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Christophorus 318

Christophorus 318

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Cooler Tropfen

Süßes macht glücklich, Saures lustig. Heißt es. Eisweine vereinen beides in sich. Und sie sind

begehrte Schätze – zum Genießen oder zur Wertsteigerung. Vor allem in Deutschland, Österreich

und Kanada gibt es ideale Bedingungen für das ebenso geheimnisvolle wie exklusive Getränk.

Genuss

Text

Andreas Braun

Fotografie

Thomas Hörner ⁄ Boris Schmalenberger

Rau-reif: Ohne kräftigen Frost würde

es diesen Wein nicht geben


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Christophorus 318

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Grad-Messer: Wenn das Thermometer

fällt, steigt die Chance auf einen guten Eiswein

Frost-Beule: Es sind kleine, aber feine Mengen

Trauben, die man für die Spezialität benötigt

Es ist ein Spiel, nicht ohne Risiko. Es ist ein Mythos, von Legenden

und Anekdoten umrankt. Und es bedeutet Glanz und Gloria,

wenn alles gut geht. Aller Anfang ist die Faszination des Ungemütlichen.

In aller Herrgottsfrüh’ klingelt das Telefon, in dieser

Jahreszeit ist es um diese Uhrzeit noch dunkel. Eilig wird die Lese-

Mannschaft zusammengestellt. Immerhin, die Vorhersagen ließen

es schon erahnen, das Thermometer gab letzten Aufschluss: Heute

Morgen wird imWeinberg Eiswein gelesen, womöglich sogar noch

im Lichte von Scheinwerfern oder Taschenlampen.

Warum nur so bald und wieso um Himmels willen in dieser Affenkälte?

Die Antwort liegt im Wort selbst. Und gleich auch im Eimer:

Klack, klack, fallen die hart gefrorenen Trauben, hörbar wie Glasmurmeln,

in die Leseeimer. Das zumeist einzige Geräusch, denn

viele Worte machen die unausgeschlafenen Helfer zu dieser Stunde

noch nicht. Eiswein muss bei mindestens sieben Grad unter Null gelesen

werden, nur dann ist die Flüssigkeit in den Trauben gefroren.

Gesammelt und im Nu gekeltert: Die Beeren werden abgepresst,

das Eis, nichts anderes als gefrorenes Wasser, bleibt schließlich

zurück. Der edle Tropfen, der als Rinnsal in den Bottich fließt, ist

reinster Extrakt, das Konzentrat der Frucht. Einer Frucht, die in

späten Herbst- und frühen Winterwochen geschrumpft ist, sich

zur Rosine verkleinert hat.

Wer schon mal dabei gewesen ist bei einer Eisweinlese und anschließend

die Kunde von den rekordverdächtigen Öchsle-Graden

stolz mit nach Hause nehmen durfte, der weiß um das Besondere

dieses Augenblicks. Ein kleines Fläschchen wäre da kein schlechter

Lohn für die Mühsal. Der Ertrag nämlich ist gering, er bemisst sich

nach wenigen Litern, mal sind es fünfzig, mal hundert. Eisweine

sind Raritäten, oft erzielen sie schwindelerregende Phantasiepreise,

und bisweilen werden sie gar auf Auktionen zu begehrten Objekten.

Bei den auch von internationalem Publikum besuchten Versteigerungen

in Trier oder im Kloster Eberbach bei Wiesbaden

wechselt ein 0,375-Liter-Fläschchen schon mal für einen vierstelligen

Euro-Betrag den Besitzer.

Großer Aufwand und geringe Mengen

machen jeden Eiswein zu einer kleinen Kostbarkeit.

Die edlen Tropfen sind filigrane Raritäten.

Handarbeit ist das eine, ein Händchen zu haben das andere. Selbst

Winzer, die regelmäßig Eisweine produzieren, können nie sicher

sein, ob es mit diesem Jahrgang klappt. Sie mögen sich entscheiden,

bestimmte Trauben bei der Lese im Herbst hängen zu lassen. Sie

mögen die Auswahl der Rebzeilen nach bestem Wissen um Qualität

und Reifegrad der Trauben wie auch nach ihren Erfahrungen

über das jeweilige Kleinklima getroffen haben.Wie sich das Wetter

in den nächstenWochen entwickeln wird, wissen sie nicht. Feuchtigkeit

und Wärme zum Beispiel können ihnen alles verhageln.

Oder aber die Beeren haben einfach ihren Geist aufgegeben, ihre

Aromen ausgehaucht. Aus der Traum vom kristallklaren, filigranen

Eiswein!

Das Risiko lässt sich zwar durch perforierte Folien verkleinern, die

vor starkem Regen und Vögeln schützen. Die Wirklichkeit ist dennoch

nicht hundertprozentig berechenbar. Das genau macht den

Eiswein zu einem außergewöhnlichen Naturprodukt. Ideale klimatische

Voraussetzungen herrschen ohnehin vor allem in Deutschland,

Österreich oder Kanada (Niagara-Region).Die häufigsten

Rebsorten sind Riesling,Gewürztraminer,Weißburgunder, Scheurebe

und Muskateller. In der Reifezeit sollten Sonne und Trockenheit

die Trauben süß machen, also die Mostkonzentration, die in

Öchsle-Graden gemessen wird, nach oben treiben. Das Lesegut

muss – im Unterschied zu den anderen edelsüßen Gewächsen wie A


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Kühl-Wagen: Vor und nach der Lese

hat es der Mensch gern heimelig

Handarbeit ist das eine, ein Händchen für den Eiswein zu haben das andere.

Bei aller Kunst geht es nicht ohne Wohlwollen der Natur.

Beeren- oder Trockenbeerenauslesen – gesund und frei von Fäulnis

sein. Schließlich muss noch ein knackiger, möglichst früher Frost

hinzukommen.

Wenn sich Risiko, Arbeit und umsichtige Vorbereitungen auszahlen,

ist die Freude am Ende umso größer. Die Legenden vom

legendären Jahrgang werden alsbald gestrickt, Anekdoten ersonnen,

Geschichten ausgeschmückt: Wie es dazu kam, was für ein

ungewöhnlicher Sommer vorausgegangen war, welche Erlebnisse

die Lese begleiteten. Die Erinnerungen an die Eisweinlese bleiben

lange wach. Dazu passt, dass Eisweine rekordverdächtig lange halten

– trotz des niedrigen Alkoholgehalts, der fast immer unter zehn

Prozent liegt. „Mitunter halten sie länger als ein Leben“, weiß

Markus Molitor aus Bernkastel-Wehlen, der vom „Eichelmann

Deutschlands Weine 2006“ soeben für die beste edelsüße Kollektion

ausgezeichnet wurde. Den Topwinzer von der Mosel begeistern

immer wieder die Frische, die Mineralität und das Süße-Säure-

Spiel seiner Eisweine, die freilich nicht nur nach Jahrgängen, sondern

auch nach Weinbergslagen recht unterschiedlich ausfallen

können.Vielfältig sind auch die Aromen: Die Nase erschnuppert

Düfte von Zitrone, Banane, Pfirsich, Ananas und Mango, bei Eisweinen

aus Gewürztraminern auch von Rosen und Litschi, die

Zunge schmeckt Honig und Karamell, umspielt von einer feinen

Säure. Der sekundenlange Nachhall zeugt zudem von der Tiefe

und Komplexität dieser Delikatesse.

Eisweine sind heutzutage nicht nur als Raritäten gefragt, die man

für besondere Anlässe oder zur Wertsteigerung in die Schatzkammer

legt. Eisweine sind elegante Essensbegleiter – zur Gänseleber

wie zum fruchtigenDessert, zuSchimmelkäse wie zumWeihnachtsgebäck,

zur modernen Cross-over-Küche wie zu asiatischerWürze.

Spitzenwinzer Jürgen Ellwanger aus dem schwäbischen Winterbach

empfiehlt Eiswein – seiner Leichtigkeit und anregenden Säure

wegen – auch als Aperitif:„Das ist mal was anderes als ein Champagner

oder ein Sekt“, sagt der Weinbauer, der als einer der ganz

wenigen einen roten Eiswein keltert – aus Lemberger-Trauben.

Dass heimische Winzer weltweit mit ihren Edelsüßen zu renommieren

vermögen, hat dem Ruf des deutschen Weins in den vergangenen

Jahren sehr gut getan. Ihre Eisweine gelten im internationalen

Wettbewerb als Aushängeschilder, angesagte Restaurants

in London, Paris oder New York haben sie längst auf ihren Karten

platziert.

Auch die edlen Gewächse von Werner Schönleber finden sich hier

und dort gelistet. Der bodenständig-bescheidene Mann aus Monzingen

an der Nahe, vom Gault Millau gerade zum Winzer des Jahres

2006 gekürt, wischt Mythen und Legenden beiseite, will sich

bei Glanz und Gloria nicht lange aufhalten.„Das Bauchgefühl ist

entscheidend“, findet er.Und fragt rhetorisch:„Warum soll ich nicht

an einem stinknormalen Mittwoch einen Eiswein aufmachen?“ B

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