Schwimmen verboten - Porsche

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Schwimmen verboten - Porsche

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Schwimmen verboten

Text

Dirk Vincken

Technik

Fotografie

Dieter Röscheisen

Kaum eine Fahrsituation ist unter Autofahrern so gefürchtet wie Aquaplaning, das plötzliche

und unerwartete Aufschwimmen des Fahrzeugs. Sekunden der Angst, die nicht sein müssen.

Es gilt ein paar Tipps zu beherzigen, die Porsches Sommerreifenempfehlungen begleiten.

Ein heftiger Regenschauer genügt, um Autofahrer in physikalische

Grenzgebiete zu katapultieren. Aquaplaning, das unfreiwillige

Surfen mit dem Auto, beschert bange Momente und

höchste Unfallgefahr. Irgendwann erwischt es jeden einmal.

Und das Prinzip ist immer dasselbe: Vor den Reifen bildet sich

bei Regen ein Wasserkeil, der unter bestimmten Bedingungen

das Fahrzeug anhebt und aufschwimmen lässt. Eine Verdrängung

wider Willen. Diesem tückischen Phänomen gilt es,

auf den Grund zu gehen und Gegenstrategien zu entwickeln.

Was genau passiert beim Aquaplaning, das wörtlich so viel bedeutet

wie „Auf-dem-Wasser-Gleiten“? Folgendes: Auf regennasser

Fahrbahn nehmen die Reibwerte zwischen Reifen und

Straße und damit die übertragbaren Kräfte beim Lenken,

Bremsen oder Beschleunigen deutlich ab, während die Schlupfwerte

zunehmen. Anders ausgedrückt, das Fahrzeug bremst

jetzt deutlich länger, lässt sich beim Beschleunigen mehr Zeit

und stößt in Kurven früher an seine Grenzen.

Gefährlich wird es, wenn die Reifen auf stehendes Wasser in

Fahrbahnvertiefungen treffen: Mit zunehmender Fahrgeschwindigkeit

und steigender Wasserhöhe schiebt sich nach

und nach ein Wasserkeil unter die Reifenlauffläche, weil das

Reifenprofil die enormen Wassermassen nicht mehr schnell genug

zu den Seiten und nach hinten abführen kann. Bei 80 km/h

mit normaler Reifenbreite müssen pro Sekunde bis zu 25 Liter

verdrängt werden! Die restliche Kontaktfläche des Reifens zur

Straße verringert sich zusehends. Schließlich reißt der Kontakt

zur Straße völlig ab und das Fahrzeug schwimmt auf. Jetzt gibt

es im wahrsten Sinne des Wortes kein Halten mehr. Greifen wir

die erwähnten 80 km/h noch einmal auf: Bei diesem Tempo

legt ein Automobil pro Sekunde über 22 Meter zurück. Dauert

das Erlebnis des Aquaplanings nur vier Sekunden, gleitet das

Fahrzeug damit schon fast 100 Meter völlig unkontrolliert dahin!

Gut, wenn in einer solchen Situation der Abstand zum

Vordermann ausreichend groß ist.

Völlig unvorbereitet trifft es die Autofahrer allerdings meistens

nicht. Die Warnsignale sind sogar eindeutig: Spritzende Geräusche

von unten und eine zunehmend leichtgängigere Lenkung

kündigen die unmittelbar drohende Verdrängungsfahrt an.

Schließlich reagiert die Lenkung überhaupt nicht mehr. Bei

Fronttrieblern drehen die Antriebsräder jetzt blitzartig durch.

Dies kann an beiden Vorderrädern gleichzeitig oder auch zeitlich

versetzt erfolgen. Der Fahrer verspürt vor dem völligen Verlust

der Lenkfähigkeit eventuell noch ein Ziehen in der Lenkung.

Etwas anderes ist der Effekt bei von der Hinterachse angetriebenen

Automobilen: Während die antriebslosen und somit frei

mitrollenden Vorderräder vom sich vor ihnen aufbauenden

Schwallwasser gebremst werden, laufen die Hinterräder in

einer „freigeschaufelten“ und für Bruchteile von Sekunden

nahezu trockenen Spur. Das Fahrzeug kann in diesem höchst

gefährlichen Zustand sogar noch beschleunigen. Schließlich

schwimmen die Vorderräder völlig auf, ja drehen sich nicht einmal

mehr oder nur noch sehr wenig. Lenkbefehle bleiben jetzt

wirkungslos. Das Auto ist nur mehr ein Spielball der Kräfte.

Allradgetriebene Fahrzeuge verhalten sich ähnlich wie frontgetriebene,

wobei aufgrund geschickter Antriebsmomenteverteilung

die Fahrgrenzen bei regennasser Fahrbahn nach oben

verschoben sind – in einen Geschwindigkeitsbereich hinein, in

dem dann bei eintretendem Aquaplaning das Fahrzeug ebenfalls

nicht mehr beherrschbar ist. In allen Fällen gilt, wenn

Aquaplaning eingetreten ist und der Reifenkontakt nicht sofort

wieder hergestellt werden kann: Das Fahrzeug droht A


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Quer-Aquaplaning

Wasserverdrängung und Aufschwimmen mit verschiedenen Profiltiefen

Situation 1:

1.

Volle Profiltiefe

Von links nach rechts:

Die Wasserverdrängung des Reifens mit

vollem Profil bei

60 km ⁄ h, 90 km ⁄ h und 120 km ⁄ h

60 km ⁄ h 90 km ⁄ h 120 km ⁄ h

Situation 2:

2.

Halbe Profiltiefe

60 km ⁄ h 90 km ⁄ h 120 km ⁄ h

Hinten abgefahrene Reifen: Das Heck versucht die

Vorderräder Ein Cayenne zu auf überholen. Verdrängungsfahrt

Von links nach rechts:

Mit halbem Profil kann der Reifen

weniger Wasser verdrängen.

4 mm Restprofiltiefe bei

60 km ⁄ h, 90 km ⁄ h und 120 km ⁄ h

Situationen 1 bis 3:

Situation 3:

3.

60 km ⁄ h 90 km ⁄ h 120 km ⁄ h

Ein Fahrzeug mit Neureifen hinten und vorne: Das Fahrzeug

bleibt in der Spur

Mindest-Profiltiefe

Vorne abgefahrene Reifen: Das Fahrzeug schiebt den Bug

aus der Spur, es ist nicht mehr zu kontrollieren

Hinten abgefahrene Reifen: Das Heck versucht die Vorderräder

zu überholen

Von links nach rechts:

Das Profil hat keine Chance gegen das

Wasser. Der Reifen schwimmt auf.

1,6 mm Restprofiltiefe bei

60 km ⁄ h, 90 km ⁄ h und 120 km ⁄ h

außer Kontrolle zu geraten, der Zufall bestimmt jetzt über einen

Unfall oder nicht. Denn es ist klar, dass selbst jenseits der von

einem Porsche weit gesteckten Fahrgrenzen das fahrdynamische

Niemandsland beginnt.

Dieser Zustand ereignet sich meistens auf der Autobahn; und

nur weil dort fast immer geradeaus gefahren wird, geht die Situation

in der Regel glimpflich aus – vorausgesetzt, der Fahrer

gerät nicht in Panik und reagiert nicht übermäßig. Porsches

Fahrprofis empfehlen hier: nicht lenken, Lenkrad fest halten,

Kupplung treten und warten, bis die Reifen wieder Kontakt

hergestellt haben. Durchatmen. Dabei ist man dem Aquaplaning

keineswegs hilflos ausgeliefert, das Wissen um seine

Entstehung und das Beherzigen einiger Tipps helfen, das Aufschwimmen

zu vermeiden.

Zu niedriger Reifenfülldruck, aber vor allem zu geringe Profiltiefe

begünstigen das Aquaplaning drastisch. Die vom Gesetzgeber

zugelassene, doch bei Regen völlig unzureichende

Mindestprofiltiefe von 1,6 Millimeter reicht absolut nicht aus.

Porsche rät seinen Kunden, spätestens bei Erreichen von vier

Millimetern Restprofiltiefe die Reifen zu wechseln. Das hat

mit den breiteren Reifendimensionen zu tun.

Porsche-Fahrzeuge sind mit üppigen Reifenformaten ausgestattet,

um ihre exzellenten Spurt-, Brems- und Kurvenfähigkeiten

umzusetzen. Anders als bei Fahrzeugen, die mit eher

schmalen Reifen ausgestattet sind, wird das Wasser nicht partiell

zur Seite gedrängt, sondern regelrecht aufgenommen, kanalisiert,

umgeleitet und abgeführt. Das ausgeklügelte Profil jener

Reifen, die von Porsche eine Empfehlung bekommen haben

(zu erkennen an der Spezifikation „N“ auf der Reifenflanke,

siehe Tabelle), muss hydrodynamische Wunderleistungen vollbringen.

In dieser computerberechneten Feinstruktur dürfen sich keine

Staupunkte bilden, muss das Wasser schnell wieder den Ausgang

finden, damit es möglichst gar nicht oder erst spät zum

gefürchteten Aufschwimmeffekt kommt. Asymmetrische und

laufrichtungsgebundene Reifenlinien setzen neueste strömungstechnische

Erkenntnisse wirkungsvoll in käufliche Fahrsicherheit

um. Eine optimierte Bodendruckverteilung lässt den Reifen

noch besser auf der Straße haften und Kräfte übertragen. Die

Reifenhersteller haben hier in den letzten Jahren, neben den

enormen Fortschritten in der Mischungstechnologie, Erstaunliches

vollbracht. Die Grenzen wurden verschoben, ohne Zweifel.

Aber es bleiben Grenzen.

Noch gemeiner (und wir wollen Ihnen nicht verschweigen, dass

diese Steigerung möglich ist) gestaltet sich im Vergleich zum

zuvor beschriebenen Längs-Aquaplaning das so genannte Quer-

Aquaplaning. Wie der Name schon sagt, tritt es in Kurven auf,

besonders dort, wo es heimtückisch und schwer beherrschbar

ist – in Autobahnausfahrten zum Beispiel, wo abfließendes

Wasser in breiten Wogen sich quer über die Fahrbahn ergießt.

Die Chance, dass wie beim Längs-Aquaplaning die Situation

glimpflich verläuft, ist hier nicht gegeben. Eine angepasste Geschwindigkeit

ist somit bei starken Regenfällen an solchen

Gefahrstellen ein absolutes Muss.

Nun erreichen zwar manche Neureifen mit ihren rund acht

Millimetern Profiltiefe bei Reifentests der Fachzeitschriften zunächst

sehr beruhigende Ergebnisse. Doch die Praxis jenseits der

genormten Testwelt sieht etwas anders aus: In den von Lkw

ausgefahrenen Spurrillen (die es auf den Versuchsgeländen nicht

gibt) haben sich vielleicht noch viel tiefere und zudem lange

Pfützen gebildet. Glattere, oft wechselnde und welligere Fahrbahnbeläge

als auf der Teststrecke und der vielleicht doch

nicht optimale Reifenzustand senken die Grenze weiter ab,

und so schwimmt das Fahrzeug im ungünstigen Fall bereits

bei 70 km/h auf.

Aus all diesen Zusammenhängen wird schnell ersichtlich, dass

noch vertretbare „Grenzgeschwindigkeiten“, unterhalb derer

kein Aquaplaning auftritt, nicht beziffert werden können. Ob

das Fahrzeug nun erst bei 150 oder bereits bei 70 km/h aufschwimmt,

hängt von zu vielen, oben erwähnten Einflüssen ab.

Daher gilt es, der eigenen fahrerischen Erfahrung zu vertrauen

und keine Grenzen zu überschreiten.

Die goldene Regel für sichere Regenfahrten: ausreichendes

Reifenprofil, korrekter Luftdruck, angepasste Geschwindigkeit,

genügend Abstand zum Vordermann und erhöhte Aufmerksamkeit

bei schlechter Sicht und während längerer Regenperioden.

Wasser marsch!

B

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