die nächste Runde.

AuSSerhausarrest…S.07

In Ostjerusalem erheben jüdische Siedler Anspruch auf Land, auf dem palästinensische

Häuser stehen. Vier palästinensische Familien mussten ihre Häuser bereits verlassen.

Damit aber wollen sie sich nicht zufrieden geben.

Grenzgänger…S.08/09

Sie arbeiten als Gärtner, Lagerarbeiter oder Taxifahrer. Gemeinsam haben

sie, dass sie täglich aus dem Westjordanland nach Israel möchten,

wo sie arbeiten. Doch zunächst müssen sie durch den Checkpoint Qalqiliya.

auf den

alltag fokussiert…S.10

Es gibt Nachrichtenbilder, die ein Land auf kurze Sequenzen des Extremen verzerren,

und es gibt Filme, kleine Fragmente Kulturkunst. Die junge Filmszene in Israel und

Palästina lässt sich nur als Puzzle aus wundersamen Facetten fassen, das ein Bild auf

den Nahen Osten wirft, das nicht dem Konfliktblick unterworfen ist.

Auf dem Filz geblieben…S.11

Hoffnung, Arbeit, Geld – in das wiedereröffnete Kino in dschenin wurde viel

investiert, damit zur Premiere vor internationalen Gästen alles gut geht.

Aber was bleibt davon übrig: Geld, Arbeit, Hoffnung?

Wie ein Seiltänzer…S.12

Aus dem Nahen Osten zu berichten gleiche einem Drahtseilakt, weiSS ARD-Korrespondent

Richard Schneider. Zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten Filmend und

Schneidend hat Paul Frisch ihn doch noch erwischt.

Kein Frieden ohne gute

Nachrichten…S.13

Beim Nahost-Konflikt wird die Wahrheit zur Ansichtssache. Journalisten

über ihren Kampf mit Behörden, Zensur und das Ringen um Demokratie.

Zwischen den

Zeilen lesen…S.14–15

Der israelische Schriftsteller David Grossman zeichnet in seinen Büchern auf

einzigartige Weise ein Bild der Menschen in einer Region voller Konflikte.

Fortschrittsmotor Wasser…S.18

Mit Entsalzungsanlagen kann Israel sowohl seinen Bedarf an sauberem Wasser

stillen als auch seine Machtposition in der Region ausbauen. Zwar gibt es

noch Verbesserungsbedarf bei der Wassergewinnung, aber die Forschung muss

sich mit den politischen Schachzügen arrangieren.


„Als gehörten wir nicht zur

Gesellschaft“…S.19

Für viele gelten sie als Staatsfeinde: Kriegsdienstverweigerer haben es schwer in Israel.

um Sich wie Raanan Forshner der PFLicht zu entziehen, bedarf es Tricks.

Im Namen der anderen…S.20

Viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen auf der ganzen Welt beschäftigen sich

mit dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser. Ob ihre Einmischung Früchte trägt, ist

ungewiss.

Du sollst nicht lieben…S.22

Zwischen Tradition und Toleranz, Religion und Repression –

Homosexuelle werden in den palästinensischen Gebieten unterdrückt,

aber auch in Israel haben sie es nicht immer leicht.

„Mein Glaube ist eine groSSe Party“…S.23

Sie fahren alte VW-Busse, springen zu lauter Musik auf die StraSSe

und tanzen. ihre Mission: Den Menschen Freude bringen. Mit Partys. Die „Na Nachs“

gelten als die Party-Juden.

Vergessen verhindern…S.23

Uri Chanoch ist 82 Jahre alt und einer von über 200 000 Holocaust-überlebenden,

die heute noch in Israel leben. Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg

in Europa spricht er erst seit einigen Jahren, am liebsten mit seinem 17-jährigen

Enkelsohn Omri. Ein Generationengespräch.

„Auschwitz war auch auf

unserem Planeten“…S.24

Verbrecher gehören vor Gericht, das galt auch für die Nazis, findet Michael Goldmann-Gilead.

Für ihre Taten kann es keine Rache oder Wiedergutmachung geben.

Trotzdem ist es ihm wichtig, die Wahrheit über den Holocaust ans Licht zu bringen.

So viel man erträgt…S.25–26

Gehen oder bleiben? Junge Israelis sind oft hin- und hergerissen, ob sie vor

dem Konflikt flüchten oder sich für seine Lösung engagieren sollen.

BloSS kein Einheitsbrei…S.28

In Israels Kochtöpfen brodeln Gerichte aus vielen verschiedenen Ländern. Das

Essen Als grundbedürfnis bringt viele verschiedene Kulturen an einen Tisch.

Vom Einheitsbrei zum Individualmenü…S.30–31

Ohne Kibbuz kein Israel: Die sozialistischen Siedlungen haben die Staatsgründung 1948

entscheidend vorangetrieben. Heute lebt nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung dort.

Eine Spurensuche jenseits von Tel Aviv.


zerplatzt

wie seifenblasen Den Konflikt zwischen Israelis

und Palästinensern aus der Ferne verstehen zu können, ist zweifelsohne alles

andere als einfach. Aber auch direkt vor Ort findet man keine Antwort auf die

Frage nach dem Weg zum Frieden, meint Timo Brücken

Von der heimischen Couch aus betrachtet sieht die Welt ganz einfach aus, so

auch der Nahe Osten. Im zweiminütigen Nachrichtenstück gestaltet sich das Grundproblem

des Konflikts immer ähnlich: Israelis und Palästinenser erheben Anspruch

auf ein- und dasselbe Stück Land, einen schmalen, staubigen Streifen zwischen Jordan

und Mittelmeer, wegen dem sie sich seit Jahrzehnten die Köpfe einschlagen. Auf

beiden Seiten, so die Ferndiagnose, stehen sture, religiöse Fanatiker, die offenbar gar

keine Einigung wollen. Die einfache Lösung, so suggerieren die Nachrichten: Zuerst

den ganzen Laden säkularisieren, um die gottesfürchtigen Spinner loszuwerden.

Dann zwei getrennte Staaten für Juden und Araber errichten, damit jeder unabhängig

vom anderen glücklich und zufrieden leben kann.

Kaum ein Lebensbereich ist frei vom Konflikt,

seine Lösung erscheint umso schwieriger.

Halbwissen und Unverständnis

Die Realität aber ist wie so häufig nicht so einfach. Der Konflikt zwischen Israel

und den Palästinensern ist viel komplexer, vielschichtiger und unverständlicher, als

dass Unbeteiligte ihn jemals auch nur ansatzweise begreifen könnten. Stattet der

Unbeteiligte der Konfliktregion einen Besuch ab, merkt er schnell: Halbwissen und

Unverständnis sind die Realität, alles andere ist pure Illusion.

Oft wird die Religion als Motiv allen Streits zwischen Juden und Arabern ausgemacht.

Spiritualität soll das Unerklärliche erklären, ist ein gern gesehener Sündenbock.

Das tut sie aber nicht. Der Konflikt ist vor allem durch und durch politisch. Neben dem

jeweiligen Glauben geht es mindestens genau so sehr um ganz profane Machtfragen,

die mit Gott oder Allah herzlich wenig zu tun haben. Viele jüdische Siedler sehen zwar

die Bibel als faktisches Geschichtsbuch an und erheben Anspruch auf „Judäa und

Samaria“, das heutige Westjordanland. Dennoch vergibt immer noch das israelische

Verteidigungsministerium die Baugenehmigungen für israelische Siedlungen in den

palästinensischen Territorien, nicht die Thora, nicht der Rabbi. Die Siedlungsmaßnahmen

sind ein Mittel israelischer Sicherheitspolitik. Es geht dabei nicht nur um die

religiösen Gefühle einiger Strenggläubiger. Gottesglaube und weltliche Ideologie sind

viel mehr Figuren in demselbem Spiel, dem Streben nach Macht und Vorherrschaft.

Alltäglicher Konflikt

Die eigene Kultur an die Spitze bringen und alle anderen auf die hinteren Plätze

verweisen: Das ist es, worum es im Nahen Osten – wie in vielen Konfliktregionen

der Welt – wirklich geht. Denn die Angst, von der jeweils anderen Seite verdrängt zu

werden, ist groß. Sei es durch Gebietsgewinne, Straßensperren oder die schiere Geburtenzahl

– also ganz harte, weltliche Fakten. Angst, Misstrauen und sogar Hass sind

zur Tradition geworden. Der Konflikt ist etwas vollkommen Alltägliches. Als Nahost-

Reisender kann man es erleben: Soldaten, die im Frühstücksraum des Hotels ihren Kaffee

trinken, das Sturmgewehr lässig von der Schulter baumelnd. Oder palästinensische

Taxifahrer, die tagtäglich gut an israelischen Fahrgästen verdienen und trotzdem sagen:

„Wir mögen die Juden nicht“. Gründe für diese Einstellung nennt kaum einer von ihnen.

Von klein auf lernen viele israelische und palästinensische Kinder, der anderen

Seite nicht über den Weg zu trauen, sie sogar als minderwertig zu betrachten.

Zusammen spielen um sich besser kennenzulernen: Das dürfen sie nicht. Später

ist der Weg dann nicht mehr weit zu offenem Hass und Rassismus. Wie kann man

einen Konflikt, der so tief in den Köpfen und Herzen der Menschen eingebrannt

ist, jemals lösen?

Viele unausgegorene Antworten auf eine brennende Frage

Eine eindeutige Antwort ist so gut wie unmöglich. Wer mit fünf verschiedenen

Leuten spricht, hört garantiert fünf verschiedene Meinungen. Ein Staat mit gleichem

Recht für alle, zwei getrennte Staaten oder doch lieber der Status Quo mit den zahlreichen

Einschränkungen des täglichen Lebens? Die Vorstellungen vom Ende des Konflikts

klaffen weit auseinander.

Am Ende der langen Reise hat man viel gesehen und geredet – und kehrt mit

noch mehr Fragen im Gepäck wieder nach Hause zurück. Alles, was man sich zu

Hause gedacht und als Wissen propagiert hat, ist an der harten Realität zerplatzt wie

Seifenblasen auf Asphalt.

Timo Brücken,

23 Jahre, Landau

Studiert in Landau Sozialwissenschaften und schreibt für

die Rheinpfalz sowie back view.

Editorial

Liebe Krisengeier,

es tut uns leid: Wir tischen kein Konfliktheft

auf. Liefern keine Bilder, aus denen das

Blut fast heraus läuft, keine Überschriften,

die den Untergang herbei beschwören,

wir haben keine belehrenden Geschichten

über die Ausweglosigkeit der Situation. 16

Tage lang sind wir durch Israel und das

Westjordanland gereist, nicht mit dem Vorhaben,

den seit Jahrzehnten schwelenden

Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern

in jeder Kaffeetasse zu finden, sondern

mit dem Willen, die Menschen hinter

den Nachrichten zu zeigen: Jugendliche,

Kinder, Frauen, Männer, die in der Region

leben, aus der immer wieder Schreckensmeldungen

von Raketeneinschlägen und

erschossenen Zivilisten kommen.

Der Konflikt ist ohne Zweifel allgegenwärtig,

doch jenseits davon gibt es viele spannende

Geschichten über diese Menschen, die in

den Nachrichten in Deutschland und auch

anderen Ländern leider nur selten vorkommen:

über Israelis und Palästinenser, die

zusammen Radio für den Frieden machen,

Organisationen, die sich für arabische Lesben

einsetzen oder über orthodoxe Party-

Juden. Die Geschichten zu entdecken und

festzuhalten war nicht immer einfach: An

einigen Stationen unserer Reise hatten wir

kein Internet und keinen Handyempfang,

dafür aber immer Hummus. Fast jeder, mit

dem wir sprachen, hatte eine gefestigte Position

zum Nahost-Konflikt, die er oder sie

derart energisch und überzeugt verteidigte,

dass wir uns zeitweise noch weniger eine

eigene Meinung zutrauten – obwohl wir ja

nun näher dran waren und mehr Argumente

gehört hatten. Doch je näher man an den

Menschen dran ist, desto schwieriger ist

es, objektiv zu bleiben – oder auch zwischen

Subjektivität und Objektivität noch

unterscheiden zu können. Nach 16 Tagen

Israel und Westjordanland und mehreren

Wochen der Nachproduktion dieses Heftes

möchten wir vor allem vor vorschnellen Beurteilungen

warnen. Dafür sind der Nahe

Osten, Situation, Menschen und Entwicklungen

dort viel zu komplex.

Barbara Engels und Kim Bode

\\ 4


Frequenz des Friedens Nach der Gewalt kam der

Dialog: Der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elhanan

treffen sich einmal pro Woche, um in ihrer Radiosendung „Changing Direction“ über

Allah, Jahwe und den Rest der Welt zu plaudern. Ein Besuch im Tonstudio.

Von Nicole wehr

Nasser musste weg. Ein dringender Termin. Nun

lässt der Ersatz für den Aufnahmeleiter auf sich warten.

Bassam Aramin bleibt trotzdem entspannt. Geduld steht

neben Bescheidenheit und Spiritualität für die folgenden

29 Tage sowieso ganz oben auf seiner Agenda: Es ist der

erste Tag des muslimischen Fastenmonats Ramadan.

Der 42-jährige Bassam sitzt in einem der Arbeitszimmer

des Radiosenders „All For Peace“ in Jerusalem.

Während er sich mit seinem Moderationskollegen Rami

Elhanan unterhält, gleiten die 33 Perlen seiner Masbaha-

Gebetskette durch seine Finger. Es ist 16.30 Uhr. Die Aufzeichnung

ihrer Sendung „Changing Direction“ sollte eigentlich

schon vor einer halben Stunde angefangen haben.

Jeden Mittwoch setzen sich der Palästinenser Bassam und

der Israeli Rami vor zwei Mikrofone und plaudern eine

Stunde lang über alles, was ihnen gerade gesellschaftlich

wichtig erscheint. Sie sind zwei von 48 Freiwilligen, die

neben den 24 festangestellten Mitarbeitern das Programm

des 2004 gegründeten Radiosenders mit Inhalt füllen.

Die Kellerräume des Studios sind zwischen der Polizeizentrale

und einer Autowaschanlage gut versteckt.

Die Lage ist ein unfreiwilliges Sinnbild für den geringen

Bekanntheitsgrad des Radiosenders. Obwohl es inzwischen

viele Friedensinitiativen gibt, dominiert der Konflikt

zwischen Israelis und Palästinensern – nicht zuletzt

wegen der permanenten Krisenbilder in den Medien –

die Wahrnehmung der Menschen.

vor fünf Jahren auch Bassam und stellte ihn seinem Vater

vor. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, sagt Bassam,

der heute das Palästinensische Archiv in Jerusalem leitet,

und lacht. „Ich war sofort beeindruckt von Rami. Sich

nach dem Tod der eigenen Tochter so konsequent für den

Frieden einzusetzen, erfordert ganz schön viel Stärke.“

Worte sind die besten Waffen

Diese Stärke half Bassam besonders nach dem 16. Januar

2007. An diesem Tag wurde seine Tochter Abir in der

Nähe ihrer Schule in Anata von einem israelischen Grenzsoldaten

mit einer Gummikugel am Hinterkopf getroffen.

Der Soldat schoss aus vier Metern Entfernung – erlaubt

sind diese Kugeln zur Abwehr von Demonstranten nur bei

einem Abstand von mehr als 50 Metern. Angeblich hätten

In ihrer Sendung versuchen Rami und Bassam, ihre

Hörer auf unterhaltsame Weise zu informieren. „Warum

fastest du eigentlich?“, fragt Rami in der heutigen Sendung.

Er stellt Fragen, auf die er die Antwort natürlich

selbst schon lange weiß, und lässt so den muslimischen

Bassam den Islam erklären. Ihre Show erinnert ein bisschen

an „Die Sendung mit der Maus“. Die vielen positiven

Reaktionen auf ihre Arbeit geben ihnen die Kraft,

weiterzumachen. „Einmal stand eine junge israelische

Frau nach meinem Vortrag auf und umarmte mich“, erzählt

Bassam. Solche Erlebnisse gleichen unschöne Erinnerungen

aus. Erinnerungen wie die an einen palästinensischen

Schulleiter in Ostjerusalem, der seine Schüler

aufforderte, den beiden nicht zuzuhören. Oder an den Israeli

in Giv’atayim, der zu Rami sagte: „Schade, dass du

nicht mit deiner Tochter in die Luft gesprengt wurdest.“

Richtungswechsel durch worte: in ihrer radiosendung „changing direction“

plaudern der palästinenser bassam (li.) und der israeli rami über alles, was ihnen

gerade gesellschaftlich wichtig erscheint.

Erst Gegner, dann Gesprächspartner

Bei Rami und Bassam war das nicht anders. Sie

bekriegten einander: Rami als Soldat, Bassam als Widerstandskämpfer

im Untergrund. Wegen der Mitplanung

eines Anschlags auf einen israelischen Militärjeep saß

der Palästinenser Bassam sieben Jahre lang in Haft. Im

Gefängnis kam er mit einem der Wärter, einem jüdischen

Siedler, ins Gespräch. „So habe ich überhaupt erst vom

Holocaust erfahren. Nach und nach habe ich die andere

Seite verstanden.“ Nicht nur ihre Geschichte lernte er im

Gefängnis, sondern auch ihre Sprache – Bassam spricht

fließend Hebräisch.

Für den Israeli Rami Elhanan wandelte sich sein

Feindbild nach dem schlimmsten Tag seines Lebens. Am

4. September 1997 starb seine damals 14-jährige Tochter

Smadar bei einem Selbstmordanschlag auf der Ben Yehuda

Straße in Jerusalem. Rami suchte Hilfe beim „Parents’

Circle – Families Forum“, das in allen größeren Städten

des Landes aktiv ist. Die Organisation kümmert sich um

Israelis und Palästinenser, die Familienmitglieder beim

Konflikt zwischen den beiden Gruppen verloren haben.

„Dort nahm ich die Palästinenser zum ersten Mal als Menschen

wahr. Menschen mit ähnlichen Schmerzen, Tränen

und Träumen“, sagt der 60-jährige Grafikdesigner.

Die ganze Familie Elhanan engagiert sich für den

Frieden. Ramis Frau Nurit bekam 2001 vom Europäischen

Parlament den Sacharow-Preis für ihren Einsatz für die

Menschenrechte überreicht. Die Söhne Elik und Guy sind

Mitbegründer der „Combatants For Peace“, einem Verein

israelischer und palästinensischer Ex-Soldaten. Ziel dieses

Verbundes ist es, nicht sich gegenseitig, sondern den

Hass zu bekämpfen. Die ersten Treffen hielten die Brüder

in ihrem Elternhaus in Jerusalem ab. Dorthin brachte Elik

zuvor einige Kinder mit Steinen nach den Soldaten geworfen.

Der Tatort wurde nie untersucht. Abir starb zwei Tage

später an den Gehirnschäden. Sie war damals 10 Jahre alt.

„Rami war der erste, der uns im Krankenhaus besuchte“,

sagt Bassam. Die beiden verbindet inzwischen eine tiefe

Freundschaft.

Die Idee zur gemeinsamen Radiosendung kam

Bassam vor einem Jahr. Seit November 2009 moderieren

sie bei „All For Peace“. „Wir hatten nur bei der

ersten Aufzeichnung eine ausgebildete Radiojournalistin

zur Unterstützung dabei“, erzählt Rami. „Danach

kamen wir alleine klar. Wir reden einfach drauflos.“

Neben ihrer Show sprechen die beiden zweimal pro

Woche vor Schülern und Studenten über ihr Leben und

ihren Weg von der Gewalt zum Frieden, sowohl in Israel

als auch im Westjordanland. „Je mehr wir übereinander

wissen, desto weniger werden wir uns hassen“,

sagt Rami. Für ihn verläuft die Grenze nicht zwischen

Juden und Muslimen oder Israelis und Arabern, sondern

zwischen denen, die Frieden wollen und denen,

die ihn nicht wollen.

Nicole Wehr

26 Jahre, Hannover

Foto: Jonas Fischer

Auch wenn der Konflikt fortwährend Tote fordert,

lassen sich Bassam und Rami von ihrer Hoffnung auf Frieden

nicht abbringen. „Ob Ein- oder Zwei-Staaten-Lösung,

das ist doch egal – wichtig ist, dass wir unsere Zukunft

selbst in die Hand nehmen“, sagt Bassam. Nach der Aufzeichnung

ist er bei Familie Elhanan eingeladen – zum

gemeinsamen Abendessen nach Sonnenuntergang.

Studiert an der Hamburg

Media School und ist froh,

dass der Frieden abseits

der Krisenschlagzeilen keine

Utopie mehr ist.

5 //


Haus um Haus Im

endete der israelische Siedlungsbaustopp im Westjordanland.

Das Ringen zwischen Siedlern und Friedensorganisationen ging in

die nächste Runde. VOn Emilia von Senger

September

Foto: Martin Knorr

„Dort ist einer der drei Kindergärten, dahinter steht

das Jugendhaus und hier ist das Gemeindezentrum.“

Stolz führt Bob, ein in den Vereinigten Staaten geborener

Jude, durch das Dorf Efrat. Die israelische Siedlung

im Westjordanland liegt nur zwanzig Autominuten von

Jerusalem entfernt. Einfamilienhäuser aus sandfarbenem

Stein schmiegen sich an den Hang, die Straßen sind breit,

sauber und leer. Nur große, dunkle Jeeps zeugen von der

Anwesenheit der Bewohner. Bob wohnt schon seit zwanzig

Jahren in Efrat und ist heute Vorsteher des Religiösen

Rates, der darauf achtet, dass jüdische Traditionen eingehalten

werden. „Efrat verändert sich jedes Jahr: Vor

kurzem erst ist diese medizinische Notaufnahme eröffnet

worden“, sagt der 45-Jährige. Im Ernstfall könnten alle

Bewohner der Siedlung rund um die Uhr versorgt werden.

Schnell wird klar: Den potentiellen Siedlern würde

es an nichts mangeln. Aber sie haben keine Baugenehmigungen.

„Ich könnte 500 Häuser innerhalb von einer

Woche verkaufen“, sagt Bob und zeigt auf eine Ansammlung

von Containern auf einem gegenüberliegenden

Hügel. Die Bewohner der provisorischen Behausungen

warten schon seit Jahren auf eine Baugenehmigung des

Verteidigungsministeriums. „Wenn die Siedlung nicht

wachsen kann, wird sie sterben. Frisch verheiratete

Paare finden keine Häuser und ziehen weg“, sagt Bob.

„Frieden ist, wenn keine Raketen auf Israel fallen“

Im September endet der zehnmonatige Baustopp

im Westjordanland, den der israelische Ministerpräsident

Benjamin Netanjahu auf Druck der internationalen

Gemeinschaft Ende 2009 verhängte. „Wir werden

um das Wachstum der jüdischen Nachbarschaften in

Judäa und Samaria kämpfen“, sagt Naftali Bennet. Er

ist der Vorsitzende des Yesha-Rates, der die Siedler in

den besetzten Gebieten politisch vertritt und für die

Verbesserung ihrer Lebensumstände sorgen will. „Israel

ist ein winziger Landstrich, umgeben von arabischen

Ländern. Wir Juden können nur hier leben, die Palästinenser

aber haben viele Orte“, sagt der 38-Jährige.

Als Reservist einer Eliteeinheit des israelischen Militärs

wurde Bennet beim Ausbruch des zweiten libanesischisraelischen

Krieges im Juli 2006 eingezogen. „Dieser

Krieg hat mein Weltbild verändert: Ich habe realisiert,

dass es Menschen gibt, die uns umbringen wollen. Ich

hatte zum ersten Mal Angst um die Existenz Israels“,

erinnert er sich. Man müsse sich bewusst machen, dass

die meisten direkten Nachbarn den Staat Israel nicht anerkennen

wollen, ihm sogar feindlich gesonnen seien. Er

vertraue dem diplomatischen Frieden, den die Internationale

Gemeinschaft seit Jahrzehnten beschwört, nicht

mehr. „Frieden ist, wenn keine Raketen mehr auf Israel

fallen. Ich bin nicht bereit, um das Leben meiner Familie

zu pokern“, sagt der Vater von drei Kindern. Seit dem

Krieg unterstützt er die rechtsgerichtete Likud-Partei,

von 2006 bis 2008 war er Personalstabschef von Benjamin

Netanjahu.

„Israels Existenz ist von den Siedlungen abhängig“,

sagt Bennet. Sollten die Siedler abziehen, würden arabische

Einflüsse den palästinensischen Staat zu einem

„iranischen Ausläufer“ machen. Deshalb will der Yesha-

Rat die Zwei-Staaten-Lösung verhindern, wenn nötig

mit drastischen Mitteln. Das Westjordanland soll nach

Bennet weiter unter israelischer Kontrolle stehen. Sicherheit

werde demnach am besten durch ein immer feinmaschiger

werdendes Netz an Siedlungen gewährleistet.

„Baustopp nur symbolisch“

„Die Ein-Staaten-Lösung, welche die Siedler anstreben,

ist undemokratisch und damit nicht zionistisch“,

sagt Yariv Oppenheimer, der Geschäftsführer der Friedensorganisation

„Shalom Achshav“ („Frieden jetzt“).

Er bemängelt die Zwei-Klassen-Gesellschaft in der Region.

Palästinenser haben längst nicht die gleichen Rechte

wie die Israelis. Gäbe man ihnen aber in einem vereinten

Staat die gleichen Rechte, bestehe die Gefahr, dass

die jüdische Mehrheit im eigenen Staat zur Minderheit

würde. Das widerspreche ebenso dem Hauptziel des Zionismus,

der Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung

eines jüdischen Nationalstaats. Zwei Staaten seien also

die einzige Lösung, das akzeptiert mittlerweile die Mehrheit

der israelischen Bevölkerung und der Politiker. „Die

Zwei-Staaten-Lösung ist jedoch nur realisierbar, wenn

der Siedlungsbau dauerhaft und ausnahmslos gestoppt

wird“, sagt Oppenheimer. Der Baustopp sei nur symbolischer

Natur und habe ohne Verlängerung keinen positiven

Einfluss auf den Friedensprozess. „Die Anzahl der

Neubauten in den Siedlungen wurde durch das Moratorium

zwar reduziert, dennoch wird weiter gebaut“, sagt

Hagit Ofran, die bei „Shalom Achshav“ verantwortlich für

die Überwachung des Siedlungsbaus ist. Aufnahmen aus

der Luft, die die NGO vor und während des Baustopps

gemacht hat, zeigen, dass mehr als 600 Häuser neu gebaut

wurden, die meisten davon illegal. Mit Vorträgen,

Flyern und Demonstrationen will die Friedensorganisation

die israelische Öffentlichkeit von der Notwendigkeit

eines kompletten Baustopps überzeugen, der für den Erfolg

der Zwei-Staaten-Lösung so wichtig sei. Den Israelis

soll bewusst werden, was die Siedler längst verstanden

haben: Mit jedem neuen Haus wird die Gründung eines

palästinensischen Staates unwahrscheinlicher.

Emilia von Senger

23 Jahre

studiert Sozialwissenschaften in

Stuttgart und Bordeaux

hat im Westjordanland gelernt,

dass hier alles eine Frage der

Definition ist.

\\ 6


AuSSerhausarrest

In Ostjerusalem erheben jüdische Siedler Anspruch auf Land, auf dem

palästinensische Häuser stehen. Vier palästinensische Familien mussten ihre Häuser

bereits verlassen. Damit aber wollen sie sich nicht zufrieden geben.

Von Lisa Gutscher

Nasser Al-Ghawi sitzt am Straßenrand unter einem

großen Baum. Er blickt auf das gegenüberliegende Haus,

das eigentlich seines ist. Das meint er zumindest, denn

sein Vater habe es in den 1950er Jahren gebaut. Davor

gab es hier in Sheikh Jarrah, Ostjerualem, nichts außer

Olivenhainen. „In diesem Haus bin ich geboren und

aufgewachsen, habe 43 Jahre meines Lebens darin verbracht“,

sagt Al-Ghawi und deutet auf die andere Straßenseite.

Er zeigt auf ein Haus, auf dem jetzt eine israelische

Flagge weht. An der vorderen Hauswand lehnt eine kleine

Leiter. Darauf steht ein junger Mann, daneben ein

etwas älterer. Beide tragen eine Kippa, beide werkeln

gerade an der Fassade herum. Seit einem Jahr gehört

das Haus den jüdischen Siedlern. Das hat ein Gericht

entschieden. „Verschwindet endlich!“, rufen sie den Palästinensern

über die Straße zu.

Zwischen Al-Ghawi und seinem alten Haus, dem

Palästinenser und den Siedlern, tanzen, trommeln und

singen junge Menschen auf der Straße. Sie sind aus

verschiedenen Ländern in die von Israel besetzten Gebiete

gekommen, um dort gegen die jüdischen Siedler

zu demonstrieren. Persönlich betroffen sind sie zwar

nicht, dennoch fühlen sie sich verantwortlich. „Es ist

unsere Pflicht, die internationale Gemeinschaft auf die

Unterdrückung der Palästinenser aufmerksam zu machen“,

sagt die amerikanische Studentin Ilana Rossöff.

Die 23-Jährige demonstriert heute zum ersten Mal in

Sheikh Jarrah. Davor war sie unter anderem auch schon

in Hebron, um gegen die israelische Siedlungspolitik zu

protestieren. „Fast keiner von uns ist für längere Zeit

an einem Ort“, sagt Rossöff. Die jungen Leute werden

von verschiedenen Initiativen in Konfliktsiedlungen wie

Sheikh Jarrah geschickt, um an organisierten Demonstrationen

teilzunehmen. Nach einigen Wochen fliegen sie

dann wieder nach Hause.

Nasser Al-Ghawi aber bleibt, denn Sheikh Jarrah ist

seine Heimat. Seine Eltern seien 1956 hierhin gekommen,

sagt er, „als eine von knapp 30 Familien, die in einem

ersten Versuch der der Vereinten Nationen, palästinensische

Flüchtlinge nicht in Lagern, sondern in normalen

Stadtteilen anzusiedeln, hier ihre Häuser bauten“. Dokumente,

die beweisen, dass ihnen das Haus gehört, haben

die Al-Ghawis nicht.

Nach dem Sechstagekrieg 1967 und der israelischen

Eroberung Ostjerusalems gehörte Sheikh Jarrah

dann zum zionistischen Staat. Seitdem erheben jüdische

Siedler Anspruch auf die Grundstücke. In Sheikh Jarrah

mussten bisher vier palästinensche Familien ihre Häuser

verlassen, darunter die Al-Ghawis. Im Sommer 2009

entschied der Oberste Gerichtshof Israels, dass das Land,

auf dem das Haus der palästinensischen Familie steht, zu

Israel gehört.

In der Nacht ihrer Vertreibung, am frühen Morgen

des 2. August 2009, hätten sehr viele Polizisten ihr Haus

umzingelt, sagt Al-Ghawi. Gegen fünf Uhr hätten sie

dann die Haustür gesprengt. Der Familienvater erinnert

sich: „Ich konnte gerade noch meine beiden kleinsten

Kinder Adam und Sara, damals vier und fünf Jahre alt,

Das umstrittene Haus in Sheikh Jarrah.

an mich reißen, dann packte uns ein Polizist und schleifte

uns nach draußen.“ Der älteste Sohn sei von einem

Polizisten so stark verletzt worden, dass er ins Krankenhaus

musste. Nachdem die Familie draußen war, fährt

Al-Ghawi fort, seien sofort die Siedler ins Haus gegangen

und hätten viele ihrer Sachen auf die Straße geschmissen.

„Später, als wir ein letztes Mal in unser Haus durften, um

unsere Pässe zu holen, sahen wir, dass die Siedler unsere

Möbel kurz und klein geschlagen hatten.“

In der gleichen Nacht musste noch eine weitere Familie

ihr Haus verlassen. Seitdem protestierten internationale

Aktivisten jede Woche in einem Park oberhalb von

Sheikh Jarrah gegen die Verteibung. In der Straße der

geräumten Häuser dürfen sie nicht demonstrieren. „Dies

würde ja die jüdischen Siedler belästigen“, spotten die

Palästinenser. So errichtet die israelische Polizei jeden

Freitagnachmittag eine Straßensperre.

In seine alte Straße kommt Nasser Al-Ghawi jeden

Morgen. Dort verbingt er den ganzen Tag, unter dem

großen Baum, gegenüber von seinem alten Haus. Unter

diesem Baum habe er mit seiner Familie auch die ersten

fünf Monate nach der Verteibung in einem Zelt gelebt,

sagt er. Eine Ablösesumme für ihr Haus hätten sie nicht

bekommen. Auch andere finanzielle Hilfen oder eine

alternative Wohnmöglichkeit sei ihnen nicht angeboten

worden. Heute lebt die Familie bei Freunden in der Nähe,

Lisa Gutscher

18 Jahre

Foto: Jonas Fischer

aber in einem anderen Viertel. Al-Ghawi will im Schatten

des Baumes auf der anderen Straßenseite sitzen bleiben,

bis er wieder in sein Haus zurück darf. Aber die Siedler

hätten schon angedroht, den Baum zu fällen, sobald

sie das Grundstück in ihren Besitz gebracht haben, sagt

Al-Ghawi. „Dann haben wir nicht mal mehr einen Platz

zum Sitzen.“

ist froh, dass sie nicht mitten

in der Nacht aus ihrem Haus

geschmissen wird.

7 //


Grenzgänger Sie arbeiten als Gärtner, Lagerarbeiter oder

Taxifahrer. Gemeinsam haben sie, dass sie täglich aus dem Westjordanland nach Israel

möchten, wo sie arbeiten. Doch zunächst müssen sie durch den Checkpoint Qalqiliya.

Anna-Lena Alfter hat sie begleitet.

Ich bewege mich durch ein besetztes Land. Die Straße gleicht einer Hochsicherheitszone.

Jeder Meter ist gut ausgeleuchtet, regelmäßig tauchen Beobachtungsposten auf. Ich

stehe unter Generalverdacht. Auf dem Weg von Ramallah in Richtung Grenzübergang

Qalqiliya macht mich das weiße Autokennzeichen für die zweistündige Fahrt zu einer

Palästinenserin. In der Dunkelheit thronen die israelischen Siedlungen im Westjordanland

in hellem, gelblich-weißem Licht auf den Bergspitzen. Es sind Festungen. Burgen. Abgeschirmt

durch unüberwindbare Zäune und Alarmsysteme.

Noch ist die Straße leer. Doch ich bin nicht die einzige, die die lange Anfahrt zum

Grenzübergang nach Israel in Kauf nimmt. Bald werden auf dieser Straße mehrere hundert

Palästinenser fahren, denn sie ist Teil ihres Arbeitsweges. Arbeiter aus dem gesamten

mittleren Norden des Westjordanlandes müssen den Checkpoint passieren. Hinter dem

Nadelöhr strömen die Arbeiter zu den Fabriken, Baustellen und Büros im Ballungsgebiet

rund um Tel Aviv.

Qalqiliya – Eingeschlossen von israelischen Sperranlagen

Um 2.15 Uhr erreiche ich Qalqiliya – eine eingekesselte Stadt. Der einzige Zugang

zur Stadt ist die Straße aus dem Osten. Von hier endet die Fahrt aus allen Richtungen vor

einer 15 Meter hohen Mauer. An der Westgrenze ist in großen schwarzen Lettern „Exist

to resist“ geschrieben.

Der einzige Ausweg gen Israel aus dieser Sackgasse ist für die palästinensischen

Arbeiter der Checkpoint im Norden der Stadt. Hier treffen zwei Welten aufeinander. Diesseits

des Zauns ist eine kleine arabische Welt entstanden: Kleine überdachte Stände umrahmen

links und rechts einen Warteplatz. Einige kaputte Plastikstühle und eine lange

Holzbank laden zum Sitzen ein. Ein Junge verkauft lauthals Teigwaren. Hier brummt eine

Geschäftigkeit, die mich zu dieser Stunde überrascht. Es werden Kaffee und Tee gekocht,

Bratfett für die Falafel erhitzt, Teigwaren angeliefert, Essen in kleine Portionen verpackt

und auf dem Holztresen aufeinander gestapelt. Alles ist vorbereitet für den Ansturm der

Arbeiter.

Jenseits des Zauns erstreckt sich ein großer, weißer Flachbau. Eingetaucht in das

weiße Neonlicht wirkt der Checkpoint wie eine Fabrik. Eine gewaltige Maschinerie, die

die Arbeiter fließbandartig in sich hineinsaugen wird, begleitet vom gleichmäßigen Klacken

des Drehkreuzes am Eingang. Das schweigt jetzt aber noch. Erst ab vier Uhr werden

hier die Hebel in Bewegung gesetzt, um an einem Tag etwa 8 000 bis 10 000 Arbeiter

durchzuschleusen.

„Ich kann mir nicht leisten, den Job zu verlieren. Also bin ich frühzeitig hier.“

Während ich einen Tee trinke, kommen um 2.45 Uhr die ersten Arbeiter zum Checkpoint.

In Autos oder Taxen, mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Noch gibt es keine Warteschlange.

Das verschafft den Arbeitern etwas Zeit. Ahmed Jakar* ist ein Lebensmittelverkäufer

aus Nablus. Er erklärt mir, was ein Palästinenser braucht, um in Israel arbeiten zu können:

„Als erstes eine Arbeitserlaubnis und diese Magnetkarte. Auf der Magnetkarte werden alle

persönlichen Informationen mit Foto und Fingerabdrücken gespeichert.“ In den Händen

hält er eine gewöhnliche Plastikkarte. „Erst danach kann der israelische Arbeitgeber eine

Arbeitserlaubnis beantragen.“ Er kramt einen rosa Zettel aus seiner Plastiktüte hervor.

Wie im Hühnerstall: Palästinenser warten am frühen Morgen am Checkpoint.

\\ 8


Fotos: Jonas Fischer

Die Arbeitsplätze sind für die Palästinenser existentiell wichtig. In den Autonomiegebieten

gibt es keine staatlichen Versicherungen. Keine Arbeit bedeutet keinerlei Geld

zum Überleben. Einmal Zuspätkommen kann schon den Arbeitsplatz kosten. Deswegen

planen die Arbeiter ihre Zeit am Checkpoint großzügig ein. Sie können nie einschätzen,

wie sich die Soldaten verhalten werden. Manchmal schließen sie den Checkpoint, weil sie

frühstücken oder um die Menschenmasse zu bremsen. Ahmed ist so früh da, weil er um

fünf Uhr seinen Gemüseladen aufschließen muss. Heute läuft es hier ruhig, also trinken

wir noch einen Tee.

Mikrokosmos Checkpoint

Um 4.05 Uhr gibt das grüne Licht das Startsignal für die Drehtüren. Die Arbeiter

bahnen sich ihren Weg durch ein Labyrinth aus Gängen, Absperrungen, Kontrollen und

Wachposten. Erst nach fünf Drehkreuzen sehen sie die ersten israelischen Soldaten hinter

Panzerglas. Diese kontrollieren die Arbeitserlaubnis, den Ausweis, die Magnetkarte und

durchleuchten das Gepäck. An weiteren Stationen überprüfen sie jeden Tag die Abdrücke

aller Finger und tasten den Körper ab. „Ich haben jeden Tag Sorgen, dass mich das Labyrinth

irgendwann nicht mehr freigibt“, sagt Ahmed. Seit vier Jahren mache er das schon

mit. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt er. Er versucht sogar, es mit Humor zu nehmen:

„Eigentlich sollte ich mehrere Familien haben. Dann wäre ich nicht so oft von meinen

Lieben getrennt.“ Er lacht. Mir hingegen ist das Lachen vergangen. Weil Ahmed nun los

muss, ruft er mir noch schnell über die Schulter zu: „Du sollst wissen: Wir haben unsere

Herzen herausgenommen und unseren Verstand stumm geschaltet. Wir funktionieren nur

noch.“ Er verschwindet langsam trottend im Gebäude.

Mittlerweile ist auf dem Vorplatz des Checkpoints viel los. Die ankommenden Arbeiter

kaufen Frühstück und stellen sich in die Schlange. Einige Gesichter sind noch zerknittert

vom Schlaf. Andere sind in reger Unterhaltung miteinander. Um 4.15 Uhr werden

leise die Gesänge des Muezzin vom Wind zu uns getragen. Er ruft die Muslime zum Gebet.

Jetzt erst fällt mir auf, dass in einer überdachten Ecke eines Standes Teppiche ausgelegt

sind. Hier stehen einige Männer nebeneinander gen Osten gerichtet. Jeder für sich tief im

Gebet versunken. Obwohl sie den Checkpoint im Rücken haben, scheinen sie die Welt um

sich herum zu vergessen. Hinter ihnen hat sich der Warteplatz vor dem Checkpoint zu

einem Schauplatz eines gewöhnlichen morgendlichen Lebens entwickelt. Der Alltag wird

aus Zeitmangel in die Warteschlange verschoben.

Gegen halb acht ist der größte Ansturm vorbei. Nur noch vereinzelte Arbeiter laufen

Richtung Drehkreuz. Für mich bleibt der Checkpoint verschlossen. Ohne Arbeitserlaubnis

weisen mich die israelischen Soldaten ab. Über die verwaiste Wartefläche laufe ich

zurück, während die Verkäufer ihre Stände abbauen und den Müll der letzten Stunden

zusammenkehren. Um 19 Uhr müssen die Arbeiter wieder zurück sein, sonst verlieren sie

ihre Aufenthaltsgenehmigung für Israel. Und morgen geht es wieder von vorne los: Ein

ganz normaler Arbeitsweg im Westjordanland.

Anna-Lena Alfter

28 Jahre, Berlin

ist die Geschäftsführerin der

Jugendpresse und hat in ihrer

Nacht am Checkpoint begriffen,

wie hoch der Preis für einen Arbeitsalltag

sein kann.

* Name von der Redaktion geändert

9 //


auf den

alltag fokussiert Es gibt Nachrichtenbilder,

die ein Land auf kurze Sequenzen des Extremen verzerren. und es gibt Filme, die genau

das gegenteil versuchen. Die junge Filmszene in Israel und Palästina ist ein Puzzle

aus vielen Facetten, das den Nahen Osten nicht nur unter dem Eindruck des Konflikts

erscheinen lässt. Von viviane petrescu

Der Konflikt. Es klingt wie ein Verhängnis, spricht

man dieses Wort aus. Manche sprechen von ihm auch wie

von einem Fluch. „Dschenin liegt um die Ecke, aber die

Leute ziehen es vor, an den Rand zu schauen“, meint Amir

Tausinger, der als Production Manager an der Universität

Tel Aviv arbeitet. Der politische Konflikt, der Israelis und

Palästinenser spaltet, sei fest in ihrem Alltag integriert. Es

gebe dem Zuschauer nicht Neues, ihm seinen Alltag zu zeigen.

Wichtiger scheint der Blick auf das Innere, das Kleine.

Der Film kennt keine Landesgrenzen, keine Checkpoints.

„Israel ist momentan in keiner leichten Situation, aber weitere

neunzig Minuten Leid auf der Leinwand ändern daran

Menschen dabei zu, wie sie sich auf Karussellen drehen

und fängst kleine Gefühle ein, Momente des Menschseins“,

beschreibt Noam seine Motivation, zu drehen.

„Ich möchte Menschen dazu bringen, nachzudenken.

Über sich, über andere, über die Gesellschaft. Filme sind

ein Spiegel der Gesellschaft, ohne Anspruch, sie zu verändern.

Das passiert im Menschen.“ Für das technische

Können gibt es Kurse, aber der Mensch, der hinter der

Kamera steht, führt das Objektiv durch seinen eigenen

Blick. Einen anderen Blick. „Gute Filme zeigen die Realität

so, wie du sie vorher noch nicht gesehen hast, vielleicht

nicht sehen wolltest“, sagt Amir Tausinger.

dabei unterstützt, ihren Blick auf die Kinoleinwand zu

bringen. „Ich wusste, ich habe etwas in mir, eine Art Talent,

vielleicht war es auch mehr Drang. Als Regisseurin

gestärkt zu werden, hat mich als Person gestärkt.“ Wenn

sie Filme dreht, ist sie frei. „Es gibt Millionen von palästinensischen

Mädchen, die auch etwas in sich haben.

Ich mache meine Filme vor allem für sie.“ Ihre Kamera

war dabei, als sie ihrem traditionell gläubigen Bruder erzählte,

dass sie einen Freund hat. Stellvertretend erzählt

sie ihre Geschichten. Deshalb drehe sie lieber Dokumentarfilme.

„Die palästinensischen Schauspieler sind nicht

natürlich. Die Blicke, die Gesten, die Worte, alles eine

Nummer zu groß.“ Ihre Filme handeln von Konflikten,

nicht vom Konflikt. „Aber er gibt mir einen Grund, eine

ständige Dringlichkeit.“

Mehr Platz für Kreativität

Junge Filmemacher im Wetsjordanland.

nichts. Man muss sich weiter entwickeln, um Dinge zu

verändern.“ Noam Naumovsky, der letztes Jahr sein Filmstudium

abgeschlossen hat, belaste sein Heimatland, das

nicht zu seiner Entscheidung, Filme zu drehen, beigetragen

habe. „Es ist ein unglaublicher Druck, wenn die Menschen

dich immer erst als Israeli sehen.“ Alex Bakri geht

es nicht anders. Er arbeitet als Filmemacher in Palästina.

„Ich möchte die kleinen Geschichten zeigen, die Geschichte

der Menschen, die meine Filme sehen. Die Geschichten

der Palästinenser.“ Zeigt Alex seine Filme in Deutschland,

übersehe das Publikum die feinen Eigenheiten, die wahre

Geschichten erst begreifbar machen. Die Kultur, die zwischen

den Szenen schwingt, sei zu fremd. Und Filme seien

nicht dazu gedacht, Kultur beizubringen.

Der Förderfluch

Der Kinosessel ist keine Schulbank. Weder erziehen

Filme einen Menschen, noch kann man das Filmemachen

erziehen. „Einen Film zu drehen ist wie ein Spaziergang

durch einen Abenteuerpark. Du schaust den

Foto: Anne Bolick / Cinema Dschenin

Ohne eigene Filmindustrie fehlt der Szene in Palästina

vor allem Geld. Die Fördergelder kommen von außen

und verlangen nach dem Konflikt. Alex kennt dieses

Problem nur zu gut.„Der internationale Markt ist größer,

aber er würde mich von den Gründen abbringen, aus

denen ich beschlossen habe, Filme zu drehen. Der Konflikt,

das ist doch nur für die Förderer aus Europa und

Amerika sexy, die junge Filmemacher mit Geld füttern.

Mit dem deutschen Geld kommt dann leider auch die

deutsche Redaktion.“ Für viele sei die Verlockung, Filme

für internationales Publikum zu drehen, größer, als die

eigene Idee. „Ich hoffe, Palästina entwickelt sich weg von

diesem Förderfluch und wird unabhängig davon, was

den Europäern gefällt. Das hoffe ich wirklich sehr.“

Erste Schritte gibt es schon. Erste Gelder, die zu

ersten Schritten werden und nicht zu ersten Kompromissen.

Omaima Hamori hatte Glück. Sie wurde von der Organisation

„Shashat“ ausgewählt. Diese palästinensische

Nichtregierungsorganisation versucht, das Bild der Frau

in der Gesellschaft zu verändern, indem sie junge Frauen

Die Konkurrenz unter dem Filmmachern ist groß.

Bemerkbar macht sich das vor allem im Kampf um die

knappen Produktionsgelder. Die ständige finanzielle Not

wird aber gleichzeitig die größte Chance. Alles muss

schnell und spontan passieren. Keine Zeit für lang überlegte

Vorgaben. Mehr Platz für Kreativität. „Die Szene

ist unglaublich leidenschaftlich und voller Energie, ein

einziger vibrierender Puls. Es ist eine gute Zeit für den

jungen Film“, meint Amir Tausinger. Die Filme handeln

nicht nur vom Lebensalltag, sie werden auch so gedreht.

Die jungen Filmemacher in Israel und Palästina trennt

kein roter Teppich vom Publikum. In ihrer Spontaneität

ganz individuell gedrehte Filme schaffen es, Menschen

individuell zu erreichen. Zu verändern. Das scheinbar so

Spezielle ihrer Heimatländer, der politische Hintergrund,

liegt längst hinter ihnen. Losgelöst von thematischen Erwartungen,

erzählen sie ihre Geschichten und sind dabei

so tief natürlich, dass sie einen nur tief berühren können.

In Deutschland wahrscheinlich ins Programmkino abgeschoben,

dürfen Filme hier einfach Filme sein. Und während

Politiker um die Opferrolle ihres Landes kämpfen,

entsteht eine Blase aus kreativen, jungen Filmemachern.

Zwar sind Israelis und Palästinenser in ihren eigenen

Szenen aktiv. Doch eines haben beide gemeinsam. Sie

machen Filme, einfach nur, um Filme zu machen. Weil

sie es lieben, wenn Menschen in ihren Bildern verloren

gehen und kleine Stückchen Wahrheit finden.

Viviane Petrescu

18 Jahre, Bückeburg

macht gerade ihr Abitur und

hat festgestellt, was für ein

Luxus es ist, seine Freiheit nur

auf persönlicher Ebene erstreiten

zu müssen.

\\ 10


Auf dem Filz geblieben Hoffnung,

Arbeit, Geld – in das im sommer 2010 wiedereröffnete Kino in Jenin wurde

viel investiert, damit zur Premiere vor internationalem publikum alles

gut geht. Aber was bleibt davon übrig? Geld, Arbeit, Hoffnung? Von Katharina

Asbrock

Inspiration zum „Cinema jenin“

Die Idee zum Wiederaufbau des Kinos kam

dem deutschen Dokumentarfilmer Marcus

Vetter bei der Arbeit an seinem Film „Das

Herz von Dschenin“. Darin erzählt Vetter die

Geschichte des Palästinensers Ismail Khatib,

dessen elfjähriger Sohn im Jahr 2005 in

Dschenin auf der Straße von israelischen Soldaten

erschossen wurde. Dennoch entschied

sich Khatib, die Organe seines Sohnes an israelische

Kinder zu spenden. Nach Abschluss

der Dreharbeiten beschlossen Vetter und Khatib

gemeinsam, das alte Kino in Dschenin zu

renovieren. „Mein Sohn wurde auf der Straße

getötet, weil er nirgendwo hingehen konnte“,

sagt Khatib. „Ich wollte, dass es in Dschenin

einen Ort gibt, an dem sich die Jugendlichen

ohne Gefahr aufhalten können.“

Foto: Jonas Fischer

20 Minuten vor der Einweihung rollen zwei Handwerker

noch schnell eine rote Filzrolle die paar Stufen

zur Straße hinunter. Zu schmal, entscheiden die beiden

und kleben mit schwarzem Tape noch eine weitere Bahn

daneben. Bald darauf schon laufen auf dem kurzfristig

improvisierten roten Teppich die Festivalgäste entlang.

Um sie herum unzählige Journalisten, Kamerateams und

Fotografen, die meisten von ihnen sind Deutsche. Über

ihnen prangt das neue Logo „Cinema Jenin“, im gleichen

knalligen Rot wie die übergroße Coca-Cola-Reklame des

Kiosks nebenan. Im Kinosaal hängt seit wenigen Stunden

erst die Leinwand.

Dabei gibt es das Kino in der palästinensischen Stadt

im Westjordanland eigentlich schon seit 1957, doch im

Zuge der ersten Intifada Ende der 1980er Jahre wurden die

Filmvorführungen mangels Geld und Interesse eingestellt.

Daraufhin verkam das Gebäude zu einer Schutthalde.

Schade, dachte sich der deutsche Regisseur Marcus Vetter.

Zusammen mit den beiden Dscheninern Fakhri Hamad

und Ismael Khatib – und unterstützt durch großzügige

Förder- und Spendengelder aus Deutschland – hauchte er

dem Kino im Jahre 2010 neues Leben ein. Nun ist es mit

335 Plätzen im Saal das größte im Westjordanland, dazu

kommen noch einmal 700 Sitze im Außenbereich. Während

die Erwachsenen das neue Open-Air-Kino in Dschenin

erleben, können ihre Kinder nebenan in einem eigens

dafür angelegten Riesensandkasten spielen.

„Das Kino soll die Menschen in Dschenin wieder

näher zusammenbringen. Es soll neben der Filmvorführungen

vor allem auch ein Ort der Begegnung werden“,

sagt Initiator Marcus Vetter bei der feierlichen Kino-Eröffnung.

Noch begegneten sich hier überwiegend ausländische

Besucher, doch mit deren Abreise liege das Kino

ganz in den Händen der Stadt. Die Erwartungen und Hoffnungen

an das Projekt Cinema Dschenin sind groß. Die

Herausforderungen auch.

So stellt sich zum Beispiel die Frage, welche Art von

Filmen denn überhaupt in dem palästinensischen Kino

gezeigt werden sollen. Hollywood-Blockbuster oder Low-

Budget-Independent-Produktion, Popcorn oder Arthouse?

Vetter und sein Team präferieren die zweite Option, sie

wünschen sich einen ambitionierten Spielplan: „Es sollen

gute Filme gezeigt werden. Nicht nur Thriller, Romanzen

oder Komödien, sondern Filme, die eine tiefere Botschaft

vermitteln.“ Ein frommer Wunsch, denn die Dscheniner

selbst sehen es anders: „Wir wollen Liebesfilme. Am liebsten

welche aus Ägypten oder der Türkei. Dort wissen sie,

wie man gefühlvolle Filme macht“, sagt Fahad.

Spielplan hin oder her, für einige Dscheniner ist

das neue Kino sowieso keine Option. „Ich habe doch

einen Fernseher“, sagt Mohamed. Er tummelt sich in der

neugierigen Meute vor dem Kino, in seinem Mundwinkel

hängt eine Zigarette. Der Einheimische beäugt das

frisch renovierte Gebäude – und die vielen Helferinnen

und Besucherinnen aus Deutschland, die für Dscheniner

Verhältnisse eher spärlich bekleidet umherlaufen. Für

Mohamed sind die vielen Besucher ein gutes Zeichen:

„Das Kino bringt uns Hoffnung. Bald kennen viele Menschen

Dschenin und kommen hierhin. Sie werden sehen,

wie friedvoll und offen Palästina ist!“, sagt er. Für ihre

Gäste haben die Einheimischen sogar ein paar Brocken

Deutschen gelernt: „Willkommen, willkommen in Palästina!“,

rufen die Händler aus ihren kleinen Läden links

und rehts des neuen Kinos. Sie freue sich über das florierende

Geschäft: Das Kühlschrankfach mit den Wasserflaschen

ist bereits leergekauft.

Doch schon wenige Tage nach der Eröffnungsfeier

werden die ausländischen Helfer und Premierengäste

wieder abreisen – und mit ihnen auch das mediale Interesse.

Auch die längerfristige Finanzierung des Kinos

ist noch nicht geklärt. Die Initiatoren sehen das aber

gelassen: „Cinema Jenin basiert auf Vertrauen. Wir können

gar keinen allzu vorausschauenden Finanzplan entwerfen,

sondern müssen uns den hiesigen Situationen

anpassen“, sagt der deutsche Regisseur Vetter. Dagegen

sieht der Direktor des Goethe-Instituts in Ramallah, Jörg

Schumacher, einen gewissen Planungsbedarf für die Zukunft:

„Die Herausforderung wird es jetzt sein, den Betrieb

in Dschenin zu organisieren und sich noch stärker

zu vernetzen.“ Zum Beispiel mit den zwei anderen palästinensischen

Kinos in Ramallah und Nablus.

„Das Cinema Jenin kann alle Palästinenser zusammenbringen“,

darauf hofft auch die junge Dscheninerin

Ruba Saad. Für sie bedeutet das neue Kino vor allem

eine Chance für die wirtschaftliche Entwicklung der Region.

„Wenn die ökonomischen Verhältnisse besser werden,

können auch immer mehr Leute aus Dschenin ins

Kino gehen.“

Katharina Asbrock,

24 Jahre, Berlin

Studiert Theater- und Literaturwissenschaft

an der Freien

Universität Berlin.

11 //


Wie ein Seiltänzer Aus dem Nahen Osten zu berichten

gleiche einem Drahtseilakt, weiss ARD-Korrespondent Richard c. Schneider.

Zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten Filmend und Schneidend hat

Paul Frisch ihn doch noch erwischt.

Herr Schneider, warum ist es eigentlich so schwer,

sich mit Ihnen zu verabreden?

Ich habe gerade im Moment einfach wahnsinnig viel

zu tun und muss viele Dinge gleichzeitig erledigen. Es ist

aber auch generell so, dass ich als Auslandskorrespondent

am Morgen nie weiß, wie der Tag verlaufen wird. Einen

gewöhnlichen Redaktionsalltag gibt es nicht. Da kommt

es schon mal vor, dass man Karten für ein Konzert am

Abend hat, und sich dann im letzten Moment herausstellt,

dass man nicht hingehen kann.

Unterscheidet sich Ihre Arbeit im Nahen Osten denn

von Korrespondentenstellen in anderen Ländern?

Wir sind hier in einem Kriegs- und Krisengebiet, da

haben wir natürlich andere Voraussetzungen als etwa in

Washington oder irgendwo in Europa. Dazu kommt, dass

wir immer besonders auf eine ausbalancierte Berichterstattung

achten müssen, also dass wir ausgewogen über

die israelische und die palästinensische Seite berichten.

Das ist gar nicht so einfach.

Ist der persönliche Bezug eines Korrespondenten zu

seinem Einsatzgebiet wichtig – oder gar notwendig?

Eigentlich ist es ja so, dass jeder handwerklich gute

Journalist sich in komplexe Themen einarbeiten kann.

Aber natürlich hat es Vorteile, wenn man – wie ich Hebräisch

– die Sprache des Landes sprechen kann und über

die Gewohnheiten und Empfindlichkeiten des Landes und

deren Bevölkerung Bescheid weiß. Ich verfolge die Lage

hier im Nahen Osten schon seit Jahren. Das erleichtert

meine Arbeit heute. Allerdings merke ich auch den Nachteil,

dass ich kein Arabisch kann, wenn ich auf der palästinensischen

Seite bin.

Wie groSS ist das Interesse der Heimatredaktionen am

Nahen Osten?

Obwohl wir heute mehr denn je in einer Situation

sind, in der sich die Auseinandersetzung zu einem

weltweiten Konflikt entwickelt hat, hat das Interesse abgenommen.

Nur wenn irgendwo in der Region Raketen

einschlagen und viele Menschen sterben, schauen die Medien

wieder genau hin. Insgesamt ist es schwerer geworden,

den Heimatredaktionen Themen zu verkaufen. Das

ist aber nicht nur bei Berichten über den Nahen Osten so,

sondern das ist eine Entwicklung, die die gesamte Auslandsberichterstattung

betrifft.

Gehen die deutschen Medien mit Israel zu hart ins

Gericht?

Ich verfolge zwar vor allem die hiesigen Medien,

aber soweit ich das einschätzen kann, geht Deutschland

im Vergleich zu anderen europäischen Medien relativ vorsichtig

mit Israel um. Zwei Probleme fallen mir dabei aber

immer auf: Zum einen können die Meisten die historische,

religiöse und kulturelle Komplexität des Konflikts oft nicht

erfassen. Zum anderen wird in vielen Kommentaren und

Berichten zu der Lage hier häufig nur die deutsche Geschichte

abgehandelt – und so der Nahost-Konflikt für die

eigene Vergangenheitsbewältigung missbraucht.

Der Angriff der israelischen Armee auf die Gaza-Hilfsflotte

am 31. Mai wurde von den deutschen Medien

zunächst kritisch kommentiert, dann mit wachsendem

Verständnis dargestellt. Können Sie das erklären?

Da hat Israel massive Fehler gemacht: Sie haben

wichtige Informationen und Bilder erst Tage nach dem

Vorfall freigegeben. Dadurch wurde zunächst Raum für

die Behauptungen einer Seite geschaffen, die die Israelis

dann später versuchten zu widerlegen. Damit waren

sie aber auch sofort in der Situation der „Rechtfertigung“.

Die modernen Medien funktionieren anders: Schlagzeilen

müssen sofort gemacht werden. Was in den ersten

zehn, zwanzig Minuten publiziert wird, ist sozusagen

das Skript, das zunächst alles festlegt. Das ist ein Phänomen,

das exemplarisch die journalistischen Probleme unserer

Zeit zeigt: Oft wird einfach schnell eine Schlagzeile

online geschaltet, ohne wirklich nachzurecherchieren

und ohne Quellen anzugeben. Außerdem kennen sich

viele, wie schon gesagt, nicht gut genug mit dem Nahost-

Konflikt aus. Man wusste z.B. nichts über die IHH und

ihre Verbindungen zur Partei Erdogans, über die Hassgesänge

auf Israel ehe die Schiffe in See stachen etc. Und

viele von denen, die wenig wissen, sind sich auch nicht

bewusst, dass sie zu wenig Ahnung haben. Die meisten

denken, sie wüssten bestens Bescheid und meinen, alles

kommentieren zu müssen. Aber keiner würde sich

etwa trauen, im Kaschmir-Konflikt Indien oder Pakistan

Recht zu geben. Im Nahost-Konflikt ergreifen die meisten

schon viel eher Partei für eine Seite, häufig ohne jemals

hier gewesen zu sein. Was ich hier beschreibe bedeutet

nicht, dass ich das israelische Vorgehen rechtfertige. Mir

geht es um eine seriöse Berichterstattung, die versucht,

allen Seiten gerecht zu werden.

Ist das nicht demotivierend, wenn Sie merken, dass ein

GroSSteil Ihrer Arbeit nicht wahrgenommen wird?

Nein, ich mache den Job ja, weil er mir Spaß macht.

Den Glauben oder die Hoffnung, dass ich mit dem, was

ich mache, irgendetwas zum Besseren wenden kann,

habe ich nicht. Wenn auch nur ein paar Zuschauer etwas

davon mitnehmen, ist das schön.

Sind die israelischen Journalisten gegenüber ihrem

Staat kritisch genug?

Ja, auf jeden Fall. Problematisch ist allerdings, dass

sie relativ wenig über die palästinensische Seite berichten.

Sie drucken zwar die Reden der Politiker in den palästinensischen

Autonomiegebieten, schreiben aber nichts

über die Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft dort.

der ARD-Korrespondent in Tel Aviv, Richard C. Schneider,

berichtet von der Kinoeröffnung in Dschenin.

Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat das

israelische Militär auf Platz 35 der „Feinde der Pressefreiheit“

gesetzt. Zu Recht?

Ich persönlich habevc bislang keine schlechten Erfahrungen

in dieser Richtung gemacht. Es gibt hier Zensur,

keine Frage. Sie betrifft überwiegend den militärischen

Bereich, wenn die Sicherheit des Landes auf dem Spiel

steht. Das ist in Deutschland auch nicht anders. Aber natürlich

gibt es hier auch Schikanen, keine Frage. Doch in

den 20 Jahren, in denen ich hier als Journalist arbeite, bin

ich noch nie zensiert worden. Ich finde eher problematisch,

dass sich manche Bevölkerungsgruppen, wie zum

Beispiel orthodoxe Juden oder radikale Muslime, nicht

filmen lassen – und sogar manchmal mit Steinen auf uns

werfen.

Sie waren früher Theaterregisseur. Wie würden Sie

den Frieden im Nahen Osten inszenieren?

Da muss ich Ihnen leider sagen: Ich glaube nicht an

den Frieden im Nahen Osten.

Paul Frisch

18 Jahre, Nürnberg

Geht noch zur Schule und

brauchte einige Anläufe,

um sich mit Richard C. Schneider

zu treffen.

Foto: Martin Knorr

\\ 12


Kein Frieden ohne gute

Nachrichten Beim Nahost-Konflikt wird

die Wahrheit zur Ansichtssache. Journalisten über ihren Kampf mit

Behörden, Zensur und das Ringen um Demokratie. Von Sidney Gennies

Im achten Stockwerk des Al-Majid-Gebäudes in Bethlehem

lehnt sich Nasser Al-Laham nachdenklich in seinem

Ledersessel zurück. Eine fast leere Schachtel Marlboros

und der kalte Rauch, der von der Klimaanlage umgewälzt

wird, zeugen von durcharbeiteten Nächten. Nasser ist

Chefredakteur der palästinensischen Nachrichtenagentur

Ma’an News (MAN), für ihn die letzte Bastion der

Pressefreiheit im Westjordanland. „Nur wir liefern noch

unabhängigen Journalismus“, sagt er. Im Regal steht ein

Foto von Mahmud Abbas, dem Präsidenten der palästinensischen

Autonomiebehörde. Es scheint ihm stumm zu widersprechen.

Denn parteiisch, ja, das sei er schon, räumt

Nasser ein. „Ich bin Araber, ich kümmere mich um meine

Leute.“ Wenn er von seiner Heimat Palästina spricht,

von Israel und der Besetzung, will er nicht leugnen, auf

welcher Seite er steht. Der endlose Konflikt hat ihn zu

einem verbitterten Mann werden lassen. In seinem Zorn

vergleicht er die palästinensischen Gebiete mit dem Kosovo

und Israel mit Nazi-Deutschland. Sechs Jahre hat er in

israelischer Gefangenschaft verbracht. Er gibt zu, dass es

sehr schwer ist, über seinen Feind fair zu berichten. „Aber

wir versuchen es“, sagt Nasser. Man dürfe, so sagt er, die

Menschen nicht vergessen und um des Friedens Willen

nicht Regierung und Bevölkerung gleichsetzen.

Zensur sogar ein offizieller Bestandteil der Medienlandschaft.

„Für den Fall, dass ein direkter Konflikt zwischen

der Pressefreiheit und der staatlichen Sicherheit existiert,

steht laut dem Obersten Gerichtshof die Sicherheit über

der Pressefreiheit“, sagt die Chefin der Zensurbehörde,

Sima Vaknin-Gil. Nachrichten über ein mögliches israelisches

Atomprogramm oder Truppenbewegungen dürfen

nicht veröffentlicht werden. Fast alle israelischen Medien

reichen fragliche Berichte deshalb bei der Behörde

zur Prüfung ein – freiwillig. Denn wird ein Beitrag nicht

Israelische Medien bringen keine Themen, die den Staat

schlecht darstellen, meint Journalistin Orly Halpern.

Zeitungen verkaufen. So erfahre die Öffentlichkeit nichts

von der Situation in den besetzten Gebieten und könne

nur in geringem Maße Mitleid entwickeln.

Berichten bis zur Mauer

Drei Millionen Menschen rufen die Seite der Nachrichtenagentur

monatlich auf, nur Google hat in den palästinensischen

Gebieten mehr Zugriffe. 301 Mitarbeiter

haben mit TV- und Radioprogrammen, arabisch-hebräisch-englisch

Onlineangeboten das Nachrichtenmonopol

im Westjordanland. „Wenn wir sagen würden, dass

es eine Chance für Frieden gibt, würden die Leute uns

glauben“, sagt Nasser. Doch er sieht diese Chance nicht.

Schuld sei Israel: „Sie sind im Machtrausch ihrer militärischen

Stärke.“ Als palästinensischer Journalist hat er mit

einigen Schikanen zu kämpfen. Jerusalem kann er von

seinem Büro aus fast sehen, besuchen kann er die Stadt

nicht. Denn die Mauer zwischen Israelis und Palästinensern

existiert nicht nur in den Köpfen: Ein meterhoher Betonwall

mit einer Krone aus Stacheldraht trennt die beiden

Völker auch physisch voneinander. „Um trotzdem berichten

zu können, arbeiten wir mit Israelis und Ausländern

zusammen“, sagt Nasser. „Auch mit Juden.“ Besonders

das israelische Militär behindere Journalisten bei ihrer

Arbeit. Nach Gaza dürften sie keine Reporter entsenden,

sagt Nasser. „Und die Bilder, die uns die Armee liefert,

taugen nur für Hollywood. Sie zeigen nicht, was wirklich

geschieht.“ Wer trotzdem kritisch berichtet, müsse mit

Repressalien rechnen. Erst am 12. Januar dieses Jahres

sei dem Chef der englischen Abteilung von Ma’an News,

Jared Malsin, die Einreise nach Israel verweigert worden.

Nach Malsins Angaben habe das Militär ihn am Ben Gurion-

Flughafen verhaftet und nach acht Tagen wieder in

die USA abgeschoben. Als offiziellen Grund seien „Sicherheitsbelange“

angegeben worden. Eine Beschwerde beim

Militär von Ma‘an News blieb wirkungslos.

Freiwillige Zensur

Wegen solcher und ähnlicher Vorfälle landete das

israelische Militär im Bericht von Reporter ohne Grenzen

(ROG) im Jahr 2009 auf Platz 35 der „Feinde der

Pressefreiheit“. Und damit knapp hinter dem iranischen

Präsidenten und erklärten Erzfeind Israels, Mahmud

Ahmadinedschad, der es durch seinem repressiven Umgang

mit der Presse auf Rang 34 schaffte. In Israel ist

geprüft und es stellt sich später heraus, dass sensible Daten

veröffentlicht wurden, muss der Verfasser mit juristischen

Konsequenzen rechnen.

„Journalisten behandeln Israel wie ihr Kind“

Die meisten Medien haben sich mit der Zensur arrangiert.

Glaubt man der israelischen Journalistin Orly

Halpern, kommen sie ihr sogar zuvor. „Sie bringen einfach

keine Themen, die Israel schlecht dastehen lassen

könnten“, sagt sie. Diese Form der Selbstzensur werde

von dem ROG-Bericht nicht einmal erfasst. „Israelische

Journalisten behandeln den Staat mit elterlicher Fürsorge,

wie ein Kind“, sagt sie. Halpern selbst schreibt lieber für

US-amerikanische und kanadische Magazine. Weil sie gerade

hochschwanger ist, arbeitet sie derzeit von ihrer Wohnung

in Jerusalem aus. Nur wenige Kilometer vom Ma’an

Gebäude entfernt. Aber auf der anderen Seite der Mauer.

Im Gegensatz zu den palästinensischen Journalisten kann

sie als israelische Staatsbürgerin die Grenze jederzeit passieren.

Sie berichtet häufig über das Westjordanland und

Gaza. Ihre Website, „Painfull Truths Told“, hat sie extra

mit einem „Warnhinweis“ versehen: „Hier finden Sie keine

Kopie einer Stellungnahme des Außenministeriums“.

Ein Seitenhieb auf die Kollegen der israelischen Medien,

die ihrer Meinung nach nicht ausgewogen berichten. Kein

Artikel, keine Sendung beschäftige sich wirklich mit dem

Leid der Palästinenser. Aus einfachem Grund, sagt sie: Die

Leute wollten davon nichts wissen, die Verlage aber ihre

Sidney Gennies

22 Jahre, Berlin

Foto: Jonas Fischer

Ganz anders sieht das David Witzthum, Chefredakteur

des israelischen öffentlich-rechtlichen Senders

Channel 1. Über seinen Schreibtisch in dem nicht einmal

zehn Quadratmeter großen Jerusalemer Büro gingen alle

wichtigen Nachrichten, sagt er. Nichts werde zurückgehalten.

„Die Öffentlichkeit weiß genau, was im Westjordanland

und in Gaza geschieht“, sagt Witzthum. „Aber

es berührt sie nicht.“ Mit jedem Bericht über Raketen,

die auf israelischem Boden einschlagen, stumpften sie

weiter ab. „Die Menschen sind so sehr mit ihren eigenen

Problemen und Ängsten beschäftigt, dass sie keine

Anteilnahme für die Nöte der Palästinenser haben“, sagt

Witzthum. Die Weltöffentlichkeit könne das natürlich

nicht nachvollziehen. „Kein Korrespondent kann in 90

Sekunden Sendezeit transportieren, wie unsere tägliche

Realität aussieht.“ Die Furcht sei groß und der Terror,

schrieb Witzthum einmal in einem Artikel über die israelische

Medienlandschaft, bedrohe mittlerweile die Fähigkeit

der Gesellschaft, demokratisch zu bleiben. Nasser

Al-Laham würde sagen: Zu werden.

Studiert Islam- und Politikwissenschaften

an der Freien Universität

Berlin.

13 //


thomas fischer in seiner kreuzBerger altBauwohnung.

„hätte ich früher reisen kÖnnen, wäre ich wohl weltgewandter“.

Foto: Martin Knorr

\\ 14


„Manchmal machen Medien

Menschen erst zu Massen“

Zwischen den

Zeilen lesen Der

israelische

Schriftsteller David Grossman zeichnet in seinen Büchern auf

einzigartige Weise ein Bild der Menschen in einer Region voller Konflikte.

Ein Interview von Jenny Buchwald

Herr Grossman, viele der Interviews mit Ihnen drehen sich hauptsächlich um Ihren

politischen Standpunkt. Ihre Arbeit als Schriftsteller gerät dabei häufig in den

Hintergrund...

Freunde von uns haben einen elfjährigen Sohn, der ein großartiger Pianist ist. Einmal

gab er nach einem Konzert ein Interview und wurde ausschließlich zum Nahostkonflikt

befragt. Menschen fragen Dinge, deren Antwort sie schon wissen oder zu wissen

glauben. Literatur aber ist sehr schwierig zu erfassen, deshalb wird seltener nach ihr

gefragt. Es ist nicht so einfach, sich mit Themen wie Beziehungen oder Liebe auseinanderzusetzen

und darüber zu reden. Aber es ist so viel spannender als vieles andere!

Sie leben in einer konfliktreichen, gespaltenen Region. Inwiefern verarbeiten Sie

Erlebnisse aus Ihrem Alltag in Israel in Ihren Romanen?

In jedem meiner Bücher schreibe ich über Israel. Ich will zeigen, wie der Konflikt

sich auf die Menschen hier auswirkt. In meinem aktuellen Buch „Eine Frau flieht vor

einer Nachricht“ geht es natürlich auch um den Konflikt, aber vielmehr noch geht es

um eine Familie. In Familien, selbst in den kleinsten, spielen sich die größten Dramen

ab. Die bedeutendsten historischen Ereignisse geschehen in Küchen, Kinder- und Wohnzimmern.

Manchmal sage ich zu meiner Frau: Wenn ich nur eine beliebige Minute,

irgendeine, unseres Lebens betrachten würde, ich könnte einen ganzen Roman über

diese Minute schreiben.

Verfälscht die Übersetzung in andere Sprachen die Aussagen Ihrer Romane?

Durch Übersetzungen geht unglaublich viel verloren. Selbst auf Hebräisch zu

schreiben, ist eine Art Übersetzung meiner Gedanken. Eine Übersetzung ist niemals

genau wie das Original. Wenn das Buch gut genug ist, kann es jedoch selbst auf einer

anderen Sprache ein magnetisches Feld schaffen – eine Art Parallelwelt.

Sie sind nicht nur Schriftsteller, sondern schreiben auch Artikel für Tageszeitungen.

Was denken Sie, welchen Einfluss haben Journalisten auf ihre Leser?

Journalisten haben die Aufgabe, Realität zu beschreiben und nicht, sie zu erfinden.

Sprache ermöglicht es uns aber, Situationen neu zu deuten. Journalisten neigen

leider dazu, immer die gleichen Formulierungen zu verwenden. Dadurch besteht große

Gefahr, dass es bei Worthülsen bleibt. Der Begriff der Massenmedien macht den Zusammenhang

deutlich – sie richten sich an eine Masse, also an eine große Anzahl an

Menschen. Es ist aber komplizierter: Manchmal machen Medien Menschen erst zu

Massen und verhindern individuelle Sichtweisen.

Haben Journalisten und Schriftsteller eine ähnliche Verantwortung?

Ich denke, Journalisten haben eine größere Verantwortung als Schriftsteller. Sie arbeiten

direkter, sind dazu verpflichtet, Fakten wiederzugeben. Schriftsteller dagegen haben

die Aufgabe, gute Geschichten zu verfassen und das Leben widerzuspiegeln. Nehmen

wir Kafka als Beispiel: Es ist unwichtig, zu wissen, an welchem Tag er genau geschrieben

hat. Er ist mit keiner bestimmten Zeit verbunden, weil es ihm um Menschen ging.

Nach dem Angriff auf die türkischen Gaza-Hilfsflotten Ende Mai haben Sie einen Artikel

in der linksgerichteten israelischen Tageszeitung Haaretz veröffentlicht, in

dem Sie das Verhalten Israels als „unsicher, verwirrt und panisch” bezeichnen. Verwenden

Sie solche drastischen Formulierungen, um die Menschen aufzurütteln?

Ja, das waren starke Worte für eine extreme Situation. Wörter sollten immer passen,

in einer Situation verwurzelt sein. Die Leser unterscheiden zwischen feinen Nuancen,

können zwischen den Zeilen lesen.

Man kann etwas über ein politisches Problem lesen, mit dem man sich schon

tausendmal beschäftigt hat, und dadurch alles in einem anderen Licht sehen. Yehuda

Amichai [israelischer Poet, Anm. d. Redaktion] hat einmal gesagt: „Literatur nimmt

eine Faust und öffnet sie.”

Besteht denn in Ihren Augen die Möglichkeit auf Frieden im Nahen Osten? Oder wird

die Situation immer vertrackter, die Menschen radikaler?

Nur ein kleiner Teil der Gesellschaft engagiert sich – auf beiden Seiten – aktiv für

Frieden. Eine sehr kleine, dafür umso dominantere Gruppe besteht aus Extremisten.

Meiner Ansicht nach ist der Großteil der Menschen apathisch, leugnet die Situation. Sie

wissen, dass dies schlimme Konsequenzen haben wird.

Viele Israelis wollen einfach nichts mehr mit den Palästinensern zu tun haben.

Aber das ist für mich kein Frieden. Wir müssen unseren Hass loswerden, und einen

Weg finden, unsere eigenen negativen Einstellungen und Emotionen umzugehen. Nur

dann besteht eine geringe Chance, dass sich die Situation ändert. Ich rede nicht von

einer “Liebe zwischen Völkern” – ich rede von Zusammenarbeit, Sympathie und Empathie.

Die Einflüsse der verschiedenen Kulturen werden momentan als Gefahr wahrgenommen.

Wenn ein Jude nachts einen Muezzin hört, der zum Gebet ruft, empfindet

er das als Bedrohung. Es ist so bedauerlich, dass wir es nicht schaffen, die Situation ins

Gegenteil zu verwandeln und positiv zu nutzen.

Jenny Buchwald

20 Jahre

macht gerade ein FSJ-Kultur in Berlin und hat beim Übersetzen

des Interviews festgestellt, wie knifflig es ist, eine Parallelwelt zu

erschaffen.

15 //


Das groSSe

ISRAEL-Quiz

Konfliktreich,

undurchsichtig, detailvoll. Wer blickt im Nahen Osten eigentlich noch durch?

In diesem Quiz rund um Israel, die Palästinensischen Territorien und

ihre Bewohner kannst du testen, wie weit dein Wissen reicht. VON MANDY bUSCHINA

02

01

Mit welchen Ländern hat Israel

bis heute keinen Friedensvertrag

geschlossen?

a) Libanon und Syrien

b) Jordanien und Syrien

c) Afghanistan und Ägypten

Welche Stadt in den Palästinensischen

Auto no mieregionen ist

nicht nur die älteste, sondern auch die

geografisch am tiefsten liegende Stadt

der Welt?

Foto: Martin Schneider, Jugendfotos.de

a) Ramallah

b) Jerusalem

c) Jericho

Warum ist die Klagemauer für

03 Juden ein heiliger Ort?

a) Abraham soll dort sein Leid beklagt

haben. Deswegen heißt die Mauer auch

Klagemauer.

b) Bei der Klagemauer handelt es sich nur

um einen kleinen Teil der Westmauer des

zweiten Tempels. Als nächste Mauer an

diesem den Juden heiligen Tempel ist sie

für Juden heute eine der heiligsten Orte.

c) Die Mauer ist das erste Bauwerk, das

jüdische Siedler in Jerusalem errichtet

haben. Dorthin bringen sie seitdem ihre

Bitten und Klagen.

Wie lang ist die Mauer, die Israel

von den Palästinensischen

05

Autonomie regionen trennt?

a) 617 Kilometer

b) 413 Kilometer

c) 1124 Kilometer

Was bedeuten die Schläfenlocken,

die jüdisch-orthodoxe

06

Juden oft tragen?

a) In der Bibel (Jesaja 43, 2) steht,

dass bereits Abraham solche Locken

hatte und sie an seine Kinder weitergegeben

hat. Deswegen werden sie

getragen.

b) Irgendwann waren diese Locken

tatsächlich mal schick – nämlich unter

jüdischen Siedlern als Erkennungsmerkmal

deswegen tragen sie viele

immer noch. Eine religiöse Bedeutung

gibt es nicht.

c) Da in der Bibel (Leviticus 19, 27)

steht, dass man sich die Haare an

den Schläfen nicht schneiden soll,

lassen sich die Gläubigen die Haare

wachsen.

Wessen Namen trägt der

04 internationale Flughafen Israels

in Tel Aviv?

a) Ben Gurion Airport. Ben Gurion

gründete den Staat Israel.

b) Jitzchak Rabin Airport. Er erhielt

zusammen mit Arafat und Peres den

Friedensnobelpreis. Ihm zu Ehren

wurde der Flughafen benannt.

c) Alles Quatsch. Der Flughafen heißt

einfach nur „International Airport of

Israel“.

Warum gibt

08 ne Botschaf

a) Ganz einfach. W

größte Stadt Israels

die Hauptstadt. Die

Aviv.

b) Jerusalem wurde

Hauptstadt ernannt

dung wurde interna

Deshalb sind in Jer

Konsulate, die Bots

sich alle in Tel Aviv.

c) Jerusalem ist die

Allerdings hielten e

Vertreter für zu gefä

Grenze zu Palästina

errichten.

09

Was

a) Eine jüd

ohne Priva

b) Ein jüdi

und Weihr

bat durchg

c) Eine sp


07

Acht Tore führen in die Altstadt

Jerusalems. Warum ist ausgerechnet

das prachtvolle Goldene Tor am

Tempelberg zugemauert?

a) Das Tor war Ende des 19. Jahrhunderts

massiv einsturzgefährdet. Um den Bogen

zu stabilisieren, wurde es zugemauert.

b) Christen und Juden haben bereits

Ende des 8. Jahrhunderts gemeinsam das

Tor vermauert, damit die aus dem Osten

einfallenden Araber nicht auf den Tempelberg

gelangen konnten.

c) Die Türken haben das Tor zugemauert,

damit der Messias der Juden, der nach

deren Glauben durch das goldene Tor

nach Jerusalem zurückkehrt, nicht auf den

Tempelberg gelangen konnte.

es in Jerusalem keiten?

eil Jerusalem zwar die

ist, aber eben nicht

Hauptstadt ist Tel

vom Staat Israel zur

, aber diese Entscheitional

nicht anerkannt.

usalem nur ein paar

chaften aber befinden

Hauptstadt Israels.

s die ausländischen

hrlich, so nah an der

ihre Botschaften zu

ist ein Kibbuz?

ische Kollektivsiedlung

teigentum.

schen Ritual mit Gesang

auch, dass immer am Sabeführt

wird.

ezielle Form des Gebets.

11

Letzte und schwierigste Fragen

– absolutes Insiderwissen:

Was könnte der Grund dafür sein, dass

man an den Grenzübergängen zwischen

Israel und der Westbank, den sogenannten

Checkpoints, immer wieder Frauen

sieht, die mit Zettel und Stift bewaffnet

das Geschehen beobachten?

10

12

a) Es handelt sich um Journalistinnen.

An den Grenzübergängen zwischen den

verfeindeten Nachbarn passiert so viel,

dass man einfach nur hinfahren muss und

garantiert mit einer super Story zurück in

die Redaktion kommt.

b) Wahrscheinlich sind es Aktivistinnen

der Organisation „Machsom Watch“. Sie

beobachten den Umgang israelischer

Soldaten mit den Palästinensern, die die

Grenze passieren möchten und dokumentieren

es für die Öffentlichkeit.

c) Diese Frauen gibt es gar nicht. Man

kann die Grenze nämlich nur fahrend mit

einem Auto oder einem Bus passieren.

Da kann niemand mit Zettel und Stift in

der Gegend herumstehen.

In welchen Verträgen erkannten

sich Israel und die palästinensischen

Gebiete erstmals gegenseitig an

und leiteten einen gemeinsamen Friedensprozess

ein?

a) Osloer Verträge 1993 & 1995.

b) Abkommen von Bergen 1989 & 1990.

c) Stockholmer Verträge 1996 & 1998.

Woher kommt die Redewendung,

dass jemand oder etwas „über

den Jordan gegangen“ ist?

a) Bei dem Versuch, das Heilige Land

über den Jordan zu erreichen, kamen

viele Gläubige aller Religionen in dem

breiten, tiefen Fluss um.

b) Die Christen erreichten das Heilige

Land über den Jordan. Das ist der

Ursprung der Redewendung, die

symbolisch bedeutet, dass man in das

Himmelreich eintritt.

c) Die Grenze des Römischen

Reiches verlief lange Zeit entlang

des Jordan. Dahinter lag nur dünn

besiedelte Wüste, in der das Leben

gefährlich war. Die meisten Menschen

kehrten von dort nie zurück. Deswegen

war der Gang über den Jordan

gleichbedeutend mit dem Sterben

und ging so als Redensart in die europäische

Kultur ein.

Antworten:

01) A, 02) C, 03) B, 04) A, 05) B, 06) C,

07) C, 08) B, 09) A, 10) B, 11) A, 12) B

0-15 Hinterwestler

Au weia – weißt du überhaupt, wo der

Nahe Osten ist? Hast du geschlafen, als

die Grundlagen in der Schule besprochen

wurden? Du solltest dich in jedem

Fall noch ein bisschen informieren, bevor

du eine Reise startest und dich am Ende

mit gefährlichem Halbwissen blamierst

oder gar in kritische Situationen hineinmanövrierst.

Dieses Heft zu lesen ist ein

guter Anfang. Viel Erfolg!

15-45 Israel

experte

Eigentlich ist dein Wissen rund um den

Nahen Osten ganz solide. Allerdings

lässt du dir manchmal trotzdem noch

einen Bären aufbinden. Bleib selbstbewusst

– du bist auf dem richtigen Weg

zum Nahostexperten. Für eine Reise bist

du in jedem Fall schon gut gerüstet. Also

pack‘ dieses Magazin in deinen Koffer

und los geht’s.

> 50 Israel

crack

Wow, du weißt echt Bescheid. Keiner

kann dir in Sachen Naher Osten etwas

vormachen. Dein Wissen ist wirklich

beeindruckend. Bestimmt hast du schon

ein freiwilliges Jahr oder ein Studiensemester

in dieser Gegend verbracht.

Oder hast du etwa geschummelt und

heimlich bei Wikipedia gegoogelt? Aber

auch dann kennst du dich jetzt gut aus.

Gute Arbeit!

Mandy Buschina

24 Jahre, Berlin

studiert Osteuropastudien an

der Freien Universität Berlin

und ist jetzt mindestens ein

mittlerer Nahostexperte.


Fortschrittsmotor

Wasser Mit Entsalzungsanlagen kann Israel

sowohl seinen Bedarf an sauberem Wasser stillen als auch

seine Machtposition in der Region ausbauen. Zwar gibt

es noch Verbesserungsbedarf bei der Wassergewinnung,

aber die Forschung muss sich mit den politischen

Schachzügen arrangieren. Von Emilia von Senger

Auch bei Temperaturen weit über 30 Grad leuchtet

das Gras im Vorgarten grün und auf dem Gartentisch

steht ein Korb voller Obst aus heimischer Produktion. Ob

in einem Vorort von Tel Aviv oder auch in einem Kibbuz

in der Negevwüste, Wasser gibt es in Israel da, wo es

eben gebraucht wird. „Wasser war nie ein Hindernis für

die Entwicklung Israels“, sagt Eilon Adar, der Direktor

des Zuckerberg-Instituts für Wasserforschung bei Be‘er

Sheva. „Im Unterschied zu vielen anderen wasserarmen

Staaten haben wir Wege gefunden, die knappe Ressource

sehr effizient zu nutzen.“ Im Jahre 1964 wurde in Israel

das „National Water Carrier“, ein zentralisiertes Leitungssystem,

eingeweiht. Es transportiert bis heute Frischwasser

vom See Genezareth in beinahe jeden Haushalt des

Landes. Der signifikante Anstieg der Bevölkerung und

das Wirtschaftswachstum jedoch brachten die Frischwasserreserven

in den 1980er Jahren an ihre Grenzen. „Mittlerweile

recyceln wir über 70 Prozent der Abwässer und

nutzen diese besonders in der Landwirtschaft“, sagt Professor

Adar. Israel ist damit der unangefochtene Primus

unter den wasserarmen Staaten, Spanien belegt mit nur

20 Prozent Wasseraufbereitung den zweiten Platz.

Foto: greenlagirl/flickr.com (cc-Lizenz)

Zauberwort Entsalzung

„So wie andere Länder Energie produzieren, produzieren

wir Wasser“, sagt Adar. Das Zauberwort heißt

Entsalzung. Beim Prozess der doppelten Osmose wird

Meer- und Brackwasser mit viel Druck durch besondere

Membrane gepresst und so für den menschlichen Gebrauch

nutzbar gemacht. Die erste funktionierende Entsalzungsanlage

wurde 1972 in Eilat im äußersten Süden

des Landes in Betrieb genommen. Heute läuft sie noch

immer und wird außerdem durch zwei weitere Anlagen

in Hadera und Ashkelon unterstützt. „Die größte Entsalzungsanlage

der Welt wird zwar bald in China stehen,

aber Israel plant eine noch größere zu bauen“, sagt Itai

Gall, der am Institut einen Master in Entsalzungstechnik

macht. Itai und seine Kommilitonen untersuchen,wie

man die derzeitigen Techniken optimieren kann. Windkraft

sei eine Möglichkeit, erklärt Eilon Adar. Aber auch

Atomenergie stehe noch zur Debatte. „Natürlich will ich

aber nicht so eine Anlage hier im Nahen Osten haben.“

Die Gefahr von Terroranschlägen sei einfach zu hoch.

Wasser als Machtfaktor

Dank der Entsalzungstechnik und anderer technischer

Neuerungen kann sich Israel weiterhin eine exportkräftige

Landwirtschaft leisten. Das wird dem Staat

oft von den wasserarmen Nachbarländern sowie der EU

vorgeworfen – statt Obst und Gemüse selbst anzubauen

und so die Wasserreserven der Region unnötig auszuschöpfen,

könne Israel seinen Bedarf doch durch Importe

aus wasserreicheren Regionen decken. Der Forschungsund

Industriezweig Wassertechnik macht inzwischen

einen wichtigen Teil des israelischen Bruttoinlandsprodukts

aus; das israelische Handelsministerium prognostiziert

für 2011 Exporte im Wert von 2,5 Milliarden Euro.

In Israel ist Wasser aber nicht nur ein wirtschaftlicher

Faktor: „Wer die Macht über das Wasser hat, kann

die Regeln in der Region diktieren“, sagt Adar. Im Friedensprozess

mit den Palästinensern sei Wasser ein Joker

in der Hand der Israelis. Natürlich hemme die Wasserknappheit

die wirtschaftliche Entwicklung in den palästinensischen

Gebieten, sagt Eilon Adar. „Das ist aber

legitim, solange niemand Durst leidet.“ Wasser sei ein

Gut wie jedes andere: Es müsse gekauft werden und der

Verkäufer entscheide, wem er es zu welchem Preis aushändige.

Im Westjordanland ist die Wasserversorgung längst

nicht so gut wie in Israel. „In vielen Städten wird das

Abwasser noch nicht einmal aufbereitet“, sagt Moshe

Herzberg, der als Biotechniker am Zuckerberg-Institut arbeitet.

Gemeinsam mit einem Kollegen aus Nablus, einer

Stadt im Westjordanland, forscht er nach Wegen, Wasser

mit geringem Salzgehalt energieeffizient und damit

günstiger zu reinigen. „Wir arbeiten sehr gut zusammen.

In der Forschung sollte Politik keine Rolle spielen.“ Der

palästinensische Professor Mohammed Saleem Ali-Shtayeh

kommt regelmäßig zu Konferenzen nach Sede Boker.

Moshe Herzberg aber war noch nie auf Gegenbesuch in

Nablus. „Als Israeli traue ich mich nicht in die besetzen

Gebiete“, sagt er. Yara Dahdal, die erste palästinensische

Studentin am israelischen Zuckerberg-Institut, erzählt

von der Skepsis, die ihr zu Hause begegnet: „Manche

fragen mich, warum ich bei den Feinden studiere.“ Andere

Palästinenser wiederum möchten wie Dahdal in Israel

studieren, bekommen aber keine Aufenthaltserlaubnis.

Die Forschung wird letztlich auch zum Politikum.

Emilia von Senger,

23 Jahre

studiert Sozialwissenschaften

in Stuttgart und Bordeaux. Sie

findet israelische Kaktusfeigen

schmecken gut.

\\ 18


„Als gehörten wir nicht

zur Gesellschaft“ Für viele

gelten sie als Staatsfeinde: Kriegsdienstverweigerer

haben es schwer in Israel. Um Sich wie Raanan Forshner der

PFLicht zu entziehen, bedarf es Tricks. Von Christina Schmitt

Das Maschinengewehr vor die Brust geschnallt,

im Bus, am Strand, im Supermarkt – an vielen Orten

gehören die jungen Soldaten zum Alltag. In Israel sind

Jugendliche ab 18 Jahren zum Wehrdienst verpflichtet,

Männer für drei, Frauen für zwei Jahre. Ausnahmen vom

Wehrdienst gibt es nur für ultraorthodoxe Juden oder

arabische Israelis. Die meisten jungen Israelis aber müssen

ran. Eigentlich.

„Den Wehrdienst zu verweigern, ist keine Option –

zumindest wird das in der Öffentlichkeit immer so dargestellt.

Es gibt sogar Kampagnen, die Kriegsdienstverweigerer

als Staatsfeinde darstellen“, sagt Raanan Forshner.

Der 24-Jährige hat den Dienst an der Waffe verweigert,

weil er Pazifist ist – und der Staat Israel, genauer eine

Prüfungskommission, hat das akzeptiert, Forshner musste

nicht ins Gefängnis. Dagegen kam ein Freund, der

auch die Besetzung der palästinensischen Gebiete als

Grund angegeben hatte, hinter Gitter. „Ich habe über

dieses Thema kein Wort verloren“, sagt Forshner. „Die

Prüfungskommission hat eine genaue Definition von

Pazifisten.“ Wer die Politik Israels kritisiere, der falle

nicht unter diese Definition. Die Kriegsdienstverweigerung

werde dann nicht akzeptiert.

„Man sollte wissen, was einen erwartet, wenn man

vor dieser Kommission steht. Sie stellen Fragen, an denen

der Verweigerer scheitern soll“, sagt Forshner. Fragen

wie: Was würdest du tun, wenn deine Freundin mitten

auf der Straße verprügelt wird? „Wer antwortet, er würde

sie verteidigen, scheitert vor der Kommission“, sagt der

erfolgreiche Verweigerer. Forshner selbst habe schon mit

einer Gefängnisstrafe gerechnet. „Ich hatte große Angst“,

sagt er. „Die Entscheidung der Kommission ist oft wahllos,

die Kriterien unklar.“ Es gibt noch einen anderen, oft

einfacheren Weg, zu verweigern: gesundheitliche Gründe.

„Wer sagt, er sei depressiv und der Wehrdienst würde

dies verschlimmern, wird oft nicht eingezogen.“

Foto: Fabio Hofnik/flickr.com (cc-Lizenz)

In Israel gilt eine Wehrpflicht von

drei Jahren für Männer und zwei Jahren für Frauen.

Gesellschaftliche Ächtung

In jedem Fall aber bleibt eine Lücke im Lebenslauf,

die bei der Jobsuche zum Problem werden kann. „Ich

war bisher noch bei keinem Vorstellungsgespräch, wo

ich nicht nach meinem Wehrdienst gefragt wurde“, sagt

Forshner. Die Gesellschaft sei so militarisiert, dass Kriegsdienstverweigerer

oft auch mit der Familie oder Freunden

aneinander gerieten. „Nicht nur der Staat tut so, als gehörten

wir nicht zur Gesellschaft. Wer verweigert, wird

häufig geächtet“, sagt er. Deswegen können die Jugendlichen

oft nicht über ihre Zweifel am Wehrdienst sprechen.

Sie können sich aber an Organisationen wenden,

die sich für Kriegsdienstverweigerer einsetzen. Forshner

stellt seine Erfahrungen und Tipps bei Veranstaltungen

von New Profile zur Verfügung, einer Organisation, die

sich für eine Entmilitarisierung Israels einsetzt.

„Wir versuchen, Jugendlichen zu helfen, die sich

überlegen zu verweigern“, sagt Ruth Hiller von New

Profile. „Wir erklären ihnen die Möglichkeiten und bereiten

sie auf das Gespräch mit der Kommission vor.“ Allerdings

wollten sie niemanden überzeugen oder gar missionieren.

Sondern lediglich informieren, ein Bewusstsein

schaffen, dass der Wehrdienst auch eine bewusste Entscheidung

sein müsse. Laut Miller verzeichnete die Organisation

in den letzten Jahren einen Zulauf an Interessenten.

„Deshalb haben die Autoritäten Angst vor uns“,

sagt sie. „Sie merken, dass sich etwas ändert, dass immer

mehr Leute den Wehrdienst in Frage stellen.“

Die „Israel Defense Forces“ (IDF) hingegen behaupten,

dass diejenigen, die aus Gewissensgründen verweigerten,

nur eine äußerst kleine Gruppe sei. „Sie haben

kein Gewicht und man kann sie schon fast an zwei oder

drei Händen abzählen“, sagt ein Sprecher. Trotzdem wol-

Christian Schmitt,

21 Jahre, Freiburg

studiert Geschichte und Islamwissenschaft

und war erstaunt,

wo sie überall junge israelische

Soldaten mit Waffen angetroffen

hat.

le man gegen die wenigen vorgehen. 2008 wurden gegen

New Profile Ermittlungen eingeleitet. „Ihr Vorwurf war,

dass wir Staatsfeinde sind“, sagt Hiller. Die Organisation

stifte Jugendliche dazu an, den Wehrdienst zu verweigern

und vor der Untersuchungskommission zu lügen,

lauteten die Anschuldigungen. „Die Polizei hat uns verhört.

Sie wollten uns einschüchtern und kriminalisieren“,

sagt Miller. Die Ermittlungen hätten zwar einen großen

Presserummel erzeugt. „Aber am Ende haben sie nichts

gegen uns gefunden“, sagt sie. „Wir tun ja auch nichts

Verbotenes, wir haben nichts zu verstecken.“ Also gibt

es die Organisation noch immer – und sie ist bekannter

als je zuvor.

„So sind mehr Jugendliche auf uns und die Möglichkeit,

zu verweigern, aufmerksam geworden“, sagt

Raanan Forshner. Für ihn ist das erst recht ein Grund, mit

seinem Engagement bei New Profile weiter zu machen.

Schlägt er eine israelische Tageszeitung auf, sei es immer

ähnlich: „Seite Eins: Kampfflugzeuge aus den USA.

Seiten Zwei und Drei: wieder Kampfflugzeuge.“ Danach:

Gaza, Terroristen, Portraits über Soldaten. Nach der letzten

Seite sagt er: „In der ganzen Zeitung nur eine einzige

Seite, in der es nicht um Militär, Krieg oder Terrorismus

geht. Das muss sich ändern.“

19 //


Im Namen der anderen

Viele Regierungen und Nichtregierungsorganisationen auf der ganzen

Welt beschäftigen sich mit dem Konflikt zwischen Israelis und

Palästinenser. Ob ihre Einmischung Früchte trägt, ist ungewiss.

Eine Tragödie von Josephine Ziegler

Das Land hinter dem Vorhang ist weit, karg und hügelig. Viele unterschiedliche Gestalten

stehen auf der Bühne. Eine grüne Linie zieht sich durch die Mitte der Szenerie.

Prolog

In diesem Land leben zwei Völker, die darüber streiten, wem es gehört. Die Anführer

anderer Länder, weit weg, wollen sie nicht streiten lassen. An ihren Schreibtischen

entwicklen sie Pläne, wie sie den Streit schlichten können. So werden die Helfer sich

Freunde machen und der ganzen Welt helfen, auch sich, denken sie. Und senden weise

Herren in das Land hinter dem Vorhang, die Pläne immer wieder zu diskutieren und

schließlich auszuführen.

Chor: Eure Unterstützung ist nicht perfekt. Sie ist besser als Krieg. Aber unsere Feinde,

die sind gegen eure Bemühungen um den Frieden!

Im Zentrum der Bühne gehen Herren in grauen Anzügen und runden Bäuchen hin und her.

Herren (ruhig gestikulierend): (Gemurmel) Teilungsplan. Hilfslieferungen. (wieder Gemurmel)

Die Männer gehen kreuz und quer über die Bühne, überschreiten die Linie mal hier, mal

dort, scheinen dies aber nicht zu bemerken.

Herren (noch immer gemächlich): (Gemurmel) Demokratie. (Gemurmel) Demokratie,

Demokratie.

Zu hören sind nur die ruhigen Stimmen der Herren. Zu sehen ihre gleichförmigen, ruhigen

Bewegungen. Außerhalb des Fokus, am dunklen Rand der Bühne, schleichen ab

und an Gestalten.

Herren (ostwärts wie westwärts nett grüßend – wo auch immer die Herren gerade in

ihrem Schlendern der Gestalten am Rande gewahr werden): Salaama, shalom, shalom,

salaama.

Jene Gestalten schleichen wieder davon, ehe sie auf die Herren in der Mitte treffen können.

Aus ihrer Perspektive erhebt sich die Linie zu einer massiven Wand, die sie nicht

sehen lässt, dass auf der anderen Seite ihnen ganz ähnliche Gestalten ihr Dasein fristen.

Chor: Ihr macht Experimente. Aber die Explosionen finden in unseren Gärten statt!

Es treten mehr und mehr gut gekleidete Herren auf. Sie kommen aus dem Hintergrund

und laufen in sich kreuzenden Bahnen über die Bühne, mal hektisch, mal langsam.

Schließlich sammeln sie sich im Zentrum, wo sie einen Kreis bilden. Sie warten noch auf

ein paar ihnen Ähnelnde, die von Westen her sich unter sie mischen.

Herren (Wortfetzen, laut, aber nicht laut genug, dass die Gestalten am Rand der Bühne

sie hören könnten): Ich denke, dass … Aber man muss doch … Meiner Meinung nach...

Also unsere Position...

Ein Herr tritt aus der sich beratenden Runde heraus.

Herr (nach vorne, bedacht): Das Problem des Klimawandels, dass uns alle betrifft, ist

aus Gründen der Zukunftsbedachtheit dringend und ich betone noch einmal, dass wir

alle gefragt sind, es zu lösen.

In seinem Rücken löst sich die Runde langsam auf. Die zurückbleibenden Herren schlendern

weiterhin über Bühnenmitte, sprechen dabei vor sich hin, drehen ab und an den

Kopf nach den anderen.

Chor: In unseren Köpfen ist kein Platz für Mülltrennung. Wir wollen wissen: Wie können

unsere Kinder sicher zur Schule gehen?

Herren (auf einmal kurz innehaltend, die Stirn runzelnd, einige kratzen sich am Kopf):

(Schweigen)

Die Herren gehen weiter, schnell, langsam, hektisch, bedacht, immer abwechselnd.

Herren: (Gemurmel) Experten. (Gemurmel) Demokratie. Frieden. Öl. (Gemurmel)

Ein Schuss zerreißt die Szenerie. Für einen kurzen Moment stehen alle Personen wie

angewurzelt. versucht jeder der Herren, auf der grünen Linie zu balancieren. Keiner

entscheidet sich eindeutig für eine der Seiten jenseits der Linie. Ein Fuß tritt westwärts,

um das Gleichgewicht zu halten. Ein Fuß ostwärts. Zu jedem Moment steht ein jeder auf

einer Seite.

Chor: Helft uns! Kommt her! Zu uns. Tut was. Mit uns. Für uns.

Die Herren wackeln noch immer verlegen und stumm, im Versuch, die Balance zu halten.

Ihre Augen sind weit geöffnet, ihre Lippen zusammengekniffen.

Am Ende der Linie, im Hintergrund des Bühnenbildes, werden hinter einem nebligen

Schleier weitere Personen sichtbar. Sie hocken am Boden, genau über der Linie, und

diskutieren abwechselnd zu beiden Seiten hin.

Auf Zehenspitzen kommen einige der Gestalten vom Rande zu ihnen. Alle in den kleinen

Gruppen stecken die Köpfe zusammen, sehen einander an, legen sich die Arme um die

Schultern.

Der Vorhang schließt.

Epilog

Noch balancieren die Herren auf der Linie und schwanken von einer zur anderen Seite.

Noch werden die Gestalten am Rande von Zeit zu Zeit sichtbar. Noch gelingt es den

Grüppchen im Hintergrund einander zu begegnen.

Josephine Ziegler

22 Jahre, Berlin

studiert Politikwissenschaft und findet, dass nicht nur auf

Bühnen ein ganz schönes Theater stattfindet.

\\ 20


MITMACHEN@JUGENDPRESSE.DE

Foto: Philipp Breu


Du sollst

nicht lieben Zwischen

Tradition

und Toleranz, Religion und Repression – Homosexuelle werden in den

palästinensischen Gebieten unterdrückt, aber auch in Israel

haben sie es nicht immer leicht. Von Jo Susann Graff

Als sie zum ersten Mal im Fernsehen gesehen hat,

wie sich zwei Frauen küssten, musste sie wegschalten.

„Ich hatte Angst davor, Frauen zu mögen“, sagt Ina’am,

31 Jahre alt, arabisch-israelisch – und mittlerweile bekennend

lesbisch. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die

mit ihren kurzen Haaren und moderner Kleidung keineswegs

dem Klischee einer verschleierten Araberin entspricht.

Mit 20 Jahren merkte Ina’am, dass sie sich zum

eigenen Geschlecht hingezogen fühlte. Sie wusste zuerst

nicht, wie sie damit umgehen sollte. „Als mir bewusst

wurde, dass ich nicht ändern kann, wie ich empfinde,

fühlte ich mich, als würde ich eine Maske tragen“, sagt

Ina’am. Denn offen ausleben konnte die junge Araberin

Später schloss sich Ina’am einer Selbsthilfegruppe

an. „Aswat“ heißt diese Gruppe arabischer, lesbischer

Frauen, übersetzt bedeutet das „Stimmen“. Denn es gehe

nicht nur um die Stimme einer Frau, sondern um die vieler,

sagt Ghadir, eine Mitarbeiterin bei Aswat, die ihren

Nachnamen wie alle Mitglieder der Gruppe nicht veröffentlicht

sehen möchte. Sie fügt hinzu: „Die politische

Situation nimmt jedoch darauf Einfluss, ob unsere Stimmen

gehört werden und wie sie in den Korridoren der

Gesellschaft widerhallen.“ Aswat wurde 2003 von acht

Palästinenserinnen gegründet, mit dem Ziel, ein sicheres

Netzwerk für arabische, homosexuelle Frauen und öffentliche

Toleranz zu schaffen. Heute tauschen sich hier

45 Frauen aus den Palästinensischen Autonomiegebieten,

Israel und Gaza aus. „Arabische lesbische Frauen

stehen besonderen Herausforderungen gegenüber“, sagt

Ghadir. „Die arabische Gesellschaft ist sehr konservativ.

Die patriarchalischen Strukturen zwingen viele, ihre

wahre Identität geheim zu halten.“ Frauen seien nicht

frei im Ausdruck ihrer eigenen Sexualität, homosexuelle

Frauen seien gezwungen – auch innerhalb der Familie –

Gleichheit aller Menschen. „Israel gewährt homosexuellen

Paaren unter anderem Adoptionsrecht.“ Außerdem

erkenne der Staat gleichgeschlechtliche Ehen an – allerdings

nur die, die im Ausland geschlossen wurden.

„Israel ist zudem verpflichtet, asylsuchenden Personen,

darunter auch Homosexuellen, Schutz zu bieten“, sagt

Moskovich. Die Realität sehe anders aus, findet Ghadir:

„Homosexuelle Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten

kommen nicht etwa von der Hölle in den Himmel. Israel

bietet nicht für jeden offene Tore. Das klingt nach israelischer

Propaganda.“

„Ich liebe mich so, wie ich bin“

Liebesbekundungen von Homosexuellen in der Öffentlichkeit

gehören nicht zum Alltag in Israel und Palästina, auSSer vielleicht in Tel Aviv.

Foto: Martin Knorr

In der israelischen Gesellschaft würden Homo- oder

Transsexuelle weitgehend toleriert, sagt Moskovich. So

fänden sie sich auch in vielen öffentlichen Positionen

wieder: als hochrangige Offiziere, Bürgermeister, im Parlament

oder auch als gefeierte Gewinnerin beim Eurovision

Song Contest. Auch in der israelischen Kunst findet

das Thema Ausdruck. Einige erfolgreiche nationale

Filme beschäftigen sich mit Homosexualität.

Doch auch in der israelischen Gesellschaft gibt es

weniger tolerante, konservative Ansichten. Diese zeigen

sich etwa bei den Protesten gegen die Gay-Pride-

Parade im Juli 2010 in Jerusalem oder einem Anschlag

vor einem Jahr auf einen Nachtclub in Tel-Aviv – Israels

Hochburg für Schwule und Lesben mit starker westlicher

Prägung.

Innerhalb ihrer Familien sind einige Homosexuelle

ebenso mit Problemen konfrontiert. So würden Eltern

ignorieren oder geheim halten, dass ihre Kinder das

gleiche Geschlecht lieben, um dem eigenen Ruf nicht zu

schaden, sagt Ina’am. Ihre Mutter brauchte vier Jahre,

um mit ihrer Tochter darüber zu sprechen und suchte in

der Zwischenzeit Rat bei ausgewählten Freunden und Familienmitgliedern.

Sie hoffte, die Sexualität ihrer Tochter

ändern und sie verheiraten zu können. „Mittlerweile ist

es einfacher für mich geworden“, sagt Ina‘am. Sie akzeptiere

ihre Homosexualität. „Ich liebe mich so, wie ich

bin.“ Wer etwas gegen ihre sexuelle Neigung hat, dem

setzt sie entgegen: „Wenn du ein Problem damit hast,

dann lass uns darüber reden, aber ich werde mich nicht

ändern.“

ihre Homosexualität zunächst nicht. „In der arabischen

Gesellschaft ist gleichgeschlechtliche Liebe tabu.“ Der

einzig sichere Ort für sie sei damals ein Chatroom gewesen,

in dem sie sich mit Gleichgesinnten austauschen

konnte, ohne ihre Identität preisgeben zu müssen.

Netzwerk für arabische, lesbische Frauen

ein Doppelleben zu führen. Aus den palästinensischen

Gebieten gibt es immer wieder Nachrichten über extreme

Diskriminierung von Homosexuellen. Mit solchen

Geschichten sollte aber vorsichtig umgegangen werden,

sagt Ghadir. „Ich denke nicht, dass die palästinensischen

Autoritäten in den besetzten Gebieten gegen Homosexuelle

vorgehen“, sagt Ghadir. Dort hätten die Menschen

andere Probleme. „Verantwortlich für Übergriffe in den

Autonomiegebieten sind eher Extremisten, die angeblich

im Namen ihrer Religion handeln.“

In Israel ist die Situation eine andere. „Bereits seit

mehr als 20 Jahren ist Homosexualität in Israel legal“,

sagt Nirit Moskovich, Sprecherin der israelischen Bürgerrechtsvereinigung.

Ihr Land sei vergleichsmäßig zu

anderen progressiv. Maßgebend sei dabei das Prinzip der

Jo Susann Graff

22 Jahre, Chemnitz

studierte Kommunikationswissenschaft

und findet, dass

jeder individuell

sein darf.

\\ 22


„Mein Glaube ist

eine groSSe Party“ Sie fahren

alte VW-Busse, springen zu lauter Musik auf die StraSSe und tanzen. ihre Mission:

Den Menschen Freude bringen. Mit Partys. Die „Na Nachs“ gelten als die Party-Juden.

Von Katharina Asbrock

Ich hatte wirklich nichts mit Glauben am Hut. Das

Judentum fand ich schrecklich“, sagte Ariel Teva. Bis zu

jenem Moment, als ein Bus an ihm vorbeifuhr und scharf

bremste. Zwei religiöse Juden stiegen aus dem Wagen.

Sie gaben ihm Flyer und Broschüren über Rabbi Nachman.

„Das war ein Zeichen. Ich wusste, dass Gott mir

die beiden geschickt hat. Er wollte, dass ich Nachman-

Schüler werde.“ Das war vor etwa einem Jahr.

Inzwischen gehört Ariel, 25 Jahre alt, zum festen

Kern der Na Nach Nachma Nachman Meuman-Juden,

kurz Na Nachs. An fünf Tagen in der Woche fährt er

zum Feiern nach Tel Aviv. Sein neuer Job: tanzen, feiern,

glücklich sein und Glück verbreiten. „Du musst glücklich

sein, das ist die Medizin gegen alles“, sagt er. Wenn man

einmal nicht glücklich sei, solle man sich in glückliche

Stimmung versetzen. Trotz der Dauerparty vergisst Ariel

nach eigenen Angaben nie seine religiösen Pflichten.

„Ich bete regelmäßig und halte wie jeder gläubige Jude

die religiösen Gebote ein. Rabbi Nachman hat mir gezeigt,

wie ich Glaube und Lebensfreude verbinden kann.

Religion ist eine große Party.”

Das Credo: Die Menschen glücklich machen

Die Nachman-Gemeinschaft ist um einiges jünger als

andere Zweige des Judentums. 1922 fand Rabbi Odesser

aus Tiberias eine kleine Notiz, die von Rabbi Nachman

stammte, der hundert Jahre zuvor verstorben war . Nachman

sprach seinerzeit davon, dass die Ankunft des Messias

von einem neuen viersilbigen Lied begleitet würde.

In hebräischer Schrift bildet das

Wort „Na-ch-ma-n“ vier Silben.

Odesser vermutete, Nachman sei

der direkte Gesandte des Liedes.

Andere Gläubige bewarfen Odesser

daraufhin mit Steinen und

verstießen ihn als Gotteslästerer.

Erst 60 Jahre später fand er Sympathisanten.

In den 1980er Jahren

gründete er die „Na Nach“-Bewegung.

Sie werden zwar heute nicht

mehr angegriffen, von vielen werden

sie jedoch immer noch nicht

als ernstzunehmende Glaubensgemeinschaft

angesehen. Religiöse

wie säkulare Juden stempeln

sie als Spaßvögel ab. Dennoch

verfolgen die Na Nachs seit jeher

ihr Credo: Erzähle von Nachman

und singe sein Lied – immer und

immer wieder. Das ist jetzt auch

Ariels Aufgabe. Er trägt sie auf die

Straße.

Meist fährt er mit fünf anderen

Männern in einem alten

klapprigen Volkswagen. Die Partycrew

hat ihren Bus selbst angemalt. Auf dem Dach haben

sie eine große Box befestigt, aus der Musik schallt.

Alle tragen eine Kippa mit den Nachmanbuchstaben. Ariel

ist einer der wenigen, der sich nicht religiös kleidet. Es

sei egal, was man anhabe. „Wichtig ist, wie es in deinem

Herzen aussieht”, sagt er. Die anderen aus seiner Gruppe

tragen schwarze Hosen und weiße Hemden. Sie haben

lange Bärte und wirbeln beim Tanzen ihre Schläfenlocken

durch die Luft. Fast wie orthodoxe Juden.

Sie halten an einem zentralen Platz in der Innenstadt

von Tel Aviv. Hier treffen sich viele junge Leute in Cafés

und Bars. Ariel und die anderen

steigen aus dem Bus, schalten

ihre Musik ein und hüpfen durch

die Gegend. Der Bass dröhnt. Das

Musikrepertoire reicht von minimalem

Elektro über flotte orientalische

Traditionsklänge bis

hin zu Technobeats. Dazu singen

sie immer wieder „Na-Nach-

Nachma-Nachman-Meuman”.

Ein Tisch wird aufgebaut und mit

Nachman-Broschüren, Karten und

Aufklebern bestückt. Manchmal

gesellen sich Passanten zu ihnen.

Eine kleine Open-Air-Party beginnt.

„Ah, die Hippie-Juden!“, bemerkt

eine junge Frau auf der Straße. Sie

kennt die Na Nachs schon. „Die

sind immer gut drauf. Würde gerne

mal wissen, was die nehmen.“

Feiern nach Schichtplan

Ariel grinst. Schlechte Laune

gibt es für ihn nicht mehr. Wa-

Foto: Martin Knorr

rum auch? Nach der Armee ist er

viel gereist, war in Indien, Argentinien,

den USA. Drei Jahre lang trottete er um die Welt.

Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser. In Indien

wollte man ihn als Fotomodell, in Amerika als Vertreter

für die israelische Kosmetikserie Ahava. Das war alles

nichts, aber jetzt hat er seinen Platz gefunden. „Die Na

Nachs haben mir gezeigt, wo ich hingehöre.“

StraSSenparty der Na Nachs in Jerusalem.

Die Na Nachman-Bewegung ist eine der wenigen

religiösen Strömungen, die in den vergangenen Jahren

einen explosionsartigen Zulauf erhalten haben. Vor dreißig

Jahren waren es knapp 700 Gläubige, mittlerweile

gibt es weltweit 100 000. In Israel touren sie mit 20 Bussen

gemäß einem strikten Schichtplan zwischen Haifa,

Tel Aviv und Jerusalem. Das Geld für Benzin und neue

Autos ist knapp, schließlich kosten die Spontanpartys

weder Eintritt noch Gage. „Unsere Ausgaben und unser

eigener Lebensstandard sind sehr minimalistisch“, sagt

Ariel. Er lebt wieder bei seinen Eltern – zumindest um

die Mietausgaben braucht er sich nicht sorgen. Die anderen

Na Nachs leben von Spenden und Gelegenheitsjobs.

Eine Familie können sie damit kaum ernähren, oft müssen

ihre Frauen arbeiten gehen.

Ariels Telefon klingelt. Er notiert Ort und Uhrzeit

auf einem Zettel. Gleich müssen die Na Nachs weiterfahren:

Die Männer packen ihre Sachen zusammen, springen

ins Auto und fahren los. Eine Hochzeitsgesellschaft

wartet auf einen besonderen Programmpunkt – „gegen

eine kleine Spende”, lacht Ariel. Dann kann auch die

Party auf der Straße weiter gehen.

Katharina Asbrock

24 Jahre, Berlin

Foto: Jonas Fischer

Studiert Theater- und Literaturwissenschaft

und tanzt

auch in Berlin noch zur Nachman

Musik.

23 //


Vergessen verhindern Uri Chanoch ist

82 Jahre alt und einer von über 200 000 Holocaustüberlebenden, die heute

noch in Israel leben. Über seine Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg in Europa spricht

er erst seit einigen Jahren, häufig auch mit seinem 17-jährigen Enkelsohn Omri.

Ein Generationengespräch, aufgezeichnet von Marie-Lena Hutfils

Omri: Ich habe zum ersten Mal bewusst mit

meinem Opa über seine Erlebnisse während des Holocaust

geredet, als ich dreizehn Jahre alt war. In der siebten

Klasse muss sich jeder Israeli ein halbes Jahr lang mit

seinen eigenen Wurzeln auseinander setzen. Wir sollten

uns ein Familienmitglied aussuchen, ihn oder sie interviewen

und die Lebensgeschichte nachher in der Schule

vorstellen. Ich habe meinen Opa ausgewählt. Vor diesem

Projekt wusste ich sehr wenig darüber, was er während

des Zweiten Weltkriegs in Europa erlebt hat.

Uri: Mir kommen auch immer mal wieder andere

Details in den Kopf, wenn ich über die Geschehnisse

während des Holocaust rede. Eine Geschichte kann sich

beim einen Mal Erzählen ganz anders anhören als beim

anderen, obwohl es die gleiche ist. Alles genau zu erzählen

und sich an alles zu erinnern, ist sehr schwer. In

der ersten Zeit nach Kriegsende hatte ich lange gar keine

Lust, über all das zu reden. Ich wollte mich nicht daran

erinnern, was alles passiert war, was wir in den Lagern

machen mussten, wie wir dort gelebt haben. Lange Zeit

das auch besser so. Hätte ich über all das, was sie uns damals

angetan haben, schon früher so intensiv nachgedacht,

hätte ich entweder die ganze Zeit dasitzen und weinen oder

gleich Selbstmord begehen müssen, so wie es einigen anderen

Holocaust-Überlebenden ja auch ergangen ist. Ich habe

mir Zeit gelassen und erst später angefangen, über meine

Erlebnisse nachzudenken und auch zu erzählen.

Omri: Ich bin wirklich dankbar, dass ich all die Geschichten

von meinem Opa hören konnte. Die Großeltern

vieler meiner Freunde erzählen überhaupt nichts, sie

blenden alles aus. Ihre Enkel wissen kaum etwas über deren

Vergangenheit. Ich verstehe einfach nicht, wie sie das

so abblocken können. Natürlich sind viele so sehr traumatisiert,

dass sie nie wieder darüber reden oder etwas

davon hören wollen. Aber um die Vergangenheit nicht in

Vergessenheit geraten zu lassen, müssen die Geschichten

erzählt werden, finde ich. So wie mein Großvater sie mir

erzählt hat und ich sie meinen Kindern erzählen werde.

In zwanzig Jahren schon wird es fast keine Überlebenden

des Holocaust mehr geben. Wir Nachkommen reden zum

Beispiel in der Schule nicht oft über die Erlebnisse unserer

Großeltern. Vor einem halben Jahr, als wir eine Klassenfahrt

nach Polen gemacht habe und uns dort Konzentrationslager

anschauten, kam das Gespräch dann aber doch

auf. Mit der Schule und mit meinem Großvater war ich

zwar schon einige Male in Yad Vashem, der israelischen

Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. In den Konzentrationslagern

in Polen aber war es noch einmal etwas ganz

anderes. Für mich war es schockierender und eindrucksvoller

als Yad Vashem. In dem Lager in Dachau, wo mein

Opa interniert war, war ich bisher noch nicht.

Omri: „Ich könnte meinen Eltern wahrscheinlich mehr über

die Geschichte meines Opas erzählen als sie selbst darüber wissen.“

Uri: Anfangs war es nicht leicht, meine Erlebnisse

während des Holocaust mit Omri zu teilen. Er ist mein

ältester von fünf Enkeln und damit der erste, mit dem

ich darüber gesprochen habe. Ich wusste zunächst nicht

einmal, ob ich überhaupt schon mit ihm darüber reden

wollte. Wenn es darum geht, Kindern zu erzählen, was

damals wirklich passiert ist, bin ich lieber vorsichtig. Es

kann für so junge Menschen eine große Belastung sein,

das alles zu erfahren. Also habe ich ihm damals nur einen

kleinen Teil von dem erzählt, was er heute weiß.

Omri: Alles auf einmal komplett zu erzählen, die

ganze Geschichte mit all ihren Details, geht ja auch gar

nicht. Jedes Mal, wenn mein Opa von seinen Erfahrungen

erzählt, erfahre ich etwas Neues.

Foto: Jonas Fischer

wollte ich nicht einmal mit meiner Frau und meinen eigenen

Kindern über meine Erlebnisse reden.

Omri: Ich könnte meinen Eltern wahrscheinlich

mehr über die Geschichte meines Opas erzählen als sie

selbst darüber wissen. Wir reden eigentlich auch nie alle

zusammen darüber. Es fällt uns leichter, wenn wir beide,

mein Opa und ich, alleine sind.

Uri: Mit der Zeit hat sich mein Umgang mit meiner

Vergangenheit verändert. Meine Frau sagt, alle zehn Jahre

sei ich in Bezug auf dieses Thema etwas anders geworden.

Anfangs habe ich mit niemandem geredet. Ich musste erst

älter werden um über das, was geschehen war, nachzudenken

und es zu verarbeiten zu können. Wahrscheinlich war

Uri: Wir haben uns aber fest vorgenommen, die KZ-

Gedenkstätte in Dachau gemeinsam zu besuchen. Zum

ersten Mal zurück nach Deutschland kam ich 1989 zusammen

mit einer Gruppe von anderen Holocaust-Überlebenden.

Wir wollten uns die Orte anschauen, an denen

das alles passiert ist. Schnell merkte ich, dass die meisten

Deutschen, die ich traf, zwar über den Massenmord an

den Juden Bescheid wussten. Aber die Details kannten

sie nicht. Also fing ich an, Vorlesungen bei der Bundeswehr

zu halten. Mittlerweile bin ich ungefähr drei bis

vier Mal im Jahr in Deutschland und rede auch mit Schülern

und Studenten über meine Holocaust-Erfahrungen.

Jungen Leuten von den Erlebnissen während des Holocaust

zu erzählen, ist für mich ein Muss. Wir sind die

letzten Überlebenden. Ich sehe es wie Omri: Es ist etwas

ganz anderes, ob man vom Holocaust durch ein Buch

oder direkt durch einen Überlebenden erfährt.

Marie-Lena Hutfils

18 Jahre, Berlin

Macht gerade ihr Abitur und

wird ihre Großeltern nun konsequenter

nach deren Erfahrungen

während des Holocaust

befragen.

\\ 24


„Auschwitz war auch auf

unserem Planeten“ Verbecher gehören vor

Gericht - auch Nazis, wie der Eichmann-Verhörer Michael Goldmann-Gilead

findet. Für ihre Taten könne es keine Rache oder Wiedergutmachung geben – die

Wahrheit über den holocaust müsse dennoch ans licht gebracht werden.

Ein Interview von Timo Brücken

Herr Goldmann-Gilead, wie wichtig war es Ihnen, als

Überlebender von Auschwitz dabei zu sein, als mit

Adolf Eichmann einer der Verantwortlichen zur Rechenschaft

gezogen wurde?

Michael Goldmann-Gilead: Ich habe mich nicht

freiwillig als einer der Hauptverhörer gemeldet, aber

war selbstverständlich einverstanden. Ich wurde ausgewählt,

weil ich Deutsch sprechen konnte und den Holocaust

miterlebt hatte, also wusste, was vorgefallen war.

Deswegen war diese Arbeit für mich leichter als für jemanden,

der gar nichts wusste und aus Eichmann nur

Einzelheiten herausbekommen wollte. Ich bin stolz, an

einem Prozess beteiligt gewesen zu sein.

Manche juden wollten damals direkte Rache, waren

gegen einen fairen Prozess. Warum hatte der Massenmörder

Eichmann trotz allem ein faires Verfahren

verdient?

Niemand dachte daran, mit dem Prozess gegen

Eichmann Rache zu nehmen, er war nur einer von vielen.

Meiner Meinung nach gibt es keine Menschenrache

für das, was uns passiert ist. Nur Gott kann dafür

Rache nehmen. Es ging darum, einem Kriegsverbrecher

den Prozess zu machen, damit er seine gerechte Strafe

bekommt.

Wie war es für Sie, Eichmann gegenüber zu sitzen, zu

wissen, was er getan hat, und dann log er Sie auch

noch an?

Für mich war das nichts Persönliches. Eichmann

war offiziell nur ein Verdächtiger, ich sah in ihm keinen

Teufel. Er war auch ein Mensch. Die Nazis waren auch

Menschen, sie kamen nicht aus der Hölle oder vom Himmel

herunter. Eichmann war ein normales Kind, erst später

wurde er dann zu dem Mörder, der er am Ende war.

Es war kein anderer Planet, auf dem die Nazis gelebt und

gemordet haben. Es war derselbe Planet – auch Auschwitz

war auf unserem Planeten, der Erde.

Welche Bedeutung hatte der Eichmann-Prozess für

das Land Israel?

Er war sehr wichtig, besonders für unsere Jugend.

Die Kinder wussten davor fast gar nichts über den Holocaust.

Man hatte nicht viel darüber gesprochen. Der

Mossad (israelischer Auslandsgeheimdienst, Anmerkung

der Redaktion) hätte Eichmann auch einfach liquidieren

können, aber man wollte diesen Prozess, damit die Öffentlichkeit

erfährt, was passiert ist.

Sie waren einer von zwei Zeugen bei Eichmanns Hinrichtung

im Jahre 1962. Was fühlten Sie, als alles vorbei

war?

Vielleicht unverständlich, aber ich hatte kein Rachegefühl.

Es war eine Genugtuung für mich, dass wenigstens

einer der Hauptverbrecher seine Strafe bekommen

hat, aber ich war nicht zufrieden oder froh. Wer

hätte den Mord an meinen Eltern und meiner kleinen

zehnjährigen Schwester wiedergutmachen können? Oder

an meiner ganzen Familie, fast 40 Menschen? Für jeden,

der getötet wurde, hätte der Täter bezahlen müssen, aber

das ging nicht, weil es Tausende waren und man viele

nicht gefunden hat. Einige leben noch heute, sie sind

nicht jünger geworden, aber sie leben und werden in

Ruhe sterben – oder krepieren.

Eichman-Verhörer Michael Goldman-Gilead: „Ich bin

stolz, an einem Prozess beteiligt gewesen zu sein.

Welche Bedeutung hat der Holocaust heute noch für

die israelische Gesellschaft?

Leider leben wir heute noch mit dem Holocaust,

auch unsere Kinder. Der Holocaust lebt mit uns zusammen.

Unsere Geschichte fordert von uns, alles zu tun,

was wir können, damit so etwas nie wieder passiert.

Beeinflusst das Motto „Nie wieder“ auch die Politik

des Staates Israel?

Das hat gar nichts mit Politik zu tun, sondern mit

physischer Existenz. Wir sind hier die ganze Zeit bedroht,

physisch bedroht. Und wir haben keinen anderen

Ausweg, als uns mit allen Mitteln zu verteidigen.

Genau dafür, dass es sich mit allen Mitteln verteidigt,

wird Israel oft kritisiert, zum Beispiel im Umgang mit

den Palästinensern oder beim Vorfall mit der Gaza-

Flotte ende mai 2010. Würden Sie sagen, dass dieses

Verhalten wegen des Holocaust gerechtfertigt ist?

Die Gaza-Flotte ist eine Sache, unsere Verteidigung

eine andere. Wir wissen ganz genau, dass nicht

alle Araber gegen uns Krieg führen wollen, aber die, die

heute zum Beispiel im Iran an der Macht sind, möchten

uns nicht nur vertreiben, sondern vernichten. Dagegen

zu kämpfen, ist für uns Verteidigung, wir möchten niemanden

angreifen. Wir möchten Frieden schließen, auch

wenn das den Verlust eines Teils unseres Landes bedeutet.

Aber um Frieden schließen zu können, braucht es

Timo Brücken,

23 Jahre, Landau

Foto: Jonas Fischer

immer zwei. Genau wie beim Tango, der funktioniert

auch nur mit zwei Leuten. Leider spüren wir, dass wir

die Einzigen sind, die wirklich Frieden möchten.

Was denken Sie, wie lange dauert es, bis der Frieden

endlich erreicht wird?

Wir verlieren die Hoffnung nicht. Ich möchte, dass

wenigstens meine Enkelkinder in Frieden leben können.

Als ich 1947 als einziger Überlebender aus meiner Familie

hierher kam, hoffte ich, dass ich hier eine ruhige

und friedliche Zukunft für meine Kinder schaffen könnte.

Heute bin ich skeptisch, ob ich das geschafft habe.

Studiert Sozialwissenschaften

und fordert: Mehr Tango-Lehrer

für den Nahen Osten!

25 //


Foto: Martin Knorr (beide)

„Es gibt Tage, an denen ich so

unbeschwert leben möchte wie

junge Menschen in Westeuropa.“

thomas fischer in seiner kreuzBerger altBauwohnung.

„hätte ich früher reisen kÖnnen, wäre ich wohl weltgewandter“.

\\ 26


So viel man erträgt Gehen oder bleiben?

Junge Israelis sind oft hin- und hergerissen, ob sie vor

dem Konflikt flüchten oder sich für seine Lösung engagieren sollen.

Zwei Protokolle von Anika Pfisterer

D

er 29-jährige Yaer Wallach studiert Medizin in

Jerusalem. Als Kind deutscher Einwanderer hat

er einen deutschen Pass. Wenn er den Konflikt eines

Tages nicht mehr erträgt, will er die Koffer packen.

Jerusalem ist die hässlichste Stadt in Israel. Die

Probleme liegen hier nicht nur auf der Straße, sie schlagen

einem ins Gesicht. Überall ist Spannung – zwischen

den Siedlern und Palästinensern, zwischen Religiösen

und Säkularen, zwischen dem Ostteil und dem Rest der

Stadt. Aber genau diese Deutlichkeit habe ich gebraucht,

um zu begreifen, was bei uns alles aus dem Ruder läuft.

Nach meinem Wehrdienst bin ich hierhin gezogen, um

zu studieren. Heute wird mir schlecht, wenn ich daran

denke, im Libanonkrieg mein Leben und das anderer für

ein Land riskiert zu haben, das die meisten Kriege im

Nahen Osten selbst anzettelt. Als Israel gegründet wurde,

strotzte das Land vor guten Absichten. Im Kern stand

der Mensch, dem man eine sichere Heimat versprach.

Heute dreht sich alles nur noch um Konflikte, Konflikte,

Konflikte. Die Regierung ist so mit seinen hausgemachten

Feinden beschäftigt, dass der Alltag auf der Nebenspur

läuft. Wenn ich mich darüber beschwere, Stunden

auf meinen Bus zu warten, stoße ich auf Unverständnis.

„Was willst du?“, heißt es dann, „wir haben hier andere

Sorgen“. Die Regierung will den Leuten einreden, dass

wir kurz vor der Ausrottung stehen. Dabei hat seit 60 Jahren

kein Nachbarland ernsthaft unsere Existenz gefährdet.

Aber selbst wenn ein wahrer Kern in den Ängsten

steckt, haben wir immer noch eine menschliche Verantwortung.

Ich bin nicht der Anwalt der Palästinenser, aber

mir drängen sich Fragen auf. Was hat Israel im Westjordanland

verloren und mit welchem Recht hält es den

Gazastreifen unter Blockade? Die Politiker finden viele

Argumente für israelische Selbstgerechtigkeit: Bibel, Holocaust,

Verschwörungstheorien. Im Nahen Osten gibt es

zweierlei Maßstäbe, einen für Israel und einen für den

Rest der Welt. Dem Iran verbietet Israel die Atombombe,

die es selbst besitzt, wie ich glaube.

Die Israelis gefallen sich in ihrer Rolle der verstoßenen

Außenseiter. Es dringt nicht zu ihnen vor, dass

auch andere Volksgruppen auf dieser Welt das Leid plagt,

die keinen Sonderstatus genießen. Die meisten Israelis

scheren sich auch nicht um die Palästinenser in unserem

Land, dabei leben sie mit ihnen Haus an Haus. Stattdessen

sollen Juden aus der ganzen Welt ein Einwanderungsrecht

haben. Als hätte ich mehr gemein mit Juden

in Amerika oder Russland als mit Arabern in Ostjerusalem,

die unter dem gleichen Alltagswahn leiden. Oder gar

mit religiösen Fanatikern, die sich einbilden, Gott spräche

nachts zu ihnen, und darüber die Realität vergessen. Ein

vernachlässigtes Gesundheitssystem, schlechte Müllentsorgung,

unbezahlbare Studiengebühren, das sind erste

Konsequenzen dieser Ignoranz. Wenn ich meine Brüder

in Kanada besuche, merke ich, wie leicht das Leben sein

kann ohne Medien, die in jedem Sommerloch einen neuen

Kriegsausbruch prophezeien. Dann frage ich mich,

warum ich mich immer noch diesem Konflikt aussetze

und fühle mich wie ein Frosch auf einer Herdplatte, dem

man so langsam einheizt, dass er gar nicht merkt, wie es

um ihn steht. Es fiele mir sicherlich nicht leicht, das Land

zu verlassen, in dem ich groß geworden bin. Trotzdem:

Ich habe einen deutschen Pass und bevor das Wasser im

Topf kocht, werde ich ihn nutzen.

D

Deine Spuren im Sand.

er 25-jährige Nati studiert Politik und Nahost-

Wissenschaften in Be‘er Sheva. Mit Videospots auf

Facebook macht er seine Meinung zum Nahostkonflikt

publik. Auswandern ist für ihn keine Option, viel lieber

möchte er selbst in die Politik.

Es ist großartig im Multi-Kulti-Flair von Jerusalem

zu wohnen. Nirgendwo ist Geschichte und Religion so

lebendig. Diese Stadt pulsiert, sie bietet einem das volle

Leben. Jerusalem hat wie ganz Israel aber natürlich auch

ernste Seiten. Mein Militärdienst hat mir gezeigt, wie es

um unser Land wirklich steht. Ich habe als Soldat im

Westjordanland 16-jährige Selbstmordattentäter kurz vor

der Grenze aufgehalten, die in israelischen Bussen ihre

Sprengsätze zünden wollten – und diese sind nicht unsere

einzigen Feinde.

Israel ist eingekesselt von Diktaturen und Terrororganisationen,

die keinen Hehl daraus machen, dass sie

Israel auslöschen wollen und vor den Augen der Welt

Atombomben basteln. Wenn Israel einen Krieg verliert,

dann wird es keinen jüdischen Staat mehr geben, so

viel steht fest. Denn der Antisemitismus hält sich leider

wacker. Anders kann ich mir nicht erklären, warum es

auf der Bühne der Weltpolitik zwei Maßstäbe gibt: einen

strengen für Israel und einen seichten für den Rest. Palästinenser

haben aus dem Gazastreifen jahrelang Raketen

auf Israel gefeuert, ohne dass sich ein Land daran störte.

Als Israel nach acht Jahren der Geduldsfaden riss, schrie

die Weltgemeinschaft im Chor auf. Wer empört sich

schon über den Völkermord von Arabern an Christen in

Darfur? Kritik an Israel ist in Mode, dabei geht es bei uns

nicht um wirtschaftliche Interessen. Wir kämpfen nicht

um Öl, sondern um unsere verdammte Existenz.

2000 Jahre lang hatten Juden keine Heimat. Und

jetzt sollen wir unsere Errungenschaft, den Staat Israel,

riskieren? Für unser Überleben müssen wir Opfer in

Kauf nehmen. Sicher führen die Menschen im Gazastreifen

ein eingeschränktes Leben durch die Blockade, aber

ohne Kontrolle würden Raketen ins Land geschmuggelt

werden, die dann auf unseren Dächern landen. Im Gazastreifen

wäscht man schon Kleinkindern sorgfältig das

Hirn, trichtert ihnen ein, Juden seien wie Affen. Kein

Wunder wenn in diesem Biotop der Propaganda Terroristen

gedeihen. Wie soll man mit solchen Nachbarn umgehen?

Einfach zusehen und Däumchen drehen? Es kann

nicht sein, dass wir Straßenbahnschienen legen, anstatt

neue Raketen zu kaufen.

Es gibt Tage, an denen ich so unbeschwert leben

möchte wie junge Menschen in Westeuropa. Aber ich

kann Israel nicht im Stich lassen mitsamt unseren Frauen

und Kindern. Das Jüdischsein haftet an mir, ich kann es

nicht einfach wie Kleidung ablegen. Aber es ist auch ein

Schicksal, das einen mit Juden auf der ganzen Welt eint.

Israel muss immer eine Anlaufstelle für Juden bleiben.

Dazu müssen wir den Hass in den palästinensischen

Gebieten ausrotten. Erst wenn das Westjordanland wirtschaftlich

gefestigt ist und die Menschen Arbeit haben,

werden sie sich vom Terrorismus abwenden und ehrenwerte

Ziele verfolgen. Solange das nicht erreicht ist, wäre

es fatal, die Besetzung aufzuheben. Die Vergangenheit

hat gezeigt, dass man im Nahen Osten nicht misstrauisch

genug sein kann.

Aniker Pfisterer

21 Jahre, studiert Jura in

Freiburg

Findet, dass es gute Gründe

braucht, um in einem Land Wurzeln

zu schlagen.

27 //


frisch, fruchtig, selbstgepresst – mitmachen@politikorange.de

Impressum

Diese Ausgabe von politikorange entstand

während einer Recherchefahrt in Israel und

der Palästinensischen Autonomieregion

vom 30.07. bis 15.08.2010.

Herausgeber und Redaktion: politikorange

– Netzwerk Demokratieoffensive, c/o Jugendpresse

Deutschland e.V., Wöhlertstraße 18,

10115 Berlin, www.jugendpresse.de

Als Veranstaltungszeitung, Magazin,

Onlinedienst und Radioprogramm

erreicht das Mediennetzwerk politikorange

seine jungen Hörer und Leser.

Krieg, Fortschritt, Kongresse, Partei- und

Jugendmedientage – politikorange berichtet

jung und frech zu Schwerpunkten

und Veranstaltungen. Junge Autoren

zeigen die große und die kleine Politik

aus einer frischen, fruchtigen, anderen

Perspektive.

politikorange – Das Multimedium

politikorange wurde 2002 als Veranstaltungsmagazin

ins Leben gerufen.

Seit den Politiktagen gehören Kongresse,

Festivals und Jugendmedienevents zum

Print und Online-Programm. 2004 erschienen

die ersten Themenmagazine:

staeffi* und ortschritt*. Während der Jugendmedientage

2005 in Hamburg wurden

erstmals Infos rund um die Veranstaltung

live im Radio ausgestrahlt und

eine 60-minütige Sendung produziert.

Wie komm’ ich da ran?

Gedruckte Ausgaben werden direkt

auf Veranstaltungen, über die Landesverbände

der Jugendpresse Deutschland

und als Beilagen in Tageszeitungen verteilt.

Radiosendungen strahlen wir mit

wechselnden Sendepartnern aus. Auf

www.politikorange.de berichten wir

live von Kongressen und Großveranstaltungen.

Dort stehen bereits über 50 politikorange-Ausgaben

und unsere Radiosendungen

im Archiv zum Download bereit.

Warum eigentlich politikorange?

In einer Gesellschaft, in der oft

über das fehlende Engagement von Jugendlichen

diskutiert wird, begeistern

wir für eigenständiges Denken und Handeln.

politikorange informiert über das

Engagement anderer und motiviert zur

Eigeninitiative. Und politikorange selbst

ist Engagement – denn politikorange ist

frisch, fruchtig und selbstgepresst.

Wer macht politikorange?

Junge Journalisten – sie recherchieren,

berichten und kommentieren.

Wer neugierig und engagiert in Richtung

Journalismus gehen will, dem

stehen hier alle Türen offen. Genauso

willkommen sind begeisterte Knipser

und kreative Köpfe fürs Layout. Den

Rahmen für Organisation und Vertrieb

stellt die Jugendpresse Deutschland.

Ständig wechselnde Redaktionsteams

sorgen dafür, dass politikorange immer

frisch und fruchtig bleibt. Viele erfahrene

Jungjournalisten der Jugendpresse

stehen mit Rat und Tat zur Seite.

Wer heiß aufs schreiben, fotografieren,

mitschneiden ist, findet Infos

zum Mitmachen und zu aktuellen Veranstaltungen

unter www.politikorange.

de oder schreibt einfach an mitmachen@politikorange.de.

Die frischesten

Mitmachmöglichkeiten landen dann direkt

in Deinem Postfach.

Chefredaktion (V.i.S.d.P.):

Barbara Engels (engels.ba@gmail.com),

Kim Bode (kim.bode@gmx.de)

Redaktion: Mandy Buschina, Nicole Wehr,

Jenny Buchwald, Emilia von Senger,

Viviane Petrescu, Jo Susann Graff, Christina

Schmitt, Sidney Gennies, Anna-Lena Alfter,

Anika Pfisterer, Maria-Lena Hutfils,

Josephine Ziegler, Lisa Gutscher, Timo

Brücken, Paul Frisch, Katharina Asbrock

Bildredaktion:

Jonas Fischer (www.jonas-fischer.com),

Martin Knorr (www.martinknorr.de)

Layout:

Florian Hirsch (f.hirsch@jugendpresse.de),

Kai-Uwe Kehl, Jonas Fischer

Koordination: Anna-Lena Alfter,

Andreas Weiland, Sebastian Serafin









Foto: Martin Knorr

\\ 28


israelisches allerlei In Israels

Kochtöpfen brodeln Gerichte aus vielen verschiedenen Ländern.

Das Essen als Grundbedürfnis bringt viele verschiedene Kulturen an

einen Tisch. Von Viviane Petrescu

Die Israelis sind ein zusammengewürfeltes Volk

mit einer zusammengewürfelten Speisekarte. Daran gewöhnt,

sich nicht zu gewöhnen, sondern sich immer

wieder mit neuen Umständen zurechtzufinden, ist auch

feines Porzellan nur Ballast. Um dem großen Abwasch

zu entgehen, benutzt man oft Plastikgeschirr. Besonders

orthodoxe Juden vereinfachen sich so ihren Haushalt, da

ihre Religion vorschreibt, Fleisch-, Fisch- und Milchgerichte

zu trennen. „Die Israelis haben keinen Sinn für

Ästhetik“, sagt Ulrich Sahm, der als Korrespondent für

den Fernsehsender n-tv und die katholische Nachrichtenagentur

kna arbeitet, zur Vorliebe der Israelis für Einweggeschirr.

Seit vierzig Jahren lebt er in Israel, viel Zeit, um

seine Küche und Kultur kennen zu lernen. Heute kocht

er hobbymäßig für ausländische Besuchergruppen, um

mit einem Blick in Israels Küche die Augen für die verschiedenen

Kulturen der Region zu öffnen.

Gewürze aus aller Welt finden sich

allzu oft in einer israelischen Küche wieder.

Wem gehört das Hummus?

Die Israelis sind bei der Zusammenstellung ihrer

Lieblingsspeisen nicht gerade erfinderisch. Gerne nehmen

sie ein bekanntes Gericht und verkaufen es als ihr

eigenes. So geschehen mit Hummus. Eigentlich von den

Palästinensern als Nationalspeise angesehen, haben die

Israelis das Kichererbsenmus zu ihrer typischen Küche

hinzugefügt, industriell produziert und schließlich sogar

exportiert. „Die Israelis nehmen gerne von allem das Beste

und machen etwas Neues daraus, indem sie es leicht

abändern oder umbenennen“, sagt Hobbykoch Sahm.

Trotzdem haben sie einen Hinweis darauf gefunden, dass

die Hummusidee jüdisch ist: In der Bibel werde ein ähnliches

Gericht beschrieben. Die Araber hingegen behaupten,

Saladin habe bei der Vertreibung der Tempelritter

im zwölften Jahrhundert das Hummusrezept erfunden.

Jedem will das Hummus zuerst geschmeckt haben, am

Ende essen es alle.

Das Zwölf-Stunden-Gericht

Doch nicht jedes Gericht wird zum Konfliktpunkt

zwischen den Kulturen. Ein kulinarisches Musterbeispiel

der Integration ist das jemenitische Shabbatfrühstück.

Die jemenitischen Juden, als erste Glaubensgemeinschaft

der Welt bekannt, wurden in den 1950er Jahren

aus ihrer Heimat vertrieben und kamen nach Israel. Ihre

traditionellen Gerichte hatten sie mit im Gepäck. Das

Shabbatfrühstück besteht aus Eiern und Brot, beides

wird zwölf Stunden lang gebacken. Denn am Shabbat,

an dem streng gläubige Juden keine Arbeit verrichten

dürfen, ist es auch verboten, Feuer zu machen. Also

fangen sie schon am Abend davor mit dem Backen an.

Lange Zeit kannten die Israelis dieses Gericht nicht, denn

jüdische Geschäfte bleiben am Shabbat geschlossen,

folglich konnte das Gericht also nicht unter die Leute

gebracht werden. „Erst der moderne Supermarkt vermischte

die Kulturen“, sagt Sahm. Der darf nämlich am

Shabbat öffnen.

Ein weiteres arabisches Frühstück hat auch eine

religiöse Vergangenheit. Zataar, eine bitter-süß-saure

Gewürzmischung, die die Geschmacksknospen verwirrt,

enthält das Gewürz Hyssop. Der Überlieferung

nach wurde Jesus als letztes Mahl ein in Essig getränkter

Schwamm gereicht, der in dieses Gewürz getunkt wurde.

Heute reicht man es mit Pita und feinem Olivenöl. In den

Gewürzständen des arabischen Teils der Jerusalemer Altstadt

verstecken sich also Teile des Christentums.

‚‘Internationaler Gaumenschmaus

Wo gegessen wird, wird auch getrunken. Den hochprozentigen

Alkohol brachten die russischen Juden, die

nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Israel

ausgewandert sind. Heute sind sie die größte Minderheit

im Land. Essen als einendes Element: Über Grundbedürfnisse

lassen sich leicht Verbindungen zwischen Kulturen

schaffen. Gaumenschmaus ist eben international.

Foto: Martin Knorr

Viviane Petrescu

18 Jahre, Bückeburg

macht gerade ihr Abitur und hat

festgestellt, was für ein Luxus

es ist, seine Freiheit nur auf

persönlicher Ebene erstreiten zu

müssen.

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Foto: Jonas Fischer (beide)

Wie eine Ferienanlage: WeiSSer Sandstrand, saubere Wege

und idyllische Ruhe zeichnen das Kibbuz Palmachim aus.

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Vom Einheitsbrei zum

Individualmenü Ohne Kibbuz kein Israel:

Die sozialistischen Siedlungen haben die Staatsgründung 1948 entscheidend

vorangetrieben. AUSSerhalb von Tel Aviv. Von Nicole Wehr

Auf Biancas rosafarbenem T-Shirt ist ein nasser

Fleck. Die beiden Hasenbabies, die sie eben noch auf

ihrem Arm hielt und streichelte, haben sie angepinkelt.

Aber das stört die Achtjährige nicht. Sie lacht und läuft

barfuß vom Hasenstall zum Ziegengehege. Dort verteilt

ihre große Schwester Tali gerade Kohlblätter an ihre Gäste

aus Kalifornien: Jonathan, Naama und David – drei

Geschwister zwischen drei und acht Jahren – verbringen

ihre Ferien bei Familie Samoha im Kibbuz Palmachim,

zwölf Kilometer südlich von Tel Aviv.

Palmachim ist eines der 266 Kibbuzim, einer Art

ländlicher Kommunen, in Israel. Auf den ersten Blick

könnte es auch eine Ferienanlage sein. Saubere Wege, gesäumt

von kleinen Häusern und Grünflächen, schlängeln

sich bis hin zum Mittelmeer. Davor, auf dem Privatstrand,

einem breiten, weißen Sandstreifen, ist viel Platz zum

Sonnen und Sandburgenbauen. Die rund 500 Kibbuzbewohner

leben in einer friedlich-ruhigen Idylle. Und doch

ist längst nicht alles gut.

„Mit der Entscheidung zur Privatisierung vor sechs

Jahren haben wir unser Wertesystem verloren“, sagt

Ziv Sade, der neben Bianca, Tali, ihrem Bruder Lee und

den Eltern Samoha wohnt. Sie alle gehören zu den etwa

zweieinhalb Prozent der israelischen Bevölkerung, die

noch in einem Kibbuz leben. Wie zwei Drittel aller Kibbuzim

ist auch Palmachim nicht mehr genossenschaftlich

organisiert. „Ohne Werte sinkt die Bereitschaft, die

persönlichen Interessen zum Wohle der Gemeinschaft

zurückzustellen“, erklärt Ziv, während er vor dem ehemaligen

Speisesaal steht, der heute ein Kosmetikladen

ist. So hätten sich die Kibbuzniks in den vergangenen

Jahren mehr und mehr in ihre eigenen vier Wände verkrochen.

Sein Geld verdient der 27-jährige Ziv allerdings

außerhalb, bei einem IT-Unternehmen – das gibt es im

Kibbuz nicht. Noch nennt er Palmachim seine Heimat,

hier ist er geboren und aufgewachsen. Dabei hat er den

schleichenden Trend vom Kollektiv zum Individuum miterlebt.

Ideologischer Wandel

Die Schließung des Speisesaals in Palmachim ist

symptomatisch für den ideologischen Wandel innerhalb

der kollektiven Dörfer, der schon in den 1970er Jahren

begann. Die sozialistischen, egalitären Ideale, mit denen

osteuropäische Juden Anfang des 20. Jahrhunderts in

das damalige Palästina einwanderten und auf denen sie

ihre ersten Siedlungen gründeten – sie sind fast vergessen.

Vorbei sind auch die Zeiten, in denen das Gehalt,

egal ob Zahnarzt oder Gärtner, an der Größe ihrer Familie

bemessen wurde. Heute gibt es in vielen Kibbuzim

Lohngefälle, soziale Ungleichheit und Privatbesitz. Nur

eine Handvoll ultraorthodoxer Gemeinschaften hält sich

noch an die spartanische Lebensweise. „Die Kibbuzniks

in Palmachim sind säkularer als die meisten Israelis, die

ich kenne“, sagt Ziv. Auf seinem T-Shirt prangt der Kopf

von Jeff Bridges, dem ständig fluchenden Hauptdarsteller

des Kultfilms „The Big Lebowski“. Drumherum steht

in großen Lettern „In Dude We Trust“.

Auch die bedingungslose Solidarität ist passé. Das

liegt nicht zuletzt daran, dass mit der Staatsgründung

Israels 1948 – der langersehnten Wiedererrichtung Zions

den Siedlern ihr übergeordnetes, gemeinsames

Ziel verloren ging. „Heute ist das Kibbuz für viele nur

noch ein Ort wie jeder andere“, sagt Ziv. Früher hingegen

versammelten sich Juden in den Kibbuzim, um

konkrete Ziele besser verfolgen zu können. Die einst

landwirtschaftlich geprägten Kibbuzim machten den

Wüstenboden fruchtbar und stabilisierten Israels Grenzen.

Zudem halfen sie bei der Gründung des Staates,

denn der UN-Teilungsplan von 1947 erklärte die Gebiete

mit jüdischen Mehrheiten zu israelischem Staatsgebiet,

darunter eben alle Kibbuzim. Entsprechend

glorifiziert wurden die Kibbuz-Bewohner. Nicht nur die

angeblich besten Soldaten, auch die nationale Elite –

von Staatsgründer David Ben Gurion bis hin zum aktuellen

Staatspräsidenten Shimon Peres stammen aus der

Kibbuzbewegung.

Übergang zum kapitalistischen System

Doch mit der Zeit wurden die Kibbuzim vor neue

Herausforderungen gestellt. Die Wirtschaftskrise der

1980er Jahre und die Kürzung der staatlichen Subventionen

zwangen die Kommunen zu neuen Finanzierungsmodellen.

Der Übergang zu einem kapitalistischen System

war die logische Konsequenz. „In Palmachim sind

Mieten inzwischen die größte Einnahmequelle“, sagt Ziv.

Zudem gebe es jetzt Kooperationen mit anderen Kibbuzim.

So stehen die Kühe inzwischen in einem benachbarten

Kibbuz. Die Entwicklung birgt auch viele Vorteile, gibt

Ziv zu: „Natürlich ist mit der Privatisierung auch vieles

bequemer geworden: eigenes Auto, eigener Fernseher, individuelles

Gehalt. Heute entscheidet jeder für sich.“

Seine Kindheit im Kibbuz, als noch alles anders, ursprünglicher

war, möchte Ziv dennoch nicht missen. „Ich

weiß, dass Nostalgie alles in leuchtende Farben taucht“,

sagt er nachdenklich. „Aber es ist einfach nicht mehr

dasselbe. Die Menschen driften auseinander.“ Mit seinen

Verfallene kibbuz-kneipe: mit der privatisierung zogen sich

die kibbuzniks mehr und mehr in die eigenen vier wände zurück.

Freunden aus dem Kibbuz hat er versucht, durch Partys

und Konzerte das Gemeinschaftsgefühl wieder aufleben

zu lassen. Die anfängliche Euphorie und das Engagement

ebbten jedoch bald wieder ab. „Ich glaube nicht, dass

das Kibbuzmodell zukunftsfähig ist. Es ist eine aussterbende

Art.“ Für Ziv ist es Zeit, das Gefühl von Heimat

woanders zu suchen. Bis zum Ende des Sommers will

er umziehen, nach Tel Aviv. „Ich brauche einen neuen

Lebensstil, deswegen will ich in die Großstadt.“

Bis Bianca und Tali vielleicht einmal aus dem Kibbuz

wegziehen, werden noch einige Jahre vergehen.

Zwischen Streichelzoo, Spielwiesen und Strand sieht

Vater Rami sie gerne aufwachsen: „Nirgends hat man

eine so sichere, unbeschwerte Kindheit wie hier“, sagt

der 43-jährige Zimmermann, während er Fleischstücke

auf dem Grill wendet. Zum familiären Barbecue hat er

neben Ziv auch seinen Arbeitskollegen Fadi, einen christlichen

Araber aus Nazareth, eingeladen. Rami hat gerne

und häufig Besuch, er mag die Geselligkeit. „Für meine

Kinder möchte ich vor allem, dass sie sich ihre Träume

erfüllen können.“ Ob im oder außerhalb des Kibbuzes,

ist ihm egal.

Nicole Wehr

26 Jahre, Hannover

Macht gerade ihren Master in

Journalismus und kann sich

vorstellen, Gärtnerin zu werden,

wenn es mit dem Journalismus

langfristig nicht klappt.

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